KONGREGATION FÜR DIE INSTITUTE DES GEWEIHTEN LEBENS UND DIE
GESELLSCHAFTEN DES APOSTOLISCHEN LEBENS
DAS BRÜDERLICHE LEBEN IN GEMEINSCHAFT "Congregavit
nos in unum Christi amor"
EINLEITUNG
"Congregavit nos in unum Christi amor"
1. Die Liebe Christi hat eine große Zahl von Jüngern zusammengeführt,
damit sie untereinander eins seien, und damit sie, wie Er und durch Ihn, im
Geist, über die Jahrhunderte hin eine Antwort auf die Liebe des Vaters
geben, indem sie "aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und mit allen ihren
Kräften" (vgl. Dt 6,5) Ihn lieben, und den Nächsten "wie
sich selbst" (vgl. Mt 22,39).
Unter diesen Jüngern stellen jene, die in den Ordensgemeinschaften
zusammenleben, Männer und Frauen "aus allen Sprachen, Rassen, Völkern
und Stämmen" (vgl. Offb. 7,9), bis heute einen besonders aussagekräftigen
Ausdruck dieser großen, grenzenlosen Liebe dar. Nicht "aus dem Willen
des Fleisches oder Blutes", nicht aus persönlicher Sympathie oder aus
menschlichen Motiven, sondern "von Gott" (vgl. Joh 1,13), von einer göttlichen
Berufung angezogen, sind die Ordensgemeinschaften ein lebendiges Zeichen für
den Vorrang der Liebe Gottes, der Wunderbares wirkt, und für die Liebe zu
Gott und den Brüdern und Schwestern, so wie Christus sie aufgezeigt und
vorgelebt hat.
Angesichts ihrer Bedeutung für das Leben und für die Heiligkeit
der Kirche ist es wichtig, das Leben der konkreten Ordensgemeinschaften zu überprüfen,
seien sie monastisch und kontemplativ oder apostolisch tätig, und zwar
unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen Eigenart. Was hier über die
Ordensgemeinschaften gesagt wird, gilt gleicherweise auch für die
Gemeinschaften der Gesellschaften des apostolischen Lebens, immer unter Berücksichtigung
ihrer Eigenart und Rechtsordnung.
a) Das Thema dieses Dokumentes geht von einer Tatsache aus: In vielen Ländern
hat sich das Erscheinungsbild des "brüderlichen, gemeinsamen Lebens",
im Vergleich zur Vergangenheit, in vielem verändert. Diese Veränderungen
wie auch die Hoffnungen und Enttäuschungen, die bis heute diesen
Wandlungsprozeß begleiten, rufen nach einer Neubesinnung im Lichte des II.
Vatikanischen Konzils. Sie haben zu positiven, aber auch zu umstrittenen
Ergebnissen geführt. Sie haben nicht wenige Werte des Evangeliums neu ins
Licht gerückt und den Ordensgemeinschaften neue Vitalität geschenkt.
Sie haben jedoch auch Fragen geweckt, weil sie einige der typischen Elemente des
brüderlichen Lebens in Gemeinschaft verdunkelt haben. In einigen Gegenden
scheint die Ordensgemeinschaft sogar in den Augen der Ordensmänner und
Ordensfrauen an Bedeutung verloren zu haben und womöglich nicht mehr ein
erstrebenswertes Ideal zu sein.
Mit der Gelassenheit und Unruhe dessen, der den Willen Gottes sucht, wollten
viele Ordensgemeinschaften diesen Wandlungsprozeß auswerten, um der
eigenen Berufung im Gottesvolk besser zu entsprechen.
b) Viele Faktoren haben diese Veränderungen mitbestimmt, und dies vor
unseren Augen: - Die "ständige Rückkehr zu den Quellen jedes
christlichen Lebens und zum
Geist des Ursprungs der einzelnen Institute",(1) oder anders gesagt,
die tiefere und umfassendere Begegnung mit dem Evangelium und mit dem ersten
Aufbrechen des Gründungscharismas war ein kraftvoller Anstoß zur
Aneignung des wahren Geistes der Brüderlichkeit, und zu jenen Strukturen
und Verhaltensweisen, die ihn überzeugend ausdrücken sollen. Dort, wo
die Begegnung mit diesen Quellen und mit der ursprünglichen Inspiration nur
unvollständig oder mit halbem Herzen geschah, war das brüderliche
Leben vielfach gefährdet und verblaßte.
- Dieser Prozeß hat sich jedoch auch innerhalb allgemeinerer
Entwicklungen abgespielt, die den größeren Rahmen dazu bilden, und
deren Einflüssen sich das Ordensleben nicht entziehen konnte.(2)
Das Ordensleben ist ein lebendiger Teil der Kirche, und es lebt in der Welt.
Die Werte und Gegenwerte, die in einer Epoche oder in einem Kulturkreis gären,
und die gesellschaftlichen Strukturen, die sie offenlegen, bedrängen das
Leben aller, einschließlich das der Kirche und ihrer Ordensgemeinschaften.
Letztere werden entweder ein evangelischer Sauerteig in der Gesellschaft sein,
Verkündigung der Frohen Botschaft inmitten der Welt, Ankündigung des
himmlischen Jerusalems in der Zeit, oder sie werden in einer längeren oder
kürzeren Agonie erliegen, einfach deshalb, weil sie sich der Welt
angeglichen haben. Darum müssen das Nachdenken und die neuen Vorschläge
bezüglich des "brüderlichen Lebens in Gemeinschaft" diese äußeren
Rahmenbedingungen berücksichtigen.
- Aber auch die eigene Entwicklung der Kirche hat tief auf die
Ordensgemeinschaften eingewirkt. Das II. Vatikanische Konzil, das ein Ereignis
der Gnade und einen höchsten Ausdruck der pastoralen Führung der
Kirche in diesem Jahrhundert darstellt, hatte einen entscheidenden Einfluß
auf das Ordensleben; nicht nur durch das Dekret Perfectae Caritatis, das
ihm gewidmet ist, sondern auch durch die konziliare Ekklesiologie und durch ein
jedes seiner Dokumente.
Aus den genannten Gründen beginnt das vorliegende Dokument, bevor es
zur Sache kommt, mit einem kurzen Blick auf die Veränderungen in jenen
Bereichen, die unmittelbarer die Qualität des brüderlichen Lebens und
der Formen seiner Verwirklichung in den verschiedenen Ordensgemeinschaften
beeinflusst haben.
DIE THEOLOGISCHE ENTWICKLUNG
2. Das II. Vatikanische Konzil hat einen grundlegenden Beitrag für die
Neubewertung des "brüderlichen Lebens in Gemeinschaft" und für
ein neues Verständnis der Ordensgemeinschaften geleistet.
Es war die Entwicklung der Ekklesiologie, die mehr als andere
Faktoren die Entfaltung des Verständnisses der Ordensgemeinschaften
beeinflußt hat. Das II. Vatikanum betonte, daß das Ordensleben "unerschütterlich"
(inconcusse) zum Leben und zur Heiligkeit der Kirche gehört, und
hat es im Herzen ihres Geheimnisses der communio und der Heiligkeit
beheimatet.(3)
Die Ordensgemeinschaft hat also Anteil an einem erneuerten und vertieften
Verständnis der Kirche. Daraus folgert:
a) Von der Kirche als Geheimnis zur geheimnisbezogenen Dimension der
Ordensgemeinschaft.
Die Ordensgemeinschaft ist nicht einfachhin ein Zusammenschluß von
Christen, die ihre persönliche Vollkommenheit suchen. Sie ist in ihrer
Tiefe vielmehr Teilhabe und qualifiziertes Zeugnis für die Kirche als einem
Geheimnis, denn sie ist lebendiger Ausdruck und wesensgemäße
Verwirklichung ihrer besonderen "communio", der großen
trinitarischen "koinonia", an welcher der Vater den Menschen Teilhabe
gewähren wollte durch den Sohn im Heiligen Geist.
b) Von der Kirche als Geheimnis zur brüderlichen und
gemeinschaftsbezogenen Dimension der Ordensgemeinschaft.
Die Ordensgemeinschaft macht durch ihre Struktur, durch ihre Motivationen,
durch ihre charakteristischen Werte jene Gabe der Brüderlichkeit öffentlich
sichtbar und fortwährend erfahrbar, die Christus der ganzen Kirche
geschenkt hat. Eben deshalb ist es ihre unverzichtbare Aufgabe und ihre Sendung,
eine Zelle intensiv gelebter gemeinschaftlicher Brüderlichkeit zu sein, die
Zeichen und Ansporn ist für alle Getauften (4).
c) Von der Kirche, die von den Charismen beseelt ist, zur
charismatischen Dimension der Ordensgemeinschaft.
Die Ordensgemeinschaft ist eine Zelle brüderlicher Gemeinschaft, die
ihr Leben von ihrem Gründungscharisma her empfängt; sie ist Teil der
organischen communio der ganzen Kirche, die der Geist fortwährend mit den
verschiedensten Diensten und Charismen erfüllt.
Um einer solchen Gemeinschaft anzugehören ist die besondere Gnade einer
Berufung erforderlich. Konkret heißt dies, daß die Mitglieder einer
Ordensgemeinschaft untereinander durch einen gemeinsamen Ruf Gottes im
Sinne des Charismas der Gründung verbunden sind, durch eine
typische kirchliche Lebensweihe und durch eine gemeinschaftliche Antwort, die in
der Teilhabe an "der Erfahrung des Geistes" besteht, die vom Gründer
gelebt und an seine Sendung in der Kirche weitergegeben wurde.(5)
Sie will auch die "schlichteren und allgemeineren"(6) Gnadengaben
dankbar annehmen, die Gott in ihren Mitgliedern zum Wohle des ganzen Leibes
erweckt. Die Ordensgemeinschaft existiert für die Kirche, um sie
darzustellen, sie zu bereichern(7) und sie für ihre Sendung fähiger zu
machen.
d) Von der Kirche als Sakrament der Einheit zur apostolischen Dimension
der Ordensgemeinschaft.
Der Sinn des Apostolates liegt darin, die Menschheit zur Vereinigung mit
Gott und zu ihrer Einheit zu führen, und dies durch die göttliche
Liebe. Das brüderliche Leben in Gemeinschaft als ein Ausdruck der durch
Gottes Liebe bewirkten Einheit ist, neben seinem wesentlichen Zeugnischarakter
im Dienste der Evangelisierung, auch für das apostolische Wirken und für
dessen letzte Zielsetzung von großer Bedeutung. Von hier empfängt die
Ordensgemeinschaft die Kraft eines Zeichens und eines Instruments der Brüderlichkeit.
Die brüderliche Gemeinschaft steht in der Tat am Anfang und am Ende des
Apostolates.
Das Lehramt hat seit dem Konzil dieses neue Verständnis der
Ordensgemeinschaft vertieft und durch neue Beiträge bereichert(8).
DIE KIRCHENRECHTLICHE ENTWICKLUNG
3. Das Kirchenrecht (1983) konkretisiert und verdeutlicht jene
Weisungen des Konzils, die das Gemeinschaftsleben betreffen.
Wenn von "gemeinsamem Leben" gesprochen wird, sind zwei
Gesichtspunkte zu unterscheiden. Während der Kodex von 1917(9) den Eindruck
erweckt, sich auf äußerliche Elemente und auf die Einheitlichkeit des
Lebensstiles zu konzentrieren, bestehen das II. Vatikanum(10) und der neue
Kodex(11) ausdrücklich auf der spirituellen Dimension und auf dem Band der
Brüderlichkeit, das alle Mitglieder untereinander in Liebe verbinden muß.
Der neue Kodex hat beide Gesichtspunkte zusammengefaßt, wenn er von einem "brüderlichen
Leben" spricht, das "in Gemeinschaft" zu führen ist.(12)
Man kann somit im Gemeinschaftsleben zwei Elemente der Gemeinschaft und der
Einheit unter den Mitgliedern unterscheiden:
- ein mehr spirituelles: es ist die "Brüderlichkeit", oder "brüderliche
Gemeinschaft", die vom Herzen ausgeht und von der Liebe beseelt wird. Es
betont eher die "Lebensgemeinschaft" und die Beziehung unter den
Personen.(13)
- ein mehr äußerliches: es ist das "Leben in Gemeinschaft"
oder das "Leben als Gemeinschaft", das sich verwirklicht "im
Wohnen im eigenen, rechtmäßig errichteten Ordenshaus" und in "gemeinsamer
Lebensführung" durch Treue zu denselben Regeln, durch Teilnahme an den
gemeinsamen Übungen und durch Mitarbeit in den gemeinsamen Diensten.(14)
Dies alles wird in den verschiedenen Gemeinschaften jeweils "gemäß
der eigenen Lebensordnung"(15) verwirklicht, also auf eine dem Charisma und
dem Eigenrecht des Instituts entsprechende Weise.(16) Hierin liegt die Bedeutung
des Eigenrechtes, das das Erbgut eines jeden Institutes auf das
Gemeinschaftsleben wie auch auf die Mittel zu dessen Verwirklichung anwenden muß.(17)
Es versteht sich, daß das "brüderliche Leben" nicht
automatisch schon mit der Einhaltung jener Normen gegeben ist, die das Leben in
Gemeinschaft regeln; doch ist es ebenso einleuchtend, daß es Ziel des
Lebens in Gemeinschaft ist, das Leben in Brüderlichkeit intensiv zu fördern.
DIE GESELLSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG
4. Die Gesellschaft befindet sich in ständiger Entwicklung, und die
Ordensleute, die nicht von der Welt sind, aber dennoch in ihr leben, werden
davon beeinflußt.
Wir erinnern hier lediglich an einige Aspekte, die einen unmittelbareren
Einfluß auf das Ordensleben ganz allgemein, in besonderer Weise jedoch auf
die Ordensgemeinschaften ausgeübt haben.
a) Die politischen und sozialen Emanzipationsbewegungen in der
Dritten Welt und das Anwachsen der Industrialisierung führten in den
letzten Jahrzehnten zu großen sozialen Veränderungen, zu einer
besonderen Sensibilisierung für die "Entwicklung der Völker"
und für die Situationen der Armut und des Elends. Angesichts dieser
Entwicklung haben die Ortskirchen mit großer Lebhaftigkeit reagiert.
Besonders in Lateinamerika wurde durch die Generalversammlungen der dortigen
Bischöfe in Medellin, Puebla und Santo Domingo, die "evangeliumsgemäßen
und vorrangigen Option für die Armen"(18) in den Vordergrund gerrückt,
mit einer nachträglichen Verschiebung des Akzentes auf den sozialen
Einsatz.
Die Ordensgemeinschaften wurden davon sehr stark betroffen, und viele von
ihnen begannen, die Bedingungen für ihre Präsenz in der Gesellschaft
in Richtung auf einen unmittelbareren Dienst an den Armen neu zu überdenken,
bis hin zur Eingliederung (inserimento) unter ihnen.
Das beeindruckende Anwachsen des Elends am Rande der Großstädte
und die Verarmung der Landbevölkerung beschleunigten in nicht wenigen
Ordensgesellschaften den Prozeß des "Umzugs" in solche Gebiete
des armen Volkes.
Überall stellt sich das Problem der Inkulturation. Die Kulturen, die
Traditionen, die Mentalität eines Landes, sie alle prägen die Gestalt
des brüderlichen Lebens in den Ordensgemeinschaften.
Dazu kommt, daß die jüngsten, weiträumigen
Wanderungsbewegungen das Problem des Zusammenlebens verschiedener Kulturen
stellen, sowie jenes der rassenfeindlichen Reaktionen. Dies alles ist auch in
den immer zahlreicher werdenden, kulturell und rassisch gemischten
Ordensgemeinschaften spürbar.
b) Die Forderung nach persönlicher Freiheit und nach den
Menschenrechten stand am Anfang eines umfassenden
Demokratisierungsprozesses, der die wirtschaftliche Entwicklung und das Wachstum
der zivilen Gesellschaft gefördert hat.
Unmittelbar nach dem Konzil hat dieser Prozeß - vor allem im Westen -
eine Beschleunigung erfahren, die zuweilen von Versammlungssucht und von
antiautoritären Verhaltensmustern geprägt war.
Vor der Infragestellung der Autorität blieben auch die Kirche und das
Ordensleben nicht verschont, was deutliche Auswirkungen auch auf das gemeinsame
Leben hatte.
Die einseitige und überzogene Betonung der Freiheit hat im Westen zur
Verbreitung einer Kultur des Individualismus beigetragen und die Ideale des
Gemeinschaftslebens und des Einsatzes für gemeinschaftliche Vorhaben geschwächt.
Auch andere, ebenso einseitige Reaktionen sind hier zu nennen, wie z.B. die
auf blindes Vertrauen in eine beruhigende Führung gründende Flucht in
sichere Autoritäts-Strukturen.
c) Die Stärkung der Rolle der Frau - nach Papst Johannes XXIII.
eines der Zeichen der Zeit - hat im Leben der christlichen Gemeinschaften in
verschiedenen Ländern kein geringes Echo gefunden.(19) Selbst wenn in
einigen Gegenden der Einfluß extremistischer Strömungen des
Feminismus das Ordensleben tief berührt, so sind die weiblichen
Ordensgemeinschaften doch fast überall auf der positiven Suche nach Formen
des Gemeinschaftslebens, von denen man annimmt, daß sie einem erneuerten
Bewußtsein von der Identität, der Würde und der Rolle der Frau
in Gesellschaft, Kirche und Ordensleben mehr entsprechen.
d) Die Explosion der Kommunikationsmittel hat seit den 60er-Jahren
beachtlich, zuweilen geradezu dramatisch, den allgemeinen Informationsstand, das
soziale und apostolische Verantwortungsbewußtsein, die apostolische
Beweglichkeit und die Qualität der Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft
beeinflußt, ganz zu schweigen vom konkreten Lebensstil und vom Klima der
Sammlung, die eine Ordensgemeinschaft kennzeichnen sollten.
e) Der Konsumismus und Hedonismus, verbunden mit einer Schwächung
des Glaubens, die dem Säkularismus eigen ist, blieb in vielen Gegenden
nicht ohne Einfluß auf die Ordensgemeinschaften und hat bei einzelnen von
ihnen die Fähigkeit, "dem Bösen zu widerstehen", auf eine
harte Probe gestellt, andererseits aber doch auch zu neuen, persönlichen
und gemeinschaftlichen Lebensstilen geführt, die ein unverfälschtes
evangelisches Zeugnis für unsere Welt darstellen.
Dies alles ist eine Herausforderung und ein Anruf, mit verstärkter
Willenskraft die evangelischen Räte zu leben, und dies auch, um die gesamte
christliche Gemeinschaft in ihrem Zeugnis zu bestärken.
ÄNDERUNGEN IM ORDENSLEBEN
5. In diesen Jahren haben sich Wandlungen vollzogen, die auf die
Ordensgemeinschaften einen einschneidenden Einfluß ausgeübt haben.
a) Neue Lebensgestaltung in den Ordensgemeinschaften. Gleichzeitig
mit dem Rückgang der Berufe haben in vielen Ländern die zunehmenden
Aktivitäten des Staates in Bereichen, in denen die Ordensgemeinschaften tätig
waren, wie z.B. in Fürsorge, Schule und Gesundheitswesen, zu einer
Verminderung der Präsenz der Ordensleute in den für apostolisch tätige
Institute typischen Werken geführt.
So werden jene großen Ordensgemeinschaften weniger, die in solchen äußeren
Apostolatswerken eingebunden waren, die lange Zeit das Erscheinungsbild der
verschiedenen Institute geprägt haben.
Gleichzeitig werden in einigen Gegenden die kleineren Gemeinschaften
bevorzugt, die von Ordensleuten gebildet werden, die sich in nicht
institutseigene, jedoch oft auf der Linie des Charismas des Instituts liegende
Werke einbringen. Dies hat beachtliche Folgen für die Form des
Gemeinschaftslebens und verlangt Änderungen im traditionellen
Lebensrhythmus.
Der ehrliche Wille, der Kirche zu dienen, das Festhalten an Werken des
Instituts, sowie die drängenden Anfragen der Ortskirche können
manchmal die Ordensleute leicht dazu veranlassen, sich mit Arbeit zu überladen,
was dann zu einer zeitlichen Verringerung ihrer Verfügbarkeit für das
Gemeinschaftsleben führt.
b) Auf die zunehmenden Anfragen um Hilfe in den drängendsten Nöte
unserer Zeit (Arme, Drogenabhängige, Flüchtlinge, Randgruppen,
Behinderte, Kranke), antworteten die Orden mit einem bewundernswerten und auch
anerkannten Engagement.
Dies machte jedoch auch Änderungen im traditionellen Erscheinungsbild
der Ordensgemeinschaften notwendig, die von einigen für ungeeignet gehalten
wurden, um solchen neuen Umständen zu begegnen.
c) Das Verständnis und die Realisierung der eigenen Arbeit, die
- besonders in einem säkularisierten Umfeld - eher als schlichte Ausübung
eines bestimmten Berufes, und nicht als die Entfaltung einer Sendung im Dienste
des Evangeliums angesehen wird, hat zuweilen die Wirklichkeit der Weihe an
Gott und die geistliche Dimension des Ordenslebens derart in den Schatten
gestellt, daß das Gemeinschaftsleben als ein Hindernis für dieses
Apostolat angesehen wurde, oder als ein rein funktionales Mittel zum Zweck.
d) Im unmittelbaren Gefolge des Konzils entwickelte sich ein neues Verständnis
der Person, verbunden mit einer starken Betonung der Einzelperson und ihrer
Initiativen. Im Anschluß daran erwachte ein feineres Gespür für
Gemeinschaft im Sinne eines brüderlichens Lebens, das mehr auf der Qualität
der zwischenmenschlichen Beziehungen als auf den formalen Aspekten einer
satzungsmäßigen Observanz gründet.
