 |
KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE
SCHREIBEN AN DIE BISCHÖFE DER KATHOLISCHEN KIRCHE
ÜBER DIE SEELSORGE FÜR HOMOSEXUELLE PERSONEN
1. Das Problem der Homosexualität und der moralischen Beurteilung homosexueller
Handlungen ist in zunehmendem Maße zu einem Thema der öffentlichen Debatte
geworden, auch in katholischen Kreisen. Daß in dieser Diskussion oft Argumente
vorgebracht und Positionen bezogen werden, die der Lehre der katholischen Kirche
nicht entsprechen, hat die berechtigte Sorge all derer wachgerufen, die in der
Seelsorge tätig sind. Diese Kongregation ist daher zu dem Urteil gekommen, daß
das Gewicht und die Verbreitung des Problems es rechtfertigen, dieses Schreiben
über die Seelsorge für homosexuelle Personen an alle Bischöfe der katholischen
Kirche zu richten.
2. Eine erschöpfende Behandlung dieses komplexen Themas kann selbstverständlich
an dieser Stelle nicht unternommen werden; vielmehr wird sich die Aufmerksamkeit
eher auf den besonderen Zusammenhang der Sichtweise katholischer Moral
konzentrieren. Diese hat durch die gesicherten Ergebnisse der
Humanwissenschaften Bestätigung und Bereicherung erfahren, welche ihr eigenes
Forschungsgebiet und ihre eigene Methode haben, die sich berechtigter Autonomie
erfreuen.
Der Standpunkt der katholischen Moral fußt auf der menschlichen Vernunft, die
durch den Glauben erleuchtet und von der bewußten Absicht geleitet ist, den
Willen Gottes, unseres Vaters, zu erfüllen. Auf diese Weise befindet sich die
Kirche zum einen in der Lage, von den wissenschaftlichen Forschungsergebnissen
lernen zu können, zum anderen aber auch, deren Gesichtskreis zu übersteigen. Sie
ist sich dessen sicher, daß ihre umfassendere Sicht die komplexe Wirklichkeit
der menschlichen Person achtet, die in ihren geistigen wie körperlichen
Dimensionen von Gott geschaffen und dank seiner Gnade zum ewigen Leben berufen
ist.
Nur innerhalb dieses Zusammenhangs läßt sich klar erkennen, in welchem Sinn das
Phänomen der Homosexualität, so vielschichtig und folgenreich es für
Gesellschaft und kirchliches Leben auch ist, ein Problem darstellt, das die
pastorale Sorge der Kirche im eigentlichen Sinne betrifft. Das macht seitens der
Seelsorger ein sorgfältiges Studium sowie einen konkreten Einsatz und eine
redliche Reflexion erforderlich, die theologisch wohl abgewogen sein sollten.
3. Schon in der »Erklärung zu einigen Fragen der Sexualethik« vom 29. Dezember
1975 hat die Kongregation für die Glaubenslehre dieses Problem ausführlich
behandelt. Dieses Dokument unterstrich die Aufgabe, ein Verstehen der
homosexuellen Veranlagung zu suchen, und bemerkte, die Schuldhaftigkeit
homosexueller Handlungen müsse mit Klugheit beurteilt werden. Gleichzeitig trug
diese Kongregation der gemeinhin vorgenommenen Unterscheidung zwischen
homosexueller Veranlagung bzw. Neigung und homosexuellen Handlungen selbst
Rechnung. Letztere wurden als »ihrer wesentlichen und unerläßlichen
Zielbestimmtheit beraubt« beschrieben, als »in sich nicht in Ordnung«, und von
der Art, daß sie »keinesfalls in irgendeiner Weise gutgeheißen werden können«
(vgl. Nr. 8, Abschnitt 4).
In der Diskussion, die auf die Veröffentlichung der Erklärung folgte, erfuhr die
homosexuelle Veranlagung jedoch eine über die Maßen wohlwollende Auslegung;
manch einer ging dabei so weit, sie als indifferent oder sogar als gut
hinzustellen. Demgegenüber muß folgende Präzisierung vorgenommen werden: Die
spezifische Neigung der homosexuellen Person ist zwar in sich nicht sündhaft,
begründet aber eine mehr oder weniger starke Tendenz, die auf ein sittlich
betrachtet schlechtes Verhalten ausgerichtet ist. Aus diesem Grunde muß die
Neigung selbst als objektiv ungeordnet angesehen werden.
