NACHSYNODALES
APOSTOLISCHES SCHREIBEN
VITA CONSECRATA
VON PAPST
JOHANNES PAUL II.
AN DEN EPISKOPAT UND DEN KLERUS,
AN DIE ORDEN UND KONGREGATIONEN,
AN DIE
GESELLSCHAFTEN DES APOSTOLISCHEN LEBENS,
AN DIE SAKULARINSTITUTE
UND AN ALLE GLAUBIGEN
UBER DAS GEWEIHTE LEBEN UND SEINE SENDUNG
IN KIRCHE UND WELT
EINLEITUNG
1. Das Geweihte Leben, tiefverwurzelt im Beispiel und
in der Lehre Christi, des Herrn, ist ein Geschenk Gottes des Vaters durch
den Geist an seine Kirche. Mit dem Bekenntnis zu den evangelischen Räten
erlangen die Wesenszüge Jesu — Jungfräulichkeit, Armut und Gehorsam
— eine typische und beständige »Sichtbarkeit« mitten in der Welt,
und der Blick der Gläubigen wird auf jenes Geheimnis des Gottesreiches
gelenkt, das bereits in der Geschichte wirksam ist, seine Vollendung aber
im Himmel erwartet.
Jahrhunderte hindurch hat es nie an Männern und Frauen
gefehlt, die dem Ruf des Vaters und der Einladung des Geistes folgten und
diesen Weg der besonderen Nachfolge Christi wählten, um sich ihm mit »ungeteiltem«
Herzen (vgl. 1 Kor 7,34) hinzugeben. Auch sie haben wie die Apostel
alles verlassen, um bei ihm zu bleiben und sich wie er in den Dienst vor
Gott und an den Schwestern und Brüdern zu stellen. Auf diese Weise haben
sie dazu beigetragen, das Geheimnis und die Sendung der Kirche offenbar
zu machen durch die vielfältigen Gnadengaben geistlichen und apostolischen
Lebens, die der Heilige Geist ihnen zuteilte, und folglich haben sie auch
an der Erneuerung der Gesellschaft mitgewirkt.
Dank für das geweihte Leben
2. Die Rolle des geweihten Lebens in der Kirche ist so
bedeutsam, dab ich die Einberufung einer Synode beschlossen habe, um seine
Bedeutung und seine Perspektiven im Hinblick auf das bevorstehende neue
Jahrtausend zu vertiefen. Ich wollte, dab bei der Synodenversammlung neben
den Synodenvätern auch zahlreiche Personen des geweihten Lebens anwesend
wären, damit bei den gemeinsamen Überlegungen ihr Beitrag nicht fehlte.Wir
wissen alle um den Reichtum, den das Geschenk des geweihten Lebens mit
der Vielfalt seiner Charismen und Einrichtungen für die kirchliche Gemeinschaft
darstellt. Gemeinsam danken wir Gott für die Orden und für die Ordensinstitute,
die sich der Betrachtung und den Werken des Apostolats widmen, für die
Gesellschaften des apostolischen Lebens, für die Säkularinstitute und für
andere Gruppen geweihter Personen sowie für alle, die sich im Innersten
ihres Herzens mit besonderer Weihe Gott hingeben.Bei der Synode war die
weltweite Verbreitung des geweihten Lebens, das in den Kirchen überall
auf der Erde präsent ist, mit Händen zu greifen. Es spornt die Entwicklung
der Evangelisierung in den verschiedenen Regionen der Welt an und begleitet
sie, wo nicht nur die von auswärts stammenden Institute dankbar aufgenommen
werden, sondern auch neue entstehen mit einer groben Vielfalt an Ausdrucksformen.Wenn
auch die Institute des geweihten Lebens in manchen Gegenden der Erde eine
schwierige Zeit durchzumachen scheinen, gedeihen sie in anderen Regionen
mit erstaunlicher Kraft und beweisen damit, dab die Entscheidung für die
Ganzhingabe an Gott in Christus in keinster Weise mit der Kultur und der
Geschichte eines Volkes unvereinbar ist. Auch blüht das geweihte Leben
nicht nur innerhalb der katholischen Kirche; tatsächlich findet es sich
besonders lebendig im Mönchtum der orthodoxen Kirchen und gehört als Wesenszug
zu deren Erscheinungsbild; und auch in den aus der Reformation hervorgegangenen
Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ist es im Begriff zu entstehen oder
wiederzuentstehen, gleichsam als Zeichen einer gemeinsamen Gnade der Jünger
Christi. Aus dieser Feststellung ergibt sich ein Impuls für die Ökumene,
die das Verlangen nach einer immer volleren Gemeinschaft unter den Christen
nährt, »damit die Welt glaubt« (Joh 17,21).
Das geweihte Leben - ein Geschenk an die Kirche
3. Die weltweite Präsenz des geweihten Lebens und der
evangelische Charakter seines Zeugnisses zeigen mit aller Deutlichkeit
— falls notwendig — dab es keine isolierte Randerscheinung ist ,
sondern die ganze Kirche betrifft. Die Bischöfe auf der Synode haben dies
wiederholt bestätigt: »de re nostra agitur«, »es geht um etwas,
das uns betrifft«.Tatsächlich steht das geweihte Leben als entscheidendes
Element für die Sendung der Kirche in deren Herz und Mitte, da es
»das innerste Wesen der christlichen Berufung offenbart und darstellt«und
das Streben der ganzen Kirche als Braut nach der Vereinigung mit dem einen
Bräutigam zum Ausdruck bringt.Auf der Synode wurde mehrmals bestätigt,
dab das geweihte Leben nicht nur in der Vergangenheit eine Rolle der Hilfe
und der Unterstützung für die Kirche gespielt habe, sondern dab es auch
für die Gegenwart und die Zukunft des Gottesvolkes ein kostbares und unerläbliches
Geschenk ist, weil es zutiefst zu dessen Leben, Heiligkeit und Sendung
gehört.ie gegenwärtigen Schwierigkeiten, auf die nicht wenige Institute
in einigen Gegenden der Welt stoben, dürfen nicht zu Zweifeln daran verleiten,
dab das Bekenntnis zu den evangelischen Räten wesentlicher Bestandteil
des Lebens der Kirche ist, dem es einen wertvollen Impuls zu einer
immer konsequenteren Verwircklichung des Evangeliums verleiht.Es wird in
der Geschichte eine weitere Vielfalt an Formen geben können, aber das Wesen
einer Entscheidung, die in der Radikalität der Selbsthingabe aus Liebe
zum Herrn Jesus und in ihm zu jedem Angehörigen der Menschheitsfamilie
ihren Ausdruck findet, wird sich nicht ändern. Auf diese Gewibheit ,
die im Laufe der Jahrhunderte zahllose Menschen zu mutigem Entschlub angeregt
hat, zählt das christliche Volk auch weiterhin, wohl wissend, dab
es aus dem Beitrag dieser hochherzigen Seelen eine wirksame Hilfe auf seinem
Weg zur himmlischen Heimat erfahren kann.
Zusammenstellung der Ergebnisse der Synode
4. Dem Wunsch der Ordentlichen Generalversammlung der
Bischofssynode folgend, die zusammengetreten war, um über das Thema »Das
geweihte Leben und seine Sendung in Kirche und Welt« zu beraten, will ich
in diesem Apostolischen Schreiben die Ergebnisse des synodalen Programms
vorlegenund allen Gläubigen — Bischöfen, Priestern, Diakonen, Ordensleuten
und Laien — sowie allen, die zuhören wollen, die Wunder aufzeigen, die
der Herr auch heute durch das geweihte Leben vollbringen will.Nach den
Synoden, die den Laien und den Priestern gewidmet waren, vervollständigt
diese Synode die Behandlung der besonderen Eigenheiten, die die vom Herrn
Jesus für seine Kirche vorgesehenen Lebensstände kennzeichnen. Auch wenn
auf dem II. Vatikanischen Konzil die grobe Wirklichkeit der kirchlichen
Gemeinschaft hervorgehoben wurde, in der sämtliche Gaben zusammenströmen
für den Aufbau des Leibes Christi und für die Sendung der Kirche in der
Welt, so machte sich doch in den letzten Jahren die Notwendigkeit bemerkbar,
die Identität der verschiedenen Stände des Lebens, ihre Berufung
und ihren besonderen Auftrag in der Kirche deutlicher herauszustellen.Die
Gemeinschaft in der Kirche bedeutet ja nicht Einförmigkeit, sondern Geschenk
des Geistes, der auch die Vielfalt der Charismen und der Lebensformen durchdringt.
Diese werden für die Kirche und ihre Sendung um so nützlicher sein, je
konsequenter ihre Identität eingehalten wird. Denn jede Gabe des Geistes
wird gewährt, damit sie im Wachsen der Brüderlichkeit und der Sendung Frucht
bringe für den Herrn.Das Wirken des Geistes in den verschiedenen
Formen des geweihten Lebens
5. Wie sollte man nicht voll Dankbarkeit gegenüber dem
Geist an die Fülle der historischen Formen des geweihten Lebens
erinnern, die von ihm geweckt wurden und noch immer im kirchlichen Gefüge
vorhanden sind? Sie erscheinen uns wie ein Baum mit vielen Zweigen,dessen
Wurzeln tief in das Evangelium hineinreichen und der in jeder Epoche der
Kirche üppige Früchte hervorbringt. Was für ein auberordentlicher Reichtum!
Ich selbst habe zum Abschlub der Synode den Wunsch verpürt, dieses in der
Geschichte der Kirche konstante Element hervorzuheben: die Schar von Ordensgründern
und -gründerinnen, von heiligen Männern und Frauen, die sich in der Radikalität
des Evangeliums und im Dienst an den Brüdern und Schwestern, besonders
an den Armen und Verlassenen, für Christus entschieden haben.Gerade in
diesem Dienst wird mit besonderer Klarheit sichtbar, dab das geweihte Leben
die Einheitlichkeit des Liebesgebotes in der untrennbaren Verbundenheit
von Gottes- und Nächstenliebe offenbar macht.Die Synode hat dieses unablässige
Wirken des Heiligen Geistes erwähnt, das im Laufe der Jahrhunderte die
Reichtümer der Anwendung der evangelischen Räte durch die vielfältigen
Charismen zur Entfaltung bringt und auch auf diese Weise in Kirche und
Welt, in Zeit und Raum beständig das Geheimnis Christi gegenwärtig macht.
Monastisches Leben in Ost und West
6. Die Synodenväter der katholischen Ostkirchen und die
Vertreter der anderen Kirchen des Orients haben in ihren Ausführungen die
evangelischen Werte des monastischen Lebensunterstrichen, das bereits
in den Anfangszeiten des Christentums in Erscheinung trat und in ihren
Ländern, besonders in orthodoxen Kirchen, noch heute von blühender Lebendigkeit
ist.Seit den ersten Jahrhunderten der Kirche hat es Männer und Frauen gegeben,
die sich berufen fühlten, den Dienst des fleischgewordenen Wortes nachzuahmen,
und sich in seine Nachfolge begeben haben, indem sie die Anforderungen,
die sich aus der der Taufe entspringenden Teilhabe am Ostergeheimnis seines
Todes und seiner Auferstehung ergeben, im Ordensberuf in besonderer und
radikaler Weise lebten. Während sie auf diese Weise zu Trägern des Kreuzes
(staurophóroi) wurden, haben sie sich verpflichtet, Zeugen des Geistes
(pneumatophóroi) zu werden, wahrhaft geistliche Männer und Frauen,
die in der Lage sind, durch Lobpreis und ständige Fürbitte, durch die asketischen
Ratschläge und durch die Werke der Liebe die Geschichte im Verborgenen
zu befruchten.In der Absicht, die Welt und das Leben in Erwartung der endgültigen
Schau des Angesichtes Gottes zu verwandeln, bevorzugt das orientalische
Mönchtum die Bekehrung, den Selbstverzicht und die Zerknirschung des Herzens,
die Suche der Hesychie, d. h. des inneren Friedens, und das unablässige
Gebet, das Fasten und die Nachtwachen, das geistige Ringen und das Schweigen,
die österliche Freude über die Gegenwart des Herrn und über die Erwartung
seines endgültigen Kommens, die Hingabe seiner selbst und seiner Habe,
wie sie in der heiligen Gemeinschaft des Klosters oder in der Einsamkeit
der Eremitage gelebt wird.uch das Abendland hat seit den ersten Jahrhunderten
der Kirche das monastische Leben praktiziert und eine grobe Vielfalt an
Ausdrucksformen sowohl im klösterlichen Bereich als auch im eremitischen
Mönchtum gekannt. In seiner heutigen Gestalt, die vor allem vom hl. Benedikt
inspiriert wurde, ist das abendländische Mönchtum Erbe vieler Männer und
Frauen, die sich vom weltlichen Leben abgewandt haben, Gott suchten und
sich ihm weihten, »indem sie der Liebe zu Christus nichts vorzogen«.Auch
die Mönche von heute bemühen sich um einen harmonischen Einklang zwischen
innerem Leben und Arbeit in der Verpflichtung nach dem Evangelium zur
Anderung der Gewohnheiten, zum Gehorsam, zur Beständigkeit und in der eifrigen
Hingabe an die Betrachtung des Wortes (lectio divina), an die Feier
der Liturgie und das Gebet. Die Klöster waren und sind noch immer im Herzen
der Kirche und der Welt ein ausdrucksvolles Zeichen von Gemeinschaft, ein
einladender Aufenthaltsort für diejenigen, die Gott und die Welt des Geistes
suchen; sie sind Glaubensschulen und wahre Werkstätten für Studium, Dialog
und Kultur zum Aufbau des kirchlichen Lebens und auch, in Erwartung der
himmlischen Stadt, zum Aufbau der irdischen.
Die Weihe der Jungfrauen, die Eremiten und die Witwen
7. Grund zu Freude und Hoffnung ist es zu sehen, dab die
bereits seit der apostolischen Zeit in den christlichen Gemeinden bezeugte
alte Weihe der Jungfrauen heute wiederaufblüht.Durch ihre Weihe
durch den Diözesanbischof erwerben sie eine besondere Bindung an die Kirche,
deren Dienst sie sich widmen, auch wenn sie weiter in der Welt bleiben.
Allein oder in Gemeinschaft stellen sie ein besonderes eschatologisches
Bild von der himmlischen Braut und dem zukünftigen Leben dar, wenn
die Kirche endlich die Liebe zu ihrem Bräutigam Christus in Fülle leben
wird.Die als Eremiten lebenden Männer und Frauen, die alten Orden
oder neuen Instituten angehören oder auch unmittelbar vom Bischof abhängig
sind, bezeugen mit ihrer inneren und äuberen Trennung von der Welt den
vorläufigen Charakter der Gegenwart und beweisen durch Fasten und Bube,
dab der Mensch nicht von Brot allein lebt, sondern vom Wort Gottes (vgl.
Mt 4,4). Ein solches Leben »in der Wüste« ist eine Aufforderung
an den Nächsten und zugleich an die kirchliche Gemeinschaft, niemals
die höchste Berufung aus den Augen zu verlieren, nämlich immer beim
Herrn zu sein.Heute wird auch wieder die schon zur Zeit der Apostel bekannte
(vgl. 1 Tim 5,5.9-10; 1 Kor 7,8) Weihe der Witwenvollzogen
sowie jene der Witwer. Durch das Gelöbnis ewiger Keuschheit als Zeichen
des Reiches Gottes heiligen diese Personen ihren Stand, um sich dem Gebet
und dem Dienst an der Kirche zu widmen.
Institute, die sich ganz der Kontemplation widmen
8. Die Institute, die ganz auf die Kontemplation ausgerichtet
sind und aus Frauen oder Männern bestehen, sind für die Kirche ein Grund
zur Freude und eine Quelle himmlischer Gnaden. Mit ihrem Leben und ihrer
Sendung ahmen die Personen dieser Institute Christus nach, der auf den
Berg stieg, um zu beten, geben Zeugnis von Gottes Herrschaft über die Geschichte
und nehmen die künftige Herrlichkeit vorweg.In der Einsamkeit und im Stillschweigen,
durch das Hören des Wortes Gottes, durch die Feier des Gottesdienstes,
durch die persönliche Askese und das Gebet, durch die Abtötung und die
geschwisterliche Liebesgemeinschaft orientieren sie ihr ganzes Leben und
ihre Tätigkeit an der Kontemplation Gottes. Auf diese Weise geben sie der
kirchlichen Gemeinschaft ein einzigartiges Zeugnis der Liebe der Kirche
zu ihrem Herrn und tragen mit einer geheimnisvollen apostolischen Fruchtbarkeit
zum Wachstum des Volkes Gottes bei.aher ist der Wunsch berechtigt, dab
die verschiedenen Formen kontemplativen Lebens als Ausdruck tiefer Verwurzelung
im Evangelium eine zunehmende Verbreitung in den jungen Kirchen
finden, vor allem in jenen Regionen der Welt, wo andere Religionen stärker
verbreitet sind. Dies wird es ermöglichen, Zeugnis zu geben von der Kraft
der Traditionen christlicher Askese und Mystik, und wird den interreligiösen
Dialog fördern.
Das apostolische Ordensleben
9. Im Abendland sind im Laufe der Jahrhunderte vielfältige
andere Ausdrucksformen des Ordenslebens zur Blüte gelangt, in denen unzählige
Menschen nach der Absage an die Welt durch das öffentliche Bekenntnis zu
den evangelischen Räten, entsprechend einem besonderen Charisma und in
einer festen Form gemeinschaftlichen Lebenssich Gott für einen vielgestaltigen
apostolischen Dienst am Volk Gottes geweiht haben. So etwa die verschiedenen
Ordensfamilien der Regularkanoniker, die Bettelorden, die Regularkleriker
und im allgemeinen die männlichen und weiblichen Ordenskongregationen,
die sich der apostolischen Arbeit, der Missionstätigkeit und den vielfältigen
Werken widmen, die die christliche Liebe hervorgebracht hat.Es ist ein
Zeugnis von wunderbarer Mannigfaltigkeit, in dem sich die Vielfalt der
von Gott den Ordensgründern und -gründerinnen gespendeten Gaben widerspiegelt,
die in ihrem Offensein für das Wirken des Heiligen Geistes die Zeichen
der Zeit zu deuten und den nach und nach auftretenden Erfordernissen auf
glänzende Weise zu entsprechen verstanden. Ihrem Beispiel folgend haben
viele andere mit Wort und Tat versucht, das Evangelium in ihrem eigenen
Leben zu verwirklichen, um die lebendige Gegenwart Jesu, des Geweihten
im wahrsten Sinne des Wortes und des Apostels des Vaters, in ihrer Zeit
wieder geltend zu machen. Christus, den Herrn, müssen sich die Personen
des geweihten Lebens immer und zu allen Zeiten zum Vorbild nehmen, indem
sie im Gebet eine tiefe Gesinnungsgemeinschaft mit ihm pflegen (vgl. Phil
2,5-11), damit ihr ganzes Leben von dem apostolischen Geist durchdrungen
werde und die gesamte apostolische Tätigkeit von Kontemplation erfüllt
sei.
Die Säkularinstitute
10. Der Heilige Geist, wunderbarer Schöpfer der Vielfalt
der Charismen, hat in unserer Zeit neue Ausdrucksweisen geweihten Lebens
geschenkt, gleichsam als wollte er, einem Plan der Vorsehung entsprechend,
den neuen Bedürfnissen Genüge tun, denen die Kirche heute bei der Erfüllung
ihrer Sendung in der Welt begegnet.Ich denke vor allem an die Säkularinstitute,
deren Mitglieder die Weihe an Gott in der Welt durch das Bekenntnis
zu den evangelischen Räten im Rahmen der zeitlichen Strukturen leben
wollen, um auf diese Weise innerhalb des kulturellen, wirtschaftlichen
und politischen Lebens Sauerteig der Weisheit und Zeugen der Gnade zu sein.
Durch die ihnen eigene Synthese von Säkularem und Weihe wollen sie in
die Gesellschaft die neuen Kräfte des Reiches Christi einbringen und
die Welt durch die Kraft der Seligpreisungen von innen her zu verwandeln
suchen. Während die völlige Zugehörigkeit zu Gott sie ganz für seinen Dienst
aufgehen läbt, bestärkt so ihre Tätigkeit in der normalen weltlichen Umgebung
unter dem Wirken des Geistes die Beseelung der säkularen Gegebenheiten
aus dem Evangelium. Die Säkularinstitute tragen so dazu bei, der Kirche
je nach der spezifischen Gabe eines jeden Instituts eine ausgeprägte Präsenz
in der Gesellschaft zu gewährleisten.ine wertvolle Funktion üben auch die
klerikalen Säkularinstitute aus, in denen sich Priester, die dem
Presbyterium einer Diözese angehören, auch wenn einigen von ihnen die Inkardination
im eigenen Institut zuerkannt wird, durch die einem besonderen Charisma
entsprechende praktische Befolgung der evangelischen Räte Christus weihen.
Sie finden in den geistlichen Reichtümern des Instituts, dem sie angehören,
eine grobe Hilfe, um die dem Priestertum eigene Spiritualität zu leben
und so Ansporn zu apostolischer Gemeinschaft und Grobherzigkeit unter den
Mitbrüdern zu sein.
Die Gesellschaften des apostolischen Lebens
11. Besondere Erwähnung verdienen sodann die männlichen
und weiblichen Gesellschaften des apostolischen Lebens oder des
gemeinsamen Lebens, die mit einem ihnen eigenen Stil ein besonderes apostolisches
oder missionarisches Ziel verfolgen. In vielen von ihnen werden mit von
der Kirche offiziell anerkannten heiligen Weiheverpflichtungen die evangelischen
Räte ausdrücklich angenommen. Doch auch in diesem Fall unterscheidet die
Eigenart ihrer Weihe sie von den Ordensinstituten und Säkularinstituten.
Es gilt, die Besonderheit dieser Lebensform zu erhalten und zu fördern,
die im Laufe der letzten Jahrhunderte besonders auf dem Gebiet der Nächstenliebe
und bei der missionarischen Verbreitung des Evangeliums so viele Früchte
der Heiligkeit und des Apostolats hervorgebracht hat.
Neue Ausdrucksformen geweihten Lebens
12. Die ewige Jugend der Kirche erweist sich auch heute:
in den letzten Jahrzehnten, nach dem II. Vatikanischen Konzil, sind neue
oder erneuerte Formen geweihten Lebens in Erscheinung getreten. In
vielen Fällen handelt es sich um Institute, die den bereits bestehenden
zwar ähnlich, aber aus neuen spirituellen und apostolischen Impulsen heraus
entstanden sind. Ihre Lebensfähigkeit mub von der Autorität der Kirche
geprüft werden, der die Durchführung der zweckmäbigen Untersuchungen obliegt,
sowohl um die Echtheit der inspirierenden Zielsetzung zu prüfen wie auch
die übermäbige Vermehrung nahezu gleicher Institutionen zu vermeiden, die
die Gefahr einer schädlichen Aufsplitterung in zu kleine Gruppen nach sich
ziehen könnte. In anderen Fällen handelt es sich um echte Erfahrungen,
die nach einer eigenen Identität in der Kirche suchen und die offizielle
Anerkennung durch den Apostolischen Stuhl erwarten, bei dem allein der
letzte Entscheid liegt.iese neuen Formen geweihten Lebens, die zu den früheren
hinzukommen, bezeugen die stete Anziehungskraft, die die Ganzhingabe an
den Herrn, das Ideal der apostolischen Gemeinschaft, die Gründungscharismen
auch auf die heutige Generation ausüben, und sind ebenso Zeichen für die
Komplementarität der Gaben des Heiligen Geistes.Der Geist widerspricht
sich jedoch nicht in der Neuheit! Beweis dafür ist die Tatsache, dab die
neuen Formen geweihten Lebens die früheren nicht verdrängt haben. Bei derart
vielgestaltiger Mannigfaltigkeit konnte dank derselben Berufung, die grundlegende
Einheit gewahrt bleiben, nämlich auf der Suche nach der vollkommenen Liebe
dem keuschen, armen und gehorsamen Jesus zu folgen. Wie diese Berufung
in allen bereits bestehenden Formen anzutreffen ist, so gilt sie auch in
den neu hinzugetretenen.
Zielsetzungen des Apostolischen Schreibens
13. Während ich die Früchte der Arbeiten der Synode sammle,
will ich mich mit diesem Apostolischen Schreiben an die ganze Kirche wenden,
um nicht nur den Personen des geweihten Lebens, sondern auch den Hirten
und den Gläubigen die Früchte einer anregenden Auseinandersetzung darzubieten,
über deren Fortgang der Heilige Geist es nicht fehlen lieb, mit seinen
Gaben der Wahrheit und der Liebe zu wachen.In diesen Jahren der Erneuerung
hat das geweihte Leben, wie übrigens auch andere Lebensformen in der Kirche,
eine schwierige und mühsame Zeit durchgemacht. Es war eine Zeit reich an
Hoffnungen sowie an Erneuerungsversuchen und -vorschlägen, die das Bekenntnis
zu den evangelischen Räten auf den heutigen Stand bringen sollten. Doch
es war auch eine Zeit, die nicht frei von Spannungen und Schwierigkeiten
war und in der selbst edle Erfahrungen nicht immer von positiven Ergebnissen
gekrönt waren.Die Schwierigkeiten dürfen jedoch nicht zur Entmutigung verleiten.
Es ist vielmehr notwendig, sich mit neuem Eifer zu engagieren, denn die
Kirche braucht die geistliche und apostolische Mitwirkung eines erneuerten
und gestärkten geweihten Lebens. Mit dem vorliegenden nachsynodalen Schreiben
will ich mich an die Ordensgemeinschaften und an die einzelnen Personen
des geweihten Lebens im selben Geist wenden, der den Brief beseelte, der
einst vom Apostelkonzil in Jerusalem an die Christen von Antiochien gesandt
worden war; ich hege dabei die Hoffnung, dab sich heute dieselbe Erfahrung
wiederholen möge, wie sie uns von damals überliefert ist: »Die Brüder lasen
den Brief und freuten sich über die Ermunterung« (Apg 15,31). Aber
nicht nur das: ich hege auch die Hoffnung, dadurch die Freude des ganzen
Gottesvolkes zu vermehren, das durch besseres Kennenlernen des geweihten
Lebens dem Allmächtigen bewubter für dieses grobe Geschenk zu danken vermag.In
einer Haltung herzlicher Offenheit gegenüber den Synodenvätern habe ich
mir die wertvollen Beiträge zunutze gemacht, die während der intensiven
Arbeiten bei den Versammlungen zutage traten, bei denen ich ständig anwesend
sein wollte. Während dieser Zeit war ich auch darauf bedacht, dem ganzen
Volk Gottes einige systematische Katechesen über das geweihte Leben in
der Kirche zu halten. Darin habe ich die in den Texten des II. Vatikanischen
Konzils enthaltenen Lehraussagen erneut vorgestellt. Das Konzil war leuchtender
Bezugspunkt für die folgenden Lehrentwicklungen und für die von der Synode
während der Wochen intensiver Arbeit angestellten Überlegungen.ährend ich
darauf vertraue, dab die Söhne und Töchter der Kirche, insbesondere die
geweihten Personen dieses Schreiben mit hochherziger Zustimmung annehmen,
wünsche ich, dab man auch weiterhin darüber nachdenken möge, um zu einer
Vertiefung des groben Geschehens des geweihten Lebens in seiner dreifachen
Dimension der Weihe, der Gemeinschaft und der Sendung zu gelangen, und
dab die geweihten Personen in völliger Übereinstimmung mit der Kirche und
ihrem Lehramt auf diese Weise weiter angespornt werden, den drängenden
Herausforderungen geistlich und apostolisch zu begegnen.
KAPITEL I
CONFESSIO TRINITATIS
AN DEN CHRISTOLOGISCH-TRINITARISCHEN QUELLEN
DES GEWEIHTEN LEBENS
Das Bild des verklärten Christus
14. Das Fundament des geweihten Lebens im Evangelium ist
in der besonderen Beziehung zu suchen, die Jesus während seines irdischen
Daseins mit einigen seiner Jünger herstellte, indem er sie nicht nur einlud,
das Reich Gottes im eigenen Leben anzunehmen, sondern ihr Leben in den
Dienst dieses Anliegens zu stellen, alles zu verlassen und aus der Nähe
seine Lebensform nachzuahmen.Eine solche »Christus gemäbe« Existenz,
die so vielen Getauften im Verlauf der Geschichte angeboten wurde, ist
nur auf Grund einer besonderen Berufung und kraft eines eigenen Geschenkes
des Geistes möglich. In ihr ist die Taufweihe in der Tat zu einer radikalen
Antwort in der Nachfolge Christi durch die Annahme der evangelischen Räte
geführt, deren erster und wesentlicher die heilige Bindung der Keuschheit
um des Himmelreiches willen ist.Diese »besondere Nachfolge Christi«, an
deren Ursprung immer die Initiative des Vaters steht, hat also ein wesentlich
christologisches und pneumatologisches Merkmal, indem sie so auf besonders
lebendige Weise den Trinitätscharakter des christlichen Lebens ausdrückt,
dessen eschatologische Verwirklichung sie irgendwie vorwegnimmt,
nach der die ganze Kirche trachtet.m Evangelium gibt es viele Worte und
Taten Christi, die den Sinn dieser besonderen Berufung erhellen. Um jedoch
in einer Zusammenschau die Wesensmerkmale zu sammeln, stellt es sich als
besonders hilfreich dar, den Blick auf das leuchtende Antlitz Christi im
Geheimnis der Verklärung zu richten. Auf dieses »Bild« bezieht sich eine
ganz alte geistliche Tradition, wenn sie das kontemplative Leben mit dem
Gebet Jesu »auf dem Berg« verbindet.Auf diese Tradition lassen sich auberdem
in gewisser Weise selbst die »aktiven« Dimensionen des geweihten Lebens
zurückführen, da die Verklärung nicht nur Enthüllung der Herrlichkeit Christi
ist, sondern auch Vorbereitung zur Übernahme des Kreuzes. Sie beinhaltet
ein »Aufsteigen zum Berg« und ein »Herabsteigen vom Berg«: die Jünger,
die sich der Vertraulichkeit des Meisters erfreut haben, für einen Augenblick
vom Glanz des trinitarischen Lebens und der Gemeinschaft der Heiligen umhüllt,
gleichsam verzückt im Horizont der Ewigkeit, sind sogleich zur Wirklichkeit
des Alltags zurückgeführt, wo sie nur »Jesus allein« in der Niedrigkeit
der menschlichen Natur sehen und eingeladen sind talwärts zu gehen, um
mit ihm die Mühe des Planes Gottes zu leben und mit Mut den Kreuzweg einzuschlagen.
»Und er wurde vor ihren Augen verwandelt ...«
15. »Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und
dessen Bruder Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg. Und
er wurde vor ihren Augen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne,
und seine Kleider wurden blendend weib wie das Licht. Da erschienen plötzlich
vor ihren Augen Mose und Elija und redeten mit Jesus.Und Petrus sagte zu
ihm:Herr, es ist gut, dab wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier
drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija.Noch
während er redete, warf eine leuchtende Wolke ihren Schatten auf sie, und
aus der Wolke rief eine Stimme:Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich
Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören.Als die Jünger das hörten,
bekamen sie grobe Angst und warfen sich mit dem Gesicht zu Boden.Da trat
Jesus zu ihnen, fabte sie an und sagte: Steht auf, habt keine Angst! Und
als sie aufblickten, sahen sie nur noch Jesus.Während sie den Berg hinabstiegen,
gebot ihnen Jesus: Erzählt niemand von dem, was ihr gesehen habt, bis der
Menschensohn von den Toten auferstanden ist« (Mt 17,1-9).Die
Begebenheit der Verklärung bezeichnet einen entscheidenden Augenblick
in der Sendung Jesu. Es handelt sich um ein Offenbarungsereignis, das
den Glauben im Herzen der Jünger festigt, sie auf das Drama des Kreuzes
vorbereitet und die Herrlichkeit der Auferstehung vorwegnimmt. Dieses Geheimnis
wird von der Kirche, dem Volk auf dem Pilgerweg zur endzeitlichen Begegnung
mit seinem Herrn, ständig neu erlebt. Wie die drei auserwählten Apostel,
so betrachtet die Kirche das verklärte Antlitz Christi, um sich im Glauben
zu stärken und die Ohnmacht vor seinem entstellten Antlitz am Kreuz nicht
zu riskieren. Im einen wie im anderen Fall ist sie die Braut, die vor dem
Bräutigam steht, die an seinem Geheimnis teilhat und von seinem Licht eingehüllt
ist.Von diesem Licht werden alle ihre Söhne und Töchter erreicht, die alle
in gleicher Weise berufen sind, Christus zu folgen, indem sie den letzten
Sinn des eigenen Lebens in ihn setzen, um mit dem Apostel sagen zu können:
»Für mich ist Christus das Leben!« (Phil 1,21). Aber eine einzigartige
Erfahrung des von dem fleischgewordenen Wort ausgestrahlten Lichtes
machen mit Sicherheit jene, die zum geweihten Leben berufen sind. Das Bekenntnis
zu den evangelischen Räten bestimmt sie nämlich zum Zeichen und zur
Prophetie für die Gemeinschaft der Brüder und Schwestern sowie für
die Welt. Daher müssen bei ihnen die begeisterten Worte des Petrus: »Herr,
es ist gut, dab wir hier sind!« (Mt 17,4) besonderen Widerhall finden.
Diese Worte drücken die christozentrische Spannung des ganzen christlichen
Lebens aus. Jedoch bekunden sie mit besonderer Ausdruckskraft den Totalitätsanspruch,
den der tiefe Dynamismus der Berufung zum geweihten Leben darstellt: »Es
ist gut, bei Dir zu sein, uns Dir zu widmen, unser Leben ausschlieblich
auf Dich zu konzentrieren!«. Wer die Gnade dieser besonderen Liebesgemeinschaft
mit Christus empfangen hat, fühlt sich in der Tat von seinem Lichtglanz
erfabt: Er ist »der Schönste von allen Menschen« (Ps 45 [44],3),
der Unvergleichliche.
»Das ist mein geliebter Sohn: auf ihn sollt ihr
hören!«
16. Die drei verzückten Jünger erreicht der Anruf des
Vaters, auf Christus zu hören, in ihn ihr ganzes Vertrauen zu setzen und
ihn zum Mittelpunkt ihres Lebens zu machen. Im Wort, das von oben kommt,
erhält die Einladung eine neue Tiefe, mit der Jesus selbst sie am Anfang
seines öffentlichen Wirkens zu seiner Nachfolge berufen hatte, indem er
sie aus dem Alltagsleben rib und in sein Vertrauen nahm. Aus dieser besonderen
Gnade innerer Verbundenheit erwächst im geweihten Leben die Möglichkeit
und der Anspruch der totalen Selbsthingabe im Bekenntnis zu den evangelischen
Räten. Diese sind zuerst, mehr als ein Verzicht, eine besondere Annahme
des im Inneren der Kirche gelebten Geheimnisses Christi .In der Einheit
des christlichen Lebens sind die verschiedenen Berufungen gleichsam Strahlen
des einen Lichtes Christi, das »auf dem Antlitz der Kirche widerscheint«.Die
Laien spiegeln auf Grund des weltlichen Charakters ihrer Berufung
das Geheimnis des fleischgewordenen Wortes wider vor allem als das A und
O der Welt, Fundament und Mab des Wertes alles Geschaffenen. Die Inhaber
des geweihten Amtes sind ihrerseits lebendige Abbilder Christi, des
Hauptes und Hirten, der sein Volk in der Zeit des »bereits und noch nicht«,
in Erwartung seines Kommens in Herrlichkeit, leitet. Dem geweihten Leben
ist die Aufgabe anvertraut, den menschgewordenen Sohn Gottes zu zeigen
als das eschatologische Ziel, nach dem alles strebt, den
strahlenden Glanz, dem gegenüber jedes andere Licht verblabt, die unermebliche
Schönheit, die allein das Herz des Menschen vollständig zu erfüllen vermag.
Im geweihten Leben geht es also nicht nur darum, Christus aus ganzem Herzen
zu folgen, ihn »mehr als Vater und Mutter, mehr als Sohn oder Tochter«
(vgl. Mt 10,37) zu lieben, wie es von jedem Jünger gefordert wird,
sondern dies mit der sich Christus »anpassenden« Zustimmung oder gesamten
Existenz in einer allumfassenden Spannung zu leben und auszudrücken,
die im möglichen Zeitrahmen und entsprechend den verschiedenen Charismen
die eschatologische Vollkommenheit vorwegnimmt.Denn die geweihte Person
macht durch das Bekenntnis zu den Räten nicht nur Christus zum Sinn ihres
Lebens, sondern bemüht sich, soweit als möglich, »jene Lebensform, die
der Sohn Gottes annahm, als er in die Welt eintrat«,in sich wiederzugeben.
Mit dem Entschlub zur Keuschheit macht sie sich die jungfräuliche
Liebe Christi zu eigen und bekennt ihn vor der Welt als eingeborenen Sohn,
der eins ist mit dem Vater (vgl. Joh 10,30; 14,11); durch Nachahmung
seiner Armut bekennt sie ihn als den Sohn, der alles vom Vater empfängt
und in der Liebe ihm alles zurückgibt (vgl. Joh 17,7.10). Mit dem
Opfer der eigenen Freiheit, bekennt sie ihn durch die Verpflichtung zum
Geheimnis ihres kindlichen Gehorsams, als den unendlich Geliebten
und Liebenden, als den, der allein Wohlgefallen daran findet, den Willen
des Vaters zu tun (vgl. Joh 4,34), mit dem sie vollkommen verbunden
ist und von dem sie in allem abhängt.Mit diesem anpassenden Sicheinfühlen
ins Geheimnis Christi verwirklicht das geweihte Leben in besonderer Weise
jene confessio Trinitatis, die das gesamte christliche Leben kennzeichnet,
indem es voll Bewunderung die erhabene Schönheit Gottes, des Vaters, des
Sohnes und des Heiligen Geistes anerkennt und voll Freude seine liebevolle
Hinwendung zu jedem Menschen bezeugt.
I. ZUM LOB DER DREIFALTIGKEIT
A Patre ad Patrem: die Initiative Gottes
17. Den Personen des geweihten Lebens enthüllt die kontemplative
Anschauung der Herrlichkeit des Herrn Jesus im Bild der Verklärung vor
allem den Vater, Schöpfer und Spender alles Guten, der sein Geschöpf mit
einer besonderen Liebe und im Hinblick auf eine spezielle Sendung an sich
zieht (vgl. Joh 6,44). »Das ist mein geliebter Sohn: auf ihn sollt
ihr hören!« ( Mt 17,5). Indem sie diesem Ruf, der von einer innigen
Anziehung begleitet ist, folgt, vertraut die berufene Person sich der Liebe
Gottes an, der sie in seinen ausschlieblichen Dienst beruft, und weiht
sich vollständig ihm und seinem Heilsplan (vgl. 1 Kor 7,32-34).Hier
liegt der Sinn der Berufung zum geweihten Leben: eine ganz und gar vom
Vater ausgehende Initiative (vgl. Joh 15,16), die von denen, die
er erwählt hat, die Antwort einer ausschlieblichen Ganzhingabe fordert.Die
Erfahrung dieser unentgeltlichen Liebe Gottes ist dermaben tief und stark,
dab der Betreffende spürt, mit der bedingungslosen Hingabe seines Lebens
antworten zu müssen, indem er alles, Gegenwart und Zukunft, in seine Hände
hinein opfert. Auf Grund dessen kann man, im Sinne des hl. Thomas, die
Identität der geweihten Personen von der Totalität ihrer Hingabe her begreifen,
die mit wahrer Selbstaufopferung vergleichbar ist.
