»Ein Mann lief auf Jesus zu, fiel vor ihm auf die
Knie und fragte ihn: „Guter Meister, was muß ich tun, um das
ewige Leben zu gewinnen?“« (Mk 10,17).
Jesus hat auf diese Frage, die im Innersten
unseres Herzens brennt, geantwortet, indem er den Weg des
Kreuzes ging.
Wir betrachten dich, Herr, auf diesem Weg, den du
als erster gegangen bist und an dessen Ende »du dein Kreuz wie eine Brücke zum Tod ausgespannt hast,
damit die Menschen vom Land des Todes zu dem des Lebens
hinübergehen können« (Ephräm der Syrer, Homilie).
Der Ruf, dir nachzufolgen, ist an alle gerichtet,
besonders an die Jugendlichen und an diejenigen, die von
Spaltungen, Kriegen oder Ungerechtigkeiten heimgesucht sind und
darum ringen, unter ihren Mitmenschen Zeichen der Hoffnung und
Friedensstifter zu sein.
So erscheinen wir also voller Liebe vor dir,
bringen dir unsere Leiden dar, wenden unsere Augen und unsere
Herzen deinem heiligen Kreuz zu; und in der Kraft, die uns aus
deiner Verheißung zufließt, beten wir zu dir: »Gepriesen sei
unser Erlöser, der uns durch seinen Tod das Leben geschenkt hat.
O Erlöser, verwirkliche in uns das Geheimnis deiner Erlösung
durch deine Passion, deinen Tod und deine Auferstehung« (aus
der maronitischen Liturgie).
»Pilatus
wandte sich von neuem an sie und fragte: „Was soll ich dann mit
dem tun, den ihr den König der Juden nennt?“ Da schrien sie:
„Kreuzige ihn!“ Darauf ließ Pilatus, um die Menge
zufriedenzustellen, Barabbas frei und gab den Befehl, Jesus zu
geißeln und zu kreuzigen« (Mk 15, 12-13. 15).
Vor Pilatus, dem Machthaber, hätte Jesus Gerechtigkeit
erlangen müssen. Pilatus hatte tatsächlich die Macht, die
Unschuld Jesu anzuerkennen und ihn freizulassen. Aber der
römische Statthalter zog es vor, der Logik seiner persönlichen
Interessen zu dienen, und beugte sich dem politischen und
gesellschaftlichen Druck. Er verurteilte einen Unschuldigen, um
der Menge zu gefallen, ohne der Wahrheit gerecht zu werden. Er
lieferte Jesus dem Kreuzestod aus, obwohl er um seine Unschuld
wußte… und dann wusch er sich die Hände.
In unserer heutigen Welt gibt es viele „Pilatus“, die die
Hebel der Macht in Händen halten und sie gebrauchen, um den
Stärkeren zu dienen. Viele sind es, die – schwach und feige
gegenüber diesen Machtbestrebungen – ihre Autorität in den
Dienst des Unrechts stellen und die Würde des Menschen und sein
Recht auf Leben mit Füßen treten.
Jesus, unser Herr, laß nicht zu, daß wir zur Zahl der
Ungerechten gehören. Laß nicht zu, daß die Starken sich im
Bösen, im Unrecht und in der Gewaltherrschaft gefallen. Laß
nicht zu, daß die Ungerechtigkeit Unschuldige in die
Verzweiflung und in den Tod treibt! Stärke sie in der Hoffnung
und erleuchte das Gewissen derer, die in dieser Welt über
Autorität verfügen, damit sie in Gerechtigkeit regieren. Amen.
Zweite Station: Jesus
nimmt das Kreuz auf sich

»Nachdem sie
so ihren Spott mit ihm getrieben hatten, nahmen sie ihm den
Purpurmantel ab und zogen ihm seine eigenen Kleider wieder an.
Dann führten sie Jesus hinaus, um ihn zu kreuzigen« (Mk
15, 20).
Jesus Christus steht vor Soldaten, die glauben, alle Macht
über ihn zu haben, während er derjenige ist, durch den »alles
geworden« ist, und »ohne den nichts wurde, was geworden ist«
(vgl. Joh 1, 3).
