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PÄPSTLICHER RAT ZUR FÖRDERUNG DER EINHEIT DER CHRISTEN

BERICHT VON MSGR. JOHAN BONNY

Beziehungen zu den altorientalischen Kirchen

 

 

Wir haben vor kurzem die Geburt unseres Herrn Jesus Christus gefeiert, die sich »in Betlehem in Judäa« ereignet hat (Mt 2,1). Der geographische Raum des Berichtes von der Kindheit Jesu reicht aber weit über das kleine Dorf Betlehem hinaus. Denn unmittelbar nach der Geburt Jesu kamen »Sterndeuter aus dem Osten« (Mt 2,1), um ihn zu sehen und anzubeten, und sie brachten ihm ihre Geschenke. Und da sich das Kind in Gefahr befand, »stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten« (Mt 2,14). Betlehem: das kleine Dorf auf halbem Weg zwischen dem Mesopotamien der Magier auf der Suche nach dem Messias und dem Ägypten der Heiligen Familie auf der Flucht vor Herodes. Das ist der geographische Raum der altorientalischen oder orientalisch-orthodoxen Kirchen, der sich noch heute von den Tälern des Euphrat und Tigris bis zu den Ufern des Nils erstreckt. Wie sah im Jahr 2004 die ökumenische Arbeit in bezug auf die Kirchen aus, die im »Geburtsland« des Christentums beheimatet sind oder aus deren missionarischem Wirken hervorgegangen sind?

1. Die orientalisch-orthodoxen Kirchen

Vom 26. bis 31. Januar 2004 hat in Kairo die erste Vollversammlung der neuen »Internationalen Gemeinsamen Kommission für den theologischen Dialog zwischen der katholischen Kirche und den orientalisch-orthodoxen Kirchen« stattgefunden. Diese Kommission hat offiziellen Charakter. Gegründet wurde sie im Januar 2003 auf gemeinsame Initiative des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen und der Obrigkeiten der orientalisch-orthodoxen Kirchen (zu diesen gehören: die koptisch-orthodoxe Kirche, die syrisch-orthodoxe Kirche, die armenischapostolische Kirche, vertreten durch die beiden Katholikate von Etschmiadzin und Antelias, die äthiopisch-orthodoxe Kirche, die orthodoxe Kirche von Eritrea, die malankarische syrisch-orthodoxe Kirche von Indien). Die Kommission soll einmal im Jahr zusammentreten. Die Delegation der orientalisch-orthodoxen Kirchen zählt 14 Mitglieder, zwei für jede der sieben altorientalischen Kirchen, und ebensoviele Mitglieder hat die katholische Delegation, der Bischöfe und Theologen des lateinischen und des orientalischen Ritus angehören. Die Kairoer Tagung stand unter dem gemeinsamen Vorsitz von Kardinal Walter Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, und Metropolit Amba Bishoy, Sekretär des Heiligen Synods der koptisch-orthodoxen Kirche. Diese erste Versammlung hatte ein zweifaches Ziel: Zunächst sollte Bilanz gezogen werden über die Ergebnisse der vorangegangenen theologischen Dialoge und offiziellen Begegnungen zwischen der katholischen Kirche und einigen orientalisch-orthodoxen Kirchen, sodann sollte eine genauere und möglichst vollständige Planung des Dialogs für die kommenden Tagungen erstellt werden.

Die Einheit der Kirche muß, um vollständig zu sein, auf drei Ebenen verwirklicht werden: die Einheit im Glauben, die Einheit in der Feier der Sakramente und die Einheit im apostolischen Amt. In diesen drei Bereichen hat es seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zwischen der katholischen Kirche und einigen orientalisch-orthodoxen Kirchen, wenn auch in unterschiedlichem Maße, echte Fortschritte gegeben. Die Dialogrunde verfügt bereits über eine eindrucksvolle Reihe von Studien, Übereinstimmungen und auch offiziellen Vereinbarungen – das ist die Frucht von fast 40 Jahren ökumenischen Forschungen und Gesprächen.