Diese Akzentuierung wurde hier und da radikalisiert (daher rühren die
einander entgegengesetzten Tendenzen des Individualismus und des
Kommunitarismus), ohne bislang zu einer befriedigenden Synthese gefunden zu
haben.
e) Die neuen Leitungsstrukturen, die aus den erneuerten
Konstitutionen hervorgegangen sind, verlangen nach einer erheblich stärkeren
Einbeziehung der Ordensmitglieder. Das führte zu einer anderen Weise, den
Problemen durch gemeinschaftliches Gespräch, durch Mitverantwortung und
durch Subsidiarität zu begegnen. Sämtliche Mitglieder werden in die
Fragen der Gemeinschaft miteinbezogen. Dies ändert nicht unerheblich die
zwischenmenschlichen Beziehungen und hat Folgen auch für das Verständnis
der Autorität. Nicht selten tut sich diese im praktischen Alltag schwer, im
neuen Gefüge ihren eigenen Ort wiederzufinden.
Alle die oben angeführten Veränderungen und Tendenzen haben auf
das Erscheinungsbild der Ordensgemeinschaften einen tiefgehenden, wenngleich
differenzierten Einfluß ausgeübt.
Die oft beachtlichen Differenzierungen sind - wie leicht zu verstehen ist -
bedingt durch die Verschiedenheit der Kulturen und der Kontinente, durch die
Geschlechterverschiedenheit der Gemeinschaften, durch die Eigenart des
Ordenslebens und des Instituts, durch die unterschiedlichen Werke und das
entsprechende neue Verständnis und die neue Aktualisierung des Gründercharismas,
durch die unterschiedliche Art, der Gesellschaft und der Kirche zu begegnen,
durch die unterschiedliche Aufnahme der vom Konzil formulierten Werte, durch die
verschiedenen Traditionen und Formen im Gemeinschaftsleben, durch die
Unterschiede in der Ausübung der Autorität und in dem Bemühen um
die Erneuerung der beständigen Weiterbildung. Diese Probleme sind in
Wirklichkeit nur zum Teil gemeinsame Probleme, und sie differenzieren sich immer
mehr.
ZIELE DES DOKUMENTS
6. Angesichts dieser neuen Situation will das vorliegende Dokument vor
allem die Anstrengungen unterstützen, die von vielen männlichen und
weiblichen Ordensgemeinschaften zur Verbesserung ihres brüderlichen und
schwesterlichen Lebens gemacht werden. Dazu möchte es einige
Unterscheidungs-Kriterien anbieten, die für eine authentische Erneuerung
aus dem Geist des Evangelium hilfreich sein können.
Vorliegendes Dokument will außerdem all jenen einige Anregungen zum
Nachdenken anbieten, die sich vom Ideal des Gemeinschaftslebens entfernt haben,
damit sie bei ihrer Selbstbesinnung auch ernsthaft bedenken, wie unverzichtbar
das brüderliche Leben in Gemeinschaft für alle jene ist, die sich in
einem Ordensinstitut dem Herrn geweiht oder einer Gesellschaft des apostolischen
Lebens angeschlossen haben.
7. Dazu wird im folgenden dargelegt:
a) Die Ordensgemeinschaft als Geschenk: noch bevor es menschlicher
Plan zu sein beginnt, ist das brüderliche Leben in Gemeinschaft Teil des
Planes Gottes, der sein Leben mitteilen will.
b) Die Ordensgemeinschaft als Ort, wo man Bruder und Schwester wird:
die angemessendsten Wege für die Ordensgemeinschaft, zur christlichen Brüderlichkeit
zu gelangen.
c) Die Ordensgemeinschaft als Ort und Trägerin der Sendung: die
konkreten Entscheidungen, die eine Ordensgemeinschaft in den unterschiedlichen
Gegebenheiten zu treffen hat, und die wichtigsten Kriterien für die
Entscheidungsfindung.
Um in das Geheimnis der communio und der Brüderlichkeit einzutreten,
und bevor wir die nicht einfachen Unterscheidungen anstellen, die für eine
Erneuerung unserer Gemeinschaften im Lichte des Evangeliums notwendig sind,
wollen wir in Bescheidenheit den Heiligen Geist anrufen, damit er bewirke, was
ihm allein möglich ist: "Ich schenke euch ein neues Herz und lege
einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe
euch ein Herz aus Fleisch... Dann werdet ihr Mein Volk sein, und ich werde euer
Gott sein" (Ez 36,26-28).
I.
DAS GESCHENK DER COMMUNIO UND DER GEMEINSCHAFT
8. Noch bevor die Ordensgemeinschaft ein Gebilde des Menschen ist, ist sie
eine Gabe des Geistes. Aus der Liebe Gottes, die durch den Geist in die Herzen
eingegossen ist, nimmt die Ordensgemeinschaft ihren Ursprung, und aus ihr wird
sie auferbaut zu einer wahren Familie, die im Namen des Herrn versammelt
ist.(20)
Die Ordensgemeinschaft kann also nicht verstanden werden, wenn man sie nicht
als ein Geschenk von Oben betrachtet und von ihrem innersten Geheimnis ausgeht:
von ihrer Verwurzelung im Herzen der heiligen und heiligmachenden
Dreifaltigkeit, die sie teilhaben läßt am Geheimnis der Kirche, für
das Leben der Welt.
Die Kirche als communio
9. Indem Gott den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis erschuf, hat er
ihn auf Gemeinschaft hin erschaffen. Der Schöpfer, der sich als Liebe,
Dreifaltigkeit, Gemeinschaft geoffenbart hat, hat den Menschen dazu berufen, in
engste Beziehung zu Ihm und zur Gemeinschaft zwischen den Menschen einzutreten,
d.h. zur allumfassenden Liebe.(21)
Die höchste Berufung des Menschen besteht darin, mit Gott und mit den
Mitmenschen, seinen Brüdern und Schwestern, in eine persönliche
Beziehung zu treten.
Dieser Plan Gottes wurde durch die Sünde belastet, die jede Form von
Beziehung zerstört hat: die Beziehung zwischen Mensch und Gott, zwischen
Mann und Frau, zwischen Geschwistern, zwischen den Völkern, zwischen der
Menschheit und der Schöpfung.
In seiner großen Liebe sandte der Vater seinen Sohn, damit Er, der
neue Adam, die gesamte Schöpfung wiederherstelle und zu ihrer vollen
Einheit zurückführe. Er, der in unsere Mitte kam, hat den Anfang des
neuen Gottesvolkes gebildet, indem er Apostel und Jünger, Männer und
Frauen, um sich sammelte als ein lebendiges Abbild der in sich geeinten
Menschheitsfamilie. Ihnen hat er die universale Brüderlichkeit im Vater
verkündet, der uns zu seiner Familie gemacht hat, zu seinen Kindern und zu
Geschwistern untereinander. So hat er die Gleichheit durch Brüderlichkeit
gelehrt, und Versöhnung durch gegenseitige Vergebung. Er hat die Strukturen
der Macht und der Herrschaft auf den Kopf gestellt, indem er selbst das Beispiel
gab, wie man dienen und sich an den letzten Platz stellen soll. Beim letzten
Abendmahl hat er seinen Jüngern das neue Gebot der gegenseitigen Liebe
anvertraut: "Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr einander liebt;
wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben" (Joh 13,34;
15,12); er hat die Eucharistie eingesetzt, die uns zur gegenseitigen Liebe befähigt,
indem sie uns durch das eine Brot und den einen Kelch nährt. Dann hat er
sich an den Vater gewandt und von ihm, als Summe seines Wollens, die Einheit
aller nach dem Vorbild der dreifaltigen Einheit erbeten: "...daß alle
eins seien, wie Du, Vater, in mir und ich in dir" (Joh 17,21).
Indem er sich dem Willen des Vaters anheimgab, hat er im Ostergeheimnis jene
Einheit vollendet, die er vom Vater erbeten und die zu leben er seine Jünger
angewiesen hatte. Mit seinem Kreuzestod hat er die Mauer niedergerissen, die Völker
trennt, und hat alle in der Einheit versöhnt (vgl. Eph 2,14-16); so hat er
uns gezeigt, daß Gemeinschaft und Einheit Früchte aus der Teilhabe am
Geheimnis seines Todes sind.
Die Herabkunft des Heiligen Geistes, der ersten Gabe an jene, die glauben,
hat die von Christus gewollte Einheit verwirklicht. Ausgegossen über die im
Abendmahlsaal mit Maria versammelten Jünger, machte der Geist die Kirche
sichtbar, die sich von ihrem ersten Augenblick an darstellt als brüderliche
Gemeinschaft in der Einheit des Herzens und der Seele (vgl. Apg 4,32).
Diese Gemeinschaft ist das Band der Liebe, das alle Glieder des Leibes
Christi untereinander verbindet, und den Leib mit seinem Haupt. Die
lebenspendende Gegenwart des Heiligen Geistes(22) selbst schafft in Christus die
organische Einheit: Er eint die Kirche in der communio und im Geheimnis, er
ordnet und leitet sie durch verschiedene, sich gegenseitig ergänzende
hierarchische und charismatische Gaben, er schmückt sie mit seinen Früchten.(23)
Auf ihrem Weg durch die Zeit ist die eine und heilige Kirche ständig
geprägt von jenem oft leidvollen Ringen um tatsächliche Einheit. Auf
ihrem geschichtlichen Weg wurde sie sich immer stärker bewußt, daß
sie Volk und Familie Gottes ist, Leib Christi, Tempel des Geistes, Sakrament der
tiefsten Einheit des Menschengeschlechtes, Gemeinschaft, Abbild der
Dreifaltigkeit. Das II. Vatikanische Konzil hat diese geheimnishafte und
gemeinschaftsbezogene Dimension der Kirche betont.
Die Ordensgemeinschaft als Ausdruck der kirchlichen communio
10. Das Ordensleben hat von seinem Anbeginn an dieses innerste Wesen des
Christentums aufgegriffen. So fühlte sich die Ordensgemeinschaft in
Kontinuität mit jener Schar, die dem Herrn folgte. Er hatte sie einzeln
beim Namen gerufen, damit sie in Gemeinschaft mit ihm und den anderen Jüngern
lebten, damit sie sein Leben und sein Schicksal teilten (vgl. Mk 3,13-15), um
dadurch Zeichen für jenes Leben und jene Gemeinschaft zu werden, die er
begründet hat. Die ersten Mönchsgemeinschaften betrachteten die
Gemeinschaft der Jünger, die Jesus folgten, und die Gemeinschaft von
Jerusalem als ein Idealbild des Lebens. Dem Beispiel der jungen Kirche folgend,
haben die Mönche sich in der Einheit des Herzens und des Geistes um einen
geistlichen Führer, den Abt, geschart, um eine radikale Gemeinschaft der
materiellen und geistlichen Güter und die von Christus gegründete
Einheit zu verwirklichen. Sie findet ihr Urbild und ihre einheitstiftende Kraft
im Leben der Einheit unter den Personen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit.
Im Laufe der Jahrhunderte entstanden unter dem charismatischen Wirken des
Geistes vielfältige Formen von Gemeinschaften. Er, der das menschliche Herz
erforscht, geht ihm entgegen und antwortet auf seine Bedürfnisse. Er bringt
Männer und Frauen hervor, die vom Evangelium erleuchtet und sensibel für
die Zeichen der Zeit, neue Ordensfamilien ins Leben rufen, und dadurch auch neue
Formen der Verwirklichung der einzigen communio in der Verschiedenheit der
Dienste und der Gemeinschaften.(24)
Es ist nicht möglich, den Begriff "Ordensgemeinschaft" in
einer einzigen Bedeutung anzuwenden. Die Geschichte des Ordenslebens bezeugt
unterschiedliche Formen, wie die eine communio entsprechend der Eigenart der
einzelnen Institute gelebt werden kann. So können wir heute die "wunderbare
Vielfalt" der Ordensfamilien bewundern, die die Kirche bereichern und sie für
jegliches gute Werk ausrüsten.(25)
Dennoch erschien das brüderliche Leben in Gemeinschaft in seinem
Formenreichtum immer als eine konsequente Verwirklichung jener gemeinsamen brüderlichen
Gesinnung, die alle Christen untereinander verbindet. Die Ordensgemeinschaft ist
Gestaltwerdung jener communio, auf der die Kirche gründet, und gleichzeitig
Prophetie jener Einheit, die sie als ihr Ziel erstrebt. "Als 'Experten des
gemeinschaftlichen Lebens' sind die Ordensleute dazu berufen, in der Kirche, der
kirchlichen Gemeinschaft und in der Welt Zeugen und Baumeister im Sinne jenes göttlichen
Planes für Gemeinschaft zu sein, der die Geschichte der Menschen krönen
soll. Vor allem werden sie durch das Leben nach den evangelischen Räten,
das die Liebe von jedem Hindernis befreit, gemeinsam zu einem prophetischen
Zeichen der innigsten Vereinigung mit dem über alles geliebten Gott. Durch
die tägliche Erfahrung eines Lebens in Gemeinschaft, des Gebets und
Apostolates als eines wesentlichen und unterscheidenden Elements ihrer Form
gottgeweihten Lebens werden sie ferner zum 'Zeichen brüderlicher
Gemeinschaft', denn sie bezeugen in einer oft so tief entzweiten Welt und vor
all ihren Glaubensbrüdern die Fähigkeit zur Gütergemeinschaft, zu
brüderlicher Zuneigung sowie zu einem Plan ihres Lebens und Tuns. Dies wird
ihnen dadurch möglich, daß sie den Anruf zu freierer und engerer
Nachfolge Christi angenommen haben, der vom Vater gesandt wurde, um als
Erstgeborener unter vielen Brüdern eine neue Gemeinschaft aufzubauen durch
das Geschenk seines Geistes".(26)
Dies wird um so sichtbarer sein, je mehr sie nicht nur mit und in der Kirche
fühlen, sondern auch, die Kirche selbst erfühlen und sich mit ihr
identifizieren in vollständiger Übereinstimmung mit ihrer Lehre, ihrem
Leben, ihren Hirten, ihren Gläubigen und mit ihrer Sendung in der Welt.(27)
Besonders bedeutsam ist das Zeugnis der kontemplativen Ordensleute. Für
sie bezeichnet das brüderliche Leben viel weitere und tiefere Dimensionen,
die von den Grundbedürfnissen einer solchen speziellen Berufung herrühen,
d.h. von der ausschließlichen Suche nach Gott in Schweigen und Gebet.
Ihre beständige Bereitschaft für Gott macht ihre Bereitschaft für
die übrigen Mitglieder der Gemeinschaft empfindsamer und feinfühliger,
und die Kontemplation wird zu einer Kraft, die von jeder Form des Egoismus frei
macht.
Das brüderliche Leben in Gemeinschaft muß in einem Kloster
lebendiges Zeichen des Geheimnisses der Kirche sein: je größer das
Geheimnis der Gnade, um so reicher die Früchte des Heiles.
Der Geist des Herrn, der die ersten Gläubigen versammelt hat und die
Kirche beständig zu einer einzigen Familie zusammenruft, ruft und nährt
so auch die Ordensfamilien, die die Aufgabe haben, durch ihre über die Erde
zerstreuten Gemeinschaften besonders verständliche Zeichen für die
tiefe Einheit zu sein, die die Kirche beseelt und erbaut, und Stütze zu
sein für die Verwirklichung des Planes Gottes.
II.
DIE ORDENSGEMEINSCHAFT ALS ORT, WO MAN BRUDER UND SCHWESTER WIRD
11. Aus dem Geschenk der communio entspringt die Aufgabe der Verwirklichung
der Gemeinschaft, d.h. Bruder und Schwester zu werden in der konkreten
Gemeinschaft, mit der zu leben man berufen ist. Aus der hochherzigen und
dankbaren Annahme der Gemeinschaft mit Gott, die armen Geschöpfen zuteil
wird, erwächst die Überzeugung, dazu verpflichtet zu sein, diese göttliche
Gemeinschaft durch den Aufbau von Gemeinschaften, die "von Freude und vom
Heiligen Geist" (Apg 13,52) erfüllt sind, sichtbar zu machen.
Auch in unserer Zeit, und für sie, ist es notwendig, dieses zugleich "göttliche
und menschliche" Werk der Bildung von brüderlichen und schwesterlichen
Gemeinschaften anzugehen, im klaren Wissen um die Besonderheiten unserer Zeit,
in der eine theologische, canonistische, soziale und strukturelle Erneuerung das
Erscheinungsbild der Ordensgemeinschaft einschneidend beeinflußt hat.
Von einigen konkreten Gegebenheiten ausgehend wollen wir nützliche
Hinweise anbieten, mit dem Ziel, die Bemühungen um eine beständige
Erneuerung der Gemeinschaften aus dem Geist des Evangeliums zu unterstützen.
Spiritualität und gemeinsames Beten
12. Ihrem vornehmsten, mystischen Sein nach ist jede Ordensgemeinschaft
tatsächlich "in sich selbst eine übernatürliche
Wirklichkeit, und als solche Gegenstand der Kontemplation".(28) Daraus
folgt, daß die Ordensgemeinschaft in erster Linie ein Geheimnis ist, das
mit dankbarem Herzen in einer lauteren Haltung des Glaubens betrachtet und
angenommen wird.
Wenn diese mystische und theologale Dimension vergessen wird, die sie zum
Kontakt mit dem Geheimnis der in der Gemeinschaft anwesenden und ihr
mitgeteilten göttlichen communio hinführt, dann vergißt man
zwangsläufig auch die tiefen Gründe für das "gemeinsame Tun"
und für das geduldige Auferbauen des brüderlichen Lebens. Dieses
scheint zuweilen menschliche Kräfte zu übersteigen, ganz abgesehen
davon, daß es manchmal, besonders von sehr aktiven und individualistisch
geprägten Menschen, als unnütze Vergeudung von Energien angesehen
wird.
Derselbe Christus, der sie berufen hat, ruft täglich seine Brüder
und Schwestern zusammen, um mit ihnen zu sprechen und sie durch die Eucharistie
mit sich und untereinander zu verbinden, damit sie immer mehr zu seinem
lebendigen und sichtbaren Leib werden, der vom Geist beseelt ist und unterwegs
ist zum Vater.
Das gemeinsame Beten, das stets als das Fundament jedes Gemeinschaftslebens
betrachtet wurde, beginnt mit der Betrachtung des großen und erhabenen
Geheimnisses Gottes, mit dem Staunen vor seiner Gegenwart, die in den großen
Augenblicken unserer Ordensfamilien ebenso wirkt wie im gewöhnlichen Alltag
unserer Gemeinschaften.
13. Als Antwort auf die Aufforderung des Herrn: "Wachet und Betet"
(Lk 21,36) hat die Ordensgemeinschaft wachsam zu sein und muß sich für
die Gestaltung ihre Lebens die nötige Zeit nehmen. Zuweilen haben die
Ordensleute "keine Zeit", und ihr Alltag läuft Gefahr, zu
umtriebig und sorgenvoll zu sein und so in Müdigkeit und Leere zu enden.
Eine Ordensgemeinschaft wird richtigerweise von einem Tagesplan geführt,
der dem Gebet seine bestimmten Zeiten zuweist, und es so leichter ermöglicht,
für Gott Zeit zu haben (vacare Deo).
Das Gebet ist auch zu verstehen als eine Zeit des Verweilens beim Herrn,
damit er in uns wirke und bei allen Ablenkungen und Mühen dennoch unser
Leben durchdringe, es stärke und es leite. So kann schließlich unsere
ganze Existenz tatsächlich Ihm angehören.
14. Eine der kostbarsten, und von allen geschätzten Errungenschaften
der letzten Jahrzehnte liegt in der Wiederentdeckung des liturgischen Gebetes
durch die Ordensfamilien.
Die gemeinsame Feier des Stundengebets, oder wenigstens seiner
Teile, hat in nicht wenigen Gemeinschaften das Beten neu verlebendigt, und sie
dadurch zu einem lebendigeren Kontakt zum Wort Gottes und zum Gebet der Kirche
hingeführt.(29)
Niemand darf also in seiner Überzeugung nachlassen, daß die
Gemeinschaft sich von der Liturgie her aufbaut, besonders von der Feier der
Eucharistie(30) und von den anderen Sakramenten. Unter diesen verdient das Bußsakrament,
durch das der Herr uns wieder mit sich und unserern Brüdern und Schwestern
verbindet, eine neue Aufmerksamkeit.
Nach dem Beispiel der ersten Gemeinde von Jerusalem (vgl. Apg 2,42) sind es
das Wort, die Eucharistie, das gemeinsame Beten sowie die Treue zur Lehre der
Apostel und deren Nachfolger, die den Kontakt zu den großen Werken Gottes
herstellen, die in diesem Zusammenhang aufleuchten und Lob, Dank und Freude,
Einheit der Herzen, Beistand in den allgemeinen Nöten des täglichen
Zusammenlebens und gegenseitige Bestärkung im Glauben hervorbringen.
Leider kann mancherorts der Mangel an Priestern die tägliche Teilnahme
an der hl. Messe unmöglich machen. Dies führt zwangsläufig zu
einem tieferen Verständnis des großen Geschenkes der Eucharistie und
dazu, das Geheimnis des Leibes und Blutes Christi, das in der Gemeinschaft
lebendig und gegenwärtig ist, um sie auf dem Weg zum Vater zu kräftigen
und zu beleben, zur Mitte des Lebens zu machen. Von hierher rührt auch die
Notwendigkeit, daß jedes Ordenshaus seinen Gebetsraum habe,(31) in dem es
möglich ist, die eigene eucharistische Spiritualität durch Gebet und
Anbetung zu nähren.
Um die gefeierte oder angebetete Eucharistie, "Höhepunkt und
Quelle" jeglichen Wirkens der Kirche, erbaut sich jene Einheit des Geistes,
die Voraussetzung ist für alles Wachsen in der Brüderlichkeit. "Von
ihr muß darum alle Erziehung zum Geist der Gemeinschaft ihren Anfang
nehmen".(32)
15. Das gemeinschaftliche Gebet erreicht seine ganze Wirkkraft, wenn es
zutiefst mit dem persönlichen Gebet verbunden ist.
