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05 - 06.10.2008
INHALT
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ERSTE GENERALKONGREGATION (MONTAG, 6. OKTOBER 2008 - VORMITTAG)
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ZWEITE GENERALKONGREGATION (MONTAG, 6. OKTOBER 2008 - NACHMITTAG)
ERSTE GENERALKONGREGATION (MONTAG, 6. OKTOBER 2008 -
VORMITTAG)
- ANSPRACHE DES HEILIGEN VATERS
Zur Eröffnung der ersten Generalkongregation an diesem Vormittag,
Montag, den 6. Oktober 2008, hat der Heilige Vater Benedikt XVI.
beim Gebet der Terz nach der Lesung folgende Ansprache gehalten:
Liebe Brüder im Bischofsamt,
liebe Brüder und Schwestern!
Zu Beginn unserer Synode legt uns das Stundengebet einen Abschnitt
aus Psalm 119 über das Wort Gottes vor: einen Lobgesang auf sein
Wort, Ausdruck der Freude Israels darüber, es kennen zu dürfen und
in diesem Wort den Willen und das Antlitz Gottes erkennen zu können.
Ich möchte mit euch einige Verse dieses Psalms betrachten.
Er beginnt mit den Worten: “In aeternum, Domine, verbum tuum
constitutum est in caelo... firmasti terram, et permanet”. Es ist
die Rede von der Festigkeit des Wortes Gottes. Es steht fest, es ist
die wahre Realität, auf der man sein Leben aufbauen kann. Erinnern
wir uns an die Worte Jesu, die dieses Psalmwort weiterführen:
“Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht
vergehen”. Menschlich gesehen ist das Wort, unser menschliches Wort,
gleichsam ein Nichts in der Wirklichkeit, ein Hauch. Kaum
ausgesprochen, verschwindet es. Es scheint nichts zu sein. Und doch
hat das menschliche Wort eine unglaubliche Macht. Es sind die Worte,
die Geschichte machen, die Worte verleihen den Gedanken Ausdruck,
den Gedanken, aus denen das Wort kommt. Es ist das Wort, das die
Geschichte, die Wirklichkeit formt.
Noch mehr ist das Wort Gottes das Fundament von allem, es ist die
wahre Wirklichkeit. Und wenn wir realistisch sein wollen, müssen wir
mit genau dieser Wirklichkeit rechnen. Wir müssen uns von der
Vorstellung lösen, dass die Materie, die konkreten Dinge, die wir
anfassen können, die solideste, sicherste Realität sind. Am Ende der
Bergpredigt spricht der Herr von den zwei Möglichkeiten, das Haus
des eigenen Leben zu bauen: auf Sand oder auf Felsen. Auf Sand baut
derjenige, der nur auf die sichtbaren und greifbaren Dinge baut, auf
den Erfolg, die Karriere, das Geld. Scheinbar ist dies die wahre
Wirklichkeit. Aber dies alles wird eines Tages vorbei sein. Wir
sehen das jetzt beim Zusammenbruch der großen Banken: diese Gelder
verschwinden, sie sind nichts. Und so sind all diese Dinge - die als
die wahre Wirklichkeit erscheinen, auf die man sich verlassen kann -
zweitrangige Wirklichkeiten. Wer sein Leben auf diese Wirklichkeiten
baut, auf das Materielle, den Erfolg, alles, was glänzt, der baut
auf Sand. Nur das Wort Gottes ist das Fundament der gesamten
Wirklichkeit, es steht fest wie der Himmel und mehr als der Himmel,
es ist die Realität. Folglich müssen wir unseren Begriff des
Realismus ändern. Realist ist der, der im Wort Gottes, dieser
scheinbar so gebrechlichen Realität, das Fundament von allem
erkennt. Realist ist derjenige, der sein Leben auf dieses Fundament
baut, das ewig bleibt. Und so laden uns diese ersten Verse des
Psalms ein zu entdecken, was Realität ist und so das Fundament
unseres Lebens zu finden, die Art und Weise unser Leben aufzubauen.
Im anschließenden Vers wird gesagt: “Omnia serviunt tibi”. Alles
geht hervor aus dem göttlichen Wort, ist eine Frucht des Wortes. “Im
Anfang war das Wort”. Am Anfang sprach der Himmel. Und so entsteht
die Wirklichkeit aus dem Wort, sie ist “creatura Verbi”. Alles wird
vom Wort geschaffen, und alles ist dazu gerufen, dem Wort zu dienen.
Das bedeutet, dass letztendlich die gesamte Schöpfung dazu bestimmt
ist, den Ort der Begegnung zwischen Gott und seinem Geschöpf zu
schaffen, einen Ort, wo die Liebe des Geschöpfes auf die göttliche
Liebe antwortet, einen Ort, an dem sich die Liebesgeschichte
zwischen Gott und seinem Geschöpf entwickelt. “Omnia serviunt tibi”.
Die Heilsgeschichte ist keine unbedeutende Begebenheit auf einem
kleinen Planeten in der Unendlichkeit des Universums. Sie ist nicht
irgendetwas Nichtiges, das zufällig auf einem abgelegenen Planeten
geschieht. Sie ist der Beweggrund von allem, der Urgrund der
Schöpfung. Alles wurde geschaffen, damit es diese Geschichte gäbe,
die Begegnung zwischen Gott und seinem Geschöpf. Aus diesem
Blickwinkel geht die Heilsgeschichte, der Bundesschluss, der
Schöpfung voraus. Im Zeitalter des Hellenismus hat das Judentum die
Vorstellung entwickelt, dass die Thora der Erschaffung der
materiellen Welt vorausgegangen sei. Diese materielle Welt sei nur
geschaffen worden, um einen Raum zu schaffen für die Thora, dieses
Wort Gottes, das die Antwort hervorruft und zur Liebesgeschichte
wird. Hier scheint auf geheimnisvolle Weise das Mysterium Christi
hindurch. Das ist es, was die Briefe an die Epheser und an die
Kolosser uns sagen: Christus ist der “protòtypos”, der Erstgeborene
der Schöpfung, die Idee, durch die das Universum erdacht wurde. Er
nimmt alles auf. Wir treten in die Bewegung des Universums ein, wenn
wir uns mit Christus vereinen. Man kann sagen, dass, während die
materielle Schöpfung die Bedingung für die Heilsgeschichte ist, die
Geschichte des Bundes die wahre Ursache für den Kosmos ist. Wir
erreichen die Wurzeln des Seins, wenn wir das Mysterium Christi
erreichen, sein lebendiges Wort, das das Ziel der ganzen Schöpfung
ist. “Omnia serviunt tibi”. Wenn wir dem Herrn dienen, verwirklichen
wir das Ziel unseres Seins, das Ziel unseres Lebens.
Wir überspringen jetzt einige Verse: “Mandata tua exquisivi”. Wir
sind immer auf der Suche nach dem Wort Gottes. Es ist nicht einfach
da in uns. Wenn wir beim Buchstaben stehen bleiben, haben wir das
Wort Gottes nicht notwendigerweise wirklich verstanden. Es besteht
die Gefahr, dass wir nur die menschlichen Worte sehen und in ihnen
nicht den wirklichen Urheber finden, den Heiligen Geist. Wir finden
in den Worten nicht das göttliche Wort. Der heilige Augustinus
erinnert uns in diesem Zusammenhang an die Schriftgelehrten und
Pharisäer, die bei der Ankunft der Weisen aus dem Morgenland von
Herodes befragt werden. Er will wissen, wo der Erlöser der Welt
geboren werden soll. Sie wissen es und geben die richtige Antwort:
in Betlehem. Es sind große Spezialisten, die alles wissen. Und
dennoch sehen sie die Realität nicht, kennen sie den Erlöser nicht.
Der heilige Augustinus sagt: Sie weisen anderen den Weg, aber sie
selbst bewegen sich nicht. Das ist auch eine große Gefahr für uns,
wenn wir die Heilige Schrift lesen: wir bleiben bei den menschlichen
Worten stehen, Worten der Vergangenheit, der vergangenen Geschichte,
und wir entdecken in der Vergangenheit nicht die Gegenwart, den
Heiligen Geist, der in den Worten der Vergangenheit heute zu uns
spricht. So treten wir nicht in die innere Bewegung des Wortes
Gottes ein, das in menschlichen Worten göttliche Worte verbirgt und
offenbart. Deshalb ist dieses “exquisivi” immer notwendig. Wir
müssen in den Worten auf der Suche sein nach Gottes Wort.
So ist die Exegese, das wahre Lesen der Heiligen Schrift, nicht nur
ein literarisches Phänomen, es handelt sich nicht nur um die Lektüre
eines Textes. Es ist die Bewegung meines Daseins. Es bedeutet, sich
auf das Wort Gottes in den menschlichen Worten hinzubewegen. Nur
indem wir dem Geheimnis Gottes gleichförmig werden, dem Herrn, der
das Wort ist, können wir in das Innere des Wortes eintreten, können
wir wirklich in menschlichen Worten das Wort Gottes finden. Bitten
wir den Herrn, dass er uns helfen möge, nicht nur mit dem Intellekt,
sondern mit unserer ganzen Existenz auf der Suche zu sein, um das
Wort zu finden.
Der letzte Vers lautet: “Omni consummationi vidi finem, latum
praeceptum tuum nimis”. Alles Menschliche, alles was wir erfinden
und schaffen können, ist endlich. Auch alle menschlichen religiösen
Erfahrungen sind begrenzt, sie zeigen einen Aspekt der Wirklichkeit,
weil unser Sein endlich ist und immer nur einen Teil, einige
Elemente versteht: “latum praeceptum tuum nimis”. Nur Gott ist
unendlich. Und deshalb ist auch sein Wort universal und kennt keine
Grenzen. Wenn wir also in das Wort Gottes eintreten, betreten wir
wirklich das göttliche Universum. Wir verlassen die Begrenztheit
unserer Erfahrungen und treten ein in die Realität, die wahrhaft
universal ist. Wenn wir in die Gemeinschaft mit dem Wort Gottes
eintreten, treten wir in die Gemeinschaft der Kirche ein, die das
Wort Gottes lebt. Wir treten nicht ein in eine kleine Gruppe, in die
Regeln einer kleinen Gruppe, sondern wir verlassen unsere
Begrenztheit. Wir treten hinaus ins Weite, in die wahre Weite der
einzigen Wahrheit, der großen Wahrheit Gottes. Wir sind wirklich im
Universalen. Und so treten wir hinaus in die Gemeinschaft aller
Brüder und Schwestern, der ganzen Menschheit, weil in unserem Herzen
die Sehnsucht nach dem einen Wort Gottes verborgen ist. Deshalb sind
auch die Evangelisierung, die Verkündigung des Evangeliums, die
Mission nicht eine Art kirchlicher Kolonialismus, mit dem wir andere
in unsere Gruppe einfügen wollen. Es bedeutet, aus der Begrenztheit
der verschiedenen Kulturen hinauszutreten in die Universalität, die
alle verbindet und vereint, die uns alle zu Brüdern macht. Bitten
wir erneut den Herrn, dass er uns helfe, wirklich in die “Weite”
seines Wortes einzutreten und wir uns so dem universalen Horizont
der Menschheit öffnen können, jenem Horizont, der uns in all unseren
Verschiedenheiten vereint.
Kehren wir schließlich noch zu einem vorhergehenden Vers zurück:
“Tuus sum ego: salvum me fac”. Der italienische Text übersetzt: “Ich
bin dein”. Das Wort Gottes ist wie eine Leiter, auf der wir
hinaufsteigen und mit Christus auch in die Tiefen seiner Liebe
hinabsteigen können. Es ist eine Leiter, um zum göttlichen Wort in
den Worten zu gelangen. Das göttliche Wort hat ein Antlitz, es ist
eine Person, Christus. Noch bevor wir sagen können: “Ich bin dein”,
hat Er schon zu uns gesagt: “Ich bin dein”. Der Hebräerbrief sagt
mit den Worten aus Psalm 40: “Einen Leib hast du mir bereitet... Da
sagte ich: Ja, ich komme”. Der Herr ließ sich für sein Kommen einen
Leib bereiten. Mit seiner Menschwerdung hat er gesagt: Ich bin dein.
In der heiligen Eucharistie sagt er immer wieder von neuem: Ich bin
dein; damit wir antworten können: Herr, ich bin dein. Auf dem Weg
des göttlichen Wortes - indem wir in das Geheimnis seiner
Menschwerdung, seines Mit-uns-Seins eintreten - wollen wir uns das
Sein Jesu aneignen, wollen wir uns unserer Existenz entledigen,
indem wir uns Ihm schenken, der sich uns geschenkt hat.
“Ich bin dein”. Bitten wir den Herrn, dass wir lernen können, dieses
Wort mit unserem ganzen Leben zu sagen. So werden wir im Herzen des
Wortes Gottes sein. So werden wir gerettet sein.
[00020-05.08] [NNNNN] [Originalsprache: Italienisch]
ZWEITE GENERALKONGREGATION (MONTAG, 6. OKTOBER 2008 -
NACHMITTAG)
- BERICHTE AUS DEN
KONTINENTEN
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VORTRAG VON S. EM. KARD. ALBERT VANHOYE SJ, EMERITIERTER REKTOR DES
PÄPSTLICHEN BIBELINSTITUTS IN ROM (FRANKREICH)
Heute um 16.30 Uhr hat in Gegenwart des Heiligen Vaters mit dem
Gebet des “Adsumus” die Zweite Generalkongregation begonnen. In der
Synodenaula wurden die Berichte aus den Kontinenten zum Thema der
XII. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode Das Wort
Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche verlesen.
Turnusmäßiger delegierter Präsident ist S.Em. Kard. William Joseph
LEVADA, Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre.
Nach einer Zeit der Diskussionsbeiträge der Synodenväter zu den
Berichten aus den Kontinenten und vor dem Vortrag von S.Em. Kard.
Albert Vanhoye SJ, em. Rektor des Päpstlichen Bibelinstituts, Rom
(Frankreich), hat der als Sondergast anwesende Oberrabbiner von
Haifa (Israel), Shear-Yashuv Cohen, gesprochen.
Bei dieser Generalkongregation, die um 18.55 mit dem Gebet des
Angelus beendet wurde, waren 245 Väter anwesend.
BERICHTE ÜBER DIE KONTINENTE
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Für Afrika: S.Exz. John Olorunfemi ONAIYEKAN, Erzbischof von Abuja
(NIGERIA)
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Für Asien: S.Exz. Thomas MENAMPARAMPIL, S.D.B., Erzbischof von
Guwahati (INDIEN)
-
Für Amerika: Kardinal Oscar Andrés RODRÍGUEZ MARADIAGA, S.D.B.,
Erzbischof von Tegucigalpa, Präsident der Bischofskonferenz
(HONDURAS)
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Für Europa: Kardinal Josip BOZANIĆ, Erzbischof von Zagreb (KROATIEN)
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Für Ozeanien: S.Exz. Michael Ernest PUTNEY, Bischof von Townsville
(AUSTRALIEN)
Es folgen die Veröffentlichungen der Berichte über die Kontinente:
-
Für Afrika: S.Exz. John Olorunfemi ONAIYEKAN, Erzbischof von Abuja
(NIGERIA)
Das wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche: Die
afrikanische Geschichte
Im Instrumentum Laboris (IL) lesen wir unter Nr. 7b folgende
wichtige Anmerkung: „In den jüngeren Ortskirchen ist die Lektüre der
Bibel weiter verbreitet als andernorts.“
Im Rahmen der zeitlichen Grenzen, die mir für diesen Vortrag gesetzt
sind, möchte ich nun in der gebotenen Kürze darlegen, dass die oben
angeführte Anmerkung für den afrikanischen
Kontinent von großer Bedeutung ist. Zwei wichtige Veranstaltungen
zum Thema Bibel haben uns auf dem afrikanischen Kontinent die
Gelegenheit gegeben, für den oben genannten Sachverhalt ein klares
Zeugnis abzulegen. Das erste Ereignis war der 40. Jahrestag der
Veröffentlichung des Konzilsdokuments Dei Verbum, an den bei einem
Kongress zum Bibelapostolat in Afrika erinnert wurde, der im Juni
2005 in Abuja (Nigeria) stattfand. Das zweite Ereignis fand vor
kurzem, im Jahr 2008, statt, als die Katholische Bibelföderation
ihre Vollversammlung zum ersten Mal auf dem afrikanischen Kontinent,
und zwar in Dar es Salam (Tansania), abhielt. Bei beiden
Gelegenheiten konnten wir Berichte darüber hören, was Gott alles
vollbringt, um das Wort Gottes an alle Ecken und Enden des
afrikanischen Kontinents zu bringen, und dies insbesondere seit dem
II. Vatikanischen Konzil. Heute schauen wir auf unseren Kontinent
und können sagen, dass das Wort Gottes in der Tat jene gute
Nachricht ist, die an allen Ecken und Enden verbreitet worden ist.
Sicherlich stehen wir vor vielen Herausforderungen, aber es gibt
auch viel Trostreiches zu berichten.
In meinen kurzen Ausführungen möchte ich der Gliederung des
Synodenthemas in drei Teile folgen, die wir in den Lineamenta und im
Instrumentum Laboris finden, nämlich:
(a) das Wort Gottes in Afrika
(b) das Wort Gottes im Leben der Kirche in Afrika und
(c) das Wort Gottes in der Sendung der Kirche in Afrika
I. DAS WORT GOTTES IN AFRIKA
1. Semina Verbi in der afrikanischen Tradition: Die vorsynodalen
Dokumente unterstreichen die Bedeutung eines globalen Konzeptes des
Wortes Gottes, das weit über den bloßen Schrifttext hinaus geht. Das
Wort Gottes ist der Dialog Gottes mit der gesamten Menschheit, der
sich auf alle Menschen aller Zeiten und Orte erstreckt. Die
Afrika-Synode rehabilitierte endlich und endgültig die traditionelle
afrikanische Religion und Kultur und erkannte in einem offiziellen
und maßgebenden Dokument an, dass die traditionelle afrikanische
Religion ein monotheistischer Glaube ist (EIA 7), der an den einen
wahren Gott glaubt und ihn, „den Schöpfer“ (EIA 57), verehrt. Es ist
derselbe Gott, der sich niemals vor einem Volk verbergen würde, das
ihn mit aufrichtigem Herzen sucht, (LG 15). Offensichtlich nähert
man sich diesem Gott aufgrund der menschlichen Unvollkommenheiten
mit Bildern und vagen Reflexionen. Doch die grundlegende Wahrheit
besteht darin, dass dieses höchste Wesen, der Schöpfer des Himmels
und der Erde, das Ziel des Gottesdienstes und der Gebete unserer
traditionellen afrikanischen Religion ist. Die grundlegenden Normen
der Moral, die sich in diesen Religionen finden, sind, so
unvollkommen sie auch sein mögen, ein Widerschein „jenes Lichtes,
das jeden Geist erleuchtet“ (Joh 1,9). All dies kann nicht ohne die
Gnade Gottes geschehen, wie es das II. Vatikanum deutlich hervorhebt
(LG 15). Es war nicht nur eine preparatio evangelica für eine
etwaige Rezeption der Botschaft des Evangeliums, sondern in der Tat
ein willkommenes Umfeld und ein fruchtbarer Boden für die
Verkündigung des Wortes Gottes im Hinblick auf die Schrift und auf
den Dienst der Kirche (EIA 57).