Zu allen Zeiten hat der Mensch gemeint, sich an Gottes Stelle
setzen und selbst bestimmen zu können, was gut und was böse ist
(vgl. Gen 3, 5), ohne Bezug auf seinen Schöpfer und
Erlöser. Er hielt sich für allmächtig und fähig, im Namen der
Vernunft, der Macht und des Geldes Gott aus seinem Leben und aus
dem der anderen auszuschließen.
Auch heute beugt sich die Welt Kräften, die versuchen, Gott
aus dem Leben des Menschen auszuschließen – wie der blinde
Laizismus, der im Namen einer vermeintlichen Verteidigung des
Menschen die Werte des Glaubens und der Moral erstickt; oder der
gewaltsame Fundamentalismus, der die Verteidigung religiöser
Werte als Vorwand benutzt (vgl. Nachsynodales Apostolisches
Schreiben Ecclesia in Medio Oriente, 29).
Jesus, unser Herr, der du die Demütigung angenommen und dich
mit den Schwachen identifiziert hast, dir vertrauen wir alle
gedemütigten und leidenden Menschen und Völker an, besonders die
des gequälten Orients. Gib, daß sie in dir die Kraft haben, mit
dir ihr Kreuz der Hoffnung zu tragen. In deine Hände legen wir
alle, die sich verirrt haben, damit sie durch dich die Wahrheit
und die Liebe finden. Amen.
Dritte Station: Jesus
fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

»Er wurde durchbohrt
wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu
unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir
geheilt«
(Jes 53, 5).
Der die Leuchten des Himmels in seiner göttlichen Hand hält
und vor dem die Mächte des Himmels erzittern – er fällt zu
Boden, ungesichert unter dem schweren Joch des Kreuzes.
Der der Welt den Frieden gebracht hat, stürzt, verletzt von
unseren Sünden, unter der Bürde unserer Schuld.
»Ihr Gläubigen, schaut auf unseren Heiland, der auf dem Weg
zum Kalvarienberg voranschreitet. Niedergedrückt ist er von
bitteren Leiden, es verlassen ihn die Kräfte. Gehen wir, dieses
unglaubliche Ereignis zu sehen, das unser Verstehen übersteigt
und schwer zu beschreiben ist. Die Grundfesten der Erde wurden
erschüttert, und eine unheimliche Angst befiel die Anwesenden,
als ihr Schöpfer und Gott unter der Last des Kreuzes erdrückt
wurde und sich aus Liebe zur gesamten Menschheit zum Tod führen
ließ« (aus der chaldäischen Liturgie).
Jesus, unser Herr, hebe uns auf aus unserem wiederholten
Fallen, führe unseren verirrten Geist zu deiner Wahrheit zurück.
Laß nicht zu, daß der menschliche Verstand, den du auf dich hin
geschaffen hast, sich mit Teilwahrheiten aus Wissenschaft und
Technologie zufriedengibt, ohne zu versuchen, die Grundfragen
nach dem Sinn und dem Sein zu stellen (vgl. Apostolisches
Schreiben Porta fidei, 12).
Gib, o Herr, daß wir uns dem Wirken deines Heiligen Geistes
öffnen, damit er uns zur Fülle der Wahrheit führt. Amen.
Vierte Station: Jesus
begegnet seiner Mutter

»Simeon segnete sie und
sagte zu Maria, der Mutter Jesu: „Dieser ist dazu bestimmt, daß
in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet
werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird.
Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir
selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen.“ Seine
Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen« (Lk
2, 34-35. 51b).
Verletzt und leidend, das Kreuz der Menschheit tragend,
begegnet Jesus seiner Mutter und – in ihrem Antlitz – der ganzen
Menschheit.
Maria, die Mutter Gottes, war die erste Jüngerin des Meisters.
Als sie das Wort des Engels aufnahm, begegnete sie zum ersten
Mal dem fleischgewordenen Wort und wurde Tempel des lebendigen
Gottes. Sie ist ihm begegnet, ohne zu begreifen, wieso der
Schöpfer des Himmels und der Erde ein Mädchen, ein schwaches
Geschöpf hatte erwählen wollen, um sich in dieser Welt zu
inkarnieren. Sie ist ihm begegnet in einer ständigen Suche nach
seinem Angesicht, im Schweigen des Herzens und in der Meditation
des Wortes Gottes. Sie glaubte, daß sie es sei, die ihn suchte,
doch in Wirklichkeit suchte er sie.
