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34 - 24.10.2008
AKTUALISIERTE VERSION UM 19.00
INHALT
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BOTSCHAFT AN DAS VOLK GOTTES DER XII. ORDENTLICHEN VOLLVERSAMMLUNG
DER BISCHOFSSYNODE
BOTSCHAFT AN DAS VOLK GOTTES DER XII. ORDENTLICHEN
VOLLVERSAMMLUNG DER BISCHOFSSYNODE
In der Einundzwanzigsten Generalversammlung von heute, Freitag, den
24. Oktober 2008, haben die Synodenväter die Botschaft der
Bischofssynode an das Volk Gottes zur Schließung der XI.
Ordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode gebilligt.
Im Folgenden veröffentlichen wir den Orginaltext in deutsch:
Frieden sei mit den Brüdern und Schwestern, „Liebe und Glaube von
Gott, dem Vater, und Jesus Christus, dem Herrn. Gnade und
unvergängliches Leben sei mit allen, die Jesus Christus, unseren
Herrn lieben“. Mit diesem innigen und leidenschaftlichen Gruß
schloss der hl. Paulus seinen Brief an die Epheser (6, 23-24). Mit
eben diesen Worten beginnen wir Synodenväter, die wir zur XII.
Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode in Rom unter der
Leitung des Heiligen Vaters Benedikt XVI. versammelt sind unsere
Botschaft, die an den unermesslichen Horizont all derer gerichtet
ist, die in den verschiedenen Regionen der Welt Christus als Jünger
nachfolgen und fortfahren, ihn mit unerschütterlicher Liebe zu
lieben.
Ihnen stellen wir erneut die Stimme und das Licht des Wort Gottes
vor und wiederholen den alten Aufruf: „Das Wort ist ganz nah bei
dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es
halten“ (Dtn 30, 14). Und Gott selbst wird zu jedem sagen:
„Menschensohn, nimm alle meine Worte, die ich dir sage, mit deinem
Herzen auf, und höre mit deinen Ohren“ (Ez 3, 10). Allen schlagen
wir jetzt eine geistige Reise vor, die sich in drei Etappen
vollzieht und von der Ewigkeit und Unendlichkeit Gottes in unsere
Wohnstätten und entlang der Straßen unserer Städte führen wird.
I. DIE STIMME DES WORTES: DIE OFFENBARUNG
1. „Der Herr sprach zu euch mitten aus dem Feuer. Ihr hörtet den
Donner der Worte. Eine Gestalt habt ihr nicht gesehen. Ihr habt nur
den Donner gehört“ (Dt 4, 12). Und Moses, der spricht, spielt auf
die Erfahrung an, die Israel in der herben Einsamkeit der Wüste
Sinai gemacht hat. Der Herr hatte sich nicht als Bild oder
Darstellung oder als Statue gezeigt, ähnlich wie das goldene Kalb,
sondern als “Donner der Worte”. Es ist eine Stimme, die zu Beginn
der Schöpfung in Erscheinung getreten war, als sie das Schweigen des
Nichts zerriss: „Im Anfang ... sprach Gott: Es werde Licht! Und es
wurde Licht ... Im Anfang war das Wort ... und das Wort war Gott ...
Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts,
was geworden ist“ (Gen 1, 1.3; Joh 1, 1.3).
Die Schöpfung entsteht nicht aus einem Kampf zwischen Gottheiten -
wie die antike mesopotamische Mythologie lehrte - sondern aus einem
Wort, das das Nichts besiegt und das Sein erschafft. Der Psalmist
singt: „Durch das Wort des Herrn wurden die Himmel geschaffen, ihr
ganzes Heer durch den Hauch seines Mundes ... Denn der Herr sprach,
und sogleich geschah es; er gebot, und alles war da“ (Ps 33, 6.9).
Und der hl. Paulus wird wiederholen: „Gott ist es, der die Toten
lebendig macht und das, was nicht ist, ins Dasein ruft“ (Röm 4, 17).
So gibt es eine erste “kosmische” Offenbarung, die die Schöpfung
einem vor der gesamten Menschheit aufgeschlagenen Buch ähnlich
erscheinen lässt, die in ihm eine Botschaft des Schöpfers lesen
kann: „Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner
Hände kündet das Firmament. Ein Tag sagt es dem andern, eine Nacht
tut es der anderen kund, ohne Worte und ohne Reden, unhörbar bleibt
ihre Stimme. Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus, ihre
Kunde bis zu den Enden der Erde“ (Ps 19, 2-5).
2. Das göttliche Wort steht jedoch auch am Ursprung der menschlichen
Geschichte. Der Mann und die Frau, die „das Bild Gottes und ihm
ähnlich“ sind (Gen 1, 27) und die also in sich das Abbild Gottes
tragen, können mit ihrem Schöpfer in einen Dialog eintreten oder
sich von ihm entfernen und ihn durch die Sünde zurückweisen. Das
Wort Gottes erlöst und richtet also, dringt ein in den Lauf der
Geschichte mit ihrem Netz von Tätigkeiten und Geschehnissen: „Ich
habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihre laute
Klage ...habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid. Ich bin
herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen und aus
jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land ...“ (Ex 3,
7-8). Es gibt folglich eine göttliche Präsenz in den menschlichen
Angelegenheiten, die durch das Eingreifen des Herrn in die
Geschichte in einen größeren Heilsplan eingefügt werden, damit „alle
Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“
(1 Tim 2, 4).
3. Das machtvolle göttliche Wort, schöpferisch und erlösend, steht
folglich am Beginn des Seins und der Geschichte, der Schöpfung und
der Erlösung. Der Herr kommt der Menschheit entgegen und verkündet:
„Ich habe gesprochen, und ich führe es aus“ (Ez 37, 14). Es gibt
jedoch einen weiteren Schritt, den die göttliche Stimme verfolgt: es
ist der des geschriebenen Wortes, die Graphé oder die Graphai, die
Heiligen Schriften, wie es im Neuen Testament heißt. Schon Mose war
vom Gipfel des Sinai herab gestiegen und hielt „die zwei Tafeln der
Bundesurkunde in der Hand, die Tafeln, die auf beiden Seiten
beschrieben waren. Auf der einen wie auf der anderen Seite waren sie
beschrieben. Die Tafeln hatte Gott selbst gemacht, und die Schrift,
die auf den Tafeln eingegraben war, war Gottes Schrift“ (Ex 32,
15-16). Und eben dieser Moses wird Israel auferlegen, diese “Tafeln
der Bundesurkunde” aufzuheben und abzuschreiben. „Und auf die Steine
sollst du in schöner Schrift alle Worte dieser Weisung schreiben“
(Dt 27, 8).
