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PÄPSTLICHER RAT ZUR FÖRDERUNG DER
EINHEIT DER CHRISTEN
BERICHT VON MSGR. DONALD BOLEN
Beziehungen zwischen Katholiken
und Anglikanern
In den vergangenen Jahren – seit Abschluß des Zweiten
Vatikanischen Konzils bis in unsere Zeit – haben sich die Beziehungen zwischen
der katholischen Kirche und der Anglikanischen Gemeinschaft auf den
theologischen Dialog und auf die Suche nach geeigneten Mitteln konzentriert, um
ein gemeinsames Engagement in Gebet, Zeugnis und Mission zu fördern.
Im letzten Jahr hat sich der Schwerpunkt verschoben, da sich die Anglikanische
Gemeinschaft mitten in einem wichtigen Unterscheidungs- und Klärungsprozeß
befindet, in dem sie versucht, innere Spannungen, die sie zu spalten drohen, in
den Griff zu bekommen. Die von den Anglikanern in den kommenden Monaten zu
treffenden Entscheidungen werden nicht nur den weiteren Weg für die
Anglikanische Gemeinschaft festlegen, sondern sie werden auch merkliche
Auswirkungen auf die anglikanisch-katholischen Beziehungen haben. Der
nachfolgende Überblick zeigt die wichtigsten Entwicklungen innerhalb der
Anglikanischen Gemeinschaft im vergangenen Jahr auf, wobei die Aufmerksamkeit
vor allem den Auswirkungen dieser Entwicklungen auf die Beziehungen zur
katholischen Kirche gilt; es wird dabei auf den »Windsor Report«, den
Schlüsseltext im derzeitigen anglikanischen Unterscheidungsprozeß,
eingegangen; auch wird eine kurze aktualisierte Version zum vor kurzem
fertiggestellten Text der Internationalen Anglikanisch/ Römisch-katholischen
Kommission [ARCIC] über die Rolle der Gottesmutter Maria im Leben und in der
Lehre der Kirche vorgelegt.
Als im Jahr 2003 die Episkopalkirche der Vereinigten Staaten die
Weihe eines in einer homosexuellen Beziehung lebenden Bischofs bestätigte und
die kanadische anglikanische Diözese New Westminster die feierliche öffentliche
Segnung gleichgeschlechtlicher Paare genehmigte, erhob sich dagegen in vielen
Teilen der Anglikanischen Gemeinschaft eine starke Opposition. Im Oktober 2003
traten die obersten Bischöfe (Primasse) der Anglikanischen Gemeinschaft zusammen,
um die Situation zu erörtern. Sie sprachen davon, daß »ein entscheidender
kritischer Punkt im Leben der Anglikanischen Gemeinschaft« erreicht worden sei,
und merkten an, daß die jüngsten Vorgänge in Nordamerika die Zukunft der
Gemeinschaft in Gefahr brächten. Die Primasse baten den Erzbischof von
Canterbury, Dr. Rowan Williams, um die Einsetzung einer Kommission – in der
Folge »Lambeth Commission« genannt –, die innerhalb eines Jahres
praktische Empfehlungen dafür ausarbeiten sollte, wie mit den die Einheit
gefährdenden Problemen umzugehen sei; auch sollte sie prüfen, wie der Erzbischof
von Canterbury aufgrund seiner Amtsautorität in anderen anglikanischen Provinzen
intervenieren könne, wenn die Einheit der Gemeinschaft bedroht ist.
Bereits Anfang Oktober 2003 hatte der Erzbischof von Canterbury
dem Heiligen Stuhl einen Besuch abgestattet. Bei einer Begegnung mit Papst
Johannes Paul II. und im Verlauf der Gespräche mit Kardinal Kasper und
Mitarbeitern des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen waren
von katholischer Seite die jüngsten Entscheidungen in Nordamerika sowohl unter
moralischem als auch unter ekklesiologischem Gesichtspunkt mit aller
Deutlichkeit zurückgewiesen worden. Nach seinem Rombesuch und
vor allem nach Einrichtung der »Lambeth Commission« drängte Erzbischof
Williams auf die Fortsetzung der in Rom begonnenen Beratungen mit dem
Päpstlichen Einheitsrat und lud Kardinal Walter Kasper ein, mit ihm gemeinsam
eine anglikanisch-katholische Unterkommission einzusetzen, die in den
anglikanischen Unterscheidungsprozeß eingebunden werden und im Lichte der
von ARCIC während der letzten 35 Jahre erarbeiteten gemeinsamen Erklärungen die
ekklesiologischen Auswirkungen der augenblicklichen Situation in der
Anglikanischen Gemeinschaft prüfen sollte.
