Heiliger Vater,
hochwürdige Herren Kardinäle!
Einige
Monate sind nunmehr seit der Schließung der Heiligen Pforte in der Peterskirche
vergangen; immer noch deutlich haben wir jedoch die Erinnerungen an dieses
Ereignis vor Augen, das die Jahrhundert- und Jahrtausendwende geprägt hat und
für die Geschichte der Kirche und der Menschheit entscheidend sein kann.
Wir
erleben gegenwärtig die Zeit »nach dem Heiligen Jahr«, also die Zeit einer
Glaubensgeschichte, die zu einer immer vollständigeren Umsetzung und zur
tagtäglichen Verwirklichung ihrer außerordentlichen Voraussetzungen berufen
ist.
Für ein Ereignis wie dieses kann es das Wort »Ende« eigentlich
gar nicht geben. Im Gegenteil: Alles beginnt erneut mit einem neuen Geist, mit
frischen und regenerierten Kräften nach einem Weg, der nicht Müdigkeit,
sondern einen erneuerten Enthusiasmus bewirkt und allen die Kraft zu einem
Neuanfang gegeben hat.
Das »duc in altum«, das der Kirche des
neuen Jahrtausends vorgeschlagen wurde, ist gewissermaßen der Großbuchstabe,
der eine neue, bedeutende Phase der Verkündigung und Evangelisierung einleitet.
»Hinausfahren«
bedeutet – jenseits aller Mutmaßungen über eine Bilanz –, daß die
Erntezeit nicht vorüber ist, auch wenn die spirituellen Früchte dieses
Gnadenereignisses ins Buch Gottes eingeschrieben und besiegelt sind.
»Das
Ereignis der Gnade, das im Laufe des Jahres das Bewußtsein der Menschen
erfaßte, läßt sich unmöglich ermessen«, steht in Novo millennio ineunte
(2). Ebenso schwierig ist es aber, nicht den »Strom lebendigen Wassers« zu
sehen, der »vom Thron Gottes und des Lammes« hervorgeht und sich über der
Kirche ergossen hat.
Anstatt eine Bilanz vorzustellen, ist daher
vielleicht eher der Versuch angebracht, einige Antworten auf die vom Heiligen
Jahr eröffneten Erwartungen und Aussichten zu geben – insbesondere in
kirchlicher Hinsicht.
A) Auf der Grundlage der schriftlichen und
mündlichen Zeugnisse der Bischofskonferenzen, einzelner Bischöfe, Priester,
Ordensleute, Laien, Bewegungen usw. kann man zunächst sagen, daß die Feier des
Großen Jubiläums für die ganze kirchliche Gemeinschaft eine ganz besondere
Gelegenheit gewesen ist, ein echter »kairos«, auf der Suche nach neuen
Wegen der Neuevangelisierung.
Obwohl das Jubiläumsjahr ein
außerordentliches und in vielerlei Hinsicht einzigartiges Ereignis im Vergleich
zum gewöhnlichen Ablauf der kirchlichen Gegebenheiten bildet, war es dennoch
kein Fremdkörper, aus dem Nichts in einen Organismus eingefügt, der ihn nicht
als sein eigen erkennt, sondern es war unter vielerlei Gesichtspunkten das
außergewöhnliche Ergebnis eines langen und »gewöhnlichen« kirchlichen
Erneuerungsprozesses, der mit dem II. Vatikanischen Konzil begann und sich mit
der »Neuevangelisierung« unter Johannes Paul II. fortsetzte. Die Ortskirchen
mußten also für das Heilige Jahr nichts improvisieren, sondern schlicht und
einfach jenen Fermenten Raum geben, die sie schon seit geraumer Zeit zur Reifung
geführt hatten – unter Berücksichtigung der unterschiedlichen
Ausgangssituationen und der zuweilen dramatischen Umstände, unter denen sich
diese Reifung vollzogen hat.
