The Holy See Search
back
riga

 
MS. Vat. Lat. 2639 - Miniato da Nicola da Bologna (1370)
Biblioteca Apostolica Vaticana

VIERTE STATION
Jesus wird von Petrus verleugnet

   

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.


Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 22, 54-62

Darauf nahmen sie ihn fest, führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. Petrus folgte von weitem. Mitten im Hof hatte man ein Feuer angezündet, und Petrus setzte sich zu den Leuten, die dort beieinandersaßen. Eine Magd sah ihn am Feuer sitzen, schaute ihn genau an und sagte: »Der war auch mit ihm zusammen«. Petrus aber leugnete es und sagte: »Frau, ich kenne ihn nicht«. Kurz danach sah ihn ein anderer und bemerkte: »Du gehörst auch zu ihnen«. Petrus aber sagte: »Nein, Mensch, ich nicht!«. Etwa eine Stunde später behauptete wieder einer: »Wahrhaftig, der war auch mit ihm zusammen; er ist doch auch ein Galiläer«. Petrus aber erwiderte: »Mensch, ich weiß nicht, wovon du sprichst«. Im gleichen Augenblick, noch während er redete, krähte ein Hahn. Da wandte sich der Herr um und blickte Petrus an. Und Petrus erinnerte sich an das, was der Herr zu ihm gesagt hatte: »Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.« Und er ging hinaus und weinte bitterlich.

BETRACHTUNG

Wir kehren wieder in die Nacht zurück, die wir hinter uns gelassen hatten, als wir in den Saal des ersten Prozesses eingetreten waren, dem Jesus sich unterziehen mußte. Die Dunkelheit und die Kälte werden zerrissen von den Flammen eines Kohlenfeuers, das sich im Hof des Palastes des Hohen Rats befindet. Die Bediensteten und die Wachleute halten die Hände in die Wärme; ihre Gesichter sind erleuchtet. Und da werden nacheinander drei Stimmen laut, drei Hände zeigen auf ein Gesicht, das wiedererkannt worden ist, das Gesicht des Petrus.

Die erste ist eine weibliche Stimme. Eine Hausmagd schaut dem Jünger fest in die Augen und ruft: »Auch du warst mit Jesus zusammen!«. Dann folgt eine männliche Stimme: »Du gehörst zu ihnen!«. Wieder ein anderer Mann bekräftigt später denselben Vorwurf, als er den nördlichen Akzent des Petrus bemerkt: »Du warst mit ihm zusammen!« Auf diese Vorwürfe hin, sich gleichsam mit wachsender Verzweiflung verteidigend, zögert der Apostel nicht, dreimal zu schwören: »Ich kenne Jesus nicht! Ich bin keiner seiner Jünger! Ich weiß nicht, wovon ihr sprecht!«. Das Licht des Kohlenfeuers dringt also viel weiter vor als nur bis zum Gesicht des Petrus; es legt eine erbärmliche Seele bloß, seine Schwachheit, den Egoismus, die Angst. Und nur wenige Stunden zuvor hatte er noch verkündet: »Auch wenn alle (an dir) Anstoß nehmen – ich nicht! … Und wenn ich mit dir sterben müßte – ich werde dich nie verleugnen«[1].

* * *

Anders als bei Judas fällt jedoch nach diesem Verrat der Vorhang nicht. In jener Nacht nämlich durchdringt ein Schrei die Stille von Jerusalem und vor allem das Gewissen des Petrus: Es ist ein Hahnenschrei. Genau in jenem Augenblick kommt Jesus aus der Gerichtsversammlung, die ihn verurteilt hat, heraus. Lukas beschreibt, wie der Blick Jesu und der Blick des Petrus sich kreuzen, und er gebraucht dafür ein griechisches Verb, das bedeutet, jemandem tief ins Gesicht zu blicken. Aber, wie der Evangelist bemerkt, blicken jetzt nicht irgendwelche Menschen einander an; es ist »der Herr«, dessen Augen Herz und Nieren prüfen, die also tief in das innerste Geheimnis einer Seele schauen.

Und aus den Augen des Apostels fließen die Tränen der Reue. In seinem Leben kommen viele Geschichten der Untreue und der Bekehrung, der Schwäche und der Befreiung zusammen. »Ich habe geweint, und ich habe geglaubt«: so, mit nur diesen beiden Verben, wird Jahrhunderte später ein Konvertit[2] seine eigene Erfahrung neben die des Petrus stellen und wird damit für uns alle sprechen, die wir jeden Tag kleine Verrate begehen und uns zu schützen versuchen durch erbärmliche Rechtfertigungen, die wir zulassen, weil feige Ängste von uns Besitz ergreifen. Aber wie dem Apostel so steht auch uns der Weg zur Begegnung mit dem Blick Christi offen, der auch uns die Aufgabe anvertraut: Auch du, »wenn du dich wieder bekehrt hast, dann stärke deine Brüder«[3].

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Quae maerebat et dolebat
pia mater, cum videbat
Nati poenas incliti.


 
[1]Markus 14,29.31.
[2]FRANÇOIS-RENÉ DE CHATEAUBRIAND, Der Geist des Christentums (1802).
[3]Lukas 22,32.

 

© Copyright 2007 - Libreria Editrice Vaticana

  

top