Ich glaube, es ist wichtig, dies anzuerkennen, wenn wir erklären
wollen, wie sich der christliche Glaube im letzten Jahrhundert so
weit über den afrikanischen Kontinent ausbreiten konnte: „Es war ein
wunderbares Werk der göttlichen Gnade“ (EIA 33). Mein verstorbener
Vater, der um 1920 als einer der Ersten in unserem Dorf den
christlichen Glauben annahm, klärte mich darüber auf, dass er, als
er Christ wurde, nicht an einen neuen Gott zu glauben begann. Es war
derselbe Olorun, das höchste Wesen der Yoruba, den er bereits aus
der traditionellen Religion kannte. Darauf baute er seinen
christlichen Glauben auf, kraft der Gnade Gottes und dank der
Verkündigung des Evangeliums durch die Missionare. So war auf dem
sogenannten Schwarzen Kontinent das Licht des Ewigen Wortes Gottes
niemals abwesend.
2. Afrika in der Heiligen Schrift: Dem Wort Gottes kommt die
besondere Bedeutung zu, jene inspirierte Schrift zu sein, die von
der Geschichte des Volkes Gottes im Alten und im Neuen Bund
berichtet. In dieser göttlichen Geschichte war der afrikanische
Kontinent stets deutlich präsent. Schon in frühesten Zeiten zog der
Patriarch Abraham nach Ägypten hinab (Gen 12,10-20). Wir sollten
auch nicht vergessen, dass Ägypten durch die Vorsehung auch zum
historischen „Brutkasten“ des Volkes Israel wurde. Die Familie
Jakobs – Israel –, die aus dem Land Kanaan nach Ägypten zog,
umfasste zu Zeiten Josephs 70 Personen (Ex 1,5). Diese blieben für
rund 430 Jahre im Gebiet von Goschen (Ex 12,40). Als sie beim Exodus
fortzogen, waren sie zu einem großen Volk von 600.000 Mann geworden,
„Frauen und Kinder nicht gerechnet“ (Ex 12,37). Würden wir ihre
Familienangehörigen mitzählen und dabei von durchschnittlich fünf
Personen pro Familie ausgehen, so ließe sich hochrechnen, dass sich
insgesamt rund 3 Millionen Menschen auf den Weg gemacht haben! Sein
erstes und frühestes Anwachsen erfuhr Israel als Volk also in
Ägypten. Für das Volk Israel ist Ägypten also nicht nur das Land der
Verfolgung und des Exodus, sondern auch das Land der Zuflucht und
des Schutzes. Für einen großen Teil seiner Geschichte war Israel ein
kleines Land, das zwischen den großen Ländern Ägypten im Süden,
Syrien im Norden und Mesopotamien im Osten lag.
Im Neuen Testament war wiederum Ägypten das Land, in dem die Heilige
Familie Zuflucht fand (Mt 2,13-15). Der Afrikaner Simon von Zyrene
half Jesus bei seiner Passion, das Kreuz zu tragen (Mk 15,21). An
Pfingsten kamen viele Pilger aus Afrika, „aus Ägypten und den
Landstrichen Libyens gegen Zyrene“ (Apg 2,10). Der äthiopische
Eunuch (Apg 8,26-39) war einer der ersten, die die christliche
Botschaft in seine Heimat, ins weit entfernte Herz Afrikas brachten.
Es verwundert daher nicht, dass einige der ersten Zentren des
Christentums – und zwar sowohl im Hinblick auf die Theologie und die
Theologen als auch hinsichtlich der Märtyrer und Bekenner – in
Nordafrika liegen: an dieser Stelle seien nur Alexandria, Karthago
und Hippo genannt. All dies wird gebührend anerkannt und gewürdigt
im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Ecclesia in Afrika von
Johannes Paul II, und zwar unter Nr. 31. Ich glaube, es ist wichtig,
uns diese Tatsache in Erinnerung zu rufen, damit wir nicht weiterhin
fälschlicherweise denken, dass für Afrika die gesamte
Heilsgeschichte etwas Neues und Fremdes sei und wir mit den
inspirierten Schriften zuvor nichts zu tun gehabt hätten. Unser
Kontinent kann sich rühmen, „biblisches Land“ zu sein, und dies in
einem solchen Maße, wie es viele der großen christlichen Nationen
unserer Zeit nicht von sich behaupten könnten.
3. Die Heilige Schrift im heutigen Afrika. Das II. Vatikanum
forderte dazu auf, dass der Zugang zur Heiligen Schrift allen
Gläubigen weit offenstehen müsse (DV 22). Seit dem Zweiten
Vatikanischen Konzil wurde einiges unternommen, um den Christen in
Afrika diesen Zugang zu ermöglichen. Wir stehen in dieser Hinsicht
jedoch noch immer vor vielen Schwierigkeiten.
3.1. Der materielle Text der Heiligen Schrift stellt vielerorts ein
großes Problem dar. Der Preis für eine Bibel mag an einigen Orten
der Welt sehr niedrig sein. In Afrika kann er hingegen so hoch sein
wie ein Monatslohn. Daraus folgt, dass viele Menschen nicht genug
Geld haben, um eine eigene Bibel zu erwerben. Es wurden viele
Anstrengungen unternommen, um Bibelausgaben zu erschwinglichen
Preisen zu produzieren. In diesem Zusammenhang müssen wir die
Initiativen unserer protestantischen Brüder loben, die dieses
Anliegen zu einer Priorität ihres Apostolates gemacht haben.
Vielerorts arbeitet die katholische Kirche mit anderen Christen
zusammen, insbesondere im Bereich der Bibelgesellschaften. Diese
Zusammenarbeit bringt reiche Früchte.
3.2. Abgesehen vom materiellen Text gibt es auch die Problematik der
Sprache. Der Text der Bibel ist in viele Sprachen noch nicht adäquat
übersetzt worden. Daher bleibt der direkte Zugang zum Wort Gottes
all jenen versperrt, die nur diese Sprachen beherrschen. Von großer
Bedeutung ist daher die Übersetzungsarbeit, die in der Tat keine
leichte Aufgabe ist. Auch in diesem Bereich der Bibelübersetzung
engagieren sich unsere protestantischen Brüder in vielen Gebieten
Afrikas sehr stark. Die katholische Kirche hat sich insbesondere
nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil mit großem Elan dieser Aufgabe
gewidmet und stieß dabei nicht selten auf Schwierigkeiten. Oft sind
die Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, sowie die Sachkenntnis, um
es dann konkret in die Tat umzusetzen, äußerst unzureichend. Die
Übersetzungsarbeit ist in Afrika sehr wichtig, wobei es nicht nur
darum geht, das Wort Gottes in eine andere Sprache zu übertragen,
sondern wir stehen auch vor der Problematik des Analphabetismus, der
in vielen Gebieten Afrikas weit verbreitet ist. Unter diesen
Umständen macht die Übersetzung der Bibel in die verschiedenen
lokalen Sprachen den Bibeltext auch für jene Menschen verfügbar und
zugänglich, die des Lesens unkundig sind. Sie können zuhören, wenn
die Bibel in ihren Sprachen vorgelesen wird, und können somit durch
das Zuhören das Wort Gottes in sich aufnehmen. In einer in hohem
Maße mündlich geprägten Kultur wie der afrikanischen kann die
Bedeutung des Hörens des Gotteswortes gar nicht deutlich genug
hervorgehoben werden. Jesus, unser Herr, sagte ja: „Selig sind
vielmehr die, die das Wort Gottes hören und befolgen“ (Lk 11,28).
Auch wenn ich fest daran glaube, dass jene, die das Wort Gottes
lesen, gesegnet werden, so scheint es doch, dass jene, die das Wort
Gottes schlicht und einfach hören, noch mehr Segen erfahren.
3.4. Aber nachdem wir das in unseren Sprachen vorgelesene Wort
Gottes gehört haben, stehen wir noch vor der Aufgabe, dieses Wort so
auszulegen, dass wir die wahre Bedeutung der Botschaft in uns
aufnehmen, die der Heilige Geist den Empfängern dieses Wortes
übermitteln will. Dabei stellt sich uns die Aufgabe der
Schriftauslegung,, der Exegese sowohl auf wissenschaftlichem als
auch auf seelsorgerischem Niveau. Uns wurde ein reiches Zeugnis
gegeben von den Wundern, die der Heilige Geist in den Herzen und
Seelen der vielen einfachen Christen bewirkt, die sich dem Wort
Gottes in tiefem Glauben und tiefer Liebe nähern. Es gibt eine Art
„geistlichen Instinkts“ für das rechte Verständnis des Wortes
Gottes, der einige Wissenschaftler und Exegeten, die mitunter
verantwortungslose Spekulationen betreiben, beschämen müsste. Die
Lineamenta (Nr. 19, 25) und das Instrumentum Laboris (Nr. 38)
berichten sehr ausführlich von der Lectio Divina. Seit dem Zweiten
Vatikanischen Konzil ist sie grundlegender Bestandteil des
Bibelapostolats in Afrika, wobei wir verschiedene Methoden zur
Lektüre, Betrachtung und zur konkreten Umsetzung der Schrift im
alltäglichen Leben unserer Mitmenschen aufgezeigt haben. So kamen
beispielsweise wertvolle Methoden zum Bibelstudium aus Stätten wie
dem Dzogbegan-Kloster in Nordtogo und dem Lumko Pastoralzentrum in
Südafrika, um hier nur einige zu nennen. Diese Methoden fanden in
der ganzen Welt Verbreitung, und sie werden, mitunter etwas
abgeändert, mit großem Nutzen angewandt.
3.5. Die neuen Medien: Auch bei diesem kurzen Überblick kommen wir
nicht umhin, auf die Herausforderung der neuen Medien hinzuweisen.
Computer und Satelliten haben die Kommunikation in unseren Tagen
revolutioniert. Wenn das Gotteswort so vermittelt werden soll, wie
Gott dies beabsichtigt, dann dürfen wir nicht die Entwicklung außer
Acht lassen, die sich im Bereich der neuen
Kommunikationstechnologien vollzieht. Leider öffnet sich die Schere
zwischen den reichen und den armen Nationen von Tag zu Tag mehr.
Aber die gute Nachricht ist, dass diese Technologien wiederum auf
vielerlei Weise dazu beitragen, diese Kluft zu überbrücken.
Mobiltelefone und Internet stehen mittlerweile selbst in entlegenen
Gebieten ohne Strom und Telefonnetz zur Verfügung. Die Möglichkeiten
zur Verbreitung des Wortes Gottes übersteigen alle
Vorstellungskraft. In vielen Teilen Afrikas gibt es viele kreative
Programme und Projekte zur Verbreitung der Botschaft der Heiligen
Schrift, die über die traditionellen Texte und Bücher hinausgehen.
Es besteht der dringende Bedarf an einer weltweiten Solidarität und
an der gemeinsamen Nutzung der Ressourcen.
II. DAS WORT GOTTES IM LEBEN DER KIRCHE VON AFRIKA
„Das Wort Gottes trägt die Kirche durch ihre Geschichte hindurch“
(Lin. 19). Dies trifft auch für die Kirche in Afrika zu.
1. Die frühe Kirche wurde um das in der Heiligen Schrift verkündete
Wort Gottes herum errichtet. Dies trifft in gleicher Weise für die
frühe Kirche in Nordafrika zu. Diese Tradition setzt sich bis in
unsere Tage ununterbrochen fort. In diesem Zusammenhang teilen sich
die koptischen Kirchen Ägyptens und Äthiopiens denselben Reichtum an
Schriften wie andere orientalische und nach östlichem Ritus
praktizierende Kirchen.
2. Die Aufmerksamkeit gilt heute jedoch mehr den jüngeren Kirchen
des subsaharischen Afrikas. Während die katholische Kirche in
einigen Teilen Afrikas auf das 15.Jahrhundert zurückgeht und in
Ländern wie Mosambik und Angola seit 500 Jahren ununterbrochen
fortbesteht, ist die Kirche in den meisten Gebieten des heutigen
Afrikas eine Frucht der Evangelisierung in jüngerer Zeit, so vor
allem im 20. Jahrhundert, „jener Epoche schnellen Wachstums“, als
welche sie in Ecclesia in Africa unter Nummer 33 beschrieben wird.
Die Missionare, die Ende des 19. Jahrhunderts und nahezu im gesamten
20. Jahrhundert den katholischen Glauben nach Afrika gebracht haben,
waren Männer und Frauen ihrer Zeit und ihrer jeweiligen
Herkunftsorte. Es versteht sich von selbst, dass die Bibel als
schriftlich abgefasster Text nicht so sehr das vorrangige Anliegen
im Leben der Kirche jener Tage war. Daher waren die frühen
katholischen Gemeinschaften eher vertraut mit der Glaubenslehre, die
sie aus dem Katechismus und den Predigten der Missionare gelernt
hatten, als mit dem Zitieren von Kapiteln und Versen aus der Bibel.
Dies soll jedoch nicht bedeuten, dass sie im Bereich der Heiligen
Schrift unkundig gewesen wären. Der Katechismus selbst gründete ja
indirekt auf der Heiligen Schrift. Und noch wichtiger war die
Liturgie: In der heiligen Messe wurden regelmäßig Texte aus der
Bibel gelesen und Predigten darüber gehalten. Das vorkonziliare
Messbuch enthielt zwar weniger Lesungen als das heutige Messbuch.
Dennoch wies es eine beachtliche Auswahl von Texten aus dem Alten
und Neuen Testament auf. Nicht zu unterschätzen ist auch der
weitverbreitete Gebrauch von Bibelgeschichten, die sich vor allem
bei Kindern und jungen Menschen besonderer Beliebtheit erfreuten.
Dank solcher Veröffentlichungen lernten sie mit großem Gewinn die
wichtigsten biblischen Geschichten aus dem Alten und Neuen
Testament. Natürlich gab es katholische Bibeln, die aber nicht sehr
weit verbreitet waren, und es lagen auch nicht so viele
Bibelübersetzungen vor. Man muss sagen, dass die Protestanten mit
ihrer Bibel in der Hand zum Gottesdienst gingen, während die
Katholiken mit ihrem Rosenkranz oder ihren Messbüchern zur Kirche
gingen, soweit sie eines besaßen.
3. Dann kam das Zweite Vatikanische Konzil mit seiner Revolution im
Bereich der Bibel, wodurch das Leben der Kirche in Hinsicht auf die
Heilige Schrift geöffnet wurde. Das Konzil gab klare Richtlinien
vor, und zwar nicht nur in Dei Verbum (vor allem in Kapitel 6),
sondern auch in anderen Dokumenten wie etwa in der Dogmatischen
Konstitution zu Liturgie, Sacrosanctum Concilium und
zurPriesterausbildung,,Optatam Totius, wo die Heilige Schrift als
„Seele der Theologie“ bezeichnet wird (OT 16). Diese Richtlinien
wurden von der Kirche in Afrika mit großer Ernsthaftigkeit
umgesetzt. Man kann durchaus behaupten, dass damals eine Welle der
Begeisterung für das in der Heiligen Schrift enthaltene Wort Gottes
ihren Anfang nahm. Vor allem viele Laiengläubige waren erfüllt von
einem großen Durst nach dem Wort Gottes in der Heiligen Schrift. Sie
taten das ihnen Mögliche, um so viel zu lernen wie sie konnten. In
der Tat schreckten sie zeitweilig nicht einmal davor zurück,
schmutziges Wasser aus vergifteten Brunnen in nichtkatholischen
Gebieten zu trinken.
Das Konzil legte die Verantwortung für den rechten Umgang mit der
Heiligen Schrift fest auf die Schultern der Verantwortlichen der
jeweiligen Ortskirchen, also der Bischöfe. Die Bischöfe Afrikas
haben diese Aufgabe nie vernachlässigt. Nahezu jede
Bischofskonferenz verfügt über eine eigene Bibelkommission und über
Kommissionen für das Bibelapostolat. Diese Kommissionen arbeiten
auch eng zusammen mit anderen Bischofskonferenzen auf regionaler und
kontinentaler Ebene. Auf kontinentaler Ebene hat die SECAM ein
eigenes Koordinierungsbüro, das „Biblical Centre for Africa and
Madagascar (BICAM)“ genannt wird. Zuvor hatte es seinen Sitz in
Nairobi, es befindet sich aber mittlerweile im Hauptsitz der SECAM
in Accra in Ghana. Die Struktur auf afrikanischer Ebene wird auf
weltweiter Ebene koordiniert und integriert durch die Katholische
Bibelföderation, zu deren größten Förderern die Kirche in Afrika
gehört. Durch diese Strukturen verfügt das kirchliche Lehramt in
Afrika über die Möglichkeit, zum Gebrauch der Heiligen Schrift in
der Kirche zu ermutigen, zu fördern und zu koordinieren.
Bibelprojekte wie die Produktion von Bibelausgaben,
Übersetzungsarbeiten und die Veröffentlichung von Arbeitsmaterial
zur Bibel werden genauestens von kompetenten Fachleuten
beaufsichtigt, die von den zuständigen Autoritäten eigens für diese
Aufgabe ausgewählt wurden. Dadurch wurden in den meisten Ländern
reiche Früchte hervorgebracht.
In diesem Bereich ist die afrikanische Kirche den zahlreichen
Instituten geweihten Lebens, die sich in besonderer Weise dem
Bibelapostolat widmen, zu großem Dank verpflichtet. Erwähnt werden
sollen an dieser Stelle vor allem die Patres und die Schwestern vom
Hl. Paulus (Paulus-Familie), die zahlreiche Bibelausgaben und
Arbeitsmaterial zur Bibel produzieren, sowie die Gesellschaft vom
Göttlichen Wort, um nur einige von ihnen zu nennen.
Im Bereich der wissenschaftlichen Exegese hat die afrikanische
Kirche die Notwendigkeit erkannt, dass den afrikanischen Exegeten
und Theologen eine angemessene Unterstützung, Ermutigung und
Anleitung in ihrer Arbeit gegeben werden muss. Die SECAM hat ein
eigenes Bibelkomitee, das „Commibible“ genannt wird und als ihre
Bibelkommission fungiert. Seine Aufgaben bestehen genau gesagt
darin, die Arbeit der BICAM und der anderen Einrichtungen des
Bibelapostolats in Afrika zu beaufsichtigen. Mit der „Commibible“
arbeitet sehr eng die Vereinigung Afrikanischer Bibelexegeten
zusammen, die „Pan-African Association of Catholic Exegetes“ (PACE)
genannt wird. Diese Vereinigung kommt regelmäßig alle zwei Jahre zu
Kongressen und wissenschaftlichen Tagungen zusammen, wo auf
exegetisch höchstem Niveau über bestimmte Fragen zur Heiligen
Schrift beraten wird. Auch Fachleute aus anderen Regionen der
Weltkirche zollen ihren Veröffentlichungen hohen Respekt und hohe
Anerkennung. Diese Arbeit verdient größte Unterstützung und
Ermutigung.
