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PÄPSTLICHE BIBELKOMMISSION
DOKUMENT
Die Interpretation der Bibel in der Kirche
EINFÜHRUNG
Die Interpretation der biblischen Texte stößt auch heute auf reges
Interesse und gibt zu wichtigen Diskussionen Anlaß. Diese haben in den
letzten Jahren neue Dimensionen gewonnen. Da die Bibel für den
christlichen Glauben, für das Leben der Kirche und für die Beziehungen
zwischen Christen und Gläubigen anderer Religionen von entscheidender
Bedeutung ist, wurde die Päpstliche Bibelkommission ersucht, sich zu
diesem Thema zu äußern. A. Die aktuelle Problematik
Das Problem der Bibelauslegung ist keine moderne Erfindung, wie man
manchmal glauben machen will. In der Bibel selbst sehen wir, daß ihre
Auslegung Schwierigkeiten bereitet. Neben eindeutigen Texten enthält sie
dunkle Stellen. Als Daniel gewisse Prophetenworte von Jeremia las,
suchte er lange nach ihrem Sinn (Dan 9, 2). In der
Apostelgeschichte hören wir, wie ein Äthiopier im 1. Jahrhundert in
bezug auf einen Abschnitt des Jesaja-Buches (Jes 53, 7-8) sich in
der gleichen Lage befand und sich an einen Interpreten wenden mußte (Apg
8, 30-35). Im 2. Petrusbrief lesen wir, daß „keine Weissagung der
Heiligen Schrift eigenmächtig ausgelegt werden darf“ (2 Petr 1,
20), und weiter, daß in den Briefen des Apostels Paulus „manches schwer
zu verstehen (ist), und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind,
diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen
Verderben verdrehen“ (2 Petr 3, 16). Das Problem ist also
nicht neu, doch hat es im Laufe der Zeit an Gewicht gewonnen: um zu den
Fakten und Aussagen der Bibel vorzudringen, müssen die Leser sich um
fast zwanzig oder dreißig Jahrhunderte zurück versetzen, und das ist
nicht ohne Schwierigkeiten möglich. Zudem sind heutzutage die Probleme
der Interpretation wegen der Fortschritte der Geisteswissenschaften
komplexer geworden. Wissenschaftliche Methoden wurden zur Erschließung
der Texte der Antike entwickelt. Inwieweit sind diese Methoden auch für
die Auslegung der Heiligen Schrift geeignet? Aus pastoraler Klugheit hat
die Kirche lange Zeit sehr zurückhaltend auf diese Frage reagiert, denn
oft waren diese Methoden trotz ihrer positiven Werte an Optionen
gebunden, die dem christlichen Glauben entgegengesetzt waren.
Schließlich hat eine positive Entwicklung stattgefunden, die durch eine
ganze Reihe päpstlicher Dokumente gekennzeichnet ist, angefangen von der
Enzyklika Providentissimus von Leo XIII. (18. Nov. 1893) bis zur
Enzyklika Divino afflante Spiritu von Pius XII. (30. Sept. 1943).
Diese Entwicklung wurde durch die Erklärung Sancta Mater Ecclesia
(21. April 1964) der Päpstlichen Bibelkommission und vor allem durch die
Dogmatische Konstitution Dei Verbum des II. Vatikanischen Konzils
(18. Nov. 1965) bestätigt. Die Fruchtbarkeit dieser konstruktiven
Haltung zeigte sich deutlich. Die biblischen Studien in der katholischen
Kirche nahmen einen bemerkenswerten Aufschwung, und ihr
wissenschaftlicher Wert wurde im Kreis der Wissenschaftler und unter den
Gläubigen immer mehr anerkannt. Der ökumenische Dialog wurde dadurch
wesentlich erleichtert. Der Einfluß der Bibel auf die Theologie
verstärkte sich und half mit zu einer theologischen Erneuerung. Das
Interesse an der Bibel wuchs bei den Katholiken und diente dem
Fortschritt des christlichen Lebens. All jene, die eine ernsthafte
Ausbildung auf diesem Gebiet erworben haben, erachten es als unmöglich,
auf den Stand einer vorkritischen Auslegung zurückzukommen, die sie zu
Recht als ungenügend erachten. Zum gleichen Zeitpunkt, wo die am
weitesten verbreitete wissenschaftliche Methode - die
„historisch-kritische“- in der Exegese, also auch in der katholischen
Exegese, allgemein angewendet wird, wird diese Methode in Frage
gestellt: einerseits durch das Aufkommen anderer Methoden und Zugänge in
der wissenschaftlichen Welt selbst und andererseits durch die Kritik
vieler Christen, die diese Methode vom Standpunkt des Glaubens aus als
mangelhaft erachten. Zur historisch-kritischen Methode, die sich, wie
ihr Name sagt, besonders mit der historischen Entwicklung der Texte bzw.
Traditionen beschäftigt, treten heute Methoden in Konkurrenz, die auf
einem synchronen Verständnis der Texte bestehen, sei es in bezug auf die
Sprache, die Komposition, die narrative Struktur oder die rhetorische
Form. Außerdem wird bei vielen der Versuch der diachronen Methoden, die
Vergangenheit zu rekonstruieren, durch die Tendenz ersetzt, die Texte zu
hinterfragen, indem man sie in die Perspektive der heutigen Zeit setzt,
sei es unter philosophischer, psychoanalytischer, soziologischer oder
politischer Hinsicht. Dieser Pluralismus der Methoden und Zugänge wird
von den einen als Reichtum geschätzt, bei andern jedoch hinterläßt er
den Eindruck einer großen Verwirrung. Ob diese Verwirrung nun
real oder vermeintlich ist, jedenfalls liefert sie den Gegnern der
wissenschaftlichen Exegese neue Argumente. Ihrer Meinung nach zeigt der
Konflikt bei der Interpretation, daß man nichts dabei gewinnt, wenn die
biblischen Texte den Ansprüchen der wissenschaftlichen Methoden
unterworfen werden. Im Gegenteil, man verliere dabei viel. Sie betonen,
die wissenschaftliche Exegese schaffe Verwirrung und löse Zweifel in
Dingen aus, die vorher mühelos angenommen wurden; sie dränge gewisse
Exegeten zu Positionen, die dem Glauben der Kirche in so wichtigen
Fragen widersprächen, wie der jungfräulichen Empfängnis Jesu, seinen
Wundern, ja sogar seiner Auferstehung und seiner Gottheit. Auch
wenn es nicht zu solchen Negierungen kommt, so charakterisiere sich
ihrer Meinung nach die wissenschaftliche Exegese doch durch ihre
Sterilität in bezug auf das christliche Leben. Statt einen leichteren
und sichereren Zugang zu den frischen Quellen des Wortes Gottes zu
schaffen, mache sie aus der Bibel ein verschlossenes Buch, dessen doch
immer problematische Interpretation raffinierte technische Mittel
erheische und so aus der Bibel ein Reservat für Spezialisten mache. Für
diese gilt, so glauben einige, das Wort des Evangeliums: „Ihr habt den
Schlüssel (der Tür) zur Erkenntnis weggenommen; ihr selbst seid nicht
hineingegangen, und die, die hineingehen wollten, habt ihr daran
gehindert“ (Lk 11, 52; vgl. Mt 23, 13). Folglich
ist man nun der Meinung, es sei notwendig, an die Stelle der geduldigen
Arbeit der wissenschaftlichen Exegese einfachere Zugänge zu eröffnen,
wie z.B. die eine oder andere Form synchroner Lesung, die man als
genügend erachtet; oder man preist sogar eine sogenannte „geistliche“
Lesung der Bibel an, womit man eine Lektüre meint, die einzig und allein
durch die persönliche, subjektive Eingebung geleitet ist und die diese
Eingebung nähren soll. Einige suchen in der Bibel den Christus ihrer
persönlichen Auffassung und die Befriedigung ihrer spontanen
Religiosität. Andere behaupten, in ihr direkte Antworten auf vielerlei
persönliche und die Gemeinschaft betreffende Fragen zu finden. Viele
Sekten bieten eine Interpretation als allein wahr an, die sie, so
behaupten sie, in einer Offenbarung erhalten hätten. B. Ziel
dieses Dokumentes Es geht also darum, die verschiedenen
Aspekte der heutigen Situation in bezug auf die Interpretation der Bibel
ernsthaft zu bedenken, Kritik, Klagen und Erwartungen aufmerksam
anzuhören und die durch die neuen Methoden und Zugänge eröffneten
Möglich keiten zu nützen. Schließlich soll die Orientierung, die dem
Auftrag der Exegese in der katholischen Kirche am besten entspricht,
genau bestimmt werden. Das ist das Ziel dieses Dokumentes. Die
Päpstliche Bibelkommission möchte die Wege aufzeigen, die zu einer dem
menschlichen und zugleich göttlichen Charakter der Bibel möglichst
getreuen Auslegung führen. Sie erhebt nicht den Anspruch, zu allen
Fragen Stellung zu beziehen, die sich in bezug auf die Bibel stellen,
wie z.B. die Theologie der Inspiration. Sie will nur die Methoden
prüfen, die erlauben sollen, den ganzen Reichtum, der in den biblischen
Texten enthalten ist, zu erschließen, damit das Wort Gottes immer mehr
zur geistigen Nahrung für die Glieder seines Volkes werden kann, zur
Quelle für ein Leben aus dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe und zum
Licht für die ganze Menschheit (vgl. Dei Verbum, 21). Um
dieses Ziel zu erreichen, will dieses Dokument: 1. eine kurze
Beschreibung der verschiedenen Methoden und Zugänge (1) mit ihren
Möglichkeiten und Grenzen geben; 2. Fragen der Hermeneutik
ansprechen; 3. Überlegungen über die spezifischen Dimensionen der
katholischen Interpretation der Bibel und über ihren Bezug zu den andern
theologischen Disziplinen vorlegen; 4. die Stellung erwägen, die
der Interpretation der Bibel im Leben der Kirche zukommt.
I. Methoden und Zugänge für die Interpretation A.
Historisch-kritische Methode Die historisch-kritische
Methode ist die unerläßliche Methode für die wissenschaftliche
Erforschung des Sinnes alter Texte. Da die Heilige Schrift, als „Wort
Gottes in menschlicher Sprache“, in all ihren Teilen und Quellen von
menschlichen Autoren verfaßt wurde, läßt ihr echtes Verständnis diese
Methode nicht nur als legitim zu, sondern es erfordert auch ihre
Anwendung. 1. Zur Geschichte dieser Methode Will man
diese Methode in ihrem heutigen Stand richtig bewerten, muß man einen
Blick auf ihre Geschichte werfen. Gewisse Elemente dieser
Interpretationsmethode sind sehr alt. Sie wurden in der Antike von
griechischen Kommentatoren der klassischen Literatur angewandt und
später, in der patristischen Zeit, von Autoren wie Origenes, Hieronymus
und Augustinus. Die Methode war damals noch wenig ausgearbeitet. Ihre
modernen Formen sind das Ergebnis von Vervollkommnungen, besonders seit
den Humanisten der Renaissance und ihrem recursus ad fontes. Die
Textkritik des Neuen Testamentes entwickelte sich jedoch als
wissenschaftliche Disziplin erst seit etwa 1800, nachdem man sich vom
Textus receptus losgelöst hatte, während die Literarkritik schon auf das
17. Jahrhundert zurück geht. Bahnbrechend war das Werk von Richard
Simon, der die Aufmerksamkeit auf die Doppelungen, die Differenzen im
Inhalt und auf die Stilunterschiede, wie man sie im Pentateuch
feststellen kann, lenkte, Feststellungen, die mit der Vorstellung eines
einzigen Autors Mose nicht vereinbar sind. Im 18. Jahrhundert genügte
für Jean Astruc noch die Erklärung, Mose hätte sich eben verschiedener
Quellen bedient (besonders zweier Hauptquellen), um das Buch Genesis zu
verfassen. Doch die Kritik bestritt in der Folge immer entschiedener die
Verfasserschaft Moses für den Pentateuch selbst. Die Literarkritik
beschränkte sich lange Zeit auf das Bestreben, in den Texten die
verschiedenen Quellen (Dokumente) voneinander zu scheiden. So
entwickelte sich dann im 19. Jahrhundert die „Urkundenhypothese“, die
der Redaktion des Pentateuchs Rechnung zu tragen versucht. Vier zum Teil
parallele Dokumente bzw. Quellenschriften aus verschiedenen Epochen
wären miteinander verschmolzen worden: der Jahwist (J), der Elohist (E),
das Deuteronomium als Quelle (D) und die Priesterschrift (P). Die
letztere hätte dem Endredaktor dazu gedient, das Ganze zu strukturieren.
In analoger Weise berief man sich auf die Zweiquellenhypothese, um die
beobachteten Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen den drei
synoptischen Evangelien zu erklären; gemäß dieser Hypothese wären die
Evangelien von Matthäus und Lukas aufgrund zweier Hauptquellen
entstanden: dem Evangelium von Markus einerseits, und andererseits einer
Sammlung von Worten Jesu (genannt Q = Quelle). Im wesentlichen werden
diese beiden Hypothesen auch heute noch in der wissenschaftlichen
Exegese vertreten, sind jedoch auch umstritten. Im Bestreben, die
Chronologie der biblischen Texte zu erstellen, beschränkte sich die
Literarkritik auf die Abtrennung und Zergliederung von Texteinheiten, um
die verschiedenen Quellen zu unterscheiden. Sie wendete der Endgestalt
des biblischen Textes nicht genügend Aufmerksamkeit zu. Die Botschaft,
die dieser in seiner jetzigen Form zum Ausdruck bringt, war ihr nicht
von Bedeutung (man zeigte wenig Achtung für das Werk der Redaktoren).
Aus diesem Grunde konnte die historisch-kritische Methode als zersetzend
und zerstörerisch erscheinen, dies um so mehr, als gewisse Exegeten
unter dem Einfluß der vergleichenden Religionsgeschichte, so wie sie
damals gepflegt wurde, oder philosophischer Anschauungen negative
Urteile über die Bibel äußerten. Hermann Gunkel hat die Methode
aus dem Ghetto einer engverstandenen Literarkritik herausgeführt. Obwohl
er die Bücher des Pentateuchs (2) weiterhin als Sammelwerke betrachtete,
so wandte er doch seine Aufmerksamkeit der besonderen Beschaffenheit der
verschiedenen Abschnitte zu. Er versuchte, die Gattung jeder einzelnen
Einheit (z.B. „Legende“ oder „ Hymnus“), sowie ihre Herkunft oder ihren
„Sitz im Leben“ (z.B. Rechtswesen, Liturgie usw.) zu bestimmen. Mit
dieser Erforschung der literarischen Gattungen ist die „kritische
Erforschung der Formen“ verbunden, die „Formgeschichte“, die in die
Exegese der Synoptiker durch Martin Dibelius und Rudolf Bultmann
eingeführt wurde. Letzterer verband das Studium der Formgeschichte mit
einer biblischen Hermeneutik, die bei der existentialistischen
Philosophie von Martin Heidegger Anregung suchte. Die Folge davon war,
daß die Formgeschichte oft zu ernsthaften Vorbehalten führte. Doch diese
Methode an und für sich führte zum Ergebnis, daß deutlich wurde, wie die
neutestamentliche Überlieferung ihre Herkunft (3) in der christlichen
Gemeinde hatte, und ihre Form von der Urkirche empfing, daß sie von der
Verkündigung Jesu selbst zur Verkündigung über Jesus als dem Christus
gelangte. Zur Formgeschichte gesellte sich die Redaktionsgeschichte,
eine kritische Untersuchung der Redaktion. Diese versuchte, den
persönlichen Beitrag jedes Evangelisten und die theologische
Ausrichtung, die seiner Redaktionsarbeit zugrunde lag, hervorzuheben.
Durch die Anwendung dieser letzten Methode wurde die Reihe der
verschiedenen Schritte der historisch-kritischen Methode vollständiger:
von der Textkritik kommt man zur Literarkritik, die die Texte zerlegt
(Quellenforschung), dann zu einer kritischen Erforschung der Formen und
schließlich zu einer redaktionsgeschichtlichen Analyse, die dem Text als
ganzem ihre Aufmerksamkeit schenkt. So wurde ein klareres Verständnis
der Absicht der Verfasser und der Redaktoren der Bibel möglich, und
dadurch auch der Botschaft, die sie den ersten Empfängern vermitteln
wollten. Die historisch-kritische Methode gewann dadurch eine
hervorragende Bedeutung. 2. Prinzipien Die
Grundprinzipien der historisch-kritischen Methode in ihrer klassischen
Form sind die folgenden: Es ist eine historische Methode; nicht nur,
weil sie sich auf alte Texte bezieht — im vorliegenden Fall auf die der
Bibel — und deren historische Tragweite erforscht, sondern auch und vor
allem, weil sie versucht, den historischen Prozeß der Entstehung der
biblischen Texte zu klären: dieser diachrone Prozeß war oft kompliziert
und von langer Dauer. In den verschiedenen Stadien ihrer Entstehung
wandten sich die Bibeltexte an verschiedene Kategorien von Zuhörern oder
Lesern, die sich in verschiedenen Situationen in Raum und Zeit befanden.
Es ist eine kritische Methode, denn sie arbeitet in ihrem ganzen
Vorgehen (von der Textkritik bis zur Redaktionskritik) mit Hilfe
wissenschaftlicher, möglichst objektiver Kriterien, um so dem heutigen
Leser den Zugang zum Inhalt der biblischen Texte zu ermöglichen, deren
Sinn oft schwer zu erfassen ist. Als analytische Methode
erforscht sie den biblischen Text auf die gleiche Art und Weise wie sie
jeden anderen Text der Antike erforscht. Sie erläutert ihn als Erzeugnis
der menschlichen Sprache. Sie hilft dadurch aber dem Exegeten, vor allem
in der Erforschung der Redaktion der Texte, den Inhalt der in der Bibel
enthaltenen göttlichen Offenbarung besser zu erfassen. 3.
Beschreibung Im derzeitigen Stand ihrer Entwicklung durchläuft
die historisch-kritische Methode folgende Etappen: Die
Textkritik, die seit langer Zeit geübt wird, eröffnet die Reihe der
wissenschaftlichen Forschungsvorgänge. Indem sie sich auf das Zeugnis
der ältesten und besten Manuskripte stützt, wie auch auf die Papyri,
die alten Übersetzungen und die Patristik, versucht sie, nach bestimmten
Regeln, einen biblischen Text zu erstellen, der dem Originaltext so nahe
wie möglich kommt. Danach wird der Text einer linguistischen
(morphologischen und syntaktischen) und semantischen Analyse unterzogen,
die die Erkenntnisse der historisch-philologischen Forschung benützt.
Die Literarkritik bemüht sich dann, Anfang und Ende der großen und
kleinen Texteinheiten zu bestimmen und die innere Kohärenz des Textes zu
prüfen. Die Existenz von Dubletten, unvereinbaren Gegensätzen und
anderen Indizien lassen den zusammengesetzten Charakter gewisser Texte
erkennen; man unterteilt sie in kleine Einheiten, um deren mögliche
Zugehörigkeit zu verschiedenen Quellen zu ermitteln. Die Gattungskritik
versucht, die literarischen Gattungen, ihr Ursprungsmilieu, ihre
spezifischen Merkmale und ihre Entwicklung zu bestimmen. Die
Traditionskritik situiert die Texte in den Überlieferungsströmen, deren
Entwicklung im Laufe der Geschichte sie zu präzisieren versucht. Die
Redaktionskritik schließlich untersucht die Veränderungen, die die Texte
erfahren haben, bevor sie zu ihrer endgültigen Form gelangten; sie
analysiert diese Endgestalt, indem sie die Texte unter dem Gesichtspunkt
ihrer jeweiligen Orientierungen voneinander unterscheidet. Während man
in den früheren Schritten versucht hat, den Text in seinem Werden in
einer diachronen Perspektive zu erklären, so schließt dieser letzte
Schritt mit einer synchronen Untersuchung: Man erläutert nun den Text
als solchen, dank der gegenseitigen Beziehungen der verschiedenen
Elemente untereinander, und betrachtet ihn unter dem Gesichtspunkt einer
Botschaft, die der Verfasser seinen Zeitgenossen vermitteln will. So
kann auch die pragmatische Funktion des Textes berücksichtigt werden.
Wenn die untersuchten Texte einer historischen literarischen Gattung
(4) angehören oder in Verbindung mit geschichtlichen Ereignissen stehen,
so ergänzt die historische Kritik die Literarkritik, um die
geschichtliche Bedeutung des Textes im modernen Sinn des Ausdrucks
festzustellen. Auf diese Weise werden die verschiedenen Stufen
der konkreten Entwicklung der biblischen Offenbarung ans Licht gebracht.
4. Bewertung Welcher Wert kommt der historisch-kritischen Methode
zumal im gegenwärtigen Stand ihrer Entwicklung zu? Wenn diese
Methode auf objektive Weise angewendet wird, schließt sie kein Apriori
in sich. Wenn solche Apriori ihre Anwendung bestimmen, so kommt dies
nicht von der Methode her, sondern von hermeneutischen Optionen, die die
Auslegung bestimmen und tendenziös sein können. Zu Beginn war die
Methode auf Quellenkritik und Religionsgeschichte ausgerichtet; doch
danach ergab sich, daß sie einen neuen Zugang zur Bibel eröffnete, indem
sie aufzeigte, daß diese eine Sammlung von Schriften ist, die meistens,
besonders im Alten Testament, nicht von einem einzigen Verfasser
stammen, sondern eine lange Vorgeschichte haben. Diese wiederum ist
unentwirrbar mit der Geschichte Israels oder derjenigen der Urkirche
verflochten. Vorher war sich die jüdische und christliche Auslegung der
Bibel der konkreten historischen Gegebenheiten, in denen das Wort Gottes
Wurzeln gefaßt hatte, nicht so klar bewußt. Ihre Kenntnis war summarisch
und unscharf. Die Konfrontation der traditionellen Exegese mit einer
wissenschaftlichen Methode, die in ihren Anfängen bewußt vom Glauben
absah, ihm manchmal sogar widersprach, war gewiß ein schmerzlicher
Prozeß; doch später stellte er sich als heilsam heraus: nachdem die
Methode endlich von den ihr anhaftenden Voreingenommenheiten befreit
war, führte sie zu einem genaueren Verständnis der Wahrheit der Heiligen
Schrift (vgl. Dei Verbum, 12). Gemäß Divino afflante Spiritu
ist die Erforschung des Literalsinnes der Heiligen Schrift eine
wesentliche Aufgabe der Exegese. Um diese Aufgabe zu erfüllen, ist es
notwendig, die literarische Gattung der Texte zu bestimmen (vgl.
EnchB 560). Dazu ist die Hilfe der historisch-kritischen Methode
unentbehrlich. Gewiß, die klassische Anwendung der
historisch-kritischen Methode zeigt auch Grenzen, denn sie beschränkt
sich auf die Forschung nach dem Sinn des biblischen Textes in den
historischen Bedingungen seiner Entstehung und interessiert sich nicht
für die weiteren Sinnmöglichkeiten, die im Verlauf späterer Epochen der
biblischen Offenbarung und Kirchengeschichte zu Tage getreten sind.
Gleich wohl hat diese Methode zu exegetischen und bibeltheologischen
Werken von großem Wert beigetragen. Seit langem hat man auf eine
Vermischung der Methode mit einem philosophischen System verzichtet.
Jüngst hat eine exegetische Tendenz die Methode im Sinn einer Betonung
der Textgestalt auf Kosten des Interesses für seinen Inhalt umgebogen.
Doch wurde diese Tendenz durch eine differenzierte Semantik (Semantik
der Worte, der Sätze, des Textes) und die Erforschung der pragmatischen
Dimension der Texte korrigiert. Was den Einschluß einer synchronen
Analyse der Texte in die Methode betrifft, muß man anerkennen, daß es
sich um ein legitimes Unterfangen handelt. Denn der Text in seiner
Endgestalt und nicht in irgendeiner früheren Fassung ist der Ausdruck
von Gottes Wort. (5) Die diachrone Rekonstruktion bleibt jedoch
unentbehrlich, um die geschichtliche Dynamik, die der Heiligen Schrift
innewohnt, und ihre reiche Komplexität aufzuzeigen: so spiegelt z.B. das
Bundesbuch (Ex 21-23) eine andere politische, soziale und
religiöse Situation der israelitischen Gesellschaft wieder als die
anderen Gesetzessammlungen im Deuteronomium (Dtn 12- 26) oder im
Buch Levitikus (Heiligkeitsgesetz, Lev 17 -26). Man konnte der
alten historisch-kritischen Exegese ihre historistische Tendenz
vorwerfen, doch darf man auch nicht in das gegenteilige Extrem
verfallen, d.h. in eine ausschließlich synchrone Exegese, die die
Geschichte der Texte ignoriert. So ist es Ziel der
historisch-kritischen Methode, in vorwiegend diachroner Weise den Sinn
hervorzuheben, den die Verfasser und Redaktoren ausdrücken wollten.
Zusammen mit anderen Methoden und Zugängen öffnet sie so dem modernen
Leser den Zugang zum Verständnis der Bibeltexte, wie sie heute
vorliegen. B. Neue Methoden der literarischen Analyse
Keine wissenschaftliche Methode der Erforschung der Bibel kann dem
Reichtum der biblischen Texte ganz gerecht werden. So kann auch die
historisch-kritische Methode nicht den Anspruch erheben, allem zu
genügen. Sie läßt unweigerlich zahlreiche Aspekte der Texte, die sie
erforscht, im dunkeln. Es ist deshalb nicht erstaunlich, daß heute auch
andere Methoden und Zugänge vorgeschlagen werden, um den einen oder
andern wichtigen Aspekt eines Textes tiefer zu erfassen. In diesem
Abschnitt (B) möchten wir einige jüngst entwickelte Methoden der
literarischen Analyse vorstellen. In den folgenden Abschnitten (C, D, E)
werden wir kurz verschiedene neue Zugänge prüfen; die einen beziehen
sich auf Forschungen zur Tradition, andere auf die
„Geisteswissenschaften“, andere wieder auf besondere zeitgenössische
Situationen. Schließlich (F) werden wir uns der fundamentalistischen
Lektüre der Bibel zuwenden, die jede methodische Interpretationsbemühung
ablehnt. Die biblische Exegese, die die Fortschritte der heutigen
Sprach- und Literaturwissenschaften nutzt, macht sich immer mehr die
neuen Methoden der Literaturanalysen zu eigen, besonders die
rhetorische, narrative und semiotische Analyse. 1. Die rhetorische
Analyse In Wirklichkeit ist die rhetorische Analyse als solche
keine neue Methode. Neu ist einerseits ihre systematische Anwendung auf
die Interpretation der Bibel und andererseits die Entstehung und
Entwicklung einer „Neuen Rhetorik“. Die Rhetorik ist die Kunst,
mit einer Rede zu überzeugen. Da im Grunde genommen alle biblischen
Texte bis zu einem gewissen Grad überzeugen wollen, gehört eine gewisse
Kenntnis der Rhetorik zum normalen Rüstzeug der Exegeten. Die
rhetorische Analyse muß kritisch angewendet werden, denn die
wissenschaftliche Exegese muß kritischen Ansprüchen genügen. Viele
neuere biblische Forschungen haben der Rhetorik in der Heiligen Schrift
große Aufmerksamkeit geschenkt. Man kann drei veschiedene Zugänge
unterscheiden. Der erste stützt sich auf die klassische,
griechisch-lateinische Rhetorik; der zweite widmet seine Aufmerksamkeit
den Abfassungsprozessen im semitischen Kulturraum; der dritte geht von
modernen Erkenntnissen aus, die man „Neue Rhetorik“ nennt. Jede
Rede wird in einer bestimmten Situation gehalten, die aus drei Elementen
besteht: der Redner (oder Verfasser), die Rede (oder der Text) und die
Hörerschaft (oder die Empfänger). Die klassische Rhetorik unterscheidet
somit drei Überzeugungsfaktoren, die zur Qualität einer Rede beitragen:
die Autorität des Redners, die Argumentation der Rede und die Emotionen,
welche die Rede in der Hörerschaft auslöst. Verschiedenheit von
Situation und Hörerschaft beeinflussen die Rede sehr stark. Seit
Aristoteles unterscheidet die klassische Rhetorik drei Redegattungen:
die forensische (vor dem Gericht), die beratende (in den politischen
Versammlungen) und die anschauliche (bei Feiern). In der
hellenistischen Kultur hatte die Rhetorik einen enormen Einfluß. Aus
diesem Grund benützt eine immer größere Zahl von Exegeten die klassische
Literatur zur Rhetorik, um gewisse Aspekte der biblischen Schriften,
besonders des Neuen Testaments, genauer analysieren zu können.