Per Filium: in den Fubstapfen Christi
18. Der Sohn, der Weg, der zum Vater führt (vgl. Joh
14,6), ruft alle, die ihm der Vater gegeben hat (vgl. Joh 17,9),
in eine Nachfolge, die für ihr Dasein richtungweisend ist. Von einigen
aber — eben den Personen des geweihten Lebens — verlangt er eine totale
Verpflichtung, die damit verbunden ist, dab sie alles verlassen (vgl. Mt
19,27), um in innigem Vertrauen mit ihm zu lebenund ihm überallhin zu folgen
(vgl. Offb 14,4).Im Blick Jesu (vgl. Mk 10,21), »Ebenbild
des unsichtbaren Gottes« (Kol 1,15), Abglanz der Herrlichkeit des
Vaters (vgl. Hebr 1,3), ist die Tiefe einer ewigen und unermeblichen
Liebe wahrzunehmen, die an die Wurzeln des Seins rührt.Wer sich davon ergreifen
läbt, mub alles verlassen und ihm folgen (vgl. Mk 1,16-20; 2,14;
10,21.28). Wie Paulus, sieht er alles übrige »als Verlust an, weil die
Erkenntnis Christi Jesu alles übertrifft«, und zögert nicht, verglichen
mit ihm alles »für Unrat« zu halten, »um Christus zu gewinnen« (Phil
3,8). Seine Sehnsucht geht dahin, sich in ihn hineinzudenken, indem er
seine Gefühle und seine Lebensform annimmt. Dab also einer alles verläbt
und dem Herrn folgt (vgl. Lk 18,28), stellt ein für alle Berufenen
und für alle Zeiten gültiges Programm dar.Die evangelischen Räte, durch
die Christus einige dazu einlädt, seine Erfahrung der Keuschheit, der Armut
und des Gehorsams zu teilen, erfordern bei dem, der sie annimmt, das
ausdrückliche Verlangen nach vollständiger Gleichförmigkeit mit ihm
und lassen dieses Verlangen klar zutage treten. Durch ein Leben »in Gehorsam,
ohne Eigentum und in Keuschheit«bekennen die Personen des geweihten Lebens,
dab Jesus das Vorbild ist, in dem jede Tugend zur Vollkommenheit gelangt.
Seine Lebensform in Keuschheit, Armut und Gehorsam erscheint in der Tat
als die radikalste Weise, das Evangelium auf dieser Erde zu leben, eine
sozusagen göttliche Lebensform, weil sie von ihm, dem Gottmenschen,
als Ausdruck seiner Beziehung als des eingeborenen Sohnes zum Vater und
zum Heiligen Geist angenommen wurde. Das ist der Grund, warum in der christlichen
Überlieferung immer von der objektiven Vollkommenheit des geweihten
Lebens gesprochen wurde.Darüber hinaus läbt sich nicht bestreiten,
dab die Übung der Räte eine besonders tiefe und fruchtbare Weise darstellt,
auch an der Sendung Christi teilzunehmen, nach dem Vorbild Mariens
von Nazaret, der ersten Jüngerin, die es annahm, sich durch die Ganzhingabe
ihrer selbst in den Dienst des göttlichen Heilsplanes zu stellen. Jede
Sendung beginnt mit derselben Haltung, wie sie von Maria bei der Verkündigung
zum Ausdruck gebracht worden ist: »Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe,
wie du es gesagt hast« (Lk 1,38).
In Spiritu: vom Heiligen Geist geweiht
19. »Eine leuchtende Wolke warf ihren Schatten auf sie«
(Mt 17,5). Eine bedeutende geistliche Interpretation der Verklärung
sieht in dieser Wolke das Bild des Heiligen Geistes.ie die ganze christliche
Existenz, so steht auch die Berufung zum geweihten Leben in enger Beziehung
zum Wirken des Heiligen Geistes. Er ist es, der im Laufe der Jahrtausende
immer aufs neue Menschen dafür empfänglich macht, das Faszinierende einer
derart verpflichtenden Entscheidung wahrzunehmen. Unter seinem Wirken erleben
sie gewissermaben wieder die Erfahrung des Propheten Jeremia: »Du hast
mich betört, o Herr, und ich lieb mich betören« (20,7). Der Geist ist es,
der das Verlangen nach einer vollkommenen Antwort weckt; er leitet das
Wachstum dieses Verlangens, indem er die positive Antwort heranreifen läbt
und dann ihre getreue Ausführung unterstützt; er formt und bildet die Seele
der Berufenen, indem er sie nach dem keuschen, armen und gehorsamen Christus
gestaltet und sie anspornt, sich seine Sendung zu eigen zu machen. Während
sie sich auf einem Weg unablässiger Läuterung vom Geist leiten lassen,
werden sie immer mehr zu Personen, die mit Christus gleichförmig sind,
zur Verlängerung einer besonderen Gegenwart des auferstandenen Herrn in
die Geschichte hinein.Mit treffender Intuition haben die Kirchenväter diesen
geistlichen Weg als filocalia bezeichnet, das heibt Liebe zur
göttlichen Schönheit, die Ausstrahlung der göttlichen Güte ist. Wer
von der Macht des Heiligen Geistes stufenweise zur vollkommenen Gleichgestaltung
mit Christus geführt wird, spiegelt in sich einen Strahl des unerreichbaren
Lichtes wider und geht auf seinem irdischen Pilgerweg bis zur unerschöpflichen
Quelle des Lichtes. So wird das geweihte Leben zu einem besonders tiefen
Ausdruck für die Kirche als Braut, die, vom Geist geführt, in sich die
Wesenszüge des Bräutigams wiederzugeben, »herrlich, ohne Flecken, Falten
oder andere Fehler, heilig und makellos« vor ihm erscheint (Eph
5,27).Weit davon entfernt, diejenigen, die der Vater berufen hat, der Menschheitsgeschichte
vorzuenthalten, stellt sie derselbe Geist sodann, je nach den Bestimmungen
ihres Lebensstandes, in den Dienst der Brüder und Schwestern und leitet
sie an, in Bezug auf die Bedürfnisse von Kirche und Welt durch die den
verschiedenen Instituten eigenen Charismen besondere Aufgaben zu erfüllen.
Daraus erklärt sich das Entstehen so vielfältiger Formen geweihten Lebens,
durch die die Kirche »mit den mannigfachen Gnadengaben ihrer Kinder wie
eine Braut für ihren Mann geschmückt dasteht (vgl. Offb 21,2)«und
durch jedes Mittel bereichert wird, um ihre Sendung in der Welt zu erfüllen.
Die evangelischen Räte, Geschenk der Dreifaltigkeit
20. Die evangelischen Räte sind also vor allem eine
Gnadengabe der Heiligsten Dreifaltigkeit. Das geweihte Leben ist Ankündigung
dessen, was der Vater durch den Sohn im Geist aus seiner Liebe, seiner
Güte und seiner Schönheit vollbringt. Denn »der Ordensstand [...] macht
die Erhabenheit des Gottesreiches gegenüber allem Irdischen und seine höchsten
Ansprüche in besonderer Weise offenkundig. Er zeigt auch allen Menschen
die überragende Gröbe der Herrscherkraft Christi und die wunderbare, unbegrenzte
Macht des Heiligen Geistes in der Kirche auf«.orrangige Aufgabe des geweihten
Lebens ist das Sichtbarmachen der Wunder, die Gott in der schwachen
Menschlichkeit derer wirkt, die er berufen hat. Mehr als mit Worten bezeugen
sie diese Wunder mit der beredten Sprache einer verklärten Existenz, die
in der Lage ist, die Welt zu überraschen. Zum Staunen der Menschen antworten
sie mit der Ankündigung der Wunder der Gnade, die der Herr in denen wirkt,
die er liebt. In dem Mabe, in dem sich der geweihte Mensch vom Geist zu
den Höhen der Vollkommenheit führen läbt, kann er ausrufen: »Ich sehe die
Schönheit deiner Gnade und versenke mich in ihr Licht; ich betrachte voll
Staunen diesen unsagbaren Glanz; ich bin auber mir, während ich doch über
mich selber nachdenke: was ich war und was ich geworden bin. O Wunder!
Ich bin aufmerksam, erfüllt von heiligem Respekt vor mir selbst, von Ehrfurcht,
von Angst, als stünde ich vor dir, und weib nicht, was ich tun soll, denn
mich hat die Angst ergriffen; ich weib nicht, wo ich mich niederlassen,
wohin ich mich wenden soll, wohin diese Glieder legen, die deine sind;
für welche Taten, für welche Werke sie verwenden, diese überraschenden
göttlichen Wunder«.So wird das geweihte Leben zu einer der konkreten Spuren,
die die Dreifaltigkeit in der Geschichte hinterläbt, damit die Menschen
das Faszinierende der göttlichen Schönheit und die Sehnsucht nach ihr wahrnehmen
können.
Der Abglanz des trinitarischen Lebens in den Räten
21. Der Bezug der evangelischen Räte auf die Heilige und
heiligende Dreifaltigkeit offenbart ihren tiefsten Sinn. Sie sind nämlich
Ausdruck der Liebe, die der Sohn dem Vater in der Einheit des Heiligen
Geistes entgegenbringt. Durch ihr Befolgen erlebt derjenige, der sich Gott
geweiht hat, besonders intensiv den trinitarischen und christologischen
Charakter, der das ganze christliche Leben kennzeichnet.Die Keuschheit
der unverheirateten Männer und der Jungfrauen als Bekundung der ungeteilten
Hingabe an Gott (vgl. 1 Kor 7,32-34) stellt einen Abglanz der grenzenlosen
Liebe dar, die die drei göttlichen Personen in der geheimnisvollen
Tiefe des trinitarischen Lebens verbindet; der Liebe, die von dem fleischgewordenen
Wort bis zur Hingabe seines Lebens bezeugt wird; der Liebe, die vom Heiligen
Geist »in unsere Herzen ausgegossen« wurde (Röm 5,5), die zu einer
Antwort totaler Liebe zu Gott und zu den Brüdern und Schwestern anspornt.Die
Armut bekennt, dab Gott der einzige wahre Reichtum des Menschen
ist. Nach dem Beispiel Christi gelebt, der, obwohl er »reich war, arm wurde«
(2 Kor 8,9), wird die Armut Ausdruck jener Ganzhingabe, zu
der sich die drei göttlichen Personen gegenseitig machen. Es ist die Hingabe,
die in die Schöpfung überströmt und sich voll in der Menschwerdung des
Wortes und in seinem erlösenden Tod offenbart.Der Gehorsam, der
in der Nachahmung Christi geübt wird, dessen Speise es war, den Willen
des Vaters zu tun (vgl. Joh 4,34), stellt die befreiende Schönheit
einer von Verantwortungsgefühl erfüllten und von gegenseitigem Vertrauen
beseelten kindlichen und nicht sklavischen Abhängigkeit dar, die
Abglanz der liebevollen Gegenseitigkeit der drei göttlichen Personen
in der Geschichte ist.Das geweihte Leben ist daher berufen, die Gabe der
evangelischen Räte mit einer immer aufrichtigeren und stärkeren Liebe in
trinitarischer Dimension beständig zu vertiefen: Liebe zu Christus,
der in seinem Vertrauen ruft; zum Heiligen Geist, der die Seele
bereit macht für die Aufnahme seiner Eingebungen; zum Vater, Ursprung
und höchstes Ziel des geweihten Lebens.So wird es zum Bekenntnis und Zeichen
der Dreifaltigkeit, deren Geheimnis der Kirche als Vorbild und Quelle jeder
christlichen Lebensform hingestellt wird.Gerade das geschwisterliche
Leben, kraft dessen sich die Personen des geweihten Lebens bemühen,
in Christus zu leben und »ein Herz und eine Seele« zu sein (Apg
4,32), stellt sich als beredtes Bekenntnis zur Dreifaltigkeit dar. Es bekennt
den Vater, der aus allen Menschen eine einzige Familie machen will;
es bekennt den menschgewordenen Sohn, der die Erlösten in der Einheit
versammelt und ihnen mit seinem Beispiel, mit seinem Gebet, mit seinen
Worten und vor allem mit seinem Tod, der Quelle der Versöhnung für die
entzweiten und zerstreuten Menschen, den Weg zeigt; es bekennt den Heiligen
Geist als Prinzip der Einheit in der Kirche, wo er nicht aufhört, geistliche
Familien und brüderliche Gemeinschaften ins Leben zu rufen.
Für das Reich Gottes geweiht wie Christus
22. Das geweihte Leben ahmt auf Anregung des Heiligen
Geistes die Lebensform »ausdrücklicher nach und bringt sie in der Kirche
ständig zur Darstellung«,die Jesus, der höchste Geweihte und Gesandte des
Vaters für sein Reich, annahm und für die Jünger, die ihm folgten, bestimmt
hat (vgl. Mt 4,18-22; Mk 1,16-20; Lk 5,10-11; Joh
15,16). Im Lichte der Weihe Jesu kann man in der Initiative des Vaters,
der Quelle aller Heiligkeit, die ursprüngliche Quelle des geweihten Lebens
entdecken. Denn Jesus selbst ist derjenige, den »Gott gesalbt hat mit dem
Heiligen Geist und mit Kraft« (Apg 10,38), »den der Vater geheiligt
und in die Welt gesandt hat« (Joh 10,36). Der Sohn, der die Weihe
durch den Vater empfängt, weiht sich ihm seinerseits für die Menschen (vgl.
Joh 17,19): sein Leben in Keuschheit, Gehorsam und Armut ist Ausdruck
seiner kindlichen und vollständigen Zustimmung zum Plan des Vaters (vgl.
Joh 10,30; 14,11). Seine vollkommene Hingabe verleiht allen Begebenheiten
seines irdischen Daseins eine Bedeutung von heiligender Weihe.Er ist der
Gehorsame schlechthin , der vom Himmel herabgekommen ist, nicht
um seinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der ihn gesandt hat
(vgl. Joh 6,38; Hebr 10,5.7). Er legt seine Lebens- und Handlungsweise
zurück in die Hände des Vaters (vgl. Lk 2,49). In kindlichem Gehorsam
nimmt er den Stand eines Sklaven an: »Er entäuberte sich und wurde wie
ein Sklave [...], und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz« (Phil
2,7-8). In dieser Gehorsamshaltung gegenüber dem Vater nimmt Christus,
obwohl er die Würde und Heiligkeit des ehelichen Lebens anerkennt und verteidigt,
die jungfräuliche Lebensform an und enthüllt auf diese Weise den hohen
Wert und die geheimnisvolle geistliche Fruchtbarkeit der Jungfräulichkeit
. Seine volle Zustimmung zum Plan des Vaters offenbart sich auch in
der Loslösung von den irdischen Gütern: »Er, der reich war, wurde euretwegen
arm, um euch durch seine Armut reich zu machen« (2 Kor 8,9). Die
Tiefgründigkeit seiner Armut erweist sich in der vollkommenen Aufopferung
alles dessen an Gott, was sein ist.Das geweihte Leben stellt wahrhaftig
lebendige Erinnerung an die Lebens- und Handlungsweise Jesu als
fleischgewordenes Wort gegenüber dem Vater und gegenüber den Brüdern und
Schwestern dar. Es ist lebendige Überlieferung des Lebens und der Botschaft
des Erlösers.
II. ZWISCHEN OSTERN UND VOLLENDUNG
Vom Tabor auf den Kalvarienberg
23. Das strahlende Ereignis der Verklärung bereitet jenes
dramatische, doch nicht weniger glorreiche Geschehen auf dem Kalvarienberg
vor. Petrus, Jakobus und Johannes sehen den Herrn Jesus zusammen mit Mose
und Elija, mit denen er — nach dem Evangelisten Lukas — »von seinem Ende
(spricht), das sich in Jerusalem erfüllen sollte« (9,31). Die Augen der
Jünger sind also auf Jesus gerichtet, der an das Kreuz denkt (vgl. Lk
9,43-45). Dort wird seine jungfräuliche Liebe zum Vater und zu allen Menschen
ihren höchsten Ausdruck erreichen; seine Armut wird zur völligen Entäuberung
gelangen; sein Gehorsam bis zur Hingabe des Lebens.Die Jünger sind eingeladen,
den am Kreuz erhöhten Jesus zu betrachten, an dem Kreuz, von dem her »das
Wort, das aus dem Schweigen hervorgegangen war«,in seinem Schweigen und
seiner Einsamkeit prophetisch die absolute Transzendenz Gottes über alle
geschaffenen Güter bestätigt, in seinem Fleisch unsere Sünde besiegt, jeden
Mann und jede Frau an sich zieht und jedem das neue Leben der Auferstehung
schenkt (vgl. Joh 12,32; 19,34.37). In der Betrachtung des gekreuzigten
Christus finden alle Berufungen Erleuchtung; von ihr nehmen alle Gnadengaben
und insbesondere die Gabe des geweihten Lebens mit der grundlegenden Gabe
des Geistes ihren Ausgang.Nach Maria, der Mutter Jesu, empfängt Johannes
diese Gnadengabe, der Jünger, den Jesus liebte, der Zeuge, der zusammen
mit Maria unter dem Kreuz stand (vgl. Joh 19,26-27). Seine Entscheidung
zur Ganzhingabe ist Frucht der göttlichen Liebe, die ihn umhüllt, ihn trägt
und sein Herz erfüllt. Johannes gehört neben Maria zu den ersten in der
langen Reihe von Männern und Frauen, die von den Anfängen der Kirche bis
zu ihrem Ende von der Liebe Gottes erfabt werden und sich gerufen fühlen,
dem Lamm, das geopfert wurde und lebt, zu folgen, wohin es geht (vgl. Offb
14,1-5).
Österliche Dimension des geweihten Lebens
24. Der Mensch, der sich Gott geweiht hat, macht in den
verschiedenen Lebensformen, die vom Heiligen Geist im Laufe der Geschichte
eingegeben wurden, die Erfahrung der Wahrheit über den Gott der Liebe um
so unmittelbarer und intensiver, je mehr er sich unter das Kreuz Christi
stellt. Er, der in seinem Tod den menschlichen Augen so entstellt und unschön
erscheint, dab die Anwesenden vor ihm das Gesicht verhüllen (vgl. Jes
53,2-3), offenbart gerade am Kreuz die Schönheit und die Macht der Liebe
Gottes in Fülle. Der hl. Augustinus besingt ihn so: »Schön ist Gott, das
Wort bei Gott [...] Schön im Himmel, schön auf Erden; schön im Schob, schön
in den Armen der Eltern; schön in den Wundern, schön in den Todesqualen;
schön, wenn er zum Leben einlädt, schön, wenn man sich nicht um den Tod
kümmert, schön im Verlassen des Lebens und schön, wenn er dieses Leben
wieder nimmt; schön am Kreuz, schön im Grab, schön im Himmel. Hört den
Gesang mit Klugheit und die Schwachheit des Fleisches möge eure Augen nicht
vom Glanz seiner Schönheit ablenken«.iesen Glanz der Liebe spiegelt das
geweihte Leben wider, weil es mit seiner Treue zum Kreuzesgeheimnis bekennt,
an die Liebe des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes zu glauben
und aus ihr zu leben. Auf diese Weise trägt es dazu bei, in der Kirche
das Bewubtsein lebendig zu erhalten, dab das Kreuz der Überflub der
Liebe Gottes ist, die auf diese Welt überströmt , das grobartige Zeichen
der Heilsgegenwart Christi. Und dies besonders bei Schwierigkeiten und
Heimsuchungen. Das alles wird mit zutiefst bewunderswertem Mut von einer
groben Anzahl geweihter Personen fortwährend bezeugt, die oft in schwierigen
Situationen, bis hin zu Verfolgung und Martyrium ausharren. Ihre Treue
zur einzigen Liebe zeigt und stärkt sich in der Demut eines verborgenen
Lebens, in der Annahme von Leiden, um in ihrem Leben, im schweigenden Opfer,
in der Hingabe an den heiligen Willen Gottes, in Treue auch angesichts
des Schwindens der Kräfte und des eigenen Ansehens »das zu ergänzen, was
an den Leiden Christi noch fehlt« (Kol 1,24). Aus der Treue zu Gott
erwächst auch die Hingabe an den Nächsten, die die Personen des geweihten
Lebens in der ständigen Fürbitte für die Nöte der Brüder und Schwestern,
im hochherzigen Dienst an den Armen und Kranken, im Teilen und Mittragen
der Schwierigkeiten anderer, in der eifrigen Teilnahme an den Sorgen und
Heimsuchungen der Kirche nicht ohne Opfer leben.
Zeugen Christi in der Welt
25. Aus dem Ostergeheimnis entspringt auch der missionarische
Charakter, eine das gesamte kirchliche Leben kennzeichnende Dimension.
Sie findet eine besondere Verwirklichung im geweihten Leben. Denn auch
unabhängig von den Charismen jener Institute, die sich der Mission ad
gentes widmen oder apostolische Aktivitäten im eigentlichen Sinne des
Wortes ausüben, kann man sagen, dab der missionarische oder Sendungscharakter
jeder Form des geweihten Lebens zutiefst innewohnt. In dem Mabe, in
dem der Geweihte ein Leben lebt, das ausschlieblich dem Vater gewidmet
(vgl. Lk 2,49; Joh 4,34), von Christus ergriffen (vgl. Joh
15,16; Gal 1,15-16), und vom Geist beseelt ist (vgl. Lk 24,49;
Apg 1,8; 2,4), arbeitet er wirksam mit an der Sendung des Herrn
Jesus (vgl. Joh 20,21) und trägt in besonders intensiver Weise zur
Erneuerung der Welt bei.Die erste missionarische Aufgabe haben die Personen
des geweihten Lebens gegenüber sich selbst und sie erfüllen sie dadurch,
dab sie ihr Herz dem Wirken des Geistes Christi öffnen. Ihr Zeugnis hilft
der ganzen Kirche, sich daran zu erinnern, dab an erster Stelle der unentgeltliche
Dienst an Gott steht, der durch Christi Gnade ermöglicht wird, die dem
Gläubigen durch das Geschenk des Geistes mitgeteilt wird. So wird der Welt
der Friede verkündet, der vom Vater herkommt, die Hingabe, die vom Sohn
bezeugt wird, und die Freude, die Frucht des Heiligen Geistes ist.Die Personen
des geweihten Lebens werden vor allem dann missionarisch sein, wenn sie
unablässig das Bewubtsein vertiefen, von Gott berufen und erwählt worden
zu sein, dem sie daher ihr ganzes Leben zuwenden und alles, was sie sind
und haben, darbringen und sich von den Hindernissen befreien müssen, die
die Vollkommenheit der aus der Liebe kommenden Antwort verzögern könnten.
Auf diese Weise werden sie zu einem echten Zeichen Christi in der Welt
werden können. Auch ihr Lebensstil mub das Ideal, zu dem sie sich bekennen,
sichtbar werden lassen und sich als lebendiges Zeichen Gottes und als beredte,
wenn auch oft schweigende Verkündigung des Evangeliums darstellen. Immer,
aber besonders in der heutigen, oft so säkularisierten Kultur, die aber
trotzdem für die Sprache der Zeichen empfänglich ist, mub sich die Kirche
bemühen, ihre Anwesenheit im Alltagsleben sichtbar zu machen. Einen
bedeutsamen Beitrag in diesem Sinne erwartet sie sich zu Recht von den
Personen des geweihten Lebens, die berufen sind, in jeder Situation konkret
von ihrer Zugehörigkeit zu Christus Zeugnis abzulegen. Da das Ordensgewand
Zeichen der Weihe, der Armut und der Zugehörigkeit zu einer bestimmten
Ordensfamilie ist, empfehle ich zusammen mit den Synodenvätern den Ordensleuten
nachdrücklich, ihr den Umständen von Zeit und Ort entsprechend angepabtes
Gewand zu tragen.Wo entsprechende apostolische Erfordernisse es verlangen,
können sie der Tradition und den Normen ihres Instituts gemäb auch gewöhnliche,
aber geziemende Kleidung tragen mit einem geeigneten Symbol, das ihre Weihe
erkennbar macht.Die Institute, die ursprünglich bzw. durch Verfügung ihrer
Konstitutionen kein eigenes Gewand vorsehen, sollen dafür sorgen, dab die
Kleidung der Brüder und Schwestern durch Würde und Schlichtheit der Natur
ihrer Berufung entspreche.
Eschatologische Dimension des geweihten Lebens
26. Da sich heute die apostolischen Sorgen als immer dringender
erweisen und das Engagement für die Dinge dieser Welt die Menschen immer
mehr in Anspruch zu nehmen droht, ist es besonders geboten, die Aufmerksamkeit
auf die eschatologische Natur des geweihten Lebens zu lenken.»Denn
wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz« (Mt 6,21): der einzige
Schatz des Gottesreiches ruft das Verlangen, die Erwartung, den Einsatz
und das Zeugnis hervor. In der Urkirche wurde die Erwartung der Wiederkunft
des Herrn besonders intensiv gelebt. Die Kirche hat jedoch während all
der Jahrhunderte nicht aufgehört, diese Hoffnungshaltung zu pflegen: sie
hat immer wieder die Gläubigen eingeladen, nach dem Heil Ausschau zu halten,
das schon bald offenbar werden wird, »denn die Gestalt dieser Welt vergeht«
(1 Kor 7,31; vgl. 1 Petr 1,3-6).or diesem Hintergrund ist
die Rolle des endzeitlichen Zeichens gerade des geweihten Lebens
besser zu verstehen. Denn unveränderlich ist die Lehre, die sie als Vorwegnahme
des zukünftigen Reiches darstellt. Das II. Vatikanische Konzil greift diese
Lehre wieder auf, wenn es sagt, »der Ordensstand [...] kündigt die zukünftige
Auferstehung und die Herrlichkeit des Himmelreiches an«.Das geschieht vor
allem durch die Entscheidung für die Jungfräulichkeit, die von der
Überlieferung immer als eine Vorwegnahme der endgültigen Welt verstanden
wurde, die schon jetzt am Werk ist und den Menschen in seiner Ganzheit
verwandelt.Die Menschen, die ihr Leben Christus geweiht haben, müssen in
der Sehnsucht leben, ihm zu begegnen, um endlich und für immer bei ihm
zu sein. Daher die brennende Erwartung, daher das Verlangen, »einzutauchen
in das Feuer der Liebe, das in ihnen brennt und das nichts anderes ist
als der Heilige Geist«,Erwartung und Sehnsucht, gestärkt von den Gaben,
die der Herr freigiebig denen gewährt, die nach dem streben, was im Himmel
ist (vgl. Kol 3,1).Die Person des geweihten Lebens, die in den Dingen
des Herrn feststeht, erinnert sich, dab »wir hier keine Stadt haben, die
bestehenbleibt« (Hebr 13,14), denn »unsere Heimat ist im Himmel«
(Phil 3,20). Es kommt allein darauf an, nach dem »Reich Gottes und
seiner Gerechtigkeit« zu suchen (Mt 6,33) mit der unaufhörlichen
Bitte um das Kommen des Herrn.
Eine tätige Erwartung: Einsatz und Wachsamkeit
27. «Komm, Herr Jesus!« (Offb 22,20). Diese Erwartung
ist alles andere als untätig: auch wenn sie sich dem künftigen Reich
zuwendet, setzt sie sich in Arbeit und Mission um, damit durch das Erwecken
des Geistes der Seligpreisungen, der auch in der menschlichen Gesellschaft
wirksame Forderungen nach Gerechtigkeit, Frieden, Solidarität und Vergebung
zu stellen vermag, das Reich schon jetzt gegenwärtig werde.Das wird von
der Geschichte des geweihten Lebens, das immer reiche Früchte auch für
die Welt hervorgebracht hat, ausführlich bewiesen. Mit ihren Gnadengaben
werden die Personen des geweihten Lebens zu einem Zeichen des Geistes für
eine neue, vom Glauben und von der christlichen Hoffnung erleuchtete Zukunft
hin. Die Endzeitstimmung setzt sich in Sendung um, damit das Reich
hier und jetzt in steigendem Mabe Wirklichkeit werde. An die Bitte: »Komm,
Herr Jesus!« schliebt sich die andere inständige Bitte an: »Dein Reich
komme!« (Mt 6,10).Wer wachsam die Erfüllung der Verheibungen Christi
erwartet, ist imstande, auch bei seinen im Hinblick auf die Zukunft oft
mibtrauischen und pessimistischen Brüdern und Schwestern Hoffnung zu wecken.
Seine Hoffnung gründet sich auf die Verheibung Gottes, die im Wort der
Offenbarung enthalten ist: die Geschichte der Menschen geht auf den »neuen
Himmel und die neue Erde« zu (Offb 21,1), wo der Herr »alle Tränen
von ihren Augen abwischen wird: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer,
keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen« (Offb
21,4).Das geweihte Leben steht im Dienst dieser endgültigen Ausstrahlung
der göttlichen Herrlichkeit, wenn alle Menschen das Heil sehen werden,
das von Gott kommt (vgl. Lk 3,6; Jes 40,5). Der christliche
Orient stellt diese Dimension heraus, wenn er die Mönche als Engel Gottes
auf Erden betrachtet, die die Erneuerung der Welt in Christus verkünden.
Im Abendland ist das Mönchtum feierliches Gedenken und Vigil: Gedenken
der von Gott vollbrachten Wunder, Vigil der letzten Erfüllung
der Hoffnung. Die Botschaft des Mönchtums und des kontemplativen Lebens
wiederholt unablässig, dab der Vorrang Gottes für die menschliche Existenz
Fülle von Bedeutung und Freude ist, weil der Mensch für Gott geschaffen
und unruhig ist, bis er in ihm Frieden findet.
Die Jungfrau Maria, Modell der Weihe und Nachfolge
28. Von ihrer unbefleckten Empfängnis an spiegelt Maria
am vollkommensten die göttliche Schönheit wider. »Ganz und gar Schöne«
ist der Titel, mit dem die Kirche sie anruft. »Die Beziehung zur seligsten
Jungfrau Maria, die jeder Gläubige wegen seiner Verbundenheit mit Christus
hat, ist im Leben der Ordensleute besonders ausgeprägt... Alle [Institute
des geweihten Lebens] sind davon überzeugt, dab die Gegenwart Mariens eine
grundlegende Bedeutung hat sowohl für das geistliche Leben jeder geweihten
Person als auch für die Beständigkeit, die Einheit und den Fortschritt
der ganzen Gemeinschaft«.aria ist in der Tat das höchste Vorbild vollkommener
Weihe in der vollen Zugehörigkeit und Ganzhingabe an Gott. Vom Herrn
erwählt, der in ihr das Geheimnis der Menschwerdung vollzogen hat, erinnert
sie die Personen des geweihten Lebens an den Vorrang der Initiative
Gottes . Gleichzeitig stellt sich Maria, die dem göttlichen Wort, das
in ihr Fleisch geworden ist, ihre Zustimmung gegeben hat, als Modell
des Gnadenempfanges seitens der menschlichen Kreatur dar.Die Jungfrau,
die während des verborgenen Lebens in Nazaret zusammen mit Josef Christus
nahe und in den entscheidenden Augenblicken seines öffentlichen Lebens
neben dem Sohn zugegen war, ist Lehrmeisterin bedingungsloser Nachfolge
und beständigen Dienstes. In ihr, dem »Heiligtum des Heiligen Geistes«,erstrahlt
so der ganze Glanz der neuen Schöpfung. Das geweihte Leben blickt auf sie
als höchstes Modell der Weihe an den Vater, der Einheit mit dem Sohn und
der Fügsamkeit gegenüber dem Heiligen Geist in dem Bewubtsein, dab das
Befolgen »der jungfräulichen und armen Lebensweise«Christi bedeutet, sich
auch die Lebensweise Mariens zu eigen zu machen.In der Jungfrau begegnet
die geweihte Person auberdem einer Mutter mit ganz besonderem Anrecht.
Denn auch wenn die am Kalvarienberg Maria übertragene neue Mutterschaft
ein Geschenk an alle Christen ist, hat sie für denjenigen, der sein Leben
vollständig Christus geweiht hat, eine besondere Bedeutung. »Siehe, deine
Mutter« (Joh 19,27): Jesu Worte an den Jünger, »den er liebte« (Joh
19,26), gewinnen im Leben der geweihten Person eine besondere Tiefe. Denn
sie ist mit Johannes aufgerufen, Maria zu sich zu nehmen (vgl. Joh 19,27),
wobei sie diese mit der Radikalität seiner Berufung liebt und nachahmt
und, als Erwiderung, eine besondere mütterliche Zärtlichkeit erfährt. Die
Jungfrau vermittelt ihr jene Liebe, die sie jeden Tag das Leben für Christus
darbringen läbt, indem er mit ihr für die Rettung der Welt wirkt. Darum
stellt die kindliche Beziehung zu Maria den bevorzugten Weg für die Treue
zu der empfangenen Berufung und eine äuberst wirksame Hilfe dar, um in
dieser Berufung voranzukommen und sie in Fülle zu leben.
III. IN DER KIRCHE UND FÜR DIE KIRCHE
»Es ist gut, dab wir hier sind«: das geweihte Leben
im Geheimnis der Kirche
29. Beim Anblick der Verklärung spricht Petrus im Namen
der anderen Apostel: »Es ist gut, dab wir hier sind« (Mt 17,4).
Die Erfahrung der Herrlichkeit Christi, die ihm sogar den Verstand und
das Herz berauscht, isoliert ihn nicht, sondern bindet ihn im Gegenteil
noch enger an das »wir« der Jünger.Diese Dimension des »wir« läbt uns den
Stellenwert betrachten, den das geweihte Leben im Geheimnis der Kirche
innehat. Die theologische Reflexion über das Wesen des geweihten Lebens
hat in diesen Jahren die aus der Lehre des II. Vatikanischen Konzils hervorgegangenen
neuen Sichtweisen vertieft. So hat man in ihrem Licht erkannt, dab das
Bekenntnis zu den evangelischen Räten unerschütterlich zum Leben und
zur Heiligkeit der Kirche gehört.Das bedeutet, dab das von Anfang an
vorhandene geweihte Leben in der Kirche als ein für sie unverzichtbares
und kennzeichnendes Element nie wird fehlen können, weil es Ausdruck ihres
eigentlichen Wesens ist.Dies geht klar daraus hervor, dab das Bekenntnis
zu den evangelischen Räten zutiefst mit dem Geheimnis Christi verbunden
ist, da es die Aufgabe hat, so gut wie möglich die Lebensform darzustellen,
die er für sich wählte, und sie als absoluten und eschatologischen Wert
aufzuzeigen. Jesus selbst hat durch die Berufung einiger Personen, die
er aufforderte, alles zu verlassen und ihm zu folgen, diese Lebensform
eingeführt, die sich unter der Wirkung des Geistes im Laufe der Jahrhunderte
allmählich in den verschiedenen Formen des geweihten Lebens entfalten wird.
Die Vorstellung von einer Kirche, die einzig aus geweihten Amtsinhabern
und aus Laien zusammengesetzt ist, entspricht deswegen nicht den Absichten
ihres göttlichen Gründers, wie sie uns aus den Evangelien und den neutestamentlichen
Schriften ersichtlich sind.
Die neue und besondere Weihe
30. In der Tradition der Kirche wird die Ordensprofeb
als eine einzigartige und fruchtbare Vertiefung der Taufweihe betrachtet,
da sich durch sie die bereits mit der Taufe eingeleitete innige Verbindung
mit Christus in dem Geschenk einer durch das Bekenntnis zu den evangelischen
Räten vollkommener zum Ausdruck gebrachten und verwirklichten Anpassung
an ihn entfaltet.iese weitere Weihe weist dennoch ihre Eigenart im Vergleich
zur ersten auf, insofern sie nicht eine notwendige Folge daraus ist.Tatsächlich
ist jeder, der in Christus zu neuem Leben erweckt wurde, berufen, mit der
aus der Gabe des Geistes stammenden Kraft seinem Lebensstand gemäb die
Keuschheit, den Gehorsam gegenüber Gott und der Kirche und eine vernünftige
Loslösung von den materiellen Gütern zu leben, weil alle zur Heiligkeit
berufen sind, die in der Vollkommenheit der Liebe besteht.Aber die Taufe
ist an und für sich nicht mit der Berufung zum Zölibat oder zur Jungfräulichkeit,
mit dem Verzicht auf Besitz von Gütern und mit dem Gehorsam gegenüber einem
Oberen in der eigentlichen Form der evangelischen Räte verbunden. Deshalb
setzt das Bekenntnis zu diesen evangelischen Räten ein besonderes, nicht
allen gewährtes Geschenk Gottes voraus, wie Jesus selber für den Fall des
freiwilligen Zölibats hervorhebt (vgl. Mt 19,10-12).Dieser Berufung
entspricht allerdings eine spezifische Gabe des Heiligen Geistes ,
damit derjenige, der sich Gott weiht, seiner Berufung und seiner Sendung
zu entsprechen vermag. Wie die Liturgie im Orient und im Abendland bezeugt,
ruft deshalb die Kirche beim Ritus der Ablegung des Ordensgelübdes und
bei der Jungfrauenweihe auf die erwählten Personen die Gabe des Heiligen
Geistes herab und verbindet ihre Selbsthingabe mit dem Opfer Christi.as
Bekenntnis zu den evangelischen Räten ist auch eine Entfaltung der Gnade
des Sakramentes der Firmung, geht aber über die normalen Ansprüche
der Chrisam-Weihe hinaus, kraft einer besonderen Gabe des Geistes, die,
wie die Geschichte des geweihten Lebens beweist, neue Möglichkeiten und
Früchte der Heiligkeit und des Apostolats eröffnet.Was die Priester betrifft,
die das Gelübde der evangelischen Räte ablegen, zeigt die Erfahrung, dab
das Weihesakrament in dieser Weihe zu einer besonderen Fruchtbarkeit
gelangt, da sie die Anforderung einer engeren Zugehörigkeit zum Herrn
stellt und begünstigt. Der Priester, der das Gelübde der evangelischen
Räte ablegt, ist auch dank der je eigenen Spiritualität seines Instituts
und der apostolischen Dimension des zugehörigen Charismas in besonderer
Weise dafür ausgestattet, die Fülle des Geheimnisses Christi in sich neu
zu beleben. Im Priester laufen nämlich die Berufung zum Priestertum und
zum geweihten Leben in tiefer, dynamischer Einheit zusammen.Von unermeblichem
Wert ist auch der Beitrag, der von den Ordenspriestern zum Leben der Kirche
geleistet wird, die sich gänzlich der Kontemplation widmen. In der Eucharistiefeier
vollziehen sie insbesondere eine Handlung der Kirche und für die Kirche,
mit der sie ihre Selbsthingabe verbinden in Gemeinschaft mit Christus,
der sich für das Heil der ganzen Welt dem Vater hingibt.