Deshalb muß man sich mit besonderem seelsorglichen Eifer der so veranlagten
Menschen annehmen, damit sie nicht zu der Meinung verleitet werden, die
Aktuierung einer solchen Neigung in homosexuellen Beziehungen sei eine moralisch
annehmbare Entscheidung.
4. Eine wesentliche Dimension echter Seelsorge ist es, die Ursachen der
Verwirrung bezüglich der Lehre der Kirche auszumachen. Eine dieser Ursachen
besteht in einer neuen Auslegung der Heiligen Schrift, wonach die Bibel
überhaupt nichts über die Homosexualität sage oder sie irgendwie stillschweigend
billige; oder wonach sie schließlich moralische Weisungen biete, die so sehr
Ausdruck einer bestimmten Kultur und Geschichte sind, daß diese auf das Leben
von heute nicht mehr anwendbar seien. Solche Ansichten, die zutiefst irrig und
abwegig sind, erfordern daher besondere Wachsamkeit.
5. Es stimmt, daß die biblische Literatur den verschiedenen Epochen, in denen
sie geschrieben wurde, einen guten Teil ihrer unterschiedlichen Denk- und
Ausdrucksmuster verdankt (vgl. Dei Verbum, Nr. 12). Sicherlich verkündigt
die Kirche heute das Evangelium an eine Welt, die sich von der früheren sehr
unterscheidet. Andererseits war die Welt, in der das Neue Testament geschrieben
wurde, bereits beträchtlich von der Situation verschieden, in der beispielsweise
die Heiligen Schriften der Israeliten abgefaßt oder redigiert worden sind.
Folgendes ist dennoch festzuhalten: Im Rahmen solch bemerkenswerter
Verschiedenheit existiert in den Schriften selbst eine klare innere Einheit
hinsichtlich der Frage des homosexuellen Verhaltens. Deshalb gründet sich die
Lehre der Kirche in diesem Punkt nicht auf aus dem Zusammenhang gerissene
Sätze, aus denen man fragwürdige theologische Argumente ableiten kann; vielmehr
fußt sie auf dem soliden Fundament eines beständigen biblischen Zeugnisses. Die
heutige Glaubensgemeinschaft, die in ungebrochener Kontinuität mit den jüdischen
und christlichen Gemeinschaften steht, innerhalb derer die alten Schriften verfaßt wurden, wird weiter von den gleichen Schriften und vom Geist der
Wahrheit genährt, dessen Wort sie sind. Es ist gleicherweise wesentlich
anzuerkennen, daß die Heiligen Schriften nicht in ihrem eigentlichen Sinne
verstanden werden, wenn sie in einer der lebendigen Tradition der Kirche
widersprechenden Weise ausgelegt werden. Die Interpretation der Schrift muß,
wenn sie korrekt sein will, mit dieser Tradition in wirklicher Übereinstimmung
stehen. Das II. Vatikanische Konzil hat es so ausgedrückt: »Es zeigt sich also,
daß die Heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt der Kirche
gemäß dem weisen Ratschluß Gottes so miteinander verknüpft und einander
zugesellt sind, daß keines ohne die anderen besteht und daß alle zusammen, jedes
auf seine Art, durch das Tun des einen Heiligen Geistes wirksam dem Heil der
Seelen dienen« (Dei Verbum, Nr. 10). Im Licht dieser Aussagen wird nun
die diesbezügliche Lehre der Bibel in kurzer Form dargestellt.
6. Die Schöpfungstheologie, wie sie im Buch Genesis vorliegt, bietet für
das angemessene Verstehen der durch die Homosexualität aufgeworfenen Probleme den
grundlegenden Gesichtspunkt. In seiner unendlichen Weisheit und in seiner
allmächtigen Liebe ruft Gott alles ins Dasein, als Ausdruck seiner Güte. Er
erschafft den Menschen als Mann und Frau nach seinem Abbild und Gleichnis.
Deshalb sind die Menschen Gottes Geschöpfe und dazu berufen, in ihrer
geschlechtlichen Bezogenheit aufeinander die innere Einheit des Schöpfers
widerzuspiegeln. Sie tun dies in einzigartiger Weise in ihrer Mitwirkung mit ihm
bei der Weitergabe des Lebens, und zwar im Akt des gegenseitigen Sich-Schenkens
in der Ehe.
