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PÄPSTLISCHE RAT FÜR DIE EINHEIT DER CHRISTEN

PLENARIA 2003 

 

Prolusio bei der Plenaria des PCPUC 2003
Kardinal Walter Kasper

 

I. Grundlagen

Die Arbeit des PCPUC in den beiden letzten Jahren seit der letzten Plenaria im November 2001 bestand – wie es unserem Auftrag entspricht – in der Förderung des ökumenischen Anliegens, „so wie es die Kirche versteht“ (vgl. CD 16), d.h. sie geschah auf der Grundlage der katholischen  Prinzipien des Ökumenismus, wie sie vom II. Vatikanischen Konzil formuliert (UR 2-4) und vom gegenwärtigen Papst sehr oft, besonders in der Enzyklika „Ut unum sint” (1995) weiterführend interpretiert wurden. Die rechtlichen Grundlagen sind im Codex Iuris Canonicis (CIC), im CCEO, in der Konstitution „Pastor bonus“ (1988)  sowie im Ökumenischen Direktorium (1993) gegeben.

Das PCPUC macht keine Ökumene auf eigene Faust und nach eigenem Geschmack. Wir sind dem Auftrag Jesu und seinem Gebet Jesu am Abend vor seinem Tod (Joh 17, 21) verpflichtet und handeln im Auftrag der Kirche. Sie hat sich – so der Papst mehrfach – auf dem II. Vatikanischen Konzil unwiderruflich für den ökumenischen Weg entschieden (UUS 3). Einheit ist ein Grundbegriff im Alten und Neuen Testament wie des Glaubensbekenntnisses der Kirche. Wir bekennen einen Gott, einen Herrn Jesus Christus, einen Geist, eine Taufe, eine Kirche (vgl. Eph 4, 4-6). Deshalb ist Ökumene kein blosser Zusatz zum pastoralen Auftrag der Kirche sondern in der Mitte ihres pastoralen Auftrags begründet (UUS 9; 20); das II. Vatikanische Konzil betrachtete sie als eine seiner Hauptaufgaben (UR 1), und sie ist eine der pastoralen Prioritäten des gegenwärtigen Pontifikats (UUS 99). Der ökumenische Weg ist der Weg der Kirche (UUS 7).

Zur Förderung der christlichen Einheit gehört der Ökumenismus ad extra, d.h. der Dialog mit den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche sind, und der Ökumenismus ad intra, die Förderung des ökumenischen Anliegens in der katholischen Kirche selbst. Dem letzteren Ziel dienen u.a. die Begegnungen mit den Bischöfen und Bichofskonferenzen vor allem anlässlich der ad-limina-Besuche, die zahlreichen Besuche und Vorträge um die ökumenische Arbeit „vor Ort“ kennen zu lernen und anzuregen.

Bei allen diesen Bemühungen ad intra und ad extra geht es nicht um irgendeinen Ökumenismus sondern um einen Ökumenismus in der Wahrheit und in der Liebe, keinesfalls jedoch  einen Ökumenismus um den Preis der Wahrheit (UR 11;  UUS 18; 36). Ziel ist die sichtbare Einheit der Kirche im Glauben, den Sakramenten, besonders der gemeinsamen Feier der Eucharistie, und in der kirchlichen Leitung (UR 2; UUS 9). Bei der letzten Plenaria haben wir versucht, diese Zielvorstellung mit Hilfe des biblischen und altkirchlichen Begriffs communio im Rahmen einer katholischen communio-Ekklesiologie zu klären. Diese Grundlegung  war die Grundlage unserer Arbeit in den letzten beiden Jahren. Wir wollen sie in dieser Plenaria vertiefen durch eine communio-Spiritualität, wie sie Papst Johannes Paul II. in seiner „Programmschrift“ für das 3. Jahrtausend „Novo millennio ineunte“ (2001) beschrieben hat (Nr. 43-45).

 

II.  Die ökumenische Situation – Licht und Schatten

1. An dem Auftrag, den wir in den letzten beiden Jahren zu verfolgen haben, hat sich nichts geändert, doch die Situation, in der wir diesen Auftrag zu erfüllen haben, ist in einem raschen Wandel begriffen. Was 2001 über die sich wandelnde ökumenische Situation gesagt wurde gilt nach wie vor. Die Analyse von damals hat sich bewahrheitet; die Veränderung in der ökumensichen Landschaft, von der damals die Rede war, hat sich verschärft. Licht- und Schattenseite halten sich die Wage.

Einerseits hat das ökumenische Bewußtsein an der „Basis“ erfreulich zugenommen; für viele Gemeinden und Gemeinschaften ist Ökumene eine fast selbstverständliche Realität geworden, die sie bereichert; sie ist im Leben der Kirche fest verwurzelt. Sowohl die Berichte über die Praxis der spirituellen Ökumene, die für diese Plenaria ausgefüllt wurden, als auch die Befragung, die unser Dikasterium bei den Bischofskonferenzen durchgeführt hat, um Informationen über die Verbreitung der Gebetswoche für die Einheit der Christen zu bekommen, haben gezeigt, daß - auch wenn es noch Gebiete gibt, in denen die spirituelle Ökumene erst vorankommen muß - das Bewußtsein für eine spirituelle Ökumene in einem substanziellem Wachstum begriffen ist. Insgesamt läßt sich sagen: Der  dem PCPUC übertragene Auftrag entspricht der Erwartungshaltung und der Sehnsucht sehr vieler Christen, „daß alle eins seien“.

