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PÄPSTLICHE BIBELKOMMISSION
DOKUMENT
Die Interpretation der
Bibel in der Kirche
EINFÜHRUNG
Die Interpretation der biblischen Texte stößt auch heute auf reges
Interesse und gibt zu wichtigen Diskussionen Anlaß. Diese haben in den
letzten Jahren neue Dimensionen gewonnen. Da die Bibel für den christlichen
Glauben, für das Leben der Kirche und für die Beziehungen zwischen Christen
und Gläubigen anderer Religionen von entscheidender Bedeutung ist, wurde die
Päpstliche Bibelkommission ersucht, sich zu diesem Thema zu äußern.
A. Die aktuelle Problematik
Das Problem der Bibelauslegung ist keine moderne Erfindung, wie man
manchmal glauben machen will. In der Bibel selbst sehen wir, daß ihre
Auslegung Schwierigkeiten bereitet. Neben eindeutigen Texten enthält sie
dunkle Stellen. Als Daniel gewisse Prophetenworte von Jeremia las, suchte er
lange nach ihrem Sinn (Dan 9, 2). In der Apostelgeschichte hören wir,
wie ein Äthiopier im 1. Jahrhundert in bezug auf einen Abschnitt des
Jesaja-Buches (Jes 53, 7-8) sich in der gleichen Lage befand und sich
an einen Interpreten wenden mußte (Apg 8, 30-35). Im 2. Petrusbrief
lesen wir, daß „keine Weissagung der Heiligen Schrift eigenmächtig
ausgelegt werden darf“ (2 Petr 1, 20), und weiter, daß in den
Briefen des Apostels Paulus „manches schwer zu verstehen (ist), und die
Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, diese Stellen ebenso wie die
übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben verdrehen“ (2 Petr 3,
16).
Das Problem ist also nicht neu, doch hat es im Laufe der Zeit an Gewicht
gewonnen: um zu den Fakten und Aussagen der Bibel vorzudringen, müssen die
Leser sich um fast zwanzig oder dreißig Jahrhunderte zurück versetzen, und
das ist nicht ohne Schwierigkeiten möglich. Zudem sind heutzutage die
Probleme der Interpretation wegen der Fortschritte der Geisteswissenschaften
komplexer geworden. Wissenschaftliche Methoden wurden zur Erschließung der
Texte der Antike entwickelt. Inwieweit sind diese Methoden auch für die
Auslegung der Heiligen Schrift geeignet? Aus pastoraler Klugheit hat die
Kirche lange Zeit sehr zurückhaltend auf diese Frage reagiert, denn oft waren
diese Methoden trotz ihrer positiven Werte an Optionen gebunden, die dem
christlichen Glauben entgegengesetzt waren. Schließlich hat eine positive
Entwicklung stattgefunden, die durch eine ganze Reihe päpstlicher Dokumente
gekennzeichnet ist, angefangen von der Enzyklika Providentissimus von
Leo XIII. (18. Nov. 1893) bis zur Enzyklika Divino afflante Spiritu von
Pius XII. (30. Sept. 1943). Diese Entwicklung wurde durch die Erklärung Sancta
Mater Ecclesia (21. April 1964) der Päpstlichen Bibelkommission und vor
allem durch die Dogmatische Konstitution Dei Verbum des II.
Vatikanischen Konzils (18. Nov. 1965) bestätigt.
Die Fruchtbarkeit dieser konstruktiven Haltung zeigte sich deutlich. Die
biblischen Studien in der katholischen Kirche nahmen einen bemerkenswerten
Aufschwung, und ihr wissenschaftlicher Wert wurde im Kreis der Wissenschaftler
und unter den Gläubigen immer mehr anerkannt. Der ökumenische Dialog wurde
dadurch wesentlich erleichtert. Der Einfluß der Bibel auf die Theologie
verstärkte sich und half mit zu einer theologischen Erneuerung. Das Interesse
an der Bibel wuchs bei den Katholiken und diente dem Fortschritt des
christlichen Lebens. All jene, die eine ernsthafte Ausbildung auf diesem
Gebiet erworben haben, erachten es als unmöglich, auf den Stand einer
vorkritischen Auslegung zurückzukommen, die sie zu Recht als ungenügend
erachten.
Zum gleichen Zeitpunkt, wo die am weitesten verbreitete wissenschaftliche
Methode - die „historisch-kritische“- in der Exegese, also auch in der
katholischen Exegese, allgemein angewendet wird, wird diese Methode in Frage
gestellt: einerseits durch das Aufkommen anderer Methoden und Zugänge in der
wissenschaftlichen Welt selbst und andererseits durch die Kritik vieler
Christen, die diese Methode vom Standpunkt des Glaubens aus als mangelhaft
erachten. Zur historisch-kritischen Methode, die sich, wie ihr Name sagt,
besonders mit der historischen Entwicklung der Texte bzw. Traditionen
beschäftigt, treten heute Methoden in Konkurrenz, die auf einem synchronen
Verständnis der Texte bestehen, sei es in bezug auf die Sprache, die
Komposition, die narrative Struktur oder die rhetorische Form. Außerdem wird
bei vielen der Versuch der diachronen Methoden, die Vergangenheit zu
rekonstruieren, durch die Tendenz ersetzt, die Texte zu hinterfragen, indem
man sie in die Perspektive der heutigen Zeit setzt, sei es unter
philosophischer, psychoanalytischer, soziologischer oder politischer Hinsicht.
Dieser Pluralismus der Methoden und Zugänge wird von den einen als Reichtum
geschätzt, bei andern jedoch hinterläßt er den Eindruck einer großen
Verwirrung.
Ob diese Verwirrung nun real oder vermeintlich ist, jedenfalls liefert sie
den Gegnern der wissenschaftlichen Exegese neue Argumente. Ihrer Meinung nach
zeigt der Konflikt bei der Interpretation, daß man nichts dabei gewinnt, wenn
die biblischen Texte den Ansprüchen der wissenschaftlichen Methoden
unterworfen werden. Im Gegenteil, man verliere dabei viel. Sie betonen, die
wissenschaftliche Exegese schaffe Verwirrung und löse Zweifel in Dingen aus,
die vorher mühelos angenommen wurden; sie dränge gewisse Exegeten zu
Positionen, die dem Glauben der Kirche in so wichtigen Fragen widersprächen,
wie der jungfräulichen Empfängnis Jesu, seinen Wundern, ja sogar seiner
Auferstehung und seiner Gottheit.
Auch wenn es nicht zu solchen Negierungen kommt, so charakterisiere sich
ihrer Meinung nach die wissenschaftliche Exegese doch durch ihre Sterilität
in bezug auf das christliche Leben. Statt einen leichteren und sichereren
Zugang zu den frischen Quellen des Wortes Gottes zu schaffen, mache sie aus
der Bibel ein verschlossenes Buch, dessen doch immer problematische
Interpretation raffinierte technische Mittel erheische und so aus der Bibel
ein Reservat für Spezialisten mache. Für diese gilt, so glauben einige, das
Wort des Evangeliums: „Ihr habt den Schlüssel (der Tür) zur Erkenntnis
weggenommen; ihr selbst seid nicht hineingegangen, und die, die hineingehen
wollten, habt ihr daran gehindert“ (Lk 11, 52; vgl. Mt 23,
13).
Folglich ist man nun der Meinung, es sei notwendig, an die Stelle der
geduldigen Arbeit der wissenschaftlichen Exegese einfachere Zugänge zu
eröffnen, wie z.B. die eine oder andere Form synchroner Lesung, die man als
genügend erachtet; oder man preist sogar eine sogenannte „geistliche“
Lesung der Bibel an, womit man eine Lektüre meint, die einzig und allein
durch die persönliche, subjektive Eingebung geleitet ist und die diese
Eingebung nähren soll. Einige suchen in der Bibel den Christus ihrer
persönlichen Auffassung und die Befriedigung ihrer spontanen Religiosität.
Andere behaupten, in ihr direkte Antworten auf vielerlei persönliche und die
Gemeinschaft betreffende Fragen zu finden. Viele Sekten bieten eine
Interpretation als allein wahr an, die sie, so behaupten sie, in einer
Offenbarung erhalten hätten.
B. Ziel dieses Dokumentes
Es geht also darum, die verschiedenen Aspekte der heutigen Situation in
bezug auf die Interpretation der Bibel ernsthaft zu bedenken, Kritik, Klagen
und Erwartungen aufmerksam anzuhören und die durch die neuen Methoden und
Zugänge eröffneten Möglich keiten zu nützen. Schließlich soll die
Orientierung, die dem Auftrag der Exegese in der katholischen Kirche am besten
entspricht, genau bestimmt werden.
Das ist das Ziel dieses Dokumentes. Die Päpstliche Bibelkommission möchte
die Wege aufzeigen, die zu einer dem menschlichen und zugleich göttlichen
Charakter der Bibel möglichst getreuen Auslegung führen. Sie erhebt nicht
den Anspruch, zu allen Fragen Stellung zu beziehen, die sich in bezug auf die
Bibel stellen, wie z.B. die Theologie der Inspiration. Sie will nur die
Methoden prüfen, die erlauben sollen, den ganzen Reichtum, der in den
biblischen Texten enthalten ist, zu erschließen, damit das Wort Gottes immer
mehr zur geistigen Nahrung für die Glieder seines Volkes werden kann, zur
Quelle für ein Leben aus dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe und zum
Licht für die ganze Menschheit (vgl. Dei Verbum, 21).
Um dieses Ziel zu erreichen, will dieses Dokument:
1. eine kurze Beschreibung der verschiedenen Methoden und Zugänge (1) mit
ihren Möglichkeiten und Grenzen geben;
2. Fragen der Hermeneutik ansprechen;
3. Überlegungen über die spezifischen Dimensionen der katholischen
Interpretation der Bibel und über ihren Bezug zu den andern theologischen
Disziplinen vorlegen;
4. die Stellung erwägen, die der Interpretation der Bibel im Leben der Kirche
zukommt.
I. Methoden und Zugänge für die Interpretation
A. Historisch-kritische Methode
Die historisch-kritische Methode ist die unerläßliche Methode für die
wissenschaftliche Erforschung des Sinnes alter Texte. Da die Heilige Schrift,
als „Wort Gottes in menschlicher Sprache“, in all ihren Teilen und Quellen
von menschlichen Autoren verfaßt wurde, läßt ihr echtes Verständnis diese
Methode nicht nur als legitim zu, sondern es erfordert auch ihre Anwendung.
1. Zur Geschichte dieser Methode
Will man diese Methode in ihrem heutigen Stand richtig bewerten, muß man
einen Blick auf ihre Geschichte werfen. Gewisse Elemente dieser
Interpretationsmethode sind sehr alt. Sie wurden in der Antike von
griechischen Kommentatoren der klassischen Literatur angewandt und später, in
der patristischen Zeit, von Autoren wie Origenes, Hieronymus und Augustinus.
Die Methode war damals noch wenig ausgearbeitet. Ihre modernen Formen sind das
Ergebnis von Vervollkommnungen, besonders seit den Humanisten der Renaissance
und ihrem recursus ad fontes. Die Textkritik des Neuen Testamentes entwickelte
sich jedoch als wissenschaftliche Disziplin erst seit etwa 1800, nachdem man
sich vom Textus receptus losgelöst hatte, während die Literarkritik schon
auf das 17. Jahrhundert zurück geht. Bahnbrechend war das Werk von Richard
Simon, der die Aufmerksamkeit auf die Doppelungen, die Differenzen im Inhalt
und auf die Stilunterschiede, wie man sie im Pentateuch feststellen kann,
lenkte, Feststellungen, die mit der Vorstellung eines einzigen Autors Mose
nicht vereinbar sind. Im 18. Jahrhundert genügte für Jean Astruc noch die
Erklärung, Mose hätte sich eben verschiedener Quellen bedient (besonders
zweier Hauptquellen), um das Buch Genesis zu verfassen. Doch die Kritik
bestritt in der Folge immer entschiedener die Verfasserschaft Moses für den
Pentateuch selbst. Die Literarkritik beschränkte sich lange Zeit auf das
Bestreben, in den Texten die verschiedenen Quellen (Dokumente) voneinander zu
scheiden. So entwickelte sich dann im 19. Jahrhundert die „Urkundenhypothese“,
die der Redaktion des Pentateuchs Rechnung zu tragen versucht. Vier zum Teil
parallele Dokumente bzw. Quellenschriften aus verschiedenen Epochen wären
miteinander verschmolzen worden: der Jahwist (J), der Elohist (E), das
Deuteronomium als Quelle (D) und die Priesterschrift (P). Die letztere hätte
dem Endredaktor dazu gedient, das Ganze zu strukturieren. In analoger Weise
berief man sich auf die Zweiquellenhypothese, um die beobachteten
Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen den drei synoptischen Evangelien
zu erklären; gemäß dieser Hypothese wären die Evangelien von Matthäus und
Lukas aufgrund zweier Hauptquellen entstanden: dem Evangelium von Markus
einerseits, und andererseits einer Sammlung von Worten Jesu (genannt Q =
Quelle). Im wesentlichen werden diese beiden Hypothesen auch heute noch in der
wissenschaftlichen Exegese vertreten, sind jedoch auch umstritten.
Im Bestreben, die Chronologie der biblischen Texte zu erstellen,
beschränkte sich die Literarkritik auf die Abtrennung und Zergliederung von
Texteinheiten, um die verschiedenen Quellen zu unterscheiden. Sie wendete der
Endgestalt des biblischen Textes nicht genügend Aufmerksamkeit zu. Die
Botschaft, die dieser in seiner jetzigen Form zum Ausdruck bringt, war ihr
nicht von Bedeutung (man zeigte wenig Achtung für das Werk der Redaktoren).
Aus diesem Grunde konnte die historisch-kritische Methode als zersetzend und
zerstörerisch erscheinen, dies um so mehr, als gewisse Exegeten unter dem
Einfluß der vergleichenden Religionsgeschichte, so wie sie damals gepflegt
wurde, oder philosophischer Anschauungen negative Urteile über die Bibel
äußerten.
Hermann Gunkel hat die Methode aus dem Ghetto einer engverstandenen
Literarkritik herausgeführt. Obwohl er die Bücher des Pentateuchs (2)
weiterhin als Sammelwerke betrachtete, so wandte er doch seine Aufmerksamkeit
der besonderen Beschaffenheit der verschiedenen Abschnitte zu. Er versuchte,
die Gattung jeder einzelnen Einheit (z.B. „Legende“ oder „ Hymnus“),
sowie ihre Herkunft oder ihren „Sitz im Leben“ (z.B. Rechtswesen, Liturgie
usw.) zu bestimmen. Mit dieser Erforschung der literarischen Gattungen ist die
„kritische Erforschung der Formen“ verbunden, die „Formgeschichte“,
die in die Exegese der Synoptiker durch Martin Dibelius und Rudolf Bultmann
eingeführt wurde. Letzterer verband das Studium der Formgeschichte mit einer
biblischen Hermeneutik, die bei der existentialistischen Philosophie von
Martin Heidegger Anregung suchte. Die Folge davon war, daß die Formgeschichte
oft zu ernsthaften Vorbehalten führte. Doch diese Methode an und für sich
führte zum Ergebnis, daß deutlich wurde, wie die neutestamentliche
Überlieferung ihre Herkunft (3) in der christlichen Gemeinde hatte, und ihre
Form von der Urkirche empfing, daß sie von der Verkündigung Jesu selbst zur
Verkündigung über Jesus als dem Christus gelangte. Zur Formgeschichte
gesellte sich die Redaktionsgeschichte, eine kritische Untersuchung der
Redaktion. Diese versuchte, den persönlichen Beitrag jedes Evangelisten und
die theologische Ausrichtung, die seiner Redaktionsarbeit zugrunde lag,
hervorzuheben. Durch die Anwendung dieser letzten Methode wurde die Reihe der
verschiedenen Schritte der historisch-kritischen Methode vollständiger: von
der Textkritik kommt man zur Literarkritik, die die Texte zerlegt
(Quellenforschung), dann zu einer kritischen Erforschung der Formen und
schließlich zu einer redaktionsgeschichtlichen Analyse, die dem Text als
ganzem ihre Aufmerksamkeit schenkt. So wurde ein klareres Verständnis der
Absicht der Verfasser und der Redaktoren der Bibel möglich, und dadurch auch
der Botschaft, die sie den ersten Empfängern vermitteln wollten. Die
historisch-kritische Methode gewann dadurch eine hervorragende Bedeutung.
2. Prinzipien
Die Grundprinzipien der historisch-kritischen Methode in ihrer klassischen
Form sind die folgenden: Es ist eine historische Methode; nicht nur, weil sie
sich auf alte Texte bezieht — im vorliegenden Fall auf die der Bibel — und
deren historische Tragweite erforscht, sondern auch und vor allem, weil sie
versucht, den historischen Prozeß der Entstehung der biblischen Texte zu
klären: dieser diachrone Prozeß war oft kompliziert und von langer Dauer. In
den verschiedenen Stadien ihrer Entstehung wandten sich die Bibeltexte an
verschiedene Kategorien von Zuhörern oder Lesern, die sich in verschiedenen
Situationen in Raum und Zeit befanden.
Es ist eine kritische Methode, denn sie arbeitet in ihrem ganzen Vorgehen
(von der Textkritik bis zur Redaktionskritik) mit Hilfe wissenschaftlicher,
möglichst objektiver Kriterien, um so dem heutigen Leser den Zugang zum
Inhalt der biblischen Texte zu ermöglichen, deren Sinn oft schwer zu erfassen
ist.
Als analytische Methode erforscht sie den biblischen Text auf die gleiche
Art und Weise wie sie jeden anderen Text der Antike erforscht. Sie erläutert
ihn als Erzeugnis der menschlichen Sprache. Sie hilft dadurch aber dem
Exegeten, vor allem in der Erforschung der Redaktion der Texte, den Inhalt der
in der Bibel enthaltenen göttlichen Offenbarung besser zu erfassen.
3. Beschreibung
Im derzeitigen Stand ihrer Entwicklung durchläuft die historisch-kritische
Methode folgende Etappen:
Die Textkritik, die seit langer Zeit geübt wird, eröffnet die
Reihe der wissenschaftlichen Forschungsvorgänge. Indem sie sich auf das
Zeugnis der ältesten und besten Manuskripte stützt, wie auch auf die Papyri,
die alten Übersetzungen und die Patristik, versucht sie, nach bestimmten
Regeln, einen biblischen Text zu erstellen, der dem Originaltext so nahe wie
möglich kommt.
Danach wird der Text einer linguistischen (morphologischen und
syntaktischen) und semantischen Analyse unterzogen, die die Erkenntnisse der
historisch-philologischen Forschung benützt. Die Literarkritik bemüht sich
dann, Anfang und Ende der großen und kleinen Texteinheiten zu bestimmen und
die innere Kohärenz des Textes zu prüfen. Die Existenz von Dubletten,
unvereinbaren Gegensätzen und anderen Indizien lassen den zusammengesetzten
Charakter gewisser Texte erkennen; man unterteilt sie in kleine Einheiten, um
deren mögliche Zugehörigkeit zu verschiedenen Quellen zu ermitteln. Die
Gattungskritik versucht, die literarischen Gattungen, ihr Ursprungsmilieu,
ihre spezifischen Merkmale und ihre Entwicklung zu bestimmen. Die
Traditionskritik situiert die Texte in den Überlieferungsströmen, deren
Entwicklung im Laufe der Geschichte sie zu präzisieren versucht. Die
Redaktionskritik schließlich untersucht die Veränderungen, die die Texte
erfahren haben, bevor sie zu ihrer endgültigen Form gelangten; sie analysiert
diese Endgestalt, indem sie die Texte unter dem Gesichtspunkt ihrer jeweiligen
Orientierungen voneinander unterscheidet. Während man in den früheren
Schritten versucht hat, den Text in seinem Werden in einer diachronen
Perspektive zu erklären, so schließt dieser letzte Schritt mit einer
synchronen Untersuchung: Man erläutert nun den Text als solchen, dank der
gegenseitigen Beziehungen der verschiedenen Elemente untereinander, und
betrachtet ihn unter dem Gesichtspunkt einer Botschaft, die der Verfasser
seinen Zeitgenossen vermitteln will. So kann auch die pragmatische Funktion
des Textes berücksichtigt werden.
Wenn die untersuchten Texte einer historischen literarischen Gattung
(4) angehören oder in Verbindung mit geschichtlichen Ereignissen stehen, so
ergänzt die historische Kritik die Literarkritik, um die geschichtliche
Bedeutung des Textes im modernen Sinn des Ausdrucks festzustellen.
Auf diese Weise werden die verschiedenen Stufen der konkreten Entwicklung
der biblischen Offenbarung ans Licht gebracht. 4. Bewertung Welcher Wert
kommt der historisch-kritischen Methode zumal im gegenwärtigen Stand ihrer
Entwicklung zu? Wenn diese Methode auf objektive Weise angewendet wird,
schließt sie kein Apriori in sich. Wenn solche Apriori ihre Anwendung
bestimmen, so kommt dies nicht von der Methode her, sondern von
hermeneutischen Optionen, die die Auslegung bestimmen und tendenziös sein
können. Zu Beginn war die Methode auf Quellenkritik und Religionsgeschichte
ausgerichtet; doch danach ergab sich, daß sie einen neuen Zugang zur Bibel
eröffnete, indem sie aufzeigte, daß diese eine Sammlung von Schriften ist,
die meistens, besonders im Alten Testament, nicht von einem einzigen Verfasser
stammen, sondern eine lange Vorgeschichte haben. Diese wiederum ist
unentwirrbar mit der Geschichte Israels oder derjenigen der Urkirche
verflochten. Vorher war sich die jüdische und christliche Auslegung der Bibel
der konkreten historischen Gegebenheiten, in denen das Wort Gottes Wurzeln
gefaßt hatte, nicht so klar bewußt. Ihre Kenntnis war summarisch und
unscharf. Die Konfrontation der traditionellen Exegese mit einer
wissenschaftlichen Methode, die in ihren Anfängen bewußt vom Glauben absah,
ihm manchmal sogar widersprach, war gewiß ein schmerzlicher Prozeß; doch
später stellte er sich als heilsam heraus: nachdem die Methode endlich von
den ihr anhaftenden Voreingenommenheiten befreit war, führte sie zu einem
genaueren Verständnis der Wahrheit der Heiligen Schrift (vgl. Dei Verbum,
12). Gemäß Divino afflante Spiritu ist die Erforschung des
Literalsinnes der Heiligen Schrift eine wesentliche Aufgabe der Exegese. Um
diese Aufgabe zu erfüllen, ist es notwendig, die literarische Gattung der
Texte zu bestimmen (vgl. EnchB 560). Dazu ist die Hilfe der
historisch-kritischen Methode unentbehrlich. Gewiß, die klassische
Anwendung der historisch-kritischen Methode zeigt auch Grenzen, denn sie
beschränkt sich auf die Forschung nach dem Sinn des biblischen Textes in den
historischen Bedingungen seiner Entstehung und interessiert sich nicht für
die weiteren Sinnmöglichkeiten, die im Verlauf späterer Epochen der
biblischen Offenbarung und Kirchengeschichte zu Tage getreten sind. Gleich
wohl hat diese Methode zu exegetischen und bibeltheologischen Werken von
großem Wert beigetragen. Seit langem hat man auf eine Vermischung der
Methode mit einem philosophischen System verzichtet. Jüngst hat eine
exegetische Tendenz die Methode im Sinn einer Betonung der Textgestalt auf
Kosten des Interesses für seinen Inhalt umgebogen. Doch wurde diese Tendenz
durch eine differenzierte Semantik (Semantik der Worte, der Sätze, des
Textes) und die Erforschung der pragmatischen Dimension der Texte korrigiert. Was
den Einschluß einer synchronen Analyse der Texte in die Methode betrifft,
muß man anerkennen, daß es sich um ein legitimes Unterfangen handelt. Denn
der Text in seiner Endgestalt und nicht in irgendeiner früheren Fassung ist
der Ausdruck von Gottes Wort. (5) Die diachrone Rekonstruktion bleibt jedoch
unentbehrlich, um die geschichtliche Dynamik, die der Heiligen Schrift
innewohnt, und ihre reiche Komplexität aufzuzeigen: so spiegelt z.B. das
Bundesbuch (Ex 21-23) eine andere politische, soziale und religiöse
Situation der israelitischen Gesellschaft wieder als die anderen
Gesetzessammlungen im Deuteronomium (Dtn 12- 26) oder im Buch Levitikus
(Heiligkeitsgesetz, Lev 17 -26). Man konnte der alten
historisch-kritischen Exegese ihre historistische Tendenz vorwerfen, doch darf
man auch nicht in das gegenteilige Extrem verfallen, d.h. in eine
ausschließlich synchrone Exegese, die die Geschichte der Texte ignoriert. So
ist es Ziel der historisch-kritischen Methode, in vorwiegend diachroner Weise
den Sinn hervorzuheben, den die Verfasser und Redaktoren ausdrücken wollten.
Zusammen mit anderen Methoden und Zugängen öffnet sie so dem modernen Leser
den Zugang zum Verständnis der Bibeltexte, wie sie heute vorliegen. B.
Neue Methoden der literarischen Analyse Keine wissenschaftliche Methode
der Erforschung der Bibel kann dem Reichtum der biblischen Texte ganz gerecht
werden. So kann auch die historisch-kritische Methode nicht den Anspruch
erheben, allem zu genügen. Sie läßt unweigerlich zahlreiche Aspekte der
Texte, die sie erforscht, im dunkeln. Es ist deshalb nicht erstaunlich, daß
heute auch andere Methoden und Zugänge vorgeschlagen werden, um den einen
oder andern wichtigen Aspekt eines Textes tiefer zu erfassen. In diesem
Abschnitt (B) möchten wir einige jüngst entwickelte Methoden der
literarischen Analyse vorstellen. In den folgenden Abschnitten (C, D, E)
werden wir kurz verschiedene neue Zugänge prüfen; die einen beziehen sich
auf Forschungen zur Tradition, andere auf die „Geisteswissenschaften“,
andere wieder auf besondere zeitgenössische Situationen. Schließlich (F)
werden wir uns der fundamentalistischen Lektüre der Bibel zuwenden, die jede
methodische Interpretationsbemühung ablehnt. Die biblische Exegese, die die
Fortschritte der heutigen Sprach- und Literaturwissenschaften nutzt, macht
sich immer mehr die neuen Methoden der Literaturanalysen zu eigen, besonders
die rhetorische, narrative und semiotische Analyse. 1. Die rhetorische
Analyse In Wirklichkeit ist die rhetorische Analyse als solche keine neue
Methode. Neu ist einerseits ihre systematische Anwendung auf die
Interpretation der Bibel und andererseits die Entstehung und Entwicklung einer
„Neuen Rhetorik“. Die Rhetorik ist die Kunst, mit einer Rede zu überzeugen. Da
im Grunde genommen alle biblischen Texte bis zu einem gewissen Grad überzeugen
wollen, gehört eine gewisse Kenntnis der Rhetorik zum normalen Rüstzeug der
Exegeten. Die rhetorische Analyse muß kritisch angewendet werden, denn die
wissenschaftliche Exegese muß kritischen Ansprüchen genügen. Viele neuere
biblische Forschungen haben der Rhetorik in der Heiligen Schrift große
Aufmerksamkeit geschenkt. Man kann drei veschiedene Zugänge unterscheiden.