Andere Exegeten wiederum richten ihre Aufmerksamkeit auf die
spezifischen Merkmale der biblischen Literaturtradition. Da diese in der
semitischen Kultur beheimatet ist, hat sie, wie die semitische Kultur
ganz allgemein, eine betonte Vorliebe für symmetrische Kompositionen,
die zwischen den verschiedenen Textelementen Verbindungen schaffen. Die
Erforschung der vielfältigen Formen des Parallelismus und anderer
semitischer Kompositionsweisen erlaubt es, die literarische Struktur der
Texte besser zu erfassen und dadurch zu einem besseren Verständnis ihrer
Botschaft zu gelangen. Die „Neue Rhetorik“ geht von einem
allgemeineren Standpunkt aus. Sie will nicht nur eine Art Inventar der
Stilfiguren, der Redekunst und der Gattungen von Rede sein. Sie
erforscht, warum dieser oder jener spezifische Sprachgebrauch hier oder
dort wirksam ist und Überzeugung wecken kann. Sie will „realistisch“
sein, indem sie sich nicht einfach auf eine Formanalyse beschränkt. Sie
widmet der Situation des Gesprächs die notwendige Beachtung. Sie
erforscht Stil und Komposition als Mittel zu dem Zweck, die Hörerschaft
zu beeinflussen. Zu diesem Zweck profitiert sie von den neueren
Forschungsergebnissen gewisser Disziplinen wie Semiotik, Anthropologie
und Soziologie. Will man die „Neue Rhetorik“ auf die Bibel
anwenden, so heißt dies, daß sie bis zum Kern der Sprache der
Offenbarung als religiöse Sprache, die überzeugen soll, vordringen und
ihre Wirkung im Kontext der sozialen Kommunikation bestimmen will.
Die rhetorischen Analysen verdienen hohe Beachtung, besonders in ihren
jüngsten Ergebnissen, denn diese bereichern die kritische Erforschung
der Texte. Sie beheben eine lange Vernachlässigung und lassen
ursprüngliche Perspektiven hervortreten oder setzen sie neu ins Licht.
Die „Neue Rhetorik“ zieht zu Recht die Aufmerksamkeit auf die
Überzeugungskraft der Sprache. Die Bibel ist nicht einfach eine
Bekundung von Wahrheiten. Sie ist Botschaft und hat
Kommunikationsfunktion in einem bestimmten Kontext. Dieser Botschaft
liegt eine Argumentationsdynamik und eine rhetorische Strategie
zugrunde. Die rhetorischen Analysen haben jedoch auch ihre
Grenzen. Sind sie rein deskriptiv, so haben ihre Ergebnisse oft nur
stilistisches Interesse. Wegen ihrer Synchronie können sie nicht
behaupten, eine unabhängige Methode darzustellen, die sich selbst
genügte. Ihre Anwendung auf biblische Texte wirft Fragen auf: Gehörten
die Verfasser dieser Texte einem hochkultivierten Milieu an? Bis zu
welchem Punkt benützten sie bei der Abfassung ihrer Texte die
Rhetorikregeln? Welche Rhetorik ist für die Analyse solcher Texte
geeigneter: die griechisch-lateinische oder die semitische? Ist man
nicht versucht, gewissen biblischen Texten eine allzu entwickelte
Rhetorik zuzuschreiben? Solche und andere Fragen wollen
selbstverständlich vom Gebrauch solcher Analysen nicht abraten; sie
wollen nur davor warnen, sich ihrer ohne Unterscheidung zu bedienen.
2. Die narrative Analyse Die narrative Exegese bietet eine
Verständnis- und Kommunikations-Methode für die biblische Botschaft, die
deren Erzählungs- und Zeugnischarakter entspricht. Dieser Charakter ist
eine Hauptform der Kommunikation zwischen Menschen und somit eine
Charakteristik auch der Heiligen Schrift. In ihr legt das Alte Testament
eine Heilsgeschichte dar, deren Erzählung sich auswirkt und zum Inhalt
des Glaubensbekenntnisses, der Liturgie und der Katechese führt (vgl.
Ps 78, 3-4; Ex 12, 24-27; Dtn 6,20 -25; 26,5 -11). Die
Verkündigung des christlichen Kerygmas ihrerseits enthält die
Erzählungsfolge von Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi,
Geschehnisse, deren ausführliche Erzählung in den Evangelien enthalten
ist. Auch die Katechese bietet sich in narrativer Form dar (vgl. 1
Kor 11 , 23- 25). Was die narrativen Zugänge betrifft, ist es
wichtig, analytische Methoden und theologische Reflexion zu
unterscheiden. Zahlreiche analytische Methoden werden heute
verwendet. Die einen gehen von der Erforschung der narrativen Modelle
der Vergangenheit aus. Die andern stützen sich auf aktuelle
„Narratologien“, die gewisse Gemeinsamkeiten mit der Semiotik haben
können. Die narrative Analyse widmet ihre Aufmerksamkeit besonders den
Textelementen, auf denen der Spannungsbogen, die Charaktere und der
Gesichtspunkt des Erzählers beruhen; sie erforscht die Art und Weise,
wie eine Geschichte erzählt wird, um den Leser in „die Welt der
Erzählung“ und ihr Wertsystem miteinzubeziehen. Verschiedene
Methoden unterscheiden zwischen „realem Autor“ und „implizitem Autor“,
zwischen „realem Leser“ und „implizitem Leser“. Der „reale Autor“ ist
derjenige, der die Erzählung verfaßt hat. Mit "implizitem Autor“
bezeichnet man das Bild des Autors, so wie es der Text nach und nach
durch die Lektüre erscheinen läßt (seine Kultur, sein Temperament, seine
Tendenzen, sein Glaube usw.). Beim „realen Leser“ geht es um alle
Personen, die Zugang zum Text haben, angefangen von den ersten
Empfängern, die ihn gelesen oder gehört haben, bis zu den heutigen
Lesern oder Hörern. Unter dem „impliziten Leser“ versteht man
denjenigen, der vom Text vorausgesetzt oder produziert wird, der fähig
ist, die notwendigen geistigen und affektiven Bewegungen zu vollziehen,
um in die Welt der Erzählung einzutreten und so darauf zu antworten, wie
es der reale Autor durch den impliziten Autor erstrebt. Ein Text
übt seinen Einfluß solange aus, als die realen Leser (z.B. wir, am Ende
des 20. Jahrhunderts) sich mit dem impliziten Leser identifizieren
können. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben der Exegese, diese
Identifikation zu erleichtern. Aus der narrativen Analyse entsteht
eine neue Art und Weise, die Tragweite der Texte zu ermessen. Während
die historisch-kritische Methode den Text eher als „Fenster“ sieht, das
Beobachtungen zu einer gegebenen Epoche erlaubt (nicht nur zu den
erzählten Einzelheiten, sondern auch zur Situation der Gemeinschaft, für
welche die Erzählung bestimmt war), so hebt man nun hervor, daß der Text
auch die Funktion eines „Spiegels“ hat , in dem Sinne, daß er ein
bestimmtes Bild der Welt widerspiegelt – der „Welt der Erzählung“ –, das
seinen Einfluß auf den Leser ausübt und ihn veranlaßt, bestimmte Werte
anzunehmen. Die theologische Reflexion hat sich mit dieser
spezifisch literarischen Forschungsgattung verbunden, um den Einfluß der
Erzählungsart – also des Zeugnisses – der Heiligen Schrift auf die
Annahme des Glaubens zu bestimmen und von da aus eine Hermeneutik für
das konkrete Leben und für die Pastoral abzuleiten. Das ist eine
Reaktion auf die Reduktion des inspirierten Textes auf eine Reihe
theologischer Thesen, die nach Kategorien und in einer Sprache
formuliert sind, die nicht biblisch sind. Man erwartet von der
narrativen Exegese, daß sie in neuen historischen Kontexten die
Bedeutungs- und Kommunikationsformen des biblischen Erzählens
transponiert, um so seine Wirkkraft für das Heil besser erfahren zu
lassen. Es wird auf die Notwendigkeit Gewicht gelegt, „das Heil zu
erzählen“ („informativer“ Aspekt der Erzählung) und es „im Blick auf das
Heil zu erzählen“ („performativer“ Aspekt). Explizit oder implizit
enthält ja die biblische Erzählung tatsächlich einen existentiellen
Anruf an den Leser. Die narrative Analyse ist für die Exegese der
Bibel offensichtlich von Nutzen, denn sie entspricht der narrativen
Natur einer sehr großen Zahl biblischer Texte. Sie kann dazu beitragen,
den oft mühsamen Übergang vom Sinn des Textes in seinem historischen
Kontext – so wie die historisch-kritische Methode ihn zu definieren
versucht – zur Bedeutsamkeit des Textes für den heutigen Leser zu
erleichtern. Demgegenüber nimmt die Komplexität der
Interpretationsprobleme mit der Unterscheidung von „realem Autor“ und
„implizitem Autor“ zu. Was die Bibel betrifft, kann sich die
narrative Analyse nicht damit begnügen, dieser irgendwelche
vorfabrizierte Modelle überzustülpen. Die Analyse muß sich bemühen, der
Eigenart der Bibel Rechnung zu tragen. Der synchrone Zugang zu den
Texten muß durch diachrone Forschungen ergänzt werden. Ferner muß sie
sich vor der möglichen Tendenz hüten, jede systematisierende, lehrhaft
formulierte Interpretation der in der Bibel enthaltenen Erzählungen
auszuschließen. Sie würde dadurch in Widerspruch treten zur biblischen
Tradition, die solche lehrhaften Texte enthält, und zur kirchlichen
Tradition, die auf diesem Weg weitergegangen ist. Und schließlich darf
man die existentielle subjektive Wirksamkeit des auf narrative Weise
übermittelten Wortes Gottes nicht als ausreichendes Kriterium für allein
wahre Interpretation betrachten. 3. Die semiotische Analyse
Unter den sogenannten synchronen Methoden, d.h. den Methoden, die sich
auf die Erforschung des biblischen Textes konzentrieren, so wie er sich
in seiner Endfassung darbietet, finden wir die semiotische Analyse, die
sich in den letzten zwanzig Jahren in gewissen Kreisen sehr stark
entwickelt hat. Diese Methode, die zuerst mit dem allgemeinen Begriff „
Strukturalismus“ bezeichnet wurde, hat zu ihrem Ahnen den
schweizerischen Linguisten Ferdinand de Saussure. Dieser hat zu Beginn
dieses Jahrhunderts eine Theorie ausgearbeitet, nach der jede Sprache
ein System von Beziehungen ist, das bestimmten Regeln gehorcht.
Linguisten und Literaturwissenschaftler nahmen entscheidend Einfluß auf
die Entwicklung der Methode. Die Mehrheit der Bibliker, die die Semiotik
für die Erforschung der Bibel benützen, beruft sich auf Algirdas J.
Greimas und die Pariser Schule, deren Gründer er ist. Ähnliche Methoden
oder Zugänge, die auf der modernen Linguistik gründen, entwickelten sich
aber auch anderswo. Wir wollen hier als ein Beispiel kurz die Methode
Greimas’ vorstellen und analysieren. Die Semiotik ruht auf drei
Hauptprinzipien oder Hauptvoraussetzungen: Das Immanenzprinzip:
jeder Text formt eine Bedeutungseinheit; die Analyse betrachtet den
ganzen Text, doch nur den Text; sie stützt sich auf keine „äußeren“
Gegebenheiten wie z.B. Verfasser, Empfänger, erzählte Ereignisse oder
Redaktionsgeschichte. Das Prinzip der Sinnstruktur: einen
Sinn gibt es nur durch und in der Beziehung, besonders in der Beziehung
der Differenzen zueinander; die Analyse eines Textes besteht somit
darin, das Netz der Beziehungen zwischen den Elementen zu ermitteln
(Oppositionen, Identifikationen), woraus sich dann der Sinn des Textes
ergibt. Das Prinzip der Textgrammatik: jeder Text benützt
eine Grammatik, d.h. eine gewisse Anzahl von Regeln oder Strukturen; in
einer Einheit von Sätzen, die man Rede nennt, gibt es verschiedene
Ebenen, von denen jede ihre eigene Grammatik hat.
Der Gesamtinhalt eines Textes kann auf drei Ebenen analysiert werden:
Narrative Ebene: In einem Text werden die Veränderungen erforscht,
die zwischen der Anfangs- und der Schlußsituation stattgefunden haben.
Innerhalb eines narrativen Bogens sucht die Analyse die verschiedenen
Phasen herauszuarbeiten, die miteinander logisch verbunden sind und zur
Transformation geführt haben. In jeder dieser Phasen präzisiert man die
Beziehungen zwischen den „Rollen“, die von „Aktanten“ ausgeführt werden,
die die Situationen definieren und die Transformation herbeiführen.
Diskursive Ebene: Die Analyse besteht in drei Arbeitsgängen: (a) die
Figuren, d.h. die Bedeutungselemente eines Textes (handelnde Personen,
Zeit und Ort) werden bestimmt und klassifiziert; (b) die Bahn, die jede
Figur eines Textes durchläuft, wird bestimmt, um festzustellen, in
welcher Weise dieser Text sie benützt; (c) die thematischen Werte der
Figuren werden untersucht; diese Untersuchung besteht in der
Beantwortung derFrage, „in wessen Namen“ (=Wert) die Personen in einem
gegebenen Text gerade diese Entwicklung durchlaufen.
Logisch-semantische Ebene: Diese ist die tiefste Ebene. Sie ist auch
die abstrakteste. Sie beruht auf dem Postulat, daß jeder Rede und ihrer
narrativen und diskursiven Gestaltung logische Formen und Formen des
Bedeutens zugrunde liegen. Auf dieser Ebene besteht die Analyse darin,
die Logik zu präzisieren, die den grundlegenden Gliederungen des
erzählerischen und figurativen Bogens eines Textes innewohnt. Zu diesem
Zweck wird oft ein Instrument verwendet, das man „semiotisches Viereck“
( „carré sémiotique“) nennt; es benützt die Beziehungen zwischen zwei „
gegensätzlichen“ und zwei „sich widersprechenden“ Ausdrücken (z.B. weiß
und schwarz; weiß und nicht-weiß, schwarz und nicht-schwarz). Die
Theoretiker bauen die semiotische Methode immer weiter aus. Die
gegenwärtigen Forschungen beziehen sich namentlich auf die
„Ausdrucksweise“ („Enonciation“) und auf die „Intertextualität“. Zuerst
wurde diese Methode auf die erzählenden Texte der Heiligen Schrift
angewendet, da sich diese besser dazu eignen. Doch überträgt man sie
immer mehr auch auf andere Gattungen biblischer Darstellung. Diese
sehr geraffte Beschreibung der Semiotik und vor allem die Darstellung
ihrer Voraussetzungen lassen den Gewinn und die Grenzen dieser Methode
bereits erahnen. Indem sie vermehrt darauf aufmerksam macht, daß jeder
biblische Text ein kohärentes Ganzes ist, das bestimmten linguistischen
Gesetzen gehorcht, trägt die Semiotik zu unserem Verständnis der Bibel,
dem Wort Gottes in menschlicher Sprache bei. Die Semiotik kann zur
Erforschung der Bibel nur dann gebraucht werden, wenn man diese Methode
der Analyse von gewissen in der strukturalistischen Philosophie
entwickelten Voraussetzungen freimacht, d.h. wenn man sie von der
Negierung des erzählenden Subjekts und des außertextlichen Bezugs löst.
Die Bibel ist ein Wort über die Wirklichkeit. Gott hat es in einer
Geschichte gesprochen. In ihr wendet er sich auch heute noch an uns
durch die Vermittlung von menschlichen Verfassern. Der semiotische
Zugang muß für die Geschichte offen sein: zuerst für die Geschichte der
Akteure der Texte, dann für die der Textverfasser und für die ihrer
Leser. Bei denjenigen, die die semiotische Analyse verwenden, ist das
Risiko groß, sich mit einer formellen Erforschung des Inhaltes zu
begnügen und so an der Botschaft der Texte vorbeizugehen. Wenn die
semiotische Analyse sich nicht in den Labyrinthen einer komplizierten
Sprache verliert, wenn sie in einfacher Sprache in ihren Hauptelementen
dargelegt wird, kann sie in uns Christen das berechtigte Bedürfnis
wecken, den biblischen Text zu studieren und seine Sinndimensionen zu
entdecken, auch wenn wir nicht im Besitz aller historischer Kenntnisse
sind, die sich auf den Text und seine sozio-kulturelle Welt beziehen. So
kann sich diese Methode selbst in der Seelsorge, besonders für eine
Aneignung der Heiligen Schrift in nicht spezialisierten Kreisen (6), als
nützlich erweisen. C. Auf die Tradition gegründete Zugänge zur
Heiligen Schrift Obschon sich die oben dargestellten
literarischen Methoden von der historisch-kritischen Methode durch
größere Gewichtung der inneren Einheit der erforschten Texte
unterscheiden, genügen sie allein für die Interpretation der Bibel
nicht, da sie jeden Text isoliert für sich untersuchen. Die Bibel ist
aber nicht einfach eine Sammlung von Texten ohne Beziehungen
untereinander. Sie ist vielmehr eine Einheit von Zeugnissen einer
einzigen großen Tradition. Um ihrem Forschungsgegenstand zu entsprechen,
muß die biblische Exegese dieser Tatsache Rechnung tragen. Mehrere
moderne Zugänge zur Heiligen Schrift werden in dieser Perspektive
verständlich. 1. Kanonischer Zugang („Kanonkritik“) Der
„kanonische“ Zugang entstand vor ca. zwanzig Jahren in den USA. Nachdem
festgestellt worden ist, daß es der historisch-kritischen Methode
manchmal schwerfällt, theologisch relevante Ergebnisse zu erzielen,
möchte der „kanonische“ Zugang eine theologische Interpretationsmethode
anwenden, die sich explizit im Rahmen des Glaubens bewegt: sie stützt
sich auf die Bibel als Ganzes. Jeder biblische Text wird demgemäß
im Lichte des Kanons der Heiligen Schrift interpretiert, d.h. im Licht
der Bibel als Weisung für den Glauben einer Gemeinschaft von Gläubigen.
Die Methode sucht jeden Text innerhalb des einzigen Planes Gottes zu
situieren, um eine Aktualisierung der Heiligen Schrift für unsere Zeit
anzustreben. Dadurch soll die historisch-kritische Methode nicht
ersetzt, sondern ergänzt werden. Es wurden zwei verschiedene
Gesichtspunkte vorgeschlagen: Brevard S. Childs konzentriert sein
Interesse auf die kanonische Endform des Textes (Buch oder Sammlung von
Büchern), die Form, die von der Gemeinschaft als die Autorität
angenommen wird, die ihren Glauben ausdrückt und ihr Leben lenkt.
James A. Sanders seinerseits schenkt seine Aufmerksamkeit mehr dem
„kanonischen Vorgang“ – der progressiven Entwicklung der von der
Glaubensgemeinschaft als normativ anerkannten Schriften – als der
stabilisierten Endform des Textes. Die kritische Erforschung dieses
Vorganges versucht herauszufinden, auf welche Weise die alten
Traditionen in einem anderen Kontext neu gebraucht wurden, bevor sie ein
Ganzes bildeten, das dauerhaft und anpassungsfähig zugleich ist,
kohärent und verschiedenartige Elemente umfassend, ein Ganzes, aus dem
die Glaubensgemeinschaft ihre Identität schöpfen kann. Bei diesem Prozeß
wurden, und werden auch heute noch nach der Fixierung des Kanons,
hermeneutische Methoden angewendet; sie gleichen oft der Art des
Midrasch und dienen der Aktualisierung des biblischen Textes. Indem sie
sich auf eine Interpretation berufen, die es sich zur Aufgabe macht, die
Tradition zu aktualisieren, begünstigen sie eine fortwährende
Interaktion zwischen der Gemeinschaft und ihren heiligen Schriften.
Der kanonische Zugang reagiert zu Recht gegen eine Überbewertung dessen,
was als originell und ursprünglich angesehen wird, als ob dies allein
authentisch wäre. Die inspirierte Schrift ist jedoch in Wirklichkeit
jene Heilige Schrift, die von der Kirche als ihre Glaubensregel
anerkannt wurde. (7) In dieser Hinsicht kann man das Gewicht entweder
auf die Endgestalt legen, in der sich heute jedes Buch der Bibel
befindet, oder auf die Gesamtheit, die den Kanon bildet. Ein Buch wird
nur im Lichte des ganzen Kanons zum „biblischen Buch“. Die
Glaubensgemeinschaft ist unzweifelhaft der angemessene Kontext für die
Interpretation der kanonischen Texte. In ihr bereichern der Glaube und
der Heilige Geist die Exegese. Die kirchliche Autorität, die im Dienste
der Gemeinschaft steht, muß darüber wachen, daß die Interpretation der
großen Tradition, aus der die Texte hervorgingen, treu bleibt (vgl.
Dei Verbum, 10). Der kanonische Zugang wirft verschiedene
Probleme auf, besonders wenn er versucht, den „kanonischen Vorgang“ zu
definieren. Von wann an kann man einen Text als „kanonisch“ betrachten?
Es läßt sich die Position vertreten, dies sei von dem Zeitpunkt an der
Fall, an dem eine Gemeinschaft dem Text normative Autorität zuerkennt;
dies kann sogar vor der definitiven Festlegung dieses Textes geschehen.
Von einer „kanonischen“ Hermeneutik spricht man, wenn die Wiederholung
der Traditionen, trotz neuen religiösen, kulturellen, theologischen
Bedingungen in sich verändernden Situationen, die Identität der
Botschaft aufrechterhält. Doch stellt sich die Frage: Soll der
Interpretationsprozeß, der zur Bildung des Kanons geführt hat, auch
heute noch als Interpretationsregel für die Heilige Schrift gelten?
Andererseits verursachen die komplexen Beziehungen zwischen dem
jüdischen und dem christlichen Kanon der heiligen Schriften zahlreiche
Interpretationsprobleme. Die christliche Kirche hat als „Altes
Testament“ die Schriften übernommen, die in der jüdisch-hellenistischen
Gemeinschaft maßgebend waren; darunter finden sich solche, die nicht
oder in anderer Form in der hebräischen Bibel enthalten sind. Das Corpus
der Texte ist somit verschieden. Aus diesem Grund kann die kanonische
Interpretation beider „Schriften“ nicht identisch sein, da ja jeder Text
in seiner Beziehung zum ganzen Corpus gelesen werden muß. Vor allem aber
liest die Kirche das Alte Testament im Lichte des österlichen Geschehens
– Tod und Auferstehung Jesu Christi. Das führte zu etwas grundlegend
Neuem und verleiht den heiligen Schriften mit souveräner Autorität einen
entscheidenden und definitiven Sinn (vgl. Dei Verbum, 4). Diese
neue Sinnbestimmung gehört voll und ganz zum christlichen Glaubensgut.
Trotzdem darf sie deshalb der älteren, kanonischen Interpretation, die
dem christlichen Osterglauben vorausging, nicht jede Bedeutung
absprechen. Denn jede Phase der Heilsgeschichte muß auch in ihrem
Eigenwert geachtet werden. Das Alte Testament seines Sinnes zu
entleeren, hieße das Neue Testament von seinen geschichtlichen Wurzeln
abschneiden. 2. Zugänge über die jüdische
Interpretations-Tradition Das Alte Testament erhielt seine
Endgestalt im Judentum der letzten vier oder fünf Jahrhunderte, die der
christlichen Zeitrechnung vorausgingen. Dieses Judentum war das
Ursprungsmilieu des Neuen Testamentes und der entstehenden Kirche.
Zahlreiche Studien der alten jüdischen Geschichte und namentlich die
Forschungen, zu denen die Entdeckungen von Qumran Anlaß gaben, haben die
Komplexität der jüdischen Welt dieser Zeit, sei es im Land Israel oder
in der Diaspora, ins Licht gestellt. Die Interpretation der
Heiligen Schrift begann in diesem Milieu. Eines der ältesten Zeugnisse
der jüdischen Interpretation der Bibel ist die antike griechische
Übersetzung, die Septuaginta. Die aramäischen Targumim stellen ein
anderes Zeugnis des gleichen Bemühens dar, das sich bis heute fortsetzt.
Das Judentum hat eine außergewöhnliche Summe von gelehrten Mitteln im
Dienst der Erhaltung des Textes des Alten Testaments und der
Sinnerklärung der biblischen Texte hervorgebracht. Zu allen Zeiten haben
die besten christlichen Exegeten, seit Origenes und Hieronymus versucht,
die jüdische biblische Gelehrsamkeit für ein besseres Verständnis der
Heiligen Schrift zu nutzen. Zahlreiche moderne Exegeten folgen diesem
Beispiel. Im besonderen erlauben uns die alten jüdischen
Traditionen, die Septuaginta besser kennenzulernen, eine jüdische Bibel
in griechischer Sprache, die den ersten Teil der christlichen Bibel
zumindest während der ersten vier Jahrhunderten der Kirche bildete, was
im Orient bis heute der Fall ist. Die reiche und mannigfaltige jüdische,
außerkanonische Literatur, die man apokryph oder zwischentestamentlich
nennt, ist eine wichtige Quelle für die Interpretation des Neuen
Testaments. Die verschiedenen exegetischen Vorgehensweisen, die im
Judentum der verschiedenen Richtungen praktiziert wurden, lassen sich im
Alten Testament selber wiederfinden, z.B. in den Chronikbüchern in ihrem
Verhältnis zu den Königsbüchern, und im Neuen Testament, z.B. in
gewissen exegetischen Beweisführungen bei Paulus. Die Vielfalt der
Formen (Parabeln, Allegorien, Anthologien und Centos, „relectures“, (8)
pescher, Verbindung von weit auseinanderliegenden Texten, Psalmen
und Hymnen, Visionen, Offenbarungen und Träume, weisheitliche
Kompositionen usw.) ist dem Alten und Neuen Testament gemeinsam, so wie
auch der Literatur aller jüdischen Kreise vor und nach der Zeit Jesu.
Die Targumim und die Midraschim repräsentieren die Homiletik und die
biblische Interpretation breiter Kreise des Judentums der ersten
Jahrhunderte. Zahlreiche Exegeten des Alten Testaments wenden sich
außerdem an jüdische Kommentatoren, Grammatiker und Lexikographen des
Mittelalters oder der neueren Zeit, um zum besseren Verständnis unklarer
Abschnitte oder seltener oder nur einmal vorkommender Wörter zu
gelangen. Weit mehr als früher bezieht man sich heute in der
exegetischen Diskussion auf solche jüdische Werke. Der Reichtum
des jüdischen Wissens von der Antike bis heute im Dienst der Bibel ist
eine Hilfe ersten Rangs für die Exegese der beiden Testamente, jedoch
unter der Bedingung, daß dieses Wissen sachgerecht eingesetzt wird. Das
alte Judentum war sehr mannigfaltig. Die pharisäische Form, die später
im Rabbinismus weiterlebte, ist nicht die einzige Form . Die alten
jüdischen Texte verteilen sich auf mehrere Jahrhunderte, und es ist
wichtig, sie chronologisch einzuordnen, bevor man sie miteinander
vergleicht. Vor allem ist der Gesamtrahmen der jüdischen und der
christlichen Gemeinschaft grundlegend verschieden: auf jüdischer Seite
geht es, wenn auch in mannigfaltigen Formen, um eine Religion, die ein
Volk und eine Lebenspraxis auf der Basis einer geoffenbarten Schrift und
einer mündlichen Tradition bestimmt, während auf christlicher Seite der
Glaube an den gestorbenen, auferstandenen und nun lebendigen Herrn
Jesus, den Messias und Sohn Gottes, Fundament der Gemeinschaft ist.
Diese zwei Ausgangspunkte schaffen für die Interpretation der heiligen
Schriften zwei Kontexte, die trotz vieler Kontakte und Ähnlichkeiten
radikal verschieden sind. 3. Der Zugang über die
Wirkungsgeschichte des Textes Dieser Zugang beruht auf zwei
Grundtatsachen: a) ein Text wird nur dann zum literarischen Werk, wenn
er Leser findet, die ihn lebendig werden lassen, indem sie ihn sich zu
eigen machen; b) diese Aneignung des Textes, die individuell oder
gesellschaftlich und in verschiedenen Bereichen (Literatur, Kunst,
Theologie, Aszetik und Mystik) stattfinden kann, trägt zum besseren
Verständnis des Textes selbst bei. Dieser Zugang zum Text
entfaltete sich hauptsächlich zwischen 1960 und 1970 in den
Literaturwissenschaften, obwohl man ihn auch schon in der Antike kannte.
