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WICHTIG
Dieser Text ist eine deutsche Übersetzung von Teilen der internationalen
Ausgabe der Schriften für die Gebetswoche 2013
Bitte wenden Sie sich an die Ökumenekommission der Bischofskonferenz
Ihres Landes oder an die Synode Ihrer Kirche, um eine Ihren örtlichen
Verhältnissen angepasste Version zu erhalten
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Texte für
die Gebetswoche für die Einheit der Christen
und das ganze Jahr 2013
Mit Gott gehen
(Micha 6,6–8)
Biblischer Text für 2013
Womit soll ich vor den Herrn treten, wie mich beugen vor dem Gott in der Höhe? Soll ich mit Brandopfern vor ihn treten, mit einjährigen Kälbern? Hat der Herr
Gefallen an Tausenden von Widdern, an zehntausend Bächen von Öl? Soll ich meinen
Erstgeborenen hingeben für meine Vergehen, die Frucht meines Leibes für meine
Sünde?
Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet:
Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben, in Ehrfurcht den
Weg gehen mit deinem Gott.
Einführung in das Thema des Jahres 2013
Mit Gott gehen
(Micha 6, 6–8)
Die Christliche Studierendenbewegung in Indien (SCMI) feierte 2012 ihr
100jähriges Jubiläum. Das war ein guter Anlass, SCMI zu bitten, die Materialien
für die Gebetswoche für die Einheit der Christen (GEWO) 2013 vorzubereiten.
Unter Mitarbeit des Bundes Katholischer Universitäten in Indien und des
Nationalen Kirchenrates in Indien wurde im Vorbereitungsprozess schnell
deutlich, dass die Situation der Dalits im Zentrum der Überlegungen stehen
sollte. Die Dalits sind in der indischen Gesellschaft, aber auch in den Kirchen
Indiens, großer Ungerechtigkeit ausgesetzt. Die Suche nach der sichtbaren
Einheit der Christen kann nicht getrennt werden vom Abbau des Kastenwesens und
vom Aufbau der Beteiligung der Ärmsten an der Einheit.
Die Dalits sind in der indischen Gesellschaft die Ausgestoßenen. Sie haben am meisten unter dem Kastensystem zu leiden: jener starren sozialen
Schichtung, die sich auf Vorstellungen ritueller Reinheit beziehungsweise
Unreinheit gründet. Im Kastensystem werden die Kasten in „höher“ und „niedriger“
eingestuft. Die Dalits gelten als die, die am wenigsten rein sind und die am
meisten verunreinigen. Sie stehen deshalb sogar außerhalb des Kastensystems und
wurden oft als „Unberührbare“ bezeichnet. Durch das Kastenwesen sind die Dalits
sozial ausgegrenzt, politisch unterrepräsentiert, wirtschaftlich ausgebeutet und
kulturell unterjocht. Fast 80 Prozent der indischen Christen haben einen
Dalit-Hintergrund.
Obwohl die Kirchen in Indien im 20. Jahrhundert eine außerordentlich positive Entwicklung genommen haben, bleiben
sie doch getrennt durch Unterschiede in Lehre und Bekenntnis. Diese Trennung ist
Teil des europäischen Erbes. Verschärft wird die Uneinigkeit in den Kirchen und
zwischen ihnen durch das Kastensystem. Ebenso wie Apartheid, Rassismus und
Nationalismus stellt das Kastenwesen eine schwere Herausforderung für die
Einheit der Christen in Indien und so für das glaubwürdige Zeugnis von der
Kirche als dem einen Leib Christi dar.
In der Gebetswoche für die Einheit der Christen sind wir eingeladen, auf den
Propheten Micha zu hören. Micha 6,6–8 stellt uns die Frage, was das heißt: Mit Gott gehen? Was erwartet Gott von uns? Die Erfahrung der Dalits dient dabei gleichsam als
Prüfstein, dem unser theologisches Nachdenken standhalten muss.
Micha gehört zu den sogenannten zwölf kleinen Propheten des Alten Testaments. Als Prophet hat er etwa zwischen 737 und 690 v. Chr. in Juda gewirkt. Während dieser Zeit regierten drei Könige: Jotam, Ahas und Hiskija (Mi 1,1). Micha stammte aus Moreschet südwestlich von Jerusalem. Er war ein Zeitgenosse
Jesajas, lebte unter den selben politischen, wirtschaftlichen, moralischen und
religiösen Bedingungen. Beide prophezeiten den Untergang Samarias und den
Einfall des assyrischen Königs in das südliche Königreich, Juda, im Jahre 701 v.
Chr. Die Klage über das Elend seines Volkes ist der bestimmende Ton Michas. Sein ganzer Zorn richtet sich gegen die Oberschicht des Landes (Mi 2,1–5) sowie
die Priester, die das Volk betrogen hatten.
Kern der prophetischen Botschaft Michas ist die Ankündigung des göttlichen
Gerichts. Das Buch Micha ist in drei Abschnitte unterteilt: Drohreden in Kapitel
1–3, Verheißungen in Kapitel 4–5 sowie weitere Drohreden und Verheißungen in
Kapitel 6–7. Im ersten Teil geht Micha sowohl mit den politischen als auch den
religiösen Autoritäten hart ins Gericht. Er wirft ihnen vor, ihre Macht zu
missbrauchen und die Armen zu berauben: „Sie ziehen den Leuten die Haut ab“
(3,2b) und „sprechen Recht und nehmen dafür Geschenke an“ (3,11). Im zweiten Abschnitt des Buches ermahnt Micha die Menschen zur Völkerwallfahrt
„hinauf zum Berg des Herrn ... er zeige uns seine Wege und auf seinen Pfaden
wollen wir gehen“ (4,2). Im dritten Teil wird Gottes Gericht angesagt, verbunden mit dem Aufruf, auf
Erlösung zu hoffen, im Vertrauen auf Gott, der „Schuld verzeiht und Unrecht
vergibt“ (7,18). Die Hoffnung konzentriert sich auf den Messias, der „der
Friede“ (5,4) sein wird. Er wird aus Bethlehem kommen (5,1) und das Heil „bis an
die Grenzen der Erde“ (5,4) bringen. Micha ruft letztlich alle Nationen der Welt auf, sich an dieser Völkerwallfahrt
zu beteiligen. Auch sie haben Anteil am Heil, an Gerechtigkeit und Frieden.