III. DAS WORT GOTTES IN DER SENDUNG DER KIRCHE IN AFRIKA
Wir haben nun einige der Initiativen kennengelernt, die die Kirche
im Rahmen ihrer Sendung in Afrika durch die Verkündigung des Wortes
Gottes unternimmt. Wir möchten im Folgenden nur einige Aufgaben kurz
zusammenfassen:
1. Erstevangelisierung: Zunächst sei angemerkt, dass Afrika noch
immer der Kontinent der Erstevangelisierung ist. Aktuelle
Statistiken zeigen, dass der Anteil der Katholiken an der
afrikanischen Bevölkerung rund 14% beträgt (EIA 38). Die Ernte auf
dem Feld ist also sehr reich (EIA 74). Der Auftrag der
Erstevangelisierung erfordert natürlich, dass das Wort Gottes in all
seiner Macht und Stärke verkündet wird. Dazu ist es nötig, dass wir
all jenen angemessen die Heilige Schrift nahebringen, die wir zur
Annahme der christlichen Botschaft einladen. Die Katechese, die wir
im Rahmen unserer Erstevangelisierung erteilen, ist immer tiefer in
der Heiligen Schrift verwurzelt, gemäß den Richtlinien des
Allgemeinen Direktoriums für Katechese und nach dem Vorbild des
Katechismus der Katholischen Kirche.
2. Seelsorge: Der Sendungsauftrag der Kirche besteht auch darin,
ihre Glieder dazu anzuleiten, ihren christlichen Glauben konsequent
in ihrem alltäglichen Leben und ihren alltäglichen Tätigkeiten zu
leben. Dabei ist das Wort Gottes in der Heiligen Schrift ein
konstanter Bezugspunkt, „ein Licht auf unserem Weg“ (Ps 119,105).
Die Heranführung an das Alte und Neue Testament in der Heiligen
Schrift sind von bleibendem Wert, da das Wort Gottes alle Zeiten
überdauert. Der Christ, der in dieser Welt lebt und für die
Botschaft des Evangeliums Zeugnis ablegen soll, muss ermutigt
werden, mit den Quellen seines Glaubens vertraut zu werden, und vor
allem mit dem inspirierten Wort Gottes. So spielt die Heilige
Schrift eine große Rolle im Sendungsauftrag, den die Kirche
gegenüber ihren Gliedern erfüllt.
3. Ökumene: Die Kirche hat auch einen Sendungsauftrag gegenüber all
jenen, die nicht direkt zu ihr gehören. Wir denken dabei zunächst an
die anderen Christen, die nicht unserer Kirche angehören. Wir hatten
bereits die Gelegenheit, von unserer Zusammenarbeit auf ökumenischer
Ebene im Bereich der Produktion von Bibeln und deren Übersetzung zu
berichten. Zu unserer eigenen Freude und ganz gewiss zur größeren
Ehre Gottes haben wir feststellen können, dass die größere
Vertrautheit der Katholiken mit der Heiligen Schrift uns näher an
unsere Brüder aus anderen christlichen Traditionen heranführt, für
welche die Heilige Schrift oft die wichtigste und vielleicht die
einzige Quelle für eine christliche Lebensführung ist. Wenn wir
fähig werden, gemeinsam die Bibel zu lesen und gemeinsam auf
Grundlage der Bibel zu beten, könnten viele Missverständnisse aus
dem Weg geräumt werden. Auch würde dadurch eine fruchtbarere
Zusammenarbeit ermöglicht und der gesamte Sendungsauftrag der Kirche
gestärkt. Gewiss gibt es in diesem Bereich auch Schwierigkeiten, vor
allem mit Gruppen, die nicht nur fundamentalistisch, sondern
eindeutig antikatholisch sind. Afrika ist da bedauerlicherweise der
Müllabladeplatz für alle möglichen verrückten Ideen aus anderen
Kontinenten. Es wird sogar behauptet, dass unsere Kirche die Bibel
nicht „achte“ und nicht als wirklich katholisch angesehen werden
könne. Zahlreiche Glieder unserer Kirche werden oft belästigt durch
die Übergriffe und Schikanen dieser Gruppen, vor allem wenn wir
selbst nicht richtig darauf vorbereitet sind, unsere eigenen
katholischen Standpunkte zu verteidigen. Viele unserer Gläubigen
stellen sich jedoch der Herausforderung, die Heilige Schrift noch
ernster zu nehmen und für ihre eigenen Überzeugungen einzustehen,
wenn sie oder ihre Kirche von anderen angegriffen werden. Ich glaube
aber, dass die allmählich immer enger werdenden Beziehungen zu
unseren protestantischen Brüdern in Afrika insgesamt in die richtige
Richtung gehen.
4. Interreligiöse Dimension: In diesem Bereich führen wir
großangelegte Gespräche mit den traditionellen afrikanischen
Religionen und dem Islam. Es gibt zwar auch einige Anhänger anderer
Weltreligionen wie etwa dem Judentum, dem Hinduismus, dem Buddhismus
usw., diese sind jedoch in pastoraler Hinsicht von eher geringerer
Bedeutung für uns. Wir stehen also vor der Herausforderung,
Beziehungen aufzunehmen mit unseren afrikanischen Brüdern und
Schwestern, die diesen oder anderen Religionen angehören, und wir
sollen dabei ausgerüstet sein mit dem in unseren Heiligen Schriften
enthaltenen Wort Gottes. Ich habe bereits von den Anhängern der
traditionellen afrikanischen Religionen berichtet und von den vielen
Wahrheiten und Werten, die sie mit unserem christlichen Glauben
gemeinsam haben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Anhänger
der traditionellen afrikanischen Religionen gerne die biblischen
Berichte hören und vieles von dem annehmen, was in der Bibel gesagt
wird.
Dies kann bis zu einem gewissen Grade auch von den Moslems gesagt
werden, die Jesus zumindest als Propheten anerkennen. Sie sprechen
vom „Evangelium“, worunter aber nicht notwendigerweise dasselbe
Evangelium zu verstehen ist, das wir lesen. Es gibt aber die
Gemeinsamkeit, dass Gott durch seine Propheten zu uns gesprochen
hat. Der Respekt vor den Heiligen Schriften wird daher im
Allgemeinen als selbstverständlich angesehen. Da der Heilige Koran
so viele Stellen aufweist, die auch in unseren Heiligen Schriften
vorkommen, gibt es eine breite Basis für die gemeinsamen Gespräche,
die wir mit unseren muslimischen Brüdern und Schwestern führen. Die
Tragödie ist jedoch, dass in dieser Richtung nicht viel getan wird,
da sich die Rivalitäten zwischen Christen und Moslems vielerorts
mehr auf die Unterschiede als auf unsere Gemeinsamkeiten
konzentrieren. Außerdem gibt es Fanatiker, die verwegen behaupten,
dass der Heilige Koran die von Gott selbst gemachte Korrektur und
Weiterentwicklung unserer Schriften sei. Wo Menschen solche wenig
hilfreichen Ideen verbreiten, da wird der gegenseitige Respekt
gegenüber unseren Heiligen Schriften eher problematisch.
Das Zweite Vatikanische Konzil gab die Empfehlung, eigene
Bibelausgaben für Anhänger anderer Glaubensrichtungen auszuarbeiten.
So viel ich weiß, wurde in dieser Richtung bisher recht wenig
unternommen. Ich glaube, wir sollten zumindest in Afrika mehr in
dieser Hinsicht tun.
SCHLUSSBEMERKUNG
Vieles geschieht also in unseren Tagen im Hinblick auf das Wort
Gottes in der Kirche und vor allem im Leben und in der Sendung der
Kirche in Afrika. Wir haben versucht, hier einen kurzen,
schlagwortartigen Überblick zu geben über die Realität, in der wir
leben. Es ist das Werk des Geistes unseres Herrn, der in unseren
Ortskirchen wirkt. Vieles von dem, was dort passiert, ist nicht
eigens dokumentiert. Es geschieht auf lokaler Ebene und bleibt dort
verborgen. Doch gerade dort ist der Geist am Wirken. Wir erhoffen
uns von dieser Synode, dass die Begeisterung für das Wort Gottes,
die wir derzeit auf unserem Kontinent feststellen können, gestärkt
und vertieft wird. Auch hoffen wir, dass unserer Bericht über die
Herausforderungen, vor denen wir stehen, und über die Begrenztheit
unserer Mittel dazu führen wird, dass uns in den oben erwähnten
Bereichen noch mehr Unterstützung zuteil wird. Wir vertrauen auch
weiterhin auf den Geist unseres Herrn Jesus, des Urhebers und
erhabenen Lehrers dieser Schriften, auf dass er sein Wort allen
erschließe, die es mit offenem Herzen hören. Das Wort Gottes möge in
all seiner Fülle in unseren Herzen wohnen. Amen. (Kol 3,16).
[00012-05.05] [NNNNN] [Originalsprache: Englisch]
-
Für Asien: S.Exz. Thomas MENAMPARAMPIL, S.D.B., Erzbischof von
Guwahati (INDIEN)
Das Wort Gottes in Asien
„Und das Wort ist Fleisch geworden“
1. Das Wort ist in Asien Fleisch geworden. Von hier aus wurde Seine
heilbringende Botschaft in die ganze Welt getragen: Paulus hörte auf
den Ruf des Mazedoniers und machte sich auf den Weg nach Westen,
nach Europa; Petrus setzte die Segel in Richtung Rom; Jakobus ging
nach Spanien, Markus nach Alexandrien, Thomas nach Indien; Irenäus
gelangte nach Lyon und andere bis an die Grenzen der Erde.
2. Das Wort Gottes wurde von Einzelpersonen und Gemeinschaften
aufgenommen und meditiert, es nahm Gestalt an in den spirituellen
Traditionen Asiens, die zum gemeinsame Erbe der frühen Kirche
wurden. Die ersten Konzilien der Kirche, die in Asien abgehalten
wurden, vertieften die Reflexion. Wir werden nie wissen, wie viel
vom kulturellen Reichtum und dem religiösen Ernst Asiens in die
Denkweisen und die Praxis eingeflossen sind, die wir heute als Teil
des allgemeinen christlichen Erbes betrachten, zum Beispiel in den
Bereichen der Lehre, der Liturgie, des Mönchtums, der kirchlichen
Disziplin, des missionarischen Geistes u.a. Sie bleiben ein
ununterscheidbarer Teil unseres gemeinsamen Erbes. Wir können in der
Tat die Augen nicht verschließen vor dem speziell „asiatischen
Charakter“ des biblischen und frühchristlichen Vermächtnisses.
Das verkündete Wort
3. Die Geschichte lehrt uns, dass syrische Mönche das Wort Gottes
voll Begeisterung nach Persien, Afghanistan, Zentralasien, Westchina
und Südindien gebracht haben. Sie pflegten den Dialog und die Lehre,
aber in jeder Situation gaben sie mit außerordentlichen Eifer die
Botschaft Jesu weiter. Es gibt Belege dafür, dass sie mit Anhängern
der Zoroastrischen Lehre, mit Buddhisten, Manichäern, Taoisten,
Konfuzianern, Hindus, Muslimen und Oberhäuptern der
Stammesreligionen unter den Turkvölkern, Hunnen und Mongolen
Kontakte pflegten. Christliche Gemeinschaften entstanden an so weit
entfernten Orten wie Xian (China). Klöster entwickelten sich als
Zentren der Gelehrsamkeit und als Bollwerke der Theologie und der
Spiritualität (zum Beispiel Edessa, Nisibis). Die Mönche schöpften
aus der Fundgrube der einheimischen Sprachen, Kulturen, Religionen
und Ideen, die sie bei den verschiedenen Völkern vorfanden. Spontan
nahmen lokale Ausdrucksweisen des Glaubens Form an.
4. All diese Gemeinden zusammengenommen mögen etwa 70 Millionen
Christen gezählt haben. Aber unglücklicherweise gingen viele von
ihnen aufgrund des Auftretens mächtiger feindlicher Kräfte im Herzen
Asiens in späteren Jahren zugrunde oder wurden stark geschwächt. Die
Gemeinschaften in Südindien und Westasien jedoch blieben bestehen.
Kultureller Widerstand
5. Abgesehen von diesen Rückschlägen gab es auch andere Gründe,
warum die asiatischen Gesellschaften das Angebot der christlichen
Verkündigung ignorierten. Wie die zu sehr auf ihre philosophische
Weisheit vertrauenden Athener nicht leicht dazu geneigt waren, einer
Verkündigung Aufmerksamkeit zu schenken (der Botschaft des hl.
Paulus), die einen anderen kulturellen Hintergrund hatte, so dachten
auch die führenden Persönlichkeiten der asiatischen Hochkulturen
nicht, dass sie etwas nötig hätten, was sie nicht schon durch ihre
eigenen großen intellektuellen Anstrengungen und ihre religiöse
Suche erlangt hätten. Während sie von außen kommenden Ideen und
Erfahrungen immer eine leichte Neugier entgegenbrachten, konnten sie
es sich nicht vorstellen, dass der von ihnen angesammelte,
überwältigend große Schatz an Weisheit nach einer ernsthaften
Korrektur oder Ergänzung verlangte.
6. Historisch gesehen ließ auch die Tatsache, dass das Christentum
zur offiziellen Staatsreligion des Römischen Reiches erklärt worden
war, den Persern die christliche Religion als eng verbunden mit Rom
erscheinen, dem Hauptrivalen und Feind Persiens. Seit dieser Zeit
haftete den christlichen Gemeinschaften in den verschiedenen Teilen
Asiens immer das Bild an, Loyalität gegenüber ausländischen, fremden
Kräften zu pflegen. Das wurde die Zeit des Kolonialismus hindurch
und bis in unsere Tage so gesehen, insbesondere weil das Christentum
für die meisten den Westen repräsentierte[1]. Deshalb setzten die
herrschenden Klassen der christlichen Verkündigung Widerstand
entgegen, während die Randgruppen – wie zum Beispiel kleinere
ethnische Gruppen, Stammesgemeinschaften, Fischer, unterdrückte
Minderheiten, ärmere Klassen und Ausgestoßene, die die
gesellschaftlichen Wirklichkeiten aus einem anderen Blickwinkel
sahen als die dominierenden Gemeinschaften – die befreiende Kraft
der Frohen Botschaft gern annahmen (Lk 4,18; Mt 5,3).
Die Ausbreitung des Christentums
7. Die großen Leistungen der späteren Missionare, die meist aus der
westlichen Welt kamen, ist uns noch lebendig im Gedächtnis: das, was
Franz Xaver, Valignano, de Rhodes, Britto, Vaz, Lievens erreicht
haben, die voll Eifer hier wirkten; Menschen, die sich den Kulturen
anzupassen wussten wie De Nobili, Ricci. Diese und viele andere
heldenhafte Seelen drangen in die abgelegensten Regionen vor,
begegneten mutig den abweisendsten Herrschern, überwanden immense
kulturelle Barrieren, verkündeten das Evangelium, bauten Gemeinden
auf, erfanden die Schrift für eine Sprache, versahen Sprachgruppen
mit einer Literatur, betrieben ethnologische Studien, machten
unbekannte Gemeinschaften einem weiteren Kreis bekannt, weckten das
Interesse für anthropologische Reflexionen, intervenierten zugunsten
von unterdrückten Gemeinschaften, boten ihre Dienste an im Bereich
des Gesundheitswesens und der Erziehung und Bildung und schufen dort
beeindruckende Einrichtungen. Sie setzten sich ein für
Sozialreformen, führten ganze Gesellschaften in die Moderne, sie
pflanzten den Menschen Ideen in die Herzen ein, um ihre Gesellschaft
zur Freiheit zu führen, sie stellten sich für leitende Positionen in
der Kirche und in der weiteren Gesellschaft zur Verfügung. Verbunden
mit einem erbaulichen Maß an Selbstkritik, begannen sie in den
verschiedenen kulturellen Kontexten mit der theologischen Reflexion,
die den Grundstein legte für das heutige missiologische Denken. Die
Kirche in Asien ist heute das, was sie ist, dank ihres äußert
großherzigen Dienstes [2]. Die Fortsetzung dieses Werkes liegt heute
in unseren Händen.
Das in das Leben umgesetzte Wort: das Zeugnis
8. Seit den ersten Anfängen des Christentums wohnte den Verkündern
des Evangeliums eine überzeugende Kraft inne, weil ihr „Wort“ in die
Tat umgesetzt wurde. Mutter Teresa ist ein neueres Beispiel dafür.
Missionare blieben kreativ und betraten immer neue Wirkungsfelder.
Ihr Dienst in den Bereichen des Gesundheitswesens und der Bildung
und Erziehung werden hoch geschätzt. Über diese Bereiche hinaus
haben sie die Gebiete neuer Formen der Armut betreten:
Analphabetismus, Arbeitslosigkeit, städtische Gewalt,
Diskriminierung aufgrund des Geschlechts oder der
Kastenzugehörigkeit, Ermordung weiblicher Föten, Drogenabhängigkeit.
Sie haben ihre Dienste für Straßenkinder, ledige Mütter, zerbrochene
Familien, Behinderte, AIDS-Patienten, Kranke im Endstadium, Opfer
von Gewalt, Migranten, in den Slums lebende Menschen, die Landlosen
und die Gefangenen vermehrt. Sie beteiligen sich aktiv am Kampf um
Gerechtigkeit für unterdrückte Bevölkerungsgruppen, am Einsatz für
einen gesellschaftlichen Wandel, die kulturelle Förderung, den
Umweltschutz, die Verteidigung des Lebens und der Familie, sie
treten ein für die Schwachen, Unterdrückten und Ausgegrenzten und
verleihen denen, die keine Stimme haben, eine Stimme.
9. Auch wo dem Evangelium viel Widerstand entgegengebracht wird,
wird das dem Evangelium entsprechende Zeugnis der sozial bedeutsamen
Werke gerne angenommen. Ein stiller, aber aufrichtiger Dienst hat
eine ganz eigene Beredsamkeit, „ohne Worte und ohne Reden, unhörbar
bleibt ihre Stimme. Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt
hinaus, ihre Kunde bis zu den Enden der Erde“ (Ps 19,4-5). In Asien
gibt es Orte, an denen man die Botschaft besser „hinter
verschlossenen Türen ins Ohr flüstert“ als „auf den Dächern
verkündet“ (Lk 12,3). Das ist eine strategische Entscheidung in
Situationen, wo die Religionsfreiheit eingeschränkt ist, und
bedeutet nicht, dass man seine Pflicht aufgibt. Denn die Pflicht,
die Botschaft weiterzugeben, bleibt. Manche sind in dieser Hinsicht
äußerst weit gegangen und haben die Werte des Evangeliums und die
Sache Jesu mit der Hingabe ihres Lebens bezeugt.
Das Wort wird weiter verkündet
10. Es wurden in Asien große Anstrengungen unternommen, um das Wort
Gottes dem Volk näherzubringen. Diese Anstrengungen wurden seit dem
Zweiten Vatikanum verstärkt. Die Kenntnis der Bibel ist größer
geworden. Bibelübersetzungen sind zahlreicher geworden [3], viele
sind in ökumenischer Zusammenarbeit entstanden. Die Begeisterung für
die Botschaft der Bibel hat zugenommen. Bibelsonntage werden
abgehalten. Die Zahl der Gruppen, die gemeinsam die Bibel studieren,
hat zugenommen: Christliche Basisgemeinschaften, BEC’s, kleine
christliche Gemeinschaften, charismatische Gruppen,
Laienvereinigungen, Jugendgruppen, Familientreffen. Gläubige lesen
das Wort Gottes in kleinen Gruppen, denken darüber nach, wenden die
Botschaft auf ihre persönliche Situation an und beten (einige folgen
der LUMKO und der ASIPA Methode). Sie brauchen Hilfe, denn ohne
Führung kann der überschwängliche Enthusiasmus zu einer freien
Interpretation der Heiligen Schrift führen und auch Menschen, die
schon lange gläubig sind, können so weit kommen, die Kirche zu
verlassen und sich fundamentalistischen Gruppen anzuschließen. Es
ist ebenso eine Herausforderung für Priester und Gottgeweihte, sich
selbst stärker in der Heiligen Schrift zu verwurzeln.