Das gemeinschaftliche Gebet und das persönliche Gebet stehen in einer
engen Beziehung zueinander und ergänzen sich gegenseitig. Überall,
besonders aber in bestimmten Gegenden und Kulturen, muß die Betonung
vermehrt auf die Bedeutung der Innerlichkeit gelegt werden, auf das kindliche
Verhältnis zum Vater, auf den innerlichen, bräutlichen Dialog mit
Christus, auf die persönlichen Vertiefung dessen, was im gemeinsamen Gebet
gefeiert und erlebt wurde, und auch auf das innere und äußere
Schweigen, das dem Wort und dem Geist Raum gewährt, damit sie in die
verborgensten Tiefen mit Leben erfüllen können. Die gottgeweihte
Person, die in einer Gemeinschaft lebt, nährt ihre Lebensweihe durch die
beständige persönliche Zwiesprache mit Gott und durch das gemeinsame
Lobpreisen und Bitten.
16. Das gemeinsame Gebet wurde in den letzten Jahren durch verschiedene
Formen des Ausdrucks und der Beteiligung bereichert.
Besonders fruchtbar waren für viele Gemeinschaften die gemeinsame
Schriftlesung und der gemeinsame Austausch über das Wort Gottes und über
die apostolischen Anliegen. Verschiedenheiten in Alter, Bildungsstand und
Charakter raten zur Klugheit, falls man sie unterschiedslos von der ganzen
Gemeinschaft erwartet: Es sei daran erinnert, daß deren Einführung
nicht überstürzt werden darf.
Dort, wo sie in Spontaneität und mit gemeinsamer Zustimmung durchgeführt
wird, dort stärkt sie Glauben und Hoffnung ebenso wie das gegenseitige
Vertrauen, sie fördert die Versöhnung und nährt die brüderliche
Verbundenheit im Gebet.
17. Die Worte des Herrn: "Betet ohne Unterlaß!" (Lk 18,1;
vgl. 1 Thes 5,17) gelten in gleicher Weise für das persönliche wie
auch für das gemeinsame Beten. Die Ordensgemeinschaft lebt in der Tat vor
dem Angesicht ihres Herrn, dessen Gegenwart ihr stets vor Augen stehen muß.
Dennoch hat das Beten in Gemeinschaft seinen (täglichen, wöchentlichen,
monatlichen oder jährlichen) Rhythmus, der im Eigenrecht eines jeden
Institutes festgelegt ist.
Das Beten in Gemeinschaft, das die treue Einhaltung einer Zeitordnung
voraussetzt, verlangt vor allem auch Beharrlichkeit: "Damit wir durch
Geduld und durch den Trost der Schrift Hoffnung haben (...) und Gott, den Vater
unseres Herrn Jesus Christus, einträchtig und mit einem Munde preisen"
(Röm 15, 4-6).
Treue und Beharrlichkeit werden auch dazu beitragen, kreativ und klug die für
einige Institute typischen Schwierigkeiten zu überwinden, wie z.B.
unterschiedliche Aufgaben und Arbeitszeiten, Streß und verschiedene Formen
der Ermüdung.
18. Das Gebet zur Jungfrau Maria, das von der Liebe zu ihr, unserem
Vorbild, beseelt ist, wird erreichen, daß ihre beispielhafte und mütterliche
Gegenwart für die tägliche Gebetstreue eine große Hilfe (vgl.
Apg 1,14) und für die Ordensgemeinschaft ein einigendes Band sein wird.(33)
Die Mutter des Herrn wird mithelfen, die Ordensgemeinschaften nach dem
Beispiel "ihrer" Familie, der Familie von Nazareth, zu gestalten,
jenem Ort, wohin sich die Ordensgemeinschaften geistig oft hinbegeben sollten,
weil dort das Evangelium der Gemeinschaft und der Brüderlichkeit auf
wunderbare Weise vorgelebt wurde.
19. Auch der apostolische Eifer wird vom gemeinschaftlichen Gebet gefördert
und gekräftigt. Einerseits ist das Gebet eine geheimnisvolle Kraft, die sämtliche
Wirklichkeiten berührt, um die Welt zu erlösen und ihr eine Ordnung zu
geben. Andererseits wird es durch den apostolischen Dienst angeregt: durch
dessen Freuden wie auch durch dessen alltägliche Schwierigkeiten. Diese
werden so zu einer Gelegenheit, die Gegenwart und das Wirken des Herrn zu suchen
und zu finden.
20. Die apostolisch am meisten tätigen und vom Evangelium am tiefsten
beseelten Ordensgemeinschaften - seien sie nun kontemplativ oder aktiv - sind
jene, die in ihrem Gebetsleben eine reiche Erfahrung aufweisen. In einer Zeit
wie der unsrigen, in der die Suche nach dem Transzendenten gewissermaßen
neu erwacht ist, können die Ordensgemeinschaften bevorzugte Orte sein, an
denen die Wege zu Gott erfahrbar werden.
"Als im Namen des Hern vereinte Familie ist die Ordensgemeinschaft
ihrer Natur nach der Ort, wo es in besonderer Weise möglich sein muß,
zur Gotteserfahrung in ihrer ganzen Fülle zu gelangen und sie den anderen
mitzuteilen"(34): vor allen andern den Mitgliedern der eigenen
Gemeinschaft.
Die Ordensleute, Männer wie Frauen, verfehlen diesen historischen
Augenblick, wenn sie dem heutigen Menschen auf seine "Frage nach Gott"
keine Antwort geben, sondern ihn bei seiner Suche, den Hunger nach dem Absoluten
zu stillen, anderswohin verweisen, womöglich sogar auf Abwege.
Persönliche Freiheit und Verwirklichung der Brüderlichkeit
21. "Einer trage des andern Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen"
(Gal 6,2).
In dieser ganzen, gemeinschaftlichen Dynamik bleibt Christus in seinem österlichen
Geheimnis das Vorbild, wie die Einheit zu schaffen ist. Das Gebot der
gegenseitigen Liebe hat in ihm seinen Ursprung, sein Vorbild und sein Maß:
wir müssen einander lieben, wie er uns geliebt hat. Und er hat uns geliebt
bis zur Hingabe seines Lebens. Unser Leben ist Teilnahme an der Liebe Christ, an
seiner Liebe zum Vater und zu den Brüdern und Schwestern, die eine ganz und
gar selbstlose Liebe ist.
Doch entspricht dies alles nicht der Natur des "alten Menschen",
der zwar sehr wohl Gemeinschaft und Einheit wünscht, sich jedoch nicht müßig
fühlt, den Preis dafür durch seinen persönlichen Einsatz zu
bezahlen. Der Weg vom alten Menschen, der gerne auf sich selbst bezogen ist, zum
neuen Menschen, der sich den anderen schenkt, ist lang und beschwerlich. Die
heiligen Gründer haben ohne Illusionen auf die Schwierigkeiten und auf die
Klippen dieses Weges hingewiesen, wohl wissend, daß man eine Gemeinschaft
nicht improvisieren kann. Sie ist keine spontane Wirklichkeit und kann nicht in
kurzer Zeit bewerkstelligt werden.
Ein Leben als Brüder und Schwestern verlangt einen echten Weg innerer
Befreiung. Wie das aus Ägypten befreite Israel nach seinem langen Zug durch
die Wüste unter der Führung des Moses zum Volk Gottes wurde, so wird
die in die Kirche, in das Volk Gottes eingegliederte Gemeinschaft durch Menschen
erbaut, die von Christus freigemacht wurden und die er befähigt hat, durch
das Geschenk seiner befreienden Liebe sowie durch die aufrichtige Annahme der
von ihm eingesetzten Führer, so zu lieben, wie er selbst geliebt hat.
Die in unsere Herzen eingesenkte Liebe Christi drängt dazu, die Brüder
und Schwestern zu lieben bis zur Annahme auch ihrer Schwächen, Probleme und
Schwierigkeiten. Mit einem Wort: bis zur Hingabe unser selbst.
22. Christus schenkt den Menschen zwei grundlegende Gewißheiten: Die
Gewißheit, grenzenlos geliebt zu sein, und die Gewißheit, selbst zur
grenzenlosen Liebe fähig zu sein.
Nur das Kreuz vermag so umfassend und endgültig diese Gewißheit
zu schenken und die Freiheit, die aus dieser Gewißheit folgt. Durch sie
befreit sich der gottgeweihte Mensch schrittweise vom Bedürfnis, sich
selbst in den Mittelpunkt zu rücken und den anderen zu besitzen, und von
der Furcht vor der Selbsthingabe für die Brüder; er lernt vielmehr, zu
lieben, wie Christus ihn geliebt hat, mit jener Liebe, die jetzt in seinem
Herzen wohnt und ihn fähig macht, sich selbst zu vergessen und sich so zu
verschenken, wie sein Herr es getan hat.
Aus der Kraft dieser Liebe wächst die Gemeinschaft als ein
Zusammenschluß von freien und durch das Kreuz Christi befreiten Menschen.
23. Ein derartiger Weg der Befreiung, der zur vollen communio und zur
Freiheit der Kinder Gottes führt, verlangt jedoch den Mut zum Verzicht
seiner selbst durch die Annahme und Bejahung des anderen samt seiner
Begrenztheit, angefangen mit den Trägern von Autorität.
Wiederholt wurde bemerkt, daß hier eine der Schwachstellen in der
Erneuerungsperiode der vergangenen Jahre liegt. Man hat sich Wissen angeeignet,
man hat die unterschiedlichen Aspekte des Gemeinschaftslebens erforscht, aber
man hat weniger auf jenes asketische Bemühen gebaut, das für jede Form
von Befreiung notwendig und unverzichtbar ist, und das fähig ist, aus einer
Gruppe von Menschen eine christliche Gemeinschaft von Brüdern und
Schwestern zu machen.
Die Gemeinschaft ist eine Gabe, die zur Antwort herausfordert, zu einem
geduldigen Streben und Kämpfen, um die Launen und Schwankungen der Wünsche
zu überwinden. Das so hohe Ideal der Gemeinschaft verlangt notwendigerweise
eine Abkehr von jeglichem Verhalten, das eine wahre communio behindert.
Wenn die Gemeinschaft nicht mystisch ist, fehlt ihr die Seele; ist sie nicht
aszetisch, fehlt ihr der Leib. Es ist ein "Zusammenwirken" (synergia)
der Gabe Gottes und der persönlichen Anstrengung erforderlich, um die
konkrete Gemeinschaft zu schaffen und dadurch der Gnade und dem Geschenk der brüderlichen
Gemeinschaft Fleisch und greifbare Gestalt zu geben.
24. Man muß zugeben, daß ein solches Denken heutzutage bei Jung
und Alt Schwierigkeiten hervorruft. Oft entstammen die Jungen einer Kultur, die
die Subjektivität und Selbstverwirklichung zu hoch einschätzt, während
manchmal die Erwachsenen entweder an Strukturen der Vergangenheit kleben oder
ein gewisses Mißbehagen gegenüber der "Versammlungssucht"
der zurückliegenden Jahre empfinden, die Unsicherheit und viele Worte
gezeitigt hat.
Wenn es zutrifft, daß die communio nicht ohne den Beitrag jedes
einzelnen entsteht, dann muß man von Anfang an jene Illusionen ausräumen,
die davon ausgehen, alles müsse von den andern kommen, und man muß
wieder dankbar erkennen, was man alles schon von den anderen empfangen hat und
noch empfängt. Es ist gut, die einzelnen von Anfang an darauf
vorzubereiten, daß sie Miterbauer und nicht nur Konsumenten der
Gemeinschaft sind, mitverantwortlich für das gegenseitige Wachstum, sowie
daß sie lernen, in offener Bereitschaft den anderen und das Geschenk
seiner Person anzunehmen und fähig werden, zu helfen und sich helfen zu
lassen, zu stützen und gestützt zu werden.
Das Ideal eines echten, brüderlichem Gemeinschaftslebens übt auf
junge Leute zunächst eine natürliche Faszination aus, aber das
Durchhalten in den realen Lebensumständen kann dann als eine schwere Last
erscheinen. Die Anfangsausbildung muß also stets sowohl zu einem Bewußtsein
der vom Gemeinschaftsleben geforderten Opfer hinführen und zu deren Annahme
im Blick auf eine frohe und echte brüderliche Beziehung, als auch zu allen
anderen, einen innerlich freien Menschen auszeichnenden Verhaltensweisen.(35)
Denn wer sich für die Brüder verliert, findet sich selbst.
25. Zudem bedarf es einer beständigen Erinnerung daran, daß die
Selbstverwirklichung einer gottgeweihten Person auf dem Weg der Gemeinschaft
geschieht. Wer ein von der Gemeinschaft unabhängiges Leben sucht, befindet
sich gewiß nicht auf dem sicheren Weg zu Heiligkeit seines Standes.
Während die westliche Gesellschaft die unabhängige Person feiert,
die sich selbst verwirklicht, also den selbstsicheren Individualisten, ruft das
Evangelium nach Menschen, die, wie das Weizenkorn, sich selbst sterben, damit brüderliches
Leben entstehe.(36)
So wird die Gemeinschaft zu einer "Schola Amoris" für
Jung und Alt. In dieser Schule lernt man Gott zu lieben, lernt man die Brüder
und Schwestern zu lieben, mit denen man lebt, lernt die Menschheit zu lieben,
die des Erbarmens Gottes und der brüderlichen Solidarität bedarf.
26. Das Ideal der Gemeinschaft darf jedoch nicht vergessen machen, daß
jede christliche Wirklichkeit auf der menschlichen Schwachheit aufbaut. Die
vollkommene "ideale Gemeinschaft" gibt es noch nicht: die vollkommene
Gemeinschaft der Heiligen ist unser Ziel im Himmel.
Wir leben in der Zeit des beständigen Aufbaus und Wachsens: immer ist
es möglich, besser zu werden und gemeinsam auf jene Gemeinschaft zuzugehen,
die Vergebung und Liebe in die Praxis umsetzt. In der Tat können die
Gemeinschaften nicht alle Konflikte vermeiden. Die Einheit, zu deren
Verwirklichung sie gerufen sind, ist eine Einheit, die auf Vergebung und Versöhnung
aufbaut.(37) Der Zustand der Unvollkommenheit der Gemeinschaften darf jedoch
nicht entmutigen.
Tatsächlich machen sich die Gemeinschaften Tag für Tag neu auf den
Weg, getragen von der Lehre der Apostel: "Seid herzlich zueinander in brüderlicher
Liebe, mit Achtung einander zuvorkommend" (Röm 12,10); "Seid
eines Sinnes untereinander" (Röm 12,16); "Darum nehme einer den
anderen an, wie auch Christus euch angenommen hat" (Röm 15,7); "Ihr
seid fähig, euch selbst gegenseitig zurechtzuweisen" (Röm 15,14);
"Wartet aufeinander" (1 Kor 11,33); "Dient einander in Liebe"
(Gal 5,13); "Erbaut einander" (1 Thess 5,11); "Ertragt einander
in Liebe" (Eph 4,2); "Seid gütig zueinander, barmherzig, einander
verzeihend" (Eph 4,32); "... einander sich unterordnend in der Furcht
Christi" (Eph 5,21); "Betet füreinander" (Jak 5,16); "Tretet
einander in Demut gegenüber" (1 Petr 5,5); "Wir haben
Gemeinschaft miteinander" (1 Joh 1,7); "Laßt uns also nicht müde
werden, Gutes zu tun an allen, vorzüglich aber an den Glaubensgenossen"
(Gal 6,9-10).
27. Um die Gemeinschaft des Geistes und der Herzen jener zu fördern,
die zum Zusammenleben in einer Gemeinschaft gerufen sind, scheint es auch
angebracht, an die Notwendigkeit jener Eigenschaften zu erinnern, die in allen
menschlichen Beziehungen gefordert sind: Höflichkeit, Anstand,
Aufrichtigkeit, Selbstbeherrschung, Humor, Bereitschaft zum Teilen.
Die Dokumente des Lehramtes dieser Jahre bieten eine Fülle von
Anregungen und verweisen auf gemeinschaftsfördernde Verhaltensweisen wie:
frohe Bescheidenheit,(38) Offenheit und Vertrauen zueinander,(39) Dialogfähigkeit,(40)
aufrichtige Bejahung einer wohltuenden Gemeinschaftsdisziplin.(41)
28. Schließlich darf nicht vergessen werden, daß der Friede und
die Freude am Gemeinschaftsleben eines der Zeichen des Gottesreiches sind.
Inmitten der Schwierigkeiten des menschlichen und geistlichen Lebensweges und
der täglichen Eintönigkeit gehört zu jenem Reich auch eine
gewisse Lebensfreude. Diese Freude ist eine Frucht des Geistes und erhellt die
Schlichtheit des Lebens wie die Eintönigkeit des Alltags. Eine Brüderlichkeit
ohne Freude ist eine Brüderlichkeit, die am Erlöschen ist. Bald werden
die Mitglieder das, was sie in ihrer Gemeinschaft nicht finden, anderswo suchen.
Eine frohe Gemeinschaft dagegen stellt ein wirkliches Geschenk von Oben dar für
jene Brüder und Schwestern, die es zu erbitten verstehen, und die sich in
vollem Vertrauen in das Wirken des Geistes für ihre Gemeinschaft einsetzen.
So werden die Psalmworte Wirklichkeit: "Seht doch, wie gut und schön
ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen. Denn dort spendet der
Herr Segen und Leben in Ewigkeit" (Ps 133,1.3), "denn wenn sie brüderlich
zusammenleben, vereinigen sie sich in der Versammlung der Kirche und wissen sich
eins in der Liebe und im gemeinsamen Wollen".(42)
Ein solches Zeugnis der Freude schenkt dem Ordensleben eine starke
Anziehungskraft, es ist eine Quelle neuer Berufe und eine Hilfe zur
Beharrlichkeit. Es ist sehr wichtig, diese Freude in der Ordensgemeinschaft zu
pflegen: Überarbeitung kann sie auslöschen, Übereifer für
bestimmte Dinge kann sie in Vergessenheit geraten lassen, das unaufhörliche
Infragestellen der eigenen Identität und der eigenen Zukunftsperspektiven können
sie verdunkeln.
Doch richtig miteinander feiern, sich Zeiten persönlicher und
gemeinsamer Entspannung gönnen, gelegentlich Abstand nehmen von der eigenen
Arbeit, teilnehmen an der Freude des andern, lächeln über eigene und
fremde Fehler, aufmerksam sein für die Bedürfnisse des Bruders und der
Schwester, im Apostolat ernsthaft und vertrauensvoll miteinander arbeiten, den
Umständen mit Barmherzigkeit begegnen, dem Morgen entgegengehen in der
Hoffnung, immer und überall dem Herrn zu begegnen: dies alles stärkt
die Gelassenheit, den Frieden und die Freude. Und es wird zu einer Kraft in der
Arbeit des Apostolates.
Die Freude ist ein strahlendes Zeugnis dafür, daß eine
Ordensgemeinschaft dem Evangelium entspricht; die Freude ist ja das Ziel eines
nicht unbeschwerlichen, jedoch dann immer möglichen Weges, wenn er vom
Gebet begleitet wird: "Froh in der Hoffnung, in Drangsal geduldig, im Beten
beharrlich" (Röm 12,12).
Miteinander Wachsen durch gegenseitigen Austausch
29. In der Erneuerung dieser Jahre wird deutlich, wie der gemeinsame
Austausch einer jener menschlichen Faktoren zu sein scheint, dem wachsende
Bedeutung für das Leben der Ordensgemeinschaft zukommt. Aus der tief
empfundenen Notwendigkeit einer stärkeren Pflege des gemeinschaftlichen
Lebens folgert auch das entsprechende Bedürfnis nach einem umfassenderen
und intensiveren gemeinsamen Austausch.
Um Bruder und Schwester zu werden ist es notwendig, sich zu kennen. Um sich
kennen zu lernen ist jedoch ein umfassenderer und tieferer Austausch
untereinander erforderlich. Man schenkt heute den verschiedenen Aspekten des
gegenseitigen Austauschs größere Aufmerksamkeit, auch wenn sie in den
einzelnen Instituten und Gegenden der Welt hinsichtlich Stärke und Form
verschieden ist.
30. Der Austausch innerhalb der Institute erfuhr eine starke Entwicklung.
Regelmäßige Treffen der Mitglieder auf zentraler, regionaler und
provinzieller Ebene haben zugenommen; die Obern verschicken gewöhnlich
Rundbriefe und Anregungen; sie besuchen häufiger die Gemeinschaften; der
Versand von Informationen und internen Zeitschriften hat zugenommen.
Ein derart umfassender und angeregter Austausch auf den verschiedenen Ebenen
und unter Berücksichtung der Eigenheiten des Instituts schafft gewöhnlich
engere Beziehungen, nährt den Familiengeist und die Teilnahme an den Vorgängen
innerhalb des Institutes, macht sensibel für allgemeine Probleme und bindet
die Ordensleute an die gemeinsame Sendung.
31. Auch auf Gemeinschaftsebene erweisen sich die regelmäßigen,
oft wöchentlichen Treffen, auf denen die Ordensleute die Probleme der
Gemeinschaft, des Instituts, der Kirche und deren wichtigste Verlautbarungen
bespechen, als äußerst positiv. Diese Momente sind nützlich,
auch um die anderen anzuhören, eigene Gedanken mitzuteilen, den zurückgelegten
Weg zu überprüfen und auszuwerten, gemeinsam zu planen.
Das brüderliche Leben braucht diese Zeiten für sein Wachstum,
besonders in größeren Gemeinschaften. Es sind Zeiten, die von allen
anderen Verpflichtungen freigehalten werden müssen; es sind wichtige
Momente der Kommunikation untereinander auch in Bezug auf eine Einbeziehung in
die Mitverantwortung sowie für die Einordnung der eigenen Arbeit in den größeren
Zusammenhang des Ordenslebens und des Lebens der Kirche und der Welt, in die wir
gesandt sind, ganz abgesehen einmal vom Gemeinschaftsleben selbst. Dieser Weg
wird von allen Gemeinschaften beschritten, wobei Häufigkeit und Gestaltung
den Gemeinschaften und ihren Aufgaben angepaßt sind. Unter den
kontemplativen Gemeinschaften erfordert dies besondere Rücksichtnahme auf
den je eigenen Lebensstil.
