PÄPSTLICHES WERK FÜR GEISTLICHE BERUFE
NEUE BERUFUNGEN FÜR EIN NEUES EUROPA
(In verbo tuo...)
Schlußdokument des Europäischen Kongresses über die
Berufungen zum Priestertum und Ordensleben in Europa
Rom, 5.-10. Mai 1997
*
In Zusammenarbeit der Kongregation für das Katholische
Bildungswesen, für die Orientalischen Kirchen, für die
Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen
Lebens
EINFÜHRUNG
Dank an Gott
1. Gepriesen sei der allmächtige Gott, der Europa mit allem
geistlichen Segen gesegnet hat in Christus durch den heiligen Geist
(vgl. Eph1,3).
Wir sagen ihm Dank dafür, daß er von Anfang der christlichen Zeit
an diesen Kontinent berufen hat, Zentrum der Verbreitung der Frohbotschaft des
Glaubens zu sein und in der Welt seine universale Vaterschaft kundzumachen. Wir
sagen ihm Dank, weil er diesen Boden mit dem Blut der Märtyrer und mit der
Gabe ungezählter Berufungen gesegnet hat: Berufungen zum Priestertum, zum
Diakonat und zu den verschiedenen Formen des gottgeweihten Lebens, vom
monastischen Leben bis zu den Säkularinstituten. Wir sagen ihm Dank, weil
sein Heiliger Geist auch heute nicht aufhört, die Söhne und Töchter
dieser Kirche dazu zu berufen, in aller Welt Verkünder der Heilsbotschaft
zu werden, und weil er andere beruft, die heilsstiftende Wahrheit des
Evangeliums in der Ehe und im Berufsleben, in Kultur und Politik, in Kunst und
Sport, in den menschlichen Beziehungen und in der Arbeitswelt zu bezeugen, ein
jeder gemäß der ihm verliehenen Gabe und Sendung. Wir sagen ihm Dank,
weil er die Stimme ist, die ruft und Mut macht zur Antwort; weil er der Hirte
ist, der vorangeht und die Treue eines jeden Tages stützt; weil er Weg,
Wahrheit und Leben für alle ist, die gerufen sind, den Plan des Vaters in
sich zu verwirklichen.
Der Europäische Kongreß über die Berufungen
2. Wir sind vom 5.-10. Mai 1997 in Rom zum Kongreß über die
Berufungen zum Priestertum und Ordensleben in Europa(1) zusammengekommen und
haben die Arbeiten des Kongresses selbst, vor allem aber die Sorge der Kirche
Europas in dieser schwierigen und doch großartigen Zeit in die Hände
des Herrn der Ernte gelegt, zusammen mit unserer Dankbarkeit gegenüber
Gott, der die Quelle jeden Trostes und Urheber jeder Berufung ist.
In Rom versammelt, haben wir all jene, die Gott heute noch rufen will, Maria
anbefohlen, die das geglückte Abbild des vom Schöpfer gerufenen Geschöpfes
darstellt. Den Heiligen Petrus und Paulus und allen heiligen Märtyrern
dieser und jeder anderen Stadt und europäischen Kirche in Vergangenheit und
Gegenwart vertrauen wir nun dieses Dokument an. Möge es ihm gelingen, jenen
Reichtum zum Ausdruck zu bringen und zu vermitteln, der uns während der
Tage unseres Beisammenseins in Rom geschenkt wurde, so wie einst die Märtyrer
und Heiligen Zeugnis gaben von der Liebe des ewigen Vaters.
Der Kongreß war wirklich ein gnadenreiches Ereignis: der
geschwisterliche Austausch, das Eindringen in die Lehre der Kirche, die
Begegnung mit so verschiedenen Charismen, der Austausch der verschiedenen
Erfahrungen und gegenwärtigen Mühen in den Kirchen des Ostens und
Westens haben alle und jeden einzelnen bereichert. Sie haben in jedem Teilnehmer
den Willen bestärkt, mit ganzem Einsatz und mit Leidenschaft im Bereich der
geistlichen Berufe weiterzuarbeiten, trotz der spärlichen Ergebnisse in
einigen Kirchen des alten Kontinents.
Die Kraft der Hoffnung
3. Vom Vorbereitungsdokument (Instrumentum Laboris) des
Kongresses bis zu den Schlußfolgerungen (Propositiones), von
der Ansprache des hl. Vaters an die Teilnehmer bis zur Botschaft an
die kirchlichen Gemeinden, von den Beiträgen in der Kongreß-Aula
bis zu den Diskussionen in den Studiengruppen, von den zwanglosen Gesprächen
bis zu den Zeugnissen zog sich ein roter Faden, der das ganze Tun und jeden
Augenblick dieser Zusammenkunft verbunden hat: die Hoffnung. Eine
Hoffnung, die stärker ist als jede Furcht und aller Zweifel; jene Hoffnung,
die den Glauben unserer Brüder und Schwestern in der Ostkirche getragen
hat, besonders in Zeiten, in denen es hart und gefährlich war, zu glauben
und zu hoffen; eine Hoffnung, die nun mit einer neuen Blüte von Berufungen
belohnt wird, wie dies auf dem Kongreß bezeugt wurde.
Diesen Brüdern und Schwestern sind wir zutiefst dankbar, so wie auch
all jenen Gläubigen, die weiterhin bezeugen, daß die »Hoffnung
das Geheimnis des christlichen Lebens ist. Sie ist der absolut notwendige Atem
in der Sendung der Kirche, und ganz besonders in der Berufspastoral. (...) Man
muß diese Hoffnung also in den Priestern, den Erziehern, den christlichen
Familien, in den Ordensfamilien, in den Säkularinstituten, kurz in all
jenen, die gemeinsam mit den neuen Generationen dem Leben dienen, neu entzünden«.(2)
Wir wenden uns an euch, Jugendliche und junge Erwachsene ...
4. In der Kraft dieser Hoffnung wenden wir uns auch an euch, liebe
Jugendliche und junge Erwachsene, vor allem, damit ihr in der Wahl eurer
Zukunft den Plan, den Gott mit euch hat, annehmt: ihr werdet nur dann glücklich
sein und euch selbst voll verwirklichen, wenn ihr euch bereit macht, jenen Traum
zu realisieren, den der Schöpfer mit seinem Geschöpf verbindet. Wir möchten
so gerne, daß dieses Schreiben von euch wie ein persönlicher Brief an
jeden einzelnen aufgenommen werde, aus dem ihr mit Hilfe eurer Erzieher herausspürt,
wie die Mutter Kirche sich um jedes ihrer Kinder sorgt mit jener besonderen
Sorge, wie sie eine Mutter für ihre jüngsten Kinder im Herzen trägt.
Es möchte ein Brief sein, in dem ihr eure eigenen Probleme erkennen könnt,
die Fragen, die in euren jungen Herzen brennen, und die Antworten darauf, die
von jenem kommen, der der ewig junge Freund eurer Seelen ist, der einzige, der
euch die Wahrheit sagen kann! Ihr, liebe Jugendliche, sollt wissen, daß
die Kirche mit fürsorgender Anteilnahme eure Schritte und eure
Entscheidungen begleitet. Und wie schön wäre es schließlich,
wenn dieser Brief in euch eine Antwort wecken würde auf ein Gespräch
hin, das ihr mit jenen weiterführen solltet, die euch begleiten...
... an euch, Eltern und Erzieher ...
5. Von derselben Hoffnung erfüllt, wenden wir uns an euch Eltern,
die ihr von Gott berufen seid, mit seinem Willen zusammenzuarbeiten und Leben zu
schenken, und an euch Erzieher, Lehrer, Katecheten und Animatoren, die
ihr von Gott berufen seid, auf unterschiedliche Weise an seinem Entwurf für
die Gestaltung des Lebens mitzuarbeiten. Wir möchten euch sagen, wie sehr
die Kirche eure Berufung hochschätzt und wie sehr sie sich ihr anvertraut,
um die Berufung eurer Kinder, sowie eine wahre und echte Kultur der Berufung zu
fördern.
Ihr Eltern seid auch die ersten, naturgegebenen Erzieher zur Berufung, während
ihr Ausbilder nicht nur Instrukteure seid, die auf existentielle Entscheidungen
vorbereiten; auch ihr seid gerufen, in diesen jungen Menschen, die ihr auf die
Zukunft hin öffnet, Leben hervorzurufen. Eure Treue zum Ruf Gottes ist eine
wertvolle und unverzichtbare, vermittelnde Hilfe, damit eure Kinder und Schüler
ihre ganz persönliche Berufung erkennen können, damit »sie das
Leben haben, und es in Fülle haben« (Joh 10,10).
... an euch, Hirten, Priester, Gottgeweihte ...
6. Mit unerschütterlicher Hoffnung im Herzen wenden wir uns an euch,
Priester, und an euch, gottgeweihte Männer und Frauen im Ordensleben und in
den Säkularinstituten. Ihr habt einen besonderen Ruf in die Nachfolge des
Herrn vernommen, zu einem Leben, das ganz ihm geweiht ist, und ihr seid auch
besonders berufen, alle ohne Ausnahme für die Schönheit der Nachfolge
Zeugnis zu geben.
Wir wissen wohl, wie schwer heute diese Verkündigung ist, und wie groß
auch die Versuchung ist, bei einem scheinbar nutzlosen Bemühen den Mut zu
verlieren. »Die Berufspastoral stellt den schwierigsten und sensibelsten
Dienst dar«.(3) Doch möchten wir auch daran erinnern, daß es
nichts Schöneres gibt, als ein Zeugnis von der eigenen Berufung, das so glühend
ist, daß es ansteckend wirkt. Nichts ist logischer und überzeugender
als eine Berufung, die neue Berufungen weckt und euch mit vollem Recht zu »Vätern«
und »Müttern« macht. Nicht nur an jene, die bei der Förderung
der Berufungen einen offiziellen Auftrag innehaben, wollen wir uns mit diesem
Schreiben wenden, sondern auch an die unter euch, die nicht direkt mit ihr befaßt
sind oder die meinen, sich in diesem Bereich überhaupt nicht engagieren zu
müssen.
Wir möchten sie darauf hinweisen, daß nur ein gemeinsames Zeugnis
die Weckung der Berufungen wirksam werden läßt, und daß die
sogenannte Krise der geistlichen Berufe vor allem in der Zurückhaltung von
Zeugen begründet ist, die die Botschaft fragwürdig machen. In
einer Kirche, die völlig berufungsorientiert ist, muß jeder ein Förderer
der Berufungen sein. Glücklich seid ihr also, wenn ihr durch euer
Leben auszudrücken versteht, daß der Dienst an Gott schön und
erfüllend ist, und wenn ihr zeigen könnt, daß in Ihm, dem
Lebendigen, jedes Lebewesen zu sich selbst findet (vgl. Kol 3,3).
... an das ganze Gottesvolk in Europa ...
7. Schließlich möchten wir »Samariter der Hoffnung«
sein für jene Brüder und Schwestern, mit denen wir die Last des
Lebensweges tragen. An das ganze Gottesvolk, das in den Kirchen des Westens und
des Ostens auf diesem alten und gesegneten Erdteil pilgert, möchten wir
dieselbe Hoffnungsbotschaft richten. Von hier ausgehend verbreitete sich
einstmals die Verkündigung des Evangeliums dank des Mutes vieler
Glaubensboten, die ihr Zeugnis auch mit dem Leben bezahlt haben.
Auch heute noch, so wollen wir glauben, ruft der Geist des Vaters.
Er sendet die Kinder dieses hochherzigen, im Christentum verwurzelten
Kontinents, der selbst einer neuen Evangelisierung und neuer Verkünder des
Evangeliums bedarf, auf die Straßen der Welt. So stellen also auch wir uns
vor den Herrn, wie einst die Apostel, im Bewußtsein unserer Armut und der
Nöte dieser Kirche: »Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und
nichts gefangen« (Lk 5,5). Doch vor allem wollen wir »auf sein
Wort hin« glauben und hoffen, daß der Herr, wie einst, auch heute
noch die Boote seiner Apostel mit einem wunderbaren Fischfang füllen und
jeden Gläubigen in einen Menschenfischer verwandeln kann.
Vom Kongreß zum Leben
8. Absicht dieses Dokuments ist es also, mit euch dieses gnadenhafte
Ereignis, das der Kongreß war, zu teilen. Ohne eine genaue Zusammenfassung
oder eine systematische Abhandlung über die Berufung vorlegen zu wollen, möchten
wir einfach der ganzen Kirche innerhalb und außerhalb Europas und in all
ihren christlichen Zweigen geschwisterlich die wichtigsten Ergebnisse des
Kongresses zur Verfügung stellen.
Der Stil dieser Darlegung bemüht sich, möglichst für alle
verständlich zu sein, da ja alle unterschiedslos gerufen sind, die eigene
Berufung zu verwirklichen und die Berufung ihres Nächsten zu fördern.
Sie wird also besonders darauf bedacht sein, theologisches Nachdenken und
pastorales Tun, theoretischen Vorschlag und erzieherische Anregung miteinander
zu verbinden, um jenen eine wirklichkeitsgerechte und nachvollziehbare Hilfe
anzubieten, die im Bereich der Berufsförderung arbeiten.
Wir erheben nicht den Anspruch, alles zu sagen, und dies nicht nur, weil wir
nicht wiederholen wollen, was andere Dokumente dazu bereits bestens gesagt
haben,(4) sondern um offen zu bleiben für das Geheimnis, jenes Geheimnis,
in das Leben und Berufung jedes Menschen gehüllt sind, jenes Geheimnis, das
auch der Weg zur Berufsklärung ist und das nur im Augenblick des Todes sich
erfüllen wird. Die Berufspastoral ist entweder mystagogisch und geht
immer vom Geheimnis (Gottes) aus und führt zu ihm zurück, oder sie ist
keine Berufspastoral.
Die Teile des Dokuments
9. Der vorliegende Text folgt im einzelnen der Gedankenlinie, die die Arbeit
des Kongresses geleitet hat: von der Wirklichkeit zum Nachdenken, um wieder zur
Wirklichkeit zurückzukehren. Die Berufspastoral hat sich an der täglichen
Wirklichkeit zu messen, eben weil sie pastoral ist im Blick auf den Dienst am
Leben. Dann versuchen wir eine Situationsbeschreibung, um anschließend das
Thema der Berufung aus theologischer Sicht zu deuten und um für die
anschließenden Darlegungen ein Fundament, ein notwendiges Gerüst zu
schaffen.
Hier beginnt dann der praktischere Teil, vor allem pastoraler Art,
oder nach Art wichtiger Durchführungspläne, um dann zum pädagogischen
Bereich zu kommen. Dies wird nützlich sein, um wenigstens einige
methodische Hinweise für die Alltagspraxis zu geben. Und womöglich ist
gerade dieser Aspekt der am stärksten vernachlässigste und wird von
den Arbeitern in der Berufspastoral am meisten erwartet.
ERSTER TEIL DIE HEUTIGE LAGE DER GEISTLICHEN BERUFE IN EUROPA
»Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter«
(Mt 9,37)
Vor dem Hintergrund der komplexen kulturellen Vielfalt wirft dieser
erste Teil einen Blick auf Europa, in dem das anthropologische Modell eines »Menschen
ohne Berufung« zu herrschen scheint. Die neue Evangelisierung muß
wieder jene starke Kraft betonen, die das Verständnis des Lebens als einer »Berufung«
hervorbringt, im Sinne eines grundlegenden Berufenseins zur Heiligkeit; sie muß
eine Kultur erneuern, die den verschiedenen Berufungen dienlich ist und zu einem
wirklich qualitativen Sprung in der Pastoral der Berufe führt.
»Neue Berufungen für ein neues Europa«
10. Das Thema des Kongresses (»Neue Berufungen für ein neues
Europa«) führt unmittelbar zum Kern des Problems: das heutige, im
Vergleich zur Vergangenheit neue Europa braucht ebenso »neue«
Berufungen. Man muß diese Aussage begründen, um den Sinn dieses
Neuseins zu begreifen und dessen Zusammenhang mit der »traditionellen«
Pastoral der Berufe zum Priestertum und zum Ordensleben zu erkennen. Wir wollen
uns also nicht damit begnügen, den Zustand zu photographieren und Daten
aufzuzählen, sondern wir werden sehen, in welcher Richtung Neuheit und
Notwendigkeit der Berufungen liegen, die aus diesem Zustand sich ergeben.
Gleichzeitig werden wir die heute bestehende Situation bewerten, ausgehend
vom Wort Jesu angesichts der Sendung, die ihn erwartete: »Die Ernte ist groß,
aber es gibt nur wenig Arbeiter« (Mt 9,37). Diese Worte sind
weiterhin wahr und sind ein wertvoller Schlüssel zum Verständnis der
gegenwärtigen Situation. In gewisser Weise erkennen wir in ihnen den
rechten Maßstab für unser Tun und das rechte Verhältnis (oder
auch Mißverhältnis) zwischen einer stets überreichen Ernte und
unseren geringen Kräften. Wir tun dies fern jeder pessimistischen Deutung
der Gegenwart, aber auch fern jeder Selbstzufriedenheit gegenüber dem
Morgen.
Neues Europa
11. Schon das Arbeitsdokument hat ein Bild von der europäischen
Berufsproblematik gezeichnet, die stark von neuen Elementen geprägt ist.
Hier fassen wir sie kurz zusammen, so wie der Kongreß selbst sie gesehen
hat. Wir wollen dabei die besonders bezeichnenden Elemente herausfinden, die auf
lange Sicht das Denken und Empfinden der Jugendlichen und somit auch die
Pastoral und die Maßnahmen zur Berufsförderung prägen werden.
a) Ein verändertes und vielschichtiges Europa
Eines steht bereits fest: es ist praktisch unmöglich, die Lage in
Europa bezüglich der Jugend und der unvermeidlichen Rückwirkungen auf
die geistlichen Berufe in eindeutiger und statischer Weise zu beschreiben. Wir
stehen einem veränderten Europa gegenüber, das durch die verschiedenen
historisch-politischen Umstände (vgl. Ost-West-Konflikt), aber auch durch
die Vielfalt der Kulturen und Traditionen (griechisch-lateinisch, angelsächsisch-slawisch)
so geworden ist.
Diese Kulturen stellen jedoch auch seinen Reichtum dar und geben, wenngleich
in unterschiedlichen Zusammenhängen, den Erfahrungen und Entscheidungen
Bedeutung. So haben die Länder im Osten das Problem, wie sie mit der
neuerworbenen Freiheit fertigwerden sollen, während man sich im Westen
fragt, wie die echte Freiheit zu leben sei.
Diese Verschiedenheit wird auch von der Entwicklung der Berufe zum
Priestertum und zum Ordensleben bestätigt, und zwar nicht nur durch den
deutlichen Unterschied zwischen dem Aufblühen der geistlichen Berufe in
Ost-Europa und der allgemeinen Krise im Westen, sondern weil es innerhalb dieser
Krise auch Zeichen für eine Zunahme der geistlichen Berufe gibt, besonders
in jenen Kirchen, in denen eine ernsthafte und beständige nachkonziliare
Arbeit tiefe und wirkungsvolle Spuren hinterlassen hat.(5)
Wenn nun im Osten der Aufbau einer echten und organischen Pastoral im Dienst
der Berufsförderung, von der Weckung der Berufe bis zu deren Ausbildung
notwendig ist, so ist im Westen eine ganz andere Aufmerksamkeit gefordert. Man
muß nach dem tatsächlichen theologischen Gehalt und nach der
unmittelbaren Übertragbarkeit bestimmter Projekte der Berufsförderung
fragen, nach dem ihnen zugrunde liegenden Berufsbegriff und nach der Art der
Berufe, die sich aus ihm ergeben. Auf dem Kongreß wurde beharrlich
gefragt: »Warum erzeugen bestimmte Theologien oder ein bestimmtes
pastorales Handeln keine Berufe, während dies bei anderen der Fall ist?«.(6)
Ein weiteres Merkmal betrifft die europäische sozio-kulturelle
Situation: die Überfülle von Möglichkeiten, Gelegenheiten und
Anregungen, im Gegensatz zum Mangel an Zielen, Vorhaben und Planungsmöglichkeiten.
Dies ist wie ein weiterer Gegensatz, der die Komplexität dieser
geschichtlichen Zeit noch verschärft, mit negativen Auswirkungen auf den
Bereich der Berufe. Wie das alte Rom, so scheint das moderne Europa einem Pantheon
zu gleichen, einem großen »Tempel«, in dem alle »Götter«
präsent sind oder in dem ein jeder »Wert« seinen Ort und seine
Nische hat.
Unterschiedliche und sich widersprechende »Werte«, völlig
gegensätzliche Deutungs- und Bewertungsmuster, Orientierungs- und
Verhaltensmuster stehen ohne klare Werteskala nebeneinander.
In einem solchen Zusammenhang wird es schwer, ein einheitliches Weltbild
oder Weltverständnis zu haben, was auch die Fähigkeit zur planerischen
Gestaltung des Lebens schwächt. Denn wenn eine Kultur nicht mehr die höchsten
Möglichkeiten einer Deutung festlegt, oder wenn es ihr nicht gelingt, in
einigen Werten, die als besonders sinnstiftend für das Leben betrachtet
werden, Übereinstimmung herzustellen, sondern wenn sie alles auf ein und
dieselbe Stufe stellt, dann entfällt jede Möglichkeit einer
Zukunftsplanung, und alles wird unwesentlich und gestaltlos.
b) Die Jugend und Europa
Die europäischen Jugendlichen leben in dieser Kultur, die
pluralistisch, ambivalent, »polytheistisch« und neutral ist.
Einerseits suchen sie leidenschaftlich nach Authentizität, Zuneigung, persönlichen
Beziehungen und weitem Horizont, andererseits sind sie zutiefst allein, vom
Wohlstand »verletzt«, von Ideologien enttäuscht, von ethischer
Orientierungslosigkeit verwirrt.
Und weiter: »Vielfach ist in der Welt der Jugend eine deutliche
Sympathie für ein Leben zu erkennen, das als absoluter Wert und als heilig
verstanden wird...«,(7) doch gleichzeitig, wird in vielen Teilen Europas
diese Öffnung auf die Existenz hin durch ein politisches Verhalten, das
sogar das Lebensrecht mißachtet, vor allem jenes der Schwächsten,
geleugnet; es ist eine Politik, die Gefahr läuft, den »alten Kontinent«
immer noch älter zu machen. Wenn nun auf der einen Seite diese Jugend ein
beachtliches Kapital für das heutige Europa darstellt, das erheblich in
ihre Zukunft investiert, so werden andererseits von der Erwachsenenwelt und von
den Verantwortlichen der bürgerlichen Gesellschaft die Erwartungen der
Jugend nicht immer angemessen gehört.
Zwei Aspekte scheinen von zentraler Bedeutung zu sein, um das Verhalten
der heutigen Jugend zu verstehen: der Anspruch auf Subjektivität
und das Verlangen nach Freiheit. Dies sind zwei typisch anthropologische
Gesichtspunkte, die Aufmerksamkeit verdienen. Dennoch führen sie
wenn sie zusammentreffen in einer schwachen Kultur wie der unsrigen oft
zu Erscheinungen, die ihren Sinn entstellen: Subjektivität wird dann Subjektivismus,
und Freiheit verkümmert zur Beliebigkeit.
In diesem Zusammenhang ist jene Beziehung zu sehen, die die europäischen
Jugendlichen mit der Kirche unterhalten. In einem seiner Schlußanträge
stellt der Kongreß mit realistischem Mut fest: »Die Jugend erkennt
oft in der Kirche nicht das, was sie sucht, und betrachtet sie nicht als den
Ort, von dem die Antworten auf ihr Fragen und ihr Suchen kommen. Es zeigt sich,
daß nicht Gott ihr Problem ist, sondern die Kirche. Die Kirche ist sich
ihrer Schwierigkeiten im Gedankenaustausch mit der Jugend bewußt und auch
ihres Mangels an klaren pastoralen Vorstellungen..., ihrer
theologisch-anthropologischen Schwäche in bestimmten Katechesen. Von seiten
vieler Jugendlicher hält die Furcht an, ein Leben innerhalb der Kirche schränke
ihre Freiheit ein«,(8) während für viele andere die Kirche
weiterhin der maßgebendste Bezugspunkt bleibt oder wird.
c) »Mensch ohne Berufung«
Dieses Spiel von Kontrasten wiederholt sich unweigerlich auch auf der Ebene
der Zukunftsplanung, die von den Jugendlichen in einer folgerichtigen
Perspektive als auf die eigenen Ansichten beschränkt betrachtet und auf die
rein persönlichen Interessen (Selbstverwirklichung) ausgerichtet wird.
Es ist dies eine Logik, die die Zukunft auf Berufswahl, auf wirtschaftliches
Zurechtkommen oder auf affektiv-emotionale Befriedigung reduziert, und dies
innerhalb von Horizonten, die in Wirklichkeit das Verlangen nach Freiheit und
die Möglichkeiten des Menschen auf begrenzte Vorhaben beschränken,
verbunden mit der Illusion, frei zu sein.
Es sind dies Entscheidungen ohne jede Öffnung zum Geheimnis und zum
Transzendenten und womöglich auch mit nur geringem Verantwortungsbewußtsein
dem eigenen wie dem fremden Leben gegenüber, dem Leben, das als Geschenk
gegeben wurde und an andere weiterzugeben ist. Es handelt sich mit anderen
Worten um ein Empfinden und Denken, das womöglich eine gewisse berufungsfeindliche
Kultur kennzeichnet. Das will sagen, daß in diesem kulturell so
vielschichtigen und orientierungslosen Europa, das einem Pantheon
gleicht, der »Mensch ohne Berufung« das herrschende
anthropologische Modell zu sein scheint. Hier eine mögliche Beschreibung: »Eine
pluralistische und komplexe Kultur neigt dazu, in den Jugendlichen eine
unfertige und schwache Identität zu erzeugen, was zu einer chronischen
Unentschlossenheit in der Berufswahl führt. Viele Jugendliche verfügen
nicht einmal über die »elementare Grammatik« der Existenz, sie
sind Nomaden: unaufhaltsam ziehen sie durch die Welt, durch die Gefühlswelt,
durch Kulturen, durch Religionen, sie »probieren«! Inmitten der Überfülle
unterschiedlichster Informationen und nur unzureichend ausgebildet, erscheinen
sie wie verloren, mit nur wenigen Empfehlungen und mit nur wenigen Menschen, die
für sie einstehen. Darum haben sie Angst vor der Zukunft, schrecken vor
endgültigen Verpflichtungen zurück und hinterfragen ihr Sein. Wie sie
einerseits Autonomie und Unabhängigkeit um jeden Preis wollen, so neigen
sie andererseits, gleichsam als Zuflucht, zu starker Abhängigkeit vom
gesellschaftlich-kulturellen Umfeld und suchen die unmittelbare Befriedigung der
Sinne: durch das, »was mir paßt« und »was mir liegt«
in einer maßgeschneiderten Welt der Gefühle«.(9)
Es macht unendlich traurig, Jugendlichen zu begegnen, in denen, obgleich sie
intelligent und begabt sind, die Freude am Leben, an etwas zu glauben, nach
hohen Zielen zu streben, auf eine auch durch den eigenen Beitrag besserungsfähige
Welt zu hoffen, erloschen ist. Es sind Jugendliche, die sich im Spiel oder im
Drama des Lebens überflüssig fühlen, die abgedankt haben,
in Sackgassen verirrt, reduziert auf ein Minimum von Lebensspannung; ohne
Berufung, aber auch ohne Zukunft, oder mit einer Zukunft, die im besten Falle
eine Kopie der Gegenwart ist.
d) Die Berufung Europas
Und dennoch zeigt dieses Europa der vielen Seelen und der so schwachen
Kultur (die sich trotzdem oft mit Übermacht behauptet), daß es über
ungeahnte Kräfte verfügt und daß es wie noch nie lebt und
gerufen ist, auf globaler Ebene eine wichtige Rolle zu spielen.
Obwohl der alte Kontinent noch die Wunden vergangener Konflikte und auch
gewaltsamer, innerer Gegensätze an sich trägt, so hat er doch stärker
als je zuvor den Ruf zur Einheit vernommen: Eine Einheit, die erst noch gebaut
werden will, obwohl gewisse Mauern gefallen sind, und die sich auf das ganze
Europa erstrecken muß und auf alle, die von ihm Gastfreundschaft und
Aufnahme erbitten. Eine Einheit, die nicht nur politisch oder wirtschaftlich
sein darf, sondern vor allem auch geistlich und moralisch sein muß. Eine
Einheit, die alten Groll und überkommenes Mißtrauen überwinden
muß und die gerade in ihren zutiefst christlichen Wurzeln ein Motiv für
Übereinstimmung und eine Garantie für gegenseitiges Verständnis
finden könnte. Eine Einheit besonders, die von der heutigen Generation
junger Menschen sicher und umfassend, von Nord bis Süd, von Ost bis West,
verwirklicht werden muß, indem sie gegen jede entgegengesetzte Versuchung
zu Isolationismus und Beschränkung auf eigene Interessen verteidigt und der
ganzen Welt als ein Vorbild friedlichen Zusammenlebens in bunter Vielfalt
gezeigt wird.
Werden diese Jugendlichen fähig sein, eine solche Verantwortung zu übernehmen?
Wenn es zutrifft, daß der heutige Jugendliche leicht die Orientierung
verliert und keinen festen Bezugspunkt findet, dann könnte das »neue
Europa«, das im Werden ist, vielleicht ein Ziel werden und für die
Jugendlichen ein angemessener Anreiz sein. Diese Jugendlichen »sehnen sich
nach Freiheit und suchen Wahrheit, Spiritualität, Echtheit, persönliche
Originalität und Transparenz; es verbindet sie ein Verlangen nach
Freundschaft und Gegenseitigkeit«; sie suchen »Kameradschaft« und
wollen »eine neue Gesellschaft bauen, die auf Werten gründet wie:
Friede, Gerechtigkeit, Achtung der Umwelt, Beachtung der Unterschiede, Solidarität,
Freiwilligkeit und Anerkennung der gleichen Würde der Frau«.(10)
Kurz gefaßt beschreiben die jüngsten Untersuchungen die europäischen
Jugendlichen als desorientiert, aber nicht hoffnungslos; von ethischem
Relativismus angesteckt, jedoch auch mit dem Willen, ein »gutes Leben«
zu führen; ihres Bedürfnisses nach Heil bewußt, wenngleich sie
nicht wissen, wo sie es suchen sollen.
Ihr größtes Problem ist wohl die ethisch neutrale Gesellschaft,
in der sie nun einmal leben müssen; doch sind in ihnen die Kräfte noch
nicht ganz erloschen. Dies besonders in einer Zeit des Übergangs zu neuen
Ufern, wie es die unsrige ist. Zeugen dafür sind die vielen Jugendlichen,
die ehrlich nach Spiritualität suchen und sich mutig im sozialen Bereich
einsetzen, weil sie auf sich selbst und auf die anderen vertrauen und Hoffnung
und Optimismus ausstrahlen.
Wir glauben, daß diese Jugendlichen trotz der Widersprüche und
trotz der »Last« eines bestimmten kulturellen Umfeldes dieses neue
Europa aufbauen können. In der Berufung ihres Mutterkontinents zeichnet
sich auch ihre persönliche Berufung ab.
Neue Evangelisierung
12. Dies alles eröffnet neue Wege und verlangt einen neuen Anstoß
für den Prozeß der Evangelisierung des alten und neuen Europa. Seit
langem verlangen die Kirche und der derzeitige Papst eine tiefgehende Erneuerung
der Inhalte und Methoden in der Verkündigung des Evangeliums, »um die
Kirche des 20. Jahrhunderts immer geeigneter zu machen für die Verkündigung
des Evangeliums an die Menschheit des 20. Jahrhunderts«.(11) Auch gilt,
woran der Kongreß uns erinnert hat: »man darf keine Furcht haben, in
einer Zeit des Übergangs zu anderen Ufern zu leben«.(12)
a) Das »semper« und das »novum«
Es geht darum, das »semper« und das »novum« des
Evangeliums zu verbinden, um es den neuen Fragestellungen und Verhältnissen
des Mannes und der Frau von heute anzubieten. Es ist also dringend erforderlich,
das Herz oder die Mitte des Kerygmas als eine für einen in Europa lebenden
Jugendlichen lebensvolle und sinnvolle »ewig frohe Botschaft«,
darzustellen; eine Botschaft, die fähig ist, auf dessen Erwartungen zu
antworten und seine Suche zu erleuchten.
Besonders um diese Punkte konzentrieren sich Spannung und Herausforderung.
Von hier hängen das Menschenbild, das man verwirklichen möchte, und
die großen Entscheidungen über Leben und Zukunft der einzelnen Person
und der Menschheit ab: vom Verständnis der Freiheit, der Beziehung zwischen
Subjektivität und Objektivität, des Geheimnisses des Lebens und des
Todes, des Liebens und Leidens, der Arbeit und des Feierns.
Das Verhältnis von Tun und Wahrheit, von persönlichem
geschichtlichem Augenblick und endgültiger universaler Zukunft, oder von
empfangenem und verschenktem Gut, vom Bewußtsein des Lebens als Geschenk
und der Lebensentscheidung muß geklärt werden. Wir wissen, daß
gerade um diese Bereiche auch eine gewisse Begriffskrise herrscht, die dann zu
einer berufungsfeindlichen Kultur und zu einem Bild vom Menschen ohne Berufung führt.
Der Weg der neuen Evangelisierung muß also von hier ausgehen oder
hierher vorstoßen, um das Leben und den Lebenssinn, das Bedürfnis
nach Freiheit und Subjektivität, den Sinn des eigenen Seins in der Welt und
der Beziehungen zu anderen Menschen zu evangelisieren.
Von hier könnten eine Kultur der Berufung und das Modell eines für
die Berufung offenen Menschenbildes entstehen. Dies ist notwendig, damit einem
Europa, das sein Antlitz radikal neu gestaltet, nicht die Frohe Botschaft von
der Auferstehung des Herrn fehle, in dessen Blut die zerstreuten Völker
sich zusammenfinden und die fernstehenden zu Nachbarn werden, indem sie »die
trennende Wand der Feindschaft niederreißen« (Eph 2,14). Wir
können sogar sagen, daß die Berufung das eigentliche Herz der
neuen Evangelisierung an der Schwelle zum Dritten Jahrtausend darstellt, daß
sie der Aufruf Gottes an den Menschen ist zu einer neuen Ära der Wahrheit
und Freiheit, und zu einer ethischen Neubegründung der europäischen
Kultur und Gesellschaft.
b) Neue Heiligkeit
In diesem Inkulturationsprozeß der Frohen Botschaft wird das Wort
Gottes zum Begleiter des Menschen und ermutigt ihn unterwegs, um ihm den Plan
des Vaters als eine Bedingung für sein Glück zu zeigen. Es ist genau
das Wort des hl. Paulus aus dem Epheserbrief, das auch uns, das Volk Gottes in
Europa, heute anleitet, etwas zu entdecken, das womöglich auf den ersten
Blick nicht erkennbar ist, das aber dennoch Ereignis ist, und Geschenk, und
neues Leben: »So seid ihr denn nicht mehr Fremde... (Eph 2,19).
