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06 - 08.10.2012
INHALT
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ERSTE GENERALKONGREGATION (MONTAG, 8. OKTOBER 2012 - VORMITTAG) -
FORTSETZUNG
ERSTE GENERALKONGREGATION (MONTAG, 8. OKTOBER 2012 - VORMITTAG) -
FORTSETZUNG
- MEDITATION DES HEILIGEN VATERS
Zur Eröffnung der Ersten Generalkongregation am Montag, 8. Oktober
2012, hielt der Heilige Vater Benedikt XVI. im Anschluß an die kurze
Lesung der Terz die folgende Meditation:
Meditation des Heiligen Vaters am 8. Oktober
Liebe Brüder!
Meine Meditation bezieht sich auf das Wort "Evangelium", "euangelisasthai"
(vgl. Lk 4,18). Auf dieser Synode wollen wir erkennen, was der Herr
uns sagt und was wir tun können oder müssen. Die Meditation ist in
zwei Teile unterteilt: zunächst eine Reflexion über die Bedeutung
dieser Worte, und dann möchte ich versuchen, den Hymnus der Terz "Nunc,
Sancte, nobis Spiritus" auszulegen, der auf Seite 5 des Gebetsbuches
steht.
Das Wort "Evangelium", "euangelisasthai" hat eine lange Geschichte.
Es erscheint bei Homer: Es ist die Verkündigung eines Sieges, also
Verkündigung von Wohlergehen, von Freude, von Glück. Dann taucht es
im Deuterojesaja auf (vgl. Jes 40,9), als Stimme, die Freude von
Gott verkündigt, als Stimme, die zu verstehen gibt, daß Gott sein
Volk nicht vergessen hat, daß Gott, der sich scheinbar aus der
Geschichte zurückgezogen hatte, da ist, gegenwärtig ist. Und Gott
hat Macht, Gott schenkt Freude, öffnet die Tore des Exils; nach der
langen Nacht des Exils erscheint sein Licht und gibt seinem Volk die
Möglichkeit zur Rückkehr, erneuert die Geschichte des Guten, die
Geschichte seiner Liebe. In diesem Zusammenhang der Evangelisierung
erscheinen vor allem drei Worte: "dikaiosyne, eirene, soteria" -
Gerechtigkeit, Frieden, Erlösung. Jesus selbst hat die Worte des
Jesaja in Nazaret wieder aufgegriffen, als er von dem "Evangelium"
sprach, das er jetzt den Ausgegrenzten, den Gefangenen, den
Leidenden und den Armen bringt.
Für die Bedeutung des Wortes "Evangelium" im Neuen Testament ist
außerdem - außer dem Deuterojesaja, der das Tor öffnet - auch der
Gebrauch des Wortes im Römischen Reich wichtig, zum ersten Mal unter
Kaiser Augustus. Hier zeigt der Begriff "Evangelium" ein Wort, eine
Botschaft an, die vom Kaiser kommt. Die Botschaft des Kaisers als
solche bringt also Gutes: Sie ist Erneuerung der Welt, sie ist Heil.
Kaiserliche Botschaft und als solche eine Botschaft der Macht und
der Herrschaft; eine Botschaft der Erlösung, der Erneuerung und des
Heils. Das Neue Testament übernimmt diese Situation. Der hl. Lukas
stellt stellt einen Vergleich zwischen dem Kaiser Augustus und dem
in Betlehem geborenen Kind her: Ja, sagt er, "Evangelium" ist ein
Wort des Kaisers, des wahren Kaisers der Welt. Der wahre Kaiser der
Welt hat sich hören lassen, er spricht mit uns. Und diese Tatsache
als solche ist Erlösung, denn das große Leiden des Menschen - damals
ebenso wie heute - ist gerade dies: Gibt es hinter dem Schweigen des
Universums, hinter den Wolken der Geschichte einen Gott oder nicht?
Und wenn es diesen Gott gibt, kennt er uns dann, hat er etwas mit
uns zu tun? Ist dieser Gott gut, und hat die Wirklichkeit des Guten
Macht in der Welt oder nicht? Diese Frage ist heute ebenso aktuell
wie damals. Viele Menschen fragen sich: Ist Gott eine Hypothese oder
nicht? Ist er eine Wirklichkeit oder nicht? Warum läßt er sich nicht
hören? "Evangelium" bedeutet: Gott hat sein Schweigen gebrochen,
Gott hat gesprochen, Gott ist da. Diese Tatsache als solche ist Heil:
Gott kennt uns, Gott liebt uns, er ist in die Geschichte eingetreten.