Das dritte Kapitel der Genesis zeigt, wie diese Wahrheit über die
menschliche Person, die Gottes Abbild ist, durch die Erbsünde verdunkelt worden
ist. Hieraus folgt unausweichlich ein Verlust an Bewußtsein des Bundescharakters
der Gemeinschaft, die diese Personen mit Gott und untereinander besaßen. Der
menschliche Leib behält zwar seine »bräutliche Bedeutung«, die aber nun durch
die Sünde verdunkelt ist. So setzt sich die der Sünde zuzuschreibende Entartung
fort in der Geschichte von den Männern von Sodom (vgl. Gen 19, 1-11). Das
moralische Urteil, das hier gegen homosexuelle Beziehungen gefällt wird, kann
keinem Zweifel unterliegen. In Lev 18, 22 und 20, 13 schließt der
Verfasser bei Beschreibung der notwendigen Voraussetzungen, um zum auserwählten
Volk Israel zu gehören, diejenigen aus dem Volk Gottes aus, die sich homosexuell
verhalten.
Auf dem Hintergrund dieses theokratischen Gesetzes entfaltet der heilige Paulus
eine eschatologische Perspektive, innerhalb derer er die gleiche Lehre
wiederaufnimmt und auch jene, die sich homosexuell verhalten, unter die Menschen
einreiht, die das Reich Gottes nicht erben werden (vgl. 1 Kor 6, 9). In
einem anderen Abschnitt seiner Briefsammlung stellt er — fußend auf den
Moralüberlieferungen der Vorfahren, die er aber in den neuen Zusammenhang der
Auseinandersetzung zwischen Christentum und damaliger heidnischer Gesellschaft
einbringt — das homosexuelle Verhalten als ein Beispiel für die Blindheit hin,
welche die Menschheit übermächtigt hat. An die Stelle der ursprünglichen
Harmonie zwischen dem Schöpfer und seinen Geschöpfen ist die tiefe Verkehrung in
den Götzendienst hinein getreten, die zu allen möglichen Formen von
Ausschweifungen auf moralischem Gebiet geführt hat. Der heilige Paulus findet
das klarste Beispiel für diese Disharmonie gerade in den gleichgeschlechtlichen
Beziehungen (vgl. Röm 1, 18-32). In vollständiger Kontinuität mit dieser
biblischen Überlieferungslinie werden schließlich beim Aufzählen derjenigen,
welche gegen die gesunde Lehre verstoßen, ausdrücklich jene als Sünder
bezeichnet, die homosexuelle Akte begehen (vgl. 1 Tim 1, 10).
7. Die Kirche, die ihrem Herrn gehorsam ist, der sie gegründet und ihr das
sakramentale Leben eingestiftet hat, feiert den göttlichen Plan der Liebe und
der Leben schenkenden Vereinigung von Mann und Frau im Sakrament der Ehe. Einzig
und allein in der Ehe kann der Gebrauch der Geschlechtskraft moralisch gut sein.
Deshalb handelt eine Person, die sich homosexuell verhält, unmoralisch.
Sich einen Partner gleichen Geschlechts für das sexuelle Tun auswählen, heißt,
die reiche Symbolik verungültigen, die Bedeutung, um nicht von den Zielen zu
sprechen, des Plans des Schöpfers bezüglich der Geschlechtlichkeit des Menschen.
Homosexuelles Tun führt ja nicht zu einer komplementären Vereinigung, die in der
Lage wäre, das Leben weiterzugeben und widerspricht darum dem Ruf nach einem
Leben solcher Selbsthingabe, von der das Evangelium sagt, daß darin das Wesen
christlicher Liebe bestehe. Dies will nicht heißen, homosexuelle Personen seien
nicht oft großzügig und würden sich nicht selbstlos verhalten; wenn sie sich
jedoch auf homosexuelles Tun einlassen, bestärken sie in sich selbst eine
ungeordnete sexuelle Neigung, die von Selbstgefälligkeit geprägt ist.
Wie es bei jeder moralischen Unordnung der Fall ist, so verhindert homosexuelles
Tun die eigene Erfüllung und das eigene Glück, weil es der schöpferischen
Weisheit Gottes entgegensteht. Wenn die Kirche irrige Meinungen bezüglich der
Homosexualität zurückweist, verteidigt sie eher die — realistisch und
authentisch verstandene — Freiheit und Würde des Menschen, als daß sie diese
einengen würde.