Auf dem Gebiet der Glaubenslehre haben die Päpste Paul VI. und Johannes Paul II. mit den Patriarchen oder Oberhäuptern fast aller orientalisch- orthodoxen Kirchen christologische Erklärungen unterzeichnen können (1). Diese Erklärungen haben zwar nicht alle zwischen der katholischen Kirche und den orientalisch-orthodoxen Kirchen diskutierten theologischen Fragen lösen können; sie vermochten aber wenigstens der zwischen ihnen bestehenden ältesten und tiefgreifendsten theologischen Streitfrage ein Ende zu setzen, bei der es um das Verständnis des Geheimnisses Christi ging, der wahrer Sohn Gottes und wahrer Menschensohn ist. Die Tagung von Kairo hat etwaige formale wie auch inhaltliche Verbesserungen, die an diesen Erklärungen vorgenommen werden könnten, zur Kenntnis genommen. Mit Rücksicht auf den offiziellen und endgültigen Charakter dieser Dokumente hat es die Kommission jedoch vorgezogen, sich vorrangig mit dem Studium anderer Themen zu befassen, die die Sakramententheologie und die Ekklesiologie betreffen.

Auf dem Gebiet der Sakramente hat der theologische Dialog mit einigen orientalisch-orthodoxen Kirchen gleichfalls zu bedeutenden Ergebnissen geführt. Auch wenn noch viele theologische Fragen vertieft angegangen werden müssen, streben die katholische Kirche und die orientalisch-orthodoxen Kirchen jetzt eine gegenseitige Anerkennung der Sakramente an, so wie sie in ihren verschiedenen Traditionen gefeiert werden. Übrigens hatte ursprünglich die Trennung zwischen der katholischen Kirche und den orientalisch- orthodoxen Kirchen praktisch nichts mit den Fragen bezüglich der Feier der Sakramente zu tun. Außerdem hat der ökumenische Dialog den zuständigen Obrigkeiten der katholischen Kirche und einiger orientalisch-orthodoxer Kirchen bereits erlaubt, pastorale Vereinbarungen zu unterzeichnen, die die Feier der Sakramente betreffen; diese Vereinbarungen ermöglichen den Gläubigen, sich an einen Amtsträger der anderen Kirche zu wenden, um das Sakrament der Taufe, der Beichte oder der Krankensalbung zu empfangen, wenn es ihnen nicht möglich ist, sich an einen geweihten Amtsträger ihrer eigenen Kirche zu wenden (2).

Was die Ekklesiologie betrifft, so konnten verschiedene Dialoge zwischen der katholischen Kirche und einigen orientalisch-orthodoxen Kirchen wichtige Perspektiven eröffnen (3). Besonders die vom Zweiten Vatikanischen Konzil aufgezeigte Lehre von der Kirche als Gemeinschaft hat ein neues Nachdenken über die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und den orientalisch- orthodoxen Kirchen, über ihre gegenseitige Anerkennung als Schwesterkirchen, über die tatsächliche, wenngleich unvollständige Gemeinschaft, die sie bereits verbindet, über ihren Weg zur vollständigen Einheit möglich gemacht. Angesichts der Bedeutung, die der Lehre von der Kirche als Gemeinschaft für die Fortsetzung des ökumenischen Dialogs zukommt, hat die Kairoer Versammlung beschlossen, diesem Thema in Untersuchung und Dialog Vorrang zu geben.

Die nächste Vollversammlung der »Internationalen Gemeinsamen Kommission für den theologischen Dialog zwischen der katholischen Kirche und den orientalisch-orthodoxen Kirchen« wird vom 26. bis 29. Januar 2005 in Rom stattfinden. Sie wird ganz dem Thema »Die Kirche als Gemeinschaft « gewidmet sein, das unter biblischen, theologischen und kirchenrechtlichen Gesichtspunkten behandelt werden soll. Wie kann man sich die volle Gemeinschaft zwischen der katholischen Kirche und den orientalisch-orthodoxen Kirchen im Rahmen einer Lehre von der Kirche als Gemeinschaft vorstellen?