Die Heiligen Schriften sind das „Zeugnis“des göttlichen Wortes in
schriftlicher Form, sie sind kanonisches, historisches und
literarisches Denkmal, das das Ereignis der schöpferischen und
erlösenden Offenbarung bezeugt. Das Wort Gottes geht also der Bibel
voraus und über die Bibel hinaus, die auch „von Gott inspiriert“ ist
und das wirkende göttliche Wort enthält (vgl. 2 Tim 3, 16). Und aus
diesem Grund steht im Mittelpunkt unseres Glaubens nicht nur ein
Buch, sondern eine Geschichte der Erlösung und, wie wir sehen
werden, eine Person, Jesus Christus, Gottes Wort, das Fleisch,
Mensch, Geschichte geworden ist. Eben gerade weil der Horizont des
Wortes Gottes umfassend ist und über die Bibel hinaus geht, ist die
beständige Gegenwart des Heiligen Geistes notwendig, der denjenigen,
der die Bibel liest, „in die ganze Wahrheit führt“ (Joh 16, 13). Es
ist dies die große Tradition, wirksame Gegenwart des „Geistes der
Wahrheit“ in der Kirche, Hüterin der Heiligen Schriften, authentisch
interpretiert durch das Lehramt der Kirche, zum Verständnis, zur
Kommunikation und zur Bezeugung des Wortes Gottes befähigt. Der hl.
Paulus selbst wird, wenn er das erste christliche Credo verkündet,
anerkennen, dass er das „überliefert“, was auch er von der Tradition
„empfangen“ hat (1 Kor 15, 3-5).
II. DAS ANTLITZ DES WORTES: JESUS CHRISTUS
4. Im griechischen Original sind es nur drei grundlegende Worte:
Lógos sarx eghéneto, „der Logos/das Wort wird Fleisch“. Und dies ist
nicht nur der Höhepunkt jenes poetischen und theologischen Juwels,
den der Prolog des Johannesevangeliums darstellt (1, 14), sondern es
ist das Herz des christlichen Glaubens. Das ewige und göttliche Wort
tritt ein in Raum und Zeit und nimmt ein Antlitz und eine
menschliche Identität an, und so ist es wirklich möglich, sich ihm
zu nähern und ihn direkt zu fragen, wie es jene Gruppe von Griechen
tat, die sich in Jerusalem aufhielten: „Wir wollen Jesus sehen“ (Joh
12, 20-21). Die Worte ohne ein Antlitz sind nicht vollkommen, weil
sie die Begegnung nicht vollständig sein lassen, wie Ijob am Ende
seiner dramatischen Suche sagte: „Vom Hörensagen nur hatte ich von
dir vernommen; jetzt aber hat mein Auge dich geschaut“ (42, 5).
Christus ist „das Wort, das bei Gott ist und Gott ist“, und „das
Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen
Schöpfung“ (Kol 1, 15); aber er ist auch Jesus von Nazareth, der
durch die Straßen einer entlegenen Provinz des römischen Reiches
geht, der eine lokale Sprache spricht, die die Züge eines Volkes,
des jüdischen, und seiner Kultur trägt. Der reale Jesus Christus ist
folglich verletzlicher und sterblicher Leib, er ist Geschichte und
menschliche Natur, aber auch Ruhm, Göttlichkeit, Geheimnis:
Derjenige, der uns Gott offenbart hat, den niemand je gesehen hat
(vgl. Joh 1, 18). Der Sohn Gottes bleibt Sohn Gottes, auch als
Leichnam, der im Grab liegt, und die Auferstehung ist dessen
lebendiger und wirksamer Beweis.
5. Die christliche Tradition hat oft das göttliche Wort, das Fleisch
wird, dem Wort, das Buch wird, gegenübergestellt. Das tritt schon im
Credo hervor, wenn bekannt wird, dass der Sohn Gottes „Fleisch
angenommen hat durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria“,
aber man auch den Glauben an jenen „Heiligen Geist, der durch die
Propheten gesprochen hat“, bekennt. Das Zweite Vatikanum nimmt diese
alte Tradition auf, nach der „der Leib des Sohnes die Schrift ist,
die uns überliefert ist“ - wie der hl. Ambrosius sagt (In Lucam VI,
33) - und erklärt mit deutlichen Worten: „Denn Gottes Worte, durch
Menschenzunge formuliert, sind menschlicher Rede ähnlich geworden,
wie einst des ewigen Vaters Wort durch die Annahme
menschlich-schwachen Fleisches den Menschen ähnlich geworden ist“
(DV 13).
Die Bibel ist in der Tat auch „Fleisch“, „Buchstabe“, sie drückt
sich aus in einzelnen Sprachen, in literarischen und historischen
Formen, in Begriffen, die gebunden sind an eine antike Kultur, sie
bewahrt Erinnerungen an oft tragische Ereignisse, ihre Seiten sind
nicht selten mit Blut und Gewalt befleckt, in ihrem Innern hallt das
Lachen des Menschen wider und fließen die Tränen, so wie sich das
Gebet der Unglücklichen und der Jubel der Verliebten erhebt. Wegen
dieser „fleischlichen“ Dimension erfordert sie eine historische und
literarische Analyse, die durch die verschiedenen von Bibelexegese
angebotenen Methoden und Annäherungsweisen verwirklicht wird. Jeder
Leser der Heiligen Schriften, auch der einfachste, muss eine
angemessene Kenntnis des heiligen Textes haben und sich klar machen,
dass das Wort in konkrete Wörter gekleidet ist, denen es sich
ausliefert und anpasst, um für die Menschheit hörbar und
verständlich zu sein.
Dies ist eine unausweichliche Aufgabe: Wenn man sie ausschließt,
kann man in den Fundamentalismus abgleiten, der praktisch die
Fleischwerdung des göttlichen Wortes in der Geschichte verneint,
nicht anerkennt, dass jenes Wort sich in der Bibel ausdrückt im
Sinne einer menschlichen Sprache, die entziffert, studiert und
verstanden werden muss, und ignoriert, dass die göttliche
Inspiration nicht die historische Identität und die der
Persönlichkeit der menschlichen Autoren ausgelöscht hat. Die Bibel
ist jedoch auch das ewige und göttliche Wort und erfordert deshalb
ein anderes Verständnis, das vom Heiligen Geist gegeben wird, der
die transzendente Dimension des Gotteswortes enthüllt, das in den
menschlichen Worten gegenwärtig ist.
