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KOMMISSION FÜR DIE RELIGIÖSEN BEZIEHUNGEN MIT DEM JUDENTUM

IV. EUROPÄISCHER TAG DER JÜDISCHEN KULTUR

BETRACHTUNGEN VON KARD. WALTER KASPER

Antisemitismus: Eine Wunde, die der Heilung bedarf

 

 

Zusammen mit dem Glauben der Väter und mit der Thora verkörperte der Tempel in Jerusalem – zumindest bis Titus ihn im Jahr 70 zerstörte – das Herz des Judentums, mit Ausnahme einiger Gruppen wie der Essener und der Samaritaner. Der Tempel war ein Ort der Versammlung und des Gebetes auch für die ersten Jünger des Auferstandenen, die manchmal von den Obrigkeiten mit Mißtrauen betrachtet, vom Volk aber geachtet wurden, dessen Glauben an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, Saras und Rebekkas, Rahels und Leas sie teilten. Es war in allen das Bewußtsein lebendig, daß sie zu dem einen Volk Gottes gehörten, mit dem der Allerhöchste durch den Schwur, den er den Vätern geleistet hatte, einen Bund geschlossen hatte. Nach dem Durchzug durch das Rote Meer wurde der Schwur besiegelt und war offen für die Verheißung und die Hoffnung auf Erneuerung und universale Erlösung, gemäß der messianischen Verkündigung der Propheten.

Der Pharisäer Gamaliel hatte klugerweise den Hohen Rat davor gewarnt, eine neue geistliche Bewegung zu zerstören, die in Simon Petrus und Jakobus ihre beiden charismatischen Führungspersönlichkeiten gefunden hatte und die jüdische Tradition und Hoffnung Israels vielleicht richtig zum Ausdruck brachte. Ein anderer Pharisäer, Schüler von Gamaliel, der junge Saulus von Tarsus, setzte sich zuerst den Jüngern Jesu mit Gewalt entgegen, aber nach einem außergewöhnlichen Bekehrungserlebnis bejahte er das Evangelium und wurde zum Paulus, dem Heidenapostel, der bis zu seinem Martyrium in Rom den Mittelmeerraum und das Römische Reich durchquerte.

Dem einen Volk Gottes, Israel, wollte er den wilden Olivenbaum der Heiden einpfropfen. So hat die Kirche Christi »auf dem Fundament der Apostel und Propheten« (Eph 2,20) konkretere Form angenommen in den beiden Zweigen der Ecclesia ex circumcisione und der Ecclesia ex gentibus, wie man es im frühchristlichen Mosaik der Kirche Santa Sabina auf dem Aventin bewundern kann.

Die Heiligen Schriften insgesamt – sowohl die jüdischen des TaNaK (Thora, Nevi ’im und Ketuvim), die dann im christlichen Kanon Altes Testament genannt werden, sowie jene des Neuen Testamentes – stimmen in dem Zeugnis überein, daß Gott seinen Bund mit dem jüdischen (oder »hebräischen«) Volk der zwölf Stämme Israels nicht aufgegeben hat. Natürlich wird das, was als gefährlicher exklusiver Partikularismus erscheinen könnte, in den Schriften selbst durch einen zweifachen Universalismus ausgeglichen: sowohl ad intra in der Spannung zwischen der jüdischen Diaspora und den Juden des Landes Israel (Erez Israel) als auch ad extra in der Spannung zwischen dem jüdischen Volk (’am Israel) und allen Völkern, die gerufen sind, in dieselbe Gemeinschaft des Friedens und der Erlösung des ersten Bundesvolkes einzutreten.