8. Die Unterweisung der Kirche heute steht demgemäß in organischem Zusammenhang
mit der Sichtweise der Heiligen Schrift und der beständigen Überlieferung.
Obwohl die Welt von heute sich in vielerlei Hinsicht wirklich verändert hat,
spürt die Christenheit die tiefen und dauerhaften Bande, die uns mit den
Generationen verbinden, die uns vorangegangen sind, »bezeichnet mit dem Siegel
des Glaubens«.
Nichtsdestoweniger übt heute eine wachsende Zahl von Menschen, auch innerhalb
der Kirche, einen enormen Druck aus, damit sie die homosexuelle Veranlagung
akzeptiere, als ob sie nicht ungeordnet wäre, und damit sie die homosexuellen
Akte legitimiere. Diejenigen, die innerhalb der Kirche das Problem in dieser
Richtung vorantreiben, unterhalten oft enge Beziehungen zu denen, die außerhalb
der Kirche ähnlich handeln. Die zuletzt genannten Gruppen sind von einer
Auffassung geleitet, die jener Wahrheit über die menschliche Person
zuwiderläuft, die uns im Geheimnis Christi vollends offenbart worden ist. Selbst
wenn es ihnen nicht voll bewußt ist, bekunden sie eine materialistische
Ideologie, welche die transzendente Natur der menschlichen Existenz leugnet, wie
auch die übernatürliche Berufung jedes einzelnen.
Die kirchlichen Amtsträger müssen sicherstellen, daß homosexuelle Personen, die
ihrer Sorge anvertraut sind, durch diese Meinungen nicht irregeleitet werden,
welche der Lehre der Kirche zutiefst widersprechen. Die Gefahr ist jedoch groß,
und es gibt viele, die bezüglich der kirchlichen Position Verwirrung zu stiften
trachten, um dann die entstandene Verwirrung zu ihren eigenen Zwecken
auszunutzen.
9. Auch innerhalb der Kirche hat sich eine Tendenz entwickelt, die, von
Pressionsgruppen mit unterschiedlichen Namen und verschiedenem Umfang gebildet,
den Eindruck zu erwecken sucht, als ob sie sämtliche homosexuelle Personen, die
katholisch sind, vertreten würde. Tatsächlich sind jedoch ihre Anhänger zumeist
auf jene Personen begrenzt, die entweder die Lehre der Kirche nicht kennen oder
sie irgendwie zu untergraben suchen. Man versucht, auch solche homosexuelle
Personen unter dem Schild des Katholischen zu sammeln, die keinerlei Absicht
haben, ihr homosexuelles Verhalten aufzugeben. Eine der dabei verwendeten
Taktiken besteht darin, im Ton des Protestes zu erklären, daß jede Art von
Kritik oder Vorbehalt gegenüber homosexuellen Personen, ihrem Verhalten und
ihrem Lebensstil, lediglich Formen ungerechter Diskriminierung seien.
Daher ist in einigen Ländern ein regelrechter Versuch einer Manipulation der
Kirche in der Art im Gang, daß man die häufig gutgläubig gegebene Unterstützung
ihrer Hirten für die Änderung staatlicher Regelungen und Gesetze zu gewinnen
versucht. Die Absicht solcher Aktionen ist es, die Gesetzgebung der Konzeption
jener Pressionsgruppen anzugleichen, nach deren Auffassung Homosexualität
zumindest eine völlig harmlose, wenn nicht sogar eine ganz und gar gute Sache
ist. Obgleich die Praxis der Homosexualität Leben und Wohlfahrt einer großen
Zahl von Menschen ernsthaft bedroht, lassen die Verteidiger dieser Tendenz von
ihrem Tun nicht ab und weigern sich, das Ausmaß des eingeschlossenen Risikos in
Betracht zu ziehen.