32. Dies ist jedoch noch nicht alles. Vielerorts spürt man die
Notwendigkeit eines vertiefteren Austausches unter den Mitgliedern derselben
Gemeinschaft. Das Fehlen und die Armseligkeit des gegenseitigen Austausches
verursachen für gewöhnlich eine Schwächung der Brüderlichkeit,
weil man die Lebenserfahrung des Mitbruders nicht kennt, was diesen Mitbruder
fremd und die Beziehung zu ihm anonym macht und zudem echte Zustände der
Isolation und Einsamkeit schafft.
In einigen Gemeinschaften beklagt man die Unzulänglichkeit des
elementaren geistlichen Austauschs: man redet über Nebensächliches,
und nur selten teilt man sich das mit, was auf dem Weg der Lebensweihe
lebensnotwendig und von erstrangiger Bedeutung ist.
Die Folgen daraus können schmerzvoll sein, da die geistliche Erfahrung
dann ganz unbemerkt individualistische Züge annimmt. Auch eine Haltung der
Verselbständigung wird dadurch gefördert, verbunden mit einem
mangelnden Gespür für den anderen, während die wichtigen
Beziehungen nach und nach außerhalb der Gemeinschaft gesucht werden.
Dieses Problem soll ganz offen angegangen werden: einerseits mit Takt und
Aufmerksamkeit, und ohne etwas zu erzwingen; andererseits jedoch, indem mit Mut
und Kreativität nach Formen und Mitteln gesucht wird, die es allen
erlauben, schrittweise und in brüderlicher Einfachheit den gegenseitigen
Austausch der Gaben des Geistes zu erlernen, damit diese wirklich allen gehören
und der Erbauung aller dienen (vgl. 1 Kor 12,7).
Gemeinschaft entsteht gerade durch die Mitteilung der Gaben des Geistes,
durch ein Mitteilen des Glaubens und im Glauben, wobei das Band der Brüderlichkeit
um so stärker ist, je zentraler und vitaler das ist, was man miteinander
teilt.
Eine derartiger Austausch hilft auch einen Kommunikationsstil zu erlernen,
der es einem später im Apostolat ermöglicht, in schlichten und verständlichen
Worten "seinen Glauben zu bekennen", damit alle ihn verstehen und sich
an ihm erbauen.
Die Formen für den Austausch der Gaben des Geistes können
unterschiedlich sein. Neben den bereits angeführten - Miteinander Teilen
des Wortes Gottes und der Gotteserfahrung, gemeinschaftliche Beratung,
gemeinsames Planen -(43) darf auch an die brüderliche Zurechtweisung
erinnert werden, an die Revision des Lebens und an andere typische Formen der
Tradition. Es handelt sich hier um konkrete Wege, den anderen zu dienen und in
der Gemeinschaft jene überreichen Gaben zu verbreiten, die der Geist für
deren Auferbauung und für deren Sendung in der Welt spendet.
Dies alles erhält noch größere Bedeutung im gegenwärtigen
Augenblick, da in ein und derselben Gemeinschaft Ordensleute beieinander wohnen,
die sich nicht nur durch Alter, sondern auch durch Rasse, sowie durch kulturelle
und theologische Bildung unterscheiden; Ordensleute, die in den vergangenen,
bewegten und vom Pluralismus gezeichneten Jahren ganz unterschiedliche
Erfahrungen gemacht haben.
Wo Austausch und Zuhören vernachlässigt werden, dort besteht die
Gefahr, aneinander vorbei zu leben, was wirklich weit entfernt wäre vom
Ideal echter Brüderlichkeit.
33. Eine jede Form des Sich-Mitteilens birgt Verwicklungen und besondere
psychologische Schwierigkeiten in sich, denen auch mit Hilfe der
Humanwissenschaften positiv begegnet werden kann. Einige Gemeinschaften haben
z.B. mit Nutzen die Hilfe von Kommunikationsexperten und von Fachleuten in
Psychologie oder Soziologie Anspruch genommen.
Es handelt sich um außergewöhnliche Mittel, die klug ausgewählt
werden müssen und maßvoll von Gemeinschaften eingesetzt werden können,
die jene Mauern der Trennung niederreißen möchten, die zuweilen in
ihrem Innern bestehen. Die rein menschlichen Techniken erweisen sich als
hilfreich, aber sie sind nicht ausreichend. Es ist vielmehr notwendig, daß
allen das Wohl des Mitbruders am Herzen liegt, und sie vom Evangelium her jene Fähigkeit
entwickeln, von den anderen all das anzunehmen, was diese schenken und mitteilen
wollen und auch tatsächlich allein schon durch ihr Dasein mitteilen.
"Habt untereinander dasselbe Empfinden und dasselbe Herz. Seid herzlich
und menschlich. Haltet in großer Demut die anderen für besser als
euch selbst. Verfolgt die Interessen der anderen, nicht nur die eurigen. Eure
Beziehungen zueinander seien darauf gegründet, daß ihr an Jesus
Christus gebunden seid" (Phil 2,2-5).
In einem solchen Klima bringen die mit dem Ordensleben vereinbaren
Kommunikationsmethoden und -techniken jene Früchte, die einem Wachsen in
der Brüderlichkeit förderlich sind.
34. Der beachtliche Einfluß der Massenmedien auf das Leben und die
Mentalität unserer Zeitgenossen berührt auch die Ordensgemeinschaften
und bestimmt nicht selten ihren internen Gedankenaustausch.
Angesichts deren Einflusses erzieht sich eine Gemeinschaft dahin, mit der
evangeliumsgemäßen Klarheit und inneren Freiheit dessen, der gelernt
hat, Christus zu kennen (vgl. Gal 4,17-23), diese Mittel zum persönlichen
und gemeinschaftlichen Wachstum zu nutzen. Tatsächlich setzen diese Medien
eine bestimmte Mentalität und eine Einstellung zum Leben voraus - und drängen
sie oftmals geradezu auf - die ständig mit dem Evangelium konfrontiert
werden müssen. Von vielen Seiten wird hier nach einer eingehenderen
Schulung zur kritischen und nützlichen Rezeption und Anwendung solcher
Mittel gerufen. Warum könnten diese Fragen nicht auch bei den regelmäßigen
Gemeinschaftstreffen zum Gegenstand der Bewertung, Überprüfung und
Planung gemacht werden?
Besonders wenn das Fernsehen zur einzigen Form der Freizeitgestaltung wird,
behindert, und manchmal verhindert, es den Kontakt zwischen den Personen,
reduziert das brüderliche Gespräch und kann sogar dem geweihten Leben
selbst Schaden zufügen.
Ein ausgewogenes Gleichgewicht ist gefordert: der mäßige und
weise Gebrauch der Kommunikationsmittel,(44) begleitet von einer gemeinsamen Überprüfung,
kann für die Gemeinschaft von Nutzen sein, um die Komplexität der Welt
der Kultur besser zu verstehen; er kann eine überprüfte und kritische
Rezeption ermöglichen und schließlich ihren wirkungsvolleren Einsatz
im Blick auf die verschiedenen Dienste für das Evangelium erleichtern.
In Übereinstimmung mit dem von ihnen gewählten, besonderen und
sich durch eine deutlichere Trennung von der Welt auszeichnenden Lebensstand
sollten sich die kontemplativen Ordensgemeinschaften stärker zur Bewahrung
einer Atmosphäre der Sammlung verpflichtet fühlen und jene Normen
ihrer Konstitutionen einhalten, die den Gebrauch der sozialen
Kommunikationsmittel regeln.
Ordensgemeinschaft und Reifung der Person
35. Weil sie eine "Schola Amoris" ist, die hilft, in der
Liebe zu Gott und den Brüdern zu wachsen, wird die Ordensgemeinschaft auch
zu einem Ort des menschlichen Reifens. Der Weg dahin ist anspruchsvoll,
beinhaltet er doch den Verzicht auf unbestreitbar hohe Güter;(45) er ist
jedoch nicht unmöglich, wie es die große Schar der Heiligen und jener
wunderbaren Gestalten von Ordensleuten beweist, die deutlich machten, wie die
Lebensweihe an Christus "nicht dem wahren Fortschritt der menschlichen
Person widerspricht, sondern in sich selbst eine große Hilfe dazu
darstellt".(46)
Der Weg zur menschlichen Reife, die ja Bedingung ist für ein Leben mit
evangelischer Ausstrahlung, ist ein Prozeß ohne Ende, da er eine ständige
"Bereicherung" nicht nur mit den geistlichen Werten bedeutet, sondern
auch mit jenen des psychologischen, kulturellen und sozialen Bereiches.(47)
Die starken Veränderungen in Kultur und Verhalten, die im Grunde eher
auf materielle Dinge ausgerichtet sind als auf geistige, verlangen besondere
Aufmerksamkeit in einigen Bereichen, in denen die Ordensleute heute besonders
verwundbar zu sein scheinen.
36. Die Identität
Der Reifungprozeß des Menschen vollzieht sich in der eigenen
Identifikation mit dem Berufensein von Gott. Eine unsichere Identität kann
besonders in schwierigeren Situationen zu einer falsch verstandenen
Selbstverwirklichung führen, verbunden mit einem extremen Bedürfnis
nach Erfolg und nach Anerkennung und mit einer übertriebenen Angst vor dem
Scheitern, sowie mit Depressionen im Gefolge von Mißerfolgen.
Die Identität des Gottgeweihten hängt von einem geistigen
Reifungsprozeß ab: sie ist ein Werk des Geistes, der den Betreffenden dazu
drängt, Christus gleichförmig zu werden, entsprechend jener besonderen
Weise, wie sie dem Institut durch das "Ursprungscharisma" geschenkt
ist, das eine "Vermittlung des Evangeliums an die Mitglieder eines
Institutes" darstellt.(48) Der Beistand eines geistlichen Führers, der
die Spiritualität und die Sendung eines Institutes gut kennt und sie
achtet, ist also von großer Bedeutung, um "das Wirken Gottes zu
erkennen, den Mitbruder auf den Wegen des Herrn zu begleiten und das Leben durch
eine solide Lehre und lebendiges Gebet zu nähren".(49) Eine solche
Begleitung, die besonders notwendig ist in der Phase der ersten Ausbildung, ist
auch im weiteren Leben für das "Wachsen in Christus hilfreich".
Auch der kulturelle Reifungsprozeß hilft mit, sich den
Herausforderungen der Sendung zu stellen und die dazu erforderlichen Hilfsmittel
anzuwenden, um den Weg in die Zukunft zu erkennen und um die richtigen Antworten
zu entwickeln, durch die das Evangelium ständig eine Alternative zu den
Angeboten der Welt wird, indem es die positiven Kräfte einbindet und sie
von den Keimen des Bösen reinigt.
In dieser Dynamik werden die gottgeweihte Person und die Ordensgemeinschaft
zu einer dem Evangelium entsprechenden Einladung, die die Gegenwart Christi in
der Welt offenbar macht.(50)
37. Die Affektivität
Das brüderliche Leben in Gemeinschaft verlangt von allen ein stabiles
seelisches Gleichgewicht, innerhalb dessen das affektive Leben des einzelnen
reifen kann. Wesentlicher Bestandteil dieses Reifungsprozesses ist die oben erwähnte
affektive Freiheit, aufgrund derer der gottgeweihte Mensch seine Berufung liebt,
und nach ihren Maßstäben liebt. Gerade diese Freiheit und Reife ermöglichen
es, innerhalb wie außerhalb der Gemeinschaft eine gesunde Affektivität
zu leben.
Seine eigene Berufung zu lieben, sie als gültigen Lebensbasis zu
erfahren, seine Lebensweihe als eine wahre, schöne und gute Wirklichkeit zu
verstehen, die auch die eigene Existenz wahr, schön und gut macht: dies
alles macht einen Menschen stark, autonom und selbstsicher; es bedarf keiner
anderen, auch keiner affektiven Stütze. Eine solche Haltung festigt
zugleich das Band, das den Gottgeweihten an jene bindet, die mit ihm dieselbe
Berufung teilen. Vor allem mit ihnen fühlt er sich zu lebendigen
Beziehungen der Brüderlichkeit und Freundschaft berufen.
Die Berufung lieben, das heißt, die Kirche lieben, das heißt,
das eigene Institut lieben und die Gemeinschaft wirklich als die eigene Familie
zu betrachten.
Der eigenen Berufung entsprechend zu lieben bedeutet, zu lieben im Stil
eines Menschen, der in jeder zwischenmenschlichen Beziehung ein reines Zeichen
der Liebe Gottes sein möchte, der niemanden überrumpelt und nicht in
Besitz nimmt, sondern es gut meint und das Beste des anderen sucht mit jenem
Wohlwollen, das Gott uns entgegenbringt.
Es bedarf also einer besonderen Erziehung der Affektivität, die den
menschlichen Aspekt mit dem mehr geistigen in Einklang bringt. Hier scheinen
besonders jene Hinweise von Potissimum Institutioni angebracht, die die
Prüfung "der Ausgeglichenheit der Affektivität, besonders auch im
geschlechtlichen Bereich", sowie die Prüfung der "Fähigkeit
zum Gemeinschaftsleben" betreffen.(51)
Trotzdem sind die Schwierigkeiten in diesem Bereich oft nur ein Echo von
Problemen, die anderswo ihren Ursprung haben: eine Affektivität-Sexualität,
die mit narzistisch-jugendlichem oder stark verdrängendem Verhalten gelebt
wird, kann eine Folge von negativen Erfahrungen sein, die dem Ordenseintritt
vorausgingen, aber auch ein Folge von Ungereimtheiten in der Gemeinschaft oder
im Apostolat. Wichtig ist hier also ein reiches und herzliches brüderliches
Leben, das die "Last" des verwundeten und hilfsbedürftigen
Bruders mitträgt.
Wenn also für ein Leben in Gemeinschaft eine gewisse Reife
vorausgesetzt werden muß, so ist ein herzliches, brüderliches
Miteinander für die Reifung des Ordensmitgliedes nicht minder gefordert. Wo
im Mitbruder oder in der Mitschwester eine verminderte affektive Selbständigkeit
festgestellt wird, sollte die Antwort der Gemeinschaft in Form einer reichen,
menschlichen Liebe nach dem Beispiel Jesu und vieler heiliger Ordensleute nicht
ausbleiben, einer Liebe, die Ängste und Freuden, Schwierigkeiten und
Hoffnungen mit jener Wärme teilt, die das neue Herz auszeichnet, das den
ganzen Menschen anzunehmen vermag. Eine solche besorgte, taktvolle, nicht Besitz
ergreifende, selbstlose Liebe wird dem einzelnen die Liebe des Herrn
nahebringen, jene Liebe, die den Sohn Gottes dazu führte, uns durch sein
Kreuz zu sagen, daß man nicht daran zweifeln kann, von der Ewigen Liebe
geliebt zu sein.
38. Unstimmigkeiten
Das Zusammenleben mit leidenden Menschen, mit solchen, die sich in der
Gemeinschaft nicht wohlfühlen und die deshalb Ursache von Leid für die
Mitbrüder sind und das Gemeinschaftsleben stören, stellen eine
besondere Gelegenheit für das menschliche Wachsen und das christliche
Reifen dar.
Vor allem ist hier zu fragen, woher solche Leiden rührt: von
charakterlichen Mängeln, von Verpflichtungen, die als zu beschwerlich
empfunden werden, von großen Lücken in der Ausbildung, von den zu
raschen und zu zahlreichen Veränderungen dieser Jahre, von zu autoritärem
Leitungstil, von Schwierigkeiten im geistlichen Leben.
Es kann gibt auch verschiedene Situationen, in denen die Autorität
daran erinnern muß, daß das Gemeinschaftsleben manchmal Opfer
abverlangt und zu einer Form von "maxima poenitentia" werden
kann.
Dennoch gibt es Situationen und Fälle, in denen ein Rückgriff auf
die Humanwissenschaften erforderlich ist, besonders dann, wenn einzelne
eindeutig zu einem Leben in Gemeinschaft unfähig sind, sei es aufgrund
mangelnder Reife, psychologischer Labilität oder anderer Faktoren
vorwiegend pathologischer Art.
Der Rückgriff auf solche Maßnahmen erwies sich nicht nur in der
Therapie schwererer oder leichterer psychopatischer Fälle als nützlich,
sondern auch zu deren Vorbeugung, um eine angemessene Auslese der Kandidaten zu
erleichtern und um in einigen Fällen die Ausbildungsverantwortlichen in
ihrem Verhalten bei speziellen pädagogisch-formativen Problemen zu
beraten.(52)
In jedem Falle ist bei der Auswahl dieser Spezialisten ein gläubiger
Mensch und ein Kenner des Ordenslebens vorzuziehen. Noch besser ist es, wenn er
selbst ein gottgeweihter Mensch ist.
Der Gebrauch dieser Hilfsmittel wird schließlich dann wirklich
hilfreich sein, wenn sie mit einer gewissen Zurückhaltung und auf den
jeweiligen Fall bezogen angewandt werden; dies allein schon deshalb, weil sie
nicht alle Probleme lösen können und demzufolge "nicht an die
Stelle einer echten geistlichen Begleitung treten können".(53)
Vom Ich zum Wir
39. Die Achtung der Person, vom Konzil und in den nachfolgenden
Dokumenten(54) empfohlen, hat einen positiven Einfluß auf das konkrete
Gemeinschaftsleben ausgeübt.
Gleichzeitig hat sich jedoch mit geringerer oder stärkerer Intensität,
je nach den verschiedenen Erdteilen, auch der Individualismus ausgebreitet unter
den vielfältigsten Formen, wie Profiliersucht, Überbetonung des
physischen, psychischen und beruflichen Wohlbefindens, Bevorzugung einer eigenständigen
Arbeit oder einer renomierten und profilierten Tätigkeit, absoluter Vorrang
der persönlichen Interessen und des individuellen Lebensweges ohne Rücksicht
auf die anderen und ohne Beziehung zur Gemeinschaft.
Dagegen ist es jedoch dringend erforderlich, jenes rechte und nicht immer
leicht zu erzielende Gleichgewicht zu suchen zwischen der Achtung der Person und
dem Gemeinwohl, zwischen den Ansprüchen und Bedürfnissen der einzelnen
und jenen der Gemeinschaft, zwischen dem persönlichen Charisma und dem
apostolischen Entwurf der Gemeinschaft. Dies sollte fern von jedem zerstörenden
Individualismus sowie von jedem nivellierenden Kommunitarismus geschehen. Die
Ordensgemeinschaft ist der Ort, wo sich der tägliche und geduldige Übergang
vom "Ich" zum "Du", von meiner Aufgabe zur Aufgabe der
Gemeinschaft, von der Suche dessen, "was mein ist", zur Suche dessen, "was
Christi ist", vollzieht.
Dann wird die Ordensgemeinschaft der Ort, wo man täglich lernt, sich
jenes neue Denken anzueignen, das es ermöglicht, brüderliche
Gemeinschaft in der Vielfalt der unterschiedlichen Gaben zu leben, und das
gleichzeitig eben diese Gaben auf die Brüderlichkeit und die
Mitverantwortung im apostolischen Ziel hin ausrichtet.
40. Ein derartiger gemeinschaftlicher und apostolischer "Einklang"
erfordert:
a) Miteinander das gemeinsame Geschenk der Berufung und Sendung dankbar zu
feiern, ein Geschenk, das hoch über jedweden individuellen und kulturellen
Unterschieden steht. Eine kontemplative Haltung gegenüber der Weisheit
Gottes zu fördern, der gerade diese Brüder oder Schwestern in einer
Gemeinschaft zusammengeführt hat, damit sie sich gegenseitig als Geschenk
geben und annehmen. Gott zu loben für das, was jeder Bruder oder jede
Schwester von der Gegenwart und vom Wort Christi mitteilt.
b) Die Pflege jener gegenseitigen Achtung, mit der man den langsameren Weg
der Schwächeren annimmt und gleichzeitig das Wachstum reicherer Persönlichkeiten
nicht erstickt. Eine Achtung, die einerseits Kreativität fördert,
andererseits jedoch an die Mitverantwortung und Solidarität anderen gegenüber
appelliert.
c) Eine Ausrichtung auf die gemeinsame Sendung hin: ein jedes Institut hat
seine eigene Sendung, an der jeder seinen Gaben entsprechend mitarbeiten muß.
Der Weg einer gottgeweihten Person besteht gerade darin, dem Herrn zunehmend all
das darzubringen, was sie ist und was sie hat, zum Wohl der Sendung ihrer
Ordensfamilie.
d) Eine Erinnerung daran, daß die apostolische Sendung in erster Linie
der Gemeinschaft anvertraut ist, und daß sie deshalb oft den Unterhalt
gemeinschaftseigener Werke mit sich bringt. Die Hingabe an ein solches
gemeinschaftliches Apostolat läßt die gottgeweihte Person reifen und
auf ihrem besonderen Weg zur Heiligkeit wachsen.
e) Eine innere Einstellung, aus der heraus die einzelnen Ordensleute, die im
Gehorsam persönliche Aufgaben übertragen bekommen haben, sich selbst
als von der Gemeinschaft Beauftragte verstehen. Diese trage ihrerseits Sorge für
deren satzungsmäßige Erneuerung und beziehe sie in die Überprüfung
der apostolischen Verpflichtungen der Gemeinschaft mit ein.
Während der Ausbildungszeit kann es vorkommen, daß es trotz allen
guten Willens unmöglich ist, die besonderen Gaben einer gottgeweihten
Person mit dem brüderlichen Leben in Gemeinschaft und der gemeinsamen
Sendung in Einklang zu bringen. Dann ist die Frage zu stellen: "Tragen die
Gaben Gottes in dieser Person (...) zur Einheit und Vertiefung der Gemeinschaft
bei? Wenn ja, dann können sie gerne angenommen werden. Im gegenteiligen
Falle sind sie nicht für dieses bestimmte Institut geeignet, so wertvoll
diese Gaben auch in sich selbst sein und so erstrebenswert sie einigen Mitbrüdern
erscheinen mögen. Es ist wirklich nicht vernünftig, stark abweichende
Entwicklungen zu dulden, die für die Einheit im Institut kein gediegenes
Fundament bieten".(55)
41. In den vergangenen Jahren wuchs die Zahl der Gemeinschaften mit nur
wenigen Mitgliedern, vor allem aus Gründen des Apostolates. Diese
Gemeinschaften können auch förderlich sein für die Entwicklung
engerer Beziehungen unter den Ordensleuten, für ein intensiveres
Gebetsleben und für eine gegenseitige und noch brüderlichere Übernahme
von Verantwortung.(56)
Keinesfalls jedoch fehlen auch fragwürdige Gründe, wie z.B. die Übereinstimmung
von Interessen und Mentalitäten. In einem solchen Falle mag es leicht
geschehen, daß eine Gemeinschaft sich abkapselt und so weit kommen kann,
ihre Mitglieder selbst auszuwählen und einen vom Obern versetzten Mitbruder
anzunehmen oder abzulehnen. Solches widerspricht der Natur der
Ordensgemeinschaft und ihrer Zeichenhaftigkeit. Eine selektive Homogenität
hindert die apostolische Beweglichkeit und schwächt außerdem die
pneumatische Wirklichkeit der Gemeinschaft, sie entzieht der sie bestimmenden
geistigen Wirklichkeit ihre Zeugniskraft.