Die Beziehungen zwischen den verschiedenen Lebensformen
des Christen
31. Die verschiedenen Lebensformen, in die sich nach dem
Plan des Herrn Jesus das kirchliche Leben gliedert, weisen wechselseitige
Beziehungen auf, die einer eingehenderen Betrachtung wert sind.Alle Gläubigen
teilen kraft ihrer Wiedergeburt in Christus eine gemeinsame Würde; alle
sind zur Heiligkeit berufen; alle wirken am Aufbau des einen Leibes Christi
mit, ein jeder entsprechend seiner Berufung und der vom Geist empfangenen
Gabe (vgl. Röm 12,3-8).Die gleiche Würde unter allen Gliedern der
Kirche ist das Werk des Geistes, sie ist begründet auf der Taufe und der
Firmung und wird gestärkt durch die Eucharistie. Aber Werk des Geistes
ist auch die Vielgestaltigkeit. Er ist es, der in der Vielfalt von Berufungen,
Charismen und Dienstämtern die Kirche in einer organischen Gemeinschaft
begründet.ie Berufungen zum Leben als Laie, zum geweihten Dienst und zum
geweihten Leben können gleichsam als beispielhaft angesehen werden, da
alle einzelnen Berufungen sich unter dem einen oder anderen Aspekt auf
sie berufen oder auf sie zurückführen lassen, ob man sie nun einzeln oder
zusammen empfängt, je nach dem Reichtum der Gabe Gottes. Darüber hinaus
dienen sie einander zum Wachstum des Leibes Christi in der Geschichte und
zu seiner Sendung in der Welt. Alle in der Kirche haben die Tauf-oder Firmweihe
erhalten, aber das geweihte Dienstamt und das geweihte Leben setzen jeweils
eine unterschiedliche Berufung und eine besondere Weiheform im Hinblick
auf eine bestimmte Sendung voraus.Angemessene Grundlage für die Sendung
der Laien, deren Aufgabe es ist, »in der Verwaltung und gottgemäben
Regelung der zeitlichen Dinge das Reich Gottes zu suchen«,ist die allen
Gliedern des Gottesvolkes gemeinsame Taufweihe. Die geweihten Diener
empfangen auber dieser grundlegenden Weihe jene der Ordination, um das
apostolische Dienstamt in der Zeit fortzuführen. Die Personen des geweihten
Lebens, die die evangelischen Räte befolgen, erhalten eine neue und
besondere Weihe, die – auch wenn sie keinen sakramentalen Charakter hat
– sie verpflichtet, sich in Zölibat, in der Armut und im Gehorsam die Lebensform
zu eigen zu machen, die Jesus persönlich gelebt hat und von ihm den Jüngern
empfohlen worden ist. Obwohl diese verschiedenen Stände Bekundungen des
einzigartigen Geheimnisses Christi sind, haben die Laien als besonderes,
wenn auch nicht ausschliebliches Merkmal den Weltcharakter, die geweihten
Hirten den Dienstamtscharakter, die Ordensleute die besondere Gleichförmigkeit
mit dem keuschen, armen und gehorsamen Christus.
Der besondere Wert des geweihten Lebens
32. In dieser harmonischen Gesamtheit von Gaben ist jede
der grundlegenden Lebensformen mit der Aufgabe betraut, in ihrem eigenen
Lebensstand die eine oder andere Dimension des einzigartigen Geheimnisses
Christi zum Ausdruck zu bringen. Wenn das Laienleben einen besonderen
Auftrag hat, der Botschaft des Evangeliums innerhalb der zeitlichen
Wirklichkeit Gehör zu verschaffen, so wird im Bereich der kirchlichen Gemeinschaft
von den Mitgliedern des geweihten Standes ein unersetzlicher Dienst
versehen, in besonderer Weise von den Bischöfen. Diese haben die Aufgabe,
das Volk Gottes zu leiten durch die Lehre des Wortes, die Spendung der
Sakramente und die Ausübung der heiligen Amtsgewalt im Dienste der kirchlichen
Gemeinschaft, die eine organische, hierarchisch geordnete Gemeinschaft
ist.as die Bedeutung der Heiligkeit der Kirche angeht, mub ein objektiver
Vorrang dem geweihten Leben zuerkannt werden, das die Lebensweise Christi
selbst widerspiegelt. Eben deshalb findet sich darin eine besonders reichhaltige
Beschreibung der evangelischen Güter und eine vollkommenere Verwirklichung
des Zieles der Kirche, das die Heiligung der Menschheit ist. Das geweihte
Leben kündigt die künftige Zeit an und nimmt sie gewissermaben vorweg,
wenn jenes Himmelreich, das schon jetzt im Keim und im Geheimnis gegenwärtig
ist, zur Vollendung gelangt ist,und die Kinder der Auferstehung nicht mehr
heiraten, sondern sein werden wie die Engel Gottes (vgl. Mt 22,
30).Tatsächlich ist die Vorzüglichkeit der vollkommenen Keuschheit um des
Himmelreiches willen,die zu Recht als das »Tor« zum ganzen geweihten Leben
gilt,Thema der feststehenden Lehre der Kirche. Sie zollt allerdings grobe
Hochachtung der Berufung zur Ehe, die die Eheleute zu »Zeugen und Mitarbeitern
der fruchtbaren Mutter Kirche« macht »zum Zeichen und in Teilnahme jener
Liebe, in der Christus seine Braut geliebt und sich für sie hingegeben
hat«.nter diesem Gesichtspunkt, der dem ganzen geweihten Leben gemeinsam
ist, bewegen sich untereinander verschiedene, aber sich ergänzende Wege.
Die Personen des geweihten Lebens, die sich gänzlich der Kontemplation
widmen, sind in besonderer Weise Abbild Christi, der auf dem Berg betet.Die
geweihten Personen mit einem aktiven Leben tun ihn kund, »wie er den Scharen
das Reich Gottes verkündigt oder wie er die Kranken und Schwachen heilt
und die Sünder zum Guten bekehrt oder wie er die Kinder segnet und allen
Wohltaten erweist«.Einen besonderen Dienst an der Ankunft des Reiches Gottes
versehen die Personen geweihten Lebens in den Säkularinstituten ;
sie vereinen in einer spezifischen Synthese den Wert der Weihe mit dem
Charakter des Säkularen. Indem sie ihre Weihe in der Welt und von der Welt
ausgehend leben,»sind [sie] bestrebt, wie ein Sauerteig alles mit dem Geist
des Evangeliums zu durchdringen zur Stärkung und zum Wachstum des Leibes
Christi«.Sie haben zu diesem Zweck Anteil am Verkündigungsdienst der Kirche
durch das persönliche Zeugnis eines christlichen Lebens, durch den Einsatz,
damit die zeitlichen Dinge nach dem Willen geordnet seien, durch die Mitarbeit
im Dienst an der kirchlichen Gemeinschaft, entsprechend dem ihrer Lebensausrichtung
eigenen Weltcharakter.
Das Evangelium der Seligpreisungen bezeugen
33. Besondere Aufgabe des geweihten Lebens ist es, in
den Getauften das Bewubtsein für die wesentlichen Werte des Evangeliums
lebendig zu erhalten, indem sie »ein deutliches und hervorragendes
Zeugnis dafür geben, dab die Welt nicht ohne den Geist der Seligpreisungen
verwandelt und Gott dargebracht werden kann«.Auf diese Weise läbt das geweihte
Leben fortwährend im Bewubtsein des Gottesvolkes das Bedürfnis aufbrechen,
mit der Heiligkeit des Lebens auf die durch den Heiligen Geist in die Herzen
ausgegossene Liebe Gottes zu antworten (vgl. Röm 5,5), indem sich
in der Haltung die sakramentale Weihe widerspiegelt, die durch Gottes Wirken
in der Taufe und in der Firmung oder in der Weihe erfolgt ist. Es ist in
der Tat notwendig, von der in den Sakramenten vermittelten Heiligkeit zur
Heiligkeit des täglichen Lebens überzugehen. Das geweihte Leben stellt
sich mit seiner Existenz in der Kirche in den Dienst der Heiligung des
Lebens jedes Gläubigen, des Laien wie des Klerikers.Andererseits darf man
nicht vergessen, dab die Personen des geweihten Lebens auch ihrerseits
vom eigenen Zeugnis der anderen Berufungen eine Hilfe erhalten, um die
Zugehörigkeit zum Geheimnis Christi und der Kirche in ihren vielfältigen
Dimensionen vollständig zu leben. Auf Grund dieser wechselseitigen Bereicherung
wird die Sendung des geweihten Lebens bedeutsamer und wirksamer: den anderen
Brüdern und Schwestern mit festem Blick auf den zukünftigen Frieden als
Ziel die endgültige Seligkeit bei Gott aufzuzeigen.
Lebendiges Bild der Kirche als Braut
34. Einen besonderen Stellenwert im geweihten Leben hat
der Sinn des Bräutlichen, der auf das Bedürfnis der Kirche hinweist, in
ausschlieblicher Ganzhingabe an ihren Bräutigam zu leben, von dem sie alles
Gute empfängt. In dieser Dimension des Bräutlichen, die dem ganzen geweihten
Leben zueigen ist, ist es vor allem die Frau, die sich in einzigartiger
Weise wiederfindet, so als würde sie den besonderen Charakter ihrer Beziehung
zum Herrn entdecken.Eindrucksvoll ist diesbezüglich die neutestamentliche
Stelle, die Maria mit den Aposteln im Abendmahlssaal in betender Erwartung
des Heiligen Geistes darstellt (vgl. Apg 1,13-14). Da kann man ein
lebendiges Bild der Kirche als Braut sehen, die auf die Zeichen des Bräutigams
achtet und bereit ist, sein Geschenk zu empfangen. Bei Petrus und den anderen
Aposteln tritt vor allem die Dimension der Fruchtbarkeit hervor, die sich
im kirchlichen Dienstamt ausdrückt, das durch die Weitergabe des Wortes,
die Feier der Sakramente und die Seelsorge zum Werkzeug des Geistes für
die Zeugung neuer Söhne und Töchter wird. In Maria ist die Dimension der
bräutlichen Aufnahme besonders lebendig, mit der die Kirche durch ihre
ganze jungfräuliche Liebe in sich das göttliche Leben fruchtbar werden
läbt.Das geweihte Leben wurde immer vorwiegend von seiten Mariens, der
jungfräulichen Braut, gesehen. In dieser jungfräulichen Liebe hat eine
besondere Fruchtbarkeit ihren Ursprung, die zum Entstehen und Wachstum
des göttlichen Lebens in den Herzen beiträgt.Auf den Spuren Mariens, der
neuen Eva, bringt die Person des geweihten Lebens ihre geistliche Fruchtbarkeit
dadurch zum Ausdruck, dab sie aufnahmebereit wird für das Wort, um mit
ihrer bedingungslosen Hingabe und ihrem lebendigen Zeugnis am Aufbau der
neuen Menschheit mitzuwirken. So offenbart die Kirche voll ihre Mütterlichkeit
sowohl durch die dem Petrus anvertraute Mitteilung des göttlichen Handelns
als auch durch die für Maria typische verantwortungsvolle Annahme des göttlichen
Geschenkes.Das christliche Volk findet seinerseits im geweihten Dienstamt
die Mittel des Heils, im geweihten Leben den Ansporn zu einer vollkommenen
Antwort der Liebe in allen verschiedenen Formen der Diakonie.
IV. VOM GEIST DER HEILIGKEIT GEFÜHRT
»Verklärte« Existenz: der Ruf zur Heiligkeit
35. «Als die Jünger das hörten, bekamen sie grobe Angst
und warfen sich mit dem Gesicht zu Boden« (Mt 17,6). Im Ereignis
der Verklärung betonen die Synoptiker, wenn auch mit verschiedenen Nuancen,
den Sinn der Angst, die die Jünger ergreift. Der Glanz des verklärten Antlitzes
Christi verhindert nicht, dab sie sich angesichts der göttlichen Majestät,
die sie in ihren Bann schlägt, bestürzt vorkommen. Wann immer der Mensch
die Herrlichkeit Gottes erfährt, berührt er auch mit den Händen sein Kleinsein,
und er bekommt davon ein Gefühl des Schreckens. Diese Angst ist heilbringend.
Sie erinnert den Menschen an die göttliche Vollkommenheit und gleichzeitig
drängt sie ihn mit einem dringenden Aufruf zur »Heiligkeit«.Alle Söhne
und Töchter der Kirche, die vom Vater aufgerufen sind, auf Christus »zu
hören«, müssen ein tiefes Bedürfnis nach Bekehrung und Heiligkeit
verspüren. Wie bei der Synode betont wurde, ruft dieses Bedürfnis aber
in erster Linie das geweihte Leben auf den Plan. Denn die Berufung der
Personen des geweihten Lebens, vor allen anderen Dingen das Reich Gottes
zu suchen, ist vor allem ein Ruf zur völligen Umkehr, in der Selbstaufgabe,
um ganz vom Herrn zu leben, damit Gott alles in allen sei. Die Personen
des geweihten Lebens sind berufen, das verklärte Angesicht Christi zu betrachten
und zu bezeugen; sie sind aber auch zu einem »verklärten« Dasein berufen.Bezeichnend
ist in diesem Zusammenhang, was im Schlubbericht der II. Auberordentlichen
Versammlung der Synode formuliert wurde: »In der ganzen Kirchengeschichte
sind heilige Männer und Frauen stets in den schwierigsten Situationen Quelle
und Ursprung der Erneuerung gewesen. Heute haben wir gröbten Bedarf an
Heiligen, die wir eindringlich von Gott erflehen müssen. Die Institute
des geweihten Lebens müssen sich durch das Bekenntnis zu den evangelischen
Räten ihrer besonderen Sendung in der Kirche von heute bewubt sein, und
wir müssen sie in ihrer Sendung ermutigen«.Dieser Beurteilung stimmten
die Väter der IX. Synodenversammlung zu, die erklärten: »Das geweihte Leben
ist während der ganzen Kirchengeschichte eine lebendige Gegenwart dieses
Wirkens des Geistes gewesen. Es war ein bevorzugter Raum der absoluten
Liebe zu Gott und zum Nächsten, ein Zeugnis für den göttlichen Plan, aus
der ganzen Menschheit in der Zivilisation der Liebe die grobe Familie der
Kinder Gottes zu machen«.ie Kirche hat stets im Bekenntnis zu den evangelischen
Räten einen bevorzugten Weg zur Heiligkeit gesehen. Die Ausdrücke selbst,
mit denen sie diese umschreibt — Schule des Dienstes am Herrn, Schule der
Liebe und Heiligkeit, Weg oder Stand der Vollkommenheit —, weisen sowohl
auf die Wirksamkeit und den Reichtum der dieser evangelischen Lebensform
eigenen Wege wie auf das besondere Engagement derer hin, die sie annehmen.Es
ist kein Zufall, dab im Laufe der Jahrhunderte so viele Personen des geweihten
Lebens eindrucksvolle Zeugnisse der Heiligkeit hinterlassen und besonders
grobherzige und schwierige Werke der Evangelisierung und des Dienstes vollbracht
haben.
Treue zum Charisma
36. In der Nachfolge Christi und in der Liebe zu seiner
Person gibt es einige Punkte bezüglich des Wachstums der Heiligkeit im
geweihten Leben, die heute besonders hervorgehoben zu werden verdienen.Vor
allem wird die Treue zum Gründungscharisma und dem sich daraus ergebenden
geistlichen Erbe jedes Instituts verlangt. Gerade in dieser Treue zur Inspiration
der Gründer und Gründerinnen, einer Gabe des Heiligen Geistes, lassen sich
die wesentlichen Elemente des geweihten Lebens leichter wiederentdecken
und intensiver wiederbeleben.Jedes Charisma hat nämlich an seinem Anfang
eine dreifache Orientierung: vor allem ist es auf den Vater ausgerichtet
im Verlangen, kindlich seinen Willen zu suchen durch einen dauernden Bekehrungsprozess,
in dem der Gehorsam die Quelle wahrer Freiheit ist, die Keuschheit die
Erwartung eines von jeder vergänglichen Liebe unbefriedigten Herzens zum
Ausdruck bringt, die Armut jenen Hunger und Durst nach Gerechtigkeit nährt,
den zu stillen Gott verheiben hat (vgl. Mt 5,6). In dieser Sicht
wird das Charisma jedes Instituts die Person des geweihten Lebens anspornen,
ganz Gott zu gehören, mit Gott oder von Gott zu reden, wie vom hl. Dominikus
gesagt wird,um zu kosten, wie gütig der Herr in allen Situationen ist (vgl.
Ps 34 [33],9).Die Charismen des geweihten Lebens schlieben auch
eine Orientierung auf den Sohn hin ein: sie leiten dazu an, mit
ihm eine innige und frohe Lebensgemeinschaft in der Schule seines grobherzigen
Dienstes vor Gott und an den Brüdern und Schwestern zu pflegen. »Der nach
und nach Christus ähnlich gewordene Blick lernt so, sich abzukehren vom
Äuberlichen, vom Sturm der Gefühle, das heibt von allem, was den Menschen
daran hindert, sich leicht und bereitwillig vom Geist ergreifen zu lassen«,und
erklärt sich so bereit, mit Christus in die Mission zu gehen, indem er
mit ihm bei der Ausbreitung seines Reiches arbeitet und leidet.Schlieblich
wohnt jedem Charisma eine Orientierung nach dem Heiligen Geist inne,
denn es veranlabt den Betreffenden, sowohl auf seinem persönlichen geistlichen
Weg wie im Leben der Gemeinschaft und bei der apostolischen Tätigkeit sich
von ihm leiten und bestärken zu lassen, um in jener Haltung des Dienens
zu leben, die jede Entscheidung eines glaubwürdigen Christen inspirieren
mub.Tatsächlich tritt bei jedem Gründungscharisma immer diese dreifache
Beziehung zutage, wenn auch mit den je spezifischen Zügen der verschiedenen
Lebensmodelle, auf Grund der Tatsache, dab in ihm »eine tiefe, brennende
Sehnsucht des Herzens« herrscht, »Christus gleichförmig zu werden, um einen
gewissen Aspekt seines Geheimnisses zu bezeugen«;gemeint ist der spezifische
Aspekt, gemäb den Regeln, Konstitutionen und Statuten in die echte Tradition
des Instituts hineinzuwachsen und sich darin zu entfalten.
Schöpferische Treue
37. Die Institute werden daher eingeladen, als Antwort
auf die in der heutigen Welt auftretenden Zeichen der Zeit mutig den Unternehmungsgeist,
die Erfindungsgabe und die Heiligkeit der Gründer und Gründerinnen wieder
hervorzuheben.Diese Einladung ist vor allem ein Aufruf zur Beharrlichkeit
auf dem Weg der Heiligkeit durch die materiellen und geistlichen Schwierigkeiten
hindurch, von denen das Alltagsgeschehen gezeichnet ist. Sie ist aber auch
ein Aufruf, die Zuständigkeit wieder in der eigenen Arbeit zu suchen und
eine dynamische Treue zur eigenen Sendung zu pflegen, indem die Institute
in voller Fügsamkeit gegenüber der göttlichen Eingebung und der kirchlichen
Erkenntnis die Formen, falls nötig, an die neuen Situationen und verschiedenen
Bedürfnisse anpassen. Es mub freilich die Überzeugung lebendig bleiben,
dab auf der Suche nach immer vollkommenerer Gleichförmigkeit mit dem Herrn
die Gewähr für jede Erneuerung gegeben ist, die der ursprünglichen Inspiration
treu bleiben will.n diesem Geist wird heute für jedes Institut eine
erneuerte Bezugnahme auf die Regel zur dringenden Notwendigkeit, da
in ihr und in den Konstitutionen ein Weg der Nachfolge enthalten ist, der
von einem eigenen, von der Kirche beglaubigten Charisma gekennzeichnet
ist. Eine stärkere Beachtung der Regel wird es nicht versäumen, den Personen
des geweihten Lebens ein sicheres Kriterium anzubieten auf der Suche nach
geeigneten Formen eines Zeugnisses, das auf die Forderungen der Zeit zu
antworten imstande ist, ohne sich von der Anfangsinspiration zu entfernen.
Gebet und Askese: der geistliche Kampf
38. Der Ruf zur Heiligkeit wird nur in der Stille der
Anbetung vernommen und kann nur vor der unendlichen Transzendenz Gottes
gepflegt werden: »Wir müssen uns eingestehen, dab wir alle dieses von angebeteter
Gegenwart erfüllte Schweigen nötig haben: die Theologie, um die eigene
Seele der Weisheit und des Geistes voll erschlieben zu können; das Gebet,
damit es niemals vergesse: Gott schauen heibt, mit so strahlendem Gesicht
vom Berg hinabzusteigen, dab man es mit einem Schleier verhüllen mub (vgl.
Ex 34,33) [...]; das Engagement, damit es darauf verzichte, sich
in einen Kampf zu verbeiben, der keine Liebe und Gnade kennt [...]. Alle,
Glaubende und Nicht-Glaubende, müssen ein Schweigen erlernen, das dem anderen
zu sprechen erlaubt, wann und wo er will, und uns jenes Wort verstehen
läbt«.Dies schliebt konkret eine grobe Treue zum liturgischen und persönlichen
Gebet ein, zu den für das geistige Gebet und die Betrachtung vorgesehenen
Zeiten, zur eucharistischen Anbetung, zu den monatlichen Einkehrtagen und
zu den geistlichen Exerzitien.Es gilt auch die für die geistliche Tradition
der Kirche und des eigenen Instituts typischen asketischen Mittel
wiederzuentdecken. Sie waren und sind noch immer eine wirksame Hilfe für
einen echten Weg der Heiligkeit. Da die Askese die Neigungen der von der
Sünde verletzten menschlichen Natur zu beherrschen und zu korrigieren hilft,
ist sie für die Person des geweihten Lebens wirklich unentbehrlich, um
ihrer Berufung treu zu bleiben und Jesus auf dem Kreuzweg zu folgen.Es
ist ebenso notwendig, einige Versuchungen zu erkennen und zu überwinden,
die bisweilen durch teuflische Verlockung unter dem Anschein des Guten
auftreten. So kann zum Beispiel das berechtigte Bedürfnis, die heutige
Gesellschaft kennenzulernen, um auf ihre Herausforderungen zu antworten,
dazu verleiten, bei Minderung des geistlichen Eifers oder mit erkennbaren
Anzeichen von Mutlosigkeit den Moden des Augenblicks nachzugeben. Die Möglichkeit
einer höheren geistlichen Bildung könnte die Personen des geweihten Lebens
zu einem gewissen Überlegenheitsgefühl gegenüber den anderen Gläubigen
verleiten, während die Dringlichkeit begründeter und gebührender beruflicher
Qualifikation zu einem übertriebenen Bemühen um Effizienz werden kann,
als hinge der apostolische Dienst vorwiegend von den menschlichen Mitteln
und nicht von Gott ab. Das lobenswerte Anliegen, den Männern und Frauen
unserer Zeit, Glaubenden und Nicht-Glaubenden, Armen und Reichen, näherzukommen,
kann zur Annahme eines säkularisierten Lebensstils oder zu einer Förderung
der menschlichen Werte in rein horizontalem Sinne führen. Die Billigung
der berechtigten Forderungen der eigenen Nation oder Kultur könnte dazu
verleiten, sich Formen des Nationalismus anzu-schlieben oder gewohnheitsmäbige
Elemente anzunehmen, die jedoch der Reinigung und Verbesserung im Lichte
des Evangeliums bedürfen.Der Weg zur Heiligkeit schliebt also die Annahme
des geistlichen Kampfes ein. Das ist eine anspruchsvolle Tatsache,
der man heute nicht immer die notwendige Aufmerksamkeit widmet. In der
Überlieferung ist häufig das geistliche Ringen in Jakobs Kampf mit dem
Geheimnis Gottes dargestellt worden, den er angreift, um zu seinem Segen
zu gelangen und sein Angesicht zu schauen (vgl. Gen 32,23-31). In
diesem Geschehen der Anfänge der biblischen Geschichte können die Personen
des geweihten Lebens das Symbol des asketischen Eifers lesen, den sie brauchen,
um das Herz weitzumachen und für die Annahme des Herrn sowie der Brüder
und Schwestern zu öffnen.
Die Förderung der Heiligkeit
39. Ein erneuertes Engagement der Personen des geweihten
Lebens zur Heiligkeit ist heute notwendiger denn je, auch um das Streben
jedes Christen nach Vollkommenheit zu fördern und zu unterstützen.
»Es mub daher in jedem Gläubigen eine echte Sehnsucht nach Heiligkeit geweckt
werden, ein starkes Verlangen nach Umkehr und persönlicher Erneuerung in
einem Klima immer intensiveren Betens und solidarischer Annahme des Nächsten,
besonders des am meisten Bedürftigen«.n dem Mabe, in dem sie ihre Freundschaft
mit Gott vertiefen, versetzen sich die Personen des geweihten Lebens in
die Lage, durch wirksame geistliche Initiativen Brüdern und Schwestern
zu helfen, wie Gebetsschulen, Exerzitien und geistliche Einkehrtage, geistliches
Hören und geistliche Anleitung. Auf diese Weise wird der Fortschritt im
Gebet von Menschen erleichtert, die daraufhin eine bessere Erkenntnis hinsichtlich
des Willens Gottes in bezug auf sich selbst erreichen und sich für die
vom Glauben geforderten mutigen, ja bisweilen heroischen Optionen entscheiden
können. In der Tat »fügen sich die Ordensleute durch ihr tiefstes Wesen
in den Dynamismus der Kirche ein, ergriffen vom Absoluten, das Gott ist,
und zur Heiligkeit aufgerufen. Von dieser Heiligkeit geben sie Zeugnis«.Die
Tatsache, dab wir alle aufgerufen sind, heilig zu werden, mub jene in höherem
Mabe anspornen, die auf Grund ihrer Lebensentscheidung die Sendung haben,
die anderen daran zu erinnern.
»Steht auf, habt keine Angst«: ein erneuertes Vertrauen
40. «Da trat Jesus zu ihnen, fabte sie an und sagte: Steht
auf, habt keine Angst« (Mt 17,7). Wie die drei Apostel im Ereignis
der Verklärung, so wissen die Personen des geweihten Lebens aus Erfahrung,
dab ihr Leben nicht immer von jenem spürbaren Eifer erleuchtet ist, der
rufen läbt: »Es ist gut, dab wir hier sind« (Mt 17,4). Es ist jedoch
immer ein von der Hand Christi »berührtes« Leben, von seiner Stimme erreicht
und seiner Gnade unterstützt.»Steht auf, habt keine Angst«. Diese Ermutigung
des Meisters ist selbstverständlich an jeden Christen gerichtet. Aber sie
gilt noch mehr für den, der berufen ist »alles zu verlassen« und folglich
für Christus »alles zu riskieren«. Dies gilt in besonderer Weise jedes
Mal, wenn man mit dem Meister vom »Berg« herabsteigt, um den Weg einzuschlagen,
der vom Tabor auf den Kalvarienberg führt.Wenn Lukas sagt, dab Mose und
Elija mit Christus von seinem Ostergeheimnis sprachen, benützt er bezeichnenderweise
den Ausdruck »Ende« (éxodos): »sie sprachen von seinem Ende,
das sich in Jerusalem erfüllen sollte« (Lk 9,31). »Ende«: Grundbegriff
der Offenbarung, auf den sich die ganze Heilsgeschichte beruft und der
den tiefen Sinn des Ostergeheimnisses zum Ausdruck bringt. Ein für die
Spiritualität des geweihten Lebens besonders wichtiges Thema, das seine
Bedeutung gut hervorhebt. Darin ist unvermeidlich enthalten, was zum mysterium
Crucis gehört. Aber dieser anspruchsvolle »Weg zum Ende hin«, aus der
Perspektive des Berges Tabor betrachtet, erscheint wie ein Weg zwischen
zwei Lichtern: das vorwegnehmende Licht der Verklärung und jenes endgültige
Licht der Auferstehung.Die Berufung zum geweihten Leben — unter dem Blickwinkel
des ganzen christlichen Lebens — ist trotz seiner Entsagungen und Prüfungen,
im Gegenteil, gerade deswegen, Weg »des Lichtes«, über den der Blick
des Erlösers wacht: »steht auf, habt keine Angst«.
KAPITEL II
SIGNUM FRATERNITATIS
DAS GEWEIHTE LEBEN ALS ZEICHEN
DER GEMEINSCHAFT IN DER KIRCHE
I. BLEIBENDE WERTE
Als Abbild der Dreifaltigkeit
41. Während seines Erdenlebens rief der Herr Jesus jene
zu sich, die er erwählt hatte, um sie bei sich zu haben und sie zu unterweisen,
nach seinem Beispiel für den Vater und für den von ihm erhaltenen Auftrag
zu leben (vgl. Mk 3,13-15). Damit begründete er jene neue Familie,
zu der im Laufe der Jahrhunderte alle gehören sollen, die bereit sein werden,
»den Willen Gottes zu erfüllen« (vgl. Mk 3,32-35). Nach der Himmelfahrt
entstand unter der Wirkung der Gabe des Geistes um die Apostel eine brüderliche
Gemeinde, die sich versammelte, um Gott zu loben und Gemeinschaft konkret
zu erfahren (vgl. Apg 2,42-47; 4,32-35). Das Leben dieser Gemeinde
und noch mehr die Erfahrung der vollen Zugehörigkeit zu Christus, wie sie
von den zwölf Aposteln gelebt wurde, sind stets das Modell gewesen,
an dem sich die Kirche inspirierte, wenn sie den glühenden Eifer
der Anfangszeiten wiederbeleben und sich mit erneuerter evangelischer Kraft
wieder auf ihren Weg in der Geschichte machen wollte.In der Tat ist
die Kirche ihrem Wesen nach Geheimnis der Gemeinschaft, »das von der
Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes geeinte Volk«.Die
Tiefe und die Fülle dieses Geheimnisses will das geschwisterliche Leben
dadurch widerspiegeln, dab es sich als von der Dreifaltigkeit bewohnter
menschlicher Raum gestaltet, der auf diese Weise die den drei göttlichen
Personen eigenen Gaben der Gemeinschaft in die Geschichte einbringt. Vielfältig
sind im kirchlichen Leben die Bereiche und Modalitäten, in denen die geschwisterliche
Gemeinschaft zum Ausdruck gebracht wird. Das geweihte Leben hat zweifellos
das Verdienst, wirksam dazu beigetragen zu haben, in der Kirche das Verlangen
nach Geschwisterlichkeit als Bekenntnis zur Dreifaltigkeit lebendig zu
erhalten. Es hat durch die ständige Förderung der geschwisterlichen Liebe
auch in der Form des Gemeinschaftslebens gezeigt, dab die Teilnahme
an der trinitarischen Gemeinschaft die menschlichen Beziehungen dahingehend
zu verändern vermag , dab sie eine neue Art von Solidarität hervorbringt.
Auf diese Weise zeigt das geweihte Leben den Menschen sowohl die Schönheit
der geschwisterlichen Gemeinschaft als auch die Wege, die konkret zu ihr
führen. Denn die Personen des geweihten Lebens leben »für« Gott und »von«
Gott und können sich eben deshalb zur Macht der versöhnenden Wirkung der
Gnade bekennen, die die im Herzen des Menschen und in den sozialen Beziehungen
vorhandenen zersetzenden Kräfte niederwirft.
Geschwisterliches Leben in Liebe
42. Das geschwisterliche Leben, verstanden als in Liebe
geteiltes Leben, ist ein ausdrucksvolles Zeichen der kirchlichen Gemeinschaft.
Es wird mit besonderer Sorgfalt von den Ordensinstituten und den Gesellschaften
des apostolischen Lebens gepflegt, wo das Leben in Gemeinschaft besondere
Bedeutung erlangt.Doch die Dimension der geschwisterlichen Gemeinschaft
ist weder den Säkularinstituten noch den individuellen Formen geweihten
Lebens fremd. So entziehen sich die Eremiten in ihrer tiefen Einsamkeit
keineswegs der kirchlichen Gemeinschaft, sondern dienen ihr mit ihrem besonderen
Charisma der Kontemplation; die gottgeweihten Jungfrauen in der Welt verwirklichen
ihre Weihe durch eine besondere Verbindung der Gemeinschaft mit der Teil-
und der Universalkirche. Ähnliches gilt für Witwen und Witwer, die die
Weihe empfangen haben.Alle diese Personen bemühen sich, in Verwirklichung
der Jüngerschaft im Sinn des Evangeliums das »neue Gebot« des Herrn zu
leben, nämlich einander zu lieben, wie er uns geliebt hat (vgl. Joh
13,34). Die Liebe hat Christus zur Selbsthingabe bis hin zum höchsten Opfer
am Kreuz geführt. Auch unter seinen Jüngern gibt es keine echte Einheit
ohne diese bedingungslose gegenseitige Liebe, die Verfügbarkeit zum
Dienst unter Einsatz aller Kräfte erfordert, Bereitschaft, den anderen
so, wie er ist, ohne Vorurteil anzunehmen, die Fähigkeit, auch »siebenundsiebzigmal«
zu vergeben (Mt 18,22), den Willen, keinen zu verurteilen (vgl.
Mt 7,1-2). Für die Personen des geweihten Lebens, die durch diese
vom Heiligen Geist in die Herzen ausgegossene Liebe (vgl. Röm 5,5)
»ein Herz und eine Seele« geworden sind (Apg 4,32), wird es zum
inneren Bedürfnis, alles gemeinsam zu haben: materielle Güter und
geistliche Erfahrungen, Begabungen und Eingebungen sowie apostolische Ideale
und Dienst der Nächstenliebe: »Im Gemeinschaftsleben geht die in einem
vorhandene Kraft des Geistes gleichzeitig auf alle über. Da erfreut man
sich nicht nur der eigenen Gabe, sondern vervielfältigt sie, indem man
andere daran teilhaben läbt, und geniebt die Frucht der Gabe der anderen
wie die eigene«.odann mub im Gemeinschaftsleben irgendwie erkennbar werden,
dab die geschwisterliche Gemeinschaft, noch eher als Weg für eine bestimmte
Sendung, göttlicher Ort ist, an dem die mystische Gegenwart des
auferstandenen Herrn erfahren werden kann (vgl. Mt 18,20).Das geschieht
dank der gegenseitigen Liebe aller, die die Gemeinschaft bilden, einer
Liebe, die vom Wort und von der Eucharistie genährt, im Sakrament der Versöhnung
gereinigt und von der Bitte um Einheit gestärkt wird, dem besonderen Geschenk
des Geistes für diejenigen, die gehorsam auf das Evangelium hören. Er,
der Geist selbst ist es, der die Seele zur Gemeinschaft mit dem Vater und
dem Sohn Jesus Christus führt (vgl. 1 Joh 1,3), zur Gemeinschaft,
in der die Quelle des geschwisterlichen Lebens ist. Vom Geist werden die
Gemeinschaften des geweihten Lebens bei der Erfüllung ihrer Sendung zum
Dienst an der Kirche und an der ganzen Menschheit entsprechend ihrer ursprünglichen
Inspiration geleitet.In dieser Perspektive sind die »Kapitel« (oder analoge
Versammlungen), sei es besondere oder Generalkapitel, von besonderer Bedeutung.
Während dieser Kapitel ist jedes Institut berufen, nach den von deren Konstitutionen
festgelegten Normen die Oberen oder die Oberinnen zu wählen und im Lichte
des Geistes die angemessenen Bestimmungen zu treffen, um das eigene Charisma
und das eigene spirituelle Erbe zu bewahren und es in den verschiedenen
historischen und kulturellen Situationen auf den aktuellen Stand zu bringen.
Die Aufgabe der Autorität
43. Im geweihten Leben war das Amt der Oberen und Oberinnen,
auch der Ortsoberen, stets von grober Bedeutung sowohl für das geistliche
Leben als auch für die Sendung. In diesen Jahren des Suchens und der Veränderungen
war gelegentlich auch von der Notwendigkeit einer Revision dieses Amtes
zu hören. Es gilt aber anzuerkennen, dab derjenige, der die Autorität ausübt,
auf seine Aufgabe als erster Verantwortlicher der Gemeinschaft,
nämlich auf die Leitung der Brüder und Schwestern auf dem geistlichen und
apostolischen Weg, nicht verzichten kann.Es ist nicht leicht, in
einem stark vom Individualismus geprägten Milieu die Aufgabe, die die Autorität
zum Vorteil aller ausübt, anzuerkennen und anzunehmen. Es mub jedoch die
Wichtigkeit dieser Aufgabe erneut herausgestellt werden, die sich als notwendig
erweist, um die geschwisterliche Gemeinschaft zu festigen und nicht den
gelobten Gehorsam zu vereiteln. Auch wenn die Autorität vor allem geschwisterlich
und geistlicher Art sein soll und infolgedessen derjenige, der mit ihr
ausgestattet ist, die Mitbrüder und Mitschwestern durch den Dialog in den
Entscheidungsprozeb einzubeziehen wissen mub, ist es dennoch angebracht,
sich daran zu erinnern, dab die Autorität das letzte Wort hat und
es ihr zusteht, dab die gefabten Beschlüsse eingehalten werden.
Die Rolle der alten Leute
44. Die Sorge um die Alten und Kranken gehört ganz wesentlich
zum geschwisterlichen Leben, besonders in einer Zeit wie der unseren, in
der in manchen Gegenden der Welt die Zahl der Personen des geweihten Lebens
zunimmt, die in den Jahren nunmehr fortgeschritten sind. Die zuvorkommende
Aufmerksamkeit, die sie verdienen, entspricht nicht nur einer eindeutigen
Verpflichtung zu Liebe und Anerkennung, sondern sie ist auch Ausdruck der
Erkenntnis, dab ihr Zeugnis für die Kirche und die Institute sehr nützlich
ist und ihre Sendung auch dann gültig und verdienstvoll bleibt, wenn sie
wegen des Alters oder aus Krankheit ihre eigentliche Tätigkeit aufgeben
müssen. Sie haben zweifellos der Gemeinschaft viel an Weisheit
und Erfahrung zu geben, wenn diese imstande ist, ihnen voll Aufmerksamkeit
und mit der Fähigkeit zum Zuhören nahezustehen.In der Tat besteht die apostolische
Sendung noch vor dem Tun im Zeugnis der eigenen vollkommenen Hingabe an
den Heilswillen des Herrn, einer Hingabe, die sich an den Quellen des Gebets
und der Bube nährt. Es gibt daher viele Möglichkeiten, wie die alten Mitglieder
ihre Berufung leben können: das eifrige Gebet, die geduldige Annahme der
eigenen Situation, die Verfügbarkeit für den Dienst als Spiritual, als
Beichtvater und Begleiter des Betens.
Als Abbild der apostolischen Gemeinschaft
45. Das geschwisterliche Leben spielt auf dem geistlichen
Weg der Personen des geweihten Lebens eine grundlegende Rolle sowohl für
ihre ständige Erneuerung als auch für die vollkommene Erfüllung ihrer Sendung
in der Welt: dies läbt sich aus den theologischen Begründungen schlieben,
die dem geschwisterlichen Leben zugrunde liegen, findet aber auch in der
eigenen Erfahrung weitgehende Bestätigung. Ich ermahne daher die Personen
des geweihten Lebens, das Gemeinschaftsleben eifrig zu pflegen und damit
dem Beispiel der ersten Christen von Jerusalem zu folgen, die voll Eifer
die Lehre der Apostel hörten, am gemeinsamen Gebet und an der Feier der
Eucharistie teilnahmen und die materiellen Güter und Gnadengaben miteinander
teilten (vgl. Apg 2,42-47). Vor allem ermahne ich die Ordensleute
und die Mitglieder der Gesellschaften des apostolischen Lebens, vorbehaltlos
die gegenseitige Liebe zu leben und dieser durch die Bestimmungen, die
der Natur eines jeden Instituts entsprechen, Ausdruck zu verleihen, damit
sich jede Gemeinschaft als leuchtendes Zeichen des neuen Jerusalem, der
»Wohnung Gottes unter den Menschen« (Offb 21,3), erweise.Denn die
ganze Kirche zählt sehr auf das Zeugnis von Gemeinschaften, die »voll Freude
und erfüllt vom Heiligen Geist« sind (Apg 13, 52). Sie möchte die
Welt auf das Beispiel von Gemeinschaften hinweisen, in denen die gegenseitige
Aufmerksamkeit die Einsamkeit überwinden hilft, die Kommunikation alle
dazu anspornt, sich mitverantwortlich zu fühlen, und in denen Vergebung
die Wunden heilt und in jedem einzelnen den Vorsatz zur Gemeinschaft stärkt.