ichas Ruf nach Gerechtigkeit und Frieden verdichtet sich in den Kapiteln 6,1
bis 7,7. Aus diesem Abschnitt stammt auch das Motto der diesjährigen Gebetswoche für die
Einheit der Christen. Gerechtigkeit und Frieden gehören unabdingbar hinein in
die Beziehung zwischen Gott und den Menschen. Deshalb gehört zu dieser Beziehung
auch immer schon eine ethische Forderung. Wie auch andere Propheten in der Zeit
des israelitischen Königtums erinnert Micha die Menschen daran, dass Gott sie
aus der Sklaverei in Ägypten befreit und durch den Bundesschluss dazu
verpflichtet hat, für Würde, Gleichheit und Gerechtigkeit zu arbeiten. Der
Glaube ist nicht zu trennen von persönlicher Heiligung und der Suche nach
sozialer Gerechtigkeit. Anbetung, Opfergaben und Brandopfer (6,7) sind keine
ausreichende Antwort darauf, dass Gott aus Sklaverei und der täglichen
Unterdrückung rettet. Er will, dass wir „Recht tun, Güte und Treue lieben und in
Ehrfurcht den Weg mit Gott gehen“ (6,8).
In vielerlei Hinsicht gleicht die Lebenssituation des Volkes Gottes zur Zeit
Michas der Lebenssituation der Dalits in Indien heute. Auch die Dalits sind
Unterdrückung und Ungerechtigkeit ausgesetzt. Ihre Rechte und ihre Würde werden
ihnen vielfach abgesprochen. Micha findet starke Worte für die, die das Volk
habgierig ausbeuten. In Gottes Namen bezeichnet er sie als die, die „mein Volk
auffressen, die den Leuten die Haut abziehen und ihre Knochen zerbrechen“ (3,3).
Religiöse Rituale und Opfergaben werden entwertet, wenn sie kein Interesse an
Gerechtigkeit haben. Gott aber will, dass die Gerechtigkeit das Herzstück unseres Glaubens und
unserer religiösen Rituale ist. Für die Dalits, die durch religiöse
Vorstellungen von Reinheit und Unreinheit diskriminiert werden, bleibt die
Botschaft Michas wirklich prophetisch. Der Glaube wird bedeutungslos, wo er
nicht nach Gerechtigkeit fragt. Dass Micha Ethik und Glauben zusammenhält,
stellt uns die Frage, was das heißt: Mit Gott gehen. Gott erwartet von uns mehr
als Opfergaben: Er will, dass wir mit ihm gehen auf dem Weg der Gerechtigkeit
und des Friedens.
Mit Gott gehen – das Thema der Gebetswoche wurde bewusst so formuliert. Durch
die Metapher des „Gehens“ werden die acht Gebetstage mit einem sehr dynamischen
Begriff verbunden. Diese Dynamik braucht es, wo es um Christusnachfolge geht.
Außerdem klingt im Thema der Gebetswoche das Thema der zehnten Versammlung des
Weltkirchenrates (WCC) an, die 2013 in Busan, Korea, stattfindet: „Gott des
Lebens, führe uns zu Gerechtigkeit und Frieden“.
Die acht Unterthemen der Woche benennen verschiedene Aspekte des „Gehens“ und
damit verschiedene Dimensionen der Christusnachfolge:
• Mit Gott gehen –
Miteinander im Gespräch sein
• Mit Gott gehen –
Unterwegs sein mit dem gebrochenen Leib Christi
• Mit Gott gehen –
Unterwegs zur Freiheit
• Mit Gott gehen –
Unterwegs als Kinder der Erde
• Mit Gott gehen –
Unterwegs als Freunde Jesu
• Mit Gott gehen – Grenzen
überschreiten
• Mit Gott gehen –
Unterwegs in Solidarität
• Mit Gott gehen –
Miteinander feiern
Dadurch, dass die Lebenssituation der Dalits in Indien im Zentrum der
Gebetswoche steht, wurde der Weg der Christusnachfolge – bildlich gesprochen –
„ein Weg, der vom Trommelschlag der Dalits begleitet wird“. Einige Gemeinden der Dalits haben sich durch professionelles, rituelles Trommeln
miteinander verbunden. Mit dem Trommeln erflehen die Dalits nicht nur die
Gegenwart des Göttlichen, sie erleben es auch als Stärkung für ihren Weg durch
unsichere Zeiten und alles Böse hindurch. Heutzutage wird das Trommeln der
Dalits als Ausdruck ihrer Kultur und Identität wieder neu entdeckt. Wenn wir von
„dem Weg der Christusnachfolge, der von Dalit-Trommeln begleitet wird“,
sprechen, werden wir daran erinnert, dass der Weg Gottes ein Weg zu, für und mit
denen ist, die am meisten ausgegrenzt werden. Nachfolge heißt, dem Bösen die
Stirn zu bieten zum Wohle aller. Die Dalits leben das vor. Nachfolge heißt,
offen zu sein für überraschende Erfahrungen der Gegenwart Christi. Auch das
lernen wir von den Dalits. Diese Nachfolge wird zu wahrer Solidarität
christlicher Einheit führen, frei von Diskriminierung und Ausgrenzung.
Einer der Berufe, mit denen Dalits ihren Lebensunterhalt verdienen, ist das
Nähen von Sandalen. Das soll uns ein Symbol sein für ihren zähen Kampf gegen
Ungerechtigkeit und ihren ausdauernden Weg, hin zu einer menschlichen
Gesellschaft. Wir erhoffen uns von den täglichen Meditationen, dass die
Erfahrungen der Dalits für uns gleichsam zu Sandalen werden, die wir auf unserem
Weg mit Gott anziehen.
„Jedes auf den Kasten gründende Vorurteil in den Beziehungen zwischen Christen
widerspricht der wahren menschlichen Solidarität, bedroht die wahre
Spiritualität und behindert den Evangelisierungsauftrag der Kirche“, sagte der
verstorbene Papst Johannes Paul II 2003 bei seinem Besuch in Indien.[1]
Möge der Gott der Gerechtigkeit, der Einheit und des Friedens uns zum Zeichen
wahrer Menschlichkeit werden lassen und uns stärken, gemeinsam zu tun, was er
von uns fordert: Mit Gott gehen.
Ökumenischer Gottesdienst
L Liturgen und Liturginnen
G Gemeinde
EG Evangelisches Gesangbuch (EGreg = in einigen Regionalteilen)
GL Gotteslob
TM Thuma Mina, Internationales Ökumenisches Gesangbuch
Einzug mit Eröffnung
Auftakt
Schlagen der Dalit-Trommeln (oder eine andere Trommelmusik)
Während der Trommelmusik können die Geistlichen und alle am Gottesdienst
Beteiligten in einer Prozession einziehen.