Damals begann sich die Literaturkritik intensiv für die Beziehung
zwischen Text und Leserschaft zu interessieren. Die biblische Exegese
profitierte von dieser Forschung, dies um so mehr, als die
philosophische Hermeneutik ihrerseits die notwendige Distanz zwischen
Werk und Autor, wie zwischen Werk und Lesern betonte. Deshalb begann
man, in der Interpretationsarbeit die Geschichte der Wirkung eines
Buches oder eines Abschnittes der Heiligen Schrift zu beachten (Wi
rkungsgeschichte oder Rezeptionsgeschichte). Man bemüht sich, den
Entwicklungsverlauf der Interpretation im Rahmen der Funktion der sich
wandelnden Situation der Leser zu verfolgen und die Bedeutung der
Tradition und ihrer Funktion für das Verständnis der biblischen Texte zu
bestimmen. In der Begegnung des Textes mit den Lesern entsteht
eine Dynamik; denn der Text besitzt eine Ausstrahlung und löst
Reaktionen aus. Er läßt einen Ruf erklingen, der von den Lesern, sei es
einzeln oder gemeinsam, gehört wird. Leser und Leserin sind übrigens nie
isolierte Individuen. Sie gehören zu einem sozialen Raum und befinden
sich innerhalb einer Tradition. Sie gehen den Text mit ihren Fragen an,
wählen aus, schlagen eine Auslegung vor und können schließlich ein neues
Werk schaffen oder Initiativen ergreifen, die ihnen direkt von ihrer
Lektüre der Heiligen Schrift eingegeben werden. Beispiele für
diesen Zugang sind bereits zahlreich. Die Geschichte der Auslegung des
„Hohenliedes“ ist dafür ein besonders deutliches Zeugnis. Sie zeigt, wie
dieses Buch in der Zeit der Kirchenväter, im lateinisch-monastischen
Milieu des Mittelalters oder in der Mystik wie beim hl. Johannes vom
Kreuz aufgenommen wurde. Sie erlaubt daher, alle Sinndimensionen dieser
Dichtung besser zu erfassen. Auf gleiche Weise ist es im Neuen Testament
möglich und nützlich, den Sinn einer Perikope (z.B. der reiche junge
Mann in Mt 19, 16-26 par.) im Lichte der im Lauf der
Kirchengeschichte durch sie ausgelösten Impulse zu interpretieren.
Doch die Geschichte zeigt auch die Existenz von falschen und einseitigen
Tendenzen der Interpretation, die unheilvolle Auswirkungen hatten, z.B.
wenn sie zum Antisemitismus oder zu anderen Rassendiskriminierungen oder
etwa zu millenaristischen Illusionen führten. Daraus wird ersichtlich,
daß dieser Zugang allein für die Interpretation nicht genügen kann. Eine
Differenzierung ist notwendig. Man muß sich davor hüten, den einen oder
andern Zeitpunkt der Wirkungsgeschichte eines Textes zu privilegieren,
um ihn zur einzigen Interpretations-Regel dieses Textes zu erheben.
D. Zugänge über Humanwissenschaften Um sich mitzuteilen, hat
das Wort Gottes im konkreten Leben eines Volkes Wurzeln gefaßt (vgl.
Sir 24, 12). Es bahnte sich einen Weg durch die psychologischen
Bedingungen der biblischen Verfasser hindurch. Deshalb können die
Humanwissenschaften – besonders die Soziologie, Anthropologie und
Psychologie – zu einem besseren Verständnis gewisser Aspekte der Texte
vieles beitragen. Es muß jedoch beachtet werden, daß es verschiedene
Schulen mit beträchtlichen Divergenzen bezüglich der Natur dieser
Wissenschaften gibt. Trotzdem haben tatsächlich zahlreiche Exegeten aus
den neuesten Forschungen auf diesen Gebieten Gewinn gezogen. 1.
Soziologischer Zugang Religiöse Texte stehen in einem
wechselseitigen Verhältnis zu den Gesellschaften, in denen sie
entstehen. Diese Feststellung gilt zweifellos auch für die biblischen
Texte. Folglich benötigt die kritische Erforschung der Bibel eine
möglichst genaue Kenntnis des für die verschiedenen Milieus
charakteristischen sozialen Verhaltens, in denen die biblischen
Traditionen entstanden sind. Diese sozio-historische Information muß
durch eine korrekte soziologische Erklärung ergänzt werden, die im
Einzelfall die Bedeutung der sozialen Existenzbedingungen
wissenschaftlich auswertet. Die soziologische Betrachtungsweise
hat schon seit langem Einzug in die Geschichte der Exegese gehalten.
Davon zeugt die Aufmerksamkeit, die die Formgeschichte dem
Entstehungsmilieu („Sitz im Leben“) der Texte geschenkt hat: allgemein
wird anerkannt, daß die biblischen Traditionen die Charakteristika ihrer
sozialgeschichtlichen Überlieferungsmilieus widerspiegeln. Im ersten
Drittel des 20. Jahrhunderts erforschte die „Chicago-Schule“ die
sozio-historische Situation der Urchristenheit und gab dadurch der
historischen Kritik einen starken Impuls. Seit den letzten zwanzig
Jahren (1970-1990) gehört der soziologische Zugang zu den biblischen
Texten voll und ganz zur exegetischen Forschung. Zahlreich sind
die Fragen, die sich von daher für die Exegese des Alten Testaments
stellen. So muß man sich zum Beispiel fragen, welche verschiedenen
sozialen und religiösen Organisationsformen Israel im Verlaufe seiner
Geschichte kannte. Reicht das ethnologische Modell einer akephalen
segmentären Gesellschaft als Ausgangsbasis für die Beschreibung der
vorstaatlichen Epoche Israels aus? Wie gelangte man von einem losen
Sippenverband zu einem monarchisch organisierten Staat und von da zu
einem Gemeinwesen, das seine Einheit allein aus Religion und Abstammung
erhält? Welche wirtschaftlichen, militärischen und sonstigen
Veränderungen wurden in der Struktur der Gesellschaft durch die Bewegung
der politischen und religiösen Zentralisation bewirkt, die zur Monarchie
führte? Trägt die Erforschung der Verhaltensnormen im Alten Orient und
in Israel nicht wirksamer zum Verständnis des Dekalogs bei als die rein
literarischen Rekonstruktionsversuche eines postulierten Urtextes? (9)
Für die Exegese des Neuen Testamentes stellen sich natürlich andere
Fragen. Man muß sich zum Beispiel fragen: Welcher Wert ist der Theorie
einer Charismatikergruppe, die ohne festen Wohnsitz, ohne Familie und
ohne Habe umhergezogen ist, beizumessen, um die vorösterliche Lebensform
Jesu und seiner Jünger zu erklären? Besteht eine Kontinuität zwischen
der radikalen Loslösung (10), wie sie von Jesus geübt wurde und zu der
er die Jünger in seiner Nachfolge aufrief, und der Haltung der
christlichen, nachösterlichen Bewegung in den verschiedensten Milieus
der Urkirche? Was wissen wir von der sozialen Struktur der paulinischen
Gemeinden im Rahmen der von Fall zu Fall in Frage kommenden
entsprechenden städtischen Kultur? Im allgemeinen hat der
soziologische Zugang für die exegetische Arbeit viele positive Aspekte;
insbesondere wird sie dadurch offener. Für die historische Kritik ist es
unerläßlich, die soziologischen Gegebenheiten zu kennen. Diese tragen
dazu bei, die wirtschaftliche, kulturelle und religiöse Situation der
biblischen Welt verständlich zu machen. Die dem Exegeten gestellte
Aufgabe, das Glaubenszeugnis der apostolischen Kirche adäquat zu
erfassen, kann ohne die exakte wissenschaftliche Erforschung der engen
Zusammenhänge der neutestamentlichen Texte mit dem sozialen Kontext der
Urkirche nicht erfüllt werden. Die Anwendung von soziologischen Modellen
eröffnet dem Bibliker viele neue Möglichkeiten, die damaligen
geschichtlichen Verhältnisse zu erforschen, doch müssen diese Modelle
selbstverständlich der zu untersuchenden Realität angepaßt werden.
Wir müssen indes auch auf einige Risiken hinweisen, die der
soziologische Zugang für die Exegese mit sich bringt. Die Arbeit der
Soziologie besteht darin, lebende Gesellschaften zu erforschen. So wäre
es in der Tat nicht erstaunlich, daß Schwierigkeiten auftauchen, wenn
man diese Methoden auf längst vergangene soziale Verhältnisse anwenden
will. Die biblischen und außerbiblischen Texte stellen nicht ohne
weiteres eine genügend große Dokumentation dar, um eine Gesamtübersicht
der damaligen Gesellschaft zu bieten. Die soziologische Methode hat
außerdem gelegentlich die Tendenz, den wirtschaftlichen und
institutionellen Aspekten der menschlichen Existenz ein größeres Gewicht
zuzuerkennen als ihren persönlichen und religiösen Dimensionen. 2.
Zugang über die Kulturanthropologie Der Zugang zu den biblischen
Texten, der sich auf die Forschungen der Kulturanthropologie stützt,
steht in enger Beziehung mit dem soziologischen Zugang. Der Unterschied
zwischen diesen beiden Zugängen liegt gleichzeitig auf der Ebene der
Sensibilität, der Methode und der Realitätsaspekte, die hier die
Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Während der soziologische Zugang – wie
wir eben sahen – vor allem die wirtschaftlichen und institutionellen
Aspekte analysiert, interessiert sich der anthropologische Zugang an
einer Vielzahl anderer Aspekte, die sich in Sprache, Kunst, Religion
widerspiegeln, aber auch in Kleidung, Schmuck, Festen, Tänzen, Mythen,
Legenden und allem, was zur Ethnologie gehört. Im allgemeinen
versucht die Kulturanthropologie die Charakteristika der verschiedenen
Menschentypen in ihrem sozialen Umfeld zu definieren – z.B. des Menschen
des Mittelmeerraums – mit allen Untersuchungen ihres ländlichen oder
städtischen Milieus, der von der Gesellschaft anerkannten Werte (Ehre
und Unehre, Verschwiegenheit, Treue, Tradition, Art der Erziehung,
Schulen), der Art und Weise, wie die soziale Kontrolle ausgeübt wird,
der Vorstellungen über Familie, Haus, Verwandtschaft, Stellung der Frau,
der institutionellen Binome wie Patron – Klient, Eigentümer – Mieter,
Wohltäter – Empfänger, freier Mensch – Sklave, ferner der Begriffe
heilig und profan, der Tabus, der Initiationsrituale, der Magie, des
Ursprungs der natürlichen Produktionsmittel, der Gewalt, der Information
usw. Auf der Basis dieser verschiedenen Elemente werden Typologien
und „Modelle“ erstellt, die in mehreren Kulturen vorkommen. Diese
Forschungsrichtung kann natürlich für die Interpretation der biblischen
Texte nützlich sein. Sie wird hauptsächlich für die Erforschung der
Verwandtschaftsbegriffe im Alten Testament gebraucht, für die Stellung
der Frau in der israelitischen Gesellschaft, für den Einfluß von
Agrarriten usw. In Texten, die die Lehre Jesu wiedergeben, z.B. die
Gleichnisse, können viele Einzelzüge durch diese Methode erhellt werden.
Das Gleiche gilt für solche Grundbegriffe wie „Reich Gottes“ oder für
die Art, die Zeit in der Heilsgeschichte zu verstehen, sowie für die
Prozesse der Gemeindebildung in der Urkirche. Dieser Zugang erlaubt eine
bessere Unterscheidung zwischen bleibenden Elementen der biblischen
Botschaft, die in der menschlichen Natur begründet sind, und
kontingenten Prägungen, die von besonderen Kulturen herrühren.
Allerdings ist dieser Zugang ebenso wie andere besondere Zugänge allein
nicht in der Lage, den spezifischen Beitrag der Offenbarung zu erfassen.
Dies darf man bei der Beurteilung der Bedeutung seiner Ergebnisse nicht
aus dem Auge verlieren. 3. Psychologische und psychoanalytische
Zugänge Psychologie und Theologie haben den gemeinsamen Dialog
nie abgebrochen. Die moderne Ausweitung der psychologischen Forschung
auf die dynamischen Strukturen des Unbewußten hat zu neuen
Interpretationsversuchen alter Texte geführt, so auch der Bibel. Ganze
Werke wurden der psychoanalytischen Deutung der biblischen Texte
gewidmet. Lebhafte Diskussionen folgten darauf: wie weit und unter
welchen Bedingungen können psychologische und psychoanalytische
Forschungen zu einem tieferen Verständnis der Heiligen Schrift
beitragen? Die psychologischen und psychoanalytischen Forschungen
tragen zur Bereicherung der biblischen Exegese bei, denn dank ihnen
können Bibeltexte als Lebenserfahrungen und Verhaltensmuster verstanden
werden. Man weiß, daß Religion immer in einem Dialog- und
Spannungsverhältnis zum Unbewußten steht. Sie trägt in beachtlichem Maße
zur richtigen Orientierung der menschlichen Triebe bei. Die Dimensionen,
die die historische Kritik methodisch erforscht, sind durch die Analyse
der verschiedenen Realitätsebenen, die in den Texten ausgesprochen
werden, zu ergänzen. Die Psychologie und die Psychoanalyse bemühen sich,
in diese Richtung zu gehen. Sie öffnen einem mulitidimensionalen
Verständnis der Heiligen Schrift den Weg und helfen so, die menschliche
Sprache der Offenbarung aufzuschlüsseln. Die Psychologie und in
ihrer Weise auch die Psychoanalyse haben im besonderen ein neues
Symbolverständnis gebracht. Die symbolische Sprache erlaubt es, Sphären
der religiösen Erfahrung auszudrücken, die dem rein begrifflichen Denken
nicht zugänglich, für die Frage nach der Wahrheit aber wert voll sind.
Interdisziplinäre Forschung, die von Exegeten und Psychologen oder
Psychoanalytikern gemeinsam durchgeführt wird, bringt deshalb echte
Vorteile mit sich, die objektiv begründet sind und sich in der Pastoral
bewähren. Zahlreiche Beispiele können aufgeführt werden, die die
Notwendigkeit gemeinsamer Bemühung der Exegeten und Psychologen zeigen,
so z.B. wenn es darum geht, den Sinn der kultischen Riten, der Opfer,
der Tabus zu erhellen, die bildliche Sprache der Bibel zu entschlüsseln,
die metaphorische Tragweite der Wundererzählungen, die Triebkräfte des
in den apokalyptischen Visionen und Auditionen sich abspielenden Dramas
zu bestimmen. Es geht nicht einfach darum, die symbolische Sprache der
Bibel zu beschreiben, sondern auf ihren Offenbarungs- und
Aufrufs-Charakter einzugehen: in ihr tritt die numinose Realität Gottes
in Kontakt mit dem Menschen. Selbstverständlich muß der Dialog
zwischen Exegese und Psychologie oder Psychoanalyse im Hinblick auf ein
besseres Verständnis der Bibelkritisch sein und die jeder Disziplin
eigenen Grenzen beachten. Eine atheistische Psychologie oder
Psychoanalyse wäre naturgemäß nicht in der Lage, Glaubenswirklichkeiten
adäquat zu verstehen. Psychologie und Psychoanalyse sind sicher von
Nutzen, wenn es darum geht, das Ausmaß menschlicher Verantwortung zu
bestimmen; sie dürfen aber nicht die Wirklichkeit von Sünde und Heil in
Frage stellen. Man muß sich außerdem davor hüten, spontane Religiosität
mit der biblischen Offenbarung zu verwechseln oder den geschichtlichen
Charakter der biblischen Botschaft anzutasten, der ihr den Wert eines
einmaligen Ereignisses verleiht. Außerdem muß man beachten, daß
man nicht einfach von „psychoanalytischer Exegese“ sprechen kann, als ob
es nur eine gäbe. In Wirklichkeit gibt es je nach den verschiedenen
Schulen und Richtungen der Psychologie eine große Zahl von
Erkenntnissen, die dazu dienen können, das menschliche und theologische
Verständnis der Bibel zu vertiefen. Es ist keineswegs von Vorteil für
die gemeinsame Aufgabe, wenn man gewisse Positionen der verschiedenen
Schulen verabsolutiert, im Gegenteil, es schadet ihr eher. Die
Humanwissenschaften beschränken sich nicht auf die Soziologie,
Kulturanthropologie und Psychologie. Auch andere Forschungsrichtungen
können für die Bibelauslegung nützlich sein. In all diesen Bereichen muß
man die gegenseitigen Kompetenzen respektieren und zur Kenntnis nehmen,
daß nur selten die gleiche Person zugleich in der Exegese und einer
Humanwissenschaft qualifiziert ist. E. Kontextuelle Zugänge zur
Heiligen Schrift Die Auslegung eines Textes hängt immer von
der Mentalität und der Situation seiner Leser ab. Diese wenden gewissen
Aspekten besondere Aufmerksamkeit zu und vernachlässigen unbewußt
andere. Es ist deshalb unvermeidlich, daß die Exegeten in ihrer Arbeit
unter dem Einfluß aktueller Denkströmungen neue Gesichtspunkte
entdecken, die vorher nicht genügend wahrgenommen wurden. Dies verlangt
jedoch kritisches Unterscheidungsvermögen. Heute sind es besonders die
Befreiungsbewegungen und der Feminismus, die auf die größte Beachtung
stoßen. 1. Der Zugang zur Heiligen Schrift im Umfeld von Befreiung
Die Befreiungstheologie ist ein komplexes Phänomen, das man nicht
ungehörig vereinfachen darf. Als theologische Bewegung konsolidierte sie
sich in den siebziger Jahren. Zusammen mit den wirtschaftlichen,
sozialen und politischen Gegebenheiten der lateinamerikanischen Länder
waren es zwei große kirchliche Ereignisse, die sie hervorbrachten: das
2. Vatikanische Konzil mit seinem ausgesprochenen Willen zum
aggiornamento und zur Ausrichtung der kirchlichen Seelsorge auf die
Bedürfnisse der heutigen Welt; die 2. Vollversammlung des CELAM 1968 in
Medellin, die die Lehre des Konzils den Bedürfnissen Lateinamerikas
anpaßte. Diese Bewegung hat sich dann in anderen Ländern und Erdteilen
verbreitet (Afrika, Asien, farbige Bevölkerung der USA). Es ist
schwierig zu sagen, ob es „eine“ Befreiungstheologie gibt und welches
ihre Methode ist. Es ist ebenso schwierig, adäquat zu beschreiben, wie
sie die Bibel liest und so ihren Beitrag und ihre Grenzen
herauszuarbeiten. Man kann sagen, daß es sich nicht um eine besondere
Methode handelt. Sie liest die Heilige Schrift von eigenen
sozio-kulturellen und politischen Standpunkten aus und bezieht sie auf
die konkreten Bedürfnisse des Volkes, das ja in der Bibel Nahrung für
seinen Glauben und sein Leben finden soll. Man begnügt sich also
nicht mit einer objektivierenden Auslegung des Textes, die sich auf
seine Aussage in seinem ursprünglichen Kontext konzentriert. Man sucht
vielmehr nach einem Verständnis, das aus der gelebten Situation des
Volkes erwächst. Wenn dieses in Unterdrückung lebt, muß es auf die Bibel
zurückgreifen, um die Nahrung finden zu können, die es in seinem Ringen
und in seinen Hoffnungen unterstützt. Die konkrete Realität darf nicht
ignoriert werden, im Gegenteil, sie muß direkt angegangen und durch das
Licht des Wortes der Heiligen Schrift erhellt werden. Von diesem Licht
her entsteht die authentische christliche Praxis, die durch
Gerechtigkeit und Liebe auf eine Wandlung der Gesellschaft hinzielt. Der
Glaube findet in der Heiligen Schrift den Ansporn, sich für die
integrale Befreiung einzusetzen. Dieser Zugang basiert auf
folgenden Grundeinsichten: Gott ist in der Geschichte seines
Volkes gegenwärtig, um es zu erlösen. Er ist der Gott der Armen, der
weder Unterdrückung noch Ungerechtigkeit duldet. So kann auch die
Exegese nicht neutral bleiben, sondern muß wie Gott für die Armen Partei
ergreifen und sich im Kampf für die Befreiung der Unterdrückten
engagieren. Wer an diesem Kampf teilnimmt, findet in den
biblischen Texten einen Sinngehalt, der nur offenbar wird, wenn sie im
Kontext wirklicher Solidarität mit den Unterdrückten gelesen werden.
Die Gemeinschaft der Armen ist der beste Adressat der Bibel als Wort der
Befreiung, denn die Befreiung der Unterdrückten ist ein
gemeinschaftlicher Prozeß. Die biblischen Texte sind ja überdies für
Gemeinschaften geschrieben worden, und es sind Gemeinschaften, denen die
Bibellesung in erster Linie anvertraut ist. Dank der den
„Gründungsereignissen“ (Auszug aus Ägypten, Leidensgeschichte und
Auferstehung Jesu) innewohnenden Kraft, im Laufe der Geschichte neue
Realisierungen hervorzubringen, ist und bleibt das Wort Gottes immer
aktuell. Die Befreiungstheologie enthält unbezweifelbar wertvolle
Elemente: ein tiefer Sinn für die erlösende Gegenwart Gottes, Betonung
der gemeinschaftlichen Dimension des Glaubens, Dringlichkeit einer
befreienden Praxis, die in Gerechtigkeit und Liebe wurzelt, eine neue
Aneignung der Bibel, die aus dem Wort Gottes Licht und Nahrung für das
Volk Gottes inmitten seiner Kämpfe und seiner Hoffnungen schöpft. So ist
die volle Aktualität des inspirierten Textes hervorgehoben. Eine
solche engagierte Art, die Bibel zu lesen, enthält indes Risiken. Doch
da sie an eine Bewegung gebunden ist, die noch ganz im Werden begriffen
ist, haben die folgenden Bemerkungen nur vorläufigen Charakter:
Diese Weise, die Bibel zu lesen, stützt sich vor allem auf narrative und
prophetische Texte, die Unterdrückungssituationen erhellen und eine
Praxis inspirieren und so auf eine soziale Veränderung hinorientiert
sind. Hier und da kann sie wohl etwas voreingenommen sein und nicht
allen Texten der Bibel ihre gleiche Aufmerksamkeit schenken. Die Exegese
kann nie ganz neutral sein; sie muß sich jedoch vor Einseitigkeit hüten.
Außerdem gehört das soziale und politische Engagement nicht direkt zu
den Aufgaben des Exegeten. Theologen und Exegeten mußten sich der
Instrumente der Gesellschaftsanalyse bedienen, um die biblische
Botschaft im sozio-politischen Kontext zum Tragen zu bringen. Gewisse
Strömungen der Befreiungstheologie haben in dieser Perspektive eine
Analyse vorgenommen, die von materialistischen Doktrinen inspiriert war.
Die Bibel wurde dann in diesem Rahmen gelesen. Dies wirft Fragen auf,
namentlich, was das marxistische Prinzip des Klassenkampfs anlangt.
Unter dem Druck ungeheurer sozialer Probleme wurde der Akzent eher auf
eine irdische Eschatologie gelegt, manchmal auf Kosten der transzedenten
endzeitlichen Dimension der Heiligen Schrift. Die sozialen und
politischen Veränderungen führen diesen befreiungstheologischen Zugang
zur Heiligen Schrift dazu, sich neuen Fragen zu stellen und neue
Orientierungen zu suchen. Für seine weitere Entwicklung und seine
Fruchtbarkeit in der Kirche wird es entscheidend sein, seine
hermeneutischen Voraussetzungen, seine Methoden sowie seine Kohärenz mit
dem Glauben und der Tradition der gesamten Kirche zu klären. 2.
Feministischer Zugang Die feministische Bibelhermeneutik entstand
am Ende des 19. Jahrhunderts in den USA, im sozio-kulturellen Kontext
des Kampfes für die Frauenrechte, mit dem Komitee der Bibelrevision.
Dieses brachte „The Woman’s Bible“ in zwei Bänden (New York 1885, 1898)
heraus. Seit den siebziger Jahren unseres Jahrhunderts, im Gefolge der
Frauen-Emanzipation trat diese Strömung mit neuer Kraft in Erscheinung
und hatte eine enorme Entwicklung, hauptsächlich in Nordamerika. Genau
genommen, muß man verschiedene feministische biblische Hermeneutiken
unterscheiden, denn der Umgang mit der Heiligen Schrift ist in diesem
Umkreis sehr verschieden. Ihre Einheit kommt vom gemeinsamen Thema, der
Frau, und vom verfolgten Ziel, der Befreiung der Frau und der Erlangung
gleicher Rechte wie die des Mannes. Wir wollen hier drei
Hauptformen der feministischen Bibelhermeneutik erwähnen: die radikale,
die neu-orthodoxe und die kritische Form. Die radikale Form
weist die Autorität der Bibel total zurück, indem sie sagt, die Bibel
sei ein Produkt von Männern mit dem Zweck, die Herrschaft des Mannes
über die Frau zu sichern (Androzentrismus). Die neu-orthodoxe
Form nimmt die Bibel als prophetisches Buch und ist bereit, sich
ihrer in dem Maß zu bedienen, als sie für die Schwachen, also auch für
die Frauen Partei ergreift; diese Orientierung gilt als „Kanon im
Kanon“, um all das ins Licht zu stellen, was der Befreiung der Frau und
ihrer Rechte dient. Die kritische Form benützt eine
subtile Methodologie und versucht, Stellung und Rolle der christlichen
Frau innerhalb der Jesus-Bewegung und in den paulinischen Gemeinden zu
entdecken. Zu dieser Zeit hätte man sich zur Gleichberechtigung der
Geschlechter bekannt. Doch diese Situation wäre dann zum großen Teil
schon in den heiligen Schriften des Neuen Testamentes und erst recht
später verwischt worden, da der Patriarchalismus und der Androzentrismus
immer mehr die Oberhand gewannen. Die feministische Hermeneutik
hat keine eigene neue Methode ausgearbeitet. Sie bedient sich gängiger
Methoden der Exegese, speziell der historisch-kritischen. Sie fügt aber
zwei Forschungskriterien hinzu. Das erste ist das feministische
Kriterium, das der Frauen-Emanzipation entnommen ist und sich auf der
Linie der allgemeineren Bewegung der Befreiungstheologie bewegt. Es
benützt eine Hermeneutik des Verdachtes: da die Geschichte regelmässig
durch die Sieger geschrieben wird, kann man nur zur Wahrheit gelangen,
wenn man sich nicht einfachhin auf die Texte verläßt, sondern in ihnen
nach Indizien sucht, die andere Sachverhalte durchblicken lassen.
Das zweite Kriterium ist soziologischer Art. Es stützt sich auf die
Erforschung der Gesellschaft der biblischen Epoche, ihrer sozialen
Schichten und der Stellung der Frau. Was die neutestamentlichen
Texte anlangt, so ist letzten Endes das Forschungsziel nicht die
Auffassung von der Frau, wie sie im Neuen Testament erscheint, sondern
die geschichtliche Rekonstruktion von zwei verschiedenen Situationen der
Frau im 1. Jahrhundert: die gewöhnliche in der jüdischen und
griechisch-römischen Welt und die schöpferisch neue, die in der Bewegung
Jesu und in den paulinischen Gemeinden aufgekommen war, wo alle, Männer
und Frauen, eine „Gemeinschaft von Jüngern und Jüngerinnen Jesu“ geformt
hätten, die „alle gleich“ waren. Man beruft sich für diese Ansicht auf
den Text von Gal 3, 28. Es geht darum, für die heutige Zeit die
vergessene Geschichte der Rolle der Frau in der Urkirche wieder zu
entdecken. Die positiven Beiträge der feministischen Exegese sind
zahlreich. Seit ihrem Aufkommen nehmen die Frauen aktiver an der
exegetischen Forschung teil. Es ist ihnen oft besser als den Männern
gelungen, die Präsenz, die Bedeutung und die Rolle der Frau in der
Bibel, in der Geschichte der christlichen Ursprünge und in der Kirche
wahrzunehmen. Der moderne kulturelle Horizont, der der Würde und der
Rolle der Frau in Gesellschaft und Kirche mehr Beachtung schenkt, läßt
uns dem biblischen Text neue Fragen stellen, aus denen sich
Gelegenheiten für Neuentdeckungen ergeben. Die frauliche Sensibilität
findet und korrigiert gewisse geläufige Interpretationen, die tendenziös
waren und darauf hinausliefen, die Herrschaft des Mannes über die Frau
zu rechtfertigen. Was das Alte Testament betrifft, so haben sich
verschiedene Studien um ein besseres Verständnis des Gottesbildes
bemüht. Der Gott der Bibel ist nicht die Projektion einer patriarchalen
Mentalität. Er ist Vater; er ist aber auch ein Gott der Zärtlichkeit und
mütterlicher Liebe. In dem Maß, in dem sich die feministische
Exegese einem einseitigen Programm verschreibt, setzt sie sich der
Versuchung aus, die biblischen Texte in tendenziöser und damit in
anfechtbarer Weise zu interpretieren. Um ihre Thesen zu belegen, muß sie
dann oft in Ermangelung besserer Argumente auf das Argumentum e
silentio zurückgreifen. Dieses ist, wie man weiß, meist
unzuverlässig; es genügt jedenfalls nicht, um solide Schlußfolgerungen
zu ziehen. Andererseits ist der Versuch fragwürdig, mit Hilfe flüchtiger
Indizien in den Texten eine geschichtliche Situation zu rekonstruieren,
die diese Texte angeblich verschleiern wollen. Ein solcher Versuch führt
nämlich in seiner letzten Konsequenz dazu, den Inhalt der inspirierten
Texte selbst zurückzuweisen, um ihm dafür eine andere, hypothetische
Konstruktion vorzuziehen. Die feministische Exegese wirft häufig
die Machtfrage in der Kirche auf, die bekanntlich Gegenstand von
Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten ist. In diesem Bereich kann
die feministische Exegese der Kirche nur in dem Maße nützlich sein, als
sie nicht dem Übel erliegt, das sie selbst anklagt, und ihrerseits die
Lehre des Evangeliums über die Macht als Dienst nicht aus dem Auge
verliert, eine Lehre, die Jesus an alle seine Jünger, Männer und Frauen,
gerichtet hat. (11) F. Der fundamentalistische Umgang mit der
Heiligen Schrift Die fundamentalistische Verwendung der Bibel
geht davon aus, daß die Heilige Schrift – das inspirierte Wort Gottes
und frei von jeglichem Irrtum – wortwörtlich gilt und bis in alle
Einzelheiten wortwörtlich interpretiert werden muß. Mit solcher
„wortwörtlicher Interpretation“ meint sie eine unmittelbare
buchstäbliche Auslegung, d.h. eine Interpretation, die jede Bemühung,
die Bibel in ihrem geschichtlichen Wachstum und in ihrer Entwicklung zu
verstehen, von vorneherein ausschließt. Eine solche Art, die Bibel zu
lesen, steht im Gegensatz zur historisch-kritischen Methode, aber auch
zu jeder anderen wissenschaftlichen Interpretationsmethode der Heiligen
Schrift. Der fundamentalistische Umgang mit der Heiligen Schrift
hat seine Wurzeln in der Zeit der Reformation, wo man dafür kämpfte, dem
Literalsinn der Heiligen Schrift treu zu bleiben. Nach der Aufklärung
erschien diese Art, die Bibel zu lesen, im Protestantismus als Reaktion
auf die liberale Exegese. Der Begriff „fundamentalistisch“ wurde auf dem
Amerikanischen Bibelkongreß geprägt, der 1895 in Niagara im Staate New
York stattfand. Die konservativen protestantischen Exegeten legten
damals „fünf Punkte des Fundamentalismus“ fest: die Lehre von der
wörtlichen Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift, der Gottheit Christi,
der jungfräulichen Geburt Jesu, der stellvertretenden Sühne Jesu und der
körperlichen Auferstehung bei der Wiederkunft Christi. Als der
fundamentalistische Umgang mit der Bibel sich in anderen Weltteilen
ausbreitete, führte er in Europa, Asien, Afrika und Südamerika zu
weiteren Spielarten, die alle auch die Bibel „buchstäblich“ lesen. In
der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fand der fundamentalistische
Gebrauch der Bibel in religiösen Gruppen und Sekten wie auch unter den
Katholiken immer mehr Anhänger. Obschon der Fundamentalismus mit
Recht auf der göttlichen Inspiration der Bibel, der Irrtumslosigkeit des
Wortes Gottes und den anderen biblischen Wahrheiten insistiert, die in
den fünf genannten Grundsätzen enthalten sind, so wurzelt seine Art,
diese Wahrheiten darzulegen, doch in einer Ideologie, die nicht biblisch
ist, mögen ihre Vertreter auch noch so sehr das Gegenteil behaupten.