Die Kirche als »messianisches Volk« tritt nicht an Israels Stelle, sondern wird dort, nach der paulinischen Lehre, eingepfropft durch die Zugehörigkeit zu Christus, dem Erlöser der Welt, der gestorben und auferstanden ist. Diese Verbundenheit ist ein tiefgreifendes, einzigartiges und christlicherseits ununterdrückbares Band. Die entgegengesetzte Auffassung von einem Volk Israel, das einst (»olim«) auserwählt gewesen war, aber dann für immer von Gott verstoßen und nun durch die Kirche ersetzt worden ist, stellt, obwohl sie über zwanzig Jahrhunderte lang weit verbreitet war, in Wirklichkeit keine Glaubenswahrheit dar, wie man in den alten Glaubensbekenntnissen der frühen Kirche und auch in der Lehre der bedeutendsten Konzilien sehen kann, besonders im Zweiten Vatikanum (Lumen Gentium, 16, Dei Verbum, 14–16, Nostra Aetate, 4). Im übrigen wurden weder Hagar noch Ismael von Gott verstoßen, der sie zu »einem großen Volk« (Gen 21,13) machte; und Jakob, der schlaue »Verdränger «, wurde schließlich von Esau umarmt. Das jüngste Dokument der Päpstlichen Bibelkommission, Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel (2001), hat die »überraschende Kraft der geistlichen Bande, die die Kirche Christi mit dem jüdischen Volk verknüpfen« (Nr. 85), anerkannt und schließt mit folgenden Worten: »In der Vergangenheit mochte zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten der Bruch zwischen dem jüdischen Volk und der Kirche Jesu Christi fast vollständig erscheinen. Im Lichte der Schrift sieht man, daß es dazu niemals hätte kommen dürfen. Denn ein vollständiger Bruch zwischen Kirche und Synagoge widerspricht der Heiligen Schrift« (ebd.).

Im aktuellen Kontext, der nicht von dem furchtbaren Blutbad der Schoah im 20. Jahrhundert absehen kann, hat Joseph Kardinal Ratzinger in der Einleitung dieses Dokumentes folgerichtig die Frage gestellt: »Hat nicht die Darstellung der Juden und des jüdischen Volkes im Neuen Testament selbst dazu beigetragen, eine Feindseligkeit dem jüdischen Volk gegenüber zu schaffen, die der Ideologie derer Vorschub leistete, die Israel auslöschen wollten?« Das Dokument gibt ehrlich zu, daß viele den Juden gegenüber kritische Stellen aus dem Neuen Testament »als Vorwand für den Antijudaismus dienen können und daß sie in der Tat auch dazu benützt worden sind« (Nr. 87). Einige Jahre zuvor hatte Papst Johannes Paul II. selbst erklärt, daß »in der christlichen Welt – und ich spreche nicht von der Kirche als solcher – irrige und ungerechte Interpretationen des Neuen Testamentes bezüglich des jüdischen Volkes und seiner angeblichen Schuld allzu lange Zeit im Umlauf [waren und] Gefühle der Feindschaft diesem Volk gegenüber verursacht [haben]« (Ansprache an die Teilnehmer des Symposiums über die Wurzeln des Antijudaismus vom 31. Oktober 1997, in: O.R. dt., Nr. 48, 28.11.1997, S.7,1). So geschieht es, daß »die antijüdische Gesinnung in einigen christlichen Kreisen und die Kluft zwischen der Kirche und dem jüdischen Volk […] zu einer allgemeinen Diskriminierung« der Juden im Lauf der Jahrhunderte, vor allem im christlichen Europa, führte« (Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, Wir erinnern: eine Reflexion über die Schoah, 16. März 1998, in O.R. dt., Nr. 14, 3.4.1998, S.7–9).

