Montag, 21. Mai 2001
Heiliger Vater!
Die sieben für dieses Außerordentliche
Konsistorium vorgeschlagenen Themen benennen die pastoralen Notwendigkeiten, die
die Feier des Jubiläumsjahres aufgezeigt hat und die Sie schon in den Kapiteln
III und IV Ihres Apostolischen Schreibens Novo millennio ineunte
behandelt haben.
Aus welcher Perspektive müssen wir über diese
Fragestellungen nachdenken und nach welcher Methode sollen wir ein
Pastoralprogramm ausarbeiten, das nicht nur unseren Ortskirchen entspricht,
sondern auch Gegenstand der Anstrengungen und des Einsatzes auf Ebene der
Gesamtkirche sein kann?
– Aus welcher Perspektive?
Wir
können auf diese Frage nur durch die Identifizierung des Subjekts dieses
Vorhabens antworten. Es ist die Kirche, nicht aus menschlicher Sicht verstanden
als eine der Institutionen des Sozialgefüges der Menschheit, sondern betrachtet
mit den Augen des Glaubens als Braut Christi. In ihr entfaltet der Herr den
Erlösungsplan für alle Menschen; in ihr versammelt er alle, die der Vater ihm
anvertraut, damit sie seine Jünger seien. Für die Kirche liegen also Quelle
und Richtschnur ihres Wirkens in der innigen Beziehung der Gläubigen zu ihrem
Herrn, in der Gabe des Heiligen Geistes.
– Nach welcher Methode?
Wir
müssen tiefgehend über das Verhältnis zwischen Zweck und Mitteln nachdenken.
Die Mittel müssen dem Zweck angepaßt sein. Die Weisungen Jesu an die Zwölf,
als er sie aussendet, »in aller Armut« das Reich Gottes zu verkünden,
schreiben sehr deutlich die paradoxen Mittel vor, die dieser gemeinschaftlichen
Sendung entsprechen (vgl. Mt 10).
Wenn wir über diese Fragen
nachdenken, können wir tiefer in das Verständnis des Geheimnisses Christi, des
einzigen »Programms« der Kirche, eindringen. Die Aktualität dieses Programms
wird vom Heiligen Geist, der im Haus Gottes am Wirken ist, unaufhörlich
deutlich gemacht. Der Anfang von Kapitel III in Novo millennio ineunte
(29) stellt diesen aus menschlicher Sicht paradoxen Grundsatz eindeutig
dar:
»Wir stellen uns diese Frage mit zuversichtlichem Optimismus, ohne
dabei die Probleme zu unterschätzen. Das verleitet uns sicher nicht zu der
naiven Ansicht, im Hinblick auf die großen Herausforderungen unserer Zeit
könnte es für uns eine ›Zauberformel‹ geben. Nein, keine Formel wird uns
retten, sondern eine Person, und die Gewißheit, die sie uns ins Herz spricht: Ich
bin bei euch!
Es geht also nicht darum, ein ›neues Programm‹ zu
erfinden. Das Programm liegt schon vor: Seit jeher besteht es, zusammengestellt
vom Evangelium und von der lebendigen Tradition. Es findet letztlich in Christus
selbst seine Mitte. Ihn gilt es kennenzulernen, zu lieben und nachzuahmen, um in
ihm das Leben des dreifaltigen Gottes zu leben und mit ihm der Geschichte eine
neue Gestalt zu geben, bis sie sich im himmlischen Jerusalem erfüllt. Das
Programm ändert sich nicht mit dem Wechsel der Zeiten und Kulturen, auch wenn
es für einen echten Dialog und eine wirksame Kommunikation die Zeit und die
Kultur berücksichtigt. Es ist unser Programm für das dritte Jahrtausend.
«
Diese Grundsatzmeditation erleuchtet die Zeit der Kirche, ihre
Gegenwart und ihr Wirken.
1. Mit der Feier des Großen Jubiläumsjahres
2000 sind wir in das dritte Jahrtausend der christlichen Zeitrechnung
eingetreten: novum millennium.