Jenes, für heterogene Gemeinschaften so charakteristische Bemühen,
sich gegenseitig anzunehmen, wie auch die Anstrengungen zur Überwindung
diesbezüglicher Schwierigkeiten, sind ein Beweis für die Transzendenz
ihres Seinsgrundes, nämlich für "die Kraft Gottes, die sich in
der Schwachheit des Menschen offenbart" (vgl. 2 Kor 12,9-10).
In einer Gemeinschaft lebt man zusammen, nicht weil man sich gegenseitig
ausgesucht hat, sondern weil der Herr einen dazu erwählt hat.
42. Wenn die westlich geprägte Kultur zum Individualismus neigt, der
ein brüderliches Leben in Gemeinschaft erschwert, so können andere
Kulturen ihrerseits zum Kommunitarismus führen, der die Wertschätzung
der menschlichen Person schwieriger macht. Jede dieser kulturellen Formen muß
evangelisiert werden.
Die Präsenz von Ordensgemeinschaften, die auf dem Weg hin zu einem brüderlichen
Leben sind, in dem der Einzelne für die Mitbrüder verfügbar ist
oder in dem die "Gruppe" den Einzelnen fördert, ist ein Zeichen
der verändernden Kraft des Evangeliums und der Ankunft des Gottesreiches.
Die internationalen Institute, in denen Miglieder aus verschiedenen Kulturen
zusammenleben, können zu einem Austausch der Gaben beitragen, durch die sie
sich gegenseitig bereichern und korrigieren im gemeinsamen Bestreben, immer
intensiver das Evangelium der Freiheit der Person und der brüderlichen
Gemeinschaft zu leben.
Die Ordensgemeinschaft in beständiger Weiterbildung
43. Die gemeinschaftliche Erneuerung hat aus der beständigen
Weiterbildung großen Nutzen gezogen. Sie wird in ihren Grundzügen vom
Dokument Potissimum Institutioni empfohlen und umrissen,(57) und wird
von allen Verantwortlichen der Ordensinstitute als bedeutungsvoll für das Überleben
betrachtet.
Trotz einiger Unsicherheiten (z.B. die Schwierigkeit einer Synthese ihrer
unterschiedlichen Aspekte; die Schwierigkeit, alle Mitglieder einer Gemeinschaft
für die Weiterbildung zu interessieren; die Ansprüche des Apostolates;
das rechte Gleichgewicht von Aktivität und Ausbildung) hat die Mehrzahl der
Ordensinstitute diesbezügliche Initiativen auf zentraler und lokaler Ebene
ins Leben gerufen.
Ein Ziel dieser Initiativen besteht darin, reife, evangeliumsgemäße
und brüderliche Gemeinschaften zu bilden, die fähig sind, die beständige
Weiterbildung im Alltag fortzusetzen. Die Ordensgemeinschaft ist tatsächlich
der Ort, wo die großen Orientierungen dank einer geduldigen und
beharrlichen, täglichen Vermittlung wirksam werden. Die Ordensgemeinschaft
ist der Ort und das natürliche Umfeld des Wachstumsprozesses aller, wo ein
jeder für das Wachstum des anderen mitverantwortlich wird.
Die Ordensgemeinschaft ist außerdem der Ort, wo man sich Tag für
Tag gegenseitig hilft, als gottgeweihter Mensch und als Träger desselben
Charismas auf die Bedürfnisse der Ärmsten und Letzten ebenso wie auf
die Herausforderungen der neuen Gesellschaft zu antworten. Nicht selten mögen
die Antworten auf diese Probleme unterschiedlich sein, mit deutlichen
Auswirkungen auf das gemeinschaftliche Leben. Dies führt zu der
Feststellung, daß ein besonders vordringliches Bedürfnis heute darin
besteht, Menschen unterschiedlicher Bildung und unterschiedlicher apostolischer
Ausrichtung in ein und dasselbe gemeinschaftliche Leben zu integrieren, in dem
die Unterschiede nicht mehr Anlaß zu Gegensätzen bieten, sondern
Gelegenheit zur gegenseitigen Bereicherung. In diesen veränderten und sich
verändernden Umständen wird die einigende Rolle der für die
Gemeinschaft Verantwortlichen immer wichtiger; angesichts deren Aufgabe, das brüderliche
und apostolische Leben einer Gemeinschaft zu animieren, sollte die beständige
Weiterbildung für sie besondere Hilfen vorsehen.
Aus der Erfahrung der vergangenen Jahre verdienen hier zwei Gesichtspunkte
besondere Beachtung: Die gemeinschaftsbezogene Dimension der evangelischen Räte,
und das Charisma.
Die gemeinschaftsbezogene Dimension der evangelischen Räte
44. Die Ordensprofeß stellt einen Ausdruck der Selbsthingabe an Gott
und die Kirche dar, eine Hingabe jedoch, die innerhalb der Gemeinschaft einer
Ordensfamilie gelebt wird. Die Ordensperson ist nicht nur durch ihre
individuelle Berufung "gerufen", sondern sie ist "zusammengerufen",
ist in eine Gemeinschaft mit anderen gerufen, wo sie ihre tägliche Existenz
"mit anderen teilt".
In diesem "Ja" zu Gott liegt jene Übereinstimmung, die die
verschiedenen Ordensleute untereinander zu ein und derselben Lebensgemeinschaft
verbindet. Als gemeinsam Geweihte, als in demselben "Ja" Geeinte, als
im Heiligen Geist untereinander Verbundene entdecken die Ordensleute täglich,
daß ihre Nachfolge des "gehorsamen, armen und keuschen" Christus
in der Brüderlichkeit gelebt wird, wie es die Jünger taten, die Jesus
in seinem Wirken nachfolgten. Sie sind mit Christus verbunden, und deshalb sind
sie berufen, auch untereinander verbunden zu sein. Sie sind untereinander
verbunden durch die Sendung, sich in prophetischer Weise dem Götzenkult der
Macht, des Besitzes und des Vergnügens zu widersetzen.(58)
Auf diese Weise bindet und eint der Gehorsam das unterschiedlich
ausgerichtete Wollen innerhalb ein und derselben brüderlichen Gemeinschaft,
die in der Kirche eine besondere Sendung zu erfüllen hat.
Der Gehorsam stellt ein "Ja" zum Plan Gottes dar, der einer
Personengruppe eine besondere Aufgabe anvertraut hat. Der Gehorsam steht in
Verbindung mit der Sendung, aber auch mit der Gemeinschaft, die hier und jetzt
gemeinschaftlich ihre Sendung zu verwirklichen hat; der Gehorsam verlangt außerdem
eine durch den Glauben erleuchtete Sicht der Rolle der Obern, die "ihre
Aufgabe des Dienstes und der Führung"(59) wahrnehmen und die Übereinstimmung
von apostolischer Arbeit und Sendung zu schützen haben. Der allein
heilsstiftende Wille Gottes muß so in Gemeinschaft mit den Obern
verwirklicht werden.
Die Armut: Das Teilen des Besitzes - auch des geistlichen - bildet
von Anbeginn an das Fundament der brüderlichen Gemeinschaft. Die Armut des
einzelnen, die einen schlichten und fast herben Lebensstil mit sich bringt,
macht nicht nur von jenen Sorgen frei, die mit persönlichem Besitz
verbunden sind, sondern sie hat stets auch die Gemeinschaft bereichert, die sich
dadurch wirksamer dem Dienst an Gott und den Armen widmen konnte.
Die Armut beinhaltet auch einen wirtschaftlichen Aspekt: es verletzt und
schwächt das brüderliche Leben, wer für sich selbst oder für
die eigenen Angehörigen über Geld verfügt, als ob es das eigene wäre,
und wer einen Lebensstil pflegt, der sich zu stark von jenem der Mitbrüder
und von der Armut seines sozialen Umfeldes abhebt.
Auch die "Armut des Geistes", die Demut, die Einfachheit, das
Anerkennen der Gaben der anderen, die Hochachtung der Vorgaben des Evangeliums,
wie z.B. "ein mit Christus in Gott verborgenes Leben", die Liebe zum
Opfer im Verborgenen, die Wertschätzung der Letzten, das Aufgehen in
Dingen, die nicht belohnt oder nicht anerkannt werden ...; dies alles sind
Faktoren, die einigend auf das brüderliche Leben wirken und aus der
gelobten Armut hervorgehen.
Weil eine Gemeinschaft von "Armen" auf ganz konkrete Weise die verändernde
Kraft der Seligpreisungen vergegenwärtigt, ist sie auch imstande, mit den
Armen solidarisch zu sein und deutlich zu machen, worin das Wesen der
Evangelisierung besteht.
Die gottgeweihte Keuschheit, die auch eine hohe Reinheit des
Geistes, des Herzens und des Leibes einschließt, bringt im Hinblick auf
die Gemeinschaft eine große Freiheit zum Ausdruck, die Freiheit nämlich,
Gott und alles, was sein ist, mit ungeteilter Liebe zu lieben. Sie stellt
deshalb eine vorbehaltlose Bereitschaft dar, alle Menschen zu lieben und für
sie da zu sein, und so die Liebe Christi zu vergegenwärtigen. Eine solche
Liebe, die nicht egoistisch ist, niemanden ausschließt, niemanden in
Besitz nimmt und von der Leidenschaft nicht beherrscht wird, sondern
allumfassend ist und selbstlos, selbst frei und befreiend, und die so wesentlich
ist für die Sendung, eine solche Liebe wird durch ein brüderliches
Leben in ihrem Wachsen gefördert. So rufen alle, die in gottgeweihter
Ehelosigkeit leben, "jenen wunderbaren Ehebund in Erinnerung, den Gott begründet
hat und der erst in der kommenden Welt ganz offenbar wird, den Ehebund der
Kirche mit Christus, ihrem einzigen Bräutigam".(60)
Diese gemeinschaftsbezogene Dimension der Gelübde bedarf jener beständigen
Pflege und Vertiefung, die charakteristische Ziele der beständigen
Weiterbildung darstellen.
45. Das Charisma: Es ist das zweite Element, das im Rahmen der beständigen
Weiterbildung hinsichtlich des Wachsens des brüderlichen Lebens
hervorgehoben werden muß.
"Die Ordensweihe stiftet eine besondere Gemeinschaft zwischen Gott und
der Ordensperson und, in Ihm, zwischen den Mitgliedern ein und desselben
Instituts (...). Ihr Fundament ist jene Gemeinschaft in Christus, die im
einmaligen Ursprungs-Charisma festgelegt ist".(61)
Der Hinweis auf die eigene Gründergestalt und auf das von ihr gelebte
und weitergegebene Charisma, das durch die ganze Lebensspanne des Instituts
bewahrt und entfaltet wurde,(62) ist demnach ein grundlegendes Element für
die Einheit der Gemeinschaft.
In Gemeinschaft leben heißt also, miteinander den Willen Gottes zu
leben, gemäß jener Orientierung durch das Geschenk des Charismas, das
der Gründer von Gott empfing, und das er auf seine Schüler und
Nachfahren übertragen hat.
Indem die Erneuerung dieser Jahre die Bedeutung des Ursprungs-Charismas auch
durch eine reiche theologische Reflexion hervorgehoben hat,(63) hat sie die
Einheit der Gemeinschaft gefestigt, die als Trägerin derselben Gabe des
Geistes verstanden wurde, die sie mit den Brüdern teilen soll, und mit der
sie die Kirche beschenken kann "für das Leben der Welt". Darum
sind jene Bildungs-Programme so hilfreich, die regelmäßige Kurse für
Studium und betendes Überdenken der Gründergestalt, des Charismas und
der Konstitutionen beinhalten.
Das vertiefte Verständnis des Charismas führt zu einer klaren
Sicht der eigenen Identität, um die herum sich Einheit und Gemeinschaft
leichter verwirklichen lassen. Es ermöglicht außerdem eine kreative
Anpassung an die neuen Situationen, was einem Institut wiederum positive
Zukunftsperspektiven bietet.
Das Fehlen einer solchen Klarheit kann auch leicht Unsicherheit bezüglich
der Ziele hervorrufen sowie Verwundungen durch die Bedingungen des Umfeldes, die
kulturellen Strömungen, ja selbst die verschiedenen apostolischen
Erfordernisse, und zudem jede Anpassung und jede Erneuerung vereiteln.
46. Die charismatische Identität ist also zu fördern, und dies
nicht zuletzt, weil eine Verallgemeinerung für die Vitalität
der Ordensgemeinschaft eine echte Gefahr darstellt.
In diesem Zusammenhang wurde auch auf einige Situationen hingewiesen, die in
diesen Jahren die Ordensgemeinschaften verwundet haben und noch immer verwunden:
- die "verallgemeinernde" Betrachtungsweise - d.h. ohne
Einbeziehung des eigenen Charismas - gewisser Richtlinien der Teilkirche oder
gewisser Anregungen, die aus anderen Spiritualitäten stammen;
- eine Form von Einbindung in kirchliche Bewegungen, die das einzelne
Ordensmitglied dem fragwürdigen Phänomen einer "doppelten Zugehörigkeit"
aussetzt;
- eine gewisse Anpassung an die Lebensweise der Laien in den sicherlich
notwendigen und oft fruchtbaren Beziehungen zu ihnen, besonders zu Mitarbeitern.
Und so "tarnt" man sich als Laie, indem man ihre Urteils- und
Handlungsweise annimmt und den Beitrag der eigenen Weihe an Gott herabsetzt,
anstatt das eigene religiöse Zeugnis als ein brüderliches Geschenk
anzubieten, das die Echtheit ihres christlichen Lebens durchdringen sollte;
- ein übermäßiges Nachgeben gegenüber den Ansprüchen
der Familie, den Idealen der Nation, der Rasse, des Stammes oder der sozialen
Gruppe, was das Charisma auf einseitige Positionen und Interessen hin umzubiegen
droht;
Die Verallgemeinerung, die das Ordensleben auf einen farblosen, kleinsten
gemeinsamen Nenner reduziert, führt zur Zerstörung von Schönheit
und Fruchtbarkeit jener Vielfalt von Charismen, die vom Geist ins Leben gerufen
sind.
Die Autorität im Dienste der Brüderlichkeit
47. Allgemein besteht der Eindruck, die Entwicklung dieser Jahre habe das
brüderliche Leben in den Gemeinschaften reifer gemacht. In vielen
Gemeinschaften ist das Klima des Zusammenlebens besser geworden: man gab mehr
Raum für die aktive Beteiligung aller, man ging von einem zu stark auf
Observanz gründenden Gemeinschaftsleben über zu einem Leben, das die
Bedürfnisse des einzelnen besser berücksichtigt und aufmerksamer ist
in menschlichen Belangen. Das Bemühen, Gemeinschaften zu schaffen, die
leichter lebbar sind, weniger formalistisch, weniger autoritär, die brüderlicher
und verinnerlichter sind, wird allgemein als eine der auffallendsten Früchte
der Erneuerung der letzten Jahre angesehen.
48 Diese positive Entwicklung war manchmal in Gefahr, durch ein Gefühl
des Mißtrauens gegenüber der Autorität verfälscht zu
werden.
Das Verlangen nach einer tieferen communio unter den Mitgliedern und die
verständliche Reaktion gegen Strukturen, die als zu autoritär und zu
starr empfunden wurden, führte dazu, die Rolle der Autorität in ihrer
ganzen Tragweite zu verkennen, die von einigen als schlechthin überflüssig
für das Gemeinschaftsleben bezeichnet, von anderen dagegen lediglich auf
die Aufgabe der Koordinierung der Initiativen der Mitglieder eingeschränkt
wurde. Auf diese Weise gelangten einige Gemeinschaften dahin, ohne
verantwortlichen Leiter zu leben, während andere sämtliche
Entscheidungen gemeinschaftlich trafen. Dies alles birgt die nicht nur
hypothetische Gefahr eines Auseinanderbrechens des Gemeinschaftslebens in sich,
was dann unausweichlich dazu führt, Einzelgängertum zu fördern
und gleichzeitig die Rolle der Autorität zu verdunkeln, eine Rolle, die
nicht nur für den geistlichen Weg der gottgeweihten Person notwendig ist,
sondern auch für das Wachsen des brüderlichen Lebens in Gemeinschaft.
Andererseits führen die Ergebnisse dieser Experimente schrittweise hin
zur Wiederentdeckung der Notwendigkeit und der Bedeutung einer persönlichen
Autorität, was in Kontinuität mit der ganzen Tradition des
Ordenslebens steht.
Wenn das verbreitete Klima der Demokratisierung auch das Wachsen der
Mitverantwortlichkeit und der Teilnahme aller an Entscheidungsprozessen
innerhalb der Ordensgemeinschaft gefördert haben mag, so darf man doch
nicht vergessen, daß Brüderlichkeit nicht nur ein Ergebnis
menschlichen Bemühens ist, sondern auch, und ganz besonders, ein Geschenk
Gottes. Sie ist ein Geschenk, das dem Gehorsam gegenüber Gottes Wort
entspringt, und im Ordensleben auch dem Gehorsam gegenüber der Autorität,
die an dieses Wort erinnert und es mit den konkreten Situationen verbindet, ganz
gemäß dem Geist des Instituts.
"Wir bitten euch aber, Brüder, anerkennt jene, die unter euch sich
mühen, die eure Vorsteher sind im Herrn und euch ermahnen. Schätzt sie
besonders hoch in Liebe, wegen ihres Wirkens" (1 Thess 5,12-13). Die
christliche Gemeinschaft ist wirklich kein anonymes Kollektiv, sondern ihr sind
von Anfang an Vorsteher geschenkt, für die der Apostel um Rücksicht,
Achtung und Liebe bittet.
In den Ordensgemeinschaften ist diese Autorität, der Aufmerksamkeit und
Respekt auch kraft des gelobten Gehorsams geschuldet wird, auch in den Dienst
der zu verwirklichenden Brüderlichkeit sowie der Erreichung ihrer
geistlichen und apostolischen Zielsetzungen gestellt.
49. Die Erneuerungsbewegung dieser Jahre hat dazu beigetragen, das Bild der
Autorität neu zu zeichnen, in der Absicht, diese enger mit ihren
evangelischen Wurzeln zu verbinden und damit mit dem Dienst für den
geistlichen Fortschritt des einzelnen und für den Aufbau des brüderlichen
Lebens in der Gemeinschaft.
Jede Gemeinschaft hat ihre eigene Sendung. Der Dienst der Autorität
richtet sich also auf eine Gemeinschaft, die eine besondere, ihr vom Institut
und dessen Charisma übertragene und umschriebene Sendung zu erfüllen
hat. Aus der Verschiedenheit der Sendungen ergeben sich unterschiedliche Formen
von Gemeinschaften, und demzufolge auch von Diensten der Autorität. Auch
dies ist ein Grund dafür, daß es innerhalb des Ordenslebens
verschiedene, vom Eigenrecht festgelegte Arten gibt, Autorität zu verstehen
und auszuüben.
Immer jedoch stellt die evangeliumsgemäße Autorität einen
Dienst dar.
50. Die Erneuerung dieser Jahre betont einige Aspekte der Autorität.
a) Eine geistliche Autorität
Wenn die gottgeweihten Personen sich dem umfassenden Dienste Gottes widmen,
dann fördert und stützt die Autorität diese ihre Weihe. In
gewisser Weise kann die Autorität verstanden werden als "Dienerin der
Diener Gottes". Der Autorität kommt die vornehmliche Aufgabe zu,
zusammen mit ihren Brüdern und Schwestern "brüderliche
Gemeinschaften aufzubauen, in der Gott vor allem gesucht und geliebt wird".(64)
Es ist also erforderlich, daß sie vor allem anderen eine geistlich geprägte
Person sei, überzeugt vom Primat des Geistlichen sowohl im persönlichen
Leben wie auch in der Verwirklichung des brüderlichen Lebens, d.h. daß
sie sich bewußt sei, daß die Herzen sich desto enger untereinander
verbinden, je mehr die Liebe zu Gott in ihnen wächst.
Die vorrangige Aufgabe der Autorität wird also in der geistlichen,
gemeinschaftlichen und apostolischen Motivierung ihrer Gemeinschaft liegen.
b) Eine Autorität, die Einheit bewirkt
Eine Autorität, die Einheit bewirkt, ist jene, die sich bemüht,
ein günstiges Klima für Austausch und Mitverantwortung zu schaffen;
die den Beitrag aller hinsichtlich der gemeinsamen Interessen anregt; die die
Mitbrüder zur Übernahme von Verantwortung ermutigt und sie
respektiert; die "den Gehorsam der Mitbrüder fördert in Achtung
vor der menschlichen Person";(65) die gerne auf die Mitbrüder hört
und deren einträchtiges Wirken zum Wohl des Instituts und der Kirche fördert;(66)
die den Dialog praktiziert und angemessene Gelegenheit zur Begegnung schafft;
die in schwierigen Momenten Mut und Hoffnung zu vermitteln versteht; die nach
vorne schaut, um der Sendung neue Horizonte zu erschließen. Und weiter:
eine Autorität, die die verschiedenen Aspekte des Gemeinschaftslebens im
Gleichgewicht zu halten bemüht ist: Gleichgewicht von Gebet und Arbeit, von
Apostolat und Ausbildung, von Tätigkeit und Erholung.