Jesus ist sein Wort, der Gott mit uns, der Gott, der uns zeigt, daß
er uns liebt, daß er mit uns leidet bis zum Tod und aufersteht. Das
ist das Evangelium. Gott hat gesprochen, er ist nicht mehr der große
Unbekannte, sondern er hat sich gezeigt, und das ist das Heil.
Die Frage für uns lautet: Gott hat gesprochen, er hat wirklich das
große Schweigen gebrochen, er hat sich gezeigt - aber wie können wir
dem Menschen von heute diese Wirklichkeit vermitteln, damit sie zum
Heil wird? Allein die Tatsache, daß er gesprochen hat, ist Heil, ist
Erlösung. Aber wie kann der Mensch es wissen? Dieser Punkt scheint
mir eine Frage zu sein, aber auch ein Appell, ein Auftrag für uns:
Wir können die Antwort finden, indem wir über den Hymnus der Terz "Nunc,
Sancte, nobis Spiritus" nachdenken. In der ersten Strophe heißt es:
"Dignàre promptus ingeri nostro refusus, péctori". Wir beten also,
daß der Heilige Geist kommen möge, in uns und mit uns. Mit anderen
Worten: Wir können die Kirche nicht machen, wir können nur kundtun,
was er gemacht hat. Die Kirche beginnt nicht mit unserem "Machen",
sondern mit dem "Machen" und dem "Sprechen" Gottes. So haben die
Apostel nicht nach einigen Versammlungen gesagt: Jetzt wollen wir
eine Kirche schaffen. Sie haben nicht in Form einer
verfassunggebenden Versammlung eine Verfassung erarbeitet. Nein, sie
haben gebetet und haben betend gewartet, denn sie wußten, daß nur
Gott selbst seine Kirche schaffen kann, daß Gott der erste Handelnde
ist: Wenn Gott nicht handelt, dann sind unsere Dinge nur unsere und
ungenügend; nur Gott kann bezeugen, daß er es ist, der spricht und
gesprochen hat. Pfingsten ist die Voraussetzung für das Entstehen
der Kirche: Nur weil Gott zuerst gehandelt hat, können die Apostel
mit ihm und mit seiner Gegenwart handeln und das vergegenwärtigen,
was er macht.
Gott hat gesprochen, und "hat gesprochen" ist das Perfekt des
Glaubens, aber es ist immer auch ein Präsens: Das Perfekt Gottes ist
nicht nur eine Vergangenheit, denn es ist eine wahre Vergangenheit,
die stets die Gegenwart und die Zukunft in sich trägt. Gott "hat
gesprochen" bedeutet: Er "spricht". Und so wie damals nur auf Gottes
Initiative hin die Kirche entstehen, das Evangelium - die Tatsache,
daß Gott gesprochen hat und spricht - bekannt werden konnte, so kann
auch heute nur Gott beginnen. Wir können nur mitwirken, aber der
Anfang muß von Gott kommen. Es ist daher nicht nur eine reine
Formalität, wenn wir jeden Tag unsere Versammlung mit dem Gebet
beginnen: Es entspricht der Wirklichkeit. Nur Gottes Vorangehen
ermöglicht unser Gehen, unser Mitwirken, das immer ein Mitwirken ist,
kein reine Entscheidung unsererseits. Daher ist es wichtig, immer zu
wissen, daß das erste Wort, die wahre Initiative, das wahre Tun von
Gott kommt, und nur indem wir uns in diese göttliche Initiative
einfügen, nur indem wir diese göttliche Initiative erbitten, können
auch wir - mit ihm und in ihm - zu Evangelisierern werden. Gott ist
immer der Anfang, und immer kann nur er Pfingsten machen, die Kirche
schaffen, die Wirklichkeit seines Daseins bei uns aufzeigen.
Andererseits jedoch will dieser Gott, der stets der Anfang ist, auch
unser Mitwirken. Er will unser Wirken miteinbeziehen, damit das
Wirken sozusagen gottmenschlich ist, von Gott gemacht, aber mit
unserer Mitwirkung und unter Einbeziehung unseres Seins, unserer
ganzen Tätigkeit.Wenn wir also die Neuevangelisierung machen, dann
ist es stets ein Mitwirken mit Gott, das mit Gott ein Ganzes bildet,
gegründet auf dem Gebet und auf seiner Realpräsenz.
Unser Handeln, das aus Gottes Initiative heraus folgt, finden wir
jetzt in der zweiten Strophe des Hymnus beschrieben: "Os, lingua,
mens, sensus, vigor, confessionem personent, flammescat igne caritas,
accendat ardor proximos". Wir haben hier in zwei Zeilen zwei
entscheidende Substantive: "confessio" in den ersten Zeilen und "caritas"
in den zwei anderen Zeilen. "Confessio" und "caritas" als die beiden
Formen, in denen Gott uns einbezieht, uns mit ihm, in ihm und für
die Menschheit, für seine Schöpfung handeln läßt: "confessio" und "caritas".