Der erste stützt sich auf die klassische, griechisch-lateinische Rhetorik;
der zweite widmet seine Aufmerksamkeit den Abfassungsprozessen im semitischen
Kulturraum; der dritte geht von modernen Erkenntnissen aus, die man „Neue
Rhetorik“ nennt. Jede Rede wird in einer bestimmten Situation gehalten,
die aus drei Elementen besteht: der Redner (oder Verfasser), die Rede (oder
der Text) und die Hörerschaft (oder die Empfänger). Die klassische Rhetorik
unterscheidet somit drei Überzeugungsfaktoren, die zur Qualität einer Rede
beitragen: die Autorität des Redners, die Argumentation der Rede und die
Emotionen, welche die Rede in der Hörerschaft auslöst. Verschiedenheit von
Situation und Hörerschaft beeinflussen die Rede sehr stark. Seit Aristoteles
unterscheidet die klassische Rhetorik drei Redegattungen: die forensische (vor
dem Gericht), die beratende (in den politischen Versammlungen) und die
anschauliche (bei Feiern). In der hellenistischen Kultur hatte die Rhetorik
einen enormen Einfluß. Aus diesem Grund benützt eine immer größere Zahl
von Exegeten die klassische Literatur zur Rhetorik, um gewisse Aspekte der
biblischen Schriften, besonders des Neuen Testaments, genauer analysieren zu
können. Andere Exegeten wiederum richten ihre Aufmerksamkeit auf die
spezifischen Merkmale der biblischen Literaturtradition. Da diese in der
semitischen Kultur beheimatet ist, hat sie, wie die semitische Kultur ganz
allgemein, eine betonte Vorliebe für symmetrische Kompositionen, die zwischen
den verschiedenen Textelementen Verbindungen schaffen. Die Erforschung der
vielfältigen Formen des Parallelismus und anderer semitischer
Kompositionsweisen erlaubt es, die literarische Struktur der Texte besser zu
erfassen und dadurch zu einem besseren Verständnis ihrer Botschaft zu
gelangen. Die „Neue Rhetorik“ geht von einem allgemeineren
Standpunkt aus. Sie will nicht nur eine Art Inventar der Stilfiguren, der
Redekunst und der Gattungen von Rede sein. Sie erforscht, warum dieser oder
jener spezifische Sprachgebrauch hier oder dort wirksam ist und Überzeugung
wecken kann. Sie will „realistisch“ sein, indem sie sich nicht einfach auf
eine Formanalyse beschränkt. Sie widmet der Situation des Gesprächs die
notwendige Beachtung. Sie erforscht Stil und Komposition als Mittel zu dem
Zweck, die Hörerschaft zu beeinflussen. Zu diesem Zweck profitiert sie von
den neueren Forschungsergebnissen gewisser Disziplinen wie Semiotik,
Anthropologie und Soziologie. Will man die „Neue Rhetorik“ auf die Bibel
anwenden, so heißt dies, daß sie bis zum Kern der Sprache der Offenbarung
als religiöse Sprache, die überzeugen soll, vordringen und ihre Wirkung im
Kontext der sozialen Kommunikation bestimmen will. Die rhetorischen Analysen
verdienen hohe Beachtung, besonders in ihren jüngsten Ergebnissen, denn diese
bereichern die kritische Erforschung der Texte. Sie beheben eine lange
Vernachlässigung und lassen ursprüngliche Perspektiven hervortreten oder
setzen sie neu ins Licht. Die „Neue Rhetorik“ zieht zu Recht die
Aufmerksamkeit auf die Überzeugungskraft der Sprache. Die Bibel ist nicht
einfach eine Bekundung von Wahrheiten. Sie ist Botschaft und hat
Kommunikationsfunktion in einem bestimmten Kontext. Dieser Botschaft liegt
eine Argumentationsdynamik und eine rhetorische Strategie zugrunde. Die
rhetorischen Analysen haben jedoch auch ihre Grenzen. Sind sie rein
deskriptiv, so haben ihre Ergebnisse oft nur stilistisches Interesse. Wegen
ihrer Synchronie können sie nicht behaupten, eine unabhängige Methode
darzustellen, die sich selbst genügte. Ihre Anwendung auf biblische Texte
wirft Fragen auf: Gehörten die Verfasser dieser Texte einem hochkultivierten
Milieu an? Bis zu welchem Punkt benützten sie bei der Abfassung ihrer Texte
die Rhetorikregeln? Welche Rhetorik ist für die Analyse solcher Texte
geeigneter: die griechisch-lateinische oder die semitische? Ist man nicht versucht,
gewissen biblischen Texten eine allzu entwickelte Rhetorik zuzuschreiben?
Solche und andere Fragen wollen selbstverständlich vom Gebrauch solcher
Analysen nicht abraten; sie wollen nur davor warnen, sich ihrer ohne
Unterscheidung zu bedienen. 2. Die narrative Analyse Die narrative
Exegese bietet eine Verständnis- und Kommunikations-Methode für die
biblische Botschaft, die deren Erzählungs- und Zeugnischarakter entspricht.
Dieser Charakter ist eine Hauptform der Kommunikation zwischen Menschen und
somit eine Charakteristik auch der Heiligen Schrift. In ihr legt das Alte
Testament eine Heilsgeschichte dar, deren Erzählung sich auswirkt und zum
Inhalt des Glaubensbekenntnisses, der Liturgie und der Katechese führt (vgl. Ps
78, 3-4; Ex 12, 24-27; Dtn 6,20 -25; 26,5 -11). Die
Verkündigung des christlichen Kerygmas ihrerseits enthält die
Erzählungsfolge von Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi, Geschehnisse,
deren ausführliche Erzählung in den Evangelien enthalten ist. Auch die
Katechese bietet sich in narrativer Form dar (vgl. 1 Kor 11 , 23- 25). Was
die narrativen Zugänge betrifft, ist es wichtig, analytische Methoden und
theologische Reflexion zu unterscheiden. Zahlreiche analytische Methoden
werden heute verwendet. Die einen gehen von der Erforschung der narrativen
Modelle der Vergangenheit aus. Die andern stützen sich auf aktuelle „Narratologien“,
die gewisse Gemeinsamkeiten mit der Semiotik haben können. Die narrative
Analyse widmet ihre Aufmerksamkeit besonders den Textelementen, auf denen der
Spannungsbogen, die Charaktere und der Gesichtspunkt des Erzählers beruhen;
sie erforscht die Art und Weise, wie eine Geschichte erzählt wird, um den
Leser in „die Welt der Erzählung“ und ihr Wertsystem miteinzubeziehen. Verschiedene
Methoden unterscheiden zwischen „realem Autor“ und „implizitem Autor“,
zwischen „realem Leser“ und „implizitem Leser“. Der „reale Autor“
ist derjenige, der die Erzählung verfaßt hat. Mit "implizitem Autor“
bezeichnet man das Bild des Autors, so wie es der Text nach und nach durch die
Lektüre erscheinen läßt (seine Kultur, sein Temperament, seine Tendenzen,
sein Glaube usw.). Beim „realen Leser“ geht es um alle Personen, die
Zugang zum Text haben, angefangen von den ersten Empfängern, die ihn gelesen
oder gehört haben, bis zu den heutigen Lesern oder Hörern. Unter dem „impliziten
Leser“ versteht man denjenigen, der vom Text vorausgesetzt oder produziert
wird, der fähig ist, die notwendigen geistigen und affektiven Bewegungen zu
vollziehen, um in die Welt der Erzählung einzutreten und so darauf zu
antworten, wie es der reale Autor durch den impliziten Autor erstrebt. Ein
Text übt seinen Einfluß solange aus, als die realen Leser (z.B. wir, am Ende
des 20. Jahrhunderts) sich mit dem impliziten Leser identifizieren können. Es
ist eine der wichtigsten Aufgaben der Exegese, diese Identifikation zu
erleichtern. Aus der narrativen Analyse entsteht eine neue Art und Weise,
die Tragweite der Texte zu ermessen. Während die historisch-kritische Methode
den Text eher als „Fenster“ sieht, das Beobachtungen zu einer gegebenen
Epoche erlaubt (nicht nur zu den erzählten Einzelheiten, sondern auch zur
Situation der Gemeinschaft, für welche die Erzählung bestimmt war), so hebt
man nun hervor, daß der Text auch die Funktion eines „Spiegels“ hat , in
dem Sinne, daß er ein bestimmtes Bild der Welt widerspiegelt – der „Welt
der Erzählung“ –, das seinen Einfluß auf den Leser ausübt und ihn
veranlaßt, bestimmte Werte anzunehmen. Die theologische Reflexion hat sich
mit dieser spezifisch literarischen Forschungsgattung verbunden, um den
Einfluß der Erzählungsart – also des Zeugnisses – der Heiligen Schrift
auf die Annahme des Glaubens zu bestimmen und von da aus eine Hermeneutik für
das konkrete Leben und für die Pastoral abzuleiten. Das ist eine Reaktion auf
die Reduktion des inspirierten Textes auf eine Reihe theologischer Thesen, die
nach Kategorien und in einer Sprache formuliert sind, die nicht biblisch sind.
Man erwartet von der narrativen Exegese, daß sie in neuen historischen
Kontexten die Bedeutungs- und Kommunikationsformen des biblischen Erzählens
transponiert, um so seine Wirkkraft für das Heil besser erfahren zu lassen.
Es wird auf die Notwendigkeit Gewicht gelegt, „das Heil zu erzählen“ („informativer“
Aspekt der Erzählung) und es „im Blick auf das Heil zu erzählen“ („performativer“
Aspekt). Explizit oder implizit enthält ja die biblische Erzählung
tatsächlich einen existentiellen Anruf an den Leser. Die narrative Analyse
ist für die Exegese der Bibel offensichtlich von Nutzen, denn sie entspricht
der narrativen Natur einer sehr großen Zahl biblischer Texte. Sie kann dazu
beitragen, den oft mühsamen Übergang vom Sinn des Textes in seinem
historischen Kontext – so wie die historisch-kritische Methode ihn zu
definieren versucht – zur Bedeutsamkeit des Textes für den heutigen Leser
zu erleichtern. Demgegenüber nimmt die Komplexität der
Interpretationsprobleme mit der Unterscheidung von „realem Autor“ und „implizitem
Autor“ zu. Was
die Bibel betrifft, kann sich die narrative Analyse nicht damit begnügen,
dieser irgendwelche vorfabrizierte Modelle überzustülpen. Die Analyse muß
sich bemühen, der Eigenart der Bibel Rechnung zu tragen. Der synchrone Zugang
zu den Texten muß durch diachrone Forschungen ergänzt werden. Ferner muß
sie sich vor der möglichen Tendenz hüten, jede systematisierende, lehrhaft
formulierte Interpretation der in der Bibel enthaltenen Erzählungen
auszuschließen. Sie würde dadurch in Widerspruch treten zur biblischen
Tradition, die solche lehrhaften Texte enthält, und zur kirchlichen
Tradition, die auf diesem Weg weitergegangen ist. Und schließlich darf man
die existentielle subjektive Wirksamkeit des auf narrative Weise
übermittelten Wortes Gottes nicht als ausreichendes Kriterium für allein
wahre Interpretation betrachten. 3. Die semiotische Analyse Unter den
sogenannten synchronen Methoden, d.h. den Methoden, die sich auf die
Erforschung des biblischen Textes konzentrieren, so wie er sich in seiner
Endfassung darbietet, finden wir die semiotische Analyse, die sich in den
letzten zwanzig Jahren in gewissen Kreisen sehr stark entwickelt hat. Diese
Methode, die zuerst mit dem allgemeinen Begriff „ Strukturalismus“
bezeichnet wurde, hat zu ihrem Ahnen den schweizerischen Linguisten Ferdinand
de Saussure. Dieser hat zu Beginn dieses Jahrhunderts eine Theorie
ausgearbeitet, nach der jede Sprache ein System von Beziehungen ist, das
bestimmten Regeln gehorcht. Linguisten und Literaturwissenschaftler nahmen
entscheidend Einfluß auf die Entwicklung der Methode. Die Mehrheit der
Bibliker, die die Semiotik für die Erforschung der Bibel benützen, beruft
sich auf Algirdas J. Greimas und die Pariser Schule, deren Gründer er ist.
Ähnliche Methoden oder Zugänge, die auf der modernen Linguistik gründen,
entwickelten sich aber auch anderswo. Wir wollen hier als ein Beispiel kurz
die Methode Greimas’ vorstellen und analysieren. Die Semiotik ruht auf drei
Hauptprinzipien oder Hauptvoraussetzungen: Das Immanenzprinzip: jeder
Text formt eine Bedeutungseinheit; die Analyse betrachtet den ganzen Text,
doch nur den Text; sie stützt sich auf keine „äußeren“ Gegebenheiten
wie z.B. Verfasser, Empfänger, erzählte Ereignisse oder
Redaktionsgeschichte. Das Prinzip der Sinnstruktur: einen Sinn gibt
es nur durch und in der Beziehung, besonders in der Beziehung der Differenzen
zueinander; die Analyse eines Textes besteht somit darin, das Netz der
Beziehungen zwischen den Elementen zu ermitteln (Oppositionen,
Identifikationen), woraus sich dann der Sinn des Textes ergibt. Das Prinzip
der Textgrammatik: jeder Text benützt eine Grammatik, d.h. eine gewisse
Anzahl von Regeln oder Strukturen; in einer Einheit von Sätzen, die man Rede
nennt, gibt es verschiedene Ebenen, von denen jede ihre eigene Grammatik hat. Der
Gesamtinhalt eines Textes kann auf drei Ebenen analysiert werden: Narrative
Ebene: In einem Text werden die Veränderungen erforscht, die zwischen der
Anfangs- und der Schlußsituation stattgefunden haben. Innerhalb eines
narrativen Bogens sucht die Analyse die verschiedenen Phasen herauszuarbeiten,
die miteinander logisch verbunden sind und zur Transformation geführt haben.
In jeder dieser Phasen präzisiert man die Beziehungen zwischen den „Rollen“,
die von „Aktanten“ ausgeführt werden, die die Situationen definieren und
die Transformation herbeiführen. Diskursive Ebene: Die Analyse
besteht in drei Arbeitsgängen: (a) die Figuren, d.h. die Bedeutungselemente
eines Textes (handelnde Personen, Zeit und Ort) werden bestimmt und
klassifiziert; (b) die Bahn, die jede Figur eines Textes durchläuft, wird
bestimmt, um festzustellen, in welcher Weise dieser Text sie benützt; (c) die
thematischen Werte der Figuren werden untersucht; diese Untersuchung besteht
in der Beantwortung derFrage, „in wessen Namen“ (=Wert) die Personen in
einem gegebenen Text gerade diese Entwicklung durchlaufen. Logisch-semantische
Ebene: Diese ist die tiefste Ebene. Sie ist auch die abstrakteste. Sie
beruht auf dem Postulat, daß jeder Rede und ihrer narrativen und diskursiven
Gestaltung logische Formen und Formen des Bedeutens zugrunde liegen. Auf
dieser Ebene besteht die Analyse darin, die Logik zu präzisieren, die den
grundlegenden Gliederungen des erzählerischen und figurativen Bogens eines
Textes innewohnt. Zu diesem Zweck wird oft ein Instrument verwendet, das man
„semiotisches Viereck“ ( „carré sémiotique“) nennt; es benützt die
Beziehungen zwischen zwei „ gegensätzlichen“ und zwei „sich
widersprechenden“ Ausdrücken (z.B. weiß und schwarz; weiß und
nicht-weiß, schwarz und nicht-schwarz). Die Theoretiker bauen die
semiotische Methode immer weiter aus. Die gegenwärtigen Forschungen beziehen
sich namentlich auf die „Ausdrucksweise“ („Enonciation“) und auf die
„Intertextualität“. Zuerst wurde diese Methode auf die erzählenden Texte
der Heiligen Schrift angewendet, da sich diese besser dazu eignen. Doch
überträgt man sie immer mehr auch auf andere Gattungen biblischer
Darstellung. Diese sehr geraffte Beschreibung der Semiotik und vor allem die
Darstellung ihrer Voraussetzungen lassen den Gewinn und die Grenzen dieser
Methode bereits erahnen. Indem sie vermehrt darauf aufmerksam macht, daß
jeder biblische Text ein kohärentes Ganzes ist, das bestimmten linguistischen
Gesetzen gehorcht, trägt die Semiotik zu unserem Verständnis der Bibel, dem
Wort Gottes in menschlicher Sprache bei. Die Semiotik kann zur Erforschung
der Bibel nur dann gebraucht werden, wenn man diese Methode der Analyse von
gewissen in der strukturalistischen Philosophie entwickelten Voraussetzungen
freimacht, d.h. wenn man sie von der Negierung des erzählenden Subjekts und
des außertextlichen Bezugs löst. Die Bibel ist ein Wort über die
Wirklichkeit. Gott hat es in einer Geschichte gesprochen. In ihr wendet er
sich auch heute noch an uns durch die Vermittlung von menschlichen Verfassern.
Der semiotische Zugang muß für die Geschichte offen sein: zuerst für die
Geschichte der Akteure der Texte, dann für die der Textverfasser und für die
ihrer Leser. Bei denjenigen, die die semiotische Analyse verwenden, ist das
Risiko groß, sich mit einer formellen Erforschung des Inhaltes zu begnügen
und so an der Botschaft der Texte vorbeizugehen. Wenn die semiotische
Analyse sich nicht in den Labyrinthen einer komplizierten Sprache verliert,
wenn sie in einfacher Sprache in ihren Hauptelementen dargelegt wird, kann sie
in uns Christen das berechtigte Bedürfnis wecken, den biblischen Text zu
studieren und seine Sinndimensionen zu entdecken, auch wenn wir nicht im
Besitz aller historischer Kenntnisse sind, die sich auf den Text und seine
sozio-kulturelle Welt beziehen. So kann sich diese Methode selbst in der
Seelsorge, besonders für eine Aneignung der Heiligen Schrift in nicht
spezialisierten Kreisen (6), als nützlich erweisen. C. Auf die Tradition
gegründete Zugänge zur Heiligen Schrift Obschon sich die oben
dargestellten literarischen Methoden von der historisch-kritischen Methode
durch größere Gewichtung der inneren Einheit der erforschten Texte
unterscheiden, genügen sie allein für die Interpretation der Bibel nicht, da
sie jeden Text isoliert für sich untersuchen. Die Bibel ist aber nicht
einfach eine Sammlung von Texten ohne Beziehungen untereinander. Sie ist
vielmehr eine Einheit von Zeugnissen einer einzigen großen Tradition. Um
ihrem Forschungsgegenstand zu entsprechen, muß die biblische Exegese dieser
Tatsache Rechnung tragen. Mehrere moderne Zugänge zur Heiligen Schrift werden
in dieser Perspektive verständlich. 1. Kanonischer Zugang („Kanonkritik“) Der
„kanonische“ Zugang entstand vor ca. zwanzig Jahren in den USA. Nachdem
festgestellt worden ist, daß es der historisch-kritischen Methode manchmal
schwerfällt, theologisch relevante Ergebnisse zu erzielen, möchte der „kanonische“
Zugang eine theologische Interpretationsmethode anwenden, die sich explizit im
Rahmen des Glaubens bewegt: sie stützt sich auf die Bibel als Ganzes. Jeder
biblische Text wird demgemäß im Lichte des Kanons der Heiligen Schrift
interpretiert, d.h. im Licht der Bibel als Weisung für den Glauben einer
Gemeinschaft von Gläubigen. Die Methode sucht jeden Text innerhalb des
einzigen Planes Gottes zu situieren, um eine Aktualisierung der Heiligen
Schrift für unsere Zeit anzustreben. Dadurch soll die historisch-kritische
Methode nicht ersetzt, sondern ergänzt werden. Es wurden zwei verschiedene
Gesichtspunkte vorgeschlagen: Brevard S. Childs konzentriert sein Interesse
auf die kanonische Endform des Textes (Buch oder Sammlung von Büchern), die Form,
die von der Gemeinschaft als die Autorität angenommen wird, die ihren Glauben
ausdrückt und ihr Leben lenkt. James A. Sanders seinerseits schenkt seine
Aufmerksamkeit mehr dem „kanonischen Vorgang“ – der progressiven
Entwicklung der von der Glaubensgemeinschaft als normativ anerkannten
Schriften – als der stabilisierten Endform des Textes. Die kritische
Erforschung dieses Vorganges versucht herauszufinden, auf welche Weise die
alten Traditionen in einem anderen Kontext neu gebraucht wurden, bevor sie ein
Ganzes bildeten, das dauerhaft und anpassungsfähig zugleich ist, kohärent
und verschiedenartige Elemente umfassend, ein Ganzes, aus dem die
Glaubensgemeinschaft ihre Identität schöpfen kann. Bei diesem Prozeß
wurden, und werden auch heute noch nach der Fixierung des Kanons,
hermeneutische Methoden angewendet; sie gleichen oft der Art des Midrasch und
dienen der Aktualisierung des biblischen Textes. Indem sie sich auf eine
Interpretation berufen, die es sich zur Aufgabe macht, die Tradition zu
aktualisieren, begünstigen sie eine fortwährende Interaktion zwischen der
Gemeinschaft und ihren heiligen Schriften. Der kanonische Zugang reagiert zu
Recht gegen eine Überbewertung dessen, was als originell und ursprünglich
angesehen wird, als ob dies allein authentisch wäre. Die inspirierte Schrift
ist jedoch in Wirklichkeit jene Heilige Schrift, die von der Kirche als ihre
Glaubensregel anerkannt wurde. (7) In dieser Hinsicht kann man das Gewicht
entweder auf die Endgestalt legen, in der sich heute jedes Buch der Bibel
befindet, oder auf die Gesamtheit, die den Kanon bildet. Ein Buch wird nur im
Lichte des ganzen Kanons zum „biblischen Buch“. Die Glaubensgemeinschaft
ist unzweifelhaft der angemessene Kontext für die Interpretation der
kanonischen Texte. In ihr bereichern der Glaube und der Heilige Geist die
Exegese. Die kirchliche Autorität, die im Dienste der Gemeinschaft steht,
muß darüber wachen, daß die Interpretation der großen Tradition, aus der
die Texte hervorgingen, treu bleibt (vgl. Dei Verbum, 10). Der
kanonische Zugang wirft verschiedene Probleme auf, besonders wenn er versucht,
den „kanonischen Vorgang“ zu definieren. Von wann an kann man einen Text
als „kanonisch“ betrachten? Es läßt sich die Position vertreten, dies
sei von dem Zeitpunkt an der Fall, an dem eine Gemeinschaft dem Text normative
Autorität zuerkennt; dies kann sogar vor der definitiven Festlegung dieses
Textes geschehen. Von einer „kanonischen“ Hermeneutik spricht man, wenn
die Wiederholung der Traditionen, trotz neuen religiösen, kulturellen,
theologischen Bedingungen in sich verändernden Situationen, die Identität
der Botschaft aufrechterhält. Doch stellt sich die Frage: Soll der
Interpretationsprozeß, der zur Bildung des Kanons geführt hat, auch heute
noch als Interpretationsregel für die Heilige Schrift gelten? Andererseits
verursachen die komplexen Beziehungen zwischen dem jüdischen und dem
christlichen Kanon der heiligen Schriften zahlreiche Interpretationsprobleme.
Die christliche Kirche hat als „Altes Testament“ die Schriften
übernommen, die in der jüdisch-hellenistischen Gemeinschaft maßgebend
waren; darunter finden sich solche, die nicht oder in anderer Form in der
hebräischen Bibel enthalten sind. Das Corpus der Texte ist somit verschieden.
Aus diesem Grund kann die kanonische Interpretation beider „Schriften“
nicht identisch sein, da ja jeder Text in seiner Beziehung zum ganzen Corpus
gelesen werden muß. Vor allem aber liest die Kirche das Alte Testament im
Lichte des österlichen Geschehens – Tod und Auferstehung Jesu Christi. Das
führte zu etwas grundlegend Neuem und verleiht den heiligen Schriften mit
souveräner Autorität einen entscheidenden und definitiven Sinn (vgl. Dei
Verbum, 4). Diese neue Sinnbestimmung gehört voll und ganz zum
christlichen Glaubensgut. Trotzdem darf sie deshalb der älteren, kanonischen
Interpretation, die dem christlichen Osterglauben vorausging, nicht jede
Bedeutung absprechen. Denn jede Phase der Heilsgeschichte muß auch in ihrem
Eigenwert geachtet werden. Das Alte Testament seines Sinnes zu entleeren,
hieße das Neue Testament von seinen geschichtlichen Wurzeln abschneiden. 2.
Zugänge über die jüdische Interpretations-Tradition Das Alte Testament
erhielt seine Endgestalt im Judentum der letzten vier oder fünf Jahrhunderte,
die der christlichen Zeitrechnung vorausgingen. Dieses Judentum war das
Ursprungsmilieu des Neuen Testamentes und der entstehenden Kirche. Zahlreiche
Studien der alten jüdischen Geschichte und namentlich die Forschungen, zu
denen die Entdeckungen von Qumran Anlaß gaben, haben die Komplexität der
jüdischen Welt dieser Zeit, sei es im Land Israel oder in der Diaspora, ins
Licht gestellt. Die Interpretation der Heiligen Schrift begann in diesem
Milieu. Eines der ältesten Zeugnisse der jüdischen Interpretation der Bibel
ist die antike griechische Übersetzung, die Septuaginta. Die aramäischen
Targumim stellen ein anderes Zeugnis des gleichen Bemühens dar, das sich bis
heute fortsetzt. Das Judentum hat eine außergewöhnliche Summe von gelehrten
Mitteln im Dienst der Erhaltung des Textes des Alten Testaments und der
Sinnerklärung der biblischen Texte hervorgebracht. Zu allen Zeiten haben die
besten christlichen Exegeten, seit Origenes und Hieronymus versucht, die
jüdische biblische Gelehrsamkeit für ein besseres Verständnis der Heiligen
Schrift zu nutzen. Zahlreiche moderne Exegeten folgen diesem Beispiel. Im
besonderen erlauben uns die alten jüdischen Traditionen, die Septuaginta
besser kennenzulernen, eine jüdische Bibel in griechischer Sprache, die den
ersten Teil der christlichen Bibel zumindest während der ersten vier
Jahrhunderten der Kirche bildete, was im Orient bis heute der Fall ist. Die
reiche und mannigfaltige jüdische, außerkanonische Literatur, die man
apokryph oder zwischentestamentlich nennt, ist eine wichtige Quelle für die
Interpretation des Neuen Testaments. Die verschiedenen exegetischen
Vorgehensweisen, die im Judentum der verschiedenen Richtungen praktiziert
wurden, lassen sich im Alten Testament selber wiederfinden, z.B. in den
Chronikbüchern in ihrem Verhältnis zu den Königsbüchern, und im Neuen
Testament, z.B. in gewissen exegetischen Beweisführungen bei Paulus. Die
Vielfalt der Formen (Parabeln, Allegorien, Anthologien und Centos, „relectures“,
(8)
pescher, Verbindung von weit auseinanderliegenden Texten, Psalmen und
Hymnen, Visionen, Offenbarungen und Träume, weisheitliche Kompositionen usw.)
ist dem Alten und Neuen Testament gemeinsam, so wie auch der Literatur aller
jüdischen Kreise vor und nach der Zeit Jesu. Die Targumim und die Midraschim
repräsentieren die Homiletik und die biblische Interpretation breiter Kreise
des Judentums der ersten Jahrhunderte. Zahlreiche Exegeten des Alten
Testaments wenden sich außerdem an jüdische Kommentatoren, Grammatiker und
Lexikographen des Mittelalters oder der neueren Zeit, um zum besseren
Verständnis unklarer Abschnitte oder seltener oder nur einmal vorkommender
Wörter zu gelangen. Weit mehr als früher bezieht man sich heute in der
exegetischen Diskussion auf solche jüdische Werke. Der Reichtum des
jüdischen Wissens von der Antike bis heute im Dienst der Bibel ist eine Hilfe
ersten Rangs für die Exegese der beiden Testamente, jedoch unter der
Bedingung, daß dieses Wissen sachgerecht eingesetzt wird. Das alte Judentum
war sehr mannigfaltig. Die pharisäische Form, die später im Rabbinismus
weiterlebte, ist nicht die einzige Form . Die alten jüdischen Texte verteilen
sich auf mehrere Jahrhunderte, und es ist wichtig, sie chronologisch
einzuordnen, bevor man sie miteinander vergleicht. Vor allem ist der
Gesamtrahmen der jüdischen und der christlichen Gemeinschaft grundlegend
verschieden: auf jüdischer Seite geht es, wenn auch in mannigfaltigen Formen,
um eine Religion, die ein Volk und eine Lebenspraxis auf der Basis einer
geoffenbarten Schrift und einer mündlichen Tradition bestimmt, während auf
christlicher Seite der Glaube an den gestorbenen, auferstandenen und nun
lebendigen Herrn Jesus, den Messias und Sohn Gottes, Fundament der
Gemeinschaft ist. Diese zwei Ausgangspunkte schaffen für die Interpretation
der heiligen Schriften zwei Kontexte, die trotz vieler Kontakte und
Ähnlichkeiten radikal verschieden sind. 3. Der Zugang über die
Wirkungsgeschichte des Textes Dieser Zugang beruht auf zwei Grundtatsachen:
a) ein Text wird nur dann zum literarischen Werk, wenn er Leser findet, die
ihn lebendig werden lassen, indem sie ihn sich zu eigen machen; b) diese
Aneignung des Textes, die individuell oder gesellschaftlich und in
verschiedenen Bereichen (Literatur, Kunst, Theologie, Aszetik und Mystik)
stattfinden kann, trägt zum besseren Verständnis des Textes selbst bei. Dieser
Zugang zum Text entfaltete sich hauptsächlich zwischen 1960 und 1970 in den
Literaturwissenschaften, obwohl man ihn auch schon in der Antike kannte.