Was Papst Johannes Paul II. 1995 in der Enzyklika „Ut unum sint“ als Früchte des bisherigen ökumenischen Dialogs beschrieben hat, hat nach wie vor seine Gültigkeit: „Es ist das erste Mal in der Geschichte, daß der Einsatz für die Einheit der Christen so große Ausmaße und einen so gewaltigen Umfang angenommen hat. Schon das ist ein unermessliches Geschenk, das Gott gewährt und das alle unsere Dankbarkeit verdient.“ (Nr. 41). Der Papst nennt als die eigentliche Frucht die wieder entdeckten Brüderlichkeit. „So geschieht es zum Beispiel, daß – ganz im Geist der Bergpredigt – die einer Konfession zugehörigen Christen die anderen Christen nicht mehr als Feinde oder Fremde betrachten, sondern in ihnen Brüder und Schwestern sehen. Zusammenfassend sagt der Papst: „Mit einem Wort, die Christen haben sich zu einer brüderlichen Liebe bekehrt, die alle Jünger Christi umfaßt.“ Er fügt hinzu: „In diesem Zusammenhang muß unterstrichen werden, daß die Anerkennung der Brüderlichkeit nicht die Folge eines liberalen Philanthropismus oder eines vagen Familiengeistes ist. Sie wurzelt in der Anerkennung der einen Taufe und in dem daraus folgenden Erfordernis, daß Gott in seinem Werk verherrlicht werde“ (Nr. 42).

Die Einheit der Kirche ist zugleich Zeichen und Werkzeug der Einheit der Menschheit (LG 1). Die Solidarität der Christen steht darum im Dienst an der Menschheit. Auch diese Zusammenarbeit im Dienst an der Freiheit, Gerechtigkeit, am Frieden, an der Zukunft der Welt und im konkreten karitativ-diakonischen Dienst ist gewachsen. „Es versteht sich von selbst, und die Erfahrung beweist es, daß unter gewissen Umständen die gemeinsame Stimme der Christen mehr Durchschlagskraft besitzt als eine Einzelstimme“ (UUS 43).

So war es bemerkenswert und eindrucksvoll, wie sich in vergangenen und in diesem Jahr alle Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften in einer unabgesprochenen Syntonie für den Frieden und gegen den Krieg ausgesprochen haben. Auf dem Gebetstag für den Frieden in Assisi 2002 haben sie gemeinsam betont, daß Gott ein Wort des Friedens ist und deshalb niemals zur Rechtfertigung von Gewalt benützt werden darf.  In Europa und bei der Betonung wie Erhaltung der christlichen Wurzeln Europas ist es zu einer intensiven Zusammenarbeit sowohl mit den orthodoxen Kirchen wie mit der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) gekommen.  

2.  Auf der anderen Seite gibt es neben der ökumenischen Einheitsbewegung leider auch eine dieser zuwiderlaufende Auseinanderbewegung, die zu Spannungen, teilweise auch zu Spaltungen innerhalb der bestehenden Kirchen, kirchlichen Gemeinschaften und Konfessionsfamilien führt. Während es auf der einen Seite teilweise gelingt, alte Gegensätze zu überwinden oder zumindest zu Annäherungen zu kommen, brechen auf der anderen Seite neue, meist ethische Unterschiede in Fragen wie Abtreibung, Ehescheidung, Euthanasie, Homosexualität u.a. auf; ebenso wirken sich ethnische, soziale und politische Fragen oft spaltend aus. Die Spannungen zwischen den autokephalen orthodoxen Kirchen, innerhalb der anglikanischen Gemeinschaft wie der reformatorischen kirchlichen Gemeinschaften, manchmal auch innerhalb der katholischen Kirche sind dem ökumenischen Dialog abträglich, weil der mangelnde Konsens nach innen ökumenische Konsensbildungen nach außen erschweren oder unmöglich machen. Dies kann zur ökumenischen Lähmung und bis zur Ökumeneunfähigkeit führen.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Wer sind unsere Partner, wenn einzelne weltweiten Konfessionsfamilien durch innere Konflikte paralysiert sind, aber einzelne Gruppen bei uns an die Tür klopfen? Grundsätzlich führt das PCPUC theologische Dialoge nur mit allen orthodoxen Kirchen zusammen und mit den konfessionellen Weltfamilien. Doch in der gegenwärtigen Situation stellt sich die Frage, welche bereits auf der letzten Plenaria gestellt wurde, ob nämlich ein „Ökumenismus einer doppelten Geschwindigkeit“  denkbar ist. Die Frage ist zweifellos delikat, aber kann man ihr aus diplomatischer Rücksichtnahme auf die Dauer ausweichen?

 Ein weiteres Problem ergibt sich daraus, daß das ökumenische Bewußtsein und die ökumenische Praxis oftmals verflacht ist. Das moderne und postmoderne pluralistische und relativistische Denken, das sich von der Wahrheitsfrage verabschiedet, will die bestehenden Glaubensunterschiede nicht mehr sehen und verschreibt sich einer falsch verstandenen Toleranz, welche nicht im Respekt vor der anderen Meinung sondern in der Indifferenz gegenüber der eigenen wie der fremden Glaubensüberzeugung gründet. Es muß freilich deutlich gesagt werden: Die Ökumene ist nicht die Ursache sondern die Leidtragende dieses auch sonst verbreiteten Relativismus und  des Verlustes an Glaubenswissen und Glaubenssubstanz. Denn die Mentalität, welche meint, die dogmatischen Probleme seien im Grund schon gelöst oder  inzwischen irrelevant und überholt, führt nur vorübergehend zu einer die Grenzen der kirchlichen Disziplin überspringenden „wilden Ökumene“, am Ende jedoch zu deren Auflösung. Ökumene  macht sich so selbst überflüssig.