Dies ist selbstverständlich nichts Neues, sondern eine Art, mit neuen
Augen auf die Wirklichkeit der Kirche im alten Kontinent zu blicken, die alles
andere ist, als eine »alte Kirche«. Sie ist Gemeinschaft von
Glaubenden, die zur »Jugend der Heiligkeit«, zur universalen
Berufung zur Heiligkeit, gerufen sind, was mit Nachdruck vom Konzil(13)
betont und im Anschluß daran bei zahlreichen Anlässen vom Magisterium
bekräftigt wurde.
Der Augenblick ist gekommen, daß jener Aufruf wieder Kraft gewinne und
alle Gläubigen erreiche, damit jeder fähig sei, »die Länge
und Breite, die Höhe und Tiefe« (Eph 3,18) des Geheimnisses
der Gnade zu ermessen, das dem eigenen Leben anvertraut ist.
Es ist wirklich Zeit, daß jener Aufruf neue Formen von Heiligkeit
aufzeige; denn Europa braucht vor allem jene besondere, originelle und sozusagen
beispiellose Heiligkeit, die der jetzige Zeitpunkt erfordert.
Menschen sind gefordert, die fähig sind, »Brücken zu
schlagen«, um die Kirchen und die Völker Europas immer mehr zu
einigen und die Geister zu versöhnen.
Es muß »Väter« und »Mütter«
geben, die offen sind für das Geschenk des Lebens; Brautleute, die
die gottgesegnete Schönheit der menschlichen Liebe bezeugen und feiern;
Menschen, die zum Dialog fähig sind und sich durch »Liebe
zur Kultur« auszeichnen, um die christliche Botschaft in der Sprache
unserer Zeit zu vermitteln; Fachleute und einfache Menschen, die fähig
sind, dem Engagement im zivilen Leben, in den Arbeitsverhältnissen und in
den freundschaftlichen Beziehungen die Transparenz der Wahrheit und die Intensität
der christlichen Liebe aufzuprägen; Frauen, die im christlichen
Glauben die Möglichkeit zur vollen Entfaltung ihres weiblichen Genius
entdecken; Priester mit einem großen Herzen, wie das des Guten
Hirten; ständige Diakone, die das Wort Gottes und die Freiheit zum
Dienst an den Ärmsten verkünden; geweihte Apostel, die fähig
sind, mit kontemplativem Herzen in die Welt und die Geschichte einzutauchen, und
Mystiker, die mit dem Geheimnis Gottes so vertraut sind, daß sie
die Erfahrung des Göttlichen zu feiern verstehen und die Gegenwart Gottes
im realen Tun aufzeigen können.
Europa braucht neue Bekenner des Glaubens und der Schönheit des
Glauben-könnens; es braucht Zeugen, die glaubwürdige Gläubige
sind, mutig bis zum Blut; Jungfrauen, die dies nicht nur für sich
selbst sind, sondern die es verstehen, allen jene Jungfräulichkeit zu
zeigen, die im Herzen eines jeden liegt und die unmittelbar auf den Ewigen
verweist, auf die Quelle jeder Liebe.
Unser Kontinent dürstet nicht nur nach heiligen Menschen, sondern nach
heiligen Gemeinschaften, die so in die Kirche und die Welt verliebt
sind, daß sie der Welt eine freie, offene, dynamische Kirche darstellen können,
die im heutigen Europa präsent ist, dem Leid der Menschen nahe,
aufnahmebereit für alle, eine Fördererin der Gerechtigkeit, aufmerksam
den Armen gegenüber, nicht um ihre geringe Zahl und nicht um die Abgrenzung
ihrer eigenen Tätigkeit bekümmert, weder vom Klima der sozialen
Entchristlichung geschockt (die es tatsächlich gibt, wenn vielleicht auch
nicht auf so radikale und generelle Weise), noch von der Kärglichkeit der
Ergebnisse (die oft nur scheinbar ist).
Dies wird die neue Heiligkeit sein, die fähig ist, Europa neu zu
evangelisieren und das neue Europa zu bauen!
Neue Berufungen
13. Ein neues Gespräch über Berufung und über Berufe, über
Kultur und über Berufspastoral hat also zu beginnen. Der Kongreß hat
eine gewisse, inzwischen allgemein verbreitete Sensibilität für dieses
Thema festgestellt, selbst jedoch gleichzeitig einen »kleinen Schritt«
vorgeschlagen, der geeignet sein kann, in unseren Kirchen neue Zeiten zu eröffnen.(14)
a) Berufe und Berufungen
Wie die Heiligkeit Ziel aller in Christus Getauften ist, so hat jedes
Leben seine eigene, besondere Berufung; und wie erstere in der Taufe gründet,
so ist die zweite mit der bloßen Tatsache seines Daseins verbunden. Die
Berufung ist der vorhersehende Gedanke des Schöpfers über das
jeweilige Geschöpf, sie ist sein Idealplan, ist wie ein Traum, der Gott am
Herzen liegt, weil ihm das Geschöpf am Herzen liegt. Gott, der Vater, will
diesen Plan unterschiedlich und spezifisch für jedes Leben. Der Mensch ist
nämlich ins Leben »gerufen«, und wenn er ins Leben eintritt, trägt
und findet er in sich das Abbild dessen, der ihn gerufen hat.
Die Berufung ist die Einladung Gottes, sich entsprechend diesem Bild zu
verwirklichen, und sie ist einzig, einmalig und unwiederholbar, weil dieses Bild
unerschöpflich ist. Jedes Geschöpf ist berufen, diese Botschaft und
einen besonderen Aspekt des Gedankens Gottes zum Ausdruck zu bringen. In ihm
findet es seinen Namen und seine Identität; es behauptet und sichert seine
Freiheit und Originalität.
Wenn also jedem Menschen von Geburt an seine eigene Berufung zukommt, dann
gibt es in der Kirche und in der Welt verschiedene Berufungen, die, während
sie einerseits auf theologischer Ebene die dem Menschen eingeprägte
Ebenbildlichkeit mit Gott zum Ausdruck bringen, andererseits auf der pastoralen
Ebene auf die verschiedenen Bedürfnisse der neuen Evangelisierung antworten
und die Dynamik und Gemeinschaft der Kirche bereichern: »Die Teilkirche ist
wie ein blühender Garten mit einer Vielfalt von Gaben und Charismen,
Bewegungen und Dienstämtern. Daher die Wichtigkeit des Zeugnisses ihrer
gegenseitigen Verbundenheit, unter Absage an alles »Konkurrenzdenken«.(15)
Mehr noch. Auf dem Kongreß wurde ausdrücklich festgestellt: »Wir
brauchen eine Öffnung auf neue Charismen und Dienstämter hin, die sich
wohl von den bisher gewohnten unterscheiden mögen. Die Aufwertung der
Stellung der Laien ist ein Zeichen der Zeit, das erst noch voll zu entdecken
ist. In zunehmendem Maße erweist sich ihre Fruchtbarkeit«.(16)
b) Kultur der Berufung
Diese Elemente dringen allmählich ins Bewußtsein der Gläubigen
ein, jedoch noch nicht in dem Maße, daß sie eine echte und eigenständige
Kultur der Berufung(17) schaffen würden, der es gelänge, die Grenzen
der gläubigen Gemeinde zu überspringen. Deshalb hat der Hl. Vater in
seiner Ansprache an die Teilnehmer den Wunsch ausgesprochen, eine
beharrliche und geduldige Sensibilität der christlichen Gemeinschaft für
das Geheimnis der göttlichen Berufung möge »in den Jugendlichen
und den Familien eine neue Kultur der Berufung« hervorbringen.(18)
Sie ist ein Bestandteil der neuen Evangelisierung. Sie ist Kultur des
Lebens, Kultur der Öffnung auf Leben und Lebenssinn, aber auch Kultur des
Sterbens.
Besonders bezieht sie sich auf Werte, die möglicherweise von einer
neuen Mentalität (nach Meinung einiger die »Kultur des Todes«)
etwas vergessen worden sind, wie Dankbarkeit, Annahme des Geheimnisses, Sinn für
die Unvollkommenheit des Menschen und gleichzeitig für dessen Öffnung
auf die Transzendenz hin, die Verfügungsbereitschaft, sich von einem
anderen (oder von dem Anderen) rufen und sich vom Leben herausfordern zu lassen,
das Vertrauen auf sich und die andern, die Freiheit zum Ergriffensein über
die empfangene Gabe, die Zuwendung, das Verständnis, die Vergebung. So wird
entdeckt, daß das, was man empfangen hat, immer unverdient ist und das
eigene Maß übersteigt, und daß es eine Verantwortung für
das Leben begründet.
Zu dieser Kultur der Berufung gehört auch die Fähigkeit, Großes
zu träumen und zu verlangen, jenes Staunen, das eine Hochschätzung der
Schönheit und deren Wahl aufgrund ihres inneren Wertes möglich macht,
da sie das Leben schön und wahr macht; jene Selbstlosigkeit, die nicht nur
Solidarität in einer Notlage ist, sondern die aus dem Erkennen der Würde
jedes Bruders und jeder Schwester entspringt.
Der Kultur der Zerstreuung, die im Wirrwarr der Worte die ernsthaften Fragen
aus dem Blick zu verlieren droht und fallen läßt, ist eine Kultur
entgegenzustellen, die Mut und Geschmack für die großen Fragen zu
wecken versteht, für jene Fragen, die die eigene Zukunft betreffen: es
handelt sich tatsächlich um jene großen Fragen, die auch kleinen
Antworten Größe verleihen. Aber schließlich sind es die
kleinen und alltäglichen Antworten, die zu großen Entscheidungen führen,
wie jener des Glaubens; oder die Kultur schaffen, wie jene der Berufung.
Auf jeden Fall muß die Kultur der Berufung, insofern sie einen Komplex
von Werten darstellt, immer mehr vom kirchlichen Bewußtsein in das zivile
Bewußtsein übergehen, vom Bewußtsein des einzelnen oder der
glaubenden Gemeinschaft in die allgemeine Überzeugung, daß auf der
Grundlage des Modells eines "Menschen ohne Berufung" für das
Europa des Dritten Jahrtausends keinerlei Zukunft gebaut werden kann. Der Papst
sagt weiter: »Das Unbehagen, das durch die Welt der Jugend geht, offenbart
auch in den neuen Generationen bedrängende Fragen über den Sinn des
Seins, als eine Bestätigung dessen, daß nichts und niemand im
Menschen die Sinnfrage und das Verlangen nach Wahrheit ersticken kann. Für
viele ist dies der Boden, auf dem sich die Frage der Berufung stellt«.(19)
Gerade diese Frage und diese Suche lassen eine echte Kultur der Berufung
entstehen; und wenn Frage und Suche im Herzen jedes Menschen vorhanden sind,
auch im Herzen dessen, der sie verdrängt, dann könnte diese Kultur
eine Art gemeinsamer Boden werden, wo das gläubige Gewissen dem laikalen
Gewissen begegnet und sich an ihm mißt. Ihm wird es in Großmut und
Klarheit jene Weisheit vermitteln, die es selbst von oben empfangen hat.
Diese neue Kultur wird so zu einem echten Nährboden für die neue
Evangelisierung, wo ein neues Menschenbild entstehen könnte und wo auch
neue Heiligkeit und neue Berufe für das Europa des Dritten Jahrtausends
erblühen könnten. Der Mangel an besonderen Berufungen beruht vor allem
auf dem Fehlen eines Bewußtseins vom Berufungscharakter des Lebens; mit
anderen Worten: auf dem Fehlen einer Kultur der Berufung.
Diese Kultur wird heute womöglich das erste Ziel der
Berufungspastoral(20) werden, oder vielleicht der Pastoral ganz allgemein. Was für
eine Pastoral ist in der Tat jene, die nicht die Freiheit pflegt, sich von Gott
berufen zu fühlen, und die kein neues Leben entstehen läßt?
c) Pastoral der Berufung: der »Qualitätssprung«
Es gibt noch ein anderes Element, das die dem Kongreß vorausgehenden
Überlegungen mit den Analysen des Kongresses verbindet. Es ist das Bewußtsein,
daß die Pastoral der Berufung einer radikalen Veränderung bedarf,
eines geeigneten »Sprungs«, wie das Arbeitsdokument(21) sagt, oder
eines »Qualitätssprungs«, wie der Papst in seiner Botschaft
am Ende des Kongresses sagte.(22) Wieder stehen wir in der vorliegenden Analyse
vor einer offenkundigen Übereinstimmung, die in ihrer wahren Bedeutung zu
verstehen ist.
Es geht nicht nur um eine Einladung, auf Gefühle der Müdigkeit
oder Enttäuschung über die geringen Erfolge zu reagieren; auch wollen
wir nicht dazu auffordern, lediglich einige Methoden zu erneuern oder Kraft und
Begeisterung zu entfachen, sondern letztlich soll gezeigt werden, daß die
Berufspastoral in Europa an einem historischen Wendepunkt angelangt ist, an
einer entscheidenden Schwelle. Es gab eine Geschichte, eine Vorgeschichte und
langsam nachfolgende Phasen im Verlauf dieser Jahre, wie natürliche
Jahreszeiten, die nun zwangsläufig zum Alter des »Erwachsenseins«
und der Reife der Berufspastoral gelangen müssen.
Es geht also weder darum, die Bedeutung dieses Wendepunktes zu unterschätzen,
noch irgendjemanden des in der Vergangenheit Unterlassenen wegen anzuklagen.
Vielmehr gilt unsere und der ganzen Kirche aufrichtige Anerkennung jenen Brüdern
und Schwestern, die unter erheblichen Schwierigkeiten hochherzig so vielen
Jugendlichen bei der Suche nach der eigenen Berufung geholfen haben. Es geht auf
jeden Fall darum, noch einmal die Richtung zu begreifen, die Gott, der Herr der
Geschichte, unserer heutigen Geschichte aufzeigt, auch der so reichen Geschichte
der Berufe in Europa, das heute vor einem entscheidenden Wendepunkt steht.
Wenn die Pastoral der Berufung entstanden ist als eine Notwendigkeit,
die an eine Krisensituation und an einen Mangel an Berufenen gebunden war, so
kann man sie heute nicht mehr in gleicher Weise als zeitbedingt und durch
negative Umstände begründet vorstellen, im Gegenteil, sie erscheint
als ein beständiger und folgerichtiger Ausdruck der Mutterschaft
der Kirche, die offen ist für den unaufhaltsamen Plan Gottes, der in ihr
immer Leben zeugt.
Wenn früher die Förderung der Berufung sich nur oder vor
allem auf einige Formen der Berufung erstreckte, muß man nun immer mehr zu
einer Förderung sämtlicher Berufungen gelangen, denn in der
Kirche des Herrn wachsen wir entweder gemeinsam, oder keiner wächst.
Wenn anfangs die Berufungspastoral Vorsorge traf, ihren
Aktionsbereich auf einige Personengruppen zu beschränken (»die
Unsrigen«, die dem kirchlichen Bereich Nahestehenden, die sofort
Interessierten, die Besseren und Verdienstvolleren, jene die bereits eine
Glaubensentscheidung getroffen haben usw.), so zeigt sich nun immer stärker
die Notwendigkeit, wenigstens theoretisch die Verkündigung und den
Berufsimpuls mutig an alle auszudehnen, im Namen jenes Gottes, der nicht
auf die Person schaut; der Sünder in ein Volk von Sündern wählt;
der Amos, der kein Sohn eines Propheten war und nur Maulbeerfeigen angebaut hat,
zum Propheten macht; der Levi beruft und im Haus des Zachäus einkehrt; und
der schließlich fähig ist, selbst aus Steinen Söhne Abrahams
entstehen zu lassen (vgl. Mt 3,9).
Wenn früher die Arbeit an den Berufungen zum guten Teil von der
Furcht motiviert war (vor dem Aussterben, oder vor dem Verlust von Anerkennung)
und von dem Vorwand, bestimmte Bereiche oder Werke zu besetzen, dann macht heute
die Angst, die immer eine schlechte Ratgeberin ist, der christlichen
Hoffnung Platz, die aus dem Glauben entspringt und auf das Neue und auf die
Zukunft Gottes ausgerichtet ist.
Wenn eine bestimmte Anregung zu einer geistlichen Berufung stets
unsicher und ängstlich geschieht oder geschah, als ob sie minderwertig sei
angesichts einer berufungsfeindlichen Kultur, so betreibt heute wirkliche
Berufungsarbeit nur, wer von der Sicherheit beseelt ist, daß in
jeder Person, ausnahmslos, eine ursprüngliche Gabe Gottes ruht, die darauf
wartet, entdeckt zu werden.
Wenn früher etwa die Rekrutierung das Ziel war, und Propaganda
die Methode, oftmals unter Beeinträchtigung der Freiheit des Einzelnen oder
mit Szenen des »Konkurrenzkampfes«, dann muß nun immer mehr klar
sein, daß das Ziel jeder Aktion der Dienst an der Person sein muß,
damit sie lerne, was Gott mit ihrem Leben für den Aufbau der Kirche vorhat,
und daß sie darin ihre eigene Wahrheit erkenne und verwirkliche.(23)
Wenn vor noch nicht langer Zeit mancher sich einbildete, die Krise
der Berufe mit fragwürdigen Methoden lösen zu können (»Import«
von Berufen, oftmals verbunden mit Entwurzelung aus deren Umwelt), so darf heute
niemand sich einbilden, die Berufskrise zu lösen, indem er sie verlagert,
denn der Herr ruft weiterhin in jeder Kirche und an jedem Ort.
Auf diese Weise sollte der oft auch improvisierende »Einzelkämpfer
in der Berufungspastoral« immer mehr von einer Animation, die aus
gelegentlichen Initiativen und Erfahrungen besteht, übergehen zu einer
berufungsorientierten Erziehung, die sich an der Weisheit bewährter
Begleitungsmethoden ausrichtet, um denen, die auf der Suche sind, eine
angemessene Hilfe bieten zu können.
Folglich sollte derselbe Animator auch immer mehr Erzieher zum
Glauben und Gestalter von Berufungen werden; und die Anregung zu einem Beruf
sollte immer mehr eine koordinierte Zusammenarbeit(24) der ganzen
Ordens- oder Pfarrgemeinschaft, des ganzen Instituts oder der ganzen Diözese,
jedes Priesters und jeder Ordensperson werden, und dies für alle Berufe und
in jeder Lebensphase.
Schließlich ist auch die Zeit da, entschlossen von den »krankhaften
Ermüdungserscheinungen«(25) und der Resignation, die als
Rechtfertigung die einzige Ursache für die Berufungskrise der heutigen
Generation der Jugendlichen zuschreibt, zum Mut zu einer richtigen Fragestellung
überzugehen, um die eventuellen Fehler und Versäumnisse zu verstehen
und zu einem neuen, kreativen und engagierten Zeugnis zu gelangen.
d) Kleine Herde und große Sendung(26)
Ein konsequentes Vorgehen in dieser Richtung wird immer dazu beitragen, die
Würde der Berufungspastoral sowie deren natürliche und zentrale Schlüsselfunktion
im pastoralen Bereich neu zu entdecken.
Auch hier kommen wir von Erfahrungen und Begriffen her, die in der
Vergangenheit die Berufspastoral selbst fast wertlos zu machen drohten, indem
sie diese als weniger wichtig einstuften. Sie zeigt manchmal kein überzeugendes
Gesicht der heutigen Kirche, oder sie wird im Vergleich mit anderen Bereichen
als ein theologisch weniger begründeter Teil der Pastoral angesehen, der
erst durch eine kritische und zufällige Situation entstanden ist.
Die Berufungspastoral befindet sich vielleicht noch in einer untergeordneten
Position, die einerseits ihrem Bild und indirekt auch ihrer Wirksamkeit schaden
kann, doch andererseits kann sie auch zu einem günstigen Umfeld werden, um
mit Kreativität und Freiheit auch mit der Freiheit zum Irrtum
neue pastorale Wege zu finden und zu beschreiten.
Vor allem aber kann diese Situation an jene andere »Hilflosigkeit«
oder Armut erinnern, von der Jesus beim Blick auf die ihm folgende Menge sagte:
»Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter« (Mt
9,37). Angesichts der Ernte des Gottesreiches, angesichts der Ernte des
neuen Europas und der neuen Evangelisierung, sind und werden die »Arbeiter«
wenige bleiben, »kleine Herde und große Sendung«, damit besser
in Erscheinung trete, daß die Berufung eine Initiative Gottes ist, eine
Gabe des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.
ZWEITER TEIL THEOLOGIE DER BERUFUNG
»Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen
Geist ...« (1 Kor 12,4)
Wichtigstes Ziel dieses theologischen Teiles ist es, den Sinn des
menschlichen Lebens in seinem Bezug zum Dreifaltigen Gott zu erfassen. Das
Geheimnis des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes begründet die
volle Existenz des Menschen, als einen Ruf zur Liebe im Geschenk seiner selbst
und in der Heiligkeit; als ein Geschenk innerhalb der Kirche für die Welt.
Jede von Gott losgelöste Anthropologie ist eine Täuschung.
Wir wollen nun die Strukturelemente der christlichen Berufung aufzeigen und
deren wesentliche Architektur betrachten, die natürlich nicht anders sein
kann als theologisch. Diese Tatsache, die immer wieder auch vom Magisterium
behandelt worden ist, beinhaltet eine reiche geistliche, biblisch-theologische
Tradition, die nicht nur Generationen von Berufenen, sondern auch eine
Spiritualität der Berufung herangebildet hat.
Die Frage nach dem Sinn des Lebens
14. In der Schule des Gotteswortes empfängt die christliche Gemeinde
die höchste Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, die mehr oder
weniger deutlich im Herzen des Menschen ruht. Es ist eine Antwort, die nicht vom
menschlichen Verstand kommt, obwohl dieser ununterbrochen auf dramatische Weise
vom Problem des Seins und seines Geschicks herausgefordert ist. ER selbst ist
es, der dem Menschen den Schlüssel zum Verständnis gibt, um die großen
Fragestellungen, derentwegen der Mensch ein fragendes Wesen ist, zu klären
und zu lösen: Wozu sind wir auf der Welt? Was ist das Leben? Welches ist
das Ziel jenseits des Geheimnisses des Todes?
Es darf nicht vergessen werden, daß in der Kultur der Zerstreuung, in
der sich vor allem die heutige Jugend verstrickt sieht, die grundlegenden Fragen
Gefahr laufen, erstickt oder verdrängt zu werden. Der Sinn des Lebens wird
heute eher diktiert als gesucht: entweder vom unmittelbaren Erleben, oder von
dem, was den Bedürfnissen entgegenkommt; und wenn diese befriedigt sind,
dann wird das Gewissen noch mehr abgestumpft, und die tiefsten Fragen bleiben
ohne Antwort.(27)
Es ist also Aufgabe der Pastoraltheologie und der geistlichen
Berufsbegleitung, den Jugendlichen dabei zu helfen, nach dem Leben zu fragen, um
im entscheidenden Dialog mit Gott zur gleichen Frage durchzudringen, die Maria
von Nazareth gestellt hat: »Wie soll das geschehen?« (Lk 1,34).
Das trinitarische Bild
15. Beim Hören auf das Wort Gottes entdecken wir nicht ohne Staunen, daß
der umfassendste biblisch-theologische Begriff, der dem Geheimnis des Lebens im
Lichte Christi am meisten entspricht, jener der »Berufung« ist.(28) »Christus,
der neue Adam, macht eben in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und
seiner Liebe zu den Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt
ihm seine höchste Berufung«.(29)
Deshalb stellt uns die biblische Gestalt der Gemeinschaft von Korinth die
Gaben des Geistes innerhalb der Kirche als untergeordnet unter die Anerkennung
Jesu als des Herrn dar. Tatsächlich ist die Christologie das Fundament
jeder Ekklesiologie. Christus ist der Entwurf des Menschen. Nur nachdem
der Glaubende erkannt hat, daß Jesus der Herr ist, kann er »aus dem
Heiligen Geist« (1 Kor 12,3) das Gesetz der neuen
Glaubensgemeinschaft erkennen: »Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur
den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Es gibt
verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles
in allen« (1 Kor 12,4-6).
Das paulinische Bild zeigt überdeutlich drei grundlegende Aspekte der
Gaben der Berufung in der Kirche, die eng mit ihrem Ursprung in der dreifaltigen
Gemeinschaft und mit dem besonderen Bezug auf die einzelnen göttlichen
Personen verbunden sind.
Im Lichte des Geistes sind diese Gaben Ausdruck seiner unendlichen Geschenkhaftigkeit.
Er selbst ist Charisma (Apg 2,38), Quelle jeder Gabe und Ausdruck der
unfaßbaren göttlichen Kreativität.
Im Lichte Christi sind die Gaben der Berufung »Dienste«
und bringen die Vielfalt der Formen jenes Dienstes zum Ausdruck, den der Sohn
gelebt hat bis zur Hingabe seines Lebens. Denn »Er ist nicht gekommen, sich
bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld
für viele« (Mt 20,28). Jesus ist darum das Urbild jeden
Geheimnisses.
Im Lichte des Vaters sind die Gaben Handlungen, denn von ihm, dem
Quell des Lebens, entspringt in jedem Lebewesen die eigene kreatürliche
Dynamik.
Die Kirche spiegelt als Abbild das Geheimnis von Gott Vater, Gott Sohn und
Gott Heiligem Geist wider; und jede Berufung trägt in sich die
charakteristischen Züge der drei Personen der Dreifaltigkeit. Die göttlichen
Personen sind Quelle und Urbild jeder Berufung. Ja, die Dreifaltigkeit ist
in sich selbst ein geheimnisvolles Geflecht von Ruf und Antwort. Nur hier, im
Innersten dieses ununterbrochenen Dialogs, findet jedes Lebewesen nicht nur
seine Wurzeln wieder, sondern auch seine Bestimmung und seine Zukunft, das, was
es gerufen ist zu sein und zu werden, in Wahrheit und Freiheit und in der
konkreten Realität seiner Geschichte.
Die Gaben der im ersten Korintherbrief erwähnten kirchlichen Struktur
haben eine geschichtliche und konkrete Bestimmung: »Jedem aber wird die
Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt« (1 Kor
12,7). Es gibt ein höheres Gut, das stets das persönliche Gut übersteigt:
in der Einheit den Leib Christi zu erbauen; seine Präsenz in der Geschichte
durchscheinen zu lassen, »damit die Welt glaubt« (Joh 17,21).
Deshalb ist die kirchliche Gemeinschaft (Gemeinde) einerseits angebunden an
das Geheimnis Gottes und ist dessen sichtbares Abbild; andererseits ist sie
vollkommen mit der Geschichte des Menschen verbunden, in einem Zustand des
Exodus hin zu den »neuen Himmeln«.
Die Kirche und jede Berufung in ihr drücken ein und dieselbe Dynamik
aus: berufen sein für eine Sendung.
Der Vater ruft ins Leben
16. Das Sein eines jeden ist Frucht der schöpferischen Liebe des
Vaters, seines wirkmächtigen Verlangens, seines schaffenden Wortes.
Der Schöpfungsakt des Vaters hat die Dynamik eines Anrufs, eines Rufs
ins Leben. Der Mensch tritt ins Leben ein, weil er geliebt ist, weil er gedacht
und gewollt ist von einem guten Willen, der ihn dem Nicht-sein vorzog, der ihn
geliebt hat, noch bevor es ihn gab, der ihn kannte, noch bevor er ihn im
Mutterschoß geformt hat, der ihn gesegnet hat, noch bevor er ins Licht der
Welt trat (vgl. Jer 1,5; Is 49,1.5; Gal 1,15).
Die Berufung also ist das, was das Geheimnis des Menschen von seinem Urgrund
her erleuchtet, und sie ist selbst ein Geheimnis, ein Geheimnis der Liebe und
des absoluten Geschenk-seins.
a) »... nach seinem Ebenbild«
Im »schöpferischen Anruf« erscheint der Mensch sofort in
seiner ganzen Bedeutung und Würde als ein zu einer Beziehung mit Gott
Gerufener, um vor Gott zu stehen, zusammen mit den anderen, in der Welt, mit
einem Antlitz, das denselben göttlichen Funken widerspiegelt: »Laßt
uns Menschen machen als unser Abbild« ( Gen 1,26). Diese dreifache
Beziehung gehört zum ursprünglichen Plan, denn der Vater hat uns »in
Ihm in Christus erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit
wir heilig und untadelig leben vor Gott« (Eph 1.4).
Den Vater erkennen bedeutet, daß wir auf seine Weise existieren, da er
uns nach Seinem Ebenbild erschaffen hat (Weish 2,23). Hierin liegt also
die ursprüngliche Berufung des Menschen: die Berufung ins Leben und zu
einem Leben, das sofort als Abbild des göttlichen Lebens begriffen wird.
Wenn der Vater der ewige Quellgrund ist, die völlige Gratuität, der
ewige Quell des Seins und der Liebe, dann ist der Mensch gerufen, auf die kleine
und begrenzte Weise seiner Existenz so zu sein wie Er, und deshalb auch sein »Leben
hinzugeben«, das Leben eines anderen auf sich zu nehmen.
Der Schöpfungsakt des Vaters ist dann das, was das Bewußtsein vom
Leben hervorruft als eine Übergabe an die Freiheit des Menschen, der
gerufen ist, eine ganz persönliche und originelle, verantwortliche und
dankerfüllte Antwort zu geben.
b) Die Liebe, Erfüllung des Lebenssinns
In dieser Linie des Rufes ins Leben ist eines zu vermeiden: daß nämlich
der Mensch das Sein als selbstverständlich, als notwendig oder als zufällig
betrachte. Vielleicht ist es in der heutigen Kultur nicht leicht, vor dem
Geschenk des Lebens ins Staunen zu geraten.(30)
Während es leichter ist, den Sinn eines hingegebenen Lebens zu
verstehen, das zum Segen für andere wird, bedarf es doch eines gereifteren
Bewußtseins und einer gewissen geistigen Bildung, um zu begreifen, daß
das Leben eines jeden Menschen, in jedem Fall und vor jeder Form von
Entscheidung, geschenkte Liebe ist und daß folglich in dieser Liebe
bereits ein konsequenter, berufungsbezogener Plan verborgen ist.
Die schlichte Tatsache, daß wir sind, sollte uns alle mit Staunen
und grenzenloser Dankbarkeit Jenem gegenüber erfüllen, der uns völlig
unverdient aus dem Nichts herausgezogen hat, indem er uns beim Namen rief.
Dann dürfte das Gespür, daß das Leben ein Geschenk ist,
nicht nur Dankbarkeit wecken, sondern es müßte langsam zur ersten,
großen Antwort auf die fundamentale Frage nach dem Sinn hinführen:
das Leben ist das Meisterwerk der schöpferischen Liebe Gottes und ist in
sich selbst ein Aufruf zur Liebe. Es ist eine empfangene Gabe, die von ihrer
Natur her danach strebt, selbst wieder geschenkte Gabe zu werden.
c) Die Liebe, Berufung jedes Menschen
Die Liebe ist die Sinnerfüllung des Lebens. Gott hat den Menschen
dermaßen geliebt, daß er ihm sein eigenes Leben schenkte und ihn fähig
machte, auf göttliche Weise zu leben und gut sein zu wollen. In diesem Übermaß
an Liebe, der Liebe des Urbeginns, findet der Mensch seine radikale Berufung,
die eine »heilige Berufung« (2 Tim 1,9) ist, und er entdeckt
seine eigene, unverwechselbare Identität, die ihn sofort Gott ähnlich
macht, »nach dem Bild des Heiligen«, der ihn gerufen hat (1 Petr
1,15). Papst Johannes Paul II. sagt: »Indem er es erschuf und beständig
im Dasein erhält, schreibt Gott dem Menschsein des Mannes und der Frau die
Berufung ein und damit auch die Fähigkeit und Verantwortung zu Liebe und
Gemeinschaft. Die Liebe ist deshalb die grundlegende und ursprünglichste
Berufung jedes menschlichen Wesens«.(31)
d) Der Vater als Erzieher
Dank jener Liebe, die ihn geschaffen hat, kann niemand sich »überflüssig«
fühlen, da er zu einer Antwort nach dem Plan gerufen ist, den Gott gerade für
ihn erdacht hat.
Dann wird der Mensch glücklich sein und vollkommen verwirklicht, an
seinem Platz stehen und den göttlichen erzieherischen Vorschlag aufgreifen,
mit aller Furcht und allem Beben, die ein derartiges Vorhaben in einem Herzen
aus Fleisch erwecken kann. Gott, der Schöpfer, der das Leben schenkt, ist
auch der Vater, der »erzieht«, der das aus dem Nichts herauszieht, was
noch nicht ist, damit es sei; er zieht aus dem Menschenherzen, was er zuvor in
es hineingelegt hat, damit es vollkommen das sei, was zu sein er es berufen hat,
nach Seinem Ebenbild.
Hier hat jenes unbegrenzte Sehnen, das Gott ins Innerste des Herzens gelegt
hat, seinen Ursprung. Es ist wie ein göttliches Siegel.
e) Die Berufung der Taufe
Dieser Ruf zum Leben und zum göttlichen Leben wird in der Taufe
gefeiert. In diesem Sakrament neigt sich der Vater mit fürsorglicher Zärtlichkeit
seiner Kreatur entgegen, dem Kind eines Mannes und einer Frau, um die Frucht
jener Liebe zu segnen und sie voll zu seinem Kind zu machen. Von jenem
Augenblick an ist das Geschöpf zur Heiligkeit der Kinder Gottes berufen.
Nichts und niemand vermag diese Berufung auszulöschen.
Mit der Taufgnade greift Gott Vater ein, um zu offenbaren, daß er,
und nur er der Urheber des Heilsplanes ist, in dem jeder Mensch seinen persönlichen
Ort hat. Gottes Handeln geht immer voraus, ist vorher, wartet nicht auf die
Initiative des Menschen, ist nicht von dessen Verdiensten abhängig und läßt
sich nicht von dessen Fähigkeiten oder Zuständen beeinflussen. Er ist
der Vater, der kennt, anweist, einen Impuls einprägt, ein Siegel aufdrückt
und ruft, noch »vor der Erschaffung der Welt« (Eph 1,4). Und
dann schenkt er Kraft, geht nebenher, stützt das Bemühen, ist Vater
und Mutter für immer...