In derartigen Gemeinschaften lenkt die Natur des Charismas die Kräfte,
festigt die Treue und richtet die apostolische Arbeit aller auf die eine
Sendung aus. Um der heutigen Menschheit ihr wahres Gesicht zu zeigen, braucht
die Kirche dringend solche brüderliche Gemeinschaften, die schon allein
durch ihr Bestehen einen Beitrag zur Neuevangelisierung leisten, da sie
konkret die Früchte des »neuen Gebotes« erbringen.
Sentire cum Ecclesia
46. Eine grobe Aufgabe ist dem geweihten Leben auch im
Lichte der vom II. Vatikanischen Konzil mit fester Entschiedenheit dargestellten
Lehre von der Kirche als Gemeinschaft anvertraut. Von den Personen
des geweihten Lebens wird verlangt, als »Zeugen und Baumeister jenes ‘göttlichen
Planes für Gemeinschaft', der die Geschichte der Menschen krönen soll«,wirklich
Experten der Gemeinschaft zu sein und deren Spiritualität in die Praxis
umzusetzen.Der Sinn der kirchlichen Gemeinschaft, die sich zu einer Spiritualität
der Gemeinschaft entwickelt, fördert eine Weise des Denkens, Sprechens
und Handelns, die die Kirche an Tiefe und Weite wachsen läbt. Denn das
Gemeinschaftsleben »wird zu einem Zeichen für die Welt, zur anziehenden
Kraft , die zum Glauben an Christus führt [...] Auf diese Weise
öffnet sich die communio der Sendung, wird selbst Sendung«, ja,
» die communio schafft communio und stellt sich wesentlich als missionarische
communio dar«.ei den Stiftern und Stifterinnen erscheint der Sinn
für die Kirche immer lebendig und zeigt sich in ihrer vollkommenen
Teilnahme am kirchlichen Leben in allen seinen Dimensionen und im bereitwilligen
Gehorsam den Bischöfen, insbesondere dem Papst von Rom gegenüber. Vor diesem
Horizont der Liebe zur heiligen Kirche, »Säule und Fundament der Wahrheit«
(1 Tim 3,15), begreifen wir die Ergebenheit eines Franz von Assisi
dem »Herrn Papst« gegenüber,den kindlichen Unternehmungsgeist einer Katharina
von Siena dem gegenüber, den sie den »süben Christus auf Erden nennt«,den
apostolischen Gehorsam und das »Sentire cum Ecclesia«eines Ignatius von
Loyola, das freudige Glaubensbekenntnis einer Theresia von Jesus: »Ich
bin Tochter der Kirche«.Man versteht auch die Sehnsucht der Theresia von
Lisieux: »Im Herzen der Kirche, meiner Mutter, werde ich die Liebe sein«.Ähnliche
Zeugnisse stellen die volle kirchliche Gemeinschaft dar, die Heilige sowie
Stifter und Stifterinnen zu ganz verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen
und oft sehr schwierigen Umständen gegeben haben. Auf diese Vorbilder müssen
die Personen des geweihten Lebens immer wieder Bezug nehmen, um den heutzutage
besonders aktiven zentrifugalen und zersetzenden Antriebskräften entgegenzuwirken.Ein
Wesensmerkmal dieser kirchlichen communio ist das Festhalten mit Herz und
Verstand am Lehramt der Bischöfe, das von allen Personen des geweihten
Lebens, besonders jenen, die in der theologischen Forschung, in der Lehre,
im Publikationswesen, in der Katechese, im Bereich der sozialen Kommunikationsmittel
tätig sind, treu gelebt und vor dem Volk Gottes klar und deutlich bezeugt
werden mub.Da die Personen des geweihten Lebens einen besonderen Platz
in der Kirche einnehmen, kommt ihrer diesbezüglichen Haltung für das ganze
Volk Gottes grobe Bedeutung zu. Ihr apostolisches Wirken, das sich im Rahmen
der prophetischen Sendung aller Getauften im allgemeinen durch Aufgaben
besonderer Zusammenarbeit mit der Hierarchie qualifiziert, gewinnt aus
ihrem Zeugnis kindlicher Liebe Kraft und Schärfe.Auf diese Weise leisten
sie mit dem Reichtum ihrer Charismen einen besonderen Beitrag, damit die
Kirche ihr Wesen als Sakrament der innigen Vereinigung mit Gott und der
Einheit des gesamten Menschengeschlechts immer vollkommener verwirkliche.
Die Brüderlichkeit in der Universalkirche
47. Die Personen des geweihten Lebens sind auf Grund der
Tatsache selbst, dab die vielfältigen Charismen der jeweiligen Institute
vom Heiligen Geist geschenkt werden im Hinblick auf das Wohl des ganzen
mystischen Leibes, zu dessen Aufbau sie beitragen sollen (vgl. 1 Kor
12,4-11), dazu berufen, Sauerteig missionarischer Gemeinschaft in der Universalkirche
zu sein. Bezeichnenderweise ist es die Liebe, die nach den Worten des Apostels
»der Weg« ist, »der alles übersteigt« (1 Kor 12,31), die Wirklichkeit,
die »die gröbte unter allen ist« (1 Kor 13,13), die alle Unterschiede
harmonisch in Einklang bringt und allen die Kraft verleiht, im apostolischen
Einsatz einander Stütze zu sein. Gerade danach strebt das besondere
Band der Gemeinschaft, das die verschiedenen Formen des geweihten Lebens
und die Gesellschaften des apostolischen Lebens zum Nachfolger Petri
in seinem Dienst an der Einheit und der missionarischen Universalität haben.
Die Geschichte der Spiritualität veranschaulicht dieses Band eingehend
dadurch, dab sie deren günstige Aufgabe zeigt, um sowohl die dem geweihten
Leben eigene Identität als auch die missionarische Ausbreitung des Evangeliums
zu gewährleisten. Die machtvolle Verbreitung der evangelischen Botschaft
ebenso wie die feste Verwurzelung der Kirche in so vielen Gegenden der
Welt und der christliche Frühling, der heute in den jungen Kirchen festzustellen
ist, wären — wie die Synodenväter festgestellt haben — ohne den Beitrag
so vieler Institute des geweihten Lebens und der Gesellschaften des apostolischen
Lebens undenkbar. Sie haben über Jahrhunderte hin die Gemeinschaft mit
den Nachfolgern des hl. Petrus aufrechterhalten, die bei ihnen grobzügige
Bereitschaft vorfanden, sich der Mission mit einer Verfügbarkeit zu widmen,
die, wenn nötig, bis zum Heroismus reichen konnten.So ragt das Wesensmerkmal
der Universalität und der Gemeinschaft hervor, das den Instituten des
geweihten Lebens und den Gesellschaften des apostolischen Lebens eigen
ist. Aufgrund des in ihrer besonderen Beziehung zum Petrusamt verwurzelten
überdiözesanen Charakters stehen sie auch im Dienst der Zusammenarbeit
zwischen den verschiedenen Teilkirchen,unter denen sie den »Austausch der
Gaben« wirksam fördern und dadurch zu einer Inkulturation des Evangeliums
beitragen können, die die Reichtümer der Kulturen aller Völker reinigen,
bewerten und annehmen soll.Auch heute offenbart die Blüte an Berufungen
zum geweihten Leben in den jungen Kirchen die Fähigkeit, die es besitzt,
um innerhalb der katholischen Einheit die Erfordernisse der verschiedenen
Völker und Kulturen zum Ausdruck zu bringen.
Das geweihte Leben und die Teilkirche
48. Eine bedeutsame Rolle kommt den Personen des geweihten
Lebens auch innerhalb der Teilkirchen zu. Ausgehend von der Lehre
des Konzils über die Kirche als Gemeinschaft und Geheimnis und über die
Teilkirchen als Teil des Gottesvolkes, in denen »die eine, heilige, katholische
und apostolische Kirche Christi wahrhaft wirkt und gegenwärtig ist«,ist
dieser Aspekt in verschiedenen Nachfolgedokumenten vertieft und kodifiziert
worden. Im Lichte dieser Texte zeigt sich mit aller Klarheit die fundamentale
Bedeutung, die der Zusammenarbeit der Personen des geweihten Lebens mit
den Bischöfen für die harmonische Entwicklung der Pastoral in der Diözese
zukommt. Die Charismen des geweihten Lebens können viel zum Aufbau der
Liebe in der Teilkirche beitragen.Die verschiedenen Formen, in denen die
evangelischen Räte gelebt werden, sind in der Tat Ausdruck und Frucht der
von den Stiftern und Stifterinnen empfangenen geistlichen Gaben und stellen
als solche eine »Erfahrung des Geistes [dar], die den eigenen Schülern
überliefert wurde, damit sie von ihnen gelebt, bewahrt, vertieft und ständig
weiterentwickelt werden in der Übereinstimmung mit dem Leib Christi, der
ständig im Wachsen begriffen ist«.Der eigene Charakter jedes Instituts
enthält einen besonderen Stil der Heiligung und des Apostolats, der sich
in einer bestimmten, von objektiven Elementen geprägten Tradition zu festigen
sucht.Darum sorgt die Kirche dafür, dab die Institute dem Geist der Stifter
und Stifterinnen und ihren gesunden Überlieferungen gemäb wachsen und sich
entfalten.emzufolge wird den einzelnen Instituten eine gebührende Autonomie
zuerkannt, kraft derer sie sich eine eigene Ordnung zunutze machen und
ihr spirituelles und apostolisches Erbe unversehrt bewahren können. Diese
Autonomie zu wahren und zu schützen ist Aufgabe der Ortsordinarien.Die
Bischöfe werden daher ersucht, die Charismen des geweihten Lebens anzunehmen
und zu achten, indem sie ihnen in den Entwürfen der diözesanen Pastoral
Raum geben. Besondere Aufmerksamkeit müssen sie den Instituten diözesanen
Rechts widmen, die der besonderen Sorge des Ortsbischofs anvertraut sind.
Eine Diözese ohne geweihtes Leben würde nicht nur vieler geistlicher Gaben,
geeigneter Orte für die Suche nach Gott, spezifischer apostolischer Aktivitäten
und pastoraler Methoden verlustig gehen, sondern sie würde darüber hinaus
Gefahr laufen, in hohem Mabe in jenem missionarischen Geist geschwächt
zu werden, der der Mehrheit der Institute eigen ist.Daher verlangt es die
Pflicht, der Gabe des geweihten Lebens, die der Geist in der Teilkirche
schenkt, dadurch zu entsprechen, dab man sie hochherzig und voll Dankbarkeit
annimmt.
Eine fruchtbare und geordnete kirchliche Gemeinschaft
49. Der Bischof ist Vater und Hirt der ganzen Teilkirche.
Seine Zuständigkeit ist es, die einzelnen Charismen anzuerkennen und zu
beachten, sie zu fördern und zu koordinieren. Er wird also in seiner pastoralen
Liebe das Charisma des geweihten Lebens als Gnade annehmen, die nicht nur
ein Institut betrifft, sondern zum Vorteil der ganzen Kirche ausströmt.
Er wird so versuchen, den Personen des geweihten Lebens beizustehen und
zu helfen, sich in Gemeinschaft mit der Kirche den spirituellen und pastoralen
Perspektiven, die den Erfordernissen unserer Zeit entsprechen, in Treue
zur Gründungsinspiration zu öffnen. Die Personen des geweihten Lebens werden
es ihrerseits nicht versäumen, nach den eigenen Kräften und unter Wahrung
des eigenen Charismas der Teilkirche grobzügig ihre Mitarbeit anzubieten,
wobei sie im Bereich der Evangelisierung, der Katechese, und des Lebens
der Pfarrgemeinden in voller Gemeinschaft mit dem Bischof tätig sind.Es
sei daran erinnert, dab sich die Institute bei der Koordination des Dienstes
an der Universalkirche mit jenem an der Teilkirche nicht auf die gebührende
Autonomie und auch nicht auf die Exemtion berufen können, die viele von
ihnen genieben,um Entscheidungen zu rechtfertigen, die zu den von einem
heilsamen kirchlichen Leben an eine organische Gemeinschaft gestellten
Erfordernissen tatsächlich im Widerspruch stehen. Statt dessen müssen die
pastoralen Initiativen der Personen des geweihten Lebens auf der Basis
eines freundlichen und offenen Dialogs zwischen Bischöfen und Oberen der
verschiedenen Institute entschieden und in die Tat umgesetzt werden. Die
besondere Aufmerksamkeit der Bischöfe für die Berufung und Sendung der
Institute und die Achtung vor dem Amt der Bischöfe von seiten der Institute,
die mit der Annahmebereitschaft der konkreten pastoralen Anweisungen für
das diözesane Leben verbunden ist, stellen zwei eng miteinander verknüpfte
Formen jener einzigartigen kirchlichen Liebe dar, die alle zum Dienst an
der — charismatischen und zugleich hierarchisch gegliederten — organischen
Gemeinschaft des ganzen Gottesvolkes verpflichtet.
Ein beständiger, von der Liebe beseelter Dialog
50. Zur Förderung des gegenseitigen Kennenlernens als
unerläblicher Voraussetzung für eine tatkräftige Zusammenarbeit vor allem
auf pastoralem Gebiet erweist sich ein ständiger Dialog der Oberen
und Oberinnen der Institute des geweihten Lebens und der Gesellschaften
des apostolischen Lebens mit den Bischöfen angebrachter als je zuvor. Dank
dieser regelmäbigen Kontakte werden Obere und Oberinnen die Bischöfe über
die apostolischen Initiativen, die sie in ihren Diözesen in die Wege zu
leiten beabsichtigen, informieren können, um mit ihnen zu den für die Durchführung
notwendigen Vereinbarungen zu gelangen. In gleicher Weise ist es angebracht,
dab von den Konferenzen der höheren Ordensoberen und -oberinnen delegierte
Personen zur Teilnahme an den Versammlungen der Bischofskonferenzen und
umgekehrt, dab Delegierte der Bischofskonferenzen zu Konferenzen der höheren
Ordensoberen und -oberinnen eingeladen werden; die entsprechenden Modalitäten
dafür sind noch festzulegen. So gesehen, wird es von grobem Nutzen sein,
dab dort, wo dies noch nicht geschehen ist, auf nationaler Ebene gemischte
Kommissionen aus Bischöfen und höheren Ordensoberen und -oberinnengebildet
und tätig werden, um miteinander Probleme von gemeinsamem Interesse zu
untersuchen. Zum besseren gegenseitigen Kennenlernen wird auch die Aufnahme
der Theologie und der Spiritualität des geweihten Lebens in den theologischen
Studienplan der Diözesanpriester beitragen; und dasselbe gilt für das Einbringen
einer entsprechenden Behandlung der Theologie der Teilkirche und der Spiritualität
des Diözesanklerus bei der Ausbildung der Personen des geweihten Lebens.röstlich
ist schlieblich daran zu erinnern, dab es auf der Synode nicht nur zahlreiche
Beiträge zur Lehre über die Gemeinschaft gegeben hat, sondern auch grobe
Genugtuung angesichts der in einem Klima des gegenseitigen Vertrauens und
der Offenheit erlebten Erfahrung des Dialogs zwischen den anwesenden Bischöfen
und Ordensleuten. Dies löste den Wunsch aus, dab »diese geistliche Erfahrung
von Gemeinschaft und Zusammenarbeit sich auch nach Abschlub der Synode
auf die ganze Kirche erstrecken möge«.Ich wünsche mir, dab die Gesinnung
und die Spiritualität der Gemeinschaft in allen wachsen möge.
Die Geschwisterlichkeit in einer gespaltenen und
ungerechten Welt
51. Die Kirche vertraut den Gemeinschaften des geweihten
Lebens die besondere Aufgabe an, die Spiritualität der Gemeinschaft
vor allem innerhalb der eigenen Gemeinschaft und dann in der kirchlichen
Gemeinschaft und über deren Grenzen hinaus dadurch zu stärken, dab
sie vor allem dort, wo die heutige Welt von Rassenhab oder mörderischem
Wahn zerrissen ist, den Dialog der Liebe eröffnet bzw. immer wieder aufnimmt.
Inmitten der verschiedenen Gesellschaften unserer Erde — Gesellschaften,
die häufig von Leidenschaften und entgegengesetzten Interessen beeinträchtigt
sind, die sich nach Einheit sehnen, jedoch unsicher bezüglich der einzuschlagenden
Wege sind — stehen die Gemeinschaften des geweihten Lebens, in denen sich
Menschen unterschiedlichen Alters und verschiedener Sprache und Kultur
als Brüder und Schwestern begegnen, als Zeichen für einen Dialog, der
immer möglich ist, und für eine Gemeinschaft, die die Unterschiede
in harmonischen Einklang zu bringen vermag.Die Gemeinschaften des geweihten
Lebens sind gehalten, durch das Zeugnis ihres Lebens den Wert der christlichen
Brüderlichkeit und die verändernde Kraft der Frohen Botschaft zu verkünden,die
alle als Kinder Gottes anerkennt und zur aufopfernden Liebe gegenüber allen
drängt, besonders gegenüber den Geringsten. Diese Gemeinschaften sind Orte
der Hoffnung und der Entdeckung der Seligpreisungen, Orte, an denen die
aus dem Gebet, der Quelle der Gemeinschaft schöpfende Liebe zur Logik des
Lebens und Quelle der Freude werden soll.In dieser Zeit, die von der weltweiten
Ausdehnung der Probleme und zugleich vom Rückfall in die Idole des Nationalismus
gekennzeichnet ist, haben vor allem die internationalen Institute die Aufgabe,
den Sinn für die Gemeinschaft unter den Völkern, Rassen und Kulturen lebendig
zu erhalten und zu bezeugen. In einem Klima der Brüderlichkeit wird die
Offenheit für die weltweite Dimension der Probleme den Reichtum der einzelnen
nicht ersticken, noch wird die Bejahung einer Eigenart Gegensatz zu den
anderen oder Zwiespalt mit der Einheit hervorrufen. Die internationalen
Institute können dies wirksam tun, indem sie sich doch selbst auf kreative
Weise der Herausforderung der Inkulturation bei gleichzeitiger Wahrung
ihrer Identität stellen müssen.
Gemeinschaft unter den verschiedenen Instituten
52. Die brüderliche geistliche Beziehung und die gegenseitige
Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Instituten des geweihten Lebens
und den Gesellschaften des apostolischen Lebens werden vom kirchlichen
Gemeinschaftssinn getragen und genährt. Personen, die durch die gemeinsame
Verpflichtung zur Nachfolge Christi miteinander verbunden und vom selben
Heiligen Geist beseelt sind, müssen als Reben des einen Weinstocks die
Fülle des Evangeliums der Liebe sichtbar bekunden. Die verschiedenen Stifter
und Stifterinnen sind berufen, eingedenk der geistlichen Freundschaft,
die sie auf Erden oft miteinander verbunden hat, in Treue zum Wesen ihres
Instituts eine vorbildliche Geschwisterlichkeit zum Ausdruck zu bringen,
die den anderen Mitgliedern der Kirche in ihrem täglichen Bemühen um die
Bezeugung des Evangeliums Ansporn sein möge.Die Worte des hl. Bernhard
bezüglich der verschiedenen Orden sind nach wie vor aktuell: »Ich bewundere
sie alle. Einem von ihnen gehöre ich durch die Befolgung der Regel an,
allen aber in der Liebe. Wir alle brauchen einander: das geistliche Gut,
das ich nicht habe und nicht besitze, empfange ich von den anderen [...].
Die Kirche ist hier im irdischen Leben noch unterwegs und, wenn ich so
sagen darf, pluralisch: wir haben es mit einer einzigartigen Pluralität
und mit einer pluralischen Einheit zu tun. Und alle unsere Verschiedenheiten,
die die Fülle der Gaben Gottes offenkundig machen, werden in dem einen
Haus des Vaters, das viele Wohnungen umfabt, anzutreffen sein. Jetzt gibt
es unterschiedliche Gnadengaben: dann wird es unterschiedliche Seligkeiten
geben. Die Einheit besteht hier wie dort in ein und derselben Liebe«.
Koordinierungsorgane
53. Einen beachtlichen Beitrag zur Gemeinschaft können
die Konferenzen der höheren Ordensoberen und -oberinnen sowie der Säkularinstitute
leisten. Hauptzweck dieser Organe, die vom II. Vatikanischen Konzilund
von nachfolgenden Dokumentenermutigt und geregelt wurden, ist die Förderung
des geweihten Lebens im Gesamtgefüge der kirchlichen Sendung.Durch diese
Konferenzen bringen die Institute die Gemeinschaft unter ihnen zum Ausdruck
und suchen nach den Mitteln, um sie unter Achtung und Erschliebung der
Besonderheit der verschiedenen Charismen zu stärken, in denen sich das
Geheimnis der Kirche und die vielgestaltige Weisheit Gottes widerspiegelt.Ich
ermutige die Institute des geweihten Lebens zur gegenseitigen Zusammenarbeit,
insbesondere in jenen Ländern, in denen wegen besonderer Schwierigkeiten
die Versuchung stark sein mag, sich auf sich selbst zurückzuziehen, zum
Schaden des geweihten Lebens und der Kirche. Es ist jedoch erforderlich,
dab sie sich gegenseitig in dem Bemühen helfen, den Plan Gottes in den
gegenwärtigen Lasten der Geschichte zu begreifen zu suchen, um mit geeigneten
apostolischen Initiativen besser darauf zu antworten.Vor diesem Horizont
der Gemeinschaft, der offen ist für die Herausforderungen unserer Zeit,
mögen die Oberen und Oberinnen »in Abstimmung mit den Bischöfen« versuchen,
»sich das Wirken der besten Mitarbeiter jedes Instituts zunutze zu machen
und Dienste anzubieten, die nicht nur etwaige Grenzen überwinden helfen,
sondern einen gültigen Stil von Ordensausbildung hervorbringen sollen«.ie
Konferenzen der höheren Ordensoberen und -oberinnen und die Konferenzen
der Säkularinstitute fordere ich auf, als Bekundung ihrer Gemeinschaft
mit dem Heiligen Stuhl auch häufige und regelmäbige Kontakte mit der Kongregation
für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen
Lebens zu pflegen. Eine aktive und vertrauensvolle Beziehung wird auch
zu den Bischofskonferenzen der einzelnen Länder gepflegt werden müssen.
Diese Beziehung soll im Geiste des Dokumentes Mutuae relationes zweckmäbigerweise
eine feste Form annehmen, um auf diese Weise die ständige und rechtzeitige
Koordination der nach und nach anstehenden Initiativen zu ermöglichen.
Wenn dies alles beharrlich und im Geist treuer Befolgung der Anweisungen
des Lehramtes durchgeführt wird, werden sich die Verbindungs- und Gemeinschaftsorgane
als besonders nützlich erweisen, um Lösungen zu finden, die Unverständnis
und Spannungen sowohl im theoretischen als auch im praktischen Bereich
vermeiden;auf diese Weise werden sie nicht nur für das Wachsen der Gemeinschaft
zwischen den Instituten des geweihten Lebens und den Bischöfen eine Hilfe
sein, sondern auch für die Erfüllung der eigentlichen Sendung der Teilkirchen.
Gemeinschaft und Zusammenarbeit mit den Laien
54. Zu den Früchten der Lehre von der Kirche als Gemeinschaft
gehörte in diesen Jahren das Sich-Bewubtwerden der Tatsache, dab ihre verschiedenen
Glieder ihre Kräfte durch Zusammenarbeit und Austausch der Gaben vereinen
können und sollen, um wirksamer an der kirchlichen Sendung teilzuhaben.
Dies trägt zu einem klarer umrissenen und vollständigeren Bild der Kirche
selbst bei und macht darüber hinaus durch den einmütigen Beitrag der unterschiedlichen
Gaben die Antwort auf die groben Herausforderungen unserer Zeit wirksamer.Die
Beziehungen zu den Laien gestalten sich seitens der monastischen und kontemplativen
Institute als vorwiegend geistlich, während sie bei den Instituten, die
sich dem Apostolat widmen, die Form pastoraler Zusammenarbeit annehmen.
Die Mitglieder der Sälularinstitute, Laien wie Kleriker, treten mit den
anderen Gläubigen im gewöhnlichen Alltagsleben in Beziehung. Nicht wenige
Institute sind heute, häufig auf Grund neuer Situationen, zu der Überzeugung
gelangt, dab sich ihr Charisma mit den Laien teilen läbt. Diese
werden daher eingeladen, intensiver an der Spiritualität und an der Sendung
des betreffenden Instituts teilzunehmen. Man kann sagen, dab im Gefolge
historischer Erfahrungen, wie jener der verschiedenen Säkular- oder Drittorden,
ein neues, hoffnungsvolles Kapitel in der Geschichte der Beziehungen zwischen
den Personen des geweihten Lebens und den Laien begonnen hat.
Für eine erneuerte geistliche und apostolische Tatkraft
55. Diese neuen Wege von Gemeinschaft und Zusammenarbeit
verdienen aus verschiedenen Gründen ermutigt zu werden. Vor allem wird
von diesen die Ausstrahlung tätiger Spiritualität über die Grenzen des
Instituts hinaus gehen können, das auf diese Weise mit neuen Energien rechnen
wird, auch um die Kontinuität mancher seiner typischen Formen des Dienstes
für die Kirche sicherzustellen. Eine weitere positive Folge kann sodann
die Erleichterung eines intensiveren Zusammenwirkens zwischen Personen
des geweihten Lebens und den Laien im Hinblick auf die Mission sein: von
den Beispielen der Heiligkeit von Personen des geweihten Lebens angeleitet,
werden die Laien in die unmittelbare Erfahrung des Geistes der evangelischen
Räte eingeführt und werden so ermutigt, den Geist der Seligpreisungen angesichts
der Umgestaltung der Welt im Sinne Gottes zu leben und zu bezeugen.ie Beteiligung
der Laien führt nicht selten zu unerwarteten und fruchtbaren Vertiefungen
mancher Aspekte des Charismas, indem diese eine spirituellere Deutung dieses
Charismas erweckt und den Anstob gibt, Hinweise für neue apostolische Tatkräfte
zu geben. Die Personen des geweihten Lebens sollen sich daher bei jeder
Tätigkeit und jedem Dienst, mit dem sie betraut sind, erinnern, dab sie
vor allem erfahrene Führer und Begleiter des geistlichen Lebens sein müssen,
und sie sollen unter dieser Perspektive »das kostbarste Talent: den Geist«pflegen.
Die Laien ihrerseits sollen den Ordensfamilien den wertvollen Beitrag ihrer
Weltlichkeit und ihres besonderen Dienstes anbieten.
Freiwillige und assoziierte Laien
56. Eine bedeutende Ausdrucksform der Teilnahme der Laien
an den Reichtümern des geweihten Lebens ist der Beitritt der Gläubigen
im Laienstand zu den verschiedenen Instituten in der neuen Form der sogenannten
assoziierten Mitglieder oder, je nach den in einigen kulturellen
Umfeldern vorhandenen Bedürfnissen, der Beitritt von Personen, die sich
für einen bestimmten Zeitabschnitt der Aufgaben des Gemeinschaftslebens
und der besonderen beschaulichen und apostolischen Hingabe annehmen, natürlich
immer vorausgesetzt, dab die Identität des Instituts in seinem internen
Leben dadurch keinen Schaden erleidet.s ist durchaus richtig, dem Volontariat,
das aus den Reichtümern des geweihten Lebens schöpft, hohe Wertschätzung
entgegenzubringen; es mub jedoch für dessen Formation gesorgt werden, damit
die freiwilligen Laien auber der sachlichen Kompetenz immer tiefgründige
übernatürliche Motivationen für ihre Vorhaben sowie einen lebendigen Sinn
für Gemeinschaft und Kirche bei ihren Projekten haben.Ferner ist zu bedenken,
dab Initiativen, bei denen auch auf Entscheidungsebene Laien mitwirken,
damit diese als Werke eines bestimmten Instituts betrachtet werden, dessen
Ziele verfolgen und unter dessen Verantwortung durchgeführt werden müssen.
Wenn also Laien die Leitung übernehmen, werden sie den zuständigen Oberen
und Oberinnen gegenüber die Verantwortung für diese Durchführung tragen.
All dies sollte durch geeignete Vorschriften der einzelnen Institute geprüft
und geregelt werden, die von der vorgesetzten Autorität genehmigt sind
und in denen die jeweiligen Kompetenzen des Instituts selbst, der Kommunitäten
und der assoziierten oder freiwilligen Mitglieder vorgesehen sind.Die von
ihren Oberen und Oberinnen entsandten und abhängigen Personen des geweihten
Lebens können sich mit Sonderformen von Zusammenarbeit an Laieninitiativen
beteiligen, besonders in Organisationen und Einrichtungen, die sich
der Randgruppen annehmen und sich die Linderung menschlichen Leides zum
Ziel setzen. Wenn diese Zusammenarbeit von einer klaren und starken christlichen
Identität beseelt und getragen wird und das dem geweihten Leben eigene
Wesen berücksichtigt, vermag sie in den dunkelsten Situationen des menschlichen
Daseins die Leuchtkraft des Evangeliums zum Strahlen zu bringen.In diesen
Jahren sind zahlreiche Personen des geweihten Lebens einer der kirchlichen
Bewegungen beigetreten, die sich in unserer Zeit entwickelt haben.
Aus solchen Erfahrungen ziehen die Interessierten im allgemeinen Nutzen,
besonders auf der Ebene der geistlichen Erneuerung. Doch läbt sich nicht
leugnen, dab dies in einigen Fällen Unbehagen und Verwirrung im persönlichen
und kommunitären Bereich auslöst, besonders dann, wenn diese Erfahrungen
mit den Anforderungen des Gemeinschaftslebens und der Spiritualität des
Instituts in Konflikt geraten. Man wird daher Sorge tragen müssen, dab
der Beitritt zu den kirchlichen Bewegungen unter Beachtung des Charismas
und der Disziplin des eigenen Instituts,unter Zustimmung der Oberen und
Oberinnen und in voller Verfügbarkeit zur Annahme ihrer Entscheidungen
erfolgt.
Die Würde und die Rolle der Frau des geweihten Lebens
57. Die Kirche enthüllt vollständig ihren vielgestaltigen
geistlichen Reichtum, wenn sie nach Überwindung der Diskriminierungen die
von Gott sowohl auf die Männer als auch auf die Frauen ausgegossenen Gaben
als wahren Segen empfängt und sie alle in ihrer gleichen Würde anerkennt.
Die Frauen des geweihten Lebens sind in ganz besonderer Weise dazu berufen,
durch ihre in Fülle und mit Freude gelebte Hingabe ein Zeichen für Gottes
Zärtlichkeit gegenüber dem Menschengeschlecht und ein besonderes Zeugnis
des Geheimnisses der Kirche zu sein, die Jungfrau, Braut und Mutter ist.Die
Sendung der Frauen des geweihten Lebens trat natürlich auch bei der Synode
zutage, an der sie in grober Zahl teilnahmen und sich zu Wort melden konnten
–und ihre Stimme wurde gehört und von allen geschätzt. Auch aus ihren Beiträgen
haben sich nützliche Anleitungen für das Leben der Kirche und deren Evangelisierungsauftrag
ergeben. Sicher mub man viele Forderungen, die die Stellung der Frau in
verschiedenen gesellschaftlichen und kirchlichen Bereichen betreffen, als
berechtigt anerkennen. In gleicher Weise gilt es hervorzuheben, dab das
neue Bewubtsein der Frau auch den Männern hilft, ihre Denkmuster, ihr Selbstverständnis
und die Art und Weise zu überprüfen, wie sie sich in der Geschichte etablieren
und diese auslegen, wie sie ihr soziales, politisches, wirtschaftliches,
religiöses und kirchliches Leben gestalten.Die Kirche, die von Christus
eine Botschaft der Befreiung empfangen hat, hat den Auftrag, diese prophetisch
zu verbreiten, indem sie Denk- und Verhaltensweisen fördert, die dem Willen
des Herrn entsprechen. In diesem Zusammenhang kann die Frau des geweihten
Lebens, ausgehend von ihrer Erfahrung von Kirche und von der Frau in der
Kirche, zur Beseitigung mancher einseitiger Ansichten beitragen, die nicht
die volle Anerkennung ihrer Würde, ihres spezifischen Beitrags zum Leben
und zum pastoralen und missionarischen Wirken der Kirche zum Ausdruck bringen.
Deshalb ist das Bestreben der Frau des geweihten Lebens gerechtfertigt,
ihre Identität, ihre Fähigkeit, ihre Sendung, ihre Verantwortung sowohl
im Bewubtsein der Kirche als auch im täglichen Leben klarer anerkannt zu
sehen.Auch die Zukunft der Neuevangelisierung, wie übrigens aller anderen
Formen missionarischer Tätigkeit, ist ohne einen erneuerten Beitrag der
Frauen, insbesondere der Frauen des geweihten Lebens undenkbar.
Neue Perspektiven für Präsenz und Tätigkeit
58. Es bedarf daher dringend einiger konkreter Schritte,
davon ausgehend, dab den Frauen Räume zur Mitwirkung in verschiedenen
Bereichen und auf allen Ebenen eröffnet werden, auch in den Prozessen der
Entscheidungsfindung, vor allem dort, wo es um sie selbst geht.Notwendig
ist auch, dab die Ausbildung der Frauen ebenso wie die der Männer des geweihten
Lebens den neuen Erfordernissen angepabt wird und genügend Zeit und brauchbare
institutionelle Möglichkeiten für eine systematische Erziehung vorgesehen
sind, die alle Gebiete, von der theologisch-pastoralen Ausbildung bis zur
beruflichen Praxis, umfassen soll. Die stets wichtige pastorale und katechetische
Ausbildung gewinnt im Hinblick auf die Neuevangelisierung besondere Bedeutung,
die auch von den Frauen neue Formen der Mitwirkung verlangt.Man kann davon
ausgehen, dab die Vertiefung bei der Ausbildung der Frau des geweihten
Lebens zu einem besseren Verständnis ihrer eigenen Gaben verhilft und auch
Anregung zur notwendigen Gegenseitigkeit innerhalb der Kirche sein wird.
Auch auf dem Gebiet der theologischen, kulturellen und spirituellen Reflexion
darf man sich vom Genius der Frau viel erwarten, nicht nur in bezug auf
die besondere Eigenart des geweihten Lebens, sondern auch was das Verständnis
des Glaubens in allen seinen Ausdrucksformen betrifft. Wieviel hat in diesem
Zusammenhang die Geschichte der Spiritualität einer hl. Theresia von Jesus
und einer hl. Katharina von Siena, den beiden ersten mit dem Titel Kirchenlehrer
ausgezeichneten Frauen, und vielen anderen Mystikerinnen zu verdanken,
was die Erforschung des Geheimnisses Gottes und die Analyse seiner Wirkung
auf den Gläubigen betrifft! Die Kirche zählt sehr auf die Frauen des geweihten
Lebens wegen ihres ureigenen Beitrags in der Förderung der Lehre, der Bräuche,
und selbst des Familien- und Gesellschaftslebens, besonders was die Würde
der Frau und die Achtung vor dem menschlichen Leben angeht.Denn »die
Frauen haben einen einzigartigen und vielleicht entscheidenden Denk-
und Handlungsspielraum: sie sind es, die einen ‘neuen Feminismus' fördern
müssen, der, ohne in die Versuchung zu verfallen, ‘Männlichkeits'-Vorbildern
nachzujagen, durch den Einsatz zur Überwindung jeder Form von Diskriminierung,
Gewalt und Ausbeutung den echten weiblichen Geist in allen Ausdrucksformen
des bürgerlichen Zusammenlebens zu erkennen und zu bekunden versteht«.s
besteht Grund zu der Hoffnung, dab sich das geweihte Leben der Frau durch
eine fundiertere Anerkennung der Sendung der Frau immer stärker der eigenen
Rolle und ihrer gesteigerten Hingabe an das Gottesreiches bewubt wird.
Das wird sich in vielfältige Werke umsetzen lassen, wie in den Einsatz
für die Evangelisierung, die Erziehungstätigkeit, die Mitwirkung an der
Ausbildung der künftigen Priester und der Personen des geweihten Lebens,
die Beseelung der christlichen Gemeinde, die geistliche Begleitung und
die Förderung der grundlegenden Güter des Lebens und des Friedens. Den
Frauen des geweihten Lebens und ihrer aubergewöhnlichen Fähigkeit zur Hingabe
spreche ich noch einmal die Bewunderung und Dankbarkeit der ganzen Kirche
aus, die ihnen beisteht, damit sie ihre Berufung in Fülle und mit Freude
leben und sich zu der erhabenen Aufgabe aufgefordert wissen, mitzuhelfen
bei der Ausbildung der Frau von heute.
II. BESTANDIGKEIT IM WIRKEN DES GEISTES: TREUE IN DER
NEUERUNG
Die Schwestern in der Klausur
59. Besondere Aufmerksamkeit verdienen das Klosterleben
der Frau und die Schwestern in der Klausur wegen der Hochachtung, die die
christliche Gemeinschaft dieser Lebensform entgegenbringt, die ein Zeichen
der ausschlieblichen Vereinigung der bräutlichen Kirche mit dem über alles
geliebten Herrn ist. Das Leben der Schwestern in der Klausur, die sich
hauptsächlich dem Gebet, der Askese und dem leidenschaftlichen Vorankommen
im geistlichen Leben widmen, ist in der Tat »nichts anderes als ein Streben
nach dem himmlischen Jerusalem, eine Vorwegnahme der endzeitlichen Kirche,
unverwandt ausgerichtet auf den Besitz und die Anschauung Gottes«.Im Lichte
dieser kirchlichen Berufung und Sendung entspricht die Klausur dem als
prioritär erkannten Bedürfnis, beim Herrn zu sein. Durch die Wahl eines
begrenzten Raumes als Lebensort nehmen die Schwestern in der Klausur an
der tiefen Demut Christi teil durch eine radikale Armut, die sich im Verzicht
nicht nur auf Dinge, sondern auch auf den »Raum«, auf die Kontakte und
auf so viele Güter der Schöpfung ausdrückt. Diese besondere Art, den »Leib«
zu schenken, führt sie mit mehr Feingefühl in das eucharistische Geheimnis
ein. Sie bringen sich mit Jesus für das Heil der Welt dar. Über den Aspekt
des Opfers und der Sühne hinaus erwirbt ihre Hingabe auch den Aspekt der
Danksagung an den Vater in der Teilhabe an der Danksagung des geliebten
Sohnes.Die in dieser geistlichen Spannung verwurzelte Klausur ist nicht
nur ein asketisches Mittel von sehr hohem Wert, sondern eine Art und
Weise, das Ostern Christi zu leben.Aus Erfahrung des »Todes« wird die
Klausur Überflub des Lebens, indem sie sich als frohe Ankündigung und prophetische
Vorwegnahme der jedem einzelnen und der ganzen Menschheit angebotenen Möglichkeit
darstellt, allein für Gott in Christus Jesus zu leben (vgl. Röm
6,11). Die Klausur ruft also jene Kammer des Herzens wach, in der
jeder berufen ist, die Einheit mit dem Herrn zu leben. Als Geschenk empfangen
und als freie Antwort der Liebe gewählt ist die Klausur der Ort der geistlichen
Gemeinschaft mit Gott und mit den Brüdern und Schwestern, wo die Raum-
und Kontaktbeschränkung zum Vorteil der Verinnerlichung der evangelischen
Räte gereicht (vgl. Joh 13,34; Mt 5,3.8).Die Klausurgemeinschaften,
die die Stadt auf dem Berg und das Licht auf dem Leuchter (vgl. Mt
5,14-15) darstellen, versinnbildlichen bei aller Einfachheit ihres
Lebens sichtbar das Ziel, auf das die ganze Gemeinschaft der Kirche
zugeht, die »voll Eifer der Tätigkeit hingegeben und doch frei für die
Beschauung«auf den Straben der Zeit vorwärtsgeht, den Blick fest auf die
künftige Erneuerung von allem in Christus gerichtet, wenn die Kirche mit
ihrem Bräutigam vereint in Herrlichkeit erscheint (vgl. Kol 3,1-4)«und
Christus »jede Macht, Gewalt und Kraft vernichtet hat und seine Herrschaft
Gott, dem Vater, übergibt [...], damit Gott herrscht über alles und in
allem« (1 Kor 15,24.28).Diesen geliebten Schwestern gilt deshalb
meine Dankbarkeit und die Ermunterung, dem Klausurleben gemäb ihrem Charisma
treu zu bleiben. Dank ihres Beispiels verzeichnet diese Lebensform ständig
zahlreiche Berufungen, die von der Radikalität eines »bräutlichen« Daseins
angezogen sind, das sich Gott in der Kontemplation vollkommen hingibt.