Gegenüber dieser Gefahr melden sich – in allen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften – Anzeichen eines neuen Konfessionalismus. Trotz den dabei zu Tage tretenden berechtigten und ernst zu nehmenden Anliegen kann der Rückzugs auf die Bewahrung  einer sich selbst genügenden eigenen konfessionellen Identität. keine Lösung sein. Es zeigt sich bei dieser Haltung ein alter wie neuer Partikularismus und Nationalismus, eine anti-global-Mentalität, und statt der für die ökumenische Bewegung unverzichtbaren Bereitschaft zum Umdenken, zur Bekehrung und zur Versöhnung die Tendenz zu Rechthaberei, Beharrungsvermögen und Bequemlichkeit. Wenn sich diese Haltungen bis zu einem fanatischen Fundamentalismus steigern, können sie auch heute  noch zu Formen konfessionalistischer Anfeindungen und bis hin zu Gewalt führen.

3. Dem zuletzt genannten Phänomenen begegnen wir vor allem in den alten und neuen Sekten sowie in manchen neureligiösen Bewegungen. Vor allem die Bischöfe der dritten Welt stellen uns diese Problematik regelmäßig vor Augen. Es handelt sich um eine Problematik, die sich in ihrer Schärfe erst nach dem Konzil herausgebildet hat. Das Ökumenische Direktorium nimmt darauf Bezug (Nr. 35-36), ebenso die kontinentalen Synoden und viele Ansprachen des Papstes. Das Problem ist überaus komplex und die Ursachen sind überaus vielfältig. Schon der Begriff „Sekte“ ist nur sehr schwer zu definieren; es gibt darüber bis heute keinen Konsens unter den Theologen und Religionssoziologen. Wir haben es mit einem sehr breiten, keineswegs einheitlichen Spektrum von Phänomenen zu tun, das in unterschiedlicher Weise im religiösen Klima der dritten Welt, in den Zerfallsprozessen in den Ländern des ehemaligen Ostblocks wie innerhalb der materiell übersättigten säkularisierten westlicher Zivilisation auftritt.

Hinter dieser Bewegung stehen verschiedene Gründe: teilweise echte spirituelle Anliegen und pastorale  Mangelerscheinungen bei uns; daneben gibt es eklektisch-synkretistische wie weltanschauliche Hintergründe in einer neuen Gnosis, aber auch politische und ökonomische Motive; Wundersucht und Wichtigtuerei spielen ebenso eine Rolle bis hin zu dämonologischen Erscheinungen.

Die Sektenproblematik ist von der ökumenischen Problemstellung grundsätzlich zu unterscheiden. Der ökumensiche Dialog setzt selbstverständlich gegenseitigen Respekt voraus. Auch wenn Zurückhaltung und Zuvorkommen viele Dinge erleichtern bleibt der Dialog dort schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, wenn Sekten in aggressiver Weise einen fanatischen Heilsexklusivismus vertreten. Praktisch können die Übergänge jedoch fliessend sein. Dies zeigt sich vor allem bei den charismatischen und pentekostalen Bewegungen. Mit einer Reihe von diesen Bewegungen unterhalten wir einen ausgesprochen freundschaftlichen und fruchtbaren Dialog; mit anderen ist er wegen deren aggressiver proselytitischer Praxis ausgeschlossen. Die Aufgabe, den Dialog zu suchen, wo er möglich ist bleibt, da diese Bewegungen weltweit sprunghaft zunehmen, während die traditionellen evangelischen mainline-churches zahlenmässig weltweit abnehmen. Dies ist ein wichtiger Aspekt der global sich rasch verändernden und sich differenzierenden ökumenischen Situation, die auch eine neue Klärung des Verhältnisses von ökumenischer Theologie und Mission fordert.

Im Folgenden sollen einige Aspekte dieser wandelnden Situation anhand einzelner Dialoge etwas erläutert werden. Detailliertere Informationen finden sich in den Tätigkeitsberichten der Mitarbeiter des PCPUC, die Ihnen vorab zur Verfügung gestellt wurden.

 

III. Fortschritte im Dialog mit den Ostkirchen

1. Der Dialog mit den Ostkirchen stand in den letzten beiden Jahren sehr im Vordergrund. Mit ihnen verbindet uns eine große Nähe im Glauben, in den Sakramenten wie in der bischöflichen Verfassung. Mit ihnen verbinden uns eine Gemeinschaft wie sie zwischen Lokalkirchen als Schwesterkirchen besteht (UR 14; UUS 55-57; 60). Sie bewahren einen spirituellen Reichtum, der ein Erbgut der Gesamtkirche ist (OE 1). Bei den Kontakten stellen wir freilich auch fest, daß vielfältige nicht-theologische Faktoren, eine verschiede Geschichte, Kultur und Mentalität oft erhebliche Verstehensschwierigkeiten bereiten. Wir dürfen jedoch dankbar feststellen, daß in den beiden letzten Jahren die Bande der brüderlichen Communio mit einer Reihe orthodoxer Kirchen in einer zuvor nicht vorstellbaren Weise gewachsen sind. Auch dies ist ein viel zu wenig bekannter, nicht hoch genug einzuschätzender Aspekt der gewandelten ökumenischen Situation.