Jetzt, da er das Kreuz trägt, begegnet er ihr.
Jesus leidet, indem er seine Mutter leiden sieht, und Maria
leidet beim Anblick ihres leidenden Sohnes. Doch aus diesem
gemeinsamen Leiden geht eine neue Menschheit hervor. »Friede sei
mit dir! Wir flehen dich an, du ruhmvolle Heilige, immerwährende
Jungfrau, Mutter Gottes, Mutter Christi. Laß unser Gebet
aufsteigen vor das Angesicht deines geliebten Sohnes, damit er
unsere Sünden vergebe« (Theotokion aus dem koptischen
Stundenbuch, Al-Aghbia 37).
Jesus, unser Herr, in unseren Familien erleben auch wir die
Leiden, die Eltern den Kindern und Kinder den Eltern zufügen.
Herr, gib, daß in diesen schwierigen Zeiten unsere Familien Orte
deiner Gegenwart seien, damit unsere Leiden sich in Freude
verwandeln. Sei du der Halt unserer Familien und mache sie zu
Oasen der Liebe, des Friedens und der Gelassenheit, nach dem
Bild der Heiligen Familie von Nazaret. Amen.
Fünfte Station: Simon
von Zyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

»Als sie Jesus
hinausführten, ergriffen sie einen Mann aus Zyrene namens Simon,
der gerade vom Feld kam. Ihm luden sie das Kreuz auf, damit er
es hinter Jesus hertrage«
(Lk 23,
26).
Die Begegnung zwischen Jesus und Simon von Zyrene ist eine
Begegnung im Schweigen, eine Lektion für das Leben: Gott will
nicht das Leiden und akzeptiert nicht das Böse. Und der Mensch
empfindet ebenso. Doch das im Glauben angenommene Leiden
verwandelt sich in einen Weg des Heils. Dann erdulden wir es wie
Jesus und helfen wie Simon von Zyrene, es zu tragen.
Jesus, unser Herr, du hast den Menschen in das Tragen deines
Kreuzes mit einbezogen. Du hast uns eingeladen, dein Leiden zu
teilen. Simon von Zyrene ist wie wir, und er lehrt uns, das
Kreuz anzunehmen, das uns auf den Wegen des Lebens begegnet.
Nach deinem Beispiel, Herr, tragen auch wir heute das Kreuz
des Leidens und der Krankheit, aber wir akzeptieren es, weil du
bei uns bist. Es kann uns an den Rollstuhl fesseln, aber nicht
daran hindern zu träumen; es kann den Blick verdunkeln, aber
nicht das Gewissen treffen; es kann die Ohren taub machen, aber
nicht das innere Zuhören vereiteln; es kann die Zunge lähmen,
aber nicht den Durst nach Wahrheit unterdrücken; es kann die
Seele belasten, sie aber nicht ihrer Freiheit berauben.
Herr, wir wollen deine Jünger sein, um alle Tage dein Kreuz zu
tragen; wir werden es mit Freude und mit Hoffnung tragen, denn
du trägst es mit uns, denn du hast für uns über den Tod gesiegt.
Wir sagen dir Dank, Herr, für jeden kranken oder leidenden
Menschen, der es versteht, Zeuge deiner Liebe zu sein, und für
jeden »Simon von Zyrene«, den du an unseren Weg stellst. Amen.
Sechste Station: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

»Mein Herz denkt an dein
Wort: „Sucht mein Angesicht!“ Dein Angesicht, Herr, will ich
suchen. Verbirg nicht dein Gesicht vor mir; weise deinen Knecht
im Zorn nicht ab! Du wurdest meine Hilfe. Verstoß mich nicht,
verlaß mich nicht, du Gott meines Heiles!« (Ps 27, 8-9).
Veronika hat dich in der Menschenmenge gesucht. Sie hat dich
gesucht, und schließlich hat sie dich gefunden. Als dein Schmerz
seinen Höhepunkt erreichte, wollte sie ihn lindern, indem sie
dein Antlitz mit einem Tuch abwischte. Eine kleine Geste, doch
sie drückte all ihre Liebe zu dir und all ihren Glauben an dich
aus; sie hat sich tief in das Gedächtnis unserer christlichen
Überlieferung eingeprägt.