Denn diese verlangt ein totales Einverständnis mit starren doktrinären
Haltungen und fordert als einzige Quelle der Lehre im Hinblick auf das
christliche Leben und Heil eine Lektüre der Bibel, die jegliches
kritisches Fragen und Forschen ablehnt. Das Grundproblem dieses
fundamentalistischen Umgangs mit der Heiligen Sch rift besteht darin,
daß er den geschichtlichen Charakter der biblischen Offenbarung ablehnt
und daher unfähig wird, die Wahrheit der Menschwerdung selbst voll
anzunehmen. Für den Fundamentalismus ist die enge Verbindung zwischen
Göttlichem und Menschlichem in der Beziehung zu Gott ein Ärgernis. Er
weigert sich zuzugeben, daß das inspirierte Wort Gottes in menschlicher
Sprache ausgedrückt und unter göttlicher Inspiration von menschlichen
Autoren niedergeschrieben wurde, deren Fähigkeiten und Mittel beschränkt
waren. Er hat deshalb die Tendenz, den biblischen Text so zu behandeln,
als ob er vom Heiligen Geist wortwörtlich diktiert worden wäre. Er sieht
nicht, daß das Wort Gottes in einer Sprache und in einem Stil formuliert
worden ist, die durch die jeweilige Epoche der Texte bedingt sind. Er
schenkt den literarischen Gattungen und der menschlichen Denkart, wie
sie in den biblischen Texten vorliegen, keinerlei Beachtung, obschon sie
Frucht einer sich über mehrere Zeitepochen erstreckenden Erarbeitung
sind und Spuren ganz verschiedener historischer Situationen tragen.
Der Fundamentalismus betont über Gebühr die Irrtumslosigkeit in
Einzelheiten der biblischen Texte, besonders was historische Fakten oder
sogenannte wissenschaftliche Wahrheiten betrifft. Oft faßt er als
geschichtlich auf, was gar nicht den Anspruch auf Historizität erhebt;
denn für den Fundamentalismus ist alles geschichtlich, was in der
Vergangenheitsform berichtet oder erzählt wird, ohne daß er auch nur der
Möglichkeit eines symbolischen oder figurativen Sinnes die notwendige
Beachtung schenkt. Der Fundamentalismus hat oftmals die Tendenz,
die Probleme des biblischen Textes in seiner hebräischen, aramäischen
oder griechischen Sprachgestalt zu ignorieren. Nicht selten ist er eng
an eine bestimmte, alte oder neue Übersetzung gebunden. Auch geht er
nicht auf die Tatsache von „relectures“ in gewissen Abschnitten
innerhalb der Bibel selbst ein. Was die Evangelien anlangt, so
trägt der Fundamentalismus dem Wachsen der Tradition der Evangelien
keine Rechnung, sondern verwechselt naiv den Endtext dieser Tradition
(das, was von den Evangelisten geschrieben wurde) mit ihrer Erstform
(die Taten und Worte des geschichtlichen Jesus). Zugleich vernachlässigt
er eine wichtige Dimension: die Art und Weise, wie die ersten
christlichen Gemeinden selbst die Wirkung von Jesus und seiner Botschaft
verstanden haben. Dabei bezeugt gerade dieses urchristliche Verständnis
die apostolische Herkunft des christlichen Glaubens und ist ihr direkter
Ausdruck. Der Fundamentalismus macht so den vom Evangelium selbst
intendierten Anspruch unkenntlich. Dem Fundamentalismus kann man
auch eine Tendenz zu geistiger Enge nicht absprechen. Er erachtet z.B.
eine alte vergangene Kosmologie, weil man sie in der Bibel findet, als
übereinstimmend mit der Realität. Dies verhindert jeglichen Dialog mit
einer offenen Auffassung der Beziehungen zwischen Kultur und Glauben. Er
stützt sich auf eine unkritische Interpretation gewisser Bibeltexte, um
politische Ideen und soziales Verhalten zu rechtfertigen, das von
Vorurteilen gekennzeichnet ist, die ganz einfach im klaren Gegensatz zum
Evangelium stehen, wie z.B. Rassendiskrimination und dgl. mehr.
Und schließlich trennt der Fundamentalismus die Interpretation der Bibel
von der Tradition, weil er auf dem Prinzip der „sola Scriptura“ beruht.
Die Tradition, die vom Geist Gottes geführt wird, entwickelt sich jedoch
innerhalb der Glaubensgemeinschaft organisch aus der Heiligen Schrift
heraus. Es fehlt dem Fundamentalismus die Erkenntnis, daß das Neue
Testament in der christlichen Kirche entstanden ist und daß es Heilige
Schrift dieser Kirche ist, deren Existenz der Abfassung ihrer Schriften
schon vorausging. Aus diesem Grund ist der Fundamentalismus oft
„antikirchlich“. Er erachtet die Glaubensbekenntnisse, die Dogmen und
das liturgische Leben, die Teil der kirchlichen Tradition geworden sind,
als nebensächlich. Das Gleiche gilt für die Lehrfunktion der Kirche
selbst. Er stellt sich als eine Form privater Interpretation dar, die
nicht erkennt, daß die Kirche auf der Bibel gründet und ihr Leben und
ihre Inspiration aus den heiligen Schriften bezieht. Der
fundamentalistische Zugang ist gefährlich, denn er zieht Personen an,
die auf ihre Lebensprobleme biblische Antworten suchen. Er kann sie
täuschen, indem er ihnen fromme, aber illusorische Interpretationen
anbietet, statt ihnen zu sagen, daß die Bibel nicht unbedingt sofortige,
direkte Antworten auf jedes dieser Probleme bereithält. Ohne es zu
sagen, lädt der Fundamentalismus doch zu einer Form der Selbstaufgabe
des Denkens ein. Er gibt eine trügerische Sicherheit, indem er unbewußt
die menschlichen Grenzen der biblischen Botschaft mit dem göttlichen
Inhalt dieser Botschaft verwechselt. II. Probleme
der Hermeneutik A. Philosophische Hermeneutiken
Der Weg der Exegese muß in dem Sinn neu überdacht werden, als sie der
zeitgenössischen philosophischen Hermeneutik Rechnung tragen muß. Diese
hebt die Implikation der Subjektivität im Erkennen, besonders im
geschichtlichen Erkennen, hervor. Die hermeneutische Reflexion hat mit
den Arbeiten von Friedrich Schleiermacher, Wilhelm Dilthey und besonders
mit Martin Heidegger einen neuen Aufschwung genommen. Im Gefolge dieser
Philosophen, aber auch unabhängig von ihnen, haben verschiedene Autoren
die zeitgenössische hermeneutische Theorie und ihre Anwendung auf die
Heilige Schrift vertieft. Unter ihnen sind namentlich Rudolf Bultmann,
Hans-Georg Gadamer und Paul Ricoeur zu erwähnen. Es ist hier nicht
möglich, eine Zusammenfassung ihrer Arbeiten zu geben. Es muß genügen,
einige zentrale Ideen ihrer Philosophie zu skizzieren, die die biblische
Interpretation beeinflußt haben. (12) 1. Moderne Perspektiven
Da zwischen der Welt des 1. und 20. Jahrhunderts eine kulturelle Distanz
liegt, hat Bultmann mit Nachdruck auf das ,Vorverständnis‘ hingewiesen,
das für jedes Verstehen notwendig ist. Er hat in diesem Sinne eine
existentiale Interpretationstheorie der neutestamentlichen Texte
ausgearbeitet. Es geht ihm darum, daß die Realität, von der die Heilige
Schrift handelt, den heutigen Menschen anspricht. Indem er sich auf
Heidegger beruft, stellt er fest, daß die Exegese eines biblischen
Textes ohne bestimmte, das Verstehen bedingende Voraussetzungen eben
nicht möglich ist. Das ,Vorverständnis‘ beruht auf einem
Lebensverhältnis des Interpreten zur Sache, von der der Text spricht.
Das ,Vorverständnis‘ muß sich aber vertiefen und erweitern, ja sogar
verändern und korrigieren lassen durch das, von dem der Text spricht,
damit der Interpret dem Subjektivismus entgeht. Die Frage, die
sich stellt, ist die nach der richtigen Begrifflichkeit, mit der die
Heilige Schrift angegangen werden muß, damit sie der heutige Mensch
verstehen kann. Die Antwort glaubt Bultmann in Heideggers
Existentialanalyse zu finden. Die Existentiale Heideggers hätten eine
universale Bedeutung und würden die am besten geeigneten Strukturen und
Begriffe anbieten, die menschliche Existenz zu verstehen, wie sie sich
in der Botschaft des Neuen Testamentes offenbart. Gadamer
unterstreicht ebenfalls die geschichtliche Distanz zwischen dem Text und
seinem Interpreten. Er nimmt die Theorie vom hermeneutischen Zirkel
wieder auf und entwickelt sie weiter. Die Vorwegnahmen und die
Vorverständnisse, die unser Verstehen kennzeichnen, kommen aus der
Tradition, die uns trägt. Diese besteht aus einer Gesamtheit von
historischen und kulturellen Gegebenheiten, die unsere Lebenswelt,
unseren Verstehenshorizont darstellen. Der Interpret ist aufgefordert,
mit der Realität, von der der Text spricht, in Dialog zu treten. Das
Verstehen ereignet sich in der Verschmelzung der beiden Horizonte, dem
des Textes und dem des Lesers („Horizontverschmelzung“). Sie ist nur
möglich, wenn es eine Entsprechung („Zugehörigkeit“) gibt, d.h. eine
grundlegende Verwandtschaft zwischen dem Interpreten und seinem Objekt.
(13) Die Hermeneutik ist ein dialektischer Vorgang: das Verständnis
eines Textes ist immer auch ein erweitertes Selbstverständnis. Vom
hermeneutischen Denken Ricoeurs ist zuerst die Betonung festzuhalten,
die er auf den Vorgang der Distanzierung als eine unentbehrliche
Voraussetzung für eine echte Aneignung des Textes legt. Eine erste
Distanz liegt zwischen dem Text und seinem Autor; denn sobald er verfaßt
ist, bekommt der Text eine gewisse Autonomie seinem Autor gegenüber; er
beginnt eine ,Sinn-Karriere‘. Eine andere Distanz trennt den Text von
seinen jeweiligen Lesern; diese müssen die Andersartigkeit der Welt des
Textes respektieren. Die Methoden der literarischen und geschichtlichen
Analyse sind somit für die Interpretation notwendig. Der Sinn eines
Textes kann jedoch nur dann voll erfaßt werden, wenn er im Erleben der
Leser aktualisiert wird, die ihn sich aneignen. Diese sind aufgerufen,
aus ihrer Situation heraus neue Bedeutungen in der Perspektive des
grundlegenden Sinnes, wie er vom Text ausgeht, freizusetzen. Die
Kenntnis der Bibel darf nicht etwa an der Sprache hängenbleiben. Sie muß
vielmehr bis zur Realität vordringen, von der der Text spricht. Die
religiöse Sprache der Bibel ist eine symbolische Sprache, die „zu denken
gibt“, eine Sprache, deren Sinnreichtum sich nie erschöpft. Es ist eine
Sprache, die eine transzendente Realität meint und auf sie verweist und
zugleich im Menschen den Sinn für die Tiefendimension seines Seins
weckt. 2. Der Beitrag der Hermeneutik zur Exegese Wie sind
diese zeitgenössischen Theorien der Textinterpretation zu beurteilen?
Die Bibel ist Wort Gottes für alle aufeinanderfolgenden Zeiten. Deshalb
darf man sich keiner hermeneutischen Theorie verschließen, die es
erlaubt, Methoden der literarischen und historischen Kritik in ein
weiteres Interpretationsmodell einzubetten. Es geht darum, die Distanz
zwischen der Epoche der Autoren und ersten Adressaten der biblischen
Texte und unserer heutigen Zeit zu überbrücken, um so die Botschaft der
Texte in richtiger Weise zu aktualisieren, damit sie das Glaubensleben
der Christen nährt. Jede Textexegese muß durch eine „Hermeneutik“ im
modernen Sinn des Wortes ergänzt werden. Die Notwendigkeit einer
Hermeneutik, d.h. einer Interpretation im Heute unserer Welt, findet
ihre Berechtigung in der Bibel selbst sowie in der Geschichte ihrer
Interpretation. Die gesamten heiligen Schriften des Alten und Neuen
Testamentes sind Produkte eines langen Prozesses der Neu-Interpretation
der Gründungsereignisse im Zusammenhang mit dem Leben der Gemeinschaften
der Gläubigen. In der kirchlichen Tradition waren die Kirchenväter, die
ersten Ausleger der Heiligen Schrift, der Ansicht, daß ihre Textexegese
erst dann vollständig war, wenn sie den Sinn des Textes für die Christen
ihrer Zeit, in ihrer Situation aufgezeigt hatten. Man ist der Absicht
der biblischen Texte nur in dem Maß treu, in dem man versucht, durch
ihre Formulierungen hindurch die Wirklichkeit des Glaubens zu erreichen,
die in ihnen zur Sprache kommt, und diese mit der Glaubenserfahrung der
heutigen Zeit verbindet. Die moderne Hermeneutik ist eine gesunde
Reaktion auf den historischen Positivismus und auf die Versuchung, bei
der Erforschung der Bibel Kriterien der Objektivität anzuwenden, die für
die Naturwissenschaften Geltung haben. Einerseits sind die Ereignisse,
die in der Bibel erwähnt werden, interpretierte Ereignisse. Andererseits
impliziert jede Exegese der Erzählungen von diesen Ereignissen
notwendigerweise die Subjektivität des Exegeten. Das richtige
Verständnis des biblischen Textes ist nur dem zugänglich, der eine
lebendige Beziehung zu dem hat, wovon der Text spricht. Die Frage, die
sich jedem Interpreten stellt, ist die: Welche hermeneutische Theorie
ermöglicht es, die tiefe Wirklichkeit zu erfassen, von welcher die
Heilige Schrift spricht, und diese für den heutigen Menschen klar und
sinnvoll auszudrücken? Man muß in der Praxis freilich anerkennen,
daß gewisse hermeneutische Theorien zur Interpretation der Heiligen
Schrift ungeeignet sind. So schließt Bultmanns existentiale
Interpretation die biblische Botschaft in die Enge einer besonderen
Philosophie ein. Zudem ist die religiöse Botschaft der Bibel – wegen der
Voraussetzungen, die diese Hermeneutik leiten – ihrer objektiven
Wirklichkeit größtenteils entleert, weil sie zu weitgehend
„entmythologisiert“ wird. Auch tendiert sie dahin, die biblischen Texte
einer anthropologischen Konzeption zu unterwerfen. Die Philosophie wird
so zur Interpretationsnorm anstatt zum Instrument des Verstehens dessen,
was das zentrale Objekt jeglicher Interpretation der Heiligen Schrift
ist: die Person Jesu Christi und die Heilsereignisse, die in unserer
Geschichte stattgefunden haben. Eine authentische Interpretation der
Heiligen Schrift ist somit zuerst die Annahme eines in diesen
Ereignissen gegebenen Sinnes, der in ausgezeichneter Weise in der Person
Jesu Christi aufscheint. Dieser Sinn kommt in den Texten zur
Sprache. Um dem Subjektivismus zu entgehen, muß eine gute Aktualisierung
auf der Untersuchung des Textes beruhen, und die Voraussetzungen der
Textinterpretation müssen sich immer wieder am Text selbst überprüfen
lassen. Auch wenn die biblische Hermeneutik zur allgemeinen
Hermeneutik literarischer und geschichtlicher Texte gehört, ist sie
dennoch zugleich ein Sonderfall dieser Hermeneutik. Ihre besonderen
Charakteristika kommen ihr von ihrem Objekt her zu. Die Heilsereignisse
und ihre Erfüllung in der Person Jesu Christi geben der gesamten
Geschichte der Menschheit Sinn. Die neuen geschichtlichen
Interpretationen (14) können nichts anderes sein als die Entschleierung
oder die Entfaltung der Fülle dieses Sinnes. Die biblische Erzählung
dieser Ereignisse kann durch den Verstand allein nicht voll erfaßt
werden. Ihre Interpretation bedarf besonderer Voraussetzungen, z.B. des
in der kirchlichen Gemeinschaft gelebten Glaubens und der Führung durch
den Heiligen Geist. (15) Mit dem Wachsen des Lebens im Geiste weitet
sich bei der Leserschaft das Verständnis der Wirklichkeiten, von denen
der biblische Text spricht. B. Sinn der inspirierten Schrift
Der moderne Beitrag der philosophischen Hermeneutiken und die neueren
Entwicklungen der Literaturwissenschaft ermöglichen der biblischen
Exegese ein tieferes Verständnis ihrer Aufgabe, deren Komplexität
deutlicher zutage tritt. Die ältere Exegese, die natürlich noch nicht
modernen wissenschaftlichen Ansprüchen genügen konnte, wies jedem Text
der Heiligen Schrift verschiedene Sinnebenen zu. Die geläufigste
Unterscheidung war die zwischen Literal- und geistlichem Sinn. Die
mittelalterliche Exegese unterschied im geistlichen Sinn drei
verschiedene Aspekte: den Bezug auf die offenbarte Wahrheit, auf das
konkrete Leben und auf die letzte Erfüllung. Von da kommt das berühmte
Distichon des Dominikaners Augustinus von Dänemark (XIII. Jh.): „Littera
gesta docet, quid credas allegoria, moralis quid agas, quid speres
anagogia.“ Als Reaktion auf die Theorie des vielfachen
Schriftsinnes hat die historisch-kritische Exegese mehr oder weniger
offen die These eines einzigen Sinnes vertreten, derzufolge ein Text
nicht gleichzeitig mehrere Bedeutungen haben kann. Das ganze Bemühen der
historisch-kritischen Exegese geht dahin, den genauen Wort-Sinn dieses
oder jenes biblischen Textes in der Situation seiner Entstehung zu
bestimmen. Doch läßt sich diese These heute angesichts der
Erkenntnisse der Sprachwissenschaften und der philosophischen
Hermeneutiken, die die Polysemie geschriebener Texte anerkennen, so
nicht mehr halten. Das Problem ist nicht einfach, und es stellt
sich nicht in gleicher Weise für alle Textgattungen: geschichtliche
Erzählungen, Gleichnisse, Prophetenworte, Gesetze, Sprichwörter, Gebete,
Hymnen usw. Man kann jedoch einige allgemeine Grundsätze nennen, ohne
dabei die verschiedenen Auffassungen zu übersehen, die vertreten werden.
1. Der wörtliche Sinn (sensus litteralis) Es ist nicht nur
legitim, sondern unerläßlich, den genauen Sinn der Texte, so wie sie von
ihren Autoren verfaßt wurden, zu bestimmen. Er heißt wörtlicher Sinn,
sensus litteralis. Schon Thomas von Aquin hat auf seine grundlegende
Bedeutung hingewiesen (S.Th.I, q. 1, a.10, ad 1). Der wörtliche
Sinn darf nicht mit dem „buchstäblichen“ verwechselt werden, wie es die
Fundamentalisten zu tun pflegen. Es genügt z.B. nicht, einen Text
buchstäblich zu übersetzen, um seinen wörtlichen Sinn zu erhalten. Man
muß ihn den literarischen Konventionen der Zeit entsprechend verstehen.
Ist ein Text metaphorisch, so ist sein wörtlicher Sinn nicht derjenige,
der sich aus einem wortwörtlichen Verständnis ergibt (z.B. „eure Lenden
seien gegürtet“, Lk 12,35), sondern derjenige, der der
metaphorischen Verwendung entspricht („seid immer bereit“). Handelt es
sich um eine Erzählung, so erlaubt der wörtliche Sinn nicht unbedingt
die Beteuerung, die erzählten Fakten hätten in der Tat stattgefunden;
denn es kann sein, daß eine Erzählung nicht der Gattung geschichtlicher
Erzählungen angehört, sondern ein Produkt der Phantasie ist. Der
wörtliche Sinn der Heiligen Schrift ist derjenige, der von den
inspirierten menschlichen Autoren direkt ausgedrückt wurde. Da er Frucht
der Inspiration ist, ist dieser Sinn auch der von Gott, dem eigentlichen
Autor (auctor principalis), gewollte. Er läßt sich mit Hilfe einer
genauen Analyse des Textes im Rahmen seines literarischen und
geschichtlichen Kontextes ermitteln. Die Hauptaufgabe der Exegese ist
es, diese Analyse sorgfältig durchzuführen, wobei alle Möglichkeiten der
literarischen und geschichtlichen Forschungen auszuschöpfen sind, um den
wörtlichen Sinn der biblischen Texte mit größtmöglicher Genauigkeit zu
erfassen (vgl. Divino afflante Spiritu, EnchB 550). Zu diesem
Zweck ist die Erforschung der antiken literarischen Gattungen von ganz
besonderer Notwendigkeit (ebd. 560). Gibt es nur einen
wörtlichen Sinn eines Textes? Im allgemeinen ja; aus zwei Gründen
handelt es sich dabei jedoch nicht um ein absolutes Prinzip.
Einerseits ist es möglich, daß ein menschlicher Autor sich gleichzeitig
auf verschiedene Realitätsebenen beziehen will. Dies kommt in der Lyrik
oft vor. Die biblische Inspiration schließt diese Möglichkeit der
menschlichen Sprache und Psychologie nicht aus; das vierte Evangelium
liefert dafür viele Beispiele. Andererseits ist es auch dann, wenn ein
menschlicher Ausdruck scheinbar nur eine Bedeutung hat, durchaus
möglich, daß die göttliche Inspiration ihn so steuert, daß
Mehrdeutigkeit entsteht. Dies ist der Fall beim Wort von Kajaphas in
Joh 11, 50. Es drückt gleichzeitig eine politische unmoralische
Berechnung und eine göttliche Offenbarung aus. Diese zwei Aspekte
gehören beide zum wörtlichen Sinn, denn sie sind beide durch den Kontext
gegeben. Obschon es sich hier um einen Extremfall handelt, ist er doch
bedeutungsvoll. Er warnt vor einer zu engen Auffassung des wörtlichen
Sinnes der inspirierten Texte. Bei vielen Texten ist es
insbesondere angebracht, auf ihren dynamischen Charakter zu
achten. Der Sinn der Königspsalmen zum Beispiel darf nicht
ausschließlich auf die geschichtlichen Bedingungen ihrer Entstehung
eingeschränkt werden. Wenn er vom König spricht, ruft der Psalmist
zugleich den Gedanken an eine konkrete Institution und an eine
Idealvision des Königtums, das dem Plan Gottes entspricht, hervor, so
daß sein Text über die königliche Institution, wie sie in der Geschichte
real erscheint, weit hinausgeht. Die historisch-kritische Exegese hatte
zu oft die Tendenz, den Sinn der Texte ausschließlich mit genauen
geschichtlichen E reignissen in Verbindung zu bringen und ihn darauf zu
fixieren. Sie muß dem gegenüber vielmehr versuchen, die Richtung des im
Text ausgedrückten Gedankens zu bestimmen, eine Richtung, die den
Exegeten nicht dazu einlädt, den Sinn aufzuhalten, sondern ihm im
Gegenteil nahelegt, die mehr oder weniger voraussehbaren Entfaltungen
des Sinnes zu erfassen. Eine Strömung der modernen Hermeneutik hat
den unterschiedlichen Stellenwert hervorgehoben, der dem menschlichen
Wort zukommt, sobald es geschrieben ist. Ein geschriebener Text kann in
neuen Situationen eine andere Beleuchtung erhalten, so daß sich seinem
Sinn neue Bedeutungen hinzufügen. Diese Fähigkeit des geschriebenen
Textes ist besonders im Fall der biblischen Texte gegeben, die als Wort
Gottes anerkannt werden. In der Tat, was die Glaubensgemeinschaft dazu
bewegte, sie aufzubewahren, ist die Überzeugung, in ihnen Licht und
Leben auch für die kommenden Generationen zu finden. Der wörtliche Sinn
ist von Anfang an für spätere Entwicklungen offen, die durch
„Wiederaufnahmen“ (relectures) in neuen Kontexten ausgelöst werden.
Daraus ergibt sich nicht, daß einem biblischen Text irgendein beliebiger
Sinn beigelegt werden kann, indem man ihn auf subjektive Weise
interpretiert. Im Gegenteil, man muß jede Interpretation als
unauthentisch zurückweisen, die dem Sinn zuwiderläuft, den die
menschlichen Autoren in dem von ihnen niedergeschriebenen Text
ausgedrückt haben. Ließe man einen heterogenen Sinn zu, würde man die
biblische Botschaft in ihren Wurzeln treffen und subjektiver Willkür
überlassen; denn diese Botschaft ist ein Wort, das Gott in der
Geschichte gesprochen hat. 2. Der geistliche Sinn (sensus
spiritualis) Man darf jedoch den Ausdruck „heterogen“ nicht in zu
engem Sinne auffassen, der jegliche Möglich keit höherer Erfüllung von
vornherein ausschlösse. Das österliche Geschehen, Tod und Auferstehung
Jesu, haben einen völlig neuen geschichtlichen Kontext geschaffen, der
auf neue Art die alten Texte erhellt und zu einer Veränderung des Sinnes
führt. So müssen namentlich gewisse Texte, die in früheren Situationen
als hyperbolisch betrachtet werden mußten (z.B. das Prophetenwort, in
welchem Gott in bezug auf einen Davidssohn verhieß, dessen Thron „für
immer“ zu festigen 2 Sam 7, 12-13; 1 Chr 17, 11-14),
nunmehr wörtlich genommen werden, weil „Christus, von den Toten
auferstanden, nicht mehr stirbt“ (Röm 6, 9). Exegeten, die einen
engen, „historistischen“ Begriff vom wörtlichen Sinn haben, werden der
Meinung sein, daß es sich hier um Heterogenität handelt. Diejenigen, die
dem dynamischen Aspekt der Texte offen gegenüberstehen, werden hingegen
darin eine tiefe Kontinuität erkennen und zugleich einen Übergang auf
eine andere Stufe: Christus herrscht für immer, jedoch nicht auf dem
irdischen Thron Davids (vgl. auch Ps 2, 7-8; 110, 1.4). In
Fällen dieser Art spricht man vom „geistlichen Sinn“. In der Regel läßt
sich der geistliche Sinn in der Perspektive des christlichen Glaubens
als der Sinn definieren, den die biblischen Texte ausdrücken, wenn sie
unter dem Einfluß des Heiligen Geistes im Kontext des österlichen
Mysteriums Christi und des daraus folgenden neuen Lebens gelesen werden.
Diesen Kontext gibt es tatsächlich. Das Neue Testament erkennt darin die
Erfüllung der Schriften. So ist es natürlich, die Schriften im Lichte
dieses neuen Kontextes zu lesen, der das Leben im Heiligen Geiste ist.