Damals begann sich die Literaturkritik intensiv für die Beziehung zwischen
Text und Leserschaft zu interessieren. Die biblische Exegese profitierte von
dieser Forschung, dies um so mehr, als die philosophische Hermeneutik
ihrerseits die notwendige Distanz zwischen Werk und Autor, wie zwischen Werk
und Lesern betonte. Deshalb begann man, in der Interpretationsarbeit die
Geschichte der Wirkung eines Buches oder eines Abschnittes der Heiligen
Schrift zu beachten (Wi rkungsgeschichte oder Rezeptionsgeschichte). Man
bemüht sich, den Entwicklungsverlauf der Interpretation im Rahmen der
Funktion der sich wandelnden Situation der Leser zu verfolgen und die
Bedeutung der Tradition und ihrer Funktion für das Verständnis der
biblischen Texte zu bestimmen. In der Begegnung des Textes mit den Lesern
entsteht eine Dynamik; denn der Text besitzt eine Ausstrahlung und löst
Reaktionen aus. Er läßt einen Ruf erklingen, der von den Lesern, sei es
einzeln oder gemeinsam, gehört wird. Leser und Leserin sind übrigens nie
isolierte Individuen. Sie gehören zu einem sozialen Raum und befinden sich
innerhalb einer Tradition. Sie gehen den Text mit ihren Fragen an, wählen
aus, schlagen eine Auslegung vor und können schließlich ein neues Werk
schaffen oder Initiativen ergreifen, die ihnen direkt von ihrer Lektüre der
Heiligen Schrift eingegeben werden. Beispiele für diesen Zugang sind
bereits zahlreich. Die Geschichte der Auslegung des „Hohenliedes“ ist
dafür ein besonders deutliches Zeugnis. Sie zeigt, wie dieses Buch in der
Zeit der Kirchenväter, im lateinisch-monastischen Milieu des Mittelalters
oder in der Mystik wie beim hl. Johannes vom Kreuz aufgenommen wurde. Sie
erlaubt daher, alle Sinndimensionen dieser Dichtung besser zu erfassen. Auf
gleiche Weise ist es im Neuen Testament möglich und nützlich, den Sinn einer
Perikope (z.B. der reiche junge Mann in Mt 19, 16-26 par.) im Lichte
der im Lauf der Kirchengeschichte durch sie ausgelösten Impulse zu
interpretieren. Doch die Geschichte zeigt auch die Existenz von falschen und
einseitigen Tendenzen der Interpretation, die unheilvolle Auswirkungen hatten,
z.B. wenn sie zum Antisemitismus oder zu anderen Rassendiskriminierungen oder
etwa zu millenaristischen Illusionen führten. Daraus wird ersichtlich, daß
dieser Zugang allein für die Interpretation nicht genügen kann. Eine
Differenzierung ist notwendig. Man muß sich davor hüten, den einen oder
andern Zeitpunkt der Wirkungsgeschichte eines Textes zu privilegieren, um ihn
zur einzigen Interpretations-Regel dieses Textes zu erheben. D. Zugänge
über Humanwissenschaften Um sich mitzuteilen, hat das Wort Gottes im
konkreten Leben eines Volkes Wurzeln gefaßt (vgl. Sir 24, 12). Es
bahnte sich einen Weg durch die psychologischen Bedingungen der biblischen
Verfasser hindurch. Deshalb können die Humanwissenschaften – besonders die
Soziologie, Anthropologie und Psychologie – zu einem besseren Verständnis
gewisser Aspekte der Texte vieles beitragen. Es muß jedoch beachtet werden,
daß es verschiedene Schulen mit beträchtlichen Divergenzen bezüglich der
Natur dieser Wissenschaften gibt. Trotzdem haben tatsächlich zahlreiche
Exegeten aus den neuesten Forschungen auf diesen Gebieten Gewinn gezogen. 1.
Soziologischer Zugang Religiöse Texte stehen in einem wechselseitigen
Verhältnis zu den Gesellschaften, in denen sie entstehen. Diese Feststellung
gilt zweifellos auch für die biblischen Texte. Folglich benötigt die
kritische Erforschung der Bibel eine möglichst genaue Kenntnis des für die
verschiedenen Milieus charakteristischen sozialen Verhaltens, in denen die
biblischen Traditionen entstanden sind. Diese sozio-historische Information
muß durch eine korrekte soziologische Erklärung ergänzt werden, die im
Einzelfall die Bedeutung der sozialen Existenzbedingungen wissenschaftlich
auswertet. Die soziologische Betrachtungsweise hat schon seit langem Einzug
in die Geschichte der Exegese gehalten. Davon zeugt die Aufmerksamkeit, die
die Formgeschichte dem Entstehungsmilieu („Sitz im Leben“) der Texte
geschenkt hat: allgemein wird anerkannt, daß die biblischen Traditionen die
Charakteristika ihrer sozialgeschichtlichen Überlieferungsmilieus
widerspiegeln. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts erforschte die „Chicago-Schule“
die sozio-historische Situation der Urchristenheit und gab dadurch der
historischen Kritik einen starken Impuls. Seit den letzten zwanzig Jahren
(1970-1990) gehört der soziologische Zugang zu den biblischen Texten voll und
ganz zur exegetischen Forschung. Zahlreich sind die Fragen, die sich von
daher für die Exegese des Alten Testaments stellen. So muß man sich zum
Beispiel fragen, welche verschiedenen sozialen und religiösen
Organisationsformen Israel im Verlaufe seiner Geschichte kannte. Reicht das
ethnologische Modell einer akephalen segmentären Gesellschaft als
Ausgangsbasis für die Beschreibung der vorstaatlichen Epoche Israels aus? Wie
gelangte man von einem losen Sippenverband zu einem monarchisch organisierten
Staat und von da zu einem Gemeinwesen, das seine Einheit allein aus Religion
und Abstammung erhält? Welche wirtschaftlichen, militärischen und sonstigen
Veränderungen wurden in der Struktur der Gesellschaft durch die Bewegung der
politischen und religiösen Zentralisation bewirkt, die zur Monarchie führte?
Trägt die Erforschung der Verhaltensnormen im Alten Orient und in Israel
nicht wirksamer zum Verständnis des Dekalogs bei als die rein literarischen
Rekonstruktionsversuche eines postulierten Urtextes? (9) Für die Exegese
des Neuen Testamentes stellen sich natürlich andere Fragen. Man muß sich zum
Beispiel fragen: Welcher Wert ist der Theorie einer Charismatikergruppe, die
ohne festen Wohnsitz, ohne Familie und ohne Habe umhergezogen ist,
beizumessen, um die vorösterliche Lebensform Jesu und seiner Jünger zu
erklären? Besteht eine Kontinuität zwischen der radikalen Loslösung (10),
wie sie von Jesus geübt wurde und zu der er die Jünger in seiner Nachfolge
aufrief, und der Haltung der christlichen, nachösterlichen Bewegung in den
verschiedensten Milieus der Urkirche? Was wissen wir von der sozialen Struktur
der paulinischen Gemeinden im Rahmen der von Fall zu Fall in Frage kommenden
entsprechenden städtischen Kultur? Im allgemeinen hat der soziologische
Zugang für die exegetische Arbeit viele positive Aspekte; insbesondere wird
sie dadurch offener. Für die historische Kritik ist es unerläßlich, die
soziologischen Gegebenheiten zu kennen. Diese tragen dazu bei, die
wirtschaftliche, kulturelle und religiöse Situation der biblischen Welt
verständlich zu machen. Die dem Exegeten gestellte Aufgabe, das
Glaubenszeugnis der apostolischen Kirche adäquat zu erfassen, kann ohne die
exakte wissenschaftliche Erforschung der engen Zusammenhänge der
neutestamentlichen Texte mit dem sozialen Kontext der Urkirche nicht erfüllt
werden. Die Anwendung von soziologischen Modellen eröffnet dem Bibliker viele
neue Möglichkeiten, die damaligen geschichtlichen Verhältnisse zu
erforschen, doch müssen diese Modelle selbstverständlich der zu
untersuchenden Realität angepaßt werden. Wir müssen indes auch auf einige
Risiken hinweisen, die der soziologische Zugang für die Exegese mit sich
bringt. Die Arbeit der Soziologie besteht darin, lebende Gesellschaften zu
erforschen. So wäre es in der Tat nicht erstaunlich, daß Schwierigkeiten
auftauchen, wenn man diese Methoden auf längst vergangene soziale
Verhältnisse anwenden will. Die biblischen und außerbiblischen Texte stellen
nicht ohne weiteres eine genügend große Dokumentation dar, um eine
Gesamtübersicht der damaligen Gesellschaft zu bieten. Die soziologische
Methode hat außerdem gelegentlich die Tendenz, den wirtschaftlichen und
institutionellen Aspekten der menschlichen Existenz ein größeres Gewicht
zuzuerkennen als ihren persönlichen und religiösen Dimensionen. 2. Zugang
über die Kulturanthropologie Der Zugang zu den biblischen Texten, der sich
auf die Forschungen der Kulturanthropologie stützt, steht in enger Beziehung
mit dem soziologischen Zugang. Der Unterschied zwischen diesen beiden
Zugängen liegt gleichzeitig auf der Ebene der Sensibilität, der Methode und
der Realitätsaspekte, die hier die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Während
der soziologische Zugang – wie wir eben sahen – vor allem die
wirtschaftlichen und institutionellen Aspekte analysiert, interessiert sich
der anthropologische Zugang an einer Vielzahl anderer Aspekte, die sich in
Sprache, Kunst, Religion widerspiegeln, aber auch in Kleidung, Schmuck,
Festen, Tänzen, Mythen, Legenden und allem, was zur Ethnologie gehört. Im
allgemeinen versucht die Kulturanthropologie die Charakteristika der
verschiedenen Menschentypen in ihrem sozialen Umfeld zu definieren – z.B.
des Menschen des Mittelmeerraums – mit allen Untersuchungen ihres
ländlichen oder städtischen Milieus, der von der Gesellschaft anerkannten
Werte (Ehre und Unehre, Verschwiegenheit, Treue, Tradition, Art der Erziehung,
Schulen), der Art und Weise, wie die soziale Kontrolle ausgeübt wird, der
Vorstellungen über Familie, Haus, Verwandtschaft, Stellung der Frau, der
institutionellen Binome wie Patron – Klient, Eigentümer – Mieter,
Wohltäter – Empfänger, freier Mensch – Sklave, ferner der Begriffe
heilig und profan, der Tabus, der Initiationsrituale, der Magie, des Ursprungs
der natürlichen Produktionsmittel, der Gewalt, der Information usw. Auf der
Basis dieser verschiedenen Elemente werden Typologien und „Modelle“
erstellt, die in mehreren Kulturen vorkommen. Diese Forschungsrichtung kann
natürlich für die Interpretation der biblischen Texte nützlich sein. Sie
wird hauptsächlich für die Erforschung der Verwandtschaftsbegriffe im Alten
Testament gebraucht, für die Stellung der Frau in der israelitischen
Gesellschaft, für den Einfluß von Agrarriten usw. In Texten, die die Lehre
Jesu wiedergeben, z.B. die Gleichnisse, können viele Einzelzüge durch diese
Methode erhellt werden. Das Gleiche gilt für solche Grundbegriffe wie „Reich
Gottes“ oder für die Art, die Zeit in der Heilsgeschichte zu verstehen,
sowie für die Prozesse der Gemeindebildung in der Urkirche. Dieser Zugang
erlaubt eine bessere Unterscheidung zwischen bleibenden Elementen der
biblischen Botschaft, die in der menschlichen Natur begründet sind, und
kontingenten Prägungen, die von besonderen Kulturen herrühren. Allerdings
ist dieser Zugang ebenso wie andere besondere Zugänge allein nicht in der
Lage, den spezifischen Beitrag der Offenbarung zu erfassen. Dies darf man bei
der Beurteilung der Bedeutung seiner Ergebnisse nicht aus dem Auge verlieren. 3.
Psychologische und psychoanalytische Zugänge Psychologie und Theologie
haben den gemeinsamen Dialog nie abgebrochen. Die moderne Ausweitung der
psychologischen Forschung auf die dynamischen Strukturen des Unbewußten hat
zu neuen Interpretationsversuchen alter Texte geführt, so auch der Bibel.
Ganze Werke wurden der psychoanalytischen Deutung der biblischen Texte
gewidmet. Lebhafte Diskussionen folgten darauf: wie weit und unter welchen
Bedingungen können psychologische und psychoanalytische Forschungen zu einem
tieferen Verständnis der Heiligen Schrift beitragen? Die psychologischen
und psychoanalytischen Forschungen tragen zur Bereicherung der biblischen
Exegese bei, denn dank ihnen können Bibeltexte als Lebenserfahrungen und
Verhaltensmuster verstanden werden. Man weiß, daß Religion immer in einem
Dialog- und Spannungsverhältnis zum Unbewußten steht. Sie trägt in
beachtlichem Maße zur richtigen Orientierung der menschlichen Triebe bei. Die
Dimensionen, die die historische Kritik methodisch erforscht, sind durch die
Analyse der verschiedenen Realitätsebenen, die in den Texten ausgesprochen
werden, zu ergänzen. Die Psychologie und die Psychoanalyse bemühen sich, in
diese Richtung zu gehen. Sie öffnen einem mulitidimensionalen Verständnis
der Heiligen Schrift den Weg und helfen so, die menschliche Sprache der
Offenbarung aufzuschlüsseln. Die Psychologie und in ihrer Weise auch die
Psychoanalyse haben im besonderen ein neues Symbolverständnis gebracht. Die
symbolische Sprache erlaubt es, Sphären der religiösen Erfahrung
auszudrücken, die dem rein begrifflichen Denken nicht zugänglich, für die
Frage nach der Wahrheit aber wert voll sind. Interdisziplinäre Forschung, die
von Exegeten und Psychologen oder Psychoanalytikern gemeinsam durchgeführt
wird, bringt deshalb echte Vorteile mit sich, die objektiv begründet sind und
sich in der Pastoral bewähren. Zahlreiche Beispiele können aufgeführt
werden, die die Notwendigkeit gemeinsamer Bemühung der Exegeten und
Psychologen zeigen, so z.B. wenn es darum geht, den Sinn der kultischen Riten,
der Opfer, der Tabus zu erhellen, die bildliche Sprache der Bibel zu
entschlüsseln, die metaphorische Tragweite der Wundererzählungen, die
Triebkräfte des in den apokalyptischen Visionen und Auditionen sich
abspielenden Dramas zu bestimmen. Es geht nicht einfach darum, die symbolische
Sprache der Bibel zu beschreiben, sondern auf ihren Offenbarungs- und Aufrufs-Charakter
einzugehen: in ihr tritt die numinose Realität Gottes in Kontakt mit dem
Menschen. Selbstverständlich muß der Dialog zwischen Exegese und
Psychologie oder Psychoanalyse im Hinblick auf ein besseres Verständnis der
Bibelkritisch sein und die jeder Disziplin eigenen Grenzen beachten. Eine
atheistische Psychologie oder Psychoanalyse wäre naturgemäß nicht in der
Lage, Glaubenswirklichkeiten adäquat zu verstehen. Psychologie und
Psychoanalyse sind sicher von Nutzen, wenn es darum geht, das Ausmaß
menschlicher Verantwortung zu bestimmen; sie dürfen aber nicht die
Wirklichkeit von Sünde und Heil in Frage stellen. Man muß sich außerdem
davor hüten, spontane Religiosität mit der biblischen Offenbarung zu
verwechseln oder den geschichtlichen Charakter der biblischen Botschaft
anzutasten, der ihr den Wert eines einmaligen Ereignisses verleiht. Außerdem
muß man beachten, daß man nicht einfach von „psychoanalytischer Exegese“
sprechen kann, als ob es nur eine gäbe. In Wirklichkeit gibt es je nach den
verschiedenen Schulen und Richtungen der Psychologie eine große Zahl von
Erkenntnissen, die dazu dienen können, das menschliche und theologische
Verständnis der Bibel zu vertiefen. Es ist keineswegs von Vorteil für die
gemeinsame Aufgabe, wenn man gewisse Positionen der verschiedenen Schulen
verabsolutiert, im Gegenteil, es schadet ihr eher. Die Humanwissenschaften
beschränken sich nicht auf die Soziologie, Kulturanthropologie und
Psychologie. Auch andere Forschungsrichtungen können für die Bibelauslegung
nützlich sein. In all diesen Bereichen muß man die gegenseitigen Kompetenzen
respektieren und zur Kenntnis nehmen, daß nur selten die gleiche Person
zugleich in der Exegese und einer Humanwissenschaft qualifiziert ist. E.
Kontextuelle Zugänge zur Heiligen Schrift Die Auslegung eines Textes
hängt immer von der Mentalität und der Situation seiner Leser ab. Diese
wenden gewissen Aspekten besondere Aufmerksamkeit zu und vernachlässigen
unbewußt andere. Es ist deshalb unvermeidlich, daß die Exegeten in ihrer
Arbeit unter dem Einfluß aktueller Denkströmungen neue Gesichtspunkte
entdecken, die vorher nicht genügend wahrgenommen wurden. Dies verlangt
jedoch kritisches Unterscheidungsvermögen. Heute sind es besonders die
Befreiungsbewegungen und der Feminismus, die auf die größte Beachtung
stoßen. 1. Der Zugang zur Heiligen Schrift im Umfeld von Befreiung Die
Befreiungstheologie ist ein komplexes Phänomen, das man nicht ungehörig
vereinfachen darf. Als theologische Bewegung konsolidierte sie sich in den
siebziger Jahren. Zusammen mit den wirtschaftlichen, sozialen und politischen
Gegebenheiten der lateinamerikanischen Länder waren es zwei große kirchliche
Ereignisse, die sie hervorbrachten: das 2. Vatikanische Konzil mit seinem
ausgesprochenen Willen zum aggiornamento und zur Ausrichtung der
kirchlichen Seelsorge auf die Bedürfnisse der heutigen Welt; die 2.
Vollversammlung des CELAM 1968 in Medellin, die die Lehre des Konzils den
Bedürfnissen Lateinamerikas anpaßte. Diese Bewegung hat sich dann in anderen
Ländern und Erdteilen verbreitet (Afrika, Asien, farbige Bevölkerung der
USA). Es ist schwierig zu sagen, ob es „eine“ Befreiungstheologie gibt
und welches ihre Methode ist. Es ist ebenso schwierig, adäquat zu
beschreiben, wie sie die Bibel liest und so ihren Beitrag und ihre Grenzen
herauszuarbeiten. Man kann sagen, daß es sich nicht um eine besondere Methode
handelt. Sie liest die Heilige Schrift von eigenen sozio-kulturellen und
politischen Standpunkten aus und bezieht sie auf die konkreten Bedürfnisse
des Volkes, das ja in der Bibel Nahrung für seinen Glauben und sein Leben
finden soll. Man begnügt sich also nicht mit einer objektivierenden
Auslegung des Textes, die sich auf seine Aussage in seinem ursprünglichen
Kontext konzentriert. Man sucht vielmehr nach einem Verständnis, das aus der
gelebten Situation des Volkes erwächst. Wenn dieses in Unterdrückung lebt,
muß es auf die Bibel zurückgreifen, um die Nahrung finden zu können, die es
in seinem Ringen und in seinen Hoffnungen unterstützt. Die konkrete Realität
darf nicht ignoriert werden, im Gegenteil, sie muß direkt angegangen und
durch das Licht des Wortes der Heiligen Schrift erhellt werden. Von diesem
Licht her entsteht die authentische christliche Praxis, die durch
Gerechtigkeit und Liebe auf eine Wandlung der Gesellschaft hinzielt. Der
Glaube findet in der Heiligen Schrift den Ansporn, sich für die integrale
Befreiung einzusetzen. Dieser Zugang basiert auf folgenden Grundeinsichten: Gott
ist in der Geschichte seines Volkes gegenwärtig, um es zu erlösen. Er ist
der Gott der Armen, der weder Unterdrückung noch Ungerechtigkeit duldet. So
kann auch die Exegese nicht neutral bleiben, sondern muß wie Gott für die
Armen Partei ergreifen und sich im Kampf für die Befreiung der Unterdrückten
engagieren. Wer an diesem Kampf teilnimmt, findet in den biblischen Texten
einen Sinngehalt, der nur offenbar wird, wenn sie im Kontext wirklicher
Solidarität mit den Unterdrückten gelesen werden. Die Gemeinschaft der
Armen ist der beste Adressat der Bibel als Wort der Befreiung, denn die
Befreiung der Unterdrückten ist ein gemeinschaftlicher Prozeß. Die
biblischen Texte sind ja überdies für Gemeinschaften geschrieben worden, und
es sind Gemeinschaften, denen die Bibellesung in erster Linie anvertraut ist.
Dank der den „Gründungsereignissen“ (Auszug aus Ägypten,
Leidensgeschichte und Auferstehung Jesu) innewohnenden Kraft, im Laufe der
Geschichte neue Realisierungen hervorzubringen, ist und bleibt das Wort Gottes
immer aktuell. Die Befreiungstheologie enthält unbezweifelbar wertvolle
Elemente: ein tiefer Sinn für die erlösende Gegenwart Gottes, Betonung der
gemeinschaftlichen Dimension des Glaubens, Dringlichkeit einer befreienden
Praxis, die in Gerechtigkeit und Liebe wurzelt, eine neue Aneignung der Bibel,
die aus dem Wort Gottes Licht und Nahrung für das Volk Gottes inmitten seiner
Kämpfe und seiner Hoffnungen schöpft. So ist die volle Aktualität des
inspirierten Textes hervorgehoben. Eine solche engagierte Art, die Bibel zu
lesen, enthält indes Risiken. Doch da sie an eine Bewegung gebunden ist, die
noch ganz im Werden begriffen ist, haben die folgenden Bemerkungen nur
vorläufigen Charakter: Diese Weise, die Bibel zu lesen, stützt sich vor
allem auf narrative und prophetische Texte, die Unterdrückungssituationen
erhellen und eine Praxis inspirieren und so auf eine soziale Veränderung
hinorientiert sind. Hier und da kann sie wohl etwas voreingenommen sein und
nicht allen Texten der Bibel ihre gleiche Aufmerksamkeit schenken. Die Exegese
kann nie ganz neutral sein; sie muß sich jedoch vor Einseitigkeit hüten.
Außerdem gehört das soziale und politische Engagement nicht direkt zu den
Aufgaben des Exegeten. Theologen und Exegeten mußten sich der Instrumente
der Gesellschaftsanalyse bedienen, um die biblische Botschaft im
sozio-politischen Kontext zum Tragen zu bringen. Gewisse Strömungen der
Befreiungstheologie haben in dieser Perspektive eine Analyse vorgenommen, die
von materialistischen Doktrinen inspiriert war. Die Bibel wurde dann in diesem
Rahmen gelesen. Dies wirft Fragen auf, namentlich, was das marxistische
Prinzip des Klassenkampfs anlangt. Unter dem Druck ungeheurer sozialer
Probleme wurde der Akzent eher auf eine irdische Eschatologie gelegt, manchmal
auf Kosten der transzedenten endzeitlichen Dimension der Heiligen Schrift. Die
sozialen und politischen Veränderungen führen diesen befreiungstheologischen
Zugang zur Heiligen Schrift dazu, sich neuen Fragen zu stellen und neue
Orientierungen zu suchen. Für seine weitere Entwicklung und seine
Fruchtbarkeit in der Kirche wird es entscheidend sein, seine hermeneutischen
Voraussetzungen, seine Methoden sowie seine Kohärenz mit dem Glauben und der
Tradition der gesamten Kirche zu klären. 2. Feministischer Zugang Die
feministische Bibelhermeneutik entstand am Ende des 19. Jahrhunderts in den
USA, im sozio-kulturellen Kontext des Kampfes für die Frauenrechte, mit dem
Komitee der Bibelrevision. Dieses brachte „The Woman’s Bible“ in zwei
Bänden (New York 1885, 1898) heraus. Seit den siebziger Jahren unseres
Jahrhunderts, im Gefolge der Frauen-Emanzipation trat diese Strömung mit
neuer Kraft in Erscheinung und hatte eine enorme Entwicklung, hauptsächlich
in Nordamerika. Genau genommen, muß man verschiedene feministische biblische
Hermeneutiken unterscheiden, denn der Umgang mit der Heiligen Schrift ist in
diesem Umkreis sehr verschieden. Ihre Einheit kommt vom gemeinsamen Thema, der
Frau, und vom verfolgten Ziel, der Befreiung der Frau und der Erlangung
gleicher Rechte wie die des Mannes. Wir wollen hier drei Hauptformen der
feministischen Bibelhermeneutik erwähnen: die radikale, die neu-orthodoxe und
die kritische Form. Die radikale Form weist die Autorität der Bibel
total zurück, indem sie sagt, die Bibel sei ein Produkt von Männern mit dem
Zweck, die Herrschaft des Mannes über die Frau zu sichern (Androzentrismus). Die
neu-orthodoxe Form nimmt die Bibel als prophetisches Buch und ist
bereit, sich ihrer in dem Maß zu bedienen, als sie für die Schwachen, also
auch für die Frauen Partei ergreift; diese Orientierung gilt als „Kanon im
Kanon“, um all das ins Licht zu stellen, was der Befreiung der Frau und
ihrer Rechte dient. Die kritische Form benützt eine subtile
Methodologie und versucht, Stellung und Rolle der christlichen Frau innerhalb
der Jesus-Bewegung und in den paulinischen Gemeinden zu entdecken. Zu dieser
Zeit hätte man sich zur Gleichberechtigung der Geschlechter bekannt. Doch
diese Situation wäre dann zum großen Teil schon in den heiligen Schriften
des Neuen Testamentes und erst recht später verwischt worden, da der
Patriarchalismus und der Androzentrismus immer mehr die Oberhand gewannen. Die
feministische Hermeneutik hat keine eigene neue Methode ausgearbeitet. Sie
bedient sich gängiger Methoden der Exegese, speziell der
historisch-kritischen. Sie fügt aber zwei Forschungskriterien hinzu. Das
erste ist das feministische Kriterium, das der Frauen-Emanzipation entnommen
ist und sich auf der Linie der allgemeineren Bewegung der Befreiungstheologie
bewegt. Es benützt eine Hermeneutik des Verdachtes: da die Geschichte
regelmässig durch die Sieger geschrieben wird, kann man nur zur Wahrheit
gelangen, wenn man sich nicht einfachhin auf die Texte verläßt, sondern in
ihnen nach Indizien sucht, die andere Sachverhalte durchblicken lassen. Das
zweite Kriterium ist soziologischer Art. Es stützt sich auf die Erforschung
der Gesellschaft der biblischen Epoche, ihrer sozialen Schichten und der
Stellung der Frau. Was die neutestamentlichen Texte anlangt, so ist letzten
Endes das Forschungsziel nicht die Auffassung von der Frau, wie sie im Neuen
Testament erscheint, sondern die geschichtliche Rekonstruktion von zwei
verschiedenen Situationen der Frau im 1. Jahrhundert: die gewöhnliche in der
jüdischen und griechisch-römischen Welt und die schöpferisch neue, die in
der Bewegung Jesu und in den paulinischen Gemeinden aufgekommen war, wo alle,
Männer und Frauen, eine „Gemeinschaft von Jüngern und Jüngerinnen Jesu“
geformt hätten, die „alle gleich“ waren. Man beruft sich für diese
Ansicht auf den Text von Gal 3, 28. Es geht darum, für die heutige
Zeit die vergessene Geschichte der Rolle der Frau in der Urkirche wieder zu
entdecken. Die positiven Beiträge der feministischen Exegese sind
zahlreich. Seit ihrem Aufkommen nehmen die Frauen aktiver an der exegetischen
Forschung teil. Es ist ihnen oft besser als den Männern gelungen, die
Präsenz, die Bedeutung und die Rolle der Frau in der Bibel, in der Geschichte
der christlichen Ursprünge und in der Kirche wahrzunehmen. Der moderne
kulturelle Horizont, der der Würde und der Rolle der Frau in Gesellschaft und
Kirche mehr Beachtung schenkt, läßt uns dem biblischen Text neue Fragen
stellen, aus denen sich Gelegenheiten für Neuentdeckungen ergeben. Die
frauliche Sensibilität findet und korrigiert gewisse geläufige
Interpretationen, die tendenziös waren und darauf hinausliefen, die
Herrschaft des Mannes über die Frau zu rechtfertigen. Was das Alte
Testament betrifft, so haben sich verschiedene Studien um ein besseres
Verständnis des Gottesbildes bemüht. Der Gott der Bibel ist nicht die
Projektion einer patriarchalen Mentalität. Er ist Vater; er ist aber auch ein
Gott der Zärtlichkeit und mütterlicher Liebe. In dem Maß, in dem sich die
feministische Exegese einem einseitigen Programm verschreibt, setzt sie sich
der Versuchung aus, die biblischen Texte in tendenziöser und damit in
anfechtbarer Weise zu interpretieren. Um ihre Thesen zu belegen, muß sie dann
oft in Ermangelung besserer Argumente auf das Argumentum e silentio zurückgreifen.
Dieses ist, wie man weiß, meist unzuverlässig; es genügt jedenfalls nicht,
um solide Schlußfolgerungen zu ziehen. Andererseits ist der Versuch
fragwürdig, mit Hilfe flüchtiger Indizien in den Texten eine geschichtliche
Situation zu rekonstruieren, die diese Texte angeblich verschleiern wollen.
Ein solcher Versuch führt nämlich in seiner letzten Konsequenz dazu, den
Inhalt der inspirierten Texte selbst zurückzuweisen, um ihm dafür eine
andere, hypothetische Konstruktion vorzuziehen. Die feministische Exegese
wirft häufig die Machtfrage in der Kirche auf, die bekanntlich Gegenstand von
Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten ist. In diesem Bereich kann die
feministische Exegese der Kirche nur in dem Maße nützlich sein, als sie
nicht dem Übel erliegt, das sie selbst anklagt, und ihrerseits die Lehre des
Evangeliums über die Macht als Dienst nicht aus dem Auge verliert, eine
Lehre, die Jesus an alle seine Jünger, Männer und Frauen, gerichtet hat. (11) F.