Als kurze und bündige Zusammenfassung kann
man also sagen, daß in vielen europäischen Ländern das Jubiläumsjahr in eine
sehr dynamische Seelsorge eingegliedert wurde. Insbesondere in den mittel- und
osteuropäischen Ländern, die gewissermaßen ihr erstes Heiliges Jahr erleben
durften, erschien das Antlitz der zu neuem Leben erwachten Kirchen, die zur
Versammlung und Belebung des Gottesvolkes fähig sind.
In Amerika
folgte das Jubiläumsjahr größtenteils den Richtlinien der Kontinentalsynode,
die auf ein brüderliches und solidarisches Teilen der Zielsetzungen und
Horizonte abzielten, wobei die menschliche Person im Mittelpunkt stand.
In
Afrika hat trotz des großen Mangels an Mitteln, dem das Zentralkomitee
Abhilfe zu verschaffen suchte, das Heilige Jahr große Hoffnungen geweckt und
die Bevölkerung und die Hirten zu einem erneuerten und stärkeren Zeugnis für
den Glauben und den Frieden angespornt (vgl. Botschaft der Bischofskonferenz von
Angola und Sao Tome zum Abschluß der 1. Vollversammlung nach dem Heiligen Jahr
).
In Asien und Ozeanien, zwei Kontinenten, auf denen das
Christentum zahlenmäßig nicht so stark vertreten ist, konnte sich die Aktion
der Ortskirchen lebendiger gestalten.
Zusammenfassend gesagt: Das
Heilige Jahr hat in Rom, im Heiligen Land und in den Teilkirchen das Antlitz
einer lebendigen und jungen Kirche gezeigt, die in keiner Weise von den beiden
schon vergangenen Jahrtausenden ihrer Geschichte erschöpft ist, sondern die
bereiter denn je ist, die neuen Herausforderungen des dritten Jahrtausends in
Angriff zu nehmen.
Mit diesen kurzen Vorbemerkungen sollen nun einige
der wichtigsten spirituellen Früchte vorgestellt werden:
1. Wiederaufnahme
des Zweiten Vatikanischen Konzils
Sowohl aufgrund der Inhalte als
auch hinsichtlich der Methode war das Heilige Jahr 2000 das Jubiläumsjahr des
Konzils. Wegen seines Inhalts, weil die Hauptthemen des Konzils das
Gerüst der gesamten Theologie und der Pastoral anläßlich der Heiligjahrfeiern
bildeten; und wegen der Methode: Man denke nur an die zahllosen und
wiederholten Aufforderungen des Heiligen Vaters an all die verschiedenen
Kategorien von Pilgern, die Konzilsdokumente noch einmal zu lesen,
wiederzuentdecken und zu leben. In Wirklichkeit war jeder Tag des
Jubiläumsjahrs eine Zeit des Nachdenkens und des Betens entsprechend den
Weisungen des Konzils.
2. Wiederentdeckung der Heiligkeit des
Gottesvolkes
Der wahre Protagonist des Heiligen Jahres 2000 war das
Volk Gottes: Mit seinem Zeugnis des Gebets, des Opfers und der Frömmigkeit
zeigte es das Antlitz der Heiligkeit, die in der Kirche erstrahlt. Wir haben
gesehen, wie dieses Volk bereitwillig und großherzig auf den Aufruf des Papstes
antwortete.
Die Einstimmigkeit der Antworten sollte als Zeichen gedeutet
werden: ein Zeichen dafür, daß das Volk der Gläubigen immer noch fähig ist,
eine christliche Spur in der Gesellschaft unserer Zeit zu hinterlassen. Die
Zusammenkünfte waren keine Paraden oder Einberufungen, die sich zum Ziel
setzten, Personen verschiedener sozialer Kategorien zu versammeln, sondern sie
waren das notwendige Werkzeug, um es allen Mitgliedern dieses Gottesvolkes zu
ermöglichen, »videre Petrum« [Petrus zu sehen] – wie sie dies
nachdrücklich forderten – und seine Stimme zu hören. Die Heiligjahrfeiern
waren ein Beleg der Katholizität der Kirche, der Universalität ihrer Botschaft
und der Heiligkeit eines Volkes, das die Gesellschaft wie Sauerteig durchdringt
und auf diese Weise das Evangelisierungswerk, das die kleine Gruppe der Apostel
vor zweitausend Jahren begann, in diesem neuen Jahrtausend fortsetzen und zu
allen Völkern bringen möchte.