Zu diesem ökumenischen Fortschritt haben die Reisen des Papstes in mehrheitlich orthodoxe Länder, die auch durch eine Öffnung der jeweiligen Patriarchate möglich wurden, erheblich beigetragen: Rumänien, Armenien, Ägypten und Sinai, Jerusalem, Syrien, Griechenland, Bulgarien. Auch das PCPUC hat durch eine Reihe von Besuchsreisen vielfältige neue Kontakte und Freundschaften knüpfen können. Eine Reihe dieser Kirchen haben mit hochrangigen Gegenbesuchen geantwortet. Geradezu erstaunlich ist das gewandelte Klima im Verhältnis mit der orthodoxen Kirche in Griechenland, in Bulgarien und mit der serbisch-orthodoxen Kirche. Allgemein können wir sagen, daß sich eine wachsende freundschaftliche Zusammenarbeit mit den einzelnen orthodoxen Kirchen entwickelt. Ich möchte dabei ausdrücklich hervorheben, daß die Beziehungen zum Ökumenischen Patriarchat auch weiterhin intensiv und herzlich sind.

Mit den altorientalischen Kirchen hat sich ein weiterer und mutmachender Dialog entwickelt. Nach dem Gespäch mit den je einzelnen Kirchen wurde im Januar dieses Jahres ein Dialog mit allen altorientalischen Kirchen gemeinsam begonnen. Die Atmosphäre dieses Vorbereitungstreffens war ernsthaft, freundschaftlich und brüderlich. Im Januar nächsten Jahres wird die erste Vollversammlung dieses Dialogs stattfinden, vermutlich in Ägypten. Die große Achtung, ja persönliche Verehrung, welche dem Heiligen Vater auch in den orthodoxen Kirchen entgegengebracht wird, ist vor allem aus Anlaß des 25. Jubiläums seines Pontifikats deutlich geworden.

Die Arbeit des Comitato Cattolico per la Collaborazione Culturale (CCCC) spielt bei dieser Verbesserung der Beziehungen eine wichtige Rolle. Neben den nach wie vor sehr gefragten Stipendien sind wir dazu übergegangen theologische Zentren (Minsk, Kiew, Sofia, Belgrad, Moskau) durch Zuschüsse und Bücherspenden zu fördern. Diese Förderung künftiger Priester und Laien im kirchlichen Dienst scheint uns langfristig die zukunftsträchtigste ökumenische Investition zu sein. Mit der „CNEWA“, „Kirche und Not“, „Renovabis“ und „Missio“ ist der PCPUC in ständigem Kontakt um sie zu beraten und zu ermutigen. Über die Kontakte einzelner Diözesen, Institutionen (Ostkirchliches Institut in Regensburg, Pro Oriente in Wien u.a.) und Gemeinschaften (S. Egidio, Focolare u.a.) werden wir im allgemeinen gut auf dem Laufenden gehalten.

2. Die Beziehungen mit der russisch-orthodoxen Kirche, welche bis zur politischen Wende von 1989/90 im allgemeinen gut waren, haben sich seither (neben der jüngsten Krise im Verhältnis zur georgisch-orthodoxen Kirche) schwierig gestaltet. Seither gibt es die  Vorwürfe des sogenannten Uniatismus (bezüglich der Westukraine) und des Proselytismus; sie sind neu aufgelebt nach der Errichtung einer ordentlichen katholischen Hierarchie in der Russischen Föderation im Februar 2002 und jüngst in Kasachstan, sowie nach der Errichtung von zwei neuen Diözesen in der Ostukraine. Im Hintergrund stehen theologische Probleme des Kirchenverständnisses (Autokephalie, kanonisches Territorium, Verständnis des Begriffs 'Schwesterkirchen') wie Fragen der religiös-kulturellen Selbstbehauptung, Identifizierung mit der eigenen Kultur in Abgrenzung gegen den westlichen Liberalismus, wobei auch die Religionsfreiheit als Ausdruck westlichen Liberalismus verstanden wird.

Der Dialog ist jedoch nicht ganz abgebrochen; es gab in den letzten zwei Jahren eine Reihe informeller Kontakte, in jüngster Zeit  auch Zeichen, welche auf den Willen zu einer langsamen aber deutlichen Verbesserung der Beziehungen hindeuten. Nötig sind auf unserer Seite bei aller Festigkeit im Grundsätzlichen Geduld, Bescheidenheit, Verständnis für die Probleme und Anliegen der russischen Seite und vor allem Achtung vor der Jahrhunderte alten reichen spirituellen Tradition Russlands. Es wäre wünschenswert, wenn auf dieser Grundlage eine Art „Verhaltenskodex“ zwischen dem russisch-orthodoxen Patriarchat und der russischen katholischen Bischofskonferenz (bzw. dem Heiligen Stuhl) zu Stande käme. Außerdem deuten sich eine Reihe von Feldern an, auf denen eine engere Zusammenarbeit im Interesse beider Seiten denkbar und wünschenswert wäre (Europa, Naher Osten, Frieden in der Welt).