Der liturgischen Eröffnung kann eine persönliche Begrüßung der Gemeinde und eine
kurze Einführung in das Thema der Gebetswoche vorangehen.
I. Liturgische Eröffnung
Ruf zum Gebet
L Jesus
sagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen
versammelt sind, da bin ich mitten
unter ihnen“.
Wir wollen nun still
werden in der Gegenwart Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
G Amen.
Lied, z.B.: Herr, wir bitten, komm und segne
uns, EGreg
Gott ruft sein Volk zusammen, GL 640, EGreg
II. Lob und Dank
Als Zeichen der Einheit und Solidarität reicht sich die Gemeinde die Hände.
L Wir loben dich, Gott, liebender Vater, dass
du uns so verschieden geschaffen hast. Wir danken dir für das Geschenk unserer
vielen Kulturen, Ethnien und Sprachen, für die verschiedenen Formen des Glaubens, der Sitten und Traditionen. Auch für die vielen kirchlichen
Traditionen danken wir. Durch sie konnte deine Kirche in allen Kulturen lebendig
bleiben. Lehre uns, unsere Verschiedenheit in deiner Gegenwart so zu feiern,
dass Freundschaft und Gemeinschaft entstehen und wir zu größerer Einheit finden
G Wie gut und schön ist es, wenn Schwestern
und Brüder einträchtig zusammenleben!
L Wir preisen dich, Jesus Christus, für
deinen Tod und deine Auferstehung. Durch sie sind wir mit Gott und untereinander
versöhnt. Du lehrst uns, die Würde und den Wert aller Menschen zu achten. Wir
danken dir, dass du in unser Leben hineinredest und du uns zur Solidarität
aufrufst mit denen, deren Würde durch politische, soziale und wirtschaftliche
Strukturen verletzt wird. Hilf uns, die Botschaft der Hoffnung zu feiern, damit
wir mit deiner Hilfe überwinden können, was böse ist.
G Wie gut und schön ist es, wenn Schwestern
und Brüder einträchtig zusammenleben!
L Wir danken dir, Heiliger Geist, für das
Geschenk der Verbundenheit und Solidarität. Jenseits aller Trennungen gehört es
zum wertvollen Erbe unserer Völker und Kirchen. Das Band der Einheit ist ein
kostbarer Schatz, an dem wir uns freuen dürfen, wann immer wir um deine
Gegenwart bitten. Begeistere uns für den Weg zur sichtbaren Einheit der Kirche
und mit allen Menschen und Gruppen, die für das Leben kämpfen.
G Wie gut und schön ist es, wenn Schwestern
und Brüder einträchtig zusammenleben!
III. Sündenbekenntnis und Zusage der Vergebung
L In Christus sind wir eins. Doch weil wir schwach sind, bezeugen wir diese Wahrheit oft nicht. Wir bekennen
dem Herrn der Kirche, dass wir schuld sind an dem Mangel an Einheit und bitten
ihn, unsere Schwachheit zu heilen.
Stille
G Demütig treten wir vor dich,
Herr der Kirche, mit unserer Sünde der Zerrissenheit. Wir bekennen, dass wir noch zu sehr an dem festhalten, was uns trennt: Manchmal
an den Ansprüchen unserer Macht, oft an den Grenzen zwischen Kasten, Klassen und
Völkern. Als Kirchen haben wir unsere geschichtlichen und theologischen
Traditionen oft verwendet, uns gegenseitig herabzusetzen. Wir haben die
Einheit verletzt, zu der du uns berufen hast. Wir bitten dich: Vergib uns – und
hilf du uns zur Einheit.
Amen.
Bittgebet
L Komm in unsere Mitte, Jesus,
und heile uns und unsere Zerrissenheit. Führe uns den Weg der Gerechtigkeit,
damit alle leben können.
G Herr, erbarme dich.
L Komm in unsere Mitte, Jesus,
und lehre uns die Schreie derer zu hören, die ins Abseits gestoßen werden.
G Herr, erbarme dich.
L Komm in unsere Mitte, Jesus,
und begeistere uns dafür, mit allen zusammen zu arbeiten, die nach Befreiung
streben, damit wir in dir eins werden.
G
Herr, erbarme dich.
Zusage der Vergebung
L Wenn wir unsere Sünden
bekennen, ist er treu und gerecht; er vergibt uns die Sünden und reinigt uns von
allem Unrecht. (1 Joh 1,9)
Alle, die den Gottesdienst mitfeiern, sind eingeladen, diese Zusage der
Vergebung miteinander zu teilen, indem sie aufeinander zugehen und sich ein
Zeichen des Friedens geben. Dies kann durch Instrumentalmusik begleitet werden.
Lied
Dona nobis pacem, TM 129, EG 435
Dona nobis pacem in terra, TM 132
Meine engen Grenzen, EGreg
Im Frieden dein, GL 473, EG 222
IV. Wortliturgie
Lesung: Micha 6,6–8
Womit soll ich vor den Herrn treten, wie mich beugen vor dem Gott in der Höhe?
Soll ich mit Brandopfern vor ihn treten, mit einjährigen Kälbern? Hat der Herr
Gefallen an Tausenden von Widdern, an zehntausend Bächen von Öl? Soll ich meinen
Erstgeborenen hingeben für meine Vergehen, die Frucht meines Leibes für meine
Sünde? Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir
erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben, in
Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott.
Lied
Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht, TM 76, EGreg
Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte, TM 80
Herr, gib uns Mut zum Hören, GL 521, EGreg
Wohl denen, die da wandeln, GL 614, EG 295
Ein Glaubenszeugnis
Als sie zu Sarah Digal kamen, war sie nicht da. Sie war in die Sicherheit des
Dschungels geflohen mit ihren fünf Kindern und der Schwiegermutter. So setzten
sie alles in Flammen, was sie dagelassen hatte: ein gerahmtes Bild von Jesus,
eine Bibel in Oriya (der Sprache der Oriya), Küchenutensilien, einige
Kleidungsstücke, Matratzen und Bettzeug. Als Sarah die Lage wieder für sicher
hielt, schlich sie sich vorsichtig nach Hause und musste feststellen, dass sie
kein Heim mehr hatte. Es gab nur noch schwelende Glut, Asche und Rauch. Die
Nachbarn kamen, um ihr beizustehen. Aufrecht stehend sah Sarah sich das alles an
und zog dann ihren Sari fest über ihren Kopf. Sie begann zu beten. „Herr, vergib
uns unsere Sünden. Jesus, du bist der Einzige. Errette uns aus unserem Unglück.
