The Holy See
back up
Search
riga


PÄPSTLICHES WERK FÜR GEISTLICHE BERUFE

NEUE BERUFUNGEN FÜR EIN NEUES EUROPA

(In verbo tuo...)

Schlußdokument des Europäischen Kongresses
über die Berufungen zum Priestertum und Ordensleben
in Europa

Rom, 5.-10. Mai 1997

*

In Zusammenarbeit der Kongregation für das Katholische Bildungswesen,
für die Orientalischen Kirchen,
für die Institute des geweihten Lebens
und die Gesellschaften des apostolischen Lebens

EINFÜHRUNG

Dank an Gott

1. Gepriesen sei der allmächtige Gott, der Europa mit allem geistlichen Segen gesegnet hat in Christus durch den heiligen Geist (vgl. Eph1,3).

Wir sagen ihm Dank dafür, daß er von Anfang der christlichen Zeit an diesen Kontinent berufen hat, Zentrum der Verbreitung der Frohbotschaft des Glaubens zu sein und in der Welt seine universale Vaterschaft kundzumachen. Wir sagen ihm Dank, weil er diesen Boden mit dem Blut der Märtyrer und mit der Gabe ungezählter Berufungen gesegnet hat: Berufungen zum Priestertum, zum Diakonat und zu den verschiedenen Formen des gottgeweihten Lebens, vom monastischen Leben bis zu den Säkularinstituten. Wir sagen ihm Dank, weil sein Heiliger Geist auch heute nicht aufhört, die Söhne und Töchter dieser Kirche dazu zu berufen, in aller Welt Verkünder der Heilsbotschaft zu werden, und weil er andere beruft, die heilsstiftende Wahrheit des Evangeliums in der Ehe und im Berufsleben, in Kultur und Politik, in Kunst und Sport, in den menschlichen Beziehungen und in der Arbeitswelt zu bezeugen, ein jeder gemäß der ihm verliehenen Gabe und Sendung. Wir sagen ihm Dank, weil er die Stimme ist, die ruft und Mut macht zur Antwort; weil er der Hirte ist, der vorangeht und die Treue eines jeden Tages stützt; weil er Weg, Wahrheit und Leben für alle ist, die gerufen sind, den Plan des Vaters in sich zu verwirklichen.

Der Europäische Kongreß über die Berufungen

2. Wir sind vom 5.-10. Mai 1997 in Rom zum Kongreß über die Berufungen zum Priestertum und Ordensleben in Europa(1) zusammengekommen und haben die Arbeiten des Kongresses selbst, vor allem aber die Sorge der Kirche Europas in dieser schwierigen und doch großartigen Zeit in die Hände des Herrn der Ernte gelegt, zusammen mit unserer Dankbarkeit gegenüber Gott, der die Quelle jeden Trostes und Urheber jeder Berufung ist.

In Rom versammelt, haben wir all jene, die Gott heute noch rufen will, Maria anbefohlen, die das geglückte Abbild des vom Schöpfer gerufenen Geschöpfes darstellt. Den Heiligen Petrus und Paulus und allen heiligen Märtyrern dieser und jeder anderen Stadt und europäischen Kirche in Vergangenheit und Gegenwart vertrauen wir nun dieses Dokument an. Möge es ihm gelingen, jenen Reichtum zum Ausdruck zu bringen und zu vermitteln, der uns während der Tage unseres Beisammenseins in Rom geschenkt wurde, so wie einst die Märtyrer und Heiligen Zeugnis gaben von der Liebe des ewigen Vaters.

Der Kongreß war wirklich ein gnadenreiches Ereignis: der geschwisterliche Austausch, das Eindringen in die Lehre der Kirche, die Begegnung mit so verschiedenen Charismen, der Austausch der verschiedenen Erfahrungen und gegenwärtigen Mühen in den Kirchen des Ostens und Westens haben alle und jeden einzelnen bereichert. Sie haben in jedem Teilnehmer den Willen bestärkt, mit ganzem Einsatz und mit Leidenschaft im Bereich der geistlichen Berufe weiterzuarbeiten, trotz der spärlichen Ergebnisse in einigen Kirchen des alten Kontinents.

Die Kraft der Hoffnung

3. Vom Vorbereitungsdokument (Instrumentum Laboris) des Kongresses bis zu den Schlußfolgerungen (Propositiones), von der Ansprache des hl. Vaters an die Teilnehmer bis zur Botschaft an die kirchlichen Gemeinden, von den Beiträgen in der Kongreß-Aula bis zu den Diskussionen in den Studiengruppen, von den zwanglosen Gesprächen bis zu den Zeugnissen zog sich ein roter Faden, der das ganze Tun und jeden Augenblick dieser Zusammenkunft verbunden hat: die Hoffnung. Eine Hoffnung, die stärker ist als jede Furcht und aller Zweifel; jene Hoffnung, die den Glauben unserer Brüder und Schwestern in der Ostkirche getragen hat, besonders in Zeiten, in denen es hart und gefährlich war, zu glauben und zu hoffen; eine Hoffnung, die nun mit einer neuen Blüte von Berufungen belohnt wird, wie dies auf dem Kongreß bezeugt wurde.

Diesen Brüdern und Schwestern sind wir zutiefst dankbar, so wie auch all jenen Gläubigen, die weiterhin bezeugen, daß die »Hoffnung das Geheimnis des christlichen Lebens ist. Sie ist der absolut notwendige Atem in der Sendung der Kirche, und ganz besonders in der Berufspastoral. (...) Man muß diese Hoffnung also in den Priestern, den Erziehern, den christlichen Familien, in den Ordensfamilien, in den Säkularinstituten, kurz in all jenen, die gemeinsam mit den neuen Generationen dem Leben dienen, neu entzünden«.(2)

Wir wenden uns an euch, Jugendliche und junge Erwachsene ...

4. In der Kraft dieser Hoffnung wenden wir uns auch an euch, liebe Jugendliche und junge Erwachsene, vor allem, damit ihr in der Wahl eurer Zukunft den Plan, den Gott mit euch hat, annehmt: ihr werdet nur dann glücklich sein und euch selbst voll verwirklichen, wenn ihr euch bereit macht, jenen Traum zu realisieren, den der Schöpfer mit seinem Geschöpf verbindet. Wir möchten so gerne, daß dieses Schreiben von euch wie ein persönlicher Brief an jeden einzelnen aufgenommen werde, aus dem ihr mit Hilfe eurer Erzieher herausspürt, wie die Mutter Kirche sich um jedes ihrer Kinder sorgt mit jener besonderen Sorge, wie sie eine Mutter für ihre jüngsten Kinder im Herzen trägt. Es möchte ein Brief sein, in dem ihr eure eigenen Probleme erkennen könnt, die Fragen, die in euren jungen Herzen brennen, und die Antworten darauf, die von jenem kommen, der der ewig junge Freund eurer Seelen ist, der einzige, der euch die Wahrheit sagen kann! Ihr, liebe Jugendliche, sollt wissen, daß die Kirche mit fürsorgender Anteilnahme eure Schritte und eure Entscheidungen begleitet. Und wie schön wäre es schließlich, wenn dieser Brief in euch eine Antwort wecken würde auf ein Gespräch hin, das ihr mit jenen weiterführen solltet, die euch begleiten...

... an euch, Eltern und Erzieher ...

5. Von derselben Hoffnung erfüllt, wenden wir uns an euch Eltern, die ihr von Gott berufen seid, mit seinem Willen zusammenzuarbeiten und Leben zu schenken, und an euch Erzieher, Lehrer, Katecheten und Animatoren, die ihr von Gott berufen seid, auf unterschiedliche Weise an seinem Entwurf für die Gestaltung des Lebens mitzuarbeiten. Wir möchten euch sagen, wie sehr die Kirche eure Berufung hochschätzt und wie sehr sie sich ihr anvertraut, um die Berufung eurer Kinder, sowie eine wahre und echte Kultur der Berufung zu fördern.

Ihr Eltern seid auch die ersten, naturgegebenen Erzieher zur Berufung, während ihr Ausbilder nicht nur Instrukteure seid, die auf existentielle Entscheidungen vorbereiten; auch ihr seid gerufen, in diesen jungen Menschen, die ihr auf die Zukunft hin öffnet, Leben hervorzurufen. Eure Treue zum Ruf Gottes ist eine wertvolle und unverzichtbare, vermittelnde Hilfe, damit eure Kinder und Schüler ihre ganz persönliche Berufung erkennen können, damit »sie das Leben haben, und es in Fülle haben« (Joh 10,10).

... an euch, Hirten, Priester, Gottgeweihte ...

6. Mit unerschütterlicher Hoffnung im Herzen wenden wir uns an euch, Priester, und an euch, gottgeweihte Männer und Frauen im Ordensleben und in den Säkularinstituten. Ihr habt einen besonderen Ruf in die Nachfolge des Herrn vernommen, zu einem Leben, das ganz ihm geweiht ist, und ihr seid auch besonders berufen, alle ohne Ausnahme für die Schönheit der Nachfolge Zeugnis zu geben.

Wir wissen wohl, wie schwer heute diese Verkündigung ist, und wie groß auch die Versuchung ist, bei einem scheinbar nutzlosen Bemühen den Mut zu verlieren. »Die Berufspastoral stellt den schwierigsten und sensibelsten Dienst dar«.(3) Doch möchten wir auch daran erinnern, daß es nichts Schöneres gibt, als ein Zeugnis von der eigenen Berufung, das so glühend ist, daß es ansteckend wirkt. Nichts ist logischer und überzeugender als eine Berufung, die neue Berufungen weckt und euch mit vollem Recht zu »Vätern« und »Müttern« macht. Nicht nur an jene, die bei der Förderung der Berufungen einen offiziellen Auftrag innehaben, wollen wir uns mit diesem Schreiben wenden, sondern auch an die unter euch, die nicht direkt mit ihr befaßt sind oder die meinen, sich in diesem Bereich überhaupt nicht engagieren zu müssen.

Wir möchten sie darauf hinweisen, daß nur ein gemeinsames Zeugnis die Weckung der Berufungen wirksam werden läßt, und daß die sogenannte Krise der geistlichen Berufe vor allem in der Zurückhaltung von Zeugen begründet ist, die die Botschaft fragwürdig machen. In einer Kirche, die völlig berufungsorientiert ist, muß jeder ein Förderer der Berufungen sein. Glücklich seid ihr also, wenn ihr durch euer Leben auszudrücken versteht, daß der Dienst an Gott schön und erfüllend ist, und wenn ihr zeigen könnt, daß in Ihm, dem Lebendigen, jedes Lebewesen zu sich selbst findet (vgl. Kol 3,3).

... an das ganze Gottesvolk in Europa ...

7. Schließlich möchten wir »Samariter der Hoffnung« sein für jene Brüder und Schwestern, mit denen wir die Last des Lebensweges tragen. An das ganze Gottesvolk, das in den Kirchen des Westens und des Ostens auf diesem alten und gesegneten Erdteil pilgert, möchten wir dieselbe Hoffnungsbotschaft richten. Von hier ausgehend verbreitete sich einstmals die Verkündigung des Evangeliums dank des Mutes vieler Glaubensboten, die ihr Zeugnis auch mit dem Leben bezahlt haben.

Auch heute noch, so wollen wir glauben, ruft der Geist des Vaters.

Er sendet die Kinder dieses hochherzigen, im Christentum verwurzelten Kontinents, der selbst einer neuen Evangelisierung und neuer Verkünder des Evangeliums bedarf, auf die Straßen der Welt. So stellen also auch wir uns vor den Herrn, wie einst die Apostel, im Bewußtsein unserer Armut und der Nöte dieser Kirche: »Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen« (Lk 5,5). Doch vor allem wollen wir »auf sein Wort hin« glauben und hoffen, daß der Herr, wie einst, auch heute noch die Boote seiner Apostel mit einem wunderbaren Fischfang füllen und jeden Gläubigen in einen Menschenfischer verwandeln kann.

Vom Kongreß zum Leben

8. Absicht dieses Dokuments ist es also, mit euch dieses gnadenhafte Ereignis, das der Kongreß war, zu teilen. Ohne eine genaue Zusammenfassung oder eine systematische Abhandlung über die Berufung vorlegen zu wollen, möchten wir einfach der ganzen Kirche innerhalb und außerhalb Europas und in all ihren christlichen Zweigen geschwisterlich die wichtigsten Ergebnisse des Kongresses zur Verfügung stellen.

Der Stil dieser Darlegung bemüht sich, möglichst für alle verständlich zu sein, da ja alle unterschiedslos gerufen sind, die eigene Berufung zu verwirklichen und die Berufung ihres Nächsten zu fördern.

Sie wird also besonders darauf bedacht sein, theologisches Nachdenken und pastorales Tun, theoretischen Vorschlag und erzieherische Anregung miteinander zu verbinden, um jenen eine wirklichkeitsgerechte und nachvollziehbare Hilfe anzubieten, die im Bereich der Berufsförderung arbeiten.

Wir erheben nicht den Anspruch, alles zu sagen, und dies nicht nur, weil wir nicht wiederholen wollen, was andere Dokumente dazu bereits bestens gesagt haben,(4) sondern um offen zu bleiben für das Geheimnis, jenes Geheimnis, in das Leben und Berufung jedes Menschen gehüllt sind, jenes Geheimnis, das auch der Weg zur Berufsklärung ist und das nur im Augenblick des Todes sich erfüllen wird. Die Berufspastoral ist entweder mystagogisch und geht immer vom Geheimnis (Gottes) aus und führt zu ihm zurück, oder sie ist keine Berufspastoral.

Die Teile des Dokuments

9. Der vorliegende Text folgt im einzelnen der Gedankenlinie, die die Arbeit des Kongresses geleitet hat: von der Wirklichkeit zum Nachdenken, um wieder zur Wirklichkeit zurückzukehren. Die Berufspastoral hat sich an der täglichen Wirklichkeit zu messen, eben weil sie pastoral ist im Blick auf den Dienst am Leben. Dann versuchen wir eine Situationsbeschreibung, um anschließend das Thema der Berufung aus theologischer Sicht zu deuten und um für die anschließenden Darlegungen ein Fundament, ein notwendiges Gerüst zu schaffen.

Hier beginnt dann der praktischere Teil, vor allem pastoraler Art, oder nach Art wichtiger Durchführungspläne, um dann zum pädagogischen Bereich zu kommen. Dies wird nützlich sein, um wenigstens einige methodische Hinweise für die Alltagspraxis zu geben. Und womöglich ist gerade dieser Aspekt der am stärksten vernachlässigste und wird von den Arbeitern in der Berufspastoral am meisten erwartet.

ERSTER TEIL
DIE HEUTIGE LAGE DER GEISTLICHEN BERUFE IN EUROPA

»Die Ernte ist groß,
aber es gibt nur wenig Arbeiter
« (Mt 9,37)

Vor dem Hintergrund der komplexen kulturellen Vielfalt wirft dieser erste Teil einen Blick auf Europa, in dem das anthropologische Modell eines »Menschen ohne Berufung« zu herrschen scheint. Die neue Evangelisierung muß wieder jene starke Kraft betonen, die das Verständnis des Lebens als einer »Berufung« hervorbringt, im Sinne eines grundlegenden Berufenseins zur Heiligkeit; sie muß eine Kultur erneuern, die den verschiedenen Berufungen dienlich ist und zu einem wirklich qualitativen Sprung in der Pastoral der Berufe führt.

»Neue Berufungen für ein neues Europa«

10. Das Thema des Kongresses (»Neue Berufungen für ein neues Europa«) führt unmittelbar zum Kern des Problems: das heutige, im Vergleich zur Vergangenheit neue Europa braucht ebenso »neue« Berufungen. Man muß diese Aussage begründen, um den Sinn dieses Neuseins zu begreifen und dessen Zusammenhang mit der »traditionellen« Pastoral der Berufe zum Priestertum und zum Ordensleben zu erkennen. Wir wollen uns also nicht damit begnügen, den Zustand zu photographieren und Daten aufzuzählen, sondern wir werden sehen, in welcher Richtung Neuheit und Notwendigkeit der Berufungen liegen, die aus diesem Zustand sich ergeben.

Gleichzeitig werden wir die heute bestehende Situation bewerten, ausgehend vom Wort Jesu angesichts der Sendung, die ihn erwartete: »Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter« (Mt 9,37). Diese Worte sind weiterhin wahr und sind ein wertvoller Schlüssel zum Verständnis der gegenwärtigen Situation. In gewisser Weise erkennen wir in ihnen den rechten Maßstab für unser Tun und das rechte Verhältnis (oder auch Mißverhältnis) zwischen einer stets überreichen Ernte und unseren geringen Kräften. Wir tun dies fern jeder pessimistischen Deutung der Gegenwart, aber auch fern jeder Selbstzufriedenheit gegenüber dem Morgen.

Neues Europa

11. Schon das Arbeitsdokument hat ein Bild von der europäischen Berufsproblematik gezeichnet, die stark von neuen Elementen geprägt ist. Hier fassen wir sie kurz zusammen, so wie der Kongreß selbst sie gesehen hat. Wir wollen dabei die besonders bezeichnenden Elemente herausfinden, die auf lange Sicht das Denken und Empfinden der Jugendlichen und somit auch die Pastoral und die Maßnahmen zur Berufsförderung prägen werden.

a) Ein verändertes und vielschichtiges Europa

Eines steht bereits fest: es ist praktisch unmöglich, die Lage in Europa bezüglich der Jugend und der unvermeidlichen Rückwirkungen auf die geistlichen Berufe in eindeutiger und statischer Weise zu beschreiben. Wir stehen einem veränderten Europa gegenüber, das durch die verschiedenen historisch-politischen Umstände (vgl. Ost-West-Konflikt), aber auch durch die Vielfalt der Kulturen und Traditionen (griechisch-lateinisch, angelsächsisch-slawisch) so geworden ist.

Diese Kulturen stellen jedoch auch seinen Reichtum dar und geben, wenngleich in unterschiedlichen Zusammenhängen, den Erfahrungen und Entscheidungen Bedeutung. So haben die Länder im Osten das Problem, wie sie mit der neuerworbenen Freiheit fertigwerden sollen, während man sich im Westen fragt, wie die echte Freiheit zu leben sei.

Diese Verschiedenheit wird auch von der Entwicklung der Berufe zum Priestertum und zum Ordensleben bestätigt, und zwar nicht nur durch den deutlichen Unterschied zwischen dem Aufblühen der geistlichen Berufe in Ost-Europa und der allgemeinen Krise im Westen, sondern weil es innerhalb dieser Krise auch Zeichen für eine Zunahme der geistlichen Berufe gibt, besonders in jenen Kirchen, in denen eine ernsthafte und beständige nachkonziliare Arbeit tiefe und wirkungsvolle Spuren hinterlassen hat.(5)

Wenn nun im Osten der Aufbau einer echten und organischen Pastoral im Dienst der Berufsförderung, von der Weckung der Berufe bis zu deren Ausbildung notwendig ist, so ist im Westen eine ganz andere Aufmerksamkeit gefordert. Man muß nach dem tatsächlichen theologischen Gehalt und nach der unmittelbaren Übertragbarkeit bestimmter Projekte der Berufsförderung fragen, nach dem ihnen zugrunde liegenden Berufsbegriff und nach der Art der Berufe, die sich aus ihm ergeben. Auf dem Kongreß wurde beharrlich gefragt: »Warum erzeugen bestimmte Theologien oder ein bestimmtes pastorales Handeln keine Berufe, während dies bei anderen der Fall ist?«.(6)

Ein weiteres Merkmal betrifft die europäische sozio-kulturelle Situation: die Überfülle von Möglichkeiten, Gelegenheiten und Anregungen, im Gegensatz zum Mangel an Zielen, Vorhaben und Planungsmöglichkeiten. Dies ist wie ein weiterer Gegensatz, der die Komplexität dieser geschichtlichen Zeit noch verschärft, mit negativen Auswirkungen auf den Bereich der Berufe. Wie das alte Rom, so scheint das moderne Europa einem Pantheon zu gleichen, einem großen »Tempel«, in dem alle »Götter« präsent sind oder in dem ein jeder »Wert« seinen Ort und seine Nische hat.

Unterschiedliche und sich widersprechende »Werte«, völlig gegensätzliche Deutungs- und Bewertungsmuster, Orientierungs- und Verhaltensmuster stehen ohne klare Werteskala nebeneinander.

In einem solchen Zusammenhang wird es schwer, ein einheitliches Weltbild oder Weltverständnis zu haben, was auch die Fähigkeit zur planerischen Gestaltung des Lebens schwächt. Denn wenn eine Kultur nicht mehr die höchsten Möglichkeiten einer Deutung festlegt, oder wenn es ihr nicht gelingt, in einigen Werten, die als besonders sinnstiftend für das Leben betrachtet werden, Übereinstimmung herzustellen, sondern wenn sie alles auf ein und dieselbe Stufe stellt, dann entfällt jede Möglichkeit einer Zukunftsplanung, und alles wird unwesentlich und gestaltlos.

b) Die Jugend und Europa

Die europäischen Jugendlichen leben in dieser Kultur, die pluralistisch, ambivalent, »polytheistisch« und neutral ist. Einerseits suchen sie leidenschaftlich nach Authentizität, Zuneigung, persönlichen Beziehungen und weitem Horizont, andererseits sind sie zutiefst allein, vom Wohlstand »verletzt«, von Ideologien enttäuscht, von ethischer Orientierungslosigkeit verwirrt.

Und weiter: »Vielfach ist in der Welt der Jugend eine deutliche Sympathie für ein Leben zu erkennen, das als absoluter Wert und als heilig verstanden wird...«,(7) doch gleichzeitig, wird in vielen Teilen Europas diese Öffnung auf die Existenz hin durch ein politisches Verhalten, das sogar das Lebensrecht mißachtet, vor allem jenes der Schwächsten, geleugnet; es ist eine Politik, die Gefahr läuft, den »alten Kontinent« immer noch älter zu machen. Wenn nun auf der einen Seite diese Jugend ein beachtliches Kapital für das heutige Europa darstellt, das erheblich in ihre Zukunft investiert, so werden andererseits von der Erwachsenenwelt und von den Verantwortlichen der bürgerlichen Gesellschaft die Erwartungen der Jugend nicht immer angemessen gehört.

Zwei Aspekte scheinen von zentraler Bedeutung zu sein, um das Verhalten der heutigen Jugend zu verstehen: der Anspruch auf Subjektivität und das Verlangen nach Freiheit. Dies sind zwei typisch anthropologische Gesichtspunkte, die Aufmerksamkeit verdienen. Dennoch führen sie — wenn sie zusammentreffen — in einer schwachen Kultur wie der unsrigen oft zu Erscheinungen, die ihren Sinn entstellen: Subjektivität wird dann Subjektivismus, und Freiheit verkümmert zur Beliebigkeit.

In diesem Zusammenhang ist jene Beziehung zu sehen, die die europäischen Jugendlichen mit der Kirche unterhalten. In einem seiner Schlußanträge stellt der Kongreß mit realistischem Mut fest: »Die Jugend erkennt oft in der Kirche nicht das, was sie sucht, und betrachtet sie nicht als den Ort, von dem die Antworten auf ihr Fragen und ihr Suchen kommen. Es zeigt sich, daß nicht Gott ihr Problem ist, sondern die Kirche. Die Kirche ist sich ihrer Schwierigkeiten im Gedankenaustausch mit der Jugend bewußt und auch ihres Mangels an klaren pastoralen Vorstellungen..., ihrer theologisch-anthropologischen Schwäche in bestimmten Katechesen. Von seiten vieler Jugendlicher hält die Furcht an, ein Leben innerhalb der Kirche schränke ihre Freiheit ein«,(8) während für viele andere die Kirche weiterhin der maßgebendste Bezugspunkt bleibt oder wird.

c) »Mensch ohne Berufung«

Dieses Spiel von Kontrasten wiederholt sich unweigerlich auch auf der Ebene der Zukunftsplanung, die von den Jugendlichen in einer folgerichtigen Perspektive als auf die eigenen Ansichten beschränkt betrachtet und auf die rein persönlichen Interessen (Selbstverwirklichung) ausgerichtet wird.

Es ist dies eine Logik, die die Zukunft auf Berufswahl, auf wirtschaftliches Zurechtkommen oder auf affektiv-emotionale Befriedigung reduziert, und dies innerhalb von Horizonten, die in Wirklichkeit das Verlangen nach Freiheit und die Möglichkeiten des Menschen auf begrenzte Vorhaben beschränken, verbunden mit der Illusion, frei zu sein.

Es sind dies Entscheidungen ohne jede Öffnung zum Geheimnis und zum Transzendenten und womöglich auch mit nur geringem Verantwortungsbewußtsein dem eigenen wie dem fremden Leben gegenüber, dem Leben, das als Geschenk gegeben wurde und an andere weiterzugeben ist. Es handelt sich mit anderen Worten um ein Empfinden und Denken, das womöglich eine gewisse berufungsfeindliche Kultur kennzeichnet. Das will sagen, daß in diesem kulturell so vielschichtigen und orientierungslosen Europa, das einem Pantheon gleicht, der »Mensch ohne Berufung« das herrschende anthropologische Modell zu sein scheint. Hier eine mögliche Beschreibung: »Eine pluralistische und komplexe Kultur neigt dazu, in den Jugendlichen eine unfertige und schwache Identität zu erzeugen, was zu einer chronischen Unentschlossenheit in der Berufswahl führt. Viele Jugendliche verfügen nicht einmal über die »elementare Grammatik« der Existenz, sie sind Nomaden: unaufhaltsam ziehen sie durch die Welt, durch die Gefühlswelt, durch Kulturen, durch Religionen, sie »probieren«! Inmitten der Überfülle unterschiedlichster Informationen und nur unzureichend ausgebildet, erscheinen sie wie verloren, mit nur wenigen Empfehlungen und mit nur wenigen Menschen, die für sie einstehen. Darum haben sie Angst vor der Zukunft, schrecken vor endgültigen Verpflichtungen zurück und hinterfragen ihr Sein. Wie sie einerseits Autonomie und Unabhängigkeit um jeden Preis wollen, so neigen sie andererseits, gleichsam als Zuflucht, zu starker Abhängigkeit vom gesellschaftlich-kulturellen Umfeld und suchen die unmittelbare Befriedigung der Sinne: durch das, »was mir paßt« und »was mir liegt« in einer maßgeschneiderten Welt der Gefühle«.(9)

Es macht unendlich traurig, Jugendlichen zu begegnen, in denen, obgleich sie intelligent und begabt sind, die Freude am Leben, an etwas zu glauben, nach hohen Zielen zu streben, auf eine auch durch den eigenen Beitrag besserungsfähige Welt zu hoffen, erloschen ist. Es sind Jugendliche, die sich im Spiel oder im Drama des Lebens überflüssig fühlen, die abgedankt haben, in Sackgassen verirrt, reduziert auf ein Minimum von Lebensspannung; ohne Berufung, aber auch ohne Zukunft, oder mit einer Zukunft, die im besten Falle eine Kopie der Gegenwart ist.

d) Die Berufung Europas

Und dennoch zeigt dieses Europa der vielen Seelen und der so schwachen Kultur (die sich trotzdem oft mit Übermacht behauptet), daß es über ungeahnte Kräfte verfügt und daß es wie noch nie lebt und gerufen ist, auf globaler Ebene eine wichtige Rolle zu spielen.

Obwohl der alte Kontinent noch die Wunden vergangener Konflikte und auch gewaltsamer, innerer Gegensätze an sich trägt, so hat er doch stärker als je zuvor den Ruf zur Einheit vernommen: Eine Einheit, die erst noch gebaut werden will, obwohl gewisse Mauern gefallen sind, und die sich auf das ganze Europa erstrecken muß und auf alle, die von ihm Gastfreundschaft und Aufnahme erbitten. Eine Einheit, die nicht nur politisch oder wirtschaftlich sein darf, sondern vor allem auch geistlich und moralisch sein muß. Eine Einheit, die alten Groll und überkommenes Mißtrauen überwinden muß und die gerade in ihren zutiefst christlichen Wurzeln ein Motiv für Übereinstimmung und eine Garantie für gegenseitiges Verständnis finden könnte. Eine Einheit besonders, die von der heutigen Generation junger Menschen sicher und umfassend, von Nord bis Süd, von Ost bis West, verwirklicht werden muß, indem sie gegen jede entgegengesetzte Versuchung zu Isolationismus und Beschränkung auf eigene Interessen verteidigt und der ganzen Welt als ein Vorbild friedlichen Zusammenlebens in bunter Vielfalt gezeigt wird.

Werden diese Jugendlichen fähig sein, eine solche Verantwortung zu übernehmen?

Wenn es zutrifft, daß der heutige Jugendliche leicht die Orientierung verliert und keinen festen Bezugspunkt findet, dann könnte das »neue Europa«, das im Werden ist, vielleicht ein Ziel werden und für die Jugendlichen ein angemessener Anreiz sein. Diese Jugendlichen »sehnen sich nach Freiheit und suchen Wahrheit, Spiritualität, Echtheit, persönliche Originalität und Transparenz; es verbindet sie ein Verlangen nach Freundschaft und Gegenseitigkeit«; sie suchen »Kameradschaft« und wollen »eine neue Gesellschaft bauen, die auf Werten gründet wie: Friede, Gerechtigkeit, Achtung der Umwelt, Beachtung der Unterschiede, Solidarität, Freiwilligkeit und Anerkennung der gleichen Würde der Frau«.(10)

Kurz gefaßt beschreiben die jüngsten Untersuchungen die europäischen Jugendlichen als desorientiert, aber nicht hoffnungslos; von ethischem Relativismus angesteckt, jedoch auch mit dem Willen, ein »gutes Leben« zu führen; ihres Bedürfnisses nach Heil bewußt, wenngleich sie nicht wissen, wo sie es suchen sollen.

Ihr größtes Problem ist wohl die ethisch neutrale Gesellschaft, in der sie nun einmal leben müssen; doch sind in ihnen die Kräfte noch nicht ganz erloschen. Dies besonders in einer Zeit des Übergangs zu neuen Ufern, wie es die unsrige ist. Zeugen dafür sind die vielen Jugendlichen, die ehrlich nach Spiritualität suchen und sich mutig im sozialen Bereich einsetzen, weil sie auf sich selbst und auf die anderen vertrauen und Hoffnung und Optimismus ausstrahlen.

Wir glauben, daß diese Jugendlichen trotz der Widersprüche und trotz der »Last« eines bestimmten kulturellen Umfeldes dieses neue Europa aufbauen können. In der Berufung ihres Mutterkontinents zeichnet sich auch ihre persönliche Berufung ab.

Neue Evangelisierung

12. Dies alles eröffnet neue Wege und verlangt einen neuen Anstoß für den Prozeß der Evangelisierung des alten und neuen Europa. Seit langem verlangen die Kirche und der derzeitige Papst eine tiefgehende Erneuerung der Inhalte und Methoden in der Verkündigung des Evangeliums, »um die Kirche des 20. Jahrhunderts immer geeigneter zu machen für die Verkündigung des Evangeliums an die Menschheit des 20. Jahrhunderts«.(11) Auch gilt, woran der Kongreß uns erinnert hat: »man darf keine Furcht haben, in einer Zeit des Übergangs zu anderen Ufern zu leben«.(12)

a) Das »semper« und das »novum«

Es geht darum, das »semper« und das »novum« des Evangeliums zu verbinden, um es den neuen Fragestellungen und Verhältnissen des Mannes und der Frau von heute anzubieten. Es ist also dringend erforderlich, das Herz oder die Mitte des Kerygmas als eine für einen in Europa lebenden Jugendlichen lebensvolle und sinnvolle »ewig frohe Botschaft«, darzustellen; eine Botschaft, die fähig ist, auf dessen Erwartungen zu antworten und seine Suche zu erleuchten.

Besonders um diese Punkte konzentrieren sich Spannung und Herausforderung. Von hier hängen das Menschenbild, das man verwirklichen möchte, und die großen Entscheidungen über Leben und Zukunft der einzelnen Person und der Menschheit ab: vom Verständnis der Freiheit, der Beziehung zwischen Subjektivität und Objektivität, des Geheimnisses des Lebens und des Todes, des Liebens und Leidens, der Arbeit und des Feierns.

Das Verhältnis von Tun und Wahrheit, von persönlichem geschichtlichem Augenblick und endgültiger universaler Zukunft, oder von empfangenem und verschenktem Gut, vom Bewußtsein des Lebens als Geschenk und der Lebensentscheidung muß geklärt werden. Wir wissen, daß gerade um diese Bereiche auch eine gewisse Begriffskrise herrscht, die dann zu einer berufungsfeindlichen Kultur und zu einem Bild vom Menschen ohne Berufung führt.

Der Weg der neuen Evangelisierung muß also von hier ausgehen oder hierher vorstoßen, um das Leben und den Lebenssinn, das Bedürfnis nach Freiheit und Subjektivität, den Sinn des eigenen Seins in der Welt und der Beziehungen zu anderen Menschen zu evangelisieren.

