1. »Der größte von euch soll euer Diener sein. Denn wer sich
selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht
werden« (Mt 23,11–12).
In den Schlußworten der Rede Jesu, die wir soeben gehört haben,
können wir den Sinn dieses Abschnittes des Evangeliums und vielleicht sogar
aller Lesungen der Liturgie des heutigen Sonntags erkennen.
Das 23. Kapitel des Matthäusevangeliums enthält eine Reihe von
Weherufen gegen Schriftgelehrte und Pharisäer, die so heftig sind, daß die
Tatsache, daß sie aus dem Mund des einzigen Meisters, Christus, kommen, der
gütig und von Herzen demütig ist, Verwunderung oder sogar Verwirrung hervorruft.
Auf jeden Fall richtet sich Jesus nicht gegen bestimmte
Personen, sondern er will vielmehr das Pharisäertum als Krankheit des Geistes
anprangern, die Menschen und Institutionen zu allen Zeiten befallen kann.
Dem negativen Bild einer leeren, formalistischen Religiosität,
die von einem grausamen Gesetzesdenken gekennzeichnet ist und in der
machthungrige, ehrgeizige und erfolgssüchtige Menschen das Sagen haben, setzt
Jesus das Bild einer Gemeinschaft entgegen, die sich hiervon radikal
unterscheidet, in der Größe und Demut einander entsprechen und wo es die Werke
der Nächstenliebe sind, durch die man weiterkommt, sozusagen »Karriere macht«.
Im Licht der Lehre Jesu können wir gut verstehen, wie schwer und mühsam der Weg
ist, den die Jünger Christi gehen müssen, einschließlich derjenigen, die heute
in das Verzeichnis der Seligen eingetragen werden.
Jesus hatte das Schauspiel der Schriftgelehrten und Pharisäer
vor Augen: Sie waren in den Heiligen Schriften bewandert und besuchten häufig
den Tempel, aber ihr Herz war kalt, eiskalt, die Begegnung mit Gott hatte es
nicht verwandelt. Mit einem Wort, sie waren falsch! Deswegen weist Jesus sie
streng zurecht und tadelt sie, weil sie sehr streng mit den anderen sind, sich
selbst gegenüber jedoch wohlwollende Nachsicht üben: »Sie schnüren schwere
Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, wollen selber aber
keinen Finger rühren, um die Lasten zu tragen« (Mt 23,4).
Die Heiligen dagegen tun genau das Gegenteil: Sie stellen hohe
Ansprüche an sich selbst, sind aber verständnisvoll und geduldig gegenüber
anderen Menschen und versuchen, immer zu vergeben.
Genau diese Haltung findet sich im Leben des sel. Josep Tàpies i
Sirvant und seiner sechs Gefährten im Martyrium und der sel. María de los
Ángeles Ginard Martí, die demütig und eifrig ihren Mitmenschen gedient und deren
Lasten getragen haben. [Nach diesen Worten auf italienisch fuhr der Kardinal auf
spanisch fort:]
2. In der Ersten Lesung beschreibt der Prophet Maleachi den
Herrn als einen großen König, der einen Bund mit den Priestern, seinen Dienern,
geschlossen hat, die ihn aber dennoch verraten haben (Mal 2,4; 2,8). Die
sieben Märtyrer, die heute seliggesprochen worden sind, Josep Tàpies i Sirvant,
Pasqual Araguás i Guárdia, Silvestre Arnau i Pasqüet, Josep Boher i Foix,
Francesc Castells i Brenuy, Pere Martret i Moles und Josep- Joan Perot i
Juanmartí, allesamt Priester des Bistums Urgell, haben nicht nur den Herrn nicht
verraten, sondern sie haben vielmehr im Laufe ihres Lebens unermüdlich das Reich
Gottes verbreitet. Sie waren Gemeindepfarrer oder in der Seelsorge tätige
Priester der Pfarrei von Pobla de Segur und den umliegenden Orten, wo sie sich
ganz der Evangelisierungsarbeit widmeten und mit Eifer auf die Heiligung der
ihnen anvertrauten Menschen hinwirkten. Gekrönt wurde ihre Treue zu Jesus
Christus, für den sie ihr Blut vergossen haben, als sie an jenem 14. August
1936, als ihre letzte Stunde gekommen war, vor dem Exekutionskommando aufgereiht
standen und Gott wie aus einem Munde lobten mit dem Ruf: »Es lebe Christus,
der König!«
Wenige Tage später krönte auch Schwester Ángela María de los
Ángeles Ginard Martí aus der Kongregation der »Hermanas Celadoras del Culto
Eucarístico« ihre Weihe an Jesus Christus durch die Hingabe ihres Lebens, als
sie in Dehesa de la Villa in der Nähe von Madrid von Kugeln getroffen wurde. Die
sel. María de los Ángeles war eine beispielhafte Ordensfrau, unter deren vielen
Tugenden die Liebe zur Heiligsten Eucharistie und zum Rosenkranz besonders
herausragte sowie ihre Verehrung der ersten Christen und deren Martyrium.