Der fundamentalistische Umgang mit der Heiligen Schrift Die
fundamentalistische Verwendung der Bibel geht davon aus, daß die Heilige
Schrift – das inspirierte Wort Gottes und frei von jeglichem Irrtum –
wortwörtlich gilt und bis in alle Einzelheiten wortwörtlich interpretiert
werden muß. Mit solcher „wortwörtlicher Interpretation“ meint sie eine
unmittelbare buchstäbliche Auslegung, d.h. eine Interpretation, die jede
Bemühung, die Bibel in ihrem geschichtlichen Wachstum und in ihrer
Entwicklung zu verstehen, von vorneherein ausschließt. Eine solche Art, die
Bibel zu lesen, steht im Gegensatz zur historisch-kritischen Methode, aber
auch zu jeder anderen wissenschaftlichen Interpretationsmethode der Heiligen
Schrift. Der fundamentalistische Umgang mit der Heiligen Schrift hat seine
Wurzeln in der Zeit der Reformation, wo man dafür kämpfte, dem Literalsinn
der Heiligen Schrift treu zu bleiben. Nach der Aufklärung erschien diese Art,
die Bibel zu lesen, im Protestantismus als Reaktion auf die liberale Exegese.
Der Begriff „fundamentalistisch“ wurde auf dem Amerikanischen
Bibelkongreß geprägt, der 1895 in Niagara im Staate New York stattfand. Die
konservativen protestantischen Exegeten legten damals „fünf Punkte des
Fundamentalismus“ fest: die Lehre von der wörtlichen Irrtumslosigkeit der
Heiligen Schrift, der Gottheit Christi, der jungfräulichen Geburt Jesu, der
stellvertretenden Sühne Jesu und der körperlichen Auferstehung bei der
Wiederkunft Christi. Als der fundamentalistische Umgang mit der Bibel sich in
anderen Weltteilen ausbreitete, führte er in Europa, Asien, Afrika und
Südamerika zu weiteren Spielarten, die alle auch die Bibel „buchstäblich“
lesen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fand der
fundamentalistische Gebrauch der Bibel in religiösen Gruppen und Sekten wie
auch unter den Katholiken immer mehr Anhänger. Obschon der Fundamentalismus
mit Recht auf der göttlichen Inspiration der Bibel, der Irrtumslosigkeit des
Wortes Gottes und den anderen biblischen Wahrheiten insistiert, die in den
fünf genannten Grundsätzen enthalten sind, so wurzelt seine Art, diese
Wahrheiten darzulegen, doch in einer Ideologie, die nicht biblisch ist, mögen
ihre Vertreter auch noch so sehr das Gegenteil behaupten. Denn diese verlangt
ein totales Einverständnis mit starren doktrinären Haltungen und fordert als
einzige Quelle der Lehre im Hinblick auf das christliche Leben und Heil eine
Lektüre der Bibel, die jegliches kritisches Fragen und Forschen ablehnt. Das
Grundproblem dieses fundamentalistischen Umgangs mit der Heiligen Sch rift
besteht darin, daß er den geschichtlichen Charakter der biblischen
Offenbarung ablehnt und daher unfähig wird, die Wahrheit der Menschwerdung
selbst voll anzunehmen. Für den Fundamentalismus ist die enge Verbindung
zwischen Göttlichem und Menschlichem in der Beziehung zu Gott ein Ärgernis.
Er weigert sich zuzugeben, daß das inspirierte Wort Gottes in menschlicher
Sprache ausgedrückt und unter göttlicher Inspiration von menschlichen
Autoren niedergeschrieben wurde, deren Fähigkeiten und Mittel beschränkt
waren. Er hat deshalb die Tendenz, den biblischen Text so zu behandeln, als ob
er vom Heiligen Geist wortwörtlich diktiert worden wäre. Er sieht nicht,
daß das Wort Gottes in einer Sprache und in einem Stil formuliert worden ist,
die durch die jeweilige Epoche der Texte bedingt sind. Er schenkt den
literarischen Gattungen und der menschlichen Denkart, wie sie in den
biblischen Texten vorliegen, keinerlei Beachtung, obschon sie Frucht einer
sich über mehrere Zeitepochen erstreckenden Erarbeitung sind und Spuren ganz
verschiedener historischer Situationen tragen. Der Fundamentalismus betont
über Gebühr die Irrtumslosigkeit in Einzelheiten der biblischen Texte,
besonders was historische Fakten oder sogenannte wissenschaftliche Wahrheiten
betrifft. Oft faßt er als geschichtlich auf, was gar nicht den Anspruch auf
Historizität erhebt; denn für den Fundamentalismus ist alles geschichtlich,
was in der Vergangenheitsform berichtet oder erzählt wird, ohne daß er auch
nur der Möglichkeit eines symbolischen oder figurativen Sinnes die notwendige
Beachtung schenkt. Der Fundamentalismus hat oftmals die Tendenz, die
Probleme des biblischen Textes in seiner hebräischen, aramäischen oder
griechischen Sprachgestalt zu ignorieren. Nicht selten ist er eng an eine
bestimmte, alte oder neue Übersetzung gebunden. Auch geht er nicht auf die
Tatsache von „relectures“ in gewissen Abschnitten innerhalb der Bibel
selbst ein. Was die Evangelien anlangt, so trägt der Fundamentalismus dem
Wachsen der Tradition der Evangelien keine Rechnung, sondern verwechselt naiv
den Endtext dieser Tradition (das, was von den Evangelisten geschrieben wurde)
mit ihrer Erstform (die Taten und Worte des geschichtlichen Jesus). Zugleich
vernachlässigt er eine wichtige Dimension: die Art und Weise, wie die ersten
christlichen Gemeinden selbst die Wirkung von Jesus und seiner Botschaft
verstanden haben. Dabei bezeugt gerade dieses urchristliche Verständnis die
apostolische Herkunft des christlichen Glaubens und ist ihr direkter Ausdruck.
Der Fundamentalismus macht so den vom Evangelium selbst intendierten Anspruch
unkenntlich. Dem Fundamentalismus kann man auch eine Tendenz zu geistiger
Enge nicht absprechen. Er erachtet z.B. eine alte vergangene Kosmologie, weil
man sie in der Bibel findet, als übereinstimmend mit der Realität. Dies
verhindert jeglichen Dialog mit einer offenen Auffassung der Beziehungen
zwischen Kultur und Glauben. Er stützt sich auf eine unkritische
Interpretation gewisser Bibeltexte, um politische Ideen und soziales Verhalten
zu rechtfertigen, das von Vorurteilen gekennzeichnet ist, die ganz einfach im
klaren Gegensatz zum Evangelium stehen, wie z.B. Rassendiskrimination und dgl.
mehr. Und schließlich trennt der Fundamentalismus die Interpretation der
Bibel von der Tradition, weil er auf dem Prinzip der „sola Scriptura“
beruht. Die Tradition, die vom Geist Gottes geführt wird, entwickelt sich
jedoch innerhalb der Glaubensgemeinschaft organisch aus der Heiligen Schrift
heraus. Es fehlt dem Fundamentalismus die Erkenntnis, daß das Neue Testament
in der christlichen Kirche entstanden ist und daß es Heilige Schrift dieser
Kirche ist, deren Existenz der Abfassung ihrer Schriften schon vorausging. Aus
diesem Grund ist der Fundamentalismus oft „antikirchlich“. Er erachtet die
Glaubensbekenntnisse, die Dogmen und das liturgische Leben, die Teil der
kirchlichen Tradition geworden sind, als nebensächlich. Das Gleiche gilt für
die Lehrfunktion der Kirche selbst. Er stellt sich als eine Form privater
Interpretation dar, die nicht erkennt, daß die Kirche auf der Bibel gründet
und ihr Leben und ihre Inspiration aus den heiligen Schriften bezieht. Der
fundamentalistische Zugang ist gefährlich, denn er zieht Personen an, die auf
ihre Lebensprobleme biblische Antworten suchen. Er kann sie täuschen, indem
er ihnen fromme, aber illusorische Interpretationen anbietet, statt ihnen zu
sagen, daß die Bibel nicht unbedingt sofortige, direkte Antworten auf jedes
dieser Probleme bereithält. Ohne es zu sagen, lädt der Fundamentalismus doch
zu einer Form der Selbstaufgabe des Denkens ein. Er gibt eine trügerische
Sicherheit, indem er unbewußt die menschlichen Grenzen der biblischen
Botschaft mit dem göttlichen Inhalt dieser Botschaft verwechselt. II.
Probleme der Hermeneutik A. Philosophische Hermeneutiken Der
Weg der Exegese muß in dem Sinn neu überdacht werden, als sie der
zeitgenössischen philosophischen Hermeneutik Rechnung tragen muß. Diese hebt
die Implikation der Subjektivität im Erkennen, besonders im geschichtlichen
Erkennen, hervor. Die hermeneutische Reflexion hat mit den Arbeiten von
Friedrich Schleiermacher, Wilhelm Dilthey und besonders mit Martin Heidegger
einen neuen Aufschwung genommen. Im Gefolge dieser Philosophen, aber auch
unabhängig von ihnen, haben verschiedene Autoren die zeitgenössische
hermeneutische Theorie und ihre Anwendung auf die Heilige Schrift vertieft.
Unter ihnen sind namentlich Rudolf Bultmann, Hans-Georg Gadamer und Paul
Ricoeur zu erwähnen. Es ist hier nicht möglich, eine Zusammenfassung ihrer
Arbeiten zu geben. Es muß genügen, einige zentrale Ideen ihrer Philosophie
zu skizzieren, die die biblische Interpretation beeinflußt haben. (12) 1.
Moderne Perspektiven Da zwischen der Welt des 1. und 20. Jahrhunderts eine
kulturelle Distanz liegt, hat Bultmann mit Nachdruck auf das ,Vorverständnis‘
hingewiesen, das für jedes Verstehen notwendig ist. Er hat in diesem Sinne
eine existentiale Interpretationstheorie der neutestamentlichen Texte
ausgearbeitet. Es geht ihm darum, daß die Realität, von der die Heilige
Schrift handelt, den heutigen Menschen anspricht. Indem er sich auf Heidegger
beruft, stellt er fest, daß die Exegese eines biblischen Textes ohne
bestimmte, das Verstehen bedingende Voraussetzungen eben nicht möglich ist.
Das ,Vorverständnis‘ beruht auf einem Lebensverhältnis des Interpreten zur
Sache, von der der Text spricht. Das ,Vorverständnis‘ muß sich aber
vertiefen und erweitern, ja sogar verändern und korrigieren lassen durch das,
von dem der Text spricht, damit der Interpret dem Subjektivismus entgeht. Die
Frage, die sich stellt, ist die nach der richtigen Begrifflichkeit, mit der
die Heilige Schrift angegangen werden muß, damit sie der heutige Mensch
verstehen kann. Die Antwort glaubt Bultmann in Heideggers Existentialanalyse
zu finden. Die Existentiale Heideggers hätten eine universale Bedeutung und
würden die am besten geeigneten Strukturen und Begriffe anbieten, die
menschliche Existenz zu verstehen, wie sie sich in der Botschaft des Neuen
Testamentes offenbart. Gadamer unterstreicht ebenfalls die geschichtliche
Distanz zwischen dem Text und seinem Interpreten. Er nimmt die Theorie vom
hermeneutischen Zirkel wieder auf und entwickelt sie weiter. Die Vorwegnahmen
und die Vorverständnisse, die unser Verstehen kennzeichnen, kommen aus der
Tradition, die uns trägt. Diese besteht aus einer Gesamtheit von historischen
und kulturellen Gegebenheiten, die unsere Lebenswelt, unseren Verstehenshorizont
darstellen. Der Interpret ist aufgefordert, mit der Realität, von der der
Text spricht, in Dialog zu treten. Das Verstehen ereignet sich in der
Verschmelzung der beiden Horizonte, dem des Textes und dem des Lesers („Horizontverschmelzung“).
Sie ist nur möglich, wenn es eine Entsprechung („Zugehörigkeit“) gibt,
d.h. eine grundlegende Verwandtschaft zwischen dem Interpreten und seinem
Objekt. (13) Die Hermeneutik ist ein dialektischer Vorgang: das Verständnis
eines Textes ist immer auch ein erweitertes Selbstverständnis. Vom
hermeneutischen Denken Ricoeurs ist zuerst die Betonung festzuhalten, die er
auf den Vorgang der Distanzierung als eine unentbehrliche Voraussetzung für
eine echte Aneignung des Textes legt. Eine erste Distanz liegt zwischen dem
Text und seinem Autor; denn sobald er verfaßt ist, bekommt der Text eine
gewisse Autonomie seinem Autor gegenüber; er beginnt eine ,Sinn-Karriere‘.
Eine andere Distanz trennt den Text von seinen jeweiligen Lesern; diese
müssen die Andersartigkeit der Welt des Textes respektieren. Die Methoden der
literarischen und geschichtlichen Analyse sind somit für die Interpretation
notwendig. Der Sinn eines Textes kann jedoch nur dann voll erfaßt werden,
wenn er im Erleben der Leser aktualisiert wird, die ihn sich aneignen. Diese
sind aufgerufen, aus ihrer Situation heraus neue Bedeutungen in der
Perspektive des grundlegenden Sinnes, wie er vom Text ausgeht, freizusetzen.
Die Kenntnis der Bibel darf nicht etwa an der Sprache hängenbleiben. Sie muß
vielmehr bis zur Realität vordringen, von der der Text spricht. Die
religiöse Sprache der Bibel ist eine symbolische Sprache, die „zu denken
gibt“, eine Sprache, deren Sinnreichtum sich nie erschöpft. Es ist eine
Sprache, die eine transzendente Realität meint und auf sie verweist und
zugleich im Menschen den Sinn für die Tiefendimension seines Seins weckt. 2.
Der Beitrag der Hermeneutik zur Exegese Wie sind diese zeitgenössischen
Theorien der Textinterpretation zu beurteilen? Die Bibel ist Wort Gottes für
alle aufeinanderfolgenden Zeiten. Deshalb darf man sich keiner hermeneutischen
Theorie verschließen, die es erlaubt, Methoden der literarischen und
historischen Kritik in ein weiteres Interpretationsmodell einzubetten. Es geht
darum, die Distanz zwischen der Epoche der Autoren und ersten Adressaten der
biblischen Texte und unserer heutigen Zeit zu überbrücken, um so die
Botschaft der Texte in richtiger Weise zu aktualisieren, damit sie das
Glaubensleben der Christen nährt. Jede Textexegese muß durch eine „Hermeneutik“
im modernen Sinn des Wortes ergänzt werden. Die Notwendigkeit einer
Hermeneutik, d.h. einer Interpretation im Heute unserer Welt, findet ihre
Berechtigung in der Bibel selbst sowie in der Geschichte ihrer Interpretation.
Die gesamten heiligen Schriften des Alten und Neuen Testamentes sind Produkte
eines langen Prozesses der Neu-Interpretation der Gründungsereignisse im
Zusammenhang mit dem Leben der Gemeinschaften der Gläubigen. In der
kirchlichen Tradition waren die Kirchenväter, die ersten Ausleger der
Heiligen Schrift, der Ansicht, daß ihre Textexegese erst dann vollständig
war, wenn sie den Sinn des Textes für die Christen ihrer Zeit, in ihrer
Situation aufgezeigt hatten. Man ist der Absicht der biblischen Texte nur in
dem Maß treu, in dem man versucht, durch ihre Formulierungen hindurch die
Wirklichkeit des Glaubens zu erreichen, die in ihnen zur Sprache kommt, und
diese mit der Glaubenserfahrung der heutigen Zeit verbindet. Die moderne
Hermeneutik ist eine gesunde Reaktion auf den historischen Positivismus und
auf die Versuchung, bei der Erforschung der Bibel Kriterien der Objektivität
anzuwenden, die für die Naturwissenschaften Geltung haben. Einerseits sind
die Ereignisse, die in der Bibel erwähnt werden, interpretierte Ereignisse.
Andererseits impliziert jede Exegese der Erzählungen von diesen Ereignissen
notwendigerweise die Subjektivität des Exegeten. Das richtige Verständnis
des biblischen Textes ist nur dem zugänglich, der eine lebendige Beziehung zu
dem hat, wovon der Text spricht. Die Frage, die sich jedem Interpreten stellt,
ist die: Welche hermeneutische Theorie ermöglicht es, die tiefe Wirklichkeit
zu erfassen, von welcher die Heilige Schrift spricht, und diese für den
heutigen Menschen klar und sinnvoll auszudrücken? Man muß in der Praxis
freilich anerkennen, daß gewisse hermeneutische Theorien zur Interpretation
der Heiligen Schrift ungeeignet sind. So schließt Bultmanns existentiale
Interpretation die biblische Botschaft in die Enge einer besonderen
Philosophie ein. Zudem ist die religiöse Botschaft der Bibel – wegen der
Voraussetzungen, die diese Hermeneutik leiten – ihrer objektiven
Wirklichkeit größtenteils entleert, weil sie zu weitgehend „entmythologisiert“
wird. Auch tendiert sie dahin, die biblischen Texte einer anthropologischen
Konzeption zu unterwerfen. Die Philosophie wird so zur Interpretationsnorm
anstatt zum Instrument des Verstehens dessen, was das zentrale Objekt
jeglicher Interpretation der Heiligen Schrift ist: die Person Jesu Christi und
die Heilsereignisse, die in unserer Geschichte stattgefunden haben. Eine
authentische Interpretation der Heiligen Schrift ist somit zuerst die Annahme
eines in diesen Ereignissen gegebenen Sinnes, der in ausgezeichneter Weise in
der Person Jesu Christi aufscheint. Dieser Sinn kommt in den Texten zur
Sprache. Um dem Subjektivismus zu entgehen, muß eine gute Aktualisierung auf
der Untersuchung des Textes beruhen, und die Voraussetzungen der Textinterpretation
müssen sich immer wieder am Text selbst überprüfen lassen. Auch wenn die
biblische Hermeneutik zur allgemeinen Hermeneutik literarischer und
geschichtlicher Texte gehört, ist sie dennoch zugleich ein Sonderfall dieser
Hermeneutik. Ihre besonderen Charakteristika kommen ihr von ihrem Objekt her
zu. Die Heilsereignisse und ihre Erfüllung in der Person Jesu Christi geben
der gesamten Geschichte der Menschheit Sinn. Die neuen geschichtlichen
Interpretationen (14) können nichts anderes sein als die Entschleierung oder
die Entfaltung der Fülle dieses Sinnes. Die biblische Erzählung dieser
Ereignisse kann durch den Verstand allein nicht voll erfaßt werden. Ihre
Interpretation bedarf besonderer Voraussetzungen, z.B. des in der kirchlichen
Gemeinschaft gelebten Glaubens und der Führung durch den Heiligen Geist. (15)
Mit dem Wachsen des Lebens im Geiste weitet sich bei der Leserschaft das
Verständnis der Wirklichkeiten, von denen der biblische Text spricht. B.
Sinn der inspirierten Schrift Der moderne Beitrag der philosophischen
Hermeneutiken und die neueren Entwicklungen der Literaturwissenschaft
ermöglichen der biblischen Exegese ein tieferes Verständnis ihrer Aufgabe,
deren Komplexität deutlicher zutage tritt. Die ältere Exegese, die
natürlich noch nicht modernen wissenschaftlichen Ansprüchen genügen konnte,
wies jedem Text der Heiligen Schrift verschiedene Sinnebenen zu. Die
geläufigste Unterscheidung war die zwischen Literal- und geistlichem Sinn.
Die mittelalterliche Exegese unterschied im geistlichen Sinn drei verschiedene
Aspekte: den Bezug auf die offenbarte Wahrheit, auf das konkrete Leben und auf
die letzte Erfüllung. Von da kommt das berühmte Distichon des Dominikaners
Augustinus von Dänemark (XIII. Jh.): „Littera gesta docet, quid credas
allegoria, moralis quid agas, quid speres anagogia.“ Als Reaktion auf die
Theorie des vielfachen Schriftsinnes hat die historisch-kritische Exegese mehr
oder weniger offen die These eines einzigen Sinnes vertreten, derzufolge ein
Text nicht gleichzeitig mehrere Bedeutungen haben kann. Das ganze Bemühen der
historisch-kritischen Exegese geht dahin, den genauen Wort-Sinn dieses oder
jenes biblischen Textes in der Situation seiner Entstehung zu bestimmen. Doch
läßt sich diese These heute angesichts der Erkenntnisse der
Sprachwissenschaften und der philosophischen Hermeneutiken, die die Polysemie
geschriebener Texte anerkennen, so nicht mehr halten. Das Problem ist nicht
einfach, und es stellt sich nicht in gleicher Weise für alle Textgattungen:
geschichtliche Erzählungen, Gleichnisse, Prophetenworte, Gesetze,
Sprichwörter, Gebete, Hymnen usw. Man kann jedoch einige allgemeine
Grundsätze nennen, ohne dabei die verschiedenen Auffassungen zu übersehen,
die vertreten werden. 1. Der wörtliche Sinn (sensus litteralis) Es ist
nicht nur legitim, sondern unerläßlich, den genauen Sinn der Texte, so wie
sie von ihren Autoren verfaßt wurden, zu bestimmen. Er heißt wörtlicher
Sinn, sensus litteralis. Schon Thomas von Aquin hat auf seine
grundlegende Bedeutung hingewiesen (S.Th.I, q. 1, a.10, ad 1). Der
wörtliche Sinn darf nicht mit dem „buchstäblichen“ verwechselt werden,
wie es die Fundamentalisten zu tun pflegen. Es genügt z.B. nicht, einen Text
buchstäblich zu übersetzen, um seinen wörtlichen Sinn zu erhalten. Man muß
ihn den literarischen Konventionen der Zeit entsprechend verstehen. Ist ein
Text metaphorisch, so ist sein wörtlicher Sinn nicht derjenige, der sich aus
einem wortwörtlichen Verständnis ergibt (z.B. „eure Lenden seien gegürtet“,
Lk 12,35), sondern derjenige, der der metaphorischen Verwendung
entspricht („seid immer bereit“). Handelt es sich um eine Erzählung, so
erlaubt der wörtliche Sinn nicht unbedingt die Beteuerung, die erzählten
Fakten hätten in der Tat stattgefunden; denn es kann sein, daß eine
Erzählung nicht der Gattung geschichtlicher Erzählungen angehört, sondern
ein Produkt der Phantasie ist. Der wörtliche Sinn der Heiligen Schrift ist
derjenige, der von den inspirierten menschlichen Autoren direkt ausgedrückt
wurde. Da er Frucht der Inspiration ist, ist dieser Sinn auch der von Gott,
dem eigentlichen Autor (auctor principalis), gewollte. Er läßt sich mit
Hilfe einer genauen Analyse des Textes im Rahmen seines literarischen und
geschichtlichen Kontextes ermitteln. Die Hauptaufgabe der Exegese ist es,
diese Analyse sorgfältig durchzuführen, wobei alle Möglichkeiten der
literarischen und geschichtlichen Forschungen auszuschöpfen sind, um den
wörtlichen Sinn der biblischen Texte mit größtmöglicher Genauigkeit zu
erfassen (vgl. Divino afflante Spiritu, EnchB 550). Zu diesem Zweck ist
die Erforschung der antiken literarischen Gattungen von ganz besonderer
Notwendigkeit (ebd. 560). Gibt es nur einen wörtlichen Sinn eines
Textes? Im allgemeinen ja; aus zwei Gründen handelt es sich dabei jedoch
nicht um ein absolutes Prinzip. Einerseits ist es möglich, daß ein
menschlicher Autor sich gleichzeitig auf verschiedene Realitätsebenen
beziehen will. Dies kommt in der Lyrik oft vor. Die biblische Inspiration
schließt diese Möglichkeit der menschlichen Sprache und Psychologie nicht
aus; das vierte Evangelium liefert dafür viele Beispiele. Andererseits ist es
auch dann, wenn ein menschlicher Ausdruck scheinbar nur eine Bedeutung hat,
durchaus möglich, daß die göttliche Inspiration ihn so steuert, daß
Mehrdeutigkeit entsteht. Dies ist der Fall beim Wort von Kajaphas in Joh
11, 50. Es drückt gleichzeitig eine politische unmoralische Berechnung und
eine göttliche Offenbarung aus. Diese zwei Aspekte gehören beide zum
wörtlichen Sinn, denn sie sind beide durch den Kontext gegeben. Obschon es
sich hier um einen Extremfall handelt, ist er doch bedeutungsvoll. Er warnt
vor einer zu engen Auffassung des wörtlichen Sinnes der inspirierten Texte. Bei
vielen Texten ist es insbesondere angebracht, auf ihren dynamischen Charakter
zu achten. Der Sinn der Königspsalmen zum Beispiel darf nicht ausschließlich
auf die geschichtlichen Bedingungen ihrer Entstehung eingeschränkt werden.
Wenn er vom König spricht, ruft der Psalmist zugleich den Gedanken an eine
konkrete Institution und an eine Idealvision des Königtums, das dem Plan
Gottes entspricht, hervor, so daß sein Text über die königliche
Institution, wie sie in der Geschichte real erscheint, weit hinausgeht. Die
historisch-kritische Exegese hatte zu oft die Tendenz, den Sinn der Texte
ausschließlich mit genauen geschichtlichen E reignissen in Verbindung zu
bringen und ihn darauf zu fixieren. Sie muß dem gegenüber vielmehr
versuchen, die Richtung des im Text ausgedrückten Gedankens zu bestimmen,
eine Richtung, die den Exegeten nicht dazu einlädt, den Sinn aufzuhalten,
sondern ihm im Gegenteil nahelegt, die mehr oder weniger voraussehbaren
Entfaltungen des Sinnes zu erfassen. Eine Strömung der modernen Hermeneutik
hat den unterschiedlichen Stellenwert hervorgehoben, der dem menschlichen Wort
zukommt, sobald es geschrieben ist. Ein geschriebener Text kann in neuen
Situationen eine andere Beleuchtung erhalten, so daß sich seinem Sinn neue
Bedeutungen hinzufügen. Diese Fähigkeit des geschriebenen Textes ist
besonders im Fall der biblischen Texte gegeben, die als Wort Gottes anerkannt
werden. In der Tat, was die Glaubensgemeinschaft dazu bewegte, sie
aufzubewahren, ist die Überzeugung, in ihnen Licht und Leben auch für die
kommenden Generationen zu finden. Der wörtliche Sinn ist von Anfang an für
spätere Entwicklungen offen, die durch „Wiederaufnahmen“ (relectures) in
neuen Kontexten ausgelöst werden. Daraus ergibt sich nicht, daß einem
biblischen Text irgendein beliebiger Sinn beigelegt werden kann, indem man ihn
auf subjektive Weise interpretiert. Im Gegenteil, man muß jede Interpretation
als unauthentisch zurückweisen, die dem Sinn zuwiderläuft, den die
menschlichen Autoren in dem von ihnen niedergeschriebenen Text ausgedrückt
haben. Ließe man einen heterogenen Sinn zu, würde man die biblische
Botschaft in ihren Wurzeln treffen und subjektiver Willkür überlassen; denn
diese Botschaft ist ein Wort, das Gott in der Geschichte gesprochen hat. 2.
Der geistliche Sinn (sensus spiritualis) Man darf jedoch den Ausdruck „heterogen“
nicht in zu engem Sinne auffassen, der jegliche Möglich keit höherer
Erfüllung von vornherein ausschlösse. Das österliche Geschehen, Tod und
Auferstehung Jesu, haben einen völlig neuen geschichtlichen Kontext
geschaffen, der auf neue Art die alten Texte erhellt und zu einer Veränderung
des Sinnes führt. So müssen namentlich gewisse Texte, die in früheren
Situationen als hyperbolisch betrachtet werden mußten (z.B. das
Prophetenwort, in welchem Gott in bezug auf einen Davidssohn verhieß, dessen
Thron „für immer“ zu festigen 2 Sam 7, 12-13; 1 Chr 17,
11-14), nunmehr wörtlich genommen werden, weil „Christus, von den Toten
auferstanden, nicht mehr stirbt“ (Röm 6, 9). Exegeten, die einen
engen, „historistischen“ Begriff vom wörtlichen Sinn haben, werden der
Meinung sein, daß es sich hier um Heterogenität handelt. Diejenigen, die dem
dynamischen Aspekt der Texte offen gegenüberstehen, werden hingegen darin
eine tiefe Kontinuität erkennen und zugleich einen Übergang auf eine andere
Stufe: Christus herrscht für immer, jedoch nicht auf dem irdischen Thron
Davids (vgl. auch Ps 2, 7-8; 110, 1.4). In Fällen dieser Art spricht
man vom „geistlichen Sinn“. In der Regel läßt sich der geistliche Sinn
in der Perspektive des christlichen Glaubens als der Sinn definieren, den die
biblischen Texte ausdrücken, wenn sie unter dem Einfluß des Heiligen Geistes
im Kontext des österlichen Mysteriums Christi und des daraus folgenden neuen
Lebens gelesen werden. Diesen Kontext gibt es tatsächlich. Das Neue Testament
erkennt darin die Erfüllung der Schriften. So ist es natürlich, die
Schriften im Lichte dieses neuen Kontextes zu lesen, der das Leben im Heiligen
Geiste ist. Aus dieser Definition ergeben sich mehrere nützliche Klärungen
der Beziehung zwischen geistlichem und wörtlichem Sinn: Entgegen einer weit
verbreiteten Meinung unterscheiden sich die beiden Sinne nicht notwendigerweise.