Von hier könnten eine Kultur der Berufung und das Modell eines für die Berufung offenen Menschenbildes entstehen. Dies ist notwendig, damit einem Europa, das sein Antlitz radikal neu gestaltet, nicht die Frohe Botschaft von der Auferstehung des Herrn fehle, in dessen Blut die zerstreuten Völker sich zusammenfinden und die fernstehenden zu Nachbarn werden, indem sie »die trennende Wand der Feindschaft niederreißen« (Eph 2,14). Wir können sogar sagen, daß die Berufung das eigentliche Herz der neuen Evangelisierung an der Schwelle zum Dritten Jahrtausend darstellt, daß sie der Aufruf Gottes an den Menschen ist zu einer neuen Ära der Wahrheit und Freiheit, und zu einer ethischen Neubegründung der europäischen Kultur und Gesellschaft.

b) Neue Heiligkeit

In diesem Inkulturationsprozeß der Frohen Botschaft wird das Wort Gottes zum Begleiter des Menschen und ermutigt ihn unterwegs, um ihm den Plan des Vaters als eine Bedingung für sein Glück zu zeigen. Es ist genau das Wort des hl. Paulus aus dem Epheserbrief, das auch uns, das Volk Gottes in Europa, heute anleitet, etwas zu entdecken, das womöglich auf den ersten Blick nicht erkennbar ist, das aber dennoch Ereignis ist, und Geschenk, und neues Leben: »So seid ihr denn nicht mehr Fremde... (Eph 2,19).

Dies ist selbstverständlich nichts Neues, sondern eine Art, mit neuen Augen auf die Wirklichkeit der Kirche im alten Kontinent zu blicken, die alles andere ist, als eine »alte Kirche«. Sie ist Gemeinschaft von Glaubenden, die zur »Jugend der Heiligkeit«, zur universalen Berufung zur Heiligkeit, gerufen sind, was mit Nachdruck vom Konzil(13) betont und im Anschluß daran bei zahlreichen Anlässen vom Magisterium bekräftigt wurde.

Der Augenblick ist gekommen, daß jener Aufruf wieder Kraft gewinne und alle Gläubigen erreiche, damit jeder fähig sei, »die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe« (Eph 3,18) des Geheimnisses der Gnade zu ermessen, das dem eigenen Leben anvertraut ist.

Es ist wirklich Zeit, daß jener Aufruf neue Formen von Heiligkeit aufzeige; denn Europa braucht vor allem jene besondere, originelle und sozusagen beispiellose Heiligkeit, die der jetzige Zeitpunkt erfordert.

Menschen sind gefordert, die fähig sind, »Brücken zu schlagen«, um die Kirchen und die Völker Europas immer mehr zu einigen und die Geister zu versöhnen.

Es muß »Väter« und »Mütter« geben, die offen sind für das Geschenk des Lebens; Brautleute, die die gottgesegnete Schönheit der menschlichen Liebe bezeugen und feiern; Menschen, die zum Dialog fähig sind und sich durch »Liebe zur Kultur« auszeichnen, um die christliche Botschaft in der Sprache unserer Zeit zu vermitteln; Fachleute und einfache Menschen, die fähig sind, dem Engagement im zivilen Leben, in den Arbeitsverhältnissen und in den freundschaftlichen Beziehungen die Transparenz der Wahrheit und die Intensität der christlichen Liebe aufzuprägen; Frauen, die im christlichen Glauben die Möglichkeit zur vollen Entfaltung ihres weiblichen Genius entdecken; Priester mit einem großen Herzen, wie das des Guten Hirten; ständige Diakone, die das Wort Gottes und die Freiheit zum Dienst an den Ärmsten verkünden; geweihte Apostel, die fähig sind, mit kontemplativem Herzen in die Welt und die Geschichte einzutauchen, und Mystiker, die mit dem Geheimnis Gottes so vertraut sind, daß sie die Erfahrung des Göttlichen zu feiern verstehen und die Gegenwart Gottes im realen Tun aufzeigen können.

Europa braucht neue Bekenner des Glaubens und der Schönheit des Glauben-könnens; es braucht Zeugen, die glaubwürdige Gläubige sind, mutig bis zum Blut; Jungfrauen, die dies nicht nur für sich selbst sind, sondern die es verstehen, allen jene Jungfräulichkeit zu zeigen, die im Herzen eines jeden liegt und die unmittelbar auf den Ewigen verweist, auf die Quelle jeder Liebe.

Unser Kontinent dürstet nicht nur nach heiligen Menschen, sondern nach heiligen Gemeinschaften, die so in die Kirche und die Welt verliebt sind, daß sie der Welt eine freie, offene, dynamische Kirche darstellen können, die im heutigen Europa präsent ist, dem Leid der Menschen nahe, aufnahmebereit für alle, eine Fördererin der Gerechtigkeit, aufmerksam den Armen gegenüber, nicht um ihre geringe Zahl und nicht um die Abgrenzung ihrer eigenen Tätigkeit bekümmert, weder vom Klima der sozialen Entchristlichung geschockt (die es tatsächlich gibt, wenn vielleicht auch nicht auf so radikale und generelle Weise), noch von der Kärglichkeit der Ergebnisse (die oft nur scheinbar ist).

Dies wird die neue Heiligkeit sein, die fähig ist, Europa neu zu evangelisieren und das neue Europa zu bauen!

Neue Berufungen

13. Ein neues Gespräch über Berufung und über Berufe, über Kultur und über Berufspastoral hat also zu beginnen. Der Kongreß hat eine gewisse, inzwischen allgemein verbreitete Sensibilität für dieses Thema festgestellt, selbst jedoch gleichzeitig einen »kleinen Schritt« vorgeschlagen, der geeignet sein kann, in unseren Kirchen neue Zeiten zu eröffnen.(14)

a) Berufe und Berufungen

Wie die Heiligkeit Ziel aller in Christus Getauften ist, so hat jedes Leben seine eigene, besondere Berufung; und wie erstere in der Taufe gründet, so ist die zweite mit der bloßen Tatsache seines Daseins verbunden. Die Berufung ist der vorhersehende Gedanke des Schöpfers über das jeweilige Geschöpf, sie ist sein Idealplan, ist wie ein Traum, der Gott am Herzen liegt, weil ihm das Geschöpf am Herzen liegt. Gott, der Vater, will diesen Plan unterschiedlich und spezifisch für jedes Leben. Der Mensch ist nämlich ins Leben »gerufen«, und wenn er ins Leben eintritt, trägt und findet er in sich das Abbild dessen, der ihn gerufen hat.

Die Berufung ist die Einladung Gottes, sich entsprechend diesem Bild zu verwirklichen, und sie ist einzig, einmalig und unwiederholbar, weil dieses Bild unerschöpflich ist. Jedes Geschöpf ist berufen, diese Botschaft und einen besonderen Aspekt des Gedankens Gottes zum Ausdruck zu bringen. In ihm findet es seinen Namen und seine Identität; es behauptet und sichert seine Freiheit und Originalität.

Wenn also jedem Menschen von Geburt an seine eigene Berufung zukommt, dann gibt es in der Kirche und in der Welt verschiedene Berufungen, die, während sie einerseits auf theologischer Ebene die dem Menschen eingeprägte Ebenbildlichkeit mit Gott zum Ausdruck bringen, andererseits auf der pastoralen Ebene auf die verschiedenen Bedürfnisse der neuen Evangelisierung antworten und die Dynamik und Gemeinschaft der Kirche bereichern: »Die Teilkirche ist wie ein blühender Garten mit einer Vielfalt von Gaben und Charismen, Bewegungen und Dienstämtern. Daher die Wichtigkeit des Zeugnisses ihrer gegenseitigen Verbundenheit, unter Absage an alles »Konkurrenzdenken«.(15)

Mehr noch. Auf dem Kongreß wurde ausdrücklich festgestellt: »Wir brauchen eine Öffnung auf neue Charismen und Dienstämter hin, die sich wohl von den bisher gewohnten unterscheiden mögen. Die Aufwertung der Stellung der Laien ist ein Zeichen der Zeit, das erst noch voll zu entdecken ist. In zunehmendem Maße erweist sich ihre Fruchtbarkeit«.(16)

b) Kultur der Berufung

Diese Elemente dringen allmählich ins Bewußtsein der Gläubigen ein, jedoch noch nicht in dem Maße, daß sie eine echte und eigenständige Kultur der Berufung(17) schaffen würden, der es gelänge, die Grenzen der gläubigen Gemeinde zu überspringen. Deshalb hat der Hl. Vater in seiner Ansprache an die Teilnehmer den Wunsch ausgesprochen, eine beharrliche und geduldige Sensibilität der christlichen Gemeinschaft für das Geheimnis der göttlichen Berufung möge »in den Jugendlichen und den Familien eine neue Kultur der Berufung« hervorbringen.(18)

Sie ist ein Bestandteil der neuen Evangelisierung. Sie ist Kultur des Lebens, Kultur der Öffnung auf Leben und Lebenssinn, aber auch Kultur des Sterbens.

Besonders bezieht sie sich auf Werte, die möglicherweise von einer neuen Mentalität (nach Meinung einiger die »Kultur des Todes«) etwas vergessen worden sind, wie Dankbarkeit, Annahme des Geheimnisses, Sinn für die Unvollkommenheit des Menschen und gleichzeitig für dessen Öffnung auf die Transzendenz hin, die Verfügungsbereitschaft, sich von einem anderen (oder von dem Anderen) rufen und sich vom Leben herausfordern zu lassen, das Vertrauen auf sich und die andern, die Freiheit zum Ergriffensein über die empfangene Gabe, die Zuwendung, das Verständnis, die Vergebung. So wird entdeckt, daß das, was man empfangen hat, immer unverdient ist und das eigene Maß übersteigt, und daß es eine Verantwortung für das Leben begründet.

Zu dieser Kultur der Berufung gehört auch die Fähigkeit, Großes zu träumen und zu verlangen, jenes Staunen, das eine Hochschätzung der Schönheit und deren Wahl aufgrund ihres inneren Wertes möglich macht, da sie das Leben schön und wahr macht; jene Selbstlosigkeit, die nicht nur Solidarität in einer Notlage ist, sondern die aus dem Erkennen der Würde jedes Bruders und jeder Schwester entspringt.

Der Kultur der Zerstreuung, die im Wirrwarr der Worte die ernsthaften Fragen aus dem Blick zu verlieren droht und fallen läßt, ist eine Kultur entgegenzustellen, die Mut und Geschmack für die großen Fragen zu wecken versteht, für jene Fragen, die die eigene Zukunft betreffen: es handelt sich tatsächlich um jene großen Fragen, die auch kleinen Antworten Größe verleihen. Aber schließlich sind es die kleinen und alltäglichen Antworten, die zu großen Entscheidungen führen, wie jener des Glaubens; oder die Kultur schaffen, wie jene der Berufung.

Auf jeden Fall muß die Kultur der Berufung, insofern sie einen Komplex von Werten darstellt, immer mehr vom kirchlichen Bewußtsein in das zivile Bewußtsein übergehen, vom Bewußtsein des einzelnen oder der glaubenden Gemeinschaft in die allgemeine Überzeugung, daß auf der Grundlage des Modells eines "Menschen ohne Berufung" für das Europa des Dritten Jahrtausends keinerlei Zukunft gebaut werden kann. Der Papst sagt weiter: »Das Unbehagen, das durch die Welt der Jugend geht, offenbart auch in den neuen Generationen bedrängende Fragen über den Sinn des Seins, als eine Bestätigung dessen, daß nichts und niemand im Menschen die Sinnfrage und das Verlangen nach Wahrheit ersticken kann. Für viele ist dies der Boden, auf dem sich die Frage der Berufung stellt«.(19)

Gerade diese Frage und diese Suche lassen eine echte Kultur der Berufung entstehen; und wenn Frage und Suche im Herzen jedes Menschen vorhanden sind, auch im Herzen dessen, der sie verdrängt, dann könnte diese Kultur eine Art gemeinsamer Boden werden, wo das gläubige Gewissen dem laikalen Gewissen begegnet und sich an ihm mißt. Ihm wird es in Großmut und Klarheit jene Weisheit vermitteln, die es selbst von oben empfangen hat.

Diese neue Kultur wird so zu einem echten Nährboden für die neue Evangelisierung, wo ein neues Menschenbild entstehen könnte und wo auch neue Heiligkeit und neue Berufe für das Europa des Dritten Jahrtausends erblühen könnten. Der Mangel an besonderen Berufungen beruht vor allem auf dem Fehlen eines Bewußtseins vom Berufungscharakter des Lebens; mit anderen Worten: auf dem Fehlen einer Kultur der Berufung.

Diese Kultur wird heute womöglich das erste Ziel der Berufungspastoral(20) werden, oder vielleicht der Pastoral ganz allgemein. Was für eine Pastoral ist in der Tat jene, die nicht die Freiheit pflegt, sich von Gott berufen zu fühlen, und die kein neues Leben entstehen läßt?

c) Pastoral der Berufung: der »Qualitätssprung«

Es gibt noch ein anderes Element, das die dem Kongreß vorausgehenden Überlegungen mit den Analysen des Kongresses verbindet. Es ist das Bewußtsein, daß die Pastoral der Berufung einer radikalen Veränderung bedarf, eines geeigneten »Sprungs«, wie das Arbeitsdokument(21) sagt, oder eines »Qualitätssprungs«, wie der Papst in seiner Botschaft am Ende des Kongresses sagte.(22) Wieder stehen wir in der vorliegenden Analyse vor einer offenkundigen Übereinstimmung, die in ihrer wahren Bedeutung zu verstehen ist.

Es geht nicht nur um eine Einladung, auf Gefühle der Müdigkeit oder Enttäuschung über die geringen Erfolge zu reagieren; auch wollen wir nicht dazu auffordern, lediglich einige Methoden zu erneuern oder Kraft und Begeisterung zu entfachen, sondern letztlich soll gezeigt werden, daß die Berufspastoral in Europa an einem historischen Wendepunkt angelangt ist, an einer entscheidenden Schwelle. Es gab eine Geschichte, eine Vorgeschichte und langsam nachfolgende Phasen im Verlauf dieser Jahre, wie natürliche Jahreszeiten, die nun zwangsläufig zum Alter des »Erwachsenseins« und der Reife der Berufspastoral gelangen müssen.

Es geht also weder darum, die Bedeutung dieses Wendepunktes zu unterschätzen, noch irgendjemanden des in der Vergangenheit Unterlassenen wegen anzuklagen. Vielmehr gilt unsere und der ganzen Kirche aufrichtige Anerkennung jenen Brüdern und Schwestern, die unter erheblichen Schwierigkeiten hochherzig so vielen Jugendlichen bei der Suche nach der eigenen Berufung geholfen haben. Es geht auf jeden Fall darum, noch einmal die Richtung zu begreifen, die Gott, der Herr der Geschichte, unserer heutigen Geschichte aufzeigt, auch der so reichen Geschichte der Berufe in Europa, das heute vor einem entscheidenden Wendepunkt steht.

– Wenn die Pastoral der Berufung entstanden ist als eine Notwendigkeit, die an eine Krisensituation und an einen Mangel an Berufenen gebunden war, so kann man sie heute nicht mehr in gleicher Weise als zeitbedingt und durch negative Umstände begründet vorstellen, im Gegenteil, sie erscheint als ein beständiger und folgerichtiger Ausdruck der Mutterschaft der Kirche, die offen ist für den unaufhaltsamen Plan Gottes, der in ihr immer Leben zeugt.

– Wenn früher die Förderung der Berufung sich nur oder vor allem auf einige Formen der Berufung erstreckte, muß man nun immer mehr zu einer Förderung sämtlicher Berufungen gelangen, denn in der Kirche des Herrn wachsen wir entweder gemeinsam, oder keiner wächst.

– Wenn anfangs die Berufungspastoral Vorsorge traf, ihren Aktionsbereich auf einige Personengruppen zu beschränken (»die Unsrigen«, die dem kirchlichen Bereich Nahestehenden, die sofort Interessierten, die Besseren und Verdienstvolleren, jene die bereits eine Glaubensentscheidung getroffen haben usw.), so zeigt sich nun immer stärker die Notwendigkeit, wenigstens theoretisch die Verkündigung und den Berufsimpuls mutig an alle auszudehnen, im Namen jenes Gottes, der nicht auf die Person schaut; der Sünder in ein Volk von Sündern wählt; der Amos, der kein Sohn eines Propheten war und nur Maulbeerfeigen angebaut hat, zum Propheten macht; der Levi beruft und im Haus des Zachäus einkehrt; und der schließlich fähig ist, selbst aus Steinen Söhne Abrahams entstehen zu lassen (vgl. Mt 3,9).

– Wenn früher die Arbeit an den Berufungen zum guten Teil von der Furcht motiviert war (vor dem Aussterben, oder vor dem Verlust von Anerkennung) und von dem Vorwand, bestimmte Bereiche oder Werke zu besetzen, dann macht heute die Angst, die immer eine schlechte Ratgeberin ist, der christlichen Hoffnung Platz, die aus dem Glauben entspringt und auf das Neue und auf die Zukunft Gottes ausgerichtet ist.

– Wenn eine bestimmte Anregung zu einer geistlichen Berufung stets unsicher und ängstlich geschieht oder geschah, als ob sie minderwertig sei angesichts einer berufungsfeindlichen Kultur, so betreibt heute wirkliche Berufungsarbeit nur, wer von der Sicherheit beseelt ist, daß in jeder Person, ausnahmslos, eine ursprüngliche Gabe Gottes ruht, die darauf wartet, entdeckt zu werden.

– Wenn früher etwa die Rekrutierung das Ziel war, und Propaganda die Methode, oftmals unter Beeinträchtigung der Freiheit des Einzelnen oder mit Szenen des »Konkurrenzkampfes«, dann muß nun immer mehr klar sein, daß das Ziel jeder Aktion der Dienst an der Person sein muß, damit sie lerne, was Gott mit ihrem Leben für den Aufbau der Kirche vorhat, und daß sie darin ihre eigene Wahrheit erkenne und verwirkliche.(23)

– Wenn vor noch nicht langer Zeit mancher sich einbildete, die Krise der Berufe mit fragwürdigen Methoden lösen zu können (»Import« von Berufen, oftmals verbunden mit Entwurzelung aus deren Umwelt), so darf heute niemand sich einbilden, die Berufskrise zu lösen, indem er sie verlagert, denn der Herr ruft weiterhin in jeder Kirche und an jedem Ort.

– Auf diese Weise sollte der oft auch improvisierende »Einzelkämpfer in der Berufungspastoral« immer mehr von einer Animation, die aus gelegentlichen Initiativen und Erfahrungen besteht, übergehen zu einer berufungsorientierten Erziehung, die sich an der Weisheit bewährter Begleitungsmethoden ausrichtet, um denen, die auf der Suche sind, eine angemessene Hilfe bieten zu können.

– Folglich sollte derselbe Animator auch immer mehr Erzieher zum Glauben und Gestalter von Berufungen werden; und die Anregung zu einem Beruf sollte immer mehr eine koordinierte Zusammenarbeit(24) der ganzen Ordens- oder Pfarrgemeinschaft, des ganzen Instituts oder der ganzen Diözese, jedes Priesters und jeder Ordensperson werden, und dies für alle Berufe und in jeder Lebensphase.

– Schließlich ist auch die Zeit da, entschlossen von den »krankhaften Ermüdungserscheinungen«(25) und der Resignation, die als Rechtfertigung die einzige Ursache für die Berufungskrise der heutigen Generation der Jugendlichen zuschreibt, zum Mut zu einer richtigen Fragestellung überzugehen, um die eventuellen Fehler und Versäumnisse zu verstehen und zu einem neuen, kreativen und engagierten Zeugnis zu gelangen.

d) Kleine Herde und große Sendung(26)

Ein konsequentes Vorgehen in dieser Richtung wird immer dazu beitragen, die Würde der Berufungspastoral sowie deren natürliche und zentrale Schlüsselfunktion im pastoralen Bereich neu zu entdecken.

Auch hier kommen wir von Erfahrungen und Begriffen her, die in der Vergangenheit die Berufspastoral selbst fast wertlos zu machen drohten, indem sie diese als weniger wichtig einstuften. Sie zeigt manchmal kein überzeugendes Gesicht der heutigen Kirche, oder sie wird im Vergleich mit anderen Bereichen als ein theologisch weniger begründeter Teil der Pastoral angesehen, der erst durch eine kritische und zufällige Situation entstanden ist.

Die Berufungspastoral befindet sich vielleicht noch in einer untergeordneten Position, die einerseits ihrem Bild und indirekt auch ihrer Wirksamkeit schaden kann, doch andererseits kann sie auch zu einem günstigen Umfeld werden, um mit Kreativität und Freiheit — auch mit der Freiheit zum Irrtum — neue pastorale Wege zu finden und zu beschreiten.

Vor allem aber kann diese Situation an jene andere »Hilflosigkeit« oder Armut erinnern, von der Jesus beim Blick auf die ihm folgende Menge sagte: »Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter« (Mt 9,37). Angesichts der Ernte des Gottesreiches, angesichts der Ernte des neuen Europas und der neuen Evangelisierung, sind und werden die »Arbeiter« wenige bleiben, »kleine Herde und große Sendung«, damit besser in Erscheinung trete, daß die Berufung eine Initiative Gottes ist, eine Gabe des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

ZWEITER TEIL
THEOLOGIE DER BERUFUNG

»Es gibt verschiedene Gnadengaben,
aber nur den einen Geist ...
« (1 Kor 12,4)

Wichtigstes Ziel dieses theologischen Teiles ist es, den Sinn des menschlichen Lebens in seinem Bezug zum Dreifaltigen Gott zu erfassen. Das Geheimnis des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes begründet die volle Existenz des Menschen, als einen Ruf zur Liebe im Geschenk seiner selbst und in der Heiligkeit; als ein Geschenk innerhalb der Kirche für die Welt. Jede von Gott losgelöste Anthropologie ist eine Täuschung.

Wir wollen nun die Strukturelemente der christlichen Berufung aufzeigen und deren wesentliche Architektur betrachten, die natürlich nicht anders sein kann als theologisch. Diese Tatsache, die immer wieder auch vom Magisterium behandelt worden ist, beinhaltet eine reiche geistliche, biblisch-theologische Tradition, die nicht nur Generationen von Berufenen, sondern auch eine Spiritualität der Berufung herangebildet hat.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens

14. In der Schule des Gotteswortes empfängt die christliche Gemeinde die höchste Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, die mehr oder weniger deutlich im Herzen des Menschen ruht. Es ist eine Antwort, die nicht vom menschlichen Verstand kommt, obwohl dieser ununterbrochen auf dramatische Weise vom Problem des Seins und seines Geschicks herausgefordert ist. ER selbst ist es, der dem Menschen den Schlüssel zum Verständnis gibt, um die großen Fragestellungen, derentwegen der Mensch ein fragendes Wesen ist, zu klären und zu lösen: Wozu sind wir auf der Welt? Was ist das Leben? Welches ist das Ziel jenseits des Geheimnisses des Todes?

Es darf nicht vergessen werden, daß in der Kultur der Zerstreuung, in der sich vor allem die heutige Jugend verstrickt sieht, die grundlegenden Fragen Gefahr laufen, erstickt oder verdrängt zu werden. Der Sinn des Lebens wird heute eher diktiert als gesucht: entweder vom unmittelbaren Erleben, oder von dem, was den Bedürfnissen entgegenkommt; und wenn diese befriedigt sind, dann wird das Gewissen noch mehr abgestumpft, und die tiefsten Fragen bleiben ohne Antwort.(27)

Es ist also Aufgabe der Pastoraltheologie und der geistlichen Berufsbegleitung, den Jugendlichen dabei zu helfen, nach dem Leben zu fragen, um im entscheidenden Dialog mit Gott zur gleichen Frage durchzudringen, die Maria von Nazareth gestellt hat: »Wie soll das geschehen?« (Lk 1,34).

Das trinitarische Bild

15. Beim Hören auf das Wort Gottes entdecken wir nicht ohne Staunen, daß der umfassendste biblisch-theologische Begriff, der dem Geheimnis des Lebens im Lichte Christi am meisten entspricht, jener der »Berufung« ist.(28) »Christus, der neue Adam, macht eben in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe zu den Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung«.(29)

Deshalb stellt uns die biblische Gestalt der Gemeinschaft von Korinth die Gaben des Geistes innerhalb der Kirche als untergeordnet unter die Anerkennung Jesu als des Herrn dar. Tatsächlich ist die Christologie das Fundament jeder Ekklesiologie. Christus ist der Entwurf des Menschen. Nur nachdem der Glaubende erkannt hat, daß Jesus der Herr ist, kann er »aus dem Heiligen Geist« (1 Kor 12,3) das Gesetz der neuen Glaubensgemeinschaft erkennen: »Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen« (1 Kor 12,4-6).

Das paulinische Bild zeigt überdeutlich drei grundlegende Aspekte der Gaben der Berufung in der Kirche, die eng mit ihrem Ursprung in der dreifaltigen Gemeinschaft und mit dem besonderen Bezug auf die einzelnen göttlichen Personen verbunden sind.

Im Lichte des Geistes sind diese Gaben Ausdruck seiner unendlichen Geschenkhaftigkeit. Er selbst ist Charisma (Apg 2,38), Quelle jeder Gabe und Ausdruck der unfaßbaren göttlichen Kreativität.

Im Lichte Christi sind die Gaben der Berufung »Dienste« und bringen die Vielfalt der Formen jenes Dienstes zum Ausdruck, den der Sohn gelebt hat bis zur Hingabe seines Lebens. Denn »Er ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele« (Mt 20,28). Jesus ist darum das Urbild jeden Geheimnisses.

Im Lichte des Vaters sind die Gaben Handlungen, denn von ihm, dem Quell des Lebens, entspringt in jedem Lebewesen die eigene kreatürliche Dynamik.

Die Kirche spiegelt als Abbild das Geheimnis von Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiligem Geist wider; und jede Berufung trägt in sich die charakteristischen Züge der drei Personen der Dreifaltigkeit. Die göttlichen Personen sind Quelle und Urbild jeder Berufung. Ja, die Dreifaltigkeit ist in sich selbst ein geheimnisvolles Geflecht von Ruf und Antwort. Nur hier, im Innersten dieses ununterbrochenen Dialogs, findet jedes Lebewesen nicht nur seine Wurzeln wieder, sondern auch seine Bestimmung und seine Zukunft, das, was es gerufen ist zu sein und zu werden, in Wahrheit und Freiheit und in der konkreten Realität seiner Geschichte.

Die Gaben der im ersten Korintherbrief erwähnten kirchlichen Struktur haben eine geschichtliche und konkrete Bestimmung: »Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt« (1 Kor 12,7). Es gibt ein höheres Gut, das stets das persönliche Gut übersteigt: in der Einheit den Leib Christi zu erbauen; seine Präsenz in der Geschichte durchscheinen zu lassen, »damit die Welt glaubt« (Joh 17,21).

Deshalb ist die kirchliche Gemeinschaft (Gemeinde) einerseits angebunden an das Geheimnis Gottes und ist dessen sichtbares Abbild; andererseits ist sie vollkommen mit der Geschichte des Menschen verbunden, in einem Zustand des Exodus hin zu den »neuen Himmeln«.

Die Kirche und jede Berufung in ihr drücken ein und dieselbe Dynamik aus: berufen sein für eine Sendung.

Der Vater ruft ins Leben

16. Das Sein eines jeden ist Frucht der schöpferischen Liebe des Vaters, seines wirkmächtigen Verlangens, seines schaffenden Wortes.

Der Schöpfungsakt des Vaters hat die Dynamik eines Anrufs, eines Rufs ins Leben. Der Mensch tritt ins Leben ein, weil er geliebt ist, weil er gedacht und gewollt ist von einem guten Willen, der ihn dem Nicht-sein vorzog, der ihn geliebt hat, noch bevor es ihn gab, der ihn kannte, noch bevor er ihn im Mutterschoß geformt hat, der ihn gesegnet hat, noch bevor er ins Licht der Welt trat (vgl. Jer 1,5; Is 49,1.5; Gal 1,15).

Die Berufung also ist das, was das Geheimnis des Menschen von seinem Urgrund her erleuchtet, und sie ist selbst ein Geheimnis, ein Geheimnis der Liebe und des absoluten Geschenk-seins.

a) »... nach seinem Ebenbild«

Im »schöpferischen Anruf« erscheint der Mensch sofort in seiner ganzen Bedeutung und Würde als ein zu einer Beziehung mit Gott Gerufener, um vor Gott zu stehen, zusammen mit den anderen, in der Welt, mit einem Antlitz, das denselben göttlichen Funken widerspiegelt: »Laßt uns Menschen machen als unser Abbild« ( Gen 1,26). Diese dreifache Beziehung gehört zum ursprünglichen Plan, denn der Vater hat uns »in Ihm — in Christus — erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott« (Eph 1.4).

Den Vater erkennen bedeutet, daß wir auf seine Weise existieren, da er uns nach Seinem Ebenbild erschaffen hat (Weish 2,23). Hierin liegt also die ursprüngliche Berufung des Menschen: die Berufung ins Leben und zu einem Leben, das sofort als Abbild des göttlichen Lebens begriffen wird. Wenn der Vater der ewige Quellgrund ist, die völlige Gratuität, der ewige Quell des Seins und der Liebe, dann ist der Mensch gerufen, auf die kleine und begrenzte Weise seiner Existenz so zu sein wie Er, und deshalb auch sein »Leben hinzugeben«, das Leben eines anderen auf sich zu nehmen.

Der Schöpfungsakt des Vaters ist dann das, was das Bewußtsein vom Leben hervorruft als eine Übergabe an die Freiheit des Menschen, der gerufen ist, eine ganz persönliche und originelle, verantwortliche und dankerfüllte Antwort zu geben.

b) Die Liebe, Erfüllung des Lebenssinns

In dieser Linie des Rufes ins Leben ist eines zu vermeiden: daß nämlich der Mensch das Sein als selbstverständlich, als notwendig oder als zufällig betrachte. Vielleicht ist es in der heutigen Kultur nicht leicht, vor dem Geschenk des Lebens ins Staunen zu geraten.(30)

Während es leichter ist, den Sinn eines hingegebenen Lebens zu verstehen, das zum Segen für andere wird, bedarf es doch eines gereifteren Bewußtseins und einer gewissen geistigen Bildung, um zu begreifen, daß das Leben eines jeden Menschen, in jedem Fall und vor jeder Form von Entscheidung, geschenkte Liebe ist und daß folglich in dieser Liebe bereits ein konsequenter, berufungsbezogener Plan verborgen ist.

Die schlichte Tatsache, daß wir sind, sollte uns alle mit Staunen und grenzenloser Dankbarkeit Jenem gegenüber erfüllen, der uns völlig unverdient aus dem Nichts herausgezogen hat, indem er uns beim Namen rief.

Dann dürfte das Gespür, daß das Leben ein Geschenk ist, nicht nur Dankbarkeit wecken, sondern es müßte langsam zur ersten, großen Antwort auf die fundamentale Frage nach dem Sinn hinführen: das Leben ist das Meisterwerk der schöpferischen Liebe Gottes und ist in sich selbst ein Aufruf zur Liebe. Es ist eine empfangene Gabe, die von ihrer Natur her danach strebt, selbst wieder geschenkte Gabe zu werden.

c) Die Liebe, Berufung jedes Menschen

Die Liebe ist die Sinnerfüllung des Lebens. Gott hat den Menschen dermaßen geliebt, daß er ihm sein eigenes Leben schenkte und ihn fähig machte, auf göttliche Weise zu leben und gut sein zu wollen. In diesem Übermaß an Liebe, der Liebe des Urbeginns, findet der Mensch seine radikale Berufung, die eine »heilige Berufung« (2 Tim 1,9) ist, und er entdeckt seine eigene, unverwechselbare Identität, die ihn sofort Gott ähnlich macht, »nach dem Bild des Heiligen«, der ihn gerufen hat (1 Petr 1,15). Papst Johannes Paul II. sagt: »Indem er es erschuf und beständig im Dasein erhält, schreibt Gott dem Menschsein des Mannes und der Frau die Berufung ein und damit auch die Fähigkeit und Verantwortung zu Liebe und Gemeinschaft. Die Liebe ist deshalb die grundlegende und ursprünglichste Berufung jedes menschlichen Wesens«.(31)

d) Der Vater als Erzieher

Dank jener Liebe, die ihn geschaffen hat, kann niemand sich »überflüssig« fühlen, da er zu einer Antwort nach dem Plan gerufen ist, den Gott gerade für ihn erdacht hat.

Dann wird der Mensch glücklich sein und vollkommen verwirklicht, an seinem Platz stehen und den göttlichen erzieherischen Vorschlag aufgreifen, mit aller Furcht und allem Beben, die ein derartiges Vorhaben in einem Herzen aus Fleisch erwecken kann. Gott, der Schöpfer, der das Leben schenkt, ist auch der Vater, der »erzieht«, der das aus dem Nichts herauszieht, was noch nicht ist, damit es sei; er zieht aus dem Menschenherzen, was er zuvor in es hineingelegt hat, damit es vollkommen das sei, was zu sein er es berufen hat, nach Seinem Ebenbild.

Hier hat jenes unbegrenzte Sehnen, das Gott ins Innerste des Herzens gelegt hat, seinen Ursprung. Es ist wie ein göttliches Siegel.

e) Die Berufung der Taufe

Dieser Ruf zum Leben und zum göttlichen Leben wird in der Taufe gefeiert. In diesem Sakrament neigt sich der Vater mit fürsorglicher Zärtlichkeit seiner Kreatur entgegen, dem Kind eines Mannes und einer Frau, um die Frucht jener Liebe zu segnen und sie voll zu seinem Kind zu machen. Von jenem Augenblick an ist das Geschöpf zur Heiligkeit der Kinder Gottes berufen. Nichts und niemand vermag diese Berufung auszulöschen.

