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AMT FÜR DIE LITURGISCHEN FEIERN DES PAPSTES  

KREUZWEG
AM KOLOSSEUM

UNTER DEM VORSITZ DES HEILIGEN VATERS

BENEDIKT XVI.

KARFREITAG 2007


 

MEDITATIONEN VON
Prälat GIANFRANCO RAVASI

Präfekt der Bibliothek und Pinakothek Ambrosiana von Mailand

EINFÜHRUNG

Es war ein Frühlingsvormittag in einem Jahr zwischen 30 und 33 unserer Zeitrechnung. Durch eine Straße von Jerusalem – die in den nachfolgenden Jahrhunderten den bezeichnenden Namen »Via Dolorosa« tragen sollte – zieht sich ein kleiner Menschenzug: Ein zum Tode Verurteilter, begleitet von einem Trupp römischer Soldaten, bewegt sich vorwärts. Er trägt das patibulum, den Querbalken jenes Kreuzes, dessen Stamm bereits dort oben aufgestellt war, zwischen den Steinen einer kleinen felsigen Anhöhe, die auf aramäisch Golgota heißt und auf lateinisch Calvaria, das heißt »Schädel«.

Dies war der letzte Abschnitt einer Geschichte, die jeder kennt und in deren Mittelpunkt Jesus Christus steht, der gekreuzigte und gedemütigte Mensch und der auferstandene und verherrlichte Herr. Es war eine Geschichte, die in der tiefen Dunkelheit der vorangegangenen Nacht ihren Anfang genommen hatte, unter dem Laubwerk der Ölbäume eines Grundstücks, das Getsemani, also »Ölpresse«, genannt wird. Diese Geschichte hatte dann in den Zentren der religiösen und politischen Macht einen raschen Fortgang gefunden und hatte zu einem Todesurteil geführt. Und dennoch sollte das Grab, das ein begüterter Mann namens Josef von Arimathäa großherzig zur Verfügung gestellt hatte, nicht das Ende der Geschichte jenes Verurteilten sein, anders als für viele andere gemarterte Leiber von Menschen, die grausam hingerichtet worden waren durch die Kreuzigung, die die Römer für die Aburteilung von Aufständischen und Sklaven vorsahen.

Es sollte nämlich noch einen weiteren Abschnitt geben – überraschend und unvermutet. Jener Verurteilte, Jesus von Nazaret, sollte auf großartige Weise eine andere ihm eigene Natur offenbaren, die unter den konkreten Gesichtszügen und unter der Gestalt seines menschlichen Leibes verborgen war: seine Natur, der Sohn Gottes zu sein. Nicht in das Kreuz und in das Grab mündete diese Geschichte letztendlich ein, sondern in das Licht seiner Auferstehung und seiner Herrlichkeit. Wie der Apostel Paulus wenige Jahre später sagen sollte, war er, der sich seiner Macht entäußert hatte, indem er machtlos und schwach wurde wie die Menschen und sich erniedrigte bis zum grausamen Tod am Kreuz, vom göttlichen Vater erhöht und zum Herrn der Erde und des Himmels, der Geschichte und der Ewigkeit gemacht worden (vgl. Philipper 2,6-11).

Jahrhundertelang sind die Christen die Stationen dieses Kreuzwegs immer wieder gegangen. Der Weg führt dabei auf den Kreuzigungshügel, der Blick ist jedoch auf das Endziel, das österliche Licht, ausgerichtet. Sie taten dies als Pilger auf eben jener Straße von Jerusalem, aber auch in ihren eigenen Städten, in ihren Kirchen, in ihren Häusern. Jahrhundertelang haben Schriftsteller und Künstler, große und unbekannte, versucht, vor den staunenden und betroffenen Blicken der Gläubigen jene Etappen oder »Stationen« noch einmal aufleben zu lassen, wahre Augenblicke des betrachtenden Innehaltens auf dem Weg nach Golgota. So entstanden Bilder – mal mächtige und mal einfache, kunstvolle und volkstümliche, dramatische und naive.