Der Vorschlag des Erzbischofs wurde angenommen, und es wurde ad
hoc eine Unterkommission der Internationalen Anglikanisch/
Römisch-katholischen Kommission für Einheit und Sendung (IARCCUM)
eingerichtet, in der anglikanische und katholische Theologen die Arbeit von
ARCIC noch einmal sorgfältig durchgehen und nach den gemeinsam formulierten
ekklesiologischen Grundlagen suchen sollten, die der Anglikanischen Gemeinschaft
einen konstruktiven Weg nach vorn weisen könnten. Die IARCCUM-Unterkommission
trat zweimal zusammen und bereitete einen Bericht vor, der Kardinal Kasper und
dem anglikanischen Erzbischof Williams unterbreitet wurde; dieser leitete ihn
unverzüglich an die »Lambeth Commission« weiter. Der Bericht der
Unterkommission wurde im Juni 2004 veröffentlicht und kann auf der
Internet-Seite der Anglikanischen Gemeinschaft eingesehen werden.
Man muß sich vor Augen halten, daß dieser Bericht von
Anglikanern und Katholiken gemeinsam erstellt wurde; sie mußten sich sehr genau
überlegen, was sie im Hinblick auf die gegenwärtige anglikanische Situation
übereinstimmend sagen konnten. Während es als feste Regel gilt, daß sich die
katholische Kirche nicht in die internen Unterscheidungsprozesse ihrer
Dialogpartner einmischen kann, wurde auf ausdrückliches Ersuchen des
Erzbischofs von Canterbury denjenigen, die im anglikanisch-katholischen Dialog
engagiert sind, die Gelegenheit geboten, sich zu Wort zu melden und durch die im
Laufe der Jahre von ARCIC erarbeiteten Texte direkt zum anglikanischen
Unterscheidungs- und Klärungsprozeß beizutragen. Diese Geste wurde vom
Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen als ein positives
Anzeichen für die Bereitschaft der Anglikanischen Gemeinschaft gewertet, die
seit der Einrichtung von ARCIC im Jahr 1970 geleistete ökumenische Arbeit ernst
zu nehmen. Der Bericht der IARCCUM-Unterkommission unterstrich
die Wichtigkeit, das zu bewahren, was durch den theologischen Dialog erreicht
wurde. Alle von ARCIC erarbeiteten Dokumente beruhen auf einer Lehre von der
Kirche als Gemeinschaft (»koinonia«), und der Bericht verweilt
ausführlich dabei, »auf welche Art und Weise wir unser Verständnis von
Gemeinschaft und die Dynamik und Strukturen, die sie stärken und
aufrechterhalten, gemeinsam zum Ausdruck gebracht haben«.
Besondere Aufmerksamkeit gilt der Rolle des Bischofs, dessen Amt die Einheit der
Kirche stützt und zum Ausdruck bringt, und der gegenseitigen Abhängigkeit aller
Kirchen, die es nötig macht, daß der Autonomie der Ortskirchen Grenzen gesetzt
werden. Die Verfasser des Berichtes fassen ihre Ausführungen mit der
abschließenden Erklärung zusammen, daß die Entscheidungen der Episkopalkirche
der USA und der Diözese New Westminster wesentliche Aussagen der gemeinsamen
ARCIC-Dokumente in Frage stellen: zur Moral; zum Wesen der kirchlichen
Gemeinschaft; zur gegenseitigen Abhängigkeit der Kirchen; zur Rolle der Bischöfe
bei der Bewahrung der Einheit; des weiteren zum Unterscheidungsprozeß in der
Kirche und zur Rolle von Schrift und Überlieferung in ihr. Der Text schließt mit
der eindringlichen Aufforderung an die Anglikanische Gemeinschaft, sich der
aktuellen Situation zu stellen »auf Grund unseres zunehmend gemeinsamen
Verständnisses der apostolischen Tradition und mit einer großen Entschlossenheit,
die aus der tiefen Überzeugung von der entscheidenden Bedeutung der Gemeinschaft
entspringt«; damit ist das Dokument eine offensichtliche Aufforderung,
keinesfalls für eine Föderation von Lokalkirchen einzutreten, die unabhängig
voneinander fundamentale Glaubensfragen behandeln.
Der Bericht der IARCCUM-Unterkommission war eine der vielen
Sachvorlagen für die »Lambeth Commission«, die dann im Oktober 2004 die
Ergebnisse ihrer Untersuchung unter dem Titel Windsor Report
veröffentlichte, der eine Orientierung für die Zukunft der Anglikanischen
Gemeinschaft anbietet. Es handelt sich um ein komplexes Dokument, das zusammen
mit den Anhängen über 100 Seiten umfaßt und die von den Verfassern erreichte
Übereinstimmung widerspiegelt, die ihrerseits eine große Vielfalt von Regionen
und theologischen Perspektiven innerhalb der Anglikanischen Gemeinschaft
repräsentieren.