Befreie uns, Herr.“ Die Worte überschlugen sich. Sarahs Kinder kamen langsam
hinzu. Weinend flehte sie Gott um Rettung an. Ihre Nachbarn und alle um sie
herum stimmten mit ein. Dieser Ausdruck menschlichen Mitgefühls half ihr, fest
zu glauben, dass nichts sie von ihrem Gott trennen kann. „Ich werde sterben.
Aber ich werde nicht aufhören, eine Christin zu sein“, sagte Sarah, die Dalit,
unter Tränen – Sie war eine treue Christin und eine mutige Frau!
(An dieser Stelle können weitere persönliche Glaubenszeugnisse gegeben werden.)
L In der Stille denken wir über dieses
Zeugnis (diese Zeugnisse) des Mutes und des
Glaubens nach. Es stärkt uns (sie stärken uns) auf unserem Weg des Glaubens.
Stille
Psalm 86, 11–16
(gelesen im Wechsel verschiedener Gruppen)
Weise mir deinen Weg, o Herr,
ich will ihn
gehen in Treue zu dir.
Richte mein
Herz darauf hin, allein deinen Namen zu fürchten!
Der Weg der Gerechtigkeit führt zum Leben.
Ich will dir danken, Herr, mein Gott, aus ganzem Herzen,
will deinen
Namen ehren für immer und ewig.
Denn groß ist
über mir deine Huld.
Du hast mich
den Tiefen des Totenreichs entrissen.
Der Weg der Gerechtigkeit führt zum Leben.
Gott, freche Menschen haben sich gegen mich erhoben;
die Rotte der Gewalttäter trachtet mir nach dem Leben,
doch dich
haben sie nicht vor Augen.
Der Weg der Gerechtigkeit führt zum Leben.
Du aber, Herr, bist ein barmherziger und gnädiger Gott,
du bist
langmütig, reich an Huld und Treue.
Wende dich
mir zu und sei mir gnädig;
gib deinem
Knecht wieder Kraft
und hilf dem
Sohn deiner Magd!
Der Weg der Gerechtigkeit führt zum Leben.
(Ein Gloria Patri kann gesungen werden, oder Orgelmeditation)
2. Lesung: Galater 3,26–28
Lobpreis Christus, das Licht der Welt, EG 410, TM 109
Halleluja (Taizé)
Evangelium: Lukas 24, 13–35
Lied:
Damit aus Fremden Freunde werden, TM 250, EGreg
V. Predigt
VI. Glaubensbekenntnis
Das Glaubensbekenntnis von Nicäa-Konstantinopel
Dem Text des Nicänums liegt die ursprüngliche Fassung des Konzils von
Nicäa-Konstantinopel 381 zugrunde. Spätere, innerhalb der westlichen Tradition
gebräuchliche Ergänzungen („Gott von Gott“ und „der aus dem Vater und dem Sohn
(filioque) hervorgeht“), bleiben unberücksichtigt.
Wir glauben an den einen Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
der alles geschaffen hat, Himmel und Erde,
die sichtbare und die unsichtbare Welt.
Und an den einen Herrn Jesus Christus,
Gottes eingeborenen Sohn,
aus dem Vater geboren vor aller Zeit:
Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott,
gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater;
durch ihn ist alles geschaffen.
Für uns Menschen und zu unserm Heil
ist er vom Himmel gekommen,
hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist
von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.
Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus,
hat gelitten und ist begraben worden,
ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift
und aufgefahren in den Himmel.
Er sitzt zur Rechten des Vaters
und wird wiederkommen in Herrlichkeit,
zu richten die Lebenden und die Toten;
seiner Herrschaft wird kein Ende sein.
Wir glauben an den Heiligen Geist,
der Herr ist und lebendig macht,
der aus dem Vater hervorgeht,
der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird,
der gesprochen hat durch die Propheten,
und die eine, heilige, katholische (allgemeine) und apostolische Kirche.
Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden.
Wir erwarten die Auferstehung der Toten
und das Leben der kommenden Welt.
Amen.
VII. Bitten
L Mit Gott gehen heißt: Miteinander im
Gespräch sein. Lasst uns reden über die Fortschritte der ökumenischen Bewegung, auf dem Weg zu
der Einheit, die Christus für seine Kirche will.
G Sende deinen Geist, Gott, damit wir offener
miteinander reden und entschlossener werden auf dem Weg zur Einheit.
L Mit Gott gehen heißt: Unterwegs sein mit
dem gebrochenen Leib Christi. Lasst uns den Schmerz darüber offen halten, dass wir noch immer nicht fähig
sind, das Brot miteinander zu brechen. Was wir dazu beitragen können, volle
Gemeinschaft im Mahl des Herrn zu erleben, das lasst uns tun.
G Entzünde in unseren Herzen den Wunsch,
Gott, alles zu überwinden, was uns trennt, damit wir in unserer Zerrissenheit
den einen Christus sehen.
L Mit Gott gehen heißt: Auf dem Weg der
Freiheit sein. Die Schwestern und Brüder der Dalits erinnern uns daran, dass auch andere
Menschen unterdrückt und ausgegrenzt werden – auch bei uns. Unser Streben nach
der Einheit der Kirche ist ein Zeichen der Hoffnung dafür, dass überwunden
werden kann, was ungerecht ist und Menschen voneinander trennt.
G Lass uns bereit sein, Gott, in unseren
Kirchen und Gemeinden Räume zu öffnen für Menschen und Gruppen, die ausgegrenzt
sind. Lass sie dort Würde und Freiheit erfahren. Uns mache bereit, uns verwandeln zu
lassen durch ihre Gegenwart und ihre Gaben.
L Mit Gott gehen heißt: Unterwegs sein als
Kinder der Erde. Wir sind Pilger in dem wunderbaren Geschenk der Schöpfung. Sie ist uns
anvertraut. Lasst uns Gottes Schöpfung achten und achtsam mit ihr umgehen.
G Dein Geist, Gott, erneuere unser Leben in
deiner Schöpfung. Lass uns offen sein für das Leid der Menschen, die vom Land leben, ohne Land zu
besitzen. Oft sind sie es, die das Wissen um einen schonenden Umgang mit der
Erde und ihren Ressourcen bewahrt haben. Mache uns bereit, mit ihnen zu teilen
und von ihnen zu lernen.
