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PÄPSTLICHER RAT ZUR FÖRDERUNG DER EINHEIT DER CHRISTEN

BETRACHTUNGEN VON MSGR. JOHAN BONNY*

Bericht über die Situation der Gemeinden
in
konfliktreichen Ländern

Die Präsenz von Christen im Nahen Osten
ist abhängig vom D
ialog zwischen den Kirchen

Die Erzählung von der Geburt Jesu schließt mit zwei unerwarteten Reisen. Zunächst sind da die drei Magier, die, »weil ihnen im Traum geboten wurde, nicht zu Herodes zurückzukehren, auf einem anderen Weg heim in ihr Land zogen« (Mt 2,12). Gleich anschließend wird die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten erzählt, als der Engel dem Josef im Traum erschien und zu ihm sagte: »Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage« (Mt 2,13). Diese beiden Kursänderungen sind die Folge einer von Herodes gegen Jesus in Gang gesetzten Gewaltaktion. Viele Christen im Nahen Osten erkennen sich in dieser bedrohlichen Atmosphäre der Unsicherheit rund um die Geburt des Messias nur allzu gut wieder. Die von der Heiligen Familie erlebte Situation gleicht heute jener vieler christlicher Familien in der Region, die, um ihren Kindern eine Zukunft zu sichern, keine andere Alternative sehen, als die Koffer zu packen und an sicherere Orte zu ziehen.

Christliche Solidarität

In der Weihnachtszeit haben viele Massenmedien über die Christen, die im Heiligen Land und in den Ländern des Nahen Ostens leben, Bilder verbreitet und Artikel veröffentlicht. Von seiten verschiedener nationaler und internationaler Autoritäten gab es Appelle zu Verhandlungen über Friedenslösungen. In seiner Ansprache an die Mitglieder des beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Korps vom 7. Januar 2008 hat Benedikt XVI. die Sorge der katholischen Kirche um den Nahen Osten ausgesprochen und alle Obrigkeiten aufgefordert für das gemeinsame Wohl der Menschheitsfamilie zusammenzuarbeiten.

Es liegt auf der Hand, daß die großen Herausforderungen des Nahen Ostens das Miteinander der Kirchen und der kirchlichen Gemeinschaften in der Region betreffen. Die Christen im Nahen Osten sind sich heute mehr denn je dessen bewußt, daß sie im selben Boot sitzen, im Guten wie im Bösen. Mit Beunruhigung beobachten sie die Entwicklung so mancher gefährlicher Situationen und mit ebenso großer Hoffnung verfolgen sie ermutigende Ereignisse.

Der Ökumenismus im Nahen Osten vollzieht sich vor allem in diesem Zusammengehen kollektiver Empfindungen, im instabilen Gleichgewicht zwischen Angst und Hoffnung, zwischen Ungewißheit und Vertrauen. Was die Christen der Region jenseits aller konfessionellen Unterschiede eint, betrifft das Wesentliche ihres Lebens als christliche Gemeinden: der Wunsch, die reiche Vielfalt der von ihren Vorfahren ererbten christlichen Traditionen an die jungen Generationen weiterzugeben; das Bemühen der Eltern, ihren Kindern eine christliche Erziehung zu bieten; die Sorge der Hirten der Kirche um die Sicherheit der Gläubigen und die Solidarität unter ihnen; der Widerstand gegen jede Art von Fundamentalismus und Extremismus; die Weigerung, sich mit Waffengewalt vor der Bedrohung zu schützen; der Wunsch, in Frieden und im Dialog mit den Mitbürgern zu leben, die anderen Religionen angehören; die Öffnung für einen Kulturaustausch, der über sprachliche und nationale Grenzen hinausgeht. Diese Gesamtheit von Haltungen und Gefühlen ist ganz und gar gruppenübergreifend und allen christlichen Gemeinschaften der Region eigen. Diese menschliche und geistliche Verwandtschaft zwischen den Christen jenseits ihrer Zugehörigkeit zu verschiedenen Gemeinschaften überrascht den Besucher der Region. Es wäre für alle Bewohner des Nahen Ostens schlimm, wenn dieser gemeinsame Schatz christlichen Lebens von der Last tragischer Erschütterungen erdrückt würde.

Der Dialog

Die »Gemischte Kommission für den theologischen Dialog zwischen der katholischen Kirche und den orientalisch-orthodoxen Kirchen« hat 2007 ihre Tätigkeit regulär fortgesetzt. Die im Jahr 2003 eingerichtete Kommission tritt einmal im Jahr unter dem gemeinsamen Vorsitz von Kardinal Walter Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, und Metropolit Anba Bishoy von der koptisch-orthodoxen Kirche zusammen. Sieben orientalischorthodoxe Kirchen nehmen an diesem Dialog teil: die koptisch-orthodoxe Kirche, die syrisch-orthodoxe Kirche, das Katholikat von Kilikien der armenisch- apostolischen Kirche, die orthodoxe Kirche von Äthiopien, die syrisch-orthodoxe Kirche von Malankar und die orthodoxe Kirche von Eritrea. Die letzte Versammlung hat vom 28. Januar bis 3. Februar 2007 in Rom stattgefunden. Am 1. Februar wurden die Mitglieder der Kommission von Benedikt XVI. in Audienz empfangen. Dem Gesamtplan entsprechend standen drei Themen auf der Tagesordnung: die Sendung der Kirche, das Heil der Ungetauften und die Ehe zwischen Christen und Muslimen.