Das christliche Leben gewinnt so die Bedeutung einer wechselseitigen
Erfahrung: es wird zur verantworteten Antwort im Wachsen seiner Kindschaft gegenüber
dem Vater, und der Beziehung als Bruder oder Schwester in der großen
Familie der Kinder Gottes. Der Christ ist gerufen, durch die Liebe jenen Prozeß
der Gleichwerdung mit dem Vater zu fördern, den man "auf Gott
ausgerichtetes Leben" (vita theologalis) nennt.
Darum drängt die Treue zur Taufe dazu, an das Leben und an sich selbst
immer genauere Fragen zu stellen; vor allem um sich zu rüsten, die Existenz
nicht nur auf der Grundlage des menschlichen Verhaltens zu leben, obwohl auch
dieses Gabe Gottes ist, sondern auf der Grundlage des Willens Gottes; nicht nach
weltlichen, oft sehr beschränkten Perspektiven, sondern nach dem Wunsch und
dem Plan Gottes.
Die Treue zur Taufe bedeutet also, nach oben zu schauen wie Kinder, um
Seinen Willen bezüglich des eigenen Lebens und der eigenen Zukunft zu
erkennen.
Der Sohn ruft zur Nachfolge
17. »Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns« (Joh 14,8).
Es ist die Frage des Philippus an Jesus, am Vorabend der Passion. Es ist die
brennende Sehnsucht nach Gott in jedem Menschenherzen: die eigenen Wurzeln zu
kennen, Gott zu kennen. Der Mensch ist nicht unendlich, er ist umgeben von
Endlichkeit; doch sein Verlangen richtet sich auf das Unendliche.
Und die Antwort Jesu überrascht die Jünger: »So lange bin ich
bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat
den Vater gesehen« (Joh 14,9).
a) Vom Vater gesandt, den Menschen zu rufen
Der Vater hat uns erschaffen im Sohn, dem »Abglanz seiner
Herrlichkeit und Abbild seines Wesens« (Hebr 1,3), hat uns
vorausbestimmt, seinem Bild gleichzuwerden (vgl. Rom 8,29). Das Wort ist
das vollkommene Ebenbild des Vaters. Im Wort ist es, in dem der Vater sich
sichtbar gemacht hat; es ist der Logos, durch den »er zu uns gesprochen hat«
(Hebr 1,2). Sein ganzes Wesen besteht darin, »gesandt zu sein«,
um Gott den Menschen als Vater nahe zu bringen, um sein Antlitz und seinen Namen
den Menschen zu offenbaren (Joh 17,6).
Wenn der Mensch gerufen ist, Kind Gottes zu sein, dann kann folglich niemand
besser zum Menschen von Gott »sprechen« und dessen geglücktes
Abbild sein als der Sohn. Deshalb hat der Sohn Gottes, indem er auf diese Welt
kam, in seine Nachfolge gerufen, zu sein, wie er ist, an seinem Leben Anteil zu
haben, sein Wort zu teilen, sein Ostern mit Tod und Auferstehung zu teilen, ja
sogar seine ganze Gesinnung.
Der Sohn, der Gesandte des Vaters, wurde Mensch, um den Menschen zu
berufen; der Gesandte des Vaters ist der »Rufer«
der Menschen.
Deshalb gibt es keine Stelle im Evangelium, keine Begegnung und kein Gespräch,
die keinen Bezug zur Berufung hätten, die nicht direkt oder indirekt eine
Berufung durch Jesus bedeuteten. Es ist, als seien seine, durch verschiedene
Umstände bedingten menschlichen Begegnungen für ihn eine Gelegenheit,
die jeweilige Person vor die entscheidende Frage zu stellen: »Was mache ich
mit meinem Leben? Was ist mein Weg?«
b) Die größte Liebe: das Leben geben
Wozu ruft Jesus? Er ruft, ihm nachzufolgen, um zu handeln und zu sein, wie
er. Genauer gesagt, um dieselbe Beziehung zum Vater und zu den Menschen zu
leben, wie er: das Leben anzunehmen als ein Geschenk aus den Händen des
Vaters, um dieses Geschenk zu »verlieren« und es für jene
hinzugeben, die der Vater ihm anvertraut hat.(32)
Es gibt einen verbindenden Zug in der Identität Jesu, der die volle
Bedeutung der Liebe darstellt: die Sendung. Sie bringt die Hingabebereitschaft
zum Ausdruck, die im Kreuz ihren höchsten Ausdruck erreicht: »Niemand
hat eine größere Liebe, als wer sein Leben hingibt für seine
Freunde« (Joh 15,13).
Deshalb ist jeder Jünger gerufen, die Gesinnung des Sohnes neu zu
leben, die in der Liebe gipfelt, der entscheidenden Motivation jeder Berufung.
Doch vor allem ist jeder Jünger gerufen, die Sendung Jesu sichtbar zu
machen; er ist gerufen für die Sendung: »Wie der Vater mich
gesandt hat, so sende ich euch« (Joh 20,21). Die Struktur jeder
Berufung, ihre Reife, liegt in der Vergegenwärtigung Jesu in der Welt, um,
wie Er es getan hat, aus dem Leben eine Gabe zu machen. Die Sendung ist in
Wirklichkeit das Vermächtnis des Osterabends (Joh 20,21) und ist
das letzte Wort vor der Heimkehr zum Vater (Mt 28,16-20).
c) Jesus, der Ausbilder
Jeder Berufene ist ein Zeichen für Jesus: gewissermaßen
weiten sich durch ihn Herz und Hände Jesu, um die Kleinen zu umarmen, die
Kranken zu heilen, die Sünder zu versöhnen und sich kreuzigen zu
lassen aus Liebe zu allen. Das Für-andere-sein mit dem Herzen Christi ist
die Reife jeder Berufung. Deshalb ist Jesus, der Herr, der Ausbilder derer, die
er ruft, der einzige, der in ihnen seine eigene Gesinnung herauszubilden vermag.
In der Antwort auf den Anruf des Herrn und in der Bereitschaft, sich von Ihm
formen zu lassen, bringt jeder Jünger das innerste Wesen der eigenen
Entscheidung zum Ausdruck. Deshalb »hat die Anerkennung Jesu als des Herrn
des Lebens und der Geschichte auch eine Selbsterkenntnis des Jüngers zur
Folge (...) Der Akt des Glaubens verbindet notwendigerweise die christologische
Anerkennung mit der anthropologischen Selbsterkenntnis.(33)
Hier hat die Pädagogik der christlichen Berufungserfahrung, wie sie vom
Wort Gottes angeregt wird, ihren Ansatz: »Jesus setzte Zwölf ein, die
er bei sich haben und die er dann aussenden wollte, damit sie predigten« (Mk
3,14). Das christliche Leben braucht starke Motivationen und besonders eine
tiefe Verbundenheit mit dem Herrn, damit es in Fülle als Geschenk und als
Sendung gelebt werden kann: im Hören, im Gespräch, im Gebet, in der
Verinnerlichung der Empfindungen, im täglichen Sich-gestalten-lassen von
Ihm und vor allem im starken Verlangen, der Welt das Leben des Vaters zu
vermitteln.
d) Die Eucharistie: die Übertragung der Sendung
In allen Katechesen der christlichen Urgemeinde ist die zentrale Stellung
des Ostergeheimnisses deutlich: Christus zu verkünden als den Gestorbenen
und Auferstandenen. Im Geheimnis des gebrochenen Brotes und des für das
Leben der Welt vergossenen Blutes sieht die christliche Gemeinschaft den höchsten
Ausdruck der Liebe, das hingegebene Leben des Gottessohnes.
Darum ist die Feier der Eucharistie »Gipfel und Quelle«(34) des
christlichen Lebens, darum wird in ihr die höchste Offenbarung der Sendung
Jesu Christi in der Welt gefeiert; gleichzeitig wird aber auch das Selbstverständnis
der kirchlichen Gemeinschaft gefeiert, die zusammengerufen ist, um ausgesandt zu
werden, und berufen wird, um die Sendung zu empfangen.
In der Gemeinschaft, die das österliche Geheimnis feiert, hat jeder
Christ Anteil und tritt ein in die Eigenart der Gabe Jesu, indem er selbst, wie
dieser, zum Brot wird, das als Opfer für den Vater und für das Leben
der Welt gebrochen wird.
So wird die Eucharistie zur Quelle jeder christlichen Berufung; in ihr ist
jeder Gläubige gerufen, sich dem geopferten und hingeschenkten Christus völlig
gleich zu machen. Sie wird zur Ikone jeder Antwort auf eine Berufung; wie bei
Jesus, so ist es auch in jedem Leben und in jeder Berufung schwer, die Treue bis
hin zum Maß des Kreuzes zu leben.
Wer an der Eucharistie teilnimmt, nimmt die Einladung und den Aufruf Jesu
an, seine »Memoria« zu feiern, im Sakrament und im Leben; die
Einladung, in der Wahrheit und in der Freiheit der alltäglichen Dinge die »Erinnerung«
an das Kreuz zu leben und die eigene Existenz mit Dankbarkeit und
Selbstlosigkeit zu erfüllen, den eigenen Leib zu brechen und das eigene
Blut zu vergießen, wie der Sohn.
Die Eucharistie weckt schließlich das Zeugnis, sie bereitet auf die
Sendung vor: »Gehet hin in Frieden«. Von der Begegnung mit Christus im
Zeichen des Brotes führt sie zur Begegnung mit Christus in der Gestalt
eines jeden Menschen. Der Einsatz des Gläubigen erschöpft sich nicht
im Eintritt in den Tempel, sondern im Hinausgehen. Die Antwort auf den Anruf fällt
zusammen mit der Geschichte der Sendung. Die Treue zur eigenen Berufung schöpft
aus den Quellen der Eucharistie und mißt sich an der Eucharistie des
Lebens. Der Geist ruft zum Zeugnis
18. Jeder, dessen Geist vom Glauben erleuchtet ist, ist gerufen, Jesus als
den Herrn zu erkennen und anzuerkennen und in Ihm sich selbst zu erkennen. Dies
jedoch ist nicht allein Frucht eines menschlichen Wunsches oder des guten
Willens des Menschen. Auch nachdem sie über längere Zeit die Erfahrung
mit dem Herrn gelebt haben, brauchen die Jünger immer noch Gott. Ja, am
Vorabend der Passion spüren sie eine gewisse Verwirrung ( Joh 14,1),
sie fürchten die Einsamkeit; und Jesus ermutigt sie mit einem unerhörten
Versprechen: »Ich lasse euch nicht als Waisen zurück« (Joh
14,18). Die Erstberufenen des Evangeliums bleiben nicht allein: Jesus
versichert sie des fürsorgenden Geleits durch den Geist.
a) Tröster und Freund, Führer und Erinnerung
»Er ist der "Tröster", der Geist der Güte, den
der Vater im Namen des Sohnes senden wird als ein Geschenk des auferstandenen
Herrn«,(35) »damit er immer bei euch bleibe« (Joh 14,16).
Der Geist wird so zum Freund jeden Jüngers, der Führer mit dem
wachem Blick auf Jesus und auf die Berufenen, um aus ihnen außergewöhnliche
Zeugen des umwälzendsten Ereignisses der Welt zu machen: Zeugen des
gestorbenen und auferstandenen Christus. Der Geist ist tatsächlich »Memoria«
Jesu und dessen Wortes: »Er wird euch alles lehren und euch an alles
erinnern, was ich euch gesagt habe« (Joh 14,26); ja, »er wird
euch in die ganze Wahrheit führen« (Joh 16,13).
Die ständige Neuheit des Geistes liegt in der Hinführung zu einem
schrittweisen und tiefen Verstehen der Wahrheit, jener Wahrheit, die kein
abstrakter Begriff ist, sondern der Plan Gottes im Leben jeden Jüngers.
Diese Neuheit ist die Umwandlung des Wortes Gottes in Leben und ist Umwandlung
des Lebens gemäß dem Wort Gottes.
b) Animator und Begleiter der Berufung
Auf solche Weise wird der Geist zum großen Animator jeder Berufung,
wird er Jener, der den Weg begleitet, damit er zum Ziel führe, der
Gestalter, der mit unendlicher Phantasie jedes Antlitz von innen her nach Jesus
gestaltet.
Seine Gegenwart gilt jedem Menschen, um alle zur Erkenntnis ihrer Identität
als Glaubende und als Gerufene zu führen, und um diese Identität in Übereinstimmung
zu bringen mit dem Vorbild der Liebe Gottes. Der Geist, der ja ein geduldiger
Gestalter unserer Seelen und ein »vollkommener Tröster« ist, will
diese »göttliche Prägung« in einem jeden nachbilden.
Doch vor allem befähigt er die Berufenen zum »Zeugnis«: »Er
wird Zeugnis für mich ablegen. Und auch ihr sollt Zeugnis ablegen, weil ihr
von Anfang an bei mir seid« (Joh 15,26-27). In diesem "Zeugen-sein"
jedes Berufenen liegt die Kraft des Wortes und der eigentliche Inhalt der
Sendung. Das Zeugnis besteht nicht nur in der Empfehlung der zu verkündenden
Worte, wie im Matthäusevangelium (Mt 10,20), sondern vielmehr
darin, Jesus im Herzen zu tragen und Ihn zu verkünden als das Leben der
Welt.
c) Heiligkeit, die Berufung aller
So wird heute also die Frage nach dem Qualitätssprung in der
Berufspastoral zu einer Frage, die ohne Zweifel zum Hören auf den Geist
verpflichtet: denn er ist der Verkünder der »künftigen Dinge«
(Joh 16,3), er schenkt die neue geistliche Einsicht zum Verstehen der
Geschichte und des Lebens, ausgehend vom Ostern des Herrn, in dessen Sieg die
Zukunft jedes Menschen eingeschlossen ist.
So gibt es Grund zur Frage: wo finden wir den Ruf des Heiligen Geistes in
diesen unseren Tagen? Wo haben wir die Wege der Berufspastoral zu verbessern?
Antwort auf diese Fragen werden wir nur erhalten, wenn wir den großen
Aufruf zur Umkehr, der an die ganze kirchliche Gemeinschaft und an jeden
einzelnen in ihr ergeht, als einen wahren Weg innerer Askese und Neugeburt
annehmen, damit jeder die Treue zu der ihm eigenen Berufung erneuere.
Es gibt einen Primat des Lebens im Heiligen Geist, der jeder
Berufspastoral zugrunde liegt und die Überwindung jenes verbreiteten
Pragmatismus und jener sterilen Äußerlichkeit verlangt, die das auf
Gott ausgerichtete Leben des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe in
Vergessenheit geraten lassen. Das offene Hinhören auf den Geist ist der
neue Atem in allem berufspastoralen Tun der kirchlichen Gemeinde.
Der Primat des geistlichen Lebens ist die Voraussetzung für die Antwort
auf jene Sehnsucht nach Heiligkeit, die, wie wir bereits gesagt haben,
auch die Gegenwart der Kirche in Europa durchzieht. Die Heiligkeit ist die
universale Berufung jedes Menschen,(36) sie ist der Hauptstrom, in den die
vielen einzelnen Berufungen einmünden. Deshalb ist die Heiligkeit der
Berufenen der große Treffpunkt mit dem Geist an dieser Wende der
nachkonziliaren Geschichte.
d) Die Berufe im Dienste der Berufung der Kirche
Dieses Ziel erfolgreich anzustreben bedeutet, dem verborgenen Wirken des
Geistes in einige bestimmte Richtungen zu folgen, die das Geheimnis einer
lebendigen Kirche des Dritten Jahrtausends vorbereiten und darstellen.
Dem Heiligen Geist wird vor allem die ewige Hauptrolle der communio
zugeschrieben, die im Bild der christlichen Gemeinschaft aufscheint und durch
die Vielfalt der Gaben und Dienste(37) sichtbar wird. Es geschieht tatsächlich
im Geist, wenn jeder Christ seine absolute Originalität erkennt, die
Einmaligkeit seiner Berufung, und damit auch sein naturgegebenes und unauslöschliches
Streben nach Einheit. Es geschieht im Geist, wenn die Berufungen in der Kirche
so vielgestaltig und gleichzeitig doch nur eine und dieselbe Berufung zur
Einheit in der Liebe und im Zeugnis sind. Es ist das Wirken des Geistes, das die
Buntheit der Berufungen im Bau der Kirche ermöglicht: die Berufungen in
der Kirche sind in ihrer Verschiedenheit notwendig, um die Berufung der Kirche
zu erfüllen; die Berufung der Kirche dagegen ist jene, für die Kirche
und in der Kirche wirksam Berufungen möglich zu machen. All die vielen
verschiedenen Berufungen führen also zum Zeugnis der Agape hin, zur Verkündigung
Christi als des einzigen Heilands der Welt.
Die Originalität der christlichen Berufung besteht gerade darin: die
Reife der Person an die Verwirklichung der Gemeinschaft zu binden; das will
besagen, die Logik der Liebe über die der Privatinteressen und die Logik
des Teilens über die der narzistischen Anhäufung von Talenten siegen
zu lassen (vgl. 1 Kor 1,12-14).
Die Heiligkeit wird so zur wahren Offenbarung des Geistes in der Geschichte.
Wenn jede Person der Dreifaltigkeit ihr eigenes Antlitz trägt, und wenn es
zutrifft, daß das Antlitz des Vaters und des Sohnes uns ziemlich vertraut
ist, da Jesus, indem er Mensch wurde wie wir, das Antlitz des
Vaters enthüllt hat, dann werden die Heiligen zum beredtesten Abbild
des Geheimnisses des Geistes. Ebenso verbirgt und offenbart jeder Glaubende, der
dem Evangelium treu ist, in der eigenen persönlichen Berufung und in der
allgemeinen Berufung zur Heiligkeit, das Antlitz des Heiligen Geistes.
e) Das »Ja« zum Geist in der Firmung
Das Sakrament der Firmung ist der Augenblick, der am deutlichsten die Gabe
und die Begegnung mit dem Heiligen Geist ausdrückt.
Vor dem Angesicht Gottes und dessen Liebestat (»Empfange den heiligen
Geist...«),(38) aber auch vor dem eigenen Gewissen und vor der christlichen
Gemeinde antwortet der Firmling: »Amen«. Es ist wichtig, auf
erzieherischer und katechetischer Ebene den herausfordernden Sinn dieses »Amen«(39)
wiederzuentdecken.
Dieses »Amen« will vor allem ein »Ja« zum Heiligen
Geist sein, und mit ihm zu Jesus. Darum auch sieht die Spendung der Firmung die
Erneuerung des Taufversprechens vor und verlangt vom Firmling, der Sünde
und den Werken des immer zur Entstellung des christlichen Antlitzes bereiten Bösen
zu widersagen; und sie verlangt vor allem die Verpflichtung, das Evangelium Jesu
zu leben, besonders das große Gebot der Liebe. Es geht darum, die
Berufungstreue zur eigenen Identität als Kinder Gottes zu leben.
Das »Amen« ist ein »Ja« auch zur Kirche. In der
Firmung erklärt der Jugendliche, die Sendung Jesu zu übernehmen, die
sich in der Gemeinschaft fortsetzt. Er verpflichtet sich so in zwei Richtungen,
um seinem »Amen« konkrete Gestalt zu geben: zum Zeugnis und zur
Sendung. Der Gefirmte weiß, daß der Glaube ein Talent ist,
mit dem es zu wuchern gilt; daß er eine Botschaft ist, die durch das
Leben und durch das schlüssige Zeugnis seines ganzen Seins anderen zu übermitteln
ist und auch durch das Wort, durch einen missionarischen Mut zur
Ausbreitung der frohen Botschaft.
Schließlich drückt dieses »Amen« eine Fügsamkeit
gegenüber dem Heiligen Geist im Planen und Gestalten der Zukunft gemäß
den Absichten
Gottes aus, nicht nur nach den eigenen Erwartungen und Einstellungen,
nicht nur in den Räumen, die die Welt bereitstellt, sondern vor allem in Übereinstimmung
mit dem stets neuen und unvorhersehbaren Plan, den Gott für jeden einzelnen
hat.
Von der Dreifaltigkeit zur Kirche in der Welt
19. Jede christliche Berufung ist eine »besondere« Berufung, denn
sie appelliert an die Freiheit jedes Menschen und erzeugt eine urpersönliche
Antwort innerhalb einer ursprünglichen und einmaligen Lebensgeschichte.
Deshalb findet jeder in seiner persönlichen Berufungserfahrung ein
Ereignis, das sich nicht auf allgemeine Schemata einschränken läßt;
die Geschichte jedes Menschen ist eine kleine Geschichte, doch unverwechselbar
und einzigartig nimmt sie stets von einer großen Geschichte ihren Ausgang.
In der gegenseitigen Beziehung dieser beiden Geschichten, zwischen seiner
eigenen kleinen und jener großen, die ihm zugehört und ihn übersteigt,
bringt der Mensch seine Freiheit ins Spiel.
a) In der Kirche und der Welt, für die Kirche und die Welt
Jede Berufung entsteht an einem bestimmten Ort, in einem konkreten Umfeld,
doch beschränkt sie sich nicht auf sich selbst, noch zielt sie auf die
private Vollkommenheit oder die psychologische oder geistige
Selbstverwirklichung des Berufenen ab, denn sie erblüht innerhalb der
Kirche, in jener Kirche, die durch die Welt unterwegs ist zum vollendeten Reich,
zur Verwirklichung einer Geschichte, die groß ist, weil sie
Heilsgeschichte ist.
Die kirchliche Gemeinschaft selbst hat eine zutiefst berufungsbezogene
Struktur: sie ist gerufen für die Sendung; sie ist Zeichen für
Christus, den Gesandten des Vaters. Wie Lumen Gentium sagt: sie ist »in
Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug sowohl für
die innigste Vereinigung mit Gott, als auch für die Einheit der ganzen
Menschheit«.(40)
Einerseits ist die Kirche Zeichen, das das Geheimnis Gottes widerspiegelt;
sie ist Ikone, die auf die dreifaltige Gemeinschaft im Zeichen der sichtbaren
Gemeinschaft und auf das Geheimnis Christi in der Dynamik der universalen
Sendung verweist. Andererseits ist die Kirche eingebunden in die Zeit der
Menschen, sie lebt in der Geschichte in einer Situation des Exodus, sie steht in
der Sendung zum Dienst am Reich, um die Menschheit zur Gemeinschaft der Kinder
Gottes umzugestalten.
So verlangt der Blick auf die Geschichte von der kirchlichen Gemeinschaft,
sich hörbereit zu machen für die Erwartungen der Menschen; jene
Zeichen der Zeit zu lesen, die der Schlüssel und die Sprache des Heiligen
Geistes sind; in ein fruchtbares, kritisches Gespräch mit der Gegenwart
einzutreten und Traditionen und Kulturen mit Wohlwollen aufzunehmen, um in ihnen
das Bild des Reiches sichtbar zu machen und den Sauerteig des Evangeliums
einzubringen.
So verflicht sich die kleine große Geschichte einer jeden Berufung mit
der Geschichte der Kirche in der Welt. Wie jede Berufung in der Kirche und in
der Welt entstand, so steht sie auch im Dienst der Kirche und der Welt.
b) Die Kirche, Gemeinschaft und communio von Berufungen
In der Kirche, die Gemeinschaft von Gaben für eine einzige Sendung
ist, vollzieht sich auch jener Übergang vom Zustand, in dem sich der durch
die Taufe in Christus eingebundene Gläubige befindet, zu seiner »besonderen«
Berufung als einer Antwort auf die besondere Gabe des Geistes. In dieser
Gemeinschaft ist jede Berufung »eine besondere« und findet in einem
Lebensplan zu ihrer eigenen Gestalt; es gibt keine allgemeinen Berufungen.
In ihrer Besonderheit ist jede Berufung gleichzeitig »notwendig«
und »relativ«. »Notwendig«, weil Christus lebt und sichtbar
wird in seinem Leib, der die Kirche ist, und im Jünger, der ihr
wesentlicher Teil ist; »relativ«, weil keine Berufung das zeichenhafte
Zeugnis des Geheimnisses Christi voll ausschöpfen kann, sondern lediglich
einen Teil davon zum Ausdruck bringt. Nur die Gesamtheit der Gaben macht den
ganzen Leib des Herrn sichtbar. In einem Gebäude braucht jeder Stein den
anderen (1 Petr 2,5); im Leib bedarf jedes Glied des anderen, um den gesamten
Organismus wachsen zu lassen, zum Nutzen des Ganzen (1 Kor 12,7).
Dies verlangt, daß das Leben eines jeden von Gott her geplant wird,
der sein einziger Ursprung ist und alles zum Wohl des Ganzen einrichtet; dies
verlangt, daß das Leben nur dann als sinntragend wiederentdeckt wird, wenn
es für die Nachfolge Jesu offen ist.
Doch ist es ebenfalls wichtig, daß es eine kirchliche Gemeinschaft
gibt, die tatsächlich jedem Berufenen hilft, die eigene Berufung zu
erkennen. Ein Klima des Glaubens, des Gebets, der Gemeinschaft in Liebe, der
geistlichen Reife, des Mutes zur Verkündigung, des intensiven sakramentalen
Lebens, macht aus der glaubenden Gemeinschaft einen fruchtbaren Boden nicht nur
für das Keimen neuer, besonderer Berufungen, sondern für die Schaffung
einer berufungsfreundlichen Kultur und einer Bereitschaft in jedem einzelnen,
seinen persönlichen Ruf anzunehmen. Wenn ein Jugendlicher den Anruf spürt
und in seinem Herzen sich entscheidet, die heilige Reise zu dessen
Verwirklichung anzutreten, so ist dort gewöhnlich auch eine Gemeinschaft,
die die Voraussetzungen für diese hörende Verfügungsbereitschaft
geschaffen hat.(41)
Das bedeutet: die auf die Berufung ausgerichtete Treue einer gläubigen
Gemeinschaft ist die erste und grundlegende Voraussetzung für das Aufblühen
der Berufung in den einzelnen Gläubigen, vor allem in den Jugendlichen.
c) Zeichen, Dienst, Sendung
Als dauerhafte und endgültige Lebensentscheidung öffnet sich
also jede Berufung in einer dreifachen Dimension: in Beziehung auf Christus ist
jede Berufung »Zeichen«; in Beziehung zur Kirche ist sie »Geheimnis«;
in Beziehung zur Welt ist sie »Sendung« und Zeugnis für
das Reich.
Wenn die Kirche »wie ein Sakrament in Christus« ist, dann
offenbart jede Berufung die tiefe Dynamik der dreifaltigen Gemeinschaft, das
Wirken des Vaters, des Sohnes und des Geistes als ein Ereignis, das zu
neugestalteten Kreaturen in Christus macht.
Jede Berufung ist also Zeichen, ist eine besondere Art, das Antlitz
Christi zu zeigen. »Die Liebe Christi drängt uns« (2 Kor 5,14).
Jesus wird so zum Beweger und entscheidenden Vorbild jeder Antwort auf die
Anrufe Gottes.
In Beziehung zur Kirche ist jede Berufung ein Geheimnis, das in der
Freiheit des Geschenks seine Wurzel hat. Ein Ruf Gottes ist ein Geschenk für
die Gemeinschaft, zum allgemeinen Nutzen, in der Dynamik der vielen Dienste.
Dies ist möglich in Fügsamkeit gegenüber dem Geist, der die
Kirche wie eine »Gemeinschaft von Gaben«(42) sein läßt, und
im Herzen des Christen die Agape hervorbringt; dies nicht nur als eine Ethik der
Liebe, sondern auch als eine tiefgehende Struktur der Person, die gerufen und fähig
gemacht ist, in einer Haltung der Dienstbereitschaft und in der Freiheit des
Geistes in Beziehung mit anderen zu leben.
Jede Berufung ist schließlich in Beziehung zur Welt eine Sendung.
Sie ist in Fülle gelebtes Leben, da sie für andere gelebt wird wie das
Leben Jesu und deshalb auch Leben stiftet: »das Leben bringt Leben hervor«.(43)
Hier gründet also die innerste Teilhabe jeder Berufung am Apostolat und an
der Sendung der Kirche, die Keimzelle des Reiches ist. Berufung und Sendung sind
zwei Seiten derselben Medaille. Sie beschreiben die Gabe und den Beitrag eines
jeden zum Plan Gottes, nach dem Bild und Gleichnis Jesu.
d) Die Kirche, Mutter der Berufe
Die Kirche ist die Mutter der Berufe, denn sie bringt sie aus ihrem
Inneren hervor, in der Kraft des Geistes, sie schützt sie, nährt sie
und unterhält sie. Sie ist besonders deshalb Mutter, weil sie eine
wertvolle Funktion als Mittlerin und Erzieherin ausübt.
»Von Gott gerufen und als eine Gemeinschaft von Berufenen in der Welt
erbaut, ist die Kirche ihrerseits Werkzeug des Rufes Gottes. Die Kirche ist
lebendiger Anruf aus dem Willen des Vaters, durch die Verdienste des Herrn
Jesus, durch die Kraft des Heiligen Geistes (...). Die Gemeinschaft, die sich
ihrer Berufung bewußt wird, wird sich gleichzeitig dessen bewußt, daß
auch sie selbst ununterbrochen berufen mub«.(44) Über den Weg dieser
Berufung und in ihren verschiedenen Formen ergeht auch der Anruf Gottes.
Diese vermittelnde Aufgabe übt die Kirche aus, wenn sie jedem Gläubigen
hilft und ihn anregt, sich der empfangenen Gabe und der Verantwortung, die sie
beinhaltet, bewußt zu werden.
Sie übt sie weiter aus, wenn sie sich zur kompetenten Deuterin des
ausdrücklichen Anufs zu einer Berufung macht, und sie selbst beruft, indem
sie die Erfordernisse, die mit ihrer Sendung und mit den Bedürfnissen des
Gottesvolkes verbunden sind, darlegt und zu einer hochherzigen Antwort einlädt.
Sie übt sie außerdem aus, wenn sie vom Vater die Gabe des Geistes
erbittet, der die Zustimmung in den Herzen der Gerufenen bewirkt. Sie übt
sie aus, wenn sie einen Berufenen aufnimmt und in ihm den Ruf selbst vernimmt.
Sie übt sie aus, wenn sie einem Berufenen ausdrücklich mit fürsorglichem
Vertrauen eine konkrete und nie einfache Sendung unter den Menschen überträgt.
Wir könnten noch anfügen, daß die Kirche ihre Mütterlichkeit
auch dann zeigt, wenn sie, außer zu berufen und die Eignung der Gerufenen
zu prüfen, dafür Sorge trägt, daß diese eine angemessene
einführende und beständige Ausbildung erhalten und auf dem langen Weg
ihrer immer treueren und radikaleren Antwort tatsächlich begleitet werden.
Die Mütterlichkeit der Kirche kann sich selbstverständlich nicht erschöpfen
in der Zeit der ersten Berufung. Auch kann eine Gemeinde von Gläubigen sich
nicht mütterlich nennen, wenn sie nur »wartet« und die
Verantwortung für eine Berufung ausschließlich dem Wirken Gottes überläßt,
als ob sie sich davor fürchte, selbst zu rufen; oder eine Gemeinschaft, die
es als gegeben betrachtet, daß die Jugendlichen schon von selbst ihre
Berufung wahrnehmen werden; oder eine, die keine Möglichkeiten anbietet,
die auf Angebot oder Annahme einer Berufung abzielen.
Die Berufskrise der Berufenen ist heute auch eine Krise der Rufenden,
die sich manchmal bedeckt halten und keinen Mut zeigen. Wenn keiner da ist, der
ruft, wie kann man da eine Antwort erwarten?
Die ökumenische Dimension
20. Das heutige Europa braucht neue Heilige und neue Berufe, Glaubende, die
fähig sind, »Brücken zu schlagen«, um die Kirchen immer mehr
untereinander zu verbinden. Dies ist eine typische Neuheit, dies ist ein Zeichen
der Zeit in der Berufspastoral des ausgehenden Jahrtausends. In einem Kontinent,
der von einem tiefgehenden Willen nach Einheit geprägt ist, müssen die
Kirchen als erste das Beispiel einer Geschwisterlichkeit geben, die stärker
ist als jede Trennung und die doch immer gebaut und wiedererbaut werden muß.
»Die Berufspastoral in Europa muß heute eine ökumenische
Dimension aufweisen. Alle Berufungen in jeder Kirche Europas sind gehalten, an
der Schwelle zum Dritten Jahrtausend die große Herausforderung der
Evangelisierung aufzugreifen und gemeinsam ein Zeugnis von Gemeinschaft und
Glaube in Christus, dem einzigen Heiland der Welt, abzulegen«.(45)
Ein solcher Geist kirchlicher Einheit fördert das Teilen jener Gaben,
die der Geist Gottes überall ausgesät hat, und fördert die
gegenseitige Hilfe unter den Kirchen.
Die Katholischen Kirchen des Ostens
21. Eine größere Aufmerksamkeit seitens der Kirchen Westeuropas
muß den geistlichen Ausbildungbemühungen der Katholischen Kirchen des
Ostens geschenkt werden; dies kann nur einen positiven Einfluß auf die
Berufspastoral aller Kirchen ausüben.
Besondere Bedeutung kommt der heiligen Liturgie zu in ihrer Hinordnung auf
die Ausbildung der Berufe für die Kirchen des Ostens. Die Liturgie ist der
Ort, wo das Geheimnis des Heils verkündet und angebetet wird, wo
Gemeinschaft wächst und unter den Gläubigen Brüderlichkeit gebaut
wird. Dies alles in solchem Maße, daß sie zur wahren Gestalterin des
christlichen Lebens wird, bis zur vollkommenen Übereinstimmung von dessen
verschiedenen Bereichen. In der Liturgie fällt das frohe Bekenntnis der
Zugehörigkeit zur Tradition der Kirchen des Ostens zusammen mit der völligen
Einheit mit der Kirche von Rom.
Man kann nicht Berufe zum Priestertum wecken und zum monastischen Leben,
wenn man nicht zu den Quellen der Ursprungstraditionen zurückkehrt, in Übereinstimmung
mit den heiligen Vätern und mit deren tiefem Sinn für die Kirche.
Dieser weitgespannte Prozeß braucht seine Zeit, er verlangt Geduld und
Respekt vor dem Gefühl der Gläubigen und fordert außerdem auch
Entschlossenheit.