Als Ausdruck reiner Liebe, die mehr wert ist als jedes Werk, entfaltet
das kontemplative Leben eine auberordentliche apostolische und missionarische
Wirksamkeit.ie Synodenväter haben dem Wert des Klausurlebens gegenüber
hohe Anerkennung zum Ausdruck gebracht und gleichzeitig die hie und da
vorgetragenen Anfragen bezüglich dessen konkreter Ordnung geprüft. Die
Hinweise der Synode zum Thema und besonders der Wunsch nach einem stärkeren
Verantwortungsbewubtmachen der höheren Oberinnen auf dem Gebiet der Teilaufhebung
der Klausur aus einem gerechten und schwerwiegenden Grundwerden zum Gegenstand
einer organischen Überlegung auf der Linie des Weges der vom II. Vatikanischen
Konzil ausgehenden und bereits verwirklichten Erneuerung.Auf diese Weise
wird die Klausur in den verschiedenen Formen und Stufen– von der päpstlichen
und der konstitutionsmäbigen bis hin zur monastischen Klausur– der Verschiedenheit
der kontemplativen Institute und der Traditionen der Klöster besser entsprechen.Wie
die Synode weiter betont hat, sollen darüber hinaus die Vereinigungen
und Föderationen zwischen Klöstern gefördert werden, wie sie
schon von Pius XII. und vom II. Vatikanischen Konzil empfohlen wurden,besonders
dort, wo keine anderen wirksamen Formen der Koordinierung und der Hilfe
bestehen, um die Werte des kontemplativen Lebens zu schützen und zu fördern.
Unter Berücksichtigung der rechtmäbigen Autonomie der Klöster können derartige
Organismen in der Tat eine wirksame Hilfe bieten zu angemessener Lösung
gemeinsamer Probleme, wie der vorteilhaften Erneuerung der Aus- und Weiterbildung,
der gegenseitigen wirtschaftlichen Unterstützung und auch der Reorganisation
der Klöster selbst.
Die Ordensbrüder
60. Gemäb der überlieferten Lehre der Kirche ist das geweihte
Leben seiner Natur nach weder laikal noch klerikal ,und darum stellt
die »Weihe von Laien«, von Männern wie Frauen, einen in sich vollkommenen
Stand der Gelübde der evangelischen Räte dar.Sie hat daher sowohl für die
betreffende Person als auch für die Kirche einen eigenen Wert, unabhängig
vom Weiheamt.Entsprechend der Lehre des II. Vatikanischen Konzilshat die
Synode hohe Wertschätzung für diese Form des geweihten Lebens ausgesprochen,
in der die Ordensbrüder innerhalb und auberhalb der Kommunität verschiedene
und wertvolle Dienste vollbringen und so an dem Sendungsauftrag teilnehmen,
das Evangelium zu verkünden und es im täglichen Leben durch die Liebe zu
bezeugen. Denn einige dieser Dienste können als kirchliche Dienstämter
betrachtet werden, die die rechtmäbige Autorität ihnen überträgt. Dies
erfordert eine angemessene und vollständige Ausbildung: menschlich, geistlich,
theologisch, pastoral und beruflich.Nach geltendem Sprachgebrauch heiben
die Institute, die durch Entscheidung des Stifters oder kraft einer rechtmäbigen
Überlieferung eine Eigenart und Zielsetzung haben, die nicht die Ausübung
der heiligen Weihe einschlieben, »laikale Institute«.Doch wurde auf der
Synode klar herausgestellt, dab diese Bezeichnung die besondere Eigenart
der Berufung der Mitglieder solcher Ordensinstitute nicht angemessen zum
Ausdruck bringt. Denn auch wenn sie viele Dienste ausführen, die ebenso
den gläubigen Laien gemeinsam sind, tun sie es mit ihrer Identität geweihter
Personen und bringen so den Geist der Ganzhingabe an Christus und an die
Kirche gemäb ihrem spezifischen Charisma zum Ausdruck.Um jede Zweideutigkeit
und Verwechslung mit dem Weltcharakter der gläubigen Laien zu vermeiden,haben
deshalb die Synodenväter die Bezeichnung Ordensinstitute der Brüder
vorgeschlagen.Der Vorschlag ist bedeutungsvoll, vor allem wenn man bedenkt,
dab die Bezeichnung »Bruder« auch auf eine reiche Spiritualität hinweist.
»Diese Ordensmänner sind berufen, Brüder Christi zu sein, mit ihm, ‘dem
Erstgeborenen von vielen Brüdern' (Röm 8,29), eng verbunden; Brüder
untereinander zu sein in der gegenseitigen Liebe und in der Zusammenarbeit
im selben Dienst zum Wohl der Kirche; Brüder eines jeden Menschen zu sein
durch das Zeugnis der Liebe Christi zu allen, besonders den Niedrigsten
und Bedürftigsten; Brüder zu sein für eine gröbere Brüderlichkeit in der
Kirche«.Während die »Ordensbrüder« in besonderer Weise diesen Aspekt des
christlichen und zugleich geweihten Lebens leben, erinnern sie die Ordenspriester
wirksam an die fundamentale Dimension der Brüderlichkeit in Christus, die
untereinander und mit jedem Menschen gelebt werden mub, und verkündigen
allen das Wort des Herrn: »Ihr alle seid Brüder« (Mt 23,8).In diesen
»Ordensinstituten der Brüder« hindert nichts daran, dab einige Mitglieder
für den priesterlichen Dienst in der eigenen Ordenskommunität die heiligen
Weihen empfangen,wenn das Generalkapitel dies festgelegt hat. Doch das
II. Vatikanische Konzil bietet dazu keine ausdrückliche Ermutigung, eben
weil es wünscht, dab die Institute der Brüder ihrer Berufung und Sendung
treu bleiben. Das gilt auch für den Zugang zum Amt des Superiors, wenn
man bedenkt, dab dies in besonderer Weise die Natur des Instituts widerspiegelt.Anders
ist die Berufung der Brüder in jenen Instituten, die als »klerikal« bezeichnet
werden, weil sie aufgrund des Planes des Stifters oder kraft einer rechtmäbigen
Überlieferung die Ausübung der heiligen Weihe vorsehen, unter der Leitung
von Klerikern stehen und von der Autorität der Kirche als solche anerkannt
sind.In diesen Instituten ist das Weiheamt eben grundlegend für das Charisma
und bestimmt dessen Eigenart, Zielsetzung und Geist. Die Anwesenheit von
Brüdern stellt eine differenzierte Beteiligung am Auftrag des Instituts
durch Dienste dar, die im Zusammenwirken mit jenen, die das Priesteramt
ausüben, sowohl innerhalb der Kommunitäten als auch in den apostolischen
Werken geleistet werden.
Gemischte Institute
61. Einige Ordensinstitute, die aufgrund des ursprünglichen
Planes des Stifters die Gestalt von Brüdergemeinschaften hatten, in denen
alle Mitglieder – Priester und Nichtpriester – untereinander als gleich
angesehen wurden, haben im Laufe der Zeit einen verschiedenen Charakter
angenommen. Diese sogenannten »gemischten« Institute sollen auf der Grundlage
der Vertiefung des eigenen Gründungscharismas erwägen, ob eine Rückkehr
zur ursprünglichen Inspiration angebracht und möglich ist.Die Synodenväter
haben den Wunsch geäubert, dab in diesen Instituten allen Personen des
geweihten Lebens gleiche Rechte und Pflichten zuerkannt werden, ausgenommen
jene, die sich aus der heiligen Weihe ergeben.Zur Prüfung und Lösung der
mit dieser Frage verbundenen Probleme ist eine eigene Kommission eingerichtet
worden, deren Beschlüsse man abwarten sollte, um dann entsprechend der
autoritätsgemäben Entscheidung die angebrachten Wahlen zu treffen.
Neue Formen evangelischen Lebens
62. Der Heilige Geist, der zu verschiedenen Zeiten zahlreiche
Formen des geweihten Lebens geweckt hat, steht der Kirche unaufhörlich
bei sowohl dadurch, dab er in den bereits bestehenden Instituten das Engagement
zur Erneuerung in Treue zum ursprünglichen Charisma fördert, als auch dadurch,
dab er Männern und Frauen unserer Zeit neue Charismen zuteilt, damit sie
Institutionen ins Leben rufen, die auf die Herausforderungen von heute
eine Antwort geben können. Ein Zeichen für dieses göttliche Eingreifen
sind die sogenannten Neugründungen , die im Vergleich zu den herkömmlichen
Instituten in gewisser Weise originelle Wesenszüge aufweisen.Die Originalität
der neuen Gemeinschaften besteht häufig darin, dab es sich um gemischte
Gruppen aus Frauen und Männern, aus Klerikern und Laien, aus Verheirateten
und zölibatär Lebenden handelt, die einen besonderen Lebensstil befolgen,
der sich bisweilen an der einen oder anderen traditionellen Form inspiriert
oder sich an die Bedürfnisse der heutigen Gesellschaft anpabt. Auch die
Verpflichtung zu einem Leben nach dem Evangelium findet in unterschiedlichen
Formen Ausdruck, während als allgemeine Ausrichtung sich ein intensives
Verlangen nach dem Gemeinschaftsleben, nach der Armut und nach dem Gebet
abzeichnet. Die Leitung wird je nach ihren Kompetenzen Klerikern und Laien
übertragen, und das apostolische Ziel öffnet sich den Erfordernissen der
Neuevangelisierung.Wenn auch angesichts des Wirkens des Geistes einerseits
Grund zur Freude besteht, mub man andererseits die Unterscheidung der
Charismen vornehmen. Um von geweihtem Leben sprechen zu können, gilt
grundsätzlich, dab sich die spezifischen Wesenszüge der neuen Gemeinschaften
und Lebensformen tatsächlich auf die dem geweihten Leben eigenen wesentlichen
theologischen und kanonischen Elemente gründen.Diese Unterscheidung ist
sowohl auf Orts- als auch auf Universalebene notwendig, um dem einen Geist
gemeinsam Gehorsam zu leisten. In den Diözesen überprüfe der Bischof das
Lebenszeugnis und die Rechtgläubigkeit von Stiftern und Stifterinnen solcher
Gemeinschaften, ihre Spiritualität, die kirchliche Gesinnung bei der Erfüllung
ihrer Sendung, die Ausbildungsmethoden und die Formen der Eingliederung
in die Gemeinschaft; er beurteile mit Weisheit eventuelle Schwachheiten,
indem er geduldig auf die Überprüfung der Früchte wartet, um die Echtheit
des Charismas erkennen zu können (vgl. Mt 7,16).Insbesondere wird
er ersucht, im Lichte klarer Kriterien die Eignung all derer in diesen
Gemeinschaften festzustellen, die um Zulassung zu den heiligen Weihen bitten.raft
desselben Unterscheidungsgrundsatzes können in die besondere Kategorie
des geweihten Lebens jene an sich lobenswerten Formen des Engagements nicht
einbezogen werden, das einige christliche Eheleute in kirchlichen Vereinigungen
oder Bewegungen zeigen, wenn sie in der Absicht, ihre Liebe, die schon
»geweiht« ist wie im Ehesakramentzur Vollkommenheit zu bringen, mit einem
Gelübde die Pflicht der eigenen Keuschheit im Eheleben bestätigen und,
ohne ihre Pflichten gegenüber den Kindern zu vernachlässigen, die Armut
und den Gehorsam geloben.Die notwendige Präzisierung bezüglich der Art
einer solchen Erfahrung möchte diesen besonderen, an seinen Gaben und Anregungen
unendlich reichen Weg der Heiligung, an der das Wirken des Heiligen Geistes
sicher nicht unbeteiligt ist, nicht unterbewerten.Angesichts des groben
Reichtums an Gaben und Erneuerungsimpulsen scheint es zweckmäbig, eine
Kommission für Fragen in bezug auf die neuen Formen des geweihten Lebens
mit dem Ziel zu errichten, Kriterien für die Echtheit festzulegen,
die bei der Unterscheidung und bei den Entscheidungen hilfreich sein sollen.Diese
Kommission wird unter anderen Aufgaben im Lichte der Erfahrung der letzten
Jahrzehnte bewerten müssen, welche neuen Weiheformen die kirchliche Autorität
mit pastoraler Klugheit und zum allgemeinen Nutzen offiziell anerkennen
und den Gläubigen, die nach einem vollkommeneren christlichen Leben verlangen,
vorschlagen könne.Diese neuen Vereinigungen eines Lebens nach dem Evangelium
sind keine Alternativen zu den früheren Institutionen, die weiter
den hervorragenden Platz einnehmen, den die Überlieferung ihnen eingeräumt
hat. Auch die neuen Formen sind eine Gabe des Geistes, damit die Kirche
ihrem Herrn mit steter hochherziger Begeisterung folge und aufmerksam auf
den Ruf Gottes achte, der sich durch die Zeichen der Zeit offenbart. So
zeigt sie sich der Welt in der Mannigfaltigkeit der Formen von Heiligkeit
und Diensten, was »Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit
Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit«ist. Die alten Institute,
von denen viele zwar härteste Prüfungen durchgemacht, aber sich Jahrhunderte
lang tapfer gehalten haben, können eine Bereicherung erfahren, wenn sie
mit den in unserer Zeit entstehenden Gründungen den Dialog aufnehmen und
Gaben austauschen.Auf diese Weise wird die Lebenskraft der verschiedenen
Einrichtungen des geweihten Lebens, von den ältesten bis zu den jüngsten,
ebenso wie die Lebendigkeit der neuen Gemeinschaften die Treue zum Heiligen
Geist fördern, der Ursprung der Gemeinschaft und ewiger Erneuerung des
Lebens ist.
III. DER BLICK IN DIE ZUKUNFT
Schwierigkeiten und Perspektiven
63. Die Veränderungen, die in der Gesellschaft in Gang
sind, und der Rückgang an Berufungen lasten schwer auf dem geweihten Leben
in einigen Gegenden der Welt. Die apostolischen Werke vieler Institute
und selbst ihre Anwesenheit in manchen Ortskirchen stehen auf dem Spiel.
Wie schon öfter in der Geschichte, gibt es sogar Institute, deren Existenz
Gefahr läuft aufzuhören. Die Universalkirche ist ihnen auberordentlich
dankbar für den grobartigen Beitrag, den sie durch ihr Zeugnis und ihren
Dienst zum Aufbau der Kirche geleistet haben.Die heutige besorgniserregende
Situation macht ihre Verdienste und die Früchte, die dank ihrer Mühen zur
Reife gelangten, keineswegs zunichte.Für andere Institute wiederum stellt
sich mehr das Problem der Reorganisation der Werke. Diese nicht einfache
und nicht selten schmerzvolle Aufgabe erfordert Studium und Unterscheidung
im Licht bestimmter Kriterien. So gilt es zum Beispiel den Sinn des eigenen
Charismas zu wahren, das geschwisterliche Leben zu fördern, die Bedürfnisse
sowohl der Gesamt- als auch der Teilkirche zu berücksichtigen, sich um
das zu kümmern, was die Welt vernachlässigt, grobzügig und mutig, wenn
auch mit notgedrungen spärlichen Eingriffen, auf die neuen Formen von Armut,
vor allem an den verlassensten Orten, zu antworten.ie verschiedenen Schwierigkeiten,
die vom Rückgang an Personal und an Initiativen herrühren, dürfen auf
keinen Fall zu einem Vertrauensverlust in die evangelische Kraft des geweihten
Lebens führen, die in der Kirche immer vorhanden und wirksam sein wird.
Auch wenn die einzelnen Institute kein Vorrecht auf ihren Fortbestand haben,
wird das geweihte Leben weiterhin unter den Gläubigen die Antwort der Liebe
zu Gott und zu den Brüdern und Schwestern fördern. Darum gilt es, die historische
Wechselfolge eines bestimmten Instituts oder einer Form des geweihten
Lebens von der kirchlichen Sendung des geweihten Lebens als solchem
zu unterscheiden. Ersteres kann sich mit der Veränderung der Situationen
ändern, die zweite aber ist zum Nichtvergehen bestimmt.Das gilt sowohl
für das geweihte Leben in der kontemplativen Form als auch für jenes, das
sich den Werken des Apostolats widmet. Es ist in seiner Gesamtheit unter
dem immer neuen Wirken des Geistes bestimmt, weiterzubestehen als leuchtendes
Zeugnis der unauflöslichen Einheit von Gottesliebe und Nächstenliebe, als
lebendige Erinnerung an die auch menschliche und soziale Fruchtbarkeit
der Gottesliebe. Man mub sich daher den neuen Notsituationen mit der Gelassenheit
desjenigen stellen, der weib, dab von jedem einzelnen nicht so sehr
der Erfolg als die Verpflichtung zur Treue verlangt wird. Was unbedingt
vermieden werden mub, ist die wirkliche Niederlage des geweihten Lebens,
die nicht in der zahlenmäbigen Abnahme, sondern im Schwinden der geistlichen
Hinwendung zum Herrn und zur eigenen Berufung und Sendung besteht. Hingegen
wird durch treues Ausharren in ihr mit grober Wirksamkeit auch gegenüber
der Welt das eigene feste Vertrauen in den Herrn der Geschichte bekannt,
in dessen Händen die Zeit und die Geschicke der einzelnen, der Institutionen,
der Völker und somit auch die geschichtliche Ausführung seiner Gaben liegen.
Die schmerzlichen Krisensituationen sind für die Personen des geweihten
Lebens ein Ansporn, mit Festigkeit den Glauben an den Tod und die Auferstehung
Christi zu verkünden, um zum sichtbaren Zeichen des Durchgangs vom Tod
zum Leben zu werden.
Neuaufschwung der Berufungspastoral
64. Die Sendung des geweihten Lebens und die Lebenskraft
der Institute hängen gewib von der Treueverpflichtung ab, mit der die Personen
des geweihten Lebens auf ihre Berufung antworten, sie haben aber nur in
dem Mabe Zukunft, in dem andere Männer und Frauen den Ruf des Herrn
hochherzig annehmen. Das Problem der Berufungen ist eine echte Herausforderung,
die direkt die Institute betrifft, aber die ganze Kirche mit einbezieht.
Auf dem Gebiet der Berufungspastoral werden grobe geistige und materielle
Energien eingesetzt, doch die Ergebnisse entsprechen nicht immer den Erwartungen
und Anstrengungen. So kann es geschehen, dab die Berufungen zum geweihten
Leben in den jungen Kirchen und in jenen, die unter Verfolgungen durch
totalitäre Regime gelitten haben, blühen, während es in den traditionellerweise
an Berufungen– auch für die Mission– reichen Ländern mangelt.Diese schwierige
Lage stellt die Personen des geweihten Lebens auf die Probe und sie fragen
sich mitunter: haben wir etwa die Fähigkeit verloren, neue Berufungen anzuziehen?
Man mub Vertrauen in den Herrn Jesus setzen, der immer noch in seine Nachfolge
ruft, und sich dem Heiligen Geist anvertrauen, dem Urheber und Anstifter
der Charismen des geweihten Lebens. Während wir uns also über das Wirken
des Geistes freuen, der die Braut Christi dadurch verjüngt, dab er das
geweihte Leben in vielen Nationen blühen läbt, müssen wir inständig zum
Herrn der Ernte beten, damit er Arbeiter in seine Kirche sende, um sie
für die dringenden Erfordernisse der Neuevangelisierung bereit zu machen
(vgl. Mt 9,37-38). Auber der Förderung des Gebets um Berufungen
ist es dringend notwendig, sich durch eine klare Verkündigung und eine
entsprechende Katechese darum zu bemühen, bei den zum geweihten Leben Berufenen
jene freie, aber bereite und hochherzige Antwort zu fördern, die die Gnade
der Berufung wirksam werden läbt.Die Einladung Jesu: »Kommt und seht!«
(Joh 1,39) ist noch heute die goldene Regel der Berufungspastoral.
Diese setzt sich zum Ziel, nach dem Beispiel der Stifter und Stifterinnen
den Glanz der Person des Herrn Jesus und die Schönheit der Ganzhingabe
seiner selbst an die Sache des Evangeliums zu zeigen. Vorrangige Aufgabe
aller Personen des geweihten Lebens ist es also, mutig durch Wort und Beispiel
das Ideal der Nachfolge Christi vorzustellen und dann die Antwort auf die
Impulse des Heiligen Geistes in den Herzen der Berufenen zu unterstützen.Auf
die Begeisterung der ersten Begegnung mit Christus wird natürlich die geduldige
Mühe um die Entsprechung im täglichen Leben folgen, das die Berufung zu
einer Geschichte der Freundschaft mit dem Herrn macht. Zu diesem Zweck
bedient sich die Berufungspastoral geeigneter Hilfsmittel, wie der geistlichen
Führung , um jene persönliche Antwort der Liebe zum Herrn zu fördern,
die wesentliche Bedingung ist, um Jünger und Apostel seines Reiches zu
werden. Auch wenn das Blühen von Berufungen, wie es sich in verschiedenen
Teilen der Welt zeigt, Optimismus und Hoffnung rechtfertigt, so darf der
Mangel in anderen Regionen weder zur Mutlosigkeit noch zur Versuchung zu
leichfertigen und unbedachten Anwerbungen verleiten. Die Aufgabe der Förderung
von Berufungen mub so erfüllt werden, dab sie zunehmend als eine gemeinsame
Verpflichtung der ganzen Kirche erscheint.Sie erfordert daher die aktive
Zusammenarbeit von Seelsorgern, Ordensleuten, Familien und Erziehern, wie
es einem Dienst zusteht, der integraler Bestandteil der Gesamtpastoral
jeder Teilkirche ist. Es soll daher in jeder Diözese diesen gemeinsamen
Dienst geben, der die Kräfte koordiniert und vermehrt, ohne jedoch
die für Berufungen entwickelte Aktivität jedes einzelnen Instituts zu beeinträchtigen,
ja vielmehr diese zu fördern.iese von der Vorsehung getragene tätige Zusammenarbeit
des ganzen Gottesvolkes wird notwendigerweise die Fülle der göttlichen
Gaben anregen. Die christliche Solidarität möge den Notwendigkeiten der
Ausbildung von Berufungen in den wirtschaftlich ärmeren Ländern weithin
entgegenkommen. Die Förderung von Berufungen in diesen Nationen soll von
den verschiedenen Instituten in vollem Einklang mit den Ortskirchen auf
der Grundlage einer aktiven und langfristigen Einbeziehung in ihre Pastoral
vorgenommen werden.Die zutreffendste Art, das Wirken des Geistes zu unterstützen,
wird es sein, grobzügig die besten Kräfte in die Berufungsaktivität zu
investieren, besonders durch entsprechende Hingabe an die Jugendpastoral.
Die Aufgabe der Anfangsausbildung
65. Besondere Aufmerksamkeit hat die Synodenversammlung
der Ausbildung dessen vorbehalten, der die Absicht hat, sich dem
Herrn zu weihen,indem ihre entscheidende Bedeutung anerkannt wird. Zentrales
Ziel des Ausbildungsweges ist die Vorbereitung des einzelnen auf seine
Ganzhingabe an Gott in der Nachfolge Christi zum Dienst der Sendung. »Ja«
zu sagen auf den Ruf des Herrn und persönlich die Dynamik des Wachsens
der Berufung anzunehmen, liegt in der unveräuberlichen Verantwortung eines
jeden Berufenen, der den Raum seines Lebens für das Wirken des Heiligen
Geistes öffnen mub; es heibt, den Ausbildungsweg mit Edelmut beschreiten
und in Treue die Fürsprache annehmen, die der Herr und die Kirche anbieten.ie
Ausbildung wird daher die Person in ihrem tiefsten Inneren erreichen müssen,
so dab jede ihrer Verhaltensweisen oder Gebärden sowohl in den wichtigen
Augenblicken als auch in den gewöhnlichen Lebensumständen ihre volle und
frohe Zugehörigkeit zu Gott enthülle.Da das Ziel des geweihten Lebens in
der Gleichgestaltung mit dem Herrn Jesus und in der Ganzhingabe an
ihnbesteht, mub die Ausbildung vor allem auf dieses abzielen. Es handelt
sich um einen Weg der fortschreitenden Assimilierung der Gesinnung Christi
an den Vater.Wenn dies der Zweck des geweihten Lebens ist, wird die Methode,
die darauf vorbereitet, das Merkmal der Ganzheit annehmen und ausdrücken
müssen. Sie mub Ausbildung der ganzen Personsein, in jedem Aspekt ihrer
Individualität, im Verhalten wie in den Absichten. Es ist klar, dab gerade
wegen des Strebens nach der Umgestaltung der ganzen Person die Aufgabe
der Bildung niemals aufhört. Es ist tatsächlich notwendig, dab den
Personen des geweihten Lebens bis zum Ende die Chance geboten wird, im
Festhalten am Charisma und an der Sendung ihres Instituts zu wachsen.Die
Ausbildung soll, um vollständig zu sein, alle Bereiche des christlichen
Lebens und des geweihten Lebens umfassen. Es ist daher eine menschliche,
kulturelle, spirituelle und pastorale Vorbereitung vorzusehen, wobei besonders
darauf zu achten ist, dab die harmonische Integration der verschiedenen
Aspekte begünstigt wird. Für die Anfangsausbildung, die als Entwicklungsprozeb
verstanden wird, der jede Stufe der persönlichen Reifung – von der psychologischen
und geistlichen bis hin zur theologischen und pastoralen – durchläuft,
mub ein ausreichender Zeitraum vorgesehen werden. Im Fall der Berufungen
zum Priestertum fällt dieser mit einem spezifischen Studienprogramm als
Teil eines umfassenderen Ausbildungsganges zusammen und wird mit ihm in
Einklang gebracht.
Das Werk der Ausbilder und Ausbilderinnen
66. Gott Vater ist in der ständigen Gabe Christi und des
Geistes im wahrsten Sinne des Wortes der Ausbilder dessen, der sich
ihm weiht. Aber bei diesem Werk bedient er sich der menschlichen Vermittlung,
indem er dem, den er ruft, einige ältere Brüder und Schwestern an die Seite
stellt. Die Ausbildung ist also Teilhabe am Handeln des Vaters, der durch
den Geist im Herzen der jungen Männer und Frauen die Gesinnung des Sohnes
formt. Die Ausbilder und Ausbilderinnen müssen daher erfahrene Personen
auf dem Weg der Suche nach Gott sein, um auch andere auf diesem Weg begleiten
zu können. Wenn sie auf das Wirken der Gnade achten, werden sie in der
Lage sein, auch auf die weniger augenfälligen Hindernisse hinzuweisen,
vor allem aber werden sie die Schönheit der Nachfolge des Herrn und den
Wert des Charismas aufzeigen, in dem diese sich erfüllt. Im Licht geistlicher
Weisheit werden sie das von den menschlichen Mitteln gebotene Wissen verbinden,
das eine Hilfe sein kann sowohl in der Entscheidung bezüglich der Berufung
als auch in der Ausbildung des neuen Menschen, damit er ganz frei werde.
Ein wichtiges Mittel der Ausbildung ist das persönliche Gespräch, das als
Gewohnheit von unersetzlicher und erprobter Wirksamkeit mit Regelmäbigkeit
und einer gewissen Häufigkeit geführt werden soll.Angesichts so heikler
Aufgaben erscheint die Ausbildung geeigneter Ausbilder wirklich wichtig,
die in ihrem Dienst eine grobe Übereinstimmung mit dem Weg der ganzen Kirche
gewährleisten sollen. Es wird notwendig sein, entsprechende Strukturen
für die Ausbildung der Ausbilder möglichst an Orten zu errichten,
wo der Kontakt mit der Kultur möglich ist, innerhalb der sie ihren pastoralen
Dienst dann ausüben sollen. Bei diesem Ausbildungswerk sollen die Institute
älterer und bewährter Tradition den Instituten jüngerer Gründung durch
die Bereitstellung einiger ihrer besten Mitglieder Hilfe leisten.
Eine gemeinschaftliche und apostolische Ausbildung
67. Da die Ausbildung auch gemeinschaftlich sein
soll, ist die Kommunität für die Institute des geweihten Lebens und die
Gesellschaften des apostolischen Lebens der bevorzugte Ort. In ihr erfolgt
die Einweihung in die Mühe und in die Freude des Zusammenlebens. In der
Brüderlichkeit lernt ein jeder mit dem zu leben, den Gott neben ihn gestellt
hat, indem er seine positiven Wesensmerkmale und zugleich seine Andersartigkeit
und seine Grenzen annimmt. Insbesondere lernt er, die für die Erbauung
aller empfangenen Gaben mit den anderen zu teilen, denn »jedem wird die
Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt« (1 Kor
12, 7).Gleichzeitig soll das Gemeinschaftsleben von der ersten Ausbildung
an die missionarische Dimension der Weihe an Gott zeigen. Darum wird es
während der Anfangsausbildung in den Instituten des geweihten Lebens nützlich
sein, konkrete und vom Ausbilder bzw. von der Ausbilderin umsichtig begleitete
Erfahrungen zu machen, um im Dialog mit der umgebenden Kultur apostolische
Verhaltensweisen, Anpassungsfähigkeiten und Unternehmungsgeist zu üben.Wenn
es einerseits wichtig ist, dab die Person des geweihten Lebens sich nach
und nach ein im Sinne des Evangeliums kritisches Bewubtsein gegenüber den
Werten und Unwerten der eigenen und jener Kultur bildet, der sie in ihrem
künftigen Arbeitsbereich begegnen wird, so mub sie sich andererseits in
der schwierigen Kunst der Einheit des Lebens, der gegenseitigen Durchdringung
der Liebe zu Gott und der Liebe zu den Brüdern und Schwestern üben und
dabei erfahren, dab das Gebet die Seele des Apostolates ist, aber auch,
dab das Apostolat das Gebet belebt und anregt.
Die Notwendigkeit einer vollständigen und zeitgemäben
ratio
68. Eine ausdrückliche Dauer der Ausbildung, die bis zur
ewigen Profeb reichen soll, wird auch den weiblichen Instituten ebenso
wie den männlichen bzw. den Ordensbrüdern empfohlen. Das gilt im wesentlichen
auch für die Klausurgemeinschaften, die sich im Hinblick auf eine authentische
Ausbildung zum kontemplativen Leben und auf ihren besonderen Auftrag in
der Kirche um die Ausarbeitung eines angemessenen Programms bemühen sollen.Die
Synodenväter haben alle Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften
des apostolischen Lebens inständig gebeten, sobald wie möglich eine ratio
institutionis, d. h. einen am Charisma des Instituts inspirierten Ausbildungsplan
zu erarbeiten, in dem klar und dynamisch der Weg dargelegt wird, der gegangen
werden mub, um sich die Spiritualität des eigenen Instituts vollkommen
anzueignen. Die ratio antwortet heute auf eine echte Notwendigkeit:
sie zeigt einerseits auf, wie der Geist des Instituts vermittelt werden
soll, damit er von den jungen Generationen in der Unterschiedlichkeit der
Kulturen und der geographischen Lagen unverfälscht gelebt werde; andererseits
erläutert sie den Personen des geweihten Lebens die Wege, um den gleichen
Geist in den verschiedenen Lebensphasen im Fortschreiten auf die volle
Reife des Glaubens an Christus hin zu leben.Wenn es also zutrifft, dab
die Erneuerung des geweihten Lebens hauptsächlich von der Ausbildung abhängt,
so ist es ebenfalls richtig, dab diese ihrerseits an die Fähigkeit gebunden
ist, eine an geistlicher und pädagogischer Weisheit reiche Methode vorzuschlagen,
die den, der sich Gott zu weihen wünscht, nach und nach dahin führt, die
selbstlose Gesinnung Christi, des Herrn, anzunehmen. Die Ausbildung ist
ein Lebensprozeb, durch den sich der Mensch bis in die Tiefen seines Seins
zum Wort Gottes bekehrt und zugleich die Kunst erlernt, in der Wirklichkeit
der Welt die Zeichen Gottes zu suchen. In einer Zeit wachsender Verdrängung
der religiösen Werte aus der Kultur ist dieser Ausbildungweg in doppeltem
Sinn bedeutsam: dank diesem vermag die Person des geweihten Lebens nicht
nur Gott weiterhin mit den Augen des Glaubens in einer Welt zu »sehen«,
die seine Gegenwart ignoriert, sondern es gelingt ihr auch, durch das Zeugnis
des eigenen Charismas seine Gegenwart irgendwie »wahrnehmbar« zu machen.
Die ständige Weiterbildung
69. Die ständige Weiterbildung ist sowohl für die Institute
des apostolischen Lebens als auch für die des kontemplativen Lebens ist
eine für die Weihe an Gott wesentliche Forderung. Der Ausbildungsprozeb
beschränkt sich, wie gesagt, nicht auf seine Anfangsphase, weil nun einmal
wegen der menschlichen Grenzen die Person des geweihten Lebens niemals
annehmen kann, sie habe das Heranwachsen jenes neuen Menschen vollendet,
der in sich in jeder Lebenssituation die Gesinnung Christi erfährt. Die
Anfangsausbildung mub sich darum mit jener ständigen Weiterbildung
verbinden, die im Menschen die Bereitschaft erzeugt, sich an jedem
Tag des Lebens bilden zu lassen.nfolgedessen wird es sehr entscheidend
sein, dab jedes Institut als Teil der ratio institutionis die möglichst
präzise und systematische Definition eines Planes für die ständige Weiterbildung
vorsieht, dessen Hauptzweck es sein soll, jede Person des geweihten Lebens
mit einem das ganze Leben umfassenden Programm zu begleiten. Keiner kann
umhin, sich seinem menschlichen und religiösen Wachstum zu widmen, so wie
sich keiner anmaben kann, sein Leben in Selbstgenügsamkeit zu führen. Keine
Lebensphase kann sich für so sicher und eifrig halten, dab man die Notwendigkeit
besonderer Vorsichtsmabnahmen aus-schlieben soll, um so das Ausharren in
der Treue zu gewährleisten, ebenso wie es kein Alter gibt, das die Reifung
der Person als beendet ansehen könnte.
In einem Dynamismus der Treue
70. Es gibt eine Jugendlichkeit des Geistes, die zeitlich
weiterbesteht: sie steht in Verbindung mit der Tatsache, dab der einzelne
für jeden Lebensabschnitt eine andere zu erfüllende Aufgabe, eine besondere
Seinsweise, eine besondere Art zu dienen und zu lieben sucht und findet.m
geweihten Leben stellen die ersten Jahre der vollen Eingliederung in
die apostolische Tätigkeit eine an und für sich kritische Phase dar,
die gekennzeichnet ist vom Übergang aus einem gelenkten Leben in eine Situation
der vollen tätigen Verantwortlichkeit. Es ist wichtig, dab junge
Personen des geweihten Lebens von einem Mitbruder oder einer Mitschwester
unterstützt und begleitet werden, der oder die ihnen helfen soll, die jugendliche
Frische ihrer Liebe und ihrer Begeisterung für Christus voll zu leben.In
der anschliebenden Phase kann sich das Risiko der Gewohnheit und
die daraus folgende Versuchung zur Enttäuschung über die Dürftigkeit der
Ergebnisse einstellen. Da gilt es nun, den Personen des geweihten Lebens
des mittleren Lebensalters zu helfen, im Lichte des Evangeliums und der
charismatischen Inspiration ihre ursprüngliche Option neu zu überdenken,
wobei die Vollständigkeit der Hingabe nicht mit der Vollständigkeit des
Ergebnisses verwechselt werden darf. Dadurch wird es möglich, der eigenen
Entscheidung neuen Schwung und neue Motivationen zu geben. Es ist die Phase
der Suche nach dem Wesentlichen.Die Phase des reifen Alters kann
zusammen mit dem persönlichen Wachstum die Gefahr eines gewissen Individualismus
mit sich bringen, der sowohl von der Furcht, nicht mehr in die Zeit
zu passen, als auch von Phänomenen wie Erstarrung, Aufhören und Erschlaffung
begleitet ist. Hier hat die ständige Weiterbildung den Zweck zu helfen,
damit nicht nur eine höhere geistliche und apostolische Lebenshaltung wiedererlangt,
sondern auch die besondere Eigenart dieser Lebensphase entdeckt wird. Nach
Läuterung einiger Aspekte der Persönlichkeit steigt in dieser Lebensphase
tatsächlich die Selbsthingabe mit gröberer Lauterkeit und Hochherzigkeit
zu Gott empor und kommt ruhiger, diskreter und zugleich transparenter und
gnadenreicher auf die Brüder und Schwestern nieder. Das ist das Geschenk
und die Erfahrung der geistlichen Vater- und Mutterschaft. Das fortgeschrittene
Alter wirft neue Probleme auf, denen man mit einem umsichtigen Programm
der spirituellen Haltung vorbeugend begegnen mub. Das zunehmende Sich-Zurückziehen
aus dem aktiven Wirken, in manchen Fällen Krankheit und notgedrungene Untätigkeit,
stellen eine Erfahrung dar, die in hohem Mabe formend sein kann. Obwohl
dieser Rückzug oft schmerzlich ist, bietet er der Person des geweihten
Lebens dennoch die Gelegenheit, sich von der österlichen Erfahrung formen
zu lassenund die Gestalt des gekreuzigten Christus anzunehmen, der in allem
den Willen des Vaters erfüllt und sich in seine Händen gibt, bis er ihm
den Geist zurückgibt. Diese Gleichgestaltung ist eine neue Weise, die Weihe
an Gott zu leben, die nicht an die Effizienz einer Führungsaufgabe oder
einer apostolischen Arbeit gebunden ist.Wenn dann der Augenblick
kommt, um sich mit der letzten Stunde der Passion des Herrn zu vereinen,
weib die Person des geweihten Lebens, dab der Vater in ihm jenen geheimnisvollen,
vor langer Zeit eingeleiteten Bildungsprozeb nunmehr beendet. Der Tod wird
nun als der letzte Akt der Liebe und Selbsthingabe erwartet und vorbereitet.Es
mub hinzugefügt werden, dab jedes Alter, unabhängig von den verschiedenen
Lebensphasen, kritische Situationen kennenlernen kann durch die Einwirkung
äuberer Faktoren– Orts- oder Amtswechsel, Schwierigkeiten bei der Arbeit
oder apostolischer Miberfolg, Unverständnis oder Ausgrenzung usw. –oder
persönlicher Faktoren im engeren Sinn– physische oder psychische Erkrankung,
geistliche Leere, Trauer, Probleme zwischenmenschlicher Beziehungen, starke
Versuchungen, Glaubens- oder Identitätskrisen, Gefühl der Bedeutungslosigkeit,
und ähnliches. Wenn die Treue schwieriger wird, mub dem einzelnen mehr
Vertrauen und gröbere Liebe auf persönlicher wie gemeinschaftlicher Ebene
als Hilfe entgegengebracht werden. Dabei ist vor allem die liebevolle Nähe
des Oberen nötig; grober Trost wird auch von der geeigneten Hilfe eines
Bruders oder einer Schwester kommen, dessen oder deren zuvorkommende und
bereite Anwesenheit zur Wiederentdeckung des Sinnes des Bundes führen kann,
den Gott als erster geschlossen hat und nicht zu widerrufen gedenkt. So
wird der Geprüfte schlieblich Läuterung und Entäuberung als wesentliche
Handlungen der Nachfolge des gekreuzigten Christus annehmen. Die Prüfung
selbst wird ihm als Ausbildungsmittel der Vorsehung in den Händen des Vaters
erscheinen, nicht nur als psychologischer Kampf, der vom Ich mit
Bezug auf sich selbst und auf seine Schwächen geführt wird, sondern als
religiöser Kampf, der jeden Tag von der Gegenwart Gottes und von
der Macht des Kreuzes gekennzeichnet ist!