6. Hier sind also die „lebendige Überlieferung der Gesamtkirche“ (DV
12) und der Glaube notwendig, um im einzigen und vollen Sinn die
Heiligen Schriften zu verstehen. Wenn man bei dem bloßen
“Buchstaben” stehen bleibt, bleibt die Bibel nur ein feierliches
Dokument der Vergangenheit, ein edles ethisches und kulturelles
Zeugnis. Wenn man jedoch die Inkarnation ausschließt, kann man in
das Missverständnis des Fundamentalismus verfallen oder einen vagen
Spiritualismus oder Psychologismus. Die exegetische Kenntnis muss
folglich unauflösbar mit der spirituellen und theologischen
Tradition verbunden sein, damit die göttlich-menschliche Einheit
Jesu Christi und der Heiligen Schriften nicht zerbrochen wird.
In dieser wieder gewonnen Harmonie wird das Antlitz Christi in
seiner Gänze wieder erstrahlen und uns helfen, eine andere Einheit
zu entdecken, jene tiefe und innere Einheit der Heiligen Schiften,
ihr Wesen, 73 Bücher, aber zusammengefasst zu einem einzigen
„Kanon“, zu einem einzigen Dialog zwischen Gott und der Menschheit,
zu einem einzigen Heilsplan. „Viele Male und auf vielerlei Weise hat
Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser
Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn“ (Hebr 1, 1-2).
Christus wirft auf diese Weise im Nachhinein sein Licht auf den
gesamten Weg der Heilsgeschichte und enthüllt deren
Folgerichtigkeit, Bedeutung und Richtung.
Er ist das Siegel, „das Alpha und das Omega“ (Apg 1, 8) eines
Dialoges zwischen Gott und seinen Geschöpfen durch die Zeit hindurch
und in der Bibel bezeugt. Im Licht dieser endgültigen Besiegelung
erhalten die Worte des Mose und der Propheten ihren „vollen Sinn“,
wie Jesus selbst an jenem frühlingshaften Nachmittag angedeutet
hatte, während er von Jerusalem nach Emmaus unterwegs war und mit
Kleopas und seinem Freund sprach, und „ihnen darlegte, was in der
gesamten Schrift über ihn geschrieben steht“ (Lk 24, 27).
Eben gerade weil im Zentrum der Offenbarung das göttliche Wort
steht, das ein Antlitz hat, ist das letzte Ziel der Kenntnis der
Bibel „nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern
die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem
Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung
gibt“ (Deus caritas est, 1).
III. DAS HAUS DES WORTES: DIE KIRCHE
Wie sich die göttliche Weisheit im Alten Testament ihr von sieben
Säulen gestütztes Haus (vgl. Spr 9, 1) in der Stadt der Männer und
Frauen errichtet hatte, so hat auch das Wort Gottes sein Haus im
Neuen Testament: Es ist die Kirche, die ihr Vorbild in der
Urgemeinde von Jerusalem hat, die auf Petrus und die Apostel
gegründet ist (LG 13) und heute durch die Bischöfe, die um den
Nachfolger Petri versammelt sind, führt die Aufgabe weiter, Hüterin,
Verkündigerin und Interpretin des Wortes zu sein. In der
Apostelgeschichte (2, 42) zeichnet Lukas ihre Architektur nach, die
auf vier ideellen Säulen ruht: „Sie hielten an der Lehre der Apostel
fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den
Gebeten“.
7. Vor allem ist da die apostolische didaché, das heißt die
Verkündigung des Wortes Gottes. Der Apostel Paulus ermahnt uns in
der Tat, dass „der Glaube in der Botschaft gründet, die Botschaft im
Wort Christi“ (Röm 10, 17). Aus der Kirche erhebt sich die Stimme
des Boten, der allen das kérygma vorlegt oder die erste und
grundlegende Verkündigung, die Jesus selbst am Beginn seines
öffentlichen Wirkens ausgesprochen hatte: „Die Zeit ist erfüllt, das
Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk
1, 15). Die Apostel verkünden den Anbruch des Reiches Gottes und
damit den entscheidenden göttlichen Eingriff in die menschliche
Geschichte, indem sie Tod und Auferstehung Christi verkünden: „Und
in keinem anderen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen
kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet
werden sollen“ (Apg 4, 12). Der Christ gibt von dieser seiner
Hoffnung „bescheiden, ehrfürchtig und mit reinem Gewissen“ Zeugnis;
er flieht nicht vor dem Sturm der Zurückweisung oder Verfolgung,
auch wenn er vielleicht von ihm überrollt wird, denn er ist sich
bewusst, dass „es besser ist, für gute Taten zu leiden als für böse“
(vgl. 1 Petr 3, 16-17).
In der Kirche erklingt dann die Katechese: sie ist dazu bestimmt, im
Christen „das Geheimnis Christi im Licht der Heiligen Schrift“ zu
vertiefen, „damit der ganze Mensch hiervon geprägt wird“ (Johannes
Paul II., Catechesi tradendae, 20). Aber der Höhepunkt der
Verkündigung ist die Predigt, die auch heute noch für viele Christen
der wichtigste Moment der Begegnung mit dem Wort Gottes ist. Wenn er
predigt, sollte der Priester auch Prophet sein. Denn er muss nicht
nur mit Autorität und in klar verständlicher, einprägsamer und
gehaltvoller Sprache die „Wundertaten Gottes in der Geschichte des
Heils“ (SC, 35) verkünden - zunächst in einer deutlichen und
lebendigen Darbietung des von der Liturgie vorgesehenen biblischen
Textes -, sondern er muss sie auch im Hinblick auf die von den
Zuhörern erlebten Zeiten und Situationen aktualisieren und in ihrem
Herzen die Frage der Bekehrung und des Engagements in ihrem Leben
aufkommen lassen: „Was sollen wir tun?“ (Apg 2, 37).