Die Autorität des Obern und der Oberin dient also dazu, daß das
Ordenshaus nicht einfach ein Aufenthaltsort, ein Agglomerat von Einzelgängern
sei, von denen jeder seine eigene Geschichte lebt, sondern eine "brüderliche
Gemeinschaft in Christus".(67)
c) Eine Autorität, die die letzte Entscheidung trifft und deren
Ausführung sichert.
Die gemeinsame Entscheidungsfindung ist gewiß ein nützliches
Verfahren, auch wenn es nicht leicht und nicht selbstverständlich ist, da
es menschliche Kompetenz, geistliche Weisheit und Zurücknahme der eigenen
Person erfordert. Dort, wo sie ernsthaft und gläubig praktiziert wird,
schafft sie der Autorität die besten Bedingungen für die notwendigen
Entscheidungen zum Wohl des brüderlichen Lebens und der Sendung.
Wenn dann einmal eine Entscheidung gemäß den Vorschriften des
Eigenrechtes getroffen ist, dann sind Beharrlichkeit und Kraft seitens des Obern
gefordert, damit die Beschlüsse nicht nur auf dem Papier bleiben.
51. Es ist außerdem unabdingbar, daß das Eigenrecht möglichst
präzise die verschiedenen Kompetenzen der Gemeinschaften, der Räte,
der Amtsträger und des Obern umschreibt. Unklarheiten in diesem Bereich
bieten oft Anlaß zu Konfusion und zu Konflikten.
Auch die "gemeinschaftlichen Projekte", die einer Beteiligung am
Gemeinschaftsleben und seiner unterschiedlichen Aufgaben nützen können,
sollten sorgsam darauf bedacht sein, die Aufgabe und Kompetenz der Autorität
in Übereinstimmung mit den Konstitutionen klar festzulegen.
52. Eine brüderliche und geeinte Gemeinschaft ist immer mehr dazu
berufen, ein wichtiges und zeichenhaftes Element der Gegenkultur des Evangeliums
zu sein, Salz der Erde und Licht der Welt.
So kann die Ordensgemeinschaft beispielsweise in der westlichen, vom
Individualismus beherrschten Gesellschaft, ein prophetisches Zeichen dafür
sein, daß es möglich ist, in Christus Brüderlichkeit und
Solidarität zu verwirklichen, während sie in den von Autoritarismus
oder Kommunitarismus geprägten Kulturen ein Zeichen für die Achtung
und Entwicklung der menschlichen Person und für eine, dem Willen Gottes gemäße
Ausübung der Autorität sein kann.
In der Tat, während die Ordensgemeinschaft die Kultur des jeweiligen
Ortes annehmen soll, ist es gleichzeitig auch ihre Aufgabe, diese durch das Salz
und das Licht des Evangeliums zu reinigen und zu erheben, indem sie in ihrer
realen Brüdergemeinschaft eine konkrete Synthese dessen aufzeigt, was nicht
nur eine Evangelisierung der Kultur, sondern auch eine evangelisierende
Inkulturation und eine inkulturierte Evangelisierung ist.
53. Schließlich darf nicht vergessen werden, daß in dieser
ganzen, delikaten, komplexen und oft leidvollen Frage der Glaube eine
entscheidende Rolle spielt, der es ermöglicht, das Heilsgeheimnis des
Gehorsams zu begreifen.(68) So, wie durch den Ungehorsam eines Menschen die
menschliche Familie auseinanderbrach, und wie durch den Gehorsam des neuen
Menschen ihre Zusammenführung begann (vgl. Röm 5,19), ebenso wird die
Haltung des Gehorsams für jedes Leben in einer Familie immer eine
unverzichtbare Kraft darstellen.
Das Ordensleben hat immer aus dieser Glaubensüberzeugung gelebt, und
auch heute noch ist es gerufen, sie mutig zu leben, um in seinem Bemühen um
brüderliche Beziehungen nicht ins Leere zu laufen und in der Kirche und der
Gesellschaft eine dem Evangelium entsprechende, bedeutsame Wirklichkeit
darzustellen.
Die Brüderlichkeit als Zeichen
54. Besonders in den Instituten mit apostolischen Aufgaben waren die
Beziehungen zwischen brüderlichem Leben und apostolischer Tätigkeit
nicht immer geklärt und haben öfters zu Spannungen im einzelnen wie
auch in der Gemeinschaft geführt. Manch einer empfand das "auf
Gemeinschaft machen" als ein Hindernis für die Sendung, als eine
Zeitverschwendung mit Nebensächlichkeiten. Allen muß ins Gedächtnis
gerufen werden, daß die brüderliche Gemeinschaft als solche bereits
ein Apostolat ist und unmittelbar zur Evangelisierung beiträgt. Das
herausragende Zeichen, das der Herr hinterlassen hat, ist nämlich das der
gelebten Brüderlichkeit: "Daran sollen sie erkennen, daß ihr
meine Jünger seid, daß ihr einander liebt" (Joh 13,35).
Neben dem Auftrag, das Evangelium aller Kreatur zu verkünden (vgl. Mt
28, 19-20), hat der Herr seine Jünger dazu ausgesandt, als Brüder
miteinander zu leben, "damit die Welt glaubt", daß Jesus der
Gesandte des Vaters ist, und daß ihm die volle Zustimmung des Glaubens gebührt
(vgl. Joh 17, 21). Dem Zeichen der Brüderlichkeit kommt also höchste
Bedeutung zu, denn es ist jenes Zeichen, das den göttlichen Ursprung der
christlichen Botschaft aufzeigt und die Kraft besitzt, die Herzen für den
Glauben zu öffnen. Darum kann auch gesagt werden, daß "die ganze
Fruchtbarkeit des Ordenslebens von der Qualität des brüderlichen
Lebens in Gemeinschaft abhängig ist".(69)
55. Je nach dem, wie die Ordensgemeinschaft das brüderliche Leben in
ihrer Mitte pflegt, vergegenwärtigt sie fortwährend und erkennbar
dieses "Zeichen", dessen die Kirche vor allem in der Aufgabe der
Neuevangelisierung bedarf.
Auch aus diesem Grunde liegt der Kirche das brüderliche Leben der
Ordensgemeinschaften am Herzen: je stärker die brüderliche Liebe ist,
um so größer ist die Glaubwürdigkeit der verkündeten
Botschaft, und um so klarer wird die Bedeutung des innersten Geheimnisses der
Kirche als Sakrament und der Verbindung der Menschen mit Gott und
untereinander.(70)
Ohne bereits das "Ganze" der Sendung der Kirche sein zu wollen,
ist das brüderliche Leben doch ein wesentlicher Teil davon. Das brüderliche
Leben ist genauso wichtig wie die apostolische Tätigkeit.
Man kann sich also nicht auf die Notwendigkeiten des apostolischen Dienstes
berufen, um Mängel im Gemeinschaftsleben zuzulassen oder zu rechtfertigen.
Die Tätigkeit der Ordensleute muß eine Tätigkeit von Menschen
sein, die gemeinsam leben, die ihr Tun durch eine gemeinschaftliche Gesinnung prägen,
die den Geist der Gemeinschaft durch Wort, Tat und Beispiel verbreiten.
Besondere Umstände, die im folgenden behandelt werden, können
Anpassungen erforderlich machen, die jedoch nicht dazu führen dürfen,
die Ordensperson von der communio und dem Geist der eigenen Gemeinschaft zu
entfremden.
56. Wenn die Ordensgemeinschaft sich ihrer Verantwortung gegenüber der
großen brüderlich-schwesterlichen Gemeinschaft, die die Kirche
darstellt, bewußt ist, dann beweist sie auch, daß es möglich
ist, die christliche Brüderlichkeit zu leben, und sie zeigt den Preis, den
die Verwirklichung einer jeglichen Form von brüderlichem Leben erfordert.
Inmitten der Gesellschaften dieser Erde, die von Leidenschaften und
entgegengesetzten Interessen geprägt und zerrissen sind, die sich nach
Einheit sehnen, die jedoch unsicher sind bezüglich des Weges, der zu ihr führt,
inmitten dieser Gesellschaften stellt die Anwesenheit von Gemeinschaften, in
denen sich Menschen unterschiedlichen Alters, Sprache und Kultur als Brüder
und Schwestern begegnen und die trotz der unvermeidlichen Konflikte und
Schwierigkeiten, die das Gemeinschaftsleben mit sich bringt, untereinander
verbunden bleiben, bereits ein Zeichen dar, das auf etwas Höheres hinweist
und die Blicke nach oben richtet.
"Die Ordensgemeinschaften, die durch ihr Leben die Freude und den
menschlichen und übernatürlichen Wert der christlichen Brüderlichkeit
verkünden, bezeugen vor unserer Gesellschaft durch die Sprache der Fakten
die verändernde Kraft der Frohen Botschaft".(71)
"Über allem stehe die Liebe; sie ist das Band der Vollkommenheit"
(Kol 3,14), jene Liebe, die von Christus gelehrt und gelebt und durch seinen
Geist uns mitgeteilt worden ist. Diese Liebe ist es, die einig macht und die
dazu drängt, die Erfahrung der Gemeinschaft mit Gott und den Brüdern
auch anderen mitzuteilen. Sie macht also zu Aposteln, indem sie die
Gemeinschaften zur Sendung hindrängt, ob diese nun in der Kontemplation, in
der Verkündigung des Wortes oder in karitativem Dienst bestehe. Die Liebe
Gottes möchte in die Welt einbrechen: so wird die brüderliche
Gemeinschaft zur Missionarin für diese Liebe und zum konkreten Zeichen
ihrer einigenden Kraft.
57. Die Qualität des brüderlichen Lebens hat auch einen
bedeutenden Einfluß auf die Beharrlichkeit der einzelnen Ordensperson.
So wie Mängel im brüderlichen Leben häufig als Motiv für
Austritte angegeben werden, stellt die gelebte Brüderlichkeit bis heute
eine wirksame Stütze dar für die Ausdauer vieler.
In einer wirklich brüderlichen Gemeinschaft fühlt ein jeder sich
mitverantwortlich für die Treue des anderen; jeder leistet seinen Beitrag
zu einer gelösten Atmosphäre echter Lebensgemeinschaft, die
gekennzeichnet ist von Verständnis und gegenseitiger Hilfe; jeder ist
sensibel für Müdigkeit, Leid, Einsamkeit und Mutlosigkeit des
Mitbruders; jeder hilft dem durch Prüfungen und Schwierigkeiten Bedrängten.
Auf diese Weise wird eine Ordensgemeinschaft, die die Beharrlichkeit ihrer
Mitglieder stützt, auch zum Zeichen für die fortwährende Treue
Gottes, und somit zu einer Stütze für Glauben und Treue der Christen,
die in einer Welt leben müssen, die den Wert der Treue immer weniger zu
kennen scheint.
III.
DIE ORDENSGEMEINSCHAFT ALS ORT UND TRÄGERIN DER SENDUNG
58. Wie der Heilige Geist die Kirche schon im Abendmahlsaal gesalbt hat, um
sie zur Verkündigung der Frohen Botschaft in die Welt zu senden, so ist
jede Ordensgemeinschaft, insofern sie echte, geisterfüllte Gemeinschaft des
Auferstandenen ist, ihrer Eigenart entsprechend eine apostolische Gemeinschaft.
Es ist wahr: "Die communio schafft communio und stellt sich wesentlich
als missionarische communio dar... Communio und Sendung sind zutiefst
miteinander verbunden; sie durchdringen und bedingen einander, so daß die
communio zugleich Quelle und Frucht der Sendung ist: die communio ist
missionarisch und die Sendung gilt der communio".(72)
Jede Ordensgemeinschaft, auch die rein kontemplative, ist nicht auf sich
selbst bezogen, sondern sie wird Verkündigung, Diakonie und prophetisches
Zeugnis. Der Auferstandene, der in ihr lebt und ihr seinen Geist mitteilt, macht
sie zum Zeugen seiner Auferstehung.
Ordensgemeinschaft und Sendung
Es ist angebracht, hier über die besondere Beziehung zwischen den
verschiedenen Formen von Ordensgemeinschaft und deren Sendung nachzudenken,
bevor wir uns einigen speziellen Situationen zuwenden, denen sich die
Ordensgemeinschaften heutzutage in den unterschiedlichen Verhältnissen der
Welt stellen müssen, um ihrer besonderen Sendung treu zu bleiben.
59. a) Das II. Vatikanische Konzil sagt: "Die Ordensleute sollen sorgfältig
darauf achten, daß durch sie die Kirche wirklich von Tag zu Tag mehr den
Gläubigen wie den Ungläubigen Christus sichtbar mache, wie er auf dem
Berg in der Beschauung weilte oder wie er den Scharen das Reich Gottes verkündigt
oder wie er die Kranken und Schwachen heilt oder wie er die Kinder segnet und
allen Wohltaten erweist, immer aber dem Willen des Vaters gehorsam ist, der ihn
gesandt hat".(73)
Aus der Teilhabe an den verschiedenen Formen der Sendung Christi läßt
der Geist verschiedene Ordensfamilien entstehen, die durch unterschiedliche
Sendungen und deshalb auch durch unterschiedliche Gemeinschaftsformen geprägt
sind.
b) Die Form der monastisch-kontemplativen Gemeinschaft (die Christus auf dem
Berg darstellt) ist auf die Vereinigung mit Gott und auf die Einheit der
Mitglieder untereinander ausgerichtet. Sie hat eine höchst wirkungsvolle
apostolische Zielsetzung, die jedoch zum guten Teil im Geheimnis verborgen
bleibt. Die "apostolische" Gemeinschaft (die Christus unter der Menge
darstellt) ist dem aktiven, durch ein besonderes Charisma geprägten Dienst
am Nächsten geweiht.
Unter den "apostolischen Gemeinschaften" sind einige mehr auf das
gemeinsame Leben ausgerichtet, so daß das Apostolat von der Fähigkeit
zum Gemeinschaftsleben abhängt; andere sind entschieden auf die
missionarische Tätigkeit hin ausgerichtet, weshalb die Form der
Gemeinschaft von der Form der missionarischen Tätigkeit bedingt wird. Die
ausgesprochen auf die verschiedenen Arten des apostolischen Dienstes
orientierten Institute betonen die Priorität der ganzen Ordensfamilie, die
als ein einziger apostolischer Körper und als eine große Gemeinschaft
vom Geist eine Sendung in der Kirche empfangen hat. Die communio, die die ganze
Familie belebt und eint, wird konkret in den einzelnen Hausgemeinschaften
gelebt, denen die Ausführung der Sendung gemäß den
unterschiedlichen Erfordernissen anvertaut ist.
Es gibt also unterschiedliche, durch Jahrhunderte überlieferte Formen
von Ordensgemeinschaften, wie die monastische Gemeinschaft, die
Konventual-Gemeinschaft und die aktive oder "diakonale"
Ordensgemeinschaft.
"Das gemeinsame Leben in Gemeinschaft" hat also nicht für
alle Ordensleute dieselbe Bedeutung. Mönche, Konventualen und aktiv tätige
Ordensleute unterscheiden sich zu Recht dadurch, wie sie die Ordensgemeinschaft
verstehen und leben.
Diese Verschiedenheit findet sich in den Konstitutionen, die gleichzeitig
mit dem Charakter des Instituts auch jenen der Ordensgemeinschaft beschreiben.
c) Allgemein wird betont, daß es besonders für die in
apostolischen Werken tätigen Ordensgemeinschaften ziemlich schwierig sei,
im praktischen Alltag das Gleichgewicht von Gemeinschaft und apostolischem
Einsatz zu wahren. Wenn es gefährlich ist, diese beiden Aspekte einander
entgegenzustellen, so ist es doch schwierig, sie miteinander in Einklang zu
bringen. Auch hierin liegt eine der fruchtbaren Spannungen des Ordenslebens,
dessen Aufgabe es ist, gleichzeitig sowohl das Wachstum des 'Jüngers' zu fördern,
der mit Christus und mit der Schar derer, die ihm nachfolgen, lebt, als auch
jenes des 'Apostels', der an der Sendung des Herrn teilnimmt.
d) Die Verschiedenheit der apostolischen Erfordernisse führte in den
vergangenen Jahren oft zur Koexistenz sehr unterschiedlicher Gemeinschaften
innerhalb ein und desselben Instituts: große, fest strukturierte
Gemeinschaften, und kleine, beweglichere Gemeinschaften, ohne deshalb jedoch die
charakteristischen Merkmale einer Ordensgemeinschaft zu verlieren.
Dies alles beeinflußt nicht unerheblich das Leben eines Instituts und
dessen Charakter, der nicht mehr, wie einst, eng umrissen ist, sondern sich
formenreicher zeigt und verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten für die
Ordensgemeinschaft offenläßt
e) In manchen Instituten hat die Tendenz, die apostolische Tätigkeit stärker
als das Gemeinschaftsleben zu betonen, oder die Vielfalt der Einheit
vorzuziehen, das gemeinsame brüderliche Leben tief beeinflußt, bis zu
dem Punkt, daß es manchmal geradezu zu einer Option wurde anstatt ein
integrierender Bestandteil des Ordenslebens zu sein.
Die sicherlich nicht positiven Folgen geben Anlaß, diesen Weg
ernsthaft in Frage zu stellen, und legen eher nahe, die enge Verbindung von
Gemeinschaft und Sendung neu zu entdecken, um so kreativ jene Einseitigkeiten zu
überwinden, die den Reichtum des Ordenslebens immer mehr verarmen lassen.
In der Ortskirche
60. Was ihre missionarische Präsenz anbetrifft, so steht eine
Ordensgemeinschaft innerhalb einer bestimmten Ortskirche, der sie den Reichtum
ihrer Lebensweihe, ihres brüderlichen Lebens und ihres Charismas schenkt.
Durch ihre schlichte Gegenwart birgt sie in sich nicht nur den Reichtum des
christlichen Lebens, sondern stellt gleichzeitig eine besonders wirkungsvolle
Verkündigung der christlichen Botschaft dar. Man kann sagen, sie ist eine
fortwährende und lebendige Verkündigung. Diese objektive Gegebenheit
schärft ganz offenkundig das Verantwortungsbewußtsein der
Ordensleute, indem sie sie in die Pflicht nimmt, dieser ihrer erstrangigen
Sendung treu zu bleiben und alles zu verbessern oder auszumerzen, was die
Attraktivität dieses ihres Erscheinungsbildes schwächt oder verwässert,
und sie macht deren Anwesenheit in der Ortskirche sehr erwünscht und
wertvoll, unabhängig von jeder anderen Überlegung.
Da die Liebe das höchste aller Charismen darstellt (vgl. 1 Kor 13,13),
bereichert eine Ordensgemeinschaft die Kirche, deren lebendiger Teil sie ist, in
erster Linie durch ihre Liebe.
Die Ordensgemeinschaft liebt zugleich die universale Kirche und die konkrete
Ortskirche, zu der sie gehört, weil sie innerhalb der Kirche steht und als
Kirche sich in Beziehung zur Gemeinschaft der heiligsten und heiligmachenden
Dreifaltigkeit weiß, der Quelle jeglichen Gutes. So wird sie zu einem
hervorragenden Ausdruck des innersten Wesens der Kirche selbst.
Sie liebt ihre Ortskirche, sie bereichert diese mit ihren Charismen und öffnet
sie auf eine universalere Dimension hin. Die komplexen Beziehungen zwischen den
pastoralen Erfordernissen der Ortskirche und den charismatischen Besonderheiten
der Ordensgemeinschaft wurden in dem Dokument Mutuae Relationes
behandelt, das mit seinen theologischen und pastoralen Richtlinien einen
gewichtigen Beitrag für eine herzlichere und bessere Zusammenarbeit geboten
hat. Es ist an der Zeit, dieses Dokument erneut aufzugreifen, um den Geist
wahrer Gemeinschaft zwischen Ordensgemeinschaft und Ortskirche neu anzuregen.
Die zunehmenden Schwierigkeiten, die die Verwirklichung der Sendung und der
Mangel an Personal mit sich bringen, können für Ordensgemeinschaften
und Ortskirche eine Versuchung zur Isolation darstellen, was sicherlich weder
dem gegenseitigen Verstehen noch der Zusammenarbeit dienlich ist.
So läuft einerseits die Ordensgemeinschaft Gefahr, in der Ortskirche
ohne organischen Bezug zu deren Leben und Pastoral präsent zu sein, während
man andererseits dabei ist, die Ordensgemeinschaft auf die Wahrnemnung rein
pastoraler Aufgaben zu beschränken. Noch einmal: während das
Ordensleben immer stärker die eigene, charismatische Identität betont,
fordert die Ortskirche oftmals mit Nachdruck Kräfte für die diözesane
oder pfarrliche Pastoral an, die nicht immer ganz angemessen eingesetzt werden.
Mutuae Relationes ist weit davon entfernt, die Ordensgemeinschaften in
ihrem Verhältnis zur Ortskirche zu isolieren und sie von ihr loszubinden,
ist aber ebenso davon entfernt, sie in den Belangen der Ortskirche praktisch
aufgehen zu lassen.
Wie die Ordensgemeinschaft weder unabhängig noch alternativ, und schon
gar nicht gegen die pastoralen Direktiven der Ortskirche handeln kann, ebenso
kann die Ortskirche nicht nach ihrem Gutdünken und nach ihren Bedürfnissen
über die Ordensgemeinschaft oder deren Mitglieder verfügen.
Es sei daran erinnert, daß eine zu geringe Berücksichtigung des
Charismas einer Ordensgemeinschaft weder für die Ortskirche noch für
die Ordensgemeinschaft selbst vorteilhaft ist. Nur eine Ordensgemeinschaft mit
klarem Charisma kann sich in die "Gesamtpastoral" einordnen und diese
durch ihren Beitrag bereichern, ohne sich selbst zu verfälschen.
Es darf nicht vergessen werden, daß jedes Charisma aus der Kirche und
für die Welt heranwächst, daß es beständig auf seine Ursprünge
und auf seine Ziele zurückgeführt werden muß und in dem Maße
lebt, in welchem es diesen treu bleibt.