In der Zweiten Lesung dieser heiligen Messe schreibt der Apostel
Paulus an die Thessalonicher: »Wir sind euch freundlich begegnet: Wie eine
Mutter für ihre Kinder sorgt« (1 Thess 2,7). Diese Worte beschreiben gut
die liebevolle Haltung der neuen Seligen gegenüber ihren Mitmenschen, angefangen
bei ihren Mitschwestern und bei den Armen, für die sie eine tief im Evangelium
wurzelnde Vorliebe hatte.
3. Im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Ecclesia in
Europa vom 28. Juni 2003 hat Papst Johannes Paul II., an den wir uns mit
Zuneigung und Verehrung erinnern, allen Menschen – »auf daß es niemals in
Vergessenheit gerate « – das großartige Hoffnungszeichen der zahllosen Zeugen
des christlichen Glaubens sowohl im Osten als auch im Westen vor Augen gehalten,
denn diese »haben es in Situationen der Feindseligkeit und Verfolgung vermocht,
sich das Evangelium zu eigen zu machen, oft bis zum Blutvergießen als äußerster
Bewährung« (Nr. 13).
Die Kirche antwortet heute auf diese Aufforderung, die Zeugen
des christlichen Glaubens – die Märtyrer, besonders die des vergangenen
Jahrhunderts – niemals zu vergessen, indem sie uns Menschen wie die Weltpriester
Josep Tàpies i Sirvant und seine sechs Gefährten und die Ordensschwester María
de los Ángeles Ginard i Martí als Vorbilder gibt und sie auf den Leuchter
stellt, damit sie allen im Haus leuchten (vgl. Mt 5,15).
Das 20. Jahrhundert ist als »Jahrhundert des Martyriums«
(1) bezeichnet worden, und dies läßt sich in der Geschichte nachweisen. Trotz
ihrer Barbarei und Bösartigkeit war die gewaltsame Verfolgung, die in Spanien
losbrach und die Zerstörung der Kirche zum Ziel hatte, nur eine wenn auch
grausame Episode dessen, was die Bibel im Buch der Offenbarung die »große
Bedrängnis« (Offb 7,14) nennt, über die Johannes Paul II. schrieb: »Am
Ende des zweiten Jahrtausends ist die Kirche erneut zur Märtyrerkirche geworden«
(Apostolisches Schreiben Tertio millennio adveniente, 37). Tatsächlich
hat uns die »große Bedrängnis« der Kirche im 20. Jahrhundert, die eine
unermeßlich große Zahl an Opfern gefordert hat – die meisten von ihnen sind von
uns gegangen, ohne eine Spur zu hinterlassen – auch viele Namen zum Vermächtnis
gemacht, die die Kirche mit mütterlicher Fürsorge zur Ehre der Altäre erhebt.
Wir müssen uns vor Augen halten, daß es nicht nur darum geht, in
der Kirche die Erinnerung an die Märtyrer aufrechtzuerhalten. Es geht vor allem
darum, den Sinn des christlichen Martyriums zu verstehen und es ins rechte Licht
zu rücken. Es ist jenseits aller anderen Aspekte vor allem das unverkennbare
Zeichen dafür, daß die Kirche die Kirche Jesu Christi ist, daß sie die Kirche
ist, die Er gewollt und gegründet hat und in der Er gegenwärtig ist.
