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KOMMISSION DES HL. STUHLS FÜR DIE RELIGIÖSEN BEZIEHUNGEN
ZUM JUDENTUM

GEMEINSAME ERKLÄRUNG DER DELEGATIONEN DES HL. STUHLS FÜR DIE RELIGIÖSEN BEZIEHUNGEN ZUM JUDENTUM UND DES OBBERRABBINATS ISRAELS FÜR DIE BEZIEHUNGEN MIT DER KATHOLISCHEN KIRCHE

Grottaferrata-Rom, 17.-19. Oktober 2004;
2.-4. MarCheshwan 5765

 

1. Das vierte Treffen der beiden hochrangigen Delegationen fand in Grottaferrata (Rom) in einer von Freundschaftlichkeit und Herzlichkeit geprägten Atmosphäre statt; es hatte zum Thema: »Eine gemeinsame Vision von sozialer Gerechtigkeit und ethischem Verhalten«. Diese Begegnung war die Fortsetzung der drei vorhergehenden erfolgreichen Treffen in Jerusalem und Rom, die folgenden Themen gewidmet waren: »Heiligkeit des menschlichen Lebens und Werte der Familie« und »Die Bedeutung zentraler religiöser Lehren in den Heiligen Schriften, die wir gemeinsam haben, für die gegenwärtige und künftige Gesellschaft«.

2. Die Vorsitzenden der Delegationen, Kardinal Jorge Mejía und Oberrabbiner Shear Yashuv Cohen, verliehen zu Beginn in ihren Willkommensworten ihrer Zufriedenheit und Freude darüber Ausdruck, daß die Treffen in einem Geist des Gebets und mit einer sich vertiefenden Beziehung von Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedern der Delegationen fortgeführt werden. Dies ist ein vielversprechendes Zeichen für die Zukunft.

3. Die bilaterale Kommission bestätigte ihre Verpflichtung auf die Grundsatzerklärungen der vorangehenden Treffen, die eine Aufforderung zu wechselseitigem Respekt vor der unterschiedlichen religiösen Identität einschloß; und sie bekräftigte die gemeinsame Ablehnung jeglichen Versuchs, Gläubige zu überreden, ihr eigenes Erbe zu verwerfen. Die Kommission bestätigte in gleicher Weise die in den früheren Erklärungen erfolgte Verurteilung von Gewalt und Terror, die im Namen der Religion ausgeübt werden, als eine Entweihung der Religion selbst; ebenso verurteilte sie die wiederauflebenden Äußerungen des Antisemitismus, den Papst Johannes Paul II. »eine Sünde gegen Gott und die Menschheit« genannt hat.

4. Die Beratungen des gegenwärtigen Treffens konzentrierten sich auf die untrennbare Verbindung zwischen Glauben und sozialer Gerechtigkeit. Diese gründet auf der Überzeugung, daß alle moralischen Werte ihre Quelle in Gott haben und in der biblischen Lehre wurzeln, nach der jede einzelne menschliche Person nach dem Bild Gottes geschaffen ist (Gen 1,26). Entsprechend verwerfen unsere jeweiligen religiösen Traditionen kategorisch einen moralischen Relativismus.

5. Weiterhin verlangen die biblischen Lehren, daß das Ziel der Gerechtigkeit (»zedek umishpat«) auf den Wegen der menschlichen Wohltätigkeit und des Erbarmens (»chesed werachamim«) erreicht werden muß. Das erfordert von uns das Bemühen, über den Buchstaben des Gesetzes hinauszugehen (»lifnim mishurat hadin«) – zum Wohl der ganzen Gesellschaft.

6. Die gemeinsame Kommission rief dementsprechend zu besonderer Aufmerksamkeit auf: für die Herausforderungen der Armut, Krankheit und Marginalisierung; für die ungleiche Verteilung der Ressourcen zu deren Bekämpfung; für die Probleme der Globalisierung ohne menschliche Solidarität; für die Notwendigkeit, Konflikte friedlich zu lösen; für unsere Verantwortung angesichts des Schreckgespensts des Terrorismus in all seinen Erscheinungen.

Als Menschen des Glaubens und einer moralischen Tradition sind wir dazu aufgerufen, auf die sich daraus ergebenden Konsequenzen und Implikationen Antwort zu geben; wir müssen in dieser Hinsicht auch auf die soziale Krise reagieren, die durch den extremen Individualismus und Materialismus hervorgerufen wurde. Diesbezüglich wurde der Mißbrauch der Sexualität ebenso in besonderer Weise benannt wie die wirtschaftliche Ausbeutung, die zu neuen Formen der Sklaverei führt; dazu gehört der Handel mit Frauen und Kindern, der die Würde der menschlichen Person verletzt.

7. Als Menschen, die an den einen Gott glauben, dessen Name »Friede« ist, haben wir zu Ihm gebetet, damit Krieg, Blutvergießen, Gewalt und Leiden in der Welt aufhören – insbesondere im Heiligen Land. Die Mitglieder der gemeinsamen Kommission haben dementsprechend ihre Gemeinschaften und führenden Persönlichkeiten in der ganzen Welt aufgefordert, in gleicher Weise das Gebet und die Arbeit für die Förderung von Frieden und Eintracht überall zu intensivieren.

8. Da dieses Treffen unmittelbar vor dem 30. Jahrestag der Einrichtung der Kommission des Heiligen Stuhls für die religiösen Beziehungen zum Judentum stattfand (am 22. Oktober 1974), haben die Delegationen die Gelegenheit ergriffen, ihre Anerkennung für die Rolle zum Ausdruck zu bringen, die die Kommission bei der Umsetzung von Nostra aetate (Nr. 4) und den nachfolgenden Erklärungen und Dokumenten gespielt hat – diese haben die Versöhnung von Katholiken und Juden, ihre Zusammenarbeit und das gegenseitige Verständnis gefördert.

Grottaferrata (Rom), 19. Oktober 2004 – 4. MarCheshvan 5765

Oberrabbiner Shear Yashuv Cohen (Vorsitzender der jüdischen Delegation)
Oberrabbiner Rasson Arussi
Oberrabbiner Yossef Azran
Oberrabbiner David Brodman
Oberrabbiner David Rosen
H. Oded Wiener

Kardinal Jorge Mejia (Vorsitzender der katholischen Delegation)
Kardinal Georges Cottier OP
Erzbischof Pietro Sambi
Bischof Giacinto-Boulos Marcuzzo
Msgr. Pier Francesco Fumagalli
Msgr. Ambrogio Spreafico
P. Norbert Hofmann SDB

 

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