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PÄPSTLICHER RAT ZUR FÖRDERUNG DER EINHEIT DER CHRISTEN

BERICHT VON MSGR. JOHAN BONNY

Die Situation der altorientalischen Kirchen

 

Während des ganzen Jahres 2006 haben wir auf den Fernsehschirmen und in der Presse immer wieder Bilder aus dem Teil der Welt gesehen, in dem die altorientalischen Kirchen (bzw. orientalisch-orthodoxen Kirchen, wie sie jetzt meist bezeichnet werden) leben. Selten gab es Tage, an denen aus den verschiedenen Ländern des Nahen Ostens nicht Unruhen oder Konflikte gemeldet wurden. In der Tat, eines nach dem anderen sind Länder wie Irak, Iran, Libanon, Syrien, das Heilige Land, Äthiopien, Eritrea und Ägypten von mehr oder weniger schweren Gewalttaten erschüttert worden. Die Namen verschiedener Städte der altchristlichen Tradition, wie Kirkuk und Mossul, tauchen wieder auf unseren Landkarten auf; Grund dafür ist leider der Konflikt im Irak. Die Welt blickt auf diese gequälten Länder weiter in der Hoffnung, daß sie möglichst bald wieder eine Zukunft in Frieden und Sicherheit erreichen mögen.

Der Ökumenismus der Solidarität

Wer schenkt denn der Anwesenheit und dem Schicksal der christlichen Gemeinschaften dieser Region wirklich Aufmerksamkeit? Bei den großen Debatten über die tatsächlichen politischen, sozialen, kulturellen und religiösen Verhältnisse in diesem Teil der Welt sind es nur allzu oft die christlichen Gemeinschaften, die als erste vergessen werden, so als würden sie bereits lediglich eine belanglose Größe, ein Relikt aus einer fernen Vergangenheit darstellen. Zahlreiche Christen im Nahen Osten haben das Gefühl, in ihren Ländern gleichsam zu »Ausländern mit Aufenthaltsgenehmigung« geworden zu sein. Eine solche Situation wäre weniger schwer zu ertragen, wenn diese Länder nicht zu den ersten gehört hätten, die das Evangelium angenommen und von Christus Zeugnis abgelegt haben.

Ein Dorf, eine Bergregion oder ein Tal zu verlassen, wo ihre Vorfahren für den christlichen Glauben ihr Blut vergossen haben, ist doppelt schmerzlich. Die unaufhörliche Abwanderung einzelner Christen und christlicher Familien aus dem Nahen Osten wird darüber hinaus zu einer realen Bedrohung für die Zukunft des Christentums in dieser Region.

Die Christen im Nahen Osten haben manchmal den Eindruck, daß ihre Brüder und Schwestern, vor allem im Westen, sich kaum der Komplexität der Herausforderungen bewußt sind, mit denen sie sich konfrontiert sehen. Es handelt sich wirklich um schwerwiegende Herausforderungen: Als christliche Gemeinde innerhalb einer Gesellschaft zu leben, die in ihrer großen Mehrheit muslimisch ist; solidarisch zu bleiben mit ihren jeweiligen Mitbürgern, ohne daß es zu einer Unstimmigkeit zwischen ihnen kommt; ein friedliches Verhalten zu fördern in einer Umgebung, wo Vorfälle der Gewalt an der Tagesordnung sind; eine Gemeinde mit vielfältigen kulturellen Horizonten aufzubauen, ohne sich von der arabischen Kultur zu trennen, die zahlreichen Christen gemeinsam ist. Zusätzlich zu alldem behindern manchmal Interventionen von außen, die oft kaum Bescheid wissen über die Geschichte und Eigenart der Region, die Kontinuität bestimmter, in den lokalen Traditionen verwurzelter Modelle des Zusammenlebens.

In dieser Lage ist der Ökumenismus, im besonderen der Ökumenismus der Solidarität und des Teilens, sehr wichtig. Zahlreiche Initiativen werden vor allem vom Rat der Kirchen des Nahen und Mittleren Ostens [CEMO, MECC] unternommen, um die Zusammenarbeit zwischen den Kirchen und christlichen Gemeinschaften in den verschiedenen Bereichen des Familienlebens und des sozialen Lebens zu fördern. Bedeutende Anstrengungen werden dank der finanziellen Solidarität zahlreicher Organisationen für gegenseitige christliche Hilfe gemacht, um im Nahen Osten die ökumenischen Initiativen im Bereich der Schulen und der Gesundheitsversorgung sowie bei der Hilfe für Flüchtlinge, Obdachlose und Arbeitslose zu unterstützen.