Darum sind die Bischöfe, die Ordensobern und die Pastoralarbeiter der
Katholischen Kirchen Ost-Europas eingeladen zu erkennen, wie dringlich es für
alle ihre Kirchen ist, das ganze liturgische Erbe, das auf einzigartige Weise
zum Entstehen und zur Entfaltung der Theologie und der Katechese beiträgt,
wiederzugewinnen und unversehrt zu bewahren. Nach dem Beispiel der
mystagogischen Methode der Väter öffnet dies für die Erfahrung
der Berufung und des geistlichen Lebens und läßt eine sichere und
starke ökumenischen Gesinnung heranreifen.(46)
In den verschiedenen kirchlichen Erfahrungen, sowie durch Studien, die das
geschichtliche, theologische, juridische und geistliche Erbe der eigenen Kirche
behandeln, können die östlichen Jugendlichen leicht erzieherische
Umfelder finden, die sich dazu eignen, den universalen Sinn ihrer Hingabe an
Christus und an die Kirche reifen zu lassen.
Es ist Aufgabe der Bischöfe, durch Aufwertung des Charismas der Mönchsgemeinschaften,
denen es an Ausbildern und geistlichen Leitern nicht mangelt, jene Jugendlichen,
die einzeln oder in Gruppen bitten, sich dem monastischen Leben weihen zu dürfen,
zu fördern, wohlwollend auf sie zuzugehen und sie mit väterlicher
Sorge zu begleiten.
Das Weiheamt und die Berufungen in gegenseitiger communio
22. »In vielen Teilkirchen muß die Berufspastoral noch Klarheit
schaffen bezüglich der Beziehungen von Weiheamt, Berufung zu einer
besonderen Lebensweihe und allen übrigen Berufungen. Die ganzheitliche
Berufspastoral gründet auf dem Berufungscharakter der Kirche und jeden
menschlichen Lebens als Anruf und Antwort. Dies steht am Anfang der gesamten Bemühungen
der ganzen Kirche für alle Formen von Berufung, vor allem für die
Berufung zu einer besonderen Lebensweihe«.(47)
a) Der Dienst des Weiheamtes
Innerhalb dieser allgemeinen Sensibilität muß heute wohl eine
besondere Aufmerksamkeit auf den Dienst des Weiheamtes gerichtet werden, in
welchem sich die erste besondere Form der Verkündigung des Evangeliums
darstellt. Es stellt die »fortdauernde Gewähr der sakramentalen
Gegenwart Christi, des Erlösers, in den verschiedenen Zeiten und Orten dar«,(48)
und es bringt gerade die unmittelbare Abhängigkeit der Kirche von Christus
zum Ausdruck, der fortfährt, seinen Geist auszusenden, damit sie sich nicht
in sich selbst abkapsele, in ihrem Abendmahlsaal, sondern durch die Straßen
der Welt ziehe und die Frohbotschaft verkünde.
Diese Ausprägung der Berufung läßt sich nach den drei Graden
beschreiben: bischöflich (womit die Garantie der apostolischen
Sukzession verbunden ist), priesterlich (was die »sakramentale
Darstellung Christi, des Hirten«,(49) beinhaltet), und diakonal
(sakramentales Zeichen des dienenden Christus).(50) Den Bischöfen ist der
Dienst der Berufung jenen gegenüber anvertraut, die die heiligen Weihen
anstreben, um ihre Mitarbeiter im apostolischen Dienst zu werden.
Das Weiheamt läßt die Kirche vor allem durch die Feier der
Eucharistie »culmen et fons«(51) des christlichen Lebens und jener
Gemeinschaft sein, die zur Feier der Memoria des Auferstandenen berufen ist.
Jede andere Berufung entsteht innerhalb der Kirche und ist ein Teil ihres
Lebens. Darum kommt dem Weiheamt der Dienst der Einheit in der Gemeinschaft zu,
und kraft dieses Dienstes hat es die
unverzichtbare Aufgabe, eine jede Berufung zu fördern.
Das bedeutet in der pastoralen Praxis: das Weiheamt steht im Dienst an allen
Berufungen, und alle Berufungen stehen im Dienst des Weiheamtes, in der
Gegenseitigkeit der communio. Der Bischof also ist mit seinem Presbyterium
gerufen, sämtliche Gaben des Geistes zu unterscheiden und zu fördern.
Die Sorge um das Seminar jedoch muß ganz besonders ein Anliegen der ganzen
diözesanen Kirche werden, um die Ausbildung von künftigen Priestern
und die Bildung eucharistischer Gemeinden als vollen Ausdruck christlicher
Erfahrung sicherzustellen.
b) Die Aufmerksamkeit für alle Berufungen
Die Suche und die Sorge der christlichen Gemeinschaft richtet sich auf
alle Formen der Berufung, sei es auf jene aus der Tradition der Kirche, sei es
auf die neuen Gaben des Geistes: die Ordensweihe im monastischen Leben und im
apostolischen Leben, die Berufung als Laie, das Charisma der Säkularinstitute,
die Gesellschaften apostolischen Lebens, die Berufung zur Ehe, die verschiedenen
laikalen Formen der Vereinigungen, die sich Ordensinstituten angeschlossen
haben, die missionarischen Berufe, die neuen Formen des geweihten Lebens.
Diese verschiedenen Gaben des Geistes sind auf unterschiedliche Weise in
den Kirchen Europas präsent; doch alle diese Kirchen sind auf jeden Fall
gerufen, Zeugnis für die Aufnahme und Pflege einer jeden Berufung zu
geben. Eine Kirche ist um so lebendiger, je reicher und bunter in ihr die
verschiedenen Berufungen zum Ausdruck kommen.
In einer Zeit wie der unsrigen, die der Prophetie bedarf, ist es klug,
jene Berufungen zu bevorzugen, die ein besonderes Zeichen dessen sind, »was
wir sein werden, und was uns noch nicht offenbar gemacht ist« (1 Joh
3,2), wie die Berufung zu einer besonderen Weihe; doch ist es ebenso
klug und unverzichtbar, den prophetischen Charakter, der für jede
christliche Berufung bezeichnend ist, zu fördern, eingeschlossen die Berufung
als Laie, damit die Kirche vor der Welt immer mehr ein Zeichen der künftigen
Dinge sei, jenes Reiches, das »jetzt schon ist, und doch noch nicht«
ist.
Maria, Mutter und Vorbild jeder Berufung
23. Es gibt ein Geschöpf, in dem sich der Dialog zwischen der Freiheit
Gottes und der Freiheit des Menschen auf so vollkommene Weise ereignet, daß
die beiden Freiheiten in eine Wechselbeziehung eintreten und dabei vollkommen
das Ziel der Berufung verwirklichen können; es gibt ein Geschöpf, das
uns geschenkt wurde, damit wir in ihm ein vollkommenes Ideal der Berufung
betrachten können, ein Ideal, das sich in jedem von uns erfüllen
sollte.
Maria ist das gelungene Abbild dessen, wie Gott sich seine Kreatur erträumt
hat! Sie ist wirklich Kreatur, wie wir, ein Teilchen, in das Gott die Fülle
seiner göttliche Liebe eingießen konnte; sie ist Hoffnung, die uns
gegeben ist, damit auch wir im Blick auf sie das Wort in uns aufnehmen, damit es
sich in uns erfülle.
Maria ist die Frau, in der die heiligste Dreifaltigkeit vollkommen ihre Freiheit
der Wahl zeigen kann. Der hl. Bernhard sagt, wenn er die Botschaft des
Engels Gabriel während der Verkündigung kommentiert: »Dies ist
keine Jungfrau, die zufällig im letzten Moment gefunden wurde, sondern sie
wurde vor der Zeit erwählt; der Höchste hat sie vorherbestimmt und sie
für sich vorbereitet«.(52) Und der hl. Augustinus antwortet darauf: »Schon
bevor das Wort aus der Jungfrau geboren wurde, hatte Er sie sich zur Mutter
bestimmt«.(53)
Maria ist das Bild der göttlichen Erwählung jeder Kreatur; einer
Erwählung, die von Ewigkeit her und absolut frei, geheimnisvoll und voller
Liebe ist; einer Erwählung, die stets über das hinausgreift, was die
Kreatur von sich denken kann; einer Erwählung, die das Unmögliche
verlangt und nur eines fordert: den Mut zum Vertrauen.
Doch ist die Jungfrau Maria auch das Vorbild der menschlichen Freiheit
in der Antwort auf diese Erwählung. Sie ist das Zeichen für das, was
Gott möglich ist, wenn er eine Kreatur findet, die frei ist, sein Angebot
anzunehmen; die frei ist, ihr »Ja« zu sagen, frei ist, sich auf die
Pilgerfahrt des Glaubens einzulassen, die auch die Pilgerfahrt ihrer Berufung
als Frau bedeutet, die zur Mutter des Heilandes und zur Mutter der Kirche
berufen ist. Diese lange Pilgerfahrt vollendet sich am Fuß des Kreuzes,
durch ein noch geheimnisvolleres und schmerzlicheres »Ja«, das sie
voll zur Mutter macht; und dann noch im Abendmahlsaal, wo sie bis heute,
zusammen mit dem Geist, die Kirche und jede Berufung hervorbringt.
Maria ist schließlich das vollkommen verwirklichte Bild der Frau,
vollkommene Synthese der Weiblichkeit und der Phantasie des Geistes, der in ihr
die Braut findet und erwählt, die jungfräuliche Mutter Gottes und des
Menschen, die Tochter des Höchsten und Mutter aller Lebenden. In ihr findet
jede Frau ihre Berufung als Jungfrau, Braut und Mutter!
DRITTER TEIL PASTORAL DER GEISTLICHEN BERUFE
»... Jeder hörte sie in seiner Sprache reden«
(Apg 2,6)
Die konkrete Ausrichtung der Berufspastoral läßt sich nicht
nur von einer korrekten Theologie der Berufung ableiten, sondern beinhaltet auch
einige praktische Grundsätze, in denen die Ausrichtung auf die Berufung
gleichsam die Seele und das einigende Motiv der ganzen Pastoral darstellt.
Es werden dann die Glaubenswege und die konkreten Orte aufgezeigt, in
denen die Einladung zur Berufung tägliche Aufgabe jedes Hirten und
Erziehers sein muß.
Die Analyse der bestehenden Verhältnisse steckte im ersten Teil den
Rahmen der aktuellen Wirklichkeit der Berufe in Europa ab; der zweite Teil
dagegen bot eine theologische Betrachtung über die Bedeutung und über
das Geheimnis der Berufung, ausgehend von der Wirklichkeit der Dreifaltigkeit
bis zum Verständnis von deren Bedeutung für das Leben der Kirche.
Genau diesen zweiten Aspekt möchten wir nun vertiefen, besonders vom
Blickpunkt seiner pastoralen Umsetzung aus.
In der Audienz für die Teilnehmer des Kongresses sagte Papst Johannes
Paul II.: »Die geänderten geschichtlichen und kulturellen Bedingungen
fordern, daß die Berufspastoral sich selbst als eines der vorrangigen
Ziele der gesamten christlichen Gemeinschaft versteht«.(54)
Das Leitbild der Urkirche
24. Die geschichtlichen Verhältnisse mögen sich ändern, unverändert
jedoch bleibt der Bezugspunkt im Leben des Gläubigen und der glaubenden
Gemeinschaft, jener Bezugspunkt, den das Wort Gottes darstellt, besonders dort,
wo die Geschichte der Kirche ihren Ursprung hat. Diese Geschichte und die Art,
wie die Urkirche sie durchlebt hat, stellen für uns das exemplum
dar, den Modellfall des Kirche-seins. Dies gilt auch für den Bereich der
Berufspastoral. Wir sammeln hier nur einige wesentliche Elemente, die besonders
exemplarisch sind, so, wie sie uns in der Apostelgeschichte begegnen, im
Augenblick, da die Urkirche zahlenmäßig sehr gering und schwach war.
Die Berufspastoral ist so alt wie die Kirche; sie entstand damals gemeinsam mit
ihr, inmitten jener Armut, in welcher so unvermutet der Geist Wohnung nahm.
An den Anfängen dieser einzigartigen Geschichte, die dann zu unserer
eigenen Geschichte wurde, steht die Verheißung des Heiligen Geistes,
versprochen von Jesus, bevor er zum Vater heimging. »Euch steht es nicht
zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt
hat. Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch
herabkommen wird, und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa
und Samarien und bis an die Grenzen der Erde« (Apg 1,7-8). Die
Apostel waren im Abendmahlsaal beisammen, »sie verharrten dort einmütig
im Gebet, ... mit Maria, der Mutter Jesu« (Apg 1,14), und
sofort gingen sie daran, den frei gewordenen Platz des Judas mit einem anderen
zu besetzen, den sie aus denen auswählten, die von Anfang an mit Jesus
waren: damit er »gemeinsam mit uns Zeuge seiner Auferstehung«
(Apg 1,22) sei. Und die Verheißung erfüllt sich: der Geist
kommt herab, unter Getöse, er erfüllt das Haus und das Leben jener,
die zuvor noch verängstigt und eingeschüchtert waren, wie ein Donner,
ein Wind, ein Feuer... »Und sie begannen, in fremden Sprachen zu reden...,
und jeder hörte sie in seiner Sprache reden« (Apg 2,4-6).
Und Petrus hielt jene Rede, in der er die Geschichte des Heils erzählte, »er
trat auf ... und erhob seine Stimme« (Apg 2,14) zu einer Rede, die »mitten
ins Herz trifft« und die Hörer zur entscheidenden Frage ihres Lebens führt:
»Was sollen wir tun?« (Apg 2,37).
An dieser Stelle beschreibt die Apostelgeschichte das Leben der ersten
Gemeinde, die sich durch einige wesentliche Eigenschaften auszeichnet wie:
Beharrlichkeit im Hören auf die Lehre der Apostel, geschwisterliche
Gemeinschaft, Brotbrechen, Gebet, Teilen des Besitzes, gleichzeitig aber auch
die Empfindungen des Gemüts und die Gaben des Geistes (vgl. Apg 2,42-48).
Inzwischen wirken Petrus und die Apostel weiter im Namen Jesu Wunder und
verkünden das Kerygma des Heils, wobei sie regelmäßig ihr Leben
aufs Spiel setzen, doch stets von der Gemeinschaft gestützt werden, deren
gläubige Mitglieder »ein Herz und eine Seele« sind (Apg 4,32).
In ihr wachsen zudem auch die unterschiedlichsten Bedürfnisse, und so
werden die Diakone eingesetzt, um auch diesen materiellen Nöten der
Gemeinschaft abzuhelfen, besonders der Schwächsten in ihr (vgl. Apg
6,1-7).
Ein starkes und mutiges Zeugnis muß zwangsläufig den Widerspruch
der Autoritäten wachrufen, und so finden wir bald den ersten Märtyrer,
Stephanus, um zu unterstreichen, daß die Sache des Evangeliums den ganzen
Menschen erfaßt, auch dessen Leben (vgl. Apg 6,8-7; 7). Das
Todesurteil des Stephanus findet sogar die Zustimmung des Saulus, jenes
Christenverfolgers, der wenig später von Gott erwählt wird, das bisher
verborgene, nun aber geoffenbarte Geheimnis den Heiden zu verkünden.
Und die Geschichte geht ihren Lauf und wird immer mehr zu einer heiligen
Geschichte: Geschichte Gottes, der Menschen erwählt und auch auf ganz überraschende
Weise zum Heil beruft, und Geschichte der Menschen, die sich von Gott rufen und
erwählen lassen.
Für uns mögen diese Punkte genügen, um in der Urgemeinde die
Grundzüge der Pastoral einer Kirche zu erkennen, die ganz auf die Berufung
ausgerichtet ist: im Bereich der Methode und der Inhalte, im Bereich der
Grundprinzipien, der zu beschreitenden Wege und der besonderen Strategien zur
Durchführung.
Theologische Aspekte der Berufungspastoral
25. Doch welche Theologie begründet, inspiriert und motiviert die
Berufspastoral als solche?
Die Antwort ist in unserem Zusammenhang wichtig, weil sie Bindeglied
zwischen der Theologie der Berufung und der mit dieser übereinstimmenden
pastoralen Praxis ist, die aus dieser Theologie entspringt und zu ihr zurückkehrt.
Was diese Frage anbetrifft, so wollte der Kongreb weitere Überlegungen und
Studien anregen mit dem Ziel, jene Motive herauszufinden, die Personen und
Gemeinschaften zutiefst an die Arbeit für die Berufe binden, und um den
Zusammenhang von Theologie der Berufung, Theologie der Berufspastoral und pädagogisch-pastoralem
Wirken deutlicher aufzuzeigen.
»Die Pastoral der Berufe entsteht im Geheimnis der Kirche und stellt
sich in deren Dienst«.(55) Das theologische Fundament der Berufspastoral »kann
nur aus der Sicht der Kirche als mysterium vocationis entspringen«.(56)
Johannes Paul II. erinnert deutlich daran, daß die Dimension der
Berufung der Pastoral der Kirche wesensgemäß ist«, d.h.
ihrem Leben und ihrer Sendung entspricht.(57) Die Berufung beschreibt also
gewissermaben das tiefe Sein der Kirche noch mehr als deren Wirken. Im Namen
»Ecclesia« selbst ist ihr berufungsbezogener Charakter
festgehalten, denn sie ist tatsächlich
Versammlung von Berufenen.(58) Mit Recht sagt also das Instrumentum
laboris des Kongresses, daß »die ganzheitliche Berufspastoral im
Berufungscharakter der Kirche gründet«.(59)
Folglich ist die Pastoral der geistlichen Berufe von Natur aus ein Handeln,
das auf die Verkündigung Christi ausgerichtet ist und auf die
Evangelisierung der Gläubigen in Christus. Hier haben wir also die Antwort
auf unsere Frage: eben in der Berufung der Kirche zur Weitergabe des
Glaubens ist die Theologie der Berufungspastoral begründet. Dies
betrifft die universale Kirche, gilt aber besonders für jede christliche
Gemeinschaft,(60) vor allem im gegenwärtigen geschichtlichen Zeitpunkt des
alten Kontinents. »Für diese hohe Sendung, eine neue Zeit der
Evangelisierung in Europa einzuleiten, bedarf es heute besonders gut
vorbereiteter Evangelisatoren«.(61)
Diesbezüglich darf an einige Fixpunkte erinnert werden, auf die vom
derzeitigen päpstlichen Magisterium hingewiesen wird, damit sie
Ausgangspunkte werden für die pastorale Praxis der Teilkirchen.
a) Nachdem einmal die berufungsorientierte Dimension der Kirche
erkannt ist, wird verständlich, daß die Berufungspastoral kein zusätzliches,
zweitrangiges Element ist, das nur die Rekrutierung von Pastoralarbeitern
beabsichtigt, und auch kein isolierter Teilbereich, bedingt durch eine besondere
kirchliche Notlage, sondern vielmehr ein Tun, das mit dem Sein der
Kirche verbunden und darum auch zutiefst in die allgemeine Pastoral jeder
Ortskirche einbezogen ist.(62)
b) Jede christliche Berufung kommt von Gott, doch ergeht sie an die
Kirche und wird durch diese weitervermittelt. Die Kirche (»ecclesia«),
die ihrem Wesen nach Berufung ist, ist gleichzeitig auch Erzeugerin
und Erzieherin von Berufungen.(63) Folglich »ist das handelnde Subjekt,
der Hauptakteur der Berufungspastoral, die kirchliche Gemeinschaft als solche in
ihren verschiedenen Ausdrucksformen: von der Universalkirche bis zur Teilkirche
und, analog, von dieser bis zur Pfarrei und zu allen Gliedern des Gottesvolkes«.(64)
c) Ohne Ausnahme haben alle Glieder der Kirche die Gnade und die
Verantwortung für die Sorge um geistliche Berufe. Dies ist eine
Verpflichtung, die zur lebendigen Dynamik im Entwicklungsprozeß der Kirche
gehört. Nur aufgrund dieser Überzeugung wird die Berufungspastoral
ihren wirklich ekklesialen Charakter zeigen und ein abgestimmtes Handeln
entwickeln können. Sie wird sich dabei auch besonderer Organismen und
geeigneter Hilfen der gemeinsamen Mitverantwortung bedienen.(65)
d) Die Teilkirche entdeckt ihre eigene, seinsmäßige und
irdische Dimension in der Berufung all ihrer Mitglieder zum Zeugnis, zur
Sendung, zum Dienst an Gott und den Brüdern... Deshalb wird sie die
Verschiedenheit der Gnadengaben und der Dienste, also die verschiedenen
Berufungen, die alle Offenbarungen des einen Geistes sind, achten und fördern.
e) Angelpunkt der gesamten Berufungspastoral ist das Gebet, das
der Heiland aufgetragen hat (Mt 9,38). Es verpflichtet nicht nur den
einzelnen, sondern alle kirchlichen Gemeinschaften.(66) »Wir müssen
inständig zum Herrn der Ernte beten, damit er Arbeiter in seine Kirche
sende, um sie für die dringenden Erfordernisse der Neu-Evangelisierung
bereit zu machen«.(67)
Ein echtes Beten um geistliche Berufe verdient diesen Namen jedoch nur und
wird nur wirksam, wenn es Übereinstimmung mit dem Leben des Betenden
hervorbringt, besonders wenn es sich bei der übrigen gläubigen
Gemeinschaft mit der ausdrücklichen Verkündigung und einer geeigneten
Katechese verbindet, um in den zum Priestertum und zum geweihten Leben
Berufenen, wie auch in jeder anderen christlichen Berufung jene freie,
bereitwillige und hochherzige Antwort zu fördern, die der Gnade der
Berufung Wirksamkeit verleiht.(68)
Allgemeine Prinzipien der Berufungspastoral
26. Von mehreren Seiten wird die Notwendigkeit festgestellt, der Pastoral
eine eindeutig berufungsbezogene Prägung zu geben. Um dieses
programmatische Ziel zu erreichen, zeichnen sich einige theoretisch-praktische
Prinzipien ab, die wir der Pastoraltheologie entnehmen, besonders deren »Fixpunkten«.
Wir konzentrieren diese Prinzipien auf einige thematische Aussagen.
a) Die Berufungspastoral ist die ursprüngliche Leitidee der
allgemeinen Pastoral
Das Instrumentum laboris des Kongresses über die Berufungen
sagt ausdrücklich: »Die gesamte Pastoral und besonders die
Jugendpastoral ist von ihrem Ursprung her berufungsorientiert«;(69) mit
anderen Worten: wer Berufung sagt, der meint die konstitutive und wesentliche
Dimension der ordentlichen Pastoral selbst, denn die Pastoral ist von Anfang an,
von Natur aus, auf die Erkennung der Berufung ausgerichtet. Es ist dies ein
Dienst, der jeder Person angeboten wird, damit sie ihren Weg zur Verwirklichung
eines Lebensplanes finde, wie Gott ihn will, je nach den Bedürfnissen der
Kirche und der heutigen Welt.(70)
Dies wurde bereits im Jahre 1994 auf dem lateinamerikanischen Kongreß über
die Berufungen festgestellt.
Doch die Sicht weitet sich: Berufung meint nicht nur die Gestaltung eines
Lebensentwurfs, sondern auch alle übrigen Anrufe Gottes während des
Lebens sind Berufung, freilich immer bezogen auf einen grundlegenden Lebensplan.
Die echte Berufungspastoral macht den Gläubigen wachsam und aufmerksam für
die vielen Anrufe Gottes und macht ihn bereit, dessen Stimme zu vernehmen und
Ihm zu antworten.
Es ist gerade die Treue zu dieser Art von täglichem Angerufensein,
welche den Jugendlichen von heute befähigt, »die Berufung« seines
Lebens zu erkennen und anzunehmen, und die den Erwachsenen von morgen befähigt,
ihr nicht nur treu zu sein, sondern ihre Frische und Schönheit immer mehr
zu entdecken. Eine jede Berufung ist tatsächlich eine Berufung »in der
Morgenstunde«, ist die Antwort eines jeden Morgens auf einen täglich
neuen Anruf.
Darum wird die Pastoral durch und durch hellhörig sein für die
Berufung, um sie in jedem Gläubigen zu entdecken; sie wird dabei vom ausdrücklichen
Vorsatz ausgehen, den Gläubigen mit dem Plan Gottes zu konfrontieren; sie
wird im Betroffenen Übernahme von Verantwortung gegenüber der
empfangenen Gabe oder dem vernommenen Wort Gottes wecken; sie wird letztlich
sich bemühen, den Glaubenden dazu zu führen, sich von diesem Gott in
Pflicht nehmen zu lassen.(71)
b) Die Berufung der Pastoral heute ist die Berufungspastoral
In diesem Sinne kann man gut sagen, daß die gesamte Pastoral »berufungsorientiert«
werden muß, oder daß dafür zu sorgen ist, daß jede Äußerung
der Pastoral klar und eindeutig einen Plan oder eine Gabe Gottes an einen
Menschen zum Ausdruck bringt und in dieser Person den Willen zur Antwort und zum
persönlichen Engagement weckt. Entweder führt die christliche Pastoral
zu dieser Gegenüberstellung vor Gott mit allem, was dies mit sich bringt an
Spannungen, Kämpfen, an gelegentlicher Flucht oder Verweigerung, aber auch
an Friede und Freude, die mit der Annahme der Gabe verbunden sind, oder
sie verdient diesen Namen nicht.
Heute zeigt sich dies ganz besonders, so daß man geradezu behaupten
kann, daß die Berufspastoral die Berufung der Pastoral ist: sie ist wohl
deren erstes Ziel und ist wie eine Herausforderung der Kirchen Europas. Die
Berufung ist der Ernstfall der heutigen Pastoral.
Wenn jedoch die Pastoral im allgemeinen »Ruf« ist und Erwartung,
dann muß sie heute angesichts dieser Herausforderung mutiger und freimütiger
werden, unmittelbarer in die Mitte und ins Herz der einladenden Botschaft vorstoßen,
direkter auf die Person bezogen sein und weniger auf die Gruppe; sie muß
verstärkt ein konkretes Betroffensein auslösen und darf weniger
allgemeine Hinweise auf einen abstrakten, lebensfremden Glauben geben.
Womöglich muß sie auch eher provozieren, als trösten; auf
jeden Fall sollte sie fähig sein, den dramatischen Sinn des Menschenlebens
zu vermitteln, das dazu bestimmt ist, etwas zu vollbringen, was kein anderer
statt seiner vollbringen kann.
In der Schriftstelle, die wir zitiert haben, wird diese Wachheit und
Spannung evident: in der Wahl des Matthias; in der mutigen Rede des Petrus an
die Menge (»er trat auf ... und erhob seine Stimme«); in der Art und
Weise, wie die christliche Botschaft verkündet und angenommen wurde (»sie
fühlten sich ins Herz getroffen«).
Besonders deutlich wird dies auch durch ihre Fähigkeit, das Leben jener
zu verändern, denen sie eigen ist, wie aus den Bekehrungen und aus dem
Lebensstil der Gemeinschaft der Apostelgeschichte ersichtlich ist.
c) Die Berufungspastoral geschieht stufenweise und ganzheitlich
Wir haben indirekt bereits gesehen, daß sich im Verlauf eines
Menschenlebens vielerlei Formen von Anrufen ereignen: vor allem zum Leben, dann
zur Liebe, zur Verantwortlichkeit für die Gaben, zum Glauben, zur Nachfolge
Jesu, zum besonderen Zeugnis des eigenen Glaubens, zur Vater- oder Mutterschaft,
zu einem besonderen Dienst für die Kirche oder für die Gesellschaft.
Wer sich in erster Linie jenen reichen, vielfältigen Schatz
menschlicher und christlicher Werte und Sinngehalte vor Augen hält, in
denen der Sinn für die Berufung des Lebens und der Menschen gründet,
der animiert bereits für eine Berufung. Diese Werte machen es möglich,
das Leben selbst für die vielfachen Möglichkeiten einer Berufung zu öffnen,
die dann in die eine, persönliche und endgültige Berufung einmünden.
Mit anderen Worten: für eine korrekte Berufspastoral ist es unerläßlich,
eine gewisse Stufung zu beachten und ausgehend von den fundamentalen und
universalen Werten (das höchste Gut des Lebens) und von jenen Wahrheiten,
die für alle gleich sind (das Leben ist ein empfangenes Gut und will von
Natur aus ein Gut sein, das weitergeschenkt wird), zu einer zunehmend persönlicheren
und konkreteren, gläubigen und geoffenbarten Klärung der Berufung zu
gelangen.
Auf der rein pädagogischen Ebene ist es zunächst wichtig, zum Sinn
des Lebens und zur Dankbarkeit dafür zu erziehen, um dann jenes
grundlegende Bewußtsein der Verantwortung gegenüber der Existenz zu
vermitteln. Dieses verlangt von sich heraus nach einer konsequenten Antwort
seitens des einzelnen im Sinne der selbstlosen Hingabe. Von hier aus
gelangt man zur Transzendenz Gottes, des Schöpfers und Vaters.
Nur an dieser Stelle ist eine so starke und radikale Einladung (die
christliche Berufung hat immer so zu sein) möglich und überzeugend,
wie die Hingabe an Gott in einem priesterlichen oder geweihten Leben sie
darstellt.
d) Die Berufungspastoral ist allgemein und spezifisch
Die Berufungspastoral geht notwendigerweise von einem weiten Begriff der
Berufung aus (und ist demzufolge auch Anruf an alle), um sich dann einzugrenzen
und zu verdeutlichen, je nach der Berufung des einzelnen. In solchem Sinn ist
die Berufspastoral zunächst allgemein, dann spezifisch. Sie ist
dies innerhalb einer Stufenordnung, die man vernünftigerweise nicht umkehrt
und die gewöhnlich von einer verfrühten Einladung, die ohne jede
schrittweise Katechese zu einer speziellen Berufungsform hinführt, abrät.
Andererseits und immer kraft dieser Ordnung beschränkt sich die
Berufspastoral nicht auf eine allgemeine Betonung des Sinns der Existenz,
sondern sie drängt auf ein persönliches Betroffenseins innerhalb einer
ganz bestimmten Lebenswahl. Es besteht kein Zwiespalt und noch weniger ein
Gegensatz zwischen einem Anruf, der die gemeinsamen und die Existenz begründenden
Werte herausstellt, und einem Anruf in den Dienst des Herrn »nach dem Maß
der empfangenen Gnade«.
Der Animator einer Berufung wie auch jeder Erzieher im Glauben darf sich
nicht scheuen, mutige und vorbehaltslose Entscheidungen vorzuschlagen, selbst
wenn sie schwierig und zeitfremd zu sein scheinen. Darum gilt: wenn jeder
Erzieher auch Berufsanimator ist, dann ist jeder Berufsanimator auch Erzieher,
und zwar Erzieher zu jeder Berufung, unter Berücksichtigung des jeweiligen
Charismas. Jede Berufung ist an die andere gebunden, ja setzt diese voraus und
regt sie an, während alle zusammen auf die gleiche Quelle verweisen und auf
dasselbe Ziel: die Heilsgeschichte. Aber jede Berufung hat ihre eigene Weise.
Der echte Erzieher zur Berufung zeigt nicht nur die Unterschiede zwischen
der einen oder anderen Berufung auf unter Berücksichtigung der
verschiedenen Neigungen in den einzelnen Berufenen, sondern er läßt
jene »höchsten Möglichkeiten«, d.h. der Radikalität und
Selbsthingabe durchscheinen, die für jede Berufung offen stehen und ihr
innewohnen.
In ganzer Tiefe auf die Werte des Lebens hin zu erziehen bedeutet
beispielsweise, einen Weg vorzuschlagen (und zu lernen, ihn vorzuschlagen), der
auf ganz natürliche Weise in die Nachfolge Christi einmündet
und zu jener Wahl der Nachfolge gelangen kann, die typisch ist für den
Apostel, den Priester oder die Ordensperson, den Mönch, der die Welt verläßt,
wie auch für den in der Welt geweihten Laien.
Andererseits verlangt der Vorschlag einer solchen besonderen Nachfolge als
Lebensziel von Natur aus eine vorausgehende Aufmerksamkeit und Ausbildung für
die elementaren Werte des Lebens, des Glaubens, der Dankbarkeit für das
Unverdiente und der von jedem Christen geforderten Nachfolge Christi.
Daraus folgt eine Berufungsstrategie, die theologisch besser begründet
und auch im pädagogischen Bereich wirksamer ist. Mancher mag befürchten,
eine Ausweitung des Verständnisses der Berufung könne der spezifischen
Förderung der Berufe zum Priestertum und zum geweihten Leben abträglich
sein; in Wirklichkeit ist es jedoch gerade umgekehrt.
Die verschiedenen Schritte im Vorschlagen einer Berufung ermöglichen es
tatsächlich, sich vom Objektiven zum Subjektiven, vom Allgemeinen zum
Besonderen hin zu bewegen, ohne dabei die Vorschläge vorwegzunehmen oder
wegfallen zu lassen, sondern indem man sie untereinander und im Blick auf den
entscheidenden Vorschlag an eine Person abstimmt. Dieser Vorschlag hat zum
rechten Zeitpunkt zu geschehen und ist sorgsamst nach einem Rhythmus abzuwägen,
der dem jeweiligen Adressaten Rechnung trägt.
Ein umsichtiges Vorangehen macht den entscheidenden Berufsvorschlag an eine
Person viel provozierender und zugänglicher. Konkret heißt dies: je
früher ein Jugendlicher dazu erzogen ist, ganz natürlich von der
Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens zum Bewußtsein des
Unverdientseins dieses geschenkten Gutes vorzudringen, um so eher wird es möglich
sein, ihm die vollkommene Hingabe seiner selbst an Gott als eine natürliche
Folgerung vorzuschlagen, die für einige dann unvermeidlich wird.
e) Die Berufungspastoral ist universal und permanent
Es geht um eine doppelte Universalität der Berufspastoral: einmal
hinsichtlich der Personen, auf die sie bezogen ist, und einmal hinsichtlich des
Lebensalters, in dem sie geschieht.
Vor allem kennt die Berufspastoral keine Grenzen. Wie oben erwähnt
wendet sie sich nicht nur an einige bevorzugte Personen oder an solche, die
bereits eine Glaubensentscheidung getroffen haben, noch wendet sie sich nur an
die, von denen man vernünftigerweise eine positive Antwort erhoffen kann,
sondern sie wendet sich an alle, eben weil sie auf den elementaren
Werten der Existenz aufbaut. Sie ist keine Pastoral an einer Elite, sondern eine
Volkspastoral; sie ist keine Auszeichnung für Verdienste, sondern Gnade und
Gabe Gottes an jede Person, da jedes Lebewesen von Gott berufen ist. Auch ist
sie nicht etwas, das nur wenige verstehen könnten oder für ihr Leben
interessant finden könnten, denn jedes Lebewesen verlangt unweigerlich
danach, sich selbst, den Sinn des Lebens und den eigenen Platz in der Geschichte
zu kennen.