Verkündigung, Katechese und Homilie setzen also Lesen und Verstehen,
Erklären und Auslegen, Einbeziehung von Herz und Verstand voraus. In
der Predigt vollzieht sich so eine zweifache Bewegung. Mit der
ersten geht man zurück zur Wurzel der heiligen Texte, der
Ereignisse, der Heilsgeschichte bewirkenden Worte, um ihre Bedeutung
und Botschaft zu verstehen. Mit der zweiten Bewegung kehrt man
wieder in die Gegenwart zurück, dem gelebten Heute dessen, der hört
und liest, immer im Licht Christi, der wie eine leuchtende Spur die
Schriften eint. Es ist das, was Jesus selbst - wie schon erwähnt -
in Begleitung zweier seiner Jünger auf dem Weg von Jerusalem nach
Emmaus getan hat. Und dasselbe wird der Diakon Philippus auf dem Weg
von Jerusalem nach Gaza tun, als er mit dem äthiopischen Hofbeamten
jenen emblematischen Dialog beginnt: „Verstehst du auch, was du
liest? ... Wie könnte ich es, wenn mich niemand anleitet?“ (Apg 8,
30-31). Und das Ziel wird die vollkommene Begegnung mit Christus im
Sakrament sein. So stellt sich die zweite Säule dar, die die Kirche
trägt, das Haus des göttlichen Wortes.
8. Es ist das Brechen des Brotes. Die Szene von Emmaus (Lk 24,
13-35) ist erneut beispielhaft und stellt das dar, was jeden Tag in
unseren Kirchen geschieht: Der Predigt Jesu über Mose und die
Propheten folgt das Brechen des eucharistischen Brotes am Tisch. Das
ist der Augenblick eines vertrauten Dialogs Gottes mit seinem Volk,
es ist der Akt des im Blut Christi besiegelten Neuen Bundes (Lk 22,
20), es ist das höchste Werk des göttlichen Wortes, das sich in
seinem geopferten Leib als Speise darbietet und die Quelle und der
Höhepunkt des Lebens und der Mission der Kirche. Der
Evangelienbericht vom Letzten Abendmahl, Gedächtnis des Opfers
Christi, wird Ereignis und Sakrament, wenn er unter Anrufung des
Heiligen Geistes in der Eucharistiefeier verkündet wird. Deshalb hat
das Zweite Vatikanische Konzil in einem Abschnitt von eindringlicher
Intensität erklärt: „Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer
verehrt wie den Herrenleib selbst, weil sie, vor allem in der
heiligen Liturgie, vom Tisch des Wortes Gottes wie des Leibes
Christi ohne Unterlaß das Brot des Lebens nimmt und den Gläubigen
reicht“ (DV 21). Deshalb sollte man in den Mittelpunkt des
christlichen Lebens „Wortgottesdienst und Eucharistiefeier“ stellen,
die „so eng miteinander verbunden sind, dass sie einen einzigen
Kultakt ausmachen“ (SC 56).
9. Die dritte Säule des geistlichen Gebäudes der Kirche, dem Haus
des Wortes, besteht aus den Gebeten, die - wie der heilige Paulus
erinnerte - durchflochten sind von „Psalmen, Hymnen und Liedern“
(Kol 3, 16). Eine privilegierte Stelle nimmt sicherlich das
Stundengebet ein, das Gebet der Kirche schlechthin, dazu bestimmt,
den Tagen und Zeiten des christlichen Jahres seinen Rhythmus zu
verleihen und besonders durch den Psalter dem Gläubigen die tägliche
geistliche Nahrung anzubieten. Daneben und neben den
gemeinschaftlichen Wort-Gottes-Feiern hat die Tradition die Praxis
der Lectio divina eingeführt, die betende Lesung im Heiligen Geist,
die fähig ist, dem Gläubigen den Schatz des Wortes Gottes zu
eröffnen, aber auch Begegnung mit Christus, dem lebendigen
göttlichen Wort, zu bewirken.
Sie beginnt mit der Lektüre (lectio) des Textes, die eine Frage der
echten Kenntnis seines wirklichen Inhalts hervorruft: Was sagt der
biblische Text an sich? Es folgt die Meditation (meditatio), bei der
die Frage lautet: Was sagt uns der biblische Text? So gelangt man
zum Gebet (oratio), das eine weitere Frage voraussetzt: Was sagen
wir zum Herrn als Antwort auf sein Wort? Und sie schließt mit der
Kontemplation (contemplatio), während der wir als Geschenk Gottes
die Realität mit seinem Blick betrachten und uns fragen: Um welche
Bekehrung des Geistes, des Herzens und des Lebens bittet der Herr
uns?
Vor dem betenden Leser des Wortes Gottes steht im Geist die Gestalt
Marias, der Mutter des Herrn, die „alles, was geschehen war in ihrem
Herzen bewahrte und darüber nachdachte“ (Lk 2, 19; vgl. 2, 51), das
heißt - wie es das griechische Original ausdrückt - sie fand den
tiefen Kern, welcher scheinbar unverbundene Ereignisse, Taten und
Dinge im großen Plan Gottes verbindet. Vor den Augen des Gläubigen,
der die Bibel liest, könnte auch Maria, die Schwester Martas stehen,
die sich im Hören auf sein Wort zu Füßen des Herrn niederlässt und
nicht zulässt, dass die äußere Unruhe die Seele vollkommen gefangen
nimmt und so auch den für das “Bessere” freien Raum erfüllt, der uns
nicht genommen werden darf (vgl. Lk 10, 38-42).
10. Schließlich stehen wir vor der letzten Säule, die die Kirche,
das Haus des Wortes, stützt: die koinonía, die brüderliche
Gemeinschaft, ein anderes Wort für agápe, das heißt für die
christliche Liebe. Denn es ist so, wie Jesus uns sagt: Um seine
Brüder und Schwestern zu werden, muss man unter denen sein, „die das
Wort Gottes hören und danach handeln“ (Lk 8, 21). Echtes Hören heißt
zu gehorchen und zu handeln, es heißt im Leben Gerechtigkeit und
Liebe walten zu lassen, in der eigenen Existenz und in der
Gesellschaft ein Zeugnis zu geben, das mit dem Ruf der Propheten
übereinstimmt, der beständig Wort Gottes und Leben, Glaube und
Gerechtigkeit, Kult und sozialen Einsatz vereint hat. Und dies hat
auch Jesus mehrmals wiederholt, angefangen von der berühmten
Ermahnung der Bergpredigt: „Nicht jeder, der zu mir sagt, Herr!
Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen
meines Vaters im Himmel erfüllt“ (Mt 7, 21). In diesem Satz scheint
das von Jesaja widergegebene Gotteswort anzuklingen: „Dieses Volk
nähert sich mir nur mit Worten und ehrt mich bloß mit den Lippen,
sein Herz hält es aber fern von mir“ (29, 13). Diese Mahnungen
gelten auch den Kirchen, wenn sie dem gehorsamen Hören des Wortes
Gottes nicht treu sind.