Dimensionen der ständigen Weiterbildung
71. Wenn die Person Subjekt der Ausbildung in jeder Lebensphase
ist, so ist das Ziel der Ausbildung die Ganzheit des Menschen, der aufgerufen
ist, Gott zu suchen und »mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer
Kraft« (Dtn 6,5) zu lieben und den Nächsten wie sich selbst (vgl.
Lev 19,18; Mt 22,37-39). Die Liebe zu Gott und zu den Brüdern
und Schwestern ist ein mächtiger Dynamismus, der den Weg des Wachstums
und der Treue ständig zu inspirieren vermag.Das Leben im Geist hat
seinen selbstverständlichen Vorrang. In ihm findet die Person des geweihten
Lebens wieder ihre Identität und eine tiefe heitere Ruhe, wächst in der
Aufmerksamkeit auf die täglichen Herausforderungen des Gotteswortes und
läbt sich von der ursprünglichen Inspiration seines Instituts leiten. Unter
dem Wirken des Heiligen Geistes werden die Zeiten des Gebetes, der Stille
und der Einsamkeit fest verteidigt, und die Gabe der Weisheit wird inständig
vom Himmel in der Mühsal des Alltags erfleht (vgl. Weish 9,10).Die
menschliche und brüderliche Dimension erfordert die Erkenntnis seiner
selbst und die der eigenen Grenzen, um daraus die notwendige Anregung und
Unterstützung auf dem Weg zur vollen Befreiung zu gewinnen. Von besonderer
Bedeutung sind in der heutigen Situation die innere Freiheit der Person
des geweihten Lebens, seine gefühlsmäbige Integration, die Kommunikationsfähigkeit
mit allen, besonders in der eigenen Kommunität, die Gelassenheit des Geistes
und das Mitgefühl mit dem Leidenden, die Liebe zur Wahrheit sowie der klare
Zusammenhang zwischen Wort und Tat.Die apostolische Dimension öffnet
Verstand und Herz der Person des geweihten Lebens und macht sie bereit
für ein ständiges aktives Bemühen als Zeichen der Liebe Christi, die sie
drängt (vgl. 2 Kor 5,14). In der Praxis bedeutet dies die zeitgemäbe
Erneuerung der Methoden und Zielsetzungen der apostolischen Tätigkeiten
in Treue zum Geist und zur Zielsetzung des Gründers oder der Gründerin
sowie zu den in der Folge gereiften Traditionen, unter Beachtung der veränderten
historischen und kulturellen, allgemeinen und lokalen Verhältnisse des
Umfeldes, in dem man sich betätigt.Die kulturelle und berufliche Dimension
schliebt auf der Grundlage einer soliden theologischen Ausbildung,
die zur Unterscheidung befähigt, eine ständige zeitgemäbe Erneuerung und
eine besondere Beachtung der verschiedenen Bereiche ein, auf die jedes
einzelne Charisma verweist. Es ist daher notwendig, geistig offen und möglichst
anpassungsfähig zu bleiben, damit der Dienst gemäb den Erfordernissen der
Zeit geplant und durchgeführt wird, indem man sich der vom kulturellen
Fortschritt bereitgestellten Mittel bedient.In der Dimension des Charismas
schlieblich finden sich alle anderen Forderungen gesammelt, wie in
einer Synthese, die eine dauernde Vertiefung der eigenen besonderen Weihe
in ihren verschiedenen Komponenten– nicht nur in der apostolischen, sondern
auch in der asketischen und mystischen –verlangt. Das schliebt für jedes
Mitglied ein eifriges Studium des Geistes des Institutes, dem es angehört,
seiner Geschichte und seiner Sendung ein, um dessen persönliche und gemeinschaftliche
Assimilation zu verbessern.
KAPITEL III
SERVITIUM CARITATIS
DAS GEWEIHTE LEBEN,
SICHTBARWERDEN DER LIEBE GOTTES IN DER WELT
Geweiht für die Sendung
72. Nach dem Bilde Jesu, des geliebten Sohnes, »den der
Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat« (Joh 10,36), werden
auch diejenigen, die Gott in seine Nachfolge ruft, geheiligt und in die
Welt gesandt, um sein Beispiel nachzuahmen und seine Sendung fortzusetzen.
Grundsätzlich gilt das für jeden Jünger. Doch in besonderer Weise gilt
es für alle, die in der charakteristischen Form des geweihten Lebens dazu
berufen sind, Christus »aus nächster Nähe« zu folgen und ihn »zum Ganzen«
ihrer Existenz zu machen. In dem Anruf an sie ist daher die Aufgabe enthalten,
sich vollständig der Sendung zu widmen: ja, das geweihte Leben wird
unter dem Wirken des Heiligen Geistes, dem Ursprung jeder Berufung und
jedes Charismas, selbst zur Sendung, wie es das ganze Leben Jesu gewesen
ist. Das Bekenntnis zu den evangelischen Räten, das die Person des geweihten
Lebens für die Sache des Evangeliums völlig frei macht, offenbart auch
unter diesem Gesichtspunkt seine Bedeutung. Man darf also behaupten, dab
die Sendung für jedes Institut wesentlich ist, nicht nur für die
des tätigen apostolischen Lebens, sondern auch für die des beschaulichen
Lebens.
Denn noch ehe sich die Sendung durch äubere Werke kennzeichnet,
entfaltet sie sich dadurch, dab sie durch das persönliche Zeugnis für die
Welt Christus selbst gegenwärtig macht. Das ist die Herausforderung, das
ist die erstrangige Aufgabe des geweihten Lebens! Je mehr man Christus
gleichförmig wird, umso gegenwärtiger und wirksamer macht man ihn in der
Welt zum Heil der Menschen.Man kann also sagen, die Person des geweihten
Lebens ist »in Mission« eben kraft ihrer Weihe selbst, die entsprechend
dem Plan des eigenen Instituts bezeugt ist. Wenn das Gründungscharisma
pastorale Tätigkeiten vorsieht, sind offensichtlich Lebenszeugnis und Werke
des Apostolats oder menschlicher Förderung in gleicher Weise notwendig:
beide stellen Christus dar, der geheiligt ist zur Ehre des Vaters und zugleich
in die Welt gesandt zum Heil der Brüder und Schwestern.as Ordensleben nimmt
noch mit einem anderen, ganz besonderen Element an der Sendung Christi
teil: dem geschwisterlichen Leben in Gemeinschaft für die Sendung.
Das Ordensleben wird daher um so apostolischer sein, je inniger seine Hingabe
an den Herrn Jesus, je brüderlicher seine gemeinschaftliche Lebensform,
je glühender die Einbeziehung in die besondere Sendung des Instituts ist.
Im Dienste Gottes und des Menschen
73. Das geweihte Leben hat die prophetische Aufgabe, sich
auf Gottes Plan in bezug auf die Menschen zu besinnen und ihm zu dienen,
wie es von der Schrift verkündet wird und wie es aus einem aufmerksamen
Lesen der Zeichen des weisen Wirkens Gottes in der Geschichte hervorgeht.
Es ist der Plan für eine gerettete und versöhnte Menschheit (vgl. Kol
2,20-22). Um diesen Dienst in angemessener Weise zu erfüllen, müssen die
Personen des geweihten Lebens eine tiefe Gotteserfahrung haben und sich
die Herausforderungen der Zeit bewubt machen, indem sie deren tiefe theologische
Bedeutung durch die mit Hilfe des Heiligen Geistes gewirkte Unterscheidung
erfassen. In der Tat verbirgt sich in den geschichtlichen Ereignissen oft
der Anruf Gottes, nach seinem Plan durch eine aktive und fruchtbare Einbeziehung
in die Belange unserer Zeit zu wirken.ie Unterscheidung der Zeichen der
Zeit mub, wie das Konzil sagt, im Lichte des Evangeliums vorgenommen werden,
damit man »auf die bleibenden Fragen der Menschen nach dem Sinn des gegenwärtigen
und des zukünftigen Lebens und nach dem Verhältnis beider zueinander Antwort
geben kann«.Es ist daher notwendig, das Herz für die inneren Eingebungen
des Geistes zu öffnen, der dazu einlädt, die Zeichen der Vorsehung in ihrer
Tiefe zu erfassen. Er ruft das geweihte Leben, auf die neuen Probleme der
Welt von heute neue Antworten zu erarbeiten. Das sind göttliche Mahnungen,
die nur Menschen, die gewohnt sind, in allem den Willen Gottes zu suchen,
getreu aufzunehmen und dann mutig in Entscheidungen umzusetzen vermögen,
die sowohl mit dem ursprünglichen Charisma als auch mit den Erfordernissenn
der konkreten geschichtlichen Situation übereinstimmen.Angesichts der zahlreichen
Probleme und Nöte, die das geweihte Leben mitunter zu gefährden oder gar
mit sich zu reiben scheinen, müssen die Berufenen die Aufgabe wahrnehmen,
die vielen Bedürfnisse der ganzen Welt im Herzen und im Gebet zu tragen
und zugleich eifrig auf den zum Gründungscharisma gehörenden Gebieten tätig
zu sein. Ihre Hingabe wird offensichtlich von dem übernatürlichen Unterscheidungsvermögen
geleitet sein müssen und wird das, was vom Geist kommt, von dem zu unterscheiden
wissen, was ihm entgegengesetzt ist (vgl. Gal 5,16-17.22; 1 Joh
4,6). Er bewahrt durch die Treue zur Ordensregel und zu den Konstitutionen
die volle Gemeinschaft mit der Kirche.uf diese Weise wird sich das geweihte
Leben nicht darauf beschränken, die Zeichen der Zeit zu lesen, sondern
es wird dazu beitragen, auch neue Pläne der Evangelisierung für
die Situationen der heutigen Zeit auszuarbeiten und zu verwirklichen. Das
alles geschieht in der Glaubensgewibheit, dab der Geist auch auf die schwierigsten
Fragen die geeigneten Antworten zu geben vermag. In diesem Zusammenhang
gilt es wiederzuentdecken, was die groben Hauptvertreter der apostolischen
Tätigkeit schon immer gelehrt haben: man mub auf Gott vertrauen, als hinge
alles von ihm ab, und sich gleichzeitig so grobherzig einsetzen, als hinge
alles von uns ab.
Kirchliche Zusammenarbeit und apostolische Spiritualität
74. Alles mub in Gemeinschaft und im Dialog mit
den anderen Mitgliedern der Kirche getan werden. Die Herausforderungen
an die Sendung sind so grob, dab sie ohne die Zusammenarbeit aller Glieder
der Kirche sowohl bei der Unterscheidung als auch beim Tun nicht wirksam
angegangen werden können. Die einzelnen verfügen kaum über die entscheidende
Antwort: diese kann hingegen aus der Gegenüberstellung und dem Dialog entspringen.
Insbesondere wird es die durch die verschiedenen Charismen tätige Gemeinschaft
nicht unterlassen, auber einer gegenseitigen Bereicherung eine ausgeprägtere
Wirksamkeit in der Sendung sicherzustellen. Die Erfahrung dieser Jahre
bestätigt weitgehend, dab »der neue Name der Liebe ‘Dialog' ist«,besonders
jener kirchlichen Liebe; der Dialog hilft, die Probleme in ihren tatsächlichen
Dimensionen zu sehen, und ermöglicht, sie mit gröberer Hoffnung auf Erfolg
anzugehen. Das geweihte Leben stellt sich auf Grund der Tatsache, dab es
den Wert des geschwisterlichen Lebens pflegt, als bevorzugte Dialogerfahrung
dar. Es kann daher zur Schaffung eines Klimas gegenseitiger Annahme beitragen,
in dem die verschiedenen Personen der Kirche, während sie sich aufgewertet
fühlen durch das, was sie sind, in überzeugterer Weise der auf die grobe
universale Sendung ausgerichteten kirchlichen Gemeinschaft zustreben.Die
in der einen oder der anderen Form des apostolischen Dienstes tätigen Institute
müssen schlieblich eine solide Spiritualität der Tätigkeit pflegen,
die in allen Dingen Gott und alle Dinge in Gott sieht. »Man mub nämlich
wissen, dab, wie das gute geordnete Leben danach strebt, vom tätigen zum
kontemplativen Leben überzugehen, die Seele so meistens in nützlicher Weise
aus dem kontemplativen in das tätige Leben zurückkehrt, um noch vollkommener
das tätige Leben dafür zu bewahren, was das beschauliche Leben im Herzen
entzündet hat. Das tätige Leben soll uns also ins beschauliche hinüberführen
und bisweilen soll uns die Kontemplation aufgrund dessen, was wir im Inneren
sehen, besser zum Handeln anleiten«.Jesus selbst hat uns das vollkommene
Beispiel gegeben, wie man die Gemeinschaft mit dem Vater mit einem intensiven
tätigen Leben vereinen kann. Ohne das ständige Streben nach dieser Einheit
lauert im Hinterhalt ständig die Gefahr der inneren Ermattung, der Orientierungslosigkeit
und der Entmutigung. Die enge Verbindung zwischen Beschaulichkeit und Tätigkeit
wird es heute wie gestern ermöglichen, sich den schwierigsten Aufträgen
zu stellen.
I. DIE LIEBE BIS ZUM ENDE
Mit dem Herzen Christi lieben
75. »Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte,
erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung. Es fand ein Mahl statt
[...], Jesus stand vom Mahl auf [...] und begann, den Jüngern die Fübe
zu waschen und mit dem Leinentuch abzutrocknen, mit dem er umgürtet war«
(Joh 13,1-2.4-5).Bei der Fubwaschung macht Jesus die Tiefe der Liebe
Gottes zum Menschen offenbar: in ihm stellt sich Gott selber in den Dienst
der Menschen! Zugleich enthüllt er den Sinn des christlichen Lebens und
noch mehr des geweihten Lebens, das ein Leben hingebungsbereiter Liebe,
konkreten und selbstlosen Dienstes ist. Da das geweihte Leben sich in die
Nachfolge des Menschensohnes stellt, »der nicht gekommen ist, um sich dienen
zu lassen, sondern zu dienen« (Mt 20,28), ist es, zumindest in den
besten Zeiten seiner langen Geschichte, durch dieses »Waschen der Fübe«
gekennzeichnet, das heibt durch den Dienst besonders an den Ärmsten und
Bedürftigsten. Wenn das geweihte Leben sich einerseits in das erhabene
Geheimnis des Wortes vertieft, das bei Gott war (vgl. Joh 1,1),
so folgt es andererseits eben demselben Wort, das Fleisch wird (vgl. Joh
1,14), sich erniedrigt, sich demütigt, um den Menschen zu dienen. Die Personen,
die Christus auf dem Weg der evangelischen Räte folgen, beabsichtigen auch
dort hinzugehen, wo Christus hingegangen ist, und das zu tun, was er getan
hat.Er ruft unablässig neue Jünger, Männer und Frauen zu sich, um ihnen
durch die Ausgiebung des Geistes (vgl. Röm 5, 5) die göttliche Agape,
seine Art zu lieben mitzuteilen und sie so anzuspornen, in demütiger Selbsthingabe,
fernab von eigennützigen Überlegungen, den anderen zu dienen. An Petrus,
der in ekstatischer Begeisterung über den Glanz der Verklärung ausruft:
»Herr, es ist gut, dab wir hier sind« (Mt 17,4), ergeht die Einladung,
auf die Straben der Welt zurückzukehren, um weiterhin dem Reich Gottes
zu dienen: »Steige hinab, Petrus; du wolltest auf dem Berge ausruhen: steige
hinab; verkündige das Wort, greife bei jeder Gelegenheit ein, sei es gelegen
oder ungelegen, tadle, ermahne und ermuntere mit aller Grobmut und mit
jeder Art von Unterweisung. Arbeite, strenge dich sehr an, nimm auch Leiden
und Qualen auf dich, damit du mittels des Glanzes und der Schönheit der
guten Werke in der Liebe das besitzen mögest, was im Glanz der Kleider
des Herrn versinnbildlicht ist«.Der auf das Angesicht des Herrn gerichtete
Blick schwächt im Apostel den Einsatz für den Menschen nicht; im Gegenteil,
er verstärkt ihn noch, weil er den Apostel mit einer neuen Fähigkeit zum
Einwirken auf die Geschichte ausstattet, um sie von allem Entstellenden
zu befreien.Die Suche nach der göttlichen Schönheit veranlabt die Personen
des geweihten Lebens dazu, sich für das in den Gesichtern von Brüdern und
Schwestern entstellte göttliche Abbild zu sorgen, Gesichter, die durch
Hunger verzerrt, Gesichter, die von politischen Versprechungen enttäuscht
sind, gedemütigte Gesichter, die die Schmähung ihrer Kultur erleben, erschrockene
Gesichter angesichts täglicher und wahlloser Gewalt, verängstigte Gesichter
von Minderjährigen, Gesichter beleidigter und gedemütigter Frauen, müde
Gesichter von Emigranten, die keine würdige Aufnahme finden, Gesichter
alter Menschen ohne geringste Voraussetzungen für ein würdiges Leben«.So
beweist das geweihte Leben durch die Beredtheit der Werke, dab die göttliche
Liebe Fundament und Ansporn zu selbstloser und tätiger Liebe ist. Davon
war der hl. Vinzenz von Paul überzeugt, als er den Schwestern von der Liebe
folgendes Lebensprogramm gab: »Der Geist der Gesellschaft besteht in der
Hingabe an Gott, um unseren Herrn zu lieben und ihm in der Person der materiell
und geistlich Armen in ihren Häusern oder anderswo zu dienen, um die armen
jungen Mädchen, die Kinder und ganz allgemein alle zu unterrichten, die
Euch die göttliche Vorsehung schickt«.nter den verschiedenen möglichen
Bereichen der Liebe ist heutzutage jener, der der Welt die Liebe »bis zur
Vollendung« auf besondere Weise offenbar macht, mit Gewibheit die begeisterte
Verkündigung Jesu Christi an all jene, die ihn noch nicht kennen, an jene,
die ihn vergessen haben, und vorzugsweise an die Armen.
Der besondere Beitrag des geweihten Lebens zur Evangelisierung
76. Der besondere Beitrag der Personen des geweihten Lebens
zur Evangelisierung besteht vor allem im Zeugnis eines Lebens der vollständigen
Hingabe an Gott und an die Brüder und Schwestern in der Nachfolge des Erlösers,
der sich aus Menschenliebe zum Knecht gemacht hat. Denn im Heilswerk kommt
alles aus der Teilhabe an der göttlichen Agape. Die Personen des
geweihten Lebens machen in ihrer Weihe und Ganzhingabe die liebende und
heilbringende Gegenwart Christi sichtbar, der vom Vater geheiligt und in
die Welt gesandt wurde.Wenn sie sich von ihm ergreifen lassen (vgl. Phil
3,12), sind sie bereit, gewissermaben zu einer Verlängerung seines Menschseins
zu werden.Das geweihte Leben ist beredter Ausdruck dafür, dab einer, je
mehr er aus Christus lebt, ihm um so besser in den anderen dienen kann,
indem er bis in die vorderste Missionsfront vorstöbt und gröbte Risiken
auf sich nimmt.
Die erste Evangelisierung: den Völkern Christus
verkündigen
77. Wer Gott, den Vater aller, liebt, mub auch den Nächsten
lieben, in denen er ebenso Brüder und Schwestern erkennt. Gerade deswegen
kann er angesichts der Feststellung, dab viele von ihnen die volle Bezeigung
der Liebe Gottes in Christus nicht kennen, nicht indifferent bleiben. Im
Gehorsam gegenüber dem Gebot Christi entsteht hier der missionarische Elan
ad gentes, den jeder bewubte Christ mit der Kirche teilt, die ihrer Natur
nach missionarisch ist. Ein Aufschwung, der vor allem von den Mitgliedern
der Institute sowohl des kontemplativen als auch des tätigen Lebens wahrgenommen
wird.Denn die Personen des geweihten Lebens haben die Aufgabe, auch unter
den Nichtchristenden keuschen, armen, gehorsamen, betenden und missionarischen
Christus gegenwärtig zu machen.Wenn sie auf dynamische Weise ihrem Charisma
treu bleiben, müssen sie sich auf Grund ihrer innigen Weihe an Gottin eine
besondere Mitwirkung an der Missionstätigkeit der Kirche miteinbezogen
fühlen. Das von Theresia von Lisieux wiederholt geäuberte Verlangen, »dich
zu lieben und dich lieben zu lassen«, der glühende Wunsch des hl. Franz
Xaver, dab »viele, die die Wissenschaften studieren, über die Rechenschaft
nachdenken sollten, die Gott, unser Herr, von ihnen und bezüglich des ihnen
übergebenen Talents verlangen wird; viele würden davon abrücken und sich
jenen Mitteln und jenen geistlichen Exerzitien zuwenden, die den göttlichen
Willen im eigenen Herzen erkennen und spüren lassen, und sie würden sich
so mehr nach dem göttlichen Willen richten als nach den eigenen Neigungen
und sagen: »Herr, hier bin ich, was willst du, dab ich tue? Sende mich,
wohin du willst«,und andere ähnliche Zeugnisse unzähliger Heiliger stellen
das unaufhebbare missionarische Bestreben heraus, das das geweihte Leben
unterscheidet und kennzeichnet.
Anwesend in jedem Winkel der Erde
78. »Die Liebe Christi drängt uns« (2 Kor 5,14):
diese Worte sollten die Mitglieder jedes Instituts mit dem Apostel wiederholen
können, weil es Aufgabe des geweihten Lebens ist, in jedem Teil der Welt
für die Festigung und Ausbreitung des Reiches Christi zu arbeiten, indem
sie die Botschaft des Evangeliums überallhin, auch in die entferntesten
Gegenden bringen.In der Tat zeugt die Missionsgeschichte von dem grobartigen
Beitrag, der von ihnen zur Evangelisierung der Völker geleistet worden
ist: von den ältesten monastischen Familien bis hin zu den jüngsten Gründungen,
die ausschlieblich in der Mission »ad gentes« engagiert sind, von den Instituten
des tätigen Lebens bis hin zu jenen, die sich der Beschaulichkeit widmen,haben
zahllose Personen ihre Kräfte in dieser »wesentlichen und nie abgeschlossenen
Haupttätigkeit der Kirche«eingesetzt, da diese sich an die wachsende Vielzahl
derjenigen wendet, die Christus nicht kennen.Auch heute verlangt diese
Verpflichtung weiterhin dringend die Mitwirkung der Institute des geweihten
Lebens und der Gesellschaften des apostolischen Lebens: die Verkündigung
des Evangeliums Christi erwartet von ihnen den gröbtmöglichen Beitrag.
Auch die Institute, die in den jungen Kirchen entstehen oder tätig sind,
werden aufgefordert, sich der Mission unter den Nichtchristen innerhalb
und auberhalb ihrer Heimat zu öffnen. Trotz begreifbarer Schwierigkeiten,
die manche von ihnen durchmachen mögen, ist es gut, alle daran zu erinnern,
dab, wie »der Glaube stark wird durch Weitergabe«,die Mission das geweihte
Leben stärkt, ihm neue Begeisterung und neue Motivationen verleiht und
es zur Treue anspornt. Die Missionstätigkeit bietet ihrerseits breiten
Raum für die Aufnahme der verschiedenen Formen des geweihten Lebens.Den
Frauen des geweihten Lebens, den Ordensbrüdern und den Mitgliedern der
Säkularinstitute bietet die Mission ad gentes besondere und aubergewöhnliche
Chancen für ein besonders ausgeprägtes apostolisches Wirken. Letztere können
dann durch ihre Präsenz in den verschiedenen typischen Bereichen der laikalen
Berufung eine wertvolle Evangelisierungsarbeit entfalten im Hinblick auf
die Umgebung, die Strukturen und sogar auf die Gesetze, die das Zusammenleben
regeln. Auberdem können sie an der Seite von Menschen, die noch nichts
von Jesus wissen, von den Werten des Evangeliums Zeugnis geben und damit
einen spezifischen Beitrag zur Mission leisten.Es mub betont werden, dab
in den Ländern, wo nichtchristliche Religionen Wurzel gefabt haben, die
Anwesenheit des geweihten Lebens sowohl durch erzieherische, karitative
und kulturelle Tätigkeiten als auch durch dessen kontemplative Ausprägung
enorme Bedeutung gewinnt. Deshalb soll in den neuen Kirchen besonders zur
Gründung kontemplativer Gemeinschaften ermutigt werden, da »das beschauliche
Leben zur vollen Anwesenheit der Kirche gehört«.Es ist sodann notwendig,
mit geeigneten Mitteln, sei es durch die Entsendung von Missionaren und
Missionarinnen, sei es durch die gebührende Hilfe der Institute des geweihten
Lebens an die ärmeren Diözesen, eine angemessene Versorgung des geweihten
Lebens in seinen verschiedenen Formen zu fördern, um einen neuen Impuls
zur Evangelisierung zu geben.
Christusverkündigung und Inkulturation
79. Die Verkündigung Christi »hat in der Mission der Kirche
jederzeit Vorrang«und hat die Bekehrung zum Ziel, d. h. die volle und ehrliche
Zustimmung zu Christus und seinem Evangelium.In das Gesamtbild der missionarischen
Tätigkeit treten auch der Prozeb der Inkulturation und der interreligiöse
Dialog. Die Herausforderung der Inkulturation wird von den Personen des
geweihten Lebens als Appell zu einem fruchtbaren Zusammenwirken mit der
Gnade bei der Annäherung an die verschiedenen Kulturen aufgegriffen. Voraussetzung
dafür sind ernsthafte persönliche Vorbereitung, reifes Unterscheidungsvermögen,
treues Festhalten an den unverzichtbaren Kriterien für die Rechtgläubigkeit
in der Lehre sowie für die Authentizität und kirchliche Gemeinschaft.Gestützt
auf das Charisma der Stifter und Stifterinnen haben viele Personen des
geweihten Lebens es verstanden, den verschiedenen Kulturen in der Verhaltensweise
Jesu nahezukommen, der »sich entäuberte und wurde wie ein Sklave« (Phil
2,7), und in geduldigem und mutigem Bemühen um Dialog haben sie nützliche
Kontakte zu den verschiedensten Völkern hergestellt und dabei allen den
Weg zum Heil verkündet. Auch heute sind viele von ihnen in der Lage, in
der Geschichte einzelner Personen und ganzer Völker Spuren der Gegenwart
Gottes zu suchen und aufzuspüren, der die ganze Menschheit zum Erkennen
der Zeichen seines Erlösungswillens führt. Dieses Suchen erweist sich für
die Personen des geweihten Lebens selbst als Vorteil: sie können in der
Tat durch die in den verschiedenen Zivilisationen entdeckten Werte angespornt
werden, den eigenen Eifer zur Betrachtung und zum Gebet zu erhöhen, das
gemeinschaftliche Miteinander und die Gastfreundschaft intensiver zu praktizieren
sowie mit gröberer Aufmerksamkeit die Achtung vor der Person und vor der
Natur zu pflegen.Für eine echte Inkulturation sind Verhaltensweisen vonnöten,
die jenen des Herrn ähnlich sind, als er Mensch geworden und mit Liebe
und Demut in unsere Mitte gekommen ist. In diesem Sinne macht das geweihte
Leben die Menschen besonders dafür geeignet, die umfassende, mühsame Arbeit
der Inkulturation anzugehen, weil dies sie an das Abstandnehmen von den
Dingen und sogar von so vielen Aspekten der eigenen Kultur gewöhnt. Wenn
die Personen des geweihten Lebens sich mit dieser Verhaltensweise dem Studium
und dem Verständnis der Kulturen widmen, können sie in ihnen besser die
echten Werte erkennen und die Art und Weise, in der sie mit Hilfe ihres
Charismas diese Werte aufnehmen und vervollkommnen können.Man darf freilich
nicht vergessen, dab in vielen alten Kulturen der religiöse Ausdruck so
tief integriert ist, dab die Religion oft die transzendentale Dimension
der Kultur selbst darstellt. In diesem Fall ist eine echte Inkulturation
notwendigerweise mit einem ernsthaften, offenen interreligiösen Dialog
verbunden, der »nicht in Gegensatz zur Mission ad gentes » steht
und »nicht von der Verkündigung des Evangeliums enthebt«.
Die Inkulturation des geweihten Lebens
80. Das geweihte Leben, das an und für sich Träger der
Werte des Evangeliums ist, kann seinerseits dort, wo es authentisch gelebt
wird, einen originellen Beitrag zu den Herausforderungen der Inkulturation
leisten. Da es in der Tat ein Zeichen für den Vorrang Gottes und seines
Reiches ist, wird es zu einer Provokation, die im Dialog das Gewissen der
Menschen aufrütteln kann. Wenn das geweihte Leben die ihm eigene prophetische
Kraft bewahrt, wird es innerhalb einer Kultur zum Sauerteig des Evangeliums,
der zu ihrer Reinigung und Entwicklung beizutragen vermag. Dies beweist
die Geschichte zahlreicher heiliger Männer und Frauen, die es in verschiedenen
Epochen verstanden, jeweils in ihre Zeit einzutauchen, ohne sich von ihr
untertauchen zu lassen, wobei sie aber ihrer Generation neue Wege aufzeigten.
Der evangeliumsgemäbe Lebensstil ist eine wichtige Quelle für den Vorschlag
eines neuen Kulturmodells. Wie viele Stifter und Stifterinnen haben, wenn
auch mit allen von ihnen selbst anerkannten Einschränkungen, manche Forderungen
ihrer Zeit aufgegriffen und ihre Antwort darauf gegeben, die dann zu einem
kulturellen Erneuerungsvorschlag geworden ist.Die Gemeinschaften der Ordensinstitute
und der Gesellschaften des apostolischen Lebens können in der Tat konkrete
und bedeutsame kulturelle Vorschläge anbieten, wenn sie von der Art des
Evangeliums Zeugnis ablegen: die gegenseitige Annahme in der Verschiedenheit
zu leben und die Autorität, die Teilung sowohl der materiellen wie der
geistlichen Güter, die Internationalität, die Zusammenarbeit zwischen den
Kongregationen sowie das Hinhören auf die Männer und Frauen unserer Zeit
zu üben. Die Denk- und Handlungsweise dessen, der Christus mehr aus der
Nähe folgt, bringt in der Tat eine echte und eigene Kultur der Beziehung
hervor und dient dazu aufzudecken, was unmenschlich ist, und gibt Zeugnis
davon, dab Gott allein den Werten Kraft und Erfüllung verleiht. Eine echte
Inkulturation wird ihrerseits den Personen des geweihten Lebens helfen,
entsprechend dem Charisma ihres Instituts und dem Wesen der Menschen, mit
denen sie in Kontakt treten, die Radikalität des Evangeliums zu leben.
Aus solch einer fruchtbaren Beziehung gehen Lebensweisen und pastorale
Methoden hervor, die sich als echter Reichtum für das ganze Institut werden
erweisen können, wenn sich deren Übereinstimmung mit dem vom Stifter vorgesehenen
Charisma und mit dem Einheit stiftenden Wirken des Heiligen Geistes ergibt.
In diesem Prozeb, der aus Unterscheidung und Unerschrockenheit, Dialog
und Herausforderung im Geist des Evangeliums besteht, wird vom Heiligen
Stuhl, dem die Aufgabe obliegt, die Evangelisierung der Kulturen zu ermutigen,
die diesbezüglichen Entwicklungen für authentisch zu erklären und die Ergebnisse
im Hinblick auf die Inkulturation zu bestätigen,eine Gewähr für den richtigen
Weg angeboten, »eine schwierige und heikle Aufgabe, denn sie stellt die
Treue der Kirche zum Evangelium und zur apostolischen Überlieferung in
der ständigen Entwicklung der Kulturen in Frage«.
Die Neuevangelisierung
81. Um den groben Herausforderungen, die die gegenwärtige
Geschichte an die Neuevangelisierung stellt, in angemessener Weise zu begegnen,
bedarf es vor allem eines geweihten Lebens, das sich ständig vom geoffenbarten
Wort und von den Zeichen der Zeit befragen läbt.Das Andenken der groben
Verkünder des Evangeliums — Männer und Frauen —, die zuvor selbst evangelisiert
worden waren, macht offenkundig, dab es zu einem Begegnen mit der heutigen
Welt Personen bedarf, die sich voll Liebe dem Herrn und seinem Evangelium
weihen. »Die Personen des geweihten Lebens sind auf Grund ihrer besonderen
Berufung dazu aufgerufen, die Einheit zwischen Selbstevangelisierung und
Zeugnis, zwischen innerer Erneuerung und apostolischem Eifer, zwischen
Sein und Handeln sichtbar werden zu lassen, indem sie herausstellen, dab
der Dynamismus stets aus dem ersten Element der Wortpaare herrührt«.ie
die herkömmliche Evangelisierung, so wird auch die Neuevangelisierung dann
wirksam sein, wenn sie von den Dächern zu verkünden vermag, was sie vorher
in der innigen Vertraulichkeit mit dem Herrn gelebt hat. Gebraucht werden
dafür zuverlässige, vom Eifer der Heiligen beseelte Persönlichkeiten. Die
Neuevangelisierung erfordert von den Männern und Frauen des geweihten Lebens,
dab sie sich der theologischen Bedeutung der Herausforderungen unserer
Zeit voll bewubt sind. Diese Herausforderungen müssen im Hinblick auf
die Erneuerung der Mission durch aufmerksame und gemeinsame Abwägung geprüft
werden. Der Mut zur Verkündigung des Herrn Jesus mub von dem Vertrauen
in das Wirken der Vorsehung begleitet sein, die in der Welt wirkt und »alles,
auch menschliches Mibgeschick, zum gröberen Wohl der Kirche bereitstellt«.ichtige
Elemente für eine nützliche Einbeziehung der Institute in den Prozeb der
Neuevangelisierung sind die Treue zum Gründungscharisma, die Gemeinschaft
mit all jenen in der Kirche, die in demselben Auftrag engagiert sind, besonders
mit den Seelsorgern, und schlieblich die Zusammenarbeit mit allen Menschen
guten Willens. Dies erfordert eine ernsthafte Beurteilung des Rufes, den
der Geist an jedes einzelne Institut ergehen läbt, und zwar sowohl in jenen
Gegenden, in denen keine groben Fortschritte unmittelbar vorherzusehen
sind, als auch in anderen Regionen, in denen sich ein tröstliches Wiederaufleben
ankündigt. Die Personen des geweihten Lebens sollen an jedem Ort und in
jeder Situation leidenschaftliche Verkünder des Herrn Jesus sein, bereit,
mit der Weisheit des Evangeliums auf die Fragen zu antworten, die heute
von der Unruhe des menschlichen Herzens und dessen dringenden Bedürfnissen
her gestellt werden.
Die Vorzugsoption für die Armen und die Förderung
der Gerechtigkeit
82. Zu Beginn seines öffentlichen Wirkens sagt Jesus in
der Synagoge von Nazaret, der Geist habe ihn gesalbt, damit er den Armen
eine gute Nachricht bringe, den Gefangenen die Entlassung verkünde, den
Blinden das Augenlicht zurückgebe, die Zerschlagenen in Freiheit setze
und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe (vgl. Lk 4,16-19). Die Kirche,
die sich die Sendung des Herrn zu eigen macht, verkündet jedem Mann und
jeder Frau das Evangelium und trägt damit Sorge für deren vollständiges
Heil. Doch mit besonderer Aufmerksamkeit, ja mit einer echten »Vorzugsoption«
wendet sie sich allen zu, die sich in einer Situation gröberer Schwachheit
und daher einer schwerwiegenderen Not befinden. »Arme« in den vielfältigen
Dimensionen der Armut sind die Unterdrückten, die Ausgegrenzten, die Alten,
die Kranken, die Kleinen und alle, die als »Letzte« in der Gesellschaft
angesehen und behandelt werden.Die Option für die Armen wohnt der Dynamik
der nach dem Vorbild Christi gelebten Liebe inne. Zu dieser sind daher
alle Jünger Christi verpflichtet; diejenigen jedoch, die dem Herrn durch
Nachahmung seiner Verhaltensweisen mehr aus der Nähe folgen wollen, müssen
sich in ganz besonderer Weise hingezogen fühlen. Die Ehrlichkeit ihrer
Antwort auf die Liebe Christi regt sie an, als Arme zu leben und sich der
Sache der Armen anzunehmen. Dies bringt für jedes Institut, je nach dem
spezifischen Charisma, die Annahme eines bescheidenen und strengen Lebensstils
sowohl im persönlichen als auch im Gemeinschaftsleben mit sich. Durch dieses
gelebte Zeugnis gestärkt, werden die Personen des geweihten Lebens durch
Wege, die mit ihrem Lebensweg übereinstimmen und indem sie gegenüber politischen
Ideologien frei bleiben, die Ungerechtigkeiten anzeigen können, die gegen
so viele Kinder Gottes begangen werden, und sich für die Förderung der
Gerechtigkeit im sozialen Umfeld, in dem sie tätig sind, einsetzen können.Auf
diese Weise wird die jenen Stiftern und Stifterinnen eigene Hingabe auch
in der gegenwärtigen Lage durch das Zeugnis unzähliger Personen des geweihten
Lebens eine Erneuerung erfahren, die ihr Leben einsetzten, um dem in den
Armen gegenwärtigen Herrn zu dienen. In der Tat »findet man« Christus »auf
Erden in der Person seiner Armen [...]. Als Gott reich und als Mensch arm.