3.  Das größte Problem unserer Beziehungen zu den Ostkirchen besteht darin, daß der seit 1980 bestehende internationale theologische Dialog seit der letzten Vollversammlung in Baltimore (2000) ruht. In Baltimore war es nicht möglich in der Frage des sogenannten Uniatismus weiterzukommen. Obwol sich beide Seiten willens erklärten, den Dialog fortzuführen, wozu vor allem die katholische Kirche und der Ökumenische Patriarch fest entschlossen sind, waren es dann aber innerorthodoxe Schwierigkeiten, welche die Einberufung von Sitzungen auf Kommissionsebene unmöglich machten. Inzwischen ist der Ökumenische Patriarch bemüht, einen Konsens unter den orthodoxen Kirchen über die Fortführung des Dialogs, die Thematik und den Vorsitz von orthodoxer Seite herzustellen. Hoffentlich können wir bei dem traditionellen Besuch im Fanar zum Fest des hl. Andreas Ende November ein positives Ergebnis erfahren.

Nicht als Ersatz  sondern als Vorbereitung für den offiziellen Dialog konnte das PCPUC im Mai dieses Jahres ein akademisches Symposium zur Frage des Petrusamtes durchführen. Dieses Symposium versuchte die Einladung des Hl. Vaters in UUS 95 aufzugreifen. Es fand auf hohem akademischen Niveau und in bester Atmosphäre statt; es waren bei allen Unterschieden erfreuliche Öffnungen auf beiden Seiten festzustellen. Die Akten  sollen möglichst bald veröffentlicht werden. Am Ende haben alle Teilnehmer den Wunsch ausgesprochen, schon bald wieder ein solches Symposium zum Thema koinonia/communio durchzuführen. Mit diesem Thema rühren wir am zentralen theologischen Problem in den Beziehungen zu den orientalischen Kirchen: dem Konzept der Autokephalie, das nach Aussage einiger bedeutender orthodoxer Theologen auch das zentrale Problem der Orthodoxie selbst ist. Es muß zukünftig das konkrete Konzept und die Praxis einer universalen Comunio herausgearbeitet werden, natürlich im vollen Respekt der reichen und alten liturgischen, theologischen, spirituellen und kirchenrechtlichen Traditionen der orientalischen Kirchen (UR 14-18).

Alles in allem kann man sagen, daß es völlig unsachgemäß ist, von einer allgemeinen Krise in den Beziehungen zu den orientalischen Kirchen zu sprechen. Das Gegenteil ist richtig,  unsere Beziehungen sind im allgemeinen auf einem guten und verheissungsvollen Weg. Mit kurzfristigen sensationellen Ergebnissen wird man nach menschlichem Ermessen nicht rechnen können. Es wird wohl auch immer wieder Rückschläge geben, vielleicht hält der Geist Gottes aber auch die eine oder andere positive Überraschung bereit. Im allgemeinen kommt man jedoch mit kleinen Schritten zwar langsamer aber dafür sicherer zum Ziel als mit großen Sprüngen.

 

IV. Der Dialog mit den westlichen Kirchengemeinschaften

1. Die Unterschiede nicht nur historischer und kultureller, sondern auch doktrineller Art sind mit den kirchlichen Gemeinschaften des Westens tiefer als mit den Kirchen des Ostens (UUS 64-68). Grundsätzlich gilt von diesen Dialogen, was bereits über Licht- und Schattenseiten des Ökumenismus gesagt wurde. Wir führen eine große Zahl von Dialogen; die katholische Kirche ist unter den Kirchen und Kirchlichen Gemeinschaften diejenige Kirche, welche mit Abstand am meisten ökumenische Dialoge unterhält. Nach der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ (1999) schreiten die Dialoge, wie anhand der vorliegenden Berichte deutlich wird, im Rahmen der eingespielten guten Beziehungen langsam aber seriös voran. In vielen Dialogen bemerkt man positive Entwicklungen, besonders mit der World Evangelical Alliance und dem Dokument Church, Evangelisation und Bonds of Koinonia und den Methodisten, die einen Prozeß begonnen haben um der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre beizutreten; mit den Menonniten und den Adventisten haben wir neue Dialoge oder vielmehr Gespäche begonnen. Belastungen sind etwa nach der Erklärung „Dominus Jesus“ (2000) und im Zusammenhang der Enzyklika „Ecclesia de Eucharistia“ (2003) und des Ökumenischen Kirchentags in Berlin (Juni 2003) aufgetreten. Im allgemeinen hat sich aber eine so gute Vertrauensbasis herausgebildet, welche immer wieder auftretende Schwierigkeiten oder Verstimmungen überbrücken und soweit möglich lösen hilft.