Was die katholische Kirche betrifft, so gibt Papst Benedikt XVI. immer wieder seiner tiefen Besorgnis wegen des Nahen Ostens Ausdruck und appelliert an den guten Willen aller betroffenen Obrigkeiten und Institutionen. In seiner Ansprache an die Mitglieder des beim Heiligen Stuhl akkredidierten Diplomatischen Corps sagte der Papst am 9. Januar 2006: »Meine Gedanken wenden sich spontan dem Land zu, wo Jesus Christus, der Friedensfürst, geboren ist, der für alle Menschen Worte des Friedens und der Vergebung gehabt hat; sie gehen in den Libanon, dessen Bevölkerung auch mit Hilfe der internationalen Solidarität seine historische Berufung zur aufrichtigen und fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen den Gemeinschaften verschiedenen Glaubens wiederfinden muß; sie richten sich auf den ganzen Nahen Osten, besonders auf den Irak, Wiege großer Kulturen, der in diesen Jahren tagtäglich von blutigen Terrorakten überschattet wird.« Diese Worte wiederholte und vertiefte Benedikt XVI. dann in seiner Botschaft vom 25. Dezember 2006 an die Katholiken im Nahen Osten sowie in seiner Ansprache am 8. Januar 2007 an die Mitglieder des beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Korps. Seine Worte sind von allen christlichen Gemeinschaften im Nahen Osten aufmerksam gehört und gewürdigt worden.

Dialog mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen

Die Gemischte Internationale Kommission für den Theologischen Dialog zwischen der katholischen Kirche und den orientalisch-orthodoxen Kirchen hat ihre dritte Versammlung vom 26. bis 30. Januar 2006 abgehalten. Die Versammlung fand auf Einladung des obersten Patriarchen und Katholikos aller Armenier, Seiner Heiligkeit Karekin II., in Armenien, am Sitz des Katholikats von Edschmiadzin, statt. Am Sonntag, den 29. Januar, wohnten die Mitglieder der Gemischten Kommission einer Feier der Göttlichen Liturgie bei, der der Katholikos Karekin vorstand. Die Delegationen hatten anläßlich der Versammlung auch Gelegenheit zur Verehrung der Reliquien des hl. Gregor des Erleuchters, des Gründers der armenischen Kirche; die Reliquien waren am 10. November 2000 von Papst Johannes Paul II. im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes in der vatikanischen Basilika an den Katholikos Karekin II. übergeben worden.

Die Versammlung der Kommission fand unter dem Vorsitz von Kardinal Walter Kasper und Metropolit Anba Bishoy von der koptisch-orthodoxen Kirche statt. Die beiden katholischen und orthodoxen Delegationen umfassen je 14 Mitglieder. Die orthodoxe Delegation setzt sich aus den Vertretern von sieben Ortskirchen zusammen, die zusammen die »Familie« der orientalisch- orthodoxen (oder altorientalischen) Kirchen bilden: die koptisch-orthodoxe Kirche, die syrisch-orthodoxe Kirche, die armenisch-apostolische Kirche (mit den beiden Katholikaten von Edschmiadzin und Kilikien), die orthodoxe Kirche von Äthiopien, die orthodoxe Kirche von Eritrea und die syrisch-orthodoxe Kirche von Malankar. Die katholische Delegation umfaßt Vertreter der lateinischen Tradition und verschiedener Traditionen katholischer Ostkirchen (unter anderem der koptisch-katholischen, der syrisch-katholischen, der armenisch-katholischen, der maronitischen, der syrisch-malabarischen und der äthiopischen Kirche).

Diese Kommission hat sich seit ihrer Gründung im Jahr 2003 auf die Untersuchung von Fragen konzentriert, welche die Ekklesiologie, besonders die Gemeinschaftsstrukturen, und die Ausübung des apostolischen Amtes in der Kirche betreffen. Auf dem Programm der Versammlung von Edschmiadzin standen drei Studien- und Dialogthemen: an erster Stelle die Bischöfe in der apostolischen Sukzession; sodann die Beziehung zwischen dem Primat und der Synodalität/Kollegialität in der Ausübung des apostolischen Amtes; und schließlich die Bedeutung und das Funktionieren der Synoden auf der lokalen und universalen Ebene der Kirche. Was diese drei Themen betrifft, so teilen die katholische Kirche und die orientalisch-orthodoxen Kirchen weithin dieselbe Lehre und dieselbe Praxis. Trotz ihrer Unterschiede haben sie nämlich einen Großteil des ekklesiologischen Erbes aus den Anfangszeiten der Kirche und den Jahrhunderten vor dem Bruch der Gemeinschaft zwischen ihnen noch gemeinsam. Der Dialog hat ermöglicht, diese übereinstimmenden Elemente und ihre Bedeutung für die Wiederherstellung der Gemeinschaft besser zu definieren.