Aus dieser Definition ergeben sich mehrere nützliche Klärungen der
Beziehung zwischen geistlichem und wörtlichem Sinn: Entgegen einer
weit verbreiteten Meinung unterscheiden sich die beiden Sinne nicht
notwendigerweise. Wenn ein biblischer Text sich direkt auf das
Ostergeheimnis Christi oder auf das daraus folgende neue Leben bezieht,
so ist sein wörtlicher Sinn ein geistlicher. Dies ist im allgemeinen im
Neuen Testament der Fall. Deshalb spricht die christliche Exegese von
geistlichem Sinn meistens in bezug auf das Alte Testament. Doch schon im
Alten Testament gibt es manche Texte, die als wörtlichen Sinn einen
religiösen und geistlichen Sinn haben. Der christliche Glaube erkennt in
ihnen einen Sinn, der das neue, durch Christus gebrachte Leben
vorwegnimmt. Wenn eine Unterscheidung vorliegt, so darf der
geistliche Sinn nie ohne Bezug zum wörtlichen Sinn bestimmt werden.
Dieser bleibt die unerläßliche Basis. Sonst könnte man nicht von
„Erfüllung“ der Heiligen Schrift sprechen. Damit von Erfüllung die Rede
sein kann, ist eine kontinuierliche und homogene Beziehung wesentlich.
Es muß aber auch ein Übergang auf eine höhere Stufe der Wirklichkeit
stattfinden. Der geistliche Sinn darf nicht mit subjektiven
Interpretationen verwechselt werden, die aus Einbildungskraft oder
intellektueller Spekulation stammen. Der geistliche Sinn ist das
Ergebnis der Beziehung zwischen dem Text und Wirklichkeiten, die ihm
nicht fremd sind, nämlich dem Osterereignis in seiner unerschöpflichen
Fruchtbarkeit, das den Höhepunkt der göttlichen Geschichtsmächtigkeit im
Leben Israels zugunsten der ganzen Menschheit darstellt. Eine in
Gemeinschaft oder individuell vollzogene geistliche Lesung entdeckt
einen authentischen geistlichen Sinn nur dann, wenn sie sich in diese
Perspektive versetzt. Denn dann werden die drei Realitätsebenen
miteinander in Beziehung gebracht: biblischer Text, Ostergeheimnis und
gegenwärtige Situation des Lebens im Heiligen Geiste. Da die
frühere Exegese davon überzeugt war, daß das Mysterium Christi der
Schlüssel zur Auslegung aller Schriften ist, lag ihr daran, einen
geistlichen Sinn bis in die winzigsten Einzelheiten der biblischen Texte
zu finden, z.B. in jeder Vorschrift der Ritualgesetze, wobei sie sich
entweder rabbinischer Methoden bediente oder sich von der
hellenistischen Allegorese inspirieren ließ. Die moderne Exegese kann
solchen Interpretationsversuchen keinen wirklichen Wert mehr für heute
beimessen, welchen pastoralen Nutzen sie auch immer in der Vergangenheit
gebracht haben mag (vgl. Divino afflante Spiritu, EnchB 553).
Einer der möglichen Aspekte des geistlichen Sinnes ist der typologische
Sinn. Von diesem wird gewöhnlich gesagt, er gehöre nicht zur Heiligen
Schrift selbst, sondern zu den in der Heiligen Schrift zur Sprache
gebrachten Realitäten: Adam versinnbildlicht Christus (vgl. Röm
5, 14), die Sintflut versinnbildlicht die Taufe (1 Petr 3,
20-21), usw. Tatsächlich basiert der typologische Bezug normalerweise
auf der Art und Weise, wie die Heilige Schrift die alte Wirklichkeit
beschreibt (vgl. die Stimme Abels: Gen 4, 10; Hebr 11, 4;
12, 24), und nicht einfach auf dieser Wirklichkeit an und für sich. Es
handelt sich also in Wirklichkeit um einen von der Heiligen Schrift
geschaffenen Sinn. 3. Der sensus plenior Der sensus
plenior, eine relativ neue Kategorie, gibt zu Diskussionen Anlaß.
Man kann ihn als tieferen Sinn eines Textes definieren, der von Gott
gewollt ist, aber vom menschlichen Autor nicht klar ausgedrückt wurde.
Man stößt auf ihn, wenn man einen biblischen Text im Lichte anderer
biblischer Texte, die auf ihm fußen, oder in seiner Beziehung zur
inneren Entwicklung der Offenbarung untersucht. Es handelt sich
somit entweder um den Sinn, den ein biblischer Autor einem ihm bekannten
früheren biblischen Text zuerkennt, wenn er ihn in einem neuen Kontext
wiederverwendet, der ihm einen neuen wörtlichen Sinn verleiht; oder es
geht um die Bedeutung, die eine authentische Lehrtradition oder eine
Konzilsdefinition einem Text der Bibel zuerkennt. Der Kontext von Mt
1, 23 zum Beispiel gibt dem Prophetenwort von Jes 7, 14 von der
‘almah, die empfangen wird, einen sensus plenior, indem Mt die
Übersetzung der Septuaginta übernimmt: „Die Jungfrau (parthénos) wird
ein Kind empfangen“. Die Lehre der Kirchenväter und der Konzilien über
die Heiligste Dreifaltigkeit bringt den sensus plenior der Aussagen des
Neuen Testamentes über Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist zum Ausdruck.
Die Definition der Erbsünde durch das Konzil von Trient kann ebenso als
sensus plenior der Lehre von Paulus in Röm 5, 12-21 bezüglich der
Auswirkungen der Sünde Adams auf die Menschheit verstanden werden. Wo
aber eine solche Kontrolle durch einen expliziten biblischen Text oder
durch eine authentische Lehrtradition fehlt, könnte das Zurückgreifen
auf einen sogenannten sensus plenior zu subjektiven Auslegungen Anlaß
geben, denen jede Berechtigung fehlen würde. Alles in allem könnte
man den Ausdruck sensus plenior als eine andere Bezeichnung des
geistlichen Sinnes in dem Fall auffassen, wo sich der geistliche Sinn
vom wörtlichen Sinn eines biblischen Textes unterscheidet. Er beruht
darauf, daß der Heilige Geist, der Hauptverfasser der Bibel, den
menschlichen Verfasser in der Auswahl seiner Ausdrücke so führen kann,
daß diese eine Wahrheit ausdrücken, die dem Autor selbst nicht in ihrer
ganzen Tiefe bewußt war. Diese wird erst mit der Zeit umfassender
offenbart, einerseits dank späterer göttlicher Heilssetzungen in der
Geschichte, die die Tragweite der Texte besser zeigen, andererseits auch
dank der Aufnahme der Texte in den Kanon der Heiligen Schrift. So wird
ein neuer Kontext geschaffen, der Sinnmöglichkeiten erscheinen läßt, die
der ursprüngliche Kontext im dunkeln gelassen hatte.
III. Charakteristische Dimensionen der katholischen Interpretation
Die katholische Exegese unterscheidet sich nicht durch eine besondere
wissenschaftliche Methode. Sie stimmt der Erkenntnis zu, daß die
biblischen Texte das Werk menschlicher Autoren sind, die sich ihrer
eigenen Ausdrucksmöglichkeiten bedient haben und mit den Mitteln
arbeiteten, die ihnen je nach Zeit und Milieu zur Verfügung standen.
Daher benützt sie ohne Vorbehalte alle wissenschaftlichen Methoden und
Zugänge, die den Sinn der Texte in ihrem sprachlichen, literarischen,
soziokulturellen, religiösen und historischen Umfeld erschließen, indem
sie diesen Sinn genauer erfaßt, wenn sie die Quellen erforscht und der
Persönlichkeit des jeweiligen Autors Rechnung trägt (vgl. Divino
afflante Spiritu, EnchB 557). Sie leistet einen aktiven Beitrag zur
Weiterentwicklung der Methoden und zum Fortschritt der biblischen
Wissenschaft. Ihre Charakteristik ist es, bewußt in der Linie der
lebendigen Tradition der Kirche zu stehen, deren oberstes Anliegen es
ist, die Offenbarung zu bewahren, wie sie von der Bibel bezeugt wird.
Wie oben erwähnt wurde, haben die modernen Hermeneutiken die
Unmöglichkeit gezeigt, einen Text zu interpretieren, ohne von
irgendeinem Vorverständnis auszugehen. Die katholische Exegese geht die
biblischen Schriften mit einem Vorverständnis an, das die moderne
wissenschaftliche Kultur und die religiöse Tradition, die von Israel und
der christlichen Urgemeinde herstammt, eng miteinander verbindet. Ihre
Interpretation steht somit in Kontinuität mit der
Interpretationsdynamik, die innerhalb der Bibel selbst zutage tritt und
sich im Leben der Kirche fortsetzt. Sie entspricht der Notwendigkeit der
unabdingbaren „Verwandtschaft“ zwischen dem Interpreten und dem
Gegenstand, von dem der biblische Text handelt. Diese innere
„Verwandtschaft“ ist eine Bedingung der Möglichkeit für alles
exegetische Arbeiten. Jedes Vorverständnis hat jedoch auch seine
Gefahren. Im Fall der katholischen Exegese besteht das Risiko darin, den
biblischen Texten einen Sinn zu geben, den sie nicht ausdrücken, sondern
der Frucht einer späteren Entwicklung der Tradition ist. Der Exeget muß
sich vor dieser Gefahr hüten. A. Die Interpretation innerhalb
der biblischen Tradition Die Texte der Bibel sind Ausdruck
religiöser Traditionen, die bereits vor ihnen bestanden. Sie machen sich
diese Traditionen in ganz verschiedenen Weisen je nach der Kreativität
der Autoren zu eigen. Im Laufe der Zeit sind mannigfaltige Traditionen
zusammengeflossen, um schließlich eine gemeinsame große Tradition zu
bilden. Die Bibel zeigt diesen Prozeß sehr klar auf: sie hat zu seiner
Verwirklichung beigetragen, und sie reguliert ihn weiterhin. „Die
Interpretation innerhalb der biblischen Tradition“ hat vielfältige
Aspekte. Man kann unter diesem Begriff die Art und Weise verstehen, wie
die Bibel menschliche Grunderfahrungen oder besondere Ereignisse der
Geschichte Israels interpretiert, oder aber die Art, wie die biblischen
Texte schriftliche oder mündliche Quellen benützen – von denen manche
aus andern Religionen oder Kulturen herstammen mögen –, indem sie diese
neu interpretieren. Doch da das gestellte Thema die Interpretation der
Bibel ist, sollen nicht diese komplexen Fragen erörtert werden, sondern
nur einige Beobachtungen zur Interpretation der biblischen Texte
innerhalb der Bibel selbst vorgelegt werden. 1. „Wiederaufnahmen“
(relectures) Was der Bibel ihre innere und einzigartige Einheit
verleiht, beruht unter anderem auf der Tatsache, daß die späteren
biblischen Schriften sich oft auf die früheren stützen. Sie machen
Anspielungen auf sie, indem sie diese wiederaufnehmen und aus ihnen –
manchmal weit entfernt vom ursprünglichen Sinn – neue Sinn-Aspekte
entwickeln, oder aber sie beziehen sich direkt auf ihn, sei es, um
diesen Sinn zu vertiefen, sei es, um seine Erfüllung aufzuzeigen.
So wird „das Erbe“ eines Landes, wie Gott es Abraham für seine
Nachkommen verheißen hatte (Gen 15, 7.18), zum Eintritt in das
Heiligtum Gottes (Ex 15, 17), zur Teilnahme an der Ruhe Gottes (Ps
132, 7-8), die den wahrhaft Glaubenden vorbehalten ist (Ps 95,
8-11; Hebr 3 , 7-4, 11) , und schließlich zum Eingehen in das
himmlische Heiligtum (Hebr 6, 12.18-20), „das ewige Erbe“ (Hebr
9, 15). Die Weissagung des Propheten Natan, der David ein „Haus“,
d.h. eine dynastische Erbfolge, „beständig auf immer“ (2 Sam 7,
12-16) verspricht, wird an mehreren Stellen wiederholt (2 Sam 23,
5; 1 Kön 2, 4; 3, 6; 1 Chr 17, 11-14), vor allem in
Notzeiten (Ps 89, 20.38), nicht ohne bedeutsame Abwandlungen. Sie
wird auch durch weitere Prophetenworte ergänzt (Ps 2, 7-8; 110,
1.4; Am 9, 11; Jes 7, 13-14; Jer 23, 5-6 usw.), von
denen einige das Wiederkommen von Davids Reich selbst verkünden (Hos
3, 5; Jer 30, 9; Ez 34, 24; 37, 24-25; vgl. Mk 11,
10). Das verheißene Reich hat universale Dimensionen (Ps 2, 8;
Dan 2, 35.44; 7, 14; vgl. Mt 28, 18). Es realisiert die
Berufung des Menschen in ihrer Fülle (Gen 1, 28; Ps 8,
6-9; Weish 9, 2-3; 10,2). Jeremias Weissagung über die 70
Jahre der verdienten Strafe Jerusalems und Judas (Jer 25, 11-12;
29, 10) ist in 2 Chr 25, 20-23 wieder aufgenommen, wo ihre
Verwirklichung aufgezeigt wird. Viel später meditiert sie der Autor des
Buches Daniel von neuem in der Überzeugung, daß dieses Wort Gottes noch
einen verborgenen Sinn enthält, der die gegenwärtige Situation erhellen
kann (Dan 9, 24-27). Die grundlegende Überzeugung, daß die
vergeltende Gerechtigkeit Gottes die Guten belohnt und die Bösen
bestraft (Ps 1, 1-6; 112, 1-10; Lev 26, 3-33 u.a.), stößt
sich oft an unmittelbarer gegenteiliger Erfahrung. So läßt die Heilige
Schrift kräftigen Einwänden und Bestreitungen Raum (Ps 44;
Ijob 10, 1-7; 13, 3-28; 23-24) und geht diesem Geheimnis immer
tiefer nach (Ps 37; Ijob 38-42; Jes 53; Weish
3-5). 2. Beziehungen zwischen Altem und Neuem Testament Die
intertextuellen Bezüge sind in den Schriften des Neuen Testamentes von
größter Dichte, die zahlreiche Anspielungen auf das Alte Testament und
ausdrückliche alttestamentliche Zitate enthalten. Für die Verfasser des
Neuen Testamentes hat das Alte Testament göttlichen Offenbarungswert.
Sie verkünden, daß diese Offenbarung ihre Erfüllung im Leben, in der
Lehre und vor allem im Tod und in der Auferstehung Jesu gefunden hat, in
denen die Quelle der Versöhnung und des ewigen Lebens liegt. „Christus
ist für unsere Sünden gestorben gemäß der Schrift, und er ist begraben
worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden gemäß der Schrift, und
erschien dem Kephas ...“ (1 Kor 15, 3-5): dies ist der
eigentliche Kern der apostolischen Verkündigung (1 Kor 15,
11). Zwischen den Ereignissen, die die Heilige Schrift erfüllen,
und der Heiligen Schrift selbst bestehen nie nur einfache materielle
Übereinstimmungen, sondern wechselseitige Erhellungen und dialektischer
Fortschritt: man stellt zugleich fest, daß die Heilige Schrift den Sinn
der Ereignisse offenbart und die Ereignisse den Sinn der Heiligen
Schrift offenbaren. Mit anderen Worten, die Ereignisse zwingen dazu,
gewisse Aspekte der herkömmlichen Interpretation beiseite zu lassen,
eine neue Auslegung anzunehmen. Von Anfang seines öffentlichen
Wirkens an hat Jesus eine persönliche und originelle Haltung in bezug
auf die Heilige Schrift eingenommen, die sich von der Interpretation
seiner Epoche, derjenigen der „Schriftgelehrten und der Pharisäer“,
unterschied (Mt 5, 20). Dafür gibt es zahlreiche Beweise, so z.B.
die Antithesen der Bergpredigt (Mt 5, 21-48), die souveräne
Freiheit Jesu in der Beobachtung des Sabbats (Mk 2, 27-28 par.),
seine Art, die Vorschriften über rituelle Reinheit zu relativieren (Mk
7, 1-23 par.), andererseits seine radikalen Forderungen auf anderen
Gebieten (Mt 10, 2-12 par.; 10, 17-27 par.) und vor allem seine
offene Haltung gegenüber „den Zöllnern und den Sündern“ (Mk 2,
15-17 par.). Dies entsprang nicht dem Bedürfnis nach der Rolle des
Außenseiters, sondern zutiefst der Treue zum Willen Gottes, wie er sich
in der Heiligen Schrift ausdrückt (vgl. Mt 5, 17; 9.13; Mk
7, 8-13 par.; 10, 5-9 par.). Tod und Auferstehung Jesu haben die
begonnene Entwicklung zu ihrem Höhepunkt geführt, indem sie in gewissen
Punkten einen totalen Bruch und zugleich eine unerwartete Öffnung
zeitigten. Der Tod des Messias, des „Königs der Juden“ (Mk 15, 26
par.) hat eine Umwandlung der innerweltlichen Auslegung der
Königspsalmen und der messianischen Weissagungen hervorgebracht. Jesu
Auferstehung und seine himmlische Verherrlichung als Gottes Sohn haben
diesen gleichen Texten eine Sinnfülle gegeben, die vorher unvorstellbar
war. Ausdrücke, die zuvor hyperbolisch schienen, müssen von nun an
wörtlich genommen werden. Sie erscheinen als von Gott vorbereitet, um
die Herrlichkeit Jesu Christi auszudrücken, denn Jesus ist wahrhaft
„Herr“ (Ps 110, 1) im stärksten Sinn des Wortes (Apg 2,
36; Phil 2, 10-11; Hebr 1, 10-12); er ist Sohn Gottes (Ps
2, 7; Mk 14, 62; Röm 1, 3-4), Gott mit Gott (Ps 45,
7; Hebr 1, 8; Joh 1, 1; 20, 28); „seiner Herrschaft wird
kein Ende sein“ (Lk 1, 32-33; vgl. 1 Chr 17, 11-14; Ps
45, 7; Hebr 1, 8), und er ist zugleich „Priester auf ewig“ (Ps
110, 4; Hebr 5, 6-10; 7, 23-24). Die Verfasser des Neuen
Testamentes haben das Alte im Lichte der österlichen Ereignisse neu
gelesen. Der vom verherrlichten Christus gesandte Heilige Geist (vgl.
Joh 15, 26; 16, 7) hat sie dessen „geistlichen“ Sinn entdecken
lassen. Mehr denn je sind sie so dahin geführt worden, einerseits den
prophetischen Wert des Alten Testamentes hervorzuheben, andererseits
aber auch dessen Wert als Heilsinstitution stark zu relativieren. Dieser
zweite Gesichtspunkt, der schon in den Evangelien sichtbar wird (vgl.
Mt 11, 11-13 par.; 12, 41-42 par.; Joh 4, 12-14; 5, 37; 6,
32), tritt in manchen paulinischen Schriften sowie im Hebräerbrief
überaus klar zu Tage. Paulus und der Verfasser des Hebräerbriefes zeigen
auf, daß die Thora als Offenbarung selbst ihr eigenes Ende als System
der Gesetzgebung ankündet (vgl. Gal 2, 15-6,1; Röm 3,
20-21; 6, 14; Hebr 7, 11-19; 10, 8-9). Daraus folgt, daß die
Heiden, die zum Glauben an Christus kommen, nicht allen Vorschriften der
biblischen Gesetzgebung unterworfen werden müssen, die von nun an
gesamthaft auf den Rang von Institutionen eines bestimmten Volkes
beschränkt sind. Die Gläubigen aus dem Heidentum sollen sich aber vom
Alten Testament als dem Wort Gottes nähren, denn es erlaubt ihnen, alle
Dimensionen des österlichen Geheimnisses zu entdecken, aus dem sie leben
(vgl. Lk 24, 25-27. 44-45; Röm 1,1-2). Innerhalb der
christlichen Bibel sind die Beziehungen zwischen Neuem und Altem
Testament zweifellos komplex. Wenn es um die Benützung bestimmter Texte
geht, lesen sie die Verfasser des Neuen Testaments natürlich im Rahmen
der Kenntnisse und Interpretationsweisen ihrer Epoche. Es wäre ein
Anachronismus, wollte man von ihnen verlangen, sich der modernen
wissenschaftlichen Methoden zu bedienen. Der Exeget muß vielmehr die
früheren Interpretationsweisen kennenlernen, um ihren Gebrauch verstehen
und würdigen zu können. Andererseits soll er selbstverständlich dem
keinen absoluten Wert beimessen, was nur von der Begrenzung menschlicher
Auslegungskunst Zeugnis ablegt. Schließlich muß noch darauf
hingewiesen werden, daß, wie schon im Alten Testament, innerhalb des
Neuen Testamentes verschiedene Perspektiven nebeneinander stehen, die
sich manchmal in Spannung zueinander befinden, so z.B., was die
Situation Jesu anlangt (Joh 8, 29; 16, 32 und Mk 15, 34)
oder die Geltung des Gesetzes des Mose (Mt 5, 17-19 und Röm
6, 14) oder die Notwendigkeit der Werke, um gerechtfertigt zu werden (Jak
2, 24 und Röm 3, 28; Eph 2, 8-9). Es ist gerade eine
Eigenart der Bibel, kein strenges System zu bilden, sondern im Gegenteil
in der Dynamik von Spannungen zu stehen. Die Bibel hat verschiedene
Weisen, die gleichen Ereignisse zu interpretieren oder die gleichen
Probleme zu bedenken. Sie lädt somit ein, Vereinfachungen und geistige
Enge zurückzuweisen. 3. Einige Schlußfolgerungen Aus dem
Gesagten ergibt sich, daß die Bibel selbst zahlreiche Hinweise und
Anregungen zur Kunst der Interpretation enthält. In der Tat, seit ihren
Anfängen ist die Bibel selbst Interpretation. Ihre Texte wurden von den
Gemeinschaften des Alten Bundes und der apostolischen Zeit als gültiger
Ausdruck ihres Glaubens anerkannt. Gemäß der Auslegung dieser
Gemeinschaften und in Abhängigkeit von ihr wurden diese Texte als
Heilige Schrift anerkannt. So wurde z.B. das Hohelied im Zusammenhang
mit seiner Deutung auf die Beziehung zwischen Gott und Israel als
Heilige Schrift anerkannt. Während der ganzen Entstehungszeit der Bibel
wurden die zu ihr gehörenden Schriften in vielen Fällen neu aufgenommen
und neu interpretiert, um auf neue, unbekannte Situationen Antworten zu
geben. Die Art und Weise, wie die Heilige Schrift selbst Texte
interpretiert, legt folgende Bemerkungen nahe: Da die Heilige
Schrift aufgrund der Übereinstimmung von gläubigen Gemeinschaften
entstand, die in ihrem Text den Ausdruck des geoffenbarten Glaubens
erkannten, muß gerade auch ihre Interpretation selber wieder für den
lebendigen Glauben der kirchlichen Gemeinschaften zur Quelle einer
Übereinstimmung in den wesentlichen Punkten werden. Da der
Ausdruck des Glaubens, wie man ihn in der von allen anerkannten Heiligen
Schrift fand, sich immer wieder erneuern mußte, um neuen Situationen zu
begegnen – was die wiederholten „Wiederaufnahmen“ („relectures“) vieler
biblischer Texte erklärt –, bedarf die Auslegung der Bibel in gleicher
Weise einer schöpferischen Dimension und der Stellung neuer Fragen, um
von der Bibel her Antwort auf sie zu finden. Da die Texte der
Heiligen Schrift manchmal in Spannung zueinander stehen, ist die
Interpretation notwendigerweise pluralistisch. Keine einzelne
Interpretation kann den Sinn des Ganzen erschöpfen, der wie eine
Symphonie mehrstimmig ist. Die Auslegung eines einzelnen Textes darf
also nicht exklusivistisch geschehen. Die Heilige Schrift steht in
fortwährendem Dialog mit den Glaubensgemeinschaften: sie ist ja aus
ihren Glaubenstraditionen hervorgegangen. Ihre Texte haben sich in der
Beziehung zu diesen Traditionen entwickelt und andererseits zu ihrer
Entwicklung beigetragen. Daraus folgt, daß die Auslegung der Heiligen
Schrift innerhalb der Kirche stattfindet, in ihrer Pluralität und ihrer
Einheit, und in ihrer Glaubenstradition. Die Glaubenstraditionen
bildeten das lebendige Umfeld, in das sich die literarische Tätigkeit
der Verfasser der Heiligen Schrift einfügen konnte. Hierzu gehörten auch
das liturgische Leben und die äußere Tätigkeit der Gemeinschaften, ihre
geistige Welt, ihre Kultur und ihr geschichtliches Schicksal. Die
biblischen Verfasser nahen an alledem teil. In ähnlicher Weise verlangt
also die Auslegung der Heiligen Schrift die Teilnahme der Exegeten am
ganzen Leben und Glauben der Glaubensgemeinschaft ihrer Zeit. Der
Dialog mit der Heiligen Schrift in ihrer Gesamtheit, also auch mit dem
Verständnis des Glaubens, das früheren Epochen eigen war, geht
notwendigerweise mit dem Dialog mit der zeitgenössischen Generation
einher. Dies hat zur Folge, daß sich die Herstellung einer Beziehung von
Kontinuität, aber auch die Feststellung von Verschiedenheiten ergibt.
Daraus folgt, daß die Interpretation der Heiligen Schrift in Überprüfung
und Auswahl besteht: sie bleibt in Kontinuität mit früheren exegetischen
Traditionen, von denen sie viele Elemente beibehält und sich zu eigen
macht; in gewissen Punkten aber befreit sie sich davon, um fortschreiten
zu können. B. Die Interpretation innerhalb der Tradition der
Kirche Die Kirche, das Volk Gottes, ist überzeugt, daß ihr
der Heilige Geist beim Verständnis und bei der Interpretation der
Heiligen Schrift beisteht. Die ersten Jünger Jesu waren sich bewußt, daß
sie nicht in der Lage waren, sofort alle Aspekte der ganzen Fülle, die
ihnen geschenkt wurde, zu verstehen. In ihrem Gemeinschaftsleben, das
sie mit Ausdauer pflegten, erfuhren sie eine ständige Vertiefung und
eine fortschreitende Erkenntnis der geschenkten Offenbarung. Darin
erkannten sie den Einfluß und das Wirken des von Jesus versprochenen
„Geistes der Wahrheit“, der sie zum ganzen Reichtum der Wahrheit führt (Joh
16, 12-13). So geht auch die Kirche, gestützt auf die Zusage Christi,
ihren Weg: „Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in
meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles
erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Joh 14, 26). 1.
Die Entstehung des Kanons Vom Heiligen Geist geleitet und im
Licht der erhaltenen, lebendigen Überlieferung hat die Kirche die
Schriften festgestellt, die als Heilige Schrift zu betrachten sind, in
dem Sinne, als „sie unter Einwirkung des Heiligen Geistes geschrieben,
Gott zum Urheber haben und als solche der Kirche übergeben sind“ (Dei
Verbum, 11) und „die Wahrheit, die Gott um unseres Heiles willen in
heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte“, enthalten (ebd.).
Die Feststellung eines „Kanons“ der Heiligen Schrift war das Resultat
eines langen Prozesses. Die Gemeinschaften des Alten Bundes (von
besonderen Gruppen wie den prophetischen Kreisen oder dem priesterlichen
Umfeld an bis zum gesamten Volk) haben in einer gewissen Anzahl von
Texten das Wort Gottes erkannt, das ihren Glauben weckte und ihrem Leben
eine Richtung gab; sie haben diese Texte wie ein Erbe zu treuen Händen
erhalten, das es zu bewahren und weiterzugeben galt. So sind diese Texte
nicht mehr nur Ausdruck der Inspiration einzelner Autoren; sie sind zum
gemeinsamen Besitz des Gottesvolkes geworden. Das Neue Testament verehrt
diese heiligen Texte, die es vom jüdischen Volk als wertvolles Erbe
erhalten hat. Es erachtet sie als „heilige Schriften“ (Röm 1, 2),
„die vom Geist Gottes eingegeben wurden“ (2 Tim 3, 16; vgl. 2
Petr 1, 20-21) und „(die) nicht aufgegeben werden können“ (Joh
10, 35). Mit diesen Texten, die das „Alte Testament“ bilden (vgl.