Dieses muss also schon im Antlitz und den Händen des Gläubigen
sichtbar und ablesbar sein, wie der heilige Gregor der Große
bemerkt, der im heiligen Benedikt und in den anderen großen
Gottesmännern Zeugen der Gemeinschaft mit Gott und mit den Brüdern
sah, das lebendige Wort Gottes. Der Gerechte und Treue “erklärt”
nicht nur die Schriften, sonder er “entfaltet” sie vor allen als
eine lebendige und gelebte Realität. Deshalb gilt: viva lectio, vita
bonorum, das Leben der Gerechten ist eine lebendige Lektüre des
göttlichen Wortes. Schon der heilige Johannes Chrysostomus weist
darauf hin, dass die Apostel vom Berg in Galiläa, wo sie dem
Auferstandenen begegnet waren, im Gegensatz zu Mose ohne
beschriebene Steintafeln hinabstiegen: ihr eigenes Leben sollte von
diesem Augenblick an lebendiges Evangelium werden.
Im Haus des göttlichen Wortes begegnen wir auch Brüdern und
Schwestern anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften, die trotz
der noch existierenden Trennungen die Verehrung und die Liebe zum
Wort Gottes mit uns gemeinsam haben, Ursprung und Quelle einer
ersten und wirklichen, wenn auch nicht vollen Einheit. Dieses Band
muss stets durch gemeinsame Bibelübersetzungen gestärkt werden sowie
durch die Verbreitung des heiligen Textes, das ökumenische
Bibelgebet, den exegetischen Dialog, das Studium und die Diskussion
der verschiedenen Interpretationen der Heiligen Schrift, den
Austausch der in den verschiedenen geistlichen Traditionen
enthaltenen Werte, die Verkündigung und das gemeinsame Zeugnis des
Wortes Gottes in einer säkularisierten Welt.
IV. DIE WEGE DES WORTES: DIE MISSION
„Denn von Zion kommt die Weisung des Herrn, aus Jerusalem sein Wort“
(Jes 2, 3). Das personifizierte Wort Gottes “tritt heraus” aus
seinem Haus, dem Tempel, und begibt sich auf die Wege der Welt, um
der großen Pilgerschaft zu begegnen, die die Völker der Erde
unternommen haben in der Suche nach Wahrheit, Gerechtigkeit und
Frieden. Denn es gibt auch in der modernen säkularisierten Stadt,
auf ihren Straßen und Plätzen - wo Unglaube und Gleichgültigkeit
vorzuherrschen scheinen, wo das Böse über das Gute zu siegen scheint
und so der Eindruck eines Sieges von Babylon über Jerusalem entsteht
- eine verborgene Sehnsucht, eine aufkeimende Hoffnung, ein
erwartungsvolles Beben. So wie im Buch des Propheten Amos zu lesen
ist: „Seht, es kommen Tage, da schicke ich den Hunger ins Land,
nicht den Hunger nach Brot, nicht Durst nach Wasser, sondern nach
einem Wort des Herrn“ (8, 11). Auf diesen Hunger will der
Evangelisierungsauftrag der Kirche antworten.
Auch die zögernden Apostel ruft der Auferstandene auf, die
schützenden Grenzen ihres Horizonts zu verlassen: „Darum geht zu
allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern ... und
lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe“ (Mt 28,
19-20). Die Bibel ist überall durchsetzt mit Aufrufen, “nicht zu
schweigen”, “kraftvoll zu rufen” und “das Wort gelegen oder
ungelegen zu verkünden”, Wächter zu sein, die das Schweigen der
Gleichgültigkeit zerreißen. Die sich vor uns eröffnenden Wege sind
nicht nur die, die der heilige Paulus oder die ersten Verkünder des
Evangeliums und nach ihnen alle Missionare gegangen sind, die bis zu
Völkern in weit entfernten Ländern vorgedrungen sind.
11. Die Kommunikation breitet heute ein Netz aus, das den gesamten
Globus umfasst, und der Aufruf Christi erhält neue Bedeutung: „Was
ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tag, und was man
euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern“ (Mt 10, 27).
Sicher muss das göttliche Wort eine erste Transparenz und
Verbreitung durch den gedruckten Text erhalten, mit Übersetzungen in
die reiche Vielzahl der Sprachen unseres Planeten. Aber die Stimme
des göttlichen Wortes muss auch im Radio erklingen, in den
Informationskanälen des Internet, der virtuellen Verbreitung on
line, den CDs, DVDs, den podcasts und so weiter; es muss auf den
Fernsehschirmen und Kinoleinwänden sichtbar sein, in der Presse, in
den kulturellen und gesellschaftlichen Ereignissen.Diese neue
Kommunikation hat im Vergleich mit der herkömmlichen eine eigene
Ausdrucksweise angenommen, und deshalb ist es notwendig, nicht nur
technisch, sondern auch kulturell für dieses Unternehmen ausgerüstet
zu sein. In der heutigen vom Bild beherrschten Zeit, das vor allem
über das alles beherrschende Medium des Fernsehens vermittelt wird,
ist die von Christus bevorzugte Form der Kommunikation immer noch
bedeutsam und faszinierend. Er griff auf Symbole zurück, die
Erzählung, das Beispiel, die tägliche Erfahrung und Gleichnisse:
„Und er sprach lange zu ihnen in Form von Gleichnissen ... er redete
nur in Gleichnissen zu ihnen“ (Mt 13, 3.34). In seiner Verkündigung
des Reiches Gottes sprach Jesus nie über die Köpfe seiner Zuhörer
hinweg in einer vagen, abstrakten und ätherischen Sprache, sondern
er ergriff sie von der Erde aus, auf der sie mit beiden Füßen
standen, um sie von der Alltäglichkeit zum Himmelreich zu führen. In
diesem Zusammenhang erhält die von Johannes berichtete Episode
besondere Bedeutung: „Einige von ihnen wollten ihn festnehmen; aber
keiner wagte ihn anzufassen. Als die Gerichtsdiener zu den
Hohenpriestern und den Pharisäern zurückkamen, fragten diese: Warum
habt ihr ihn nicht hergebracht? Die Gerichtsdiener antworteten: Noch
nie hat ein Mensch so gesprochen“ (7, 44-46).