Die Kirche kann demgegenüber nicht ohne Sorge sein; deshalb hält sie an ihrer
klaren Position diesbezüglich fest, die weder durch den Druck staatlicher
Gesetzgebung noch durch den gegenwärtigen Trend geändert werden kann. Sie bemüht
sich aufrichtig um die vielen Menschen, die sich von den Bewegungen zugunsten
der Homosexualität nicht vertreten fühlen, und zugleich um diejenigen, die
versucht sein könnten, an deren trügerische Propaganda zu glauben. Sie ist sich
bewußt, daß die Ansicht, homosexuelles Tun sei dem geschlechtlichen Ausdruck
ehelicher Liebe gleichwertig oder zumindest in gleicher Weise annehmbar, sich
direkt auf die Auffassung auswirkt, welche die Gesellschaft von Natur und
Rechten der Familie hat, und diese ernsthaft in Gefahr bringt.
10. Es ist nachdrücklich zu bedauern, daß homosexuelle Personen Objekt übler
Nachrede und gewalttätiger Aktionen waren und weiterhin noch sind. Solche
Verhaltensweisen verdienen, von den Hirten der Kirche verurteilt zu werden, wo
immer sie geschehen. Sie bekunden einen Mangel an Achtung gegenüber anderen
Menschen, der die elementaren Grundsätze verletzt, auf denen ein gesundes
staatliches Zusammenleben fußt. Die jeder Person eigene Würde muß nämlich immer
respektiert werden, und zwar in Wort und Tat und Gesetzgebung.
Dennoch sollte die gebotene Antwort auf die Ungerechtigkeiten an homosexuellen
Personen in keiner Weise zu der Behauptung führen, die homosexuelle Veranlagung
sei nicht ungeordnet. Wenn eine solche Behauptung aufgestellt und homosexuelles
Tun folglich als gut akzeptiert wird oder wenn eine staatliche Gesetzgebung
eingeführt wird, welche ein Verhalten schützt, für das niemand ein irgendwie
geartetes Recht in Anspruch nehmen kann, dann sollten weder die Kirche noch die
Gesellschaft als ganze überrascht sein, wenn andere verkehrte Vorstellungen und
Praktiken an Boden gewinnen sowie irrationale und gewaltsame Verhaltensweisen
zunehmen.
11. Einige vertreten die Ansicht, homosexuelle Neigung sei in bestimmten
Fällen nicht das Ergebnis einer freien Entscheidung; die homosexuellen Personen
hätten keine andere Wahl, sondern müßten sich homosexuell verhalten. Daher
handle eine solche Person, selbst wenn sie sich auf homosexuelles Tun einlasse,
wegen fehlender Freiheit nicht schuldhaft.
Hier ist es nötig, sich an die Weisheit der moralischen Überlieferung der Kirche
zu halten, die vor Verallgemeinerungen im Urteil aller Einzelfälle warnt. In der
Tat können in einem bestimmten Fall Umstände auftreten oder in der Vergangenheit
aufgetreten sein, welche die Schuldhaftigkeit des einzelnen vermindern oder
geradezu aufheben, während andere Umstände sie wiederum vermehren können. Was
auf jeden Fall vermieden werden muß, ist die ebenso unbegründete wie demütigende
Annahme, das geschlechtliche Verhalten homosexueller Partner sei immer und
vollständig dem Zwang unterworfen und daher frei von Schuld. In Wirklichkeit muß
auch bei den Personen mit homosexueller Neigung jene grundlegende Freiheit
anerkannt werden, welche die menschliche Person als solche charakterisiert und
ihr eine besondere Würde verleiht. Wie bei jeder Umkehr vom Bösen kann, dank
dieser Freiheit, das von der göttlichen Gnade erleuchtete und gestärkte Mühen es
jenen Personen gestatten, homosexuelles Tun zu unterlassen.
12. Was sollen demnach homosexuelle Personen tun, die dem Herrn folgen wollen?
Grundsätzlich sind sie dazu aufgerufen, den Willen Gottes in ihrem Leben zu
verwirklichen, indem sie alle Leiden und Schwierigkeiten, die sie aufgrund ihrer
Lage zu tragen haben, mit dem Kreuzesopfer Christi vereinigen. Für den
Glaubenden ist das Kreuz ein segenbringendes Opfer, weil aus jenem Tod Leben und
Erlösung erstehen. Auch wenn jeder Aufruf, das Kreuz zu tragen oder das Leiden
eines Christen in dieser Weise zu verstehen, voraussichtlich von einigen
belächelt werden wird, sei daran erinnert, daß dies der Weg zur Erlösung für
all jene ist, die Christus nachfolgen.