11. Biblische Studien werden über Fernkurse, auch in der
Landessprache, durchgeführt. Bibeln und biblische Literatur stehen
den Schülern in unseren Schulen, den Patienten in den Krankenhäusern
und den Menschen im allgemeinen in den verschiedenen
Lebenssituationen zur Verfügung. Bibelschulen bieten einen
neuartigen Dienst an. In unseren Büchereien wächst weiterhin die
Zahl der Bücher, die einen Bezug zur Bibel haben. Kreativ angelegte
Bibel- und theologische Kurse werden den Gottgeweihten, den Laien
und den engagierten Jugendlichen angeboten. Wochenendkurse erfreuen
sich einer steigenden Beliebtheit[4]. Hilfen für das Studium der
Bibel werden in großem Rahmen hergestellt (Audiovisuelle
Materialien, Bilder, Kunstgegenstände, Filme, CD, Kassetten,
Lektionen im Internet und Botschaften auf dem Handy, Poster an
öffentlichen Plätzen). Wochen des Bibelstudiums und Bibelsonntage
werden abgehalten. Die Bibel wird immer stärker in der Pastorale
eingesetzt. Die Bibel erhält in immer mehr Familien einen
herausragenden Platz. Es gibt ein wachsendes Interesse für die
Tradition der Lectio divina. In den Predigten der Liturgiefeiern
wird das Wort Gottes erklärt. Wahrscheinlich sollten diese weniger
akademisch sein und eine größere Bedeutung für das christliche Leben
haben.
12. Volkstümliche Ausdrucksformen (Tänze, Sketche, Theaterstücke,
Rezitationen, Geschichten erzählen) werden geschickt genutzt, um die
biblischen Geschichten nachzuerzählen. Die Printmedien
interpretieren die aktuellen Ereignisse aus christlicher Sicht. Die
elektronischen Medien (Radio Veritas, Shalom TV) bringen katholische
Nachrichten und Kommentare in die entferntesten Dörfer. Katholische
Informationszentren sind zahlreicher geworden, und Menschen wenden
sich auf ihrer Sinnsuche Christus zu. Der Einsatz für die biblische
Botschaft bildet einen gemeinsamen Boden für ökumenische
Initiativen.
13. Große Anstrengungen werden unternommen, um der nächsten
Generation die christliche Lehre treu weiterzugeben. Kinder werden
im traditionellen Katechismus unterrichtet, verbunden mit
Wettbewerben, Ratespielen und Theaterstücken, um das Lernen
interessant zu machen. Dennoch sollte kulturell bedeutsamen
Kommunikationsstilen eine größere Bedeutung beigemessen werden.
Junge Erwachsene lesen die Bibel. Sie suchen ihr Verständnis der
zentralen biblischen Botschaften zu vertiefen und versuchen sie auf
ihre soziale Situation anzuwenden. Sie möchten voll Begeisterung die
Frohe Botschaft mit anderen teilen. Es ist von Interesse zu
erwähnen, dass 65% der Asiaten junge Menschen sind.
Das Wort Gottes nährt das Gebetsleben und fördert das Wachstum der
Kirche
„Athener, nach allem, was ich sehe, seid ihr besonders fromme
Menschen“ (Apg 17,22)
14. Diese Worte richten sich zurecht auch an die heutige Bevölkerung
Asiens; denn sie misst ihren Religionen in einer sich schnell
säkularisierenden Welt weiterhin große Bedeutung bei. So „zeigen die
Religionen Asiens trotz der Beeinflussung durch Modernisierung und
Verweltlichung eine große Vitalität und Erneuerungsfähigkeit, wie
die Reformbewegungen innerhalb der verschiedenen Religionsgruppen
beweisen“ (EA 6). Der Dialog mit den Mitgliedern lebendiger
Religionen kann auch impulsgebend sein für den eigenen Glauben. Der
Sinn für das Heilige, den sie fördern, ist ein hoher menschlicher
Wert.
15. Wir sind Gott dankbar dafür, dass der Kirchenbesuch auf unserem
Kontinent ermutigend hoch ist. Die Sonntage werden heilig gehalten.
In weit entfernten Dörfern, wo es nicht jeden Sonntag die
Möglichkeit einer heiligen Messe gibt, versammeln sich die Menschen
mit großer Ehrfurcht und Frömmigkeit um das Wort Gottes. Das
Gebetsleben, sowohl das liturgische als auch das in persönlichen
Situationen, wird durch Lesungen aus der Bibel bereichert. Die Zahl
und die Größe der Gebetsgruppen steigt weiter an. Das Wort Gottes
vermittelt eine starke Motivation für das Apostolat und lässt die
Verbreitung des Evangeliums fruchtbar werden. Große Scharen strömen
zu charismatischen Einkehrtagen, die das Wort Gottes mit all seiner
Kraft verkünden. Menschen ändern ihr Leben. Heilungsgebete ziehen
auch Nichtchristen in großer Zahl an. Es geschehen Wunder der
Heilung und der Bekehrung.
16. Ein bedeutungsvolles Wachstum der Kirche ist feststellbar, wo
unsere Mitarbeiter im apostolischen Dienst (Priester, Schwestern und
Katecheten) sich aktiv für die Missionsarbeit in dafür empfänglichen
Gemeinschaften einsetzen. Sie bereisen die Dörfer, machen
Hausbesuche, sie schaffen Kontakt zu Einzelpersonen und Gruppen
durch direkte Begegnung. Unter diesen Gruppen sind die vielen
ethnischen Minderheiten (Volksstämme) in verschiedenen Teilen
Chinas, der indonesischen Inseln, Nord-Myanmars, Thailands und
Nordost-Indiens zu erwähnen sowie andere Orte, die begeistert auf
diese Art der Mitteilung des Wortes Gottes reagiert haben. Und die
Botschaft Jesu hallt wider von den Höhen des Himalaja bis zu den
fernen Ozeanen. Und sie findet ein erneutes Echo in Zentralasien.
Die Vorbereitung der Verkünder des Wortes: eine Blüte der Berufungen
in Asien
17. Es ist selbstverständlich, dass die Verkünder des Wortes Gottes
eine ernsthafte theologische und spirituelle Ausbildung erhalten
sollten. Die Ernte ist in der Tat groß, und, Gott sei Dank, steigt
auch die Zahl der Arbeiter weiter an. Berufungen entstehen in Asien
auch in neuen christlichen Gemeinschaften. Die Zahl der
Priesterseminare und Bildungshäuser steigt. Theologische Institute,
Ausbildungszentren für Katecheten und andere Einrichtungen zur
Ausbildung von Gottgeweihten und Laien werden zahlreicher. Die
bereits bestehenden, erweitern ihr Angebot und bieten eine größere
Vielfalt von Diensten.
18. Das Leben der Ordensleute und Gottgeweihten wird in Asien
verstanden, seine Bedeutung anerkannt, sein Beitrag geschätzt und
deren Vertreter werden respektiert. Denn es gibt einheimische
Vorbilder anderer asiatischer Religionen für das religiöse Leben.
Religiöse Werte wie Verzicht, Askese, Stille, Gebet, Kontemplation
und Zölibat werden hoch geschätzt. Neue Kongregationen und
Gesellschaften des apostolischen Lebens werden gegründet und neue
religiöse Bewegungen entstehen, weil diese Tendenz der in der
Gesellschaft vorherrschenden Atmosphäre entspricht, wo jede Religion
sich erneuert und spirituelle Führer sehr gesucht sind. Gottgeweihte
Menschen werden in Asien als Hüter der religiösen und menschlichen
Weisheit betrachtet. Mit einer entsprechenden Ausbildungen können
junge Ordensleute und Gottgeweihte wirksame Verkünder der
christlichen Botschaft werden.
Vertiefung der theologischen Reflexion
„Bei dem Prozess der Begegnung mit den verschiedenen Kulturen der
Welt vermittelt die Kirche, die Kulturen von innen her erneuernd,
nicht nur ihre Wahrheit und ihre Werte, sondern sie schöpft auch aus
deren schon existierenden positiven Elementen“ (EA 21).
19. Eine vertiefte theologische Ausbildung beinhaltet auch eine
anspruchsvollere Reflexion über das Wort Gottes im asiatischen
Kontext von Armut und Ungerechtigkeit und ebenso einer Vielfalt von
Religionen, Zivilisationen und Kulturen. Das schließt den Gebrauch
von Denkkategorien, Symbolen, geistlichen Traditionen ein, die für
Menschen in Asien bedeutungsvoll sind. Hier liegt eine
herausfordernde Aufgabe für den Lehrer des Wortes Gottes.
20. Wie wir wissen, haben Worte in einem anderen kulturellen Kontext
auch andere Bedeutungen oder Konnotationen. Wenn man zu nahe an den
traditionellen christlichen Ausdrücken bleibt, kann die Botschaft
von Außenstehenden vielleicht nicht leicht verstanden werden. Wenn
die Hauptsorge darin liegt, verständlich zu sein, kann es dazu
kommen, dass man sich von der ursprünglichen Ausdrucksweise
entfernt. So kann es zu Missverständnissen kommen.
21. Dennoch sind dies keine unüberwindbaren Hindernisse. Nach einem
ernsthaften Studium und reiflicher Überlegung findet Inkulturation
auf einer sehr tiefen Ebene statt; denn bei der Inkulturation
handelt es sich nicht um ein paar Äußerlichkeiten. Im Lauf der
Geschichte hat das Evangelium in unterschiedlichen Teilen der Welt
viele kulturelle Barrieren überwunden: zur hellenistischen,
germanischen, keltischen, slawischen, syrischen und ägyptischen
Kultur. Jeder Schritt förderte die Entwicklung der Theologie und
bereicherte das Leben der Kirche. Aber es erforderte eine große
Sensibilität gegenüber der jeweiligen Kultur und den Empfindungen
der Glaubensgemeinschaft, zugleich großes Verantwortungsbewusstsein
gegenüber der Ortskirche und der Gesamtkirche und Treue zum Wort
Gottes. Das Lehramt stellte immer eine wertvolle Hilfe dar. Um diese
Bemühungen zu unterstützen, bieten die theologischen Zeitschriften
in Asien eine große Auswahl an einheimischer theologischer
Reflexion. Auf diese Art und Weise möchte die Kirche in Asien zum
„Wachstum des Wortes Gottes“ (vgl. Apg 6,7; 12,24; 19,20) beitragen.
22. Wenn eine Zivilisation engen Bezug hat zu einer der größeren
Religionen (z.B. Islam, Hinduismus, Konfuzianismus, Schintoismus),
sind die diesen Religionen entnommenen Anleihen verschiedener
Elemente, die für Glauben und Gottesdienst geeignet erscheinen, sehr
vorsichtig zu behandeln. Wenn der Lehrer des Wortes Gottes Ausdrücke
verwendet, die die Anhänger dieser großen Religionen als ihre
eigenen betrachten, könnten sie dies als Entweihung dessen
betrachten, was ihnen heilig ist, und die christliche Gemeinschaft
als Aufbürdung von etwas Fremdem. Dieser Schritt könnte in beiden
Gemeinschaften Anstoß erregen. Andererseits ist die traditionelle
christliche Ausdrucksweise vielleicht nicht imstande, das kollektive
Bewusstsein der Gesellschaft, an welche die Botschaft gerichtet ist,
anzusprechen. Doch wir wollen unsere Bemühungen um Inkulturation
wegen dieser Schwierigkeiten nicht aufgeben.
23. Wenn respektvolle Aufmerksamkeit für Kulturen und Gemeinschaften
mit apostolischem Mut und Treue zum Wort Gottes verbunden sind, wird
Neuland erschlossen und der Raum für neue Ausdrucksweisen des
Glaubens und des Gottesdienstes in der jeweiligen Kulturwelt wird
größer. „Dank dieses Handelns der Ortskirchen, wird die Gesamtkirche
selbst in ihren verschiedenen Lebensbereichen an Ausdrucksformen und
Werten bereichert“ (RM 52). Und Christus wird Mensch und nimmt
Gestalt an in dieser Kultur. Aber wir müssen vorsichtig weitergehen.
Denn es handelt sich hier um Gebiete, denen gegenüber die
Gemeinschaften höchst sensibel sind. Die Asiaten haben ein tiefen
Sinn für das Heilige.
24. Während die moderne Gesellschaft in der Religion nach der
Bedeutung sucht, um einen Sinn in ihr zu finden, suchen die Asiaten
vor allem nach Tiefe. Johannes Paul II. sagte: „Der Kontakt mit
Vertretern der wichtigsten nichtchristlichen Traditionen,
insbesondere mit jenen Asiens, hat mich darin bestärkt, dass die
Zukunft der Mission grossenteils von der Kontemplation abhängt“ (RM
91). Diese spirituelle Tiefe, die aus der Gotteserfahrung kommt,
suchen die Menschen in Asien. Wer ihnen dies geben kann, ist ihrer
Aufmerksamkeit sicher. Mit Gotteserfahrung ist in diesem
Zusammenhang nicht eine Art ekstatischer Erfahrung gemeint, sondern
sie bezieht sich auf Aufrichtigkeit und Authentizität, Echtheit, mit
den Worten übereinstimmende Taten, Selbstlosigkeit, die im Einsatz
für das Gemeinwohl deutlich wird. Solche Menschen verschaffen sich
immer Gehör, wenn sie mit der geistiger „Salbung“ sprechen.
Das Wort Gottes in verschiedenen Lebenssituationen miteinander
teilen
25. Die Frohe Botschaft Jesu hinterlässt die größte Wirkung, wenn
sie in aktuellen Lebenssituationen geteilt wird. Ein Großteil der
uns überlieferten Lehren Jesu sind anlässlich gewöhnlicher
menschlicher Begegnungen erteilt worden. Herzen wurden berührt, die
Menschen änderten ihr Leben und der Gemeinschaft der Gläubigen
wurden neue Mitglieder hinzugefügt. Dies geschieht zur Zeit in Asien
in unauffälliger, aber wirksamer Weise durch den Einsatz der
christlichen Gläubigen: in Konfliktsituationen eine Botschaft des
Friedens bringen, eine Botschaft der Gerechtigkeit zu unterdrückten
Gemeinschaften, eine Botschaft der Rechtschaffenheit in von
Korruption beherrschten Gesellschaften, eine Botschaft der
Gleichberechtigung in von Ungerechtigkeit gekennzeichneten
Situationen (bezogen auf die Kaste, die Klasse, das Geschlecht, die
Rasse, die Ethnie), eine Botschaft der Hilfe für die Armen und
Hungrigen. Dieser Einsatz unterscheidet sich von einer
lehrbuchmäßigen, theoretischen Verkündigung Jesu, die sich auf
Wahrheitsansprüche, Debatten und Argumente stützt. Aber er erläutert
sehr ausdrucksvoll die Lehre des Evangeliums. Er setzt die
christliche Botschaft ins Leben um.
26. In vielen Ländern Asiens sind die Christen großem Druck
ausgesetzt. Die Freiheit ist eingeschränkt, Neubekehrte werden
schikaniert und die Glaubensgemeinschaft wird verfolgt, wie es
kürzlich in Orissa (Indien) geschehen ist. Doch die von der
Gemeinschaft bezeugte Geduld, ihre Beherrschtheit, die maßvolle
Antwort, der Geist der Vergebung … all dies hat eine
evangelisierende Kraft. Der Einsatz der christlichen Gemeinschaft
für das Gemeinwohl und das große Interesse für die zentralen Themen
und Sorgen der Menschheit (Gerechtigkeit, Frieden, Familie, Umwelt,
Freiheit, Fairness, Solidarität, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit,
Achtung vor dem Leben, Sorge für die Armen, hohes
Verantwortungsbewusstsein für die menschlichen Geschicke) sprechen
für sich selbst. Diese Themen haben eine universale Anziehungskraft
und eine Sprache, die jeder versteht; sie werden zu kraftvollen
Trägern der Botschaft des Evangeliums.
27. Die christliche Gemeinschaft Asiens ist Gott dankbar, dass es in
ihr aktive Laien gibt, die sich bemühen, das Evangelium in die
verschiedenen Lebensbereiche zu bringen: Erziehung, Regierung,
Verwaltung, Gesetzgebung, Rechtsprechung, Wissenschaft, Technologie,
Familie, Jugend, Kunst und Musik. Sie werden zu Brückenbauern
zwischen den Kulturen, Ethnien, Ideologien, Philosophien,
politischen und ökonomischen Interessen. Diese Aufgaben bleiben
immer eine Herausforderung.
28. Petrus mahnte: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu
stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber
antwortet bescheiden und ehrfürchtig“ (1 Petr 3,15-16). Ein
Grossteil der frühchristlichen Theologie entwickelte sich in den
Schriften der Kirchenväter, die versuchten, Freund und Feind den
Glauben zu erläutern. So geschieht dies auch heute. Unsere Theologen
und die christlichen Denker in Asien versuchen ihre Botschaft an
alle zu richten, an die Kritiker der Religion, die Fundamentalisten,
die Ultra-Modernisten, die radikalen Denker und Aktivisten, Christen
und Nichtchristen. Diejenigen, die diesen Dienst tun, verdienen
unseren Dank so wie auch alle anderen, die sich der Verkündigung des
Evangeliums widmen. Diese Bemühungen können, wenn sie in
verantwortlicher Weise unternommen werden, zu neuen Formulierungen
und auch zu einem tieferen Selbstverständnis innerhalb der
christlichen Gemeinschaft führen.
Das Evangelium bringt geistlich motivierte Menschen hervor
29. Den Historikern wird bewußt, dass in bestimmten Epochen der
Geschichte der Atheismus einem tiefen Gefühl der Ungerechtigkeit in
einer gläubigen Gesellschaft entsprungen sein könnte, auch bestimmte
Formen des Antiklerikalismus und des Glaubensabfalls mögen aufgrund
des Versagens von kirchlichem Personal entstanden sein. Häresien und
Schismata könnten durch eine Distanz auf der kulturellen Ebene
verschärft worden sein. In Epochen des sozialen Ungleichgewichts
finden schnelle Veränderungen statt und können auch zu Revolutionen
führen. Asien macht zum jetzigen Zeitpunkt eine solche Phase der
schnellen Veränderungen und Unsicherheiten durch: die Zurückweisung
der kolonialen Ausbeutung und die Akzeptanz von selbstauferlegten
Formen der Ausbeutung, die Durchsetzung der Unabhängigkeit und die
Akzeptanz neuer Formen der Abhängigkeit, eine Bewegung hin zur
Demokratie und eine gleichzeitige Gegenbewegung weg von ihr, Streben
nach wirtschaftlicher Gleichheit und aufkommende Ungleichheit, das
Streben nach Modernität und zugleich eine starke erneute
Geltendmachung der traditionellen Kultur.
