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PÄPSTLICHER RAT ZUR FÖRDERUNG DER EINHEIT DER CHRISTEN

BERICHT VON P. JOZEF M. MAJ

Die Beziehungen zwischen dem Hl. Stuhl und dem Patriarchat von Moskau

 

Wenn man sich die Liste der Ereignisse ansieht, die im Jahr 2004 die bilateralen Kontakte zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Patriarchat von Moskau geprägt haben, wird man feststellen, daß sich die gegenseitigen Beziehungen beachtlich ausgeweitet haben. Die Intensität dieser Beziehungen läßt uns die Entschlossenheit und den Willen erkennen, den Weg des Dialogs, der Verständigung und der Zusammenarbeit fortzusetzen, und das alles in einem Umfeld, wo nach wie vor merkliche Unterschiede in den Einschätzungen und Auffassungen darüber bestehen, was der Förderung harmonischer zwischenkirchlicher Beziehungen eigentlich hinderlich wäre. Die notwendige Klärung bzw. Überwindung der Divergenzen – ob sie nun tatsächlich bestehen oder nur für solche gehalten werden – wird in einem unentbehrlichen, von jedem historischen, kulturellen oder konfessionellen Vorurteil freien Klima gegenseitiger Achtung erreicht werden. Auf die Erreichung eines solchen Zieles müssen die Anstrengungen der in den Dialog einbezogenen Seiten ausgerichtet sein.

Das – in chronologischer Reihenfolge – erste Ereignis, das hier erwähnt werden soll, war der Besuch von Kardinal Walter Kasper in Moskau vom 17. bis 23. Februar 2004. Er kam dabei einer Einladung nach, die von der Konferenz der katholischen Bischöfe der Russischen Föderation an den Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen ergangen war. Der Besuch war gekennzeichnet durch intensive Begegnungen mit den katholischen Bischöfen des Landes, mit dem Klerus der Erzdiözese von der Gottesmutter, mit der katholischen Gemeinde von Moskau und mit den in verschiedener Weise in die Pastoral der katholischen Kirche in Moskau eingebundenen katholischen Organisationen. Der Besuch schloß aber noch einen weiteren wichtigen Aspekt ein, der stets die Besuche von Vertretern des Heiligen Stuhls in den Ländern kennzeichnet, in denen es eine orthodoxe Ortskirche gibt. Die kirchliche Bedeutung solcher Besuche beschränkt sich nämlich nicht auf die katholische Gemeinschaft und darf einen gebührenden zwischenkirchlichen Kontakt nicht außer acht lassen, durch den ein größerer Zusammenhalt und eine tiefere Gemeinschaft unter den Christen angestrebt werden soll. Beim Besuch im Februar 2004, der auch von Wertschätzung für die russisch-orthodoxe Kirche beseelt war, wurde Kardinal Kasper von Seiner Heiligkeit Aleksij II., Patriarch von Moskau und ganz Rußland, in Audienz empfangen.