Es geht zudem nicht um eine Einladung, die nur ein einziges Mal im Leben
ergeht (nach Art des »Alles oder Nichts«), oder die nach einer ersten
Abweisung durch den Adressaten zurückgezogen wird. Sie muß vielmehr
wie eine beständige Aufforderung sein, auf verschiedene Weisen und mit
taktvollem Wohlwollen, das angesichts einer anfänglichen
Interesselosigkeit, die oft nur vorgetäuscht oder defensiv ist, nicht
kapituliert.
Auch ist die Vorstellung zu berichtigen, die Berufspastoral sei ausschließlich
Jugendpastoral, denn in jedem Lebensalter ruft der Herr in seine Nachfolge, und
erst im Augenblick des Todes kann eine Berufung als vollendet bezeichnet werden.
Ja, der Tod ist der Anruf schlechthin, wie es auch einen Anruf im Alter, in den
Übergangsphasen des Lebens und in Krisensituationen gibt.
Es gibt eine Jugendlichkeit des Geistes, die in dem Maße durch die
Zeit andauert, in dem der einzelne Mensch sich beständig gerufen fühlt,
in jedem Alter einen besonderen Auftrag zu erfüllen, auf eine besondere Art
zu sein, zu dienen und zu lieben, ein neues Leben und eine neue Sendung auszufüllen.(72)
In diesem Sinne ist die Berufspastoral an die beständige Weiterbildung
der Person gebunden und ist selbst beständig. »Das ganze Leben,
und jedes Leben, ist eine Antwort«.(73)
In der Apostelgeschichte schauen Petrus und Paulus nicht auf die Person, sie
wenden sich an alle, Jung und Alt, Juden und Nichtjuden: alle die Parther,
Meder, Elamiter werden ja genannt, um ohne Unterschiede und Vorurteile die grobe
Masse zu zeigen, an die sich die Verkündigung und die Pro-Vokation richtet.
Und sie bringen es fertig, zu jedem »in seiner Sprache zu reden«,
entsprechend seinen Bedürfnissen, Schwierigkeiten, Erwartungen,
Verteidigungen, sowie seinem Alter oder seiner Lebensphase.
Es ist dies das Pfingstwunder und deshalb eine außerordentliche Gabe
des Geistes. Doch der Geist ist immer mit uns...
f) Die Berufungspastoral ist person- und gemeinschaftsbezogen
Es mag als Widerspruch erscheinen, doch in Wirklichkeit bezeichnet dieses
Prinzip die in gewissem Sinne doppelte Natur der Berufspastoral, die wenn
sie echt ist fähig ist, die Polarität von Individuum und
Gemeinschaft zu verbinden. Aus der Sicht des Berufungsanimators ist es heute
dringlich, von einer Berufspastoral, die von einem Einzelkämpfer betrieben
wird, überzugehen zu einer Pastoral, die sich immer mehr als
Gemeinschaftsaktion der gesamten Gemeinschaft in ihren verschiedenen Formen
versteht: Gruppen, Bewegungen, Pfarreien, Diözesen, Ordens- und Säkularinstitute...
Die Kirche ist heute zunehmend aufgerufen, ganz berufungsorientiert
zu sein: in ihr »muß jeder Evangelisierende sich bewußt sein,
'Wegweiser' zu sein, muß fähig sein, berufsbezogene Erfahrung zu
vermitteln, die Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu einer persönlichen
Beziehung zu Christus hinführt und in der sich die besonderen Berufungen
offenbaren«.(74)
Auf gleiche Weise ist auch der Adressat der Berufspastoral die
ganze Kirche. Wenn die ganze kirchliche Gemeinschaft ruft, dann ist auch die
ganze kirchliche Gemeinschaft die Gerufene, ohne jede Ausnahme. Geber und Empfänger
fallen gleichsam zusammen, und dies innerhalb der verschiedenen ministerialen
Formen der Kirche. Doch das Prinzip ist von Wichtigkeit; es spiegelt jene
geheimnisvolle Einheit von Rufendem und Gerufenem, die sich in der
Dreifaltigkeit vollzieht.
So verstanden ist die Berufspastoral gemeinschaftsbezogen. In
solchem Verständnis ist es schön, daß am Pfingsttag alle Apostel
es sind, die sich an die Menge wenden, und daß dann Petrus das Wort
ergreift im Namen der Zwölf. Auch wenn es darum geht, Matthias und
Stephanus zu wählen, und später auch Barnabas und Saulus, nimmt die
ganze Gemeinschaft Anteil an der Wahl durch Gebet, Fasten und die Auflegung der
Hände.
Gleichzeitig jedoch ist es der einzelne, der zum Deuter seiner
Berufung wird; es ist der Gläubige, der kraft seines Glaubens sich in
gewisser Weise der Berufung des anderen annehmen muß.
Die Aufgabe des Einladens zu einer Berufung ist also nicht nur Sache der
Priester oder der Gottgeweihten, sondern jedes Gläubigen, der Eltern, der
Katecheten, der Erzieher.
Wenn es wahr ist, daß sich der Anruf an alle richtet, so ist es ebenso
wahr, daß derselbe Anruf personalisiert wird, indem er sich an eine
bestimmte Person wendet, an deren Gewissen, in einer tiefen, persönlichen
Beziehung.
Es gibt in der Dynamik der Berufung einen Augenblick, in dem der Anruf von
Mensch zu Mensch ergeht und wo er jenes ganz besonderen Klimas bedarf, das nur
eine persönliche Beziehung gewährleisten kann. Es ist also zutreffend,
daß Petrus und Stephanus zur Menge reden; Saul jedoch bedarf des Ananias,
um erkennen zu können, was Gott von ihm will (Apg 9,13-17), wie später
übrigens auch der Eunuche Philippus (Apg 8,26-39).
g) Die Berufungspastoral ist die ganzheitlich-synthetische Perspektive
der Pastoral
Ausgangs- und Zielpunkt entsprechen sich. Die Berufspastoral als solche
versteht sich als die verbindende Perspektive der Pastoral insgesamt, als das
natürliche Ziel jeder Mühe, als Zielpunkt der verschiedenen Bereiche,
gleichsam als Testfall der echten Pastoral.
Wir wiederholen: wenn die Pastoral es nicht fertigbringt, »das Herz
zu durchdringen« und den Hörer mit der entscheidenden Frage zu
konfrontieren (»was muß ich tun?«), dann ist sie keine
christliche Pastoral, sondern eine harmlose Arbeitshypothese.
Folglich steht die Pastoral notwendigerweise in Beziehung zu allen anderen
Dimensionen, wie z.B. zur Pastoral der Familie, der Kultur, der Liturgie und der
Sakramente, der Katechese und des Glaubensweges im Katechumenat, der
verschiedenen Gruppen christlicher Animation und Bildung (nicht nur mit
Jugendlichen, sondern auch mit Eltern, Verlobten, Kranken und Alten...) und der
Bewegungen (von der Bewegung für das Leben bis zu den unterschiedlichen
Initiativen der sozialen Solidarität).(75)
Vor allem ist die Berufungspastoral die verbindende Perspektive der
Jugendpastoral.
Es darf nicht vergessen werden, daß es im Entwicklungsalter um den
Lebensentwurf geht. Eine echte Jugendpastoral kann die Frage der Berufung nicht
ausklammern, vielmehr muß sie diese aufgreifen, denn Jesus Christus
anbieten bedeutet, ein bestimmtes Lebensziel anzubieten.
Hier beginnt ein fruchtbares pastorales Zusammenwirken bei klarer
Unterscheidung der beiden Bereiche: sei es weil die Jugendpastoral neben der
Berufsfrage noch andere Fragen beinhaltet; sei es weil die Berufungspastoral
sich nicht nur an die Jugend wendet, sondern einen weiteren Horizont hat, mit
ganz besonderen Fragestellungen.
Denken wir dann noch daran, wie wichtig eine familienbezogene
Berufspastoral sein könnte, die schrittweise die Eltern dazu erzieht,
die ersten Animatoren-Erzieher auf Berufung hin zu sein; oder wie wertvoll eine
Berufspastoral unter den Kranken sein könnte, die diese nicht nur
einlädt, ihre Leiden für die Priesterberufe aufzuopfern, sondern die
ihnen hilft, das Ereignis ihrer Krankheit mit dem ganzen Gehalt an Geheimnis,
das sie in sich birgt, als eine persönliche Berufung zu leben, die in der
Kirche zu leben ihre Pflicht ist, wobei sie auch einen Anspruch darauf haben, daß
ihnen dabei von der Kirche geholfen wird.
Diese Bindung erleichtert die pastorale Dynamik, da sie tatsächlich
ihrem Wesen entspricht: Die Berufungen wie auch die Charismen suchen sich
gegenseitig, erleuchten sich gegenseitig, sie ergänzen einander. Sie werden
dagegen unverständlich, wenn sie isoliert werden; außerdem betreibt
derjenige keine kirchliche Pastoral, der sich nur auf seinen Fachbereich beschränkt.
Freilich gilt dies in einem doppelten Sinn: es ist die allgemeine Pastoral,
die in einen Berufungsimpuls einmünden muß, um die Entscheidung für
einen Beruf zu fördern; aber es ist die Berufungspastoral, die ihrerseits
offen sein muß für die anderen Dimensionen, indem sie sich einordnet
und Öffnungen in jene Richtung sucht.
Sie ist der Zielpunkt, der die verschiedenen pastoralen Herausforderungen
zusammenfaßt und es ermöglicht, in der existentiellen Geschichte des
einzelnen Glaubenden fruchtbar zu werden. Im ganzen gesehen verlangt die
Berufspastoral Aufmerksamkeit, doch dafür bietet sie eine Möglichkeit,
pastorale Initiativen in jedem Bereich echt und überzeugend sein zu lassen.
Die Berufung ist der Pulsschlag jeder ganzheitlichen Pastoral!(76)
Wege der Berufungspastoral
27. Das biblische Bild, an dem wir unsere Überlegungen festgemacht
haben, erlaubt uns einen Schritt nach vorne, der von den theoretischen
Prinzipien zur Ortung einiger Wege der Berufspastoral führt.
Dies sind gemeinschaftliche Glaubenswege, die bestimmten Vollzügen der
Kirche und klassischen Dimensionen des Glaubenslebens entsprechen. Auf diesen
Wegen reift der Glaube und wird immer offenkundiger, und auch die Berufung des
einzelnen bestätigt sich zunehmend, im Dienst an der kirchlichen
Gemeinschaft.
Die Überlegungen und Traditionen der Kirche zeigen, daß die
Berufsentscheidung für gewöhnlich mit konkreten gemeinschaftlichen
Wegen verbunden ist: Die Liturgie und das Gebet, die kirchliche Gemeinschaft,
der Dienst der Caritas, die Erfahrung der Liebe Gottes, die im Zeugnis geschenkt
und angeboten wird. Dank ihrer wurde in der von der Apostelgeschichte
beschriebenen Gemeinschaft »die Zahl der Jünger in Jerusalem immer größer«
(Apg 6,7).
Die Pastoral müßte auch diese Richtung einschlagen, um den
Berufsweg der Gläubigen zu fördern und zu begleiten. Eine persönliche
und gemeinschaftliche, systematische und anspruchsvolle Erfahrung in dieser
Richtung könnte und müßte dem einzelnen Gläubigen helfen,
seine Berufung zu finden.
Dies würde die Pastoral wirklich zur Berufspastoral machen.
a) Die Liturgie und das Gebet
Die Liturgie ist gleichzeitig Ausdruck, Ursprung und Nahrung jeder
Berufung und jeden Dienstes in der Kirche. In den liturgischen Feiern wird die
Erinnerung an jenes Handeln Gottes durch Christus im Geist gefeiert, auf das
alle übrigen Lebenskräfte des Christen ausgerichtet sind. In der
Liturgie, die in der Eucharistie gipfelt, findet die Berufung und Sendung der
Kirche und jedes Gläubigen ihren vollkommenen Ausdruck.
Von der Liturgie aus ergeht an die Teilnehmer immer eine Einladung zur
Berufung.(77) Jede Feier ist ein Ereignis der Berufung. Der Gläubige kann
gar nicht anders, als im gefeierten Geheimnis seine eigene und persönliche
Berufung zu erkennen; er kann die Stimme des Vaters nicht überhören,
der ihn im Sohn und in der Kraft des Geistes ruft, sich selbst für das Heil
der Welt zu verschenken.
Auch das Gebet wird zu einem Weg der Berufsfindung, nicht nur weil Jesus
selbst eingeladen hat, den Herrn der Ernte zu bitten, sondern weil der Gläubige
nur im Hören auf Gott den Plan entdecken kann, den Gott selbst erdacht hat:
in der Betrachtung des Geheimnisses findet der Gläubige sich selbst »mit
Christus in Gott verborgen« (Kol 3,3).
Und weiter ist es nur das Gebet, das jene Haltungen von Vertrauen und Übereignung
zu wecken vermag, die für die Entscheidung zum eigenen »Ja« und für
die Überwindung von Ängsten und Zweifeln unverzichtbar sind. Jede
Berufung entsteht durch die An-Rufung.
Doch auch die persönliche Erfahrung des Gebets als Gespräch mit
Gott gehört dieser Dimension an: auch wenn sie in der Intimität der
eigenen »Kammer« »gefeiert« wird, ist sie eine Beziehung mit
jener Vaterschaft, aus der sich jede Berufung ableitet. Diese Dimension ist am
deutlichsten in der Erfahrung der Urkirche, deren Mitglieder »im
Brotbrechen und im Gebet« (Apg 2,42) verharrten. In dieser
Gemeinschaft ging jeder Entscheidung das Gebet voraus; jede Entscheidung,
besonders jene für eine Sendung, geschah in einem liturgischen Rahmen (Apg
6,17; 13,1-5).
Es ist die Logik des Gebetes, die die Gemeinschaft von Jesus gelernt hat,
als er angesichts der müden und erschöpften Menschen, die wie
hirtenlose Schafe waren, gesagt hat: »Die Ernte ist groß, doch der
Arbeiter sind wenige. Bittet daher den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in
seine Ernte sende« (Mt 9,38; Lk 10,2).
Die christlichen Gemeinschaften Europas haben in diesen Jahren vielerlei
Gebetsinitiativen um Berufe entwickelt, die auf dem Kongreß ein breites
Echo fanden. Das Beten in den Diözesen und Pfarreien, mancherorts auch »ohne
Unterlaß«, Tag und Nacht, ist einer der verbreitetsten Wege, um ein
neues Bewußtsein und eine neue Kultur der Berufung zu wecken, die dem
Priestertum und Ordensleben nützen.
Das biblische Bild vom »Herrn der Ernte« führt ins Herz der
Berufspastoral: zum Gebet. Ein Gebet, das mit der Weisheit des Evangeliums auf
die Welt und auf jeden einzelnen in seinem spürbaren Verlangen nach Leben
und Heil blickt. Ein Gebet, das die Liebe und das »Mitleid« (Mt
9.36) Christi mit der Welt ausdrückt, die auch heute noch wie eine »Herde
ohne Hirten« (Mt 9,36) dasteht. Ein Gebet, das den Glauben an die mächtige
Stimme des Vaters ausdrückt, der allein in seinen Weinberg rufen und senden
kann. Ein Gebet, das die lebendige Hoffnung auf Gott ausspricht, der es seiner
Kirche nie an jenen »Arbeitern« mangeln läßt (Mt 9,38),
die notwendig sind, um ihre Sendung zu vollenden.
Auf dem Kongreß haben die Zeugnisse über die Erfahrungen der lectio
divina im Lichte der Berufung grobes Interesse gefunden. In einigen Diözesen
sind die »Gebetsschulen«, oder die »Schulen des Wortes« sehr
verbreitet. Der Grundsatz, an dem sie sich orientieren, ist jener inzwischen
bereits klassisch gewordene, der in Dei Verbum ausgesprochen ist: »Alle
Gläubigen sollen sich das alles übertreffende Wissen Jesu Christi
aneignen, durch häufiges Lesen der Heiligen Schrift, das vom Gebet
begleitet wird«.(78)
Wenn dieses Wissen zur Weisheit wird, die sich durch regelmäßige
Schriftlesung nährt, öffnen sich Augen und Ohren des Gläubigen in
der Erkenntnis des Wortes Gottes, das unablässig ruft. Dann werden Herz und
Geist fähig, es aufzunehmen und es ohne Furcht zu leben.
b) Die kirchliche Gemeinschaft (Gemeinde)
Die erste vitale Aufgabe, die die Liturgie erfüllt, ist die
Sichtbarmachung der Gemeinschaft, die innerhalb der Kirche gelebt wird, als Volk
Gottes, in Christus versammelt durch sein Kreuz (Joh 13,32), als eine
Gemeinschaft, in der jede Trennung durch den Geist Gottes überwunden wird,
der ein Geist der Einheit ist (Eph 2,11-22; Gal 3,26-28; Joh
17,9-26).
Die Kirche stellt sich dar als jener menschliche Raum der
Geschwisterlichkeit, in dem jeder Gläubige die Erfahrung der Einheit von
Gott und den Menschen machen kann und muß, die ein Geschenk von oben ist.
Für diese kirchliche Dimension ist die Apostelgeschichte ein leuchtendes
Beispiel, wo sie eine Gemeinschaft von Glaubenden beschreibt, die zutiefst von
geschwisterlicher Einheit, von Teilung des materiellen und geistigen Besitzes,
der Gefühle und Empfindungen geprägt (Apg 2,42-48) und »ein
Herz und eine Seele« ist (Apg 4,32).
Wenn jede Berufung in der Kirche ein Geschenk ist, das in Freiheit als ein
Dienst der Liebe für die anderen gelebt werden muß, dann ist
sie auch ein Geschenk, das mit den anderen gelebt werden will. So kann
man es also nur entdecken, wenn es geschwisterlich gelebt wird.
Die kirchliche Geschwisterlichkeit ist nicht nur eine Tugend des Verhaltens,
sondern ein Weg der Berufung. Nur indem man sie lebt, kann man sie als
grundlegenden Bestandteil eines Berufungsplanes erwählen, oder nur wenn man
sie auskostet, kann man sich einer Berufung öffnen, die in jedem Fall eine
Berufung zur Geschwisterlichkeit bedeutet.(79) Dagegen kann einer, der keinerlei
Brüderlichkeit übt und sich jedem Bezug zum anderen versperrt oder der
die Berufung lediglich als Mittel zur persönlichen und privaten
Vollkommenheit versteht, mit seiner Berufung in keiner Weise anziehend für
andere sein.
Die Berufung ist eine Beziehung; sie ist eine Offenbarung des Menschen, den
Gott als beziehungsoffen geschaffen hat, und auch im Falle einer Berufung zur
Intimität mit Gott in monastischer Klausur beinhaltet sie eine Fähigkeit
zur Öffnung und zur Anteilnahme, die nur durch die Erfahrung einer
wirklichen Geschwisterlichkeit gewonnen werden kann. »Die Überwindung
einer individualistischen Sicht des Amtes, der Weihe und des Lebens in den
einzelnen christlichen Gemeinschaften ist ein historisch entscheidender Schritt«.(80)
Die Berufung ist Dialog; sie ist das Wissen, von einem Anderen gerufen zu
sein; sie ist der Mut, ihm zu antworten. Wie kann diese Fähigkeit zum
Dialog in jemand heranreifen, der im Alltag und in den täglichen
Beziehungen nicht gelernt hat, sich an-rufen zu lassen, zu antworten, sich
selbst im andern zu erkennen? Wie soll sich jemand vom Vater rufen lassen, der
sich nicht um eine Antwort an den Bruder kümmert?
Der Austausch mit dem Nächsten und mit der Gemeinschaft der Gläubigen
wird so zum Weg, auf dem man lernt, anderen an den eigenen Plänen teilhaben
zu lassen, um dann den von Gott erdachten Plan zu übernehmen. Dieser wird
in jedem Fall ein Plan der Geschwisterlichkeit sein.
Eine Form des Austauschs des Wortes Gottes wurde auch von einigen europäischen
Kirchen erwähnt. Sie beinhaltet Zentren des Hörens, Gruppen
von Gläubigen, die sich regelmäßig in ihren Häusern
treffen, um die christliche Botschaft neu zu entdecken und unter sich die
jeweiligen Erfahrungen und die Frucht ihrer Deutung des Gotteswortes
austauschen.
Für die Jugendlichen erhalten diese Zentren eine Beziehung zur
Berufung: im Hinhören auf das rufende Wort, in der Katechese und im Gebet,
was alles mit tiefer persönlicher Betroffenheit, frei und kreativ erlebt
wird. Das 'Zentrum des Hörens' wird so ein Anreiz zur Mitverantwortung in
der Kirche, denn hier können die verschiedenen Möglichkeiten gefunden
werden, wie der Gemeinschaft gedient werden kann, und oft können hier auch
besondere Berufungen heranreifen.
Eine andere positive Erfahrung des Berufungsweges in den Teilkirchen und in
den verschiedenen Instituten des geweihten Lebens ist die Gastgemeinschaft,
die die Einladung Jesu verwirklicht: »Kommt, und seht«. Vom Papst
wurde sie die »Goldene Regel der Berufungspastoral«(81)
genannt. In diesen Gemeinschaften oder Orientierungszentren für Berufe können
die Jugendlichen dank einer sehr spezifischen und unmittelbaren Erfahrung einen
echten und schrittweisen Weg zur Berufsentscheidung zurücklegen. Dabei
werden sie begleitet, damit sie zur rechten Zeit in der Lage seien, nicht nur
den Plan Gottes mit ihnen zu erkennen, sondern diesen auch anzunehmen und sich
selbst in ihm zu erkennen.
c) Der Dienst der Liebe
Dieser Dienst ist eine der kennzeichnendsten Funktionen der kirchlichen
Gemeinschaft. Er besteht im Erleben der Erfahrung der Freiheit in Christus, in
jenem höchstem Gipfel, den das Dienen bedeutet. »Wer bei euch groß
sein will, der soll euer Diener sein« (Mt 20,26), »wer der
Erste sein will, der soll der Diener aller sein« (Mk 9,35). In der
Urkirche scheint diese Lehre rasch verstanden worden zu sein, da der Dienst als
eines ihrer strukturellen Elemente erscheint, bis zum Punkt, daß Diakone
bestellt werden, speziell für »den Dienst an den Tischen«.
Gerade weil der Gläubige durch die Gnade die Erfahrung der Freiheit in
Christus erlebt, ist er gerufen, für die Menschen Zeuge der Freiheit und
Akteur der Befreiung zu sein, von jener Befreiung, die sich nicht durch Gewalt
und Herrschaft erreichen läßt, sondern durch Vergebung und Liebe,
durch die Hingabe seiner selbst und seines Dienstes, ganz nach dem Beispiel des
dienenden Christus. Es ist der Dienst der Liebe, deren Ausdrucksmöglichkeiten
keine Grenzen kennen.
Er ist im Werdegang einer Berufung vielleicht der Königsweg, um die
eigene Berufung zu erkennen, da die Erfahrung des Dienstes, besonders wo er gut
vorbereitet, begleitet und in seinem tiefsten Sinn erfaßt ist, Ausdruck
großer Menschlichkeit ist, die zum besseren Verständnis seiner
selbst, der Würde des anderen und der Schönheit des Dienstes für
andere beiträgt.
Ein echter Diener der Kirche ist jener, der gelernt hat, es als eine
Auszeichnung zu verstehen, den ärmsten Brüdern die Füße zu
waschen, und jener, der die Freiheit errungen hat, seine Zeit den Bedürfnissen
der anderen zu opfern. Die Erfahrung des Dienstes ist eine Erfahrung großer
Freiheit in Christus.
Wer dem Bruder dient, der begegnet auf unsichtbare Weise Gott und tritt in
eine besondere Übereinstimmung mit ihm ein. Es wird ihm nicht schwer
fallen, Gottes Pläne mit ihm zu erkennen, und er wird sich besonders
angezogen fühlen, diesen zu entsprechen. Dies wird auf alle Fälle eine
Berufung zum Dienst für die Kirche und für die Welt sein.
So war es in den vergangenen Jahrzehnten mit vielen Berufen. Die Animation
der Berufe seit dem Konzil ist schrittweise von einer »Pastoral der Werbung«
zur »Pastoral des Dienstes« übergegangen, vor allem des Dienstes
an den Ärmsten und Schwächsten.
Zahlreiche Jugendliche haben wirklich Gott und sich selbst, ihre
Lebensaufgabe und die wahre Freude gefunden, indem sie ihren Brüdern Zeit
und Aufmerksamkeit widmeten und schlieblich sich auch entschieden, diesen nicht
nur einen Teil ihres Lebens, sondern ihre ganze Existenz zu opfern. Die
christliche Berufung ist tatsächlich eine Berufung für die
anderen.
d) Das Zeugnis - Verkündigung des Evangeliums
Das Zeugnis ist die Verkündigung, daß Gott dem Menschen durch
die ganze Heilsgeschichte besonders in Christus nahe ist; es ist deshalb auch
Verkündigung der Barmherzigkeit des Vaters mit dem Menschen, damit er Leben
in Fülle habe. Diese Verkündigung steht am Anfang des Glaubensweges
jedes Gläubigen. Der Glaube ist wirklich eine Gabe Gottes, und er wird
durch das Beispiel der glaubenden Gemeinschaft, ihrer vielen Brüder und
Schwestern, wie auch durch die katechetische Unterweisung über die Wahrheit
des Evangeliums bezeugt.
Doch der Glaube wird vermittelt, und es kommt der Punkt, wo jedes Zeugnis
zu einem aktiven Geschenk wird: die empfangene Gabe wird geschenkte Gabe durch
das persönliche Zeugnis und die persönliche Verkündigung. Das
Glaubenszeugnis beansprucht den ganzen Menschen und kann nur mit dem ganzen Sein
und mit der eigenen Menschlichkeit erfolgen, mit ganzem Herzen, mit ganzem
Geist, mit allen Kräften, bis hin zum blutigen Opfer des Lebens.
Dieses "crescendo" in den Bedeutungen des Begriffs ist
interessant; es ist eine Steigerung, der wir im Grunde im biblischen Text, der
uns begleitet, begegnen: so im Zeugnis und in der Katechese des Petrus und der
Apostel am Pfingsttag und anschließend in der mutigen Katechese des
Stephanus, die in seinem Martertod gipfelt (Apg 6,8; 7,60), und in dem
der Apostel, die »sich freuten, daß sie gewürdigt worden waren,
für seinen Namen Schmach zu erleiden« (Apg 5,41).
Doch noch interessanter ist die Entdeckung, auf welche Weise dieses Zeugnis
und diese Verkündigung zu einem besonderen Weg der Berufung werden können.
Das dankbare Bewußtsein vom Geschenk des Glaubens müßte
sich regelmäßig umsetzen in den Wunsch und den Willen, anderen
weiterzugeben, was man selbst empfangen hat, sei es durch das Vorbild des
eigenen Lebens, sei es durch den Dienst der Katechese. Diese ist dann »dazu
bestimmt, die vielen Lebenssituationen zu beleuchten und jeden zu unterweisen,
die eigene Berufung als Christ in der Welt zu leben«.(82) Und wenn der
Katechet vor allem anderen selbst auch ein Zeuge ist, dann wird die Dimension
einer solchen Berufung noch deutlicher.(83)
Der Kongreß hat die Wichtigkeit der Katechese für die Berufungen
bekräftigt und in der Spendung des Sakraments der Firmung einen außerordentlichen
Berufsweg für die jungen Menschen aufgezeigt. Das Firmalter könnte
gerade das »Alter der Berufung« werden, eine Zeit der theologisch und
pädagogisch qualifizierten Ausrichtung auf die Entdeckung und
Verwirklichung der empfangenen Gabe und auf deren Bezeugung.
Das katechetische Tun sollte die Fähigkeit wecken, die Gabe des Geistes
zu erkennen und zu bekennen.(84)
Die unmittelbare Begegnung mit Gläubigen, die ihre Berufung treu und
mutig leben, und mit glaubwürdigen Zeugen, die konkrete Erfahrungen geglückter
Berufungen vermitteln, kann ausschlaggebend werden, um den Firmlingen bei der
Entdeckung und Annahme des Rufes Gottes zu helfen.
Die Berufung wurzelt jedenfalls immer im Bewußtsein eines Geschenks
und in einem Bewußtsein, das derart dankbar ist, daß es ihm geradezu
selbstverständlich erscheint, die eigene Erfahrung in den Dienst der
anderen zu stellen, um so die Sorge um deren Wachstum im Glauben auf sich zu
nehmen.
Wer aufmerksam und hochherzig das Zeugnis seines Glaubens lebt, der wird
nicht zögern, den Plan Gottes mit sich anzunehmen, um mit all seinen Kräften
an dessen Verwirklichung mitzuarbeiten.
Von den pastoralen Wegen zur persönlichen Berufung
28. Wir könnten zusammenfassend sagen, daß sich das Leben jedes
Christen in den vier Dimensionen der Liturgie, der kirchlichen Gemeinschaft, des
Dienstes der Liebe und des Zeugnisses für das Evangelium verdichtet. Dies
ist seine Würde und seine Grundberufung, es ist aber auch die Voraussetzung
dafür, daß ein jeder seine persönliche Identität finden
kann.
Jede Gläubige muß also den gemeinsamen Vollzug der Liturgie, der
geschwisterlichen Verbundenheit, des Dienstes der Liebe und der Verkündigung
des Evangeliums leben, denn nur durch eine solche umfassende Erfahrung kann er
seine besondere Weise erkennen, wie diese Dimensionen des Christseins zu
leben sind. Folglich sind diese kirchlichen Wege zu bevorzugen; sie sind
gewissermaßen die 'Hohe Schule' der Berufungspastoral, dank welcher sich
das Geheimnis der einzelnen Berufung zeigen kann.
Dies sind außerdem klassische Wege, die zum Leben jeder Gemeinschaft
gehören, die sich christlich nennen möchte. Sie zeigen gleichzeitig
auch deren Festigkeit und Schwäche. Eben darum stellen sie nicht nur einen
vorgeschriebenen Weg dar, sondern bieten Gewähr für die Echtheit der
Suche und der Klärung.
Diese vier Dimensionen und Vollzüge bewirken einerseits eine
ganzheitliche Einbeziehung des Subjekts, andererseits führen sie es zum
Beginn einer sehr persönlichen Erfahrung, zu einer drängenden
Konfrontation, zu einem unüberhörbaren Appell, zur Dringlichkeit einer
Entscheidung, die man nicht ewig vertagen kann. Darum muß die
Berufspastoral durch eine tiefe und ganzheitliche ekklesiale Erfahrung ausdrücklich
zu einer Bestandsaufnahme verhelfen, die jeden Gläubigen »zur
Entdeckung und Übernahme seiner eigenen Verantwortlichkeit innerhalb der
Kirche«(85) hinführt. Berufe, die nicht von dieser Erfahrung und von
dieser Einbindung in das gemeinschaftliche kirchliche Tun ausgehen, laufen
Gefahr, an den Wurzeln zu kranken und von zweifelhafter Echtheit zu sein.
Für eine Erfahrung, die nur dann entscheidend sein kann, wenn sie
umfassend ist, werden alle diese Dimensionen selbstverständlich gegeben und
harmonisch aufeinander zugeordnet sein.
Tatsächlich gibt es oft Jugendliche, die spontan den einen oder anderen
dieser Vollzüge vorziehen (einzig dem Freiwilligendienst verpflichtet; oder
zu sehr von der liturgischen Dimension angezogen; große Theoretiker oder
Idealisten). Es wird also notwendig sein, daß der Erzieher zu einer
Verpflichtung herausfordere, die nicht auf den Geschmack des Jugendlichen
zugeschnitten ist, sondern auf die objektive Glaubenserfahrung, die
ihrem Wesen nach nicht auf Bestellung zu erhalten ist. Nur die Respektierung
dieses objektiven Maßes kann das eigene subjektive Maß
erkennen lassen.
In diesem Sinne geht die Objektivität der Subjektivität voraus,
und der Jugendliche muß lernen, ihr den Vorrang zu lassen, wenn er tatsächlich
sich selbst erkennen will und das, was zu sein er berufen ist. Oder anders: er
muß zuerst das umsetzen, was von allen verlangt ist, wenn er wirklich er
selbst sein will.
Nicht nur dies, sondern alles, was aufgrund einer Norm und einer Tradition
objektiv geregelt und auf ein bestimmtes Ziel, das die Subjektivität übersteigt,
ausgerichtet ist, übt eine beachtliche Anziehungskraft aus und weckt den
Beruf. Freilich muß die objektive Erfahrung auch subjektiv werden oder vom
einzelnen als die seinige anerkannt werden. Auszugehen ist jedoch immer von
einer Quelle oder einer Wahrheit, die nicht vom Subjekt bestimmt wird und die
sich der reichen Tradition des christlichen Glaubens bedient. Letztendlich »folgt
die Berufspastoral den einzelnen, grundlegenden Schritten eines Glaubensweges«.(86)
Auch dies spricht für ein gestuftes Vorgehen und dann für die
Konvergenz der Berufungspastoral.
Von den Berufungswegen zu den christlichen Gemeinschaften
a) Die Pfarrgemeinde
29. Der Europäische Kongreß hat sich unter anderem zum Ziel
gesetzt, die Berufungspastoral in das Leben der christlichen Pfarrgemeinden
hineinzutragen, dorthin, wo die Menschen leben und wo besonders die Jugend mehr
oder weniger stark in eine Glaubenserfahrung einbezogen ist. Es geht darum, die
Berufungspastoral ausgehend vom Kreis der Mitarbeiter bis zu den Randbereichen
der Ortskirche vordringen zu lassen.
Zugleich ist es bereits Zeit, die in vielen Kirchen Europas noch
andauernde Experimentierphase zu überwinden, um zu wirklich pastoralen
Wegen zu finden, die ins Geflecht der christlichen Gemeinde eingebunden sind,
und all das aufzuwerten, was im Blick auf die geistlichen Berufe bereits überdeutlich
ist.