In Wirklichkeit ist dies nichts anderes als die Unterweisung, die der Apostel
Paulus den Galatern vorlegt, wenn er sagt, daß der Geist im Leben der Gläubigen
»Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und
Selbstbeherrschung« hervorbringt, und dann fortfährt: »Ihr könnt nicht zu
Christus gehören, wenn ihr nicht das Fleisch mit seinen Leidenschaften und
Begierden gekreuzigt habt« (Gal 5, 22. 24).
Dieser Aufruf wird jedoch leicht mißverstanden, wenn er als ein doch zweckloses
Bemühen um Selbstverleugnung angesehen wird. Das Kreuz ist gewiß ein Ausdruck
der Selbstverleugnung, die aber im Dienst des Willens Gottes steht, der aus dem
Tod Leben erstehen läßt und der jene, die ihm vertrauen, befähigt, den Weg der
Tugend anstelle den des Lasters zu gehen.
Man feiert das Paschamysterium wirklich nur dann, wenn man das Gewebe des
täglichen Lebens von ihm durchdringen läßt. Wer sich weigert, seinen eigenen
Willen in Gehorsam dem Willen Gottes zu unterwerfen, stellt in Wirklichkeit der
Erlösung ein Hindernis in den Weg. Wie das Kreuz zentraler Ausdruck der
erlösenden Liebe Gottes zu uns in Jesus Christus ist, so begründet die sich
selbst verleugnende Gleichförmigkeit homosexueller Männer und Frauen mit dem
Opfer des Herrn für sie eine Quelle der Selbsthingabe, die sie vor einem Leben
bewahrt, das sie fortwährend zu zerstören droht.
Homosexuelle Personen sind, wie die Christen insgesamt, dazu aufgerufen, ein
keusches Leben zu führen. Wenn sie in ihrem Leben die Natur des persönlichen
Rufes Gottes an sie zu verstehen suchen, werden sie das Sakrament der Buße mit
größerer Treue feiern und die hier so freigebig angebotene Gnade des Herrn
empfangen können, um sich vollkommener zu seiner Nachfolge bekehren zu können.
13. Andererseits ist offenkundig, daß eine klare und wirksame Verkündigung der
kirchlichen Lehre an alle Gläubigen und an die Gesellschaft als ganze in weitem
Maße von der korrekten Unterweisung und Gläubigkeit ihrer Seelsorger abhängt.
Den Bischöfen kommt die besonders schwere Verantwortung zu, dafür Sorge zu
tragen, daß ihre Mitarbeiter, allen voran die Priester, in rechter Weise
informiert und persönlich dazu ausgerüstet sind, die Lehre der Kirche einem
jeden vollständig zu verkündigen.
Der besondere Eifer und der gute Wille, den viele Priester und Ordensleute bei
ihrer Seelsorge für homosexuelle Personen unter Beweis stellen, ist
bewundernswert; diese Kongregation hofft, daß beides nicht erlahmt. Solche
eifrigen Seelsorger sollen darauf vertrauen, daß sie den göttlichen Willen treu
befolgen, wenn sie homosexuelle Personen ermutigen, ein keusches Leben zu
führen, und wenn sie diese an ihre unvergleichliche Würde erinnern, die Gott
auch jenen Personen geschenkt hat.
14. Das Gesagte vor Augen, möchte diese Kongregation die Bischöfe bitten,
allen Programmen gegenüber besonders wachsam zu sein, welche die Kirche zu
bedrängen suchen, ihre Lehre zu ändern, auch wenn sie mit Worten vorgeben, daß
dem nicht so sei. Ein sorgfältiges Studium ihrer öffentlichen Erklärungen sowie
der Aktivitäten, die sie fördern, offenbart eine gezielte Zweideutigkeit,
wodurch sie Hirten und Gläubige irrezuleiten suchen. Sie legen beispielsweise
die Unterweisung des Lehramtes bisweilen so dar, als wolle es das je einzelne
Gewissen bloß fakultativ bilden. Seine einzigartige Autorität wird jedoch nicht
anerkannt. Einige Gruppen benutzen sogar das Wort »katholisch« für ihre
Organisationen oder für die Personen, an die sie sich wenden wollen; in
Wirklichkeit aber verteidigen und fördern sie die Verkündigung des Lehramtes
nicht, ja, sie greifen es mitunter sogar offen an. Während ihre Anhänger den
Anspruch erheben, ihr Leben mit der Lehre Jesu gleichförmig zu gestalten, geben
sie in Wirklichkeit die Lehre seiner Kirche auf. Dieses widersprüchliche
Verhalten sollte keinesfalls die Unterstützung der Oberhirten finden.