Auch in Rom findet an jedem Karfreitag unter dem Vorsitz des Bischofs dieser Stadt, Papst Benedikt XVI., und mit der ganzen Christenheit der Welt, die mit ihrem universalen Hirten vereint ist, jener geistliche Weg auf den Spuren Jesu Christi statt. In diesem Jahr stammen die – narrativ-betrachtenden – Reflexionen, die die einzelnen Gebetsmomente unterteilen und dabei dem Passionsbericht des Evangelisten Lukas folgen, von einem Biblisten, Prälat Gianfranco Ravasi, dem Präfekten der Bibliothek und Pinakothek Ambrosiana von Mailand. Diese kulturelle Einrichtung wurde vor 400 Jahren von Kardinal Friedrich Borromäus, dem Erzbischof jener Stadt und Cousin des hl. Karl Borromäus, gegründet, und einer ihrer Präfekten war vor hundert Jahren Achille Ratti, der spätere Papst Pius XI.

Gehen wir also gemeinsam diesen Weg des Gebetes, nicht einfach im historischen Gedenken an ein Ereignis der Vergangenheit und an einen Verstorbenen, sondern um die rauhe und harte Realität einer Geschichte zu erleben, die sich jedoch öffnet zur Hoffnung, zur Freude, zur Erlösung hin. Neben uns auf dem Weg werden vielleicht auch diejenigen gehen, die noch auf der Suche sind und die sich unruhig fragend vorwärtsbewegen. Und während wir von Station zu Station vorangehen auf diesem Weg des Schmerzes und des Lichts, werden die nachdrücklichen Worte des Apostels Paulus widerhallen: »Verschlungen ist der Tod vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? … Gott aber sei Dank, der uns den Sieg geschenkt hat durch Jesus Christus, unseren Herrn« (1 Korinther 15,54-55.57).

VORBEREITUNGSGEBET

Der Heilige Vater:
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

R. Amen.

 

Brüder und Schwestern,
die nächtliche Dunkelheit hat sich über Rom gesenkt
so wie an jenem Abend über die Häuser und Gärten Jerusalems.
Auch wir werden uns jetzt zu den Ölbäumen von Getsemani begeben
und werden beginnen, den Schritten Jesu von Nazaret zu folgen
in den letzten Stunden seines irdischen Lebens.
Es wird eine Reise durch den Schmerz, durch die Einsamkeit, durch die Grausamkeit,
durch das Böse und durch den Tod sein.
Aber es wird auch ein Weg im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe sein,
weil das Grab auf dem letzten Abschnitt unseres Weges
nicht für immer verschlossen bleiben wird.
Wenn die Dunkelheit vorüber ist,
wird am Ostermorgen das Licht der Freude erstehen,
wird das Schweigen durch das Wort des Lebens verdrängt werden,
wird auf den Tod die Herrlichkeit der Auferstehung folgen.
Beten wir nun,
indem wir unsere Worte vereinen
mit denen einer altehrwürdigen Stimme des christlichen Ostens.

Herr Jesus,
gewähre uns die Tränen, die wir jetzt nicht haben,
um unsere Sünden abzuwaschen.
Schenke uns den Mut, um dein Erbarmen zu bitten.
Am Tag deines jüngsten Gerichts
reiße die Seiten aus, auf denen unsere Sünden verzeichnet sind,
und gib, daß sie nicht mehr daseien[1].

Herr Jesus,
du sagst auch zu uns an diesem Abend
die Worte, die du einst zu Petrus gesagt hast:
»Folge mir nach«.
Wir wollen deiner Einladung gehorsam sein
und wollen dir nachfolgen, Schritt für Schritt,
auf dem Weg deines Leidens,
damit auch wir lernen,
das im Sinn zu haben, was Gott will,
und nicht das, was die Menschen wollen.
Amen.


 
[1]NIL SORSKIJ (1433-1508), aus dem Bußgebet.

 

© Copyright 2007 - Libreria Editrice Vaticana     

 

 

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