Wenn ein biblischer Text sich direkt auf das Ostergeheimnis Christi oder auf
das daraus folgende neue Leben bezieht, so ist sein wörtlicher Sinn ein
geistlicher. Dies ist im allgemeinen im Neuen Testament der Fall. Deshalb
spricht die christliche Exegese von geistlichem Sinn meistens in bezug auf das
Alte Testament. Doch schon im Alten Testament gibt es manche Texte, die als
wörtlichen Sinn einen religiösen und geistlichen Sinn haben. Der christliche
Glaube erkennt in ihnen einen Sinn, der das neue, durch Christus gebrachte
Leben vorwegnimmt. Wenn eine Unterscheidung vorliegt, so darf der geistliche
Sinn nie ohne Bezug zum wörtlichen Sinn bestimmt werden. Dieser bleibt die
unerläßliche Basis. Sonst könnte man nicht von „Erfüllung“ der
Heiligen Schrift sprechen. Damit von Erfüllung die Rede sein kann, ist eine
kontinuierliche und homogene Beziehung wesentlich. Es muß aber auch ein
Übergang auf eine höhere Stufe der Wirklichkeit stattfinden. Der
geistliche Sinn darf nicht mit subjektiven Interpretationen verwechselt
werden, die aus Einbildungskraft oder intellektueller Spekulation stammen. Der
geistliche Sinn ist das Ergebnis der Beziehung zwischen dem Text und
Wirklichkeiten, die ihm nicht fremd sind, nämlich dem Osterereignis in seiner
unerschöpflichen Fruchtbarkeit, das den Höhepunkt der göttlichen
Geschichtsmächtigkeit im Leben Israels zugunsten der ganzen Menschheit
darstellt. Eine in Gemeinschaft oder individuell vollzogene geistliche
Lesung entdeckt einen authentischen geistlichen Sinn nur dann, wenn sie sich
in diese Perspektive versetzt. Denn dann werden die drei Realitätsebenen
miteinander in Beziehung gebracht: biblischer Text, Ostergeheimnis und
gegenwärtige Situation des Lebens im Heiligen Geiste. Da die frühere
Exegese davon überzeugt war, daß das Mysterium Christi der Schlüssel zur
Auslegung aller Schriften ist, lag ihr daran, einen geistlichen Sinn bis in
die winzigsten Einzelheiten der biblischen Texte zu finden, z.B. in jeder
Vorschrift der Ritualgesetze, wobei sie sich entweder rabbinischer Methoden
bediente oder sich von der hellenistischen Allegorese inspirieren ließ. Die
moderne Exegese kann solchen Interpretationsversuchen keinen wirklichen Wert
mehr für heute beimessen, welchen pastoralen Nutzen sie auch immer in der
Vergangenheit gebracht haben mag (vgl. Divino afflante Spiritu, EnchB
553). Einer der möglichen Aspekte des geistlichen Sinnes ist der
typologische Sinn. Von diesem wird gewöhnlich gesagt, er gehöre nicht zur
Heiligen Schrift selbst, sondern zu den in der Heiligen Schrift zur Sprache
gebrachten Realitäten: Adam versinnbildlicht Christus (vgl. Röm 5,
14), die Sintflut versinnbildlicht die Taufe (1 Petr 3, 20-21), usw.
Tatsächlich basiert der typologische Bezug normalerweise auf der Art und
Weise, wie die Heilige Schrift die alte Wirklichkeit beschreibt (vgl. die
Stimme Abels: Gen 4, 10; Hebr 11, 4; 12, 24), und nicht einfach
auf dieser Wirklichkeit an und für sich. Es handelt sich also in Wirklichkeit
um einen von der Heiligen Schrift geschaffenen Sinn. 3. Der sensus plenior Der
sensus plenior, eine relativ neue Kategorie, gibt zu Diskussionen
Anlaß. Man kann ihn als tieferen Sinn eines Textes definieren, der von Gott
gewollt ist, aber vom menschlichen Autor nicht klar ausgedrückt wurde. Man
stößt auf ihn, wenn man einen biblischen Text im Lichte anderer biblischer
Texte, die auf ihm fußen, oder in seiner Beziehung zur inneren Entwicklung
der Offenbarung untersucht. Es handelt sich somit entweder um den Sinn, den
ein biblischer Autor einem ihm bekannten früheren biblischen Text zuerkennt,
wenn er ihn in einem neuen Kontext wiederverwendet, der ihm einen neuen
wörtlichen Sinn verleiht; oder es geht um die Bedeutung, die eine
authentische Lehrtradition oder eine Konzilsdefinition einem Text der Bibel
zuerkennt. Der Kontext von Mt 1, 23 zum Beispiel gibt dem Prophetenwort
von Jes 7, 14 von der ‘almah, die empfangen wird, einen sensus
plenior, indem Mt die Übersetzung der Septuaginta übernimmt: „Die
Jungfrau (parthénos) wird ein Kind empfangen“. Die Lehre der Kirchenväter
und der Konzilien über die Heiligste Dreifaltigkeit bringt den sensus plenior
der Aussagen des Neuen Testamentes über Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist
zum Ausdruck. Die Definition der Erbsünde durch das Konzil von Trient kann
ebenso als sensus plenior der Lehre von Paulus in Röm 5, 12-21
bezüglich der Auswirkungen der Sünde Adams auf die Menschheit verstanden
werden. Wo aber eine solche Kontrolle durch einen expliziten biblischen Text
oder durch eine authentische Lehrtradition fehlt, könnte das Zurückgreifen
auf einen sogenannten sensus plenior zu subjektiven Auslegungen Anlaß geben,
denen jede Berechtigung fehlen würde. Alles in allem könnte man den
Ausdruck sensus plenior als eine andere Bezeichnung des geistlichen Sinnes in
dem Fall auffassen, wo sich der geistliche Sinn vom wörtlichen Sinn eines
biblischen Textes unterscheidet. Er beruht darauf, daß der Heilige Geist, der
Hauptverfasser der Bibel, den menschlichen Verfasser in der Auswahl seiner
Ausdrücke so führen kann, daß diese eine Wahrheit ausdrücken, die dem
Autor selbst nicht in ihrer ganzen Tiefe bewußt war. Diese wird erst mit der
Zeit umfassender offenbart, einerseits dank späterer göttlicher
Heilssetzungen in der Geschichte, die die Tragweite der Texte besser zeigen,
andererseits auch dank der Aufnahme der Texte in den Kanon der Heiligen
Schrift. So wird ein neuer Kontext geschaffen, der Sinnmöglichkeiten
erscheinen läßt, die der ursprüngliche Kontext im dunkeln gelassen hatte. III.
Charakteristische Dimensionen der katholischen Interpretation Die
katholische Exegese unterscheidet sich nicht durch eine besondere
wissenschaftliche Methode. Sie stimmt der Erkenntnis zu, daß die biblischen
Texte das Werk menschlicher Autoren sind, die sich ihrer eigenen Ausdrucksmöglichkeiten
bedient haben und mit den Mitteln arbeiteten, die ihnen je nach Zeit und
Milieu zur Verfügung standen. Daher benützt sie ohne Vorbehalte alle
wissenschaftlichen Methoden und Zugänge, die den Sinn der Texte in ihrem sprachlichen,
literarischen, soziokulturellen, religiösen und historischen Umfeld
erschließen, indem sie diesen Sinn genauer erfaßt, wenn sie die Quellen
erforscht und der Persönlichkeit des jeweiligen Autors Rechnung trägt (vgl. Divino
afflante Spiritu, EnchB 557). Sie leistet einen aktiven Beitrag zur Weiterentwicklung
der Methoden und zum Fortschritt der biblischen Wissenschaft. Ihre
Charakteristik ist es, bewußt in der Linie der lebendigen Tradition der
Kirche zu stehen, deren oberstes Anliegen es ist, die Offenbarung zu bewahren,
wie sie von der Bibel bezeugt wird. Wie oben erwähnt wurde, haben die
modernen Hermeneutiken die Unmöglichkeit gezeigt, einen Text zu
interpretieren, ohne von irgendeinem Vorverständnis auszugehen. Die
katholische Exegese geht die biblischen Schriften mit einem Vorverständnis
an, das die moderne wissenschaftliche Kultur und die religiöse Tradition, die
von Israel und der christlichen Urgemeinde herstammt, eng miteinander
verbindet. Ihre Interpretation steht somit in Kontinuität mit der
Interpretationsdynamik, die innerhalb der Bibel selbst zutage tritt und sich
im Leben der Kirche fortsetzt. Sie entspricht der Notwendigkeit der
unabdingbaren „Verwandtschaft“ zwischen dem Interpreten und dem
Gegenstand, von dem der biblische Text handelt. Diese innere „Verwandtschaft“
ist eine Bedingung der Möglichkeit für alles exegetische Arbeiten. Jedes
Vorverständnis hat jedoch auch seine Gefahren. Im Fall der katholischen
Exegese besteht das Risiko darin, den biblischen Texten einen Sinn zu geben,
den sie nicht ausdrücken, sondern der Frucht einer späteren Entwicklung der
Tradition ist. Der Exeget muß sich vor dieser Gefahr hüten. A. Die
Interpretation innerhalb der biblischen Tradition Die Texte der Bibel
sind Ausdruck religiöser Traditionen, die bereits vor ihnen bestanden. Sie
machen sich diese Traditionen in ganz verschiedenen Weisen je nach der
Kreativität der Autoren zu eigen. Im Laufe der Zeit sind mannigfaltige
Traditionen zusammengeflossen, um schließlich eine gemeinsame große
Tradition zu bilden. Die Bibel zeigt diesen Prozeß sehr klar auf: sie hat zu
seiner Verwirklichung beigetragen, und sie reguliert ihn weiterhin. „Die
Interpretation innerhalb der biblischen Tradition“ hat vielfältige Aspekte.
Man kann unter diesem Begriff die Art und Weise verstehen, wie die Bibel
menschliche Grunderfahrungen oder besondere Ereignisse der Geschichte Israels
interpretiert, oder aber die Art, wie die biblischen Texte schriftliche oder
mündliche Quellen benützen – von denen manche aus andern Religionen oder
Kulturen herstammen mögen –, indem sie diese neu interpretieren. Doch da
das gestellte Thema die Interpretation der Bibel ist, sollen nicht diese
komplexen Fragen erörtert werden, sondern nur einige Beobachtungen zur
Interpretation der biblischen Texte innerhalb der Bibel selbst vorgelegt
werden. 1. „Wiederaufnahmen“ (relectures) Was der Bibel ihre innere
und einzigartige Einheit verleiht, beruht unter anderem auf der Tatsache, daß
die späteren biblischen Schriften sich oft auf die früheren stützen. Sie
machen Anspielungen auf sie, indem sie diese wiederaufnehmen und aus ihnen –
manchmal weit entfernt vom ursprünglichen Sinn – neue Sinn-Aspekte
entwickeln, oder aber sie beziehen sich direkt auf ihn, sei es, um diesen Sinn
zu vertiefen, sei es, um seine Erfüllung aufzuzeigen. So wird „das Erbe“
eines Landes, wie Gott es Abraham für seine Nachkommen verheißen hatte (Gen
15, 7.18), zum Eintritt in das Heiligtum Gottes (Ex 15, 17), zur
Teilnahme an der Ruhe Gottes (Ps 132, 7-8), die den wahrhaft Glaubenden
vorbehalten ist (Ps 95, 8-11; Hebr 3 , 7-4, 11) , und
schließlich zum Eingehen in das himmlische Heiligtum (Hebr 6,
12.18-20), „das ewige Erbe“ (Hebr 9, 15). Die Weissagung des
Propheten Natan, der David ein „Haus“, d.h. eine dynastische Erbfolge, „beständig
auf immer“ (2 Sam 7, 12-16) verspricht, wird an mehreren Stellen
wiederholt (2 Sam 23, 5; 1 Kön 2, 4; 3, 6; 1 Chr 17,
11-14), vor allem in Notzeiten (Ps 89, 20.38), nicht ohne bedeutsame
Abwandlungen. Sie wird auch durch weitere Prophetenworte ergänzt (Ps
2, 7-8; 110, 1.4; Am 9, 11; Jes 7, 13-14; Jer 23, 5-6
usw.), von denen einige das Wiederkommen von Davids Reich selbst verkünden (Hos
3, 5; Jer 30, 9; Ez 34, 24; 37, 24-25; vgl. Mk 11, 10).
Das verheißene Reich hat universale Dimensionen (Ps 2, 8; Dan
2, 35.44; 7, 14; vgl. Mt 28, 18). Es realisiert die Berufung des
Menschen in ihrer Fülle (Gen 1, 28; Ps 8, 6-9; Weish 9,
2-3; 10,2). Jeremias Weissagung über die 70 Jahre der verdienten Strafe
Jerusalems und Judas (Jer 25, 11-12; 29, 10) ist in 2 Chr 25,
20-23 wieder aufgenommen, wo ihre Verwirklichung aufgezeigt wird. Viel später
meditiert sie der Autor des Buches Daniel von neuem in der Überzeugung, daß
dieses Wort Gottes noch einen verborgenen Sinn enthält, der die gegenwärtige
Situation erhellen kann (Dan 9, 24-27). Die grundlegende
Überzeugung, daß die vergeltende Gerechtigkeit Gottes die Guten belohnt und
die Bösen bestraft (Ps 1, 1-6; 112, 1-10; Lev 26, 3-33 u.a.),
stößt sich oft an unmittelbarer gegenteiliger Erfahrung. So läßt die
Heilige Schrift kräftigen Einwänden und Bestreitungen Raum (Ps 44; Ijob
10, 1-7; 13, 3-28; 23-24) und geht diesem Geheimnis immer tiefer nach (Ps
37; Ijob 38-42; Jes 53; Weish 3-5). 2. Beziehungen
zwischen Altem und Neuem Testament Die intertextuellen Bezüge sind in den
Schriften des Neuen Testamentes von größter Dichte, die zahlreiche
Anspielungen auf das Alte Testament und ausdrückliche alttestamentliche
Zitate enthalten. Für die Verfasser des Neuen Testamentes hat das Alte
Testament göttlichen Offenbarungswert. Sie verkünden, daß diese Offenbarung
ihre Erfüllung im Leben, in der Lehre und vor allem im Tod und in der
Auferstehung Jesu gefunden hat, in denen die Quelle der Versöhnung und des
ewigen Lebens liegt. „Christus ist für unsere Sünden gestorben gemäß der
Schrift, und er ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden
gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas ...“ (1 Kor 15, 3-5):
dies ist der eigentliche Kern der apostolischen Verkündigung
(1 Kor 15, 11). Zwischen den Ereignissen, die die Heilige Schrift
erfüllen, und der Heiligen Schrift selbst bestehen nie nur einfache
materielle Übereinstimmungen, sondern wechselseitige Erhellungen und
dialektischer Fortschritt: man stellt zugleich fest, daß die Heilige Schrift
den Sinn der Ereignisse offenbart und die Ereignisse den Sinn der Heiligen
Schrift offenbaren. Mit anderen Worten, die Ereignisse zwingen dazu, gewisse
Aspekte der herkömmlichen Interpretation beiseite zu lassen, eine neue
Auslegung anzunehmen. Von Anfang seines öffentlichen Wirkens an hat Jesus
eine persönliche und originelle Haltung in bezug auf die Heilige Schrift
eingenommen, die sich von der Interpretation seiner Epoche, derjenigen der „Schriftgelehrten
und der Pharisäer“, unterschied (Mt 5, 20). Dafür gibt es
zahlreiche Beweise, so z.B. die Antithesen der Bergpredigt (Mt 5,
21-48), die souveräne Freiheit Jesu in der Beobachtung des Sabbats (Mk
2, 27-28 par.), seine Art, die Vorschriften über rituelle Reinheit zu
relativieren (Mk 7, 1-23 par.), andererseits seine radikalen
Forderungen auf anderen Gebieten (Mt 10, 2-12 par.; 10, 17-27 par.) und
vor allem seine offene Haltung gegenüber „den Zöllnern und den Sündern“
(Mk 2, 15-17 par.). Dies entsprang nicht dem Bedürfnis nach der Rolle
des Außenseiters, sondern zutiefst der Treue zum Willen Gottes, wie er sich
in der Heiligen Schrift ausdrückt (vgl. Mt 5, 17; 9.13; Mk 7,
8-13 par.; 10, 5-9 par.). Tod und Auferstehung Jesu haben die begonnene
Entwicklung zu ihrem Höhepunkt geführt, indem sie in gewissen Punkten einen
totalen Bruch und zugleich eine unerwartete Öffnung zeitigten. Der Tod des
Messias, des „Königs der Juden“ (Mk 15, 26 par.) hat eine
Umwandlung der innerweltlichen Auslegung der Königspsalmen und der
messianischen Weissagungen hervorgebracht. Jesu Auferstehung und seine
himmlische Verherrlichung als Gottes Sohn haben diesen gleichen Texten eine
Sinnfülle gegeben, die vorher unvorstellbar war. Ausdrücke, die zuvor
hyperbolisch schienen, müssen von nun an wörtlich genommen werden. Sie
erscheinen als von Gott vorbereitet, um die Herrlichkeit Jesu Christi
auszudrücken, denn Jesus ist wahrhaft „Herr“ (Ps 110, 1) im
stärksten Sinn des Wortes (Apg 2, 36; Phil 2, 10-11; Hebr
1, 10-12); er ist Sohn Gottes (Ps 2, 7; Mk 14, 62; Röm 1,
3-4), Gott mit Gott (Ps 45, 7; Hebr 1, 8; Joh 1, 1; 20,
28); „seiner Herrschaft wird kein Ende sein“ (Lk 1, 32-33; vgl. 1 Chr
17, 11-14; Ps 45, 7; Hebr 1, 8), und er ist zugleich „Priester
auf ewig“ (Ps 110, 4; Hebr 5, 6-10; 7, 23-24). Die Verfasser
des Neuen Testamentes haben das Alte im Lichte der österlichen Ereignisse neu
gelesen. Der vom verherrlichten Christus gesandte Heilige Geist (vgl. Joh
15, 26; 16, 7) hat sie dessen „geistlichen“ Sinn entdecken lassen. Mehr
denn je sind sie so dahin geführt worden, einerseits den prophetischen Wert
des Alten Testamentes hervorzuheben, andererseits aber auch dessen Wert als
Heilsinstitution stark zu relativieren. Dieser zweite Gesichtspunkt, der schon
in den Evangelien sichtbar wird (vgl. Mt 11, 11-13 par.; 12, 41-42
par.; Joh 4, 12-14; 5, 37; 6, 32), tritt in manchen paulinischen
Schriften sowie im Hebräerbrief überaus klar zu Tage. Paulus und der
Verfasser des Hebräerbriefes zeigen auf, daß die Thora als Offenbarung
selbst ihr eigenes Ende als System der Gesetzgebung ankündet (vgl. Gal
2, 15-6,1; Röm 3, 20-21; 6, 14; Hebr 7, 11-19; 10, 8-9). Daraus
folgt, daß die Heiden, die zum Glauben an Christus kommen, nicht allen
Vorschriften der biblischen Gesetzgebung unterworfen werden müssen, die von
nun an gesamthaft auf den Rang von Institutionen eines bestimmten Volkes
beschränkt sind. Die Gläubigen aus dem Heidentum sollen sich aber vom Alten
Testament als dem Wort Gottes nähren, denn es erlaubt ihnen, alle Dimensionen
des österlichen Geheimnisses zu entdecken, aus dem sie leben (vgl. Lk
24, 25-27. 44-45; Röm 1,1-2). Innerhalb der christlichen Bibel sind
die Beziehungen zwischen Neuem und Altem Testament zweifellos komplex. Wenn es
um die Benützung bestimmter Texte geht, lesen sie die Verfasser des Neuen
Testaments natürlich im Rahmen der Kenntnisse und Interpretationsweisen ihrer
Epoche. Es wäre ein Anachronismus, wollte man von ihnen verlangen, sich der
modernen wissenschaftlichen Methoden zu bedienen. Der Exeget muß vielmehr die
früheren Interpretationsweisen kennenlernen, um ihren Gebrauch verstehen und
würdigen zu können. Andererseits soll er selbstverständlich dem keinen
absoluten Wert beimessen, was nur von der Begrenzung menschlicher
Auslegungskunst Zeugnis ablegt. Schließlich muß noch darauf hingewiesen
werden, daß, wie schon im Alten Testament, innerhalb des Neuen Testamentes
verschiedene Perspektiven nebeneinander stehen, die sich manchmal in Spannung
zueinander befinden, so z.B., was die Situation Jesu anlangt (Joh 8,
29; 16, 32 und Mk 15, 34) oder die Geltung des Gesetzes des Mose (Mt
5, 17-19 und Röm 6, 14) oder die Notwendigkeit der Werke, um
gerechtfertigt zu werden (Jak 2, 24 und Röm 3, 28; Eph
2, 8-9). Es ist gerade eine Eigenart der Bibel, kein strenges System zu
bilden, sondern im Gegenteil in der Dynamik von Spannungen zu stehen. Die
Bibel hat verschiedene Weisen, die gleichen Ereignisse zu interpretieren oder
die gleichen Probleme zu bedenken. Sie lädt somit ein, Vereinfachungen und
geistige Enge zurückzuweisen. 3. Einige Schlußfolgerungen Aus dem
Gesagten ergibt sich, daß die Bibel selbst zahlreiche Hinweise und Anregungen
zur Kunst der Interpretation enthält. In der Tat, seit ihren Anfängen ist
die Bibel selbst Interpretation. Ihre Texte wurden von den Gemeinschaften des
Alten Bundes und der apostolischen Zeit als gültiger Ausdruck ihres Glaubens
anerkannt. Gemäß der Auslegung dieser Gemeinschaften und in Abhängigkeit
von ihr wurden diese Texte als Heilige Schrift anerkannt. So wurde z.B. das
Hohelied im Zusammenhang mit seiner Deutung auf die Beziehung zwischen Gott
und Israel als Heilige Schrift anerkannt. Während der ganzen Entstehungszeit
der Bibel wurden die zu ihr gehörenden Schriften in vielen Fällen neu
aufgenommen und neu interpretiert, um auf neue, unbekannte Situationen
Antworten zu geben. Die Art und Weise, wie die Heilige Schrift selbst Texte
interpretiert, legt folgende Bemerkungen nahe: Da die Heilige Schrift
aufgrund der Übereinstimmung von gläubigen Gemeinschaften entstand, die in
ihrem Text den Ausdruck des geoffenbarten Glaubens erkannten, muß gerade auch
ihre Interpretation selber wieder für den lebendigen Glauben der kirchlichen
Gemeinschaften zur Quelle einer Übereinstimmung in den wesentlichen Punkten werden. Da
der Ausdruck des Glaubens, wie man ihn in der von allen anerkannten Heiligen
Schrift fand, sich immer wieder erneuern mußte, um neuen Situationen zu
begegnen – was die wiederholten „Wiederaufnahmen“ („relectures“)
vieler biblischer Texte erklärt –, bedarf die Auslegung der Bibel in
gleicher Weise einer schöpferischen Dimension und der Stellung neuer Fragen,
um von der Bibel her Antwort auf sie zu finden. Da die Texte der Heiligen
Schrift manchmal in Spannung zueinander stehen, ist die Interpretation
notwendigerweise pluralistisch. Keine einzelne Interpretation kann den Sinn
des Ganzen erschöpfen, der wie eine Symphonie mehrstimmig ist. Die Auslegung
eines einzelnen Textes darf also nicht exklusivistisch geschehen. Die
Heilige Schrift steht in fortwährendem Dialog mit den Glaubensgemeinschaften:
sie ist ja aus ihren Glaubenstraditionen hervorgegangen. Ihre Texte haben sich
in der Beziehung zu diesen Traditionen entwickelt und andererseits zu ihrer
Entwicklung beigetragen. Daraus folgt, daß die Auslegung der Heiligen Schrift
innerhalb der Kirche stattfindet, in ihrer Pluralität und ihrer Einheit, und
in ihrer Glaubenstradition. Die Glaubenstraditionen bildeten das lebendige
Umfeld, in das sich die literarische Tätigkeit der Verfasser der Heiligen
Schrift einfügen konnte. Hierzu gehörten auch das liturgische Leben und die
äußere Tätigkeit der Gemeinschaften, ihre geistige Welt, ihre Kultur und
ihr geschichtliches Schicksal. Die biblischen Verfasser nahen an alledem teil.
In ähnlicher Weise verlangt also die Auslegung der Heiligen Schrift die
Teilnahme der Exegeten am ganzen Leben und Glauben der Glaubensgemeinschaft
ihrer Zeit. Der Dialog mit der Heiligen Schrift in ihrer Gesamtheit, also
auch mit dem Verständnis des Glaubens, das früheren Epochen eigen war, geht
notwendigerweise mit dem Dialog mit der zeitgenössischen Generation einher.
Dies hat zur Folge, daß sich die Herstellung einer Beziehung von
Kontinuität, aber auch die Feststellung von Verschiedenheiten ergibt. Daraus
folgt, daß die Interpretation der Heiligen Schrift in Überprüfung und
Auswahl besteht: sie bleibt in Kontinuität mit früheren exegetischen
Traditionen, von denen sie viele Elemente beibehält und sich zu eigen macht;
in gewissen Punkten aber befreit sie sich davon, um fortschreiten zu können. B.
Die Interpretation innerhalb der Tradition der Kirche Die Kirche, das
Volk Gottes, ist überzeugt, daß ihr der Heilige Geist beim Verständnis und
bei der Interpretation der Heiligen Schrift beisteht. Die ersten Jünger Jesu
waren sich bewußt, daß sie nicht in der Lage waren, sofort alle Aspekte der
ganzen Fülle, die ihnen geschenkt wurde, zu verstehen. In ihrem
Gemeinschaftsleben, das sie mit Ausdauer pflegten, erfuhren sie eine ständige
Vertiefung und eine fortschreitende Erkenntnis der geschenkten Offenbarung.
Darin erkannten sie den Einfluß und das Wirken des von Jesus versprochenen
„Geistes der Wahrheit“, der sie zum ganzen Reichtum der Wahrheit führt (Joh
16, 12-13). So geht auch die Kirche, gestützt auf die Zusage Christi,
ihren Weg: „Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem
Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was
ich euch gesagt habe“
(Joh 14, 26). 1. Die Entstehung des Kanons Vom Heiligen Geist
geleitet und im Licht der erhaltenen, lebendigen Überlieferung hat die Kirche
die Schriften festgestellt, die als Heilige Schrift zu betrachten sind, in dem
Sinne, als „sie unter Einwirkung des Heiligen Geistes geschrieben, Gott zum
Urheber haben und als solche der Kirche übergeben sind“ (Dei Verbum,
11) und „die Wahrheit, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen
Schriften aufgezeichnet haben wollte“, enthalten (ebd.). Die
Feststellung eines „Kanons“ der Heiligen Schrift war das Resultat eines
langen Prozesses. Die Gemeinschaften des Alten Bundes (von besonderen Gruppen
wie den prophetischen Kreisen oder dem priesterlichen Umfeld an bis zum
gesamten Volk) haben in einer gewissen Anzahl von Texten das Wort Gottes
erkannt, das ihren Glauben weckte und ihrem Leben eine Richtung gab; sie haben
diese Texte wie ein Erbe zu treuen Händen erhalten, das es zu bewahren und
weiterzugeben galt. So sind diese Texte nicht mehr nur Ausdruck der
Inspiration einzelner Autoren; sie sind zum gemeinsamen Besitz des
Gottesvolkes geworden. Das Neue Testament verehrt diese heiligen Texte, die es
vom jüdischen Volk als wertvolles Erbe erhalten hat. Es erachtet sie als „heilige
Schriften“ (Röm 1, 2), „die vom Geist Gottes eingegeben wurden“
(2 Tim 3, 16; vgl. 2 Petr 1, 20-21) und „(die) nicht
aufgegeben werden können“ (Joh 10, 35). Mit diesen Texten, die das
„Alte Testament“ bilden (vgl. 2 Kor 3, 14), hat die Kirche jene
Schriften eng verbunden, in denen sie einerseits das authentische, vom
Heiligen Geist garantierte Zeugnis der Apostel (vgl. Lk 1, 2; 1 Joh
1, 1-3 bzw. 1 Petr 1, 12) über „alles, was Jesus getan und gelehrt
hat“ (Apg 1, 1), und andererseits die Lehren erkannte, die die
Apostel selbst und andere Jünger verkündet hatten, um die Gemeinschaft der
Glaubenden zu schaffen. Diese zweite Reihe von Schriften hat schließlich den
Namen „Neues Testament“ erhalten. In diesem Prozeß haben viele Faktoren
eine Rolle gespielt: die Gewißheit, daß Jesus – und die Apostel mit ihm
– das Alte Testament als inspirierte Schrift anerkannt haben und daß das
österliche Mysterium Jesu dessen Erfüllung darstellt; die Überzeugung, daß
die Schriften des Neuen Testaments letztlich aus der apostolischen
Verkündigung stammen (was nicht heißen will, daß sie alle von den Aposteln
selbst verfaßt wurden); die Feststellung, daß sie mit der Regel des Glaubens
übereinstimmten und in der christlichen Liturgie verwendet wurden; die
Erfahrung schließlich, daß sie mit dem kirchlichen Leben der Gemeinschaften
im Einklang stehen und fähig sind, dieses Leben zur Entfaltung zu bringen. Indem
die Kirche den Kanon der Schriften feststellte, hat sie ihre eigene Identität
deutlich erkannt und definiert, so daß die Heilige Schrift fortan wie ein
Spiegel ist, in dem die Kirche ihre Identität immer wieder entdecken und
durch die Jahrhunderte hindurch die Art und Weise verifzieren kann, wie sie
selbst fortwährend auf den Ruf des Evangeliums antwortet und wie sie sich
ihrem Auftrag als dessen Übermittlerin entsprechend verhält (vgl. Dei
Verbum, 7). Dies verleiht den kanonischen Schriften einen Heilswert und
eine theologische Stellung, wodurch sie sich radikal von anderen alten Texten
unterscheiden. Wenn diese zwar auch Licht auf die Anfänge des Glaubens werfen
können, so können sie doch niemals die Autorität der heiligen Schriften
beanspruchen, die als kanonisch und damit als für das Verständnis des christlichen
Glaubens grundlegend erachtet werden. 2. Die Exegese der Kirchenväter Seit
dem Beginn war man der Überzeugung, daß der gleiche Heilige Geist, der die
Verfasser des Neuen Testaments zur Niederschrift der Heilsbotschaft drängte (Dei
Verbum, 7; 18), auch der Kirche bei der Auslegung ihrer inspirierten
Schriften ständig beisteht (vgl. Irenäus, Adv. Haer. 3.24.1; vgl.