L Mit Gott gehen heißt: Unterwegs sein als
Freundinnen und Freunde Jesu. Jesus ist der Freund der ausgegrenzten Menschen und Gemeinden überall auf der
Welt. Er steht ihnen bei in ihrem Kampf für Freiheit und Würde, die ihnen zum
Teil über Jahrhunderte vorenthalten wurden. Die christlichen Dalits werden
verfolgt, weil sie Christus gewählt haben und das Kastensystem ablehnen. Sie
sind Jesu Freunde. Lasst uns Freunde der Freunde sein und miteinander Freunde
Jesu.
G Gott, vertiefe unsere Gemeinschaft und
Freundschaft mit dir und mit allen, die deine Freunde sind. Lass uns dir treu bleiben, indem wir für die Freiheit und Würde aller Menschen
eintreten.
L Mit Gott gehen heißt: Grenzen
überschreiten. Lasst uns Gemeinden bauen, die offen sind für alle Menschen, so verschieden sie
auch sind.
G Schenke uns den Mut, Gott, uns nicht durch
Milieus, Kulturen und Strukturen voneinander abzugrenzen, sondern deine
Gegenwart in jedem Menschen zu erkennen.
L Mit Gott gehen heißt: Solidarisch sein mit
Frauen wie Sarah und anderen Opfern von
Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Lasst uns aufwachen aus unserer Gleichgültigkeit.
G Umschließe uns mit deiner Liebe, Gott. Hilf uns, in jedem, der uns begegnet, dein Abbild zu sehen. Mache uns bereit,
gerecht zu handeln, indem wir die Strukturen der Ungleichheit durchbrechen.
L Mit Gott gehen heißt: Miteinander feiern. Unsere Einheit, so unvollkommen sie auch ist, ist ein kräftiges Zeugnis unseres
Glaubens und unserer Hoffnung. Indem wir die Einheit feiern, erleben wir unsere
Verschiedenheit als Reichtum und Grund zur Freude.
G Gott, lass uns die große Vielfalt
menschlichen Lebens feiern. Sie drückt aus, dass alle Menschen nach Würde und Freiheit streben. Hilf uns,
unsere Verschiedenheit als Zeichen deiner Treue zu allen Menschen zu erkennen.
L Das alles bitten wir im Namen Jesu, unseres
Herrn und Bruders.
G Amen.
Vaterunser
Das Vaterunser betet jeder in seiner eigenen Sprache.
VIII. Sendung und Segen
L Bleibe bei uns, dreieiniger Gott, und
bewahre uns.
Zeige uns, wofür du uns und unsere Kirchen brauchen willst.
G Amen
L Gehe uns voran, dreieiniger Gott, und
stärke uns.
Führe uns auf dem Weg der Einheit.
G Amen
L Rufe uns zum erfüllten Leben, dreieiniger
Gott, und erhalte uns.
Lass uns zusammenstehen und dich gemeinsam feiern.
G Amen
Segen
L Es segne euch der allmächtige Gott, der
Vater und der Sohn und der Heilige Geist
G Amen.
Entlassung
L Geht hinaus in die Welt, um zu heilen und
geheilt zu werden.
Der dreieinige Gott ist mit euch.
G Dank sei Gott.
Schlusslied: Wir sind eins in dem Herren, EGreg
Gott liebt diese Welt, GL 297, EG 409
Nun singe Lob, du Christenheit, GL 638, EG 265
Als starkes Zeichen der Einheit in Christus wird vorgeschlagen, nach dem
Gottesdienst gemeinsam zu essen.
Biblische Meditationen und Gebete zu den
acht Tagen der Gebetswoche
1. Tag
Mit Gott gehen
Miteinander im Gespräch sein
Lesungen
Gen 11,1–9 Der Turmbau zu
Babel und die Folge der Verwirrung
Ps 34,11–18 „Kommt ... hört!“ Gottes Einladung zum Gespräch
Apg 2, 1–12 Die Ausgießung des Geistes,
das Geschenk des Verstehens
Lk 24,13–25 Gespräch mit dem
auferstandenen Herrn auf dem Weg –
sie erkannten ihn beim Brotbrechen
Meditation
Mit Gott gehen heißt: Miteinander und mit Gott im Gespräch sein – achtsam auf
das, was wir hören. Am Anfang der Gebetswoche denken wir deshalb über Stellen der Heiligen Schrift
nach, in denen es um das Miteinander-Reden geht. Miteinander reden – für die
ökumenische Bewegung war das schon immer von zentraler Bedeutung. Das Gespräch
öffnet Räume, in denen wir voneinander lernen und teilen, was uns gemeinsam ist;
in denen aber auch die Unterschiede gehört und beachtet werden. So entsteht
gegenseitiges Verständnis. Das ist eine Frucht der Suche nach Einheit. Diese
Frucht wächst, wo wir das tun, was Gott von uns fordert: offen und ehrlich
miteinander reden. Das offene und ehrliche Gespräch ist eine wesentliche
Voraussetzung für Gerechtigkeit; dafür, dass Menschen nachhaltig Befreiung
erfahren - Befreiung aus ihrer erzwungenen Armut und anderen Formen der
Ausgrenzung.
Die Geschichte vom Turmbau zu Babel und die Pfingstgeschichte zeigen etwas von
den Möglichkeiten des offenen Gesprächs zwischen Menschen. Für die Befreiung,
die Gott für seine Menschen möchte, hat es eine große Bedeutung. Die Geschichte
vom Turmbau zu Babel beschreibt, welche großartigen Leistungen möglich sind, wo
Sprachbarrieren überwunden werden. Die Geschichte erzählt aber auch, wie diese
großartige Möglichkeit umschlägt in Größenwahn: „Machen wir uns damit einen
Namen.“ Das übersteigerte Geltungsbedürfnis ist das eigentliche Motiv für den
großen Bau. Das aber führt zur Sprachverwirrung. Das ist unsere Situation. Das
Aufeinander-hören müssen wir immer wieder neu lernen. Mit der Ausgießung des
Heiligen Geistes an Pfingsten wird es neu möglich, dass wir einander verstehen,
trotz aller Unterschiede – durch die Kraft der Auferstehung Jesu. Jetzt sind wir
eingeladen, die Gabe der Sprache und des Zuhörens zu teilen, ausgerichtet auf
Christus und seine Freiheit. Mit Gott gehen – in seinem Geist.
Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus führen ein angeregtes Gespräch mit einem
Mitreisenden. Doch dahinter verbergen sich Verlust und enttäuschte Hoffnung. Darin können wir
uns wiedererkennen als Kirchen, die in unterschiedlichem Maß mit Uneinigkeit
leben; aber auch als Gesellschaften, die durch Vorurteile und Abgrenzungen
gespalten sind. Das genau ist der Punkt, an dem sich Jesus in das Gespräch
einbringt – nicht in der Rolle des Lehrers, sondern als Begleiter seiner Jünger
auf ihrem Weg. Er will im Gespräch mit uns sein und wir dürfen ihn bitten, dass
er bei uns bleibt und mit uns redet. So wird eine lebendige Begegnung mit dem
auferstandenen Herrn möglich. Alle Christen kennen etwas von einer solchen
Begegnung mit Jesus und von der Kraft seines Wortes, die „in uns brennt“. Die
Erfahrung des Auferstandenen macht uns eins mit ihm und ruft uns zur Einheit
untereinander. Im Gespräch mit ihm und miteinander bleiben wir auf dem Weg zur
Einheit.
Gebet
Jesus Christus, wir sind eins in dir. Das macht uns froh. Wir danken dir, dass du uns einlädst, in Liebe mit dir zu
reden. Öffne unsere Herzen und lass uns einstimmen in dein Gebet zum Vater, dass
wir alle eins seien. Lass uns einander auf unserem gemeinsamen Weg noch näher
kommen. Gib uns den Mut, gemeinsam deinen Willen zur Einheit zu bezeugen und
lass uns auch mit denen reden, die die Einheit nicht wollen. Stärke uns durch
deinen Geist, dich überall zu bezeugen, wo es würdelos und unbarmherzig zugeht;
in unseren Gesellschaften, in den Nationen und auf der ganzen Welt.
Gott des Lebens, führe uns hin zu Gerechtigkeit und Frieden. Amen
Fragen
• Wo führen wir ehrliche Gespräche auch über das, was uns trennt?
• Suchen wir im Gespräch nur die eigene Bestätigung oder suchen wir
neue Erfahrungen,
„Auferstehung“ aus altem Leben?
• Mit wem sprechen wir? Mit wem nicht? Warum?
2. Tag Mit Gott gehen
Unterwegs sein mit dem gebrochenen Leib Christi
Lesungen
Ez 37 ,1–14
„... Menschensohn, können diese Gebeine wieder lebendig werden?“
(Vers 3a)
Ps 22,1–8 Gottes Diener, verlacht und verspottet, schreit zu Gott
Heb 13,12–16 Der Ruf, zu
Jesus „vor das Lager“ zu ziehen und seine Schande mitzutragen
Lk 22,14–23 Jesus brach das Brot und gab sich selbst zum Geschenk
Meditation
Mit Gott gehen heißt, auf den Ruf zu hören, der uns herausruft aus unserer
Geborgenheit und uns dem Nächsten zur Seite stellt – vor allem dem leidenden
Nächsten.
„Ausgetrocknet sind unsere Gebeine, unsere Hoffnung ist untergegangen; wir sind
verloren.“ Diese Worte des Propheten Ezechiel drücken auch heute die Erfahrungen
vieler Menschen aus, überall auf der Welt. In Indien spricht das „gebrochene
Volk“ der Dalit-Gemeinden anschaulich von diesem Leiden, das der gekreuzigte
Jesus mit ihnen teilt. Mit den Leidenden überall und zu allen Zeiten ruft Jesus
laut zum Vater: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Christen sind auf den Weg des Kreuzes gerufen. Der Hebräerbrief lehrt uns, das
Leiden Jesu als Mitleiden mit den Ausgegrenzten zu begreifen; und er ruft uns
auf, „vor die Tore der Stadt zu gehen“, um ihn dort zu treffen. Wenn wir ausgegrenzte Menschen treffen und in ihrem Leiden den Gekreuzigten
erkennen, dann ist klar, wohin wir gehen sollen: Mit Christus gehen heißt,
solidarisch mit den Ausgegrenzten sein. Ihre Wunden sind seine Wunden.
Der Leib Christi wurde am Kreuz „für euch gebrochen“. Am Anfang der
Passionsgeschichte Jesu wird vom Letzten Abendmahl erzählt: Wann immer wir das
Abendmahl feiern, feiern wir den Sieg über den Tod. Der gebrochene Leib Christi
ist zugleich der verherrlichte Leib des Auferstandenen. Sein Leib wurde
gebrochen, damit wir sein Leben teilen können und in ihm ein Leib sind.
Das Abendmahl ist freilich auch der Ort, an dem uns unsere mangelnde Einheit
besonders schmerzlich bewusst wird. Das muss uns Ansporn sein, unsere Gemeinschaft immer mehr zu vertiefen, hin zu
einer Mahlgemeinschaft.
Die biblischen Lesungen für heute zeigen uns noch einen anderen Aspekt von
Mahlgemeinschaft. Unterwegs sein mit dem gebrochenen Leib Christi heißt, unser
Brot mit den Hungrigen teilen und die Barrieren der Armut und der Ungleichheit
einreißen. Auch das sind „eucharistische Handlungen“. Bei dieser
Mahlgemeinschaft sollten alle Christen dabei sein. Papst Benedikt XVI. sagte
über die Eucharistie: Sie ist ein Sakrament, das nicht nur geglaubt und gefeiert
werden will, sondern auch gelebt werden muss (Sacramentum Caritatis, 71).
Gebet
Gott des Erbarmens, der Leib deines Sohnes wurde am Kreuz gebrochen, damit
unsere Trennungen überwunden werden. Doch wir haben ihn mit unserer Uneinigkeit wieder und wieder gekreuzigt. Wir
haben festgehalten an ungerechten Strukturen, Systemen und Verhaltensweisen.
Deine Gerechtigkeit für die Ausgegrenzten haben wir untergraben und deine
Fürsorge für die Armen haben wir verhindert. Sende uns deinen Geist, der unsere
Zerrissenheit heilt, damit wir gemeinsam die Gerechtigkeit und Liebe Christi
bezeugen können. Gehe mit uns dem Tag entgegen, an dem wir alle an einem Tisch
Brot und Kelch miteinander teilen können.
Gott des Lebens, führe uns hin zu Gerechtigkeit und Frieden. Amen
Fragen
• Glauben und feiern wir das Abendmahl nur oder leben wir
„eucharistisch“, indem wir Mahlgemeinschaft haben mit den Armen?