Eine Fortsetzung fanden die Kontakte in den bilateralen Gesprächen zwischen Kardinal Kasper und dem Metropoliten von Smolensk und Kaliningrad, Kyrill, dem Vorsitzenden der Abteilung für die kirchlichen Außenbeziehungen des Patriarchats. Bei dieser Gelegenheit wurde die Übereinstimmung der Positionen der katholischen Kirche und der orthodoxen Kirche hinsichtlich der christlichen Werte neuerlich bestätigt, deren Trägerinnen sie sind und die Europa gestaltet und geprägt haben. Die in weiten Teilen übereinstimmenden Auffassungen der katholischen Kirche und der Orthodoxie über moralische Fragen und über die Soziallehre der Kirche könnten größere Auswirkungen auf das künftige Erscheinungsbild des Kontinents haben und für ein klareres christliches Zeugnis in der Welt sorgen. Im Verlauf der Gespräche wurden neuerlich zwei Themen aufgegriffen, die das Moskauer Patriarchat seit langem als das größte Hindernis für die Normalisierung seiner Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl beklagt: Dies betrifft zum einen den angeblichen Proselytismus der katholischen Kirche in der Russischen Föderation und die Verbreitung des sogenannten »Uniatismus«, zum anderen die angeblichen Ungerechtigkeiten und Verfolgungen, die die mit dem Patriarchat von Moskau verbundenen Orthodoxen in der Westukraine von seiten der Gläubigen der griechischkatholischen ukrainischen Kirche zu erleiden hätten. Da in den bilateralen Gesprächen zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Moskauer Patriarchat am 21. November 1999 vereinbart worden war, daß über die Situation der Beziehungen in der Ukraine von einer lokalen gemischten Kommission zwischen den Vertretern der ukrainisch- orthodoxen Kirche und der griechischkatholischen ukrainischen Kirche verhandelt werden sollte, hat die katholische Seite bei den Gesprächen im Februar 2004 neuerlich den Wunsch nach Einsetzung einer solchen Kommission zum Ausdruck gebracht.

Was den angeblichen Proselytismus angeht, so wurde noch einmal die Achtung vor der tausendjährigen Tradition der russisch-orthodoxen Kirche und die Wertschätzung ihrer besonderen Rolle in der russischen Kultur und Gesellschaft bekräftigt. Diese Haltung des Heiligen Stuhls schließt jedes Ansinnen von Proselytismus aus, der im übrigen vom Zweiten Vatikanischen Konzil ausdrücklich zurückgewiesen wurde; weder hat es je eine Strategie gegeben – noch gibt es sie –, die darauf ausgerichtet wäre, in Rußland »einzufallen«. In diesem Zusammenhang wurde von katholischer Seite ein Vorschlag gemacht, der Zustimmung fand: die Bildung einer »gemeinsamen Arbeitsgruppe«, der die Aufgabe obliegt, die einzelnen Fälle, die die russisch-orthodoxe Kirche und die in Rußland vertretene katholische Kirche betreffen und nach Ansicht des Moskauer Patriarchats Unverständnis hervorrufen, zu prüfen, um nach geeigneten Lösungen auf lokaler Ebene zu suchen.

Im Laufe seines Moskau-Aufenthalts im Februar 2004 besuchte Kardinal Walter Kasper das berühmte Kloster in Sergijew Possad (Zagorsk), das Herz der russischen Orthodoxie, und den angrenzenden Gebäudekomplex des Seminars und der Theologischen Akademie von Moskau. Bei einer Begegnung mit den für den akademischen und administrativen Betrieb Verantwortlichen wurde der Wunsch der Akademie ausgesprochen, eine Zusammenarbeit mit den Päpstlichen Universitäten und Theologischen Fakultäten für einen Studenten- und Professorenaustausch, die Übersendung von Büchern und andere Formen der Zusammenarbeit anzubahnen. In diesem Zusammenhang wurde die volle Bereitschaft des Heiligen Stuhls bekräftigt, mit dieser Zusammenarbeit in all jenen Bereichen zu beginnen, die die russisch-orthodoxe Kirche als unerläßlich für die Vorbereitung ihrer Priesteramtskandidaten erachtet, um sicherzustellen, daß sie ihren Auftrag auf dem Territorium Rußlands und der Unabhängigen Staaten voll erfüllen kann, indem sie sich den pastoralen Herausforderungen stellt, die ihr die heutige Gesellschaft auferlegt. Zum Teil wird dieser Plan zur Zusammenarbeit bereits umgesetzt. So hat das Katholische Komitee für die kulturelle Zusammenarbeit, eine Einrichtung des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, für das Studienjahr 2004/2005 acht Stipendien an Kandidaten des Moskauer Patriarchats zur Erlangung einer Spezialausbildung vergeben. Fünf von ihnen haben sich an Päpstlichen Universitäten in Rom eingeschrieben. Dank einer besonderen Spende konnte das Komitee außerdem der Bibliothek der Theologischen Akademie von Moskau die vollständige Reihe der Patrologia Orientale zum Geschenk machen.