Im Lauf des 19. Jahrhunderts, in einem veränderten historischen Kontext, der auf die Überwindung der alten Regierungsform gerichtet war, die Kirche und Staat vereint hatte, »begann sich in unterschiedlichem Maße in vielen Teilen Europas langsam ein Antijudaismus aus[zubreiten], der im wesentlichen eher soziologisch und politisch als religiös begründet war« (ebd.). Diese Entwicklung einer anti-jüdischen Haltung zusammen mit verworrenen Theorien über die Entwicklung und die Überlegenheit der »arischen Rasse« hatte das zur Folge, was damals »Antisemitismus « genannt wurde; er war gekennzeichnet von Gewalttätigkeiten, Pogromen und antijüdischen Schriften in der Art der »Protokolle der alten Weisen von Zion«. In einer solchen Mentalität, die von Verachtung und sogar von Haß gegen die Juden durchdrungen war, die entsetzlicher Verbrechen wie des Ritualmordes beschuldigt wurden, reifte die unsagbare Tragödie der Schoah heran, der furchtbare vom nationalsozialistischen Regime entworfene Plan der Ausrottung, der die jüdischen Gemeinden in Europa während des Zweiten Weltkrieges traf. Die ideologischen Voraussetzungen für die Schoah, die schon vor dem Krieg weit verbreitet waren in Werken wie Mein Kampf und Der Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts (letzteres wurde auf den Index gesetzt), fanden nicht genügend Widerstand, weder auf kultureller Ebene noch im rechtlichen Bereich noch bei den christlichen Gemeinden, auch wenn Reaktionen wie die von G. Semeria, G. Bonomelli oder des jungen A. Bea nicht fehlten. Leider aber fehlte es zwischen dem Ende des 19. und den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nicht an Beispielen für katholische, auch sehr einflußreiche Zeitschriften, die antisemitische Artikel veröffentlichten. »Mehr im allgemeinen waren die antijüdischen Vorurteile immer vorhanden, die aus der mittelalterlichen ›Lehre der Verachtung‹ entsprangen, die eine Quelle der Stereotypen und des Volkshasses waren « (J. Willebrands). Daher kann man in diesem Sinne behaupten, daß eine solche Haltung eine für die Verbreitung des modernen Antisemitismus förderliche Umgebung geboten hat. Und es soll noch angemerkt werden, daß die Verantwortung für diese Wurzeln des Hasses in unterschiedlichem Maß und mit wenigen Ausnahmen die Christenheit des Westens und des Ostens trifft; deshalb verlangt sie heute eine gemeinsame ökumenische Reaktion.

Auch das vatikanische Dokument Wir erinnern (Nr. II) erklärt: »Die Tatsache, daß die Schoah in Europa stattfand, das heißt in Ländern mit einer langen christlichen Kultur, wirft die Frage nach der Beziehung zwischen der Verfolgung durch die Nationalsozialisten und der Haltung der Christen gegenüber den Juden in allen Jahrhunderten auf.« Auch wenn es vor und während der Schoah einzelne Fälle der Verurteilung und der Reaktion auf den Antisemitismus gab – sowohl durch heroische Taten im persönlichen Bereich bis hin zum Martyrium wie im Fall des Propstes von Berlin, Bernhard Lichtenberg, wie auf institutioneller Ebene durch die Verurteilung des Antisemitismus (zum Beispiel von seiten Papst Pius’ XI. 1938) –, war im allgemeinen »der geistige Widerstand und das konkrete Handeln anderer Christen nicht so, wie man es von den Jüngern Christi hätte erwarten können« (ebd., IV). Auch in diesem Fall können wir also, besonders in bezug auf den Antisemitismus und die Schoah, mit Recht von der Notwendigkeit sprechen, einen Prozeß der Umkehr (teshuvà) vollziehen zu müssen, der in beispielhafte und konkrete Taten münden sollte, insofern wir »als Glieder der Kirche sowohl an den Sünden als auch an den Verdiensten all ihrer Kinder teilhaben « (ebd., V). Sicher hat der Papst am 12. März 2000 in der Petersbasilika ein solches Zeichen gesetzt und es am 26. März in Jerusalem an der Klagemauer besiegelt. Wir alle sind aufgerufen, in unserer inneren Einstellung, im Beten und im Handeln an diesem Weg der Bekehrung und der Versöhnung teilzuhaben, weil es sich um einen Anspruch handelt, der in capite et membris erfüllt werden muß und der sich nicht auf maßgebliche bedeutsame Gesten oder Dokumente auf höherer Ebene beschränkt.