• Wo erleben wir Zerrissenheit und Ausgrenzung, die unser
gemeinsames Zeugnis erfordern, dass Gott alle unsere Trennungen überwinden will?
3. Tag
Mit Gott gehen
Unterwegs zur Freiheit
Lesungen
Ex 1,15–22
Die hebräischen Hebammen stellen Gottes Gesetz über
den Befehl des Pharao
Ps 17,1–6
Das vertrauensvolle Gebet eines Menschen im Angesicht Gottes
2 Kor 3,17–18 Die
herrliche Freiheit der Kinder Gottes in Christus
Joh 4,4–26
Das Gespräch mit Jesus führt die samaritanische Frau
durch die Erkenntnis des Messias zu einem Leben in wahrer Freiheit
Meditation
Mit Gott gehen heißt, unterwegs zu der Freiheit zu sein, die er allen Menschen
anbietet. Weil wir das glauben dürfen, feiern wir. Und wir feiern, dass Menschen
selbst da nicht aufhören um Freiheit zu ringen, wo sie unterdrückt werden und
unter Vorurteilen und Armut leiden. Eine ungerechte Anordnung nicht zu befolgen
(wie die Hebammen, die dem Befehl des Pharao, neugeborene hebräische Jungen zu
töten, einfach nicht gehorchten) oder unmenschliche Zustände deutlich
anzusprechen, braucht oft Mut. Aber manches Mal ist es auch gar keine große
Sache. Doch die Freiheit braucht auch die kleinen Aktionen. Und die finden in
vielen Gemeinden statt. So schenkt die entschlossene Ausrichtung auf ein erfüllteres Leben denen die
Hoffnung des Evangeliums, die benachteiligt sind und unterdrückt werden und die
sich nach Freiheit sehnen.
Die Begegnung Jesu mit der samaritanischen Frau am Brunnen zeigt uns den Weg aus
Diskriminierung und Vorurteilen in die Freiheit. Jesus braucht die Hilfe der Frau, um seinen Durst zu stillen. Die Frau setzt
sich nun mit den religiösen Vorurteilen auseinander, denen sie als Samaritanerin
ausgesetzt ist: Wie kann ein jüdischer Mann eine samaritanische Frau um Wasser
bitten? Hinter der Frage verbirgt sich freilich unausgesprochen ein ganz anderes
Problem ihres Lebens: ihre häufig wechselnden sexuellen Beziehungen. Im Gespräch
mit Jesus erkennt die Frau Stück für Stück, dass ihre bisherige Lebensweise
fragwürdig ist. Und so eröffnet sich für die Frau Schritt für Schritt der Weg in
ein freieres Leben. Am Ende kommen Jesus und die samaritanische Frau wieder an
den Ausgangspunkt des Gespräches zurück: die religiösen Unterschiede von Juden
und Samaritanern. Aber es ist nicht wichtig, wo Gott angebetet wird und in
welchen Formen. Wichtig ist allein, dass Gott „im Geist und in der Wahrheit“
angebetet wird. Das zu erkennen, ist ein Stück Freiheit.
Der Ruf zur Freiheit in Christus ist immer auch der Ruf in eine tiefere
Gemeinschaft. Was uns trennt, hält uns auch gefangen. Dass gilt für die Trennungen unter
Christen ebenso wie für politische und soziale Ausgrenzungen. Im Licht der
Freiheit Christi aber erkennen wir, was uns gefangen hält und lernen, zu
überwinden, was uns trennt. Wir sehen einander neu. Und wir sehen Gott neu,
gleichsam „mit unverhülltem Antlitz“. So dürfen wir der vollen christlichen
Einheit entgegengehen.
Gebet
Gott der Befreiung, wir danken dir für den starken Glauben und die Hoffnung
derer, die für Freiheit und Würde kämpfen. Du richtest auf, die gefallen sind
und befreist die Gefangenen. Dein Sohn Jesus geht mit uns. Er zeigt uns den Weg
zu wahrer Freiheit. Lass uns die Freiheit achten, die du uns in ihm schenkst.
Hilf uns, zu überwinden, was uns gefangen hält. Sende uns deinen Geist, damit
uns die Wahrheit frei macht und wir dich mit vereinten Stimmen preisen.
Gott des Lebens, führe uns hin zu Gerechtigkeit und Frieden. Amen
Fragen
• Wo hindern uns Vorurteile und
Diskriminierungen wegen Kaste, Alter,
Geschlecht, Rasse und Bildung einander im Licht
der Freiheit Christi zu sehen?
• Wie wird die Freiheit der Kinder Gottes (Römer 8,21) konkret? Was sind die kleinen
Schritte zur Freiheit, die wir für unsere Kirchen und für eine offenere
Gesellschaft gemeinsam gehen können?
4. Tag Mit Gott gehen
Unterwegs als Kinder der Erde
Lesungen
Lev 25,8–23
Das Land ist Besitz Gottes und nicht persönliches Eigentum
Ps 65,5–13
Alle Frucht kommt von Gott
Röm 8,18–25 Das
sehnsüchtige Warten der Schöpfung auf Erlösung
Joh 9,1–11 Jesus heilt mit Speichel und Erde
Meditation
Mit Gott gehen heißt: Demütig erkennen, dass wir ein Teil der Schöpfung sind.
Dankbar dürfen wir die Schöpfungsgaben Gottes empfangen. Wir sind dabei zu
lernen, dass wir unsere Stellung in der Schöpfung Gottes neu verstehen müssen.
Unter Christen gibt es eine wachsende Achtsamkeit für die ökologische Frage. Das
gehört dazu, wenn wir mit Gott, dem Schöpfer gehen. Deshalb sind alle Christen
aufgerufen, die Zeit vom 1. September bis zum 4. Oktober als „Schöpfungszeit“ zu
begehen. In vielen Kirchen ist das bereits gute Tradition. 1989 proklamierte der
Ökumenische Patriarch Dimitrios I. den 1. September als Tag des Gebets für die
Umwelt. In der Orthodoxen Kirche beginnt das liturgische Jahr an diesem Tag.
Dabei wird an die Erschaffung der Welt durch Gott gedacht. Am 4. Oktober
erinnern viele Kirchen der westlichen Tradition an Franz von Assisi, den Autor
des „Sonnengesangs“, der ja nichts anderes ist als ein Lobpreis des Schöpfers.
Mit Anfang und Ende der „Schöpfungszeit“ sind also die östlichen und westlichen
Schöpfungs-Traditionen der Christenheit verbunden.