Eigens erwähnen möchte ich den Dialog mit der Anglikanischen Gemeinschaft. Nach dem Dokument The gift of authority (1998) schließt die Internationale anglikanisch-römisch-katholische Kommission augenblicklich ein Dokument über die Mariologie ab. Seit zwei Jahren, nach einer Versammlung in Mississauga (2000), haben wir auf Bischofsebene eine neue Internationale katholisch-anglikanische Kommission für Mission und Einheit (IARCCUM) gegründet, die sich mit der Rezeption der bisher verabschiedeten Dokumente beschäftigt. Während dieses beiden Dialoge sehr gut vorankommen, zeigt der Dialog mit der anglikanischen Gemeinschaft vielleicht deutlicher als andere Dialoge das gegenwärtige Problem und die Aporie, in der sich der Ökumenismus befindet: die Dringlichkeit neuer Probleme auf dem Gebiet der Ethik und die innere Fragmentierung einer kirchlichen Gemeinschaft. Während des Besuches bei Papst Johannes Paul II. Durch den neuen Erzbischof von Canterburry im Oktober 2003 hatten wir die Gelegenheit, diese Themen in offener und gleichzeitig freundschaftlicher Atmosphäre zu besprechen. Als ökumenischer Partner, der natürlich nicht in innere Angelegenheiten des anderen eingreifen kann, sind wir deshalb doch nicht nur Beobachter, sondern solidarische Partner; das ökumenische Netz ist zwischenzeitlich so eng geworden, daß jede Entscheidung eines Partners auch die Beziehungen zu allen anderen berührt und deshalb in Solidarität untereinanter getroffen werden sollte.

Diese Solidarität und der Einsatz für die Einheit aller Jünger Christi ist auch die Grundlage für unsere Zusammenarbeit mit dem Weltrat der Kirchen (ÖRK), hauptsächlich durch die Kommission 'Glaube und Kirchenverfassung'. Die Probleme und die Schwierigkeiten der orthodoxen Mitglieder die Ekklesiologie und das gemeinsame Gebet während der ökumensichen Treffen betreffend, sind neue Herausforderungen; gleichzeitig zeigen sie die veränderte ökumenische Lage, Veränderungen, die sich auch in der Diskussion über eine neue Konfiguration der Ökumene (verschiedene ökumenische Koalitionen, Statuten des Weltrates der Kirchen, die Christian World Comunions, regionale ökumensiche Organisationen, ökumenische Nichtregierungsorganisationen, etc.) zeigt. Die Ergebisse dieser Diskussion sind noch vollkommen offen.

 2. Analysiert man die aufgetretenen Schwierigkeiten genauer, dann stellt sich jenseits der meist vorübergehenden Stimmungen das sachliche Grundproblem des Dialogs mit den Kirchengemeinschaften der reformatorischen Tradition heraus. Wir haben es mit unterschiedlichen Ekklesiologien zu tun, welche zu unterschiedlichen ökumenischen Zielvorstellungen führen; diese führen ihrerseits zu unterschiedlichen Erwartungshaltungen und damit vom Wesen der Sache her zu wechselseitigen Enttäuschungen, weil der Partner den jeweils eigenen Erwartungen nicht entspricht bzw, aufgrund seiner andersartigen ökumenischen Zielvorstellung gar nicht entsprechen kann. Diese Situation hat teilweise zu einem gewissen Patt geführt, das solange die Fragen der Ekklesiologie nicht grundsätzlich gelöst sind, im Augenblick keine substantiellen Fortschritte ermöglicht.

Das ökumenische Ziel ist aus katholischer Sicht, wie bereits angedeutet, die sichtbare volle Kirchengemeinschaft im Glauben, in den Sakramenten und in der Kirchenleitung. Sie betrachtet –  wie nicht zuletzt das Beispiel der Ostkirchen zeigt – eine Vielfalt in den Ausdrucksformen einzelner Ortskirchen, sofern diese keine inhaltlichen Gegensätze bedeuten, als einen Reichtum.  Davon unterscheidet sich das Einheitsmodell, das aufgrund der Leuenberger Konkordie (1973) vor allem im kontinental-europäischen Protestantismus vorherrschend geworden ist.

Nach diesem Modell nehmen die bisher getrennten Konfessionskirchen Kirchengemeinschaft auf, welche einen Grundkonsens im Verständnis des Evangeliums voraussetzt, aber  die unterschiedlichen und bislang trennenden Bekenntnisse bestehen läßt. Die Kirchen bleiben bekenntnismäßig und institutionell getrennt, nehmen aber Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft auf und anerkennen gegenseitig ihre Ämter. Der konfessionelle Pluralismus wird nicht mehr als Skandal empfunden, sondern – wie E. Käsemann und nach ihm andere darzulegen versucht haben – als auf dem Boden des NT legitim. Auf dieser Linie liegen auch die letzten Dokumente der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Kirchengemeinschaft nach evangelischem Verständnis (2001) und Das Abendmahl (2003).

Es ist offensichtlich, daß sich dieses Verständnisses von Kirchengemeinschaft grundsätzlich von der Kircheneinheit als communio-Einheit nach katholischem Verständnis unterscheidet. Auf diesem Hintergrund wird verständlich, daß und warum die protestantischen Kirchen gegenwärtig auf Interkommunion bzw. eucharistische Gastbereitschaft drängen, wie  es ebenso verständlich wird, daß und warum die katholische Kirche dieses Drängen als Zumutung verstehen muß, dem sie nicht entsprechen kann, weil dies die Aufgabe ihres ihr ekklesiologischen Selbstverständnisses bedeuten würde. Umgekehrt wird von den protestantischen Kirchen die ökumenische Zielvorstellung, welche dem katholischen Selbstverständnis entspricht als Zumutung verstanden, weil sie die Anerkennung des Bischofs- und Petrusamtes impliziert. Damit ist die genannte Pattsituation gegeben, die man auch als augenblickliche ökumenische Aporie bezeichnen kann.