Kirche und Welt ermöglichen seine Deutung und spornen es an zu einer
wachsenden Aktualität und Vitalität. Charisma und Ortskirche sind
nicht geschaffen, sich gegenseitig zu behindern, sondern um sich zu stützen
und zu ergänzen, und dies besonders im gegenwärtigen Augenblick, in
dem der Verwirklichung des Charismas und seiner Einordnung in veränderte
Umstände nicht wenige Probleme entgegenstehen.
Eine unvollständige gegenseitige Kenntnis der Ortskirche und des
Ordenslebens sowie der Aufgaben des Bischofs ihnen gegenüber ist oft
Ursache für viele Mißverständnisse.
Dringend wird empfohlen, in den theologischen Seminaren der Diözesen
einen speziellen Kurs über die Theologie des geweihten Lebens vorzusehen,
wo diese besonders in ihren dogmatischen, juridischen und pastoralen Aspekten
vertieft werde. Ebenso soll den Ordensleuten eine angemessene theologische
Ausbildung über die Ortskirche nicht vorenthalten werden.(74)
Vor allem aber möge eine brüderliche Ordensgemeinschaft dafür
sorgen, jenes Klima der Gemeinsamkeit zu verbreiten, das der ganzen christlichen
Gemeinde hilft, sich als "Familie der Kinder Gottes" zu fühlen.
61. Die Pfarrgemeinde
In den Pfarrgemeinden ist es manchmal schwer, das Leben der Pfarrei mit
jenem der Gemeinschaft zu verbinden.
In einigen Gegenden verursacht die Schwierigkeit, neben dem Dienst in der
Pfarrei auch noch ein Gemeinschaftsleben zu führen, bei den Ordenspriestern
nicht geringe Spannungen. Der vielfältige Einsatz in der Pfarrpastoral
geschieht oft auf Kosten des Charismas des Instituts und des
Gemeinschaftslebens. Dies kann dazu führen, daß die Gläubigen,
der Diözesanklerus und die Ordensleute selbst das Gespür für die
Besonderheit des Ordenslebens verlieren.
Die drängenden pastoralen Erfordernisse dürfen nicht vergessen
lassen, daß der beste Dienst, den eine Ordensgemeinschaft der Kirche
leisten kann, darin besteht, ihrem Charisma treu zu sein. Dies äußert
sich auch in der Übernahme und Leitung von Pfarreien: jene Pfarrgemeinden
sind zu bevorzugen, die weiterhin ein Gemeinschaftsleben gestatten und die
Verwirklichung des eigenen Charismas ermöglichen.
Auch die weiblichen Ordensgemeinschaften, die oft aufgefordert werden, in
der Pfarrseelsorge unmittelbarer präsent zu sein, erfahren ähnliche
Schwierigkeiten.
Auch hier - es sei wiederholt - wird deren Einbindung in die Pfarrgemeinde
um so fruchtbarer sein, je stärker die Ordensgemeinschaft durch die
Eigenart ihres Charismas präsent sein kann.(75) Dies mag von großem
Nutzen sein für die Ordensgemeinschaft wie für die Pastoral selbst, in
der die Ordensfrauen für gewöhnlich gut angenommen und geschätzt
sind.
62. Die kirchlichen Bewegungen
Die kirchlichen Bewegungen im weitesten Sinne des Wortes, die von einer
lebendigen Spiritualität und apostolischen Vitalität gekennzeichnet
sind, haben die Aufmerksamkeit einiger Ordensleute auf sich gezogen, die an
ihnen teilnahmen, manchmal mit dem Erfolg einer geistlichen Erneuerung, neuen
apostolischen Eifers und einer Verlebendigung ihrer Berufung. Zuweilen jedoch
haben sie auch Spaltung in die Gemeinschaft hineingetragen. Dazu ist folgendes
zu bemerken:
a) Einige dieser Bewegungen dienen schlicht der geistlichen Anregung, andere
dagegen unterhalten eigene apostolische Projekte, die unvereinbar sein können
mit jenen der eigenen Ordensgemeinschaft.
Ebenso schwankt auch der Grad der Einbeziehung der Ordensleute: einige
stehen mehr am Rande, andere sind Gelegenheitsteilnehmer, andere wiederum sind
feste Mitglieder, doch in völliger Übereinstimmung mit der eigenen
Gemeinschaft und Spiritualität.
Diejenigen jedoch, die eine vorrangige Zugehörigkeit zur Bewegung zu
erkennen geben, verbunden mit einer psychologischen Entfremdung vom eigenen
Institut, stellen ein Problem dar, da sie in einem inneren Zwiespalt leben: sie
wohnen in der Gemeinschaft, leben aber gemäß den pastoralen Absichten
und Richtlinien der Bewegung.
Es ist demzufolge scharf zwischen den jeweiligen Bewegungen wie auch
zwischen den jeweiligen Formen der Beteiligung eines Ordensmitgliedes zu
unterscheiden.
b) Die Bewegungen können eine fruchtbare Herausforderung für die
Ordensgemeinschaft darstellen, an ihre geistliche Spannkraft, an die Qualität
ihres Betens, an die Prägnanz ihrer apostolischen Initiativen, an ihre
Treue zur Kirche, an die Tiefe ihres brüderlichen Lebens. Die
Ordensgemeinschaft müßte für die Begegnung mit den Bewegungen
offen sein in einer Haltung gegenseitigen Verstehens, des Dialogs und des
Austauschs der Gaben.
Die große aszetische und mystische Tradition des Ordenslebens und
eines Instituts kann auch für die neuen Bewegungen von Nutzen sein.
c) Das Grundproblem in den Beziehungen zu Bewegungen bleibt die Identität
der einzelnen Ordensperson: ist diese stabil, wird die Beziehung beiden Gewinn
bringen.
Jene Ordensleute, die mehr in der Bewegung und für sie zu leben
scheinen, als in der eigenen Ordensgemeinschaft und für diese, seien daran
erinnert, was Potissimum Institutioni sagt: "Ein Institut besitzt
eine innere Kohärenz, die ihm aus seiner Natur, seiner Zielsetzung, seinem
Geist, seiner Anlage und seinen Überlieferungen erwächst. Dieses ganze
Erbgut stellt den Grundpfeiler sowohl für die Identität und die
Einheit des Instituts selbst, als auch für die Einheit des Lebens jedes
Mitgliedes dar. Es ist ein Geschenk des Geistes an die Kirche, das keinerlei
Einmischung, Überlagerung oder Trübung erfahren darf. Der Dialog und
die Teilnahme innerhalb der Kirche setzen voraus, daß sich jeder dessen
bewußt ist, was er ist.
Ein Kandidat für das Ordensleben (...) kann nicht gleichzeitig von
einem Verantwortlichen außerhalb des Instituts abhängig sein (...)
und von den Obern des Instituts.
Diese Forderungen bleiben über die Ordensweihe hinaus gültig, um
jeder Form von 'Mehrfachzugehörigkeiten' im persönlichen geistlichen
Leben wie auch in der Sendung des Ordensangehörigen vorzubeugen".(76)
Die Teilnahme an einer Bewegung wird für die Ordensperson dann
fruchtbar sein, wenn sie deren charakteristische Identität bestärkt.
Einige besondere Fragen
63. Einbindung in das Leben der Armen
Zusammen mit vielen anderen Brüdern und Schwestern im Glauben gehören
die Ordensgemeinschaften zu den ersten, die sich auf immer neue Weise der
materiellen und geistigen Nöte ihrer Zeit angenommen haben.
Die Armut war in den vergangenen Jahren eines der Themen, die die Herzen der
Ordensleute am leidenschaftlichsten bewegt haben. Das Ordensleben hat sich
ernsthaft gefragt, wie es sich in den Dienst des "evangelizare
pauperibus" (die Armen evangelisieren) stellen könne; es hat
jedoch auch nach dem "evangelizari a pauperibus" gefragt, d.h.
wie es selbst durch den Kontakt mit der Welt der Armen evangelisiert werden könne.
In diesem großen Aufbruch, in dem die Ordensleute es sich zum Programm
gemacht haben, "alle für die Armen", "viele mit den Armen",
"einige wie die Armen" zu leben, seien hier einige Unternehmungen
angeführt, die jene betreffen, die selbst "wie die Armen" sein
wollen.
Angesichts der Verarmung großer Volksschichten, besonders in den
verlassenen Randgebieten der Großstädte und in den vergessenen ländlichen
Gegenden sind "inserierte Ordensgemeinschaften" entstanden als eine
der Ausdrucksformen der evangeliumsgemäßen vorrangigen und
solidarischen Option für die Armen mit dem Ziel, diese in ihrem
ganzheitlichen Befreiungsprozeß zu begleiten. Zugleich sind sie aber auch
eine Frucht des Bestrebens, den armen Christus im gesellschaftlich ausgestoßenen
Bruder zu entdecken, um Ihm zu dienen und Ihm gleichförmig zu werden.
a) Die "Insertion" als Ideal und Kriterium des Ordenslebens
entfaltet sich im Umfeld einer Hinwendung des Glaubens und der Solidarität
der Ordensgemeinschaften mit den Ärmsten.
Diese Wirklichkeit muß Bewunderung hervorrufen für die Kraft des
persönlichen Einsatzes und für die damit verbundenen großen
Opfer; für die Liebe zu den Armen, die dazu drängt, deren tatsächliche,
bittere Armut zu teilen; für das Bemühen, das Evangelium unter
Menschen ohne Hoffnung anzusiedeln, um sie dem Wort Gottes näher zu
bringen, damit sie sich als lebendiger Teil der Kirche fühlen.(77) Diese
Gemeinschaften finden sich oft an Orten, die stark durch ein Klima der Gewalt
geprägt sind, das Unsicherheit mit sich bringt und manchmal auch Verfolgung
bis zur Bedrohung des Lebens. Ihr Mut ist groß und stellt ein deutliches
Zeugnis dar für die Hoffnung, daß man als Geschwister leben kann,
allem Leid und aller Ungerechtigkeit zum Trotz.
Solche Ordensgemeinschaften, die oft an die Frontlinien der Mission entsandt
wurden, und die nicht selten Zeugnis ablegen von der apostolischen Kreativität
der Gründer, müssen auf das Wohlwollen und das brüderliche Gebet
der übrigen Mitglieder des Instituts ebenso vertrauen können, wie auf
die besondere Fürsorge seitens der Obern.(78)
b) Diese Ordensgemeinschaften dürfen nicht sich selbst überlassen
bleiben, sondern es muß ihnen geholfen werden, damit ihnen ein
Gemeinschaftsleben gelinge, d.h. damit sie Raum finden für Gebet und für
das gemeinsame Leben; damit sie nicht verleitet werden, die charismatische
Originalität des Instituts zugunsten eines unterschiedslosen Dienstes an
den Armen zu relativieren; damit ihr Zeugnis für das Evangelium nicht durch
einseitige Ausdeutung oder Vereinnahmung gestört werde.(79)
Die Obern werden auch Sorge tragen, geeignete Personen auszuwählen und
solche Gemeinschaften gezielt vorzubereiten, damit ihre Verbindung zu den
anderen Gemeinschaften des Instituts gewährleistet bleibe und dadurch ihre
Kontinuität sichergestellt werde.
c) Anerkennung verdienen auch die anderen Ordensgemeinschaften, die sich
tatkräftig der Armen annehmen, sei es auf traditionelle Weise, sei es in
neuen, der neuen Armut angemesseneren Formen, sei es schließlich durch
eine Sensibilisierung aller für die Probleme der Armut, indem sie bei den
Laien Hilfsbereitschaft, Berufe für sozialen und politischen Einsatz, für
Hilfsaktionen und Volontariat wecken.
Das alles gibt Zeugnis davon, daß in der Kirche der Glaube lebt, und
daß die Liebe zu Christus wirkt, der im Armen gegenwärtig ist: "Was
ihr einem der Geringsten von diesen meinen Brüdern getan habt, das habt ihr
mir getan" (Mt 25,40).
Dort, wo die Eingliederung unter die Armen - sowohl für sie wie auch für
die Gemeinschaft selbst - zu einer wirklichen Erfahrung Gottes wurde, hat sich
die Wahrheit bestätigt, daß die Armen evangelisiert werden und daß
die Armen selbst auch evangelisieren.
64. Kleine Gemeinschaften
a) Auch andere soziale Faktoren haben einen Einfluß auf die
Gemeinschaften ausgeübt. In einigen wirtschaftlich besser entwickelten
Gegenden hat der Staat seine Aktivität im Bereich des Schulwesens, des
Gesundheitswesens und der Versorgung oft auf eine solche Weise ausgedehnt, daß
für andere Träger, auch für die Ordensgemeinschaften, kein Raum
mehr bleibt. Andererseits haben der Rückgang der Zahl der Ordensmitglieder,
und mancherorts auch ein unvollständiges Verständnis der Präsenz
der Katholiken im sozialen Bereich, die oft eher als eine Zutat, denn als eine
wesensgemäße Äußerung der christlichen Liebe betrachtet
wird, die Weiterführung großangelegter Apostolatswerke erschwert.
Dies ist ein Grund für die zunehmende Auflösung traditioneller
Apostolatswerke, die lange Zeit von großen und homogenen Gemeinschaften
getragen wurden, und für die Zunahme von kleinen Gemeinschaften mit einem
neuen Angebot von Diensten, die in den meisten Fällen mit dem Charisma des
Instituts übereinstimmen.
b) Die kleinen Gemeinschaften haben sich auch ausgebreitet aufgrund der bewußten
Entscheidung einiger Institute, in der Absicht, die brüderliche Einheit und
Zusammenarbeit durch engere persönliche Beziehungen sowie durch
gegenseitige und gemeinsam übernommene Verantwortung zu fördern.
Nach Evangelica Testificatio(80) sind solche Gemeinschaften durchaus
möglich, selbst wenn sie an ihre Mitglieder höhere Anforderungen
stellen.
c) Die kleinen Gemeinschaften, die oft in engem Kontakt mit dem Alltagsleben
und den Problemen der Menschen stehen, allerdings aber auch einem säkularisierten
Denken stärker ausgesetzt sind, haben die große Aufgabe, deutlich
sichtbare Stätten herzlicher Brüderlichkeit, frohen Eifers und übernatürlicher
Hoffnung zu sein.
Es ist also erforderlich, daß diese kleinen Gemeinschaften sich ein
tragkräftiges Lebensprogramm geben, das gleichzeitig beweglich und
verbindlich ist, das von der zuständigen Autorität gutgeheißen
ist und dem Apostolat seine gemeinschaftsbezogene Dimension sichert.
Ein derartiges Programm wird den Personen und den Bedingungen der Sendung
angepaßt sein, damit es den Ausgleich von Gebet und Arbeit, von
gemeinschaftlicher Zurückgezogenheit und apostolischer Tätigkeit gewährleiste.
Es wird außerdem regelmäßige Treffen mit den anderen
Gemeinschaften desselben Instituts vorsehen, eben um die Gefahr der Isolierung
und der Absonderung von der großen Gemeinschaft des Instituts zu
vermeiden.
d) Auch wenn die kleinen Gemeinschaften ihre Vorzüge haben können,
so ist es in der Regel doch nicht empfehlenswert, daß ein Institut
lediglich aus kleinen Gemeinschaften besteht. Die größeren
Gemeinschaften sind notwendig. Sie können dem gesamten Institut wie auch
den kleinen Gemeinschaften wertvolle Dienste leisten: sie können ein
intensiveres und reicheres Gebetsleben pflegen und die Feste entsprechend
gestalten, sie können bevorzugte Orte für Studium und Besinnung sein,
sie können den Mitgliedern, die an den schwierigeren Fronten der
Evangelisierung arbeiten, Möglichkeiten zur Einkehr und Erholung bieten.
Dieser Austausch zwischen den Gemeinschaften wird dann fruchtbar, wenn er in
einer Atmosphäre des Wohlwollens und der Offenheit stattfindet.
Alle Gemeinschaften sollen vor allem an ihrer brüderlichen Liebe
erkennbar sein, an ihrem einfachen Lebensstil, an der Sendung im Namen des
Instituts, an ihrer beharrlichen Treue zum eigenen Charisma und an der beständigen
Verbreitung des "Wohlgeruchs Christi" (2 Kor 2,15), und so in den
unterschiedlichsten Verhältnissen dem verirrten und von der gegenwärtigen
Gesellschaft zerrissenen Menschen die "Wege des Friedens" weisen.
65. Ordensleute auf Einzelposten
Zuweilen begegnet man auch dem Phänomen, daß Ordensleute alleine
leben. Das gemeinsame Leben in einem Haus des Instituts gehört wesentlich
zum Ordensleben. "Die Ordensleute wohnen im eigenen Ordenshaus und führen
ein gemeinsames Leben. Sie dürfen nicht ohne ernsthaften Grund allein
leben, besonders dann, wenn sich in der Nähe eine Gemeinschaft ihres
Instituts befindet".(81)
Es gibt jedoch Ausnahmen, die vom Obern geprüft werden müssen und
von ihm erlaubt werden können,(82) und zwar aus Gründen des Apostolats
im Namen des Instituts (wie z.B. Aufträge im Namen der Kirche, außergewöhnliche
Aufgaben, große Entfernungen in Missionsgebieten, allmähliche
Reduzierung einer Gemeinschaft auf ein einzelnes Mitglied in einem
institutseigenen Werk), aus Gesundheitsgründen und zum Studium.
Während es Pflicht der Obern ist, häufige Kontakte mit den
Mitgliedern auf Einzelposten zu pflegen, ist es gleichzeitig Pflicht dieser
Mitglieder, in sich selbst das Bewußtsein der Zugehörigkeit zum
Institut und der Gemeinschaft mit deren Mitgliedern lebendig zu erhalten und
kein Mittel ungenützt zu lassen, das die Festigung der brüderlichen
Bande fördern kann. Man schaffe deshalb "Zeiten starker
Gemeinschaftserfahrung", man plane regelmäßige Zusammenkünfte
mit den andern zur Weiterbildung, zu mitbrüderlichem Austausch, zu
Neuorientierung und Gebet, zum Durchatmen in einem Klima familiärer
Geborgenheit. Wo immer sich das Mitglied eines Institutes jedoch befindet, muß
es Träger des Charismas seiner Ordensfamilie sein.
Eine "alleinlebende" Ordensperson stellt niemals ein Ideal dar. In
der Regel ist sie eingebunden in eine brüderliche Gemeinschaft: in diesem
gemeinsamen Leben hat sie sich Gott geweiht, innerhalb dieser Lebensform übt
sie für gewöhnlich ihr Apostolat aus, zu diesem Leben kehrt sie mit
Leib und Seele jedesmal wieder zurück, wenn die Umstände sie für
kürzere oder längere Zeit zu einem Leben fern der Gemeinschaft
gezwungen haben.
a) Die Erfordernisse eines bestimmten Apostolatswerkes, z.B. eines Diözesanwerkes,
veranlaßten verschiedene Institute, eines ihrer Mitglieder in die
Zusammenarbeit mit Mitgliedern aus verschiedenen Instituten zu entsenden.
Man hat gute Erfahrungen damit gemacht, daß Ordensfrauen, die in einem
Werk an einem Ort zusammenarbeiten, an dem keine Gemeinschaften des eigenen
Instituts bestehen, anstatt allein zu wohnen, gemeinsam in einem Haus
zusammenleben, miteinander beten, das Wort Gottes bedenken und Mahlzeiten und
Hausarbeiten miteinander teilen usw. Immer vorausgesetzt, daß dies keinen
Ersatz für eine lebendige Verbindung mit dem eigenen Institut darstellt,
kann auch diese Form von "gemeinsamem Leben" zum Nutzen für ein
Werk und für die Ordensfrauen selbst sein.
Die Ordensleute seien klug bei der Übernahme von Arbeiten, die im
Regelfall ein Leben außerhalb einer Gemeinschaft erfordern; ebenso klug
seien auch die Obern, wenn sie ihnen eine solche Arbeit übertragen.
b) Auch die Bitte, den alten und kranken Eltern beizustehen, was oft lange
Abwesenheiten von der Gemeinschaft bedingt, erfordert aufmerksames Prüfen,
und möglicherweise kann ihr durch andere Lösungen entsprochen werden,
um zu lange Abwesenheiten des Sohnes oder der Tochter zu verhindern.
c) Es ist festzuhalten, daß ein Ordensmitglied, das ohne Auftrag oder
Erlaubnis seines Obern allein lebt, sich der Verpflichtung zum gemeinsamen Leben
entzieht. Es genügt auch nicht, an gelegentlichen Treffen oder Feiern
teilzunehmen, um wirklich Ordensmitglied zu sein. Solche Zustände, die für
Ordensleute rechtswidrig und unzulässig sind, müssen schrittweise
beseitigt werden.
d) Jedenfalls ist die Erinnerung daran nützlich, daß ein
Ordensmann oder eine Ordensfrau - selbst wenn sie außerhalb ihrer
Gemeinschaft leben - in allem, was ihr Apostolat betrifft,(83) der Autorität
des Bischofs unterstellt sind, der von ihrem Aufenthalt in seiner Diözese
unterrichtet werden muß.
e) Sollte es jedoch bedauerlicherweise Institute geben, in denen die
Mehrzahl der Mitglieder nicht mehr in Gemeinschaften leben, dann dürften
solche Institute nicht mehr als wirkliche Ordensinstitute angesehen werden.
Obere und Mitglieder sind aufgefordert, ernsthaft über diese schmerzliche Möglichkeit
sowie über die Wichtigkeit einer energischen Wiederaufnahme des brüderlichen
Lebens in Gemeinschaft nachzudenken.
66. In den Missionsgebieten
Das brüderliche Leben in Gemeinschaft ist von besonderem Wert in den
Missionen ad gentes, weil es dort einer vor allem nicht-christlichen
Welt das "Neue" des Christentums zeigt, das heißt jene Liebe,
die fähig ist, durch Rasse, Farbe oder Stammeszugehörigkeit bedingte
Trennungen zu überwinden. In einigen Gegenden, in denen eine Verkündigung
des Evangeliums unmöglich ist, bleiben die Ordensgemeinschaften fast das
einzige Zeichen und das stille und wirksame Zeugnis für Christus und die
Kirche.