Mit der Taufgnade greift Gott Vater ein, um zu offenbaren, daß er, und nur er der Urheber des Heilsplanes ist, in dem jeder Mensch seinen persönlichen Ort hat. Gottes Handeln geht immer voraus, ist vorher, wartet nicht auf die Initiative des Menschen, ist nicht von dessen Verdiensten abhängig und läßt sich nicht von dessen Fähigkeiten oder Zuständen beeinflussen. Er ist der Vater, der kennt, anweist, einen Impuls einprägt, ein Siegel aufdrückt und ruft, noch »vor der Erschaffung der Welt« (Eph 1,4). Und dann schenkt er Kraft, geht nebenher, stützt das Bemühen, ist Vater und Mutter für immer...

Das christliche Leben gewinnt so die Bedeutung einer wechselseitigen Erfahrung: es wird zur verantworteten Antwort im Wachsen seiner Kindschaft gegenüber dem Vater, und der Beziehung als Bruder oder Schwester in der großen Familie der Kinder Gottes. Der Christ ist gerufen, durch die Liebe jenen Prozeß der Gleichwerdung mit dem Vater zu fördern, den man "auf Gott ausgerichtetes Leben" (vita theologalis) nennt.

Darum drängt die Treue zur Taufe dazu, an das Leben und an sich selbst immer genauere Fragen zu stellen; vor allem um sich zu rüsten, die Existenz nicht nur auf der Grundlage des menschlichen Verhaltens zu leben, obwohl auch dieses Gabe Gottes ist, sondern auf der Grundlage des Willens Gottes; nicht nach weltlichen, oft sehr beschränkten Perspektiven, sondern nach dem Wunsch und dem Plan Gottes.

Die Treue zur Taufe bedeutet also, nach oben zu schauen wie Kinder, um Seinen Willen bezüglich des eigenen Lebens und der eigenen Zukunft zu erkennen.

Der Sohn ruft zur Nachfolge

17. »Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns« (Joh 14,8).

Es ist die Frage des Philippus an Jesus, am Vorabend der Passion. Es ist die brennende Sehnsucht nach Gott in jedem Menschenherzen: die eigenen Wurzeln zu kennen, Gott zu kennen. Der Mensch ist nicht unendlich, er ist umgeben von Endlichkeit; doch sein Verlangen richtet sich auf das Unendliche.

Und die Antwort Jesu überrascht die Jünger: »So lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen« (Joh 14,9).

a) Vom Vater gesandt, den Menschen zu rufen

Der Vater hat uns erschaffen im Sohn, dem »Abglanz seiner Herrlichkeit und Abbild seines Wesens« (Hebr 1,3), hat uns vorausbestimmt, seinem Bild gleichzuwerden (vgl. Rom 8,29). Das Wort ist das vollkommene Ebenbild des Vaters. Im Wort ist es, in dem der Vater sich sichtbar gemacht hat; es ist der Logos, durch den »er zu uns gesprochen hat« (Hebr 1,2). Sein ganzes Wesen besteht darin, »gesandt zu sein«, um Gott den Menschen als Vater nahe zu bringen, um sein Antlitz und seinen Namen den Menschen zu offenbaren (Joh 17,6).

Wenn der Mensch gerufen ist, Kind Gottes zu sein, dann kann folglich niemand besser zum Menschen von Gott »sprechen« und dessen geglücktes Abbild sein als der Sohn. Deshalb hat der Sohn Gottes, indem er auf diese Welt kam, in seine Nachfolge gerufen, zu sein, wie er ist, an seinem Leben Anteil zu haben, sein Wort zu teilen, sein Ostern mit Tod und Auferstehung zu teilen, ja sogar seine ganze Gesinnung.

Der Sohn, der Gesandte des Vaters, wurde Mensch, um den Menschen zu berufen; der Gesandte des Vaters ist der »Rufer« der Menschen.

Deshalb gibt es keine Stelle im Evangelium, keine Begegnung und kein Gespräch, die keinen Bezug zur Berufung hätten, die nicht direkt oder indirekt eine Berufung durch Jesus bedeuteten. Es ist, als seien seine, durch verschiedene Umstände bedingten menschlichen Begegnungen für ihn eine Gelegenheit, die jeweilige Person vor die entscheidende Frage zu stellen: »Was mache ich mit meinem Leben? Was ist mein Weg?«

b) Die größte Liebe: das Leben geben

Wozu ruft Jesus? Er ruft, ihm nachzufolgen, um zu handeln und zu sein, wie er. Genauer gesagt, um dieselbe Beziehung zum Vater und zu den Menschen zu leben, wie er: das Leben anzunehmen als ein Geschenk aus den Händen des Vaters, um dieses Geschenk zu »verlieren« und es für jene hinzugeben, die der Vater ihm anvertraut hat.(32)

Es gibt einen verbindenden Zug in der Identität Jesu, der die volle Bedeutung der Liebe darstellt: die Sendung. Sie bringt die Hingabebereitschaft zum Ausdruck, die im Kreuz ihren höchsten Ausdruck erreicht: »Niemand hat eine größere Liebe, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde« (Joh 15,13).

Deshalb ist jeder Jünger gerufen, die Gesinnung des Sohnes neu zu leben, die in der Liebe gipfelt, der entscheidenden Motivation jeder Berufung. Doch vor allem ist jeder Jünger gerufen, die Sendung Jesu sichtbar zu machen; er ist gerufen für die Sendung: »Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich euch« (Joh 20,21). Die Struktur jeder Berufung, ihre Reife, liegt in der Vergegenwärtigung Jesu in der Welt, um, wie Er es getan hat, aus dem Leben eine Gabe zu machen. Die Sendung ist in Wirklichkeit das Vermächtnis des Osterabends (Joh 20,21) und ist das letzte Wort vor der Heimkehr zum Vater (Mt 28,16-20).

c) Jesus, der Ausbilder

Jeder Berufene ist ein Zeichen für Jesus: gewissermaßen weiten sich durch ihn Herz und Hände Jesu, um die Kleinen zu umarmen, die Kranken zu heilen, die Sünder zu versöhnen und sich kreuzigen zu lassen aus Liebe zu allen. Das Für-andere-sein mit dem Herzen Christi ist die Reife jeder Berufung. Deshalb ist Jesus, der Herr, der Ausbilder derer, die er ruft, der einzige, der in ihnen seine eigene Gesinnung herauszubilden vermag.

In der Antwort auf den Anruf des Herrn und in der Bereitschaft, sich von Ihm formen zu lassen, bringt jeder Jünger das innerste Wesen der eigenen Entscheidung zum Ausdruck. Deshalb »hat die Anerkennung Jesu als des Herrn des Lebens und der Geschichte auch eine Selbsterkenntnis des Jüngers zur Folge (...) Der Akt des Glaubens verbindet notwendigerweise die christologische Anerkennung mit der anthropologischen Selbsterkenntnis.(33)

Hier hat die Pädagogik der christlichen Berufungserfahrung, wie sie vom Wort Gottes angeregt wird, ihren Ansatz: »Jesus setzte Zwölf ein, die er bei sich haben und die er dann aussenden wollte, damit sie predigten« (Mk 3,14). Das christliche Leben braucht starke Motivationen und besonders eine tiefe Verbundenheit mit dem Herrn, damit es in Fülle als Geschenk und als Sendung gelebt werden kann: im Hören, im Gespräch, im Gebet, in der Verinnerlichung der Empfindungen, im täglichen Sich-gestalten-lassen von Ihm und vor allem im starken Verlangen, der Welt das Leben des Vaters zu vermitteln.

d) Die Eucharistie: die Übertragung der Sendung

In allen Katechesen der christlichen Urgemeinde ist die zentrale Stellung des Ostergeheimnisses deutlich: Christus zu verkünden als den Gestorbenen und Auferstandenen. Im Geheimnis des gebrochenen Brotes und des für das Leben der Welt vergossenen Blutes sieht die christliche Gemeinschaft den höchsten Ausdruck der Liebe, das hingegebene Leben des Gottessohnes.

Darum ist die Feier der Eucharistie »Gipfel und Quelle«(34) des christlichen Lebens, darum wird in ihr die höchste Offenbarung der Sendung Jesu Christi in der Welt gefeiert; gleichzeitig wird aber auch das Selbstverständnis der kirchlichen Gemeinschaft gefeiert, die zusammengerufen ist, um ausgesandt zu werden, und berufen wird, um die Sendung zu empfangen.

In der Gemeinschaft, die das österliche Geheimnis feiert, hat jeder Christ Anteil und tritt ein in die Eigenart der Gabe Jesu, indem er selbst, wie dieser, zum Brot wird, das als Opfer für den Vater und für das Leben der Welt gebrochen wird.

So wird die Eucharistie zur Quelle jeder christlichen Berufung; in ihr ist jeder Gläubige gerufen, sich dem geopferten und hingeschenkten Christus völlig gleich zu machen. Sie wird zur Ikone jeder Antwort auf eine Berufung; wie bei Jesus, so ist es auch in jedem Leben und in jeder Berufung schwer, die Treue bis hin zum Maß des Kreuzes zu leben.

Wer an der Eucharistie teilnimmt, nimmt die Einladung und den Aufruf Jesu an, seine »Memoria« zu feiern, im Sakrament und im Leben; die Einladung, in der Wahrheit und in der Freiheit der alltäglichen Dinge die »Erinnerung« an das Kreuz zu leben und die eigene Existenz mit Dankbarkeit und Selbstlosigkeit zu erfüllen, den eigenen Leib zu brechen und das eigene Blut zu vergießen, wie der Sohn.

Die Eucharistie weckt schließlich das Zeugnis, sie bereitet auf die Sendung vor: »Gehet hin in Frieden«. Von der Begegnung mit Christus im Zeichen des Brotes führt sie zur Begegnung mit Christus in der Gestalt eines jeden Menschen. Der Einsatz des Gläubigen erschöpft sich nicht im Eintritt in den Tempel, sondern im Hinausgehen. Die Antwort auf den Anruf fällt zusammen mit der Geschichte der Sendung. Die Treue zur eigenen Berufung schöpft aus den Quellen der Eucharistie und mißt sich an der Eucharistie des Lebens. Der Geist ruft zum Zeugnis

18. Jeder, dessen Geist vom Glauben erleuchtet ist, ist gerufen, Jesus als den Herrn zu erkennen und anzuerkennen und in Ihm sich selbst zu erkennen. Dies jedoch ist nicht allein Frucht eines menschlichen Wunsches oder des guten Willens des Menschen. Auch nachdem sie über längere Zeit die Erfahrung mit dem Herrn gelebt haben, brauchen die Jünger immer noch Gott. Ja, am Vorabend der Passion spüren sie eine gewisse Verwirrung ( Joh 14,1), sie fürchten die Einsamkeit; und Jesus ermutigt sie mit einem unerhörten Versprechen: »Ich lasse euch nicht als Waisen zurück« (Joh 14,18). Die Erstberufenen des Evangeliums bleiben nicht allein: Jesus versichert sie des fürsorgenden Geleits durch den Geist.

a) Tröster und Freund, Führer und Erinnerung

»Er ist der "Tröster", der Geist der Güte, den der Vater im Namen des Sohnes senden wird als ein Geschenk des auferstandenen Herrn«,(35) »damit er immer bei euch bleibe« (Joh 14,16).

Der Geist wird so zum Freund jeden Jüngers, der Führer mit dem wachem Blick auf Jesus und auf die Berufenen, um aus ihnen außergewöhnliche Zeugen des umwälzendsten Ereignisses der Welt zu machen: Zeugen des gestorbenen und auferstandenen Christus. Der Geist ist tatsächlich »Memoria« Jesu und dessen Wortes: »Er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe« (Joh 14,26); ja, »er wird euch in die ganze Wahrheit führen« (Joh 16,13).

Die ständige Neuheit des Geistes liegt in der Hinführung zu einem schrittweisen und tiefen Verstehen der Wahrheit, jener Wahrheit, die kein abstrakter Begriff ist, sondern der Plan Gottes im Leben jeden Jüngers. Diese Neuheit ist die Umwandlung des Wortes Gottes in Leben und ist Umwandlung des Lebens gemäß dem Wort Gottes.

b) Animator und Begleiter der Berufung

Auf solche Weise wird der Geist zum großen Animator jeder Berufung, wird er Jener, der den Weg begleitet, damit er zum Ziel führe, der Gestalter, der mit unendlicher Phantasie jedes Antlitz von innen her nach Jesus gestaltet.

Seine Gegenwart gilt jedem Menschen, um alle zur Erkenntnis ihrer Identität als Glaubende und als Gerufene zu führen, und um diese Identität in Übereinstimmung zu bringen mit dem Vorbild der Liebe Gottes. Der Geist, der ja ein geduldiger Gestalter unserer Seelen und ein »vollkommener Tröster« ist, will diese »göttliche Prägung« in einem jeden nachbilden.

Doch vor allem befähigt er die Berufenen zum »Zeugnis«: »Er wird Zeugnis für mich ablegen. Und auch ihr sollt Zeugnis ablegen, weil ihr von Anfang an bei mir seid« (Joh 15,26-27). In diesem "Zeugen-sein" jedes Berufenen liegt die Kraft des Wortes und der eigentliche Inhalt der Sendung. Das Zeugnis besteht nicht nur in der Empfehlung der zu verkündenden Worte, wie im Matthäusevangelium (Mt 10,20), sondern vielmehr darin, Jesus im Herzen zu tragen und Ihn zu verkünden als das Leben der Welt.

c) Heiligkeit, die Berufung aller

So wird heute also die Frage nach dem Qualitätssprung in der Berufspastoral zu einer Frage, die ohne Zweifel zum Hören auf den Geist verpflichtet: denn er ist der Verkünder der »künftigen Dinge« (Joh 16,3), er schenkt die neue geistliche Einsicht zum Verstehen der Geschichte und des Lebens, ausgehend vom Ostern des Herrn, in dessen Sieg die Zukunft jedes Menschen eingeschlossen ist.

So gibt es Grund zur Frage: wo finden wir den Ruf des Heiligen Geistes in diesen unseren Tagen? Wo haben wir die Wege der Berufspastoral zu verbessern?

Antwort auf diese Fragen werden wir nur erhalten, wenn wir den großen Aufruf zur Umkehr, der an die ganze kirchliche Gemeinschaft und an jeden einzelnen in ihr ergeht, als einen wahren Weg innerer Askese und Neugeburt annehmen, damit jeder die Treue zu der ihm eigenen Berufung erneuere.

Es gibt einen Primat des Lebens im Heiligen Geist, der jeder Berufspastoral zugrunde liegt und die Überwindung jenes verbreiteten Pragmatismus und jener sterilen Äußerlichkeit verlangt, die das auf Gott ausgerichtete Leben des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe in Vergessenheit geraten lassen. Das offene Hinhören auf den Geist ist der neue Atem in allem berufspastoralen Tun der kirchlichen Gemeinde.

Der Primat des geistlichen Lebens ist die Voraussetzung für die Antwort auf jene Sehnsucht nach Heiligkeit, die, wie wir bereits gesagt haben, auch die Gegenwart der Kirche in Europa durchzieht. Die Heiligkeit ist die universale Berufung jedes Menschen,(36) sie ist der Hauptstrom, in den die vielen einzelnen Berufungen einmünden. Deshalb ist die Heiligkeit der Berufenen der große Treffpunkt mit dem Geist an dieser Wende der nachkonziliaren Geschichte.

d) Die Berufe im Dienste der Berufung der Kirche

Dieses Ziel erfolgreich anzustreben bedeutet, dem verborgenen Wirken des Geistes in einige bestimmte Richtungen zu folgen, die das Geheimnis einer lebendigen Kirche des Dritten Jahrtausends vorbereiten und darstellen.

Dem Heiligen Geist wird vor allem die ewige Hauptrolle der communio zugeschrieben, die im Bild der christlichen Gemeinschaft aufscheint und durch die Vielfalt der Gaben und Dienste(37) sichtbar wird. Es geschieht tatsächlich im Geist, wenn jeder Christ seine absolute Originalität erkennt, die Einmaligkeit seiner Berufung, und damit auch sein naturgegebenes und unauslöschliches Streben nach Einheit. Es geschieht im Geist, wenn die Berufungen in der Kirche so vielgestaltig und gleichzeitig doch nur eine und dieselbe Berufung zur Einheit in der Liebe und im Zeugnis sind. Es ist das Wirken des Geistes, das die Buntheit der Berufungen im Bau der Kirche ermöglicht: die Berufungen in der Kirche sind in ihrer Verschiedenheit notwendig, um die Berufung der Kirche zu erfüllen; die Berufung der Kirche dagegen ist jene, für die Kirche und in der Kirche wirksam Berufungen möglich zu machen. All die vielen verschiedenen Berufungen führen also zum Zeugnis der Agape hin, zur Verkündigung Christi als des einzigen Heilands der Welt.

Die Originalität der christlichen Berufung besteht gerade darin: die Reife der Person an die Verwirklichung der Gemeinschaft zu binden; das will besagen, die Logik der Liebe über die der Privatinteressen und die Logik des Teilens über die der narzistischen Anhäufung von Talenten siegen zu lassen (vgl. 1 Kor 1,12-14).

Die Heiligkeit wird so zur wahren Offenbarung des Geistes in der Geschichte. Wenn jede Person der Dreifaltigkeit ihr eigenes Antlitz trägt, und wenn es zutrifft, daß das Antlitz des Vaters und des Sohnes uns ziemlich vertraut ist, da Jesus, indem er Mensch wurde wie wir, das Antlitz des

Vaters enthüllt hat, dann werden die Heiligen zum beredtesten Abbild des Geheimnisses des Geistes. Ebenso verbirgt und offenbart jeder Glaubende, der dem Evangelium treu ist, in der eigenen persönlichen Berufung und in der allgemeinen Berufung zur Heiligkeit, das Antlitz des Heiligen Geistes.

e) Das »Ja« zum Geist in der Firmung

Das Sakrament der Firmung ist der Augenblick, der am deutlichsten die Gabe und die Begegnung mit dem Heiligen Geist ausdrückt.

Vor dem Angesicht Gottes und dessen Liebestat (»Empfange den heiligen Geist...«),(38) aber auch vor dem eigenen Gewissen und vor der christlichen Gemeinde antwortet der Firmling: »Amen«. Es ist wichtig, auf erzieherischer und katechetischer Ebene den herausfordernden Sinn dieses »Amen«(39) wiederzuentdecken.

Dieses »Amen« will vor allem ein »Ja« zum Heiligen Geist sein, und mit ihm zu Jesus. Darum auch sieht die Spendung der Firmung die Erneuerung des Taufversprechens vor und verlangt vom Firmling, der Sünde und den Werken des immer zur Entstellung des christlichen Antlitzes bereiten Bösen zu widersagen; und sie verlangt vor allem die Verpflichtung, das Evangelium Jesu zu leben, besonders das große Gebot der Liebe. Es geht darum, die Berufungstreue zur eigenen Identität als Kinder Gottes zu leben.

Das »Amen« ist ein »Ja« auch zur Kirche. In der Firmung erklärt der Jugendliche, die Sendung Jesu zu übernehmen, die sich in der Gemeinschaft fortsetzt. Er verpflichtet sich so in zwei Richtungen, um seinem »Amen« konkrete Gestalt zu geben: zum Zeugnis und zur Sendung. Der Gefirmte weiß, daß der Glaube ein Talent ist, mit dem es zu wuchern gilt; daß er eine Botschaft ist, die durch das Leben und durch das schlüssige Zeugnis seines ganzen Seins anderen zu übermitteln ist und auch durch das Wort, durch einen missionarischen Mut zur Ausbreitung der frohen Botschaft.

Schließlich drückt dieses »Amen« eine Fügsamkeit gegenüber dem Heiligen Geist im Planen und Gestalten der Zukunft gemäß den Absichten Gottes aus, nicht nur nach den eigenen Erwartungen und Einstellungen, nicht nur in den Räumen, die die Welt bereitstellt, sondern vor allem in Übereinstimmung mit dem stets neuen und unvorhersehbaren Plan, den Gott für jeden einzelnen hat.

Von der Dreifaltigkeit zur Kirche in der Welt

19. Jede christliche Berufung ist eine »besondere« Berufung, denn sie appelliert an die Freiheit jedes Menschen und erzeugt eine urpersönliche Antwort innerhalb einer ursprünglichen und einmaligen Lebensgeschichte. Deshalb findet jeder in seiner persönlichen Berufungserfahrung ein Ereignis, das sich nicht auf allgemeine Schemata einschränken läßt; die Geschichte jedes Menschen ist eine kleine Geschichte, doch unverwechselbar und einzigartig nimmt sie stets von einer großen Geschichte ihren Ausgang. In der gegenseitigen Beziehung dieser beiden Geschichten, zwischen seiner eigenen kleinen und jener großen, die ihm zugehört und ihn übersteigt, bringt der Mensch seine Freiheit ins Spiel.

a) In der Kirche und der Welt, für die Kirche und die Welt

Jede Berufung entsteht an einem bestimmten Ort, in einem konkreten Umfeld, doch beschränkt sie sich nicht auf sich selbst, noch zielt sie auf die private Vollkommenheit oder die psychologische oder geistige Selbstverwirklichung des Berufenen ab, denn sie erblüht innerhalb der Kirche, in jener Kirche, die durch die Welt unterwegs ist zum vollendeten Reich, zur Verwirklichung einer Geschichte, die groß ist, weil sie Heilsgeschichte ist.

Die kirchliche Gemeinschaft selbst hat eine zutiefst berufungsbezogene Struktur: sie ist gerufen für die Sendung; sie ist Zeichen für Christus, den Gesandten des Vaters. Wie Lumen Gentium sagt: sie ist »in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug sowohl für die innigste Vereinigung mit Gott, als auch für die Einheit der ganzen Menschheit«.(40)

Einerseits ist die Kirche Zeichen, das das Geheimnis Gottes widerspiegelt; sie ist Ikone, die auf die dreifaltige Gemeinschaft im Zeichen der sichtbaren Gemeinschaft und auf das Geheimnis Christi in der Dynamik der universalen Sendung verweist. Andererseits ist die Kirche eingebunden in die Zeit der Menschen, sie lebt in der Geschichte in einer Situation des Exodus, sie steht in der Sendung zum Dienst am Reich, um die Menschheit zur Gemeinschaft der Kinder Gottes umzugestalten.

So verlangt der Blick auf die Geschichte von der kirchlichen Gemeinschaft, sich hörbereit zu machen für die Erwartungen der Menschen; jene Zeichen der Zeit zu lesen, die der Schlüssel und die Sprache des Heiligen Geistes sind; in ein fruchtbares, kritisches Gespräch mit der Gegenwart einzutreten und Traditionen und Kulturen mit Wohlwollen aufzunehmen, um in ihnen das Bild des Reiches sichtbar zu machen und den Sauerteig des Evangeliums einzubringen.

So verflicht sich die kleine große Geschichte einer jeden Berufung mit der Geschichte der Kirche in der Welt. Wie jede Berufung in der Kirche und in der Welt entstand, so steht sie auch im Dienst der Kirche und der Welt.

b) Die Kirche, Gemeinschaft und communio von Berufungen

In der Kirche, die Gemeinschaft von Gaben für eine einzige Sendung ist, vollzieht sich auch jener Übergang vom Zustand, in dem sich der durch die Taufe in Christus eingebundene Gläubige befindet, zu seiner »besonderen« Berufung als einer Antwort auf die besondere Gabe des Geistes. In dieser Gemeinschaft ist jede Berufung »eine besondere« und findet in einem Lebensplan zu ihrer eigenen Gestalt; es gibt keine allgemeinen Berufungen.

In ihrer Besonderheit ist jede Berufung gleichzeitig »notwendig« und »relativ«. »Notwendig«, weil Christus lebt und sichtbar wird in seinem Leib, der die Kirche ist, und im Jünger, der ihr wesentlicher Teil ist; »relativ«, weil keine Berufung das zeichenhafte Zeugnis des Geheimnisses Christi voll ausschöpfen kann, sondern lediglich einen Teil davon zum Ausdruck bringt. Nur die Gesamtheit der Gaben macht den ganzen Leib des Herrn sichtbar. In einem Gebäude braucht jeder Stein den anderen (1 Petr 2,5); im Leib bedarf jedes Glied des anderen, um den gesamten Organismus wachsen zu lassen, zum Nutzen des Ganzen (1 Kor 12,7).

Dies verlangt, daß das Leben eines jeden von Gott her geplant wird, der sein einziger Ursprung ist und alles zum Wohl des Ganzen einrichtet; dies verlangt, daß das Leben nur dann als sinntragend wiederentdeckt wird, wenn es für die Nachfolge Jesu offen ist.

Doch ist es ebenfalls wichtig, daß es eine kirchliche Gemeinschaft gibt, die tatsächlich jedem Berufenen hilft, die eigene Berufung zu erkennen. Ein Klima des Glaubens, des Gebets, der Gemeinschaft in Liebe, der geistlichen Reife, des Mutes zur Verkündigung, des intensiven sakramentalen Lebens, macht aus der glaubenden Gemeinschaft einen fruchtbaren Boden nicht nur für das Keimen neuer, besonderer Berufungen, sondern für die Schaffung einer berufungsfreundlichen Kultur und einer Bereitschaft in jedem einzelnen, seinen persönlichen Ruf anzunehmen. Wenn ein Jugendlicher den Anruf spürt und in seinem Herzen sich entscheidet, die heilige Reise zu dessen Verwirklichung anzutreten, so ist dort gewöhnlich auch eine Gemeinschaft, die die Voraussetzungen für diese hörende Verfügungsbereitschaft geschaffen hat.(41)

Das bedeutet: die auf die Berufung ausgerichtete Treue einer gläubigen Gemeinschaft ist die erste und grundlegende Voraussetzung für das Aufblühen der Berufung in den einzelnen Gläubigen, vor allem in den Jugendlichen.

c) Zeichen, Dienst, Sendung

Als dauerhafte und endgültige Lebensentscheidung öffnet sich also jede Berufung in einer dreifachen Dimension: in Beziehung auf Christus ist jede Berufung »Zeichen«; in Beziehung zur Kirche ist sie »Geheimnis«; in Beziehung zur Welt ist sie »Sendung« und Zeugnis für das Reich.

Wenn die Kirche »wie ein Sakrament in Christus« ist, dann offenbart jede Berufung die tiefe Dynamik der dreifaltigen Gemeinschaft, das Wirken des Vaters, des Sohnes und des Geistes als ein Ereignis, das zu neugestalteten Kreaturen in Christus macht.

Jede Berufung ist also Zeichen, ist eine besondere Art, das Antlitz Christi zu zeigen. »Die Liebe Christi drängt uns« (2 Kor 5,14). Jesus wird so zum Beweger und entscheidenden Vorbild jeder Antwort auf die Anrufe Gottes.

In Beziehung zur Kirche ist jede Berufung ein Geheimnis, das in der Freiheit des Geschenks seine Wurzel hat. Ein Ruf Gottes ist ein Geschenk für die Gemeinschaft, zum allgemeinen Nutzen, in der Dynamik der vielen Dienste. Dies ist möglich in Fügsamkeit gegenüber dem Geist, der die Kirche wie eine »Gemeinschaft von Gaben«(42) sein läßt, und im Herzen des Christen die Agape hervorbringt; dies nicht nur als eine Ethik der Liebe, sondern auch als eine tiefgehende Struktur der Person, die gerufen und fähig gemacht ist, in einer Haltung der Dienstbereitschaft und in der Freiheit des Geistes in Beziehung mit anderen zu leben.

Jede Berufung ist schließlich in Beziehung zur Welt eine Sendung. Sie ist in Fülle gelebtes Leben, da sie für andere gelebt wird wie das Leben Jesu und deshalb auch Leben stiftet: »das Leben bringt Leben hervor«.(43) Hier gründet also die innerste Teilhabe jeder Berufung am Apostolat und an der Sendung der Kirche, die Keimzelle des Reiches ist. Berufung und Sendung sind zwei Seiten derselben Medaille. Sie beschreiben die Gabe und den Beitrag eines jeden zum Plan Gottes, nach dem Bild und Gleichnis Jesu.

d) Die Kirche, Mutter der Berufe

Die Kirche ist die Mutter der Berufe, denn sie bringt sie aus ihrem Inneren hervor, in der Kraft des Geistes, sie schützt sie, nährt sie und unterhält sie. Sie ist besonders deshalb Mutter, weil sie eine wertvolle Funktion als Mittlerin und Erzieherin ausübt.

»Von Gott gerufen und als eine Gemeinschaft von Berufenen in der Welt erbaut, ist die Kirche ihrerseits Werkzeug des Rufes Gottes. Die Kirche ist lebendiger Anruf aus dem Willen des Vaters, durch die Verdienste des Herrn Jesus, durch die Kraft des Heiligen Geistes (...). Die Gemeinschaft, die sich ihrer Berufung bewußt wird, wird sich gleichzeitig dessen bewußt, daß auch sie selbst ununterbrochen berufen mub«.(44) Über den Weg dieser Berufung und in ihren verschiedenen Formen ergeht auch der Anruf Gottes.

Diese vermittelnde Aufgabe übt die Kirche aus, wenn sie jedem Gläubigen hilft und ihn anregt, sich der empfangenen Gabe und der Verantwortung, die sie beinhaltet, bewußt zu werden.

Sie übt sie weiter aus, wenn sie sich zur kompetenten Deuterin des ausdrücklichen Anufs zu einer Berufung macht, und sie selbst beruft, indem sie die Erfordernisse, die mit ihrer Sendung und mit den Bedürfnissen des Gottesvolkes verbunden sind, darlegt und zu einer hochherzigen Antwort einlädt.

Sie übt sie außerdem aus, wenn sie vom Vater die Gabe des Geistes erbittet, der die Zustimmung in den Herzen der Gerufenen bewirkt. Sie übt sie aus, wenn sie einen Berufenen aufnimmt und in ihm den Ruf selbst vernimmt. Sie übt sie aus, wenn sie einem Berufenen ausdrücklich mit fürsorglichem Vertrauen eine konkrete und nie einfache Sendung unter den Menschen überträgt. Wir könnten noch anfügen, daß die Kirche ihre Mütterlichkeit auch dann zeigt, wenn sie, außer zu berufen und die Eignung der Gerufenen zu prüfen, dafür Sorge trägt, daß diese eine angemessene einführende und beständige Ausbildung erhalten und auf dem langen Weg ihrer immer treueren und radikaleren Antwort tatsächlich begleitet werden. Die Mütterlichkeit der Kirche kann sich selbstverständlich nicht erschöpfen in der Zeit der ersten Berufung. Auch kann eine Gemeinde von Gläubigen sich nicht mütterlich nennen, wenn sie nur »wartet« und die Verantwortung für eine Berufung ausschließlich dem Wirken Gottes überläßt, als ob sie sich davor fürchte, selbst zu rufen; oder eine Gemeinschaft, die es als gegeben betrachtet, daß die Jugendlichen schon von selbst ihre Berufung wahrnehmen werden; oder eine, die keine Möglichkeiten anbietet, die auf Angebot oder Annahme einer Berufung abzielen.

Die Berufskrise der Berufenen ist heute auch eine Krise der Rufenden, die sich manchmal bedeckt halten und keinen Mut zeigen. Wenn keiner da ist, der ruft, wie kann man da eine Antwort erwarten?

Die ökumenische Dimension

20. Das heutige Europa braucht neue Heilige und neue Berufe, Glaubende, die fähig sind, »Brücken zu schlagen«, um die Kirchen immer mehr untereinander zu verbinden. Dies ist eine typische Neuheit, dies ist ein Zeichen der Zeit in der Berufspastoral des ausgehenden Jahrtausends. In einem Kontinent, der von einem tiefgehenden Willen nach Einheit geprägt ist, müssen die Kirchen als erste das Beispiel einer Geschwisterlichkeit geben, die stärker ist als jede Trennung und die doch immer gebaut und wiedererbaut werden muß. »Die Berufspastoral in Europa muß heute eine ökumenische Dimension aufweisen. Alle Berufungen in jeder Kirche Europas sind gehalten, an der Schwelle zum Dritten Jahrtausend die große Herausforderung der Evangelisierung aufzugreifen und gemeinsam ein Zeugnis von Gemeinschaft und Glaube in Christus, dem einzigen Heiland der Welt, abzulegen«.(45)

Ein solcher Geist kirchlicher Einheit fördert das Teilen jener Gaben, die der Geist Gottes überall ausgesät hat, und fördert die gegenseitige Hilfe unter den Kirchen.

Die Katholischen Kirchen des Ostens

21. Eine größere Aufmerksamkeit seitens der Kirchen Westeuropas muß den geistlichen Ausbildungbemühungen der Katholischen Kirchen des Ostens geschenkt werden; dies kann nur einen positiven Einfluß auf die Berufspastoral aller Kirchen ausüben.

Besondere Bedeutung kommt der heiligen Liturgie zu in ihrer Hinordnung auf die Ausbildung der Berufe für die Kirchen des Ostens. Die Liturgie ist der Ort, wo das Geheimnis des Heils verkündet und angebetet wird, wo Gemeinschaft wächst und unter den Gläubigen Brüderlichkeit gebaut wird. Dies alles in solchem Maße, daß sie zur wahren Gestalterin des christlichen Lebens wird, bis zur vollkommenen Übereinstimmung von dessen verschiedenen Bereichen. In der Liturgie fällt das frohe Bekenntnis der Zugehörigkeit zur Tradition der Kirchen des Ostens zusammen mit der völligen Einheit mit der Kirche von Rom.

Man kann nicht Berufe zum Priestertum wecken und zum monastischen Leben, wenn man nicht zu den Quellen der Ursprungstraditionen zurückkehrt, in Übereinstimmung mit den heiligen Vätern und mit deren tiefem Sinn für die Kirche. Dieser weitgespannte Prozeß braucht seine Zeit, er verlangt Geduld und Respekt vor dem Gefühl der Gläubigen und fordert außerdem auch Entschlossenheit.