3.1.1; 4.33.8; Origenes, De Princ., 2.7.2; Tertullian, De Praescr.,
22). Den Kirchenvätern, die beim Bildungsprozeß des Kanons eine besondere
Rolle spielten, kommt gleicherweise eine grundlegende Rolle im Hinblick auf
die lebendige Überlieferung zu, welche die Lesung und Interpretation der
heiligen Schriften in der Kirche fortwährend begleitet und führt (vgl. Providentissimus,
EnchB 110-111; Divino afflante Spiritu, 28-30, EnchB 554; Dei
Verbum, 23; Päpstliche Bibelkommission, Instructio de historica
evangeliorum veritate 16, 1). Der eigene Beitrag der Exegese der
Kirchenväter innerhalb der großen Tradition besteht in folgendem: sie hat
aus dem Ganzen der Heiligen Schrift die grundlegenden Orientierungen
herausgearbeitet, die der Lehrtradition der Kirche ihre Form gaben, und sie
hat eine reiche theologische Lehre hervorgebracht, die der Belehrung und
geistlichen Nahrung der Gläubigen bis heute dient. Bei den Kirchenvätern
nehmen Lesung und Interpretation der Heiligen Schrift einen beträchtlichen
Platz ein. Davon zeugen zuerst jene Werke, die direkt dem Verständnis der
heiligen Schriften gewidmet sind, insbesondere die Homilien und Kommentare,
aber auch Kontroversschriften und Werke der Theologie, in denen die Berufung
auf die Heilige Schrift als Hauptargument dient. Der gewöhnliche Ort der
biblischen Lesung ist die Kirche, im Rahmen der Liturgie. Deshalb ist die
vorgetragene Auslegung der Väter immer theologischer, pastoraler und
gnadenbezogener Natur und steht im Dienste der Gemeinschaften und der
einzelnen Gläubigen. Für die Kirchenväter ist die Bibel vor allem „Buch
Gottes“, einzigartiges Werk eines einzigen Autors. Sie reduzieren aber
dadurch die menschlichen Autoren keineswegs zu passiven Instrumenten. Sie
verstehen es durchaus, diesem oder jenem Buch, für sich genommen, ein eigenes
Ziel zuzuweisen. Von ihrem Standpunkt aus widmen sie jedoch der
geschichtlichen Entwicklung der Offenbarung nur geringe Aufmerksamkeit.
Zahlreiche Kirchenväter erklären den Logos, das Wort Gottes, als Autor auch
des Alten Testaments und versichern, daß die ganze Heilige Schrift eine
christologische Relevanz hat. Außer einigen Exegeten der antiochenischen
Schule (besonders Theodor von Mopsuestia) fühlen sich die Väter berechtigt,
einen Satz aus seinem Kontext herauszunehmen und in ihm so herausgelöst und
kontextunabhängig eine von Gott geoffenbarte Wahrheit zu erkennen. In der
Apologetik mit den Juden oder in dogmatischen Streitgesprächen mit anderen
Theologen zögern sie nicht, sich auf Interpretationen solcher Art zu
stützen. Da den Vätern vor allem daran lag, aus der Botschaft der Bibel in
Einheit mit ihren Brüdern zu leben, begnügten sie sich oftmals mit dem in ihrem
Umfeld gängigen biblischen Text. Origenes, der sich methodisch für die
hebräische Bibel interessierte, ging es vor allem darum, mit den Juden
aufgrund von Texten zu argumentieren, die für sie annehmbar waren.
Hieronymus, der Herold der hebraica veritas, erscheint als Außenseiter. Die
Väter benützten mehr oder weniger häufig die allegorische Methode, um den
Anstoß aus dem Weg zu räumen, den gewisse Christen und die heidnischen
Gegner des Christentums an manchem Abschnitt der Bibel nehmen konnten. Die
wörtliche Bedeutung und der geschichtliche Bezug der Texte wurden jedoch nur
sehr selten aufgegeben. Der Rückgri ff der Väter auf die Allegorie geht im
allgemeinen über das Phänomen einer Adaptation der allegorischen Methode der
heidnischen Autoren hinaus. Der Rückgriff auf die Allegorie beruht auch auf
der Überzeugung, daß die Bibel, das „Buch Gottes“, von ihm seinem Volk,
der Kirche, gegeben worden ist. Grundsätzlich darf daher in ihr nichts als
veraltet oder als definitiv überholt übergangen werden. Gott richtet eine
stets aktuelle Botschaft an sein christliches Volk. In ihren Erläuterungen
der Bibel bringen die Väter typologische und allegorische Interpretationen
oft durcheinander und vermischen sie zu einem fast unentwirrbaren Geflecht.
Dies geschieht immer aus pastoralen und pädagogischen Gründen. Denn alles,
was geschrieben steht, wurde für unsere Belehrung geschrieben (vgl. 1 Kor
10, 11). In der Überzeugung, daß es sich um das „Buch Gottes“, also um
ein unauslotbares Buch handelt, glauben die Väter, manche Abschnitte einem
bestimmten allegorischen Schema gemäß interpretieren zu können, doch
stellen sie jedem einzelnen frei, etwas anderes vorzuschlagen, wenn dabei nur
die Analogie des Glaubens gewahrt bleibt. Die allegorische Interpretation
der Schriften, die für die patristische Exegese charakteristisch ist, wirkt
auf den heutigen Menschen befremdlich. Doch die Erfahrung der Kirche, die sich
in solchen Interpretationen ausdrückt, stellt auch heute noch einen
nützlichen Beitrag dar (vgl. Divino afflante Spiritu, 31-32; Dei
Verbum, 23). Die Väter lehren, wie die Bibel innerhalb einer lebendigen
Tradition in wahrem christlichem Geist theologisch zu lesen ist. 3 . Die
Rolle der verschiedenen Glieder der Kirche bei der Interpretation Da die
heiligen Schriften der Kirche geschenkt wurden, sind sie ein gemeinsamer
Schatz des ganzen Volkes der Gläubigen: „ Die Heilige Überlieferung und
die Heilige Schrift bilden den einen der Kirche überlassenen heiligen Schatz
des Wortes Gottes. Voller Anhänglichkeit an ihn verharrt das ganze heilige
Volk, mit seinen Hirten vereint, ständig in der Lehre und Gemeinschaft der Apostel
...“ (Dei Verbum, 10; vgl. auch 21). Die Vertrautheit der Gläubigen
mit den Texten der Heiligen Schrift war freilich nicht in allen Epochen der
Kirchengeschichte gleich. Jedoch in allen wichtigen Zeiten der Erneuerung im
Leben der Kirche, von der monastischen Bewegung der ersten Jahrhunderte
angefangen bis zur Zeit des 2. Vatikanischen Konzils, haben die heiligen
Schriften immer eine Stellung ersten Ranges eingenommen. Das gleiche Konzil
lehrt, daß alle Getauften, wenn sie im Glauben an Christus an der Eucharistiefeier
teilnehmen, die Gegenwart Christi auch in seinem Wort erkennen dürfen, „denn
in seinem Wort ist er gegenwärtig, da er selbst spricht, wenn die heiligen
Schriften in der Kirche gelesen werden“ (Sacrosanctum Concilium, 7).
Diesem Hören des Wortes entspricht der „Glaubenssinn“ (sensus fidei),
der das ganze Volk (Gottes) auszeichnet (vgl. Lumen Gentium, 12) . . .
„Durch jenen Glaubenssinn nämlich, der vom Geist der Wahrheit geweckt und
genährt wird“, empfängt das Gottesvolk „nicht mehr das Wort von
Menschen, sondern wirklich das Wort Gottes (vgl. 1 Thess 2, 13)“ (ebd.).
Dabei steht es „unter der Leitung des heiligen Lehramtes, in dessen treuer
Gefolgschaft“ (ebd.) es „den einmal den Heiligen übergebenen
Glauben (vgl. Jud 3) unverlierbar fest(hält). Durch ihn dringt es mit
rechtem Urteil immer tiefer in den Glauben ein und wendet ihn im Leben voller
an“ (ebd.). (17) So haben alle Glieder der Kirche eine Rolle bei
der Interpretation der heiligen Schriften zu übernehmen. In Ausübung ihres
pastoralen Amtes sind die Bischöfe als Nachfolger der Apostel die ersten
Zeugen und Garanten der lebendigen Tradition, in deren Licht die heiligen
Schriften in jeder Zeit interpretiert werden. „Unter der erleuchtenden
Führung des Geistes der Wahrheit“ müssen sie das Wort Gottes „in ihrer
Verkündigung treu bewahren, erklären und ausbreiten.“ (18) (Dei Verbum,
9; vgl. Lumen Gentium, 25). Als Mitarbeiter der Bischöfe haben die
Priester als erste Aufgabe die Verkündigung des Wortes (Presbyterorum
Ordinis, 4). Sie sind mit einem besonderen Charisma für die
Interpretation der Heiligen Schrift versehen, wenn sie nicht ihre eigenen
Gedanken, sondern das Wort Gottes vortragen und die ewige Wahrheit des
Evangeliums auf die konkreten Lebensverhältnisse anwenden (ebd.). Es
kommt den Priestern und den Diakonen zu, besonders bei der Sakramentenspendung
die Einheit aufzuweisen, die Wort und Sakrament im Dienst der Kirche hervorbringen. Als
Vorsteher der eucharistischen Gemeinschaft und Erzieher im Glauben obliegt es
den „Dienern des Wortes“ als ihre Hauptaufgabe, nicht nur zu lehren,
sondern den Gläubigen zu helfen, das zu vernehmen und zu verstehen, was das
Wort Gottes ihnen im Innersten ihres Herzens sagt, wenn sie die heiligen
Schriften hören und meditieren. So wird die gesamte Ortskirche, nach dem
Modell Israels, des Volkes Gottes (Ex 19, 5-6), zu einer Gemeinschaft,
die weiß, daß Gott zu ihr spricht (vgl. Joh 6, 45), und die es sich
angelegen sein läßt, ihn in Glauben und Liebe zu hören und sich durch sein
Wort führen zu lassen (Dtn 6, 4-6). Solche Gemeinschaften, die
wirklich auf das Wort Gottes hören, werden, wenn sie im Glauben und in der
Liebe mit der ganzen Kirche vereint bleiben, in ihrem Umfeld zu kraftvollen
Brennpunkten der Evangelisierung und des Dialoges, wie auch zu Trägern
sozialer Veränderungen (Evangelii Nuntiandi 19, 57- 58 ; Instruktion
der Kongregation für die Glaubenslehre über die christliche Freiheit und die
Befreiung 20, 69-70). Der Heilige Geist ist natürlich auch den einzelnen
Christen und Christinnen gegeben, so daß ihr Herz „in ihnen brennt“ (vgl.
Lk 24,32), wenn sie im persönlichen konkreten Lebenszusammenhang beten
und sich betend die heiligen Schriften aneignen. Deshalb verlangt das 2.
Vatikanische Konzil dringend, daß der Zugang zu den heiligen Schriften auf
alle möglich e Arten erleichtert werde (Dei Verbum, 22; 25). Man darf nie
vergessen, daß eine solche Lesung der Heiligen Schrift nie rein individuell
ist, denn der Gläubige liest und interpretiert die Heilige Schrift immer
innerhalb des Glaubens der Kirche, und er vermittelt in der Folge der
Gemeinschaft die Frucht seiner Lektüre und bereichert so den gemeinsamen
Glauben. Die ganze biblische Überlieferung und namentlich die Lehre Jesu in
den Evangelien nennen als bevorzugte Hörer des Wortes Gottes diejenigen , die
von der Welt als Leute einfacher Herkunft betrachtet werden. Jesus hat
erkannt, daß die den Gelehrten und Weisen verborgenen Dinge den einfachen
Leuten geoffenbart wurden (Mt 11, 25; Lk 10, 21) und daß das
Reich Gottes denen gehört, die den Kindern gleichen (Mk 10, 14 par.). In
der gleichen Linie verkündete Jesus: „Selig ihr Armen, denn euer ist das
Reich Gottes“ (Lk 6, 20; vgl. Mt 5, 3). Es ist eines der
Zeichen der messianischen Zeit, daß die Frohbotschaft den Armen gebracht wird
(Lk 4, 18; 7, 22; Mt 11, 5; vgl. Instruktion der Kongregation
für die Glaubenslehre über die christliche Freiheit und die Befreiung,
47-48). Diejenigen, die sich in ihrer Ohnmacht und ohne alle menschliche
Macht- und Hilfsmittel gezwungen sehen, ihre einzige Hoffnung auf Gott und
seine Gerechtigkeit zu setzen, haben für das Wort Gottes eine Auffassungsgabe
und ein Verständnis, was die gesamte Kirche ernst nehmen muß und auch eine
Antwort auf sozialem Gebiet verlangt. Indem die Kirche die Verschiedenheit
der Gaben und Funktionen anerkennt, die der Heilige Geist in den Dienst der
Gemeinschaft stellt, insbesondere die Gabe des Lehrens (1 Kor 12,
28-30; Röm 12, 6-7; Eph 4, 11-16), schenkt sie ihre
Wertschätzung denen, die das besondere Charisma haben, durch ihre Kompetenz
in der Schriftauslegung zum Aufbau des Leibes Christi beizutragen (Divino
afflante Spiritu, 46-48, EnchB 564-565; Dei Verbum, 23;
Päpstliche Bibelkommission, Instructio de historica evangeliorum veritate,
Einführung). Obwohl ihre Arbeiten nicht immer auf Wertschätzung stießen,
wie dies heute der Fall ist, so stehen die Exegeten, die ihr Wissen in den
Dienst der Kirche stellen, doch in einer reichen Tradition, die von den ersten
Jahrhunderten an, seit Origenes und Hieronymus bis in die jüngste Zeit zu
Pater Lagrange und anderen führt, und die bis heute fortdauert. Besonders die
Erforschung des Literalsinns der Heiligen Schrift, die heute vor allem betont
wird, verlangt vereinte Anstrengungen aller, die sich auf dem Gebiet der alten
Sprachen, der Geschichte und Kulturen, der Textgeschichte und der Analyse der
literarischen Formen und in den Methoden der wissenschaftlichen Kritik
auskennen. Von dieser Beachtung des Textes in seinem ursprünglichen
historischen Kontext ab gesehen, erwartet die Kirche von den Exegeten, daß
sie vom gleichen Heiligen Geist, der die Heilige Schrift inspiriert hat,
angeleitet sind, um sicherzustellen, „daß die größtmögliche Zahl von
Dienern des Wortes Gottes in der Lage sind, dem Volk Gottes wirklich die
Nahrung der heiligen Schriften zu reichen“ (Divino afflante Spiritu,
24; 53-55, EnchB 551, 567; Dei Verbum, 23; Paul VI, Sedula
Cura [1971]). Eine besondere Freude ist heute die wachsende Zahl von
Frauen, die als Exegetinnen oft in die Interpretation der Heiligen Schrift
neue Einsichten einbringen und Aspekte ins Licht rücken, die in Vergessenheit
geraten waren. Wenn die heiligen Schriften, wie oben erwähnt wurde, das Gut
der ganzen Kirche sind und zum „Glaubenserbe“ gehören, das alle,
Seelsorger und Gläubige, „festhalten, verkünden und in gemeinsamer
Anstrengung verwirklichen“ sollen, so bleibt doch wahr, daß die „Aufgabe,
das geschriebene oder überlieferte Wort Gottes verbindlich zu erklären (…)
nur dem lebendigen Lehramt der Kirche anvert raut (ist), dessen Vollmacht im
Namen Jesu Christi ausgeübt wird“ (Dei Verbum, 10). So ist es in
letzter Instanz also Sache des Lehramtes, die Echtheit der Interpretation zu
garantieren und gegebenenfalls zu sagen, daß diese oder jene besondere
Interpretation mit dem authentischen Evangelium unvereinbar ist. Es erfüllt
diese Aufgabe innerhalb der koinônia des Leibes Christi, indem es den
Glauben der Kirche amtlich ausdrückt, um so der Kirche zu dienen. Zu diesem
Zweck konsultiert es die Theologen, die Exegeten und andere Experten, deren
legitime Forschungsfreiheit es anerkennt und mit denen es in wechselseitiger
Beziehung steht, im Hinblick auf das gemeinsame Ziel, „das Volk Gottes in
der Wahrheit, die frei macht, zu bewahren“ (Kongregation für die
Glaubenslehre, Instruktion über die kirchliche Berufung des Theologen
21, 21). C. Der Auftrag der Exegeten Der Auftrag der katholischen
Exegeten kann von verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet werden. Es ist
ein kirchlicher Auftrag, denn er besteht darin, die Heilige Schrift so zu
erforschen und zu erklären, daß ihr ganzer Reichtum für die Seelsorger und
die Gläubigen zugänglich wird. Aber es ist zugleich auch eine
wissenschaftliche Aufgabe, die den katholischen Exegeten mit seinen nicht
katholischen Kollegen und mit Fachleuten verschiedener Gebiete der wissenschaftlichen
Forschung in Beziehung bringt. Überdies besteht dieser Auftrag in Forschung
und Lehre zugleich, die normalerweise auch zu Veröffentlichungen führen. 1.
Hauptsächliche Aspekte Die katholischen Exegeten müssen den
geschichtlichen Charakter der biblischen Offenbarung wahrnehmen, wenn sie
ihren Auftrag erfüllen wollen. Beide Testamente drücken ja in menschlichen,
zeitgebundenen Worten die geschichtliche Offenbarung aus, in der Gott sich
selbst und seinen Heilsplan auf verschiedene Weisen mitgeteilt hat. Es ist
deshalb unerläßlich, daß die Exegeten die historisch-kritische Methode
anwenden, ohne ihr jedoch exklusiven Charakter zu geben. Alle Methoden der
Textinterpretation sind geeignet, ihren Beitrag zur Bibelexegese zu leisten. Die
katholischen Exegeten dürfen bei ihrer Interpretationsarbeit nie vergessen,
daß sie das Wort Gottes auslegen. Ihr gemeinsamer Auftrag ist noch nicht
beendet, wenn die Quellen unterschieden, die Gattungen bestimmt und die
literarischen Ausdrucksmittel erklärt sind. Das Ziel ihrer Arbeit ist erst
erreicht, wenn sie den Sinn des biblischen Textes als gegenwartsbezogenes Wort
Gottes erfaßt haben. Zu diesem Zweck müssen sie den verschiedenen
hermeneutischen Perspektiven Rechnung tragen, die helfen, die Aktualität der
biblischen Botschaft wahrzunehmen und es ihr erlauben, auf die Anliegen der
heutigen Leser der Heiligen Schrift eine Antwort zu geben. Die Exegeten
haben auch die christologische, kanonische und kirchliche Tragweite der
biblischen Schriften zu erklären. Die christologische Tragweite der
biblischen Texte ist nicht immer von vorneherein klar ersichtlich; sie muß
jedoch, wenn immer möglich, ins Licht gerückt werden. Obwohl Christus in
seinem Blut den Neuen Bund gestiftet hat, so haben doch die Bücher des Alten
Bundes ihren Wert nicht verloren. In die Verkündigung des Evangeliums
übernommen, erhalten und offenbaren sie ihre volle Bedeutung im „Geheimnis
Christi“ (Eph 3, 4). Sie beleuchten viele Aspekte dieses
Geheimnisses, wobei sie gleichzeitig selbst von ihm erhellt werden. Diese
Bücher bereiteten faktisch das Volk Gottes auf seine Ankunft vor (vgl. Dei
Verbum, 14-16). Obschon jedes Buch der Bibel in einer bestimmten Absicht
geschrieben wurde und so seine spezifische Bedeutung hat, offenbart es sich
doch als Träger eines weiteren Sinnes, sobald es Teil des kanonischen
Gesamtkorpus wird. Der Auftrag der Exegeten umfaßt somit die Entfaltung des
vom hl. Augustinus aufgestellten Prinzips: „Novum Testamentum in Veter
latet, et in Novo Vetus patet“ (Augustinus, Quaest. in Hept., 2, 73,
CSEL 28,III, S. 141). Die Exegeten haben auch die Aufgabe, die Beziehung
zwischen Bibel und Kirche deutlich zu machen. Die Bibel entstand in
Glaubensgemeinschaften. Sie drückt den Glauben Israels und dann den der
ersten christlichen Gemeinden aus. Zusammen mit der lebendigen Überlieferung,
die ihr vorausging, sie begleitet und sich von ihr nährt (vgl. Dei Verbum,
12), ist sie das bevorzugte Instrument, dessen Gott sich bedient, um auch
heute noch den Aufbau und das Wachstum der Kirche als Volk Gottes zu steuern.
Mit der kirchlichen Dimension ist auch die ökumenische Öffnung bei der
Auslegung der Heiligen Schrift untrennbar verbunden. Dadurch, daß die Bibel
den Heilsplan Gottes für alle Menschen enthält, hat die Aufgabe des Exegeten
eine universale Dimension. Diese verlangt, daß den anderen Religionen und den
Erwartungen der heutigen Welt volle Aufmerksamkeit geschenkt wird. 2. Forschung
Die exegetische Aufgabe ist zu weitgefächert, als daß sie von einem
einzelnen Menschen erfüllt werden könnte. Eine Arbeitsteilung unter
Spezialisten verschiedener Gebiete ist namentlich für die Forschung
unumgänglich. Die möglichen Nachteile der Spezialisierung werden durch
interdisziplinäre Arbeit ausgeglichen. Für das Wohl der ganzen Kirche und
ihren Einfluß in der modernen Welt ist es sehr wichtig, daß sich eine
genügend große Zahl gut ausgebildeter Personen der Forschung in den
verschiedenen Gebieten der exegetischen Wissenschaft widmen. Die Bischöfe und
Ordensobern sind aus Sorge für die unmittelbaren Bedürfnisse der Seelsorge
oft versucht, ihre Verantwortung für diese fundamentale Notwendigkeit nicht
sehr ernst zu nehmen. Eine Karenz auf diesem Gebiet bringt der Kirche jedoch
große Nachteile, denn Seelsorger und Gläubige laufen dann Gefahr, die Lücke
mit einer nichtkichlich interessierten Exegese ohne Bezug zum Leben des
Glaubens zu füllen. Das 2. Vatikanische Konzil erklärt, daß „das Studium
des heiligen Buches gleichsam die Seele der heiligen Theologie“ sein soll (Dei
Verbum, 24). Damit hat es die Bedeutung der exegetischen Forschung
nachdrücklich unterstrichen. Gleichzeitig hat es so auch die katholischen
Exegeten indirekt daran erinnert, daß ihre Forschung mit der Theologie in
einem lebensnotwendigen Zusammenhang steht, dessen sie sich bewußt sein
müssen. 3. Lehre und Unterricht Die Konzilserklärung hebt ebenfalls die
entscheidende Bedeutung hervor, die der Lehre und dem Unterricht der Exegese
in den Theologischen Fakultäten, Priesterseminaren und Studienhäusern
zukommt. Selbstverständlich ist das Niveau des Studiums in den verschiedenen
Institutionen unterschiedlich. Es ist übrigens wünschenswert, daß die
Exegese durch Männer und Frauengelehrt wird. Dieser Unterricht, in den Fakultäten
mehr methodisch und spezialisiert, soll in den Priesterseminaren eher pastoral
ausgerichtet sein. Doch darf ihm auch da nie eine ernsthafte intellektuelle
Dimension fehlen. Andernfalls wäre der Würde des Wortes Gottes nicht Genüge
getan. Die Lehrer und Lehrerinnen der Exegese sollen den Studierenden eine
tiefe Achtung vor der Heiligen Schrift ve rmitteln, indem sie zeigen, wie sehr
die Bibel eine sorgfältige und objektive Erforschung verdient, um ihren
literarischen, historischen, sozialen und theologischen Wert immer besser zur
Geltung zu bringen. Sie dürfen sich nicht damit begnügen, eine Reihe von
Kenntnissen zu vermitteln, die passiv aufgenommen werden. Sie müssen vielmehr
in die exegetischen Methoden einführen und die wichtigsten Schritte der
exegetischen Arbeit erklären, damit die Studierenden zu einem eigenen Urteil
fähig werden. Da nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung steht, ist es gut, ab
wechselnd zwei Unterrichtsmethoden zu verwenden: auf der einen Seite
Vorlesungen, die in die biblischen Bücher als ganze einführen und die alle
wichtigen Sektoren des Alten und Neuen Testaments behandeln; auf der andern
Seite die paradigmatische gründliche Analyse gut ausgewählter Texte, die
zugleich eine Einführung in die praktische Ausübung der Exegese darstellt.
Im einen wie im andern Fall muß darauf geachtet werden, Einseitigkeiten zu
vermeiden, d.h. sich weder auf einen geistlichen Kommentar ohne
historisch-kritische Basis zu beschränken noch auf eine historisch-kritische
Behandlung, die des theologischen und geistlichen Inhalts ermangelt (vgl. Divino
afflante Spiritu, EnchB 551-552; Päpstliche Bibelkommission, De
Scriptura Sacra recte docenda, Ench B 598). Der Unterricht muß zugleich
die geschichtliche Verwurzelung der biblischen Schriften aufzeigen, ihre
Eigenschaft als persönliches Wort des himmlischen Vaters, der sich in Liebe
an seine Kinder wendet (vgl. Dei Verbum, 21), ins Licht stellen und die
unerläßliche Rolle der Bibel für die seelsorglichen Aufgaben (vgl. 2 Tim
3, 16) verständlich machen. 4. Veröffentlichungen Als Ergebnis der
Forschung und Ergänzung des Unterrichts spielen die Veröffentlichungen eine
bedeutende Rolle für den Fortschritt und die Verbreitung der Exegese. In
unseren Tagen geschieht die Veröffentlichung nicht mehr nur durch gedruckte
Texte, sondern auch durch andere, schnellere und weiterreichende Mittel
(Radio, TV, elektronische Techniken). Es ist unerläßlich, sich auch solcher
Medien zu bedienen. Die hochwissenschaftlichen Veröffentlichungen sind das
Hauptinstrument des Dialogs, der Diskussion und der Zusammenarbeit zwischen
den Forschern. Dank ihnen kann sich die katholische Exegese im Austausch mit
anderen Sektoren der exegetischen Forschung sowie mit der wissenschaftlichen
Welt im allgemeinen behaupten. Kurzfristig gesehen sind es indessen die
andern Veröffentlichungen, welche die größten Dienste leisten, indem sie
sich den verschiedenen Kategorien von Lesern und Hörern anpassen, von der
gebildeten Leserschaft bis zu den Kindern im Religionsunterricht,
Bibelgruppen, apostolischen Bewegungen und religiösen Vereinigungen. Die
Exegeten, die für leichtverständliche Veröffentlichungen begabt sind,
leisten einen äußerst nützlichen und fruchtbaren Beitrag, der für die
notwendige Verbreitung der exegetischen Studien unverzichtbar ist. In diesem
Sektor ist die Notwendigkeit einer Aktualisierung der biblischen Botschaft
besonders dringend. Die Exegeten müssen die legitimen Ansprüche kultivierter
und gebildeter Personen unserer Zeit in Rechnung stellen und für sie klar
unterscheiden, was als zweitrangiges, geschichtlich bedingtes Detail oder als
mythische Sprache zu interpretieren und was als eigentlicher historischer und
inspirierter Sinn zu betrachten ist. Die biblischen Schriften sind nicht in
einer modernen Sprache und nicht im Stil des 20. Jahrhunderts verfaßt. Ihre
Ausdrucksformen und die literarischen Gattungen, die sie in ihrem
hebräischen, aramäischen oder griechischen Text benutzen, müssen den Menschen
unserer Zeit verständlich gemacht werden; sonst könnten diese versucht sein,
die Bibel als uninteressant beiseite zu legen oder sie auf grob
vereinfachende, buchstäbliche oder phantastische Art zu interpretieren. Trotz
aller Vielfalt seiner Aufgaben hat der katholische Exeget als einziges Ziel
den Dienst am Wort Gottes. Es darf nicht sein Ehrgeiz sein, das Resultat
seiner Arbeit an die Stelle der biblischen Texte zu setzen, wenn es sich um
die Rekonstruktion alter Texte, die von den inspirierten Autoren verwendet
wurden, handelt, oder um seine Präsentation der neuesten Ergebnisse der
wissenschaftlichen Exegese. Im Gegenteil, sein Ehrgeiz soll dahin gehen, die
biblischen Texte selbst in größeres Licht zu stellen, zu ihrer
Wertschätzung beizutragen und zu versuchen, sie mit größerer
geschichtlicher Genauigkeit und geistlicher Innigkeit zu verstehen. D.