30. Es gibt in der Gesellschaft und den traditionellen Kulturen
Umbrüche, Werte werden bedroht. Trotzdem scheint die Religion in
Asien nicht schwächer zu werden. Sie manifestiert sich in neuen
Formen, manchmal mit einem politischen Anstrich. Der gedankliche
Pluralismus hat in Asien nicht zu einer totalen Säkularisierung oder
zum Nihilismus geführt, sondern er hat gelehrt, einander zu achten.
Dies sollte aber nicht zur Gleichgültigkeit führen.
31. Inmitten vieler politischer und sozialer Unsicherheiten hält die
kleine Kirche in Asien den Menschen keine neue Utopie vor Augen, sie
verspricht nicht, Helden zu schaffen. Aber sie sucht nach Wegen,
ethisch und spirituell motivierte Menschen zu formen sowie
Personengruppen, die sich ernstlich für das Wohl der Menschheit
einsetzen. Und sie wird weiterhin die Menschen an ihre ewige
Bestimmung in Christus erinnern. Das Evangelium offenbart seine
innere Stärke auch unter all diesen sozialen Spannungen.
Das heilige Wort Gottes in Asien
32. Kehren wir dorthin zurück, wo wir begonnen haben: zum Wort
Gottes. Während die Menschen das weitreichende und beeindruckende
Wirken der Christen bewundern, kann nur die Macht des Wortes Gottes
sie berühren und verwandeln. Das heilige Wort Gottes ist für die
Menschen in Asien von großer Bedeutung, denn es gibt hier alte
Schriften, die als heilig und maßgeblich betrachtet werden und die
ihr Leben und ihre Kultur tief beeinflussen: Überzeugungen,
Verhaltensweisen, Beziehungen, Gottesverehrung, moralische
Prinzipien. Ihnen wird die Fähigkeit zugeschrieben, den Weg zur
Rettung zeigen zu können. Diese Schriften, die als heilig betrachtet
werden, haben einen festgelegten Kanon und können nur von
bevollmächtigten Personen (Priester, Mönche, Gelehrte, Rat)
ausgelegt werden. Sie werden gelesen und gesungen, sie werden
meditiert, wiederholt, auswendig gelernt, in Bildern dargestellt, in
der Kalligraphie der Nachwelt überliefert. Sie sollen verstanden
werden, mit dem Herzen aufgenommen werden und die Möglichkeit
erhalten, die menschliche Wirklichkeit zu verwandeln.
Eines ist sicher: Es gibt in Asien immer noch einen religiösen
Durst. Diese asiatische Ernsthaftigkeit in Bezug auf die Religion
ist für die gesamte Menschheit wertvoll, nicht nur für den östlichen
Kontinent. Religiöse Bewegungen sind in der kollektiven Psyche der
asiatischen Gemeinschafen tiefer verwurzelt als politische
Bewegungen. Auch Menschen, die ihren Glauben nicht ändern wollen,
sind auf der Suche nach einer größeren spirituellen Tiefe. Die
Menschen in Asien sind offen für das Wort Gottes. Biblisches Denken
berührt das Leben der einzelnen, die Werte der Gemeinschaft, es
verwandelt Beziehungen, korrigiert Philosophien, beeinflußt die
Pläne für soziale Verbesserungen. Denn in Asien weiß man:„Der Mensch
lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund
kommt“ (Mt 4,4).
Mögen diese Worte sich im Hinblick auf das heutige Asien
bewahrheiten, „Ich werde von meinem Geist ausgießen über alles
Fleisch. Eure Söhne und eure Töchter werden Propheten sein“ (Apg
2,17) und die Botschaft Gottes verkünden. Möge diese Botschaft die
Enden der Erde erreichen.
Noten
[1] Mit dem in letzter Zeit geschehenen Wandel der
Bevölkerungsstrukturen des Christentums in andere Teile der Welt
könnte sich das oben beschriebene Bild wandeln.
[2] Einige wollen nur die Verbindung der Missionare zu den
Kolonialmächten unterstreichen. Das wäre äußerst ungerecht, denn
diese waren durch viele Zwänge beschränkt und hatten wenig
Möglichkeiten. Sie selbst wurden oft von antiklerikalen kolonialen
Behörden verfolgt. Es bedurfte ihrerseits eines reifen Glaubens, um
mit Ausdauer unüberwindbaren Schwierigkeiten entgegenzutreten und
ihre Sendung fortzusetzen, das Evangelium mit anderen zu teilen.
[3] Es wurde kürzlich berichtet, dass in Nanjing (China) die „Amity
Printing Company“ im Jahr 2007 sechs Millionen Bibeln gedruckt hat.
Die Druckerei plant, ihre Kapazität zu verstärken, um zwölf
Millionen Bibeln pro Jahr zu drucken, das heißt 23 Bibeln pro Minute
(SAR News, 16.-30. Juni 2008, S. 22). Solche Initiativen wurden 1987
ins Leben gerufen. Über 50 Millionen Bibeln wurden bereits gedruckt.
Eine japanische Ausgabe des Lexikons Biblischer Theologie ist in
elektronischer Form verfügbar. Es gibt einen allgemeinverständlichen
Kurs mit dem Namen „Die Bibel in 100 Wochen“.
[4] Es gibt Klagen darüber, dass die jetzige Art und Weise, die
Bibel zu unterrichten, zu akademisch bleibt und nicht genug am
spirituellen und pastoralen Einsatz der Bibel ausgerichtet ist.
[00013-05.07] [NNNNN] [Originalsprache: Englisch]
-
Für Amerika: Kardinal Oscar Andrés RODRÍGUEZ MARADIAGA, S.D.B.,
Erzbischof von Tegucigalpa, Präsident der Bischofskonferenz
(HONDURAS)
Der Text dieses Beitrags hat uns nicht vor Redaktionsschluss der
Verlautbarungen erreicht.
-
Für Europa: Kardinal Josip BOZANIĆ, Erzbischof von Zagreb (KROATIEN)
Das Wort Gottes und Europa: revelatio - interpretatio - celebratio
Vorschlag für eine neue Lectio divina
Bozanić Josip
1. Der Heilige Vater Benedikt XVI. traf sich im September d. J. am
Collège des Bernardins in Paris mit den Vertretern aus der Welt der
Kultur. Er schloss seine Ansprache folgendermaßen ab: “Das, was die
Kultur Europas begründet hat, die Suche nach Gott und die
Bereitschaft Ihm zu zuhören, bleibt auch heute noch das Fundament
jeder wahren Kultur”.
Wenn man über das Verhältnis zwischen dem Wort Gottes und Europa
spricht, könnte man jede geschichtliche Epoche auf die Einflüsse der
Bibel im Hinblick auf die einzelnen kulturellen, ökonomischen und
politischenAspekte untersuchen. Aber dies ist weder im Umfang noch
inhaltlich die Aufgabe meines Vortrags. Die unveränderliche
Tatsache, von der ich ausgehe, besteht darin, dass Europa nicht vom
Christentum getrennt werden kann, vor allen Dingen deshalb, weil das
Christentum der Hauptschlüssel zum Verständnis unseres Kontinents
insgesamt ist.
Wenn wir von einem geografischen Gesichtspunkt ausgehen, ist es
tatsächlich schwierig, Europa abzugrenzen und vor allem die Grenzen
nach Osten und Süd-Osten zu bestimmen. Betrachten wir Europa aus der
politischen Perspektive und der hier zugrundeliegenden Sichtweise,
sehen wir uns vor dieselben Schwierigkeiten gestellt, weil das Erbe
Europas mehr ist als politische Ordnung menschlichen Zusammenlebens
an einem bestimmten Ort.
Es ist offensichtlich, dass der Prozess der Christianisierung
bestimmte Elemente des europäischen Gewebes zusammengefügt hat. Die
Christianisierung bedeutet aber - mit einfachen Worten gesagt - die
Verkündigung des Wort Gottes, die Licht für die verschiedenen
Bereiche des menschlichen Lebens bringt. Offensichtlich ist auch,
dass Europa in seiner geschichtlichen Entwicklung nicht nur vom
Christentum bestimmt wurde. Dennoch kann man zu Recht behaupten,
dass Europa dank des Christentums entstanden ist und die Kirche
ihren Beitrag zum Bau Europas, dank des unermüdlichen Einsatzes der
Verkünder des Heils Christi, wie z. B. die Heiligen Benedikt,
Cyrillus und Methodius, geleistet hat. Es fehlen natürlich nicht die
dunklen Seiten der christlichen Geschichte, die heute in klarem
Kontrast zu der Frohen Botschaft des Neuen Testaments stehen; wenn
sie auch im Zusammenhang mit der Verbreitung des Christentums nur
eine schmerzhafte, negative Seite sind, sie sind Ausdruck der Sünde,
die im Herzen der Menschen wohnt. Hier kommen wir zu einer Seite der
europäischen Geschichte, die zum mysterium iniquitatis gehört.
Die Bibel und Europa sind durch ein unauflösbares Band miteinander
verbunden. Die ganze Bedeutung der europäischen Kultur und
Zivilisation - das Europa der tausend Kathedralen, Hüterin von
Kunstschätzen, Literatur und christlicher Musik, das Europa, das in
der starken Kraft seiner christlichen Nächstenliebe konkrete Zeichen
der Solidarität und des Dienstes an den Armen zu setzten wusste,
nimmt seinen eigenen Ausgangspunkt in der Bibel. Themen wie die
Anerkennung der Menschenrechte und die Trennung von Kirche und Staat
- um hier nur einige Beispiele anzuführen - haben ihren Ursprung in
der Bibel. Soziale Gerechtigkeit, Rechtsprechung, Kritik an jeder
Art von Götzenanbetung, die Verweigerung, sich ein falsches Bild von
Gott zu machen sind in der Bibel begründet. Die Bibel vereint den
Osten und den Westen, den Norden und den Süden des Kontinents wie
auch die verschiedenen christlichen Kirchen und Gemeinschaften.
2. Die Beziehung zwischen dem Wort Gottes und Europa zu verstehen,
kann von Nutzen sein, wenn man das Instrumentum laboris mit seiner
dreiteiligen Struktur zu Grunde legt: das Mysterium Gottes, das zu
uns spricht - das Wort Gottes im Leben der Kirche - das Wort Gottes
in der Sendung der Kirche. Diese thematische Unterscheidung bietet
Inhalte und Methoden für einen Weg an, der - wenn er auf Europa
angewendet wird - gewiss eine neue Bewusstseinsbildung in Bezug auf
die Tatsache fördert, dass das Gotteswort im Leben unserer
Gemeinschaften im Mittelpunkt steht. Ich versuche hier einen Weg in
drei Schritten aufzuzeigen: revelatio - interpretatio - celebratio
und jeder der Schritte stellt die Praxis der Lectio divina in den
Mittelpunkt.
Im Gotteswort offenbart sich uns Gott, der dem Menschen entgegengeht
und ihm die Möglichkeit gibt, Ihn im Mysterium des eigenen Lebens zu
entdecken. Der Gott des Bundes, der Gott Jesu Christi und des
Ostergeheimnisses, der die Erfüllung der Versprechen des Alten
Testament wahrmacht - und im Fundament des jüdischen spirituellen
Erbes zu finden ist - wurde auf europäischem Boden zuerst den
Völkern der griechisch-römischen Welt unter Umständen verkündet, die
oft das Zeugnis des Märtyrer erforderten. Die revelatio bedeutete
notwendigerweise eine neue Distanz und die Überwindung der in diesen
Gesellschaften gültigen Vorschriften. Diese “Revolution” und
“Rekulturation” vollzog sich, indem sie sich an das Verständnis und
die Sprache ihrer Zeit anpasste.
Die Missionsarbeit hat auch in späteren Zeiten aus der Offenbarung
geschöpft, die sie verkündete. Deshalb brachte sie als Folge und
nicht als erstrangiges Ziel die Inkulturation und gab so dem
Gotteswort, das durch die Tradition und das Lehramt der Kirche
ausgelegt wurde, die Möglichkeit, dem Menschenleben neue Formen zu
geben. Dieser Prozess wiederholte sich im Kontakt der römischen
Kultur mit der fränkisch-germanischen Kultur, den slawischen und
anderen Völkern, die nach und nach evangelisiert wurden. Diese
Dynamik durchdrang die Herausbildung des europäischen Bewusstseins
trotz aller äußerlichen im Mittelalter bestehendenUnterschied. Die
interpretatio hat sich natürlich in jeder Zeitspanne entwickelt
-erinnern wir uns doch nur an die Patristik - aber es war vor allem
im zweiten Jahrtausend und vor allem mit der Reform, dass es zu
entscheidenden Veränderungen kam, die jedoch leider manchmal zu
unterschiedlichen Ansätzen und auch zu Auseinandersetzungen führten.
Aber aus der Auslegung, die die Evangelisierung notwendigerweise
begleiten muss und Frucht des Wirkens des Heiligen Geists in der
Kirche und im Herzen der Gläubigen ist, entwickelte sich
schlussendlich ein fruchtbarer Abstand zu den Brüchen, wodurch
weitere Brüche verhindert wurden. Die europäische Theologie und die
Pastoral mit ihren hermeneutischen Visionen haben sich gegenseitig
bereichert. Deshalb baut die Notwendigkeit, die Bibel zu verbreiten,
die heute mehr denn je gegeben ist, der Gefahr
neuer“fundamentalistischer Auslegungen und ideologischer
Abweichungen vor.Die Offenbarung ist also nicht statisch, noch kann
sie chronologisch von den anderen Prozessen abgetrennt werden: Die
revelatio wird also immer von der interpretatio begleitet, die
schlussendlich zur celebratio wird. Es handelt sich immer um Gott,
der zu uns spricht; es geht darum, die Wahrheit über den Menschen
und die Welt zu entdecken, die zum gelebten und zelebrierten Wort
und Grund für die Sendung und die Aktion in der Kirche wird.
3. Heute gibt es in Europa Anzeichen für ein neues Interesse an der
Bibel. Es ist deshalb notwendig, vom Wort Gottes und von seiner
Offenbarung auszugehen und gleichzeitig den Mut zu haben, die Lectio
divina neu und in reiferer Form vorzuschlagen. Wenn ich von Lectio
divina spreche, dann meine ich nicht nur das Lesen des heiligen
Texts, der immer grundlegender Bezugspunkt für das kirchliche
Erkennen sein wird. Ich denke auch keinesfalls an ein rein subjektiv
beschränktes Lesen, sondern eher daran, dass man “auf Gott hört”,
Der ständig in der Geschichte wirkt und dass man seine Präsenz in
jedem Ereignis entdeckt. Das erlaubt es uns auch, im Leben der
Kirche in Europa wie an einem Ort zu “lesen”, an dem Er Sich
offenbart. Das gilt für die Lectio divina als ein Lesen im Heiligen
Geist, der zur göttlich-menschlichen Erfahrung wird, deren
Beziehungspunkt Gott selbst ist, der im Leib der Kirche wirkt.
Aus einer ähnlichen Perspektive stellt sich die Frage, wie man die
verschiedenen Meinungen in der Kirche und die Kriege zwischen den
Völkern, aber auch die kulturelle Ausgrenzung des Christentums, die
Suche nach Freiheit außerhalb der Präsenz Gottes verstehen soll.
Wenn nun das Christentum das begründende Prinzip ist, dass Europa
umfasst und einigt, dann müssen wir das Wirken Gottes sehen, der
Sich auch dann offenbart, wenn wir den Weg verlassen, wenn wir
uneins sind und Konflikte austragen, aber auch wenn wir in Einheit,
Achtung und Altruismus leben. Das regt uns zu einem Christentum an,
dass sich nicht solange ins Spiel der Politik und Wirtschaft
verwickeln lässt, bis es unkenntlich geworden ist. Die Verantwortung
der Christen in Europa muss dazu führen, dass wir uns nicht auf ein
rein politisches und wirtschaftliches Verständnis der Ereignisse
beschränken. Wenn wir nicht die Methode übernehmen, die uns in der
Lectio divina angeboten wird - und bei der wir zulassen, dass “uns
Gott liest”- dann hat dies direkte Auswirkungen auf die Zelebration
Gottes, das offenbarte und gegebene Mysterium und die Sendung der
Kirche. In der christlichen Auffassung bedeutet die celebratio in
der Tat immer auch die Verwirklichung des Gottesereignisses, das
sich in Jesus Christus offenbart. Der hier und jetzt in der
Geschichte der Menschen kommt (re-presentatio). Celebratio wird also
in der ganzen Bedeutung zur Lectio divina. Es ist ja in der Kirche,
die den auferstandenen Herrn feiert, dass das Wort Gottes Fleisch
und Heilsinstrument für alle Menschen wird.
4. Europa erlebt seine Identitätskrise auf allen drei von uns
berücksichtigten Ebenen und scheint vor dem offenbarten Gott
flüchten zu wollen und die Quelle seiner Identität zu suchen, indem
sie sich im humanum verschließt, ein Konzept, das absichtlich vage
ist. Wenn der Mensch nicht hört, was Gott ihm sagen will, beginnt er
immer, an seiner statt zu sprechen, aber im Grunde herrscht in
seinem Reden die Angst vor. Europa ohne Gott ist in Gefahr, ein Nest
der Angst zu werden und eine Zivilisation der Angst zu schaffen. Das
Wort Gottes dagegen gibt Hoffnung und Freude zurück.
In Europa kommt es zu einer Krise, wenn man nicht die Kraft der
Auslegung des Gottesworts akzeptiert, das im Glauben und in der
Eingebung ihr eigentliches Fundament hat. Diese Aufgabe fällt in den
Wissenschaften und besonders der Theologie schwer. Zu Recht rühmt
sich Europa, dass es ein eigenes theologisches Gedankengut
entwickelt hat, aber es bedarf weiterer Anstrengungen in einer
fruchtbaren Gegenüberstellung mit den neuen Auslegungen und
wissenschaftlichen Forschungen, die oft mit Absicht von den
hermeneutischen Paradigmen der christlichen Wahrheit getrennt
werden. Die Weigerung gegenüber dem Wort Gottes als
interpretierender Instanz führt Europa in eine Kultur der
Entmutigung und Unsicherheit.
Eine Kultur, die mit der christlichen Feier bricht, d.h. mit der
Feier des Mysteriums der Güte Gottes und der Erlösung von Jesus
Christus, läuft Gefahr, die eigene Freude zu verlieren und macht
Europa zu einer Zivilisation der Trauer und Bedrängnis, welche das
Gewicht von Alter und Tod spürt. Das Gotteswort gibt dem
europäischen Menschen die Möglichkeit zurück, das Leben zu feiern.
Dort, wo die christlichen Mysterien gefeiert werden, ist die Kirche
jung und das garantiert die Jugend Europas.
5. Die Lektio divina ist nicht nur die innere Kraft für ein neu
eingegebenes Apostolat, sondern auch Fundament für die ökumenische
Bewegung und den interreligiösen Dialog; sie ist ein Weg zum
Verständnis des Wortes Gottes, für das Transzendenz notwendig ist.