3. Das Leuenberger Modell ist auf evangelischer Seite keineswegs das einzige Modell. Es gibt auch die Ergebnisse des Dialogs mit den Anglikanern in der Porvoo-Erklärung  der skandinavischen Kirche (1992), der Erklärung Called to Common Mission (2001) der evangelisch-lutherischen Kirche in Amerika und der Erklärung Called to Full Communion von Waterloo (2001) der lutherischen Kirche in Kanada. Dieses Dialoge sind auf der Linie der Limadokumente über Taufe, Eucharistie und Amt (BEM) (1982). Gleiches gilt für den Dialog von ARCIC  im Dokument The Gift of Authority (1998) und das deutsche Dokument Communio Sanctorum (2000).

Evangelische wie katholischer Lutherforscher haben gezeigt, daß Luther (wie die anderen Reformatoren) keine eigene Konfessionskirche gründen sondern die bestehende universale Kirche aus dem Evangelium reformieren wollte. Dies ist aus theologischen wie aus politischen Gründen gescheitert. Indem nun die ökumenische Bewegung in einem „Austausch der Gaben“ (UUS 28) die legitimen Anliegen der jeweils anderen Seite rezipiert, entfällt die Legitimation zur Kirchentrennung. In diesem Sinn haben F. Heiler, die hochklirchliche Bewegung, die frühe Una-Sancta-Bewegung, gegenwärtig W. Pannenberg, H. Meyer und andere deutsche, amerikanische und skandinavische lutherische Theologen zur  Konzeption einer evangelischen Katholizität geführt, die nicht eine unversöhnte Vielfalt stehen lassen will sondern eine  wirklich versöhnte Verschiedenheit und eine wahre Einheit in Vielfalt anstrebt; sie führt bis zur Anerkennung des Bischofsamtes in apostolischer Sukzession und – gegenwärtig allerdings noch unter Vorbehalten – des Petrusamtes.

Wir haben es hier mit zwei unterschiedlichen Deutungen des reformatorischen Anliegens des 16 Jahrhunderts zu tun. Während die eine Richtung eine Grunddifferenz ausmacht, geht die andere von einem Grundkonsens aus, der auf dem Weg des ökumenischen Dialogs und des 'Austausches der Gaben' zu einem die legitimen Vielfalt aufnehmenden vollen Konsens führen soll. Solange dieser Unterschied zwischen einer Konsens- und einer Differenzökumene innerreformatorisch nicht behoben ist, wird man mit den Kirchengemeinschaften der reformatorischen Tradition keinen substantiellen Fortschritt erzielen können. Der PCPUC hat dem Lutherischen Weltbund vorgeschlagen, diesen Themenkomplex zur Intention der Reformation im Blick auf die 500 Jahr Feier des Reformationsbeginns im Jahre 2017 zu diskutieren.

 

V. Ökumene in der nächsten Zukunft

Im kommenden Jahr begehen wir den vierzigsten Jahrestag der Promulgation des Konzilsdekrets Unitatis Redintegratio (1964). Ebenfalls ins Jahr 2004 fällt das Gedenken an die Eroberung Konstantinopels während des 4. Kreuzzugs (1204) und im Jahr darauf, 2005, erinnern wir die 40 Jahre der Auslöschung der Exkommunikationen zwischen Rom und Konstantinopel (1965). Vor allem aus Anlaß des erstgenannten Ereignisses hat der PCPUC eingeladen zu einer Versammlung auf Ebene der Präsidenten der Ökumenekommissionen der Bischofskonferenzen und der Synoden der katholisch-orientalischen Kirchen sui iuris, um über den Stand und die Zukunft der ökumenischen Bewegung nachzudenken und der katholischen Seite in der ökumenischen Bewegung einen neuen Antrieb zu geben.

Die aufgezeigte Situation ist kein Anlaß zur Resignation. Wie bereits bei der letzten Plenaria aufgezeigt, hat die ökumenische Bewegung in der Zwischenzeit zu einer Zwischensituation guter Nachbarschaft und vertiefter, aber noch nicht voller ekklesialer communio geführt. Es gilt nun in einem Ökumenismus des Lebens diese Zwischensituation zu gestalten und mit Leben zu erfüllen. Dafür gibt es viele, weithin noch gar nicht ausgeschöpfte Möglichkeiten, welche die Plenaria 2001 aufgezeigt hat. In dem Maße als sie aufgegriffen und mit Leben erfüllt werden, kann sich eine neue und entspanntere Situation ergeben, welche wieder substantielle Fortschritte ermöglicht. Würden wir nur dies schon alles tun, was heute schon ohne jede Schwierigkeit und ohne irgendeinen Verstoß gegen irgend ein Kirchengesetz möglich und auch angezeigt ist, dann wären wir schon wesentlich weiter.

In diesem Zusammenhang möchte ich nur auf drei Aufgaben hinweisen, wobei der Schwerpunkt auf dem dritten Punkt liegt, der das eigentliche Thema der diesjährigen Plenaria betrifft: 

1. Angesichts der gegenwärtigen Gefahr einer Erosion der Grundlagen, auf denen nach katholischem Verständnis die Ökumene beruht (UR 2-4), das sind die Taufe und der Taufglaube, also das Credo, ist eine neue Befestigung der Fundamente nötig. Das PCPUC hat eine solche Arbeit angestoßen, indem es die Bischofskonferenzen gebeten hat, mit den ökumenischen Partnern zu Abkommen über die gegenseitige Anerkennung der Taufe zu kommen bzw. bestehende Abkommen zu überprüfen und zu vertiefen. Dabei geht es nicht nur um die formale Anerkennung der Gültigkeit der Taufe, welche mit Wasser und in trinitarischer Form gespendet wird, sonder auch um eine Verständigung über das Verständnis der Taufe und das zur Taufe gehörige Glaubensbekenntnis. Das bisherige Echo auf diese Anregung ist ermutigend. Es ist freilich nötig, an diesem Projekt konsequent weiterzuarbeiten.