Beziehungen zu den anderen theologischen Disziplinen Da die Exegese
selbst ein theologisches Fach ist – auch für sie gilt „fides quaerens
intellectum“ –, unterhält sie mit den anderen Disziplinen der Theologie
enge und komplexe Beziehungen. In der Tat hat einerseits die systematische
Theologie einen Einfluß auf das Vorverständnis, mit dem die Exegeten die
biblischen Texte angehen, andererseits aber liefert die Exegese den anderen
theologischen Disziplinen Vorgaben, die für diese bestimmend sind. Es
entstehen somit wechselseitige Beziehungen zwischen Exegese und anderen
theologischen Disziplinen, die zu einem Dialog in gegenseitiger Achtung der je
eigenen Besonderheit führen. 1. Theologie und Vorverständnis der
biblischen Texte Die Exegeten haben unweigerlich ein Vorverständnis der
biblischen Texte, die sie erforschen wollen. Im Fall der katholischen Exegese
geht es auch um ein Vorverständnis, das auf Glaubensüberzeugungen beruht:
Die Bibel ist ein von Gott inspirierter Text, welcher der Kirche anvertraut
wurde, um Glauben zu wecken und das christliche Leben zu lenken. Diese
Glaubensüberzeugungen kommen nicht in einem formlosen Zustand zu den
Exegeten, sondern in der Form, die sie in der kirchlichen Gemeinschaft durch
die theologische Reflexion bereits empfangen haben. So sind die Exegeten bei
ihrer Forschung durch die dogmatische Reflexion über die Inspiration der
Heiligen Schrift und über deren Rolle im kirchlichen Leben bestimmt. Umgekehrt
aber verleiht der Umgang mit den inspirierten Texten den Exegeten eine
Erfahrung, der die Dogmatiker Rechnung tragen müssen, um die Theologie der
Schriftinspiration und der kirchlichen Interpretation der Bibel sachgerecht zu
entfalten. Die Exegese bringt insbesondere ein wacheres und genaueres
Bewußtsein des geschichtlichen Charakters der biblischen Inspiration mit
sich. Sie zeigt, daß der Prozeß der Inspiration geschichtlich ist, nicht nur
weil er innerhalb der Geschichte Israels und der Urkirche stattfand, sondern
auch, weil er sich unter Vermittlung von Menschen vollzog, die durch ihre Zeit
geprägt waren und die unter der Führung des Heiligen Geistes eine aktive
Rolle im Leben des Volkes Gottes gespielt haben. Außerdem wurde die
theologische Feststellung der engen Beziehung zwischen inspirierter Schrift
und kirchlicher Tradition durch die Entwicklung der exegetischen Forschung
bestätigt und präzisiert; denn gerade diese Entwicklung machte die Exegeten
stärker auf den Einfluß der Lebensbedingungen aufmerksam, unter denen die
Texte entstanden sind („Sitz im Leben“). 2. Exegese und dogmatische
Theologie Ist die Heilige Schrift auch nicht der einzige locus theologicus,
so stellt sie doch die Hauptgrundlage der theologischen Forschungsarbeit dar.
Um die Heilige Schrift wissenschaftlich und gründlich zu interpretieren, sind
die Theologen auf die Arbeit der Exegeten angewiesen. Die Exegeten ihrerseits
müssen ihre Forschung so orientieren, daß das „Studium des heiligen Buches“
wirklich „gleichsam die Seele der heiligen Theologie“ ist (Dei Verbum,
24). Deshalb müssen sie vornehmlich dem religiösen Inhalt der biblischen
Schriften ihre Aufmerksamkeit widmen. Die Exegeten können den Dogmatikern
helfen, zwei Extreme zu vermeiden: einerseits einen Dualismus, der die
Lehrwahrheit von ihrem sprachlichen Ausdruck total trennt, so als ob dieser
gar keine Bedeutung hätte; andererseits einen Fundamentalismus, der
Menschliches und Göttliches vermengt und sogar das geschichtlich Bedingte an
den menschlichen Ausdrücken für geoffenbarte Wahrheit hält. Um diese
beiden Extreme zu vermeiden, muß man unterscheiden lernen, ohne zu trennen,
und somit eine bleibende Spannung akzeptieren. Das Wort Gottes hat sich im
Werk menschlicher Autoren ausgedrückt. Gedanken und Worte sind von Gott und
vom Menschen zugleich, so daß alles in der Bibel gleich zeitig von Gott und
vom inspirierten Autor stammt. Daraus darf man jedoch nicht schließen, Gott
hätte der geschichtlichen Erscheinungsweise seiner Botschaft einen absoluten
Wert gegeben. Seine Botschaft ist der Interpretation und Aktualisierung
fähig, d.h. sie kann von ihrer geschichtlichen Bedingtheit wenigstens
teilweise losgelöst werden, um auf die gegenwärtigen geschichtlichen
Bedingungen sinnvoll bezogen zu werden. Die Exegese bereitet die Grundlagen zu
diesem Unterfangen, das der Dogmatiker weiterführt, indem er die anderen loci
theologici in Betracht zieht, die zur Entwicklung des Dogmas beitragen. 3.
Exegese und Moraltheologie Analoge Bemerkungen können zu den Beziehungen
zwischen Exegese und Moraltheologie gemacht werden. Mit den
heilsgeschichtlichen Erzählungen sind in der Bibel viele Weisungen zum
richtigen menschlichen Verhalten verbunden: Gebote, Verbote,
Rechtsvorschriften, Ermahnungen und prophetische Scheltreden sowie Belehrungen
der Weisen. Eine der Aufgaben der Exegese ist es, Tragweite und Bedeutung
dieses umfangreichen Materials zu präzisieren und so die Arbeit der
Moraltheologen vorzubereiten. Diese Aufgabe ist jedoch nicht einfach, denn
oft kümmern sich die biblischen Texte kaum darum, allgemeingültige sittliche
Gebote von rituellen Reinheitsvorschriften und besonderen Rechtsbestimmungen
zu unterscheiden. Alles geht zusammen. Andererseits spiegelt die Bibel eine
bedeutende Entwicklung des sittlich-moralischen Denkens, die ihre Vollendung
im Neuen Testament findet. Es genügt also nicht, eine bestimmte Position
hinsichtlich der Moral im Alten Testament bezeugt zu finden (z.B. die Praxis
der Sklavenhaltung oder der Ehescheidung oder der Vernichtung der Feinde im
Kriegsfall), um daraus die fortdauernde Berechtigung dieser Praxis zu folgern.
Eine Differenzierung drängt sich auf, die dem unübersehbaren Fortschritt des
sittlichen Bewußtseins Rechnung trägt. Die Schriften des Alten Testaments
enthalten „Unvollkommenes und Zeitbedingtes“ (Dei Verbum, 15), das
die göttliche Pädagogik nicht ohne weiteres eliminieren konnte. Das Neue
Testament selbst ist im Bereich der Moraltheologie nicht leicht zu
interpretieren, denn es äußert sich oft in bildlicher oder paradoxer oder
sogar herausfordernder Art, und das Verhältnis der Christen zum jüdischen
Gesetz gab zu heftigen Kontroversen Anlaß. Die Moraltheologen haben somit
allen Grund, den Exegeten viele wichtige Fragen zu stellen, die deren
Forschung nur stimulieren können. In manchem Fall wird die Antwort sein, daß
kein biblischer Text das anstehende moderne Problem explizit behandelt. Doch
sogar dann kann das Zeugnis der Bibel, in seiner gesamten kraftvollen Dynamik
genommen, eine fruchtbare Orientierungshilfe geben. Für die wichtigsten
Punkte bleibt die Ethik des Dekalogs ausschlaggebend. Das Alte Testament
enthält schon die Grundsätze und Werte für ein der Würde der menschlichen
Person entsprechendes gebotenes Handeln, die als „Abbild Gottes“
erschaffen worden ist (Gen 1, 27). Vom Neuen Testament her fällt ein
noch helleres Licht auf diese Grundsätze und Werte dank der Offenbarung der
Liebe Gottes in Christus. 4 . Verschiedene Gesichtspunkte und notwendiges
Zusammenwirken Die Internationale Theologische Kommission hat in ihrem
Dokument von 1988 über die Interpretation der Dogmen daran erinnert, daß in
der Moderne ein Konflikt zwischen Exegese und dogmatischer Theologie
entstanden ist; sie hebt anschließend die positiven Beiträge der modernen
Exegese zur systematischen Theologie hervor (L’interprétation des dogmes,
1988, C.I, 122). Es ist nützlich, des nähern hinzuzufügen, daß dieser
Konflikt von der liberalen Exegese verursacht wurde. Zwischen der katholischen
Exegese und der dogmatischen Theologie gab es keinen allgemeinen Konflikt,
sondern nur Momente starker Spannungen. Es ist jedoch wahr, daß Spannungen in
Konflikte ausarten können, wenn von der einen wie von der andern Seite die
legitimen Unterschiede der Gesichtspunkte forciert und schließlich zu
unheilbaren Gegensätzen gemacht werden. Die Gesichtspunkte sind in der Tat
verschieden und müssen es auch sein. Die erste Aufgabe des Exegeten ist es,
mit Genauigkeit den Sinn der biblischen Texte in ihrem eigenen Kontext
festzustellen, d.h. zuerst in ihrem literarischen und besonderen
geschichtlichen Kontext, und dann im Kontext des Kanons der heiligen
Schriften. Indem er diese Aufgabe erfüllt, stellt der Exeget den
theologischen Sinn der Texte ins Licht, sofern diese eine solche
Bedeutungsdimension haben. Somit wird eine Kontinuität zwischen Exegese und
späterer theologischer Reflexion möglich. Doch der Gesichtspunkt ist nicht
der gleiche, denn die Aufgabe des Exegeten ist grundsätzlich historisch und
beschreibend und beschränkt sich auf die Interpretation der Bibel. Der
Dogmatiker steht vor einem mehr spekulativen und systematischen Werk. Für
seinen Zweck interessiert er sich besonders für bestimmte Texte und Aspekte
der Bibel; außerdem bezieht er viele andere Gegebenheiten in seine Reflexion
ein, die nicht biblisch sind – patristische Quellen, Konzilsdefinitionen und
weitere Dokumente des Lehramtes, die Liturgie wie auch philosophische Systeme
und kulturelle, soziale und politische Gegenwartsbedingungen. Seine Aufgabe
ist nicht die Bibelinterpretation, sondern das umfassend durchdachte
Verständnis des christlichen Glaubens in all seinen Dimensionen und
namentlich in Hinsicht auf seinen entscheidenden Bezug zur menschlichen
Existenz. Aufgrund ihrer spekulativen und systematischen Ausrichtung ist die
Theologie oft der Versuchung erlegen, die Bibel als ein Reservoir von
dictaprobantia anzusehen, die Positionen der Lehre bestätigen sollten. Heute
haben die Dogmatiker ein geschärftes Bewußtsein für den literarischen und
geschichtlichen Kontext und seiner Bedeutung für eine richtige Interpretation
der alten Texte, und sie nehmen infolgedessen häufig auf die Arbeiten der
Exegeten Bezug. Als geschriebenes Wort Gottes hat die Bibel einen
Sinnreichtum, der nicht voll und ganz ausschöpfbar ist und in keiner
systematischen Theologie adäquat eingeschlossen werden kann. Eine der
hauptsächlichsten Funktionen der Bibel ist es, die theologischen Systeme
herauszufordern und die Existenz wichtiger Aspekte der göttlichen Offenbarung
und der menschlichen Realität beständig in Erinnerung zu rufen, die in der
systematischen Reflexion manchmal vergessen oder vernachlässigt wurden. Die
Erneuerung der exegetischen Methodologie kann zu dieser Bewußtwerdung
beitragen. Umgekehrt muß die Exegese für die theologische Forschung offen
sein. Diese kann sie dazu stimulieren, an die Texte wichtige Fragen zu stellen
und so deren Tragweite und Fruchtbarkeit besser zu entdecken. Das
wissenschaftliche Studium der Bibel darf sich nicht von der theologischen
Forschung absondern, und ebensowenig von der geistlichen Erfahrung und dem
Urteil der Kirche. Die Exegese bringt ihr besten Früchte, wenn sie in ihrem
Vollzug in den Zusammenhang mit dem lebendigen Glauben der christlichen
Gemeinschaft eingebunden bleibt, der auf das Heil der ganzen Welt ausgerichtet
ist. IV. DIE INTERPRETATION DER BIBEL IM LEBEN DER KIRCHE Obwohl
die Bibelinterpretation die besondere Aufgabe der Exegeten darstellt, ist
diese jedoch keineswegs ihr Monopol; denn die Interpretation der Bibel in der
Kirche geht über die wissenschaftliche Analyse der Texte hinaus. Für die
Kirche ist die Bibel ja nicht einfach eine Sammlung von geschichtlichen
Dokumenten ihrer Ursprünge. Sie empfängt die Bibel als Wort Gottes, das hier
und heute an sie und an die ganze Welt ergeht. Diese Glaubensüberzeugung hat
zur Folge, daß die biblische Botschaft aktualisiert und inkulturiert wird,
wie auch die inspirierten Texte im Leben der Kirche vielfältig verwendet
werden: in der Liturgie, bei der persönlichen „Lectio divina“, in der
Seelsorge und in der ökumenischen Begegnung. A. Aktualisierung Schon
innerhalb der Bibel selbst – wie wir es im vorhergehenden Kapitel gesehen
haben – läßt sich die Praxis der Aktualisierung beobachten: Ältere Texte
werden im Lichte neuer Zusammenhänge neu gelesen und auf die gegenwärtige
Situation des Volkes Gottes bezogen. Aufgrund der gleichen Überzeugung von
der dauernden Lebendigkeit der Heiligen Schrift ergibt sich mit Notwendigkeit
die Aktualisierung der Texte in den Glaubensgemeinschaften. 1. Prinzipien Die
Praxis der Aktualisierung geht von folgenden Voraussetzungen aus:
Aktualisierung ist möglich, denn die Sinnfülle des biblischen Textes
verleiht ihm einen dauernden Wert für alle Epochen und alle Kulturen (vgl. Jes
40, 8; 66, 18-21; Mt 28, 19-20). Die biblische Botschaft kann die
Wertsysteme und die Verhaltensnormen jeder Generation gleichzeitig
relativieren und vertiefen. Aktualisierung ist notwendig, denn obwohl die
Botschaft der biblischen Texte von immerwährendem Wert ist, sind diese doch
unter Einwirkung vergangener Situationen und in einer durch verschiedene
Epochen bedingten Sprache verfaßt worden. Um ihre Bedeutung für die Menschen
von heute zu zeigen, ist es unumgänglich, ihre Botschaft auf die
gegenwärtige Situation zu beziehen und sie in einer an die heutige Zeit
angepaßten Sprache auszudrücken. Dies setzt eine hermeneutische Bemühung
voraus, die durch geschichtliche Bedingtheiten hindurch zu den wesentlichen
Elementen der Botschaft vorstößt. Die Aktualisierung muß überdies
ständig den komplexen Beziehungen Rechnung tragen, die in der christlichen
Bibel zwischen Neuem und Altem Testament bestehen. Das Neue Testament ist ja
zugleich Erfüllung und Überbietung des Alten Testaments. Die Aktualisierung
geschieht im Spannungsfeld dieser dynamischen Einheit der beiden Testamente. Die
Aktualisierung kommt dank dem dynamischen Charakter der lebendigen
Überlieferung einer Glaubensgemeinschaft zustande. Diese steht ausdrücklich
in der Nachfolge der Gemeinschaften, in denen die Heilige Schrift entstanden
ist und wo sie bewahrt und überliefert wurde. In der Aktualisierung erfüllt
die Tradition eine doppelte Aufgabe: einerseits schützt sie vor abweichenden
Interpretationen; andrerseits sorgt sie dafür, daß die ursprüngliche
Dynamik weitergeht. Aktualisierung heißt also keineswegs Manipulation der
Texte. Es geht nicht darum, auf die biblischen Texte neue Meinungen oder
Ideologien zu projizieren, sondern aufrichtig der Botschaft nachzuspüren, die
sie für die heutige Zeit bereit halten. Der Text der Bibel übt in jeder Zeit
in der christlichen Kirche seine Autorität aus und bleibt, obwohl viele
Jahrhunderte seit seiner Entstehung vergangen sind, der vornehmliche
Wegweiser, den man nicht manipulieren kann. Das Lehramt der Kirche steht nicht
„über dem Wort Gottes, sondern dient ihm, indem es nichts lehrt, als was
überliefert ist, weil es das Wort Gottes aus göttlichem Auftrag und mit dem
Beistand des Heiligen Geistes voll Ehrfurcht hört, heilig bewahrt und treu
auslegt“ (Dei Verbum, 10). 2. Methoden Auf diesen
Voraussetzungen beruhen verschiedene Aktualisierungsmethoden. Die
Aktualisierung, die bereits innerhalb der Bibel zu beobachten ist, wurde in
der späteren jüdischen Tradition weiter geübt, und zwar mit Hilfe von
Methoden, wie sie in den Targumim und Midraschim bezeugt sind: es werden
Parallelstellen herangezogen (gezerah schawah) , die Textlesart wird
geändert und ersetzt (’al tiqrey), ein zweiter Sinn wird eingeführt
(tartey mischma‘) usw. Die Kirchenväter haben sich ihrerseits der
Typologie und der Allegorien bedient, um die biblischen Texte so zu
aktualisieren, daß sie in der Situation der Christen ihrer Zeit relevant
wurden. Heutzutage muß die Aktualisierung die Entwicklung der Mentalitäten
und die Fortschritte der Interpretationsmethoden einbeziehen. Jede
Aktualisierung setzt eine korrekte Exegese des Textes voraus, die den
wörtlichen Sinn feststellt. Wenn der Leser, der den Text aktualisiert, nicht
selbst exegetisch gebildet ist, muß er zu guten Anleitungen Zuflucht nehmen,
die ihm eine zutreffende Interpretation erlauben. Eine der sichersten und
fruchtbarsten Methoden der Aktualisierung ist die Auslegung der Heiligen
Schrift durch die Heilige Schrift selbst; dies gilt besonders für die Texte
des Alten Testaments, die entweder schon im Alten Testament selbst eine neue
Deutung empfingen (z. B. das Manna von Ex 16 in Weish 16, 20-29)
oder im Neuen Testament (Joh 6). Die Aktualisierung eines biblischen
Textes in der christlichen Existenz darf den Bezug auf das Geheimnis Christi
und die Kirche nie außer acht lassen. Es würde z.B. nicht angehen, als
Modelle für den Befreiungskampf von Christen nur Episoden aus dem Alten
Testament heranzuziehen (Exodus, 1-2 Makkabäer). Die Formen
philosophischer Hermeneutik legen für das hermeneutische Vorgehen drei
Etappen nahe: 1) das Wort wird in einer gegebenen Situation gehört; 2) es
werden Aspekte der gegenwärtigen Situation unterschieden, die vom biblischen
Text beleuchtet oder in Frage gestellt werden; 3) aus der Sinnfülle des
biblischen Textes werden diejenigen Elemente ausgewählt, die geeignet
scheinen, die gegenwärtige Situation gemäß dem Heilswillen Gottes in
Christus positiv umzuwandeln. Dank der Aktualisierung kann die Bibel viele
moderne Probleme erhellen, z.B. die Ämterfrage in der Kirche, die
gemeinschaftliche Dimension der Kirche, die vorrangige Option für die Armen,
die Befreiungstheologie, die Stellung der Frau usw. Die Aktualisierung kann
auch besonders auf Werte achten, die mehr und mehr vom heutigen Bewußtsein
anerkannt sind, wie die Rechte der Person, der Schutz des menschlichen Lebens,
die Bewahrung der Natur, das Streben nach universalem Frieden. 3. Grenzen Übereinstimmung
mit der in der Bibel ausgedrückten Heilswahrheit verlangt von jeder
Aktualisierung die Anerkennung bestimmter Grenzen, die sie nicht
überschreiten darf. Obwohl jede Lektüre der Bibel zwangsläufig partiell
ist, müssen dennoch tendenziöse Arten, die Bibel zu lesen, ab gelehnt
werden. Dies gilt von jenen, die, anstatt sich am biblischen Text zu
orientieren, ihn für beschränkte Ziele dienstbar machen (wie dies bei den
Aktualisierungen in Sekten, z.B. bei den Zeugen Jehovas, geschieht). Die
Aktualisierung verliert ihren Wert völlig, wenn sie sich auf theoretische
Voraussetzungen stützt, die mit den fundamentalen Orientierungen des
biblischen Textes unvereinbar sind, wie z.B. auf einen dem Glauben
entgegengesetzten Rationalismus oder den atheistischen Materialismus. Selbstverständlich
muß man auch jede Aktualisierung ablehnen, die im Widerspruch zur
evangeliumsgemäßen Gerechtigkeit oder Liebe steht, z.B. Aktualisierungen,
die Apartheid, Antisemitismus, männlichen oder weiblichen Sexismus aus den
biblischen Texten ableiten wollen. Mit besonderer Schärfe und ganz im Geist
des 2. Vatikanischen Konzils (Nostra Aetate, 4) muß unbeding verhindert
werden, daß bestimmte Texte des Neuen Testamentes so aktualisiert werden,
daß sie feindselige Einstellungen gegenüber den Juden wecken oder bestärken
können. Die tragischen E reignisse der Vergangenheit müssen uns im Gegenteil
immer wieder eindringlich daran erinnern, daß nach den Aussagen des Neuen
Testaments die Juden von Gott „geliebt“ bleiben, „denn unwiderruflich
sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ (Röm 11, 28-29). Solche
Abweichungen werden verhindert, wenn die Aktualisierung von einer korrekten
Textinterpretation ausgeht und unter Führung des kirchlichen Lehramtes in der
Perspektive der lebendigen Überlieferung geschieht. Auf alle Fälle bildet
die Gefahr von Entgleisungen keinen gültigen Einwand gegen die Verwirklichung
einer unverzichtbaren Aufgabe, die Botschaft der Bibel an die Ohren und Herzen
der Menschen unserer Generation dringen zu lassen. B. Inkulturation Den
Bemühungen um Aktualisierung, die der Bibel zu allen Zeiten erlaubt, Früchte
zu bringen, entsprechen die Bemühungen in den verschiedenen Ländern und
Kulturkreisen der Welt um die Inkulturation, die dafür sorgt, daß die
biblische Botschaft in den verschiedensten Gebieten in die Kultur eingewurzelt
wird. Doch gibt es zwischen den Kulturen übrigens auch Gemeinsamkeiten. Jede
echte Kultur ist in einem gewissen Sinne Trägerin universaler Werte, die ihre
Begründung in Gott haben. Die theologische Basis für die Inkulturation ist
die Glaubensüberzeugung, daß das Wort Gottes die Kulturen transzendiert, in
denen es sich ausdrückt, und daß es die Fähigkeit hat, sich in anderen
Kulturen zu verbreiten, derart daß es alle Menschen in ihrer kulturellen
Lebenswelt erreichen kann. Diese Überzeugung kommt von der Bibel selbst, die
schon vom Buch der Genesis an eine universale Perspektive hat (Gen 1,
27-28), die in der Verheißung des Segens für alle Völker durch Abraham und
seine Nachkommen weitergeht (Gen 12, 3; 18, 18) und sich definitiv
erfüllt, als die christliche Verkündigung „an alle Nationen“ ergeht (Mt
28 , 18 - 20 ; Röm 4, 16-17; Eph 3, 6). Die erste Stufe der
Inkulturation besteht darin, die inspirierte Schrift in eine andere Sprache zu
übersetzen. Diese Stufe wurde schon in der Zeit des Alten Testaments
überschritten, als man den hebräischen Text der Bibel mündlich ins
Aramäische (Neh 8, 8.12) und schriftlich ins Griechische übersetzte.
Eine Übersetzung ist in der Tat immer mehr als eine bloße Übertragung des
Originaltextes in eine andere Sprache. Der Übergang von einer Sprache zur
andern bringt notwendigerweise eine Änderung des kulturellen Kontextes mit
sich: die Begrifflichkeit ist nicht dieselbe, und die Bedeutung der Symbole
ist verschieden, denn sie wachsen aus anderen Denktraditionen und anderen
Lebensformen heraus. Das griechisch geschriebene Neue Testament ist durch
und durch von einer dynamischen Inkulturation geprägt, denn es überträgt
die vom Land Palästina geprägte Botschaft Jesu in die
jüdisch-hellenistische Kultur und offenbart dadurch den klaren Willen, die
Grenzen eines bestimmten kulturellen Milieus zu überschreiten. Obschon die
Übersetzung eine entscheidende erste Stufe ist, kann sie allein für eine
wahre Inkulturation der biblischen Botschaft nicht genügen. Diese muß sich
in einer Interpretation fortsetzen, die die biblische Botschaft in eine
tiefere Beziehung zu den Denk- und Ausdrucksarten, zur Gefühls- und
Lebenswelt setzt, die jeder lokalen Kultur eigen sind. Von der Interpretation
führt die Inkulturation auf andere Stufen weiter, die zur Herausbildung einer
lokalen christlichen Kultur überleiten, die alle Dimensionen der menschlichen
Existenz betrifft (Gebet, Arbeit, soziales Leben, Brauchtum, Recht und
Gesetze, Wissenschaft und Kunst, philosophische und theologische Reflexion).
Das Wort Gottes ist in der Tat ein Samenkorn, das seinem Erdreich all das
entnimmt, was es für sein Wachstum und Gedeihen braucht (vgl. Ad Gentes,
22). Daher müssen die Christen und Christinnen zu erkennen suchen, „was
für Reichtümer der freigebige Gott unter den Völkern verteilt hat; zugleich
aber sollen sie sich bemühen, diese Reichtümer durch das Licht des
Evangeliums zu erhellen, zu befreien und unter die Herrschaft Gottes, des
Erlösers zu bringen“ (Ad Gentes, 11). Wie man sieht, geht es hier
nicht um einen einseitigen Prozeß, sondern um eine „gegenseitige
Bereicherung“. Einerseits erlauben die in den verschiedenen Kulturen
enthaltenen Reichtümer dem Wort Gottes, von neuem Früchte zu bringen, und
andererseits erlaubt es das Licht des Wortes Gottes, in dem, was die Kulturen
beitragen, eine Auswahl zu treffen, um schädliche Elemente abzuweisen und die
Entwicklung gültiger Elemente zu fördern. Die wahre Treue zur Person
Christi, zur Dynamik seines österlichen Geheimnisses und zu seiner Liebe zur
Kirche wird zwei falsche Lösungen verhindern: diejenige einer
oberflächlichen „Anpassung“ der Botschaft und die einer synkretistischen
Konfusion (vgl. Ad Gentes, 22). Im christlichen Orient und im
Abendland fand die Inkulturation schon von den ersten Jahrhunderten an statt
und war offensichtlich von großer Fruchtbarkeit. Man darf die Inkulturation
aber nie als abgeschlossen betrachten. Sie ist immer von neuem zu leisten
entsprechend der ständigen Weiterentwicklung der Kulturen. In Ländern, wo
die Evangelisierung erst vor kurzem stattfand, stellt sich das Problem anders.