Sie ist auch der Ort der Freiheit, in der man die menschliche
Antwort sucht. In dieser menschlich-göttlichen Dynamik stellt die
Lectio divina eine Kraft der Transfiguration dar, ja, man kann
behaupten, dass Christus selbst divina Lectio ist. Christ sein, auf
Christus ausgerichtet zu sein, im Christentum zu leben bedeutet
“Lectio - divina - sein”. Deshalb ist es dringlich, der Aufforderung
zu folgen, die Lectio divina im Gebet und in der Meditation des
Gottesworts zu praktizieren. Dabei muss man auch in der tagtäglichen
Praxis der Seelsorge von der Heiligen Schrift ausgehen, denn in ihr
ruht diese Kraft der
Metaphorizität (der Bedeutung über den Text hinaus) und der
Transfiguration (der Erfahrung der Gabe, einer Erfahrung, die über
das Sich-Selbst-Genügen hinausgeht). Dann kann man auch mit dem hl.
Paulus sagen: “Für mich ist Christus das Leben”.
In diesem Jahr werden wir oft auf das Leben und die Schriften des
hl. Paulus zurückkommen können. Der Apostel der Völker sieht seine
Sendung wie einen “Ruf”, eine Gabe der Gnade und nie als eine
eigenständige Initiative. Der hl. Paulus legt das Fundament, damit
die christliche Spiritualität nicht nur eine Spiritualität der
Nachahmung, sondern auch eine Spiritualität der Übereinstimmung sei.
In ersterer spielt das Ich die Hauptrolle, die Vorschrift ist Gesetz
und die grundsätzliche Tugend ist, dass sich der Einzelne ständig
bemühen muss. In der Spiritualität der Übereinstimmung ist dagegen
der Heilige Geist ausschlaggebend, der Christus im Gläubigen
nachbildet; die Vorschrift ist die Anerkennung der Gnade, die an
erster Stelle steht; die grundsätzliche Tugend ist die Bereitschaft
zuzulassen, dass Christus in der eigenen Lebenserfahrung Gestalt
annimmt.
6. Da ich aus Zagreb, aus Kroatien komme, wo wir in den letzten
Tagen den zehnten Jahrestag der Seligsprechung von Kardinal Alojzje
Stepinac gefeiert haben, möchte ich noch kurz seiner gedenken.
Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone zeigte in seiner Predigt
eine besonders eindrucksvolle Parallele zwischen dem hl. Paulus und
dem sel. Alojzije Stepinac auf. Er sprach zuerst von ihrer Begegnung
mit dem auferstandenen Christus und hob dann hervor: dass “das, was
uns bei dem Apostel Paulus und Kardinal Stepinac beeindruckt, ist,
dass viele, die sie verfolgten, sklavisch gewalttätigen und
lügnerischen Ideologien anhingen, aber sie, die - äußerlich gesehen
unfrei waren- in ihrem Inneren frei blieben: sie konnten so die
Freunde ermutigen und führen, waren in der Lage, die Brüder im
Glauben zu unterstützen und bereit, für die Feinde zu beten und auch
für die, die ihnen Böses antaten.”
Wir kommen aus einem Teil Europas, in dem verschiedenen Diktaturen,
zuletzt der Kommunismus, herrschten und haben verstanden, dass
Hirten und Gläubige nur dann der Grausamkeit und dem Schrecken der
Ideologien widerstehen konnten, wenn sie Gottes Wort vertrauten.
Viele vom Geist Christi erfüllte europäische Katholiken und Christen
haben im zwanzigsten Jahrhundert auf Grund der Heiligen Schrift
zwischen Gut und Böse unterscheiden und der Herausforderung der
totalitären Regimes widerstehen können und deren Heimtücke und
teuflische Verirrungen aufgezeigt. Die Heilige Schrift erlaubte es
ihnen, nicht nur die eigenen Schwächen und die der Anderen, sondern
vor allem die Hoffnung zu entdecken, die aus dem Gotteswort
hervorströmt. Hoffnung auf das Leben, das stärker als Tod und
Zerstörung ist, Hoffnung im Sinne, dass sie stärker ist als die
Sinnlosigkeit, Hoffnung auf die Hilfe Gottes für die Unterdrückten
und Armen, für die, die am Rande der Gesellschaft leben, Hoffnung,
die sie getrieben hat, einer besseren und gerechteren Welt Gestalt
zu verleihen.
Sich wieder das christliche Gedächtnis und Erbe anzueignen und das
aufzugreifen, was vergangene Generationen gelehrt haben, bedeutet
also für uns Europäer, dass wir zu den Wurzeln unserer
geschichtlichen Identität zurückkehren und aus der lebendigen Quelle
des Gottesworts schöpfen. Wir Europäer müssen das Bekenntnis unseres
Glaubens, das durch das Hören auf das Gotteswort und durch
kirchliche Erfahrung bereichert worden ist, als ein Zeugnis ansehen,
dass alle Gläubigen und Nicht-Gläubigen herausfordert, den gleichen
Wunsch auszusprechen, den Johannes Paul II. am Ende des
Nachsynodalen Apostolischen Schreibens Ecclesia in Europa ansprach:
“neue Wege gehen, die in ein “Europa des Heiligen Geistes
einmünden”, Europa zu einem ”gemeinsamen Haus” zu machen, in dem man
mit Freude lebt (EE,121).
[00018-05.10] [NNNNN] [Originalsprache: Italienisch]
-
Für Ozeanien: S.Exz. Michael Ernest PUTNEY, Bischof von Townsville
(AUSTRALIEN)
Das Wort Gottes in Ozeanien
Während der Prozession mit dem Evangeliar anlässlich des
Eröffnungsgottesdienstes zum Weltjugendtag in Sydney zelebrierte
eine Gruppe junger Studenten von den Torres Strait Islands im
Nordosten Australiens den Ritus des “Coming of the Light”,d.h. der
Ankunft des Lichtes, der an die Ankunft eines europäischen
Missionars mit der Bibel in der Hand erinnert. Die Bevölkerung des
Ortes stand seinem Angebot des Wortes Gottes anfänglich ablehnend
gegenüber. Doch dann ändert sie ihr Verhalten und nimmt das Wort
Gottes auf, das ihr Leben verwandeln wird. Nach einigen anfänglichen
Kontakten in den Jahrhunderten zuvor wurde das Wort Gottes im 19.
Jahrhundert sowohl von protestantischen als auch katholischen
Missionaren nach Ozeanien gebracht.
Im Unterschied zu der westlichen Kultur in Australien und Neuseeland
reichte das Spektrum der Kultur in Ozeanien von der schriftlichen
bis zur vorwiegend mündlichen Tradition. Hier wurden die Schriften
zu Hause aufbewahrt und gelesen, oft mehr noch als in Australien und
Neuseeland. Dort wird auch heute noch die Botschaft des Wortes
Gottes wirksamer durch mündliche Überlieferung, Riten, Gesänge und
Darstellungen mitgeteilt als durch einfaches Lesen eines Textes.
In vielen Gegenden ist die Prozession mit dem Wort Gottes während
der Liturgiefeier der lebendige Ausdruck einer Kultur des Glaubens
an das Wort Gottes. Das wurde auch auf dem Weltjugendtag sehr
deutlich beim Empfang des Heiligen Vaters und auch während des
Schlussgottesdienstes, als Pilger aus Tokelau, beziehungsweise von
den Fidschi-Inseln das Evangelium in feierlicher Prozession
vorantrugen. Diese ehrfürchtige Anerkennung des Wortes Gottes kann
Australier und Neuseeländer noch viel lehren; diese halten das
Privileg, das Wort Gottes lesen zu können, oft für
selbstverständlich.
Das unglaublich hingebungsvolle und manchmal sogar heldenhafte
Wirken der Missionare, die das Wort Gottes durch die Verkündigung
des Evangeliums, der Sakramente und der Lehre der Tradition der
Kirche mit so vielen Menschen im Pazifik geteilt haben, hat Frucht
getragen. Diese Frucht war nicht ohne Ambiguität, wie in Ecclesia in
Oceania schon bemerkt worden war, da die Missionare manchmal
Elemente einführten, die der Kultur der einheimischen Bevölkerung
fremd waren (Nr. 3). Es ist allerdings auch wahr, dass manchmal
Elemente aus der einheimischen Kultur, die mit dem Wort Gottes
nichts zu tun haben, das Leben der Menschen weiterhin beeinflussen.
Angesichts dieser Herausforderungen bedarf es qualifizierter
Lehrkräfte, die den Unterricht an den Seminaren und höheren
Lehrinstituten der verschiedenen Länder Ozeaniens mit Kompetenz
durchführen können. Die neuen Kirchen im pazifischen Raum stehen
heute vor der Herausforderung durch eine kulturelle Übergangsphase,
die an einigen Orten den Übergang von der Dorfgemeinschaft zum
städtischen Leben mit sich bringt und auch die Teilhabe an der
globalen Wirtschaft. Auf Grund dieser Übergangsentwicklung kann es
zu Krisen im Leben der Familien und zu einem Zusammenbruch des
sozialen Gefüges kommen. Außerdem befinden sie sich dadurch manchmal
im Konflikt mit der politischen Entwicklung im Westen, die die
meisten von ihnen von ihren europäischen Kolonialherren geerbt
haben, und vor einer steigenden Bedrohung der Umwelt auf Grund der
Klimaveränderungen.
Darüber hinaus gibt es in den verschiedenen Ländern Ozeaniens eine
unglaublich hohe Anzahl an Sprachen, in denen das Wort Gottes
verkündet werden müßte. So gibt es z. B. in Papua Neu-Guinea allein
achthundertsiebenundvierzig Sprachen. In ganz Ozeanien sind es
ungefähr tausendzweihundert völlig unterschiedliche Sprachen.
Nach Australien und Neuseeland kam das Wort Gottes mit den ersten
Europäern, die sich auf diesen Inseln niederließen. Die Kirche wuchs
und gedieh. Doch heute muss sich das Wort Gottes oft mit einer
Kultur der völligen Gleichgültigkeit auseinander setzen. Australien
gehört zu den am meisten säkularisierten Ländern der Welt. In
Neuseeland leben mehr Einwohner, die von den Pazifischen Inseln
kommen und die religiöser sind, doch die vorherrschend europäische
Kultur ist ebenso säkularisiert wie die australische.
Doch eine wunderbare Woche lang, während des Weltjugendtages, waren
die Straßen Sydneys
durchdrungen von den mitreißenden Anzeichen der Präsenz Gottes, und
die gegen Religion immune Kultur kapitulierte vor der Macht des
Heiligen Geistes, der sich auf den Gesichtern und in den Stimmen der
über 200.000 Jugendlichen ausdrückte.
Das Leben vieler australischer und neuseeländischer Katholiken ist
tief von ihrem Glauben an das Wort Gottes geprägt. Doch dieser
Glaube wird nicht immer sichtbar und wird in dieser säkularisierten
Gesellschaft fast wie ein Geheimnis behandelt, und zwar nicht, weil
diese Menschen nicht aufrichtig gläubig sind, sondern weil die
Existenz Gottes im täglichen Leben der Durchschnittsaustralier und
vieler Neuseeländer nicht anerkannt wird. Die Mehrheit lebt
gewöhnlich so, als würde Gott nicht existieren, auch wenn sie
gläubig ist.
Nach dem Weltjugendtag gibt es Australier und Neuseeländer, die das
Gefühl haben, dass trotz der scheinbaren Undurchlässigkeit der
säkularisierten Gesellschaft die versprochene neue Evangelisierung
endlich wahr wird. In seiner Beschreibung des Kontextes, in dem das
Wort Gottes in Australien und zum großen Teil auch auf Neuseeland,
verkündet werden muss, sprach der Heilige Vater auf dem
Weltjugendtag von dem “unheilvollen” Phänomen der Freiheit und der
Intoleranz, die so häufig von der Wahrheit getrennt werden, und von
einem Relativismus, der die “Erfahrung” zum alleinigen Kriterium
erhoben hat, ohne dabei in Betracht zu ziehen, was gut oder wahr
ist. Er beschreibt die säkularisierte Gesellschaft Australiens und
Neuseelands sehr treffend, wenn er von einer “geistlichen Wüste”
spricht und weiter ausführt: “Wie viele unserer Zeitgenossen haben
in ihrer verzweifelten Suche nach Sinn – nach dem letzten Sinn, den
nur die Liebe schenken kann – rissige und leere Zisternen gegraben
(vgl. Jer 2,13). Darin liegt die große und befreiende Gabe des
Evangeliums.”
Die Herausforderung, der sich Australien und ein Großteil Ozeaniens
stellen müssen, ist die Suche nach einem neuen Weg, um dieses
Geschenk des Wortes Gottes wieder allen nahe zu bringen. Wenn wir
uns die Empfehlungen der Ecclesia in Oceania ins Gedächtnis
zurückrufen, wie zum Beispiel die Praxis der Lectio divina und die
biblische Ausbildung der Gläubigen, wird uns klar, dass nur ein Teil
davon befolgt wurde.
Das nachsynodale Apostolische Schreiben sah im Wort Gottes die
“unerschöpfliche Quelle für die Evangelisierung” (Nr. 10). Mit
wachsender Intensität wendet die Kirche Australiens und Neuseelands
und der anderen Länder Ozeaniens ihre Aufmerksamkeit der
Notwendigkeit zu, diesen Teil der Welt, besonders aber die
säkularisierte Gesellschaft Australiens und Neuseelands, neu zu
evangelisieren,. Doch gibt es derzeit noch keine Methode, ja nicht
einmal ein gemeinsames Verständnis für das, was praktisch notwendig
wäre.
Nach ihrer Rückkehr vom Weltjugendtag baten viele junge australische
Pilger um die Möglichkeit einer Katechese in ihren Diözesen und um
einen Gedankenaustausch mit ihren Bischöfen, da sie sich ihrer
völligen Ignoranz bewusst waren und nach ihrer Erfahrung auf dem
Weltjugendtag den Wunsch hatten, die Botschaft des Wortes Gottes und
die Lehren der Kirche zu hören. Das gibt Bischöfen und Priestern die
Möglichkeit, den jungen Menschen zu helfen, das Wort Gottes, so wie
wir es in der apostolischen Tradition und in den kirchlichen Lehren
finden, besser zu verstehen.
Die Kirche in Ozeanien verkündet das Wort Gottes in einer
Gesellschaft, in der auch andere das zu tun versuchen, wie z. B.
Gruppen von Protestanten, die bei ihrer Evangelisierung den
kulturellen Kontext ignorieren und sich auf eine fundamentalistische
Auslegung des Wortes Gottes stützen. Deshalb kann es geschehen, dass
die Evangelisierung der katholischen Kirche abgelehnt wird, da sie
von der fundamentalistischen Version nicht unterschieden wird.
Gleichzeitig sind die Beziehungen zu den großen christlichen Kirchen
und die Verbindung zu den Jüdischen Gemeinschaften, den islamischen
Gemeinschaften und zu denen anderer Weltreligionen eine sehr
positive Erfahrung für die Kirche in fast allen Gebieten Ozeaniens.
Zusammen versuchen wir, in dieser Zeit der allgemeinen
Säkularisierung den grundlegenden Wert des Glaubens an Gott sowie
das Recht der Gläubigen, ihren Beitrag in unserer Gesellschaft zu
leisten, zu bekräftigen.
Das sind einige der Herausforderungen, denen sich die Kirche in
Ozeanien stellen muss. Dem gegenüber stehen einige Anzeichen für
eine neue Lebendigkeit und das Zeugnis Tausender engagierter
Katholiken, die trotz des starken Einflusses der Säkularisierung
ihren Glauben bewahrt haben. Der Weltjugendtag hat uns große
Hoffnung gegeben. Wir müssen nun seine Früchte ernten.
[00016-05.10] [NNNNN] [Originalsprache: Englisch]
VORTRAG VON S.EM. KARD. ALBERT VANHOYE SJ, EMERITIERTER REKTOR DES
PÄPSTLICHEN BIBELINSTITUTS IN ROM (FRANKREICH)
Das dokument der Päpstlichen Bibelkonferenz über “Das jüdische volk
und Heiligen Schriften in der christlichen Bibel”
Die Päpstliche Bibelkommission wurde 1996 nach ihrer Teilerneuerung
von ihrem Vorsitzenden, Kardinal Joseph Ratzinger eingeladen, sich
ein neues Studienthema zu suchen, das für das Leben und die Sendung
der Kirche heute wichtig sein würde. Mehrere Themen wurden
vorgeschlagen und man stimmte darüber ab. Das Thema, das die meisten
Stimmen erhielt, war “Judenfeindlichkeit und die Bibel”. Der
Ausdruck “Judenfeindlichkeit” wurde dem Wort “Antisemitismus
vorgezogen, weil es genauer ist. In der Tat gibt es ja andere
semitische Völker als die Juden.
Die Bibelkommission hat in der Folge bewiesen, dass sie ihrem
gewählten Ausdruck treu blieb, aber sie ließ ihn nicht im Titel
ihrer Arbeit einfließen, sondern entschied sich für eine
umfassendere und positivere Perspektive und formulierte ihr Thema,
dem sie eine andere Überschrift gab: “Das jüdische Volk und ihre
Heiligen Schriften in der christlichen Bibel”.Ein Kollege wies
darauf hin, dass der Ausdruck “ihre Schriften” zu weit gefasst ist,
da es nicht nur auf die jüdische Bibel, sondern auch auf die Mishna,
die Tospehta und den Talmud angewandt wird. Deshalb änderten wir den
Ausdruck und es hieß dann “Heilige Schriften”, den der Apostel
Paulus am Anfang des Römerbriefs gebrauchte. Dieser Ausdruck hat den
Vorteil, dass er Achtung für die religiösen Schriften beweist.
“Das jüdische Volk und ihre Heiligen Schriften in der christlichen
Bibel”: diese beiden verschiedenen und sich ergänzenden Themen
können in dieser Überschrift gefunden werden, die auf zwei Fragen
antwortet. Die erste Frage lautet: “Wie wird das jüdische Volk in
der christlichen Bibel, d.h. in dem Alten und Neuen Testament
dargestellt?”Die zweite Frag: Welche Bedeutung haben die “Heiligen
Schriften” des jüdischen Volks in der christlichen Bibel?” Das
Dokument behandelt diese beiden Fragen in umgekehrter Ordnung. Es
nimmt zuerst das Alte Testament und seine Bedeutung in der
christlichen Bibel und dann geht man darauf ein, wie das jüdische
Volk in dem Alten und dem Neuen Testament dargestellt wird. Es sei
dabei sofort vorausgeschickt, dass diese Fragestellung besonders
offen und positiv war und vermeiden sollte, dass das Wort
“judenfeindlich” in einer Überschrift des Dokuments, der Kapitel
oder Abschnitte erschien. Andrerseits ist es vielerorts im Text zu
finden, da das natürlich nicht vermieden werden konnte. In diesem
Fall setzte man sich damit auseinander, ohne das ganze Spektr
abdecken zu können. So blieb das Dokument vor allem positiv und ist
- sagen wir es ruhig - ein effizientes “Gegengift” der
Judenfeindlichkeit.
Die Arbeit der Bibelkommission erfolgte wie gewöhnlich in drei
Schritten. Zu Beginn wurden monographische Studien von jedem
Kommissionsmitglied geschrieben, dann in der Vollversammlung
diskutiert. Sobald der Plan für das Dokument ermittelt war, wurde
die Erstellung der Rohfassung einiger Kollegen anvertraut und dann
zur Diskussion gestellt. Der dritte Schritte, in dem die
verschiedenen Beiträge zusammengefasst wurden, wurden dann
diskutiert, beabsichtigt und kamen dann zur Abstimmung. Die
Endfassung war deshalb das Ergebnis der Gruppe.