Besondere Aufmerksamkeit verdient das Kirchenjahr, das eine ständige
Glaubensschule ist, in der jeder Gläubige mit Hilfe des Heiligen Geistes
gerufen ist, nach dem Bilde Jesu zu wachsen. Vom Advent, der Zeit der Hoffnung,
bis Pfingsten und bis zur gewöhnlichen Zeit im Kirchenjahr feiert und
entwirft der zyklisch wiederkehrende Weg des Kirchenjahres ein Bild vom
Menschen, das sich am Geheimnis Jesu mißt, dem »Erstgeborenen von
vielen Brüdern« (Röm 8,29).
Die Anthropologie, die das Kirchenjahr erkennen läßt, ist ein
echter Berufungsentwurf, der jeden Christen anregt, immer mehr auf den Anruf zu
antworten, um eine klare und persönliche Sendung in der Geschichte
wahrzunehmen. Hier beginnt die Aufmerksamkeit für die alltäglichen
Wege, auf die jede christliche Gemeinschaft verwiesen ist. Die pastorale
Weisheit verlangt außerdem besonders von den Hirten, den Leitern der
christlichen Gemeinden, eine gewissenhafte Sorge und ein aufmerksames Urteil, um
den liturgischen Zeichen und dem Glaubenserlebnis Sprache zu verleihen; denn von
der Gegenwart Christi im Alltag des Menschen aus ergehen die Appelle des Geistes
zur Berufung.
Nicht vergessen sei, daß der Hirte, besonders der Priester als
Verantwortlicher für eine christliche Gemeinde, auch der »unmittelbare
Gärtner« aller Berufungen ist.
Tatsächlich ist nicht überall in den Pfarrgemeinden ein volles
Bewußtsein hinsichtlich der Verantwortung für die Pflege der Berufe
zu finden; während doch gerade die »Pastoralräte auf pfarrlicher
und diözesaner Ebene, in Verbindung mit den nationalen Zentren für
geistliche Berufe, ... in allen Gemeinschaften und in allen Bereichen der
ordentlichen Pastoral die kompetenten Organe dafür sind«.(87)
Deshalb ist die Initiative jener Pfarreien zu ermutigen, die in ihrer Mitte
Gruppen zur Förderung der Berufe und der verschiedenen Aktivitäten
errichtet haben, »um ein Problem zu lösen, das seinen Ort im Herzen
der Kirche hat«(88) (Gebetsgruppen, Tage und Wochen der geistlichen Berufe,
Katechesen, Zeugnisse und alles, was dazu beitragen kann, die Sensibilität
für die Berufungen zu verstärken).(89)
b) Zeichenhafte Orte für das Leben als Berufung
In diesem sensiblen und notwendigen Übergang von einer
Berufungspastoral punktueller Begegnungen zu einer Berufungspastoral der 'Wege'
dürfen nicht nur jene Impulse zu einer Berufung zu Wort kommen, die von den
Wegen ausgehen, die den Alltag der christlichen Gemeinde ausmachen, sondern es
ist klug, die zeichenhaften Orte des Lebens als Berufung und die pädagogischen
Orte des Glaubens ins Licht zu rücken. Eine Kirche ist lebendig, wenn
sie mit den Gaben des Geistes solche Orte wahrzunehmen und zu nützen weiß.
Die zeichenhaften Orte für den Berufungscharakter der Existenz
in einer Ortskirche sind die monastischen Gemeinschaften als Zeugen des betenden
Antlitzes der kirchlichen Gemeinschaft, die apostolischen Ordensgemeinschaften
und die Säkularinstitute.
In einem kulturellen Umfeld, das sehr auf die vorletzten und unmittelbaren
Dinge ausgerichtet ist und wo der kalte Wind des Individualismus weht, öffnen
die betenden und apostolischen Gemeinschaften besonders für die jüngeren
Generationen, die eindeutig für Zeichen empfänglicher sind als für
Worte, wahre Dimensionen echt christlichen Lebens.
Ein besonderes Zeichen des Berufungscharakters des Lebens ist die
Gemeinschaft des Diözesanseminars. Dieses spielt innerhalb unserer
Kirchen eine einzigartige Rolle. Einerseits ist es ein starkes Zeichen,
da es Zukunft verheißt. Die jungen Männer, die dorthin gelangen,
Kinder dieser Generation, werden die Priester von morgen sein. Nicht nur dies:
das Seminar ruft ganz konkret die Berufungsbezogenheit des Lebens und die
Notwendigkeit des Weiheamtes für die Existenz der christlichen Gemeinde in
Erinnerung.
Andererseits ist das Seminar auch ein schwaches Zeichen: denn es
erfordert die unablässige Aufmerksamkeit der Ortskirche; es erfordert eine
ernsthafte Berufspastoral, um jährlich mit neuen Kandidaten beginnen zu können.
Dabei kann auch die materielle Unterstützung ein pädagogischer Anreiz
sein, das Gottesvolk zum Gebet für alle Berufungen zu erziehen.
c) Die pädagogischen Orte des Glaubens
Neben den zeichenhaften Orten sind noch die pädagogischen
Orte der Berufspastoral wertvoll, die aus Gruppen, Bewegungen, Verbänden
und von der Schule selbst gebildet werden.
Jenseits der verschiedenen soziologischen Konstellationen solcher Formen von
Verbänden ist deren pädagogische Effizienz vor allem auf der Ebene der
Jugend hochzuschätzen, als Orte, an denen den Menschen gezielt geholfen
werden kann, eine wahre Reife des Glaubens zu erreichen.
Dies kann wirksam verfolgt werden, wenn folgende drei Dimensionen der
christlichen Erfahrung nicht vernachlässigt werden: die Berufung eines
jeden, die Gemeinschaft der Kirche und die Sendung mit der Kirche.
d) Erziehergestalten
Im gegenwärtigen Augenblick ist mit besonderer Eindringlichkeit eine
weitere pastoralpädagogische Aufmerksamkeit gefordert: die Heranbildung von
wirklichen Erziehergestalten.
Die Schwäche und Problematik der pädagogischen Orte des
Glaubens, die von der Kultur des Individualismus, der spontanen
Gruppenzusammenschlüsse und der Krise der Institutionen auf eine harte
Probe gestellt werden, hat sich überall ein wenig herumgesprochen.
Andererseits wird besonders bei den Jugendlichen das Bedürfnis nach
Dialog und nach Bezugspunkten spürbar. Dafür gibt es viele Anzeichen.
Es besteht Bedarf an Meistern des geistlichen Lebens, an zeichenhaften
Gestalten, die fähig sind, das Geheimnis Gottes spürbar zu machen und
die zum Zuhören bereit sind, um den Betroffenen zu einem ehrlichen Dialog
mit dem Herrn zu verhelfen.
Starke geistliche Persönlichkeiten sind nicht nur einige besonders
charismatisch begabte Personen, sondern sie sind das Ergebnis einer Erziehung,
die auf den absoluten Primat des Heiligen Geistes besonders aufmerksam war.
In der Sorge um die Erziehergestalten unserer Gemeinschaften ist ein
Doppeltes festzuhalten: einerseits geht es darum, das berufsbezogene,
erzieherische Bewußtsein in all jenen Personen ans Licht zu bringen und
wachzuhalten, die in der Gemeinde bereits zur Arbeit mit der Jugend berufen sind
(Priester, Ordensleute, Laien).
Andererseits ist der erzieherische Dienst der Frau zu ermutigen
und zu bilden, damit sie besonders an der Seite der Jugend eine Bezugsperson und
eine weise Führerin sein kann. Tatsächlich ist die Frau in der
christlichen Gemeinde stark präsent, und die intuitiven Fähigkeiten
des »weiblichen Genius« sowie die breitgefächerte Erfahrung der
Frau auf erzieherischem Gebiet (Familie, Schule, Gruppe, Gemeinschaft) sind
allgemein anerkannt.
Der Beitrag der Frau ist hoch einzustufen, wenn nicht gar entscheidend,
besonders im Bereich der Welt der weiblichen Jugend, die nicht der Welt der männlichen
Jugend einfach gleichzusetzen ist. Dieser Gesichtspunkt bedarf aufmerksamer und
spezifischer Überlegungen, vor allem im Bereich der Berufung.
Vielleicht ist auch dies Teil jener Wende, die die Berufungspastoral
kennzeichnet. Während in der Vergangenheit auch die weiblichen Berufe von
großen Gestalten geistlicher Väter ausgingen, die echte Führer
von Einzelnen und Gemeinschaften waren, so bedürfen heute die weiblichen
Berufe einer Beziehung zu weiblichen, persönlichen oder gemeinschaftlichen
Gestalten, die fähig sind, dem Angebot von Formen und Werten Gesicht zu
verleihen.
e) Die Organismen der Berufungspastoral
Damit die Berufspastoral sich als einheitliche und synthetische
Perspektive der allgemeinen Pastoral darstellen kann, muß sie zunächst
in ihrem eigenen Bereich die Gesamtheit und Verbindung der Charismen und
der Dienste zum Ausdruck bringen.
Schon lange spürt man in der Kirche die Notwendigkeit dieser
Zuordnung,(90) die, Gott sei Dank, bereits beachtliche Früchte gebracht
hat: Organismen auf Pfarrei-Ebene sowie Diözesane und Nationale
Informationszentren für geistliche Berufe arbeiten bereits seit Jahren mit
großem Erfolg.
Doch nicht überall ist es so. Der gegenwärtige Kongreß
bedauert in einigen Fällen das Fehlen oder die geringe Effizienz dieser
Strukturen in einigen europäischen Nationen(91) und wünscht, daß
solche ordentlich errichtet und angemessen ausgestattet werden.
Mehrfach ist noch festzustellen, daß die Diözesanzentren nicht überall
von demselben Willen beseelt sind, für die Berufungen aller zu arbeiten und
zusammenzuarbeiten, obwohl die nationalen Zentren einen beachtlichen Beitrag
konstruktiver Anreize für eine ganzheitliche Berufspastoral bieten. Es
besteht ein gewisses allgemeines Projekt ganzheitlicher Pastoral, das sich noch
schwer tut, Praxis der Ortskirche zu werden, und es scheint sich gewissermaßen
zu verfangen, wenn man von den allgemeinen Vorschlägen zur detaillierten
Umsetzung in die Wirklichkeit der Diözese oder Pfarrei übergehen will.
Hier sind tatsächlich partikularistische und weniger kirchliche Ansichten
und Haltungen noch nicht ganz überwunden.(92)
Was die Diözesan- und National-Zentren betrifft, wollen wir nicht
wiederholen, was schon früher in verschiedenen Dokumenten sehr gut über
deren Funktion gesagt wurde. Dennoch sei daran erinnert, daß es nicht nur
um eine einfache Frage der praktischen Organisation geht, sondern um eine Übereinstimmung
mit einem neuen Geist, der die Berufungspastoral in der Kirche und besonders in
den Kirchen Europas durchdringen muß. Die Krise der Berufe ist auch eine
Krise der Gemeinschaft in der Förderung und im Hervorbringen von Berufen.
Dort können keine Berufe entstehen, wo nicht auch eine echt kirchliche
Gesinnung vorgelebt wird.
Neben der Empfehlung zu einer Wiederaufnahme der Bemühungen in diesem
Bereich und zu einer engeren Verbindung von National- und Diözesanzentren
und den Organismen in den Pfarreien wünschen der Kongreß und das
vorliegende Dokument, daß solche Organismen sich zwei Anliegen mehr zu
Herzen nehmen: die Förderung einer echten Kultur der Berufung in der bürgerlichen
Gesellschaft, wie sie oben erwähnt wurde, und die Ausbildung von Erziehern
im Bereich der Berufe, was ein echtes, ursprüngliches, zentrales und
entscheidendes Element der derzeitigen Berufungspastoral darstellt.(93)
Der Kongreß bittet zudem, man möge für Europa die
Schaffung eines gemeinsamen, übernationalen Zentrums der Berufungspastoral
ernsthaft in Erwägung ziehen, als ein konkretes Zeichen der Gemeinschaft,
der Anteilnahme, der Koordinierung und des Austauschs von Erfahrungen und
Personen unter den einzelnen nationalen Kirchen,(94) unter Wahrung ihrer
jeweiligen Besonderheiten.
VIERTER TEIL PÄDAGOGIK DER BERUFUNG
»Brannte uns nicht das Herz in der Brust?...« (Lk
24,32)
Dieser pädagogische Teil ist dem Evangelium entnommen und folgt dem
Beispiel jenes außergewöhnlichen Animators und Erziehers zur
Berufung, der Jesus war. Er zielt auf eine Berufswerbung ab, die von ganz
bestimmten evangelischen Verhaltensmustern ausgeht: säen, begleiten,
erziehen, ausbilden, entscheiden.
Wir sind am letzten Teil angelangt, an jenem, der im Aufbau des
Dokuments der methodisch-praktische Teil sein soll. Wir haben mit einer Analyse
der konkreten Lage begonnen, um dann die tragenden theologischen Elemente im
Thema der Berufung zu beschreiben. Dann versuchten wir, zum konkreten Leben
unserer Gemeinschaften vorzudringen, um die Bedeutung und die Richtung der
Berufspastoral zu beschreiben.
So bleibt noch die pädagogische Dimension der Berufspastoral zu
behandeln.
Berufungskrise und Erziehungskrise
30. Oftmals sind in unseren Kirchen die Ziele und die grundlegenden Maßnahmen
klar, doch die konkreten Schritte, um in unseren Jugendlichen die Bereitschaft für
eine Berufung wachsen zu lassen, bleiben unklar. Dies kommt daher, daß
innerhalb und außerhalb der Kirche gewisse pädagogische Einrichtungen
recht schwach erscheinen; diese sollten ja neben der Festlegung des angestrebten
Zieles auch die pädagogischen Wege dorthin bereitstellen. Mit dem ihm
eigenen Realismus sagt das instrumentum laboris: »Wir müssen
tatsächlich die Schwäche so vieler pädagogischer Orte feststellen
(Gruppe, Gemeinschaft, Oratorium, Schule und besonders die Familie)«.(95)
Die Krise der Berufe ist sicherlich auch eine Krise des pädagogischen
Angebots und des erzieherischen Weges.
Ausgehend vom Wort Gottes wollen wir also diesen Einklang von Ziel und
Methode aufzeigen, in der Überzeugung, daß eine gute Theologie sich
gewöhnlich auch in die Praxis umsetzen läßt, so daß sie Pädagogik
wird, Wege erkennen läßt, verbunden mit dem ernsten Willen, den
verschiedenen Arbeitern in der Pastoral eine Hilfe anzubieten und ein
Instrument, das allen nützen kann.
Das Evangelium der Berufung
31. Jede Begegnung oder jedes Gespräch im Evangelium hat eine
berufungsbezogene Bedeutung: wenn Jesus auf den Wegen Galiläas geht, ist er
immer der Gesandte des Vaters, der den Menschen zum Heil ruft und ihm den Plan
des Vaters enthüllt. Die frohe Botschaft, das Evangelium, tut genau
dasselbe: der Vater hat den Menschen durch den Sohn im Geist berufen; er hat ihn
nicht nur zum Leben berufen, sondern zur Erlösung, und zwar nicht nur zu
einer Erlösung, die andere für ihn verdient haben, sondern zu einer
Erlösung, die ihn selbst in erster Person mit einbezieht und ihn
verantwortlich macht für die Erlösung der anderen.
In dieser aktiven und passiven Erlösung, die empfangen und mit anderen
geteilt wird, liegt der Sinn jeder Berufung; darin liegt der Sinn der Kirche
selbst als einer Gemeinschaft von Glaubenden, Heiligen und Sündern, die
alle »berufen« sind, am gleichen Geschenk und an derselben
Verantwortung teilzuhaben. Es ist das Evangelium der Berufung.
Die Pädagogik der Berufung
32. In diesem Evangelium suchen wir eine entsprechende Pädagogik, die
im Grunde die von Jesus sein wird, die echte Pädagogik der Berufung.
Es ist die Pädagogik, die jeder Berufsanimator oder jeder Evangelisator
anwenden müßte, um den Jugendlichen zur Erkenntnis des Herrn der ihn
ruft, und zu einer Antwort darauf zu führen.
Wenn das Geheimnis Christi, des menschgewordenen Gottessohnes, der
Bezugspunkt der Berufungspädagogik ist, dann finden sich in seinem »berufungsorientierten«
Tun viele wichtige Gesichtspunkte und Dimensionen.
Vor allem wird uns in den Evangelien Jesus eher als Ausbilder dargestellt,
denn als Animator, eben weil er immer in engster Verbundenheit mit dem Vater,
der den Samen des Wortes Gottes ausstreut und »e-ducat«(=
aus dem Nichts herausführt), und mit dem Geist wirkt, der auf dem Weg der
Heiligung begleitet.
Solche Gesichtspunkte öffnen wichtige Perspektiven für den, der in
der Pastoral der Berufe arbeitet und darum selbst gerufen ist, nicht nur
Animator eines Berufes zu sein, sondern zuerst noch Sämann des
guten Samens der Berufung, und dann erst Begleiter zu sein auf dem Weg,
der das Herz »brennen« macht, Erzieher zum Glauben und zum Hören
auf den rufenden Gott, Ausbilder eines menschlichen und christlichen
Verhaltens, das Antwort ist auf den Anruf Gottes;(96) und er ist schließlich
gerufen, das Vorhandensein jener Gabe, die von oben kommt, zu beurteilen.
Es sind die fünf zentralen Merkmale der Arbeit für die Berufe
oder die fünf Dimensionen im Geheimnis des Rufes, der von Gott
ausgeht und den Menschen durch die Vermittlung eines Bruders oder einer
Schwester oder einer Gemeinschaft erreicht.
Säen
33. »Ein Sämann ging aufs Feld um zu säen. Als er säte,
fiel ein Teil der Körner auf den Weg, und die Vögel kamen und fraßen
sie. Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und
ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war; als aber die Sonne hochstieg,
wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte. Wieder ein
anderer Teil fiel in die Dornen, und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat.
Ein anderer Teil schließlich fiel auf guten Boden und brachte Frucht,
teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach« (Mt 13,3-8).
Dieser Abschnitt zeigt uns gewissermaßen den ersten Schritt eines pädagogischen
Weges, das erste Verhalten dessen, der sich als Vermittler zwischen Gott, der
ruft, und den Menschen, der gerufen ist, stellt und der sich notwendigerweise
nach dem Tun Gottes ausrichtet. Gott Vater ist der Sämann; Kirche und Welt
sind der Ort, wohin er unablässig den Samen ausstreut, in völliger
Freiheit und ohne irgendwelche Ausnahme, in einer Freiheit, die die Freiheit des
Geländes respektiert, auf das der Same fällt.
a) Zwei Freiheiten im Dialog
Das Gleichnis vom Sämann zeigt, daß die christliche Berufung
ein Dialog zwischen Gott und der menschlichen Person ist. Der wichtigste
Sprecher ist Gott, der ruft, wen er will, wann er will und auf welche Weise er
will, »aus eigenem Entschluß und aus Gnade« (2 Tim 1,9);
der alle zum Heil beruft, ohne sich von der Bereitschaft des Empfangenden abhängig
zu machen. Aber die Freiheit Gottes begegnet der Freiheit des Menschen in einem
geheimnisvollen und faszinierenden Dialog aus Worten und Schweigen, aus
Mitteilung und Tun, aus Blicken und Gesten; eine Freiheit, die vollkommen ist,
die Freiheit Gottes, und die andere Freiheit, die unvollkommen ist, die
menschliche Freiheit. Die Berufung ist also völlig ein Handeln Gottes, aber
sie ist auch ein wirkliches Tun des Menschen: Arbeit und Eindringen Gottes ins
Herz der menschlichen Freiheit, aber auch Mühsal und Kampf des Menschen, um
frei zu sein, dieses Geschenk anzunehmen.
Wer einen Bruder auf dem Weg der Berufsklärung begleitet, tritt in das
Geheimnis der Freiheit ein und weiß, daß er nur dann helfen kann,
wenn er dieses Geheimnis achtet; auch wenn dies, wenigstens dem Schein nach, ein
geringeres Ergebnis beinhalten sollte, genau wie beim Sämann im Evangelium.
b) Der Mut, überall zu säen
Gerade die Achtung dieser beiden Freiheiten bedeutet vor allem den Mut,
den guten Samen des Evangeliums von der Auferstehung des Herrn, vom Glauben und
von der Nachfolge zu säen. Dies ist die Voraussetzung; man kann überhaupt
keine Berufspastoral betreiben, wenn dieser Mut nicht gegeben ist. Nicht nur
dies; man muß überall säen, im Herzen eines jeden, ohne
Bevorzugung oder Ausnahme. Wenn jeder Mensch Geschöpf Gottes ist, ist er
auch Träger einer Gabe, einer besonderen Berufung, die anerkannt werden
will.
Oft klagt man in der Kirche über die spärlichen Antworten betreffs
der Berufung. Man übersieht dabei, daß das Angebot sich oft nur an
einen beschränkten Personenkreis richtet und womöglich nach einer
ersten Ablehnung sofort zurückgezogen wird. Es sei also daran erinnert, was
Paul VI. sagte: »Daß doch keiner durch unsere Schuld das nicht kenne,
was er wissen muß, um dem eigenen Leben eine andere und bessere
Ausrichtung zu geben«.(97) Und dennoch, wie viele Jugendliche haben nie
eine christliche Einladung vernommen betreffs ihres Lebens und ihrer Zukunft!
Es ist einzigartig, den Sämann des Gleichnisses zu beobachten, wie er
mit großzügiger Hand den Samen »überallhin« ausstreut;
und es ist bewegend, in diesem Bild das Herz Gottes, des Vaters, zu erkennen. Es
ist das Bild Gottes, der ins Herz eines jeden einen Heilsplan hineinsät;
oder wenn wir wollen, es ist das Bild der »verschwenderischen« göttlichen
Großzügigkeit, die sich allen mitteilt, weil sie alle retten und zu
sich rufen will.
Es ist das Bild des Vaters selbst, das im Handeln Jesu offenkundig wird, der
die Sünder zu sich ruft, der seine Kirche aufbauen will mit Leuten, die für
diese Sendung offensichtlich ungeeignet sind, der keine Schranken kennt und
nicht auf die Person schaut.
In diesem Bild sich wiederfindend sät der Arbeiter in der
Berufspastoral seinerseits aus, verkündet, schlägt vor, macht
betroffen, immer mit derselben Großzügigkeit; und es ist gerade die
sichere Überzeugung vom Samen, den der Vater in das Herz jeder Kreatur
hineingelegt hat, die ihm die Kraft gibt, überallhin zu gehen und den guten
Samen der Berufung auszusäen, nicht in den üblichen Räumen zu
verharren und neue Bereiche anzugehen, um ungewohnte Versuche zu wagen und sich
an jeden Menschen zu wenden.
c) Die Aussaat zur rechten Zeit
Es gehört zur Weisheit des Sämanns, den guten Samen der Berufung
zum günstigsten Zeitpunkt auszustreuen. Das bedeutet nun wirklich nicht,
die Zeiten der Berufsentscheidung zu beschleunigen oder zu erwarten, daß
ein Jugendlicher schon die Entscheidungsreife eines jungen Erwachsenen besitze,
sondern es bedeutet, den Berufungscharakter des menschlichen Lebens zu verstehen
und zu achten.
Jede Lebenszeit trägt Berufungscharakter, angefangen vom
Augenblick, wo der junge Mensch sich auf das Leben hin öffnet und dessen
Sinn verstehen will, und wo er sich die Frage nach seinem Ort im Leben stellt.
Diese Frage im rechten Moment nicht zu stellen, könnte das Keimen des
Samens beeinträchtigen: »Die pastorale Erfahrung zeigt, daß in
den meisten Fällen das erste Anzeichen für einen Beruf in die Zeit der
Kindheit oder Jugend fällt. Darum scheint es wichtig zu sein, Worte zu
finden oder anzubieten, die diese ersten Anzeichen für eine Berufung
anregen, stützen und begleiten«,(98) freilich ohne sich allein darauf
zu beschränken. Jede Person hat ihre Rhythmen und ihre Zeiten des Reifens.
Wichtig ist, daß sie einen guten Sämann zur Seite hat.
d) Das kleinste aller Samenkörner
Es ist sicher nicht einfach, heutzutage »Sämann« von
Berufen zu sein, und zwar aus Gründen, die wir kennen: es gibt keine
eigentliche Kultur der Berufungen; das herrschende anthropologische Bild scheint
jenes des »Menschen ohne Berufung« zu sein; das soziale Umfeld ist
ethisch neutral, und es fehlen ihm zukunftsweisende Handlungsmodelle. Alle diese
Elemente scheinen dazu beizutragen, die Einladung zu einer Berufung zu schwächen,
und sie lassen uns womöglich die Worte Jesu vom Reich Gottes (vgl. Mt
13,31 ff) auf sie anwenden: der Same der Berufung ist wie ein kleines Senfkorn,
das, wenn es gesät, d.h. vorgeschlagen oder als gegeben aufgezeigt wird,
das kleinste unter den Samenkörnern ist. Auch Berufung findet anfangs häufig
keine sofortige Annahme, ja wird abgelehnt und geleugnet, ist wie erstickt von
anderen Erwartungen und Plänen, wird nicht ernst genommen; oder wird mit
Argwohn und Mißtrauen angesehen, als ob sie ein Same des Unglücks wäre.
Folglich weigert sich der Jugendliche, erklärt sich uninteressiert und
hat seine Zukunft bereits belastet (oder andere taten es für ihn); oder es
könnte ihm womöglich gefallen und ihn interessieren, aber er ist sich
nicht so sicher, und zudem ist es zu schwer und macht ihm Angst...
In dieser ängstlichen und ablehnenden Reaktion ist nichts Befremdendes
oder Absurdes; im Grunde hat es der Herr schon so gesagt. Der Same der Berufung
ist der kleinste von allen, er ist schwach und unaufdringlich, eben weil er
Ausdruck der Freiheit Gottes ist, der die Freiheit des Menschen mit letzter
Konsequenz achten will. Dann bedarf es auch der Freiheit dessen, der den
Menschen auf diesem Weg führt: einer Freiheit des Herzens, die es auch ermöglicht,
angesichts der anfänglichen Verweigerung und Interesselosigkeit sich nicht
zurückzuziehen.
Jesus sagt uns in der Kürze des Gleichnisses vom Senfkorn: »Sobald
es aber hochgewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse«
(Mt 13,32); es ist also ein Samen, der seine eigene Kraft in sich trägt,
auch wenn diese nicht sofort erkennbar und überwältigend ist, ja er
bedarf sogar großer Pflege, um reifen zu können. Es gibt so etwas wie
ein Grundgeheimnis, das zur Weisheit der Bauern gehört: um überhaupt
etwas zur rechten Zeit ernten zu können, muß man auf alles achten,
wirklich auf alles, von der Aussaat bis zur Ernte; man muß seine
Aufmerksamkeit auf alles richten, von dem, was das Wachstum fördert, bis zu
dem, was es verhindert. Auch gegen Wind und Wetter der Jahreszeiten muß
man es schützen. Mit der Berufung geschieht es ähnlich. Die Aussaat
ist nur der erste Schritt, dem jedoch mit Aufmerksamkeit weitere folgen müssen,
damit die beiden Freiheiten in das Geheimnis eines Berufungsdialogs einmünden.
Begleiten
34. »Am gleichen Tag waren zwei von den Jüngern auf dem Weg in ein
Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist. Sie sprachen
miteinander über all das, was sich ereignet hatte. Während sie redeten
und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus hinzu und ging mit ihnen. Doch sie
waren wie mit Blindheit geschlagen, so daß sie ihn nicht erkannten« (Lk
24,13-16).
Um den pädagogischen Gehalt des Begleitens, Erziehens und Ausbildens zu
beschreiben, wählen wir die Geschichte der beiden Jünger von Emmaus.
Es ist ein bedeutungsvoller Text; denn außer der Weisheit seines Inhaltes
und der von Jesus angewandten pädagogischen Methode glauben wir, in den
beiden Jüngern auch das Abbild so vieler heutiger Jugendlicher
wiederzuerkennen, die traurig und mutlos zu sein, und die die Freude an der
Suche ihrer Berufung verloren zu haben scheinen.
Der erste Schritt oder die erste Aufmerksamkeit auf diesem Weg besteht
darin, sich jemandem an die Seite zu stellen: der Sämann oder derjenige,
der im Jugendlichen das Bewußtsein vom Samen, der in den Grund seines
Herzens gelegt ist, wachgerufen hat, wird nun zum Begleiter.
Im theologischen Teil der vorliegenden Überlegungen wurde der Dienst
des Begleitens als charakteristisch für den Heiligen Geist bezeichnet; tatsächlich
ist es der Geist des Vaters und des Sohnes, der neben dem Menschen einhergeht,
um ihn an das Wort des Meisters zu erinnern; es ist auch der Geist, der im
Menschen wohnt und in ihm das Bewußtsein weckt, Sohn des Vaters zu sein.
Es ist also der Geist das Modell, an dem sich jener ältere Bruder oder jene
ältere Schwester orientieren muß, der bzw. die einen jüngeren
Bruder oder eine jüngere Schwester in deren Suche begleitet.
a) Werdegang der Berufung
Nachdem wir den berufspastoralen Werdegang der Berufung beschrieben haben,
fragen wir uns nun: Wie sieht der Werdegang eines Berufes auf pädagogischer
Ebene aus?
Der pädagogische Werdegang einer Berufung ist eine Reise, die die
Glaubensreife zum Ziel hat, ist wie eine Pilgerfahrt zum Erwachsenenalter
des Gläubigen, der gerufen ist, über sich und über sein Leben
in Freiheit und Verantwortung zu befinden, entsprechend dem
geheimnisvollen Plan, den Gott für ihn erdacht hat. Eine solche Reise
geschieht in Etappen und in Begleitung eines älteren Bruders oder
einer Schwester im Glauben und in der Jüngerschaft, die den Weg,
die Stimme und die Schritte Gottes kennen, die dabei helfen, den rufenden Herrn
zu erkennen und den rechten Weg zu finden, auf dem ihm entgegenzugehen und zu
antworten ist.
Der Werdegang eines Berufes ist demnach vor allem ein Weg mit Ihm, dem Herrn
des Lebens, mit jenem »Jesus in Person«, wie Lukas sagt, der sich dem
Weg des Menschen anschließt, ihn mit ihm geht und in dessen Geschichte
eintritt. Doch die Augen des Fleisches können ihn oft nicht erkennen. Dann
wird das Gehen des Menschen einsam, der Dialog überflüssig, das Suchen
droht ewig zu dauern, zu einem endlosen und oft narzistischen »Erfahrungen-machen«
zu werden, auch berufungsbezogene, ohne jeden abschließenden Erfolg. Es
ist womöglich erste Aufgabe des Berufsbegleiters, die Anwesenheit eines
Anderen aufzuzeigen oder die Relativität der eigenen Nähe und
Begleitung einzugestehen, um Vermittler dieser Gegenwart oder dieses Weges zur
Entdeckung des rufenden Gottes zu sein, der jedem Menschen nahesteht.
Wie die beiden Jünger von Emmaus oder wie Samuel in der Nacht haben
unsere Jugendlichen oft keinen Blick, um zu sehen, keine Ohren, um den zu hören,
der neben jedem einhergeht und so inständig wie taktvoll ihre Namen nennt.
Der begleitende Bruder ist ein Zeichen für dieses taktvolle Drängen;
seine Aufgabe ist es, den Ursprung dieser geheimnisvollen Stimme erkennen zu
helfen; er redet nicht von sich, sondern verkündet einen Anderen, obschon
dieser bereits da ist, wie Johannes der Täufer dies tat.
Der Dienst der Berufsbegleitung ist ein demütiger Dienst von jener
heiteren und gelassenen Demut, die der Freiheit im Geist entspringt und sich »mit
dem Mut des Hinhörens, der Liebe und des Dialogs« ausdrückt. Dank
dieser Freiheit gewinnt die Stimme des Rufers an Klarheit und
Entscheidungskraft. Und der Jugendliche sieht sich Gott gegenüber, entdeckt
mit Staunen, daß es der Ewige ist, der durch die Zeit an seiner Seite geht
und ihn zu einer endgültigen Entscheidung ruft!
b) Die Brunnen lebendigen Wassers
»Jesus war müde von der Reise und setzte sich an den Brunnen«
(Joh 4,6); es ist der Anfang dessen, was wir als ein nichtöffentliches
Berufungsgespräch bezeichnen könnten: die Begegnung Jesu mit der
Samariterin. Die Frau macht während dieser Begegnung tatsächlich einen
Weg zur Erkenntnis ihrer selbst und des Messias und wird gewissermaßen
sogar dessen Verkünderin.
Auch in diesem Text zeigt sich die absolute Freiheit Jesu, überall
und in allen seine Boten zu suchen. Einzigartig ist die Aufmerksamkeit
dessen, der der Weg des Menschen zum Vater ist, wenn es darum geht, dem Geschöpf
auf dessen Wegen zu begegnen oder dort auf es zu warten, wo dessen Erwartung am
offenkundigsten und stärksten ist. Dies kann man im symbolischen Bild des »Brunnens«
sehen. In der alten jüdischen Gesellschaft waren die Brunnen Lebensquellen,
Grundvoraussetzung für das Überleben eines Volkes, das immer gegen
Wassermangel anzukämpfen hatte; und gerade um dieses Symbol des Wassers
des Lebens und für das Leben baut Jesus mit feinfühliger
Pädagogik sein Gespräch mit der Frau auf. Einen Jugendlichen begleiten
bedeutet, »die Brunnen« von heute orten zu können, alle jene Orte
und Momente, Herausforderungen und Erwartungen, an denen früher oder später
alle Jugendlichen mit ihren leeren Krügen vorbeikommen müssen, mit
ihren unausgesprochenen Fragen, mit ihrer behaupteten und oft nur zur Schau
gestellten Selbstgenügsamkeit, mit ihrem tiefen und unauslöschbaren
Verlangen nach Echtheit und nach Zukunft.
Die Berufspastoral kann nicht in »Wartestellung« verharren,
sondern muß Aktivität dessen sein, der sucht und sich nicht
geschlagen gibt, bis er gefunden hat, und der sich selbst finden läßt
am rechten Ort oder am rechten Brunnen, dort, wo der Jugendliche Leben und
Zukunft für sich erwartet.