12. Christus geht auf den Wegen unserer Welt und verweilt vor den
Türen unserer Häuser: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer
meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten
und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir“ (Offb 3,
20). Die Familie, die mit ihren freudigen und dramatischen
Erfahrungen hinter den Mauern dieser Häuser lebt, ist ein wichtiger
Raum, in den das Wort Gottes Eingang finden muss. Die Bibel ist voll
von kleinen und großen Familiengeschichten, und der Psalmist stellt
sehr lebendig das friedliche Bild eines Vaters dar, der bei Tisch
sitzt, umgeben von der Ehefrau, die einem fruchtbaren Weinstock
gleicht, und von den Kindern, die „wie junge Ölbäume“ sind (Ps 128).
Die ersten Christen feierten Gottesdienst in der alltäglichen
Atmosphäre ihrer Häuser, so wie Israel die Feier des Paschafestes
der Familie anvertraute (vgl. Ex 12, 21-27). Die Vermittlung des
Wortes Gottes erfolgt eben gerade auf dieser Ebene der Generationen,
bei der die Eltern zu den „ersten Glaubensboten“ gehören (LG 11).
Der Psalmist wiederum rief uns in Erinnerung: „Was wir hörten und
erfuhren, was uns die Väter erzählten, das wollen wir unseren
Kindern nicht verbergen, sondern dem kommenden Geschlecht erzählen:
die ruhmreichen Taten und die Stärke des Herrn, die Wunder, die er
getan hat ... sie sollten aufstehen und es weitergeben an ihre
Kinder“ (Ps 78, 3-4.6).
In jedem Haus sollte es daher eine Bibel geben, die in würdiger
Weise an einem besonderen Ort aufbewahrt, gelesen und zum Beten
verwendet wird. Die Familie sollte Formen und Modelle der Erziehung
im Gebet, in der Katechese und der Didaktik im Hinblick auf die
Verwendung der Heiligen Schrift vorschlagen, damit „die jungen
Männer und auch die Mädchen, die Alten mit den Jungen“ (Ps 148, 12)
das Wort Gottes hören, verstehen, preisen und leben. Vor allem die
jungen Generationen, die Kinder und die jungen Menschen, müssen die
Adressaten einer angemessenen und spezifischen Pädagogik sein, die
sie dazu anleitet, die Faszination der Gestalt Christi zu verspüren.
Durch die Begegnung und das authentische Zeugnis der Erwachsenen,
den positiven Einfluss der Freunde und die große Gemeinschaft der
Kirche sollen die Tore ihrer Intelligenz und ihres Herzen geöffnet
werden.
13. Jesus erinnert uns im Gleichnis vom Sämann daran, dass es
trockenen, felsigen und von Dornen zugewucherten Boden gibt (vgl. Mt
13, 3-7). Wer sich auf die Straßen der Welt begibt, entdeckt auch
die Untiefen, in denen Leid und Armut angesiedelt sind, Erniedrigung
und Unterdrückung, Ausgrenzung und Elend, körperliche und seelische
Krankheiten und Einsamkeit. Oft ist der Boden der Straßen durch
Kriege und Gewalttaten mit Blut befleckt, in den Palästen der Macht
sind Korruption und Ungerechtigkeit eng miteinander verflochten. Es
erhebt sich der Schrei der Verfolgten, die treu ihrem Gewissen oder
ihrem Glauben folgen. Viele Menschen sind überwältigt von
Existenzkrisen und tragen nichts im Herzen, was ihrem Leben Sinn und
Wert verleihen könnte. „Wie ein Schatten“ gehen diese Menschen
einher und „um ein nichts machen sie Lärm“ (Ps 39, 7). Viele spüren
auch auf sich das Schweigen Gottes lasten, seine scheinbare
Abwesenheit und Gleichgültigkeit: „Wie lange noch, Herr, vergisst du
mich ganz? Wie lange noch verbirgst du dein Gesicht vor mir?“ (Ps
13, 2). Und am Ende erhebt sich vor allen das Geheimnis des Todes.
Dieses gewaltige, leiderfüllte Seufzen, das von der Erde zum Himmel
aufsteigt, wird unaufhörlich von der Bibel zum Ausdruck gebracht,
die einen geschichtlichen und fleischgewordenen Glauben vorschlägt.
Es mag genügen, an die von Gewalt und Unterdrückung gezeichneten
Seiten zu denken; an den heftigen und ständigen Schrei von Ijob; an
die eindringlichen Bitten in den Psalmen; an die ergreifende innere
Krise, die Qohelet durchlebt; an die kraftvollen prophetischen
Anklagen der sozialen Ungerechtigkeit. Völlig schonungslos ist
ferner die Anklage der tiefverwurzelten Sünde, die in ihrer ganzen
zerstörerischen Kraft von den Anfängen der Menschheit an in dem
grundlegenden Text der Genesis vorkommt (Kap. 3). In der Tat ist das
“mysterium iniquitatis”, das „Geheimnis des Bösen“ in der Geschichte
gegenwärtig und am Werk, aber es wird entlarvt vom Wort Gottes, das
in Christus den Sieg des Guten über das Böse zusichert.
Die Schriften werden aber vor allem beherrscht von der Person
Christi, der sein öffentliches Wirken mit einer Botschaft der
Hoffnung für die Geringsten der Erde beginnt: „Der Geist des Herrn
ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt,
damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den
Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht;
damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des
Herrn ausrufe“ (Lk 4, 18-19). Seine Hände legen sich immer wieder
auf krankes oder infiziertes Fleisch, seine Worte verkünden die
Gerechtigkeit, flößen den Unglücklichen Mut ein, schenken den
Sündern Vergebung. Am Ende begibt er sich selbst auf die tiefste
Ebene, „er entäußerte sich“ seiner Herrlichkeit „und wurde wie ein
Sklave und den Menschen gleich... , er erniedrigte sich und war
gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2, 7-8).
So verspürt er die Angst vor dem Sterben („Vater, alles ist dir
möglich. Nimm diesen Kelch von mir!“), er verspürt die Einsamkeit
aufgrund des Verlassenseins und des Verrats der Freunde, er dringt
bei der Kreuzigung ein in die Dunkelheit des grausamsten physischen
Schmerzes und sogar in die Dunkelheit des Schweigens seines Vaters
(„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“), und er
gelangt an den tiefsten Abgrund jedes Menschen, nämlich den Tod („Er
schrie laut auf. Dann hauchte er seinen Geist aus“). Auf ihn lässt
sich wirklich die Definition anwenden, die Jesaja für den
Gottesknecht verwendet: „ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit
vertraut“ (53, 3).