Die Arbeit wurde mit wissenschaftlicher Strenge und in voller
Achtung und Liebe für das jüdische Volk durchgeführt. Die Texte
wurden keineswegs oberflächlich behandelt, sondern durch Studien und
Forschungsarbeit ermittelt, was das Leben nicht immer leichter
macht. Die Texte selbst flößen Achtung und Liebe für das jüdische
Volk ein. “Im alten Testament” ist ja in der Tat der Plan Gottes,
ein Bund der Liebe mit seinem Volk in väterlicher, ehelicher Liebe
zu schmieden. Obwohl Israel immer wieder abfiel, wird Gott nie auf
diesen Bund verzichten, sondern ihn in Ewigkeit bestätigen (Jes. 54,
8; Jer 31,1). Im Neuen Testament überwindet die Liebe Gottes die
größten Hindernisse; obwohl die Menschen nicht an seinen Sohn
glauben, den Er ihnen als Messias und Erlöser sandte, liebt Gott
immer noch das jüdische Volk(das bestätigt der hl. Paulus in seinem
Brief an die Römer 11,28) . Die Bibelkommission richtete sich klar
und deutlich in die von Papst Paul VI. in seiner Predigt vom 28.
Oktober 1965 angegebenen Richtung, dem Tag, an dem das
Konzilsdokument Nostra aetate verkündet wurde, das sich mit den
Beziehungen zu den nichtchristlichen Religionen beschäftigt und
insbesondere mit der jüdischen beschäftigte.Paul VI. Sprach von den
Juden und wünschte sich, dass “wir Achtung vor ihnen und sie lieben
sollten” und fügte noch hinzu “wir sollten Hoffnung auf sie setzen”.
Diese äußerst positive Einstellung lässt keinen Raum für
Judenfeindlichkeit. Daran sollten wir uns strikt haslten.
Das Dokument hat 3 lange Kapitel. Das Erste trägt den Titel: “Die
Heiligen Schriften des jüdischen Volkes, die ein grundlegender Teil
der christlichen Bibel sind”.Vorher sprachen wir von “einem
ergänzenden Teil”, was bedeutete, dass die christliche Bibel ohne
die Heiligen Schriften des jüdischen Volkes nicht vollständig wäre.
Das stimmt zwar genau, reicht aber nicht aus. Das Alte Testament ist
nicht einfach eines von vielen Teilen der Christlichen Bibel. Es ist
die Grundlage, der grundlegende Teil. Wenn das Neue Testament auf
einer anderen Grundlage beruhen würde, hätte es keinen wirklichen
Wert. Wenn es nicht den Heiligen Schriften des jüdischen Volkes
entspräche, dann könnte es nicht als eine Erfüllung des Gottesplans
vorgestellt wurde. Als der Apostel Paul ein wesentliches Element des
christlichen Glaubens ausdrücken wollte, unterstrich er diese
Übereinstimmung zweimal und sagte: “Christus ist für unsere Sünden
gestorben, gemäß der Schrift, und isst begraben worden. Er ist am
dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift und erschien dem
Kephas, dann den Zwölf” (1Kor 15,3-5). Der christliche Glauben
beruht nicht nur auf Ereignissen, sondern auch auf der
Übereinstimmung dieser Ereignisse mit der Offenbarung, die in den
Heiligen Schriften des jüdischen Volks enthalten sind (Nr. 7). Das
stellt offensichtlich ein ganz starkes Band zwischen Christen und
Juden dar.
Das erste Kapitel gibt eine lange Beschreibung der in der
Überschrift enthaltenen Bestätigung. Erst zeigt es, dass “das Neue
Testament die Autorität der Heiligen Schriften des jüdischen Volkes
implizit anerkennt, indem es ständig die gleich Sprache hat wie die,
die wir in den Heiligen Schriften finden und sich oft auf die
Stellen in diesen Texten bezieht. Es erkennt dies auch an, indem es
ausdrücklich aus ihnen zitiert. Das Dokument erinnert detailliert an
die große Vielfalt, in der diese ausdrücklichen Zitate in dem Neuen
Testament erscheinen. Dem Leser mag das zu viel werden, aber diese
Aufmerksamkeit auf diese auch kleinen Details zeigen den ganzen Wert
auf.
Oft gebraucht das Neue Testament einige Texte aus der jüdischen
Bibel als Argument. “Das Neue Testament erkennt einen entscheidenden
Wert in den Argumenten, die auf den Schriften des jüdischen Volkes
beruhen”. In den vier Evangelien erklärt Jesus, dass die “Schriften
hier nicht vergessen werden können” (Joh. 10,35).Ihr Wert ist darauf
zurückzuführen, dass es “das Wort Gottes ist” (ebenda). “Der Apostel
Paulus bezieht sich in seiner lehramtlichen Argumentation
insbesondere ständig auf die Schriften seines Volkes und
unterscsheidet klar zwischen den Argumenten der Schriften und
menschlichem Denken. Er gibt der schriftlichen Argumentation einen
unbedingten Wert. Für ihn hatten die jüdischen Schriften immer einen
aktuellen Wert in der Führung des spirituellen Lebens der Christen.
In seinem Brief an die Römer schreibt er: “und alles, was einst
geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit
wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben” (Rm 15,4;
vgl. Kor 10,11).
Das Dokument zeigt, dass das “Neue Testament seine Konformität mit
den Schriften des jüdischen Volks” bestätigt. In dem Neuen Testament
finden wir in der Tat eine doppelte Überzeugung: “Einerseits muss
das, was in der jüdischen Bibel geschrieben steht, notwendigerweise
dort erfüllt werden, wo es den Gottesplan, der umgesetzt werden
muss, offenbart. Andrerseits entspricht das Leben, der Tod und die
Auferstehung Christi ganz dem, was in diesen Schriften steht”.
Das Dokument beschäftigt sich eingehend mit dem Thema der Erfüllung
in der Bibel, denn dieses komplexe Thema ist in den Beziehungen
zwischen Christen und Juden von großer Bedeutung. Zuerst behandelt
man das Thema im 8. Abschnitt, dann wird es noch einmal ausführlich
in dem 2.Kapitel, in den Absätzen 19 - 21 aufgegriffen. Die
Erfüllung der Schriften beinhaltet notwendigerwiese drei Aspekte:
einen grundsätzlichen Aspekt , nämlich die Fortführung der
Offenbarung des Alten Testaments, gleichzeitig ist es aber ein
Aspekt, der die Unterschiede in gewissen Punkten und einen
weiterführenden Aspekt aufzeigt. Eine einfache Wiederholung dessen,
was in dem Alten Testament stand, kann nicht ausreichen, wenn wir
über Erfüllung sprechen. Hier ist es notwendig, dass man entschieden
weitergeht. Nehmen wir zum Beispiel das Thema, dass Gott unter
seinem Volk weilt. Die erste Erfüllung war der Bau des Tempels in
Jerusalem durch Salomon, welcher trotz aller Pracht nicht vollkommen
war. Salomon wusste dies und sagte Gott: Siehe, selbst der Himmel
und die Himmel der Himmel fassen dich nicht, wie viel weniger dieses
Haus, das ich gebaut habe (1Kön. 8, 27). Der Tempel Salomons wurde
durch die Sünden des Volkes beschmutzt, zerstört und die Juden in
die Verbannung getrieben. Als sie aus dem Exil zurückkehrten, wurde
der Tempel wieder aufgebaut. War das dann die Erfüllung des
Gottesplans? Nein, denn wiederum geht es nur um einen materiellen
Bau, der von Menschen geschaffen wurde und wirklich nicht das Haus
Gottes sein konnte. Es war anders als der Tempel Salomons, aber
bedeutete keinen entscheidenden Fortschritt, sondern war geringer
einzu stufen. Das sah auch der Prophet Haggai, der die
zurückkehrenden Juden fragte: “Ist unter euch noch einer übrig, der
diesen Tempel in seiner früheren Herrlichkeit gesehen hat? Und was
seht ihr jetzt? Erscheint er euch nicht wie ein Nichts?” (Hag 23).
Der Prophet verkündete deshalb einen Eingriff Gottes, der im
Ostergeheimnis Christi gesehen werden kann. Jesus verkündete es den
Juden, als er sprach: “ Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen
werde ich ihn wieder aufrichten (Joh 2,19). Der Evangelist fügte
hinzu: “Er aber meinte den Tempel seines Leibes” (Joh 2,21). Diesmal
ist der Unterschied grundsätzlich. Der hl. Markus sagte es anders.
Anstatt von einem “von Menschen gebauten Tempel” spricht er von
einem Tempel, der “nicht von Menschenhand gemacht ist” (Mk 14,58)
und dieser Unterschied geht hin bis zu einer unendlichen
Überlegenheit. Der verherrlichte Leib Christi ist wirklich die
Wohnung Gottes:”Denn in ihm allein wohnt wirklich die ganz Fülle
Gottes”, so wurde es in dem Brief an die Kolosser verkündet (Kol
2-9).Im 8. Absatz des Dokuments heißt es, dass die Übereinstimmung
des Neuen Testaments mit den Schriften des jüdischen Volks nicht
vollkommen ist, sondern “einige Aspekte enthält, in dem es kein
Übereinstimmung gibt”. Ein Beispiel dafür finden wir in den Briefen
des hl. Paulus. “In den Briefen an die Galater und in dem einen
Brief an die Römer geht der Apostel vom Gesetz aus - d.h. dsem Alten
Gesetz - um zu zeigen, dass der Glauben an Christus die Herrschsaft
des Gesetzes beendet. Es zeigt, dass das Gesetz als Offenbarung das
eigene Ende als die notwendige Einrichtung für die Erlösung
verkündet”.
Wir könnten nun darauf hinweisen, dass es in Wirklichkeit gar keine
“Nicht-Übereinstimmung” mit den Schriften des jüdischen Volks
insgesamt, sondern eine Nicht-Übereinstimmung mit ihren
institutionellen Aspekt und eine Übereinstimmung mit ihrem
prophetischen Aspekt gibt, der in der Thora gegeben ist. Das Alte
Testament zeigt in der Tat viel Spannung zwischen diesen beiden
Aspekten auf. In diesen Briefen des hl. Paulus ”ist der wichtigste
Satz der aus Röm 3,21, wo der Apostel feststellt, dass der Beweis
für die Gerechtigkeit Gottes zwar in der Rechtfertigung durch den
Glauben in Christus und “unabhängig vom Gesetz” gegeben ist, aber
trotzdem “mit dem Zeugnis von Gesetz und den Propheten”
übereinstimmt”. In ähnlicherweise zeigt der Brief an die Hebräer,
dass das Ostergeheimnis Christi mit den Prophezeiungen und dem
präfigurativen Aspekt der Schriften übereinstimmt, aber gleichzeitig
einen Aspekt der Nichtübereinstimmung mit den traditionellen
Institutionen enthält”. Das persönliche Opfer Christ stimmt mit den
Prophezeiungen überein, die die fehlenden Tiersopfer beklagten,
obwohl diese von dem Gesetz vorgeschrieben waren. Die Lage Christi
in Seiner Herrlichkeit entspricht der Prophezeiung aus PS 109 (110),
4 zu dem Priesteramt “gemäß Melchizedek”, weil es deshalb nicht dem
levitischen Priestertum entsprach. Oft finden wir beides,
Übereinstimmung und dann wieder keine Übereinstimmung.
Im 21. Absatz kehrt das Dokument zu dem begriff der Erfüllung zurück
und erklärt, dass “es ein äußerst komplexer Begriff ist, der einfach
gefälscht werden kann, wenn man einseitig auf Weiterführung und
Bruch besteht.” Deshalb muss die Seelsorge aufpassen, dass der
Begriff der Erfüllung in den Schriften nicht verfälscht werden darf.
Im Dokument heißt es weiter, dass “der christliche Glauben die
Erfüllung in Christus, den Schriften und in den Versuchen Israels
anerkennt, dieses aber nicht als die Umsetzung dessen anerkennt, was
geschrieben steht. Ein solches Konzept wäre eine Minderung. Das
Geheimnis des gekreuzten und auferstandenen Christus ist wirklich
eine Erfüllung, die auf unvorhergesehene Weise erreicht wird. Es ist
ein Übergang. Jesus beschränkt sich nicht darauf, eine vorgegebene
Rolle, die Rolle des (siegreichen) Messias zu spielen, sondern Er
bestätigt eine Fülle der Begriffe vom Messias und der Erlösung, die
wir uns vorher nicht vorstellen konnten. Er schuf eine neue
Wirklichkeit, man könnte sogar von einer “neuen Schöpfung” sprechen”
) 2Kor 5,17; Gal 6,15) . Die Bedeutung des Begriffs “Messias”ist neu
und unbekannt. So hat man die Möglichkeit, auf ein übertriebenes
“Daran-Festhalten” zu verzichten, die für eine apolegetische
Besonderheit in Bezug auf den Beweis charakteristisch ist, der der
Erfüllung der Prophezeiungen zugeordnet wird. Dieses
“Darauf-Bestehen” trug dazu bei, dass das Urteil der Christen über
die Juden und ihre Auslegung des Alten Testaments härter ausfällt:
Je öfter wir Beweise für die Erwähnung Christi auf den Seiten des
AltenTestaments finden, desto obstinater und unentschuldbar finden
wir die Ungläubigkeit der /großen Mehrheit) der Juden.
Das Dokument erklärt dann später: Obwohl der christliche Leser weiß,
dass die im Alten Testament innewohnende Dynamik ihr Ziel in Jesus
findet, so ist dies eine rückschauende Wahrnehmung, deren Anfang
nicht in dem Text an sich liegt, sondern in den Ereignissen des
Neuen Testaments, das durch das Predigen der Apostel verkündet
wurde. “Das Dokument kommt dann hinsichtlich der Juden, die nicht an
Christus glauben, zu einer Schlussfolgerung: “es kann also nicht
gesagt werden, dass die Juden nicht sehen, was in dem Alten
Testament verkündigt wird und was die Christen im Lichte Christi und
des Hl. Geists darin als weitere Bedeutung sehen, die dort verborgen
war.” Das bedeutet - wie sie verstehen können - tiefreichend
Untertöne. Die christliche Auslegung geht über den wortwörtlichen
Sinn gewisser Texte hinweg und bestätigt - aber nicht willkürlich -
ein “Übermaß an Bedeutung”, entdeckt dieses Übermaß an Bedeutung” in
den Texten, das dort “verborgen war”.
Unter Punkt 64 drückt das Dokument das gleiche in anderen Worten
aus. Hier heißt es: “Christliche Leser sind davon überzeugt, dass
ihr Verständnis von der Hermeneutik im Alten Testament zwar
wesentlich von der des Judentums abweicht, aber das trotzdem ein
Potential an Bedeutung in den Texten zu finden ist. Die Person Jesu
und die Ihn betreffenden Ereignisse sind wie eine “Offenbarung” im
Prozess photographischer Entwicklung und erscheinen jetzt in den
Schriften mit in einer Fülle von Bedeutungen, die vor her nicht
wahrgenommen werden konnten”.
Gemäß dem Dokument folgt daraus, dass “Christen zugeben können und
sollten, dass das jüdische Verständnis der Bibel in Kontinuität mit
den Heiligen Schriften der Juden auch möglich ist und diese
Auslegung analog zu der christlichen gesehen werden kann, die
parallel dazu verlief”: Das Dokument klärt aber, dass es zwar für
Juden möglich ist, die nicht an Christus glauben, das gleiche aber
nicht für Christen gilt, denn es bedeutet die Annahme aller
Voraussetzungen des Judentums, insbesondere jene, die “den Glauben
an Jesus als Messias und Sohn Gottes ausschließen”. Beide
Auslegungen sind in der Sicht ihres jeweiligen Glauben enthalten,
deren Auslegungen Ergebnis und Ausdruck sind. Deshalb müssen beide,
so wie sie sind, beibehalten werden.” Diese Einstellung gilt für
alle jüdische Auslegungen. Es gilt nicht für die Auslegung aller
Details der biblischen Texte, denn diese Auslegung bedeutet oft
nicht die Ablehnung des Glaubens an Christus, sondern entspricht
einfach der Auslegung vor dem Kommen Christi.
Deshalb kann auch im Dokument erklärt werden, dass “die Christen
praktisch bei ihrer Exegese viel aus der Exegese der Juden lernen
können, so wie diese sie über zweitausend Jahre praktiziert haben
und die natürlich im Laufe der Geschichte viel hinzugelernt haben”.
Es heißt weiter, dass “die christlichen Exegeten hoffen sollen,”
dass die Jude ebenfalls aus der christlichen Forschung in der
Exegese lernen können” (Nr. 22).
Das Dokument rundet die Untersuchung der Beziehungen zwischen Altem
und Neuem Testament ab, indem es die Beziehungen untersucht, die es
zwischen dem Judentum und Urchristentum, zwischen Schriften und
Tradition gab, und auch fand. Die Tradition bringt die Schriften
hervor und begleitet sie dann, denn “kein schriftlicher Text kann
das reiche Erbe der Tradition angemessen ausdrücken”.Die Tradition
entschied vor allem das Gesetz (canon) der Schriften. Das alles
geschah nacheinander und führte für Christen und Juden nicht zu den
gleichen Ergebnissen. Die Christen haben ihre Schriften im Neuen
Testament, das über den Büchern des Alten Testaments steht. Was das
Alte Testament betrifft, ist der christliche canon umfassender als
der jüdische der Schriften und schließt auch in griechisch
geschriebene Bücher ein, während der Text nicht in der in Hebräisch
geschriebenen Bibel enthalten ist. Im Dokument wird das
berücksichtigt.
Andrerseits wird darauf hingewiesen, dass die Auslegung der
Schriften bei den Christen nicht der im Judentum gleicht. “Trotz
aller Verschiedenheit im Judentum während der Zeit, in der das csnon
geschrieben wurde, stand das Gesetz im Mittelpunkt, in dem man sogar
die wesentlichen, von Gott Selbst offenbarten Einrichtungen finden
konnte, die das religiöse, moralische, rechtliche und politische
Leben der jüdischen Nation nach dem Exil ordnete.” Im Neuen
Testament besteht dagegen die “allgemeine Tendenz, den prophetischen
Texten mehr Gewicht einzuräumen, dieals Ankündigung des Geheimnisses
Christi verstanden werden. Der Apostel Paulus zögert in seinem Brief
an die Hebräer keinesfalls, gegen das Gesetz zu wettern”. Diese
unterschiedliche Sichtweise erklärt sich durch die Tatsache, dass
die Kirche Christi keine Nation ist. Der Apostel Paul kämpfte
verbissen dagegen, dass den in heidnischen Nationen lebenden
Urchristen Das Gesetz und die Gebräuche der jüdischen Nation
auferlegt werden könnten.
Das zweite Kapitel des Dokuments überprüft die Lage detaillierter
und berücksichtigt die “grundlegenden Themen in den jüdischen
Schriften und ihre Umsetzung im Glauben Christi” (Nr. 19 - 65).