Und es sind Verben hinzugefügt: im ersten Fall "personent" und im
zweiten "caritas", erläutert durch das Wort Feuer, Glut, entflammen,
lodern. Betrachten wir das erste: "Confessionem personent". Der
Glaube hat einen Inhalt: Gott teilt sich mit, aber dieses Ich Gottes
zeigt sich wahrhaftig in der Gestalt Jesu und wird erläutert im "Bekenntnis",
das uns von der jungfräulichen Empfängnis, von der Geburt, dem
Leiden, dem Kreuz, der Auferstehung berichtet. Diese ganze
Offenbarung Gottes ist eine Person: Jesus als das Wort, mit einem
sehr konkreten Inhalt, das in der "confessio" zum Ausdruck kommt.
Der erste Punkt ist also, daß wir in dieses "Bekenntnis" eintreten,
uns davon durchdringen lassen müssen, damit es - wie es im Hymnus
heißt - in uns und durch uns "personent". Hier ist es wichtig, auch
eine kleine philologische Wirklichkeit zu beachten: Im
vorchristlichen Latein würde man für "confessio" nicht "confessio"
sagen, sondern "professio" (profiteri): Es bedeutet, eine
Wirklichkeit positiv darzulegen. Das Wort "confessio" dagegen
bezieht sich auf die Situation vor Gericht, in einem Prozeß, wo
jemand sich öffnet und bekennt. Mit anderen Worten, das Wort "confessio",
Bekenntnis, das im christlichen Latein das Wort "professio" ersetzt
hat, trägt in sich das martyrologische Element, das Element des
Zeugnisgebens vor Instanzen, die dem Glauben feindlich gesinnt sind,
des Zeugnisgebens auch in Situationen des Leidens und der Gefahr des
Todes. Ein wesentlicher Bestandteil des christlichen Bekenntnisses
ist die Bereitschaft zum Leiden: Das scheint mir sehr wichtig zu
sein. Zum Wesen der "confessio" unseres Credo gehört auch die
Bereitschaft zur Passion, zum Leiden, ja sogar zur Hingabe des
Lebens. Und gerade das garantiert die Glaubwürdigkeit: Die "confessio"
ist nicht irgend etwas, auf das man auch verzichten kann; die "confessio"
setzt die Bereitschaft voraus, das eigene Leben hinzugeben, das
Leiden anzunehmen. Eben das ist auch die Überprüfung der "confessio".
Man sieht, daß die "confessio" für uns kein Wort ist, sie ist mehr
als der Schmerz, sie ist mehr als der Tod. Für die "confessio" lohnt
es sich wirklich zu leiden, bis zum Tod zu leiden. Wer diese "confessio"
macht, zeigt so, daß das, was er bekennt, wirklich mehr als Leben
ist: Es ist das Leben selbst, der Schatz, die kostbare und
unendliche Perle. Gerade in der martyrologischen Dimension des
Wortes "confessio" scheint die Wahrheit auf: Sie wird nur durch eine
Wirklichkeit überprüft, für die es sich lohnt zu leiden, die selbst
stärker ist als der Tod und die zeigt, daß es eine Wahrheit ist, die
in meinen Händen liegt, daß ich sicherer bin, daß ich mein Leben "trage",
weil ich in diesem Bekenntnis das Leben finde.
Jetzt sehen wir, wo dieses "Bekenntnis" eindringen soll: "Os,
lingua, mens, sensus, vigor". Vom hl. Paulus, Römerbrief 10, wissen
wir, daß das "Bekenntnis" im Herzen und im Mund angesiedelt ist: Es
muß im tiefsten Herzen liegen, aber es muß auch öffentlich sein; der
Glaube, den man im Herzen trägt, muß verkündigt werden: Er ist
niemals nur eine im Herzen vorhandene Wirklichkeit, sondern er
strebt danach, mitgeteilt zu werden, wirklich vor den Augen der Welt
bekannt zu werden. So müssen wir lernen, einerseits im Herzen
sozusagen wirklich vom "Bekenntnis" durchdrungen zu sein - so wird
unser Herz geformt - und vom Herzen her, zusammen mit der großen
Kirchengeschichte, das Wort und den Mut zum Wort zu finden und das
Wort, das auf unsere Gegenwart verweist, das "Bekenntnis", das
jedoch stets das eine ist. "Mens": Das "Bekenntnis" ist nicht nur
eine Angelegenheit des Herzens und des Mundes, sondern auch des
Verstandes; es muß durchdacht werden, und so - durchdacht und
verstandesmäßig erfaßt - berührt es den anderen. Dies setzt stets
voraus, daß mein Denken wirklich im "Bekenntnis" angesiedelt ist. "Sensus":
Die "confessio" ist nicht nur etwas rein Abstraktes und
Intellektuelles, sondern sie muß auch die Sinne unseres Lebens
durchdringen. Der hl. Bernhard von Clairvaux hat uns gesagt, daß
Gott in seiner Offenbarung, in der Heilsgeschichte unseren Sinnen
die Möglichkeit gegeben hat, die Offenbarung zu sehen, zu berühren,
zu schmecken. Gott ist nicht mehr etwas rein Geistliches: Er ist in
die Welt der Sinne eingetreten, und unsere Sinne müssen erfüllt sein
von diesem Genuß, von dieser Schönheit des Wortes Gottes, das
Wirklichkeit ist. "Vigor": Das ist die Lebenskraft unseres Daseins
und auch die Rechtskraft einer Wirklichkeit. Mit all unserer
Lebenskraft und Stärke müssen wir durchdrungen sein von der "confessio",
die wirklich "personare" muß; die Melodie Gottes muß tonangebend
sein für unser gesamtes Dasein.