Der Windsor Report entwickelt seine Überlegungen auch auf
der Grundlage der Lehre von der Kirche als Gemeinschaft und beurteilt in diesem
Rahmen die gegenwärtige Situation in der Anglikanischen Gemeinschaft. Der
Bericht räumt offen ein, daß dem anglikanischen Modell der aufgesplitterten
Autorität »eine Schwäche innewohnt«, die durch die jüngsten Ereignisse zutage
getreten ist (Nr. 97). Während die »Lambeth Commission« nicht den Auftrag
hatte, die eigentlichen moralischen Fragen im Hinblick auf die Homosexualität
direkt zu behandeln, kritisiert der Windsor Report die Entscheidungen der
Episkopalkirche in den USA und der Diözese New Westminster mit der Feststellung,
derartige Entscheidungen seien »mit dem in der Gemeinschaft geltenden Prinzip
der gegenseitigen Abhängigkeit unvereinbar« (Nr. 122); einseitige Maßnahmen im
Zusammenhang mit strittigen Fragen könnten zum Zerbrechen der Gemeinschaft
führen und sollten vermieden werden (Nr. 51); und für Bischofsernennungen
könnten klarere Kriterien festgelegt werden (Nr. 131). Der Bericht verlangt eine
vorläufige Aussetzung von Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare und empfiehlt
dasselbe für Bischofsweihen von Kandidaten, die in gleichgeschlechtlichen
Beziehungen leben (Nr. 134,144).
Zwei der schwerwiegenderen Vorschläge des Windsor Report,
die bereits erhebliche Diskussionen ausgelöst haben, betreffen die Stärkung der
Gemeinschaftsbande im Anglikanismus. Beide zielen auf eine Einschränkung der »Autonomie«
der Diözesen und Provinzen ab, was der Text mit dem Begriff der gegenseitigen
Abhängigkeit formuliert, und unterwerfen sie damit »Grenzen, die aus den
Gemeinschaftsverpflichtungen entstehen« (Nr. 80). Zuerst schlägt
der Bericht verschiedene Möglichkeiten einer Stärkung der Rolle des Erzbischofs
von Canterbury vor, besonders das Recht, sich im Namen der Anglikanischen
Gemeinschaft mit der Situation in jeder Provinz direkt zu befassen (Nr. 109–110;
vgl. Nr. 99), und er fordert eine Aufwertung der Autorität der anglikanischen
Primasse (Nr. 104, 106, Anhang Eins). Außerdem schlägt der Windsor Report
die Schaffung eines »Anglican Covenant« (Anglikanisches Abkommen) vor,
den die anglikanischen Provinzen annehmen sollten, um »die Loyalität und die
Bande der Liebe, welche die Beziehungen zwischen den Kirchen der Gemeinschaft
kennzeichnen, offenkundig zu machen und zu festigen« (Nr. 118). Ein »möglicher
Entwurf« eines solchen Abkommens ist dem Bericht als Anhang beigelegt.
In der Anglikanischen Gemeinschaft besteht schon seit langem eine Spannung
zwischen der Autonomie der einzelnen Provinzen und der Einheit, die die
Anglikaner weltweit miteinander verbindet. Der Windsor Report
konsolidiert verschiedene Initiativen der letzten zwei Jahrzehnte, die eine
Stärkung der Einheitsbande in der Gemeinschaft vorgeschlagen haben. Darüber wird
zur Zeit in den anglikanischen Provinzen diskutiert.
Ende Februar 2005 werden die anglikanischen Primasse zusammenkommen, um den
Windsor Report zu studieren und über seine mögliche Annahme und Umsetzung zu
diskutieren. Das ist ein wichtiger Augenblick. Die Entscheidungen, die bei
diesem Treffen und in den verschiedenen anglikanischen Provinzen in den nächsten
Monaten getroffen werden, werden die künftige Ausrichtung der Anglikanischen
Gemeinschaft entscheidend bestimmen. Aber die Billigung, Anpassung oder
Ablehnung der Vorschläge des Windsor Report werden auch beträchtliche Auswirkung
auf die anglikanischkatholischen Beziehungen haben.
Während dieser Periode der Klärung wird der Päpstliche Rat zur Förderung der
Einheit der Christen engen Kontakt zu Vertretern der Anglikanischen Gemeinschaft
halten und die wichtigsten Entwicklungen aus der Nähe verfolgen. Inzwischen hat
ARCIC im Februar 2004 in Seattle (Washington, D.C.) die Endfassung eines
Dokumentes über Maria im Leben und in der Lehre der Kirche abgeschlossen. Die
Arbeit an diesem Dokument hatte 1999 begonnen. Die Rolle Mariens in der Kirche
war lange Zeit ein Streitpunkt zwischen Anglikanern und Katholiken. Entsprechend
der für die früheren Dokumente von ARCIC geltenden Gepflogenheit handelt es sich
bei dem Dokument mit dem Titel »Maria: Gnade und Hoffnung in Christus« nicht um
eine offizielle Erklärung der katholischen Kirche oder der Anglikanischen
Gemeinschaft, die den Text zur gegebenen Zeit dahingehend prüfen und bewerten
werden.
Die Veröffentlichung des Textes ist für das Frühjahr 2005 vorgesehen.
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