Zwischen der katholischen Kirche und den orientalisch-orthodoxen Kirchen besteht volle Übereinstimmung über den Missionsauftrag, den die Kirche von Christus empfangen hat, nämlich das Evangelium allen Völkern zu verkündigen und sie zu taufen im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Im Laufe der Jahrhunderte ist diese Sendung von den Ortskirchen im Osten und im Westen mit tiefer Hingabe und oft um den Preis großer Opfer vorangetrieben worden. Einige Kirchen konnten ihre Missionstätigkeit in der ganzen Welt frei durchführen, während andere, vor allem im Orient, wegen politischer und religiöser Umwälzungen in der Region nicht dieselbe Freiheit genossen. Für viele Christen sowohl im Osten wie im Westen ist der Weg der Mission in der Tat ein vom Martyrium mit Blut getränkter Kreuzweg gewesen. Die Glaubensverkündigung durch das Zeugnis des Martyriums gehört zum geistlichen Erbe aller christlichen Traditionen.

Die beiden Delegationen haben nachdrücklich betont, wie wichtig es für die katholischen und die orientalisch-orthodoxen Gemeinden ist, in der Verkündigung des Evangeliums stärker zusammenzuarbeiten, wobei aber jegliche Form von missionarischer Konkurrenz oder Proselytismus vermieden werden muß.

Die Frage des Heils für die Ungetauften hängt eng mit dem Thema Evangelisierung und Heilsnotwendigkeit der Taufe zusammen. Was können wir, wenn wir durch die Taufe als sakramentaler Teilhabe am Tod und an der Auferstehung des Herrn Jesus zum Heil gelangen, über das Heil der Männer und Frauen sagen, die aus dem einen oder anderen Grund dem Evangelium und der Taufe ferngeblieben sind? Diese Frage stellt sich besonders in den Ländern und Regionen, wo großenteils die Gläubigen der orientalisch-orthodoxen Kirchen leben, oder auch in Gesellschaften mit nicht-christlicher, vor allem muslimischer Bevölkerungsmehrheit. Die katholische Kirche hat diesbezüglich im Laufe der Zeiten eine komplexe Lehre entwickelt, die in verschiedenen Graden und unter ganz bestimmten Voraussetzungen eine gewisse Heilsöffnung der Ungetauften zuläßt (vgl. Lumen gentium, 16). Natürlich wird diese Lehre je nach dem Umfeld unterschiedlich wahrgenommen. In einigen orientalischen Kirchen ruft sie sogar tiefgehende Kritik hervor. Um das Risiko etwaiger Konversionen zu nichtchristlichen Religionen zu vermeiden, sehen sich heute viele eher gezwungen, die Notwendigkeit des christlichen Glaubens und der christlichen Taufe nachdrücklich zu verteidigen, als dazu veranlaßt, die Frage des Heils der Ungetauften zu vertiefen. Die beiden Delegationen sind sich durchaus bewußt, damit kein rein theoretisches Thema angesprochen zu haben, sondern eine Problematik, die in vielen Regionen große pastorale Aktualität besitzt.

In denselben Zusammenhang gehörte auch das dritte Thema der Beratungen: Ehen zwischen Christen und Muslimen. Eheschließungen zwischen Christen und Ungetauften finden in allen Gesellschaften statt, in denen Angehörige verschiedener Weltreligionen zusammenleben. Die katholische Kirche akzeptiert unter bestimmten Bedingungen, daß ein Katholik/eine Katholikin eine ungetaufte Partnerin/einen ungetauften Partner heiratet, ohne allerdings eine solche Eheschließung als eine sakramentale Ehe zu feiern oder anzuerkennen. Einige orientalisch-orthodoxe Kirchen verfolgen dieselbe Richtlinie, andere lehnen jede Ehe mit einem ungetauften Partner ab. Wie bei der vorhergehenden Frage hängt natürlich auch hier viel vom sozialen und religiösen Kontext ab. Einige katholische Ostkirchen und auch orthodoxe Kirchen sehen sich aufgrund der Gesellschaft, in der sie leben, dazu gezwungen, die Ehen zwischen getauften Christen mit größerer Entschlossenheit zu unterstützen. Übereinstimmung herrscht bei den beiden Delegationen darüber, daß sowohl im Osten wie im Westen die sakramentale Ehe zwischen getauften Christen nachdrücklich gefördert werden soll.