Denn dort war es wohl unvermeidlich, daß die Missionare das Wort Gottes in
der Form brachten, wie es sich am Anfang in ihrem Heimatland inkulturiert
hatte. Die neuen Ortskirchen müssen sich nun sehr bemühen, diese ihnen
fremde Inkulturation der Bibel zu überwinden und zu einer andern Form zu
gelangen, die der Kultur ihres eigenen Landes entspricht. C. Vom Gebrauch
der Bibel 1. In der Liturgie Seit Beginn der Kirche gehört die
Lesung der heiligen Schriften ganz zur christlichen Liturgie, und diese ist
ein Stück weit Erbin der synagogalen Liturgie. Auch heute noch kommen die
Christen vor allem in der Liturgie und besonders bei der sonntäglichen
Eucharistiefeier mit der Heiligen Schrift in Kontakt. Die Liturgie, und
besonders die Liturgie der Sakramente, deren Höhepunkt und Mitte die
Eucharistiefeier ist, aktualisiert wohl am besten die biblischen Texte, denn
sie stellt die Verkündigung in die Mitte der um Christus vereinigten
Glaubensgemeinschaft, die sich Gott nahen will. Da ist Christus „gegenwärtig
... in seinem Wort, da er selbst spricht, wenn die heiligen Schriften in der
Kirche gelesen werden“ (Sacrosanctum Concilium, 7). So wird der
geschriebene Text zum lebendigen Wort. Die liturgische Reform, wie sie vom
2. Vatikanischen Konzil beschlossen wurde, hat sich bemüht, den Katholiken
eine reichere biblische Nahrung anzubieten. Die drei Zyklen der
Sonntagslesungen geben den Evangelien einen privilegierten Platz, um das
Geheimnis Christi als Ursprung unseres Heils auszuzeichnen. Indem dieser
Zyklus regelmäßig einen Text aus dem Alten Testament in Beziehung zum
Evangeliumstext setzt, legt er für die Schriftinterpretation oft den Weg der
Typologie nahe. Wie wir wissen, ist diese jedoch nicht die einzige mögliche
Art, die Heilige Schrift zu lesen. Die Homilie, die das Wort Gottes
ausdrücklich aktualisiert, gehört voll und ganz zur Liturgie. Wir werden im
Zusammenhang mit der Bibel in der Seelsorge auf sie zurückkommen. Das
Lektionar, das aus dem Konzil hervorgegangen ist (Sacrosanctum Concilium,
35), soll eine „reichere, mannigfaltigere und passendere“ Lesung der
Heiligen Sch rift ermöglichen. In seiner gegenwärtigen Form entspricht es
aber nur teilweise diesem Ziel. Immerhin hat es schon positive ökumenische
Auswirkungen gezeitigt. In gewissen Ländern zeigte es auch auf, wie wenig die
Katholiken in der Heiligen Schrift „zu Hause“ sind. Der Wortgottesdienst
ist ein entscheidendes Element bei der Feier eines jeglichen Sakramentes der
Kirche. Er besteht nicht einfach aus einer Abfolge von Lesungen, denn er
erfordert auch in gleicher Weise Momente der Stille und des Gebetes. Diese
Liturgie, besonders das Stundengebet, schöpft aus dem Psalmenbuch, um die
christliche Gemeinschaft zum Gebet anzuleiten. Hymnen und Gebete sind ganz von
der biblischen Sprache und ihrer Symbolik durchdrungen. Es ist deshalb
unerläßlich, daß die Liturgiefeier in eine regelmäßige Praxis der Lesung
der Heiligen Schrift eingebettet ist. In den Lesungen „richtet Gott sein
Wort an sein Volk “ (Missale Romanum, n. 33); deshalb verlangt der
Wortgottesdienst große Sorgfalt in der Verkündigung der Lesungen wie in
deren Auslegung. Die Ausbildung der zukünftigen Vorsteher der liturgischen
Versammlung und aller, die in ihr eine Rolle übernehmen, muß deshalb den
Erfordernissen des vollständig erneuerten Wortgottesdienstes entsprechen. So
kann die Kirche dank der Bemühungen aller Beteiligten die ihr aufgetragene
Sendung erfüllen, „vom Tisch des Wortes Gottes wie des Leibes Christi ohne
Unterlaß das Brot des Lebens zu nehmen und den Gläubigen zu reichen“ (Dei
Verbum, 21). 2. Die Lectio divina oder geistliche Lesung Die Lectio
divina ist eine Lesung in individueller oder gemeinschaftlicher Form eines
mehr oder weniger langen Abschnittes der Heiligen Schrift, die als Wort Gottes
angenommen wird. Unter dem Einfluß des Heiligen Geistes führt sie zur
Meditation, zum Gebet und zur Kontemplation. Das Bemühen um eine
regelmäßige, ja sogar tägliche Lesung der Heiligen Schrift entspricht einer
schon frühen Übung in der Kirche. Als gemeinsame Praxis ist sie im 3. Jh.,
zur Zeit des Origenes bezeugt. Origenes pflegte in seinen Homilien von einem
Text der Heiligen Schrift auszugehen, der fortlaufend die Woche hindurch
gelesen wurde. Es gab damals tägliche Versammlungen, die der Lesung und der
Auslegung der Heiligen Schrift dienten. Diese Praxis, die später wieder
aufgegeben wurde, hat bei den Christen jedoch nicht immer großen Anklang
gefunden (Origenes, Hom. Gen. X, 1). Die Lectio divina ist als
vorwiegend individuelle Praxis im Mönchtum schon früh belegt. In unserer
Zeit hat eine von Papst Pius XII. genehmigte Instruktion der Bibelkommission
sie allen Priestern, Diözesan- und Ordenspriestern anempfohlen (De
Scriptura Sacra recte docenda, 1950; EnchB 592). Die Bedeutung der Lectio
divina unter ihrem doppelten, individuellen und gemeinschaftlichen Aspekt
ist somit wieder aktuell geworden. Es geht darum, eine „echte und
beständige Liebe“ zur Heiligen Schrift, dem Ursprung inneren Lebens und
apostolischer Fruchtbarkeit (EnchB 591 und 567) zu wecken und zu
stärken, weiterhin darum, ein besseres Verständnis der Liturgie zu fördern
und der Bibel einen wichtigeren Platz in den theologischen Studien und im
Gebet zu sichern. Die Konzilskonstitution Dei Verbum (Nr. 25)
empfiehlt den Priestern und Ordensleuten ebenfalls eindringlich die eifrige
Lesung der heiligen Schriften. Sie lädt aber auch „alle an Christus
Glaubenden“ ein, „durch häufige Lesung der Heiligen Schrift sich die ‘alles
übertreffende Erkenntnis Jesu Christi’ (Phil 3,8) anzueignen“. Dies ist
eine Neuheit! Verschiedene Mittel werden dazu vorgeschlagen. Neben der
individuellen Lesung werden Bibellesegruppen empfohlen. Der Text des Konzils
unterstreicht, daß das Gebet die Lesung der Heiligen Schrift begleiten muß,
denn es ist gleichsam die Antwort auf die Begegnung mit dem Wort Gottes, dem
man in der Heiligen Schrift unter dem Beistand und der Führung des Heiligen
Geistes begegnet. Zahlreiche Initiativen wurden im christlichen Volk für das
gemeinsame Lesen ergriffen. Zu diesem Verlangen nach einer besseren Kenntnis
Gottes und seines Heilsplanes in Christus, wie er in der Heiligen Schrift
ausgedrückt ist, kann nur ermutigt werden. 3. In der Seelsorge Die
Empfehlung in Dei Verbum (Nr. 24), die Bibel in der Seelsorge
möglichst oft zu lesen, kann in verschiedenen Formen realisiert werden, je
nach der von den Priestern angewendeten Hermeneutik und den
Verständnismöglichkeiten der Gläubigen. Es lassen sich drei
Hauptsituationen unterscheiden: Katechese, Verkündigung und biblisches
Apostolat. Zahlreiche Faktoren spielen dabei eine Rolle, entsprechend dem
Niveau des christlichen Lebens. Die Erklärung des Wortes Gottes in der
Katechese (Sacrosanctum Concilium, 35; Directorium catechisticum
generale 23, 1971, 16) hat als Hauptquelle die Heilige Schrift. Diese
bildet, im Kontext der Tradition gelesen, den Ausgangspunkt, die Basis und die
Norm der katechetischen Unterweisung. Eines der Ziele der Katechese ist eben
gerade die Einführung in ein richtiges Verständnis der Bibel und in ihre
fruchtbare Lesung, so daß die in ihr enthaltene göttliche Wahrheit gefunden
und eine großherzige Antwort auf die Botschaft, die Gott durch sein Wort an
die Menschheit richtet, gegeben werden kann. Die Katechese muß vom
geschichtlichen Kontext der göttlichen Offenbarung ausgehen, um Personen und
Ereignisse des Alten und Neuen Testaments im Lichte des Planes Gottes
darzustellen. Um vom biblischen Text zu seiner Heilsbedeutung für unsere
Zeit vorzudringen, lassen sich verschiedene bibelhermeneutische
Unterrichtsmethoden denken, die Anlaß zu verschiedenartigen Kommentaren
geben. Die Fruchtbarkeit der Katechese hängt selbstverständlich vom Wert der
angewendeten bibelhermeneutischen Unterrichtsmethoden ab. Die Gefahr besteht,
sich mit oberflächlichen Erklärungen zu begnügen, die an einer
chronologischen Betrachtung der verschiedenen Ereignisse und Personen der
Bibel hängen bleiben. Die Katechese kann natürlich nur einen ganz kleinen
Teil der biblischen Texte auswerten. Im allgemeinen benützt sie vor allem die
Erzählungen des Neuen wie des Alten Testaments. Der Dekalog spielt eine
hervorragende Rolle. Es muß aber darauf geachtet werden, daß auch die Worte
der Propheten, die Weisheitslehre und die großen Reden des Evangeliums, z.B.
die Bergpredigt, zu Worte kommen. Die Darstellung des Evangeliums soll zu
einer Begegnung mit Christus führen. Er ist ja gleichsam der Schlüssel zur
ganzen biblischen Offenbarung und überbringt den Anruf Gottes, auf den jeder
zu antworten hat. Die Botschaft der Propheten und der „Diener des Wortes“
(Lk 1,2) muß in ihrer Darlegung als Botschaft an die heutigen Christen
erscheinen. Analoge Bemerkungen betreffen den Dienst der Predigt, die aus
den alten Texten eine geistliche Nahrung für die Bedürfnisse der heutigen
christlichen Gemeinschaft schöpfen soll. Heute wird der Dienst der Predigt
hauptsächlich in der Homilie am Ende des ersten Teils der Eucharistiefeier,
die auf die Verkündigung des Wortes Gottes folgt, ausgeübt. Die Erklärung
der biblischen Texte in der Homilie kann nicht auf alle Einzelheiten eingehen.
Es ist jedoch angebracht, die Hauptelemente der Texte hervorzuheben, die am
meisten den Glauben beleuchten und den Fortschritt des individuellen und
gemeinschaftlichen christlichen Lebens fördern können. Bei der Erklärung
dieser Elemente ist es entscheidend, sie zu aktualisieren und zu
inkulturieren, wie es oben ausgeführt wurde. Dafür braucht es gültige
hermeneutische Prinzipien. Wer in dieser Hinsicht nicht genügend vorbereitet
ist, erliegt deswegen meistens der Versuchung, darauf zu verzichten, die
biblischen Lesungen tiefer zu erfassen, um sich mit moralisierenden
Nutzanwendungen zu begnügen oder nur über aktuelle Fragen zu sprechen, ohne
diese mit dem Wort Gottes zu konfrontieren. In manchen Ländern gibt es
Veröffentlichungen, die unter Mithilfe von Exegeten verfaßt wurden, um den
Verantwortlichen der Seelsorge zu helfen, die biblischen Lesungen der Liturgie
korrekt zu interpretieren und auf gültige Weise zu aktualisieren. Es ist
wünschenswert, daß solche Bemühungen das ihnen gebührende Echo finden. Die
Betonung darf selbstverständlich nicht einseitig auf den Verpflichtungen der
Gläubigen liegen. Die biblische Botschaft muß ihren grundlegenden Charakter
als die Gute Nachricht vom Heil, das Gott uns schenkt, unbedingt bewahren. Die
Predigt erreicht weit mehr und wird auch der Bibel gerechter, wenn sie den
Gläubigen hilft, „die Gabe Gottes zu erkennen“ (Joh 4,10), so wie
sie in der Heiligen Schrift offenbart ist, und in positiver Art die Ansprüche
zu erfassen, die sich aus dieser Gabe ergeben. Das biblische Apostolat hat
zum Ziel, die Bibel als Wort Gottes und Quelle des Lebens zu verbreiten. In
erster Linie fördert es die Übersetzung der Bibel in die verschiedenen
Sprachen sowie die Verbreitung dieser Übersetzungen. Es erweckt zahlreiche
Initiativen und unterstützt sie: Bildung von Bibelgruppen, Vorträge über
die Bibel, Biblische Wochen, Veröffentlichung von Zeitschriften und Büchern
usw. Ein wichtiger Beitrag kommt von den kirchlichen Vereinigungen und
Bewegungen, die die Bibellesung in der Perspektive des Glaubens und mit
christlichem Engagement in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten rücken.
Zahlreiche „Basisgemeinden“ stellen ihre Zusammenkünfte unter die Bibel
und setzen sich ein dreifaches Ziel: die Bibel kennenzulernen, die
Gemeinschaft aufzubauen und dem Volk zu dienen. Auch hier ist die Hilfe der
Exegeten nützlich, um schlecht begründete Aktualisierungen zu vermeiden.
Aber man darf sich freuen, die Bibel in den Händen der Armen, der einfachen
Leute zu sehen, die zu ihrer Auslegung und Aktualisierung in geistlicher und
existentieller Hinsicht ein helleres Licht bereitstellen können, als was eine
selbstgerechte Wissenschaft zu seiner Erklärung beizutragen vermag (vgl. Mt
11, 25). Die wachsende Bedeutung der Kommunikationsmittel, Massenmedien,
Presse, Radio, Fernsehen usw., erheischt eine tatkräftige Verkündigung des
Wortes Gottes und die Verbreitung „biblischer“ Kenntnisse auch durch diese
Medien. Ihre Eigenart und andererseits ihr gewaltiger Einfluß auf das breite
Publikum verlangen jedoch für ihre Benutzung eine spezifische Ausbildung, die
es erlaubt, kläglich improvisierte oder effekthascherische Behandlungen der
Bibel zu verhindern. Ob es sich um Katechese, Verkündigung oder biblisches
Apostolat handelt, der Bibeltext muß immer mit der ihm gebührenden Achtung
dargelegt werden. 4. In der Ökumene Wenn auch die Ökumene als
spezifische und organisierte Bewegung relativ neu ist, so ist doch der Gedanke
der Einheit des Volkes Gottes, den diese Bewegung zu erneuern versucht, tief
in der Heiligen Schrift verwurzelt. Diese Einheit war die ständige Sorge des
Herrn (Joh 10,16; 17,11. 20-23). Es ist eine Einheit der Christen im
Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe (Eph 4, 2-5), in der
gegenseitigen Achtung (Phil 2,1-5) und in der Solidarität (1 Kor
12, 14-27; Röm 12, 4-5), aber auch und vor allem die organische
Einheit mit Christus, so wie die Reben und der Rebstock (Joh 15, 4-5),
die Glieder und das Haupt (Eph 1, 22-23; 4, 12-16) eins sind. Diese
Einheit muß so vollkommen sein wie die Einheit von Vater und Sohn (Joh
17, 11.22). Die Heilige Schrift liefert hierfür die theologische Basis (Eph
4, 4-6; Gal 3, 27-28). Die erste apostolische Gemeinschaft ist ein
konkretes und lebendiges Modell dafür (Apg 2, 44; 4, 32). Die
meisten Probleme im ökumenischen Dialog haben einen Bezug zur Interpretation
der biblischen Texte. Einige dieser Probleme sind theologischer Art: im
Hinblick auf die Eschatologie, die Kirchenstruktur, den Primat und die
Kollegialität, die Ehe und die Scheidung, das priesterliche Amt für die
Frauen usw. Andere sind kirchenrechtlicher und jurisdiktioneller Art; sie
betreffen die Verwaltung der Universalkirche und der Ortskirchen. Andere
wieder sind ausschließlich biblisch: die Liste der kanonischen Bücher,
bestimmte hermeneutische Fragen usw. Die biblische Exegese kann zwar all
diese Probleme gewiß nicht allein lösen; sie ist aber aufgerufen, einen
wichtigen Beitrag zur Ökumene zu leisten. Bemerkenswerte Fortschritte wurden
bereits realisiert. Dank der Annahme gleicher Methoden und analoger
hermeneutischer Ziele sind die Exegeten der verschiedenen christlichen
Konfessionen zu einer weitgehenden Übereinstimmung in der Interpretation der
heiligen Schriften gekommen, wie es der Text und die Anmerkungen verschiedener
ökumenischer Übersetzungen der Bibel und auch andere Veröffentlichungen
zeigen. Andererseits sind die Unterschiede in der Auslegung der heiligen
Schriften in bestimmten Punkten offensichtlich oft auch stimulierend, ja sie
können sich in manchen Fällen als komplementär und bereichernd erweisen.
Dies ist der Fall, wenn sie besondere Werte der Eigentraditionen der
verschiedenen christlichen Kirchen und Gemeinschaften ausdrücken und so die
vielfältigen Aspekte des Geheimnisses Christi zum Ausdruck bringen. Da die
Bibel im übrigen die gemeinsame Basis der Glaubensregel darstellt, drängt
der ökumenische Auftrag alle Christen gebieterisch dazu, die inspirierten
Texte neu zu lesen, sich durch sie unter der Führung des Heiligen Geistes
belehren zu lassen, sie in Liebe, Aufrichtigkeit und Demut zu meditieren und
daraus zu leben, um zur Umkehr des Herzens und zur Heiligkeit des Lebens zu
gelangen; diese stellen, zusammen mit dem Gebet um die Einheit der Christen
die Seele jeder ökumenischen Bewegung dar (vgl. Unitatis Redintegratio,
8). Aus diesem Grunde ist es wichtig, einer möglichst großen Zahl von
Gläubigen den Erwerb einer Bibel zu ermöglichen, zu ökumenischen
Übersetzungen zu ermutigen – denn ein gemeinsamer Text hilft zu einer
gemeinsamen Lektüre und zu einem gemeinsamen Verständnis –, ökumenische
Gebetsgruppen zu fördern, um so durch ein echtes, lebendiges Zeugnis an der
Wiedergewinnung der vollen Einheit in der Vielfalt mitzuwirken (vgl. Röm
12, 4-5). Schlußfolgerungen Aus all dem, was in
diesen langen, und doch auch wieder zu knappen Ausführungen zur Sprache kam,
geht als erste Folgerung hervor, daß die biblische Exegese in der Kirche und
in der Welt eine unersetzliche Aufgabe erfüllt. Wollte man die Bibel ohne sie
verstehen, würde man sich einer Illusion hingeben. Es wäre auch ein Mangel
an Ehrfurcht vor der inspirierten Schrift. Fundamentalisten möchten die
Exegeten als reine Übersetzer betrachten, wobei sie übersehen, daß die
Übersetzung der Bibel schon Exegese ist. Sie weigern sich, exegetischer
Forschung zu folgen. Sie geben sich dabei keine Rechenschaft, daß sie sich
trotz lobenswerten Bemühens um Treue dem ganzen Wort Gottes gegenüber in
Wirklichkeit auf Wege einlassen, die sie vom genauen Sinn der biblischen Texte
und damit auch von der vollen Annahme der Konsequenzen der Menschwerdung
selbst entfernen. Die Menschwerdung des ewigen Wortes fand ja in einem
bestimmten Zeitraum der Geschichte, in einem genau umschriebenen sozialen und
kulturellen Umfeld statt. Wer Gottes Wort vernehmen möchte, muß es in Demut
da suchen, wo es hörbar wurde, ohne die notwendige Hilfe des menschlichen
Wissens zu verschmähen. Seit der Epoche des Alten Testaments hat sich Gott,
um zu Männern oder Frauen zu sprechen, aller Möglichkeiten der menschlichen
Sprache bedient, aber gleichzeitig mußte er auch sein Wort allen
Bedingtheiten dieser Sprache unterwerfen. Wahre Ehrfurcht vor der inspirierten
Schrift heißt, keine der notwendigen Anstrengungen zu unterlassen, die es
ermöglichen, ihren Sinn richtig zu erfassen. Es ist bestimmt nicht möglich,
daß jeder Christ selbst alle Gebiete der Forschung kennt, die für ein
besseres Verständnis der biblischen Texte unerläßlich sind. Diese Aufgabe
ist den Exegeten anvertraut. Sie sind auf diesem Gebiet zum Nutzen aller
zuständig. Als zweite Schlußfolgerung soll unterstrichen werden, daß die
biblischen Texte zu ihrer Interpretation naturgemäß der Anwendung der
historisch-kritischen Methode wenigstens in ihren hauptsächlichen Zügen
bedürfen. Die Bibel gibt sich ja in der Tat nicht als unmittelbare
Offenbarung zeitloser Wahrheiten zu erkennen, sondern vielmehr als das
schriftliche Zeugnis von Gottes wiederholtem Eingreifen in der menschlichen
Geschichte, durch das er sich offenbart. Im Unterschied zu den heiligen Lehren
anderer Religionen ist die biblische Botschaft fest im Boden der Geschichte
verwurzelt. Dies ist der Grund, daß die biblischen Schriften ohne
Untersuchung ihrer geschichtlichen Entstehung nicht korrekt verstanden werden
können. Die „diachrone“ Forschung wird für die Exegese immer
unerläßlich sein. Die „synchronen“ Zugänge, so nützlich sie sind,
können sie niemals ersetzen. Um auf eine fruchtbare Weise arbeiten zu
können, müssen sie zunächst die Ergebnisse der historisch-kritischen
Methode, wenigstens in den Hauptlinien, übernehmen. Unter dieser Bedingung
vermögen die synchronen Zugänge (rhetorische, narrative, semiotische und
andere Methoden) zur Erneuerung der Exegese beizutragen und die exegetischen
Einsichten und Erkenntnisse zu erweitern. In der Tat kann die
historisch-kritische Methode ja kein Monopol beanspruchen. Sie muß sich ihrer
Grenzen bewußt werden und auch der Gefahren, denen sie ausgesetzt ist. Die
jüngsten Entwicklungen der philosophischen Hermeneutiken und was wir in bezug
auf die Interpretation der Heiligen Schrift innerhalb der biblischen Tradition
und der Tradition der Kirche feststellten, haben das Interpretationsproblem in
einem neuen Licht erscheinen lassen, das die historisch-kritische Methode
nicht immer wahrnehmen wollte. Die alles beherrschende Absicht dieser Methode,
den Sinn der Texte zu bestimmen, indem sie diese in ihren ursprünglichen
historischen Kontext einordnet, macht sie in der Tat manchmal weniger offen
für den dynamischen Aspekt der Bedeutung und die Möglichkeiten einer
weiteren Entwicklung des Sinnes. Namentlich wenn sie nicht bis zur
Redaktionsgeschichte vordringt, sondern bei Quellenproblemen und literarischen
Schichtungen der Texte stehen bleibt, erfüllt sie ihre exegetische Aufgabe
nicht genügend. Aus Treue zur großen Überlieferung, von der auch die
Bibel selbst Zeugnis ablegt, muß die katholische Exegese so weit wie möglich
solche Arten von „Betriebsblindheit“ vermeiden und ihre Identität als
theologische Disziplin bewahren, deren Hauptziel die Vertiefung des Glaubens
ist. Dies bedeutet keineswegs geringere Ernsthaftigkeit der kompetenten
wissenschaftlichen Forschungsarbeit und auch keine Beugung der Methoden aus
apologetischem Interesse. Jedes Gebiet der Forschung (Textkritik, Linguistik,
literarische Analysen usw.) besitzt seine eigenen Regeln, denen die Forschung
in voller Unabhängigkeit fol gen muß. Aber keines dieser Spezialgebiete der
Exegese stellt ein Ziel für sich dar. In der Gesamtorganisation der
exegetischen Arbeit muß die Ausrichtung auf das Hauptziel bestimmend bleiben;
nur so lassen sich Abwege und Sackgassen vermeiden. Die katholische Exegese
darf nicht einem Wasserlauf gleichen, der in einer hyperkritischen Analyse
versandet. Sie hat in Kirche und Welt eine entscheidende Funktion zu
erfüllen: zur möglichst authentischen Vermittlung der inspirierten Botschaft
der Heiligen Schrift das Ihre beizutragen. Ihre Bemühungen gehen ja bereits
in dieser Richtung, indem sie an der Erneuerung der anderen theologischen
Disziplinen und an der seelsorgerlichen Arbeit der Aktualisierung und
Inkulturation des Wortes Gottes mitwirkt. Diese Darlegungen haben die
gegenwärtige Problematik geprüft und einige Reflexionen dazu formuliert. Es
ist zu hoffen, daß sie mithelfen werden, bei allen das Bewußtsein von der
Rolle des katholischen Exegeten zu klären. Rom, den 15. April 1993 Nachwort
zur Übersetzung Der hier gebotene deutsche Text des Dokuments ist eine
von Lothar Ruppert, Freiburg i.Br., und Adrian Schenker OP, Freiburg/Schweiz,
Mitgliedern der Bibelkommission, im ausdrücklichen Einverständnis des
wissenschaftlichen Sekretärs der Bibelkommission, Albert Vanhoye SJ, Rom,
erstellte Revision der von den beiden Erstgenannten autorisierten, 1993 bei
der Libreria Editrice Vaticana erschienenen deutschen Übersetzung. Die
Anmerkungen 1, 11 und 12 sind Anmerkungen der Bibelkommission selbst, die
übrigen sind dem besseren Verständnis des Textes dienende Fußnoten von L.
Ruppert und A. Schenker.
Fußnoten 1) Unter exegetischer „Methode“ verstehen wir die
gesamten wissenschaftlichen Vorgehensweisen zur Auslegung der Texte. Wir
sprechen von „Zugängen“, wenn es sich um Forschung nach einem bestimmten
Gesichtspunkt handelt (Anm. der Bibelkommission). 2) Gemeint sind die
Quellenschriften des Pentateuch. 3) Der Ausdruck „ihre Herkunft“ (frz.:
son origine) ist mißverständlich. Gemeint ist die Herkunft der Gestaltung
der neutestamentlichen Überlieferung. 4) „Historisch“ ist hier nicht im
Sinne der modernen Geschichtswissenschaft gemeint, sondern im Hinblick auf
biblische Geschichtsdarstellung. 5) Das bedeutet freilich nicht, daß
Vorstufen des Textes theologisch ohne Bedeutung wären; vielmehr bereiten sie
den Endtext als den verbindlichen Ausdruck von „Gottes Wort“ vor, zielen
auf ihn hin und tragen zu seinem Verständnis bei. 6) Kreise ohne besondere
Fachkenntnisse. 7) Diese Aussage darf freilich nicht im Sinne einer „inspiratio
consequens“ mißverstanden werden. 8) Centos sind Zitatmosaiken aus
antiken Dichtern. Unter „relecture“ versteht man eine umgestaltende und
akzentuierende Wiederaufnahme. 9) „Urtext“ im Sinne von „Urform“. 10)
Von Familie und Besitz. 11) Über den Text dieses letzten Abschnittes wurde
abgestimmt. 11 von 19 Stimmen sprachen sich für ihn aus, 4 dagegen, und 4
enthielten sich der Stimme. [Gegenstand der Abstimmung war die Warnung an die
Adresse der Frauen, die dieser Satz enthält.] Die Minorität der
Kommissionsmitglieder [hielt eine solche Kritik von seiten von Männern für
wenig angebracht. Sie] verlangte, daß das Resultat dieser Abstimmung im Text
publiziert werde. Die Kommission hat sich dazu verpflichtet. 12) Die
Hermeneutik des Wortes, wie sie von Gerhard Ebeling und Ernst Fuchs entwickelt
wurde, geht von einem andern Zugang aus und gehört zu einem andern Bereich
des Denkens. Es geht bei ihr eher um eine hermeneutische Theologie als um eine
hermeneutische Philosophie. Ebeling geht immerhin mit Autoren wie Bultmann und
Ricoeur in der Betonung der Bedingung einig, daß das Wort Gottes nur dann
seinen vollen Sinn erhält, wenn es seine Adressaten erreicht. 13) Es
handelt sich um eine grundlegende Verwandtschaft zwischen dem Denken des
Interpreten und den Aussagen des Textes. 14) Das Heilsgeschehen erfuhr im
Laufe der Geschichte immer wieder neue Interpretationen. 15) Der
französische Text spricht von dem „Licht des heiligen Geistes“. 16)
Lateinischer Text im Anhang von EnchB 4 (1965) 3*-11*; lateinischer Text und
deutsche Übersetzung: Joseph A. Fitzmyer, Die Wahrheit der Evangelien (SBS 1)
Stuttgart 1965. 17) Der im Dokument zitierte französische Konzilstext und
die offizielle deutsche Übersetzung weichen in Lumen Gentium, 12,
beträchtlich voneinander ab. 18) Auch hier differieren die französische
und deutsche Version des Konzilstextes beträchtlich. 19) enthalten in:
Arbeitshilfe 66. 20) Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 70. 21)
Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 98. 22) Dt.: Die Interpretation der
Dogmen. Dokument der Internationalen Theologenkommission: IKaZ 19 (1990) 246–266. 23)
Private deutsche Übersetzung: Allgemeines Katechetisches Direktorium.
Übersetzung mit Erlaubnis der Hl. Kongregation, besorgt von Raphael von
Rhein, Fulda 2 1979.
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