Doch nicht selten sind es gerade die Missionsländer, wo beachtliche
Schwierigkeiten für die Errichtung von stabilen und lebensfähigen
Ordensgemeinschaften bestehen: die Entfernungen, die eine große Mobilität
und weitzerstreute Niederlassungen erfordern, die Zugehörigkeit zu
unterschiedlichen Rassen, Stämmen und Kulturen, die Notwendigkeit der
Ausbildung in von mehreren Instituten getragenen Gemeinschaftszentren. Diese und
weitere Ursachen können dem Gemeinschaftsideal hinderlich sein.
Wichtig ist, daß die Mitglieder der Institute sich des Außergewöhnlichen
einer solchen Situation bewußt sind, einen häufigen Austausch
untereinander pflegen, sich regelmäßig treffen und daß sie, so
bald wie nur möglich, brüderliche und missionarisch geprägte
Gemeinschaften bilden, damit das hervorstechendste aller missionarischen Zeichen
errichtet werden kann: "daß (...) alle eins seien, damit die Welt
glaubt" (Joh 17,21).
67. Die Neuordnung der Apostolatswerke
Die Veränderungen der kulturellen und kirchlichen Gegebenheiten, die
inneren Faktoren in der Entwicklung der Institute sowie deren schwankende
Einkommen können - besonders in einigen Regionen des Westens - eine
Neuorganisierung der Werke und der Präsenz der Ordensgemeinschaften
erforderlich machen.
Diese nicht einfache Aufgabe bringt konkrete Auswirkungen auf das
Gemeinschaftsleben mit sich. Es handelt sich dabei im allgemeinen um Werke, für
welche viele Mitbrüder und Mitschwestern ihre besten apostolischen Kräfte
eingesetzt haben, und mit denen sie durch besondere psychische und geistliche
Beziehungen verbunden sind.
Die Zukunft dieser Werke, ihre apostolische Zeichenhaftigkeit und ihre
Neustrukturierung verlangen Studium, Auseinandersetzung und kritisches Abwägen.
Dies alles kann zu einer Schule werden, in der gemeinsam der Wille Gottes
gesucht und angenommen wird, es kann gleichzeitig aber auch Anlaß zu
schmerzhaften und nur schwer zu überwindenden Konflikten sein.
Folgende Kriterien dürfen dabei nicht vergessen werden, die die
Gemeinschaften im Moment der manchmal kühnen und schmerzhaften
Entscheidungen leiten können: das Bemühen, die Zeichenhaftigkeit des
eigenen Charismas in einem bestimmten Umfeld zu wahren; die Sorge um die
Erhaltung eines lebendigen und echt brüderlichen Lebens; die Berücksichtigung
der Bedürfnisse der Ortskirche. Es ist also ein vertrauensvoller und beständiger
Dialog mit der Ortskirche zu führen und eine wirksame Verbindung mit den
entsprechenden Institutionen der Orden zu unterhalten.
Neben der Rücksicht auf die Bedürfnisse der Ortskirche muß
die Ordensgemeinschaft sich auch mitbetroffen fühlen von all dem, was die
Welt vernachlässigt, d.h. von der neuen Armut und dem neuen Elend, die in
vielerlei Formen in verschiedenen Teilen der Erde bestehen.
Diese Umstrukturierung wird kreativ sein und prophetisch wirken, wenn sie
bemüht ist, Signale einer neuen Präsenz zu setzen - sei es auch in
bescheidener Anzahl - um durch sie auf die neuen Bedürfnisse zu antworten,
besonders auf jene der am meisten verlassenen und vergessenen Gegenden.
68. Die alten Ordensleute
Das Gemeinschaftsleben sieht sich heute immer häufiger dem Faktum des
steigenden Alters seiner Mitglieder gegenüber. Der Prozeß der Überalterung
hat durch die Abnahme neuer Berufe und durch die Fortschritte der Medizin
besondere Bedeutung erhalten.
Für die Gemeinschaft beinhaltet diese Tatsache einerseits das Bemühen,
die alten Mitbrüder und Mitschwestern und die Dienste, die sie noch
anzubieten vermögen, in ihrer Mitte als wertvoll anzunehmen, und
andererseits die Aufmerksamkeit, brüderlich und dem Stil des Ordenslebens
entsprechend jene geistlichen und materiellen Hilfen zu gewährleisten, auf
die alte Leute angewiesen sind.
Die Anwesenheit von alten Menschen in den Gemeinschaften kann sehr positiv
sein. Ein altes Ordensmitglied, das sich nicht von den Unpäßlichkeiten
und Beschränkungen seines Alters unterkriegen läßt, sondern die
Freude, die Liebe und die Hoffnung in sich wachhält, bedeutet für die
jungen Leute eine unschätzbare Hilfe. Sein Zeugnis, seine Weisheit und sein
Beten stellen eine ständige Ermutigung dar auf ihrem geistlichen und
apostolischen Weg. Andererseits trägt ein Ordensmitglied, das sich um seine
alten Mitbrüder oder Mitschwestern sorgt, zur evangelischen Glaubwürdigkeit
seines Instituts bei als einer "wahren Familie, die im Namen des Herrn
beisammen ist".(84)
Es ist angebracht, daß auch die Ordensleute sich frühzeitig auf
das Alter vorbereiten und ihre "aktive" Zeit verlängern, indem
sie lernen, wie sie auf die ihnen eigene Weise Gemeinschaft bilden und an der
gemeinsamen Sendung teilnehmen können, und indem sie durch eine positive
Annahme der Herausforderungen des Alters, in geistiger und kultureller
Lebendigkeit, durch ihr Gebet und durch ihr Aushalten im Arbeitsbereich solange
es nur geht, ihre - wenngleich beschränkten - Dienste leisten. Die Obern mögen
Kurse und Treffen veranlassen, die einer persönlichen Vorbereitung dienen
und ein möglichst langes Verbleiben im gewohnten Arbeitsbereich wertvoll
machen.
Wenn sie dann tatsächlich ihre Selbständigkeit verlieren oder
besonderer Pflege bedürfen, muß das Institut, selbst wenn diese
Pflege durch Laien geschieht, mit großer Sorgfalt sich um ihre geistige
Betreuung kümmern, damit die alten Menschen spüren, daß sie ins
Leben des Instituts eingebunden, an dessen Sendung beteiligt, in seine
apostolische Dynamik einbezogen, in der Einsamkeit gestützt und im Leiden
ermutigt sind. Denn tatsächlich stehen sie nicht außerhalb der
Sendung, sondern sind in deren Mitte hineingenommen und haben an ihr auf eine
neue und wirksame Weise Anteil.
Ihre obgleich unsichtbare Fruchtbarkeit steht jener der aktiveren
Gemeinschaften nicht nach. Denn diese schöpfen Kraft und Fruchtbarkeit aus
dem Gebet, dem Leiden und der scheinbaren Unwirksamkeit der ersteren. Die
Sendung bedarf beider: die Früchte werden offenbar, wenn der Herr mit
seinen Engeln in Herrlichkeit kommt.
69. Die Probleme der zunehmenden Zahl der alten Ordensleute werden noch drängender
in einigen Klöstern, die schon durch das Ausbleiben neuer Berufe geschwächt
sind. Da ein Kloster gewöhnlich eine autonome Gemeinschaft darstellt, tut
es sich schwer damit, diesen Problemen allein zu begegnen. Deshalb sei an die
Wichtigkeit gemeinsamer Strukturen erinnert, wie z.B. der Föderationen, die
bei der Bewältigung solcher Zustände personellen Rückgangs helfen
können.
Die Treue zum kontemplativen Leben der Mitglieder eines Klosters verlangt
die Union mit einem anderen Kloster desselben Ordens immer dann, wenn eine
monastische Gemeinschaft aus Gründen der Zahl, des Alters oder des
Ausbleibens von Berufen dem eigenen Erlöschen entgegensieht. Auch in den
schmerzhaften Fällen jener Gemeinschaften, denen es nicht gelingt, ihrer
eigenen Berufung gemäß zu leben, die ausgebrannt sind durch ihre
praktische Arbeit, oder sich in der Betreuung ihrer Alten und Kranken erschöpfen,
wird es erforderlich sein, innerhalb desselben Ordens Verstärkung für
sie zu suchen oder eine Union oder Fusion mit einem anderen Kloster
anzustreben.(85)
70. Ein neues Verhältnis zu den Laien
Die Ekklesiologie des Konzils hat die gegenseitige Ergänzung der
verschiedenen Berufungen in der Kirche herausgestellt, deren Auftrag es ist,
miteinander, überall und auf jede Weise Zeugen des auferstandenen Herrn zu
sein. Die Begegnung und Zusammenarbeit von Ordensmännern, Ordensfrauen und
besonders auch von gläubigen Laien stellt gleichsam ein Muster kirchlicher
Gemeinschaft dar und verstärkt die apostolischen Kräfte für die
Evangelisierung der Welt.
Ein angemessener Kontakt zwischen den Werten der Berufung der Laien, zu
denen z.B. die realistische Kenntnis des Lebens in der Welt, in Kultur, Politik
und Wirtschaft usw. gehört, und den typischen Werten des Ordenslebens, wie
der vorbehaltlosen Nachfolge Christi, der kontemplativen und eschatologischen
Dimension der christlichen Existenz usw., kann zwischen Laien und
Ordensgemeinschaften zu einem fruchtbaren Austausch ihrer Gaben führen.
Die Zusammenarbeit und der Austausch der Gaben wird um so intensiver, wenn
die Laiengruppen kraft ihrer Berufung und auf die ihnen eigene Weise inmitten
derselben geistlichen Familie am Charisma und an der Sendung des Instituts
teilhaben. Dann werden fruchtbare Beziehungen entstehen, die auf einer reifen
Mitverantwortung gründen und durch geeignete Einführung in die
Spiritualität des Instituts gestärkt werden.
Um zu diesem Ziel zu gelangen, bedarf es jedoch solcher
Ordensgemeinschaften, die über eine klare, innerlich angenommene und
gelebte charismatische Identität verfügen, d.h. die imstande sind,
diese auch an andere weiterzugeben und sie mit anderen zu teilen;
Ordensgemeinschaften sind notwendig, die tief ihre Spiritualität leben und
Freude an ihrer Sendung ausstrahlen, damit sie dadurch denselben Geist und
denselben evangelisierenden Schwung weitergeben können;
Ordensgemeinschaften sind nötig, die es verstehen, die Laien zu motivieren
und dazu zu ermutigen, das Charisma des Instituts entsprechend ihrem welthaften
Charakter und gemäß ihrem eigenen Lebensstil anzunehmen, und die
diese einladen, neue Formen der Verwirklichung desselben Charismas und derselben
Sendung zu entdecken. Auf diese Weise kann die Ordensgemeinschaft zu einem
Zentrum werden, das geistliche Kraft ausstrahlt und motiviert, das eine Brüderlichkeit
ausstrahlt, die selbst wieder Brüderlichkeit schafft, zu einem Ort gelebter
kirchlicher communio und Zusammenarbeit, in der die verschiedenen Beiträge
zur Erbauung des Leibes Christi, der die Kirche ist, zusammengeführt
werden.
Es versteht sich, daß diese engere Zusammenarbeit unter Respektierung
der verschiedenen Berufungen und der unterschiedlichen Lebensstile der
Ordensleute und der Laien geschehen muß. Die Ordensgemeinschaft hat ihre
eigenen Bedürfnisse, was geistliche Anregung, Zeitplan, Disziplin und Zurückgezogenheit(86)
betrifft. Diese machen jene Formen der Zusammenarbeit unzumutbar, die eine
Wohngemeinschaft und ein Zusammenleben von Ordensleuten und Laien mit sich
bringen, denn auch die Laien haben ihre eigenen Bedürfnisse, die zu
respektieren sind.
Die Ordensgemeinschaft würde sonst ihren eigenen Charakter verlieren,
den sie sich durch die Pflege des eigenen Gemeinschaftslebens bewahren muß.
SCHLUßBEMERKUNG
71. Als ein Ausdruck von Kirche ist die Ordensgemeinschaft eine Frucht des
Geistes und Teilhabe an der trinitarischen Gemeinschaft. Hier gründet für
jede einzelne Ordensperson und für alle zusammen die Pflicht, sich
mitverantwortlich zu fühlen für das brüderliche Leben in
Gemeinschaft, damit es unverkennbar die Zugehörigkeit zu Christus bezeuge,
der Brüder und Schwestern zum gemeinsamen Leben 'in seinem Namen' erwählt
und beruft.
"Die ganze Fruchtbarkeit des Ordenslebens hängt von der Qualität
des brüderlichen Lebens in Gemeinschaft ab. Mehr noch: die gegenwärtige
Erneuerung in der Kirche und im Ordensleben ist geprägt von einer Suche
nach communio und Gemeinschaft".(87)
Für einzelne Ordensleute und für manche Gemeinschaft mag es als
ein hartes und fast aussichtsloses Unterfangen erscheinen, die Auferbauung eines
brüderlichen Lebens in Gemeinschaft neu in Angriff zu nehmen. Angesichts
einiger Wunden aus der Vergangenheit, der Schwierigkeiten der Gegenwart und
einer Zukunft, die im Dunkeln liegt, kann diese Aufgabe die schwachen,
menschlichen Kräfte zu übersteigen scheinen.
Es geht darum, die gläubig gelebte Bedeutung des brüderlichen
Lebens in Gemeinschaft neu zu bedenken und fest davon überzeugt zu sein, daß
sich das Zeugnis der Weihe an Gott durch dieses brüderliche Leben
verwirklicht.
"Die Antwort auf diese Einladung, gemeinsam mit dem Herrn die
Gemeinschaft in täglicher Geduld aufzuerbauen - fährt der hl. Vater
fort - führt auf den Weg des Kreuzes, und verlangt häufigen
Selbstverzicht..."(88)
Vereint mit Maria, der Mutter Jesu, beten unsere Gemeinschaften zum Heiligen
Geist, zu dem, der die Macht hat, Gemeinschaften zu schaffen, die die Freude des
Evangeliums auszustrahlen und neue Jünger anzuziehen vermögen, indem
sie dem Beispiel der Urgemeinde nachfolgen, die "in der Lehre der Apostel
beharrte, in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet" (Apg 2,42), und
in welcher "mehr und mehr die Zahl derer wuchs, die an den Herrn glaubten"
(Apg 5,14).
Möge Maria die Ordensgemeinschaften um sich vereinen und ihnen täglich
in der Anrufung des Geistes beistehen, der das einigende Band, die Quelle und
die innerste Triebkraft jeder brüderlichen und schwesterlichen Gemeinschaft
ist.
Am 15. Januar 1994 hat der Heilige Vater vorstehendes Dokument der
Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften
des apostolischen Lebens gutgeheißen und dessen Veröffentlichung
zugestimmt.
Rom, am 2. Februar 1994, am Fest der Darstellung des Herrn.
Eduardo Card. Martínez Somalo Präfekt
+ Francisco Javier Errázuriz Ossa Titular-Erzbischof
von Hólar
Sekretär
ANMERKUNGEN
(1) PC 2
(2) vgl. PC 2-4
(3) vgl. LG 44d
(4) vgl. PC 15a; LG 44c
(5) vgl. MR 11
(6) LG 12
(7) vgl. MR 14
(8) vgl. ET 30-39; MR 2,3,10,14; EE 18-22; PI 25-28; vgl. auch can. 602
(9) vgl. can. 594 § 1
(10) vgl. PC 15
(11) vgl. can. 602, 619
(12) can. 607 § 2
(13) vgl. can 602
(14) vgl. can. 608; 665
(15) can. 731 § 1
(16) vgl. can. 607 § 2; auch can. 602
(17) vgl. can. 587
(18) SD 178 und 180
(19) vgl. Mulieris Dignitatem; vgl.GS 9, 60
(20) vgl. PC 15a; can. 602
(21) vgl. GS 3
(22) vgl. LG 7
(23) vgl. LG 4; MR 2
(24) vgl. PC 1; EE 18-22
(25) vgl. PC 1
(26) RPU 24
(27) vgl. PI 21-22
(28) DC 15
(29) vgl. can. 663 § 3 und 608
(30) vgl. PO 6,; PC 6
(31) vgl. can. 608
(32) PO 6
(33) vgl. can. 663 § 4
(34) DC 15
(35) vgl. PI 32-34; 87
(36) vgl. LG 46b
(37) vgl. can. 602; PC 15a
(38) vgl. ET 39
(39) vgl. PC 14
(40) vgl. can. 619
(41) vgl. ET 39; EE 19
(42) Hl. Hilarius, Tract. in Ps. 132, PL (Supl.) 1,244
(43) s.o. Nr. 14, 16, 28, 31
(44) vgl. DC 14 und PI 13; can. 666
(45) vgl. LG 46
(46) ebd.
(47) vgl. EE 45
(48) ebd.
(49) EE 47
(50) vgl. LG 44
(51) PI 43
(52) vgl. PI 43, 51, 63
(53) PI 52
(54) vgl. PC 14c; can. 618; EE 49
(55) EE 22; vgl. auch MR 12
(56) vgl. ET 40
(57) vgl. PI 66-69
(58) vgl. RPU 25
(59) MR 13
(60) PC 12; vgl. can. 607
(61) EE 18; vgl. MR 11-12
(62) vgl. MR 11
(63) vgl. MR 11-12; EE 11; 41
(64) can. 619
(65) can. 618
(66) vgl. ebd.
(67) can 619
(68) vgl. PC 14; EE 49
(69) Johannes Paul II. vor der Plenaria der CIVCSVA (20.11.1992), nr. 3, OR
21.11.1992
(70) vgl. LG 1
(71) Johannes Paul II. vor der Plenaria der CIVCSVA (20.11.1992), nr. 4, OR
21.11.1992
(72) ChL 32
(73) LG 46a
(74) vgl. MR 30e, 47
(75) vgl. MR 49-50
(76) PI 93
(77) vgl. SD 85
(78) vgl. RPU 6; EN 69; SD 92
(79) vgl. PI 28
(80) vgl. ET 40
(81) EE III,12
(82) vgl. can. 665 § 1
(83) vgl. can. 678 § 1
(84) PC 15a
(85) vgl. PC 21 und 22
(86) vgl. ca. 667, 607 § 3
(87) Johannes Paul II, vor der Plenaria der CIVCSVA (20.11.1992), nr. 2, OR
21.11.1992
(88) ebd. nr. 2
ABKÜRZUNGEN
DOKUMENTE DES II. VATIKANISCHEN KONZILS
DV Dogmatische Konstitution Dei Verbum, 1965
GS Pastoralkonstitution Gaudium et Spes, 1965
LG Dogmatische Konstitution Lumen Gentium, 1964
PC Dekret Perfectae Caritatis, 1965
PO Dekret Presbyterorum Ordinis, 1965
SC Konstitution Sacrosanctum Concilium, 1963
PÄPSTLICHE VERLAUTBARUNGEN
ChL Apostolische Ermahnung Christifideles Laici, Johannes Paul II,
1989
EN Apostolische Ermahnung Evangelii Nuntiandi, Paul VI, 1975
ET Apostolische Ermahnung Evangelica Testificatio, Paul VI, 1971
MD Apostolisches Schreiben Mulieris Dignitatem, Johannes Paul II,
1988
MM Enzyklika Mater et Magistra, Johannes XXIII, 1961
DOKUMENTE DES HL. STUHLES
can. Kanon des Codex Iuris Canonici, 1983
DC La dimensione comtemplativa della vita religiosa (Die
kontemplative Dimension des Ordenslebens), Dokument der Kongregation für
die Ordens- und Säkularinstitute (CRIS), 1980
EE Elementi essenziali dell'insegnamento della Chiesa sulla vita
religiosa (Wesentliche Elemente in der Lehre der Kirche über das
Ordensleben), Dokument der CRIS, 1983
MR Mutuae Relationes (Leitlinien für die gegenseitigen
Beziehungen zwischen Bischöfen und Ordensleuten in der Kirche), Dokument
der Kongregation für die Bischöfe und der CRIS, 1978
PI Potissimum Institutioni (Richtlinien für die Ausbildung in den
Ordensinstituten), Dokument der Kongregation für die Institute des
geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens (CIVCSVA), 1990
RPU Religiosi e promozione umana (Das Ordensleben und die Förderung
des Menschen), Dokument der CRIS, 1980
WEITERE DOKUMENTE
CIVCSVA Congregazione per gli Istituti di vita religiosa e le Società
di vita apostolica
OR L'Osservatore Romano
SD Santo Domingo, Schlußfolgerungen der IV.
Generalversammlung des Lateinamerikanischen Episkopates, 1992
N.B. Die Verwendung der Begriffe "Bruder, brüderlich" folgt
dem italienischen Text und meint, wo und wie dieser, beide Geschlechter.
INHALT
EINLEITUNG
Die theologische Entwicklung
Die kirchenrechtliche Entwicklung
Die gesellschaftliche Entwicklung
Änderungen im Ordensleben
Ziele des Dokuments
I· DAS GESCHENK DER COMMUNIO UND DER GEMEINSCHAFT
Die Kirche als communio
Die Ordensgemeinschaft als Ausdruck der kirchlichen communio
II· DIE ORDENSGEMEINSCHAFT ALS ORT, WO MAN BRUDER UND SCHWESTER WIRD
Spiritualität und gemeinsames Beten
Persönliche Freiheit und Verwirklichung der Brüderlichkeit
Miteinander wachsen durch gegenseitigen Austausch
Ordensgemeinschaft und Reifung der Person
Die Identität
Die Affektivität
Unstimmigkeiten
Vom Ich zum Wir
Die Ordensgemeinschaft in beständiger Weiterbildung
Die gemeinschaftsbezogene Dimension der evangelischen Räte
Die Autorität im Dienst der Brüderlichkeit
Die Brüderlichkeit als Zeichen
III· DIE ORDENSGEMEINSCHAFT ALS ORT UND TRÄGERIN DER SENDUNG
Ordensgemeinschaft und Sendung
In der Ortskirche
Die Pfarrgemeinde
Die kirchlichen Bewegungen
Einige besondere Fragen
Einbindung in das Leben der Armen
Kleine Gemeinschaften
Ordensleute auf Einzelposten
In den Missionsgebieten
Die Neuordnung der Apostolatswerke
Die alten Ordensleute
Ein neues Verhältnis zu den Laien
SCHLUSSBEMERKUNG
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