2 Kor 3, 14), hat die Kirche jene Schriften eng verbunden, in
denen sie einerseits das authentische, vom Heiligen Geist garantierte
Zeugnis der Apostel (vgl. Lk 1, 2; 1 Joh 1, 1-3 bzw. 1
Petr 1, 12) über „alles, was Jesus getan und gelehrt hat“ (Apg
1, 1), und andererseits die Lehren erkannte, die die Apostel selbst und
andere Jünger verkündet hatten, um die Gemeinschaft der Glaubenden zu
schaffen. Diese zweite Reihe von Schriften hat schließlich den Namen
„Neues Testament“ erhalten. In diesem Prozeß haben viele Faktoren
eine Rolle gespielt: die Gewißheit, daß Jesus – und die Apostel mit ihm
– das Alte Testament als inspirierte Schrift anerkannt haben und daß das
österliche Mysterium Jesu dessen Erfüllung darstellt; die Überzeugung,
daß die Schriften des Neuen Testaments letztlich aus der apostolischen
Verkündigung stammen (was nicht heißen will, daß sie alle von den
Aposteln selbst verfaßt wurden); die Feststellung, daß sie mit der Regel
des Glaubens übereinstimmten und in der christlichen Liturgie verwendet
wurden; die Erfahrung schließlich, daß sie mit dem kirchlichen Leben der
Gemeinschaften im Einklang stehen und fähig sind, dieses Leben zur
Entfaltung zu bringen. Indem die Kirche den Kanon der Schriften
feststellte, hat sie ihre eigene Identität deutlich erkannt und
definiert, so daß die Heilige Schrift fortan wie ein Spiegel ist, in dem
die Kirche ihre Identität immer wieder entdecken und durch die
Jahrhunderte hindurch die Art und Weise verifzieren kann, wie sie selbst
fortwährend auf den Ruf des Evangeliums antwortet und wie sie sich ihrem
Auftrag als dessen Übermittlerin entsprechend verhält (vgl. Dei
Verbum, 7). Dies verleiht den kanonischen Schriften einen Heilswert
und eine theologische Stellung, wodurch sie sich radikal von anderen
alten Texten unterscheiden. Wenn diese zwar auch Licht auf die Anfänge
des Glaubens werfen können, so können sie doch niemals die Autorität der
heiligen Schriften beanspruchen, die als kanonisch und damit als für das
Verständnis des christlichen Glaubens grundlegend erachtet werden.
2. Die Exegese der Kirchenväter Seit dem Beginn war man der
Überzeugung, daß der gleiche Heilige Geist, der die Verfasser des Neuen
Testaments zur Niederschrift der Heilsbotschaft drängte (Dei Verbum,
7; 18), auch der Kirche bei der Auslegung ihrer inspirierten Schriften
ständig beisteht (vgl. Irenäus, Adv. Haer. 3.24.1; vgl. 3.1.1;
4.33.8; Origenes, De Princ., 2.7.2; Tertullian, De Praescr.,
22). Den Kirchenvätern, die beim Bildungsprozeß des Kanons eine
besondere Rolle spielten, kommt gleicherweise eine grundlegende Rolle im
Hinblick auf die lebendige Überlieferung zu, welche die Lesung und
Interpretation der heiligen Schriften in der Kirche fortwährend
begleitet und führt (vgl. Providentissimus, EnchB 110-111;
Divino afflante Spiritu, 28-30, EnchB 554; Dei Verbum,
23; Päpstliche Bibelkommission, Instructio de historica evangeliorum
veritate 16, 1). Der eigene Beitrag der Exegese der Kirchenväter
innerhalb der großen Tradition besteht in folgendem: sie hat aus dem
Ganzen der Heiligen Schrift die grundlegenden Orientierungen
herausgearbeitet, die der Lehrtradition der Kirche ihre Form gaben, und
sie hat eine reiche theologische Lehre hervorgebracht, die der Belehrung
und geistlichen Nahrung der Gläubigen bis heute dient. Bei den
Kirchenvätern nehmen Lesung und Interpretation der Heiligen Schrift
einen beträchtlichen Platz ein. Davon zeugen zuerst jene Werke, die
direkt dem Verständnis der heiligen Schriften gewidmet sind,
insbesondere die Homilien und Kommentare, aber auch Kontroversschriften
und Werke der Theologie, in denen die Berufung auf die Heilige Schrift
als Hauptargument dient. Der gewöhnliche Ort der biblischen Lesung
ist die Kirche, im Rahmen der Liturgie. Deshalb ist die vorgetragene
Auslegung der Väter immer theologischer, pastoraler und gnadenbezogener
Natur und steht im Dienste der Gemeinschaften und der einzelnen
Gläubigen. Für die Kirchenväter ist die Bibel vor allem „Buch
Gottes“, einzigartiges Werk eines einzigen Autors. Sie reduzieren aber
dadurch die menschlichen Autoren keineswegs zu passiven Instrumenten.
Sie verstehen es durchaus, diesem oder jenem Buch, für sich genommen,
ein eigenes Ziel zuzuweisen. Von ihrem Standpunkt aus widmen sie jedoch
der geschichtlichen Entwicklung der Offenbarung nur geringe
Aufmerksamkeit. Zahlreiche Kirchenväter erklären den Logos, das Wort
Gottes, als Autor auch des Alten Testaments und versichern, daß die
ganze Heilige Schrift eine christologische Relevanz hat. Außer
einigen Exegeten der antiochenischen Schule (besonders Theodor von
Mopsuestia) fühlen sich die Väter berechtigt, einen Satz aus seinem
Kontext herauszunehmen und in ihm so herausgelöst und kontextunabhängig
eine von Gott geoffenbarte Wahrheit zu erkennen. In der Apologetik mit
den Juden oder in dogmatischen Streitgesprächen mit anderen Theologen
zögern sie nicht, sich auf Interpretationen solcher Art zu stützen.
Da den Vätern vor allem daran lag, aus der Botschaft der Bibel in
Einheit mit ihren Brüdern zu leben, begnügten sie sich oftmals mit dem
in ihrem Umfeld gängigen biblischen Text. Origenes, der sich methodisch
für die hebräische Bibel interessierte, ging es vor allem darum, mit den
Juden aufgrund von Texten zu argumentieren, die für sie annehmbar waren.
Hieronymus, der Herold der hebraica veritas, erscheint als Außenseiter.
Die Väter benützten mehr oder weniger häufig die allegorische Methode,
um den Anstoß aus dem Weg zu räumen, den gewisse Christen und die
heidnischen Gegner des Christentums an manchem Abschnitt der Bibel
nehmen konnten. Die wörtliche Bedeutung und der geschichtliche Bezug der
Texte wurden jedoch nur sehr selten aufgegeben. Der Rückgri ff der Väter
auf die Allegorie geht im allgemeinen über das Phänomen einer Adaptation
der allegorischen Methode der heidnischen Autoren hinaus. Der
Rückgriff auf die Allegorie beruht auch auf der Überzeugung, daß die
Bibel, das „Buch Gottes“, von ihm seinem Volk, der Kirche, gegeben
worden ist. Grundsätzlich darf daher in ihr nichts als veraltet oder als
definitiv überholt übergangen werden. Gott richtet eine stets aktuelle
Botschaft an sein christliches Volk. In ihren Erläuterungen der Bibel
bringen die Väter typologische und allegorische Interpretationen oft
durcheinander und vermischen sie zu einem fast unentwirrbaren Geflecht.
Dies geschieht immer aus pastoralen und pädagogischen Gründen. Denn
alles, was geschrieben steht, wurde für unsere Belehrung geschrieben
(vgl. 1 Kor 10, 11). In der Überzeugung, daß es sich um das
„Buch Gottes“, also um ein unauslotbares Buch handelt, glauben die
Väter, manche Abschnitte einem bestimmten allegorischen Schema gemäß
interpretieren zu können, doch stellen sie jedem einzelnen frei, etwas
anderes vorzuschlagen, wenn dabei nur die Analogie des Glaubens gewahrt
bleibt. Die allegorische Interpretation der Schriften, die für die
patristische Exegese charakteristisch ist, wirkt auf den heutigen
Menschen befremdlich. Doch die Erfahrung der Kirche, die sich in solchen
Interpretationen ausdrückt, stellt auch heute noch einen nützlichen
Beitrag dar (vgl. Divino afflante Spiritu, 31-32; Dei Verbum,
23). Die Väter lehren, wie die Bibel innerhalb einer lebendigen
Tradition in wahrem christlichem Geist theologisch zu lesen ist. 3
. Die Rolle der verschiedenen Glieder der Kirche bei der Interpretation
Da die heiligen Schriften der Kirche geschenkt wurden, sind sie ein
gemeinsamer Schatz des ganzen Volkes der Gläubigen: „ Die Heilige
Überlieferung und die Heilige Schrift bilden den einen der Kirche
überlassenen heiligen Schatz des Wortes Gottes. Voller Anhänglichkeit an
ihn verharrt das ganze heilige Volk, mit seinen Hirten vereint, ständig
in der Lehre und Gemeinschaft der Apostel ...“ (Dei Verbum, 10;
vgl. auch 21). Die Vertrautheit der Gläubigen mit den Texten der
Heiligen Schrift war freilich nicht in allen Epochen der
Kirchengeschichte gleich. Jedoch in allen wichtigen Zeiten der
Erneuerung im Leben der Kirche, von der monastischen Bewegung der ersten
Jahrhunderte angefangen bis zur Zeit des 2. Vatikanischen Konzils, haben
die heiligen Schriften immer eine Stellung ersten Ranges eingenommen.
Das gleiche Konzil lehrt, daß alle Getauften, wenn sie im Glauben an
Christus an der Eucharistiefeier teilnehmen, die Gegenwart Christi auch
in seinem Wort erkennen dürfen, „denn in seinem Wort ist er gegenwärtig,
da er selbst spricht, wenn die heiligen Schriften in der Kirche gelesen
werden“ (Sacrosanctum Concilium, 7). Diesem Hören des Wortes
entspricht der „Glaubenssinn“ (sensus fidei), der das ganze Volk
(Gottes) auszeichnet (vgl. Lumen Gentium, 12) . . . „Durch jenen
Glaubenssinn nämlich, der vom Geist der Wahrheit geweckt und genährt
wird“, empfängt das Gottesvolk „nicht mehr das Wort von Menschen,
sondern wirklich das Wort Gottes (vgl. 1 Thess 2, 13)“ (ebd.).
Dabei steht es „unter der Leitung des heiligen Lehramtes, in dessen
treuer Gefolgschaft“ (ebd.) es „den einmal den Heiligen
übergebenen Glauben (vgl. Jud 3) unverlierbar fest(hält). Durch
ihn dringt es mit rechtem Urteil immer tiefer in den Glauben ein und
wendet ihn im Leben voller an“ (ebd.). (17) So haben alle
Glieder der Kirche eine Rolle bei der Interpretation der heiligen
Schriften zu übernehmen. In Ausübung ihres pastoralen Amtes sind die
Bischöfe als Nachfolger der Apostel die ersten Zeugen und Garanten der
lebendigen Tradition, in deren Licht die heiligen Schriften in jeder
Zeit interpretiert werden. „Unter der erleuchtenden Führung des Geistes
der Wahrheit“ müssen sie das Wort Gottes „in ihrer Verkündigung treu
bewahren, erklären und ausbreiten.“ (18) (Dei Verbum, 9; vgl.
Lumen Gentium, 25). Als Mitarbeiter der Bischöfe haben die Priester
als erste Aufgabe die Verkündigung des Wortes (Presbyterorum Ordinis,
4). Sie sind mit einem besonderen Charisma für die Interpretation der
Heiligen Schrift versehen, wenn sie nicht ihre eigenen Gedanken, sondern
das Wort Gottes vortragen und die ewige Wahrheit des Evangeliums auf die
konkreten Lebensverhältnisse anwenden (ebd.). Es kommt den
Priestern und den Diakonen zu, besonders bei der Sakramentenspendung die
Einheit aufzuweisen, die Wort und Sakrament im Dienst der Kirche
hervorbringen. Als Vorsteher der eucharistischen Gemeinschaft und
Erzieher im Glauben obliegt es den „Dienern des Wortes“ als ihre
Hauptaufgabe, nicht nur zu lehren, sondern den Gläubigen zu helfen, das
zu vernehmen und zu verstehen, was das Wort Gottes ihnen im Innersten
ihres Herzens sagt, wenn sie die heiligen Schriften hören und
meditieren. So wird die gesamte Ortskirche, nach dem Modell Israels, des
Volkes Gottes (Ex 19, 5-6), zu einer Gemeinschaft, die weiß, daß
Gott zu ihr spricht (vgl. Joh 6, 45), und die es sich angelegen
sein läßt, ihn in Glauben und Liebe zu hören und sich durch sein Wort
führen zu lassen (Dtn 6, 4-6). Solche Gemeinschaften, die
wirklich auf das Wort Gottes hören, werden, wenn sie im Glauben und in
der Liebe mit der ganzen Kirche vereint bleiben, in ihrem Umfeld zu
kraftvollen Brennpunkten der Evangelisierung und des Dialoges, wie auch
zu Trägern sozialer Veränderungen (Evangelii Nuntiandi 19, 57- 58
; Instruktion der Kongregation für die Glaubenslehre über die
christliche Freiheit und die Befreiung 20, 69-70). Der Heilige
Geist ist natürlich auch den einzelnen Christen und Christinnen gegeben,
so daß ihr Herz „in ihnen brennt“ (vgl. Lk 24,32), wenn sie im
persönlichen konkreten Lebenszusammenhang beten und sich betend die
heiligen Schriften aneignen. Deshalb verlangt das 2. Vatikanische Konzil
dringend, daß der Zugang zu den heiligen Schriften auf alle möglich e
Arten erleichtert werde (Dei Verbum, 22; 25). Man darf nie vergessen,
daß eine solche Lesung der Heiligen Schrift nie rein individuell ist,
denn der Gläubige liest und interpretiert die Heilige Schrift immer
innerhalb des Glaubens der Kirche, und er vermittelt in der Folge der
Gemeinschaft die Frucht seiner Lektüre und bereichert so den gemeinsamen
Glauben. Die ganze biblische Überlieferung und namentlich die
Lehre Jesu in den Evangelien nennen als bevorzugte Hörer des Wortes
Gottes diejenigen , die von der Welt als Leute einfacher Herkunft
betrachtet werden. Jesus hat erkannt, daß die den Gelehrten und Weisen
verborgenen Dinge den einfachen Leuten geoffenbart wurden (Mt 11,
25; Lk 10, 21) und daß das Reich Gottes denen gehört, die den
Kindern gleichen (Mk 10, 14 par.). In der gleichen Linie
verkündete Jesus: „Selig ihr Armen, denn euer ist das Reich Gottes“ (Lk
6, 20; vgl. Mt 5, 3). Es ist eines der Zeichen der messianischen
Zeit, daß die Frohbotschaft den Armen gebracht wird (Lk 4, 18; 7,
22; Mt 11, 5; vgl. Instruktion der Kongregation für die
Glaubenslehre über die christliche Freiheit und die Befreiung,
47-48). Diejenigen, die sich in ihrer Ohnmacht und ohne alle menschliche
Macht- und Hilfsmittel gezwungen sehen, ihre einzige Hoffnung auf Gott
und seine Gerechtigkeit zu setzen, haben für das Wort Gottes eine
Auffassungsgabe und ein Verständnis, was die gesamte Kirche ernst nehmen
muß und auch eine Antwort auf sozialem Gebiet verlangt. Indem die
Kirche die Verschiedenheit der Gaben und Funktionen anerkennt, die der
Heilige Geist in den Dienst der Gemeinschaft stellt, insbesondere die
Gabe des Lehrens (1 Kor 12, 28-30; Röm 12, 6-7; Eph
4, 11-16), schenkt sie ihre Wertschätzung denen, die das besondere
Charisma haben, durch ihre Kompetenz in der Schriftauslegung zum Aufbau
des Leibes Christi beizutragen (Divino afflante Spiritu, 46-48,
EnchB 564-565; Dei Verbum, 23; Päpstliche Bibelkommission,
Instructio de historica evangeliorum veritate, Einführung). Obwohl
ihre Arbeiten nicht immer auf Wertschätzung stießen, wie dies heute der
Fall ist, so stehen die Exegeten, die ihr Wissen in den Dienst der
Kirche stellen, doch in einer reichen Tradition, die von den ersten
Jahrhunderten an, seit Origenes und Hieronymus bis in die jüngste Zeit
zu Pater Lagrange und anderen führt, und die bis heute fortdauert.
Besonders die Erforschung des Literalsinns der Heiligen Schrift, die
heute vor allem betont wird, verlangt vereinte Anstrengungen aller, die
sich auf dem Gebiet der alten Sprachen, der Geschichte und Kulturen, der
Textgeschichte und der Analyse der literarischen Formen und in den
Methoden der wissenschaftlichen Kritik auskennen. Von dieser Beachtung
des Textes in seinem ursprünglichen historischen Kontext ab gesehen,
erwartet die Kirche von den Exegeten, daß sie vom gleichen Heiligen
Geist, der die Heilige Schrift inspiriert hat, angeleitet sind, um
sicherzustellen, „daß die größtmögliche Zahl von Dienern des Wortes
Gottes in der Lage sind, dem Volk Gottes wirklich die Nahrung der
heiligen Schriften zu reichen“ (Divino afflante Spiritu, 24;
53-55, EnchB 551, 567; Dei Verbum, 23; Paul VI, Sedula
Cura [1971]). Eine besondere Freude ist heute die wachsende Zahl von
Frauen, die als Exegetinnen oft in die Interpretation der Heiligen
Schrift neue Einsichten einbringen und Aspekte ins Licht rücken, die in
Vergessenheit geraten waren. Wenn die heiligen Schriften, wie oben
erwähnt wurde, das Gut der ganzen Kirche sind und zum „Glaubenserbe“
gehören, das alle, Seelsorger und Gläubige, „festhalten, verkünden und
in gemeinsamer Anstrengung verwirklichen“ sollen, so bleibt doch wahr,
daß die „Aufgabe, das geschriebene oder überlieferte Wort Gottes
verbindlich zu erklären (…) nur dem lebendigen Lehramt der Kirche anvert
raut (ist), dessen Vollmacht im Namen Jesu Christi ausgeübt wird“ (Dei
Verbum, 10). So ist es in letzter Instanz also Sache des Lehramtes,
die Echtheit der Interpretation zu garantieren und gegebenenfalls zu
sagen, daß diese oder jene besondere Interpretation mit dem
authentischen Evangelium unvereinbar ist. Es erfüllt diese Aufgabe
innerhalb der koinônia des Leibes Christi, indem es den Glauben
der Kirche amtlich ausdrückt, um so der Kirche zu dienen. Zu diesem
Zweck konsultiert es die Theologen, die Exegeten und andere Experten,
deren legitime Forschungsfreiheit es anerkennt und mit denen es in
wechselseitiger Beziehung steht, im Hinblick auf das gemeinsame Ziel,
„das Volk Gottes in der Wahrheit, die frei macht, zu bewahren“
(Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion über die kirchliche
Berufung des Theologen 21, 21). C. Der Auftrag der Exegeten
Der Auftrag der katholischen Exegeten kann von verschiedenen
Gesichtspunkten aus betrachtet werden. Es ist ein kirchlicher Auftrag,
denn er besteht darin, die Heilige Schrift so zu erforschen und zu
erklären, daß ihr ganzer Reichtum für die Seelsorger und die Gläubigen
zugänglich wird. Aber es ist zugleich auch eine wissenschaftliche
Aufgabe, die den katholischen Exegeten mit seinen nicht katholischen
Kollegen und mit Fachleuten verschiedener Gebiete der wissenschaftlichen
Forschung in Beziehung bringt. Überdies besteht dieser Auftrag in
Forschung und Lehre zugleich, die normalerweise auch zu
Veröffentlichungen führen. 1. Hauptsächliche Aspekte
Die katholischen Exegeten müssen den geschichtlichen Charakter der
biblischen Offenbarung wahrnehmen, wenn sie ihren Auftrag erfüllen
wollen. Beide Testamente drücken ja in menschlichen, zeitgebundenen
Worten die geschichtliche Offenbarung aus, in der Gott sich selbst und
seinen Heilsplan auf verschiedene Weisen mitgeteilt hat. Es ist deshalb
unerläßlich, daß die Exegeten die historisch-kritische Methode anwenden,
ohne ihr jedoch exklusiven Charakter zu geben. Alle Methoden der
Textinterpretation sind geeignet, ihren Beitrag zur Bibelexegese zu
leisten. Die katholischen Exegeten dürfen bei ihrer
Interpretationsarbeit nie vergessen, daß sie das Wort Gottes auslegen.
Ihr gemeinsamer Auftrag ist noch nicht beendet, wenn die Quellen
unterschieden, die Gattungen bestimmt und die literarischen
Ausdrucksmittel erklärt sind. Das Ziel ihrer Arbeit ist erst erreicht,
wenn sie den Sinn des biblischen Textes als gegenwartsbezogenes Wort
Gottes erfaßt haben. Zu diesem Zweck müssen sie den verschiedenen
hermeneutischen Perspektiven Rechnung tragen, die helfen, die Aktualität
der biblischen Botschaft wahrzunehmen und es ihr erlauben, auf die
Anliegen der heutigen Leser der Heiligen Schrift eine Antwort zu geben.
Die Exegeten haben auch die christologische, kanonische und kirchliche
Tragweite der biblischen Schriften zu erklären. Die
christologische Tragweite der biblischen Texte ist nicht immer von
vorneherein klar ersichtlich; sie muß jedoch, wenn immer möglich, ins
Licht gerückt werden. Obwohl Christus in seinem Blut den Neuen Bund
gestiftet hat, so haben doch die Bücher des Alten Bundes ihren Wert
nicht verloren. In die Verkündigung des Evangeliums übernommen, erhalten
und offenbaren sie ihre volle Bedeutung im „Geheimnis Christi“ (Eph
3, 4). Sie beleuchten viele Aspekte dieses Geheimnisses, wobei sie
gleichzeitig selbst von ihm erhellt werden. Diese Bücher bereiteten
faktisch das Volk Gottes auf seine Ankunft vor (vgl. Dei Verbum,
14-16). Obschon jedes Buch der Bibel in einer bestimmten Absicht
geschrieben wurde und so seine spezifische Bedeutung hat, offenbart es
sich doch als Träger eines weiteren Sinnes, sobald es Teil des
kanonischen Gesamtkorpus wird. Der Auftrag der Exegeten umfaßt somit
die Entfaltung des vom hl. Augustinus aufgestellten Prinzips: „Novum
Testamentum in Veter latet, et in Novo Vetus patet“ (Augustinus,
Quaest. in Hept., 2, 73, CSEL 28,III, S. 141). Die Exegeten
haben auch die Aufgabe, die Beziehung zwischen Bibel und Kirche deutlich
zu machen. Die Bibel entstand in Glaubensgemeinschaften. Sie drückt den
Glauben Israels und dann den der ersten christlichen Gemeinden aus.
Zusammen mit der lebendigen Überlieferung, die ihr vorausging, sie
begleitet und sich von ihr nährt (vgl. Dei Verbum, 12), ist sie
das bevorzugte Instrument, dessen Gott sich bedient, um auch heute noch
den Aufbau und das Wachstum der Kirche als Volk Gottes zu steuern. Mit
der kirchlichen Dimension ist auch die ökumenische Öffnung bei der
Auslegung der Heiligen Schrift untrennbar verbunden. Dadurch, daß
die Bibel den Heilsplan Gottes für alle Menschen enthält, hat die
Aufgabe des Exegeten eine universale Dimension. Diese verlangt, daß den
anderen Religionen und den Erwartungen der heutigen Welt volle
Aufmerksamkeit geschenkt wird. 2. Forschung Die exegetische
Aufgabe ist zu weitgefächert, als daß sie von einem einzelnen Menschen
erfüllt werden könnte. Eine Arbeitsteilung unter Spezialisten
verschiedener Gebiete ist namentlich für die Forschung unumgänglich. Die
möglichen Nachteile der Spezialisierung werden durch interdisziplinäre
Arbeit ausgeglichen. Für das Wohl der ganzen Kirche und ihren
Einfluß in der modernen Welt ist es sehr wichtig, daß sich eine genügend
große Zahl gut ausgebildeter Personen der Forschung in den verschiedenen
Gebieten der exegetischen Wissenschaft widmen. Die Bischöfe und
Ordensobern sind aus Sorge für die unmittelbaren Bedürfnisse der
Seelsorge oft versucht, ihre Verantwortung für diese fundamentale
Notwendigkeit nicht sehr ernst zu nehmen. Eine Karenz auf diesem Gebiet
bringt der Kirche jedoch große Nachteile, denn Seelsorger und Gläubige
laufen dann Gefahr, die Lücke mit einer nichtkichlich interessierten
Exegese ohne Bezug zum Leben des Glaubens zu füllen. Das 2. Vatikanische
Konzil erklärt, daß „das Studium des heiligen Buches gleichsam die Seele
der heiligen Theologie“ sein soll (Dei Verbum, 24). Damit hat es
die Bedeutung der exegetischen Forschung nachdrücklich unterstrichen.
Gleichzeitig hat es so auch die katholischen Exegeten indirekt daran
erinnert, daß ihre Forschung mit der Theologie in einem
lebensnotwendigen Zusammenhang steht, dessen sie sich bewußt sein
müssen. 3. Lehre und Unterricht Die Konzilserklärung hebt
ebenfalls die entscheidende Bedeutung hervor, die der Lehre und dem
Unterricht der Exegese in den Theologischen Fakultäten,
Priesterseminaren und Studienhäusern zukommt. Selbstverständlich ist das
Niveau des Studiums in den verschiedenen Institutionen unterschiedlich.
Es ist übrigens wünschenswert, daß die Exegese durch Männer und
Frauengelehrt wird. Dieser Unterricht, in den Fakultäten mehr methodisch
und spezialisiert, soll in den Priesterseminaren eher pastoral
ausgerichtet sein. Doch darf ihm auch da nie eine ernsthafte
intellektuelle Dimension fehlen. Andernfalls wäre der Würde des Wortes
Gottes nicht Genüge getan. Die Lehrer und Lehrerinnen der Exegese
sollen den Studierenden eine tiefe Achtung vor der Heiligen Schrift ve
rmitteln, indem sie zeigen, wie sehr die Bibel eine sorgfältige und
objektive Erforschung verdient, um ihren literarischen, historischen,
sozialen und theologischen Wert immer besser zur Geltung zu bringen. Sie
dürfen sich nicht damit begnügen, eine Reihe von Kenntnissen zu
vermitteln, die passiv aufgenommen werden. Sie müssen vielmehr in die
exegetischen Methoden einführen und die wichtigsten Schritte der
exegetischen Arbeit erklären, damit die Studierenden zu einem eigenen
Urteil fähig werden. Da nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung steht, ist
es gut, ab wechselnd zwei Unterrichtsmethoden zu verwenden: auf der
einen Seite Vorlesungen, die in die biblischen Bücher als ganze
einführen und die alle wichtigen Sektoren des Alten und Neuen Testaments
behandeln; auf der andern Seite die paradigmatische gründliche Analyse
gut ausgewählter Texte, die zugleich eine Einführung in die praktische
Ausübung der Exegese darstellt. Im einen wie im andern Fall muß darauf
geachtet werden, Einseitigkeiten zu vermeiden, d.h. sich weder auf einen
geistlichen Kommentar ohne historisch-kritische Basis zu beschränken
noch auf eine historisch-kritische Behandlung, die des theologischen und
geistlichen Inhalts ermangelt (vgl. Divino afflante Spiritu,
EnchB 551-552; Päpstliche Bibelkommission, De Scriptura Sacra
recte docenda, Ench B 598). Der Unterricht muß zugleich die
geschichtliche Verwurzelung der biblischen Schriften aufzeigen, ihre
Eigenschaft als persönliches Wort des himmlischen Vaters, der sich in
Liebe an seine Kinder wendet (vgl. Dei Verbum, 21), ins Licht
stellen und die unerläßliche Rolle der Bibel für die seelsorglichen
Aufgaben (vgl. 2 Tim 3, 16) verständlich machen. 4.
Veröffentlichungen Als Ergebnis der Forschung und Ergänzung des
Unterrichts spielen die Veröffentlichungen eine bedeutende Rolle für den
Fortschritt und die Verbreitung der Exegese. In unseren Tagen geschieht
die Veröffentlichung nicht mehr nur durch gedruckte Texte, sondern auch
durch andere, schnellere und weiterreichende Mittel (Radio, TV,
elektronische Techniken). Es ist unerläßlich, sich auch solcher Medien
zu bedienen. Die hochwissenschaftlichen Veröffentlichungen sind
das Hauptinstrument des Dialogs, der Diskussion und der Zusammenarbeit
zwischen den Forschern. Dank ihnen kann sich die katholische Exegese im
Austausch mit anderen Sektoren der exegetischen Forschung sowie mit der
wissenschaftlichen Welt im allgemeinen behaupten. Kurzfristig
gesehen sind es indessen die andern Veröffentlichungen, welche die
größten Dienste leisten, indem sie sich den verschiedenen Kategorien von
Lesern und Hörern anpassen, von der gebildeten Leserschaft bis zu den
Kindern im Religionsunterricht, Bibelgruppen, apostolischen Bewegungen
und religiösen Vereinigungen. Die Exegeten, die für leichtverständliche
Veröffentlichungen begabt sind, leisten einen äußerst nützlichen und
fruchtbaren Beitrag, der für die notwendige Verbreitung der exegetischen
Studien unverzichtbar ist. In diesem Sektor ist die Notwendigkeit einer
Aktualisierung der biblischen Botschaft besonders dringend. Die Exegeten
müssen die legitimen Ansprüche kultivierter und gebildeter Personen
unserer Zeit in Rechnung stellen und für sie klar unterscheiden, was als
zweitrangiges, geschichtlich bedingtes Detail oder als mythische Sprache
zu interpretieren und was als eigentlicher historischer und inspirierter
Sinn zu betrachten ist. Die biblischen Schriften sind nicht in einer
modernen Sprache und nicht im Stil des 20. Jahrhunderts verfaßt. Ihre
Ausdrucksformen und die literarischen Gattungen, die sie in ihrem
hebräischen, aramäischen oder griechischen Text benutzen, müssen den
Menschen unserer Zeit verständlich gemacht werden; sonst könnten diese
versucht sein, die Bibel als uninteressant beiseite zu legen oder sie
auf grob vereinfachende, buchstäbliche oder phantastische Art zu
interpretieren. Trotz aller Vielfalt seiner Aufgaben hat der
katholische Exeget als einziges Ziel den Dienst am Wort Gottes. Es darf
nicht sein Ehrgeiz sein, das Resultat seiner Arbeit an die Stelle der
biblischen Texte zu setzen, wenn es sich um die Rekonstruktion alter
Texte, die von den inspirierten Autoren verwendet wurden, handelt, oder
um seine Präsentation der neuesten Ergebnisse der wissenschaftlichen
Exegese. Im Gegenteil, sein Ehrgeiz soll dahin gehen, die biblischen
Texte selbst in größeres Licht zu stellen, zu ihrer Wertschätzung
beizutragen und zu versuchen, sie mit größerer geschichtlicher
Genauigkeit und geistlicher Innigkeit zu verstehen. D.
