Das Leitmotiv dieses Kreuzwegs erscheint zu Beginn, im Vorbereitungsgebet, und
dann von neuem in der 14. Station. Es ist das Wort Jesu vom Palmsonntag, mit dem
er – unmittelbar nach seinem Einzug in Jerusalem – auf die Bitte einiger
Griechen antwortet, die Jesus sehen wollten: „Wenn das Weizenkorn nicht in die
Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche
Frucht“ (Joh 12, 24). Der Herr deutet damit seinen ganzen irdischen Weg als Weg
des Weizenkorns, der nur durch den Tod hindurch zur Frucht führt. Er deutet sein
irdisches Leben, sein Sterben und Auferstehen auf die heiligste Eucharistie hin,
in der sein ganzes Geheimnis zusammengefaßt erscheint. Weil er seinen Tod als
einen Akt der Hingabe, der Liebe vollzogen hat, darum ist sein Leib in das neue
Leben der Auferstehung hinein verwandelt worden. Darum ist er, das
fleischgewordene Wort, nun unsere Nahrung zum wirklichen, zum ewigen Leben hin.
Das ewige Wort – die schöpferische Kraft des Lebens – ist vom Himmel
herabgestiegen und so wirklich „Manna“ geworden, Brot, das sich den Menschen in
Glaube und Sakrament mitteilt. So wird Kreuzweg zu einem Weg ins eucharistische
Geheimnis hinein: Die Volksfrömmigkeit und die sakramentale Frömmigkeit der
Kirche verbinden sich und gehen ineinander. Das Beten des Kreuzwegs ist so
verstanden als ein Weg in die innere, geistliche Kommunion mit Jesus hinein,
ohne die die sakramentale Kommunion leer bliebe. Der Kreuzweg erscheint als „mystagogischer“
Weg.
Diese Sicht steht einem bloß sentimentalen Verstehen des Kreuzwegs entgegen,
deren Gefahr der Herr in der 8. Station den weinenden Frauen von Jerusalem
entgegenhält. Bloßes Gefühl reicht nicht; der Kreuzweg soll eine Schule des
Glaubens sein – jenes Glaubens, der seinem Wesen nach „in der Liebe wirksam“
wird (Gal 5, 6). Aber das bedeutet doch keinen Ausschluß der Gefühle. Die Väter
haben als ein Grundlaster der Heiden ihre Fühllosigkeit angesehen; sie führen
damit die Vision Ezechiels weiter, der dem Volk Israel die Verheißung Gottes
weitergibt, daß er das Herz von Stein aus ihrer Brust nehmen und ihnen ein Herz
von Fleisch geben werde (Ez 11, 19). Der Kreuzweg zeigt uns den Gott, der selbst
mit den Menschen mitleidet, dessen Liebe nicht in einer fernen Höhe unberührt
bleibt, sondern heruntersteigt zu uns, bis in den Tod am Kreuz hinein (vgl. Phil
2, 8). Der mitleidende Gott, der Mensch wurde, um unser Kreuz zu tragen, will
unser steinernes Herz verwandeln und uns zum Mit-leiden rufen, uns das „Herz von
Fleisch“ geben, das nicht an der Not des anderen vorübergehen kann, sondern sich
verwunden läßt und zur heilenden und helfenden Liebe führt. Damit kehren wir
wieder zurück zu Jesu Wort vom Weizenkorn, das er selber in die Grundformel
christlicher Existenz übersetzt, die so lautet: „Wer an seinem Leben hängt,
verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt geringachtet, wird es bewahren
ins ewige Leben“ (Joh 12, 25; vgl. Mt 16, 25; Mk 8, 35; Lk 9, 24; 17, 33: „Wer
sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird
es gewinnen“). Damit sagt er uns zugleich, was der Satz bedeutet, der in den
synoptischen Evangelien diesem Zentralwort seiner Botschaft vorangeht: „Wer mein
Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge
mir nach“ (Mt 16, 24). In all diesen Worten zusammen deutet er uns selber, was „Kreuzweg“
ist – wie wir ihn beten und gehen sollen: Der Kreuzweg ist der Weg des
Sichverlierens, das heißt der Weg der wahren Liebe. Diesen Weg ist er uns
vorangegangen, diesen Weg will uns der gebetete Kreuzweg lehren. Und damit sind
wir wieder beim gestorbenen Weizenkorn – bei der heiligsten Eucharistie
angelangt, in der immerfort die Frucht von Jesu Sterben und Auferstehen unter
uns gegenwärtig wird. In ihr geht er mit uns wie einst mit den Jüngern von
Emmaus und wird uns immerfort von neuem gleichzeitig.
VORBEREITUNGSGEBET
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
R. Amen.
Herr Jesus Christus, du hast für uns das Geschick des Weizenkorns auf dich
genommen, das in die Erde fällt und stirbt, um so reiche Frucht zu tragen (Joh
12, 24). Du lädst uns ein, dir nachzufolgen auf diesem Weg, wenn du uns sagst:
„Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt
geringachtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben“ (12, 25). Wir aber hängen an
unserem Leben. Wir wollen es nicht weggeben, sondern ganz für uns selber haben.
Wir wollen es besitzen, nicht hingeben. Du aber gehst uns voraus und zeigst uns,
daß wir das Leben nur gewinnen, indem wir es geben. Im Mitgehen auf deinem
Kreuzweg willst du uns auf den Weg des Weizenkorns mitnehmen, der der Weg zur
Fruchtbarkeit ist, die in die Ewigkeit hineinreicht. Das Kreuz – das Geben
unserer Selbst – lastet schwer auf uns. Aber du hast auf deinem Kreuzweg auch
mein Kreuz getragen – nein, du hast es nicht irgendwann in der Vergangenheit
getragen, denn deine Liebe ist meinem Leben gleichzeitig. Du trägst es heute mit
mir und für mich, und wunderbarer Weise willst du, daß nun ich wie einst Simon
von Zyrene auch meinerseits dein Kreuz mittrage und im Mitgehen mit dir in den
Dienst der Erlösung der Welt trete. Hilf mir, daß mein Kreuzweg nicht bloß das
fromme Gefühl eines Augenblicks sei. Hilf uns, nicht nur mit hohen Gedanken mit
dir mitzugehen, sondern uns mit dem Herzen, ja mit den ganz praktischen
Schritten unseres Alltags deinen Weg zu gehen. Hilf, daß wir im Kreuzweg uns mit
unserem ganzen Sein auf den Weg machen und so immerfort auf deinem Weg bleiben.
Nimm uns die Furcht vor dem Kreuz, die Furcht vor dem Spott der anderen, die
Furcht, wir könnten das eigene Leben verpassen, wenn wir nicht alles an uns
reißen, was Leben verspricht. Hilf uns, die Verführungen zu durchschauen, die
uns Leben verheißen, deren Geschenke uns am Ende aber nur leer und enttäuscht
zurücklassen. Hilf uns, Leben nicht zu nehmen, sondern zu geben. Hilf uns, im
Mitgehen auf dem Weg des Weizenkorns, im „Verlieren des Lebens“ den Weg der
Liebe zu finden – den Weg, der uns wahrhaft Leben, Leben in Fülle schenkt (Joh
10, 10).