Jesus, unser Herr, dein Angesicht suchen wir. Veronika
erinnert uns daran, daß du in jedem Menschen zugegen bist, der
leidet und auf seinem Weg nach Golgota voranschreitet. Herr,
gib, daß wir dich in den Armen, deinen geringen Brüdern, finden,
um die Tränen der Weinenden zu trocknen, uns der Leidenden
anzunehmen und die Schwachen zu stützen.
Herr, du lehrst uns, daß ein verletzter und vergessener Mensch
weder seinen Wert noch seine Würde verliert und daß er ein
Zeichen deiner verborgenen Gegenwart in der Welt bleibt. Hilf
uns, die Spuren der Armut und der Ungerechtigkeit von seinem
Angesicht abzuwischen, damit dein Bild in ihm offenbar wird und
leuchtet.
Wir beten für alle, die dein Angesicht suchen und es in dem
der Obdachlosen, der Armen und jener Kinder finden, die der
Gewalt und der Ausbeutung ausgesetzt sind. Amen.
Siebte Station: Jesus
fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz
»Alle, die mich sehen,
verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf. Sei
mir nicht fern, denn die Not ist nahe und niemand ist da, der
hilft« (Ps 22, 8. 12).
Jesus ist allein unter der inneren und äußeren Last des
Kreuzes. Das ist der Zusammenbruch, wenn die Last des Bösen zu
groß wird und es scheint, als gebe es für Unrecht und Gewalt
keine Grenze mehr.
Doch noch einmal steht er wieder auf in der Kraft des
unendlichen Vertrauens in seinen Vater. Angesichts der Menschen,
die ihn seinem Schicksal überlassen, ist es die Kraft des
Heiligen Geistes, die ihn aufhebt, ihn ganz mit dem Willen des
Vaters vereint – dem Willen der Liebe, die alles vermag.
Jesus, unser Herr, in deinem zweiten Fallen erkennen wir viele
eigene Situationen, die ausweglos erscheinen – darunter die,
welche auf Vorurteilen und Haß beruhen, jenen Haltungen, die
unsere Herzen verhärten und zu religiösen Konflikten führen.
Erleuchte unser Bewußtsein, damit wir » ungeachtet der
menschlichen und religiösen Divergenzen « erkennen, daß »ein
Strahl der Wahrheit alle Menschen erleuchtet «, die berufen
sind, in der Achtung der Religionsfreiheit gemeinsam auf die
Wahrheit zuzugehen, die allein in Gott liegt. So können die
verschiedenen Religionen »sich gemeinsam in den Dienst des
Gemeinwohls stellen und zur Entfaltung jedes Menschen sowie zum
Aufbau der Gesellschaft beitragen« (Nachsynodales Apostolisches
Schreiben Ecclesia in Medio Oriente, 27-28).
Komm, Heiliger Geist, um die Christen – besonders die des
Nahen Ostens – zu trösten und zu stärken, damit sie, vereint mit
Christus, auf einer durch Unrecht und Konflikte zerrissenen Erde
die Zeugen seiner universalen Liebe seien. Amen.
Achte Station: Jesus
begegnet den weinenden Frauen von Jerusalem

»Es folgte eine große
Menschenmenge, darunter auch Frauen, die um ihn klagten und
weinten. Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: „Ihr Frauen
von Jerusalem, weint nicht über mich; weint über euch und eure
Kinder!“« (Lk 23, 27-28).
Auf dem Weg zum Kalvarienberg begegnet der Herr den Frauen von
Jerusalem. Diese Frauen beweinen das Leiden des Herrn, als
handele es sich um ein Leiden ohne Hoffnung. Sie sehen im Kreuz
nur das Holz als Zeichen der Verfluchung (vgl. Dtn
21, 23), während der Herr wollte, daß es ein Mittel zur Erlösung
und zum Heil sei.
In der Passion und in der Kreuzigung gab Jesus sein Leben hin
als Lösegeld für viele. So schaffte er denen Erleichterung, die
unterjocht waren, und tröstete die Betrübten. Er trocknete die
Tränen der Frauen von Jerusalem und öffnete ihnen die Augen für
die österliche Wahrheit.
Unsere Welt ist voll von betrübten Müttern, von Frauen, die in
ihrer Würde verletzt sind, denen durch Diskriminierung,
Ungerechtigkeiten und Leiden Gewalt angetan wird (vgl.
Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Medio
Oriente, 60). O leidender Christus, sei du ihr Friede und
der Balsam für ihre Wunden.
Jesus, unser Herr, mit deiner Menschwerdung aus Maria, der
» Begnadeten « unter den Frauen (vgl. Lk 1, 28), hast du
die Würde jeder Frau erhöht. Mit der Inkarnation hast du das
Menschengeschlecht geeint (vgl. Gal 3, 26-28).
Herr, die Begegnung mit dir sei unser Herzensanliegen. Möge
unser Weg voller Leiden immer ein Weg der Hoffnung sein, mit dir
und auf dich zu, der du die Zuflucht unseres Lebens bist und
unser Heil. Amen.
Neunte Station: Jesus
fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

»Die Liebe Christi
drängt uns, da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben,
also sind alle gestorben. Er ist aber für alle gestorben, damit
die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für
sie starb und auferweckt wurde« (2 Kor 5, 14-15).
Zum dritten Mal fällt Jesus unter dem Kreuz, beladen mit
unseren Sünden, und zum dritten Mal versucht er aufzustehen,
indem er die Kräfte sammelt, die ihm geblieben sind, um den Weg
nach Golgota fortzusetzen; er weigert sich, sich erdrücken zu
lassen und der Versuchung zu erliegen.
Von seiner Inkarnation an trägt Jesus das Kreuz des
menschlichen Leidens und der Sünde. Er hat die Menschennatur
vollkommen und auf ewig angenommen und zeigt so den Menschen,
daß der Sieg möglich und der Weg zur Gotteskindschaft offen ist.
Jesus, unser Herr, die Kirche, die aus deiner geöffneten Seite
hervorgegangen ist, ist niedergedrückt unter dem Kreuz der
Spaltungen, welche die Christen voneinander und von der Einheit
entfernen, die du für sie gewollt hast. Sie weichen ab von
deinem Wunsch, daß » alle eins sein « sollen (Joh 17,21),
so wie der Vater mit dir eins ist. Dieses Kreuz lastet mit
seinem ganzen Gewicht auf ihrem Leben und auf ihrem gemeinsamen
Zeugnis. Gewähre uns, Herr, die Weisheit und die Demut, um uns
zu erheben und auf dem Weg zur Einheit voranzugehen in Wahrheit
und Liebe und angesichts der Spaltungen, auf die wir stoßen,
nicht der Versuchung zu erliegen, einzig den Kriterien der
persönlichen oder der Gruppeninteressen zu folgen (vgl.
Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Medio
Oriente, 11).
Gib, daß wir die Mentalität der Spaltung ablegen, » damit das
Kreuz Christi nicht um seine Kraft gebracht wird « (1 Kor
1, 17). Amen.
Zehnte Station: Jesus
wird seiner Kleider beraubt

»Sie verteilen unter
sich meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand« (Sal
22, 19).
In der Fülle der Zeiten hast du, Herr Jesus, dich mit unserem
Menschsein bekleidet, du, der mit dem » Saum seines Gewandes den
Tempel ausfüllte « (Jes 6,1). Nun bewegst du dich mitten
unter uns, und alle, die den Saum deiner Kleider berühren,
werden geheilt. Doch sogar dieses Kleides bist du beraubt
worden, Herr! Wir haben dir das Hemd weggenommen, und du hast
uns auch den Mantel gelassen (vgl. Mt 5,40). Du hast
erlaubt, daß der Vorhang deines Fleisches zerreiße, damit wir
wieder Zugang zum Vater erhielten (vgl. Hebr 10, 19-20).
Wir meinten, uns selbst verwirklichen zu können, unabhängig
von dir (vgl. Gen 3, 4-7) – und fanden uns nackt. Aber in
deiner unendlichen Liebe hast du uns mit der Würde der Söhne und
Töchter Gottes und mit deiner heiligmachenden Gnade bekleidet.
Schenke, Herr, den Söhnen und Töchtern der Ostkirchen –
„beraubt“ aufgrund mannigfacher Notlagen, manchmal sogar durch
Verfolgung, und geschwächt durch Abwanderung – den Mut, in ihren
Ländern auszuharren, um die Frohe Botschaft zu verkünden.