Schon in Gaudium et spes
wird festgestellt: »Hodie genus humanum in nova historiae suae aetate
versatur in qua profundae et celeres mutationes ad universum orbem gradatim
extenduntur« [Heute steht die Menschheit in einer neuen Epoche ihrer
Geschichte, in der tiefgehende und rasche Veränderungen Schritt um Schritt auf
die ganze Welt übergreifen] (4). Wir sind in diese »aetas nova« eingetreten,
die eine Neuvangelisierung unsererseits erfordert. In dieser Hinsicht könnte
man sagen, daß die Verkündigung des Evangeliums noch an ihren Anfängen steht
und heute eine Kraft des Heils, der Gerechtigkeit und des Friedens entfaltet,
die die Menschen in den Beschränkungen der alten Welt nicht einmal erahnen
konnten.
Für diese neue Welt, deren künftige Formen wir noch nicht
erkennen können, hat das vom Evangelium verkündete Heil seine unvergängliche
Neuheit nicht verloren. Es vermittelt den Kindern Gottes die einzige
menschenwürdige Antwort auf die neuen Herausforderungen, die die Globalisierung
der Menschheitsfamilie mit sich bringt.
Heiliger Vater, Sie eröffnen
Ihr Apostolisches Schreiben mit der Einladung an die Kirche, für den »neuen
Wegabschnitt« das Wort der ersten Aussendung Simons anzunehmen: »Duc in
altum!« Die Evangelisierung der »aetas nova« muß also mit
den Prüfungen und den unergründlichen Reichtümern, die Gott seiner Kirche
offenbaren wird, beginnen. Vielleicht stehen wir erst am Beginn der christlichen
Epoche.
2. Unser Gedankenaustausch wird sich auf die im zweiten Teil
ihres Schreibens zusammengefaßten programmatischen Punkte konzentrieren. Wir
müssen mehr denn je die Augen des Glaubens auf Christus, unseren Meister und
Herrn, gerichtet halten, denn er allein öffnet unseren Verstand und unser Herz
der Erkenntnis der Wege Gottes, indem er uns den Heiligen Geist schenkt. Er
allein lehrt uns die wahren Bedingungen für das Wirken seiner Kirche.
Es
existiert in der Tat eine vollkommene Entsprechung zwischen den Werken Christi
und den bescheidenen Mitteln, die wir zu mobilisieren aufgerufen sind, um den
heilsbringenden Willen des Vaters zu tun und die uns vom Sohn anvertraute
Sendung der Versöhnung auszuführen: »Darum geht zu allen Völkern, und macht
alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des
Sohnes und des Heiligen Geistes« (Mt 28,19).
3. Sind die Mittel
denn neutral? Können sie alle für den Dienst am Evangelium geeignet sein,
vorausgesetzt natürlich, daß sie keinerlei Elemente enthalten, die dem
sittlichen Wohl entgegenstehen?
Es wird möglicherweise weniger
schwierig sein, für die untersuchten Themen technische Lösungen vorzuschlagen
(so wie etwa für die Kommunikationsmittel oder für das Wirtschaftsleben, das
einen Teil der Menschheit im Elend und Hunger beläßt oder gar in sie
hineinstürzt, oder für den Fortschritt der Wissenschaften bei gleichzeitiger
Achtung unserer menschlichen Beschaffenheit). Vielleicht kann man einige
Verfahren empfehlen, die von den Human- und Sozialwissenschaften und von den
vielfältigen, gegenwärtig entwickelten Betriebsführungsmethoden entlehnt sind.
Diese
Suche nach Effizienz, die für unser ganzes Zeitalter kennzeichnend ist,
verursacht aber für den Menschen neben den erhofften Wohltaten genauso große
Leiden und Übel. Denn im Leben des Menschen nehmen die Mittel, für die man
sich entscheidet, oft die Gestalt des Zwecks an; sie werden darauf verkürzt,
uneingestandenen Zielsetzungen dienen zu müssen: Machtwillen, Vergnügungssucht,
Profit, Ruhm oder Eitelkeit … Kurz: Wir machen die Mittel zu Idolen. Unsere
Idole bleiben verborgen.