Die Schriften des jüdischen Volks werden in der christlichen Bibel
unter dem Namen Altes Testament aufgenommen. Im Dokument heißt es
dann sofort, dass die christliche Kirche mit dem Wort “Altes
Testament” keinesfalls sagen möchte, dass die jüdischen Schriften
veraltet oder überholt sind. Im Gegenteil hat man sich immer bemüht
zu bestätigen, dass das Alte und das Neue Testament nicht
voneinander getrennt werden können. Das nämlich ist die Beziehung an
erster Stelle. Zu Beginn des Zweiten Jahrhunderts, als Marcion ? das
Alte Testament weglegen wollte, stieß er auf heftigen Widerstand
seitens der post-apostolischen Kirche”.
“Die Bezeichnung “Altes Testament” ist ein von dem Apostel Paulus
geprägter Name, um die Moses zugeschriebenen Schriften zu
bezeichnen” (vgl. 2 Kor 3, 14-15). Paulus spricht dort von dem “das
Alte-Testament-Lesen” und “wenn wir Moses lesen”. So kam es zu
dieser Bedeutung, die seit dem Ende des zweiten Jahrhunderts auch
auf andere Heilige Schriften des jüdischen Volksangewandt wurde, die
in der christlichen Bibel gefunden wurden. “Heute besteht in
gewissen Kreisen die Tendenz, von einem “Ersten Testament” zu
sprechen, um die negative Note, die bei dem Ausdruck “Altes
Testament” entstehen mag, zu vermeiden. “Altes Testament” ist aber
ein biblischer, traditioneller Ausdruck, der an sich keine negative
Bedeutung hat: die Kirche erkennt voll und ganz die Bedeutung des
Alten Testament als das Wort Gottes an. Was dsen Ausdruck “Erstes
Testament” betrifft, so findet man im Lateinischen entsprechend
“prius testamentum” oder “primum” in der Übersetzung des Briefes an
die Hebräer (9,15; “primum” in 9,18), aber es handelt sich dabei
nicht um die Heilige Schrift, sondern um den Bund, der auf dem Sinai
geschlossen wird und von diesem “ersten Bund” kann gesagt werden,
dass er “alt” wurde, als Gott den “neuen Bund” verkündete , was das
Verschwinden des Alten bedeutete (Hebr. 8, 13)
Deshalb hat im Neuen Testament der Ausdruck “Primum Testamentum”
eine negative Bedeutung und der Ausdruck “Altes Testament” nicht.
Die Polemik im Brief an die Hebräer wird allgemein gesagt bewusst
oder unbewusst in den beschwichtigenden Erklärungen hinsichtlich der
ewigen Wertigkeit des ersten Bunds ignoriert.
Das Dokument zitiert nicht diesen Text, berücksichtigt ihn aber, da
es nicht die ewige Wertigkeit des Bundes auf dem Sinai bestätigt. Es
erwähnt die ewige Wertigkeit des “Bundes und Versprechens” von Gott”
der kein gegenseitiger Pakt ist wie der Bund auf dem Sinai, der von
den Hebräern so oft gebrochen wurde. Er ist “ganz barmherzig und
kann nicht aufgehoben werden” (Nr. 41). ”Er ist endgültig und kann
nicht aufgelöst werden”. In diesem Sinn “bleibt Israel weiterhin in
einem Bund mit Gott” (Nr. 42).
Im zweiten Kapitel überprüft das Dokument nicht weniger als neun
grundsätzliche Themen der Schriften des jüdischen Volks, die von dem
christlichen Glauben übernommen wurden. Die ersten beiden haben eine
große Tiefe, denn es handelt sich um “Gottes Offenbarung” und die
Lage der “menschlichen Person” in Bezug auf diese wei
gegensätzlichen Aspekte der “Größe und Armseligkeit”. Die anderen
Themen sprechen von dem Plan Gottes, “einem befreienden und
erlösenden Plan” der durch die “Wahl Israels” erreicht wurde, dem
Volk, dem Gott “Bund und Gesetz”anbietet. Dann kommen die göttlichen
oracles der Vorwürfe und Verdammung” und schl ussendlichdie
“oracles” der “Versprechen.
In dem Dokument steht, “das Neue Testament nimmt auch voll die
grossen Themen der Theologie Israels”, aber es wird darin auch nicht
davon abgelassen zu wiederholen, was diesbezüglich schon geschrieben
wurde.Es wird weiter darin nachgeforscht, wobei Unübertreffliches
notwendig ist, um weiter voranzukommen. “Die Person und das Werk
Christi ebenso wie die Existent der Kirche fügen sich in die
Verlängerung dieser geschichte ein”. “Gleichwohl lässt sich nicht
leugnen, dass der Übergang vom einen zum andern Testament auch
Brüche mit sich bringt. Diese stellen die Kontinuität nicht in
Frage. Sie setzen sie vielmehr in den wesentlichen Punkten voraus.
Immerhin betreffen sie ganze Bereiche des Gesetzes: Institutionen
wie das levitische Priestertum und den Tempel von Jerusalem;
Gottesdienstformen wie die Tieropfer; religiöse und rituelle Bräuche
wie die Beschneidung, die Regeln über Rein und Unrein oder die
Speisegesetze; unvollkommene Gesetze wie dasjenige über die
Scheidung oder enge Gesetzesinterpretationen wie bei den
Sabbatvorschriften. Es liegt auf der Hand, dass es sich hier von
einem bestimmten Gesichtspunkt aus – dem des Judentums – um
bedeutende Elemente handelt, die verschwinden. Aber es ist ebenso
offensichtlich, dass die im Neuen Testament vorgenommene
grundlegende Akzentverschiebung bereits im Alten Testament
vorbereitet war und demnach eine berechtigte potentielle Lesart des
Alten Testaments darstellt.” (Nr. 65)
Die Diskontinuität in einigen Punkten ist nur die negative Seite
einer Wirklichkeit, deren positive Seite Progression heißt. Das Neue
Testament bezeugt, dass Jesus, weit davon entfernt, sich der
israelitischen Schrift zu widersetzen, ihr ein Ende zu bereiten oder
sie außer Kraft zu setzen, sie in seiner Person, in seiner Sendung
und ganz besonders in seinem Ostergeheimnis zur Vollendung bringt.
In der Tat entzieht sich keines der großen Themen der Theologie des
Alten Testaments der neuen Sicht im Lichte Christi.” (Nr. 65)
Gleichwohl lässt sich nicht leugnen, dass der Übergang vom einen zum
andern Testament auch Brüche mit sich bringt. Diese stellen die
Kontinuität nicht in Frage. Sie setzen sie vielmehr in den
wesentlichen Punkten voraus. Immerhin betreffen sie ganze Bereiche
des Gesetzes: Institutionen wie das levitische Priestertum und den
Tempel von Jerusalem; Gottesdienstformen wie die Tieropfer;
religiöse und rituelle Bräuche wie die Beschneidung, die Regeln über
Rein und Unrein oder die Speisegesetze; unvollkommene Gesetze wie
dasjenige über die Scheidung oder enge Gesetzesinterpretationen wie
bei den Sabbatvorschriften. Es liegt auf der Hand, dass es sich hier
von einem bestimmten Gesichtspunkt aus – dem des Judentums – um
bedeutende Elemente handelt, die verschwinden. Aber es ist ebenso
offensichtlich, dass die im Neuen Testament vorgenommene
grundlegende Akzentverschiebung bereits im Alten Testament
vorbereitet war und demnach eine berechtigte potentielle Lesart des
Alten Testaments darstellt.”(Nr. 64)
.Insbesondere,” Das Neue Testament übernimmt als unwiderrufliche
Wirklichkeit die Erwählung Israels als Bundesvolk: Es bewahrt
uneingeschränkt seine Vorzüge (Röm 9,4) und seine Vorrangstellung in
der Geschichte bezüglich des Angebots von Gottes Heil (Apg 13,23)
und Wort (13,46). Doch hat Gott Israel einen »neuen Bund« angeboten
(Jer 31,31); dieser gründet sich auf das Blut Jesu. 306 Die Kirche
setzt sich zusammen aus Israeliten, die diesen neuen Bund angenommen
haben, und anderen Gläubigen, die sich ihnen angeschlossen haben.
Als Volk des neuen Bundes ist sich die Kirche bewusst, nur aufgrund
ihrer Zugehörigkeit zu Jesus Christus, dem Messias Israels, und dank
ihrer Bande mit den Aposteln, die alle Israeliten waren, zu
existieren. Fern davon, sich an die Stelle Israels zu setzen, 307
bleibt sie mit ihm solidarisch. Den Christen, die aus dem Heidentum
gekommen sind, erklärt Paulus, dass sie auf den guten Ölbaum Israel
aufgepfropft sind (Röm 11,16.17). Damit zeigt die Kirche das
Bewusstsein, dass Christus ihr eine universale Öffnung verliehen hat
im Sinne der Berufung Abrahams, dessen Nachkommenschaft sich jetzt
erweitert zugunsten einer Sohnschaft, die auf den Glauben an
Christus gründet (Röm 4,11-12).
Deshalb ist im Neuen Testament gegenüber der Heiligen Schrift des
jüdischen Volkes eine tiefe Treue wiederzufinden, eine Treue, die
jedoch zugleich auch kreativ ist, in Einklang mit den prophetischen
Orakeln, die “den neuen Bund” und das Geschenk eines “neuen Herzens”
und eines “neuen Geistes”/Ez 36:26) ankündigten.
Das dritte Kapitel des Dokuments heisst “Die Juden im Neuen
Testament”. Jedoch beginnt es mit einer notwendigen Erklärung, die
nicht unnütz ist, über die “unterschiedlichen Ausprägungen des
nachexilischen Judentums”.(Nr.66-69). In der Tat wäre es ein Fehler
gewesen den Judaismus zur damaligen Zeit als eine monolythische
Realität aufzufassen. Im Gegenteil müüsen wir die Existenz
verschiedener Gedankenströmungen und Verhaltensweisen feststellen,
die oft entgegengesetzt waren. Der jüdische Historiker Josephus
unterscheidet drei “Parteien” oder Philosophenschulen:
die Pharisäer, die Sadduzäer und Essener. Doch ist die Liste nicht
vollständig. : Die Beziehungen zwischen den verschiedenen Gruppen
waren gelegentlich äußerst gespannt bis hin zu offener
Feindseligkeit (...) Die Schriften von Qumran überschütten die
sadduzäische Hierarchie von Jerusalem mit Anklagen als schlechte
Priester, die das Gesetz missachten, und sie malen auch die
Pharisäer in schwarzen Farben.” Im Dokument wird die Situation vor
Augen gehalten, die in den Schriften des Neuen Testaments
wiedergegeben wird. Es werden mehrere aufeinander folgende
Zeitabschnitte unterschieden: erstens, “die letzten Jahrhunderte vor
Christus”, dann das 1. Jahrhundert nach Jesus Christus, in drei
Drittel unterteilt. Das erste Drittel “In diesen Zeitabschnitt fällt
das Leben Jesu. Nur hat es ein wenig früher begonnen, da Jesus vor
dem Tode Herodes' des Großen geboren wurde, der im Jahre 4 vor
unserer Zeitrechnung starb”. Das Dokument erklärt”So gehört Jesus
wahrscheinlich keiner der Gruppierungen an, die es im damaligen
Judentum gab. Er war schlicht mit dem einfachen Volk solidarisch.
Neuere Studien haben versucht, ihn in verschiedene soziale Kontexte
seiner Zeit einzuordnen: charismatische Rabbis aus Galiläa, kynische
Wanderprediger oder selbst revolutionäre Zeloten. Doch lässt er sich
in keine dieser Gruppen einzwängen.”Was die Gruppierung der Jünger
anbelangt, so”konnte der Kreis seiner Jünger die ganze Vielfalt des
damaligen Palästina widerspiegeln”(Nr. 67).
Das zweite Drittel des 1. Jahrhunderts ist die Zeit wurden die
Jünger des auferstandenen Christus sehr zahlreich und organisierten
sich in »Kirchen« (»Gemeinden«).”Das letzte Drittel beginnt mit “dem
jüdischen Aufstand 66-70 “, der zum jüdischen Krieg und zur
Zerstörung des Tempels von Jerusalem führte.”Wenn die christlichen
Schriften aus dieser Zeit vom Judentum sprechen, dann tun sie es
zunehmend unter dem Einfluss der Beziehungen zu diesem in Entstehung
befindlichen rabbinischen Judentum. Auf manchen Gebieten war der
Konflikt zwischen den Leitern der Synagogen und den Jüngern Jesu
scharf..”(Nr. 69).
Nach dieser notwendigen Einführung wird untersucht, wie die Juden in
den Evangelien und in der Apostelgeschichte dargestellt werden. Dann
in den Briefen des Paulus, Jakobus, Petrus und Judas und in der
Offenbarung.Der erste Abschnitt ist sehr wichtig. Er besagt, “Von
den Juden haben die Evangelien und die Apostelgeschichte eine sehr
positive Grundauffassung, denn sie erkennen das jüdische Volk als
das Volk an, das Gott zur Verwirklichung seines Heilsplans
auserwählt hat. Diese göttliche Auswahl findet ihren höchsten
Ausdruck in der Person Jesu, des Sohnes einer jüdischen Mutter. Er
wird geboren, um sein Volk zu retten, und er wird seinem Auftrag
gerecht, (...)Der Anschluss einer großen Anzahl von Juden an Jesus
während seines öffentlichen Lebens und nach seiner Auferstehung
bestätigt diese Sicht, und ebenso die Auswahl von zwölf Juden durch
Jesus, die an seiner Sendung teilhaben und sein Werk weiterführen
sollten.” (Nr. 70).
Ein weiterer Aspekt dieser Situation wird auf folgende Weise zum
Ausdruck gebracht:”Das Evangelium wurde zunächst von vielen Juden
freudig aufgenommen, doch stieß es auf den Widerstand der jüdischen
Führer, denen sich schließlich die Mehrheit des Volkes anschloss. So
kam es zwischen den jüdischen und den christlichen Gemeinden zu
einer Konfliktsituation, die selbstverständlich die Abfassung der
Evangelien und der Apostelgeschichte beeinflusst hat.”(Nr. 70).
Diese zwei Aspekte der Situation, der erste sehr positiv und der
zweite negativ, können in allen Schriften des Neuen Testaments
gefunden werden. In Bezug auf den zweiten Aspekt wurden Ablehnung
und polemische Texte zum Ausdruck gebracht.. Dennoch, der Text
erklärt:”
Im Neuen Testament sind die an die Juden gerichteten Vorwürfe weder
häufiger noch heftiger als die Anklagen, die im Gesetz und in den
Propheten gegen die Juden gerichtet werden. So dürfen sie nicht mehr
für Antijudaismus in Anspruch genommen werden. Sie in dieser Weise
zu benutzen, liefe der Gesamtausrichtung des Neuen Testaments
zuwider. Einen echten Antijudaismus, d. h. eine Haltung von
Verachtung, von Feindschaft und von Verfolgungswut gegenüber den
Juden als Juden findet sich in keinem Texte des Neuen Testaments und
ist mit der Lehre des Neuen Testaments unvereinbar. Was es gibt,
sind Vorwürfe gegenüber bestimmten Arten von Juden aus religiösen
Gründen und auf der anderen Seite polemische Texte, die die
christliche apostolische Verkündigung gegenüber Juden in Schutz
nehmen sollen, die ihr Widerstand entgegenbringen.” (Nr. 87)Vorwurf
ist nie das gleiche wie Hass. Das Dokument erinnert uns an das, was
in der Apostelgeschichte steht “Die Schuld der »Israeliten« bestand
darin, den »Urheber des Lebens zu töten« (3,15). Diese Schuld, die
vor allem diejenige der »Führer des Volkes« (4,8) oder des »Hohen
Rates« (5,27.30) war, wird nur in Erinnerung gebracht, um einen
Aufruf zur Umkehr und zum Glauben zu begründen. Petrus mindert im
übrigen die Schuldhaftigkeit nicht nur der »Israeliten«, sondern
auch der »Führer«, indem er erklärt, sie hätten »aus Unwissenheit«
gefehlt (3,17). Eine solche Entschuldigung beeindruckt. Sie
entspricht aber der Lehre und dem Verhalten Jesu (Lk 6,36-37;
23,34).(Er betete, für die, die Ihn kreuzigten) (Nr. 75) Der Heilige
Stephanus, der erste der Märtyrer, folgte getreu seinem Vorbild (Apg
7:60).
Was polemische Texte anbelangt, die dadurch bei der jüdischen
Opposition gegenüber dem Christlichen Apostolat provoziert wurden,
hebt der Text hervor, “Nachdem sich die Lage grundsätzlich gewandelt
hat”, besteht nicht mehr die Notwendigkeit “in die Beziehung
zwischen Christen und Juden einzugreifen”. (Nr. 71)
Abschließend besagt das Dokument, “Dadurch dass das Neue Testament
von seinem Wesen her Verkündigung der Erfüllung des Heilsplans
Gottes in Jesus Christus ist, steht es in grundlegendem Widerspruch
zur großen Mehrheit des jüdischen Volkes, das nicht an diese
Erfüllung glaubt (...) So tief die Uneinigkeit auch reichen mag, so
rechtfertigt sie doch in keiner Weise wechselseitige Feinseligkeit.
Das Beispiel von Paulus in Röm 9 – 11 zeigt vielmehr eine Haltung
des Respekts, der Hochschätzung und der Liebe gegenüber dem
jüdischen Volk. Diese ist die einzige wirklich christliche Haltung
in einer heilsgeschichtlichen Situation, die in geheimnisvoller
Weise Teil des ganz positiven Heilsplans Gottes ist.”
“Der Dialog bleibt möglich, da Juden und Christen ein reiches
gemeinsames Erbe besitzen, das sie verbindet. Er ist auch in
höchstem Maße wünschenswert, damit es gelingt, fortschreitend auf
beiden Seiten Vorurteile und Missverständnisse zu überwinden
zugunsten einer besseren Kenntnis des gemeinsamen Erbes und zur
Stärkung der wechselseitigen Bande.”
In diesem Sinne drängt die Fügsamkeit gegenüber dem Wort Gottes die
Kirche dazu fortzuschreiten.
[00014-05.29][NNNNN] [Originalsprache: Französisch]
BRIEFING DER SPRACHGRUPPEN
Das erste Briefing für die Sprachgruppen wird morgen, am 7. Oktober
2008 um circa 14.00 Uhr stattfinden (an den im Pressebulletin Nr.2
angegebenen Orten und Pressebeauftragten), im Anschluss an das
Briefing der American Bible Society um 13.00 Uhr in der Aula
Johannes Paul II. des Presseamtes des Heiligen Stuhls (ursprünglich
vorgesehen für Mittwoch, den 8. Oktober).
Es wird daran erinnert, dass die Mitarbeiter der audiovisuellen
Medien (Kameramänner und Techniker) und Fotographen gebeten werden,
sich für die Akkreditierung an den Päpstlichen Rat für die sozialen
Kommunikationsmittel zu wenden (sehr beschränkte Zulassung).
Am Briefing der American Bible Society nehmen teil: S.Em. Kard.
Peter Kodwo Appiah TURKSON, Erzbischof von Cape Coast (GHANA); P.
Thomas ROSICA CSB, Exekutivdirektor des katholischen Fernsehkanals
Kanadas “Salt and Light” (KANADA); Rev. Dennis DICKERSON, Präsident,
Board of Trustees, American Bible Society; Rev. Giuseppe Costa,
Direktor der Vatikanischen Verlagsbuchhandlung.
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