"Confessio" ist sozusagen die erste Säule der Evangelisierung, und
die zweite ist "caritas". Die "confessio" ist nichts Abstraktes, sie
ist "caritas", sie ist Liebe. Nur so ist sie wirklich der Abglanz
der göttlichen Wahrheit, die als Wahrheit untrennbar ist von der
Liebe. Der Text beschreibt diese Liebe mit sehr starken Worten: Sie
ist Glut, sie ist Flamme, sie entzündet die anderen. Es gibt eine
Leidenschaft, die uns aus dem Glauben erwachsen muß, die zum Feuer
der Liebe werden muß. Jesus hat zu uns gesagt: Ich bin gekommen, um
Feuer auf die Erde zu werfen, und wie froh wäre ich, es würde schon
brennen. Origenes hat uns ein Wort des Herrn überliefert: "Wer mir
nahe ist, ist dem Feuer nahe". Der Christ darf nicht lau sein. Die
Apokalypse sagt uns, daß dies die größte Gefahr für den Christen ist:
nicht "nein" zu sagen, sondern ein sehr laues "Ja". Diese Lauheit
bringt das Christentum geradezu in Mißkredit. Der Glaube muß in uns
zur Flamme der Liebe werden, zur Flamme, die wirklich mein Dasein in
Brand setzt, zur großen Leidenschaft meines Daseins wird und so auch
den Nächsten entflammt. Das ist die Vorgehensweise der
Evangelisierung: "Accéndat ardor proximos", daß die Wahrheit in mir
zur Liebe werde und die Liebe wie ein Feuer auch den anderen
entflamme. Nur wenn der andere entzündet wird durch die Flamme
unserer Liebe, wächst die Evangelisierung, die Gegenwart des
Evangeliums, das nicht mehr nur Wort ist, sondern gelebte
Wirklichkeit.
Der hl. Lukas berichtet uns, daß an Pfingsten, bei der Gründung der
Kirche durch Gott, der Heilige Geist das Feuer war, das die Welt
verwandelt hat, jedoch ein Feuer in Form von Zungen, also Feuer, das
gleichzeitig auch vernünftig ist, das Geist ist, das auch
Verständnis ist; Feuer, das mit dem Denken, mit der "mens" verbunden
ist. Und gerade dies intelligente Feuer, diese "sobria ebrietas",
ist kennzeichnend für das Christentum. Wir wissen, daß das Feuer am
Anfang der menschlichen Kultur steht; das Feuer ist Licht, es ist
Wärme, es ist verwandelnde Kraft. Die menschliche Kultur beginnt in
dem Augenblick, in dem der Mensch die Macht hat, Feuer herzustellen:
Mit dem Feuer kann er zerstören, aber mit dem Feuer kann er auch
verwandeln, erneuern. Gottes Feuer ist verwandelndes Feuer, Feuer
der Leidenschaft, das gewiß auch vieles in uns zerstört, das zu Gott
bringt, Feuer, das jedoch vor allem verwandelt, erneuert und eine
Neuheit des Menschen schafft, der zum Licht in Gott wird.
So können wir am Ende nur den Herrn bitten, daß die "confessio" tief
in uns tief gegründet sein und zum Feuer werden möge, das die
anderen entflammt; so wird das Feuer seiner Gegenwart, die Neuheit
seines Mit-Uns-Seins, wirklich sichtbar und zur Kraft der Gegenwart
und der Zukunft.
[00023-05.04] [NNNNN] [Originaltext: Italienisch] |