2. Die malankarischen Kirchen in Kerala

Die beiden Dialoge mit den malankarischen Kirchen haben ihre Arbeit fortgesetzt. Zunächst ist die »Gemeinsame Kommission für den Dialog zwischen der katholischen Kirche und der syrisch- orthodoxen Kirche von Malankar« am 11. Oktober 2004 in Kottayam (Kerala) zusammengetreten. Bei dieser Tagung galt das Hauptaugenmerk vor allem der Frage von der Kirche als Gemeinschaft; zu diesem Thema wurden zwei Referate, ein orthodoxes und ein katholisches, vorgetragen und diskutiert. Danach hat sich die »Gemeinsame Kommission für den Dialog zwischen der katholischen Kirche und der ostsyrischen Kirche von Malankar« am 13. und 14. Oktober 2004 gleichfalls in Kottayam versammelt; bei dieser Tagung wurden zwei Themen behandelt: die liturgische Tradition der Christen von Kerala bis zum 19. Jahrhundert und die Ausübung des Petrusamtes in den ersten vier Jahrhunderten.

Als »gemeinsames Zeugnis« im Bereich der christlichen Gemeinschaften von Kerala konnten die beiden gemischten Kommissionen auch einige pastorale Initiativen in die Wege leiten. Zu diesen ökumenischen Initiativen gehören ein Tag des Austausches und Gebetes für die Ordensleute, ein Einkehrtag für die Familien und eine Wallfahrt zum Grab des heiligen Apostels Thomas, der als Gründer der Kirche in Kerala verehrt wird.

Das Petrusamt bildete auch das zentrale Thema der siebten Konsultation der »Syrischen Kommission« der Stiftung »Pro Oriente« (mit Sitz in Wien), die vom 4. bis 7. Oktober 2004 in Kunnunthanam bei Changanassery abgehalten wurde. In dieser Kommission sind alle orthodoxen und katholischen Kirchen vertreten, deren Ursprung in das alte Patriarchat von Antiochien zurückreicht. Die siebte Konsultation der Syrischen Kommission behandelte das Thema: »Der Primat in der syrischen Tradition. Historische Untersuchungen über Begriff und Ausübung des Primates in den Kirchen der syrischen Tradition bis zum 15. Jahrhundert«. Diese Konsultation beweist das ökumenische Interesse, das heute dem Thema Petrusamt besonders in akademischen Kreisen entgegengebracht wird. Sie zeigt zudem, daß die Konsultationen dazu beitragen können, von der nicht offiziellen Stufe zum offiziellen Dialog zu gelangen.

3. Die assyrische Ostkirche

Die Jahresversammlung der »Gemeinsamen Kommission für den theologischen Dialog zwischen der katholischen Kirche und der assyrischen Ostkirche« fand vom 19. bis 22. November 2004 in Chelsea (London) statt. Zwei Hauptthemen standen auf dem Programm. Zunächst ging es um die Frage der dieser Ostkirche eigentümlichen theologischen Tradition. Während der ersten Jahrhunderte hätten Autoren aus Mesopotamien auf ihre Weise in hohem Maße zur Entwicklung der christlichen Lehre und ihrer Verbreitung durch die Kirche beigetragen. Ihre historische Bedeutung wurde in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen herausgearbeitet. Die gemischte Kommission konzentrierte ihre Aufmerksamkeit darauf, wie die Ostkirche die antiken Autoren, die für die ihr eigene Tradition maßgebend sind, heute liest und versteht.