Beziehungen zu den anderen theologischen Disziplinen Da die
Exegese selbst ein theologisches Fach ist – auch für sie gilt „fides
quaerens intellectum“ –, unterhält sie mit den anderen Disziplinen der
Theologie enge und komplexe Beziehungen. In der Tat hat einerseits die
systematische Theologie einen Einfluß auf das Vorverständnis, mit dem
die Exegeten die biblischen Texte angehen, andererseits aber liefert die
Exegese den anderen theologischen Disziplinen Vorgaben, die für diese
bestimmend sind. Es entstehen somit wechselseitige Beziehungen zwischen
Exegese und anderen theologischen Disziplinen, die zu einem Dialog in
gegenseitiger Achtung der je eigenen Besonderheit führen. 1.
Theologie und Vorverständnis der biblischen Texte Die Exegeten
haben unweigerlich ein Vorverständnis der biblischen Texte, die sie
erforschen wollen. Im Fall der katholischen Exegese geht es auch um ein
Vorverständnis, das auf Glaubensüberzeugungen beruht: Die Bibel ist ein
von Gott inspirierter Text, welcher der Kirche anvertraut wurde, um
Glauben zu wecken und das christliche Leben zu lenken. Diese
Glaubensüberzeugungen kommen nicht in einem formlosen Zustand zu den
Exegeten, sondern in der Form, die sie in der kirchlichen Gemeinschaft
durch die theologische Reflexion bereits empfangen haben. So sind die
Exegeten bei ihrer Forschung durch die dogmatische Reflexion über die
Inspiration der Heiligen Schrift und über deren Rolle im kirchlichen
Leben bestimmt. Umgekehrt aber verleiht der Umgang mit den
inspirierten Texten den Exegeten eine Erfahrung, der die Dogmatiker
Rechnung tragen müssen, um die Theologie der Schriftinspiration und der
kirchlichen Interpretation der Bibel sachgerecht zu entfalten. Die
Exegese bringt insbesondere ein wacheres und genaueres Bewußtsein des
geschichtlichen Charakters der biblischen Inspiration mit sich. Sie
zeigt, daß der Prozeß der Inspiration geschichtlich ist, nicht nur weil
er innerhalb der Geschichte Israels und der Urkirche stattfand, sondern
auch, weil er sich unter Vermittlung von Menschen vollzog, die durch
ihre Zeit geprägt waren und die unter der Führung des Heiligen Geistes
eine aktive Rolle im Leben des Volkes Gottes gespielt haben.
Außerdem wurde die theologische Feststellung der engen Beziehung
zwischen inspirierter Schrift und kirchlicher Tradition durch die
Entwicklung der exegetischen Forschung bestätigt und präzisiert; denn
gerade diese Entwicklung machte die Exegeten stärker auf den Einfluß der
Lebensbedingungen aufmerksam, unter denen die Texte entstanden sind
(„Sitz im Leben“). 2. Exegese und dogmatische Theologie Ist
die Heilige Schrift auch nicht der einzige locus theologicus, so stellt
sie doch die Hauptgrundlage der theologischen Forschungsarbeit dar. Um
die Heilige Schrift wissenschaftlich und gründlich zu interpretieren,
sind die Theologen auf die Arbeit der Exegeten angewiesen. Die Exegeten
ihrerseits müssen ihre Forschung so orientieren, daß das „Studium des
heiligen Buches“ wirklich „gleichsam die Seele der heiligen Theologie“
ist (Dei Verbum, 24). Deshalb müssen sie vornehmlich dem
religiösen Inhalt der biblischen Schriften ihre Aufmerksamkeit widmen.
Die Exegeten können den Dogmatikern helfen, zwei Extreme zu vermeiden:
einerseits einen Dualismus, der die Lehrwahrheit von ihrem sprachlichen
Ausdruck total trennt, so als ob dieser gar keine Bedeutung hätte;
andererseits einen Fundamentalismus, der Menschliches und Göttliches
vermengt und sogar das geschichtlich Bedingte an den menschlichen
Ausdrücken für geoffenbarte Wahrheit hält. Um diese beiden Extreme
zu vermeiden, muß man unterscheiden lernen, ohne zu trennen, und somit
eine bleibende Spannung akzeptieren. Das Wort Gottes hat sich im Werk
menschlicher Autoren ausgedrückt. Gedanken und Worte sind von Gott und
vom Menschen zugleich, so daß alles in der Bibel gleich zeitig von Gott
und vom inspirierten Autor stammt. Daraus darf man jedoch nicht
schließen, Gott hätte der geschichtlichen Erscheinungsweise seiner
Botschaft einen absoluten Wert gegeben. Seine Botschaft ist der
Interpretation und Aktualisierung fähig, d.h. sie kann von ihrer
geschichtlichen Bedingtheit wenigstens teilweise losgelöst werden, um
auf die gegenwärtigen geschichtlichen Bedingungen sinnvoll bezogen zu
werden. Die Exegese bereitet die Grundlagen zu diesem Unterfangen, das
der Dogmatiker weiterführt, indem er die anderen loci theologici in
Betracht zieht, die zur Entwicklung des Dogmas beitragen. 3.
Exegese und Moraltheologie Analoge Bemerkungen können zu den
Beziehungen zwischen Exegese und Moraltheologie gemacht werden. Mit den
heilsgeschichtlichen Erzählungen sind in der Bibel viele Weisungen zum
richtigen menschlichen Verhalten verbunden: Gebote, Verbote,
Rechtsvorschriften, Ermahnungen und prophetische Scheltreden sowie
Belehrungen der Weisen. Eine der Aufgaben der Exegese ist es, Tragweite
und Bedeutung dieses umfangreichen Materials zu präzisieren und so die
Arbeit der Moraltheologen vorzubereiten. Diese Aufgabe ist jedoch
nicht einfach, denn oft kümmern sich die biblischen Texte kaum darum,
allgemeingültige sittliche Gebote von rituellen Reinheitsvorschriften
und besonderen Rechtsbestimmungen zu unterscheiden. Alles geht zusammen.
Andererseits spiegelt die Bibel eine bedeutende Entwicklung des
sittlich-moralischen Denkens, die ihre Vollendung im Neuen Testament
findet. Es genügt also nicht, eine bestimmte Position hinsichtlich der
Moral im Alten Testament bezeugt zu finden (z.B. die Praxis der
Sklavenhaltung oder der Ehescheidung oder der Vernichtung der Feinde im
Kriegsfall), um daraus die fortdauernde Berechtigung dieser Praxis zu
folgern. Eine Differenzierung drängt sich auf, die dem unübersehbaren
Fortschritt des sittlichen Bewußtseins Rechnung trägt. Die Schriften des
Alten Testaments enthalten „Unvollkommenes und Zeitbedingtes“ (Dei
Verbum, 15), das die göttliche Pädagogik nicht ohne weiteres
eliminieren konnte. Das Neue Testament selbst ist im Bereich der
Moraltheologie nicht leicht zu interpretieren, denn es äußert sich oft
in bildlicher oder paradoxer oder sogar herausfordernder Art, und das
Verhältnis der Christen zum jüdischen Gesetz gab zu heftigen
Kontroversen Anlaß. Die Moraltheologen haben somit allen Grund,
den Exegeten viele wichtige Fragen zu stellen, die deren Forschung nur
stimulieren können. In manchem Fall wird die Antwort sein, daß kein
biblischer Text das anstehende moderne Problem explizit behandelt. Doch
sogar dann kann das Zeugnis der Bibel, in seiner gesamten kraftvollen
Dynamik genommen, eine fruchtbare Orientierungshilfe geben. Für die
wichtigsten Punkte bleibt die Ethik des Dekalogs ausschlaggebend. Das
Alte Testament enthält schon die Grundsätze und Werte für ein der Würde
der menschlichen Person entsprechendes gebotenes Handeln, die als
„Abbild Gottes“ erschaffen worden ist (Gen 1, 27). Vom Neuen
Testament her fällt ein noch helleres Licht auf diese Grundsätze und
Werte dank der Offenbarung der Liebe Gottes in Christus. 4 .
Verschiedene Gesichtspunkte und notwendiges Zusammenwirken Die
Internationale Theologische Kommission hat in ihrem Dokument von 1988
über die Interpretation der Dogmen daran erinnert, daß in der Moderne
ein Konflikt zwischen Exegese und dogmatischer Theologie entstanden ist;
sie hebt anschließend die positiven Beiträge der modernen Exegese zur
systematischen Theologie hervor (L’interprétation des dogmes,
1988, C.I, 122). Es ist nützlich, des nähern hinzuzufügen, daß dieser
Konflikt von der liberalen Exegese verursacht wurde. Zwischen der
katholischen Exegese und der dogmatischen Theologie gab es keinen
allgemeinen Konflikt, sondern nur Momente starker Spannungen. Es ist
jedoch wahr, daß Spannungen in Konflikte ausarten können, wenn von der
einen wie von der andern Seite die legitimen Unterschiede der
Gesichtspunkte forciert und schließlich zu unheilbaren Gegensätzen
gemacht werden. Die Gesichtspunkte sind in der Tat verschieden und
müssen es auch sein. Die erste Aufgabe des Exegeten ist es, mit
Genauigkeit den Sinn der biblischen Texte in ihrem eigenen Kontext
festzustellen, d.h. zuerst in ihrem literarischen und besonderen
geschichtlichen Kontext, und dann im Kontext des Kanons der heiligen
Schriften. Indem er diese Aufgabe erfüllt, stellt der Exeget den
theologischen Sinn der Texte ins Licht, sofern diese eine solche
Bedeutungsdimension haben. Somit wird eine Kontinuität zwischen Exegese
und späterer theologischer Reflexion möglich. Doch der Gesichtspunkt ist
nicht der gleiche, denn die Aufgabe des Exegeten ist grundsätzlich
historisch und beschreibend und beschränkt sich auf die Interpretation
der Bibel. Der Dogmatiker steht vor einem mehr spekulativen und
systematischen Werk. Für seinen Zweck interessiert er sich besonders für
bestimmte Texte und Aspekte der Bibel; außerdem bezieht er viele andere
Gegebenheiten in seine Reflexion ein, die nicht biblisch sind –
patristische Quellen, Konzilsdefinitionen und weitere Dokumente des
Lehramtes, die Liturgie wie auch philosophische Systeme und kulturelle,
soziale und politische Gegenwartsbedingungen. Seine Aufgabe ist nicht
die Bibelinterpretation, sondern das umfassend durchdachte Verständnis
des christlichen Glaubens in all seinen Dimensionen und namentlich in
Hinsicht auf seinen entscheidenden Bezug zur menschlichen Existenz.
Aufgrund ihrer spekulativen und systematischen Ausrichtung ist die
Theologie oft der Versuchung erlegen, die Bibel als ein Reservoir von
dictaprobantia anzusehen, die Positionen der Lehre bestätigen sollten.
Heute haben die Dogmatiker ein geschärftes Bewußtsein für den
literarischen und geschichtlichen Kontext und seiner Bedeutung für eine
richtige Interpretation der alten Texte, und sie nehmen infolgedessen
häufig auf die Arbeiten der Exegeten Bezug. Als geschriebenes Wort
Gottes hat die Bibel einen Sinnreichtum, der nicht voll und ganz
ausschöpfbar ist und in keiner systematischen Theologie adäquat
eingeschlossen werden kann. Eine der hauptsächlichsten Funktionen der
Bibel ist es, die theologischen Systeme herauszufordern und die Existenz
wichtiger Aspekte der göttlichen Offenbarung und der menschlichen
Realität beständig in Erinnerung zu rufen, die in der systematischen
Reflexion manchmal vergessen oder vernachlässigt wurden. Die Erneuerung
der exegetischen Methodologie kann zu dieser Bewußtwerdung beitragen.
Umgekehrt muß die Exegese für die theologische Forschung offen sein.
Diese kann sie dazu stimulieren, an die Texte wichtige Fragen zu stellen
und so deren Tragweite und Fruchtbarkeit besser zu entdecken. Das
wissenschaftliche Studium der Bibel darf sich nicht von der
theologischen Forschung absondern, und ebensowenig von der geistlichen
Erfahrung und dem Urteil der Kirche. Die Exegese bringt ihr besten
Früchte, wenn sie in ihrem Vollzug in den Zusammenhang mit dem
lebendigen Glauben der christlichen Gemeinschaft eingebunden bleibt, der
auf das Heil der ganzen Welt ausgerichtet ist. IV.
DIE INTERPRETATION DER BIBEL IM LEBEN DER KIRCHE Obwohl die
Bibelinterpretation die besondere Aufgabe der Exegeten darstellt, ist
diese jedoch keineswegs ihr Monopol; denn die Interpretation der Bibel
in der Kirche geht über die wissenschaftliche Analyse der Texte hinaus.
Für die Kirche ist die Bibel ja nicht einfach eine Sammlung von
geschichtlichen Dokumenten ihrer Ursprünge. Sie empfängt die Bibel als
Wort Gottes, das hier und heute an sie und an die ganze Welt ergeht.
Diese Glaubensüberzeugung hat zur Folge, daß die biblische Botschaft
aktualisiert und inkulturiert wird, wie auch die inspirierten Texte im
Leben der Kirche vielfältig verwendet werden: in der Liturgie, bei der
persönlichen „Lectio divina“, in der Seelsorge und in der ökumenischen
Begegnung. A. Aktualisierung Schon innerhalb der
Bibel selbst – wie wir es im vorhergehenden Kapitel gesehen haben – läßt
sich die Praxis der Aktualisierung beobachten: Ältere Texte werden im
Lichte neuer Zusammenhänge neu gelesen und auf die gegenwärtige
Situation des Volkes Gottes bezogen. Aufgrund der gleichen Überzeugung
von der dauernden Lebendigkeit der Heiligen Schrift ergibt sich mit
Notwendigkeit die Aktualisierung der Texte in den
Glaubensgemeinschaften. 1. Prinzipien Die Praxis der
Aktualisierung geht von folgenden Voraussetzungen aus: Aktualisierung
ist möglich, denn die Sinnfülle des biblischen Textes verleiht ihm einen
dauernden Wert für alle Epochen und alle Kulturen (vgl. Jes 40,
8; 66, 18-21; Mt 28, 19-20). Die biblische Botschaft kann die
Wertsysteme und die Verhaltensnormen jeder Generation gleichzeitig
relativieren und vertiefen. Aktualisierung ist notwendig, denn
obwohl die Botschaft der biblischen Texte von immerwährendem Wert ist,
sind diese doch unter Einwirkung vergangener Situationen und in einer
durch verschiedene Epochen bedingten Sprache verfaßt worden. Um ihre
Bedeutung für die Menschen von heute zu zeigen, ist es unumgänglich,
ihre Botschaft auf die gegenwärtige Situation zu beziehen und sie in
einer an die heutige Zeit angepaßten Sprache auszudrücken. Dies setzt
eine hermeneutische Bemühung voraus, die durch geschichtliche
Bedingtheiten hindurch zu den wesentlichen Elementen der Botschaft
vorstößt. Die Aktualisierung muß überdies ständig den komplexen
Beziehungen Rechnung tragen, die in der christlichen Bibel zwischen
Neuem und Altem Testament bestehen. Das Neue Testament ist ja zugleich
Erfüllung und Überbietung des Alten Testaments. Die Aktualisierung
geschieht im Spannungsfeld dieser dynamischen Einheit der beiden
Testamente. Die Aktualisierung kommt dank dem dynamischen
Charakter der lebendigen Überlieferung einer Glaubensgemeinschaft
zustande. Diese steht ausdrücklich in der Nachfolge der Gemeinschaften,
in denen die Heilige Schrift entstanden ist und wo sie bewahrt und
überliefert wurde. In der Aktualisierung erfüllt die Tradition eine
doppelte Aufgabe: einerseits schützt sie vor abweichenden
Interpretationen; andrerseits sorgt sie dafür, daß die ursprüngliche
Dynamik weitergeht. Aktualisierung heißt also keineswegs
Manipulation der Texte. Es geht nicht darum, auf die biblischen Texte
neue Meinungen oder Ideologien zu projizieren, sondern aufrichtig der
Botschaft nachzuspüren, die sie für die heutige Zeit bereit halten. Der
Text der Bibel übt in jeder Zeit in der christlichen Kirche seine
Autorität aus und bleibt, obwohl viele Jahrhunderte seit seiner
Entstehung vergangen sind, der vornehmliche Wegweiser, den man nicht
manipulieren kann. Das Lehramt der Kirche steht nicht „über dem Wort
Gottes, sondern dient ihm, indem es nichts lehrt, als was überliefert
ist, weil es das Wort Gottes aus göttlichem Auftrag und mit dem Beistand
des Heiligen Geistes voll Ehrfurcht hört, heilig bewahrt und treu
auslegt“ (Dei Verbum, 10). 2. Methoden Auf diesen
Voraussetzungen beruhen verschiedene Aktualisierungsmethoden. Die
Aktualisierung, die bereits innerhalb der Bibel zu beobachten ist, wurde
in der späteren jüdischen Tradition weiter geübt, und zwar mit Hilfe von
Methoden, wie sie in den Targumim und Midraschim bezeugt sind: es werden
Parallelstellen herangezogen (gezerah schawah) , die Textlesart
wird geändert und ersetzt (’al tiqrey), ein zweiter Sinn wird
eingeführt (tartey mischma‘) usw. Die Kirchenväter haben
sich ihrerseits der Typologie und der Allegorien bedient, um die
biblischen Texte so zu aktualisieren, daß sie in der Situation der
Christen ihrer Zeit relevant wurden. Heutzutage muß die
Aktualisierung die Entwicklung der Mentalitäten und die Fortschritte der
Interpretationsmethoden einbeziehen. Jede Aktualisierung setzt
eine korrekte Exegese des Textes voraus, die den wörtlichen Sinn
feststellt. Wenn der Leser, der den Text aktualisiert, nicht selbst
exegetisch gebildet ist, muß er zu guten Anleitungen Zuflucht nehmen,
die ihm eine zutreffende Interpretation erlauben. Eine der
sichersten und fruchtbarsten Methoden der Aktualisierung ist die
Auslegung der Heiligen Schrift durch die Heilige Schrift selbst; dies
gilt besonders für die Texte des Alten Testaments, die entweder schon im
Alten Testament selbst eine neue Deutung empfingen (z. B. das Manna von
Ex 16 in Weish 16, 20-29) oder im Neuen Testament (Joh
6). Die Aktualisierung eines biblischen Textes in der christlichen
Existenz darf den Bezug auf das Geheimnis Christi und die Kirche nie
außer acht lassen. Es würde z.B. nicht angehen, als Modelle für den
Befreiungskampf von Christen nur Episoden aus dem Alten Testament
heranzuziehen (Exodus, 1-2 Makkabäer). Die Formen
philosophischer Hermeneutik legen für das hermeneutische Vorgehen drei
Etappen nahe: 1) das Wort wird in einer gegebenen Situation gehört; 2)
es werden Aspekte der gegenwärtigen Situation unterschieden, die vom
biblischen Text beleuchtet oder in Frage gestellt werden; 3) aus der
Sinnfülle des biblischen Textes werden diejenigen Elemente ausgewählt,
die geeignet scheinen, die gegenwärtige Situation gemäß dem Heilswillen
Gottes in Christus positiv umzuwandeln. Dank der Aktualisierung
kann die Bibel viele moderne Probleme erhellen, z.B. die Ämterfrage in
der Kirche, die gemeinschaftliche Dimension der Kirche, die vorrangige
Option für die Armen, die Befreiungstheologie, die Stellung der Frau
usw. Die Aktualisierung kann auch besonders auf Werte achten, die mehr
und mehr vom heutigen Bewußtsein anerkannt sind, wie die Rechte der
Person, der Schutz des menschlichen Lebens, die Bewahrung der Natur, das
Streben nach universalem Frieden. 3. Grenzen
Übereinstimmung mit der in der Bibel ausgedrückten Heilswahrheit
verlangt von jeder Aktualisierung die Anerkennung bestimmter Grenzen,
die sie nicht überschreiten darf. Obwohl jede Lektüre der Bibel
zwangsläufig partiell ist, müssen dennoch tendenziöse Arten, die
Bibel zu lesen, ab gelehnt werden. Dies gilt von jenen, die, anstatt
sich am biblischen Text zu orientieren, ihn für beschränkte Ziele
dienstbar machen (wie dies bei den Aktualisierungen in Sekten, z.B. bei
den Zeugen Jehovas, geschieht). Die Aktualisierung verliert ihren
Wert völlig, wenn sie sich auf theoretische Voraussetzungen stützt, die
mit den fundamentalen Orientierungen des biblischen Textes unvereinbar
sind, wie z.B. auf einen dem Glauben entgegengesetzten Rationalismus
oder den atheistischen Materialismus. Selbstverständlich muß man
auch jede Aktualisierung ablehnen, die im Widerspruch zur
evangeliumsgemäßen Gerechtigkeit oder Liebe steht, z.B.
Aktualisierungen, die Apartheid, Antisemitismus, männlichen oder
weiblichen Sexismus aus den biblischen Texten ableiten wollen. Mit
besonderer Schärfe und ganz im Geist des 2. Vatikanischen Konzils
(Nostra Aetate, 4) muß unbeding verhindert werden, daß bestimmte Texte
des Neuen Testamentes so aktualisiert werden, daß sie feindselige
Einstellungen gegenüber den Juden wecken oder bestärken können. Die
tragischen E reignisse der Vergangenheit müssen uns im Gegenteil immer
wieder eindringlich daran erinnern, daß nach den Aussagen des Neuen
Testaments die Juden von Gott „geliebt“ bleiben, „denn unwiderruflich
sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ (Röm 11, 28-29).
Solche Abweichungen werden verhindert, wenn die Aktualisierung von einer
korrekten Textinterpretation ausgeht und unter Führung des kirchlichen
Lehramtes in der Perspektive der lebendigen Überlieferung geschieht.
Auf alle Fälle bildet die Gefahr von Entgleisungen keinen gültigen
Einwand gegen die Verwirklichung einer unverzichtbaren Aufgabe, die
Botschaft der Bibel an die Ohren und Herzen der Menschen unserer
Generation dringen zu lassen. B. Inkulturation Den
Bemühungen um Aktualisierung, die der Bibel zu allen Zeiten erlaubt,
Früchte zu bringen, entsprechen die Bemühungen in den verschiedenen
Ländern und Kulturkreisen der Welt um die Inkulturation, die dafür
sorgt, daß die biblische Botschaft in den verschiedensten Gebieten in
die Kultur eingewurzelt wird. Doch gibt es zwischen den Kulturen
übrigens auch Gemeinsamkeiten. Jede echte Kultur ist in einem gewissen
Sinne Trägerin universaler Werte, die ihre Begründung in Gott haben.
Die theologische Basis für die Inkulturation ist die
Glaubensüberzeugung, daß das Wort Gottes die Kulturen transzendiert, in
denen es sich ausdrückt, und daß es die Fähigkeit hat, sich in anderen
Kulturen zu verbreiten, derart daß es alle Menschen in ihrer kulturellen
Lebenswelt erreichen kann. Diese Überzeugung kommt von der Bibel selbst,
die schon vom Buch der Genesis an eine universale Perspektive hat (Gen
1, 27-28), die in der Verheißung des Segens für alle Völker durch
Abraham und seine Nachkommen weitergeht (Gen 12, 3; 18, 18) und
sich definitiv erfüllt, als die christliche Verkündigung „an alle
Nationen“ ergeht (Mt 28 , 18 - 20 ; Röm 4, 16-17; Eph
3, 6). Die erste Stufe der Inkulturation besteht darin, die
inspirierte Schrift in eine andere Sprache zu übersetzen. Diese Stufe
wurde schon in der Zeit des Alten Testaments überschritten, als man den
hebräischen Text der Bibel mündlich ins Aramäische (Neh 8, 8.12)
und schriftlich ins Griechische übersetzte. Eine Übersetzung ist in der
Tat immer mehr als eine bloße Übertragung des Originaltextes in eine
andere Sprache. Der Übergang von einer Sprache zur andern bringt
notwendigerweise eine Änderung des kulturellen Kontextes mit sich: die
Begrifflichkeit ist nicht dieselbe, und die Bedeutung der Symbole ist
verschieden, denn sie wachsen aus anderen Denktraditionen und anderen
Lebensformen heraus. Das griechisch geschriebene Neue Testament
ist durch und durch von einer dynamischen Inkulturation geprägt, denn es
überträgt die vom Land Palästina geprägte Botschaft Jesu in die
jüdisch-hellenistische Kultur und offenbart dadurch den klaren Willen,
die Grenzen eines bestimmten kulturellen Milieus zu überschreiten.
Obschon die Übersetzung eine entscheidende erste Stufe ist, kann sie
allein für eine wahre Inkulturation der biblischen Botschaft nicht
genügen. Diese muß sich in einer Interpretation fortsetzen, die die
biblische Botschaft in eine tiefere Beziehung zu den Denk- und
Ausdrucksarten, zur Gefühls- und Lebenswelt setzt, die jeder lokalen
Kultur eigen sind. Von der Interpretation führt die Inkulturation auf
andere Stufen weiter, die zur Herausbildung einer lokalen christlichen
Kultur überleiten, die alle Dimensionen der menschlichen Existenz
betrifft (Gebet, Arbeit, soziales Leben, Brauchtum, Recht und Gesetze,
Wissenschaft und Kunst, philosophische und theologische Reflexion). Das
Wort Gottes ist in der Tat ein Samenkorn, das seinem Erdreich all das
entnimmt, was es für sein Wachstum und Gedeihen braucht (vgl. Ad
Gentes, 22). Daher müssen die Christen und Christinnen zu erkennen
suchen, „was für Reichtümer der freigebige Gott unter den Völkern
verteilt hat; zugleich aber sollen sie sich bemühen, diese Reichtümer
durch das Licht des Evangeliums zu erhellen, zu befreien und unter die
Herrschaft Gottes, des Erlösers zu bringen“ (Ad Gentes, 11).
Wie man sieht, geht es hier nicht um einen einseitigen Prozeß, sondern
um eine „gegenseitige Bereicherung“. Einerseits erlauben die in den
verschiedenen Kulturen enthaltenen Reichtümer dem Wort Gottes, von neuem
Früchte zu bringen, und andererseits erlaubt es das Licht des Wortes
Gottes, in dem, was die Kulturen beitragen, eine Auswahl zu treffen, um
schädliche Elemente abzuweisen und die Entwicklung gültiger Elemente zu
fördern. Die wahre Treue zur Person Christi, zur Dynamik seines
österlichen Geheimnisses und zu seiner Liebe zur Kirche wird zwei
falsche Lösungen verhindern: diejenige einer oberflächlichen „Anpassung“
der Botschaft und die einer synkretistischen Konfusion (vgl. Ad
Gentes, 22). Im christlichen Orient und im Abendland fand die
Inkulturation schon von den ersten Jahrhunderten an statt und war
offensichtlich von großer Fruchtbarkeit. Man darf die Inkulturation aber
nie als abgeschlossen betrachten. Sie ist immer von neuem zu leisten
entsprechend der ständigen Weiterentwicklung der Kulturen. In Ländern,
wo die Evangelisierung erst vor kurzem stattfand, stellt sich das
Problem anders. Denn dort war es wohl unvermeidlich, daß die Missionare
das Wort Gottes in der Form brachten, wie es sich am Anfang in ihrem
Heimatland inkulturiert hatte. Die neuen Ortskirchen müssen sich nun
sehr bemühen, diese ihnen fremde Inkulturation der Bibel zu überwinden
und zu einer andern Form zu gelangen, die der Kultur ihres eigenen
Landes entspricht. C. Vom Gebrauch der Bibel 1. In
der Liturgie Seit Beginn der Kirche gehört die Lesung der
heiligen Schriften ganz zur christlichen Liturgie, und diese ist ein
Stück weit Erbin der synagogalen Liturgie. Auch heute noch kommen die
Christen vor allem in der Liturgie und besonders bei der sonntäglichen
Eucharistiefeier mit der Heiligen Schrift in Kontakt. Die
Liturgie, und besonders die Liturgie der Sakramente, deren Höhepunkt und
Mitte die Eucharistiefeier ist, aktualisiert wohl am besten die
biblischen Texte, denn sie stellt die Verkündigung in die Mitte der um
Christus vereinigten Glaubensgemeinschaft, die sich Gott nahen will. Da
ist Christus „gegenwärtig ... in seinem Wort, da er selbst spricht, wenn
die heiligen Schriften in der Kirche gelesen werden“ (Sacrosanctum
Concilium, 7). So wird der geschriebene Text zum lebendigen Wort.