Die oben erwähnte »gemeinsame Arbeitsgruppe« zwischen der katholischen Kirche und der russisch-orthodoxen Kirche in der Russischen Föderation hat bereits zwei Treffen in Moskau abgehalten, am 5. und 6. Mai und am 22. und 23. September 2004. Sie bildet eine Plattform für den Austausch von Informationen und Klarstellungen, in der Absicht, Lösungen für jene Situationen zu suchen, die wegen unterschiedlicher Sensibilitäten und pastoraler Ansätze Unverständnis oder gar Verdächtigungen zwischen der einen und der anderen Seite hervorrufen könnten. Obwohl die »Gemeinsame Arbeitsgruppe« nur als eine vorübergehende Hilfe bei der Normalisierung der Kontakte zwischen der katholischen Kirche in der Russischen Föderation und der orthodoxen Kirche dieses Landes angesehen werden kann, hat sie einen bemerkenswerten Beitrag in dem gewünschten Sinn geleistet. So kommt es bereits in verschiedenen Teilen dieses riesigen Landes, wenn auch noch nicht sehr zahlreich, zu Begegnungen zwischen katholischen und orthodoxen Bischöfen. Man darf wohl hoffen, daß solche Begegnungen zwischen den Bischöfen sowie auch zwischen dem Klerus überall dort, wo die katholische Kirche präsent ist, zu einem regulären Bestandteil des alltäglichen und kirchlichen Lebens werden. Nur auf diese Weise werden die gegenseitigen Vorurteile überwunden werden können, und es wird sich eine intensivere und ständige Zusammenarbeit zwischen den beiden Kirchen entwickeln, die auch der Gesellschaft und dem Land, dessen integrierender Bestandteil die orthodoxen und katholischen Gläubigen sind, zum Nutzen gereichen wird.

Das zweite Ereignis, das die Beziehungen zum Moskauer Patriarchat im Jahr 2004 sichtbar hervorhob, war die Entscheidung des Heiligen Vaters, dem Patriarchen Aleksij II., der russischorthodoxen Kirche und dem ganzen russischen Volk die Ikone der Muttergottes von Kasan zu schenken; das Marienbild war elf Jahre lang in einem der privaten Wohnräume von Papst Johannes Paul II. aufbewahrt und verehrt worden. Es wurde auf seiner Rückkehr nach Rußland von einer Delegation des Heiligen Stuhls unter der Leitung der Kardinäle Walter Kasper und Edgar Theodore McCarrick begleitet; der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Kasper, überbrachte dem Patriarchen auch eine Botschaft des Papstes. Die Übergabe der Ikone erfolgte am 28. August in der dem Heimgang der allerseligsten Jungfrau Maria geweihten Kathedrale im Kreml; die Gläubigen, die in großer Zahl die Kirche füllten, nahmen andächtig an der vom Patriarchen selbst geleiteten Göttlichen Liturgie teil. In seinem Brief an den Patriarchen schrieb der Heilige Vater:

»Durch den unerforschlichen Plan der göttlichen Vorsehung hat die Gottesmutter in ihrer als ›Kasanskaya‹ bekannten heiligen Ikone während der langen Jahre ihres Pilgerweges die orthodoxen Gläubigen um sich versammelt, ebenso wie ihre katholischen Brüder aus anderen Teilen der Welt, die innig für die Kirche und das Volk, das sie seit Jahrhunderten beschützt, gebetet haben. Vor nicht allzu langer Zeit hat die göttliche Vorsehung gewährt, daß das Volk und die Kirche in Rußland ihre Freiheit wiedergefunden haben und daß die Mauer, die Ost- und Westeuropa getrennt hat, gefallen ist. Trotz der Spaltung, die es leider unter den Christen noch immer gibt, erscheint diese heilige Ikone als eines der Symbole für die Einheit der Jünger des eingeborenen Sohnes Gottes, Symbol für Ihn, zu dem sie uns alle führt« (O.R. dt., Nr. 36, 3.9.2004, S. 8). Mit Bezug auf die Einheit beteuerte Papst Johannes Paul II. in derselben Botschaft: »Der Bischof von Rom hat vor dieser heiligen Ikone innig dafür gebetet, daß der Tag kommen möge, an dem wir alle vereint sind und der Welt mit einer Stimme und in sichtbarer Einheit das Heil unseres einzigen Herrn und seinen Sieg über alle bösen und gottlosen Kräfte verkünden können, die unserem Glauben und unserem Zeugnis der Einheit Schaden zufügen« (ebd.).

