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XXV. PONTIFIKATSJUBILÄUM VON JOHANNES PAUL II.:
KONZERT DES MITTELDEUTSCHEN RUNDFUNKS AUS LEIPZIG
GRUßADRESSE VON KARD. JOSEPH RATZINGER
Freitag, 17. Oktober 2003
Heiliger Vater!
Diese Tage der Rückschau auf die 25 Jahre, in denen Sie Last und
Gnade des Hirtendienstes in der Kirche als Nachfolger Petri getragen haben, sind
vor allem gekennzeichnet durch die Gefühle der Dankbarkeit und der Freude. Ein
Höhepunkt dieser Festwoche ist das Konzert, das Chor und Orchester des
Mitteldeutschen Rundfunks uns in dieser Stunde schenken.
Sie bringen uns eines der großen Meisterwerke der Musik zu Gehör,
die Neunte Symphonie von Beethoven, in der sich das Ringen dieses großen
Meisters mit all den Dunkelheiten des menschlichen Lebens spiegelt, gleichsam
die lichtlosen Nächte durchschritten werden, in denen kein Stern der Verheißung
vom Himmel zu leuchten scheint; aber am Ende brechen die Wolken auf. Das große
Drama der menschlichen Existenz, das sich in der Musik entfaltet hat, wird zum
Hymnus der Freude, für den sich Beethoven die Worte bei Schiller leiht – Worte,
die erst durch seine Komposition ihre ganze Größe gefunden haben.
Als Deutscher freue ich mich besonders, daß das Konzert von
einem deutschen Ensemble dargeboten wird, das nun schon zum dritten Mal vor
Ihnen, Heiliger Vater, durch die Musik ein Fest der Freude aufgehen läßt. Chor
und Orchester kommen aus jenem Teil Deutschlands, der nach dem Krieg bis zur
Öffnung der Mauer unter der kommunistischen Diktatur zu leiden hatte, deren
Verwundungen noch immer spürbar sind. Vielleicht ist es die tiefste Wunde, daß
Gott fern geworden scheint und der Glaube in vielen Seelen erloschen ist. Aber
dies ist auch der Teil Deutschlands, der uns den wohl größten Meister der Musik
aller Zeiten geschenkt hat, Johann Sebastian Bach. Im selben Jahr und im selben
Land wie er ist auch Georg Friedrich Händel geboren worden, dem wir einen
anderen unvergleichlichen Hymnus der Freude verdanken: das große »Halleluja«,
das der Höhepunkt seines »Messias« ist, in dem er Verheißung und Erfüllung, die
prophetische Schau des kommenden Erlösers und die ihr antwortende Geschichte
Jesu musikalisch gestaltet hat.
Das »Halleluja« ist der Lobgesang der Erlösten, die durch
die Auferstehung Christi inmitten der Leiden der Welt zur Freude ermächtigt sind.
Diese große musikalische Tradition ist – wie wir in diesen Stunden erleben
werden – über alle geschichtlichen Wechselfälle hin lebendig geblieben und ist
ein Lichtstrahl, in dem der Stern des Glaubens, die Gegenwart Jesu Christi
weiter leuchtet und sich auf seine Weise den Menschen mitteilt.
Verglichen mit der unzerstörten Gegenwart des Glaubens, die aus
Händels »Hymnus an die Freude« leuchtet und die ganz anders als ein
stiller innerer Friede und eine Gnade der Versöhnung im Weihnachtsoratorium
von Bach oder am Ende seiner Passionen aufscheint, ist die aufgeklärte
Ode Schillers, die Beethoven so gewaltig in Musik gesetzt hat, gezeichnet vom
Humanismus seiner Periode, der den Menschen in den Mittelpunkt stellt und – wo
er sich auf Gott bezieht – lieber die Sprache des Mythos wählt. Und doch – wir
dürfen nicht vergessen, daß Beethoven auch der Schöpfer der »Missa Solemnis«
ist. Der gute Vater, von dem die Ode spricht, ist für ihn nicht nur ein Postulat,
wie es Schillers Text nahelegen könnte, sondern doch eine letzte Gewißheit.
Und Beethoven wußte auch, daß wir dem Vater Jesu trauen dürfen,
weil er uns im Sohn nahe geworden ist. Und so dürfen wir den Götterfunken Freude,
von dem die Ode redet, ruhig als Gottesfunken verstehen, der sich uns durch die
Musik mitteilt und die Gewißheit gibt: Ja, den guten Vater gibt es wirklich, und
er ist nicht bloß fern über dem Sternenzelt, sondern durch den Sohn mitten unter
uns.
Mit dankbarer Freude darf ich Sie, verehrter Herr Intendant,
begrüßen, der Sie dieses Konzert ermöglicht haben, und mit Ihnen den Direktor
des Ensembles Herrn Howart Arman, die Solistinnen und die Solisten sowie Chor
und Orchester. Wir danken Ihnen, daß Sie uns den Gottesfunken der Freude
schenken wollen und wünschen uns, daß er in Ihnen und in uns zünden möge.
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