Die Mittel dürfen nicht die Stelle des Zwecks
einnehmen. Das trifft schon für die politische Tätigkeit, das Wirtschaftsleben
und alle anderen menschlichen Vorhaben zu, die sich den Dienst am Gemeinwohl der
Menschen zum Ziel setzen müssen. Um so weniger dürfen die menschlichen Mittel
den göttlichen Zweck der Kirche und ihre Sendung zur Heiligung des Namens
Gottes ersetzen.
Wenn wir uns mit scheinbar technischen Entscheidungen
im Evangelisierungswerk zufrieden gäben, würden wir das Subjekt der Aktion,
das die Kirche selbst ist, verkennen. Außerdem würde dies bedeuten, das
ursprüngliche Wesen der ihr von Christus anvertrauten Sendung zu mißachten:
für das Heil und die Heiligung aller Menschen arbeiten. Sich mit menschlichen
Mitteln zu begnügen würde bedeuten, das Antlitz des einzigen Mittlers, des
einzigen Weges zwischen Gott und den Menschen zu vergessen.
4. Es geht
in diesem auf Christus ausgerichteten Programm nämlich darum, den Aufruf
anzunehmen, der jeden Tag und durch alle Generationen im Herzen der Kirche
erklingt: der Aufruf des Heilands zur Umkehr, der Aufruf, das vom auferstandenen
Herrn empfangene Wort des Lebens anzunehmen und umzusetzen. Der Geist öffnet
unsere verhärteten Herzen unaufhörlich für das Erkennen Christi, und er
läßt durch die Kirche Denjenigen erkennen und lieben, aus Dem sie ihr Leben
erhält, denn sie ist von Ihm und durch Ihn.
Das, was ein berühmtes
Werk von Kardinal Congars als Vraie et fausse réforme dans l ’Eglise
bezeichnete, wurde mit den Worten des sel. Johannes XXIII. zum »aggiornamento«.
Es bedeutete, Christus, die Sonne der Gerechtigkeit, zu Tage kommen zu lassen.
Dieses »aggiornamento« erfordert die Neuevangelisierung der »nova aetas«
– als prophetische Verkündigung der neuen Schöpfung im Auferstandenen.
In
der stets erneuerten Evangelisierung besteht die wesentliche Sendung der Kirche.
Sie bezeichnet ihre pastorale Tätigkeit.
5. Nach menschlichen
Maßstäben wird eine Umorganisation autoritär auferlegt, und es nimmt Zeit in
Anspruch, bis sie akzeptiert wird. Sie verlangt in menschlicher Hinsicht immer
ihren Preis, zuweilen sogar Opfer, und sie kommt oft von ihren Zielen ab. Die
revolutionäre Periode in Osteuropa während fast eines Jahrhunderts ist ein
Beispiel hierfür.
Sie erinnern uns daran: In der Kraft und Sanftheit
des Geistes Jesu handelt die Kirche auf andere Weise. Die Kirche kann ihre
besondere Erneuerung nur leben, indem sie sich zu ihrem Herrn bekehrt und das
Antlitz Gottes sucht – fügsam gegenüber dem Heiligen Geist, damit
Nächstenliebe und Liebe die Quelle und Kraft jeder Erneuerung seien.
So
kann eine Veränderung als Ausdruck einer größeren Barmherzigkeit und einer
größeren Treue angenommen und gewünscht werden:
– einer größeren
Barmherzigkeit gegenüber den Geringsten, den Armen und denen, die nicht
verstehen oder nicht wissen, was sie tun;
– einer größeren Treue
gegenüber Christus selbst und seinem Geist, der nicht aufhört, dem Volk Gottes
innezuwohnen, es zu leiten und zum Vater zu führen.
Wenn wir auf diesem
Weg der Bescheidenheit und Armut vorangehen, werden die von uns vorgeschlagenen
Fortschritte nicht Ursache von Brüchen und Trennungen sein, sondern im
Gegenteil neue Bekehrungen und eine größere Liebe zum einzigen Herrn wecken.
Trotz
aller unvermeidlichen Mißverständnisse zwischen den christlichen Völkern –
mit so unterschiedlicher Geschichte, Kultur und Interessen – werden wir
unseren Brüdern und Schwestern im Menschengeschlecht helfen, einander in einer
wahren Gemeinschaft zu akzeptieren, ja einander sogar zu lieben.