Als der Patriarch die heilige Ikone von Kardinal Walter Kasper entgegennahm, sprach er unter anderem diese bedeutsamen Worte: »Herzlich danke ich Eurer Eminenz und allen Mitgliedern der Delegation der römisch-katholischen Kirche und in ihrer Person ihrem Oberhaupt, Papst Johannes Paul II., und der ganzen Kirche für die Ikone der Muttergottes von Kasan, die uns übergeben worden ist […] Heute begegnet Rußland einer der am meisten verehrten Darstellungen der Ikone der Muttergottes von Kasan. Dieses Bild hat einen langen und beschwerlichen Weg durch viele Länder und Städte zurückgelegt. Vor ihm beteten orthodoxe Gläubige, Katholiken, Christen anderer Konfessionen. Lange Zeit wurde es im Vatikan sorgsam aufbewahrt, und dieser Umstand entzündete in vielen katholischen Gläubigen die Liebe zur allerseligsten Jungfrau Maria, zu Rußland und zur russischen Kirche, zu ihrer Kultur und zu ihrem geistlichen Erbe. Nach dem Willen Gottes kehrt das verehrte Marienbild nach Jahren nach Hause zurück […] Ich bitte Eure Eminenz, Seiner Heiligkeit Papst Johannes Paul II. unsere tiefe Dankbarkeit für das Geschenk zu überbringen, das Sie uns übergeben haben

Dieselben Gefühle der Dankbarkeit, aber auch der Hoffnung für die Beziehungen zwischen der römisch-katholischen Kirche und der russisch-orthodoxen Kirche hin zu einem eindringlicheren christlichen Zeugnis und der Verkündigung der christlichen Werte in Europa und in der Welt brachte Patriarch Aleksij II. in seinem Dankschreiben an den Heiligen Vater zum Ausdruck.

Da wir in diesen kurzen Ausführungen auf die Wünsche und Hoffnungen Bezug nahmen, die Papst Johannes Paul II. und Patriarch Aleksji anläßlich der Rückkehr der Ikone der Muttergottes von Kasan nach Rußland ausgetauscht haben, und besonders angesichts des noch immer andauernden Mißtrauens möchten wir noch die Worte des Heiligen Vaters zitieren, mit denen er seine und die Gefühle der katholischen Kirche zum Ausdruck brachte und den Königsweg vorzeichnete, der eingeschlagen werden muß: »Dieses alte Bild der Mutter des Herrn möge für Seine Heiligkeit Aleksij II. und den ehrwürdigen Synod der russisch-orthodoxen Kirche Ausdruck der Zuneigung des Nachfolgers Petri zu ihnen und zu allen ihnen anvertrauten Gläubigen sein. Es soll die Wertschätzung gegenüber der großen geistlichen Tradition bekunden, deren Hüterin die heilige russische Kirche ist. Es sei ein Ausdruck des Wunsches und des festen Entschlusses des Papstes von Rom, gemeinsam mit ihnen auf dem Weg der gegenseitigen Kenntnis und Versöhnung fortzuschreiten, um den Tag jener vollkommenen Einheit, für die der Herr Jesus innig gebetet hat (vgl. Joh 17,20–22), zu beschleunigen« (O.R. dt., Nr. 36, 3.9.2004, S. 2).

 

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