Darum sind die Bischöfe, die Ordensobern und die Pastoralarbeiter der Katholischen Kirchen Ost-Europas eingeladen zu erkennen, wie dringlich es für alle ihre Kirchen ist, das ganze liturgische Erbe, das auf einzigartige Weise zum Entstehen und zur Entfaltung der Theologie und der Katechese beiträgt, wiederzugewinnen und unversehrt zu bewahren. Nach dem Beispiel der mystagogischen Methode der Väter öffnet dies für die Erfahrung der Berufung und des geistlichen Lebens und läßt eine sichere und starke ökumenischen Gesinnung heranreifen.(46)

In den verschiedenen kirchlichen Erfahrungen, sowie durch Studien, die das geschichtliche, theologische, juridische und geistliche Erbe der eigenen Kirche behandeln, können die östlichen Jugendlichen leicht erzieherische Umfelder finden, die sich dazu eignen, den universalen Sinn ihrer Hingabe an Christus und an die Kirche reifen zu lassen.

Es ist Aufgabe der Bischöfe, durch Aufwertung des Charismas der Mönchsgemeinschaften, denen es an Ausbildern und geistlichen Leitern nicht mangelt, jene Jugendlichen, die einzeln oder in Gruppen bitten, sich dem monastischen Leben weihen zu dürfen, zu fördern, wohlwollend auf sie zuzugehen und sie mit väterlicher Sorge zu begleiten.

Das Weiheamt und die Berufungen in gegenseitiger communio

22. »In vielen Teilkirchen muß die Berufspastoral noch Klarheit schaffen bezüglich der Beziehungen von Weiheamt, Berufung zu einer besonderen Lebensweihe und allen übrigen Berufungen. Die ganzheitliche Berufspastoral gründet auf dem Berufungscharakter der Kirche und jeden menschlichen Lebens als Anruf und Antwort. Dies steht am Anfang der gesamten Bemühungen der ganzen Kirche für alle Formen von Berufung, vor allem für die Berufung zu einer besonderen Lebensweihe«.(47)

a) Der Dienst des Weiheamtes

Innerhalb dieser allgemeinen Sensibilität muß heute wohl eine besondere Aufmerksamkeit auf den Dienst des Weiheamtes gerichtet werden, in welchem sich die erste besondere Form der Verkündigung des Evangeliums darstellt. Es stellt die »fortdauernde Gewähr der sakramentalen Gegenwart Christi, des Erlösers, in den verschiedenen Zeiten und Orten dar«,(48) und es bringt gerade die unmittelbare Abhängigkeit der Kirche von Christus zum Ausdruck, der fortfährt, seinen Geist auszusenden, damit sie sich nicht in sich selbst abkapsele, in ihrem Abendmahlsaal, sondern durch die Straßen der Welt ziehe und die Frohbotschaft verkünde.

Diese Ausprägung der Berufung läßt sich nach den drei Graden beschreiben: bischöflich (womit die Garantie der apostolischen Sukzession verbunden ist), priesterlich (was die »sakramentale Darstellung Christi, des Hirten«,(49) beinhaltet), und diakonal (sakramentales Zeichen des dienenden Christus).(50) Den Bischöfen ist der Dienst der Berufung jenen gegenüber anvertraut, die die heiligen Weihen anstreben, um ihre Mitarbeiter im apostolischen Dienst zu werden.

Das Weiheamt läßt die Kirche vor allem durch die Feier der Eucharistie »culmen et fons«(51) des christlichen Lebens und jener Gemeinschaft sein, die zur Feier der Memoria des Auferstandenen berufen ist. Jede andere Berufung entsteht innerhalb der Kirche und ist ein Teil ihres Lebens. Darum kommt dem Weiheamt der Dienst der Einheit in der Gemeinschaft zu, und kraft dieses Dienstes hat es die unverzichtbare Aufgabe, eine jede Berufung zu fördern.

Das bedeutet in der pastoralen Praxis: das Weiheamt steht im Dienst an allen Berufungen, und alle Berufungen stehen im Dienst des Weiheamtes, in der Gegenseitigkeit der communio. Der Bischof also ist mit seinem Presbyterium gerufen, sämtliche Gaben des Geistes zu unterscheiden und zu fördern. Die Sorge um das Seminar jedoch muß ganz besonders ein Anliegen der ganzen diözesanen Kirche werden, um die Ausbildung von künftigen Priestern und die Bildung eucharistischer Gemeinden als vollen Ausdruck christlicher Erfahrung sicherzustellen.

b) Die Aufmerksamkeit für alle Berufungen

Die Suche und die Sorge der christlichen Gemeinschaft richtet sich auf alle Formen der Berufung, sei es auf jene aus der Tradition der Kirche, sei es auf die neuen Gaben des Geistes: die Ordensweihe im monastischen Leben und im apostolischen Leben, die Berufung als Laie, das Charisma der Säkularinstitute, die Gesellschaften apostolischen Lebens, die Berufung zur Ehe, die verschiedenen laikalen Formen der Vereinigungen, die sich Ordensinstituten angeschlossen haben, die missionarischen Berufe, die neuen Formen des geweihten Lebens.

Diese verschiedenen Gaben des Geistes sind auf unterschiedliche Weise in den Kirchen Europas präsent; doch alle diese Kirchen sind auf jeden Fall gerufen, Zeugnis für die Aufnahme und Pflege einer jeden Berufung zu geben. Eine Kirche ist um so lebendiger, je reicher und bunter in ihr die verschiedenen Berufungen zum Ausdruck kommen.

In einer Zeit wie der unsrigen, die der Prophetie bedarf, ist es klug, jene Berufungen zu bevorzugen, die ein besonderes Zeichen dessen sind, »was wir sein werden, und was uns noch nicht offenbar gemacht ist« (1 Joh 3,2), wie die Berufung zu einer besonderen Weihe; doch ist es ebenso klug und unverzichtbar, den prophetischen Charakter, der für jede christliche Berufung bezeichnend ist, zu fördern, eingeschlossen die Berufung als Laie, damit die Kirche vor der Welt immer mehr ein Zeichen der künftigen Dinge sei, jenes Reiches, das »jetzt schon ist, und doch noch nicht« ist.

Maria, Mutter und Vorbild jeder Berufung

23. Es gibt ein Geschöpf, in dem sich der Dialog zwischen der Freiheit Gottes und der Freiheit des Menschen auf so vollkommene Weise ereignet, daß die beiden Freiheiten in eine Wechselbeziehung eintreten und dabei vollkommen das Ziel der Berufung verwirklichen können; es gibt ein Geschöpf, das uns geschenkt wurde, damit wir in ihm ein vollkommenes Ideal der Berufung betrachten können, ein Ideal, das sich in jedem von uns erfüllen sollte.

Maria ist das gelungene Abbild dessen, wie Gott sich seine Kreatur erträumt hat! Sie ist wirklich Kreatur, wie wir, ein Teilchen, in das Gott die Fülle seiner göttliche Liebe eingießen konnte; sie ist Hoffnung, die uns gegeben ist, damit auch wir im Blick auf sie das Wort in uns aufnehmen, damit es sich in uns erfülle.

Maria ist die Frau, in der die heiligste Dreifaltigkeit vollkommen ihre Freiheit der Wahl zeigen kann. Der hl. Bernhard sagt, wenn er die Botschaft des Engels Gabriel während der Verkündigung kommentiert: »Dies ist keine Jungfrau, die zufällig im letzten Moment gefunden wurde, sondern sie wurde vor der Zeit erwählt; der Höchste hat sie vorherbestimmt und sie für sich vorbereitet«.(52) Und der hl. Augustinus antwortet darauf: »Schon bevor das Wort aus der Jungfrau geboren wurde, hatte Er sie sich zur Mutter bestimmt«.(53)

Maria ist das Bild der göttlichen Erwählung jeder Kreatur; einer Erwählung, die von Ewigkeit her und absolut frei, geheimnisvoll und voller Liebe ist; einer Erwählung, die stets über das hinausgreift, was die Kreatur von sich denken kann; einer Erwählung, die das Unmögliche verlangt und nur eines fordert: den Mut zum Vertrauen.

Doch ist die Jungfrau Maria auch das Vorbild der menschlichen Freiheit in der Antwort auf diese Erwählung. Sie ist das Zeichen für das, was Gott möglich ist, wenn er eine Kreatur findet, die frei ist, sein Angebot anzunehmen; die frei ist, ihr »Ja« zu sagen, frei ist, sich auf die Pilgerfahrt des Glaubens einzulassen, die auch die Pilgerfahrt ihrer Berufung als Frau bedeutet, die zur Mutter des Heilandes und zur Mutter der Kirche berufen ist. Diese lange Pilgerfahrt vollendet sich am Fuß des Kreuzes, durch ein noch geheimnisvolleres und schmerzlicheres »Ja«, das sie voll zur Mutter macht; und dann noch im Abendmahlsaal, wo sie bis heute, zusammen mit dem Geist, die Kirche und jede Berufung hervorbringt.

Maria ist schließlich das vollkommen verwirklichte Bild der Frau, vollkommene Synthese der Weiblichkeit und der Phantasie des Geistes, der in ihr die Braut findet und erwählt, die jungfräuliche Mutter Gottes und des Menschen, die Tochter des Höchsten und Mutter aller Lebenden. In ihr findet jede Frau ihre Berufung als Jungfrau, Braut und Mutter!

DRITTER TEIL
PASTORAL DER GEISTLICHEN BERUFE

»... Jeder hörte sie in seiner Sprache reden« (Apg 2,6)

Die konkrete Ausrichtung der Berufspastoral läßt sich nicht nur von einer korrekten Theologie der Berufung ableiten, sondern beinhaltet auch einige praktische Grundsätze, in denen die Ausrichtung auf die Berufung gleichsam die Seele und das einigende Motiv der ganzen Pastoral darstellt.

Es werden dann die Glaubenswege und die konkreten Orte aufgezeigt, in denen die Einladung zur Berufung tägliche Aufgabe jedes Hirten und Erziehers sein muß.

Die Analyse der bestehenden Verhältnisse steckte im ersten Teil den Rahmen der aktuellen Wirklichkeit der Berufe in Europa ab; der zweite Teil dagegen bot eine theologische Betrachtung über die Bedeutung und über das Geheimnis der Berufung, ausgehend von der Wirklichkeit der Dreifaltigkeit bis zum Verständnis von deren Bedeutung für das Leben der Kirche.

Genau diesen zweiten Aspekt möchten wir nun vertiefen, besonders vom Blickpunkt seiner pastoralen Umsetzung aus.

In der Audienz für die Teilnehmer des Kongresses sagte Papst Johannes Paul II.: »Die geänderten geschichtlichen und kulturellen Bedingungen fordern, daß die Berufspastoral sich selbst als eines der vorrangigen Ziele der gesamten christlichen Gemeinschaft versteht«.(54)

Das Leitbild der Urkirche

24. Die geschichtlichen Verhältnisse mögen sich ändern, unverändert jedoch bleibt der Bezugspunkt im Leben des Gläubigen und der glaubenden Gemeinschaft, jener Bezugspunkt, den das Wort Gottes darstellt, besonders dort, wo die Geschichte der Kirche ihren Ursprung hat. Diese Geschichte und die Art, wie die Urkirche sie durchlebt hat, stellen für uns das exemplum dar, den Modellfall des Kirche-seins. Dies gilt auch für den Bereich der Berufspastoral. Wir sammeln hier nur einige wesentliche Elemente, die besonders exemplarisch sind, so, wie sie uns in der Apostelgeschichte begegnen, im Augenblick, da die Urkirche zahlenmäßig sehr gering und schwach war. Die Berufspastoral ist so alt wie die Kirche; sie entstand damals gemeinsam mit ihr, inmitten jener Armut, in welcher so unvermutet der Geist Wohnung nahm.

An den Anfängen dieser einzigartigen Geschichte, die dann zu unserer eigenen Geschichte wurde, steht die Verheißung des Heiligen Geistes, versprochen von Jesus, bevor er zum Vater heimging. »Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat. Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird, und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde« (Apg 1,7-8). Die Apostel waren im Abendmahlsaal beisammen, »sie verharrten dort einmütig im Gebet, ... mit Maria, der Mutter Jesu« (Apg 1,14), und sofort gingen sie daran, den frei gewordenen Platz des Judas mit einem anderen zu besetzen, den sie aus denen auswählten, die von Anfang an mit Jesus waren: damit er »gemeinsam mit uns Zeuge seiner Auferstehung« (Apg 1,22) sei. Und die Verheißung erfüllt sich: der Geist kommt herab, unter Getöse, er erfüllt das Haus und das Leben jener, die zuvor noch verängstigt und eingeschüchtert waren, wie ein Donner, ein Wind, ein Feuer... »Und sie begannen, in fremden Sprachen zu reden..., und jeder hörte sie in seiner Sprache reden« (Apg 2,4-6). Und Petrus hielt jene Rede, in der er die Geschichte des Heils erzählte, »er trat auf ... und erhob seine Stimme« (Apg 2,14) zu einer Rede, die »mitten ins Herz trifft« und die Hörer zur entscheidenden Frage ihres Lebens führt: »Was sollen wir tun?« (Apg 2,37).

An dieser Stelle beschreibt die Apostelgeschichte das Leben der ersten Gemeinde, die sich durch einige wesentliche Eigenschaften auszeichnet wie: Beharrlichkeit im Hören auf die Lehre der Apostel, geschwisterliche Gemeinschaft, Brotbrechen, Gebet, Teilen des Besitzes, gleichzeitig aber auch die Empfindungen des Gemüts und die Gaben des Geistes (vgl. Apg 2,42-48).

Inzwischen wirken Petrus und die Apostel weiter im Namen Jesu Wunder und verkünden das Kerygma des Heils, wobei sie regelmäßig ihr Leben aufs Spiel setzen, doch stets von der Gemeinschaft gestützt werden, deren gläubige Mitglieder »ein Herz und eine Seele« sind (Apg 4,32). In ihr wachsen zudem auch die unterschiedlichsten Bedürfnisse, und so werden die Diakone eingesetzt, um auch diesen materiellen Nöten der Gemeinschaft abzuhelfen, besonders der Schwächsten in ihr (vgl. Apg 6,1-7).

Ein starkes und mutiges Zeugnis muß zwangsläufig den Widerspruch der Autoritäten wachrufen, und so finden wir bald den ersten Märtyrer, Stephanus, um zu unterstreichen, daß die Sache des Evangeliums den ganzen Menschen erfaßt, auch dessen Leben (vgl. Apg 6,8-7; 7). Das Todesurteil des Stephanus findet sogar die Zustimmung des Saulus, jenes Christenverfolgers, der wenig später von Gott erwählt wird, das bisher verborgene, nun aber geoffenbarte Geheimnis den Heiden zu verkünden.

Und die Geschichte geht ihren Lauf und wird immer mehr zu einer heiligen Geschichte: Geschichte Gottes, der Menschen erwählt und auch auf ganz überraschende Weise zum Heil beruft, und Geschichte der Menschen, die sich von Gott rufen und erwählen lassen.

Für uns mögen diese Punkte genügen, um in der Urgemeinde die Grundzüge der Pastoral einer Kirche zu erkennen, die ganz auf die Berufung ausgerichtet ist: im Bereich der Methode und der Inhalte, im Bereich der Grundprinzipien, der zu beschreitenden Wege und der besonderen Strategien zur Durchführung.

Theologische Aspekte der Berufungspastoral

25. Doch welche Theologie begründet, inspiriert und motiviert die Berufspastoral als solche?

Die Antwort ist in unserem Zusammenhang wichtig, weil sie Bindeglied zwischen der Theologie der Berufung und der mit dieser übereinstimmenden pastoralen Praxis ist, die aus dieser Theologie entspringt und zu ihr zurückkehrt. Was diese Frage anbetrifft, so wollte der Kongreb weitere Überlegungen und Studien anregen mit dem Ziel, jene Motive herauszufinden, die Personen und Gemeinschaften zutiefst an die Arbeit für die Berufe binden, und um den Zusammenhang von Theologie der Berufung, Theologie der Berufspastoral und pädagogisch-pastoralem Wirken deutlicher aufzuzeigen.

»Die Pastoral der Berufe entsteht im Geheimnis der Kirche und stellt sich in deren Dienst«.(55) Das theologische Fundament der Berufspastoral »kann nur aus der Sicht der Kirche als mysterium vocationis entspringen«.(56)

Johannes Paul II. erinnert deutlich daran, daß die Dimension der Berufung der Pastoral der Kirche wesensgemäß ist«, d.h. ihrem Leben und ihrer Sendung entspricht.(57) Die Berufung beschreibt also gewissermaben das tiefe Sein der Kirche noch mehr als deren Wirken. Im Namen »Ecclesia« selbst ist ihr berufungsbezogener Charakter festgehalten, denn sie ist tatsächlich Versammlung von Berufenen.(58) Mit Recht sagt also das Instrumentum laboris des Kongresses, daß »die ganzheitliche Berufspastoral im Berufungscharakter der Kirche gründet«.(59)

Folglich ist die Pastoral der geistlichen Berufe von Natur aus ein Handeln, das auf die Verkündigung Christi ausgerichtet ist und auf die Evangelisierung der Gläubigen in Christus. Hier haben wir also die Antwort auf unsere Frage: eben in der Berufung der Kirche zur Weitergabe des Glaubens ist die Theologie der Berufungspastoral begründet. Dies betrifft die universale Kirche, gilt aber besonders für jede christliche Gemeinschaft,(60) vor allem im gegenwärtigen geschichtlichen Zeitpunkt des alten Kontinents. »Für diese hohe Sendung, eine neue Zeit der Evangelisierung in Europa einzuleiten, bedarf es heute besonders gut vorbereiteter Evangelisatoren«.(61)

Diesbezüglich darf an einige Fixpunkte erinnert werden, auf die vom derzeitigen päpstlichen Magisterium hingewiesen wird, damit sie Ausgangspunkte werden für die pastorale Praxis der Teilkirchen.

a) Nachdem einmal die berufungsorientierte Dimension der Kirche erkannt ist, wird verständlich, daß die Berufungspastoral kein zusätzliches, zweitrangiges Element ist, das nur die Rekrutierung von Pastoralarbeitern beabsichtigt, und auch kein isolierter Teilbereich, bedingt durch eine besondere kirchliche Notlage, sondern vielmehr ein Tun, das mit dem Sein der Kirche verbunden und darum auch zutiefst in die allgemeine Pastoral jeder Ortskirche einbezogen ist.(62)

b) Jede christliche Berufung kommt von Gott, doch ergeht sie an die Kirche und wird durch diese weitervermittelt. Die Kirche (»ecclesia«), die ihrem Wesen nach Berufung ist, ist gleichzeitig auch Erzeugerin und Erzieherin von Berufungen.(63) Folglich »ist das handelnde Subjekt, der Hauptakteur der Berufungspastoral, die kirchliche Gemeinschaft als solche in ihren verschiedenen Ausdrucksformen: von der Universalkirche bis zur Teilkirche und, analog, von dieser bis zur Pfarrei und zu allen Gliedern des Gottesvolkes«.(64)

c) Ohne Ausnahme haben alle Glieder der Kirche die Gnade und die Verantwortung für die Sorge um geistliche Berufe. Dies ist eine Verpflichtung, die zur lebendigen Dynamik im Entwicklungsprozeß der Kirche gehört. Nur aufgrund dieser Überzeugung wird die Berufungspastoral ihren wirklich ekklesialen Charakter zeigen und ein abgestimmtes Handeln entwickeln können. Sie wird sich dabei auch besonderer Organismen und geeigneter Hilfen der gemeinsamen Mitverantwortung bedienen.(65)

d) Die Teilkirche entdeckt ihre eigene, seinsmäßige und irdische Dimension in der Berufung all ihrer Mitglieder zum Zeugnis, zur Sendung, zum Dienst an Gott und den Brüdern... Deshalb wird sie die Verschiedenheit der Gnadengaben und der Dienste, also die verschiedenen Berufungen, die alle Offenbarungen des einen Geistes sind, achten und fördern.

e) Angelpunkt der gesamten Berufungspastoral ist das Gebet, das der Heiland aufgetragen hat (Mt 9,38). Es verpflichtet nicht nur den einzelnen, sondern alle kirchlichen Gemeinschaften.(66) »Wir müssen inständig zum Herrn der Ernte beten, damit er Arbeiter in seine Kirche sende, um sie für die dringenden Erfordernisse der Neu-Evangelisierung bereit zu machen«.(67)

Ein echtes Beten um geistliche Berufe verdient diesen Namen jedoch nur und wird nur wirksam, wenn es Übereinstimmung mit dem Leben des Betenden hervorbringt, besonders wenn es sich bei der übrigen gläubigen Gemeinschaft mit der ausdrücklichen Verkündigung und einer geeigneten Katechese verbindet, um in den zum Priestertum und zum geweihten Leben Berufenen, wie auch in jeder anderen christlichen Berufung jene freie, bereitwillige und hochherzige Antwort zu fördern, die der Gnade der Berufung Wirksamkeit verleiht.(68)

Allgemeine Prinzipien der Berufungspastoral

26. Von mehreren Seiten wird die Notwendigkeit festgestellt, der Pastoral eine eindeutig berufungsbezogene Prägung zu geben. Um dieses programmatische Ziel zu erreichen, zeichnen sich einige theoretisch-praktische Prinzipien ab, die wir der Pastoraltheologie entnehmen, besonders deren »Fixpunkten«. Wir konzentrieren diese Prinzipien auf einige thematische Aussagen.

a) Die Berufungspastoral ist die ursprüngliche Leitidee der allgemeinen Pastoral

Das Instrumentum laboris des Kongresses über die Berufungen sagt ausdrücklich: »Die gesamte Pastoral und besonders die Jugendpastoral ist von ihrem Ursprung her berufungsorientiert«;(69) mit anderen Worten: wer Berufung sagt, der meint die konstitutive und wesentliche Dimension der ordentlichen Pastoral selbst, denn die Pastoral ist von Anfang an, von Natur aus, auf die Erkennung der Berufung ausgerichtet. Es ist dies ein Dienst, der jeder Person angeboten wird, damit sie ihren Weg zur Verwirklichung eines Lebensplanes finde, wie Gott ihn will, je nach den Bedürfnissen der Kirche und der heutigen Welt.(70)

Dies wurde bereits im Jahre 1994 auf dem lateinamerikanischen Kongreß über die Berufungen festgestellt.

Doch die Sicht weitet sich: Berufung meint nicht nur die Gestaltung eines Lebensentwurfs, sondern auch alle übrigen Anrufe Gottes während des Lebens sind Berufung, freilich immer bezogen auf einen grundlegenden Lebensplan. Die echte Berufungspastoral macht den Gläubigen wachsam und aufmerksam für die vielen Anrufe Gottes und macht ihn bereit, dessen Stimme zu vernehmen und Ihm zu antworten.

Es ist gerade die Treue zu dieser Art von täglichem Angerufensein, welche den Jugendlichen von heute befähigt, »die Berufung« seines Lebens zu erkennen und anzunehmen, und die den Erwachsenen von morgen befähigt, ihr nicht nur treu zu sein, sondern ihre Frische und Schönheit immer mehr zu entdecken. Eine jede Berufung ist tatsächlich eine Berufung »in der Morgenstunde«, ist die Antwort eines jeden Morgens auf einen täglich neuen Anruf.

Darum wird die Pastoral durch und durch hellhörig sein für die Berufung, um sie in jedem Gläubigen zu entdecken; sie wird dabei vom ausdrücklichen Vorsatz ausgehen, den Gläubigen mit dem Plan Gottes zu konfrontieren; sie wird im Betroffenen Übernahme von Verantwortung gegenüber der empfangenen Gabe oder dem vernommenen Wort Gottes wecken; sie wird letztlich sich bemühen, den Glaubenden dazu zu führen, sich von diesem Gott in Pflicht nehmen zu lassen.(71)

b) Die Berufung der Pastoral heute ist die Berufungspastoral

In diesem Sinne kann man gut sagen, daß die gesamte Pastoral »berufungsorientiert« werden muß, oder daß dafür zu sorgen ist, daß jede Äußerung der Pastoral klar und eindeutig einen Plan oder eine Gabe Gottes an einen Menschen zum Ausdruck bringt und in dieser Person den Willen zur Antwort und zum persönlichen Engagement weckt. Entweder führt die christliche Pastoral zu dieser Gegenüberstellung vor Gott mit allem, was dies mit sich bringt an Spannungen, Kämpfen, an gelegentlicher Flucht oder Verweigerung, aber auch an Friede und Freude, die mit der Annahme der Gabe verbunden sind, — oder sie verdient diesen Namen nicht.

Heute zeigt sich dies ganz besonders, so daß man geradezu behaupten kann, daß die Berufspastoral die Berufung der Pastoral ist: sie ist wohl deren erstes Ziel und ist wie eine Herausforderung der Kirchen Europas. Die Berufung ist der Ernstfall der heutigen Pastoral.

Wenn jedoch die Pastoral im allgemeinen »Ruf« ist und Erwartung, dann muß sie heute angesichts dieser Herausforderung mutiger und freimütiger werden, unmittelbarer in die Mitte und ins Herz der einladenden Botschaft vorstoßen, direkter auf die Person bezogen sein und weniger auf die Gruppe; sie muß verstärkt ein konkretes Betroffensein auslösen und darf weniger allgemeine Hinweise auf einen abstrakten, lebensfremden Glauben geben.

Womöglich muß sie auch eher provozieren, als trösten; auf jeden Fall sollte sie fähig sein, den dramatischen Sinn des Menschenlebens zu vermitteln, das dazu bestimmt ist, etwas zu vollbringen, was kein anderer statt seiner vollbringen kann.

In der Schriftstelle, die wir zitiert haben, wird diese Wachheit und Spannung evident: in der Wahl des Matthias; in der mutigen Rede des Petrus an die Menge (»er trat auf ... und erhob seine Stimme«); in der Art und Weise, wie die christliche Botschaft verkündet und angenommen wurde (»sie fühlten sich ins Herz getroffen«).

Besonders deutlich wird dies auch durch ihre Fähigkeit, das Leben jener zu verändern, denen sie eigen ist, wie aus den Bekehrungen und aus dem Lebensstil der Gemeinschaft der Apostelgeschichte ersichtlich ist.

c) Die Berufungspastoral geschieht stufenweise und ganzheitlich

Wir haben indirekt bereits gesehen, daß sich im Verlauf eines Menschenlebens vielerlei Formen von Anrufen ereignen: vor allem zum Leben, dann zur Liebe, zur Verantwortlichkeit für die Gaben, zum Glauben, zur Nachfolge Jesu, zum besonderen Zeugnis des eigenen Glaubens, zur Vater- oder Mutterschaft, zu einem besonderen Dienst für die Kirche oder für die Gesellschaft.

Wer sich in erster Linie jenen reichen, vielfältigen Schatz menschlicher und christlicher Werte und Sinngehalte vor Augen hält, in denen der Sinn für die Berufung des Lebens und der Menschen gründet, der animiert bereits für eine Berufung. Diese Werte machen es möglich, das Leben selbst für die vielfachen Möglichkeiten einer Berufung zu öffnen, die dann in die eine, persönliche und endgültige Berufung einmünden.

Mit anderen Worten: für eine korrekte Berufspastoral ist es unerläßlich, eine gewisse Stufung zu beachten und ausgehend von den fundamentalen und universalen Werten (das höchste Gut des Lebens) und von jenen Wahrheiten, die für alle gleich sind (das Leben ist ein empfangenes Gut und will von Natur aus ein Gut sein, das weitergeschenkt wird), zu einer zunehmend persönlicheren und konkreteren, gläubigen und geoffenbarten Klärung der Berufung zu gelangen.

Auf der rein pädagogischen Ebene ist es zunächst wichtig, zum Sinn des Lebens und zur Dankbarkeit dafür zu erziehen, um dann jenes grundlegende Bewußtsein der Verantwortung gegenüber der Existenz zu vermitteln. Dieses verlangt von sich heraus nach einer konsequenten Antwort seitens des einzelnen im Sinne der selbstlosen Hingabe. Von hier aus gelangt man zur Transzendenz Gottes, des Schöpfers und Vaters.

Nur an dieser Stelle ist eine so starke und radikale Einladung (die christliche Berufung hat immer so zu sein) möglich und überzeugend, wie die Hingabe an Gott in einem priesterlichen oder geweihten Leben sie darstellt.

d) Die Berufungspastoral ist allgemein und spezifisch

Die Berufungspastoral geht notwendigerweise von einem weiten Begriff der Berufung aus (und ist demzufolge auch Anruf an alle), um sich dann einzugrenzen und zu verdeutlichen, je nach der Berufung des einzelnen. In solchem Sinn ist die Berufspastoral zunächst allgemein, dann spezifisch. Sie ist dies innerhalb einer Stufenordnung, die man vernünftigerweise nicht umkehrt und die gewöhnlich von einer verfrühten Einladung, die ohne jede schrittweise Katechese zu einer speziellen Berufungsform hinführt, abrät.

Andererseits und immer kraft dieser Ordnung beschränkt sich die Berufspastoral nicht auf eine allgemeine Betonung des Sinns der Existenz, sondern sie drängt auf ein persönliches Betroffenseins innerhalb einer ganz bestimmten Lebenswahl. Es besteht kein Zwiespalt und noch weniger ein Gegensatz zwischen einem Anruf, der die gemeinsamen und die Existenz begründenden Werte herausstellt, und einem Anruf in den Dienst des Herrn »nach dem Maß der empfangenen Gnade«.

Der Animator einer Berufung wie auch jeder Erzieher im Glauben darf sich nicht scheuen, mutige und vorbehaltslose Entscheidungen vorzuschlagen, selbst wenn sie schwierig und zeitfremd zu sein scheinen. Darum gilt: wenn jeder Erzieher auch Berufsanimator ist, dann ist jeder Berufsanimator auch Erzieher, und zwar Erzieher zu jeder Berufung, unter Berücksichtigung des jeweiligen Charismas. Jede Berufung ist an die andere gebunden, ja setzt diese voraus und regt sie an, während alle zusammen auf die gleiche Quelle verweisen und auf dasselbe Ziel: die Heilsgeschichte. Aber jede Berufung hat ihre eigene Weise.

Der echte Erzieher zur Berufung zeigt nicht nur die Unterschiede zwischen der einen oder anderen Berufung auf unter Berücksichtigung der verschiedenen Neigungen in den einzelnen Berufenen, sondern er läßt jene »höchsten Möglichkeiten«, d.h. der Radikalität und Selbsthingabe durchscheinen, die für jede Berufung offen stehen und ihr innewohnen.

In ganzer Tiefe auf die Werte des Lebens hin zu erziehen bedeutet beispielsweise, einen Weg vorzuschlagen (und zu lernen, ihn vorzuschlagen), der auf ganz natürliche Weise in die Nachfolge Christi einmündet und zu jener Wahl der Nachfolge gelangen kann, die typisch ist für den Apostel, den Priester oder die Ordensperson, den Mönch, der die Welt verläßt, wie auch für den in der Welt geweihten Laien.

Andererseits verlangt der Vorschlag einer solchen besonderen Nachfolge als Lebensziel von Natur aus eine vorausgehende Aufmerksamkeit und Ausbildung für die elementaren Werte des Lebens, des Glaubens, der Dankbarkeit für das Unverdiente und der von jedem Christen geforderten Nachfolge Christi.

Daraus folgt eine Berufungsstrategie, die theologisch besser begründet und auch im pädagogischen Bereich wirksamer ist. Mancher mag befürchten, eine Ausweitung des Verständnisses der Berufung könne der spezifischen Förderung der Berufe zum Priestertum und zum geweihten Leben abträglich sein; in Wirklichkeit ist es jedoch gerade umgekehrt.

Die verschiedenen Schritte im Vorschlagen einer Berufung ermöglichen es tatsächlich, sich vom Objektiven zum Subjektiven, vom Allgemeinen zum Besonderen hin zu bewegen, ohne dabei die Vorschläge vorwegzunehmen oder wegfallen zu lassen, sondern indem man sie untereinander und im Blick auf den entscheidenden Vorschlag an eine Person abstimmt. Dieser Vorschlag hat zum rechten Zeitpunkt zu geschehen und ist sorgsamst nach einem Rhythmus abzuwägen, der dem jeweiligen Adressaten Rechnung trägt.

Ein umsichtiges Vorangehen macht den entscheidenden Berufsvorschlag an eine Person viel provozierender und zugänglicher. Konkret heißt dies: je früher ein Jugendlicher dazu erzogen ist, ganz natürlich von der Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens zum Bewußtsein des Unverdientseins dieses geschenkten Gutes vorzudringen, um so eher wird es möglich sein, ihm die vollkommene Hingabe seiner selbst an Gott als eine natürliche Folgerung vorzuschlagen, die für einige dann unvermeidlich wird.

e) Die Berufungspastoral ist universal und permanent

Es geht um eine doppelte Universalität der Berufspastoral: einmal hinsichtlich der Personen, auf die sie bezogen ist, und einmal hinsichtlich des Lebensalters, in dem sie geschieht.