In der Tat ist der schon reiche Mensch zum Himmel aufgestiegen und sitzt
zur Rechten des Vaters, doch hier unten leidet er noch in Armut Hunger
und Durst und ist nackt«.as Evangelium wird durch die Liebe wirksam, die
Ruhm der Kirche und Zeichen ihrer Treue zum Herrn ist. Das beweist die
ganze Geschichte des geweihten Lebens, die man als eine lebendige Exegese
des Wortes Jesu betrachten kann: »Was ihr für einen meiner geringsten Brüder
getan habt, das habt ihr mir getan« (Mt 25,40). Viele Institute,
besonders in neuerer Zeit, sind entstanden, um eben dem einen oder anderen
Bedürfnis der Armen entgegenzukommen. Aber auch dann, wenn diese Zielsetzung
nicht bestimmend gewesen ist, waren die durch das Gebet, durch die Annahme
und die Gastfreundschaft zum Ausdruck gebrachte Aufmerksamkeit und Sorge
für die Bedürftigen stets mit den verschiedenen Formen des geweihten —
auch des kontemplativen — Lebens ganz natürlich verbunden. Wie könnte es
auch anders sein, da Christus, zu dem man in der Kontemplation gelangt
ist, derselbe ist, der in den Armen lebt und leidet? Der hl. Paulinus von
Nola, der seinen Besitz an die Armen verteilt hatte, um sich ganz Gott
zu weihen, errichtete die Zellen seines Klosters über einem Hospiz, das
für die Betreuung der Armen bestimmt war. Er freute sich bei dem Gedanken
an diesen einzigartigen »Gabenaustausch«: die Armen, denen er geholfen
hatte, festigten durch ihr Gebet die »Fundamente« seines Hauses, das ganz
dem Lobpreis Gottes gewidmet war.Der hl. Vinzenz von Paul hat seinerseits
gern gesagt, wenn er das Gebet unterbrechen mubte, um einem Armen in Not
beizustehen, dab dies in Wirklichkeit keine Unterbrechung sei, »denn man
läbt Gott für Gott zurück«.er Dienst an den Armen ist ein Akt der Evangelisierung
und zugleich »Evangelizitäts«-Siegel für das geweihte Leben und Ansporn
zu ständiger Bekehrung, denn — wie der hl. Gregor der Grobe sagt — »wenn
die Liebe sich liebevoll herabneigt, um auch für die niedrigsten Bedürfnisse
des Nächsten zu sorgen, dann lodert sie bis zu den höchsten Gipfeln empor.
Und wenn sie wohlwollend der äubersten Not gehorcht, dann nimmt sie kraftvoll
den Höhenflug wieder auf«.
Die Sorge für die Kranken
83. Einer ruhmvollen Tradition folgend üben unzählige
Personen des geweihten Lebens, vor allem Frauen, ihr Apostolat, je nach
dem Charisma ihres Instituts, in den Bereichen des Gesundheitswesens aus.
Viele Personen des geweihten Lebens haben im Laufe der Jahrhunderte ihr
Leben im Dienst an den Opfern ansteckender Krankheiten geopfert
und haben damit gezeigt, dab die Hingabe bis zum Heroismus zur prophetischen
Natur des geweihten Lebens gehört.Die Kirche blickt mit Bewunderung und
Dankbarkeit auf die vielen Personen des geweihten Lebens, die durch ihre
Hilfe für die Kranken und Leidenden in bedeutsamer Weise zu ihrer Sendung
beitragen. Sie setzen Christi Dienst der Barmherzigkeit fort, der »umherzog,
Gutes tat und alle heilte« (Apg 10,38). Indem sie in seine, d. h.
in die Fubstapfen des göttlichen Samariters, des Arztes der Seele und des
Leibes,treten und dem Beispiel ihrer Stifter bzw. Stifterinnen folgen,
sollen die Personen des geweihten Lebens, die vom Charisma ihres Instituts
dazu hingeführt werden, in ihrem Zeugnis der Liebe zu den Kranken ausharren,
indem sie sich ihnen mit einfühlendem Verständnis und mit tiefer Anteilnahme
widmen. Bei ihren Auswahlentscheidungen sollen sie den ärmsten und verlassensten
Kranken sowie den Alten, den Behinderten, den Ausgegrenzten, den unheilbar
Kranken und den Opfern von Drogenmibbrauch und von neuen Infektionskrankheiten
den Vorzug geben. Sie sollen in den Kranken die Aufopferung des eigenen
Leidens in Gemeinschaft mit dem zum Heil aller gekreuzigten und verherrlichten
Christus fördern,ja sie sollen in ihnen das Bewubtsein nähren, dab sie
mit dem Gebet und mit dem Zeugnis ihres Wortes und Verhaltens durch das
besondere Charisma des Kreuzes aktive Personen der Seelsorge sind.Auberdem
erinnert die Kirche die Personen des geweihten Lebens daran, dab es zu
ihrer Sendung gehört, die Bereiche des Gesundheitswesens, in denen
sie tätig sind, zu evangelisieren, indem sie versuchen, durch die
Vermittlung der Werte des Evangeliums das Leben, das Leiden und das Sterben
der Menschen unserer Zeit zu erleuchten. Es ist ihre Aufgabe, sich im Dienst
des Evangeliums vom Leben der Humanisierung der Medizin und der Vertiefung
der Bioethik zu widmen. Daher sollen sie in voller Übereinstimmung mit
der Morallehre der Kirche vor allem die Achtung vor der Person und vor
dem menschlichen Leben, von der Empfängnis bis zum natürlichen Ende, fördernund
dazu auch Ausbildungszentren einrichtenund mit den kirchlichen Einrichtungen
der Krankenpastoral brüderlich zusammenarbeiten.
II. EIN PROPHETISCHES ZEUGNIS ANGESICHTS GROSSER HERAUSFORDERUNGEN
Das Prophetentum des geweihten Lebens
84. Der prophetische Charakter des geweihten Lebens wurde
von den Synodenvätern nachdrücklich betont. Dieser stellt sich wie eine
besondere Form der Teilhabe an dem prophetischen Amt Christi dar, die
dem ganzen Volk Gottes vom Geist mitgeteilt wird. Es ist ein Prophetentum,
das auf Grund der radikalen Christusnachfolge und der konsequenten Hingabe
an die Sendung, die sie kennzeichnet, dem geweihten Leben als solchem innewohnt.
Die Zeichenhaftigkeit, die das II. Vatikanische Konzil dem geweihten Leben
zuerkennt,findet Ausdruck in dem prophetischen Zeugnis von der Vorrangstellung,
die Gott und die Werte des Evangeliums im christlichen Leben haben. Kraft
dieser Vorrangstellung darf nichts über die persönliche Liebe zu Christus
und zu den Armen, in denen er lebt, gestellt werden.ie Tradition der Kirchenväter
hat in Elija, dem furchtlosen Propheten und Gottesfreund, ein Vorbild des
monastischen Ordenslebens gesehen.Er lebte in der Gegenwart des Herrn und
betrachtete in der Stille seinen Vorübergang, legte Fürsprache für das
Volk ein und verkündete mutig den Willen Gottes, verteidigte seine Rechte
und erhob sich, um die Armen gegen die Mächtigen der Welt zu verteidigen
(vgl. 1 Kön 18-19). In der Kirchengeschichte hat es neben anderen
Christen nicht an Männern und Frauen des gottgeweihten Lebens gefehlt,
die kraft einer besonderen Gabe des Geistes ein glaubwürdiges Prophetenamt
ausgeübt haben, wenn sie im Namen Gottes zu allen, auch zu den Hirten der
Kirche sprachen. Die wahre Prophetie entsteht aus Gott , aus der
Freundschaft mit ihm, aus dem aufmerksamen Hören seines Wortes in den verschiedenen
geschichtlichen Gegebenheiten. Der Prophet fühlt in seinem Herzen die Leidenschaft
für die Heiligkeit Gottes brennen und, nachdem er im Dialog des Gebets
sein Wort vernommen hat, verkündet er es mit seinem Leben, mit seinen Lippen
und Handlungen, indem er sich zum Sprecher Gottes gegen das Böse und die
Sünde macht. Das prophetische Zeugnis erfordert die ständige, leidenschaftliche
Suche nach dem Willen Gottes, die grobherzige und unverzichtbare kirchliche
Gemeinschaft, die Übung der geistlichen Unterscheidung und die Liebe zur
Wahrheit. Es drückt sich auch durch die Klarstellung von all dem aus, was
im Gegensatz zum göttlichen Willen steht, und durch die Erkundung neuer
Wege, um das Evangelium in der Geschichte im Hinblick auf das Reich Gottes
zu verwirklichen.
Seine Bedeutung für die Welt von heute
85. In unserer heutigen Welt, in der sich die Spuren Gottes
oft zu verlieren scheinen, erweist sich ein starkes prophetisches Zeugnis
seitens der Personen des geweihten Lebens als dringend notwendig. Es wird
vor allem die Bejahung der Vorrangstellung Gottes und der künftigen
Güter betreffen, wie diese sich aus der Nachfolge und Nachahmung des
keuschen, armen und gehorsamen Christus erkennen läbt, der sich völlig
der Verherrlichung des Vaters und der Liebe zu den Brüdern und Schwestern
geweiht hat. Das geschwisterliche Leben ist verwirklichte gegenwärtige
Prophetie im Kontext einer Gesellschaft, die ohne sich dessen manchmal
bewubt zu sein, eine tiefe Sehnsucht nach einer Geschwisterlichkeit ohne
Grenzen hat. Die Treue zum eigenen Charisma ermöglicht es den Personen
des geweihten Lebens, an jedem Ort mit der Unerschrockenheit des Propheten,
der sich nicht scheut, auch sein Leben zu riskieren, ein wahrhaftiges Zeugnis
darzubringen.Eine innere Überzeugungskraft erwächst der Prophetie aus der
Übereinstimmung zwischen Verkündigung und Leben. Die Personen des
geweihten Lebens werden ihrer Sendung in Kirche und Welt treu sein, wenn
sie imstande sein werden, sich selbst ständig im Licht des Gotteswortes
zu prüfen.Auf diese Weise können sie die anderen Gläubigen mit den empfangenen
charismatischen Gaben bereichern, indem sie sich ihrerseits durch die von
den anderen Gliedern der Kirche kommenden prophetischen Herausforderungen
ansprechen lassen. In diesem Austausch der Gaben, der durch die völlige
Übereinstimmung mit dem Lehramt und der Ordnung der Kirche sichergestellt
ist, wird das Wirken des Hl. Geistes aufleuchten, der sie »in Gemeinschaft
und Dienstleistung eint, sie durch die verschiedenen hierarchischen und
charismatischen Gaben bereitet und lenkt«.
Eine Treue bis zum Martyrium
86. In unserem Jahrhundert wie in anderen Epochen der
Geschichte haben Männer und Frauen des geweihten Lebens durch die Hingabe
ihres Lebens Zeugnis von Christus, dem Herrn, gegeben. Tausende, die
durch die Verfolgung seitens totalitärer Regime oder gewalttätiger Gruppen
zum Leben im Untergrund gezwungen und in ihrer Missionstätigkeit, im Einsatz
zugunsten der Armen, in der Sorge und Hilfe für die Kranken und die Menschen
am Rande der Gesellschaft behindert waren, haben in langem und heroischem
Leiden und oft durch Vergieben des Blutes ihre Weihe an Gott gelebt — und
leben sie noch immer — und sind so ganz dem gekreuzigten Herrn gleichförmig
geworden. Einigen von ihnen hat die Kirche bereits offiziell die Heiligkeit
zuerkannt und ehrt sie damit als Märtyrer Christi. Sie erleuchten uns durch
ihr Beispiel, sie leisten Fürbitte für unsere Treue, sie erwarten uns in
der Herrlichkeit.Es besteht der lebhafte Wunsch, dab das Andenken so vieler
Glaubenszeugen als Anregung zur Verehrung und Nachahmung im Bewubtsein
der Kirche erhalten bleibe. Die Institute des geweihten Lebens und die
Gesellschaften des apostolischen Lebens mögen hierzu beitragen, indem
sie die Namen und Zeugnisse aller Personen des geweihten Lebens zusammenstellen,
die in das Martyrologium des zwanzigsten Jahrhunderts aufgenommen werden
können.
Die groben Herausforderungen des geweihten Lebens
87. Die prophetische Aufgabe des geweihten Lebens wird
von drei hauptsächlichen Herausforderungen gestellt, die an die
Kirche selbst gerichtet sind: es sind die schon immer dagewesenen Herausforderungen,
die von der modernen Gesellschaft, zumindest in manchen Teilen der Welt,
in neuer und vielleicht radikalerer Form gestellt werden. Sie berühren
direkt die evangelischen Räte von Armut, Keuschheit, Gehorsam und spornen
die Kirche und insbesondere die Personen des geweihten Lebens an, deren
tiefe anthropologische Bedeutung zu erhellen und zu bezeugen. Weit
davon entfernt, eine Verarmung echter menschlicher Werte zu begründen,
erscheint die Wahl dieser Räte in der Tat vielmehr als ihre Verklärung.
Die evangelischen Räte dürfen nicht als Leugnung der Werte angesehen werden,
die der Sexualität, dem rechtmäbigen Wunsch nach materiellem Besitz und
nach autonomer Selbstentscheidung innewohnen. Diese Neigungen sind, sofern
sie in der Natur begründet sind, in sich gut. Der durch die Erbsünde geschwächte
Mensch ist jedoch der Gefahr ausgesetzt, diese in einer die Norm übertretenden
Weise in die Tat umzusetzen. Das Bekenntnis zu Keuschheit, Armut und Gehorsam
wird zur Mahnung, die durch die Erbsünde verursachten Verletzungen nicht
unterzubewerten, und es relativiert die geschaffenen Güter, auch
wenn es ihren Wert bejaht, weil es Gott als absolutes Gut zeigt. So sollen
diejenigen, die den evangelischen Räten folgen, während sie nach der Heiligkeit
für sich selbst streben, sozusagen eine »geistliche Therapie« für die Menschheit
vorschreiben, da sie die Vergötterung der Schöpfung ablehnen und in irgendeiner
Weise den lebendigen Gott sichtbar machen. Das geweihte Leben ist insbesondere
in schwierigen Zeiten ein Segen für das menschliche und auch für das kirchliche
Leben.
Die Herausforderung der geweihten Keuschheit
88. Die erste Herausforderung ist die einer hedonistischen
Kultur, die die Sexualität jeder objektiven moralischen Norm entbindet,
indem sie diese häufig auf das Niveau von Spiel und Konsum herabsetzt und
in Komplizenschaft mit den sozialen Kommunikationsmitteln einer Art Vergötterung
des Triebes frönt. Die Folgen davon sind für alle sichtbar: Pflichtverletzungen
verschiedenster Art, mit denen unzählige psychische und moralische Leiden
für die einzelnen und für die Familien einhergehen. Die Antwort
des geweihten Lebens besteht vor allem in der freudigen Übung der vollkommenen
Keuschheit als Zeugnis für die Macht der Liebe Gottes in der Schwachheit
des menschlichen Zustandes. Die Person des geweihten Lebens beweist: was
von den meisten für unmöglich gehalten wurde, wird durch die Gnade des
Herrn Jesus möglich und wirklich befreiend. Ja, in Christus ist es möglich,
Gott mit ganzem Herzen zu lieben, indem man ihn über jede andere Liebe
stellt, und so mit der Freiheit Gottes jeden Menschen zu lieben! Dies ist
ein Zeugnis, das heute nötiger denn je ist, gerade weil es von unserer
Welt so wenig verstanden wird. Es ist ein Angebot an jeden Menschen — an
die Jugendlichen, an die Verlobten, an die Eheleute, an die christlichen
Familien —, um zu beweisen, dab die Kraft der Liebe Gottes gerade
in den Wechselfällen der menschlichen Liebe Grobes zu bewirken vermag.
Es ist ein Zeugnis, das auch einem wachsenden Bedürfnis nach innerer Klarheit
in den menschlichen Beziehungen entgegenkommt.Das geweihte Leben mub der
Welt von heute Beispiele einer Keuschheit vor Augen führen, die von Männern
und Frauen gelebt wird, die Ausgeglichenheit, Selbstbeherrschung, Unternehmungslust,
psychische und affektive Reife beweisen.Kraft dieses Zeugnisses wird der
menschlichen Liebe ein fester Bezugspunkt geboten, den die Person des geweihten
Lebens aus der Betrachtung der uns in Christus offenbarten dreifaltigen
Liebe erfährt. Da sie sich in dieses Geheimnis vertieft, fühlt sie sich
zu einer radikalen und universalen Liebe fähig, die ihr die Kraft zur notwendigen
Selbstbeherrschung und Disziplin gibt, um nicht der Knechtschaft der Sinne
und der Triebe zu verfallen. Die geweihte Keuschheit erscheint somit als
Erfahrung von Freude und Freiheit. Erleuchtet vom Glauben an den auferstandenen
Herrn und von der Erwartung des neuen Himmels und der neuen Erde (vgl.
Offb 21,1), bietet sie auch für die Erziehung zur gebotenen Keuschheit
in anderen Lebensformen wertvolle Anregungen.
Die Herausforderung der Armut
89. Eine andere Herausforderung ist heute die eines
habgierigen Materialismus, der gegenüber den Bedürfnissen und Leiden
der Schwächsten gleichgültig ist und sich nicht um das Gleichgewicht der
natürlichen Hilfsquellen kümmert. Die Antwort des geweihten Lebens
besteht im Bekenntnis zur evangelischen Armut, die in verschiedenen
Formen gelebt wird und oft von einem aktiven Einsatz bei der Förderung
von Solidarität und Nächstenliebe begleitet wird.Wie viele Institute widmen
sich der Erziehung, dem Unterricht und der Berufsausbildung und versetzen
dadurch junge und nicht mehr ganz junge Leute in die Lage, ihre Zukunft
selbst in die Hand zu nehmen! Wie viele Personen des geweihten Lebens opfern
sich für die Letzten und Geringsten dieser Erde, ohne ihre Kräfte zu schonen!
Wie viele von ihnen sind in der Ausbildung künftiger Erzieher und Verantwortlicher
im sozialen Leben in der Weise tätig, dab sie sich verpflichten, unterdrückende
Strukturen zu beseitigen und Projekte der Solidarität zum Vorteil der Armen
zu fördern! Sie kämpfen, um den Hunger und dessen Ursachen zu beseitigen,
beleben das Wirken von freiwilligen Helfern und die humanitären Organisationen,
sensibilisieren öffentliche und private Einrichtungen für die Förderung
einer gerechten Verteilung der internationalen Hilfeleistungen. In der
Tat haben die Nationen diesen unternehmungsfreudigen, im Namen der Nächstenliebe
tätigen Männern und Frauen viel zu verdanken, die mit ihrer unermüdlichen
Selbstlosigkeit einen spürbaren Beitrag zur Humanisierung der Welt geleistet
haben und leisten.
Die evangelische Armut im Dienst an den Armen
90. In Wirklichkeit ist die evangelische Armut,
noch ehe sie ein Dienst an den Armen ist, ein Wert an sich, ruft
doch die erste Seligpreisung zur Nachahmung des armen Christus auf.Ihr
erster Sinn besteht in der Tat darin, Gott als eigentlichen Reichtum des
menschlichen Herzens zu bezeugen. Eben darum kämpft sie vehement gegen
die Vergötterung des Mammons, indem sie als prophetischer Appell gegenüber
einer Gesellschaft auftritt, die in so vielen Teilen der Welt des Wohlstands
Gefahr läuft, den Sinn für das Mab und die eigentliche Bedeutung der Dinge
zu verlieren. Deshalb findet ihr Ruf heute mehr als zu anderen Zeiten auch
bei denjenigen Beachtung, die im Wissen um die Beschränktheit der Hilfsquellen
des Planeten die Achtung und Bewahrung der Schöpfung durch Einschränkung
des Konsums, durch Mäbigung und Auferlegung einer gehörigen Zügelung der
eigenen Wünsche beschwören.Von den Personen des geweihten Lebens wird also
ein erneuertes und kraftvolles evangelisches Zeugnis der Entsagung und
der Mäbigung in einem von den Kriterien der Einfachheit und Gastfreundschaft
inspirierten brüderlichen Lebensstil verlangt, auch als Beispiel für alle,
die den Bedürfnissen des Nächsten gegenüber gleichgültig sind. Dieses Zeugnis
wird natürlich mit der bevorzugten Liebe für die Armen einhergehen
und in besonderer Weise dort in Erscheinung treten, wo die Lebensverhältnisse
der Allerärmsten geteilt werden. Nicht wenige Gemeinschaften leben und
arbeiten unter den Armen und den Ausgegrenzten der Gesellschaft, nehmen
sich ihrer Situation an und teilen ihre Leiden, Probleme und Gefahren.Grobartige
Seiten der Geschichte evangeliumsgemäber Solidarität und heroischer Hingabe
sind in diesen Jahren tiefgreifender Veränderungen und grober Ungerechtigkeiten,
Hoffnungen und Enttäuschungen, bedeutender Errungenschaften und bitterer
Niederlagen von den Personen des geweihten Lebens geschrieben worden. Und
nicht minder bedeutsame Seiten wurden und werden noch immer von zahllosen
anderen Personen des geweihten Lebens geschrieben, die ihr »mit Christus
in Gott verborgenes« Leben (Kol 3,3) ganz für das Heil der Welt
leben, zum Zeichen der Unentgeltlichkeit, der Hingabe des eigenen Lebens
in wenig anerkannte und noch weniger mit Beifall bedachte Anliegen. Durch
diese verschiedenen und einander ergänzenden Formen hat das geweihte Leben
teil an der vom Herrn angenommenen äubersten Armut und lebt seine besondere
Rolle im Heilsgeheimnis seiner Menschwerdung und seines Erlösertodes.
Die Herausforderung der Freiheit im Gehorsam
91. Die dritte Herausforderung kommt von jenen Auffassungen
von Freiheit, die dieses fundamentale menschliche Vorrecht von seiner
grundlegenden Beziehung zur Wahrheit und zur moralischen Norm loslösen.In
Wirklichkeit ist die Kultur der Freiheit ein echter Wert, zuinnerst verbunden
mit der Achtung vor der menschlichen Person. Wer aber sieht nicht, zu welchen
abnormen Folgen von Ungerechtigkeit und sogar von Gewalt im Leben der einzelnen
und der Völker der verfälschte Gebrauch der Freiheit führt?Eine wirkungsvolle
Antwort auf diese Situation ist der Gehorsam, der für das geweihte
Leben charakteristisch ist. Er stellt uns auf besonders lebendige Weise
wieder den Gehorsam Christi gegenüber dem Vater vor Augen und bezeugt,
eben von seinem Geheimnis ausgehend, dab kein Widerspruch zwischen Gehorsam
und Freiheit besteht. Tatsächlich enthüllt das Verhalten des Sohnes
das Geheimnis der menschlichen Freiheit als Weg des Gehorsams gegenüber
dem Willen des Vaters und das Geheimnis des Gehorsams als Weg fortschreitender
Eroberung der wahren Freiheit. Und genau diesem Geheimnis will die Person
des geweihten Lebens durch dieses bestimmte Gelübde Ausdruck verleihen.
Sie will dadurch bezeugen, dab sie sich einer Kindschaftsbeziehung bewubt
ist, kraft derer sie den väterlichen Willen als tägliche Speise (vgl. Joh
4,34), als ihren Felsen, ihre Freude, ihren Schild und Schutzwall (vgl.
Ps 18 [17],3) anzunehmen sucht. So beweist sie, dab sie in der vollen
Wahrheit über sich selbst wächst, während sie mit der Quelle ihres Seins
verbunden bleibt und darum die tröstliche Botschaft anbietet: »Alle, die
deine Weisung lieben, empfangen Heil in Fülle; es trifft sie kein Unheil«
(Ps 119 [118],165).
Miteinander den Willen des Vaters erfüllen
92. Besondere Bedeutung gewinnt dieses Zeugnis der geweihten
Personen im Ordensleben auch für die Dimension der Gemeinschaft,
die zu seinen Wesensmerkmalen gehört. Das geschwisterliche Leben ist der
bevorzugte Ort, um den Willen Gottes zu erkennen und anzunehmen und eines
Sinnes und Herzens gemeinsam voranzugehen. Der von der Liebe belebte Gehorsam
vereint trotz der Vielfalt der Gaben und der Achtung der individuellen
Persönlichkeit der einzelnen die Mitglieder eines Instituts in demselben
Zeugnis und in derselben Sendung. In der vom Geist beseelten Brüderlichkeit
führt jeder mit dem anderen einen wertvollen Dialog, um den Willen des
Vaters zu erkennen, und alle anerkennen in dem, der die Leitung innehat,
den Ausdruck der Vaterschaft Gottes und die Ausübung der von Gott im Dienst
der Unterscheidung und der Gemeinschaft empfangenen Autorität.as Gemeinschaftsleben
ist sodann gegenüber der Kirche und der Gesellschaft in besonderer Weise
das Zeichen der Verbundenheit, die aus derselben Berufung und aus dem gemeinsamen
Willen, ihr zu gehorchen, jenseits aller Unterschiede von Rasse und Herkunft,
Sprache und Kultur, erwächst. Gegen den Geist von Zwietracht und Spaltung
leuchten Autorität und Gehorsam als ein Zeichen jener einzigartigen Vaterschaft,
die von Gott stammt, der aus dem Geist geborenen Brüderlichkeit, der inneren
Freiheit dessen, der auf Gott vertraut trotz der menschlichen Grenzen all
derer, die ihn repräsentieren. Durch diesen Gehorsam, den manche als Lebensregel
annehmen, wird die Seligkeit erfahren und zum Nutzen aller verkündet, die
Jesus denen verheiben hat, »die das Wort Gottes hören und es befolgen«
(Lk 11,28). Wer gehorcht, hat darüber hinaus die Gewähr, tatsächlich
in Mission, in der Nachfolge des Herrn zu sein und nicht auf seinen eigenen
Wünschen oder Erwartungen zu beharren. So kann er sich vom Geist des Herrn
geführt und auch inmitten grober Schwierigkeiten von seiner sicheren Hand
gehalten wissen (vgl. Apg 20,22f).
Eine entschiedene Verpflichtung zum geistlichen
Leben
93. Eine der auf der Synode wiederholt geäuberten Sorgen
war die um ein gottgeweihtes Leben, das sich an den Quellen einer starken
und tiefen Spiritualität nährt. Hier handelt es sich tatsächlich um
eine vorrangige Forderung, die dem Wesen des geweihten Lebens eingeschrieben
ist, denn wer sich zu den evangelischen Räten bekennt, ist wie jeder Getaufte
und sogar aus noch zwingenderen Gründen dazu verpflichtet, mit allen seinen
Kräften nach der Vollkommenheit der Liebe zu streben.Das ist eine Verpflichtung,
an die die unzähligen Beispiele heiliger Ordensstifter und -stifterinnen
und vieler Personen des geweihten Lebens deutlich erinnern, die die Treue
zu Christus bis hin zum Martyrium bezeugt haben.Streben nach Heiligkeit:
das ist zusammengefabt das Programm jedes geweihten Lebens, auch im Hinblick
auf dessen Erneuerung an der Schwelle des dritten Jahrtausends. Der Anfang
dieses Programms besteht darin, dab um Christi willen alles verlassen (vgl.
Mt 4,18-22; 19,21.27; Lk 5,11) und er allen Dingen vorgezogen
wird, um voll an seinem Ostergeheimnis teilhaben zu können.Das hatte der
hl. Paulus richtig verstanden, als er ausrief: »Ich sehe alles als Verlust
an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft [...]
Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung« (Phil
3, 8.10). Es ist der von den Aposteln von Anfang an vorgezeichnete Weg,
wie die christliche Tradition im Orient und im Abendland in Erinnerung
ruft: »Diejenigen, die derzeit Jesus nachfolgen und um seinetwillen alles
verlassen, erinnern an die Apostel, die seine Einladung annahmen und auf
alles andere verzichteten. Traditionsgemäb spricht man deshalb gewöhnlich
vom Ordensleben als einer apostolica vivendi forma «.Dieselbe Tradition
hat im geweihten Leben auch die Dimension des besonderen Bundes mit Gott,
ja des bräutlichen Bundes mit Christus herausgestellt, dessen Meister der
hl. Paulus durch sein Beispiel (vgl. 1 Kor 7,7) und durch seine
unter der Anleitung des Geistes dargebotene Lehre war (vgl. 1 Kor
7,40).Wir können sagen, dab das geistliche Leben, das als Leben in Christus,
als Leben nach dem Geist verstanden wird, als ein Weg wachsender Treue
Gestalt annimmt, auf dem die Person des geweihten Lebens in voller Gemeinschaft
der Liebe und des Dienstes der Kirche vom Geist geleitet und von ihm Christus
gleichförmig gestaltet wird.Alle diese in den verschiedenen Formen des
geweihten Lebens sich begründenden Elemente bringen eine eigene Spiritualität
hervor, das heibt einen konkreten Plan der Beziehung zu Gott und zur
Umgebung, der von besonderen geistlichen Akzenten und Entscheidungen zum
Handeln gekennzeichnet ist, die bald den einen, bald den anderen Aspekt
des einen Geheimnisses Christi herausstellen und verkörpern. Wenn die Kirche
eine Form des geweihten Lebens oder ein Institut anerkennt, garantiert
sie, dab sich in deren geistlichem und apostolischem Charisma alle objektiven
Anforderungen finden, um die persönliche und gemeinschaftliche Vollkommenheit
im Sinne des Evangeliums zu erreichen.Das geistliche Leben mub also im
Programm der Familien des geweihten Lebens an erster Stelle stehen, so
dab jedes Institut und jede Kommunität sich als Schule einer echten evangeliumsgemäben
Spiritualität darstellen. Von dieser Vorzugsoption, die im persönlichen
und gemeinschaftlichen Engagement entfaltet wird, hängen die Fruchtbarkeit
des Apostolats, die Selbstlosigkeit in der Liebe für die Armen und die
Anziehungskraft der Berufung auf die jungen Generationen selber ab. Gerade
die spirituelle Qualität des geweihten Lebens vermag die Menschen
unserer Zeit, die ja auch Durst nach absoluten Werten haben, aufzurütteln,
und sie wird auf diese Weise zu einem faszinierenden Zeugnis.
Im Hören auf das Wort Gottes
94. Das Wort Gottes ist die erste Quelle jeder christlichen
Spiritualität. Es nährt eine persönliche Beziehung zum lebendigen Gott
und zu seinem heilwirkenden und heiligenden Willen. Deshalb ist seit dem
Entstehen der Institute des geweihten Lebens, insbesondere im Mönchtum
der lectio divina höchste Achtung entgegengebracht worden. Dank
dieser wird das Gotteswort ins Leben übertragen, auf das es das Licht der
Weisheit wirft, die die Gabe des Geistes ist. Obwohl die ganze Heilige
Schrift »nützlich zur Belehrung« (2 Tim 3,16) und »reiner, unversieglicher
Quell des geistlichen Lebens« ist,verdienen die Schriften des Neuen Testamentes,
vor allem die Evangelien, die »das Herzstück aller Schriften«sind, besondere
Verehrung. Es wird deshalb für die Personen des geweihten Lebens von Nutzen
sein, die Texte der Evangelien und die anderen neutestamentlichen Schriften
zum Thema ihrer beharrlichen Betrachtung zu machen, die die Worte und die
Beispiele Christi und der Jungfrau Maria sowie die apostolica vivendi
forma darstellen. Die Stifter und Stifterinnen haben sich bei der Annahme
der Berufung sowie beim Erkennen des Charismas und der Sendung ihres Institutes
ständig darauf bezogen.Von grobem Wert ist die gemeinschaftliche
Bibelbetrachtung. Wenn diese den Möglichkeiten und den Umständen des gemeinschaftlichen
Lebens entsprechend geschieht, führt sie zum freudigen Teilen der aus dem
Wort Gottes geschöpften Reichtümer, durch die Brüder und Schwestern gemeinsam
wachsen und einander helfen, im geistlichen Leben Fortschritte zu machen.
Diese Praxis mub aber auch den anderen Mitgliedern des Gottesvolkes, den
Priestern und Laien nahegebracht werden, so dab sie jeweils in Übereinstimmung
mit ihrem eigenen Charisma Schulen des Gebets, Schulen für Spiritualität
und zur Lesung der Heiligen Schrift fördern, in der Gott »die Menschen
wie Freunde« anredet (vgl. Ex 33,11; Joh 15,14-15), »und
mit ihnen verkehrt (vgl. Bar 3,28), um sie in seine Gemeinschaft
einzuladen«.us der Meditation des Wortes Gottes, und besonders der Geheimnisse
Christi erwachsen, so lehrt die geistliche Tradition, die Intensität der
Kontemplation und der Eifer der apostolischen Tätigkeit. Sowohl im kontemplativen
als auch im apostolischen Ordensleben hat es immer Männer und Frauen des
Gebets gegeben, die als glaubwürdige Interpreten und Vollzieher des göttlichen
Willens grobe Werke vollbracht haben. Aus dem häufigen Umgang mit dem Wort
Gottes haben sie die notwendige Erleuchtung für jene individuelle und gemeinschaftliche
Unterscheidung geschöpft, die ihnen geholfen hat, in den Zeichen der Zeit
die Wege des Herrn zu suchen. Auf diese Weise haben sie eine Art von
übernatürlichem Instinkt erworben, der es ermöglicht hat, sich nicht
dem Geist der Welt anzugleichen, sondern den eigenen Verstand zu erneuern,
damit sie prüfen und erkennen können, »was der Wille Gottes ist: was ihm
gefällt, was gut und vollkommen ist« (Röm 12,2).
In Gemeinschaft mit Christus
95. Wesentliche Mittel für eine wirksame Förderung der
Gemeinschaft mit dem Herrn ist zweifellos die heilige Liturgie,
insbesondere die Feier der Eucharistie und das Stundengebet.Vor allem die
»Eucharistie enthält das Heilsgut der Kirche in seiner ganzen Fülle,
Christus selbst, unser Osterlamm und das lebendige Brot. Durch sein Fleisch,
das durch den Heiligen Geist lebt und Leben schafft, spendet er den Menschen
das Leben«.Wie für das kirchliche Leben, ist die Eucharistie auch Herzstück
für das geweihte Leben. Wie könnte die Person, die berufen ist, durch das
Gelübde der evangelischen Räte Christus als den einzigen Sinn ihres Daseins
zu wählen, nicht wünschen, mit ihm eine immer tiefere Gemeinschaft herzustellen
durch die tägliche Teilnahme am Sakrament, das ihn im Opfer gegenwärtig
werden läbt, wenn es das Liebesgeschenk auf Golgota aktuell macht, im Gastmahl,
das das pilgernde Volk Gottes nährt und schützt. Die Eucharistie steht
aufgrund ihrer Natur im Zentrum des geweihten Lebens, des persönlichen
und des kommunitären. Sie ist tägliche Wegzehrung sowie Quelle der Spiritualität
für den einzelnen und für das Institut. Jede Person des geweihten Lebens
ist berufen, das Ostergeheimnis Christi zu leben, indem sie sich mit ihm
in der Hingabe des eigenen Lebens an den Vater durch den Geist vereint.
Die eifrige und lange Anbetung Christi, der in der Eucharistie anwesend
ist, ermöglicht in gewisser Weise, die Erfahrung des Petrus in der Verklärung
neu zu erleben: »Es ist gut, dab wir hier sind«. Und in der Feier des Geheimnisses
des Leibes und Blutes des Herrn festigt sich und wächst die Einheit und
die Liebe derer, die Gott ihr Leben geweiht haben.Neben der Eucharistie
und in enger Beziehung zu ihr wird das Stundengebet entsprechend
dem Charakter jedes einzelnen Instituts gemeinschaftlich oder persönlich,
in Gemeinschaft mit dem Gebet der Kirche gefeiert. Es ist Ausdruck der
den Personen des geweihten Lebens eigenen Berufung zum Lobpreis und zur
Fürbitte.In tiefer Beziehung zur Eucharistie steht die Verpflichtung zu
ständiger Umkehr und notwendiger Läuterung, die die Personen des geweihten
Lebens im Sakrament der Versöhnung entfalten. Dadurch, dab sie häufig
der Barmherzigkeit Gottes begegnen, reinigen und erneuern sie ihr Herz
und machen durch das demütige Bekenntnis der Sünden ihre Beziehung zu ihm
transparent; die freudige Erfahrung der sakramentalen Vergebung auf dem
mit den Brüdern und Schwestern gemeinsam gegangenen Weg macht das Herz
fügsam und gibt dem Bemühen um wachsende Treue Auftrieb.Um auf dem Weg
des Evangeliums, besonders während der Ausbildungszeit und in bestimmten
Augenblicken des Lebens, Fortschritte zu machen, ist die vertrauensvolle,
demütige Inanspruchnahme der geistlichen Führung sehr hilfreich;
durch sie wird dem Menschen geholfen, auf die Motivationsanstöbe des Geistes
hochherzig einzugehen und sich entschlossen nach der Heiligkeit auszurichten.Schlieblich
ermahne ich alle Personen des geweihten Lebens, ihren jeweiligen Traditionen
gemäb täglich die geistliche Gemeinschaft mit der Jungfrau Maria zu erneuern,
indem sie besonders durch das Beten des heiligen Rosenkranzes immer
wieder mit ihr über die Geheimnisse des Sohnes nachdenken.
III. EINIGE SCHAUPLÄTZE DER SENDUNG
Präsenz in der Welt der Erziehung
96. Die Kirche hat seit jeher die Erziehung als ein
wesentliches Element ihrer Sendung verstanden. Ihr innerer Lehrmeister
ist der Heilige Geist, der die unzugänglichsten Tiefen des Herzens jedes
Menschen durchdringt und den geheimnisvollen Dynamismus der Geschichte
kennt. Die ganze Kirche wird vom Geist beseelt und vollbringt durch ihn
ihre erzieherische Aufgabe. Innerhalb der Kirche obliegt jedoch eine besondere
Aufgabe in diesem Bereich den Personen des geweihten Lebens, die berufen
sind, das radikale Zeugnis der Güter des Reiches, die jedem Menschen in
Erwartung der endgültigen Begegnung mit dem Herrn der Geschichte angeboten
werden, in den Erziehungshorizont einzubringen. Durch ihre besondere Weihe,
durch die ihnen eigene Erfahrung der Gaben des Geistes, durch das sorgfältige
Hören des Wortes und die Übung der Unterscheidung, durch das im Laufe der
Zeit vom eigenen Institut gesammelte reiche Erbe an Traditionen, die die
Erziehung betreffen, durch die vertiefte Erkenntnis der geistlichen Wahrheit
(vgl. Eph 1,17) sind die Personen des geweihten Lebens in der Lage,
eine besonders wirksame Erziehungstätigkeit zu entfalten und so einen spezifischen
Beitrag zu den Initiativen der anderen Erzieher und Erzieherinnen zu leisten.Da
sie mit diesem Charisma ausgestattet sind, können sie Erziehungsräume schaffen,
die vom Geist der Freiheit und der Liebe des Evangeliums durchdrungen sind
und in denen die jungen Menschen Hilfe erhalten sollen, um unter der Führung
des Geistes an Menschlichkeit zu wachsen.Auf diese Weise wird die Erziehungsgemeinschaft
Erfahrung von Gemeinschaft und zum Ort der Gnade, wo das pädagogische Vorhaben
dazu beiträgt, das Göttliche und das Menschliche, das Evangelium und die
Kultur, den Glauben und das Leben zu einer harmonischen Synthese zu vereinen.Die
Kirchengeschichte von der Antike bis in unsere Tage ist reich an bewundernswürdigen
Beispielen von Personen des geweihten Lebens, die das Streben nach Heiligkeit
durch das pädagogische Engagement gelebt haben und leben, wobei sie gleichzeitig
die Heiligkeit als Erziehungsziel angeben. Tatsächlich haben viele von
ihnen die Vollkommenheit der Liebe durch Erziehung verwirklicht. Das ist
eines der wertvollsten Geschenke, die die Personen des geweihten Lebens
auch heute der Jugend anzubieten haben, indem sie diese zum Objekt eines
liebevollen erzieherischen Dienstes machen, wie der hl. Johannes Bosco
weise bemerkte: »Die Jugendlichen sollen nicht nur geliebt werden, sondern
sie sollen auch wissen, dab sie geliebt sind«.