Die liturgische Reform, wie sie vom 2. Vatikanischen Konzil beschlossen
wurde, hat sich bemüht, den Katholiken eine reichere biblische Nahrung
anzubieten. Die drei Zyklen der Sonntagslesungen geben den Evangelien
einen privilegierten Platz, um das Geheimnis Christi als Ursprung
unseres Heils auszuzeichnen. Indem dieser Zyklus regelmäßig einen Text
aus dem Alten Testament in Beziehung zum Evangeliumstext setzt, legt er
für die Schriftinterpretation oft den Weg der Typologie nahe. Wie wir
wissen, ist diese jedoch nicht die einzige mögliche Art, die Heilige
Schrift zu lesen. Die Homilie, die das Wort Gottes ausdrücklich
aktualisiert, gehört voll und ganz zur Liturgie. Wir werden im
Zusammenhang mit der Bibel in der Seelsorge auf sie zurückkommen.
Das Lektionar, das aus dem Konzil hervorgegangen ist (Sacrosanctum
Concilium, 35), soll eine „reichere, mannigfaltigere und passendere“
Lesung der Heiligen Sch rift ermöglichen. In seiner gegenwärtigen Form
entspricht es aber nur teilweise diesem Ziel. Immerhin hat es schon
positive ökumenische Auswirkungen gezeitigt. In gewissen Ländern zeigte
es auch auf, wie wenig die Katholiken in der Heiligen Schrift „zu Hause“
sind. Der Wortgottesdienst ist ein entscheidendes Element bei der
Feier eines jeglichen Sakramentes der Kirche. Er besteht nicht einfach
aus einer Abfolge von Lesungen, denn er erfordert auch in gleicher Weise
Momente der Stille und des Gebetes. Diese Liturgie, besonders das
Stundengebet, schöpft aus dem Psalmenbuch, um die christliche
Gemeinschaft zum Gebet anzuleiten. Hymnen und Gebete sind ganz von der
biblischen Sprache und ihrer Symbolik durchdrungen. Es ist deshalb
unerläßlich, daß die Liturgiefeier in eine regelmäßige Praxis der Lesung
der Heiligen Schrift eingebettet ist. In den Lesungen „richtet
Gott sein Wort an sein Volk “ (Missale Romanum, n. 33); deshalb
verlangt der Wortgottesdienst große Sorgfalt in der Verkündigung der
Lesungen wie in deren Auslegung. Die Ausbildung der zukünftigen
Vorsteher der liturgischen Versammlung und aller, die in ihr eine Rolle
übernehmen, muß deshalb den Erfordernissen des vollständig erneuerten
Wortgottesdienstes entsprechen. So kann die Kirche dank der Bemühungen
aller Beteiligten die ihr aufgetragene Sendung erfüllen, „vom Tisch des
Wortes Gottes wie des Leibes Christi ohne Unterlaß das Brot des Lebens
zu nehmen und den Gläubigen zu reichen“ (Dei Verbum, 21).
2. Die Lectio divina oder geistliche Lesung Die Lectio
divina ist eine Lesung in individueller oder gemeinschaftlicher Form
eines mehr oder weniger langen Abschnittes der Heiligen Schrift, die als
Wort Gottes angenommen wird. Unter dem Einfluß des Heiligen Geistes
führt sie zur Meditation, zum Gebet und zur Kontemplation. Das
Bemühen um eine regelmäßige, ja sogar tägliche Lesung der Heiligen
Schrift entspricht einer schon frühen Übung in der Kirche. Als
gemeinsame Praxis ist sie im 3. Jh., zur Zeit des Origenes bezeugt.
Origenes pflegte in seinen Homilien von einem Text der Heiligen Schrift
auszugehen, der fortlaufend die Woche hindurch gelesen wurde. Es gab
damals tägliche Versammlungen, die der Lesung und der Auslegung der
Heiligen Schrift dienten. Diese Praxis, die später wieder aufgegeben
wurde, hat bei den Christen jedoch nicht immer großen Anklang gefunden
(Origenes, Hom. Gen. X, 1). Die Lectio divina ist
als vorwiegend individuelle Praxis im Mönchtum schon früh belegt. In
unserer Zeit hat eine von Papst Pius XII. genehmigte Instruktion der
Bibelkommission sie allen Priestern, Diözesan- und Ordenspriestern
anempfohlen (De Scriptura Sacra recte docenda, 1950; EnchB
592). Die Bedeutung der Lectio divina unter ihrem doppelten,
individuellen und gemeinschaftlichen Aspekt ist somit wieder aktuell
geworden. Es geht darum, eine „echte und beständige Liebe“ zur Heiligen
Schrift, dem Ursprung inneren Lebens und apostolischer Fruchtbarkeit (EnchB
591 und 567) zu wecken und zu stärken, weiterhin darum, ein besseres
Verständnis der Liturgie zu fördern und der Bibel einen wichtigeren
Platz in den theologischen Studien und im Gebet zu sichern. Die
Konzilskonstitution Dei Verbum (Nr. 25) empfiehlt den Priestern
und Ordensleuten ebenfalls eindringlich die eifrige Lesung der heiligen
Schriften. Sie lädt aber auch „alle an Christus Glaubenden“ ein, „durch
häufige Lesung der Heiligen Schrift sich die ‘alles übertreffende
Erkenntnis Jesu Christi’ (Phil 3,8) anzueignen“. Dies ist eine Neuheit!
Verschiedene Mittel werden dazu vorgeschlagen. Neben der individuellen
Lesung werden Bibellesegruppen empfohlen. Der Text des Konzils
unterstreicht, daß das Gebet die Lesung der Heiligen Schrift begleiten
muß, denn es ist gleichsam die Antwort auf die Begegnung mit dem Wort
Gottes, dem man in der Heiligen Schrift unter dem Beistand und der
Führung des Heiligen Geistes begegnet. Zahlreiche Initiativen wurden im
christlichen Volk für das gemeinsame Lesen ergriffen. Zu diesem
Verlangen nach einer besseren Kenntnis Gottes und seines Heilsplanes in
Christus, wie er in der Heiligen Schrift ausgedrückt ist, kann nur
ermutigt werden. 3. In der Seelsorge Die Empfehlung in
Dei Verbum (Nr. 24), die Bibel in der Seelsorge möglichst oft zu
lesen, kann in verschiedenen Formen realisiert werden, je nach der von
den Priestern angewendeten Hermeneutik und den Verständnismöglichkeiten
der Gläubigen. Es lassen sich drei Hauptsituationen unterscheiden:
Katechese, Verkündigung und biblisches Apostolat. Zahlreiche Faktoren
spielen dabei eine Rolle, entsprechend dem Niveau des christlichen
Lebens. Die Erklärung des Wortes Gottes in der Katechese (Sacrosanctum
Concilium, 35; Directorium catechisticum generale 23, 1971,
16) hat als Hauptquelle die Heilige Schrift. Diese bildet, im Kontext
der Tradition gelesen, den Ausgangspunkt, die Basis und die Norm der
katechetischen Unterweisung. Eines der Ziele der Katechese ist eben
gerade die Einführung in ein richtiges Verständnis der Bibel und in ihre
fruchtbare Lesung, so daß die in ihr enthaltene göttliche Wahrheit
gefunden und eine großherzige Antwort auf die Botschaft, die Gott durch
sein Wort an die Menschheit richtet, gegeben werden kann. Die
Katechese muß vom geschichtlichen Kontext der göttlichen Offenbarung
ausgehen, um Personen und Ereignisse des Alten und Neuen Testaments im
Lichte des Planes Gottes darzustellen. Um vom biblischen Text zu
seiner Heilsbedeutung für unsere Zeit vorzudringen, lassen sich
verschiedene bibelhermeneutische Unterrichtsmethoden denken, die Anlaß
zu verschiedenartigen Kommentaren geben. Die Fruchtbarkeit der Katechese
hängt selbstverständlich vom Wert der angewendeten bibelhermeneutischen
Unterrichtsmethoden ab. Die Gefahr besteht, sich mit oberflächlichen
Erklärungen zu begnügen, die an einer chronologischen Betrachtung der
verschiedenen Ereignisse und Personen der Bibel hängen bleiben.
Die Katechese kann natürlich nur einen ganz kleinen Teil der biblischen
Texte auswerten. Im allgemeinen benützt sie vor allem die Erzählungen
des Neuen wie des Alten Testaments. Der Dekalog spielt eine
hervorragende Rolle. Es muß aber darauf geachtet werden, daß auch die
Worte der Propheten, die Weisheitslehre und die großen Reden des
Evangeliums, z.B. die Bergpredigt, zu Worte kommen. Die
Darstellung des Evangeliums soll zu einer Begegnung mit Christus führen.
Er ist ja gleichsam der Schlüssel zur ganzen biblischen Offenbarung und
überbringt den Anruf Gottes, auf den jeder zu antworten hat. Die
Botschaft der Propheten und der „Diener des Wortes“ (Lk 1,2) muß
in ihrer Darlegung als Botschaft an die heutigen Christen erscheinen.
Analoge Bemerkungen betreffen den Dienst der Predigt, die aus den alten
Texten eine geistliche Nahrung für die Bedürfnisse der heutigen
christlichen Gemeinschaft schöpfen soll. Heute wird der Dienst der
Predigt hauptsächlich in der Homilie am Ende des ersten Teils der
Eucharistiefeier, die auf die Verkündigung des Wortes Gottes folgt,
ausgeübt. Die Erklärung der biblischen Texte in der Homilie kann
nicht auf alle Einzelheiten eingehen. Es ist jedoch angebracht, die
Hauptelemente der Texte hervorzuheben, die am meisten den Glauben
beleuchten und den Fortschritt des individuellen und gemeinschaftlichen
christlichen Lebens fördern können. Bei der Erklärung dieser Elemente
ist es entscheidend, sie zu aktualisieren und zu inkulturieren, wie es
oben ausgeführt wurde. Dafür braucht es gültige hermeneutische
Prinzipien. Wer in dieser Hinsicht nicht genügend vorbereitet ist,
erliegt deswegen meistens der Versuchung, darauf zu verzichten, die
biblischen Lesungen tiefer zu erfassen, um sich mit moralisierenden
Nutzanwendungen zu begnügen oder nur über aktuelle Fragen zu sprechen,
ohne diese mit dem Wort Gottes zu konfrontieren. In manchen
Ländern gibt es Veröffentlichungen, die unter Mithilfe von Exegeten
verfaßt wurden, um den Verantwortlichen der Seelsorge zu helfen, die
biblischen Lesungen der Liturgie korrekt zu interpretieren und auf
gültige Weise zu aktualisieren. Es ist wünschenswert, daß solche
Bemühungen das ihnen gebührende Echo finden. Die Betonung darf
selbstverständlich nicht einseitig auf den Verpflichtungen der Gläubigen
liegen. Die biblische Botschaft muß ihren grundlegenden Charakter als
die Gute Nachricht vom Heil, das Gott uns schenkt, unbedingt bewahren.
Die Predigt erreicht weit mehr und wird auch der Bibel gerechter, wenn
sie den Gläubigen hilft, „die Gabe Gottes zu erkennen“ (Joh
4,10), so wie sie in der Heiligen Schrift offenbart ist, und in
positiver Art die Ansprüche zu erfassen, die sich aus dieser Gabe
ergeben. Das biblische Apostolat hat zum Ziel, die Bibel als Wort
Gottes und Quelle des Lebens zu verbreiten. In erster Linie fördert es
die Übersetzung der Bibel in die verschiedenen Sprachen sowie die
Verbreitung dieser Übersetzungen. Es erweckt zahlreiche Initiativen und
unterstützt sie: Bildung von Bibelgruppen, Vorträge über die Bibel,
Biblische Wochen, Veröffentlichung von Zeitschriften und Büchern usw.
Ein wichtiger Beitrag kommt von den kirchlichen Vereinigungen und
Bewegungen, die die Bibellesung in der Perspektive des Glaubens und mit
christlichem Engagement in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten rücken.
Zahlreiche „Basisgemeinden“ stellen ihre Zusammenkünfte unter die Bibel
und setzen sich ein dreifaches Ziel: die Bibel kennenzulernen, die
Gemeinschaft aufzubauen und dem Volk zu dienen. Auch hier ist die Hilfe
der Exegeten nützlich, um schlecht begründete Aktualisierungen zu
vermeiden. Aber man darf sich freuen, die Bibel in den Händen der Armen,
der einfachen Leute zu sehen, die zu ihrer Auslegung und Aktualisierung
in geistlicher und existentieller Hinsicht ein helleres Licht
bereitstellen können, als was eine selbstgerechte Wissenschaft zu seiner
Erklärung beizutragen vermag (vgl. Mt 11, 25). Die
wachsende Bedeutung der Kommunikationsmittel, Massenmedien, Presse,
Radio, Fernsehen usw., erheischt eine tatkräftige Verkündigung des
Wortes Gottes und die Verbreitung „biblischer“ Kenntnisse auch durch
diese Medien. Ihre Eigenart und andererseits ihr gewaltiger Einfluß auf
das breite Publikum verlangen jedoch für ihre Benutzung eine spezifische
Ausbildung, die es erlaubt, kläglich improvisierte oder
effekthascherische Behandlungen der Bibel zu verhindern. Ob es
sich um Katechese, Verkündigung oder biblisches Apostolat handelt, der
Bibeltext muß immer mit der ihm gebührenden Achtung dargelegt werden.
4. In der Ökumene Wenn auch die Ökumene als spezifische und
organisierte Bewegung relativ neu ist, so ist doch der Gedanke der
Einheit des Volkes Gottes, den diese Bewegung zu erneuern versucht, tief
in der Heiligen Schrift verwurzelt. Diese Einheit war die ständige Sorge
des Herrn (Joh 10,16; 17,11. 20-23). Es ist eine Einheit der
Christen im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe (Eph 4,
2-5), in der gegenseitigen Achtung (Phil 2,1-5) und in der
Solidarität (1 Kor 12, 14-27; Röm 12, 4-5), aber auch und
vor allem die organische Einheit mit Christus, so wie die Reben und der
Rebstock (Joh 15, 4-5), die Glieder und das Haupt (Eph 1,
22-23; 4, 12-16) eins sind. Diese Einheit muß so vollkommen sein wie die
Einheit von Vater und Sohn (Joh 17, 11.22). Die Heilige Schrift
liefert hierfür die theologische Basis (Eph 4, 4-6; Gal 3,
27-28). Die erste apostolische Gemeinschaft ist ein konkretes und
lebendiges Modell dafür (Apg 2, 44; 4, 32). Die meisten
Probleme im ökumenischen Dialog haben einen Bezug zur Interpretation der
biblischen Texte. Einige dieser Probleme sind theologischer Art: im
Hinblick auf die Eschatologie, die Kirchenstruktur, den Primat und die
Kollegialität, die Ehe und die Scheidung, das priesterliche Amt für die
Frauen usw. Andere sind kirchenrechtlicher und jurisdiktioneller Art;
sie betreffen die Verwaltung der Universalkirche und der Ortskirchen.
Andere wieder sind ausschließlich biblisch: die Liste der kanonischen
Bücher, bestimmte hermeneutische Fragen usw. Die biblische Exegese
kann zwar all diese Probleme gewiß nicht allein lösen; sie ist aber
aufgerufen, einen wichtigen Beitrag zur Ökumene zu leisten.
Bemerkenswerte Fortschritte wurden bereits realisiert. Dank der Annahme
gleicher Methoden und analoger hermeneutischer Ziele sind die Exegeten
der verschiedenen christlichen Konfessionen zu einer weitgehenden
Übereinstimmung in der Interpretation der heiligen Schriften gekommen,
wie es der Text und die Anmerkungen verschiedener ökumenischer
Übersetzungen der Bibel und auch andere Veröffentlichungen zeigen.
Andererseits sind die Unterschiede in der Auslegung der heiligen
Schriften in bestimmten Punkten offensichtlich oft auch stimulierend, ja
sie können sich in manchen Fällen als komplementär und bereichernd
erweisen. Dies ist der Fall, wenn sie besondere Werte der
Eigentraditionen der verschiedenen christlichen Kirchen und
Gemeinschaften ausdrücken und so die vielfältigen Aspekte des
Geheimnisses Christi zum Ausdruck bringen. Da die Bibel im übrigen
die gemeinsame Basis der Glaubensregel darstellt, drängt der ökumenische
Auftrag alle Christen gebieterisch dazu, die inspirierten Texte neu zu
lesen, sich durch sie unter der Führung des Heiligen Geistes belehren zu
lassen, sie in Liebe, Aufrichtigkeit und Demut zu meditieren und daraus
zu leben, um zur Umkehr des Herzens und zur Heiligkeit des Lebens zu
gelangen; diese stellen, zusammen mit dem Gebet um die Einheit der
Christen die Seele jeder ökumenischen Bewegung dar (vgl. Unitatis
Redintegratio, 8). Aus diesem Grunde ist es wichtig, einer möglichst
großen Zahl von Gläubigen den Erwerb einer Bibel zu ermöglichen, zu
ökumenischen Übersetzungen zu ermutigen – denn ein gemeinsamer Text
hilft zu einer gemeinsamen Lektüre und zu einem gemeinsamen Verständnis
–, ökumenische Gebetsgruppen zu fördern, um so durch ein echtes,
lebendiges Zeugnis an der Wiedergewinnung der vollen Einheit in der
Vielfalt mitzuwirken (vgl. Röm 12, 4-5).
Schlußfolgerungen Aus all dem, was in diesen langen, und
doch auch wieder zu knappen Ausführungen zur Sprache kam, geht als erste
Folgerung hervor, daß die biblische Exegese in der Kirche und in der
Welt eine unersetzliche Aufgabe erfüllt. Wollte man die Bibel ohne sie
verstehen, würde man sich einer Illusion hingeben. Es wäre auch ein
Mangel an Ehrfurcht vor der inspirierten Schrift. Fundamentalisten
möchten die Exegeten als reine Übersetzer betrachten, wobei sie
übersehen, daß die Übersetzung der Bibel schon Exegese ist. Sie weigern
sich, exegetischer Forschung zu folgen. Sie geben sich dabei keine
Rechenschaft, daß sie sich trotz lobenswerten Bemühens um Treue dem
ganzen Wort Gottes gegenüber in Wirklichkeit auf Wege einlassen, die sie
vom genauen Sinn der biblischen Texte und damit auch von der vollen
Annahme der Konsequenzen der Menschwerdung selbst entfernen. Die
Menschwerdung des ewigen Wortes fand ja in einem bestimmten Zeitraum der
Geschichte, in einem genau umschriebenen sozialen und kulturellen Umfeld
statt. Wer Gottes Wort vernehmen möchte, muß es in Demut da suchen, wo
es hörbar wurde, ohne die notwendige Hilfe des menschlichen Wissens zu
verschmähen. Seit der Epoche des Alten Testaments hat sich Gott, um zu
Männern oder Frauen zu sprechen, aller Möglichkeiten der menschlichen
Sprache bedient, aber gleichzeitig mußte er auch sein Wort allen
Bedingtheiten dieser Sprache unterwerfen. Wahre Ehrfurcht vor der
inspirierten Schrift heißt, keine der notwendigen Anstrengungen zu
unterlassen, die es ermöglichen, ihren Sinn richtig zu erfassen. Es ist
bestimmt nicht möglich, daß jeder Christ selbst alle Gebiete der
Forschung kennt, die für ein besseres Verständnis der biblischen Texte
unerläßlich sind. Diese Aufgabe ist den Exegeten anvertraut. Sie sind
auf diesem Gebiet zum Nutzen aller zuständig. Als zweite
Schlußfolgerung soll unterstrichen werden, daß die biblischen Texte zu
ihrer Interpretation naturgemäß der Anwendung der historisch-kritischen
Methode wenigstens in ihren hauptsächlichen Zügen bedürfen. Die Bibel
gibt sich ja in der Tat nicht als unmittelbare Offenbarung zeitloser
Wahrheiten zu erkennen, sondern vielmehr als das schriftliche Zeugnis
von Gottes wiederholtem Eingreifen in der menschlichen Geschichte, durch
das er sich offenbart. Im Unterschied zu den heiligen Lehren anderer
Religionen ist die biblische Botschaft fest im Boden der Geschichte
verwurzelt. Dies ist der Grund, daß die biblischen Schriften ohne
Untersuchung ihrer geschichtlichen Entstehung nicht korrekt verstanden
werden können. Die „diachrone“ Forschung wird für die Exegese immer
unerläßlich sein. Die „synchronen“ Zugänge, so nützlich sie sind, können
sie niemals ersetzen. Um auf eine fruchtbare Weise arbeiten zu können,
müssen sie zunächst die Ergebnisse der historisch-kritischen Methode,
wenigstens in den Hauptlinien, übernehmen. Unter dieser Bedingung
vermögen die synchronen Zugänge (rhetorische, narrative, semiotische und
andere Methoden) zur Erneuerung der Exegese beizutragen und die
exegetischen Einsichten und Erkenntnisse zu erweitern. In der Tat kann
die historisch-kritische Methode ja kein Monopol beanspruchen. Sie muß
sich ihrer Grenzen bewußt werden und auch der Gefahren, denen sie
ausgesetzt ist. Die jüngsten Entwicklungen der philosophischen
Hermeneutiken und was wir in bezug auf die Interpretation der Heiligen
Schrift innerhalb der biblischen Tradition und der Tradition der Kirche
feststellten, haben das Interpretationsproblem in einem neuen Licht
erscheinen lassen, das die historisch-kritische Methode nicht immer
wahrnehmen wollte. Die alles beherrschende Absicht dieser Methode, den
Sinn der Texte zu bestimmen, indem sie diese in ihren ursprünglichen
historischen Kontext einordnet, macht sie in der Tat manchmal weniger
offen für den dynamischen Aspekt der Bedeutung und die Möglichkeiten
einer weiteren Entwicklung des Sinnes. Namentlich wenn sie nicht bis zur
Redaktionsgeschichte vordringt, sondern bei Quellenproblemen und
literarischen Schichtungen der Texte stehen bleibt, erfüllt sie ihre
exegetische Aufgabe nicht genügend. Aus Treue zur großen
Überlieferung, von der auch die Bibel selbst Zeugnis ablegt, muß die
katholische Exegese so weit wie möglich solche Arten von
„Betriebsblindheit“ vermeiden und ihre Identität als theologische
Disziplin bewahren, deren Hauptziel die Vertiefung des Glaubens ist.
Dies bedeutet keineswegs geringere Ernsthaftigkeit der kompetenten
wissenschaftlichen Forschungsarbeit und auch keine Beugung der Methoden
aus apologetischem Interesse. Jedes Gebiet der Forschung (Textkritik,
Linguistik, literarische Analysen usw.) besitzt seine eigenen Regeln,
denen die Forschung in voller Unabhängigkeit fol gen muß. Aber keines
dieser Spezialgebiete der Exegese stellt ein Ziel für sich dar. In der
Gesamtorganisation der exegetischen Arbeit muß die Ausrichtung auf das
Hauptziel bestimmend bleiben; nur so lassen sich Abwege und Sackgassen
vermeiden. Die katholische Exegese darf nicht einem Wasserlauf gleichen,
der in einer hyperkritischen Analyse versandet. Sie hat in Kirche und
Welt eine entscheidende Funktion zu erfüllen: zur möglichst
authentischen Vermittlung der inspirierten Botschaft der Heiligen
Schrift das Ihre beizutragen. Ihre Bemühungen gehen ja bereits in
dieser Richtung, indem sie an der Erneuerung der anderen theologischen
Disziplinen und an der seelsorgerlichen Arbeit der Aktualisierung und
Inkulturation des Wortes Gottes mitwirkt. Diese Darlegungen haben die
gegenwärtige Problematik geprüft und einige Reflexionen dazu formuliert.
Es ist zu hoffen, daß sie mithelfen werden, bei allen das Bewußtsein von
der Rolle des katholischen Exegeten zu klären. Rom, den 15. April
1993 Nachwort zur Übersetzung Der hier
gebotene deutsche Text des Dokuments ist eine von Lothar Ruppert,
Freiburg i.Br., und Adrian Schenker OP, Freiburg/Schweiz, Mitgliedern
der Bibelkommission, im ausdrücklichen Einverständnis des
wissenschaftlichen Sekretärs der Bibelkommission, Albert Vanhoye SJ,
Rom, erstellte Revision der von den beiden Erstgenannten autorisierten,
1993 bei der Libreria Editrice Vaticana erschienenen deutschen
Übersetzung. Die Anmerkungen 1, 11 und 12 sind Anmerkungen der
Bibelkommission selbst, die übrigen sind dem besseren Verständnis des
Textes dienende Fußnoten von L. Ruppert und A. Schenker.
Fußnoten 1) Unter exegetischer „Methode“ verstehen
wir die gesamten wissenschaftlichen Vorgehensweisen zur Auslegung der
Texte. Wir sprechen von „Zugängen“, wenn es sich um Forschung nach einem
bestimmten Gesichtspunkt handelt (Anm. der Bibelkommission). 2)
Gemeint sind die Quellenschriften des Pentateuch. 3) Der Ausdruck
„ihre Herkunft“ (frz.: son origine) ist mißverständlich. Gemeint ist die
Herkunft der Gestaltung der neutestamentlichen Überlieferung. 4)
„Historisch“ ist hier nicht im Sinne der modernen Geschichtswissenschaft
gemeint, sondern im Hinblick auf biblische Geschichtsdarstellung.
5) Das bedeutet freilich nicht, daß Vorstufen des Textes theologisch
ohne Bedeutung wären; vielmehr bereiten sie den Endtext als den
verbindlichen Ausdruck von „Gottes Wort“ vor, zielen auf ihn hin und
tragen zu seinem Verständnis bei. 6) Kreise ohne besondere
Fachkenntnisse. 7) Diese Aussage darf freilich nicht im Sinne
einer „inspiratio consequens“ mißverstanden werden. 8) Centos sind
Zitatmosaiken aus antiken Dichtern. Unter „relecture“ versteht man eine
umgestaltende und akzentuierende Wiederaufnahme. 9) „Urtext“ im
Sinne von „Urform“. 10) Von Familie und Besitz. 11) Über
den Text dieses letzten Abschnittes wurde abgestimmt. 11 von 19 Stimmen
sprachen sich für ihn aus, 4 dagegen, und 4 enthielten sich der Stimme.
[Gegenstand der Abstimmung war die Warnung an die Adresse der Frauen,
die dieser Satz enthält.] Die Minorität der Kommissionsmitglieder [hielt
eine solche Kritik von seiten von Männern für wenig angebracht. Sie]
verlangte, daß das Resultat dieser Abstimmung im Text publiziert werde.
Die Kommission hat sich dazu verpflichtet. 12) Die Hermeneutik des
Wortes, wie sie von Gerhard Ebeling und Ernst Fuchs entwickelt wurde,
geht von einem andern Zugang aus und gehört zu einem andern Bereich des
Denkens. Es geht bei ihr eher um eine hermeneutische Theologie als um
eine hermeneutische Philosophie. Ebeling geht immerhin mit Autoren wie
Bultmann und Ricoeur in der Betonung der Bedingung einig, daß das Wort
Gottes nur dann seinen vollen Sinn erhält, wenn es seine Adressaten
erreicht. 13) Es handelt sich um eine grundlegende Verwandtschaft
zwischen dem Denken des Interpreten und den Aussagen des Textes.
14) Das Heilsgeschehen erfuhr im Laufe der Geschichte immer wieder neue
Interpretationen. 15) Der französische Text spricht von dem „Licht
des heiligen Geistes“. 16) Lateinischer Text im Anhang von EnchB 4
(1965) 3*-11*; lateinischer Text und deutsche Übersetzung: Joseph A.
Fitzmyer, Die Wahrheit der Evangelien (SBS 1) Stuttgart 1965. 17)
Der im Dokument zitierte französische Konzilstext und die offizielle
deutsche Übersetzung weichen in Lumen Gentium, 12, beträchtlich
voneinander ab. 18) Auch hier differieren die französische und
deutsche Version des Konzilstextes beträchtlich. 19) enthalten
in: Arbeitshilfe 66. 20) Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls
70. 21) Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 98. 22)
Dt.: Die Interpretation der Dogmen. Dokument der Internationalen
Theologenkommission: IKaZ 19 (1990) 246–266. 23) Private deutsche
Übersetzung: Allgemeines Katechetisches Direktorium. Übersetzung mit
Erlaubnis der Hl. Kongregation, besorgt von Raphael von Rhein, Fulda 2
1979.
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