Vor allem kennt die Berufspastoral keine Grenzen. Wie oben erwähnt wendet sie sich nicht nur an einige bevorzugte Personen oder an solche, die bereits eine Glaubensentscheidung getroffen haben, noch wendet sie sich nur an die, von denen man vernünftigerweise eine positive Antwort erhoffen kann, sondern sie wendet sich an alle, eben weil sie auf den elementaren Werten der Existenz aufbaut. Sie ist keine Pastoral an einer Elite, sondern eine Volkspastoral; sie ist keine Auszeichnung für Verdienste, sondern Gnade und Gabe Gottes an jede Person, da jedes Lebewesen von Gott berufen ist. Auch ist sie nicht etwas, das nur wenige verstehen könnten oder für ihr Leben interessant finden könnten, denn jedes Lebewesen verlangt unweigerlich danach, sich selbst, den Sinn des Lebens und den eigenen Platz in der Geschichte zu kennen.

Es geht zudem nicht um eine Einladung, die nur ein einziges Mal im Leben ergeht (nach Art des »Alles oder Nichts«), oder die nach einer ersten Abweisung durch den Adressaten zurückgezogen wird. Sie muß vielmehr wie eine beständige Aufforderung sein, auf verschiedene Weisen und mit taktvollem Wohlwollen, das angesichts einer anfänglichen Interesselosigkeit, die oft nur vorgetäuscht oder defensiv ist, nicht kapituliert.

Auch ist die Vorstellung zu berichtigen, die Berufspastoral sei ausschließlich Jugendpastoral, denn in jedem Lebensalter ruft der Herr in seine Nachfolge, und erst im Augenblick des Todes kann eine Berufung als vollendet bezeichnet werden. Ja, der Tod ist der Anruf schlechthin, wie es auch einen Anruf im Alter, in den Übergangsphasen des Lebens und in Krisensituationen gibt.

Es gibt eine Jugendlichkeit des Geistes, die in dem Maße durch die Zeit andauert, in dem der einzelne Mensch sich beständig gerufen fühlt, in jedem Alter einen besonderen Auftrag zu erfüllen, auf eine besondere Art zu sein, zu dienen und zu lieben, ein neues Leben und eine neue Sendung auszufüllen.(72) In diesem Sinne ist die Berufspastoral an die beständige Weiterbildung der Person gebunden und ist selbst beständig. »Das ganze Leben, und jedes Leben, ist eine Antwort«.(73)

In der Apostelgeschichte schauen Petrus und Paulus nicht auf die Person, sie wenden sich an alle, Jung und Alt, Juden und Nichtjuden: alle die Parther, Meder, Elamiter werden ja genannt, um ohne Unterschiede und Vorurteile die grobe Masse zu zeigen, an die sich die Verkündigung und die Pro-Vokation richtet. Und sie bringen es fertig, zu jedem »in seiner Sprache zu reden«, entsprechend seinen Bedürfnissen, Schwierigkeiten, Erwartungen, Verteidigungen, sowie seinem Alter oder seiner Lebensphase.

Es ist dies das Pfingstwunder und deshalb eine außerordentliche Gabe des Geistes. Doch der Geist ist immer mit uns...

f) Die Berufungspastoral ist person- und gemeinschaftsbezogen

Es mag als Widerspruch erscheinen, doch in Wirklichkeit bezeichnet dieses Prinzip die in gewissem Sinne doppelte Natur der Berufspastoral, die — wenn sie echt ist — fähig ist, die Polarität von Individuum und Gemeinschaft zu verbinden. Aus der Sicht des Berufungsanimators ist es heute dringlich, von einer Berufspastoral, die von einem Einzelkämpfer betrieben wird, überzugehen zu einer Pastoral, die sich immer mehr als Gemeinschaftsaktion der gesamten Gemeinschaft in ihren verschiedenen Formen versteht: Gruppen, Bewegungen, Pfarreien, Diözesen, Ordens- und Säkularinstitute...

Die Kirche ist heute zunehmend aufgerufen, ganz berufungsorientiert zu sein: in ihr »muß jeder Evangelisierende sich bewußt sein, 'Wegweiser' zu sein, muß fähig sein, berufsbezogene Erfahrung zu vermitteln, die Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu einer persönlichen Beziehung zu Christus hinführt und in der sich die besonderen Berufungen offenbaren«.(74)

Auf gleiche Weise ist auch der Adressat der Berufspastoral die ganze Kirche. Wenn die ganze kirchliche Gemeinschaft ruft, dann ist auch die ganze kirchliche Gemeinschaft die Gerufene, ohne jede Ausnahme. Geber und Empfänger fallen gleichsam zusammen, und dies innerhalb der verschiedenen ministerialen Formen der Kirche. Doch das Prinzip ist von Wichtigkeit; es spiegelt jene geheimnisvolle Einheit von Rufendem und Gerufenem, die sich in der Dreifaltigkeit vollzieht.

So verstanden ist die Berufspastoral gemeinschaftsbezogen. In solchem Verständnis ist es schön, daß am Pfingsttag alle Apostel es sind, die sich an die Menge wenden, und daß dann Petrus das Wort ergreift im Namen der Zwölf. Auch wenn es darum geht, Matthias und Stephanus zu wählen, und später auch Barnabas und Saulus, nimmt die ganze Gemeinschaft Anteil an der Wahl durch Gebet, Fasten und die Auflegung der Hände.

Gleichzeitig jedoch ist es der einzelne, der zum Deuter seiner Berufung wird; es ist der Gläubige, der kraft seines Glaubens sich in gewisser Weise der Berufung des anderen annehmen muß.

Die Aufgabe des Einladens zu einer Berufung ist also nicht nur Sache der Priester oder der Gottgeweihten, sondern jedes Gläubigen, der Eltern, der Katecheten, der Erzieher.

Wenn es wahr ist, daß sich der Anruf an alle richtet, so ist es ebenso wahr, daß derselbe Anruf personalisiert wird, indem er sich an eine bestimmte Person wendet, an deren Gewissen, in einer tiefen, persönlichen Beziehung.

Es gibt in der Dynamik der Berufung einen Augenblick, in dem der Anruf von Mensch zu Mensch ergeht und wo er jenes ganz besonderen Klimas bedarf, das nur eine persönliche Beziehung gewährleisten kann. Es ist also zutreffend, daß Petrus und Stephanus zur Menge reden; Saul jedoch bedarf des Ananias, um erkennen zu können, was Gott von ihm will (Apg 9,13-17), wie später übrigens auch der Eunuche Philippus (Apg 8,26-39).

g) Die Berufungspastoral ist die ganzheitlich-synthetische Perspektive der Pastoral

Ausgangs- und Zielpunkt entsprechen sich. Die Berufspastoral als solche versteht sich als die verbindende Perspektive der Pastoral insgesamt, als das natürliche Ziel jeder Mühe, als Zielpunkt der verschiedenen Bereiche, gleichsam als Testfall der echten Pastoral.

Wir wiederholen: wenn die Pastoral es nicht fertigbringt, »das Herz zu durchdringen« und den Hörer mit der entscheidenden Frage zu konfrontieren (»was muß ich tun?«), dann ist sie keine christliche Pastoral, sondern eine harmlose Arbeitshypothese.

Folglich steht die Pastoral notwendigerweise in Beziehung zu allen anderen Dimensionen, wie z.B. zur Pastoral der Familie, der Kultur, der Liturgie und der Sakramente, der Katechese und des Glaubensweges im Katechumenat, der verschiedenen Gruppen christlicher Animation und Bildung (nicht nur mit Jugendlichen, sondern auch mit Eltern, Verlobten, Kranken und Alten...) und der Bewegungen (von der Bewegung für das Leben bis zu den unterschiedlichen Initiativen der sozialen Solidarität).(75)

Vor allem ist die Berufungspastoral die verbindende Perspektive der Jugendpastoral.

Es darf nicht vergessen werden, daß es im Entwicklungsalter um den Lebensentwurf geht. Eine echte Jugendpastoral kann die Frage der Berufung nicht ausklammern, vielmehr muß sie diese aufgreifen, denn Jesus Christus anbieten bedeutet, ein bestimmtes Lebensziel anzubieten.

Hier beginnt ein fruchtbares pastorales Zusammenwirken bei klarer Unterscheidung der beiden Bereiche: sei es weil die Jugendpastoral neben der Berufsfrage noch andere Fragen beinhaltet; sei es weil die Berufungspastoral sich nicht nur an die Jugend wendet, sondern einen weiteren Horizont hat, mit ganz besonderen Fragestellungen.

Denken wir dann noch daran, wie wichtig eine familienbezogene Berufspastoral sein könnte, die schrittweise die Eltern dazu erzieht, die ersten Animatoren-Erzieher auf Berufung hin zu sein; oder wie wertvoll eine Berufspastoral unter den Kranken sein könnte, die diese nicht nur einlädt, ihre Leiden für die Priesterberufe aufzuopfern, sondern die ihnen hilft, das Ereignis ihrer Krankheit mit dem ganzen Gehalt an Geheimnis, das sie in sich birgt, als eine persönliche Berufung zu leben, die in der Kirche zu leben ihre Pflicht ist, wobei sie auch einen Anspruch darauf haben, daß ihnen dabei von der Kirche geholfen wird.

Diese Bindung erleichtert die pastorale Dynamik, da sie tatsächlich ihrem Wesen entspricht: Die Berufungen wie auch die Charismen suchen sich gegenseitig, erleuchten sich gegenseitig, sie ergänzen einander. Sie werden dagegen unverständlich, wenn sie isoliert werden; außerdem betreibt derjenige keine kirchliche Pastoral, der sich nur auf seinen Fachbereich beschränkt.

Freilich gilt dies in einem doppelten Sinn: es ist die allgemeine Pastoral, die in einen Berufungsimpuls einmünden muß, um die Entscheidung für einen Beruf zu fördern; aber es ist die Berufungspastoral, die ihrerseits offen sein muß für die anderen Dimensionen, indem sie sich einordnet und Öffnungen in jene Richtung sucht.

Sie ist der Zielpunkt, der die verschiedenen pastoralen Herausforderungen zusammenfaßt und es ermöglicht, in der existentiellen Geschichte des einzelnen Glaubenden fruchtbar zu werden. Im ganzen gesehen verlangt die Berufspastoral Aufmerksamkeit, doch dafür bietet sie eine Möglichkeit, pastorale Initiativen in jedem Bereich echt und überzeugend sein zu lassen. Die Berufung ist der Pulsschlag jeder ganzheitlichen Pastoral!(76)

Wege der Berufungspastoral

27. Das biblische Bild, an dem wir unsere Überlegungen festgemacht haben, erlaubt uns einen Schritt nach vorne, der von den theoretischen Prinzipien zur Ortung einiger Wege der Berufspastoral führt.

Dies sind gemeinschaftliche Glaubenswege, die bestimmten Vollzügen der Kirche und klassischen Dimensionen des Glaubenslebens entsprechen. Auf diesen Wegen reift der Glaube und wird immer offenkundiger, und auch die Berufung des einzelnen bestätigt sich zunehmend, im Dienst an der kirchlichen Gemeinschaft.

Die Überlegungen und Traditionen der Kirche zeigen, daß die Berufsentscheidung für gewöhnlich mit konkreten gemeinschaftlichen Wegen verbunden ist: Die Liturgie und das Gebet, die kirchliche Gemeinschaft, der Dienst der Caritas, die Erfahrung der Liebe Gottes, die im Zeugnis geschenkt und angeboten wird. Dank ihrer wurde in der von der Apostelgeschichte beschriebenen Gemeinschaft »die Zahl der Jünger in Jerusalem immer größer« (Apg 6,7).

Die Pastoral müßte auch diese Richtung einschlagen, um den Berufsweg der Gläubigen zu fördern und zu begleiten. Eine persönliche und gemeinschaftliche, systematische und anspruchsvolle Erfahrung in dieser Richtung könnte und müßte dem einzelnen Gläubigen helfen, seine Berufung zu finden.

Dies würde die Pastoral wirklich zur Berufspastoral machen.

a) Die Liturgie und das Gebet

Die Liturgie ist gleichzeitig Ausdruck, Ursprung und Nahrung jeder Berufung und jeden Dienstes in der Kirche. In den liturgischen Feiern wird die Erinnerung an jenes Handeln Gottes durch Christus im Geist gefeiert, auf das alle übrigen Lebenskräfte des Christen ausgerichtet sind. In der Liturgie, die in der Eucharistie gipfelt, findet die Berufung und Sendung der Kirche und jedes Gläubigen ihren vollkommenen Ausdruck.

Von der Liturgie aus ergeht an die Teilnehmer immer eine Einladung zur Berufung.(77) Jede Feier ist ein Ereignis der Berufung. Der Gläubige kann gar nicht anders, als im gefeierten Geheimnis seine eigene und persönliche Berufung zu erkennen; er kann die Stimme des Vaters nicht überhören, der ihn im Sohn und in der Kraft des Geistes ruft, sich selbst für das Heil der Welt zu verschenken.

Auch das Gebet wird zu einem Weg der Berufsfindung, nicht nur weil Jesus selbst eingeladen hat, den Herrn der Ernte zu bitten, sondern weil der Gläubige nur im Hören auf Gott den Plan entdecken kann, den Gott selbst erdacht hat: in der Betrachtung des Geheimnisses findet der Gläubige sich selbst »mit Christus in Gott verborgen« (Kol 3,3).

Und weiter ist es nur das Gebet, das jene Haltungen von Vertrauen und Übereignung zu wecken vermag, die für die Entscheidung zum eigenen »Ja« und für die Überwindung von Ängsten und Zweifeln unverzichtbar sind. Jede Berufung entsteht durch die An-Rufung.

Doch auch die persönliche Erfahrung des Gebets als Gespräch mit Gott gehört dieser Dimension an: auch wenn sie in der Intimität der eigenen »Kammer« »gefeiert« wird, ist sie eine Beziehung mit jener Vaterschaft, aus der sich jede Berufung ableitet. Diese Dimension ist am deutlichsten in der Erfahrung der Urkirche, deren Mitglieder »im Brotbrechen und im Gebet« (Apg 2,42) verharrten. In dieser Gemeinschaft ging jeder Entscheidung das Gebet voraus; jede Entscheidung, besonders jene für eine Sendung, geschah in einem liturgischen Rahmen (Apg 6,17; 13,1-5).

Es ist die Logik des Gebetes, die die Gemeinschaft von Jesus gelernt hat, als er angesichts der müden und erschöpften Menschen, die wie hirtenlose Schafe waren, gesagt hat: »Die Ernte ist groß, doch der Arbeiter sind wenige. Bittet daher den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte sende« (Mt 9,38; Lk 10,2).

Die christlichen Gemeinschaften Europas haben in diesen Jahren vielerlei Gebetsinitiativen um Berufe entwickelt, die auf dem Kongreß ein breites Echo fanden. Das Beten in den Diözesen und Pfarreien, mancherorts auch »ohne Unterlaß«, Tag und Nacht, ist einer der verbreitetsten Wege, um ein neues Bewußtsein und eine neue Kultur der Berufung zu wecken, die dem Priestertum und Ordensleben nützen.

Das biblische Bild vom »Herrn der Ernte« führt ins Herz der Berufspastoral: zum Gebet. Ein Gebet, das mit der Weisheit des Evangeliums auf die Welt und auf jeden einzelnen in seinem spürbaren Verlangen nach Leben und Heil blickt. Ein Gebet, das die Liebe und das »Mitleid« (Mt 9.36) Christi mit der Welt ausdrückt, die auch heute noch wie eine »Herde ohne Hirten« (Mt 9,36) dasteht. Ein Gebet, das den Glauben an die mächtige Stimme des Vaters ausdrückt, der allein in seinen Weinberg rufen und senden kann. Ein Gebet, das die lebendige Hoffnung auf Gott ausspricht, der es seiner Kirche nie an jenen »Arbeitern« mangeln läßt (Mt 9,38), die notwendig sind, um ihre Sendung zu vollenden.

Auf dem Kongreß haben die Zeugnisse über die Erfahrungen der lectio divina im Lichte der Berufung grobes Interesse gefunden. In einigen Diözesen sind die »Gebetsschulen«, oder die »Schulen des Wortes« sehr verbreitet. Der Grundsatz, an dem sie sich orientieren, ist jener inzwischen bereits klassisch gewordene, der in Dei Verbum ausgesprochen ist: »Alle Gläubigen sollen sich das alles übertreffende Wissen Jesu Christi aneignen, durch häufiges Lesen der Heiligen Schrift, das vom Gebet begleitet wird«.(78)

Wenn dieses Wissen zur Weisheit wird, die sich durch regelmäßige Schriftlesung nährt, öffnen sich Augen und Ohren des Gläubigen in der Erkenntnis des Wortes Gottes, das unablässig ruft. Dann werden Herz und Geist fähig, es aufzunehmen und es ohne Furcht zu leben.

b) Die kirchliche Gemeinschaft (Gemeinde)

Die erste vitale Aufgabe, die die Liturgie erfüllt, ist die Sichtbarmachung der Gemeinschaft, die innerhalb der Kirche gelebt wird, als Volk Gottes, in Christus versammelt durch sein Kreuz (Joh 13,32), als eine Gemeinschaft, in der jede Trennung durch den Geist Gottes überwunden wird, der ein Geist der Einheit ist (Eph 2,11-22; Gal 3,26-28; Joh 17,9-26).

Die Kirche stellt sich dar als jener menschliche Raum der Geschwisterlichkeit, in dem jeder Gläubige die Erfahrung der Einheit von Gott und den Menschen machen kann und muß, die ein Geschenk von oben ist. Für diese kirchliche Dimension ist die Apostelgeschichte ein leuchtendes Beispiel, wo sie eine Gemeinschaft von Glaubenden beschreibt, die zutiefst von geschwisterlicher Einheit, von Teilung des materiellen und geistigen Besitzes, der Gefühle und Empfindungen geprägt (Apg 2,42-48) und »ein Herz und eine Seele« ist (Apg 4,32).

Wenn jede Berufung in der Kirche ein Geschenk ist, das in Freiheit als ein Dienst der Liebe für die anderen gelebt werden muß, dann ist sie auch ein Geschenk, das mit den anderen gelebt werden will. So kann man es also nur entdecken, wenn es geschwisterlich gelebt wird.

Die kirchliche Geschwisterlichkeit ist nicht nur eine Tugend des Verhaltens, sondern ein Weg der Berufung. Nur indem man sie lebt, kann man sie als grundlegenden Bestandteil eines Berufungsplanes erwählen, oder nur wenn man sie auskostet, kann man sich einer Berufung öffnen, die in jedem Fall eine Berufung zur Geschwisterlichkeit bedeutet.(79) Dagegen kann einer, der keinerlei Brüderlichkeit übt und sich jedem Bezug zum anderen versperrt oder der die Berufung lediglich als Mittel zur persönlichen und privaten Vollkommenheit versteht, mit seiner Berufung in keiner Weise anziehend für andere sein.

Die Berufung ist eine Beziehung; sie ist eine Offenbarung des Menschen, den Gott als beziehungsoffen geschaffen hat, und auch im Falle einer Berufung zur Intimität mit Gott in monastischer Klausur beinhaltet sie eine Fähigkeit zur Öffnung und zur Anteilnahme, die nur durch die Erfahrung einer wirklichen Geschwisterlichkeit gewonnen werden kann. »Die Überwindung einer individualistischen Sicht des Amtes, der Weihe und des Lebens in den einzelnen christlichen Gemeinschaften ist ein historisch entscheidender Schritt«.(80)

Die Berufung ist Dialog; sie ist das Wissen, von einem Anderen gerufen zu sein; sie ist der Mut, ihm zu antworten. Wie kann diese Fähigkeit zum Dialog in jemand heranreifen, der im Alltag und in den täglichen Beziehungen nicht gelernt hat, sich an-rufen zu lassen, zu antworten, sich selbst im andern zu erkennen? Wie soll sich jemand vom Vater rufen lassen, der sich nicht um eine Antwort an den Bruder kümmert?

Der Austausch mit dem Nächsten und mit der Gemeinschaft der Gläubigen wird so zum Weg, auf dem man lernt, anderen an den eigenen Plänen teilhaben zu lassen, um dann den von Gott erdachten Plan zu übernehmen. Dieser wird in jedem Fall ein Plan der Geschwisterlichkeit sein.

Eine Form des Austauschs des Wortes Gottes wurde auch von einigen europäischen Kirchen erwähnt. Sie beinhaltet Zentren des Hörens, Gruppen von Gläubigen, die sich regelmäßig in ihren Häusern treffen, um die christliche Botschaft neu zu entdecken und unter sich die jeweiligen Erfahrungen und die Frucht ihrer Deutung des Gotteswortes austauschen.

Für die Jugendlichen erhalten diese Zentren eine Beziehung zur Berufung: im Hinhören auf das rufende Wort, in der Katechese und im Gebet, was alles mit tiefer persönlicher Betroffenheit, frei und kreativ erlebt wird. Das 'Zentrum des Hörens' wird so ein Anreiz zur Mitverantwortung in der Kirche, denn hier können die verschiedenen Möglichkeiten gefunden werden, wie der Gemeinschaft gedient werden kann, und oft können hier auch besondere Berufungen heranreifen.

Eine andere positive Erfahrung des Berufungsweges in den Teilkirchen und in den verschiedenen Instituten des geweihten Lebens ist die Gastgemeinschaft, die die Einladung Jesu verwirklicht: »Kommt, und seht«. Vom Papst wurde sie die »Goldene Regel der Berufungspastoral«(81) genannt. In diesen Gemeinschaften oder Orientierungszentren für Berufe können die Jugendlichen dank einer sehr spezifischen und unmittelbaren Erfahrung einen echten und schrittweisen Weg zur Berufsentscheidung zurücklegen. Dabei werden sie begleitet, damit sie zur rechten Zeit in der Lage seien, nicht nur den Plan Gottes mit ihnen zu erkennen, sondern diesen auch anzunehmen und sich selbst in ihm zu erkennen.

c) Der Dienst der Liebe

Dieser Dienst ist eine der kennzeichnendsten Funktionen der kirchlichen Gemeinschaft. Er besteht im Erleben der Erfahrung der Freiheit in Christus, in jenem höchstem Gipfel, den das Dienen bedeutet. »Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein« (Mt 20,26), »wer der Erste sein will, der soll der Diener aller sein« (Mk 9,35). In der Urkirche scheint diese Lehre rasch verstanden worden zu sein, da der Dienst als eines ihrer strukturellen Elemente erscheint, bis zum Punkt, daß Diakone bestellt werden, speziell für »den Dienst an den Tischen«.

Gerade weil der Gläubige durch die Gnade die Erfahrung der Freiheit in Christus erlebt, ist er gerufen, für die Menschen Zeuge der Freiheit und Akteur der Befreiung zu sein, von jener Befreiung, die sich nicht durch Gewalt und Herrschaft erreichen läßt, sondern durch Vergebung und Liebe, durch die Hingabe seiner selbst und seines Dienstes, ganz nach dem Beispiel des dienenden Christus. Es ist der Dienst der Liebe, deren Ausdrucksmöglichkeiten keine Grenzen kennen.

Er ist im Werdegang einer Berufung vielleicht der Königsweg, um die eigene Berufung zu erkennen, da die Erfahrung des Dienstes, besonders wo er gut vorbereitet, begleitet und in seinem tiefsten Sinn erfaßt ist, Ausdruck großer Menschlichkeit ist, die zum besseren Verständnis seiner selbst, der Würde des anderen und der Schönheit des Dienstes für andere beiträgt.

Ein echter Diener der Kirche ist jener, der gelernt hat, es als eine Auszeichnung zu verstehen, den ärmsten Brüdern die Füße zu waschen, und jener, der die Freiheit errungen hat, seine Zeit den Bedürfnissen der anderen zu opfern. Die Erfahrung des Dienstes ist eine Erfahrung großer Freiheit in Christus.

Wer dem Bruder dient, der begegnet auf unsichtbare Weise Gott und tritt in eine besondere Übereinstimmung mit ihm ein. Es wird ihm nicht schwer fallen, Gottes Pläne mit ihm zu erkennen, und er wird sich besonders angezogen fühlen, diesen zu entsprechen. Dies wird auf alle Fälle eine Berufung zum Dienst für die Kirche und für die Welt sein.

So war es in den vergangenen Jahrzehnten mit vielen Berufen. Die Animation der Berufe seit dem Konzil ist schrittweise von einer »Pastoral der Werbung« zur »Pastoral des Dienstes« übergegangen, vor allem des Dienstes an den Ärmsten und Schwächsten.

Zahlreiche Jugendliche haben wirklich Gott und sich selbst, ihre Lebensaufgabe und die wahre Freude gefunden, indem sie ihren Brüdern Zeit und Aufmerksamkeit widmeten und schlieblich sich auch entschieden, diesen nicht nur einen Teil ihres Lebens, sondern ihre ganze Existenz zu opfern. Die christliche Berufung ist tatsächlich eine Berufung für die anderen.

d) Das Zeugnis - Verkündigung des Evangeliums

Das Zeugnis ist die Verkündigung, daß Gott dem Menschen durch die ganze Heilsgeschichte besonders in Christus nahe ist; es ist deshalb auch Verkündigung der Barmherzigkeit des Vaters mit dem Menschen, damit er Leben in Fülle habe. Diese Verkündigung steht am Anfang des Glaubensweges jedes Gläubigen. Der Glaube ist wirklich eine Gabe Gottes, und er wird durch das Beispiel der glaubenden Gemeinschaft, ihrer vielen Brüder und Schwestern, wie auch durch die katechetische Unterweisung über die Wahrheit des Evangeliums bezeugt.

Doch der Glaube wird vermittelt, und es kommt der Punkt, wo jedes Zeugnis zu einem aktiven Geschenk wird: die empfangene Gabe wird geschenkte Gabe durch das persönliche Zeugnis und die persönliche Verkündigung. Das Glaubenszeugnis beansprucht den ganzen Menschen und kann nur mit dem ganzen Sein und mit der eigenen Menschlichkeit erfolgen, mit ganzem Herzen, mit ganzem Geist, mit allen Kräften, bis hin zum blutigen Opfer des Lebens.

Dieses "crescendo" in den Bedeutungen des Begriffs ist interessant; es ist eine Steigerung, der wir im Grunde im biblischen Text, der uns begleitet, begegnen: so im Zeugnis und in der Katechese des Petrus und der Apostel am Pfingsttag und anschließend in der mutigen Katechese des Stephanus, die in seinem Martertod gipfelt (Apg 6,8; 7,60), und in dem der Apostel, die »sich freuten, daß sie gewürdigt worden waren, für seinen Namen Schmach zu erleiden« (Apg 5,41).

Doch noch interessanter ist die Entdeckung, auf welche Weise dieses Zeugnis und diese Verkündigung zu einem besonderen Weg der Berufung werden können.

Das dankbare Bewußtsein vom Geschenk des Glaubens müßte sich regelmäßig umsetzen in den Wunsch und den Willen, anderen weiterzugeben, was man selbst empfangen hat, sei es durch das Vorbild des eigenen Lebens, sei es durch den Dienst der Katechese. Diese ist dann »dazu bestimmt, die vielen Lebenssituationen zu beleuchten und jeden zu unterweisen, die eigene Berufung als Christ in der Welt zu leben«.(82) Und wenn der Katechet vor allem anderen selbst auch ein Zeuge ist, dann wird die Dimension einer solchen Berufung noch deutlicher.(83)

Der Kongreß hat die Wichtigkeit der Katechese für die Berufungen bekräftigt und in der Spendung des Sakraments der Firmung einen außerordentlichen Berufsweg für die jungen Menschen aufgezeigt. Das Firmalter könnte gerade das »Alter der Berufung« werden, eine Zeit der theologisch und pädagogisch qualifizierten Ausrichtung auf die Entdeckung und Verwirklichung der empfangenen Gabe und auf deren Bezeugung.

Das katechetische Tun sollte die Fähigkeit wecken, die Gabe des Geistes zu erkennen und zu bekennen.(84)

Die unmittelbare Begegnung mit Gläubigen, die ihre Berufung treu und mutig leben, und mit glaubwürdigen Zeugen, die konkrete Erfahrungen geglückter Berufungen vermitteln, kann ausschlaggebend werden, um den Firmlingen bei der Entdeckung und Annahme des Rufes Gottes zu helfen.

Die Berufung wurzelt jedenfalls immer im Bewußtsein eines Geschenks und in einem Bewußtsein, das derart dankbar ist, daß es ihm geradezu selbstverständlich erscheint, die eigene Erfahrung in den Dienst der anderen zu stellen, um so die Sorge um deren Wachstum im Glauben auf sich zu nehmen.

Wer aufmerksam und hochherzig das Zeugnis seines Glaubens lebt, der wird nicht zögern, den Plan Gottes mit sich anzunehmen, um mit all seinen Kräften an dessen Verwirklichung mitzuarbeiten.

Von den pastoralen Wegen zur persönlichen Berufung

28. Wir könnten zusammenfassend sagen, daß sich das Leben jedes Christen in den vier Dimensionen der Liturgie, der kirchlichen Gemeinschaft, des Dienstes der Liebe und des Zeugnisses für das Evangelium verdichtet. Dies ist seine Würde und seine Grundberufung, es ist aber auch die Voraussetzung dafür, daß ein jeder seine persönliche Identität finden kann.

Jede Gläubige muß also den gemeinsamen Vollzug der Liturgie, der geschwisterlichen Verbundenheit, des Dienstes der Liebe und der Verkündigung des Evangeliums leben, denn nur durch eine solche umfassende Erfahrung kann er seine besondere Weise erkennen, wie diese Dimensionen des Christseins zu leben sind. Folglich sind diese kirchlichen Wege zu bevorzugen; sie sind gewissermaßen die 'Hohe Schule' der Berufungspastoral, dank welcher sich das Geheimnis der einzelnen Berufung zeigen kann.

Dies sind außerdem klassische Wege, die zum Leben jeder Gemeinschaft gehören, die sich christlich nennen möchte. Sie zeigen gleichzeitig auch deren Festigkeit und Schwäche. Eben darum stellen sie nicht nur einen vorgeschriebenen Weg dar, sondern bieten Gewähr für die Echtheit der Suche und der Klärung.

Diese vier Dimensionen und Vollzüge bewirken einerseits eine ganzheitliche Einbeziehung des Subjekts, andererseits führen sie es zum Beginn einer sehr persönlichen Erfahrung, zu einer drängenden Konfrontation, zu einem unüberhörbaren Appell, zur Dringlichkeit einer Entscheidung, die man nicht ewig vertagen kann. Darum muß die Berufspastoral durch eine tiefe und ganzheitliche ekklesiale Erfahrung ausdrücklich zu einer Bestandsaufnahme verhelfen, die jeden Gläubigen »zur Entdeckung und Übernahme seiner eigenen Verantwortlichkeit innerhalb der Kirche«(85) hinführt. Berufe, die nicht von dieser Erfahrung und von dieser Einbindung in das gemeinschaftliche kirchliche Tun ausgehen, laufen Gefahr, an den Wurzeln zu kranken und von zweifelhafter Echtheit zu sein.

Für eine Erfahrung, die nur dann entscheidend sein kann, wenn sie umfassend ist, werden alle diese Dimensionen selbstverständlich gegeben und harmonisch aufeinander zugeordnet sein.

Tatsächlich gibt es oft Jugendliche, die spontan den einen oder anderen dieser Vollzüge vorziehen (einzig dem Freiwilligendienst verpflichtet; oder zu sehr von der liturgischen Dimension angezogen; große Theoretiker oder Idealisten). Es wird also notwendig sein, daß der Erzieher zu einer Verpflichtung herausfordere, die nicht auf den Geschmack des Jugendlichen zugeschnitten ist, sondern auf die objektive Glaubenserfahrung, die ihrem Wesen nach nicht auf Bestellung zu erhalten ist. Nur die Respektierung dieses objektiven Maßes kann das eigene subjektive Maß erkennen lassen.

In diesem Sinne geht die Objektivität der Subjektivität voraus, und der Jugendliche muß lernen, ihr den Vorrang zu lassen, wenn er tatsächlich sich selbst erkennen will und das, was zu sein er berufen ist. Oder anders: er muß zuerst das umsetzen, was von allen verlangt ist, wenn er wirklich er selbst sein will.

Nicht nur dies, sondern alles, was aufgrund einer Norm und einer Tradition objektiv geregelt und auf ein bestimmtes Ziel, das die Subjektivität übersteigt, ausgerichtet ist, übt eine beachtliche Anziehungskraft aus und weckt den Beruf. Freilich muß die objektive Erfahrung auch subjektiv werden oder vom einzelnen als die seinige anerkannt werden. Auszugehen ist jedoch immer von einer Quelle oder einer Wahrheit, die nicht vom Subjekt bestimmt wird und die sich der reichen Tradition des christlichen Glaubens bedient. Letztendlich »folgt die Berufspastoral den einzelnen, grundlegenden Schritten eines Glaubensweges«.(86) Auch dies spricht für ein gestuftes Vorgehen und dann für die Konvergenz der Berufungspastoral.

Von den Berufungswegen zu den christlichen Gemeinschaften

a) Die Pfarrgemeinde

29. Der Europäische Kongreß hat sich unter anderem zum Ziel gesetzt, die Berufungspastoral in das Leben der christlichen Pfarrgemeinden hineinzutragen, dorthin, wo die Menschen leben und wo besonders die Jugend mehr oder weniger stark in eine Glaubenserfahrung einbezogen ist. Es geht darum, die Berufungspastoral ausgehend vom Kreis der Mitarbeiter bis zu den Randbereichen der Ortskirche vordringen zu lassen.

Zugleich ist es bereits Zeit, die in vielen Kirchen Europas noch andauernde Experimentierphase zu überwinden, um zu wirklich pastoralen Wegen zu finden, die ins Geflecht der christlichen Gemeinde eingebunden sind, und all das aufzuwerten, was im Blick auf die geistlichen Berufe bereits überdeutlich ist.