15. Diese Kongregation ermutigt daher die Bischöfe, für die homosexuellen
Personen in ihren Bistümern eine Pastoral zu fördern, die in voller
Übereinstimmung mit der Lehre der Kirche steht. Kein authentisches pastorales
Programm darf Organisationen einschließen, in denen sich homosexuelle Personen
zusammenschließen, ohne daß zweifelsfrei daran festgehalten wird, daß
homosexuelles Tun unmoralisch ist. Eine wahrhaft pastorale Haltung wird die
Notwendigkeit betonen, daß homosexuelle Personen die nächste Gelegenheit zur
Sünde zu meiden haben.
Ermutigung sollen jene Programme finden, in denen die genannten Gefahren
vermieden werden. Es muß jedoch Klarheit darüber bestehen, daß ein Abweichen von
der Lehre der Kirche oder ein Schweigen über sie, das auf diesem Weg pastorale
Fürsorge anbieten möchte, weder Ausdruck echter Sorge noch gültige Pastoral ist.
Nur das Wahre kann letzten Endes auch pastoral sein. Jeder aber, der die
Position der Kirche mißachtet, verhindert, daß homosexuelle Männer und Frauen
jene Sorge erfahren, derer sie bedürfen und auf die sie ein Recht haben.
Ein echtes pastorales Programm wird homosexuelle Personen auf allen Ebenen ihres
geistlichen Lebens fördern: durch die Sakramente, insbesondere durch den
häufigen und ehrfürchtigen Empfang des Buß-Sakramentes, durch das Gebet, durch
das Zeugnis, durch Beratung und individuelle Mitsorge. Auf solche Weise kann die
ganze christliche Gemeinschaft ihre eigene Berufung erkennen, indem sie nämlich
diesen ihren Brüdern und Schwestern beisteht, ohne sie zu enttäuschen oder sie
in die Isolation zu treiben.
16. Von diesem reich gefächerten Ansatz aus lassen sich zahlreiche Vorteile
gewinnen, nicht zuletzt die Feststellung, daß eine homosexuelle Person, wie
jedes menschliche Wesen, dringend notwendig auf verschiedenen Ebenen
gleichzeitig gefördert werden muß.
Die menschliche Person, die nach dem Abbild und Gleichnis Gottes geschaffen ist,
kann nicht adäquat beschrieben werden, wenn man sie auf ihre geschlechtliche
Ausrichtung eingrenzt. Jeder Mensch auf dieser Erde hat persönliche Probleme und
Schwierigkeiten, aber auch Möglichkeiten zu wachsen, Fähigkeiten, Talente und
eigene Gaben. Die Kirche bietet den gerade heute empfundenen dringend nötigen
Zusammenhang für die Sorge um die Person des Menschen an, wenn sie sich weigert,
eine Person ausschließlich als »heterosexuell« oder »homosexuell« einzustufen,
und darauf besteht, daß jeder Person dieselbe fundamentale Identität zukommt:
Geschöpf zu sein und durch die Gnade Kind Gottes, Erbe des ewigen Lebens.
17. Wenn diese Kongregation den Bischöfen diese Klarstellungen und pastoralen
Orientierungen anbietet, möchte sie deren Bemühungen unterstützen, die darauf
abzielen, daß die Lehre des Herrn und seiner Kirche über dieses wichtige Thema
allen Gläubigen vollständig vermittelt wird.
Die Ortsbischöfe sind eingeladen, im Licht des hier Dargelegten die
Notwendigkeit besonderer Eingriffe im Rahmen ihrer Kompetenz abzuwägen. Außerdem
können sie, wenn sie es für nützlich halten, eine weiterreichende Aktion in
Angriff nehmen, die auf der Ebene ihrer nationalen Bischofskonferenz koordiniert
ist.
Insbesondere sollen die Bischöfe vordringlich die Entwicklung angemessener
Seelsorgsformen für homosexuelle Personen mit allen ihnen zur Verfügung
stehenden Mitteln unterstützen. Dies kann die Mitarbeit der psychologischen,
soziologischen und medizinischen Wissenschaften einschließen, wobei immer die
volle Treue zur Lehre der Kirche festgehalten werden muß.