Leider fehlen im Schoße der Kirche, die ja aus Menschen besteht,
die Sünder nicht, vor allem dann, wenn man nicht nach dem Liebesgebot lebt, das
von grundlegender Bedeutung ist und für einen Christen das wichtigste Gebot
darstellt. Auf diese Weise legt man ein Antizeugnis gegen Jesus Christus ab. Die
unermeßlich große Menge der Märtyrer bezeugt mit ihrem Blut die Treue der Kirche
zu Jesus Christus, weil sie, wenngleich es in ihr Sünder gibt, zugleich eine
Kirche der Märtyrer ist, also wahrer Christen, die ihren Glauben an Christus
und ihre geschwisterliche Liebe auch zu ihren Feinden in die Praxis umgesetzt
und dabei nicht nur ihr Leben, sondern oft auch ihre Ehre geopfert haben, da sie
schreckliche Demütigungen ertragen mußten und teilweise als Verräter und
Heuchler abqualifiziert wurden.
Das christliche Martyrium zeigt deutlich, daß Gott, die Person
Jesu Christi, der Glaube an Ihn und die Treue zum Evangelium die höchsten Werte
des menschlichen Lebens sind, so hoch, daß man bereit sein muß, selbst sein
eigenes Leben für sie zu opfern.
Die Märtyrer zögerten nicht, in Zeiten blutiger Verfolgung ihr
Leben für den Glauben hinzugeben. Welche Botschaft übermitteln sie uns Christen
von heute in unserem täglichen Leben? Sie erinnern uns daran, daß wir unseren
Glauben bis auf den Grund leben müssen, und zwar nicht nur in unserem
persönlichen Privatleben, sondern auch durch unser verantwortungsvolles Wirken
in der Gesellschaft, bei dem wir die Pflicht haben, jene Werte nachhaltig zu
fördern und zu schützen, die an der Wurzel eines auf Gerechtigkeit gründenden
Zusammenlebens liegen, wie das Leben, die Familie und das unverzichtbare Recht
der Eltern auf die Erziehung ihrer Kinder. [Der Kardinal wechselte daraufhin
wieder zum Italienischen:]
4. Wenn die Märtyrer arme und demütige Menschen sind, die ihr
Leben lang Werke der Liebe getan haben und die leiden und sterben und dabei
ihren Henkern vergeben, dann steht man vor einer Realität, die die menschliche
Sphäre übersteigt und die zwingend zu verstehen gibt, daß nur Gott die Gnade und
die Kraft zum Martyrium gewähren kann. So ist das christliche Martyrium ein
beredtes Zeichen der Gegenwart und des Wirkens Gottes in der menschlichen
Geschichte.
Der hl. Augustinus sagte: »Non vincit nisi veritas« (Nur
die Wahrheit siegt), also nicht der Mensch über den Menschen und auch nicht die
Verfolger über ihre Opfer, obgleich es mitunter so scheint. Im Falle der
christlichen Märtyrer, wie auch der heute zur Ehre der Altäre erhobenen neuen
Seligen, ist es letztlich die Wahrheit, die über den Irrtum die Oberhand behält,
denn, wie der heilige Kirchenlehrer von Hippo abschließend anmerkte, »Victoria
veritatis est caritas«: Der Sieg der Wahrheit ist die Liebe (Rede 358,11).
Liebe Brüder und Schwestern, die Welt von heute hat es nötiger
denn je, die große Lehre dieser sichtbaren Zeugen der christlichen Liebe zu
verstehen, weil allein die Liebe glaubwürdig ist.
Für uns »arme Christen«, was wir im Grunde alle sind, sind die
Märtyrer ein Ansporn, ernsthaft und ohne Abstriche nach dem Evangelium zu leben,
indem wir mutig die kleinen und großen Opfer bringen, die das christliche Leben,
wenn es treu nach den Worten und nach dem Vorbild Jesu gelebt wird,
normalerweise mit sich bringt. Die Märtyrer folgen Jesus in seinem Leiden und
Tod am glaubwürdigsten nach. Aus diesem Grund hat die Kirche in ihnen immer die
wahrhaftigsten Jünger Jesu gesehen, die Erinnerung an sie hochgehalten und sie
jederzeit den Christen als nachahmenswerte Vorbilder vor Augen gestellt.
Im Lauf der Geschichte, die für die Kirche sehr oft dunkel ist,
sind die Märtyrer das helle Licht, das am deutlichsten unseren Herrn Jesus
Christus widerspiegelt, auf den hin die Kirche »zwischen den Verfolgungen der
Welt und den Tröstungen Gottes auf ihrem Pilgerweg dahinschreitet« (Lumen
gentium, Nr. 8).
Anmerkung
(1) Vgl. Andrea Riccardi: Salz der Erde, Licht der Welt.
Glaubenszeugnis und Christenverfolgung im 20. Jahrhundert, Freiburg (Herder)
2002.