Der Berufsbegleiter muß unter diesem Gesichtspunkt »intelligent«
sein, einer, der nicht notwendigerweise seine Fragen aufdrängt, sondern von
jenen des Jugendlichen selbst ausgeht, und zwar von jeder Art von Frage; und er
muß einer sein, der fähig ist, wenn nötig »die Berufsfrage
zu wecken und zu entdecken, die im Herzen jedes Jugendlichen wohnt, aber darauf
wartet, von echten Berufsbildnern geborgen zu werden«.(99)
c) Mit-teilen und Mit-Berufensein
Eine Berufung zu begleiten bedeutet vor allem, etwas gemeinsam haben:
das Brot des Glaubens, der Erfahrung Gottes, der Mühe des Suchens, bis hin
zum Mit-teilen der Berufung, selbstverständlich nicht um sie aufzudrängen,
sondern um die Schönheit eines Lebens zu bekunden, das sich nach dem Plan
Gottes gestaltet.
Der richtige Ton in der Berufsbegleitung ist nicht der belehrende oder
ermahnende und auch nicht der einseitig freundschaftliche, auch nicht von seiten
des geistlichen Leiters (verstanden als einer, der das Leben eines andern sofort
in eine bestimmte Richtung drängt), sondern es ist der Ton der confessio
fidei.
Wer eine Berufung begleitet, bezeugt die eigene Berufswahl, oder
besser, das eigene Erwähltsein von Gott. Er erzählt nicht
notwendigerweise in Worten seinen eigenen Berufsweg und die andauernde
Entdeckung seiner selbst im Charisma seiner Berufung; er stellt auch die Mühe,
die Neuheit, das Risiko, die Überraschung und die Schönheit dar und
macht sie verständlich.
So entsteht eine Berufungskatechese von Mensch zu Mensch, von Herz zu Herz,
reich an Menschlichkeit und Originalität, an Leidenschaftlichkeit und Überzeugungskraft,
eine wissens- und erfahrungsmäbige Animation. Es ist ein wenig wie die
Erfahrung der ersten Jünger Christi, »Sie gingen mit ihm und sahen, wo
er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm« (Joh 1,39); es war eine
tief betroffen machende Erfahrung, wenn Johannes nach vielen Jahren sich noch
daran erinnert, daß es »gegen vier Uhr nachmittags war«.
Man kann Berufsanimation nur durch Ansteckung bewirken, durch
direkten Kontakt, weil das Herz voll ist und die Erfahrung der Schönheit
weiterhin siegt. »Die Jugendlichen sind am Lebenszeugnis von Menschen, die
bereits auf einem geistliche Weg sind, sehr interessiert. Priester und
Ordensleute müssen den Mut aufbringen, konkrete Zeichen ihres geistlichen
Weges zu geben. Darum ist es wichtig, Zeit für die Jugendlichen
aufzuwenden, auf ihrer Ebene sich zu bewegen, dort, wo sie sich befinden, sie
anzuhören und auf die Fragen einzugehen, die sich aus der Begegnung ergeben«.
(100)
Genau aus diesem Grunde ist der Berufsbegleiter auch ein Begeisterter seiner
eigenen Berufung und seiner Möglichkeit, diese anderen zu vermitteln: er
ist nicht nur überzeugter Zeuge, sondern zufriedener Zeuge, und deshalb
auch überzeugend und glaubwürdig.
Nur so erreicht die Botschaft die spirituelle Ganzheitlichkeit der Person,
d.h. Herz, Geist und Willen, indem sie etwas anbietet, das wahr, schön und
gut ist.
Dies ist der Sinn von Mit-Berufung: niemand kann an der Seite eines
Verkünders einer derart »Frohen Botschaft« gehen und sich nicht
betroffen fühlen, »vollkommen berufen«, in allen Bereichen seiner
Persönlichkeit, und ständig gerufen: zunächst von Gott, dann aber
auch von vielen Personen, Idealen, unvorhersehbaren Situationen,
unterschiedlichen Provokationen und menschlichen Vermittlungen des göttlichen
Rufes.
Dann kann das Anzeichen für die Berufung besser wahrgenommen werden.
Erziehen (e-ducare)
35. Und er sagte: »Was sind das für Dinge, über die ihr auf
eurem Weg miteinander redet? Da blieben sie traurig stehen, und einer von ihnen
er hieß Kleopas antwortete ihm: Bist du so fremd in
Jerusalem, daß du als einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort
geschehen ist? Er fragte sie: Was denn? Sie antworteten ihm: Das mit Jesus von
Nazareth. Er war ein Prophet, mächtig in Wort und Tat vor Gott und dem
ganzen Volk... Da sagte er zu ihnen: Begreift Ihr denn nicht? Wie schwer fällt
es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Mußte nicht der
Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen? Und er legte
ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über
ihn geschrieben steht. So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren.
Jesus tat, als wolle er weitergehen, aber sie drängten ihn und sagten:
Bleib doch bei uns, denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt. Da
ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben«..... (Lk 24,17-29).
In der Berufsbegleitung geht es nach der Aussaat entlang des begleiteten
Weges darum, den Jugendlichen zu erziehen. Erziehen im etymologischen
Sinn des Wortes, gleichsam einem Heraus-ziehen (e-ducere) der Wahrheit in ihm;
herausziehen dessen, was er im Herzen trägt, auch was er von sich noch
nicht weiß und kennt, wie Schwächen und Erwartungen, um eine freie
Antwort auf seine Berufung zu fördern.
a) Erziehen zur Selbsterkenntnis
Jesus naht sich den beiden und fragt sie, worüber sie reden. Er weiß
es bereits, doch möchte er, daß beide vor sich selbst offen seien,
indem sie ihre Trauer und ihre enttäuschten Hoffnungen in Worte fassen, und
er ihnen dann helfe, sich ihrer Schwierigkeiten und der wahren Ursachen ihrer
Verwirrung bewußt zu werden. So sind die beiden praktisch gezwungen, das jüngste
Geschehen erneut zu überdenken und den wahren Grund ihrer Trauer kundzutun.
»Wir hatten gehofft...«; doch die Geschichte schien sich
entgegen ihren Erwartungen entwickelt zu haben. Ja, in Wirklichkeit hatten sie
all ihre bedeutenden Erfahrungen im unmittelbaren Kontakt mit Jesus gemacht, »mächtig
in Wort und Tat«; nun ist es aber, als wäre dieser Glaubensweg plötzlich
unterbrochen angesichts eines so unverständlichen Ereignisses, wie Leiden
und Tod dessen es waren, der Israel eigentlich hätte befreien sollen.
»Wir hatten gehofft...«; wie soll man in dieser unvollendeten
Geschichte nicht das Geschick so vieler Jugendlicher wiedererkennen, die an der
Berufsfrage interessiert sind, sich herausfordern lassen und gute Bereitschaft
zeigen, aber dann plötzlich angesichts der zu treffenden Entscheidung
stehen bleiben? Jesus zwingt die beiden Jünger gewissermaßen dazu,
die Diskrepanz zwischen ihren Hoffnungen und den Plänen Gottes, wie sie in
Jesus sich erfüllten, zuzulassen, zwischen ihrem Verständnis des
Messias und dessen Tod am Kreuz, zwischen ihren so menschlichen und
vielversprechenden Erwartungen und dem Sinn eines Heils, das von oben kommt.
Auf gleiche Weise ist es wichtig und entscheidend, den Jugendlichen dabei
zu helfen, daß ihnen das Grund-Mißverständnis bewußt
wird: jene zu irdische und zu ichbezogene Sicht des Lebens, die eine
Berufsentscheidung schwer oder gar unmöglich macht oder die die
Anforderungen der Berufung als überzogen erscheinen läßt, als ob
Gott ein Feind des menschlichen Glückes wäre.
Viele Jugendliche haben ihre Berufung abgewiesen, nicht weil sie etwa
eng und gleichgültig gewesen wären, sondern einfach weil man ihnen
nicht geholfen hat, sich zu erkennen und die zweifelhafte und heidnische
Wurzel gewisser geistiger und emotionaler Schablonen zu entdecken und weil ihnen
nicht geholfen wurde, sich zu befreien von ihren bewußten oder
unbewußten Ängsten und Verweigerungen gegenüber der Berufung
selbst. Wie viele erstorbene Berufungen sind auf dieses erzieherische Schweigen
zurückzuführen!
Erziehen bedeutet vor allem, die Wirklichkeit des Ich, wie es ist, zu
entdecken, wenn man es dann dazu bringen will, zu sein, wie es sein soll: die
Ehrlichkeit ist ein wesentlicher Schritt auf die Wahrheit hin, doch bedarf es in
jedem Fall der Hilfe von außen, um das Innere gut zu erkennen. Der
Erzieher zur Berufung muß darum die Verließe des menschlichen
Herzens kennen, um den Jugendlichen beim Aufbau seines wahren Ichs zu begleiten.
b) Zum Geheimnis erziehen (Mystagogik)
Hier entsteht ein Widerspruch. Wenn der Jugendliche zu seinen Quellen geführt
ist und auch seinen Schwächen und Ängsten ins Auge schauen kann, dann
hat er das Gefühl, die Motive für bestimmte Haltungen und Reaktionen
besser zu verstehen, und er versteht gleichzeitig die Wirklichkeit des
Geheimnisses immer besser als einen Schlüssel zum Verständnis des
Lebens und seiner Person.
Es ist unverzichtbar, daß der Jugendliche sein Nichtwissen
annimmt, sich nicht bis ins letzte zu kennen.
Das Leben liegt nicht völlig in seinen Händen, denn das Leben
ist Geheimnis; andererseits aber ist das Geheimnis Leben. Anders
gesagt: das Geheimnis ist die unentdeckte Seite des Ich, die noch nicht gelebt
wird und die darauf wartet, entschlüsselt und verwirklicht zu werden; das
Geheimnis ist jene Wirklichkeit der Person, die erst noch wachsen muß,
reich an Leben und an noch unberührten existentiellen Möglichkeiten;
es ist jener Teil, der das Ich hervorbringt.
Also ist die Annahme des Geheimnisses ein Zeichen von Einsicht, von innerer
Freiheit, von Willen nach Zukunft und nach Neuem, ein Zeichen von Ablehnung
eines sich immer wiederholenden und passiven, langweiligen und bedeutungslosen
Lebensbildes. Hier versteht man, weshalb wir anfangs gesagt haben, daß die
Berufspastoral mystagogisch sein muß und daß sie deshalb vom
Geheimnis Gottes ausgehen muß, um zum Geheimnis des Menschen zurückzuführen.
Der Verlust des Gespürs für das Geheimnis ist eine der Hauptursachen
der Krise der Berufe.
Gleichzeitig wird die Kategorie des Geheimnisses zu einer propädeutischen
Kategorie des Glaubens. Es ist möglich und gewissermaßen auch natürlich,
daß der Jugendliche an diesem Punkt in seinem Inneren etwas neu entstehen
spürt, wie ein Bedürfnis nach Offenbarung, d.h. eine
Sehnsucht, daß doch der Urheber des Lebens selbst ihm den Sinn des Lebens
und den Ort, den er in ihm einzunehmen hat, offenbaren möge. Wer anders als
der Vater könnte diese Offenbarung geschehen lassen?
Andererseits ist es nicht so wichtig, daß der Jugendliche (oder der
Begleiter) sofort den Weg erkenne, den er zu gehen hat: worauf es ankommt ist,
daß er in jedem Fall entdeckt und sich dafür entscheidet, daß
die Suche nach dem Fundament seiner Existenz außerhalb seiner selbst
in Gott Vater anzusiedeln ist. Eine echter Weg zur Berufung führt immer und
überall zur Entdeckung der Vaterschaft und Mutterschaft Gottes!
c) Erziehung zur Deutung des Lebens
Im Evangelium lädt Jesus die beiden von Emmaus gewissermaßen
ein, zum Leben zurückzukehren, zu jenen Ereignissen, die Ursache ihrer
Traurigkeit waren, und zwar durch eine behutsame Methode der Deutung, die nicht
nur fähig ist, die Ereignisse in Bezug auf einen zentralen Sinngehalt
miteinander zu verbinden, sondern im geheimnisvollen Gewebe der menschlichen
Existenz den roten Faden eines göttlichen Planes zu entdecken. Es ist dies
die Methode, die genetisch-historisch genannt werden könnte und die in der
eigenen Biographie die Schritte und Spuren des Vorübergangs Gottes und
somit auch seine rufende Stimme suchen und finden lassen könnte. Diese
Methode
ist gleichzeitig deduktiv und induktiv, oder geschichtlich-biblisch:
sie geht gleichzeitig von der geoffenbarten Wahrheit und der geschichtlichen
Wirklichkeit aus und fördert so einen dauernden Dialog zwischen dem
subjektiv Erlebten (die von den beiden Jüngern genannten Ereignisse) und
dessen Beziehung zum Wort Gottes (»Und er legte ihnen dar, ausgehend von
Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben
steht« - Lk 24,27);
verweist durch den Verbindlichkeitscharakter des Wortes Gottes
und durch die Zentralität des Ostergeheimnisses des toten und wieder
auferstandenen Christus auf einen präzisen Interpretationsschlüssel
für die existentiellen Ereignisse, ohne irgendein Vorkommnis zu übergehen,
sei es noch so schwer und schmerzhaft (»Mußte nicht der
Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?« - Lk
24,26);
Die Deutung der Lebensgeschichte wird so zu einem höchst geistlichen
und nicht nur psychologischen Tun, da sie dazu führt, im Leben die helle
und geheimnisvolle Gegenwart Gottes und seines Wortes zu erkennen.(101) Sie ermöglicht
auch, innerhalb dieses Geheimnisses allmählich den Keim der Berufung
wahrzunehmen, den der Vater selbst in die Furchen des Lebens eingesenkt hat.
Dieser Same, so klein er sein mag, beginnt nun sichtbar zu werden und zu
wachsen.
d) Erziehen zur An-Rufung (in-vocare)
Wenn die Deutung des Lebens ein geistliches Tun ist, dann führt dies
die Person zwangsläufig nicht nur zur Erkenntnis ihres Hungers nach
Offenbarung, sondern zu dessen Feier im Gebet der An-Rufung. Erziehen heißt:
die Wahrheit über das Ich heraus-rufen. Dieses Herausrufen hat
seinen Ursprung im Raum des anrufenden Betens, in einem Gebet, das eher
Vertrauen besagt als Bitte, eines Gebets, das Staunen und Dankbarkeit ist, aber
auch Kampf und Spannung, schmerzliches »Schürfen« der eigenen
Ambitionen und Erwartungshaltungen, der Fragen, der Suche des Andern: des
Vaters, der im Sohn jedem Suchenden den rechten Weg zeigt.
Dann jedoch wird das Gebet zum Ort der Erkenntnis der Berufung, der
Erziehung zum Hören auf den rufenden Gott, denn eine jede Berufung
hat ihren Ursprung in den Räumen des anrufenden, geduldigen und
vertrauensvollen Gebets; dies wird nicht von der Erwartung einer raschen Antwort
getragen, sondern von der Gewißheit oder der Hoffnung, daß die Bitte
nicht unerhört bleiben kann und daß sie zur rechten Zeit dem
Bittenden seine Berufung zeigen wird.
In der Emmausgeschichte enthüllt sich dies alles in einem wesentlichen
Wort, vielleicht dem schönsten Gebet, das je von einem Menschenherzen
gesprochen wurde: »Bleib doch bei uns, denn es wird bald Abend, der Tag hat
sich schon geneigt« (Lk 24,29). Es ist die Bitte dessen, der weiß,
daß ohne den Herrn sofort die Nacht des Lebens hereinbricht, daß
ohne sein Wort die Dunkelheit des Unverständnisses oder der Verwirrung des
Ichs herrscht; das Leben erscheint sinnlos und ohne Berufung. Es ist die
Anrufung dessen, der womöglich seinen Weg noch nicht gefunden hat, der aber
spürt, daß er in Seiner Nähe sich selbst findet, da nur Er »Worte
des ewigen Lebens« hat (Joh 6,67-68).
Diese Art von anrufendem Gebet lernt man nicht spontan, sondern es verlangt
eine lange Schulung; und man lernt es nicht von sich, sondern mit der Hilfe
dessen, der gelernt hat, in das Schweigen Gottes hineinzuhorchen. Auch kann
nicht jeder solches Beten lehren, sondern nur, wer seiner Berufung treu ist.
Wenn aber heute wie gestern oder noch mehr als gestern das
Gebet der natürliche Weg der Suche nach der Berufung ist, dann brauchen wir
Erzieher zur Berufung, die selber beten, die beten lehren und die zur An-rufung
erziehen.
Ausbilden (formare)
36. »Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den
Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen. Da gingen ihnen die Augen auf, und
sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr. Und sie sagten zueinander:
Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns
den Sinn der Schrift erschloß?« (Lk 24,30-32).
Die Bildung ist in gewisser Weise der Höhepunkt des pädagogischen
Prozesses, denn sie ist der Augenblick, in welchem dem Jugendlichen ein Bild,
eine Seinsweise vorgestellt wird, worin er seine eigene Identität,
seine Berufung und seinen Maßstab wiedererkennt.
Der Sohn, das Abbild des Vaters, ist der Bildner der Menschen, denn er ist
das Bild, nach dem der Vater die Menschen erschaffen hat. Darum lädt der
Sohn jene, die er beruft, dazu ein, dieselbe Gesinnung zu haben wie er, und sein
Leben zu teilen, seine »Gestalt« anzunehmen. Er ist gleichzeitig
Bildner und Bild.
Ein Berufungsausbildner ist dieser insoweit, als er Vermittler dieses göttlichen
Wirkens ist und sich neben den Jugendlichen stellt, um ihm zu helfen, in diesem
Wirken seine Berufung »wiederzuerkennen« und sich davon gestalten zu
lassen.
a) Jesus erkennen
Der entscheidende Augenblick der Emmausgeschichte ist sicher jener, in
welchem Jesus das Brot nimmt, es bricht und jedem von ihnen davon reicht: »Da
gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn«. Es findet sich hier
eine Reihe von »Erkenntnissen«, die miteinander zusammenhängen.
Vor allem erkennen die beiden Jesus, sie entdecken die wahre
Identität des Wegbegleiters, der sich ihnen angeschlossen hatte, und zwar
genau durch jene Geste, die nur Er tun konnte, wie beide sehr wohl wußten.
In Bezug auf die Berufung zeigt uns dies, wie wichtig es ist, starke Zeichen
zu setzen und unverkennbare Signale, hohe Ziele abzustecken und Projekte einer
vorbehaltlosen Nachfolge vorzulegen.(102)
Der Jugendliche muß durch hohe Ideale zu einem Ziel angeregt werden,
das ihn und seine Fähigkeiten übersteigt, für das sich die Mühe
lohnt, sein Leben einzusetzen. Daran erinnert auch die psychologische Analyse:
von einem Jugendlichen etwas zu verlangen, das unter seinen Kräften ist,
bedeutet, seine Würde zu verletzen und seine volle Verwirklichung zu
behindern; positiv ausgedrückt besagt dies: einem Jugendlichen ist das Höchste
dessen anzubieten, was er geben kann, damit er er selbst sein und werden kann.
Und wenn Christus beim »Brotbrechen« erkannt wird, dann müßte
die eucharistische Dimension jedem Berufsweg zu Grunde liegen als typischer »Ort«
der Berufsweckung, als Geheimnis, das den allgemeinen Sinn des Lebens ausdrückt,
als letztes Ziel jeder christlichen Berufspastoral.
b) Die Wahrheit des Lebens erkennen
In einem echten Bildungsprozeß auf eine Berufsentscheidung hin
beginnt an dieser Stelle jedoch eine zweite »Erkenntnis«, nämlich:
im eucharistischen Zeichen die Deutung des Lebens zu erkennen und zu entdecken.
Wenn die Eucharistie das Opfer Christi ist, das die Menschheit rettet, und wenn
dieses Opfer der gebrochene Leib und das für das Heil der Menschheit
vergossene Blut ist, dann ist auch das Leben des Gläubigen aufgerufen, sich
im gleichen Sinne zu gestalten: auch das Leben ist empfangenes Gut, das von
sich aus danach strebt, hingegebenes Gut zu werden, wie das Leben des Ewigen
Wortes: Dies ist die Wahrheit des Lebens, die Wahrheit eines jeden Lebens.
Die Folgerungen für den Bereich der Berufung liegen auf der Hand. Wenn
es am Beginn der menschlichen Existenz ein Geschenk gibt, das diese in ihrem
Sein begründet, dann ist der Weg des Lebens vorgezeichnet: wenn es Gabe
ist, wird es sich selbst nur voll verwirklichen, indem es sich in der
Linie des Sich-Schenkens entwickelt; es wird glücklich sein, wenn es diese
seine Natur respektiert. Es mag sich entscheiden wofür es will, doch immer
im Sinne des Geschenks; sonst wird es zu einem Sein im Widerspruch mit sich
selbst, zu einem »Monstrum«; es wird frei sein, sich für einen
besonderen Lebensweg zu entscheiden, doch ist es nicht frei, sich selbst
als außerhalb der Logik des Geschenks stehend zu denken.
Die gesamte Berufspastoral baut auf dieser grundlegenden Katechese über
den Sinn des Lebens auf. Wenn diese anthropologische Wahrheit angenommen ist,
dann kann man jedwedes Berufungsangebot machen. Dann wird auch die Berufung zum
geweihten Dienstamt oder zur Weihe als Ordensperson oder als Laie mit all ihrem
Gehalt an Geheimnis und Entsagung zur vollkommenen Verwirklichung des Menschen
und der Gabe werden, die jeder in seinem Innersten besitzt und selber
ist.
c) Die Berufung als dankbares Erkennen
Wenn jedoch die beiden Emmausjünger in der eucharistischen Geste den
Herrn, und alle Gläubigen in ihr den Sinn des Lebens »erkennen«,
dann entspringt die Berufung aus der »Erkenntnis«. Sie wächst auf
dem fruchtbaren Boden der Dankbarkeit, denn die Berufung ist Antwort, nicht
Initiative des einzelnen: sie ist Erwählung, nicht Wahl.
Gerade zu einer solchen inneren Haltung der Dankbarkeit müßte der
Gesamtzusammenhang des bisherigen Lebens hinführen. Die Entdeckung, auf
unverdiente und überreiche Weise empfangen zu haben, sollte den
Jugendlichen innerlich »drängen«, seine Selbsthingabe in der
Berufungsannahme als eine unvermeidliche Folge zu verstehen, als einen Akt, der
frei ist, weil er von der Liebe bestimmt wurde; doch in gewissem Sinne auch ein
schuldiger Akt, denn angesichts der von Gott empfangenen Liebe spürt
der Jugendliche, daß er gar nicht anders kann, als sich hinzugeben. Es ist
schön und völlig konsequent, daß das so ist; eigentlich ist es
nichts Außergewöhnliches.
Die Berufspastoral ist darauf ausgerichtet, zu dieser Logik der
Anerkennung und Dankbarkeit hinzuführen; sie ist auf menschlicher Ebene
wesentlich gesünder und überzeugender und theologisch besser begründet
als die sogenannte »Logik des Helden«, also dessen, dem das Bewußtsein,
Beschenkter zu sein, fehlt und der sich selbst als Urheber der Gabe und der
Entscheidung betrachtet. Diese Logik nimmt wenig Rücksicht auf die
Sensibilität der heutigen Jugend, denn sie verkehrt die Wahrheit des Lebens
als eines empfangenen Gutes, das von Natur aus hingegebenes Gut werden
will.
Es ist die biblische Weisheit des »umsonst habt ihr empfangen, umsonst
sollt ihr geben« (Mt 10,8), (103) die Jesus seinen Jüngern und
den Verkündern seines Wortes anvertraute. Sie spricht die Wahrheit eines
jeden Menschenlebens aus; keiner kann umhin, sich selbst darin zu erkennen.
Von dieser Wahrheit aus leitet das Leben die Form ab, die es dann
anzunehmen gerufen ist, oder anders: aus dieser einzigartigen Form des Glaubens
entstehen dann die verschiedenen Berufungsmodelle des Glaubens selbst.
Also wird es auch möglich, ebenso starke und radikale Entscheidungen zu
fordern, wie eine Berufung in eine besondere Weihe, zum Priestertum und zum
Ordensleben sie darstellt. Darum wird der Anruf Gottes, so schwer und einmalig
er auch scheinen mag (und es tatsächlich auch ist), auch zu einer
ungeahnten Förderung der echten menschlichen Bestrebungen und gewährleistet
ein Maximum an Glück, ein Glück, das von Dankbarkeit überströmt
und von dem Maria im »Magnificat« singt.
d) Erkenntnis Jesu und Selbsterkenntnis des Jüngers
Die Augen der Emmausjünger gehen auf für die eucharistische
Geste Jesu.
Angesichts dieser Geste verstehen Kleopas und sein Begleiter auch den Sinn
ihres Weges. Es ist ein Weg nicht nur zur Erkenntnis Jesu, sondern auch zur
Selbsterkenntnis. »Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er
unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloß?« (Lk
24,30-32). Es ist nicht nur eine gewisse Ergriffenheit in den beiden
Pilgern, die der Erklärung des Meisters lauschen, sondern das Gefühl,
daß dessen Leben, dessen Eucharistie, dessen Ostern und dessen Geheimnis
immer mehr ihr eigenes Leben, ihre Eucharistie, ihr Ostern, ihr Geheimnis sein
werden.
Im brennenden Herzen ereignet sich die Entdeckung der Berufung und die
Geschichte jeder Berufung. Diese sind immer an eine Gotteserfahrung gebunden, in
der die Person auch sich selbst und ihre eigene Identität erkennt.
Auf die Berufsentscheidung hin zu erziehen will heißen, immer mehr das
Band zu zeigen, das zwischen der Gotteserfahrung und der Selbstfindung, zwischen
Theophanie und eigener Identität besteht. Was das Instrumentum laboris
sagt, ist sehr zutreffend: »Ihn als den Herrn des Lebens und der
Geschichte zu erkennen, bedeutet auch Selbsterkenntnis des Jüngers«.(104)
Und wenn es dem Glaubensakt gelingt, die »Erkenntnis Christi« mit
der »anthropologischen Selbsterkenntnis« zu verbinden, dann ist der
Same der Berufung gereift, ja er ist aufgegangen und blüht.
Entscheiden (discernere)
37. »Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach
Jerusalem zurück, und fanden die Elf und die anderen Jünger
versammelt. Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon
erschienen. Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn
erkannt hatten, als er das Brot brach« (Lk 24,32-35).
Damit der Weg nach Emmaus zu einem Weg der Berufung werde, bedarf es nach
der Reihe der »Erkenntnisse« und »Selbsterkenntnisse« noch
eines abschließenden Schrittes: der tatsächlichen Entscheidung
seitens des Jugendlichen. Dieser Entscheidung entspricht auf der Seite dessen,
der den Berufsweg begleitet, der Prozeß der Unterscheidung. Diese
Unterscheidung wird sicher nicht während der Zeit der Ausrichtung auf eine
Berufung hin enden, sondern sie wird fortdauern bis zur endgültigen
Entscheidung, »für das ganze Leben«.(105)
a) Die tatsächliche Entscheidung des Berufenen
Entscheidungsfähigkeit
In der Geschichte des Evangeliums, die unsere Überlegung begleitet
hat, kommt die Entscheidung in Vers 33 zum Ausdruck: »Noch in derselben
Stunde brachen sie auf...«
Die Zeitangabe («in derselben Stunde«) bringt überzeugend
die Entschlossenheit der beiden zum Ausdruck. Sie wird vom Wort und von der
Person Jesu und von der Begegnung mit ihm angeregt und mutig in die Tat
umgesetzt durch eine Entscheidung, die nach einem Bruch aussieht mit dem, was
sie zuvor waren oder taten, und die ein neues Leben anzeigt.
Gerade eine solche Entscheidung fehlt häufig im Leben der heutigen
Jugendlichen.
Daher scheint es notwendig zu sein, »den Jugendlichen zu helfen, die
Unentschlossenheit gegenüber endgültigen Verpflichtungen zu überwinden,
sie schrittweise darauf vorzubereiten, persönliche Verantwortung zu übernehmen,
(...) ihnen ihren Fähigkeiten und ihrem Alter entsprechende Aufgaben zu übertragen,
(...) eine schrittweise Erziehung zu kleinen Alltagsentscheidungen gegenüber
Werten (Unentgeltlichkeit, Beständigkeit, Nüchternheit,
Ehrenhaftigkeit...) zu fördern«. (106)
Andererseits sei daran erinnert, daß diese und andere Ängste
und Unentschlossenheiten nicht nur die Schwäche der psychologischen Anlagen
der Person aufzeigen, sondern auch der geistlichen Erfahrung und besonders der
Erfahrung der Berufung als eines Angebots, das von Gott kommt.
Wenn diese Gewißheit schwach ist, dann verläßt sich der
betreffende Mensch unweigerlich auf sich selbst und auf die eigenen Kräfte;
und wenn er deren Hinfälligkeit feststellen muß, dann ist es nicht
ungewöhnlich, daß er sich von der Furcht vor einer endgültigen
Entscheidung besiegen läßt.
Die Entschlußunfähigkeit ist nicht unbedingt ein Merkmal der
gegenwärtigen Jugend: nicht selten ist sie Folge einer Berufsbegleitung,
die den Primat Gottes in der Entscheidung nicht genügend betont oder die
nicht dazu hingeführt hat, sich von Ihm erwählen zu lassen. (107)
»Heimkehr«
Die Berufsentscheidung ist ein Zeichen für die Neuheit des Lebens;
sie ist jedoch tatsächlich auch Zeichen für die Wiedergewinnung der
eigenen Identität, ist wie eine »Heimkehr« zu den Wurzeln des
Ich. Im Bericht von Emmaus ist sie mit folgenden Worten symbolisch angesprochen:
»... sie kehrten nach Jerusalem zurück«.
Es ist in der Ausbildung auf die Berufsentscheidung hin sehr wichtig, die Überzeugung
zu stärken, daß diese Entscheidung die Bedingung ist für Identität
und Selbstverwirklichung gemäß jenem einzigen Plan, der das Glück
schenken kann. Zu viele Jugendliche denken noch das Gegenteil von der
christlichen Berufung; sie betrachten sie mißtrauisch und fürchten,
sie könne sie nicht glücklich machen, doch bleiben sie schließlich
unglücklich, wie der traurige junge Mann im Evangelium (vgl. Mk
10,22).
Wie oft aber hat auch das Verhalten der Erwachsenen, einschließlich
der Eltern, dazu beigetragen, ein negatives Bild von der Berufung zu zeichnen,
besonders vom Priestertum und vom Ordensstand, und hat dadurch Hindernisse
geschaffen für deren Verwirklichung und hat jene entmutigt, die sich
berufen fühlten! (108)
Andererseits ist dieses Problem nicht durch eine banale, entgegengesetzte
Werbung zu lösen, die die positiven und schönen Seiten der Berufung
selbst hervorhebt, sondern nur durch die Betonung der Überzeugung, daß
die Berufung der Gedanke Gottes über sein Geschöpf ist und daß
sie der Name ist, den er der Person gegeben hat.
Die Berufung gläubig zu entdecken und auf sie zu antworten bedeutet,
jenen Stein zu finden, auf den der eigene Name eingeschrieben ist (vgl. Offb
2,17-18), oder zu den Quellen des Ich zurückzukehren.
Persönliches Zeugnis
Die beiden Jünger »fanden in Jerusalem die Elf und die anderen Jünger
versammelt. Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon
erschienen. Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt, und wie sie
ihn erkannt hatten, als er das Brot brach« (Lk 24,32-35).
Das wichtigste Element in diesem Abschnitt ist auf die
Berufsentscheidung bezogen das Zeugnis der beiden; ein besonderes
Zeugnis, denn es geschieht in einem gemeinschaftsbezogenen Umfeld und hat einen
streng berufungsbezogenen Sinn.
Als nämlich die beiden ankommen, befindet sich die Gemeinschaft beim
Bekenntnis ihres Glaubens mit in einer Aussage («Der Herr ist wahrhaft
auferstanden, und dem Simon erschienen«), die zu den ältesten,
objektiven Glaubenszeugnissen gehört. Kleopas und sein Begleiter fügen
gleichermaßen ihre subjektive Erfahrung hinzu, die gleichzeitig sowohl das
Zeugnis der Gemeinschaft, als auch ihren persönlichen Glaubens- und
Berufungsweg bestätigt.
Es ist, als wäre dieses Zeugnis die erste Frucht der entdeckten und
wiedergefundenen Berufung, die sofort, wie es der Natur der christlichen
Berufung entspricht, in den Dienst der kirchlichen Gemeinschaft gestellt wird.
Wir begegnen also erneut dem, was wir bereits über die Beziehung von
kirchlichen objektiven Berufungswegen und persönlichen subjektiven Wegen
gesagt haben, in einer Harmonie und gegenseitigen Ergänzung: das Zeugnis
des einzelnen hilft dem Glauben der Kirche und läßt diesen wachsen;
der Glaube und das Zeugnis der Kirche weckt und ermutigt die Berufungsannahme
durch den einzelnen.
b) Die Entscheidung seitens des Begleiters
Im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Pastores dabo vobis sagt
Johannes Paul II.: »Die Kenntnis der Natur des Glaubens und der Sendung des
priesterlichen Dienstamtes ist unverzichtbare Voraussetzung und gleichzeitig
sicherste Führerin und stärkste Anregung, um in der Kirche eine
Pastoral der Förderung und Erkennung von Priesterberufen zu entfalten und
die zum Weiheamt Berufenen auszubilden«. (109)
Dasselbe könnte man analog sagen, wenn es sich um die Erkennung jeder
Berufung zum geweihten Leben handelt. Unverzichtbare Voraussetzung für die
Erkennung einer solchen Berufung ist vor allem, die Natur und die Sendung jedes
Lebensstandes in der Kirche vor Augen zu haben. (110)
Eine solche Voraussetzung leitet sich direkt von der Gewißheit ab, daß
Gott der Rufer ist, also von der Suche nach jenen Anzeichen, die auf einen göttlichen
Anruf hinweisen.
Im folgenden werden einige Kriterien zur Erkennung einer Berufung angeführt.
Sie umfassen vier Gruppen.
Das Offensein für das Geheimnis
Wenn die Verschlossenheit gegenüber dem Geheimnis, ein Merkmal der
modernen Mentalität, jede Bereitschaft für eine Berufung verhindert,
so ist deren Gegenteil, die Offenheit für das Geheimnis, nicht nur eine
positive Voraussetzung für die Entdeckung der eigenen Berufung, sondern
auch ein Anzeichen für eine gesunde Berufswahl.
a) Eine echte, subjektive Sicherheit für einen Beruf ist jene,
die dem Geheimnis Raum gibt und die fühlt, daß die eigene,
wenngleich feste Entscheidung offen bleiben muß für ein beständiges
Erforschen des Geheimnisses.