Notwendigkeit eines erneuten Engagements im Erziehungsbereich
97. Mit feinfühliger Ehrfurcht und mit missionarischem
Mut sollen Personen des geweihten Lebens deutlich machen, dab der Glaube
an Jesus Christus den ganzen Erziehungsbereich erleuchtet, indem dieser
die menschlichen Werte nicht beeinträchtigt, sondern sie vielmehr bestätigt
und erhöht. Auf diese Weise werden sie zu Zeugen und Werkzeugen der Kraft
der Menschwerdung und der Stärke des Geistes. Diese ihre Aufgabe ist eine
der bedeutsamsten Ausdrucksweisen jener Mutterschaft, die die Kirche nach
dem Vorbild Mariens gegenüber allen ihren Kindern ausübt.eshalb hat die
Synode die Personen des geweihten Lebens eindringlich aufgefordert, wo
immer es nur möglich ist, den Erziehungsauftrag an Schulen jeglicher Art
und jeglichen Grades, an Universitäten und Hochschulen mit neuem Engagement
wahrzunehmen.Indem ich mir die Weisung der Synode zu eigen mache, lade
ich die Mitglieder der Institute ein, die sich der Erziehung widmen, ihrem
ursprünglichen Charisma und ihren Traditionen treu zu bleiben. Sie sollen
dies in dem Bewubtsein tun, dab die Liebe, die den Armen vorzugsweise zuteil
wird, ihre besondere Anwendung in der Wahl geeigneter Mittel findet, um
die Menschen von jener schweren Form des Elends zu befreien, das der Mangel
an kultureller und religiöser Bildung darstellt.Angesichts der Bedeutung,
die die katholischen und kirchlichen Universitäten und Fakultäten im Bereich
der Erziehung und der Evangelisierung haben, müssen sich die mit deren
Leitung betrauten Institute ihrer Verantwortung bewubt sein und sicherstellen,
dab, während der aktive Dialog in ihnen mit dem gegenwärtigen kulturellen
Umfeld gepflegt wird, der eigentliche katholische Charakter in voller Treue
zum Lehramt der Kirche bewahrt werde. Auberdem sollen die Mitglieder dieser
Institute und Gesellschaften je nach den Umständen bereit sein, in den
staatlichen Erziehungsstrukturen Fub zu fassen. Zu dieser Art der Beteiligung
sind auf Grund ihrer spezifischen Berufung in besonderer Weise die Mitglieder
der Säkularinstitute gerufen.
Evangelisierung der Kultur
98. Die Institute des geweihten Lebens haben stets groben
Einflub auf die Bildung und Weitergabe der Kultur gehabt. Das war im Mittelalter
der Fall, als die Klöster Zugangsstätten zu den Kulturschätzen der Vergangenheit
wurden und sich in ihnen eine neue humanistische und christliche Kultur
herausbildete. Das ereignete sich jedesmal, wenn das Licht des Evangeliums
neue Völker erreichte. Viele Personen des geweihten Lebens haben die Kultur
gefördert und oft die autochthonen Kulturen erforscht und verteidigt. Die
Notwendigkeit, zur Förderung der Kultur, zum Dialog zwischen Kultur und
Glauben beizutragen, wird heutzutage in der Kirche besonders wahrgenommen.ie
Personen des geweihten Lebens müssen sich von dieser dringenden Notwendigkeit
besonders angesprochen fühlen. Auch sie sind aufgerufen, bei der Verkündigung
des Wortes Gottes Methoden zu finden, die den Bedürfnissen der verschiedenen
menschlichen Gruppen und der vielfältigen Berufsbereiche angemessener sind,
damit das Licht Christi in jeden menschlichen Bereich eindringe und der
Sauerteig des Heils von innen her das soziale Leben umwandle, indem dieses
dafür sorgt, dab sich eine von evangelischen Werten durchdrungene Kultur
behaupte.Auch durch diesen Einsatz wird das geweihte Leben an der Schwelle
des dritten christlichen Jahrtausends sein Entsprechen gegenüber dem Willen
Gottes erneuern können, der allen Menschen entgegenkommt, die bewubt oder
unbewubt tastend nach der Wahrheit und nach dem Leben suchen (vgl. Apg
17,27).Doch auber dem Dienst an den anderen ist auch innerhalb des
geweihten Lebens die Erneuerung der Liebe zum kulturellen Engagement
nötig, die Widmung zum Studium als Mittel zur ganzheitlichen Bildung und
— angesichts der Verschiedenheit der Kulturen — als auberordentlich aktueller
asketischer Weg. Eine Verminderung der Pflicht zum Studium kann auch für
das Apostolat schwerwiegende Folgen haben, weil dadurch Aubenseiter- und
Minderwertigkeitsgefühle ausgelöst oder Oberflächlichkeit und Unbesonnenheit
bei den Initiativen begünstigt werden.Bei der Vielfalt der Charismen und
der realen Möglichkeiten der einzelnen Institute kann sich die Pflicht
zum Studium nicht auf die Anfangsausbildung oder auf das Erlangen akademischer
Titel und beruflicher Fachkenntnisse beschränken. Es ist vielmehr Ausdruck
des nie erfüllten Verlangens, Gott, den Abgrund des Lichts und die Quelle
jeder menschlichen Wahrheit, immer tiefer kennenzulernen. Daher isoliert
diese Verpflichtung die Person des geweihten Lebens nicht in einen abstrakten
Intellektualismus und schliebt sie nicht in das Um-sich-Kreisen eines erdrückenden
Narzismus ein; hingegen spornt es zum Dialog und zur Teilnahme an, bildet
die Urteilsfähigkeit, regt an zur Kontemplation und zum Gebet in der ständigen
Suche nach Gott und seinem Wirken in der komplexen Realität der modernen
Welt.Die Person des geweihten Lebens, die sich vom Geist umwandeln läbt,
wird fähig, den engen Horizont der menschlichen Wünsche zu erweitern und
gleichzeitig die tiefen Dimensionen jedes Individuums und seiner Geschichte
jenseits auffälliger, aber oft nebensächlicher Aspekte zu erfassen. Zahllos
sind heutzutage die von den verschiedenen Kulturen ausgehenden Herausforderungen:
neue oder traditionell besetzte Bereiche des geweihten Lebens, zu denen
unbedingt fruchtbare Beziehungen unterhalten werden sollen in der Haltung
eines wachen kritischen Geistes, aber auch vertrauensvollen Verständnisses
dem gegenüber, der sich den typischen Schwierigkeiten der intellektuellen
Arbeit stellt, besonders wenn es angesichts der unbekannten Probleme unserer
Zeit nötig ist, sich mit neuen Analysen und Synthesen zu befassen.Eine
ernsthafte und wirksame Evangelisierung der neuen Bereiche, wo die Kultur
aufgebaut und weitergegeben wird, kann ohne eine aktive Zusammenarbeit
mit den dort beschäftigten Laien nicht durchgeführt werden.
Präsenz in der Welt der sozialen Kommunikation
99. Wie die Personen des geweihten Lebens in der Vergangenheit
imstande waren, sich mit jedem Mittel in den Dienst der Evangelisierung
zu stellen und sich dabei genial mit den Schwierigkeiten auseinanderzusetzen,
so sind sie heute auf neue Weise gefordert, das Evangelium durch die sozialen
Kommunikationsmittel zu bezeugen. Diese Medien haben durch äuberst leistungsfähige
Technologien, die jeden Winkel der Erde zu erreichen vermögen, kosmische
Ausstrahlungskapazität erlangt. Die Personen des geweihten Lebens sind
vor allem verpflichtet, wenn sie auf Grund des Charismas ihres Instituts
auf diesem Gebiet tätig sind, solide Kenntnisse des den Medien eigenen
Sprachgebrauchs zu erwerben, um zum Menschen von heute wirksam von Christus
zu sprechen, indem sie dessen »Freude und Hoffnung, Trauer und Angst«darstellen,
und so zum Aufbau einer Gesellschaft beizutragen, in der sich alle als
Brüder und Schwestern auf dem Weg zu Gott fühlen sollen.Wegen der auberordentlichen
Überzeugungskraft, über die diese Medien verfügen, gilt es jedoch gegenüber
ihrem unvorsichtigen Gebrauch wachsam zu sein. Es ist gut, die Probleme
nicht zu verhehlen, die daraus für das geweihte Leben selbst erwachsen
können; vielmehr wird man ihnen mit klarem Urteilsvermögen begegnen müssen.Die
Antwort der Kirche ist vor allem erzieherischer Natur: sie zielt darauf
ab, eine Haltung des richtigen Verstehens der zugrundeliegenden dynamischen
Kräfte und eine sorgfältige ethische Bewertung der Programmgestaltung ebenso
zu fördern wie die Annahme gesunder Gewohnheiten bei ihrem Gebrauch.Bei
dieser Erziehungsaufgabe, die der Ausbildung weiser Medienempfänger und
-experten gilt, sind die Personen des geweihten Lebens gefordert, ihr besonderes
Zeugnis über die Bedingtheit sämtlicher sichtbarer Wirklichkeiten dadurch
anzubieten, dab sie den Brüdern und Schwestern helfen, sie gemäb dem Plan
Gottes zu bewerten, aber auch sich von der Zwangsvereinnahmung der Bühne
dieser vergänglichen Welt zu befreien (vgl. 1 Kor 7,31).Jede Anstrengung
auf diesem wichtigen und neuen apostolischen Gebiet mub ermutigt werden,
damit das Evangelium Christi auch über diese modernen Medien vernehmbar
wird. Die verschiedenen Institute sollen durch Bereitstellung von Kräften,
Mitteln und Personen zur Zusammenarbeit bereit sein, um gemeinsame Pläne
in den verschiedenen Bereichen der sozialen Kommunikation zu verwirklichen.
Auberdem sollen die Personen des geweihten Lebens, insbesondere die Mitglieder
der Säkularinstitute, je nach den pastoralen Zweckmäbigkeiten ihren Dienst
zur religiösen Bildung der Verantwortlichen und der Mitarbeiter des öffentlichen
oder privaten Medienwesens leisten, um einerseits die vom Mibbrauch der
Medien hervorgerufenen Schäden abzuwenden und andererseits eine höhere
Qualität der Sendungen mit Botschaften zu fördern, die das Moralgesetz
achten und an menschlichen und christlichen Werten reich sind.
IV. ENGAGIERT IM DIALOG MIT ALLEN
Im Dienst an der Einheit der Christen
100. Das Gebet Christi zum Vater vor seinem Leiden, dab
seine Jünger eins bleiben mögen (vgl. Joh 17,21-23), setzt sich
im Beten und Wirken der Kirche fort. Wie könnten sich da die Personen des
geweihten Lebens nicht miteinbezogen fühlen? Die Wunde der noch immer bestehenden
Trennung unter den Christgläubigen und die Dringlichkeit, für die Förderung
der Einheit aller Christen zu beten und zu arbeiten, wurden auf der Synode
besonders stark empfunden. Die Sensibilität der Personen des geweihten
Lebens für die Ökumene ist auch durch das Bewubtsein wiederbelebt, dab
sich in anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften das Mönchtum erhält
und blüht, wie es in den orientalischen Kirchen der Fall ist, oder dab
das Bekenntnis zu den evangelischen Räten eine Erneuerung erfährt, wie
in der anglikanischen Gemeinschaft und in den aus der Reformation hervorgegangenen
Gemeinschaften.Die Synode hat den tiefen Zusammenhang des geweihten Lebens
mit dem Anliegen der Ökumene und die Dringlichkeit eines intensiveren Zeugnisses
auf diesem Gebiet herausgestellt. Wenn nämlich die Seele der Ökumene das
Gebet und die Umkehrsind, besteht kein Zweifel, dab die Institute des geweihten
Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens eine besondere Verpflichtung
haben, sich dieser Aufgabe zu widmen. Es ist also dringend geboten, im
Leben der Personen des geweihten Lebens dem ökumenischen Gebet und dem
glaubwürdigen Zeugnis des Evangeliums mehr Raum zugeben, damit die Mauern
der Trennungen und der Vorurteile zwischen den Christen durch die Kraft
des Heiligen Geistes niedergerissen werden können.
Formen des ökumenischen Dialogs
101. Die gemeinsame Teilnahme an der lectio divina
bei der Suche nach der Wahrheit, die Beteiligung am gemeinsamen Gebet,
bei dem der Herr seine Gegenwart zusichert (vgl. Mt 18,20), der
Dialog der Freundschaft und der Liebe, der spüren läbt, wie gut und schön
es ist, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen (vgl. Ps 133
[132]), die herzliche Gastfreundschaft, die gegenüber den Brüdern und Schwestern
der verschiedenen christlichen Konfessionen gepflegt wird, das gegenseitige
Kennenlernen und der Austausch der Gaben, die Zusammenarbeit bei gemeinsamen
Initiativen des Dienstes und des Zeugnisses: dies alles sind ebenfalls
Formen des ökumenischen Dialogs, dem gemeinsamen Vater wohlgefällige Äuberungen
und Zeichen des Willens, gemeinsam auf dem Weg der Wahrheit und der Liebe
auf die vollkommene Einheit hin zu gehen.Auch das Kennenlernen der Geschichte,
der Lehre, der Liturgie sowie der karitativen und apostolischen Tätigkeit
der anderen Christen wird einem erfolgreicheren ökumenischen Wirken von
Nutzen sein.ch möchte jene Institute ermutigen, die auf Grund ihres ursprünglichen
Charakters oder durch darauffolgende Berufung sich der Förderung der Einheit
der Christen widmen und dafür Initiativen für Studien und für konkrete
Tätigkeiten durchführen. Tatsächlich darf sich kein Institut des geweihten
Lebens von der Arbeit für dieses Anliegen entbunden fühlen. Meine Gedanken
gehen darüber hinaus zu den katholischen orientalischen Kirchen mit dem
Wunsch, dab sie auch über das männliche und weibliche Mönchswesen, dessen
Blüte Gnade ist, die ständig erfleht werden mub, zur Einheit mit den orthodoxen
Kirchen beitragen mögen durch den Dialog der Liebe und des Teilhabens an
der gemeinsamen Spiritualität, dem Erbe der ungeteilten Kirche des ersten
Jahrtausends.In besonderer Weise vertraue ich die geistliche Ökumene des
Gebets, der Umkehr des Herzens und der Liebe den Klöstern des beschaulichen
Lebens an. Zu diesem Zweck ermutige ich sie, dort präsent zu sein, wo christliche
Gemeinschaften verschiedener Konfessionen leben, damit ihre Ganzhingabe
an das »einzig Notwendige« (vgl. Lk 10,42), an die Verehrung Gottes
und an die Fürbitte um das Heil der Welt, zusammen mit ihrem Zeugnis des
Lebens nach dem Evangelium entsprechend ihren Charismen, für alle ein Ansporn
sei, nach dem Abbild der Dreifaltigkeit in jener Einheit zu leben, die
Jesus gewollt und für alle seine Jünger vom Vater erfleht hat.
Der interreligiöse Dialog
102. Da »der interreligiöse Dialog Teil der Sendung der
Kirche zur Verkündigung des Evangeliums ist«,können sich die Institute
des geweihten Lebens nicht der Verpflichtung entziehen, sich auch auf diesem
Gebiet zu engagieren, ein jedes gemäb seinem Charisma und nach den Weisungen
der kirchlichen Autorität. Die erste Form der Evangelisierung im Hinblick
auf die Brüder und Schwestern einer anderen Religion wird das Zeugnis eines
armen, demütigen und keuschen Lebens sein, das von geschwisterlicher Liebe
zu allen durchdrungen ist. Zugleich wird die Freiheit des Geistes, die
dem geweihten Leben eigen ist, jenen »Dialog des Lebens«begünstigen, in
dem sich ein Grundmodell der Mission und der Verkündigung des Evangeliums
Christi verwirklicht. Um das gegenseitige Kennenlernen, die Achtung voreinander
und die Liebe zu fördern, werden die Ordensinstitute auberdem mit den monastischen
Kreisen anderer Religionen zweckmäbige Dialogformen pflegen können,
die von herzlicher Freundschaft und gegenseitiger Aufrichtigkeit durchdrungen
sind.Einen weiteren Bereich der Zusammenarbeit mit Männern und Frauen unterschiedlicher
religiöser Tradition stellt die gemeinsame Sorge um das menschliche
Leben dar, die vom Mitleid wegen physischen und geistigen Leides bis
zum Einsatz für die Gerechtigkeit, den Frieden und die Bewahrung der Schöpfung
reicht. Auf diesen Gebieten werden vor allem die Institute des tätigen
Lebens die Verständigung mit den Mitgliedern anderer Religionen in jenem
»Dialog der Werke«suchen, der den Weg zu einem intensiveren Miteinander
vorbereitet.Ein eigenes Gebiet reger Begegnung mit Personen anderer religiöser
Traditionen ist jenes der Ermittlung und Förderung der Würde der Frau.
Aus der Sicht der Gleichheit und richtigen Gegenseitigkeit zwischen Mann
und Frau kann vor allem von den Frauen des geweihten Lebens ein wertvoller
Dienst geleistet werden.iese und andere Aufgaben der Personen des geweihten
Lebens im Dienst des interreligiösen Dialogs erfordern eine angemessene
Vorbereitung bei der Anfangsausbildung und bei der ständigen Weiterbildung
sowie im Studium und in der Forschung,da in diesem nicht einfachen Bereich
eine gründliche Kenntnis des Christentums und der anderen Religionen erforderlich
ist, die von einem gefestigten Glauben sowie von geistlicher und menschlicher
Reife begleitet ist.
Eine Antwort der Spiritualität auf die Suche nach
dem Heiligen und auf die Sehnsucht nach Gott
103. Alle Männer und Frauen, die sich dem geweihten Leben
widmen, sind auf Grund des Wesens ihrer Entscheidung gleichsam bevorzugte
Gesprächspartner für jene Suche nach Gott, die seit jeher das Herz des
Menschen bewegt und ihn zu vielfältigen Formen der Askese und der Spiritualität
hinführt. Diese Suche tritt heute in vielen Gegenden eindringlich als beherrschende
Antwort auf Kulturen auf, die dazu tendieren, die religiöse Dimension des
Daseins zwar nicht immer zu leugnen, doch sicherlich an den Rand zu drängen.Die
Personen des geweihten Lebens, die die frei übernommenen Verpflichtungen
konsequent und vollständig leben, können eine Antwort auf die Sehnsucht
ihrer Zeitgenossen anbieten, wenn sie diese von zumeist trügerischen und
häufig die heilbringende Menschwerdung Christi leugnenden Lösungen (vgl.
1 Joh 4,2-3), wie diese z. B. von den Sekten vorgeschlagen werden,
befreien. Durch das Praktizieren einer persönlichen und gemeinschaftlichen
Askese, die die ganze Existenz läutert und verklärt, bezeugen sie gegen
die Versuchung des Egozentrismus und der Sinnlichkeit die Wesensmerkmale
der authentischen Gottsuche und warnen davor, sie mit der subtilen Suche
ihrer selbst oder mit der Flucht in die Gnosis zu verwechseln. Jeder, der
sein Leben Gott geweiht hat, ist verpflichtet, den inneren Menschen zu
bilden, der sich weder von der Geschichte fernhält noch sich auf sich selbst
zurückzieht. Wenn er in gehorsamem Hören des Wortes lebt, dessen Hüter
und Dolmetscher die Kirche ist, weist er im besonders geliebten Christus
und im trinitarischen Geheimnis hin auf das Objekt der tiefen Sehnsucht
des menschlichen Herzens und auf das Ziel jedes für die Transzendenz aufrichtig
offenen religiösen Weges.Darum haben die Personen des geweihten Lebens
die Pflicht, all jenen grobzügig Aufnahme und geistliche Begleitung anzubieten,
die sich vom Durst nach Gott bewegt und mit dem Wunsch, die Anforderungen
des Glaubens zu leben, an sie wenden.
SCHLUSS
Das Übermab an Unentgeltlichkeit
104. Nicht wenige fragen sich heutzutage ratlos: Wozu
soll das geweihte Leben gut sein? Warum lassen sich Menschen auf diese
Lebensform ein, wo es doch im Bereich der Nächstenliebe und selbst der
Evangelisierung so viele dringende Notwendigkeiten gibt, auf die man auch
antworten kann, ohne die besonderen Verpflichtungen des geweihten Lebens
zu übernehmen? Ist das geweihte Leben nicht vielleicht so etwas wie eine
»Verschwendung« menschlicher Kräfte, die, würde man einem Wirksamkeitskriterium
folgen, für ein gröberes Gut zum Vorteil der Menschheit und der Kirche
nutzbar wären?Fragen dieser Art sind in unserer Zeit häufiger anzutreffen,
weil sie von einer utilitaristischen und technokratischen Kultur angeregt
werden, die dazu neigt, die Bedeutung der Dinge und selbst der Personen
in bezug auf ihre unmittelbare »Zweckdienlichkeit« zu werten. Doch solche
Fragen hat es immer gegeben, wie die Episode der Salbung in Betanien aus
dem Evangelium anschaulich beweist: »Da nahm Maria ein Pfund echtes, kostbares
Nardenöl, salbte Jesus die Fübe und trocknete sie mit ihrem Haar. Das Haus
wurde vom Duft des Öls erfüllt« (Joh 12,3). Als Judas unter dem
Vorwand der Not der Armen diese Verschwendung beklagte, antwortete ihm
Jesus: »Lab sie gewähren!« (Joh 12,7).Das ist die noch immer gültige
Antwort auf die Frage, die sich, und sei es auch in gutem Glauben, so viele
in bezug auf die Aktualität des geweihten Lebens stellen: Könnte man nicht
sein Leben wirksamer und rationeller für die Verbesserung der Gesellschaft
einsetzen?«. Darauf lautet die Antwort Jesu: »Lab sie gewähren«.Wem das
unschätzbare Geschenk gewährt wird, dem Herrn Jesus mehr aus der Nähe zu
folgen, dem erscheint es klar, dab er mit ungeteiltem Herzen geliebt werden
kann und mub, dab man ihm das ganze Leben und nicht nur einige Gesten,
einige Momente oder einige Aktivitäten widmen kann. Das kostbare Salböl,
das als reiner Akt von Liebe und daher fern jeder »utilitaristischen« Überlegung
vergossen wurde, ist Zeichen von Übermab an Unentgeltlichkeit, wie
es in einem Leben zum Ausdruck kommt, das hingegeben wird, um den Herrn
zu lieben und ihm zu dienen, um sich seiner Person und seinem mystischen
Leib zu widmen. Aber von diesem »verschwendeten« Leben verbreitet sich
ein Duft, der das ganze Haus erfüllt. Das Haus Gottes, die Kirche, ist
durch das Vorhandensein des geweihten Lebens heute nicht weniger geschmückt
und bereichert als gestern.Was in den Augen der Menschen als Verschwendung
erscheinen mag, ist für den in seinem innersten Herzen von der Schönheit
und der Güte des Herrn angezogenen Menschen eine klare Antwort der Liebe
und eine überschwengliche Dankbarkeit dafür, auf ganz besondere Weise zum
Kennenlernen des Sohnes und zur Teilhabe an seiner göttlichen Sendung in
der Welt zugelassen worden zu sein.»Wenn ein Kind Gottes die göttliche
Liebe kennenlernte und kostete, den ungeschaffenen Gott, den menschgewordenen
Gott, den Gott, der Leiden und Tod erlitten hat, Gott, der das höchste
Gut ist, würde er sich ihm ganz hingeben, sich nicht nur den anderen Geschöpfen,
sondern sogar sich selbst entziehen und würde mit seinem ganzen Selbst
diesen Gott der Liebe lieben, bis er sich ganz zu dem Gott-Menschen wandelt,
der der Höchstgeliebte ist«.
Das geweihte Leben im Dienst des Gottesreiches
105. »Was würde aus der Welt, wenn es die Ordensleute
nicht gäbe?«.Jenseits der oberflächlichen Zweckeinschätzungen ist das geweihte
Leben gerade in seinem Übermab an Unentgeltlichkeit und Liebe von
Bedeutung, und das um so mehr in einer Welt, die Gefahr läuft, im Strudel
des Vergänglichen zu ersticken. »Ohne dieses konkrete Zeichen würde die
Liebe, die die ganze Kirche beseelt, Gefahr laufen zu erkalten, das Paradoxon
heilwirkender Kraft des Evangeliums sich abschwächen, das ‘Salz' des Glaubens
in einer Welt zunehmender Säkularisierung schal werden«.Das Leben der Kirche
und der Gesellschaft hat Menschen nötig, die fähig sind, sich ganz Gott
und aus Liebe zu Gott den anderen zu widmen.Die Kirche kann absolut nicht
auf das geweihte Leben verzichten, weil es auf anschauliche Weise ihr
inneres »bräutliches« Wesen zum Ausdruck bringt. In ihm findet die
Verkündigung des Evangeliums auf der ganzen Welt neuen Schwung und neue
Kraft. In der Tat, es bedarf solcher Menschen, die das väterliche Antlitz
Gottes und das mütterliche Antlitz der Kirche zeigen, die das eigene Leben
aufs Spiel setzen, damit andere Leben und Hoffnung haben. Die Kirche braucht
Personen des geweihten Lebens, die, noch ehe sie sich dem Dienst an der
einen oder anderen edlen Sache widmen, sich von der Gnade Gottes verwandeln
lassen und dem Evangelium vollständig gleichförmig werden.Die ganze Kirche
findet diese grobe Gabe in ihren Händen und widmet sich in Dankbarkeit
ihrer Förderung durch Wertschätzung, Gebet und durch die ausdrückliche
Aufforderung zu ihrer Annahme. Wichtig ist, dab die von der evangeliumsgemäben
Vorzüglichkeit dieser Lebensform überzeugten Bischöfe, Priester und Diakone
sich bemühen, durch die Verkündigung, die Unterscheidungsgabe und eine
weise geistliche Begleitung die Keime der Berufung zu entdecken und zu
stützen. Alle Gläubigen werden um ständiges Gebet für die Personen des
geweihten Lebens ersucht, damit deren Eifer und Fähigkeit zur Liebe unablässig
zunehmen und sie damit zur Verbreitung des Wohlgeruches Christi in der
heutigen Gesellschaft beitragen. Die gesamte christliche Gemeinschaft —
Seelsorger, Laien und Personen des geweihten Lebens — ist für das geweihte
Leben, für seine Annahme und für den den Neuberufenen angebotenen Beistand
verantwortlich.
An die Jugend
106. Euch jungen Leuten, sage ich: wenn ihr den Ruf des
Herrn vernehmt, weist ihn nicht zurück! Fügt euch vielmehr mutig ein in
die groben Richtungswege der Heiligkeit, die herausragende heilige Männer
und Frauen in der Nachfolge Christi angebahnt haben. Pflegt eure altersspezifischen
Sehnsüchte, aber folgt bereitwillig dem Vorhaben, das Gott mit euch plant,
wenn er euch einlädt, die Heiligkeit im geweihten Leben zu suchen. Bewundert
alle Werke Gottes in der Welt, aber wisset den Blick auf die Wirklichkeiten
zu richten, die zur Unvergänglichkeit bestimmt sind.Das dritte Jahrtausend
erwartet den Beitrag des Glaubens und der Phantasie von Scharen junger
Menschen des geweihten Lebens, auf dab die Welt heiterer und fähiger werde,
Gott und in ihm alle seine Söhne und Töchter anzunehmen.
An die Familien
107. Ich wende mich an euch, christliche Familien. Ihr
Eltern, dankt dem Herrn, wenn er eines eurer Kinder zum geweihten Leben
berufen hat. Es mub — wie es immer gewesen ist — als eine grobe Ehre angesehen
werden, wenn der Herr auf eine Familie blickt und eines ihrer Glieder auswählt,
um es einzuladen, den Weg der evangelischen Räte einzuschlagen! Hegt den
Wunsch, eines eurer Kinder dem Herrn zu schenken, damit die Liebe Gottes
in der Welt wachsen möge. Welche schönere Frucht der ehelichen Liebe könnte
es für euch geben?Es mub daran erinnert werden: wenn die Eltern die Werte
des Evangeliums nicht leben, werden der Junge und das Mädchen nur schwer
in der Lage sein, den Ruf zu vernehmen, die Notwendigkeit der Opfer zu
verstehen, die es auf sich zu nehmen gilt, sowie die Schönheit des Zieles
zu schätzen wissen, das erreicht werden soll. Denn die Kinder machen in
der Familie die ersten Erfahrungen der Werte des Evangeliums und der Liebe,
die sich an Gott und an die anderen verschenkt. Sie müssen auch zum verantwortungsvollen
Umgang mit der eigenen Freiheit erzogen werden, um bereit zu sein, ihrer
Berufung gemäb höchste geistliche Wirklichkeiten zu leben.Ich bete, dab
ihr, christliche Familien, durch das Gebet und das sakramentale Leben mit
dem Herrn verbunden, Berufungen annehmende Heimstätten seid.
An die Männer und Frauen guten Willens
108. Alle Männer und Frauen, die meine Stimme hören wollen,
möchte ich einladen, nach den Wegen zu suchen, die auch auf den vom geweihten
Leben vorgezeichneten Pfaden zum lebendigen und wahren Gott führen. Die
Personen des geweihten Lebens geben Zeugnis davon, dab »wer Christus, dem
vollkommenen Menschen, folgt, auch selbst mehr Mensch wird«.Wie viele von
ihnen haben sich als barmherzige Samariter über die unzähligen Wunden der
Brüder und Schwestern gebeugt — und beugen sich jetzt noch —, denen sie
unterwegs begegneten.Schaut auf diese Menschen, die von Christus ergriffen
sind, die in der von der Gnade und der Liebe Gottes getragenen Selbstbeherrschung
auf das Heilmittel hinweisen, das von Habgier, Genub- und Herrschsucht
befreit. Vergebt nicht die Charismen, die wunderbare »Gottsucher« und Wohltäter
der Menschheit geformt und denjenigen, die mit aufrichtigem Herzen Gott
suchen, sichere Wege geöffnet haben. Betrachtet die grobe Zahl von Heiligen,
die in dieser Lebensform gewachsen sind, betrachtet das Gute, das der Welt
gestern und heute von denen erwiesen wurde und wird, die sich Gott geweiht
haben! Braucht diese unsere Welt etwa nicht frohe Zeugen und Propheten
der segensreichen Macht der Liebe Gottes? Braucht sie nicht auch Männer
und Frauen, die es durch ihr Leben und ihre Tätigkeit verstehen, Samen
des Friedens und der Brüderlichkeit zu säen?.
An die Personen des geweihten Lebens
109. Vor allem aber richte ich an euch, Männer und Frauen
des geweihten Lebens, zum Abschlub dieses Apostolischen Schreibens meinen
vertrauensvollen Appell: lebt ganz eure Hingabe an Gott, um es dieser Welt
an keinem Strahl der göttlichen Schönheit fehlen zu lassen, der den Weg
des menschlichen Daseins erhellt. Die Christen, die tief in die Geschäftigkeit
und die Sorgen dieser Welt verwickelt, aber auch zur Heiligkeit berufen
sind, müssen in euch geläuterte Herzen finden, die im Glauben Gott »schauen«,
Menschen, die dem Wirken des Hl. Geistes gegenüber fügsam sind, die in
der Treue zum Charisma der Berufung und der Sendung zügig vorangehen.Ihr
wibt gut, dab ihr einen Weg ständiger Bekehrung, ausschlieblicher Hingabe
an die Liebe Gottes und der Brüder eingeschlagen habt, um immer leuchtender
von der Gnade Zeugnis zu geben, die die christliche Existenz verklärt.
Die Welt und die Kirche suchen nach glaubwürdigen Zeugen Christi. Das geweihte
Leben ist ein Geschenk, das Gott anbietet, damit das »einzig Notwendige«
(vgl. Lk 10,42) allen vor Augen gestellt werde. Mit dem Leben, mit
den Werken und den Worten Christus zu bezeugen ist einzigartiger Auftrag
des geweihten Lebens in Kirche und Welt.Ihr wibt, wem ihr Glauben geschenkt
habt (vgl. 2 Tim 1,12): gebt ihm alles! Die jungen Leute sollen
sich nicht irreführen lassen: wenn sie zu euch kommen, wollen sie das sehen,
was sie anderswo nicht zu sehen bekommen. Ihr habt angesichts der Zukunft
eine ungeheure Aufgabe: insbesondere die jungen Personen des geweihten
Lebens können durch das Zeugnis ihrer Weihe ihre Altersgenossen zur Erneuerung
ihres Lebens anleiten.Die leidenschaftliche Liebe zu Jesus Christus stellt
eine mächtige Anziehungskraft für die anderen jungen Menschen dar, die
er in seiner Güte ruft, ihm aus der Nähe und für immer zu folgen. Unsere
Zeitgenossen wollen an den Personen des geweihten Lebens die Freude sehen,
die davon kommt, dab sie beim Herrn sind.Ihr Personen des geweihten Lebens,
alt und jung, lebt die Treue zu eurer Verpflichtung gegenüber Gott, in
gegenseitiger Erbauung und Hilfe. Trotz der Schwierigkeiten, denen ihr
bisweilen begegnen mochtet, und trotz der nachlassenden Wertschätzung für
das geweihte Leben in einer gewissen öffentlichen Meinung habt ihr den
Auftrag, die Männer und Frauen unserer Zeit aufs neue einzuladen, nach
oben zu schauen, sich nicht von den Dingen des Alltags mitreiben, sondern
sich von Gott und vom Evangelium seines Sohnes faszinieren zu lassen. Vergebt
nicht, dab ihr in ganz besonderer Weise sagen könnt und mübt, dab ihr nicht
nur von Christus seid, sondern dab »ihr Christus geworden seid!«.
In die Zukunft blicken
110. Ihr sollt euch nicht nur einer glanzvollen Geschichte
erinnern und darüber erzählen, sondern ihr habt eine grobe Geschichte
aufzubauen! Blickt in die Zukunft, in die der Geist euch versetzt,
um durch euch noch grobe Dinge zu vollbringen.Macht euer Leben zu einer
leidenschaftlichen Christuserwartung, indem ihr ihm entgegengeht wie die
klugen Jungfrauen dem Bräutigam entgegengehen. Seid immer bereit, treu
zu Christus, zur Kirche, zu eurem Institut und gegenüber dem Menschen unserer
Zeit.So werdet ihr Tag für Tag von Christus erneuert werden, um mit seinem
Geist brüderliche Gemeinschaften aufzubauen, mit ihm den Armen die Fübe
zu waschen und euren unersetzlichen Beitrag zur Verklärung der Welt zu
leisten.Diese unsere, den Händen des Menschen anvertraute Welt, die im
Begriff ist, in das neue Jahrtausend einzutreten, soll immer menschlicher
und gerechter sein können, Zeichen und Vorwegnahme der künftigen Welt,
in der er, der erniedrigte und verherrlichte, der arme und gepriesene Herr,
mit dem Vater und dem Heiligen Geist für uns und für unsere Brüder und
Schwestern die vollkommene und bleibende Freude sein wird.
Gebet an die Heiligste Dreifaltigkeit
111. Selige und seligmachende Heiligste Dreifaltigkeit,
mache deine Söhne und Töchter selig, die du berufen hast, die Gröbe deiner
Liebe, deiner barmherzigen Güte und deiner Schönheit zu bekennen.Heiliger
Vater, heilige die Söhne und Töchter, die sich um der Ehre deines Namens
willen dir geweiht haben. Begleite sie mit deiner Macht, damit sie bezeugen
können, dab du der Ursprung von allem bist, die einzige Quelle der Liebe
und der Freiheit. Wir danken dir für das Geschenk des geweihten Lebens,
das im Glauben dich sucht und in seiner universalen Sendung alle einlädt,
den Weg zu dir zu gehen.Erlöser Jesus Christus, menschgewordenes
Wort, wie du deine Lebensform jenen anvertraut hast, die du gerufen hast,
so ziehe weiterhin Menschen zu dir, die für die Menschheit unserer Zeit
Hüter der Barmherzigkeit, Vorboten deiner Wiederkunft, lebendiges Zeichen
der Güter der künftigen Auferstehung sein sollen. Keine Bedrängnis trenne
sie von dir und von deiner Liebe! Heiliger Geist, in die Herzen
ausgegossene Liebe, die du Geist und Sinn, Gnade und Inspiration schenkst,
ewige Lebensquelle, die du durch die zahlreichen Charismen die Sendung
Christi vollendest, wir bitten dich für alle Personen des geweihten Lebens.
Erfülle ihr Herz mit der innigen Gewibheit, dazu auserwählt worden zu sein,
um zu lieben, zu loben und zu dienen. Lab sie deine Freundschaft kosten,
erfülle sie mit deiner Freude und mit deinem Trost, hilf ihnen, Momente
der Schwierigkeit zu überwinden und nach dem Fall in Vertrauen wieder aufzustehen,
mache sie zum Spiegel der göttlichen Schönheit. Gib ihnen den Mut, sich
den Herausforderungen unserer Zeit zu stellen, und die Gnade, den Menschen
die Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Retters Jesus Christus zu bringen
(vgl. Tit 3,4).
Anrufung der Jungfrau Maria
112. Maria, Sinnbild der Kirche, Braut ohne Falte und
Makel, die, indem sie dich nachahmt, »jungfräulich einen unversehrten Glauben,
eine feste Hoffnung und eine aufrichtige Liebe bewahrt«,stehe den Personen
des geweihten Lebens in ihrem Streben nach der ewigen und einzigen Seligkeit
bei.Dir, Jungfrau der Heimsuchung, vertrauen wir sie an, damit sie auf
die Nöte der Menschen einzugehen verstehen, um ihnen Hilfe, vor allem aber
Jesus zu bringen. Lehre sie die Wunder zu verkündigen, die der Herr in
der Welt vollbringt, damit alle Völker seinen Namen rühmen. Stehe ihnen
bei in ihrer Arbeit für die Armen, die Hungernden, die Hoffnungslosen,
die Geringsten und für alle, die mit aufrichtigem Herzen deinen Sohn suchen.An
dich, Mutter, die du die geistliche und apostolische Erneuerung deiner
Söhne und Töchter in der Antwort der Liebe und der Ganzhingabe an Christus
willst, wenden wir uns vertrauensvoll mit unserem Gebet. Du, die du bereit
im Gehorsam, mutig in der Armut, empfangsbereit in der fruchtbaren Jungfräulichkeit
den Willen des Vaters erfüllt hast, erwirke von deinem göttlichen Sohn,
dab alle, die die Gabe empfangen haben, ihm im geweihten Leben zu folgen,
von ihm mit einer verklärten Existenz Zeugnis geben können, indem sie mit
allen anderen Brüdern und Schwestern voll Freude auf die himmlische Heimat
und auf das nie erlöschende Licht zugehen.
Wir bitten Dich darum, dab der höchste Herr aller Dinge,
Vater, Sohn und Heiliger Geist, in allen und in allem verherrlicht, gepriesen
und geliebt werde.
Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, am 25. März, dem Hochfest
der Verkündiging des Herrn, des Jahres 1996, dem 18. Jahr meines Pontifikats.
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