Und doch hört er auch in diesem äußersten Moment nicht auf, der Sohn
Gottes zu sein: in seiner von Liebe erfüllten Solidarität und durch
das Opfer seiner selbst legt er in die Grenzbereiche und in das
Böser der Welt den Samen des Göttlichen, das heißt ein Prinzip der
Befreiung und des Heiles. Indem er sich uns hinschenkt, erfüllt er
den Schmerz und den Tod, die er selbst auf sich genommen und
durchlebt hat, mit Erlösung, und er eröffnet auch uns die Morgenröte
der Auferstehung. Der Christ hat somit den Auftrag, dieses göttliche
Wort der Hoffnung zu verkünden, durch seine Nähe zu den Armen und
Leidenden, durch das Zeugnis seines Glaubens an das Reich der
Wahrheit und des Lebens, der Heiligkeit und Gnade, der
Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens, durch die liebevolle
Nähe, die nicht richtet und nicht verurteilt, sondern aufbaut,
erleuchtet, tröstet und verzeiht gemäß den Worten Jesu: „Kommt alle
zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt.“ (Mt
11, 28).
14. Auf den Wegen der Welt bewirkt das göttliche Wort für uns
Christen eine die intensive Begegnung mit dem jüdischen Volk, dem
wir zutiefst verbunden sind durch die gemeinsame Anerkennung und
Liebe zu den Schriften des Alten Testaments, und zudem entstammt
Christus „dem Fleisch nach“ dem Volk Israel (Röm 9, 5). Alle
Heiligen Schriften des Judentums erhellen das Geheimnis Gottes und
des Menschen, sie enthüllen Schätze des Denkens und der Moral,
bezeichnen den langen Weg der Heilsgeschichte bis zu ihrer
vollkommenen Erfüllung und veranschaulichen eindrücklich die
Fleischwerdung des göttlichen Wortes in den menschlichen
Wechselfällen. Sie erlauben uns, in Fülle die Person Christi zu
erkennen, der erklärt hatte, er sei nicht gekommen, „um das Gesetz
und die Propheten aufzuheben, sondern um sie zu erfüllen“ (Mt 5,
17); sie sind Weg des Dialogs mit dem auserwählten Volk, das von
Gott all dies erhalten hat: „die Sohnschaft, die Herrlichkeit, die
Bundesordnungen, ihnen ist das Gesetz gegeben, der Gottesdienst und
die Verheißungen“ (Röm 9, 4). Ferner ermöglichen sie uns, unsere
Auslegung der Heiligen Schrift mit den fruchtbaren Schätzen der
jüdischen exegetischen Tradition zu bereichern.
„Gesegnet ist Ägypten, mein Volk, und Assur, das Werk meiner Hände,
und Israel, mein Erbbesitz“ (Jes 19, 25). Der Herr breitet also den
Schutzmantel seines Segens über alle Völker der Erde aus, erfüllt
von der Sehnsucht, dass „alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit
gelangen“ (1 Tim 2, 4). Auch wir Christen sind auf den Wegen der
Welt dazu eingeladen - ohne in einen Synkretismus zu fallen, der die
eigene geistliche Identität verzerrt oder erniedrigt -, voll Respekt
in Dialog zu treten mit den Männern und Frauen der anderen
Religionen, die treu die Richtlinien ihrer Heiligen Bücher hören und
befolgen, angefangen beim Islam, der in seiner Tradition zahllose
Personen, Symbole und Themen aus der Bibel aufgreift und uns das
Zeugnis eines aufrichtigen Glaubens an den einen, mitleidsvollen und
barmherzigen Gott bietet, den Schöpfer allen Seins und Richter der
Menschheit.
Der Christ findet außerdem Gemeinsamkeiten mit den großen religiösen
Traditionen des Ostens, die uns in ihren heiligen Schriften die
Achtung vor dem Leben, die Kontemplation, das Schweigen, die
Einfachheit, die Entsagung lehren, wie dies etwa beim Buddhismus der
Fall ist. Im Hinduismus wird der Sinn für das Sakrale, das Opfer,
die Pilgerfahrt, das Fasten und die heiligen Zeichen verherrlicht.
Im Konfuzianismus werden die Weisheit und die Werte der Familie und
der Gesellschaft gelehrt. Auch den traditionellen Religionen mit
ihren geistlichen Werten, die in den mündlichen Riten und Kulturen
zum Ausdruck kommen, wollen wir unsere herzliche Aufmerksamkeit
schenken und mit ihnen einen respektvollen Dialog pflegen. Auch mit
jenen, die nicht an Gott glauben, aber danach streben „Recht zu tun,
Güte und Treue zu lieben, in Ehrfurcht den Weg mit Gott gehen“ (Mi
6, 8), müssen wir für eine gerechtere und friedlichere Welt
zusammenarbeiten und im Dialog unser aufrichtiges Zeugnis für das
Wort Gottes anbieten, das ihnen neue und weitere Horizonte der
Wahrheit und Liebe offenbaren kann.
15. In seinem Brief an die Künstler (1999) erinnerte Johannes Paul
II. daran, dass „die Heilige Schrift zu einer Art gewaltigem
Wörterbuch (Paul Claudel) und einem ikonographischen Atlas (Marc
Chagall) geworden ist, aus denen die christliche Kultur und Kunst
geschöpft haben“ (Nr. 5). Goethe war der Überzeugung, dass das
Evangelium die „Muttersprache Europas“ sei. Die Bibel ist, wie man
mittlerweile zu sagen pflegt, der „große Kodex“ der universalen
Kultur: die Künstler haben in geistiger Weise ihren Pinsel
eingetaucht in jenes farbenfrohe Alphabet von Geschichten, Zeichen,
Personen, die sich auf den Seiten der Bibel finden; die Musiker
haben auf Grundlage der Heiligen Schriften, vor allem der Psalmen,
ihre Harmonien geschaffen; die Schriftsteller haben Jahrhunderte
lang jene alten Erzählungen wiederaufgenommen, die zu existentiellen
Gleichnissen wurden; die Dichter haben sich Fragen gestellt über das
Geheimnis des Geistes, über das Unendliche, über das Böse, über die
Liebe, über den Tod und über das Leben, wobei sie die poetische
Begeisterung einfingen, von der die Seiten der Bibel beseelt sind.