Besondere Aufmerksamkeit verdient das Kirchenjahr, das eine ständige Glaubensschule ist, in der jeder Gläubige mit Hilfe des Heiligen Geistes gerufen ist, nach dem Bilde Jesu zu wachsen. Vom Advent, der Zeit der Hoffnung, bis Pfingsten und bis zur gewöhnlichen Zeit im Kirchenjahr feiert und entwirft der zyklisch wiederkehrende Weg des Kirchenjahres ein Bild vom Menschen, das sich am Geheimnis Jesu mißt, dem »Erstgeborenen von vielen Brüdern« (Röm 8,29).

Die Anthropologie, die das Kirchenjahr erkennen läßt, ist ein echter Berufungsentwurf, der jeden Christen anregt, immer mehr auf den Anruf zu antworten, um eine klare und persönliche Sendung in der Geschichte wahrzunehmen. Hier beginnt die Aufmerksamkeit für die alltäglichen Wege, auf die jede christliche Gemeinschaft verwiesen ist. Die pastorale Weisheit verlangt außerdem besonders von den Hirten, den Leitern der christlichen Gemeinden, eine gewissenhafte Sorge und ein aufmerksames Urteil, um den liturgischen Zeichen und dem Glaubenserlebnis Sprache zu verleihen; denn von der Gegenwart Christi im Alltag des Menschen aus ergehen die Appelle des Geistes zur Berufung.

Nicht vergessen sei, daß der Hirte, besonders der Priester als Verantwortlicher für eine christliche Gemeinde, auch der »unmittelbare Gärtner« aller Berufungen ist.

Tatsächlich ist nicht überall in den Pfarrgemeinden ein volles Bewußtsein hinsichtlich der Verantwortung für die Pflege der Berufe zu finden; während doch gerade die »Pastoralräte auf pfarrlicher und diözesaner Ebene, in Verbindung mit den nationalen Zentren für geistliche Berufe, ... in allen Gemeinschaften und in allen Bereichen der ordentlichen Pastoral die kompetenten Organe dafür sind«.(87)

Deshalb ist die Initiative jener Pfarreien zu ermutigen, die in ihrer Mitte Gruppen zur Förderung der Berufe und der verschiedenen Aktivitäten errichtet haben, »um ein Problem zu lösen, das seinen Ort im Herzen der Kirche hat«(88) (Gebetsgruppen, Tage und Wochen der geistlichen Berufe, Katechesen, Zeugnisse und alles, was dazu beitragen kann, die Sensibilität für die Berufungen zu verstärken).(89)

b) Zeichenhafte Orte für das Leben als Berufung

In diesem sensiblen und notwendigen Übergang von einer Berufungspastoral punktueller Begegnungen zu einer Berufungspastoral der 'Wege' dürfen nicht nur jene Impulse zu einer Berufung zu Wort kommen, die von den Wegen ausgehen, die den Alltag der christlichen Gemeinde ausmachen, sondern es ist klug, die zeichenhaften Orte des Lebens als Berufung und die pädagogischen Orte des Glaubens ins Licht zu rücken. Eine Kirche ist lebendig, wenn sie mit den Gaben des Geistes solche Orte wahrzunehmen und zu nützen weiß.

Die zeichenhaften Orte für den Berufungscharakter der Existenz in einer Ortskirche sind die monastischen Gemeinschaften als Zeugen des betenden Antlitzes der kirchlichen Gemeinschaft, die apostolischen Ordensgemeinschaften und die Säkularinstitute.

In einem kulturellen Umfeld, das sehr auf die vorletzten und unmittelbaren Dinge ausgerichtet ist und wo der kalte Wind des Individualismus weht, öffnen die betenden und apostolischen Gemeinschaften besonders für die jüngeren Generationen, die eindeutig für Zeichen empfänglicher sind als für Worte, wahre Dimensionen echt christlichen Lebens.

Ein besonderes Zeichen des Berufungscharakters des Lebens ist die Gemeinschaft des Diözesanseminars. Dieses spielt innerhalb unserer Kirchen eine einzigartige Rolle. Einerseits ist es ein starkes Zeichen, da es Zukunft verheißt. Die jungen Männer, die dorthin gelangen, Kinder dieser Generation, werden die Priester von morgen sein. Nicht nur dies: das Seminar ruft ganz konkret die Berufungsbezogenheit des Lebens und die Notwendigkeit des Weiheamtes für die Existenz der christlichen Gemeinde in Erinnerung.

Andererseits ist das Seminar auch ein schwaches Zeichen: denn es erfordert die unablässige Aufmerksamkeit der Ortskirche; es erfordert eine ernsthafte Berufspastoral, um jährlich mit neuen Kandidaten beginnen zu können. Dabei kann auch die materielle Unterstützung ein pädagogischer Anreiz sein, das Gottesvolk zum Gebet für alle Berufungen zu erziehen.

c) Die pädagogischen Orte des Glaubens

Neben den zeichenhaften Orten sind noch die pädagogischen Orte der Berufspastoral wertvoll, die aus Gruppen, Bewegungen, Verbänden und von der Schule selbst gebildet werden.

Jenseits der verschiedenen soziologischen Konstellationen solcher Formen von Verbänden ist deren pädagogische Effizienz vor allem auf der Ebene der Jugend hochzuschätzen, als Orte, an denen den Menschen gezielt geholfen werden kann, eine wahre Reife des Glaubens zu erreichen.

Dies kann wirksam verfolgt werden, wenn folgende drei Dimensionen der christlichen Erfahrung nicht vernachlässigt werden: die Berufung eines jeden, die Gemeinschaft der Kirche und die Sendung mit der Kirche.

d) Erziehergestalten

Im gegenwärtigen Augenblick ist mit besonderer Eindringlichkeit eine weitere pastoralpädagogische Aufmerksamkeit gefordert: die Heranbildung von wirklichen Erziehergestalten.

Die Schwäche und Problematik der pädagogischen Orte des Glaubens, die von der Kultur des Individualismus, der spontanen Gruppenzusammenschlüsse und der Krise der Institutionen auf eine harte Probe gestellt werden, hat sich überall ein wenig herumgesprochen.

Andererseits wird besonders bei den Jugendlichen das Bedürfnis nach Dialog und nach Bezugspunkten spürbar. Dafür gibt es viele Anzeichen. Es besteht Bedarf an Meistern des geistlichen Lebens, an zeichenhaften Gestalten, die fähig sind, das Geheimnis Gottes spürbar zu machen und die zum Zuhören bereit sind, um den Betroffenen zu einem ehrlichen Dialog mit dem Herrn zu verhelfen.

Starke geistliche Persönlichkeiten sind nicht nur einige besonders charismatisch begabte Personen, sondern sie sind das Ergebnis einer Erziehung, die auf den absoluten Primat des Heiligen Geistes besonders aufmerksam war.

In der Sorge um die Erziehergestalten unserer Gemeinschaften ist ein Doppeltes festzuhalten: einerseits geht es darum, das berufsbezogene, erzieherische Bewußtsein in all jenen Personen ans Licht zu bringen und wachzuhalten, die in der Gemeinde bereits zur Arbeit mit der Jugend berufen sind (Priester, Ordensleute, Laien).

Andererseits ist der erzieherische Dienst der Frau zu ermutigen und zu bilden, damit sie besonders an der Seite der Jugend eine Bezugsperson und eine weise Führerin sein kann. Tatsächlich ist die Frau in der christlichen Gemeinde stark präsent, und die intuitiven Fähigkeiten des »weiblichen Genius« sowie die breitgefächerte Erfahrung der Frau auf erzieherischem Gebiet (Familie, Schule, Gruppe, Gemeinschaft) sind allgemein anerkannt.

Der Beitrag der Frau ist hoch einzustufen, wenn nicht gar entscheidend, besonders im Bereich der Welt der weiblichen Jugend, die nicht der Welt der männlichen Jugend einfach gleichzusetzen ist. Dieser Gesichtspunkt bedarf aufmerksamer und spezifischer Überlegungen, vor allem im Bereich der Berufung.

Vielleicht ist auch dies Teil jener Wende, die die Berufungspastoral kennzeichnet. Während in der Vergangenheit auch die weiblichen Berufe von großen Gestalten geistlicher Väter ausgingen, die echte Führer von Einzelnen und Gemeinschaften waren, so bedürfen heute die weiblichen Berufe einer Beziehung zu weiblichen, persönlichen oder gemeinschaftlichen Gestalten, die fähig sind, dem Angebot von Formen und Werten Gesicht zu verleihen.

e) Die Organismen der Berufungspastoral

Damit die Berufspastoral sich als einheitliche und synthetische Perspektive der allgemeinen Pastoral darstellen kann, muß sie zunächst in ihrem eigenen Bereich die Gesamtheit und Verbindung der Charismen und der Dienste zum Ausdruck bringen.

Schon lange spürt man in der Kirche die Notwendigkeit dieser Zuordnung,(90) die, Gott sei Dank, bereits beachtliche Früchte gebracht hat: Organismen auf Pfarrei-Ebene sowie Diözesane und Nationale Informationszentren für geistliche Berufe arbeiten bereits seit Jahren mit großem Erfolg.

Doch nicht überall ist es so. Der gegenwärtige Kongreß bedauert in einigen Fällen das Fehlen oder die geringe Effizienz dieser Strukturen in einigen europäischen Nationen(91) und wünscht, daß solche ordentlich errichtet und angemessen ausgestattet werden.

Mehrfach ist noch festzustellen, daß die Diözesanzentren nicht überall von demselben Willen beseelt sind, für die Berufungen aller zu arbeiten und zusammenzuarbeiten, obwohl die nationalen Zentren einen beachtlichen Beitrag konstruktiver Anreize für eine ganzheitliche Berufspastoral bieten. Es besteht ein gewisses allgemeines Projekt ganzheitlicher Pastoral, das sich noch schwer tut, Praxis der Ortskirche zu werden, und es scheint sich gewissermaßen zu verfangen, wenn man von den allgemeinen Vorschlägen zur detaillierten Umsetzung in die Wirklichkeit der Diözese oder Pfarrei übergehen will. Hier sind tatsächlich partikularistische und weniger kirchliche Ansichten und Haltungen noch nicht ganz überwunden.(92)

Was die Diözesan- und National-Zentren betrifft, wollen wir nicht wiederholen, was schon früher in verschiedenen Dokumenten sehr gut über deren Funktion gesagt wurde. Dennoch sei daran erinnert, daß es nicht nur um eine einfache Frage der praktischen Organisation geht, sondern um eine Übereinstimmung mit einem neuen Geist, der die Berufungspastoral in der Kirche und besonders in den Kirchen Europas durchdringen muß. Die Krise der Berufe ist auch eine Krise der Gemeinschaft in der Förderung und im Hervorbringen von Berufen. Dort können keine Berufe entstehen, wo nicht auch eine echt kirchliche Gesinnung vorgelebt wird.

Neben der Empfehlung zu einer Wiederaufnahme der Bemühungen in diesem Bereich und zu einer engeren Verbindung von National- und Diözesanzentren und den Organismen in den Pfarreien wünschen der Kongreß und das vorliegende Dokument, daß solche Organismen sich zwei Anliegen mehr zu Herzen nehmen: die Förderung einer echten Kultur der Berufung in der bürgerlichen Gesellschaft, wie sie oben erwähnt wurde, und die Ausbildung von Erziehern im Bereich der Berufe, was ein echtes, ursprüngliches, zentrales und entscheidendes Element der derzeitigen Berufungspastoral darstellt.(93)

Der Kongreß bittet zudem, man möge für Europa die Schaffung eines gemeinsamen, übernationalen Zentrums der Berufungspastoral ernsthaft in Erwägung ziehen, als ein konkretes Zeichen der Gemeinschaft, der Anteilnahme, der Koordinierung und des Austauschs von Erfahrungen und Personen unter den einzelnen nationalen Kirchen,(94) unter Wahrung ihrer jeweiligen Besonderheiten.

VIERTER TEIL
PÄDAGOGIK DER BERUFUNG

»Brannte uns nicht das Herz in der Brust?...« (Lk 24,32)

Dieser pädagogische Teil ist dem Evangelium entnommen und folgt dem Beispiel jenes außergewöhnlichen Animators und Erziehers zur Berufung, der Jesus war. Er zielt auf eine Berufswerbung ab, die von ganz bestimmten evangelischen Verhaltensmustern ausgeht: säen, begleiten, erziehen, ausbilden, entscheiden.

Wir sind am letzten Teil angelangt, an jenem, der im Aufbau des Dokuments der methodisch-praktische Teil sein soll. Wir haben mit einer Analyse der konkreten Lage begonnen, um dann die tragenden theologischen Elemente im Thema der Berufung zu beschreiben. Dann versuchten wir, zum konkreten Leben unserer Gemeinschaften vorzudringen, um die Bedeutung und die Richtung der Berufspastoral zu beschreiben.

So bleibt noch die pädagogische Dimension der Berufspastoral zu behandeln.

Berufungskrise und Erziehungskrise

30. Oftmals sind in unseren Kirchen die Ziele und die grundlegenden Maßnahmen klar, doch die konkreten Schritte, um in unseren Jugendlichen die Bereitschaft für eine Berufung wachsen zu lassen, bleiben unklar. Dies kommt daher, daß innerhalb und außerhalb der Kirche gewisse pädagogische Einrichtungen recht schwach erscheinen; diese sollten ja neben der Festlegung des angestrebten Zieles auch die pädagogischen Wege dorthin bereitstellen. Mit dem ihm eigenen Realismus sagt das instrumentum laboris: »Wir müssen tatsächlich die Schwäche so vieler pädagogischer Orte feststellen (Gruppe, Gemeinschaft, Oratorium, Schule und besonders die Familie)«.(95) Die Krise der Berufe ist sicherlich auch eine Krise des pädagogischen Angebots und des erzieherischen Weges.

Ausgehend vom Wort Gottes wollen wir also diesen Einklang von Ziel und Methode aufzeigen, in der Überzeugung, daß eine gute Theologie sich gewöhnlich auch in die Praxis umsetzen läßt, so daß sie Pädagogik wird, Wege erkennen läßt, verbunden mit dem ernsten Willen, den verschiedenen Arbeitern in der Pastoral eine Hilfe anzubieten und ein Instrument, das allen nützen kann.

Das Evangelium der Berufung

31. Jede Begegnung oder jedes Gespräch im Evangelium hat eine berufungsbezogene Bedeutung: wenn Jesus auf den Wegen Galiläas geht, ist er immer der Gesandte des Vaters, der den Menschen zum Heil ruft und ihm den Plan des Vaters enthüllt. Die frohe Botschaft, das Evangelium, tut genau dasselbe: der Vater hat den Menschen durch den Sohn im Geist berufen; er hat ihn nicht nur zum Leben berufen, sondern zur Erlösung, und zwar nicht nur zu einer Erlösung, die andere für ihn verdient haben, sondern zu einer Erlösung, die ihn selbst in erster Person mit einbezieht und ihn verantwortlich macht für die Erlösung der anderen.

In dieser aktiven und passiven Erlösung, die empfangen und mit anderen geteilt wird, liegt der Sinn jeder Berufung; darin liegt der Sinn der Kirche selbst als einer Gemeinschaft von Glaubenden, Heiligen und Sündern, die alle »berufen« sind, am gleichen Geschenk und an derselben Verantwortung teilzuhaben. Es ist das Evangelium der Berufung.

Die Pädagogik der Berufung

32. In diesem Evangelium suchen wir eine entsprechende Pädagogik, die im Grunde die von Jesus sein wird, die echte Pädagogik der Berufung. Es ist die Pädagogik, die jeder Berufsanimator oder jeder Evangelisator anwenden müßte, um den Jugendlichen zur Erkenntnis des Herrn der ihn ruft, und zu einer Antwort darauf zu führen.

Wenn das Geheimnis Christi, des menschgewordenen Gottessohnes, der Bezugspunkt der Berufungspädagogik ist, dann finden sich in seinem »berufungsorientierten« Tun viele wichtige Gesichtspunkte und Dimensionen.

Vor allem wird uns in den Evangelien Jesus eher als Ausbilder dargestellt, denn als Animator, eben weil er immer in engster Verbundenheit mit dem Vater, der den Samen des Wortes Gottes ausstreut und »e-ducat«(= aus dem Nichts herausführt), und mit dem Geist wirkt, der auf dem Weg der Heiligung begleitet.

Solche Gesichtspunkte öffnen wichtige Perspektiven für den, der in der Pastoral der Berufe arbeitet und darum selbst gerufen ist, nicht nur Animator eines Berufes zu sein, sondern zuerst noch Sämann des guten Samens der Berufung, und dann erst Begleiter zu sein auf dem Weg, der das Herz »brennen« macht, Erzieher zum Glauben und zum Hören auf den rufenden Gott, Ausbilder eines menschlichen und christlichen Verhaltens, das Antwort ist auf den Anruf Gottes;(96) und er ist schließlich gerufen, das Vorhandensein jener Gabe, die von oben kommt, zu beurteilen.

Es sind die fünf zentralen Merkmale der Arbeit für die Berufe oder die fünf Dimensionen im Geheimnis des Rufes, der von Gott ausgeht und den Menschen durch die Vermittlung eines Bruders oder einer Schwester oder einer Gemeinschaft erreicht.

Säen

33. »Ein Sämann ging aufs Feld um zu säen. Als er säte, fiel ein Teil der Körner auf den Weg, und die Vögel kamen und fraßen sie. Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war; als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte. Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen, und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat. Ein anderer Teil schließlich fiel auf guten Boden und brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach« (Mt 13,3-8).

Dieser Abschnitt zeigt uns gewissermaßen den ersten Schritt eines pädagogischen Weges, das erste Verhalten dessen, der sich als Vermittler zwischen Gott, der ruft, und den Menschen, der gerufen ist, stellt und der sich notwendigerweise nach dem Tun Gottes ausrichtet. Gott Vater ist der Sämann; Kirche und Welt sind der Ort, wohin er unablässig den Samen ausstreut, in völliger Freiheit und ohne irgendwelche Ausnahme, in einer Freiheit, die die Freiheit des Geländes respektiert, auf das der Same fällt.

a) Zwei Freiheiten im Dialog

Das Gleichnis vom Sämann zeigt, daß die christliche Berufung ein Dialog zwischen Gott und der menschlichen Person ist. Der wichtigste Sprecher ist Gott, der ruft, wen er will, wann er will und auf welche Weise er will, »aus eigenem Entschluß und aus Gnade« (2 Tim 1,9); der alle zum Heil beruft, ohne sich von der Bereitschaft des Empfangenden abhängig zu machen. Aber die Freiheit Gottes begegnet der Freiheit des Menschen in einem geheimnisvollen und faszinierenden Dialog aus Worten und Schweigen, aus Mitteilung und Tun, aus Blicken und Gesten; eine Freiheit, die vollkommen ist, die Freiheit Gottes, und die andere Freiheit, die unvollkommen ist, die menschliche Freiheit. Die Berufung ist also völlig ein Handeln Gottes, aber sie ist auch ein wirkliches Tun des Menschen: Arbeit und Eindringen Gottes ins Herz der menschlichen Freiheit, aber auch Mühsal und Kampf des Menschen, um frei zu sein, dieses Geschenk anzunehmen.

Wer einen Bruder auf dem Weg der Berufsklärung begleitet, tritt in das Geheimnis der Freiheit ein und weiß, daß er nur dann helfen kann, wenn er dieses Geheimnis achtet; auch wenn dies, wenigstens dem Schein nach, ein geringeres Ergebnis beinhalten sollte, genau wie beim Sämann im Evangelium.

b) Der Mut, überall zu säen

Gerade die Achtung dieser beiden Freiheiten bedeutet vor allem den Mut, den guten Samen des Evangeliums von der Auferstehung des Herrn, vom Glauben und von der Nachfolge zu säen. Dies ist die Voraussetzung; man kann überhaupt keine Berufspastoral betreiben, wenn dieser Mut nicht gegeben ist. Nicht nur dies; man muß überall säen, im Herzen eines jeden, ohne Bevorzugung oder Ausnahme. Wenn jeder Mensch Geschöpf Gottes ist, ist er auch Träger einer Gabe, einer besonderen Berufung, die anerkannt werden will.

Oft klagt man in der Kirche über die spärlichen Antworten betreffs der Berufung. Man übersieht dabei, daß das Angebot sich oft nur an einen beschränkten Personenkreis richtet und womöglich nach einer ersten Ablehnung sofort zurückgezogen wird. Es sei also daran erinnert, was Paul VI. sagte: »Daß doch keiner durch unsere Schuld das nicht kenne, was er wissen muß, um dem eigenen Leben eine andere und bessere Ausrichtung zu geben«.(97) Und dennoch, wie viele Jugendliche haben nie eine christliche Einladung vernommen betreffs ihres Lebens und ihrer Zukunft!

Es ist einzigartig, den Sämann des Gleichnisses zu beobachten, wie er mit großzügiger Hand den Samen »überallhin« ausstreut; und es ist bewegend, in diesem Bild das Herz Gottes, des Vaters, zu erkennen. Es ist das Bild Gottes, der ins Herz eines jeden einen Heilsplan hineinsät; oder wenn wir wollen, es ist das Bild der »verschwenderischen« göttlichen Großzügigkeit, die sich allen mitteilt, weil sie alle retten und zu sich rufen will.

Es ist das Bild des Vaters selbst, das im Handeln Jesu offenkundig wird, der die Sünder zu sich ruft, der seine Kirche aufbauen will mit Leuten, die für diese Sendung offensichtlich ungeeignet sind, der keine Schranken kennt und nicht auf die Person schaut.

In diesem Bild sich wiederfindend sät der Arbeiter in der Berufspastoral seinerseits aus, verkündet, schlägt vor, macht betroffen, immer mit derselben Großzügigkeit; und es ist gerade die sichere Überzeugung vom Samen, den der Vater in das Herz jeder Kreatur hineingelegt hat, die ihm die Kraft gibt, überallhin zu gehen und den guten Samen der Berufung auszusäen, nicht in den üblichen Räumen zu verharren und neue Bereiche anzugehen, um ungewohnte Versuche zu wagen und sich an jeden Menschen zu wenden.

c) Die Aussaat zur rechten Zeit

Es gehört zur Weisheit des Sämanns, den guten Samen der Berufung zum günstigsten Zeitpunkt auszustreuen. Das bedeutet nun wirklich nicht, die Zeiten der Berufsentscheidung zu beschleunigen oder zu erwarten, daß ein Jugendlicher schon die Entscheidungsreife eines jungen Erwachsenen besitze, sondern es bedeutet, den Berufungscharakter des menschlichen Lebens zu verstehen und zu achten.

Jede Lebenszeit trägt Berufungscharakter, angefangen vom Augenblick, wo der junge Mensch sich auf das Leben hin öffnet und dessen Sinn verstehen will, und wo er sich die Frage nach seinem Ort im Leben stellt. Diese Frage im rechten Moment nicht zu stellen, könnte das Keimen des Samens beeinträchtigen: »Die pastorale Erfahrung zeigt, daß in den meisten Fällen das erste Anzeichen für einen Beruf in die Zeit der Kindheit oder Jugend fällt. Darum scheint es wichtig zu sein, Worte zu finden oder anzubieten, die diese ersten Anzeichen für eine Berufung anregen, stützen und begleiten«,(98) freilich ohne sich allein darauf zu beschränken. Jede Person hat ihre Rhythmen und ihre Zeiten des Reifens. Wichtig ist, daß sie einen guten Sämann zur Seite hat.

d) Das kleinste aller Samenkörner

Es ist sicher nicht einfach, heutzutage »Sämann« von Berufen zu sein, und zwar aus Gründen, die wir kennen: es gibt keine eigentliche Kultur der Berufungen; das herrschende anthropologische Bild scheint jenes des »Menschen ohne Berufung« zu sein; das soziale Umfeld ist ethisch neutral, und es fehlen ihm zukunftsweisende Handlungsmodelle. Alle diese Elemente scheinen dazu beizutragen, die Einladung zu einer Berufung zu schwächen, und sie lassen uns womöglich die Worte Jesu vom Reich Gottes (vgl. Mt 13,31 ff) auf sie anwenden: der Same der Berufung ist wie ein kleines Senfkorn, das, wenn es gesät, d.h. vorgeschlagen oder als gegeben aufgezeigt wird, das kleinste unter den Samenkörnern ist. Auch Berufung findet anfangs häufig keine sofortige Annahme, ja wird abgelehnt und geleugnet, ist wie erstickt von anderen Erwartungen und Plänen, wird nicht ernst genommen; oder wird mit Argwohn und Mißtrauen angesehen, als ob sie ein Same des Unglücks wäre.

Folglich weigert sich der Jugendliche, erklärt sich uninteressiert und hat seine Zukunft bereits belastet (oder andere taten es für ihn); oder es könnte ihm womöglich gefallen und ihn interessieren, aber er ist sich nicht so sicher, und zudem ist es zu schwer und macht ihm Angst...

In dieser ängstlichen und ablehnenden Reaktion ist nichts Befremdendes oder Absurdes; im Grunde hat es der Herr schon so gesagt. Der Same der Berufung ist der kleinste von allen, er ist schwach und unaufdringlich, eben weil er Ausdruck der Freiheit Gottes ist, der die Freiheit des Menschen mit letzter Konsequenz achten will. Dann bedarf es auch der Freiheit dessen, der den Menschen auf diesem Weg führt: einer Freiheit des Herzens, die es auch ermöglicht, angesichts der anfänglichen Verweigerung und Interesselosigkeit sich nicht zurückzuziehen.

Jesus sagt uns in der Kürze des Gleichnisses vom Senfkorn: »Sobald es aber hochgewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse« (Mt 13,32); es ist also ein Samen, der seine eigene Kraft in sich trägt, auch wenn diese nicht sofort erkennbar und überwältigend ist, ja er bedarf sogar großer Pflege, um reifen zu können. Es gibt so etwas wie ein Grundgeheimnis, das zur Weisheit der Bauern gehört: um überhaupt etwas zur rechten Zeit ernten zu können, muß man auf alles achten, wirklich auf alles, von der Aussaat bis zur Ernte; man muß seine Aufmerksamkeit auf alles richten, von dem, was das Wachstum fördert, bis zu dem, was es verhindert. Auch gegen Wind und Wetter der Jahreszeiten muß man es schützen. Mit der Berufung geschieht es ähnlich. Die Aussaat ist nur der erste Schritt, dem jedoch mit Aufmerksamkeit weitere folgen müssen, damit die beiden Freiheiten in das Geheimnis eines Berufungsdialogs einmünden.

Begleiten

34. »Am gleichen Tag waren zwei von den Jüngern auf dem Weg in ein Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist. Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte. Während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus hinzu und ging mit ihnen. Doch sie waren wie mit Blindheit geschlagen, so daß sie ihn nicht erkannten« (Lk 24,13-16).

Um den pädagogischen Gehalt des Begleitens, Erziehens und Ausbildens zu beschreiben, wählen wir die Geschichte der beiden Jünger von Emmaus. Es ist ein bedeutungsvoller Text; denn außer der Weisheit seines Inhaltes und der von Jesus angewandten pädagogischen Methode glauben wir, in den beiden Jüngern auch das Abbild so vieler heutiger Jugendlicher wiederzuerkennen, die traurig und mutlos zu sein, und die die Freude an der Suche ihrer Berufung verloren zu haben scheinen.

Der erste Schritt oder die erste Aufmerksamkeit auf diesem Weg besteht darin, sich jemandem an die Seite zu stellen: der Sämann oder derjenige, der im Jugendlichen das Bewußtsein vom Samen, der in den Grund seines Herzens gelegt ist, wachgerufen hat, wird nun zum Begleiter.

Im theologischen Teil der vorliegenden Überlegungen wurde der Dienst des Begleitens als charakteristisch für den Heiligen Geist bezeichnet; tatsächlich ist es der Geist des Vaters und des Sohnes, der neben dem Menschen einhergeht, um ihn an das Wort des Meisters zu erinnern; es ist auch der Geist, der im Menschen wohnt und in ihm das Bewußtsein weckt, Sohn des Vaters zu sein. Es ist also der Geist das Modell, an dem sich jener ältere Bruder oder jene ältere Schwester orientieren muß, der bzw. die einen jüngeren Bruder oder eine jüngere Schwester in deren Suche begleitet.

a) Werdegang der Berufung

Nachdem wir den berufspastoralen Werdegang der Berufung beschrieben haben, fragen wir uns nun: Wie sieht der Werdegang eines Berufes auf pädagogischer Ebene aus?

Der pädagogische Werdegang einer Berufung ist eine Reise, die die Glaubensreife zum Ziel hat, ist wie eine Pilgerfahrt zum Erwachsenenalter des Gläubigen, der gerufen ist, über sich und über sein Leben in Freiheit und Verantwortung zu befinden, entsprechend dem geheimnisvollen Plan, den Gott für ihn erdacht hat. Eine solche Reise geschieht in Etappen und in Begleitung eines älteren Bruders oder einer Schwester im Glauben und in der Jüngerschaft, die den Weg, die Stimme und die Schritte Gottes kennen, die dabei helfen, den rufenden Herrn zu erkennen und den rechten Weg zu finden, auf dem ihm entgegenzugehen und zu antworten ist.

Der Werdegang eines Berufes ist demnach vor allem ein Weg mit Ihm, dem Herrn des Lebens, mit jenem »Jesus in Person«, wie Lukas sagt, der sich dem Weg des Menschen anschließt, ihn mit ihm geht und in dessen Geschichte eintritt. Doch die Augen des Fleisches können ihn oft nicht erkennen. Dann wird das Gehen des Menschen einsam, der Dialog überflüssig, das Suchen droht ewig zu dauern, zu einem endlosen und oft narzistischen »Erfahrungen-machen« zu werden, auch berufungsbezogene, ohne jeden abschließenden Erfolg. Es ist womöglich erste Aufgabe des Berufsbegleiters, die Anwesenheit eines Anderen aufzuzeigen oder die Relativität der eigenen Nähe und Begleitung einzugestehen, um Vermittler dieser Gegenwart oder dieses Weges zur Entdeckung des rufenden Gottes zu sein, der jedem Menschen nahesteht.

Wie die beiden Jünger von Emmaus oder wie Samuel in der Nacht haben unsere Jugendlichen oft keinen Blick, um zu sehen, keine Ohren, um den zu hören, der neben jedem einhergeht und so inständig wie taktvoll ihre Namen nennt. Der begleitende Bruder ist ein Zeichen für dieses taktvolle Drängen; seine Aufgabe ist es, den Ursprung dieser geheimnisvollen Stimme erkennen zu helfen; er redet nicht von sich, sondern verkündet einen Anderen, obschon dieser bereits da ist, wie Johannes der Täufer dies tat.

Der Dienst der Berufsbegleitung ist ein demütiger Dienst von jener heiteren und gelassenen Demut, die der Freiheit im Geist entspringt und sich »mit dem Mut des Hinhörens, der Liebe und des Dialogs« ausdrückt. Dank dieser Freiheit gewinnt die Stimme des Rufers an Klarheit und Entscheidungskraft. Und der Jugendliche sieht sich Gott gegenüber, entdeckt mit Staunen, daß es der Ewige ist, der durch die Zeit an seiner Seite geht und ihn zu einer endgültigen Entscheidung ruft!

b) Die Brunnen lebendigen Wassers

»Jesus war müde von der Reise und setzte sich an den Brunnen« (Joh 4,6); es ist der Anfang dessen, was wir als ein nichtöffentliches Berufungsgespräch bezeichnen könnten: die Begegnung Jesu mit der Samariterin. Die Frau macht während dieser Begegnung tatsächlich einen Weg zur Erkenntnis ihrer selbst und des Messias und wird gewissermaßen sogar dessen Verkünderin.

Auch in diesem Text zeigt sich die absolute Freiheit Jesu, überall und in allen seine Boten zu suchen. Einzigartig ist die Aufmerksamkeit dessen, der der Weg des Menschen zum Vater ist, wenn es darum geht, dem Geschöpf auf dessen Wegen zu begegnen oder dort auf es zu warten, wo dessen Erwartung am offenkundigsten und stärksten ist. Dies kann man im symbolischen Bild des »Brunnens« sehen. In der alten jüdischen Gesellschaft waren die Brunnen Lebensquellen, Grundvoraussetzung für das Überleben eines Volkes, das immer gegen Wassermangel anzukämpfen hatte; und gerade um dieses Symbol des Wassers des Lebens und für das Leben baut Jesus mit feinfühliger Pädagogik sein Gespräch mit der Frau auf. Einen Jugendlichen begleiten bedeutet, »die Brunnen« von heute orten zu können, alle jene Orte und Momente, Herausforderungen und Erwartungen, an denen früher oder später alle Jugendlichen mit ihren leeren Krügen vorbeikommen müssen, mit ihren unausgesprochenen Fragen, mit ihrer behaupteten und oft nur zur Schau gestellten Selbstgenügsamkeit, mit ihrem tiefen und unauslöschbaren Verlangen nach Echtheit und nach Zukunft.

Die Berufspastoral kann nicht in »Wartestellung« verharren, sondern muß Aktivität dessen sein, der sucht und sich nicht geschlagen gibt, bis er gefunden hat, und der sich selbst finden läßt am rechten Ort oder am rechten Brunnen, dort, wo der Jugendliche Leben und Zukunft für sich erwartet.