Wie sollte man in diesem Zusammenhang
nicht an das Gebetszeugnis vieler Pilger erinnern, die durch die Heilige Pforte
gegangen sind? Oder auch an das beeindruckende und bewegende Treffen zum
Abendgebet auf dem Vorplatz der Peterskirche? Und insbesondere an die so vielen
Menschen, die in den römischen Basiliken, aber auch in den Heiligtümern und
Kirchen der ganzen Welt vor den Beichtstühlen Schlange standen?
Uns
bleibt heute als eines der wichtigsten Zeichen des Heiligen Jahres die
bemerkenswerte Rückkehr, ja in gewisser Weise sogar die große Wiederentdeckung
des Beichtsakraments, dem viele seit Jahren eine Krise nachsagten. Während des
Jubiläumsjahres wurde die Gnade Gottes aus vollen Händen von unserem Vater
gespendet, der reich an Erbarmen ist.
3. Das Jubiläumsjahr im
Zeichen der Nächstenliebe und Gerechtigkeit
In Tertio millennio
adveniente und in der Bulle Incarnationis mysterium hatte der Heilige
Vater die Nächstenliebe und die Gerechtigkeit als Kennzeichen und Merkmale des
echten spirituellen Wesens des Großen Jubiläumsjahres dargestellt. Die Antwort
hierauf war insgesamt positiv. Bezüglich der Nächstenliebe konnte man
feststellen, daß das Heilige Jahr in aller Welt zum Motor zahlreicher
Initiativen wurde. Sie alle aufzuzählen ist unmöglich, denn sie wurden auf
allen Ebenen unternommen – also im Bereich der Bischofskonferenzen, der
Diözesen, Gemeinden, Bewegungen und Einzelpersonen – sowie in allen
Breitengraden und Ländern, wo eine Gemeinschaft von Gläubigen lebt. Im
übrigen hatte der Heilige Vater ja ein Beispiel hierfür gegeben, sowohl durch
die Einrichtung eines Solidaritätsfonds für alle bedürftigen Pilger als auch
durch sehr beredte Gesten, wie die Armenspeisungen bei den vier römischen
Basiliken oder das Essen für die Armen im Vatikan usw. Diese Aktionen der
Nächstenliebe werden auch nach dem Heiligen Jahr fortgesetzt, zusammen mit
einem konkreten Projekt zugunsten der Behinderten, das hier in Rom realisiert
werden soll.
Im Hinblick auf die Gerechtigkeit wurde die Aufforderung,
»an eine Überprüfung, wenn nicht überhaupt an einen erheblichen Erlaß der
internationalen Schulden zu denken« (Tertio millennio adveniente, 51),
wie auch die Bitte um Gnade zugunsten der Inhaftierten in vielen Ländern der
Welt allgemein anerkennend aufgenommen. Ohne eine präzise Liste aufstellen zu
wollen, bleibt die positive Tatsache, daß das Jubiläumsjahr sowohl die
öffentliche Meinung der Welt als auch die Regierungen zu diesen hochaktuellen
Themen sensibilisiert hat.
4. Die Wallfahrten der Gläubigen und des
Papstes
Man kann sagen, daß in diesem Heiligen Jahr – im
Unterschied zu den vorangegangenen – die spirituelle Symbolik der Wallfahrt
dadurch weiter verstärkt wurde, daß der Pilgerstrom nicht in eine einzige
Richtung verlief, also aus den Diözesen der Welt nach Rom, sondern daß es auch
auf lokaler Ebene eine Vielzahl von Wallfahrten gegeben hat: von den Pfarreien
zur Kathedrale oder zum jeweiligen Heiligtum, das vom Ortsbischof zum Ziel der
Heiligjahrwallfahrt bestimmt wurde.