Gleichwohl verlangen gewisse Unterschiede im Bereich der Lehre und der ekklesiologischen Praxis, wie sie im Laufe der Jahrhunderte der Trennung zutage getreten sind, noch weitere Klärungen. Diese Fragen hängen mit bestimmten Unterschieden zusammen, die nicht nur zwischen der katholischen Tradition und den orthodoxen Traditionen bestehen, sondern ebenso zwischen bestimmten orientalischen Traditionen untereinander. Die Familie der orientalischorthodoxen Kirchen hat nämlich verschiedene historische Traditionen geerbt, die noch darauf warten, miteinander versöhnt zu werden. Die Gesamtheit dieser Arbeit steht auf dem Programm der nächsten Versammlungen der Kommission für den Dialog.

Die Kirchen der syrischen Tradition

Die Einheit der Christen muß überall wiederhergestellt werden, wo Risse im Gefüge der ungeteilten Kirche vorhanden sind. Was nun den christlichen Osten betrifft, so hat es diesen Riß nicht nur zwischen den Kirchen verschiedener apostolischer Traditionen gegeben, sondern ebenso innerhalb dieser Kirchen. Das beredteste Beispiel lieferte das Patriarchat von Antiochia, aus dem verschiedene Kirchen griechischer und syrischer, katholischer und orthodoxer Traditionen hervorgegangen sind, Kirchen, die trotz ihrer tiefen Verwandtschaft noch immer getrennt sind. Wie kann man das beheben? Unter anderem durch Begegnungen und Austausch, wo man sich in besonderer Weise dem Studium einer Tradition in ihrer Gesamtheit widmet.

Im Jahr 2006 wurden verschiedene ökumenische Tagungen in der Absicht veranstaltet, Experten und Vertreter der syrischen Tradition zusammenzubringen. Einige dieser Tagungen waren dem Leben und Werk des hl. Ephräm des Syrers gewidmet – anläßlich der 1700. Wiederkehr des Geburtstages des Dichters (306–2006). Vom 11. bis 14. Mai 2006 hat zum Beispiel das »Orientalische Studien- und Forschungszentrum für das syrische Erbe« (Libanon) in Zusammenarbeit mit dem Rat der Kirchen in Aleppo (Syrien) eine internationale Tagung über das Thema »Der hl. Ephräm der Syrer, ein Dichter für unsere Zeit« veranstaltet. Vom 8. bis 16. September 2006 hat das »Ökumenische Forschungszentrum Saint Ephrém« [SEERI] in Kottayam (Kerala, Indien) ein internationales ökumenisches Kolloquium über die syrische Tradition abgehalten, das gleichfalls dem Leben und Werk des hl. Ephräm gewidmet war. Die Stiftung »Pro Oriente« (Wien), die sich seit vielen Jahren der ökumenischen Erforschung der syrischen Tradition widmet, hat beschlossen, diesem Engagement durch die Planung einer neuen Reihe von Kolloquien auf akademischer Ebene über die syrische Tradition, den sogenannten »Colloquia Syriaca«, neuen Auftrieb zu geben.

Diese Tagungen und Kolloquien nehmen in der ökumenischen Bewegung insgesamt einen wichtigen Platz ein. Ohne sich an die Stelle des offiziellen Dialogs zu setzen, ermöglichen sie den Kirchen derselben Tradition, ihre gemeinsamen Wurzeln zu vertiefen und ihre verwandtschaftliche Nähe zu stärken. Sie helfen außerdem, bestimmte, manchmal recht einseitige Auslegungen zu überwinden, die diese Kirchen von ihrer Geschichte und ihrem Erbe vorgenommen haben. Schließlich tragen diese Tagungen und Kolloquien dazu bei, daß sich die ganze Kirche manche christliche Traditionen zunutze macht, die allzu leicht in Vergessenheit geraten, wie es gerade bei der syrischen Tradition der Fall ist.

Der für die »Gebetswoche für die Einheit der Christen« 2007 gewählte Bibeltext ist dem Evangelium des hl. Markus entnommen (7,31–37). Der Abschnitt beginnt mit der Beschreibung eines Weges durch die Länder des Nahen Ostens: »Jesus verließ das Gebiet von Tyrus wieder und kam über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Gebiet der Dekapolis« (Mk 7,31). Dieser geographische Hinweis klingt zu Beginn der Gebetswoche wie eine Aufforderung, uns unseren Brüdern und Schwestern in Christus, die verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften angehören und das Land bewohnen, wo die Heilsgeschichte ihren Anfang genommen hat, nahe zu fühlen.

    

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