Eine unechte Berufung ist nicht nur jene, die schwach und unfähig zu
einer Entscheidung ist, sondern auch deren Gegenteil, d.h. die Behauptung,
bereits alles verstanden zu haben, die Tiefe des persönlichen Geheimnisses
ausgeschöpft zu haben, eine Behauptung, die nur Starrheit hervorrufen kann
und eine Sicherheit, die oft vom späteren Leben widerlegt wird.
b) Ein für eine Berufung typisches Verhalten zeigt sich eher
in einer Haltung der Weisheit als in den zur Schau gestellten persönlichen
Fähigkeiten. Gerade darum ist die Sicherheit bezüglich des Verständnisses
der eigenen Zukunft jene der Hoffnung und des Sich-Anvertrauens. Diese
entstehen aus einem Vertrauen, das in einen Anderen gelegt wird, dem man trauen
kann; sie leitet sich nicht von einer Garantie der eigenen Fähigkeiten ab,
die als den Erfordernissen der gewählten Rolle entsprechend eingestuft
werden.
c) Ein gutes Zeichen für eine Berufung ist auch die Fähigkeit,
jene widersprüchliche Polarität anzunehmen und zu integrieren,
die die natürliche Dialektik des Ich und des menschlichen Lebens bildet. So
besitzt beispielsweise ein Jugendlicher dann diese Fähigkeit, wenn er seine
positiven wie auch negativen Seiten kennt, wenn er sich seiner Ideale und
Widersprüche sowie der gesunden und weniger gesunden Bereiche seines
Berufsplanes bewußt ist und wenn er angesichts des Negativen weder anmaßend
noch verzweifelt ist.
d) Jener Jugendliche, der die Zeichen seiner Berufung durch Gott
nicht nur in außergewöhnlichen Ereignissen erkennt, sondern in
seiner Geschichte, hat eine gute Vertrautheit mit dem Geheimnis des Lebens
als jenem Ort, an welchem eine Präsenz und ein Anruf wahrzunehmen ist in
jenen Vorkommnissen, in den Fragen, Ängsten und Hoffnungen, die er im
Lichte des Glaubens zu begreifen gelernt hat.
e) Zu diesem Bereich der Öffnung für das Geheimnis gehört
auch eine grundsätzliche Eigenschaft des wirklich Berufenen: die Dankbarkeit.
Die Berufung entsteht auf dem fruchtbaren Boden der Dankbarkeit, und sie wird
mit Hochherzigkeit und Radikalität betrachtet, eben weil sie dem Bewußtsein
einer empfangenen Liebe entspringt.
Die Identität in der Berufung
Der zweite Bereich der Kriterien bewegt sich um den Begriff der »Identität«.
Die Berufsentscheidung zeigt und beinhaltet gerade die Definition der eigenen
Identität; sie ist Wahl und Verwirklichung mehr des idealen Ich als des
aktuellen Ich, und sollte die Person zu einer grundsätzlichen, positiven
und stabilen Einstellung dem eigenen Ich gegenüber hinführen.
a) Erste Bedingung dazu ist, daß die Person zeigt, daß
sie imstande ist, sich von der Logik der Identifikation auf der körperlichen
Ebene (= der Körper als Quelle der positiven Identität) und der
psychischen Ebene (= die eigenen Gaben als einzige und hauptsächliche
Gewähr für Selbstachtung) zu lösen und dafür die eigene,
fundamentale Positivität mit dem von Gott als Gabe empfangenen Sein (es ist
dies die ontologische Ebene) verbindet und nicht mit der Hinfälligkeit des
Habens oder Scheinens. Die christliche Berufung ist das, was zur Vollendung
dieser Positivität führt und in höchstem Maße die Möglichkeiten
des Menschen verwirklicht; dies jedoch nach einem Plan, der ihn gewöhnlich überragt,
da er von Gott gedacht ist.
b) »Berufung« bedeutet grundsätzlich »Ruf«:
es gibt also ein äußeres Objekt, einen objektiven Anruf und
eine
innere Bereitschaft, sich rufen zu lassen und sich wiederzuerkennen in
einem Modell, das nicht vom Gerufenen geschaffen wurde.
c) Was die Motivation oder die Art und Weise der Berufswahl
betrifft, so ist das wesentliche Kriterium jenes der Totalität
(oder: das Gesetz der Totalität); das heißt, daß der Entschluß
Ausdruck einer totalen Einbeziehung der psychischen Funktionen
(Herz-Geist-Wille) ist und
gleichzeitig einer geistigen-ethischen-emotionalen Funktion.
d) Genauer gesagt haben wir es mit einer reifen Berufung zu tun,
wenn die Berufung als ein Geschenk gelebt und verstanden wird, aber auch
als ein anspruchsvoller Appell: für die anderen zu leben, nicht nur für
die eigene Vollkommenheit, und mit den anderen, in einer besonderen »Nachfolge
Christi«, innerhalb der Kirche, die die Mutter aller Berufungen ist.
Lebensentwurf aus dem Glauben
Der dritte Bereich, auf den sich die Aufmerksamkeit dessen, der über
eine Berufung entscheidet, zu konzentrieren hat, betrifft die Art des Verhältnisses
von Vergangenheit und Gegenwart, von Erinnerung und Planung.
a) Vor allem ist wichtig, daß der Jugendliche im
wesentlichen
mit seiner Vergangenheit versöhnt ist; mit allem unvermeidlich
Negativen, das ihm angehört, und auch mit dem Positiven, das er dankbar
anerkennen müßte; versöhnt auch mit den bedeutenden Gestalten
seines Lebens, mit deren Reichtum und mit deren Schwächen.
b) Aufmerksam ist auch die Art der Erinnerung zu
beobachten, die der Jugendliche mit seiner Lebensgeschichte verbindet, welche
Deutung er seinem Leben gibt: ist es für ihn Gnade oder Grund zur Klage? Fühlt
er sich bewußt oder unbewußt als Benachteiligter, der viele Ansprüche
hat, oder ist er offen, zu geben?
c) Besonders bezeichnend ist das Verhalten der Jugendlichen gegenüber
den größeren oder kleineren Träumen der Vergangenheit. Der Plan
einer Lebensweihe an Gott bedeutet in jeden Fall, sein Leben, das man einsetzen
möchte, in allen seinen Aspekten anzunehmen, danach zu streben, diese
weniger positiven Bestandteile zu integrieren, sie realistisch anzuerkennen
und ein verantwortliches Verhalten anzunehmen, und nicht einfach ihretwegen sich
selbst zu bedauern. Ein »verantwortlicher« junger Mensch ist der, der
bemüht ist, sich eine aktive und kreative Einstellung gegenüber
negativen Vorkommnissen anzueignen, oder der sich bemüht, die negative persönliche
Erfahrung auf intelligente Weise auszunützen.
Große Aufmerksamkeit ist auf jene Berufungen zu verwenden, die aus
Leid, Enttäuschung oder verschiedenen, noch nicht ganz integrierten
Ereignissen entspringen. In einem solchen Fall ist eine aufmerksamere Prüfung
geboten, auch unter Zuhilfenahme von Fachleuten, damit nicht untragbare Lasten
auf schwache Schultern gelegt werden.
Die »Lernbereitschaft« der Berufung (docibilitas)
Die letzte Phase im Werdegang einer Berufung ist die des Entschlusses. Bezüglich
dieser Phase müssen die folgenden Entscheidungskriterien gegeben sein:
a) Hauptanforderung ist ein gutes Maß an Lernbereitschaft
der Person und an innerer Freiheit, sich von einem älteren Bruder oder
einer Schwester führen zu lassen; dies besonders in den entscheidenden
Phasen der Verarbeitung und Aneignung der eigenen Vergangenheit, vor allem der
problembeladenen, und die anschließende Freiheit, zu lernen und sich zu ändern.
b) Die Voraussetzung für die Lernbereitschaft ist identisch
mit Jugendlichkeit, nicht so sehr dem Geburtsdatum nach, sondern als umfassende
existentielle Einstellung. Es ist wichtig, daß jemand, der ins Seminar
oder in einen Orden eintreten möchte, wirklich »jung« sei, mit
den Tugenden und den Verletzlichkeiten, die für diese Lebensphase
charakteristisch sind: mit Tatendrang und mit dem Verlangen, sein Bestes zu
geben, mit Kontaktfähigkeit, mit Freude an der Schönheit des Lebens,
der eigenen Schwächen und Stärken bewußt und überzeugt von
dem Geschenk, erwählt worden zu sein.
c) Ein weiterer Bereich, der heute mehr denn je besondere
Aufmerksamkeit verdient, ist der affektiv-sexuelle Bereich.(111) Es ist
wichtig, daß ein Jugendlicher zeigen kann, daß er jene beiden Gewißheiten
erwerben kann, die die Person affektiv frei machen, d.h. die Gewißheit,
die sich aus der Erfahrung herleitet, schon geliebt zu sein, und der
ebenso erfahrenen Gewißheit, lieben zu können. Konkret müßte
der Jugendliche jenes menschliche Gleichgewicht besitzen, das es ihm erlaubt,
allein auf eigenen Füßen zu stehen; er müßte jene
Sicherheit und Autonomie besitzen, die ihm sozialen Kontakt und herzliche
Freundschaft ermöglichen, und er müßte jenes Verantwortungsgespür
besitzen, das es ihm erlaubt, als Erwachsener soziale Beziehungen zu leben, in
der Freiheit des Gebens und Nehmens.
d) Was die Mängel im affektiv-sexuellen Bereich
anbelangt, so muß eine abgewogene Prüfung der Zentralität dieses
Bereiches in der allgemeinen Entwicklung des jungen Menschen und in der gegenwärtigen
Kultur (oder Subkultur) Rechnung tragen. Es ist nicht so außergewöhnlich
oder selten, daß ein Jugendlicher hierin besondere Schwächen zeigt.
Unter welchen Bedingungen kann man klugerweise die Berufsbitte eines
Jugendlichen annehmen, der derlei Probleme mit sich bringt? Voraussetzung dafür
ist, dab folgende drei Bedingungen gemeinsam gegeben sind:
- Daß der Jugendliche sich der Wurzel seines Problems bewußt
ist, das ursprünglich oft kein sexuelles Problem ist.
- Die zweite Bedingung ist, daß der Jugendliche seine Schwäche
als Fremdkörper empfinde, der nicht zu seiner Persönlichkeit gehört,
als etwas, was er nicht möchte und das sich an seinem Ideal reibt und gegen
das er mit seinem ganzen Selbst angeht.
- Schließlich ist es wichtig sich zu vergewissern, ob der Jugendliche
imstande ist, diese Schwäche zu kontrollieren im Blick auf deren Überwindung,
sei es, daß er seltener fällt, sei es daß diese Neigungen immer
weniger sein Leben stören (auch das psychische) und ihm die Erfüllung
seiner Aufgaben ermöglichen, ohne übermäßige Spannungen zu
erzeugen oder seine Aufmerksamkeit unangemessen zu beanspruchen.(112) Diese drei
Kriterien müssen vollständig gegeben sein, um eine positive
Entscheidung zu rechtfertigen.
e) Die Reife der Berufung hängt schließlich von einem
Element ab, das tatsächlich allem seinen Sinn gibt: dem Akt des
Glaubens. Die echte Berufsentscheidung ist in jeder Hinsicht Ausdruck der gläubigen
Annahme; sie ist um so echter, je mehr sie Teil und Abschluß eines
Bildungsprozesses zur Glaubensreife hin ist. Innerhalb einer Logik, die dem
Geheimnis Raum läßt, ist der Glaubensakt gerade jener zentrale Punkt,
der es erlaubt, die oft entgegengesetzten Polaritäten eines Lebens
zusammenzuhalten, das sich in ständiger Spannung zwischen den Zeichen der
Sicherheit des Anrufs und dem Bewußtsein der eigenen Ungeeignetheit
befindet, zwischen dem Gefühl des Sich-Verlierens und des Sich-Findens,
zwischen Gott, der ruft, und dem Menschen, der antwortet. Der wirklich berufene
Jugendliche muß die Festigkeit dieses Glaubensaktes aufweisen, gerade in
der Spannung dieser Polaritäten.
ZUM SCHLUSS
Dem Jubiläum entgegen
38. Dieses Dokument wendet sich an die Kirchen Europas in jenem Augenblick,
da das Volk Gottes sich darauf vorbereitet, im Jubiläum des Jahres 2000
eine Zeit der Gnade und des Erbarmens, der Umkehr und der Erneuerung zu feiern.
Auch der Kongreß über die Berufungen ist ein Teil dieser Vorbereitung
und trägt gewissermaßen zu deren Orientierung bei. Dies in zweierlei
Hinsicht.
Zuerst ist es eine Einladung zur Umkehr. Die Berufskrise, die wir
erlebt haben und noch erleben, muß uns auch über unsere
Verantwortlichkeit nachdenken lassen, insofern wir als Gläubige gerufen
sind, das Geschenk des Glaubens zu verbreiten und in jedem Bruder und in jeder
Schwester die Bereitschaft für eine Berufung zu fördern.
Auf unterschiedliche Weise müssen wir alle eingestehen, nicht
vollkommen auf diesen Ruf geantwortet zu haben und daß wir die Kirche, die
Kirchen unserer Familien und unserer Arbeitswelt, unserer Pfarreien und Diözesen,
unserer religiösen Kongregationen und Säkularinstitute in der treuen
Erfüllung ihrer Aufgabe geschwächt haben, die Stimme des Vaters
weiterzuvermitteln, der in die Nachfolge des Sohnes im Geist ruft. Wir werden
aus dieser Krise nur herauskommen, wenn dieser Prozeß der Umkehr ehrlich
ist und unser Leben erneuern wird.
Das zweite, was dieses Dokument zur Orientierung dieses Pilgerwegs der
Kirche auf das Jubiläum hin beitragen möchte, ist eine Aufforderung
zur Hoffnung. Diese Einladung zog sich durch den ganze Kongreß
hindurch, und wir wollen sie heute erneut bekräftigen mit der ganzen Kraft
unseres Glaubens. Vielleicht gibt es keinen Bereich in der Kirche, der so sehr
der Öffnung auf die Hoffnung hin bedarf, wie die Berufspastoral, besonders
dort, wo die Krise am schmerzlichsten ist.
Deshalb bestätigen wir am Ende dieser Überlegungen erneut unsere
Gewißheit, daß der Herr der Ernte es der Kirche nicht an Arbeitern für
seine Ernte fehlen lassen wird. Ja, wenn die Hoffnung nicht auf unsere Prognosen
und unsere Berechnungen baut, die in der Vergangenheit oft widerlegt worden
sind, sondern auf das »Auf Dein Wort hin«, dann können und wollen
wir an eine neue Blütezeit der Berufe für die Kirche Europas glauben.
Dieses Dokument möchte wie ein Hymnus an den Optimismus des Glaubens
sein, der voller Hoffnung ist, um ihn in der Jugend, in den Eltern und
Erziehern, in den Hirten und Priestern, den Gottgeweihten, in all denen, die mit
den neuen Generationen zusammen dem Leben dienen, im ganzen Volk Gottes, das in
Europa ist, neu zu erwecken.
Wir bitten den Herrn der Ernte
39. Unser Dokument, das mit dem Dank an den Gott den Herrn begann, darf
nicht schließen ohne ein Gebet an die heiligste Dreifaltigkeit, die Quelle
und Bestimmung jeder Berufung.
»Gott Vater, Du Quell der Liebe, von Ewigkeit rufst Du zum
Leben und schenkst es in Fülle. Wende Deinen Blick auf die Länder
Europas. Rufe Europa wieder, wie Du es einst gerufen hast. Gib vor allem, daß
es sich Deines Rufes, seiner christlichen Wurzeln und seiner Verantwortung, die
daraus folgt, bewußt sei. Laß es sich bewußt sein, daß
es dazu berufen ist, eine Kultur des Lebens und die Achtung der Existenz eines
jeden Menschen in all seinen Formen und in jedem Zustand zu fördern;
berufen zur Einheit unter den Völkern, zur Aufnahme des Fremden, zur Förderung
bürgerlicher und demokratischer Formen des gesellschaftlichen Lebens, damit
es immer mehr ein Europa sei, das in Frieden und Geschwisterlichkeit geeint ist.
Ewiges Wort, von Ewigkeit her nimmst Du die Liebe des Vaters an und
antwortest auf dessen Ruf. Öffne das Herz und den Geist der jungen Menschen
Europas, damit sie lernen, sich lieben zu lassen von dem, der sie nach Deinem
Ebenbild erdacht hat, und daß sie, indem sie sich lieben lassen, auch den
Mut aufbringen, dieses Bild, welches das Deine ist, zu verwirklichen. Mache sie
stark und hochherzig, fähig, auf Dein Wort zu setzen, frei zu hohem Flug,
begeistert von der Schönheit Deiner Nachfolge. Wecke unter ihnen Verkünder
Deines Evangeliums: Priester, Diakone, Gottgeweihte, Ordensleute und Laien,
Missionare und Missionarinnen, Mönche und Klausurschwestern, die ihrerseits
durch ihr Leben in die Nachfolge Christi, des Heilandes, zu rufen und einzuladen
verstehen.
Heiliger Geist, immerjunge Liebe Gottes, Stimme des Ewigen, die
unablässig tönt und ruft. Befreie den alten Kontinent von jeder
Gesinnung der Selbstgenügsamkeit, der Kultur des »Menschen ohne
Berufung«, von jener Furcht, die jeden Einsatz verhindert und das Leben
schal und geschmacklos macht, von jenem Minimalismus, der an Mittelmäßigkeit
gewöhnen läßt und in der Kirche jeden inneren Antrieb und jeden
echt jugendlichen Geist tötet. Laß unsere Jugend den vollen Inhalt
der Nachfolge erkennen als einen Ruf, sich voll zu verwirklichen, restlos und für
immer jung zu sein, ein jeder nach einem Plan, der eigens für ihn erdacht
wurde: einzig, einmalig, unwiederholbar. Einem Europa, das zu vergreisen droht,
schenke neue Berufungen, die Zeugnis geben können von der »Jugend«
Gottes und der Kirche, der Welt- wie der Ortskirche, vom Osten bis zum Westen,
und daß sie es versteht, Projekte einer neuen Heiligkeit zu fördern für
die Geburt eines neuen Europa.-
Heilige Jungfrau Maria, junge Tochter Israels, die der Vater als
Braut des Geistes erwählt hat, um dem Sohn irdisches Leben zu schenken.
Bringe in den Jugendlichen Europas denselben brennenden Mut hervor, den Du
selbst hattest; jenen Mut, der Dich eines Tages frei gemacht hat, an einen Plan
zu glauben, der größer war als Du selbst, frei zu hoffen, daß
Gott ihn erfüllen würde. Dir, der Mutter des ewigen Hohepriesters,
vertrauen wir die Jugendlichen an, die zum Priestertum berufen sind;
Dir, der Erstgeweihten des Vaters, vertrauen wir jene Jugendlichen an, die im
geweihten Leben für sich die vorbehaltslose Zugehörigkeit zum
Herrn erwählen, als dem einzigen und höchstgeliebten Gut; Dir, die Du
wie kein anderes Geschöpf die Einsamkeit der völligen Vertrautheit mit
dem Herrn Jesus gelebt hast, vertrauen wir jene an, die die Welt verlassen, um
sich im monastischen Leben ganz dem Gebet zu weihen. Dir, die Du in mütterlicher
Liebe die werdende Kirche hervorgebracht und ihr beigestanden hast, vertrauen
wir alle Berufungen dieser Kirche an, damit sie, heute wie einst, allen
Völkern verkünden, daß Jesus der Herr ist, im Heiligen Geist,
zur Ehre Gottes, des Vaters! AMEN.«
Rom, am 6. Januar 1998, dem Fest der Erscheinung des Herrn.
Pio Card. Laghi
Präsident José Saraiva Martins
Titular-Erzbischof
von Tuburnica Vize-Präsident
(1)Am Kongreß haben 253 Delegierte aus 37 europäischen Ländern,
sowie Vertreter der verschiedenen Berufskategorien (Laien, Ordensleute,
Priester, Bischöfe) teilgenommen. Auch einige Vertreter der
Schwesterkirchen (Protestanten, Orthodoxe und Anglikaner) waren anwesend.
(2) Päpstliches Werk für Geistliche Berufe, Die Pastoral der
Berufe in den Teilkirchen Europas. Arbeitsdokument des Kongresses über die
Berufungen zum Priestertum und zum Ordensleben in Europa, Rom 1996, Nr. 88.
Im folgenden zitiert als IL (Instrumentum Laboris).
(3) Ebd., 15.
(4) Vgl. unter anderem: Sviluppi della cura pastorale delle vocazioni
nelle chiese particolari, esperienze del passato e programmi per l'avvenire,
Documento conclusivo del II. Congresso internazionale di Vescovi e altri
responsabili delle vocazioni ecclesiastiche (Hrsg.: Die Kongregationen für
die Orientalischen Kirchen, für die Ordensleute und Säkularinstitute,
für die Evangelisierung der Völker, für das Katholische
Bildungswesen), Rom, 10. - 16. Mai 1981; Päpstliches Werk für
Geistliche Berufe, Sviluppi della pastorale delle vocazioni nelle chiese
particolari (gemeinsam mit: Kongregation für das Katholische
Bildungswesen und Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und
die Gesellschaften des Apostolischen Lebens), Rom 1992; Dichiarazione finale
del I. Congresso Continentale latino-americano sulle Vocazioni, Itaici 1994
(in »Seminarium«, 3, 1994, 643-655).
(5) Vgl. IL, 18.
(6) Vgl. Proposizioni conclusive del Congresso Europeo sulle vocazioni
al sacerdozio e alla vita consacrata, 8. Im folgenden zitiert als Propositiones.
(7) Vgl. IL, 32.
(8) Propositiones, 7.
(9) Propositiones, 3.
(10) Propositiones, 4.
(11) Paul VI., Evangelii Nuntiandi, 2. Vgl. dazu auch Johannes Paul
II., Christifideles Laici, 33-34 und Redemptoris Missio, 33-34.
(12) Propositiones, 19.
(13) 3 Lumen Gentium, 32; 39-42 (Kap. V.).
(14) IL, 6.
(15) Propositiones, 16.
(16) Propositiones, 19.
(17) 3 Die »Kultur der Berufung« war Thema der Botschaft des
Papstes zum 30. Weltgebetstag für geistliche Berufe, der am 2.5.1993
begangen wurde (vgl. L'Osservatore Romano, 18.12.1992; vgl. auch
Kongregation für das Katholische Bildungswesen, P.O.V.E., Messaggi
Pontifici per la giornata mondiale di preghiera per le vocazioni, Rom 1994,
pp. 241-245).
(18) Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer des Kongresses über
die Berufungen in Europa, in L'Osservatore Romano, 11.05.1997, 4.
(19) Ebd.
(20) Vgl. Propositiones, 12.
(21)IL, 6.
(22) Ansprache des Hl. Vaters, in L'Osservatore Romano, 11.
Mai 1997, Nr. 104.
(23) Vgl. Propositiones, 20.
(24) Vgl. Johannes Paul II., Vita consecrata, 64.
(25) IL, 85.
(26) Eine ähnliche Formulierung wurde schon im Schlußdokument
des II. Internationalen Kongresses der Bischöfe und anderer
Verantwortlicher für die geistlichen Berufe verwendet, vgl. Sviluppi,
3. Von nun an zitiert als DC (Documento conclusivo).
(27) Propositiones, 3.
(28) Paul VI., Populorum progressio, 15.
(29) Gaudium et spes, 22.
(30) Dazu lautet eine Schlußaussage des Kongresses: »Im europäischen
Zusammenhang ist es wichtig, den ersten Augenblick der Berufung bewußt zu
machen, jenen der Geburt. Die Annahme des Lebens zeigt, daß man an jenen
Gott glaubt, der "sieht" und "ruft", und die vom Mutterschoß
an« (Propositiones, 34).
(31) Johannes Paul II., Familiaris consortio, 11.
(32) Eine Aussage des Kongresses lautet: »Darum können die
Jugendlichen nur in einem lebendigen Verhältnis zu Jesus Christus, dem
Heiland, die Fähigkeit zur Gemeinschaft entfalten, die eigene Persönlichkeit
reifen lassen und sich für Ihn entscheiden« (Propositiones, 13).
(33) IL, 55.
(34) Sacrosanctum Concilium, 10.
(35) Vgl. Veritatis splendor, 23-24.
(36) Vgl. Lumen Gentium, Kap. V.
(37) Vgl. Propositiones, 16.
(38) Ritus der Firmung.
(39) Vgl. Propositiones, 35.
(40) Lumen Gentium, 1.
(41) Vgl. Propositiones, 21.
(42) Vgl. II. Hochgebet.
(43) DC, 18.
(44) DC, 13.
(45) Propositiones, 28.
(46) Dies ist Teil der inständigen und oft wiederholten Lehre Johannes
Pauls II. in den Enzykliken »Slavorum Apostoli« (1985) und »Ut
unum sint« (1995), wie auch im Apostolischen Schreiben »Orientale
Lumen« (1995).
(47) IL, 58.
(48) Johannes Paul II., Christifideles laici, 55.
(49) Johannes Paul II., Pastores dabo vobis, 15.
(50) »In der besonderen Pastoral der Berufe soll der Berufung zum Ständigen
Diakonat Raum gegeben werden. Die Ständigen Diakone sind bereits eine
wertvolle Präsenz in vielen Pfarreien, und es wäre ein Rückschritt,
sie nicht unter die neuen Berufe des neuen Europas aufzunehmen« (Propositiones,
18).
(51) Sacrosanctum Concilium, 10.
(52) »In laudibus Virginis Matris«, Homilia II, 4; Sancti
Bernardi opera, IV, Romae, Editiones Cistercenses, 1966, s. 23.
(53) »In Johannis Evangelium Tractatus«, VIII, 9; CCL, 36, s. 87.
(54) Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer des Kongresses über
das Thema: »Neue Berufungen für ein neues Europa«, in
L'Osservatore Romano, 11. Mai 1997, Nr. 107.
(55) DC, 5.
(56) Dieser Ausdruck findet sich im Apostolischen Schreiben von Johannes
Paul II., Pastores dabo vobis, Nr. 34. Im gleichen Dokument sind auch
die Motive gut beschrieben, weshalb die Berufspastoral zutiefst an die Kirche
gebunden ist.
(57) Ebd.
(58) Ebd.
(59) IL, 58.
(60) Der Ausdruck »christliche Gemeinschaft« ist
eigentlich ein allgemeiner Begriff, der eine Teilkirche bzw. Ortskirche
bezeichnet, oder auch eine Pfarrei. Er bezeichnet eine Gruppe von Christen an
einem bestimmten Ort und meint die Kirche in ihrem konkreten Augenblick, wenn
sie zum Gebet, zum Dienst, zum Zeugnis der Liebe und der Gegenwart Christi in
ihr versammelt ist. Der Ausdruck »kirchliche Gemeinschaft« ist
jedoch ein genauerer Begriff, denn er bezeichnet die Anwesenheit jener Elemente,
die für die Kirche konstitutiv sind, ausgehend von der Zentralität des
eucharistischen Geheimnisses; in seinem eigentlichen Sinn wird dieser Begriff
auf die Diözesen und auf die Pfarrgemeinden angewandt, die eucharistische
kirchliche Gemeinschaften sind aufgrund der Anwesenheit eines geweihten Dieners;
nur in weiterem Sinn wird der Begriff angewandt auf die anderen Gemeinschaften.
Vgl. dazu DC, 13-16.
(61) Johannes Paul II., Ansprache an das VI. Symposium der Europäischen
Bischofskonferenzen, 11.10.1985.
(62) Pastores dabo vobis, 34.
(63) Ebd., 35.
(64) Ebd., 41.
(65) Vgl. ebd., 41.
(66) Ebd., 38.
(67) Vita consecrata, 64.
(68) Ebd.
(69) IL, 59.
(70) Vgl. Dichiarazione finale..., 26; siehe Anm. 4.
(71) Vgl. Propositiones, 25.
(72) Vgl. Vita consecrata, 70.
(73) Propositiones, 4.
(74) Propositiones, 13.
(75) Vgl. Propositiones, 10.
(76) 3 Vgl. Propositiones, 10.
(77) »Die Liturgie ist in sich selbst ein Appell. Sie ist der
bevorzugte Ort, an dem das ganze Volk Gottes sich sichtbar erkennt und sich im
Geheimnis des Glaubens verwirklicht« (Propositiones, 13).
(78) Dei Verbum, 25.
(79) »Der erste Ort des Zeugnisses ist das Leben einer Kirche, die sich
als »communio« erlebt und in der die Pfarreien und die Verbände
als Einheit in Gemeinschaft gelebt werden« (Propositiones, 14).
(80) Propositiones, 21.
(81) Vita consecrata, 64.
(82) Vgl. Lumen Gentium 12; 35; 40-42.
(83) Vgl. Catechesi tradendae, 186.
(84) Propositiones, 35, wo die Bischöfe noch einmal an die große
Gelegenheit erinnert werden, bei der Spendung der Firmung die Jugendlichen, die
dieses Sakrament empfangen, »zu rufen«.
(85) Propositiones, 10.
(86) Propositiones, 11.
(87) Propositiones, 10.
(88) Pastores dabo vobis, 41.
(89) Vgl. die guten Hinweise im Documento Conclusivo des II.
Internationalen Kongresses von 1981; DC, 40.
(90) Vgl. Optatam totius, 2; DC, 57-59; vgl. auch Sviluppi della
pastorale, 89-91.
(91) Vgl. Propositiones, 10.
(92) »Manchmal so wurde auf dem Kongreß festgestellt
zeigt sich eine gewisse Schwerfälligkeit im Verhältnis von Ortskirche
zu Ordensleben. Es ist wichtig, von einem funktionalen Verständnis des
Ordenslebens wegzukommen, auch wenn im Anschluß an die Synode über
das geweihte Leben bereits Zeichen einer Neuorientierung festzustellen sind.
Dasselbe gilt für die Säkularinstitute« (Propositiones, 16).
(93) »In einer religiösen und kulturellen Situation, die sich
rasch verändert, wird es unumgänglich, die Grunderzieher auszubilden:
Katecheten, Pfarrer, Diakone, Ordensleute, Bischöfe ... und für deren
beständige Weiterbildung zu sorgen« (Propositiones, 17).
(94) Vgl. Propositiones, 29, wo bezüglich dieses europäischen
Kongresses über die Berufungen der Wunsch ausgesprochen wird, man möge
als Geste der Liebe und des Teilens der Gaben, »auch eine "Bank"
qualifizierter Personen vorsehen, die in der Ausbildung der Ausbilder
mitarbeiten«. Bezüglich der Errichtung dieses Organismus findet sich
eine Anregung auch im Instrumentum laboris, 83 und 90 h. Eine positive
Erfahrung macht man seit Jahren in Lateinamerika. In Bogotà (Kolumbien),
am Sitz der lateinamerikanischen Bischofskonferenz (CELAM), arbeitet regulär
das »Departimento de Vocaciones y Ministerios« (DEVYM). Dieser
Organismus war auch Anlaufstelle für die Vorbereitung und Durchführung
des Ersten Kontinentalkongresses, der für Lateinamerika in Itaicí (São
Paulo do Brasil) vom 23.-27. Mai 1994 stattfand.
(95) IL, 86.
(96) Vgl. Propositiones, 9.
(97) Paul VI., Blickt auf Christus und die Kirche, Botschaft zum XV.
Weltgebetstag für geistliche Berufe (16.04.1978), in Insegnamenti di
Paolo VI., XVI, 1978, s. 256-260 (vgl. auch: Kongregation für das
Katholische Bildungswesen, P.O.V.E., Messaggi Pontifici, 127).
(98) Propositiones, 15.
(99) Propositiones, 9.
(100) Propositiones, 22. Weiter: »Das erwachende Interesse für
das Evangelium und für ein Leben, das ihm radikal geweiht ist, hängt
zum großen Teil von den Priestern und Ordensleuten ab, die in ihrem Stand
glücklich sind. Die Mehrheit der Kandidaten zum Priestertum und Ordensleben
schreibt die eigene Berufung der Begegnung mit einem Priester oder einer
Ordensperson zu« (ebd.).
(101) Propositiones, 12.
(102) So in Propositiones, 23: »Es ist wichtig zu
unterstreichen, daß die Jugendlichen offen sind für Herausforderungen
und starke Angebote (die "über dem Durchschnitt" stehen, d.h. die
"etwas mehr" beinhalten!)«.
(103) Diese Aussage richtet Paulus in Form einer sehr provokativen Frage an
die Korinther: »Was hast du, das du nicht empfangen hättest?« (1
Kor 4,7).
(104) IL, 55.
(105) Propositiones, 27.
(106) Propositiones, 25.
(107) Vgl. Propositiones, 25.
(108) Vgl. Propositiones, 14.
(109) Pastores dabo vobis, 11.
(110) Vgl. Jurado, Il discernimento, 262. Vgl. auch L.R. Moran, »Orientaciones
doctrinales para una pastoral eclesial de las vocaciones«, in Seminarium,
4 (1991), 697-725.
(111) Wir sprechen hier von einer affektiv-sexuellen Grundreife als einer
Vorbedingung für die Zulassung zu den Ordensgelübden und zum geweihten
Dienstamt, entsprechend den beiden Wegen der katholischen Kirchen in Europa: zum
zölibatären Weiheamt (Lateinische Kirche) und zum verheirateten
Weiheamt (Orientalische Kirchen). Es ist wichtig, daß von der
Berufspastoral bis zur eigentlichen und wirklichen Ausbildung die pädagogischen
Programme kohärent und zielorientiert sind, damit die Vorbereitung zum
Weihedienst in beiden Fällen angemessen sei, besonders auf der Ebene der
affektiven Stabilität; dann kann der Dienst selbst auch das Ziel der Verkündigung,
nämlich die Liebe Gottes als Anfang und Erfüllung der menschlichen
Liebe, erreichen.
(112) Siehe dazu die Empfehlung bezüglich der Homosexualität in
den Richtlinien der Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und
die Gesellschaften des apostolischen Lebens (Potissimum institutioni)
vom 2. Februar 1990 in: AAS 82 (1990) 470-532. Dort werden nicht jene
ausgeschlossen, die solche Tendenzen haben, sondern jene, »die es nicht
fertigbringen, solche Tendenzen zu beherrschen« (39), wobei dieses »Beherrschen«
nach unserem Verständnis nicht nur die Willensanstrengung meint, sondern
ein wachsendes Freisein von diesen Neigungen, im Herzen und im Geist, im Willen
und im Begehren.
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