Der Berufsbegleiter muß unter diesem Gesichtspunkt »intelligent« sein, einer, der nicht notwendigerweise seine Fragen aufdrängt, sondern von jenen des Jugendlichen selbst ausgeht, und zwar von jeder Art von Frage; und er muß einer sein, der fähig ist, wenn nötig »die Berufsfrage zu wecken und zu entdecken, die im Herzen jedes Jugendlichen wohnt, aber darauf wartet, von echten Berufsbildnern geborgen zu werden«.(99)

c) Mit-teilen und Mit-Berufensein

Eine Berufung zu begleiten bedeutet vor allem, etwas gemeinsam haben: das Brot des Glaubens, der Erfahrung Gottes, der Mühe des Suchens, bis hin zum Mit-teilen der Berufung, selbstverständlich nicht um sie aufzudrängen, sondern um die Schönheit eines Lebens zu bekunden, das sich nach dem Plan Gottes gestaltet.

Der richtige Ton in der Berufsbegleitung ist nicht der belehrende oder ermahnende und auch nicht der einseitig freundschaftliche, auch nicht von seiten des geistlichen Leiters (verstanden als einer, der das Leben eines andern sofort in eine bestimmte Richtung drängt), sondern es ist der Ton der confessio fidei.

Wer eine Berufung begleitet, bezeugt die eigene Berufswahl, oder besser, das eigene Erwähltsein von Gott. Er erzählt — nicht notwendigerweise in Worten — seinen eigenen Berufsweg und die andauernde Entdeckung seiner selbst im Charisma seiner Berufung; er stellt auch die Mühe, die Neuheit, das Risiko, die Überraschung und die Schönheit dar und macht sie verständlich.

So entsteht eine Berufungskatechese von Mensch zu Mensch, von Herz zu Herz, reich an Menschlichkeit und Originalität, an Leidenschaftlichkeit und Überzeugungskraft, eine wissens- und erfahrungsmäbige Animation. Es ist ein wenig wie die Erfahrung der ersten Jünger Christi, »Sie gingen mit ihm und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm« (Joh 1,39); es war eine tief betroffen machende Erfahrung, wenn Johannes nach vielen Jahren sich noch daran erinnert, daß es »gegen vier Uhr nachmittags war«.

Man kann Berufsanimation nur durch Ansteckung bewirken, durch direkten Kontakt, weil das Herz voll ist und die Erfahrung der Schönheit weiterhin siegt. »Die Jugendlichen sind am Lebenszeugnis von Menschen, die bereits auf einem geistliche Weg sind, sehr interessiert. Priester und Ordensleute müssen den Mut aufbringen, konkrete Zeichen ihres geistlichen Weges zu geben. Darum ist es wichtig, Zeit für die Jugendlichen aufzuwenden, auf ihrer Ebene sich zu bewegen, dort, wo sie sich befinden, sie anzuhören und auf die Fragen einzugehen, die sich aus der Begegnung ergeben«. (100)

Genau aus diesem Grunde ist der Berufsbegleiter auch ein Begeisterter seiner eigenen Berufung und seiner Möglichkeit, diese anderen zu vermitteln: er ist nicht nur überzeugter Zeuge, sondern zufriedener Zeuge, und deshalb auch überzeugend und glaubwürdig.

Nur so erreicht die Botschaft die spirituelle Ganzheitlichkeit der Person, d.h. Herz, Geist und Willen, indem sie etwas anbietet, das wahr, schön und gut ist.

Dies ist der Sinn von Mit-Berufung: niemand kann an der Seite eines Verkünders einer derart »Frohen Botschaft« gehen und sich nicht betroffen fühlen, »vollkommen berufen«, in allen Bereichen seiner Persönlichkeit, und ständig gerufen: zunächst von Gott, dann aber auch von vielen Personen, Idealen, unvorhersehbaren Situationen, unterschiedlichen Provokationen und menschlichen Vermittlungen des göttlichen Rufes.

Dann kann das Anzeichen für die Berufung besser wahrgenommen werden.

Erziehen (e-ducare)

35. Und er sagte: »Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet? Da blieben sie traurig stehen, und einer von ihnen — er hieß Kleopas — antwortete ihm: Bist du so fremd in Jerusalem, daß du als einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Er fragte sie: Was denn? Sie antworteten ihm: Das mit Jesus von Nazareth. Er war ein Prophet, mächtig in Wort und Tat vor Gott und dem ganzen Volk... Da sagte er zu ihnen: Begreift Ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Mußte nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen? Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht. So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat, als wolle er weitergehen, aber sie drängten ihn und sagten: Bleib doch bei uns, denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt. Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben«..... (Lk 24,17-29).

In der Berufsbegleitung geht es nach der Aussaat entlang des begleiteten Weges darum, den Jugendlichen zu erziehen. Erziehen im etymologischen Sinn des Wortes, gleichsam einem Heraus-ziehen (e-ducere) der Wahrheit in ihm; herausziehen dessen, was er im Herzen trägt, auch was er von sich noch nicht weiß und kennt, wie Schwächen und Erwartungen, um eine freie Antwort auf seine Berufung zu fördern.

a) Erziehen zur Selbsterkenntnis

Jesus naht sich den beiden und fragt sie, worüber sie reden. Er weiß es bereits, doch möchte er, daß beide vor sich selbst offen seien, indem sie ihre Trauer und ihre enttäuschten Hoffnungen in Worte fassen, und er ihnen dann helfe, sich ihrer Schwierigkeiten und der wahren Ursachen ihrer Verwirrung bewußt zu werden. So sind die beiden praktisch gezwungen, das jüngste Geschehen erneut zu überdenken und den wahren Grund ihrer Trauer kundzutun.

»Wir hatten gehofft...«; doch die Geschichte schien sich entgegen ihren Erwartungen entwickelt zu haben. Ja, in Wirklichkeit hatten sie all ihre bedeutenden Erfahrungen im unmittelbaren Kontakt mit Jesus gemacht, »mächtig in Wort und Tat«; nun ist es aber, als wäre dieser Glaubensweg plötzlich unterbrochen angesichts eines so unverständlichen Ereignisses, wie Leiden und Tod dessen es waren, der Israel eigentlich hätte befreien sollen.

»Wir hatten gehofft...«; wie soll man in dieser unvollendeten Geschichte nicht das Geschick so vieler Jugendlicher wiedererkennen, die an der Berufsfrage interessiert sind, sich herausfordern lassen und gute Bereitschaft zeigen, aber dann plötzlich angesichts der zu treffenden Entscheidung stehen bleiben? Jesus zwingt die beiden Jünger gewissermaßen dazu, die Diskrepanz zwischen ihren Hoffnungen und den Plänen Gottes, wie sie in Jesus sich erfüllten, zuzulassen, zwischen ihrem Verständnis des Messias und dessen Tod am Kreuz, zwischen ihren so menschlichen und vielversprechenden Erwartungen und dem Sinn eines Heils, das von oben kommt.

Auf gleiche Weise ist es wichtig und entscheidend, den Jugendlichen dabei zu helfen, daß ihnen das Grund-Mißverständnis bewußt wird: jene zu irdische und zu ichbezogene Sicht des Lebens, die eine Berufsentscheidung schwer oder gar unmöglich macht oder die die Anforderungen der Berufung als überzogen erscheinen läßt, als ob Gott ein Feind des menschlichen Glückes wäre.

Viele Jugendliche haben ihre Berufung abgewiesen, nicht weil sie etwa eng und gleichgültig gewesen wären, sondern einfach weil man ihnen nicht geholfen hat, sich zu erkennen und die zweifelhafte und heidnische Wurzel gewisser geistiger und emotionaler Schablonen zu entdecken und weil ihnen nicht geholfen wurde, sich zu befreien von ihren bewußten oder unbewußten Ängsten und Verweigerungen gegenüber der Berufung selbst. Wie viele erstorbene Berufungen sind auf dieses erzieherische Schweigen zurückzuführen!

Erziehen bedeutet vor allem, die Wirklichkeit des Ich, wie es ist, zu entdecken, wenn man es dann dazu bringen will, zu sein, wie es sein soll: die Ehrlichkeit ist ein wesentlicher Schritt auf die Wahrheit hin, doch bedarf es in jedem Fall der Hilfe von außen, um das Innere gut zu erkennen. Der Erzieher zur Berufung muß darum die Verließe des menschlichen Herzens kennen, um den Jugendlichen beim Aufbau seines wahren Ichs zu begleiten.

b) Zum Geheimnis erziehen (Mystagogik)

Hier entsteht ein Widerspruch. Wenn der Jugendliche zu seinen Quellen geführt ist und auch seinen Schwächen und Ängsten ins Auge schauen kann, dann hat er das Gefühl, die Motive für bestimmte Haltungen und Reaktionen besser zu verstehen, und er versteht gleichzeitig die Wirklichkeit des Geheimnisses immer besser als einen Schlüssel zum Verständnis des Lebens und seiner Person.

Es ist unverzichtbar, daß der Jugendliche sein Nichtwissen annimmt, sich nicht bis ins letzte zu kennen.

Das Leben liegt nicht völlig in seinen Händen, denn das Leben ist Geheimnis; andererseits aber ist das Geheimnis Leben. Anders gesagt: das Geheimnis ist die unentdeckte Seite des Ich, die noch nicht gelebt wird und die darauf wartet, entschlüsselt und verwirklicht zu werden; das Geheimnis ist jene Wirklichkeit der Person, die erst noch wachsen muß, reich an Leben und an noch unberührten existentiellen Möglichkeiten; es ist jener Teil, der das Ich hervorbringt.

Also ist die Annahme des Geheimnisses ein Zeichen von Einsicht, von innerer Freiheit, von Willen nach Zukunft und nach Neuem, ein Zeichen von Ablehnung eines sich immer wiederholenden und passiven, langweiligen und bedeutungslosen Lebensbildes. Hier versteht man, weshalb wir anfangs gesagt haben, daß die Berufspastoral mystagogisch sein muß und daß sie deshalb vom Geheimnis Gottes ausgehen muß, um zum Geheimnis des Menschen zurückzuführen. Der Verlust des Gespürs für das Geheimnis ist eine der Hauptursachen der Krise der Berufe.

Gleichzeitig wird die Kategorie des Geheimnisses zu einer propädeutischen Kategorie des Glaubens. Es ist möglich und gewissermaßen auch natürlich, daß der Jugendliche an diesem Punkt in seinem Inneren etwas neu entstehen spürt, wie ein Bedürfnis nach Offenbarung, d.h. eine Sehnsucht, daß doch der Urheber des Lebens selbst ihm den Sinn des Lebens und den Ort, den er in ihm einzunehmen hat, offenbaren möge. Wer anders als der Vater könnte diese Offenbarung geschehen lassen?

Andererseits ist es nicht so wichtig, daß der Jugendliche (oder der Begleiter) sofort den Weg erkenne, den er zu gehen hat: worauf es ankommt ist, daß er in jedem Fall entdeckt und sich dafür entscheidet, daß die Suche nach dem Fundament seiner Existenz außerhalb seiner selbst in Gott Vater anzusiedeln ist. Eine echter Weg zur Berufung führt immer und überall zur Entdeckung der Vaterschaft und Mutterschaft Gottes!

c) Erziehung zur Deutung des Lebens

Im Evangelium lädt Jesus die beiden von Emmaus gewissermaßen ein, zum Leben zurückzukehren, zu jenen Ereignissen, die Ursache ihrer Traurigkeit waren, und zwar durch eine behutsame Methode der Deutung, die nicht nur fähig ist, die Ereignisse in Bezug auf einen zentralen Sinngehalt miteinander zu verbinden, sondern im geheimnisvollen Gewebe der menschlichen Existenz den roten Faden eines göttlichen Planes zu entdecken. Es ist dies die Methode, die genetisch-historisch genannt werden könnte und die in der eigenen Biographie die Schritte und Spuren des Vorübergangs Gottes und somit auch seine rufende Stimme suchen und finden lassen könnte. Diese Methode

– ist gleichzeitig deduktiv und induktiv, oder geschichtlich-biblisch: sie geht gleichzeitig von der geoffenbarten Wahrheit und der geschichtlichen Wirklichkeit aus und fördert so einen dauernden Dialog zwischen dem subjektiv Erlebten (die von den beiden Jüngern genannten Ereignisse) und dessen Beziehung zum Wort Gottes (»Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht« - Lk 24,27);

– verweist durch den Verbindlichkeitscharakter des Wortes Gottes und durch die Zentralität des Ostergeheimnisses des toten und wieder auferstandenen Christus auf einen präzisen Interpretationsschlüssel für die existentiellen Ereignisse, ohne irgendein Vorkommnis zu übergehen, sei es noch so schwer und schmerzhaft (»Mußte nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?« - Lk 24,26);

Die Deutung der Lebensgeschichte wird so zu einem höchst geistlichen und nicht nur psychologischen Tun, da sie dazu führt, im Leben die helle und geheimnisvolle Gegenwart Gottes und seines Wortes zu erkennen.(101) Sie ermöglicht auch, innerhalb dieses Geheimnisses allmählich den Keim der Berufung wahrzunehmen, den der Vater selbst in die Furchen des Lebens eingesenkt hat. Dieser Same, so klein er sein mag, beginnt nun sichtbar zu werden und zu wachsen.

d) Erziehen zur An-Rufung (in-vocare)

Wenn die Deutung des Lebens ein geistliches Tun ist, dann führt dies die Person zwangsläufig nicht nur zur Erkenntnis ihres Hungers nach Offenbarung, sondern zu dessen Feier im Gebet der An-Rufung. Erziehen heißt: die Wahrheit über das Ich heraus-rufen. Dieses Herausrufen hat seinen Ursprung im Raum des anrufenden Betens, in einem Gebet, das eher Vertrauen besagt als Bitte, eines Gebets, das Staunen und Dankbarkeit ist, aber auch Kampf und Spannung, schmerzliches »Schürfen« der eigenen Ambitionen und Erwartungshaltungen, der Fragen, der Suche des Andern: des Vaters, der im Sohn jedem Suchenden den rechten Weg zeigt.

Dann jedoch wird das Gebet zum Ort der Erkenntnis der Berufung, der Erziehung zum Hören auf den rufenden Gott, denn eine jede Berufung hat ihren Ursprung in den Räumen des anrufenden, geduldigen und vertrauensvollen Gebets; dies wird nicht von der Erwartung einer raschen Antwort getragen, sondern von der Gewißheit oder der Hoffnung, daß die Bitte nicht unerhört bleiben kann und daß sie zur rechten Zeit dem Bittenden seine Berufung zeigen wird.

In der Emmausgeschichte enthüllt sich dies alles in einem wesentlichen Wort, vielleicht dem schönsten Gebet, das je von einem Menschenherzen gesprochen wurde: »Bleib doch bei uns, denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt« (Lk 24,29). Es ist die Bitte dessen, der weiß, daß ohne den Herrn sofort die Nacht des Lebens hereinbricht, daß ohne sein Wort die Dunkelheit des Unverständnisses oder der Verwirrung des Ichs herrscht; das Leben erscheint sinnlos und ohne Berufung. Es ist die Anrufung dessen, der womöglich seinen Weg noch nicht gefunden hat, der aber spürt, daß er in Seiner Nähe sich selbst findet, da nur Er »Worte des ewigen Lebens« hat (Joh 6,67-68).

Diese Art von anrufendem Gebet lernt man nicht spontan, sondern es verlangt eine lange Schulung; und man lernt es nicht von sich, sondern mit der Hilfe dessen, der gelernt hat, in das Schweigen Gottes hineinzuhorchen. Auch kann nicht jeder solches Beten lehren, sondern nur, wer seiner Berufung treu ist.

Wenn aber — heute wie gestern oder noch mehr als gestern — das Gebet der natürliche Weg der Suche nach der Berufung ist, dann brauchen wir Erzieher zur Berufung, die selber beten, die beten lehren und die zur An-rufung erziehen.

Ausbilden (formare)

36. »Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen. Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr. Und sie sagten zueinander: Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloß?« (Lk 24,30-32).

Die Bildung ist in gewisser Weise der Höhepunkt des pädagogischen Prozesses, denn sie ist der Augenblick, in welchem dem Jugendlichen ein Bild, eine Seinsweise vorgestellt wird, worin er seine eigene Identität, seine Berufung und seinen Maßstab wiedererkennt.

Der Sohn, das Abbild des Vaters, ist der Bildner der Menschen, denn er ist das Bild, nach dem der Vater die Menschen erschaffen hat. Darum lädt der Sohn jene, die er beruft, dazu ein, dieselbe Gesinnung zu haben wie er, und sein Leben zu teilen, seine »Gestalt« anzunehmen. Er ist gleichzeitig Bildner und Bild.

Ein Berufungsausbildner ist dieser insoweit, als er Vermittler dieses göttlichen Wirkens ist und sich neben den Jugendlichen stellt, um ihm zu helfen, in diesem Wirken seine Berufung »wiederzuerkennen« und sich davon gestalten zu lassen.

a) Jesus erkennen

Der entscheidende Augenblick der Emmausgeschichte ist sicher jener, in welchem Jesus das Brot nimmt, es bricht und jedem von ihnen davon reicht: »Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn«. Es findet sich hier eine Reihe von »Erkenntnissen«, die miteinander zusammenhängen.

Vor allem erkennen die beiden Jesus, sie entdecken die wahre Identität des Wegbegleiters, der sich ihnen angeschlossen hatte, und zwar genau durch jene Geste, die nur Er tun konnte, wie beide sehr wohl wußten.

In Bezug auf die Berufung zeigt uns dies, wie wichtig es ist, starke Zeichen zu setzen und unverkennbare Signale, hohe Ziele abzustecken und Projekte einer vorbehaltlosen Nachfolge vorzulegen.(102)

Der Jugendliche muß durch hohe Ideale zu einem Ziel angeregt werden, das ihn und seine Fähigkeiten übersteigt, für das sich die Mühe lohnt, sein Leben einzusetzen. Daran erinnert auch die psychologische Analyse: von einem Jugendlichen etwas zu verlangen, das unter seinen Kräften ist, bedeutet, seine Würde zu verletzen und seine volle Verwirklichung zu behindern; positiv ausgedrückt besagt dies: einem Jugendlichen ist das Höchste dessen anzubieten, was er geben kann, damit er er selbst sein und werden kann.

Und wenn Christus beim »Brotbrechen« erkannt wird, dann müßte die eucharistische Dimension jedem Berufsweg zu Grunde liegen als typischer »Ort« der Berufsweckung, als Geheimnis, das den allgemeinen Sinn des Lebens ausdrückt, als letztes Ziel jeder christlichen Berufspastoral.

b) Die Wahrheit des Lebens erkennen

In einem echten Bildungsprozeß auf eine Berufsentscheidung hin beginnt an dieser Stelle jedoch eine zweite »Erkenntnis«, nämlich: im eucharistischen Zeichen die Deutung des Lebens zu erkennen und zu entdecken. Wenn die Eucharistie das Opfer Christi ist, das die Menschheit rettet, und wenn dieses Opfer der gebrochene Leib und das für das Heil der Menschheit vergossene Blut ist, dann ist auch das Leben des Gläubigen aufgerufen, sich im gleichen Sinne zu gestalten: auch das Leben ist empfangenes Gut, das von sich aus danach strebt, hingegebenes Gut zu werden, wie das Leben des Ewigen Wortes: Dies ist die Wahrheit des Lebens, die Wahrheit eines jeden Lebens.

Die Folgerungen für den Bereich der Berufung liegen auf der Hand. Wenn es am Beginn der menschlichen Existenz ein Geschenk gibt, das diese in ihrem Sein begründet, dann ist der Weg des Lebens vorgezeichnet: wenn es Gabe ist, wird es sich selbst nur voll verwirklichen, indem es sich in der Linie des Sich-Schenkens entwickelt; es wird glücklich sein, wenn es diese seine Natur respektiert. Es mag sich entscheiden wofür es will, doch immer im Sinne des Geschenks; sonst wird es zu einem Sein im Widerspruch mit sich selbst, zu einem »Monstrum«; es wird frei sein, sich für einen besonderen Lebensweg zu entscheiden, doch ist es nicht frei, sich selbst als außerhalb der Logik des Geschenks stehend zu denken.

Die gesamte Berufspastoral baut auf dieser grundlegenden Katechese über den Sinn des Lebens auf. Wenn diese anthropologische Wahrheit angenommen ist, dann kann man jedwedes Berufungsangebot machen. Dann wird auch die Berufung zum geweihten Dienstamt oder zur Weihe als Ordensperson oder als Laie mit all ihrem Gehalt an Geheimnis und Entsagung zur vollkommenen Verwirklichung des Menschen und der Gabe werden, die jeder in seinem Innersten besitzt und selber ist.

c) Die Berufung als dankbares Erkennen

Wenn jedoch die beiden Emmausjünger in der eucharistischen Geste den Herrn, und alle Gläubigen in ihr den Sinn des Lebens »erkennen«, dann entspringt die Berufung aus der »Erkenntnis«. Sie wächst auf dem fruchtbaren Boden der Dankbarkeit, denn die Berufung ist Antwort, nicht Initiative des einzelnen: sie ist Erwählung, nicht Wahl.

Gerade zu einer solchen inneren Haltung der Dankbarkeit müßte der Gesamtzusammenhang des bisherigen Lebens hinführen. Die Entdeckung, auf unverdiente und überreiche Weise empfangen zu haben, sollte den Jugendlichen innerlich »drängen«, seine Selbsthingabe in der Berufungsannahme als eine unvermeidliche Folge zu verstehen, als einen Akt, der frei ist, weil er von der Liebe bestimmt wurde; doch in gewissem Sinne auch ein schuldiger Akt, denn angesichts der von Gott empfangenen Liebe spürt der Jugendliche, daß er gar nicht anders kann, als sich hinzugeben. Es ist schön und völlig konsequent, daß das so ist; eigentlich ist es nichts Außergewöhnliches.

Die Berufspastoral ist darauf ausgerichtet, zu dieser Logik der Anerkennung und Dankbarkeit hinzuführen; sie ist auf menschlicher Ebene wesentlich gesünder und überzeugender und theologisch besser begründet als die sogenannte »Logik des Helden«, also dessen, dem das Bewußtsein, Beschenkter zu sein, fehlt und der sich selbst als Urheber der Gabe und der Entscheidung betrachtet. Diese Logik nimmt wenig Rücksicht auf die Sensibilität der heutigen Jugend, denn sie verkehrt die Wahrheit des Lebens als eines empfangenen Gutes, das von Natur aus hingegebenes Gut werden will.

Es ist die biblische Weisheit des »umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben« (Mt 10,8), (103) die Jesus seinen Jüngern und den Verkündern seines Wortes anvertraute. Sie spricht die Wahrheit eines jeden Menschenlebens aus; keiner kann umhin, sich selbst darin zu erkennen.

Von dieser Wahrheit aus leitet das Leben die Form ab, die es dann anzunehmen gerufen ist, oder anders: aus dieser einzigartigen Form des Glaubens entstehen dann die verschiedenen Berufungsmodelle des Glaubens selbst.

Also wird es auch möglich, ebenso starke und radikale Entscheidungen zu fordern, wie eine Berufung in eine besondere Weihe, zum Priestertum und zum Ordensleben sie darstellt. Darum wird der Anruf Gottes, so schwer und einmalig er auch scheinen mag (und es tatsächlich auch ist), auch zu einer ungeahnten Förderung der echten menschlichen Bestrebungen und gewährleistet ein Maximum an Glück, ein Glück, das von Dankbarkeit überströmt und von dem Maria im »Magnificat« singt.

d) Erkenntnis Jesu und Selbsterkenntnis des Jüngers

Die Augen der Emmausjünger gehen auf für die eucharistische Geste Jesu.

Angesichts dieser Geste verstehen Kleopas und sein Begleiter auch den Sinn ihres Weges. Es ist ein Weg nicht nur zur Erkenntnis Jesu, sondern auch zur Selbsterkenntnis. »Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloß?« (Lk 24,30-32). Es ist nicht nur eine gewisse Ergriffenheit in den beiden Pilgern, die der Erklärung des Meisters lauschen, sondern das Gefühl, daß dessen Leben, dessen Eucharistie, dessen Ostern und dessen Geheimnis immer mehr ihr eigenes Leben, ihre Eucharistie, ihr Ostern, ihr Geheimnis sein werden.

Im brennenden Herzen ereignet sich die Entdeckung der Berufung und die Geschichte jeder Berufung. Diese sind immer an eine Gotteserfahrung gebunden, in der die Person auch sich selbst und ihre eigene Identität erkennt.

Auf die Berufsentscheidung hin zu erziehen will heißen, immer mehr das Band zu zeigen, das zwischen der Gotteserfahrung und der Selbstfindung, zwischen Theophanie und eigener Identität besteht. Was das Instrumentum laboris sagt, ist sehr zutreffend: »Ihn als den Herrn des Lebens und der Geschichte zu erkennen, bedeutet auch Selbsterkenntnis des Jüngers«.(104)

Und wenn es dem Glaubensakt gelingt, die »Erkenntnis Christi« mit der »anthropologischen Selbsterkenntnis« zu verbinden, dann ist der Same der Berufung gereift, ja er ist aufgegangen und blüht.

Entscheiden (discernere)

37. »Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück, und fanden die Elf und die anderen Jünger versammelt. Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen. Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach« (Lk 24,32-35).

Damit der Weg nach Emmaus zu einem Weg der Berufung werde, bedarf es nach der Reihe der »Erkenntnisse« und »Selbsterkenntnisse« noch eines abschließenden Schrittes: der tatsächlichen Entscheidung seitens des Jugendlichen. Dieser Entscheidung entspricht auf der Seite dessen, der den Berufsweg begleitet, der Prozeß der Unterscheidung. Diese Unterscheidung wird sicher nicht während der Zeit der Ausrichtung auf eine Berufung hin enden, sondern sie wird fortdauern bis zur endgültigen Entscheidung, »für das ganze Leben«.(105)

a) Die tatsächliche Entscheidung des Berufenen

Entscheidungsfähigkeit

In der Geschichte des Evangeliums, die unsere Überlegung begleitet hat, kommt die Entscheidung in Vers 33 zum Ausdruck: »Noch in derselben Stunde brachen sie auf...«

Die Zeitangabe («in derselben Stunde«) bringt überzeugend die Entschlossenheit der beiden zum Ausdruck. Sie wird vom Wort und von der Person Jesu und von der Begegnung mit ihm angeregt und mutig in die Tat umgesetzt durch eine Entscheidung, die nach einem Bruch aussieht mit dem, was sie zuvor waren oder taten, und die ein neues Leben anzeigt.

Gerade eine solche Entscheidung fehlt häufig im Leben der heutigen Jugendlichen.

Daher scheint es notwendig zu sein, »den Jugendlichen zu helfen, die Unentschlossenheit gegenüber endgültigen Verpflichtungen zu überwinden, sie schrittweise darauf vorzubereiten, persönliche Verantwortung zu übernehmen, (...) ihnen ihren Fähigkeiten und ihrem Alter entsprechende Aufgaben zu übertragen, (...) eine schrittweise Erziehung zu kleinen Alltagsentscheidungen gegenüber Werten (Unentgeltlichkeit, Beständigkeit, Nüchternheit, Ehrenhaftigkeit...) zu fördern«. (106)

Andererseits sei daran erinnert, daß diese und andere Ängste und Unentschlossenheiten nicht nur die Schwäche der psychologischen Anlagen der Person aufzeigen, sondern auch der geistlichen Erfahrung und besonders der Erfahrung der Berufung als eines Angebots, das von Gott kommt.

Wenn diese Gewißheit schwach ist, dann verläßt sich der betreffende Mensch unweigerlich auf sich selbst und auf die eigenen Kräfte; und wenn er deren Hinfälligkeit feststellen muß, dann ist es nicht ungewöhnlich, daß er sich von der Furcht vor einer endgültigen Entscheidung besiegen läßt.

Die Entschlußunfähigkeit ist nicht unbedingt ein Merkmal der gegenwärtigen Jugend: nicht selten ist sie Folge einer Berufsbegleitung, die den Primat Gottes in der Entscheidung nicht genügend betont oder die nicht dazu hingeführt hat, sich von Ihm erwählen zu lassen. (107)

»Heimkehr«

Die Berufsentscheidung ist ein Zeichen für die Neuheit des Lebens; sie ist jedoch tatsächlich auch Zeichen für die Wiedergewinnung der eigenen Identität, ist wie eine »Heimkehr« zu den Wurzeln des Ich. Im Bericht von Emmaus ist sie mit folgenden Worten symbolisch angesprochen: »... sie kehrten nach Jerusalem zurück«.

Es ist in der Ausbildung auf die Berufsentscheidung hin sehr wichtig, die Überzeugung zu stärken, daß diese Entscheidung die Bedingung ist für Identität und Selbstverwirklichung gemäß jenem einzigen Plan, der das Glück schenken kann. Zu viele Jugendliche denken noch das Gegenteil von der christlichen Berufung; sie betrachten sie mißtrauisch und fürchten, sie könne sie nicht glücklich machen, doch bleiben sie schließlich unglücklich, wie der traurige junge Mann im Evangelium (vgl. Mk 10,22).

Wie oft aber hat auch das Verhalten der Erwachsenen, einschließlich der Eltern, dazu beigetragen, ein negatives Bild von der Berufung zu zeichnen, besonders vom Priestertum und vom Ordensstand, und hat dadurch Hindernisse geschaffen für deren Verwirklichung und hat jene entmutigt, die sich berufen fühlten! (108)

Andererseits ist dieses Problem nicht durch eine banale, entgegengesetzte Werbung zu lösen, die die positiven und schönen Seiten der Berufung selbst hervorhebt, sondern nur durch die Betonung der Überzeugung, daß die Berufung der Gedanke Gottes über sein Geschöpf ist und daß sie der Name ist, den er der Person gegeben hat.

Die Berufung gläubig zu entdecken und auf sie zu antworten bedeutet, jenen Stein zu finden, auf den der eigene Name eingeschrieben ist (vgl. Offb 2,17-18), oder zu den Quellen des Ich zurückzukehren.

Persönliches Zeugnis

Die beiden Jünger »fanden in Jerusalem die Elf und die anderen Jünger versammelt. Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen. Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt, und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach« (Lk 24,32-35).

Das wichtigste Element in diesem Abschnitt ist — auf die Berufsentscheidung bezogen — das Zeugnis der beiden; ein besonderes Zeugnis, denn es geschieht in einem gemeinschaftsbezogenen Umfeld und hat einen streng berufungsbezogenen Sinn.

Als nämlich die beiden ankommen, befindet sich die Gemeinschaft beim Bekenntnis ihres Glaubens mit in einer Aussage («Der Herr ist wahrhaft auferstanden, und dem Simon erschienen«), die zu den ältesten, objektiven Glaubenszeugnissen gehört. Kleopas und sein Begleiter fügen gleichermaßen ihre subjektive Erfahrung hinzu, die gleichzeitig sowohl das Zeugnis der Gemeinschaft, als auch ihren persönlichen Glaubens- und Berufungsweg bestätigt.

Es ist, als wäre dieses Zeugnis die erste Frucht der entdeckten und wiedergefundenen Berufung, die sofort, wie es der Natur der christlichen Berufung entspricht, in den Dienst der kirchlichen Gemeinschaft gestellt wird.

Wir begegnen also erneut dem, was wir bereits über die Beziehung von kirchlichen objektiven Berufungswegen und persönlichen subjektiven Wegen gesagt haben, in einer Harmonie und gegenseitigen Ergänzung: das Zeugnis des einzelnen hilft dem Glauben der Kirche und läßt diesen wachsen; der Glaube und das Zeugnis der Kirche weckt und ermutigt die Berufungsannahme durch den einzelnen.

b) Die Entscheidung seitens des Begleiters

Im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Pastores dabo vobis sagt Johannes Paul II.: »Die Kenntnis der Natur des Glaubens und der Sendung des priesterlichen Dienstamtes ist unverzichtbare Voraussetzung und gleichzeitig sicherste Führerin und stärkste Anregung, um in der Kirche eine Pastoral der Förderung und Erkennung von Priesterberufen zu entfalten und die zum Weiheamt Berufenen auszubilden«. (109)

Dasselbe könnte man analog sagen, wenn es sich um die Erkennung jeder Berufung zum geweihten Leben handelt. Unverzichtbare Voraussetzung für die Erkennung einer solchen Berufung ist vor allem, die Natur und die Sendung jedes Lebensstandes in der Kirche vor Augen zu haben. (110)

Eine solche Voraussetzung leitet sich direkt von der Gewißheit ab, daß Gott der Rufer ist, also von der Suche nach jenen Anzeichen, die auf einen göttlichen Anruf hinweisen.

Im folgenden werden einige Kriterien zur Erkennung einer Berufung angeführt. Sie umfassen vier Gruppen.

Das Offensein für das Geheimnis

Wenn die Verschlossenheit gegenüber dem Geheimnis, ein Merkmal der modernen Mentalität, jede Bereitschaft für eine Berufung verhindert, so ist deren Gegenteil, die Offenheit für das Geheimnis, nicht nur eine positive Voraussetzung für die Entdeckung der eigenen Berufung, sondern auch ein Anzeichen für eine gesunde Berufswahl.

a) Eine echte, subjektive Sicherheit für einen Beruf ist jene, die dem Geheimnis Raum gibt und die fühlt, daß die eigene, wenngleich feste Entscheidung offen bleiben muß für ein beständiges Erforschen des Geheimnisses.