2. Aristoteles hat aufgezeigt, daß jede Gemeinschaft, auch der Staat für den Zusammenhalt auf Freundschaft angewiesen ist (Nik. Ethik 1155;1160a-61a). Freundschaft ist auch neutestamentlich eine wichtige Kategorie und eine Selbstbezeichnung der ersten Christen (Joh 15,11-15; 3 Joh 15). Ökumene wird nicht primär durch Dokumente und Aktionen befördert sondern durch die Konfessionsgrenzen überschreitende Freundschaften. Sie gehen aufgrund der einen Taufe, der gemeinsamen Gliedschaft am einen Leib Christi, des Lebens aus dem einen Heiligen Geist über rein menschliche Sympathie hinaus und schaffen erst das Klima des Vertrauens und der gegenseitigen Akzeptanz, das allein substantielle Fortschritte im theologischen Dialog ermöglicht. Das PCPUC bemüht sich darum möglichst viele persönlichen Kontakte zu knüpfen und an einem Netz ökumenischer Freundschaft mitzuwirken.

3. Die Seele und das Herz der ökumenischen Bewegung ist der geistliche Ökumenismus (UR 7 f; UUS 21). Wenn wir von ökumenischer Spiritualität sprechen, dann meinen wir mit diesem leider zum Allerweltsbegriff gewordenen Wort nicht eine vage, quallige, rein gefühlsmässige, vernunftscheue, subjektivistische  Spiritualität, welche sich nicht um die objektive Lehre der Kirche kümmert oder sich über sie hinwegsetzt. Vielmehr geht es um die subjektiv ganzheitlich angeeignete, durch die eigene Person hindurchgegangene, mit Leben erfüllte und in Kontakt mit dem Leben gebrachte Lehre der Schrift, der lebendigen Tradition der Kirche wie der Ergebnisse der ökumenischen Dialoge. Ein reiner ökumenischer Aktionismus läuft sich tot; Expertengespräche, so wichtig sie sind, gehen über die Köpfe der „normalen“ Gläubigen hinweg und an deren Herzen wie am Leben vorbei. Wir können die ökumenische Bewegung nur erweitern indem wir sie vertiefen.

Zur ökumenischen Spiritualität gehört in erster Linie das Gebet, das sich in der Gebetswoche für die Einheit konzentriert; in ihm wird uns bewußt, daß wir die Einheit nicht „machen“ können. Einheit ist ein Geschenk des Geistes, die wir als Menschen nicht herstellen können (UUS 21-27). Wichtig ist die persönliche Bekehrung und die persönliche Heiligung, denn ohne persönliche Bekehrung und institutionelle Erneuerung keine Ökumene (UUS 15 f; 21; 34 f; 82 f), schließlich eine Spiritualität der communio (Novo millennio ineunte, 43-45). Weiter möchte ich nennen: das gemeinsame Lesen und Betrachten der Hl. Schrift, der Austausch zwischen Klöstern, Kommunitäten und geistlichen Bewegungen, der Besuch der Wallfahrtsorte und geistlichen Zentren, die Beschäftigung mit den großen Zeugen des Glaubens und den neuen „Märtyrern“. Das sind Beispiele, die sich ergänzen lassen. Ich füge noch hinzu, daß vermutlich das Thema der Mariologie und der Marienverehrung nur in einem spirituellen Kontext ökumenisch sachgerecht und erfolgversprechend angegangen werden kann.

Ohne dem Referat von Bischof Kurt Koch und der daran anschliessenden Diskussion vorgreifen zu wollen, scheint es mir möglich zu sein, ausgehend von einem gereinigten und geklärten Verständnis von ökumenischer Spiritualität zu einer erneuerten und vertieften ökumenischen Praxis zu kommen, welche dem ökumenischen Anliegen neuen Elan gibt und aus den gegenwärtigen Schwierigkeiten, Aporien und Krisen herausführt. 

***

Fragen für die Diskussion im Anschluß an die Prolusio: 

1. Ist die Beschreibung der ökumenischen Situation, ihrer positiven wie ihrer kritischen Aspekte, angemessen? Ergeben sich aus der pastoralen Erfahrung der Mitglieder der Plenaria wichtige zusätzliche Aspekte?

2. Findet die theologische Grundlegung der Arbeit des PCPUC die Zustimmung der Plenaria? Welche Anmerkungen zur Arbei des PCPUC in den letzten beiden Jahren können Sie machen, welche Anregungen für die künftige theologische und pastorale Arbeit und den Dialog möchten Sie geben?

3. Ist die Ausrichtung der konkrete ökumenischen Arbeit für die unmittelbare Zukunft, insbesondere die Betonung des geistlichen Ökumenismus, theologisch und pastoral richtig gewählt?

4. Welche Empfehlungen für die Konferenz der Vorsitzenden der Ökumenekommissionen der Bischofskonferenzen, der Versammlungen der Bischofskonferenzen und der Synoden der Patriarchate sui iuris im nächsten Jahr möchten Sie aussprechen? 

 

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