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S.P. 42: Libro d'Ore "Borromeo" miniato da Cristoforo de Predis, Sec.XV
Biblioteca Ambrosiana

ZEHNTE STATION
Jesus wird gekreuzigt

   

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L/. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.


Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 23, 33-38

Sie kamen zur Schädelhöhe; dort kreuzigten sie ihn und die Verbrecher, den einen rechts von ihm, den andern links. Jesus aber betete: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun«. Dann warfen sie das Los und verteilten seine Kleider unter sich. Die Leute standen dabei und schauten zu; auch die führenden Männer des Volkes verlachten ihn und sagten: »Anderen hat er geholfen, nun soll er sich selbst helfen, wenn er der erwählte Messias Gottes ist«. Auch die Soldaten verspotteten ihn; sie traten vor ihn hin, reichten ihm Essig und sagten: »Wenn du der König der Juden bist, dann hilf dir selbst!«. Über ihm war eine Tafel angebracht; auf ihr stand: Das ist der König der Juden.

BETRACHTUNG

Es war nur eine felsige Anhöhe, die auf aramäisch Golgota genannt wurde und auf lateinisch Calvaria, »Schädel«, vielleicht aufgrund ihrer äußeren Form. Auf diesem Hügel stehen drei Kreuze zum Tode Verurteilter: die Kreuze zweier »Verbrecher«, wahrscheinlich antirömische Aufrührer, und das Kreuz Jesu. Die letzten Stunden des irdischen Lebens Jesu brechen an, Stunden, die bestimmt sind durch den verwundeten Leib, die verrenkten Knochen, das langsame Ersticken, die innere Trostlosigkeit. Es sind die Stunden, die beweisen, daß der Sohn Gottes dem Menschen, der leidet, mit dem Tod ringt und stirbt, ganz Bruder ist.

Ein Poet schrieb[1]: »Der Schächer zur Linken und der Schächer zur Rechten / spürten nur die Nägel in ihren Händen. / Christus dagegen spürte den Schmerz, den er für die Erlösung hingegeben hatte, / die durchbohrte Seite, das durchbohrte Herz. / Es ist sein brennendes Herz, / sein von der Liebe verzehrtes Herz«. Ja, denn bei jenem Kreuz scheint die Stimme Jesajas zu ertönen: »Er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Er gab sein Leben als Sühnopfer hin«[2].  Die ausgebreiteten Arme jenes gequälten Leibes wollen die ganze Welt umschließen, die Menschheit umarmen gleichsam »wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt«[3]. In der Tat war das seine Sendung: »Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen«[4].

* * *

Unter jenem sterbenden Leib geht die Menge vorüber, die ein makabres Schauspiel »sehen« will. Es ist das Abbild der Oberflächlichkeit, der banalen Neugier, der Suche nach starken Empfindungen, ein Bild, in dem man auch eine Gesellschaft wie die unsrige wiederkennen kann, in der Provokation und Ausschweifung fast als Droge dienen, um eine bereits abgestumpfte Seele, ein gefühlloses Herz, einen getrübten Verstand anzuregen.

Unter jenem Kreuz gibt es auch die reine und harte Grausamkeit, die der Anführer und der Soldaten, die kein Mitleid kennen und die sogar dem Leiden und dem Tod durch Spott die Würde nehmen können: » Wenn du der König der Juden bist, dann hilf dir selbst!«. Sie wissen nicht, daß ihre sarkastischen Worte und die offizielle Aufschrift, die am Kreuz angebracht ist – »Das ist der König der Juden« –, die Wahrheit sagen. Gewiß, Jesus steigt nicht aufsehenerregend vom Kreuz herab: Er will keine sklavische und auf Wundertaten gründende Zustimmung, sondern freien Glauben und echte Liebe. Und dennoch öffnet er gerade durch die Niederlage in seiner Demütigung und durch die Ohnmacht des Todes das Tor der Herrlichkeit und des Lebens und offenbart sich so als wahrer Herr und König der Geschichte und der Welt.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Fac ut ardeat cor meum
in amando Christum Deum,
ut sibi complaceam.

 
 
[1]CHARLES PÉGUY, Le mystère de la charité de Jeanne d'Arc (1910).
[2]vgl. Jesaja 53,5.10.
[3]Lukas 13,34.
[4]Johannes 12,32.

 

© Copyright 2007 - Libreria Editrice Vaticana

  

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