O Jesus, du Menschensohn, der du dich entblößt hast, um uns
die neue, vom Tod erstandene Schöpfung zu offenbaren, zerreiße
in uns den Vorhang, der uns von Gott trennt, und webe in uns
deine göttliche Gegenwart.
Gib, daß wir die Angst vor den Ereignissen des Lebens, die uns
berauben und entblößen, überwinden und den neuen Menschen
unserer Taufe anziehen, um die Frohe Botschaft zu verkünden und
zu bekennen, daß du der einzig wahre Gott bist, der die
Geschichte lenkt. Amen.
Elfte Station: Jesus
wird ans Kreuz genagelt

»Da lieferte er ihnen
Jesus aus, damit er gekreuzigt würde. Pilatus ließ auch ein
Schild anfertigen und oben am Kreuz befestigen; die Inschrift
lautete: „Jesus von Nazaret, der König der Juden“« (Joh 19, 16a. 19).
Da ist er, der ersehnte Messias, ans Holz des Kreuzes gehängt,
zwischen zwei Räubern. Die beiden Hände, die die Menschheit
gesegnet haben, sind durchbohrt. Die beiden Füße, die zur
Verkündigung der Frohen Botschaft unseren Boden betreten haben,
hängen zwischen Erde und Himmel. Die liebevollen Augen, die mit
einem Blick die Kranken geheilt und unsere Sünden vergeben
haben, sind nur noch auf den Himmel gerichtet.
Jesus, unser Herr, für unsere Frevel bist du gekreuzigt
worden. Du betest zu Gott, dem Vater, und trittst für die
Menschheit ein. Jeder Hammerschlag tönt wie ein Schlag deines
geopferten Herzens.
Wie willkommen sind die Schritte des Freudenboten, der Rettung
verheißt (vgl. Jes 52,7) – seine Füße haben ihn auf den
Kalvarienberg getragen. Deine Liebe, Jesus, hat das All erfüllt.
Deine durchbohrten Hände sind unsere Zuflucht in der Angst. Sie
nehmen uns jedesmal auf, wenn der Abgrund der Sünde uns bedroht,
und in deinen Wunden finden wir Heilung und Vergebung.
O Jesus, wir bitten dich für alle Jugendlichen, die von
Verzweiflung niedergedrückt sind, für die Jugendlichen, die
Opfer von Drogen, von Sekten und von Perversionen sind.
Befreie sie aus ihrer Versklavung. Daß sie die Augen erheben
und die Liebe annehmen. Daß sie die Glückseligkeit in dir
entdecken. Du, unser Heiland, rette sie! Amen.
Zwölfte Station: Jesus
stirbt am Kreuz

»Jesus rief laut:
„Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ Nach diesen
Worten hauchte er den Geist aus« (Lk 23, 46).
Oben vom Kreuz her ein Schrei: ein Schrei der Selbstübergabe
im Moment des Todes, ein Schrei des Vertrauens im Leiden, ein
Schrei der Geburt eines neuen Lebens. Da hängst du am Baum des
Lebens, legst deinen Geist in die Hände des Vaters, läßt das
Leben in Fülle sprudeln und formst die neue Schöpfung. Auch wir
stehen heute den Herausforderungen dieser Welt gegenüber: Wir
spüren, daß die Wellen der Besorgnisse uns überfluten und unser
Vertrauen wanken lassen. Gib uns die Kraft, Herr, tief innerlich
zu wissen, daß kein Tod uns besiegen wird, solange wir in den
Händen ruhen, die uns geformt haben und uns begleiten.
Möge jeder von uns ausrufen können:
»Gestern war ich gekreuzigt mit Christus,
heute bin ich mit ihm verherrlicht.
Gestern war ich tot mit ihm,
heute lebe ich mit ihm.
Gestern war ich mit ihm begraben,
heute bin ich mit ihm auferstanden«
(Gregor von Nazianz)
In der Finsternis unserer Nächte betrachten wir dich. Lehre
uns, uns an den Höchsten zu wenden, deinen himmlischen Vater.
Heute beten wir, daß alle, die für die Abtreibung eintreten,
sich bewußt werden, daß die Liebe nur Quelle des Lebens sein
kann. Wir denken auch an die Verteidiger der Euthanasie und an
diejenigen, die Techniken und Verfahrensweisen vorantreiben, die
das menschliche Leben in Gefahr bringen. Öffne ihre Herzen,
damit sie dich in der Wahrheit erkennen, damit sie sich beim
Aufbau der Kultur des Lebens und der Liebe engagieren. Amen.