Eine unechte Berufung ist nicht nur jene, die schwach und unfähig zu einer Entscheidung ist, sondern auch deren Gegenteil, d.h. die Behauptung, bereits alles verstanden zu haben, die Tiefe des persönlichen Geheimnisses ausgeschöpft zu haben, eine Behauptung, die nur Starrheit hervorrufen kann und eine Sicherheit, die oft vom späteren Leben widerlegt wird.

b) Ein für eine Berufung typisches Verhalten zeigt sich eher in einer Haltung der Weisheit als in den zur Schau gestellten persönlichen Fähigkeiten. Gerade darum ist die Sicherheit bezüglich des Verständnisses der eigenen Zukunft jene der Hoffnung und des Sich-Anvertrauens. Diese entstehen aus einem Vertrauen, das in einen Anderen gelegt wird, dem man trauen kann; sie leitet sich nicht von einer Garantie der eigenen Fähigkeiten ab, die als den Erfordernissen der gewählten Rolle entsprechend eingestuft werden.

c) Ein gutes Zeichen für eine Berufung ist auch die Fähigkeit, jene widersprüchliche Polarität anzunehmen und zu integrieren, die die natürliche Dialektik des Ich und des menschlichen Lebens bildet. So besitzt beispielsweise ein Jugendlicher dann diese Fähigkeit, wenn er seine positiven wie auch negativen Seiten kennt, wenn er sich seiner Ideale und Widersprüche sowie der gesunden und weniger gesunden Bereiche seines Berufsplanes bewußt ist und wenn er angesichts des Negativen weder anmaßend noch verzweifelt ist.

d) Jener Jugendliche, der die Zeichen seiner Berufung durch Gott nicht nur in außergewöhnlichen Ereignissen erkennt, sondern in seiner Geschichte, hat eine gute Vertrautheit mit dem Geheimnis des Lebens als jenem Ort, an welchem eine Präsenz und ein Anruf wahrzunehmen ist in jenen Vorkommnissen, in den Fragen, Ängsten und Hoffnungen, die er im Lichte des Glaubens zu begreifen gelernt hat.

e) Zu diesem Bereich der Öffnung für das Geheimnis gehört auch eine grundsätzliche Eigenschaft des wirklich Berufenen: die Dankbarkeit. Die Berufung entsteht auf dem fruchtbaren Boden der Dankbarkeit, und sie wird mit Hochherzigkeit und Radikalität betrachtet, eben weil sie dem Bewußtsein einer empfangenen Liebe entspringt.

Die Identität in der Berufung

Der zweite Bereich der Kriterien bewegt sich um den Begriff der »Identität«. Die Berufsentscheidung zeigt und beinhaltet gerade die Definition der eigenen Identität; sie ist Wahl und Verwirklichung mehr des idealen Ich als des aktuellen Ich, und sollte die Person zu einer grundsätzlichen, positiven und stabilen Einstellung dem eigenen Ich gegenüber hinführen.

a) Erste Bedingung dazu ist, daß die Person zeigt, daß sie imstande ist, sich von der Logik der Identifikation auf der körperlichen Ebene (= der Körper als Quelle der positiven Identität) und der psychischen Ebene (= die eigenen Gaben als einzige und hauptsächliche Gewähr für Selbstachtung) zu lösen und dafür die eigene, fundamentale Positivität mit dem von Gott als Gabe empfangenen Sein (es ist dies die ontologische Ebene) verbindet und nicht mit der Hinfälligkeit des Habens oder Scheinens. Die christliche Berufung ist das, was zur Vollendung dieser Positivität führt und in höchstem Maße die Möglichkeiten des Menschen verwirklicht; dies jedoch nach einem Plan, der ihn gewöhnlich überragt, da er von Gott gedacht ist.

b) »Berufung« bedeutet grundsätzlich »Ruf«: es gibt also ein äußeres Objekt, einen objektiven Anruf und eine innere Bereitschaft, sich rufen zu lassen und sich wiederzuerkennen in einem Modell, das nicht vom Gerufenen geschaffen wurde.

c) Was die Motivation oder die Art und Weise der Berufswahl betrifft, so ist das wesentliche Kriterium jenes der Totalität (oder: das Gesetz der Totalität); das heißt, daß der Entschluß Ausdruck einer totalen Einbeziehung der psychischen Funktionen (Herz-Geist-Wille) ist und gleichzeitig einer geistigen-ethischen-emotionalen Funktion.

d) Genauer gesagt haben wir es mit einer reifen Berufung zu tun, wenn die Berufung als ein Geschenk gelebt und verstanden wird, aber auch als ein anspruchsvoller Appell: für die anderen zu leben, nicht nur für die eigene Vollkommenheit, und mit den anderen, in einer besonderen »Nachfolge Christi«, innerhalb der Kirche, die die Mutter aller Berufungen ist.

Lebensentwurf aus dem Glauben

Der dritte Bereich, auf den sich die Aufmerksamkeit dessen, der über eine Berufung entscheidet, zu konzentrieren hat, betrifft die Art des Verhältnisses von Vergangenheit und Gegenwart, von Erinnerung und Planung.

a) Vor allem ist wichtig, daß der Jugendliche im wesentlichen mit seiner Vergangenheit versöhnt ist; mit allem unvermeidlich Negativen, das ihm angehört, und auch mit dem Positiven, das er dankbar anerkennen müßte; versöhnt auch mit den bedeutenden Gestalten seines Lebens, mit deren Reichtum und mit deren Schwächen.

b) Aufmerksam ist auch die Art der Erinnerung zu beobachten, die der Jugendliche mit seiner Lebensgeschichte verbindet, welche Deutung er seinem Leben gibt: ist es für ihn Gnade oder Grund zur Klage? Fühlt er sich bewußt oder unbewußt als Benachteiligter, der viele Ansprüche hat, oder ist er offen, zu geben?

c) Besonders bezeichnend ist das Verhalten der Jugendlichen gegenüber den größeren oder kleineren Träumen der Vergangenheit. Der Plan einer Lebensweihe an Gott bedeutet in jeden Fall, sein Leben, das man einsetzen möchte, in allen seinen Aspekten anzunehmen, danach zu streben, diese weniger positiven Bestandteile zu integrieren, sie realistisch anzuerkennen und ein verantwortliches Verhalten anzunehmen, und nicht einfach ihretwegen sich selbst zu bedauern. Ein »verantwortlicher« junger Mensch ist der, der bemüht ist, sich eine aktive und kreative Einstellung gegenüber negativen Vorkommnissen anzueignen, oder der sich bemüht, die negative persönliche Erfahrung auf intelligente Weise auszunützen.

Große Aufmerksamkeit ist auf jene Berufungen zu verwenden, die aus Leid, Enttäuschung oder verschiedenen, noch nicht ganz integrierten Ereignissen entspringen. In einem solchen Fall ist eine aufmerksamere Prüfung geboten, auch unter Zuhilfenahme von Fachleuten, damit nicht untragbare Lasten auf schwache Schultern gelegt werden.

Die »Lernbereitschaft« der Berufung (docibilitas)

Die letzte Phase im Werdegang einer Berufung ist die des Entschlusses. Bezüglich dieser Phase müssen die folgenden Entscheidungskriterien gegeben sein:

a) Hauptanforderung ist ein gutes Maß an Lernbereitschaft der Person und an innerer Freiheit, sich von einem älteren Bruder oder einer Schwester führen zu lassen; dies besonders in den entscheidenden Phasen der Verarbeitung und Aneignung der eigenen Vergangenheit, vor allem der problembeladenen, und die anschließende Freiheit, zu lernen und sich zu ändern.

b) Die Voraussetzung für die Lernbereitschaft ist identisch mit Jugendlichkeit, nicht so sehr dem Geburtsdatum nach, sondern als umfassende existentielle Einstellung. Es ist wichtig, daß jemand, der ins Seminar oder in einen Orden eintreten möchte, wirklich »jung« sei, mit den Tugenden und den Verletzlichkeiten, die für diese Lebensphase charakteristisch sind: mit Tatendrang und mit dem Verlangen, sein Bestes zu geben, mit Kontaktfähigkeit, mit Freude an der Schönheit des Lebens, der eigenen Schwächen und Stärken bewußt und überzeugt von dem Geschenk, erwählt worden zu sein.

c) Ein weiterer Bereich, der heute mehr denn je besondere Aufmerksamkeit verdient, ist der affektiv-sexuelle Bereich.(111) Es ist wichtig, daß ein Jugendlicher zeigen kann, daß er jene beiden Gewißheiten erwerben kann, die die Person affektiv frei machen, d.h. die Gewißheit, die sich aus der Erfahrung herleitet, schon geliebt zu sein, und der ebenso erfahrenen Gewißheit, lieben zu können. Konkret müßte der Jugendliche jenes menschliche Gleichgewicht besitzen, das es ihm erlaubt, allein auf eigenen Füßen zu stehen; er müßte jene Sicherheit und Autonomie besitzen, die ihm sozialen Kontakt und herzliche Freundschaft ermöglichen, und er müßte jenes Verantwortungsgespür besitzen, das es ihm erlaubt, als Erwachsener soziale Beziehungen zu leben, in der Freiheit des Gebens und Nehmens.

d) Was die Mängel im affektiv-sexuellen Bereich anbelangt, so muß eine abgewogene Prüfung der Zentralität dieses Bereiches in der allgemeinen Entwicklung des jungen Menschen und in der gegenwärtigen Kultur (oder Subkultur) Rechnung tragen. Es ist nicht so außergewöhnlich oder selten, daß ein Jugendlicher hierin besondere Schwächen zeigt.

Unter welchen Bedingungen kann man klugerweise die Berufsbitte eines Jugendlichen annehmen, der derlei Probleme mit sich bringt? Voraussetzung dafür ist, dab folgende drei Bedingungen gemeinsam gegeben sind:

  1. Daß der Jugendliche sich der Wurzel seines Problems bewußt ist, das ursprünglich oft kein sexuelles Problem ist.
  2. Die zweite Bedingung ist, daß der Jugendliche seine Schwäche als Fremdkörper empfinde, der nicht zu seiner Persönlichkeit gehört, als etwas, was er nicht möchte und das sich an seinem Ideal reibt und gegen das er mit seinem ganzen Selbst angeht.
  3. Schließlich ist es wichtig sich zu vergewissern, ob der Jugendliche imstande ist, diese Schwäche zu kontrollieren im Blick auf deren Überwindung, sei es, daß er seltener fällt, sei es daß diese Neigungen immer weniger sein Leben stören (auch das psychische) und ihm die Erfüllung seiner Aufgaben ermöglichen, ohne übermäßige Spannungen zu erzeugen oder seine Aufmerksamkeit unangemessen zu beanspruchen.(112) Diese drei Kriterien müssen vollständig gegeben sein, um eine positive Entscheidung zu rechtfertigen.

e) Die Reife der Berufung hängt schließlich von einem Element ab, das tatsächlich allem seinen Sinn gibt: dem Akt des Glaubens. Die echte Berufsentscheidung ist in jeder Hinsicht Ausdruck der gläubigen Annahme; sie ist um so echter, je mehr sie Teil und Abschluß eines Bildungsprozesses zur Glaubensreife hin ist. Innerhalb einer Logik, die dem Geheimnis Raum läßt, ist der Glaubensakt gerade jener zentrale Punkt, der es erlaubt, die oft entgegengesetzten Polaritäten eines Lebens zusammenzuhalten, das sich in ständiger Spannung zwischen den Zeichen der Sicherheit des Anrufs und dem Bewußtsein der eigenen Ungeeignetheit befindet, zwischen dem Gefühl des Sich-Verlierens und des Sich-Findens, zwischen Gott, der ruft, und dem Menschen, der antwortet. Der wirklich berufene Jugendliche muß die Festigkeit dieses Glaubensaktes aufweisen, gerade in der Spannung dieser Polaritäten.

ZUM SCHLUSS

Dem Jubiläum entgegen

38. Dieses Dokument wendet sich an die Kirchen Europas in jenem Augenblick, da das Volk Gottes sich darauf vorbereitet, im Jubiläum des Jahres 2000 eine Zeit der Gnade und des Erbarmens, der Umkehr und der Erneuerung zu feiern. Auch der Kongreß über die Berufungen ist ein Teil dieser Vorbereitung und trägt gewissermaßen zu deren Orientierung bei. Dies in zweierlei Hinsicht.

Zuerst ist es eine Einladung zur Umkehr. Die Berufskrise, die wir erlebt haben und noch erleben, muß uns auch über unsere Verantwortlichkeit nachdenken lassen, insofern wir als Gläubige gerufen sind, das Geschenk des Glaubens zu verbreiten und in jedem Bruder und in jeder Schwester die Bereitschaft für eine Berufung zu fördern.

Auf unterschiedliche Weise müssen wir alle eingestehen, nicht vollkommen auf diesen Ruf geantwortet zu haben und daß wir die Kirche, die Kirchen unserer Familien und unserer Arbeitswelt, unserer Pfarreien und Diözesen, unserer religiösen Kongregationen und Säkularinstitute in der treuen Erfüllung ihrer Aufgabe geschwächt haben, die Stimme des Vaters weiterzuvermitteln, der in die Nachfolge des Sohnes im Geist ruft. Wir werden aus dieser Krise nur herauskommen, wenn dieser Prozeß der Umkehr ehrlich ist und unser Leben erneuern wird.

Das zweite, was dieses Dokument zur Orientierung dieses Pilgerwegs der Kirche auf das Jubiläum hin beitragen möchte, ist eine Aufforderung zur Hoffnung. Diese Einladung zog sich durch den ganze Kongreß hindurch, und wir wollen sie heute erneut bekräftigen mit der ganzen Kraft unseres Glaubens. Vielleicht gibt es keinen Bereich in der Kirche, der so sehr der Öffnung auf die Hoffnung hin bedarf, wie die Berufspastoral, besonders dort, wo die Krise am schmerzlichsten ist.

Deshalb bestätigen wir am Ende dieser Überlegungen erneut unsere Gewißheit, daß der Herr der Ernte es der Kirche nicht an Arbeitern für seine Ernte fehlen lassen wird. Ja, wenn die Hoffnung nicht auf unsere Prognosen und unsere Berechnungen baut, die in der Vergangenheit oft widerlegt worden sind, sondern auf das »Auf Dein Wort hin«, dann können und wollen wir an eine neue Blütezeit der Berufe für die Kirche Europas glauben.

Dieses Dokument möchte wie ein Hymnus an den Optimismus des Glaubens sein, der voller Hoffnung ist, um ihn in der Jugend, in den Eltern und Erziehern, in den Hirten und Priestern, den Gottgeweihten, in all denen, die mit den neuen Generationen zusammen dem Leben dienen, im ganzen Volk Gottes, das in Europa ist, neu zu erwecken.

Wir bitten den Herrn der Ernte

39. Unser Dokument, das mit dem Dank an den Gott den Herrn begann, darf nicht schließen ohne ein Gebet an die heiligste Dreifaltigkeit, die Quelle und Bestimmung jeder Berufung.

»Gott Vater, Du Quell der Liebe, von Ewigkeit rufst Du zum Leben und schenkst es in Fülle. Wende Deinen Blick auf die Länder Europas. Rufe Europa wieder, wie Du es einst gerufen hast. Gib vor allem, daß es sich Deines Rufes, seiner christlichen Wurzeln und seiner Verantwortung, die daraus folgt, bewußt sei. Laß es sich bewußt sein, daß es dazu berufen ist, eine Kultur des Lebens und die Achtung der Existenz eines jeden Menschen in all seinen Formen und in jedem Zustand zu fördern; berufen zur Einheit unter den Völkern, zur Aufnahme des Fremden, zur Förderung bürgerlicher und demokratischer Formen des gesellschaftlichen Lebens, damit es immer mehr ein Europa sei, das in Frieden und Geschwisterlichkeit geeint ist.

Ewiges Wort, von Ewigkeit her nimmst Du die Liebe des Vaters an und antwortest auf dessen Ruf. Öffne das Herz und den Geist der jungen Menschen Europas, damit sie lernen, sich lieben zu lassen von dem, der sie nach Deinem Ebenbild erdacht hat, und daß sie, indem sie sich lieben lassen, auch den Mut aufbringen, dieses Bild, welches das Deine ist, zu verwirklichen. Mache sie stark und hochherzig, fähig, auf Dein Wort zu setzen, frei zu hohem Flug, begeistert von der Schönheit Deiner Nachfolge. Wecke unter ihnen Verkünder Deines Evangeliums: Priester, Diakone, Gottgeweihte, Ordensleute und Laien, Missionare und Missionarinnen, Mönche und Klausurschwestern, die ihrerseits durch ihr Leben in die Nachfolge Christi, des Heilandes, zu rufen und einzuladen verstehen.

Heiliger Geist, immerjunge Liebe Gottes, Stimme des Ewigen, die unablässig tönt und ruft. Befreie den alten Kontinent von jeder Gesinnung der Selbstgenügsamkeit, der Kultur des »Menschen ohne Berufung«, von jener Furcht, die jeden Einsatz verhindert und das Leben schal und geschmacklos macht, von jenem Minimalismus, der an Mittelmäßigkeit gewöhnen läßt und in der Kirche jeden inneren Antrieb und jeden echt jugendlichen Geist tötet. Laß unsere Jugend den vollen Inhalt der Nachfolge erkennen als einen Ruf, sich voll zu verwirklichen, restlos und für immer jung zu sein, ein jeder nach einem Plan, der eigens für ihn erdacht wurde: einzig, einmalig, unwiederholbar. Einem Europa, das zu vergreisen droht, schenke neue Berufungen, die Zeugnis geben können von der »Jugend« Gottes und der Kirche, der Welt- wie der Ortskirche, vom Osten bis zum Westen, und daß sie es versteht, Projekte einer neuen Heiligkeit zu fördern für die Geburt eines neuen Europa.-

Heilige Jungfrau Maria, junge Tochter Israels, die der Vater als Braut des Geistes erwählt hat, um dem Sohn irdisches Leben zu schenken. Bringe in den Jugendlichen Europas denselben brennenden Mut hervor, den Du selbst hattest; jenen Mut, der Dich eines Tages frei gemacht hat, an einen Plan zu glauben, der größer war als Du selbst, frei zu hoffen, daß Gott ihn erfüllen würde. Dir, der Mutter des ewigen Hohepriesters, vertrauen wir die Jugendlichen an, die zum Priestertum berufen sind; Dir, der Erstgeweihten des Vaters, vertrauen wir jene Jugendlichen an, die im geweihten Leben für sich die vorbehaltslose Zugehörigkeit zum Herrn erwählen, als dem einzigen und höchstgeliebten Gut; Dir, die Du wie kein anderes Geschöpf die Einsamkeit der völligen Vertrautheit mit dem Herrn Jesus gelebt hast, vertrauen wir jene an, die die Welt verlassen, um sich im monastischen Leben ganz dem Gebet zu weihen. Dir, die Du in mütterlicher Liebe die werdende Kirche hervorgebracht und ihr beigestanden hast, vertrauen wir alle Berufungen dieser Kirche an, damit sie, heute wie einst, allen Völkern verkünden, daß Jesus der Herr ist, im Heiligen Geist, zur Ehre Gottes, des Vaters! AMEN.«

Rom, am 6. Januar 1998, dem Fest der Erscheinung des Herrn.

Pio Card. Laghi

Präsident
José Saraiva Martins

Titular-Erzbischof von Tuburnica
Vize-Präsident

(1)Am Kongreß haben 253 Delegierte aus 37 europäischen Ländern, sowie Vertreter der verschiedenen Berufskategorien (Laien, Ordensleute, Priester, Bischöfe) teilgenommen. Auch einige Vertreter der Schwesterkirchen (Protestanten, Orthodoxe und Anglikaner) waren anwesend.

(2) Päpstliches Werk für Geistliche Berufe, Die Pastoral der Berufe in den Teilkirchen Europas. Arbeitsdokument des Kongresses über die Berufungen zum Priestertum und zum Ordensleben in Europa, Rom 1996, Nr. 88. Im folgenden zitiert als IL (Instrumentum Laboris).

(3) Ebd., 15.

(4) Vgl. unter anderem: Sviluppi della cura pastorale delle vocazioni nelle chiese particolari, esperienze del passato e programmi per l'avvenire, Documento conclusivo del II. Congresso internazionale di Vescovi e altri responsabili delle vocazioni ecclesiastiche (Hrsg.: Die Kongregationen für die Orientalischen Kirchen, für die Ordensleute und Säkularinstitute, für die Evangelisierung der Völker, für das Katholische Bildungswesen), Rom, 10. - 16. Mai 1981; Päpstliches Werk für Geistliche Berufe, Sviluppi della pastorale delle vocazioni nelle chiese particolari (gemeinsam mit: Kongregation für das Katholische Bildungswesen und Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des Apostolischen Lebens), Rom 1992; Dichiarazione finale del I. Congresso Continentale latino-americano sulle Vocazioni, Itaici 1994 (in »Seminarium«, 3, 1994, 643-655).

(5) Vgl. IL, 18.

(6) Vgl. Proposizioni conclusive del Congresso Europeo sulle vocazioni al sacerdozio e alla vita consacrata, 8. Im folgenden zitiert als Propositiones.

(7) Vgl. IL, 32.

(8) Propositiones, 7.

(9) Propositiones, 3.

(10) Propositiones, 4.

(11) Paul VI., Evangelii Nuntiandi, 2. Vgl. dazu auch Johannes Paul II., Christifideles Laici, 33-34 und Redemptoris Missio, 33-34.

(12) Propositiones, 19.

(13) 3 Lumen Gentium, 32; 39-42 (Kap. V.).

(14) IL, 6.

(15) Propositiones, 16.

(16) Propositiones, 19.

(17) 3 Die »Kultur der Berufung« war Thema der Botschaft des Papstes zum 30. Weltgebetstag für geistliche Berufe, der am 2.5.1993 begangen wurde (vgl. L'Osservatore Romano, 18.12.1992; vgl. auch Kongregation für das Katholische Bildungswesen, P.O.V.E., Messaggi Pontifici per la giornata mondiale di preghiera per le vocazioni, Rom 1994, pp. 241-245).

(18) Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer des Kongresses über die Berufungen in Europa, in L'Osservatore Romano, 11.05.1997, 4.

(19) Ebd.

(20) Vgl. Propositiones, 12.

(21)IL, 6.

(22) Ansprache des Hl. Vaters, in L'Osservatore Romano, 11. Mai 1997, Nr. 104.

(23) Vgl. Propositiones, 20.

(24) Vgl. Johannes Paul II., Vita consecrata, 64.

(25) IL, 85.

(26) Eine ähnliche Formulierung wurde schon im Schlußdokument des II. Internationalen Kongresses der Bischöfe und anderer Verantwortlicher für die geistlichen Berufe verwendet, vgl. Sviluppi, 3. Von nun an zitiert als DC (Documento conclusivo).

(27) Propositiones, 3.

(28) Paul VI., Populorum progressio, 15.

(29) Gaudium et spes, 22.

(30) Dazu lautet eine Schlußaussage des Kongresses: »Im europäischen Zusammenhang ist es wichtig, den ersten Augenblick der Berufung bewußt zu machen, jenen der Geburt. Die Annahme des Lebens zeigt, daß man an jenen Gott glaubt, der "sieht" und "ruft", und die vom Mutterschoß an« (Propositiones, 34).

(31) Johannes Paul II., Familiaris consortio, 11.

(32) Eine Aussage des Kongresses lautet: »Darum können die Jugendlichen nur in einem lebendigen Verhältnis zu Jesus Christus, dem Heiland, die Fähigkeit zur Gemeinschaft entfalten, die eigene Persönlichkeit reifen lassen und sich für Ihn entscheiden« (Propositiones, 13).

(33) IL, 55.

(34) Sacrosanctum Concilium, 10.

(35) Vgl. Veritatis splendor, 23-24.

(36) Vgl. Lumen Gentium, Kap. V.

(37) Vgl. Propositiones, 16.

(38) Ritus der Firmung.

(39) Vgl. Propositiones, 35.

(40) Lumen Gentium, 1.

(41) Vgl. Propositiones, 21.

(42) Vgl. II. Hochgebet.

(43) DC, 18.

(44) DC, 13.

(45) Propositiones, 28.

(46) Dies ist Teil der inständigen und oft wiederholten Lehre Johannes Pauls II. in den Enzykliken »Slavorum Apostoli« (1985) und »Ut unum sint« (1995), wie auch im Apostolischen Schreiben »Orientale Lumen« (1995).

(47) IL, 58.

(48) Johannes Paul II., Christifideles laici, 55.

(49) Johannes Paul II., Pastores dabo vobis, 15.

(50) »In der besonderen Pastoral der Berufe soll der Berufung zum Ständigen Diakonat Raum gegeben werden. Die Ständigen Diakone sind bereits eine wertvolle Präsenz in vielen Pfarreien, und es wäre ein Rückschritt, sie nicht unter die neuen Berufe des neuen Europas aufzunehmen« (Propositiones, 18).

(51) Sacrosanctum Concilium, 10.

(52) »In laudibus Virginis Matris«, Homilia II, 4; Sancti Bernardi opera, IV, Romae, Editiones Cistercenses, 1966, s. 23.

(53) »In Johannis Evangelium Tractatus«, VIII, 9; CCL, 36, s. 87.

(54) Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer des Kongresses über das Thema: »Neue Berufungen für ein neues Europa«, in L'Osservatore Romano, 11. Mai 1997, Nr. 107.

(55) DC, 5.

(56) Dieser Ausdruck findet sich im Apostolischen Schreiben von Johannes Paul II., Pastores dabo vobis, Nr. 34. Im gleichen Dokument sind auch die Motive gut beschrieben, weshalb die Berufspastoral zutiefst an die Kirche gebunden ist.

(57) Ebd.

(58) Ebd.

(59) IL, 58.

(60) Der Ausdruck »christliche Gemeinschaft« ist eigentlich ein allgemeiner Begriff, der eine Teilkirche bzw. Ortskirche bezeichnet, oder auch eine Pfarrei. Er bezeichnet eine Gruppe von Christen an einem bestimmten Ort und meint die Kirche in ihrem konkreten Augenblick, wenn sie zum Gebet, zum Dienst, zum Zeugnis der Liebe und der Gegenwart Christi in ihr versammelt ist. Der Ausdruck »kirchliche Gemeinschaft« ist jedoch ein genauerer Begriff, denn er bezeichnet die Anwesenheit jener Elemente, die für die Kirche konstitutiv sind, ausgehend von der Zentralität des eucharistischen Geheimnisses; in seinem eigentlichen Sinn wird dieser Begriff auf die Diözesen und auf die Pfarrgemeinden angewandt, die eucharistische kirchliche Gemeinschaften sind aufgrund der Anwesenheit eines geweihten Dieners; nur in weiterem Sinn wird der Begriff angewandt auf die anderen Gemeinschaften. Vgl. dazu DC, 13-16.

(61) Johannes Paul II., Ansprache an das VI. Symposium der Europäischen Bischofskonferenzen, 11.10.1985.

(62) Pastores dabo vobis, 34.

(63) Ebd., 35.

(64) Ebd., 41.

(65) Vgl. ebd., 41.

(66) Ebd., 38.

(67) Vita consecrata, 64.

(68) Ebd.

(69) IL, 59.

(70) Vgl. Dichiarazione finale..., 26; siehe Anm. 4.

(71) Vgl. Propositiones, 25.

(72) Vgl. Vita consecrata, 70.

(73) Propositiones, 4.

(74) Propositiones, 13.

(75) Vgl. Propositiones, 10.

(76) 3 Vgl. Propositiones, 10.

(77) »Die Liturgie ist in sich selbst ein Appell. Sie ist der bevorzugte Ort, an dem das ganze Volk Gottes sich sichtbar erkennt und sich im Geheimnis des Glaubens verwirklicht« (Propositiones, 13).

(78) Dei Verbum, 25.

(79) »Der erste Ort des Zeugnisses ist das Leben einer Kirche, die sich als »communio« erlebt und in der die Pfarreien und die Verbände als Einheit in Gemeinschaft gelebt werden« (Propositiones, 14).

(80) Propositiones, 21.

(81) Vita consecrata, 64.

(82) Vgl. Lumen Gentium 12; 35; 40-42.

(83) Vgl. Catechesi tradendae, 186.

(84) Propositiones, 35, wo die Bischöfe noch einmal an die große Gelegenheit erinnert werden, bei der Spendung der Firmung die Jugendlichen, die dieses Sakrament empfangen, »zu rufen«.

(85) Propositiones, 10.

(86) Propositiones, 11.

(87) Propositiones, 10.

(88) Pastores dabo vobis, 41.

(89) Vgl. die guten Hinweise im Documento Conclusivo des II. Internationalen Kongresses von 1981; DC, 40.

(90) Vgl. Optatam totius, 2; DC, 57-59; vgl. auch Sviluppi della pastorale, 89-91.

(91) Vgl. Propositiones, 10.

(92) »Manchmal — so wurde auf dem Kongreß festgestellt — zeigt sich eine gewisse Schwerfälligkeit im Verhältnis von Ortskirche zu Ordensleben. Es ist wichtig, von einem funktionalen Verständnis des Ordenslebens wegzukommen, auch wenn im Anschluß an die Synode über das geweihte Leben bereits Zeichen einer Neuorientierung festzustellen sind. Dasselbe gilt für die Säkularinstitute« (Propositiones, 16).

(93) »In einer religiösen und kulturellen Situation, die sich rasch verändert, wird es unumgänglich, die Grunderzieher auszubilden: Katecheten, Pfarrer, Diakone, Ordensleute, Bischöfe ... und für deren beständige Weiterbildung zu sorgen« (Propositiones, 17).

(94) Vgl. Propositiones, 29, wo bezüglich dieses europäischen Kongresses über die Berufungen der Wunsch ausgesprochen wird, man möge als Geste der Liebe und des Teilens der Gaben, »auch eine "Bank" qualifizierter Personen vorsehen, die in der Ausbildung der Ausbilder mitarbeiten«. Bezüglich der Errichtung dieses Organismus findet sich eine Anregung auch im Instrumentum laboris, 83 und 90 h. Eine positive Erfahrung macht man seit Jahren in Lateinamerika. In Bogotà (Kolumbien), am Sitz der lateinamerikanischen Bischofskonferenz (CELAM), arbeitet regulär das »Departimento de Vocaciones y Ministerios« (DEVYM). Dieser Organismus war auch Anlaufstelle für die Vorbereitung und Durchführung des Ersten Kontinentalkongresses, der für Lateinamerika in Itaicí (São Paulo do Brasil) vom 23.-27. Mai 1994 stattfand.

(95) IL, 86.

(96) Vgl. Propositiones, 9.

(97) Paul VI., Blickt auf Christus und die Kirche, Botschaft zum XV. Weltgebetstag für geistliche Berufe (16.04.1978), in Insegnamenti di Paolo VI., XVI, 1978, s. 256-260 (vgl. auch: Kongregation für das Katholische Bildungswesen, P.O.V.E., Messaggi Pontifici, 127).

(98) Propositiones, 15.

(99) Propositiones, 9.

(100) Propositiones, 22. Weiter: »Das erwachende Interesse für das Evangelium und für ein Leben, das ihm radikal geweiht ist, hängt zum großen Teil von den Priestern und Ordensleuten ab, die in ihrem Stand glücklich sind. Die Mehrheit der Kandidaten zum Priestertum und Ordensleben schreibt die eigene Berufung der Begegnung mit einem Priester oder einer Ordensperson zu« (ebd.).

(101) Propositiones, 12.

(102) So in Propositiones, 23: »Es ist wichtig zu unterstreichen, daß die Jugendlichen offen sind für Herausforderungen und starke Angebote (die "über dem Durchschnitt" stehen, d.h. die "etwas mehr" beinhalten!)«.

(103) Diese Aussage richtet Paulus in Form einer sehr provokativen Frage an die Korinther: »Was hast du, das du nicht empfangen hättest?« (1 Kor 4,7).

(104) IL, 55.

(105) Propositiones, 27.

(106) Propositiones, 25.

(107) Vgl. Propositiones, 25.

(108) Vgl. Propositiones, 14.

(109) Pastores dabo vobis, 11.

(110) Vgl. Jurado, Il discernimento, 262. Vgl. auch L.R. Moran, »Orientaciones doctrinales para una pastoral eclesial de las vocaciones«, in Seminarium, 4 (1991), 697-725.

(111) Wir sprechen hier von einer affektiv-sexuellen Grundreife als einer Vorbedingung für die Zulassung zu den Ordensgelübden und zum geweihten Dienstamt, entsprechend den beiden Wegen der katholischen Kirchen in Europa: zum zölibatären Weiheamt (Lateinische Kirche) und zum verheirateten Weiheamt (Orientalische Kirchen). Es ist wichtig, daß von der Berufspastoral bis zur eigentlichen und wirklichen Ausbildung die pädagogischen Programme kohärent und zielorientiert sind, damit die Vorbereitung zum Weihedienst in beiden Fällen angemessen sei, besonders auf der Ebene der affektiven Stabilität; dann kann der Dienst selbst auch das Ziel der Verkündigung, nämlich die Liebe Gottes als Anfang und Erfüllung der menschlichen Liebe, erreichen.

(112) Siehe dazu die Empfehlung bezüglich der Homosexualität in den Richtlinien der Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens (Potissimum institutioni) vom 2. Februar 1990 in: AAS 82 (1990) 470-532. Dort werden nicht jene ausgeschlossen, die solche Tendenzen haben, sondern jene, »die es nicht fertigbringen, solche Tendenzen zu beherrschen« (39), wobei dieses »Beherrschen« nach unserem Verständnis nicht nur die Willensanstrengung meint, sondern ein wachsendes Freisein von diesen Neigungen, im Herzen und im Geist, im Willen und im Begehren.

top