Die Denker, die Wissenschaftler und die Gesellschaft selbst wählten
oft die geistlichen und ethischen Auffassungen der Bibel (man denke
nur etwa an die Zehn Gebote) als Bezugspunkt oder auch als
gegensätzliche Position. Auch wenn die in der Heiligen Schrift
vorkommende Person oder Idee verzerrt dargestellt wurde, erkannte
man doch, dass sie für unsere Zivilisation unersetzlich und von
maßgebender Bedeutung war.
Und gerade deshalb ist die Bibel - die uns auch die via
pulchritudinis lehrt, das heißt den Weg der Schönheit, um Gott zu
erkennen und zu ihm zu gelangen („Singt unserem Gott ein festliches
Lied“, lädt uns Psalm 47, 8 ein) - nicht nur für den Gläubigen
notwendig, sondern für alle, um die wahre Bedeutung der
verschiedenen kulturellen Ausdrucksformen wiederzuentdecken und vor
allem um unsere eigene historische, zivile, menschliche und
geistliche Identität wiederzufinden. In ihr liegt die Wurzel unserer
Größe und dank ihrer können wir uns ohne Minderwertigkeitsgefühle
den anderen Zivilisationen und Kulturen mit unserem edlen Erbe
vorstellen. Die Bibel sollte daher von allen gekannt und studiert
werden, unter diesem außergewöhnlichen Aspekt der Schönheit und der
menschlichen und kulturellen Fruchtbarkeit.
Dennoch ist das Wort Gottes - um ein eindrucksvolles paulinisches
Bild zu verwenden – „nicht gefesselt“ (2 Tim 2, 9) an eine Kultur;
es strebt vielmehr danach, die Grenzen zu überschreiten, und gerade
der Apostel war ein außergewöhnlicher Baumeister der Inkulturation
der biblischen Botschaft innerhalb der neuen kulturellen
Koordinaten. Die Kirche ist dazu gerufen, auch heute genau dies zu
tun in einem delikaten aber notwendigen Prozess, der durch das
Lehramt von Papst Benedikt XVI. einen kräftigen Impuls erhalten hat.
Sie muss dafür sorgen, dass das Wort Gottes die Vielfalt der
Kulturen durchdringen und es durch ihre Sprachen, ihre Auffassungen,
Zeichen und religiösen Traditionen zum Ausdruck bringen kann. Sie
muss jedoch stets fähig sein, die wahre Substanz seiner Inhalte zu
bewahren, indem sie über die Gefahr von Verzerrungen wacht.
Die Kirche muss somit die Werte zur Geltung bringen, die das Wort
Gottes den anderen Kulturen anbietet, damit sie gereinigt und
befruchtet werden. Johannes Paul II. hat den Bischöfen aus Kenia im
Rahmen seiner Afrika-Reise 1980 gesagt, dass „die Inkulturation
wirklich ein Widerschein der Fleischwerdung des Wortes sein wird,
wenn eine Kultur, die vom Evangelium verwandelt und neu geschaffen
wurde, in ihrer eigenen Tradition ursprüngliche Ausdrucksformen des
Lebens, des Feierns und des christlichen Denkens hervorbringt“.
SCHLUSSBEMERKUNG
„Und die Stimme aus dem Himmel, die ich gehört hatte, sprach noch
einmal zu mir: Geh, nimm das Buch, das der Engel ... aufgeschlagen
in der Hand hält ... Und der Engel sagte zu mir: Nimm und iss es! In
deinem Magen wird es bitter sein, in deinem Mund aber süß wie Honig.
Da nahm ich das kleine Buch aus der Hand des Engels und aß es. In
meinem Mund war es süß wie Honig. Als ich es aber gegessen hatte,
wurde mein Magen bitter“ (Offb 10, 8-11).
Brüder und Schwestern auf der ganzen Welt, nehmen auch wir diese
Einladung an! Treten wir heran zum Tisch des Wortes Gottes, so dass
wir uns nähren und leben „nicht nur vom Brot, sondern von allem, was
der Mund des Herrn spricht“ (Dtn 8, 3; Mt 4, 4)! Die Heilige Schrift
hat - wie eine große Gestalt der christlichen Kultur sagte –
„geeignete Mittel, um in allen menschlichen Lagen Trost zu spenden,
und geeignete Mittel, um in allen Lebenslagen Furcht zu erwecken“
(B. Pascal, Pensées, Nr. 532, ed. Brunschvicg).
Das Wort Gottes ist „süßer als Honig, als Honig aus Waben (Ps 19,
11), es ist ,,meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade“
(Ps 119, 105), aber es ist auch „wie Feuer und wie ein Hammer, der
Felsen zerschmettert“ (Jer 23, 29). Es ist wie Regen, der das Land
bewässert, es fruchtbar macht und aufblühen lässt, und auf diese
Weise bringt es auch die Trockenheit unserer geistlichen Wüsten zum
Blühen (vgl. Jes 55, 10-11). Es ist auch „lebendig und schärfer als
jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von
Seele und Geist, von Gelenk und Mark; es richtet über die Regungen
und Gedanken des Herzens“ (Hebr 4, 12).
Unser Blick richtet sich voll Zuneigung auch auf die
Wissenschaftler, die Katecheten und alle weiteren Diener des Wortes
Gottes, denen wir unseren tiefempfundenen und herzlichen Dank für
ihren wertvollen und wichtigen Dienst aussprechen wollen. Wir wenden
uns dabei auch an unsere Brüder und Schwestern, die Verfolgungen
erleiden oder die aufgrund des Wortes Gottes und aufgrund des für
Jesus, den Herrn, abgelegten Zeugnisses zum Tod verurteilt wurden
(vgl. Offb 6, 9): Wie viele Zeugen und Märtyrer erzählen uns von der
„Kraft des Wortes“ (Röm 1, 16), dem Urgrund ihres Glaubens, ihrer
Hoffnung und ihrer Liebe zu Gott und zu den Menschen.
Wir wollen nun in Stille verweilen, um andächtig das Wort des Herrn
zu hören. Bewahren wir diese Stille auch nach dem Hören, damit es
auch weiterhin unter uns wohnt und lebt und zu uns spricht. Lassen
wir es zu Beginn des Tages erklingen, auf dass Gott das erste Wort
habe, und lassen wir es am Abend in uns widerhallen, auf dass Gott
auch das letzte Wort habe.
Liebe Brüder und Schwestern „es grüßen euch alle, die bei uns sind.
Grüßt alle, die uns durch den Glauben in Liebe verbunden sind. Die
Gnade sei mit euch allen!“ (Tit 3, 15).
[00321-05.02] [NNNNN] [Originalsprache: Italienisch]
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