Vor allem sollen es die Oberhirten nicht daran fehlen lassen, die Mitarbeit
aller katholischen Theologen heranzuziehen. Wenn diese das lehren, was die
Kirche lehrt, und wenn sie mit ihren Überlegungen ein vertieftes Verständnis der
wahren Bedeutung der menschlichen Geschlechtlichkeit, der christlichen Ehe gemäß
dem Plane Gottes sowie der mit ihr verbundenen Tugendhaltungen fördern, werden
sie eine brauchbare Hilfe auf diesem spezifischen Gebiet der Seelsorge anbieten
können.
Eine besondere Aufmerksamkeit müssen die Bischöfe sodann auf die Auswahl
derjenigen Seelsorger legen, die mit dieser heiklen Aufgabe betraut werden,
damit diese aufgrund ihrer Treue zum Lehramt und durch ihren hohen Grad an
geistlicher und psychologischer Reife den homosexuellen Personen eine wirkliche
Hilfe zum Erreichen ihrer ganzheitlichen Erfüllung bieten können. Solche
Seelsorger werden theologische Meinungen zurückweisen, die der Lehre der Kirche
widersprechen und die daher nicht als Leitlinien der Pastoral dienen können.
Weiterhin wird es angemessen sein, geeignete katechetische Programme zu fördern,
die auf der Wahrheit über die menschliche Geschlechtlichkeit in ihrer Beziehung
zum Familienleben fußen, so wie die Kirche sie lehrt. Solche Programme liefern
in der Tat einen guten Kontext, innerhalb dessen auch die Frage der
Homosexualität behandelt werden kann.
Diese Katechese wird auch den Familien, in denen sich homosexuelle Personen
befinden, eine Hilfe sein können, wenn sie sich mit diesem sie so tief
bewegenden Problem auseinandersetzen.
Jedwede Unterstützung muß jenen Organisationen entzogen werden, welche die Lehre
der Kirche zu untergraben suchen, sei es, daß sie diesbezüglich zweideutig sind
oder sie gänzlich mißachten. Eine solche Unterstützung, ja, bereits der
Anschein, kann Quelle einer ernsten Mißdeutung werden. Besondere Beachtung
sollte der Planung religiöser Feiern und der Benutzung kirchlicher Gebäude,
einschließlich der Bereitstellung katholischer Schulen und Kollegien für solche
Gruppen geschenkt werden. Für manche mag die Erlaubnis, von kirchlichem Eigentum
Gebrauch zu machen, lediglich als ein Ausdruck von Gerechtigkeit und Liebe
erscheinen; in Wirklichkeit aber steht sie in Widerspruch zu den Zielen, für die
diese Einrichtungen gegründet worden sind. Sie kann zur Quelle von Mißdeutung
und Ärgernis werden.
Bei eventuellen Vorschlägen für die zivile Gesetzgebung wird man sich in erster
Linie darum bemühen müssen, das Familienleben zu schützen und zu fördern.
18. Jesus Christus hat gesagt: »Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die
Wahrheit wird euch frei machen« (Joh 8, 32). Die Schrift fordert uns auf,
die Wahrheit in Liebe zu tun (vgl. Eph 4, 15). Gott, der Wahrheit und
Liebe in einem ist, ruft die Kirche auf, jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind
mit dem pastoralen Eifer unseres barmherzigen Herrn zu dienen. In diesem Geist
hat die Kongregation für die Glaubenslehre dieses Schreiben an euch, Bischöfe
der Kirche, gerichtet, in der Hoffnung, daß es für diejenigen eine Hilfe sein
möge, deren Leiden durch irrige Lehren verschlimmert, durch das Wort der
Wahrheit aber gelindert werden können.
Papst Johannes Paul II. hat im Verlauf einer dem unterzeichneten Präfekten
gewährten Audienz das vorliegende Schreiben, das in der Ordentlichen Versammlung
dieser Kongregation beschlossen worden ist, gebilligt sowie dessen
Veröffentlichung angeordnet.
Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, den 1. Oktober 1986.
Joseph Kardinal Ratzinger
Präfekt
+Alberto Bovone
Titularerzbischof von Cäsarea in Numidien
Sekretär
|