Diese erste grundlegende geistliche und moralische Verpflichtung betrifft uns alle, insofern wir Christen sind, und hat deshalb – können wir sagen – eine ausgeprägt ökumenische Dimension. Eine zweite Folgerung, gleichermaßen theologischer Natur, ist die, die aus dem tiefen, festen und besonderen Band erwächst, das die Kirche und das jüdische Volk als »erstes Bundesvolk« (vgl. die Großen Fürbitten am Karfreitag) miteinander verbindet.

Dieses Band hält uns einerseits dazu an, das jüdische Volk zu achten und zu lieben, andererseits können wir im Antisemitismus eine weitere Dimension entdecken, im Vergleich zur allgemeinen Dimension des Rassismus oder der religiösen Diskriminierung, die der Antisemitismus mit anderen Formen des ethnischen, kulturellen oder religiösen Hasses gemeinsam hat, wie es im Dokument Die Kirche im Angesicht des Rassismus (Päpstliche Kommission Justitia et Pax, 3. November 1988, I, Nr. 15) beschrieben wird. Es handelt sich hier nicht nur um die kulturelle, soziale, politische oder ideologische, allgemeiner, die »weltliche« Dimension des Antisemitismus, die uns sehr beunruhigen muß, sondern um einen besonderen Aspekt, nämlich den, der vom Apostolischen Stuhl schon im Jahr 1928 ganz entschieden verurteilt wurde, als der Antisemitismus als »odium adversus populum olim a Deo electum« definiert wurde (AAS XX/1928, S. 103–104). Heute, im Abstand von 75 Jahren, betrifft die einzige Änderung, zu der wir uns verpflichtet fühlen, das Weglassen des »olim« (einstmals): Das ist nicht wenig, weil wir, indem wir die immerwährende Aktualität des Bundes zwischen Gott und seinem Volk Israel anerkennen, zusammen mit unseren jüdischen Brüdern die unwiderrufliche Universalität der Berufung entdecken können, der Menschheit in Frieden und Gerechtigkeit zu dienen bis zur vollen Ankunft seines Reiches. Das empfiehlt auch der Papst in seinem Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Ecclesia in Europa vom 28. Juni dieses Jahres, in dem er auf die »Beziehung, die die Kirche mit dem jüdischen Volk verbindet«, und die »einzigartige Rolle Israels in der Heilsgeschichte« hinweist (Nr. 56). Papst Johannes Paul II. fährt mit der Beobachtung fort, daß es gilt, »die gemeinsamen Wurzeln anzuerkennen, die zwischen dem Christentum und dem jüdischen Volk bestehen, das von Gott zu einem Bund berufen wurde, der nicht widerrufen werden kann (vgl. Röm 11,29), weil er in Christus die endgültige Erfüllung erlangt hat. Der Dialog mit dem Judentum muß deshalb im Wissen um seine fundamentale Bedeutung für das christliche Selbstbewußtsein und für die Überwindung der Spaltungen zwischen den Kirchen gefördert« werden (ebd.). Der Dialog und die Zusammenarbeit zwischen Christen und Juden »führt unter anderem dazu, daß ›man sich daran erinnert, welchen Anteil die Söhne der Kirche an der Entstehung und Verbreitung einer antisemitischen Haltung in der Geschichte haben mochten, und daß man dafür Gott um Vergebung bittet und auf jede Weise Begegnungen der Versöhnung und der Freundschaft mit den Söhnen und Töchtern Israels fördert‹« (ebd.). In diesem Geist wiedergefundener Brüderlichkeit wird ein neuer Frühling für die Kirche und die Welt anbrechen, wobei das Herz von Rom nach Jerusalem und auf das Land der Väter gewendet ist, damit auch dort bald dauerhafter Frieden und Gerechtigkeit für alle als hochgehaltene Fahne unter den Völkern entstehen und reifen kann.

 

Kardinal Walter Kasper
Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen
und der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum

  

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