Die Welt war tief beeindruckt von
den zahlenstärksten Wallfahrten, insbesondere von jener der Jugendlichen im
August. Man kann sagen, daß – auch hinsichtlich der Zahlen – selbst die
optimistischsten Erwartungen in den Schatten gestellt wurden. Man denke nur
daran, daß aus den osteuropäischen Ländern, die ihr erstes Heiliges Jahr
feierten, etwa eine Million Pilger angereist ist: 185 % mehr als im Vorjahr.
Der
wichtigste Aspekt aber war die gemessene innere Haltung, die Frömmigkeit,
Stille und Sammlung der Pilger, die ein ernsthaftes, tiefes und motiviertes Bild
ihrer Teilnahme am Jubiläumsjahr gegeben haben.
Die Pilgerreisen des
Heiligen Vaters zu den Stätten der Heilsgeschichte und zum Heiligtum in Fatima
hatten große Breitenwirkung: Die Gläubigen verstanden das Vorbild der Mission
und gaben die Antwort auf ihren Wunsch, ihm zu begegnen.
5. Ökumene
und Glaubenszeugnis
Obwohl nicht alle vorgesehenen ökumenischen
Veranstaltungen auch tatsächlich durchgeführt werden konnten, bleibt
festzuhalten, daß dieses Heilige Jahr – dem eine große interreligiöse
Versammlung vorausgegangen war – wie kein anderes zuvor eine so breite
Teilnahme von Vertretern verschiedener christlicher Konfessionen und
Kirchengemeinschaften verzeichnen konnte. Beispielhaft war die »sechshändige«
Öffnung der Heiligen Pforte in St. Paul vor den Mauern. Der Höhepunkt und
bedeutendste Termin des gesamten Jubiläumsjahrs in ökumenischer Hinsicht war
allerdings die »Ökumene der Heiligen und der Märtyrer«.
Die
Gedenkfeier für die Märtyrer des 20. Jahrhunderts war zweifellos eine Neuheit
in der Geschichte der Heiligen Jahre; sie zeigte, daß in der derzeitigen Kirche,
in der Kirche des Jubiläumsjahres, Heiligkeit nicht nur möglich ist, sondern
sogar das wahre und sichtbare Monument der Lebendigkeit der Kirche in der Welt
darstellt.
6. Der Zukunft entgegen
Das Große
Jubiläumsjahr 2000, das eine zutiefst eucharistische und marianische
Ausrichtung besaß, hinterließ der ganzen Kirche ein reiches Erbe, das nicht
vergessen werden darf.
Wir stehen am epochalen Übergang zu einem neuen
Jahrtausend, und die Stunde zum Hinausfahren ist gekommen, wenn wir nicht auf
dem Trockenen bleiben wollen.
Alle starken und intensiven Anregungen des
Heiligen Jahres müssen weiter untersucht, vertieft und vor allem in die Tat
umgesetzt werden – durch eine Pastoral, die den Kontext der unterschiedlichen
kirchlichen Gegebenheiten berücksichtigt.
Das Heilige Jahr ist
offiziell abgeschlossen, der Pilgerweg des Lebens der Christen geht jedoch
weiter: Es liegt noch ein weiter Weg mit nicht wenigen Mühen vor uns, bis wir
das Ziel erreichen. Wir alle sind aufgerufen, diesem dritten Jahrtausend ein
wirklich glaubhaftes Zeugnis für die Kraft eines Glaubens zu geben, der alle
Zivilisationskrisen überwindet und unserer Pilgerreise auf Erden Sinn gibt.
Die
allerseligste Jungfrau Maria, Mutter der schönen Liebe und Morgenstern des
neuen Jahrtausends, erleuchte stets den Weg der Kirche.
Danke.