Das zweite Thema handelte von der Kirche als Gemeinschaft. Von assyrischer Seite wurde ein Dokument über die verschiedenen Gemeinschaftsmodelle vorgelegt, die in der Tradition der Ostkirche von der apostolischen Zeit bis ins 16. Jahrhundert bekannt sind. Von katholischer Seite wurden vier Dokumente über die aktuelle Lehre der katholischen Kirche zum Thema »Kirche als Gemeinschaft« vorgelegt. Die Mitglieder der gemischten Kommission konnten anhand dieser Dokumente feststellen, wie sehr sich die Traditionen der katholischen Kirche und der Ostkirche in der Ekklesiologie nahekommen. Darüber hinaus bietet die Geschichte ein hochinteressantes Bild von den Beziehungen, die im Laufe der Jahrhunderte zwischen Rom und der Kirche in Mesopotamien bestanden und gepflegt wurden. Die Untersuchung dieser Elemente des Zusammenwirkens wird bei den nächsten Tagungen der Kommission fortgesetzt werden.

Am Rande des Treffens in Chelsea haben Vertreter der chaldäischen Kirche und der assyrischen Ostkirche – das heißt also der beiden Teilkirchen – von denen die eine katholisch, die andere orthodox ist –, die ihren Ursprung in der alten Kirche von Mesopotamien haben – beschlossen, alles Erforderliche zu unternehmen, um die Arbeit der »Gemischten Kommission für die Einheit zwischen der chaldäischen Kirche und der assyrischen Ostkirche« wiederzubeleben. Auftrag und Programm dieser Kommission waren in einem 1997 von den Patriarchen der beiden Teilkirchen unterzeichneten Protokoll enthalten. Durch die Wiederaufnahme der Tätigkeit dieser Kommission sollte eine bessere Aufnahme der Ergebnisse des internationalen Dialogs im Bereich der Ortsgemeinden sichergestellt werden.

Das Land, in dem sich die Geburt Jesu und die Entstehung des Christentums ereignet haben und das sich von den Tälern des Euphrat und Tigris bis zu den Ufern des Nils erstreckt, wird von zahlreichen christlichen Gemeinschaften bewohnt. Um den Preis wie vieler Opfer und Schmerzen versuchen diese Christen, dem Glauben ihrer Taufe treu zu bleiben? Mit wie vielen Spaltungsfaktoren müssen sie sich Tag für Tag auseinandersetzen, um die Einheit des Leibes Christi zu bewahren? In dieser Gebetswoche für die Einheit der Christen vertrauen wir dem Herrn die Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften des Ostens und ihren Weg zur vollen Gemeinschaft an.


1) Vgl. die Gemeinsamen Erklärungen, unterzeichnet von Papst Paul VI. und Papst Shenouda III. (von der koptisch-orthodoxen Kirche) am 10. Mai 1973; von Papst Paul VI. und Patriarch Ignatius Jacoub III. (von der syrisch-orthodoxen Kirche) am 27. Oktober 1971; von Papst Johannes Paul II. und Patriarch Zakka I. Iwas (von der syrisch-orthodoxen Kirche) am 23. Juni 1984; von Papst Johannes Paul II. und Katholikos Karekin I. (vom armenischen Katholikat von Etschmiadzin) am 13. Dezember 1996; von Papst Johannes Paul II. und Katholikos Aram I. (vom armenischen Katholikat in Kilikien) am 25. Januar 1997.

2) Vgl. die von Papst Johannes Paul II. und Patriarch Zakka I. Iwas (von der syrisch-orthodoxen Kirche) am 23. Juni 1984 unterzeichnete Gemeinsame Erklärung; vgl. auch die von Papst Johannes Paul II. und Patriarch Zakka I. Iwas am 25. Januar 1994 angenommene Gemeinsame Vereinbarung über die Mischehen.

3) Vgl. Principes pour guider la recherche de l’unité entre l’Eglise catholique et l’Eglise copte orthodoxe et Protocole annexé aux Principes« [Grundsätze für die Leitung der Suche nach der Einheit zwischen der katholischen Kirche und der koptisch-orthodoxen Kirche und Protokoll im Anhang an die Grundsätze], von den Mitgliedern der »Internationalen Gemischten Kommission für den Dialog zwischen der katholischen Kirche und der koptisch-orthodoxen Kirche« mit Datum vom 23. Juni 1979 erstelltes und von Papst Johannes Paul II. und Papst Shenouda III. approbiertes Dokument.

        

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