Dreizehnte Station: Jesus
wird vom Kreuz abgenommen
und
in den Schoß seiner Mutter gelegt

»Als Jesus seine Mutter
sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner
Mutter: „Frau, siehe, dein Sohn!“ Dann sagte er zu dem Jünger:
„Siehe, deine Mutter!“« (Joh 19, 26-27a).
Jesus, unser Herr, die dich lieben, bleiben bei dir und
bewahren den Glauben. In der Stunde der Agonie und des Todes,
wenn die Welt meint, daß das Böse triumphiert und die Stimme der
Wahrheit und der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens
schweigt, läßt ihr Glaube nicht nach.
O Maria, in deine Hände legen wir unsere Erde. » Wie traurig
ist es, dieses gesegnete Land in seinen Kindern leiden zu sehen,
die sich voller Grimm gegenseitig zerreißen und sterben! «
(Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Oriente,
8). Es scheint, als könne nichts das Böse, den Terrorismus, den
Mord und den Haß beseitigen. »O Jungfrau, vor dem Kreuz, an dem
dein Sohn zu unserem Heil seine unbefleckten Hände ausgestreckt
hat, werfen wir uns an diesem Tag nieder: Gewähre uns den
Frieden!« (aus der byzantinischen Liturgie).
Beten wir für die Opfer der Kriege und der Gewalttaten, die in
dieser Zeit verschiedene Länder des Nahen Ostens wie auch andere
Teile der Welt verwüsten. Beten wir, daß die Evakuierten und die Heimatlosen so schnell wie möglich in ihre Häuser und ihr Land
zurückkehren können. Gib, Herr, daß das Blut der unschuldigen
Opfer der Same eines neuen Orients sei, in dem mehr
Brüderlichkeit, mehr Friede und mehr Gerechtigkeit herrschen,
und daß dieser Orient den Glanz seiner Berufung als Wiege der
Kultur und der geistigen und menschlichen Werte wiedererlangt.
Du Morgenstern, sei uns ein Zeichen des Tagesanbruchs! Amen.
Vierzehnte Station: Jesus
wird ins Grab gelegt

»Es kam auch Nikodemus,
der früher einmal Jesus bei Nacht aufgesucht hatte. Er brachte
eine Mischung aus Myrrhe und Aloe, etwa hundert Pfund. Sie
nahmen den Leichnam Jesu und umwickelten ihn mit Leinenbinden,
zusammen mit den wohlriechenden Salben, wie es beim jüdischen
Begräbnis Sitte ist« (Joh 19, 39-40).
Nikodemus empfängt den Leichnam Christi, er nimmt sich seiner
an und legt ihn in ein Grab mitten in einem Garten, der an den
Garten der Schöpfung erinnert. Jesus läßt sich begraben, wie er
sich hat kreuzigen lassen, in der gleichen Selbstentäußerung,
ganz übergeben« in die Hände der Menschen und » öllig eins«
mit ihnen »bis in den Schlaf unter der Grabplatte« (Gregor von Narek).
Um Schwierigkeiten, schmerzliche Ereignisse und den Tod
anzunehmen, bedarf es einer festen Hoffnung, eines lebendigen
Glaubens.
Der Stein, der vor den Eingang des Grabes gesetzt ist, wird
weggewälzt werden, und es wird ein neues Leben erstehen.
Denn »wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den
Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den
Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen
leben« (Röm 6,4).
Wir haben die Freiheit der Kinder Gottes erhalten, um nicht in
Sklaverei zurückzufallen; das Leben ist uns in Fülle geschenkt,
damit wir uns nicht mehr mit einem Leben ohne Schönheit und ohne
Sinn begnügen.
Jesus, unser Herr, mach uns zu Kindern des Lichtes, die die
Finsternis nicht fürchten. Wir bitten dich heute für alle, die
nach dem Sinn des Lebens suchen, und für diejenigen, die die
Hoffnung verloren haben, daß sie an deinen Sieg über die Sünde
und den Tod glauben. Amen.
Bildmaterial:
Kreuzweg
19. Jahrhundert
Anonymer franziskanischer Künstler aus Palästina
Bethlehem
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