Die nächste Tagung der Internationalen Gemischten Kommission findet vom 28. Januar bis 2. Februar 2008 auf Einladung des Patriarchen der syrisch-orthodoxen Kirche, Zakka I. Iwas, im Kloster des hl. Ephräm in Maarat Saydnaya nahe von Damaskus (Syrien) statt. Zwei Themen werden auf der Tagesordnung dieser Begegnung stehen: der Entwurf eines gemeinsamen Dokuments über Wesen, Sendung und Verfassung der Kirche und die Frage nach dem Weg und dem Ziel unseres ökumenischen Dialogs, vorgetragen in zwei Beiträgen, einem katholischen und einem orthodoxen.

Rat der Kirchen

Der Rat der Kirchen des Nahen und Mittleren Ostens ist einer der wichtigsten Förderer des Ökumenismus in der Region. Dieser Rat setzt sich aus Vertretern aller Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zusammen, die in vier Familien untergliedert werden können: die orthodoxe, die orientalisch-orthodoxe, die protestantische und die katholische. Die letzte Generalversammlung des Rates hat vom 26. bis 30. November 2007 in Zypern stattgefunden. Die Diskussionen waren stark von den damaligen Entwicklungen im Nahen Osten beeinflußt: der Konferenz von Annapolis, den Auseinandersetzungen im Libanon im Hinblick auf die bevorstehende Präsidentschaftswahl, den Beziehungen zwischen den verschiedenen religiösen Gruppen im Irak und vor allem dem Problem der Vertriebenen und Flüchtlinge in der Region, unter denen sich viele christliche Familien befinden. Dank der Bereitstellung finanzieller Mittel seitens zahlreicher christlicher Einrichtungen für humanitäre Hilfe und Solidarität unterstützt der Rat der Kirchen im Nahen Osten viele Initiativen im Bereich der Bildung, der sozialen Hilfeleistung und der Gesundheitsfürsorge. Der Rat setzt sich auch für die Förderung des interreligiösen Dialogs, der Gerechtigkeit, des Friedens und der Menschenrechte im Nahen und Mittleren Osten ein.

Bei der Tagung stand die Frage, wie die Präsenz der Christen im Nahen Osten gefestigt und ihre Zukunft garantiert werden könne, im Mittelpunkt der Diskussionen. Die ständig zunehmende Abwanderung in den Westen stellt eine große Herausforderung und ein ernstes Problem für alle Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften der Region dar. Der Rat hinterfragte auch seine eigenen Verwaltungsstrukturen auf ihre Wirksamkeit und schloß die Notwendigkeit organisatorischer Veränderungen nicht aus. Am Ende der Tagung haben die Teilnehmer die vier neuen Ko-Präsidenten des Rates gewählt: Katholikos Aram I., Patriarch Theophilos III. von Jerusalem, Dr. Safwat El Bayadi und – als Vorsitzenden der katholischen Gruppe – Erzbischof Paul Youssef Matar. Alle gaben der Hoffnung Ausdruck, daß der Rat seine Rolle als Förderer der Einheit der Christen in der Region weiter wahrnehmen könne.

Die assyrische Kirche des Ostens

Am 21. Juni 2007 hat Benedikt XVI. den Katholikos- Patriarchen der assyrischen Kirche des Ostens, Mar Dinkha IV., in Audienz empfangen. Nach der Veröffentlichung einer gemeinsamen christologischen Erklärung im Jahr 1994 haben die katholische Kirche und die assyrische Kirche einen engagierten bilateralen theologischen Dialog aufgenommen.

Beide, der Papst wie der Patriarch, haben in ihren Gesprächen auf die ermutigenden Ergebnisse des Dialogs und auf die Notwendigkeit seiner Fortsetzung hingewiesen. Außerdem sprachen sie die schwerwiegenden Probleme an, denen die Christen im Irak, dem Geburtsland des Großteils der assyrischen Gläubigen, ausgesetzt sind, und betonten die Dringlichkeit, energisch einzugreifen, um ihre Sicherheit und ihre Zukunft zu gewährleisten. In seiner Ansprache an den Patriarchen hat Benedikt XVI. seine Solidarität mit den Hirten und den Gläubigen jener christlichen Gemeinschaften zum Ausdruck gebracht, die oft zum Preis heroischer Opfer im Land ausharren. Er hat für die Gläubigen, Katholiken und Assyrer, auch die Notwendigkeit betont, Wege der Zusammenarbeit in dieser bedrängten Region zu finden. Während seines Aufenthalts in Rom konnte Patriarch Mar Dinkha IV. auch mit Patriarch Kardinal Mar Emmanuel Delly von der chaldäischen Kirche zusammentreffen. Bei dieser Begegnung konnten sie die Hauptprobleme erörtern, vor denen die assyrischen und chaldäischen Gemeinden sowohl im Nahen Osten wie auch im Westen stehen.

Im Nahen und Mittleren Osten ist der Ökumenismus keine Frage rein theoretischer Spekulation. Dort wird noch mehr als in den anderen Gegenden der Welt die Zukunft des Christentums von der Wiederannäherung und vom Zusammenwirken der christlichen Gemeinden untereinander abhängen. Bei diesem Bemühen haben die Kirchen des Nahen und Mittleren Ostens ein Recht auf die Unterstützung und Hilfe aller anderen Kirchen.

* Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen

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