Die Kirchen in Deutschland begehen den ersten Freitag im September als
besonderen Schöpfungstag.
Gott geht es um die Erlösung der ganzen Schöpfung. Dass Gott an einem bestimmten
Ort, zu einer bestimmten Zeit in Jesus Mensch geworden ist, ist bei aller
Unterschiedlichkeit der christlichen Traditionen ein zentraler Punkt, an dem
sich alle Christen treffen. Der von allen geteilte Glaube an die Menschwerdung
Gottes trägt das Bewusstsein für die Bedeutung der Schöpfung in sich – der
Körperlichkeit, der Erde, des Wassers und all dessen, was uns Kinder der Erde
ernährt. Jesus ist voll und ganz Teil dieser Welt. Vielleicht befremdet es uns,
wenn wir hören, wie Jesus heilt: Aus Erde und Speichel macht er einen Brei, den
er dem Blinden aufträgt. Aber genau so wird deutlich, wie sehr Gott der
Schöpfung verbunden ist. Wo wir unsere Geschöpflichkeit annehmen, gehen wir mit
Gott.
Es sind oft die ärmsten Menschen, die die Erde bearbeiten, überall auf der Welt.
Und gerade sie haben am Ertrag der Erde den geringsten Anteil. Zugleich aber sind es gerade die Gemeinden, die schonende und nachhaltige Formen
der Bearbeitung des Landes bewahrt haben, die sorgfältig umgehen mit der Erde.
Zum sorgfältigen Umgang mit der Erde gehört es auch, sich der Frage zu stellen,
wie alle Menschen auf und von der Erde menschlich leben können. Dass viele Menschen vom Besitz des Landes ausgeschlossen sind und es unter oft
entwürdigenden Bedingungen bearbeiten müssen, ist für viele Christen eine
wichtige Motivation zum gemeinsamen Handeln. Das sogenannte „Heiligkeitsgesetz“
zeigt mit dem „Jubeljahr“ eine Richtung auf, wie Ungerechtigkeit und Ausbeutung
überwunden werden können: Alle haben Anteil am Land und alle 50 Jahre fällt das
Land an die zurück, die es, aus welchen Gründen auch immer, verloren hatten.
Inwiefern das in modernen Gesellschaften praktikabel ist, sei dahingestellt.
Deutlich ist, es geht um eine veränderte Einstellung zu Land und Landbesitz.
Niemandem ist Land gegeben, um „den anderen zu übervorteilen“, vielmehr dient
die Bearbeitung des Landes dem Wohlergehen aller. Das ist nicht einfach eine
„religiöse Idee“. Vielmehr geht es um die sehr reale wirtschaftliche und
gesellschaftliche Frage, wie mit dem Land umgegangen wird, wie es gekauft und
verkauft wird.
Gebet
Gott des Lebens, wir danken dir für die Erde und für all jene, die sie behüten
und bewahren und die sie bebauen. Lass uns durch deinen Geist erkennen, dass wir
Teil der Schöpfung sind. Lehre uns, sorgsam mit der Erde umzugehen und lass uns
das Seufzen der Schöpfung hören. Hilf uns, Christus gemeinsam nachzufolgen und
zu heilen, was verwundet ist. Stärke unsere Bereitschaft, die Erde und was sie
hervorbringt, gerecht zu teilen.
Gott des Lebens, führe uns hin zu Gerechtigkeit und Frieden. Amen
Fragen
• Wo handeln wir als Christen gemeinsam im Geist des „Jubeljahres“?
• Wo sind wir als Einzelne, als Gemeinden und Kirchen daran
beteiligt, dass die Erde entwürdigt und ausgebeutet wird?
• Wie können wir miteinander einen anderen Umgang mit der Schöpfung
Gottes lernen?
5. Tag Mit Gott gehen
Unterwegs als Freunde Jesu
Lesungen
Hld 1,5–8
Liebe und Liebende
Ps 139,1–6
Du hast mich erforscht und du kennst mich
3 Joh 2–8
Gastfreundschaft für die Freunde in Christus
Joh 15,12–17(14) Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut,
was ich euch auftrage
Meditation
Mit Gott gehen heißt, nicht alleine zu gehen, sondern mit denen, die lebendige
Zeichen der Gegenwart Gottes für uns sind: unsere Freunde. „Vielmehr habe ich
euch meine Freunde genannt“, sagt Jesus im Johannesevangelium. In der Freiheit
der Liebe können wir uns unsere Freunde aussuchen und auch als Freund ausgesucht
werden. „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“, sagt Jesus
zu jedem von uns. Die Freundschaft Jesu mit jedem von uns verwandelt auch unsere
Beziehungen zur Familie und zur Gesellschaft. In ihr drückt sich Gottes tiefe
und unvergängliche Liebe zu uns allen aus.
Das Liebesgedicht der Bibel, das Hohelied Salomos, wurde auf unterschiedlichste
Weise ausgelegt: Als Ausdruck der Liebe Gottes zu Israel oder als Liebe Christi
zu seiner Kirche. Es bleibt aber in jedem Fall das Zeugnis der Leidenschaft zwischen Liebenden,
die auch die Grenzen gesellschaftlicher Konventionen überschreitet. Wenn die
Liebende zu ihrem Liebsten sagt: „Braun bin ich, doch schön“, so steckt darin
auch die Bitte: „Schau mich nicht so an, weil ich braun bin.“ Aber der Liebende
schaut sie trotzdem an und wählt die Liebe, so wie Gott in Christus die Liebe
gewählt hat.
Was ist es, das der Herr von denen erwartet, die dazu gerufen sind, mit Jesus
und seinen Freunden unterwegs zu sein? In Indien ist es der Ruf an die Kirchen, die Dalits als gleichwertige Freunde
eines gemeinsamen Freundes in die Arme zu schließen. Für die Einheit der
Christen zu beten, wie wir es in dieser Woche tun, heißt nichts anderes, als
Freunde der Freunde Jesu zu werden. Christen auf der ganzen Welt sind dazu
aufgerufen, Freunde all derer zu werden, die gegen Diskriminierung und
Ungerechtigkeit ankämpfen. Der Weg zur Einheit der Christen erfordert von uns,
mit Gott zu gehen, indem wir mit den Freunden Jesu und als seine Freunde gehen.
Gebet
Jesus, vom ersten Moment unseres Daseins an hast du uns deine Freundschaft
angeboten. Deine Liebe umfasst alle Menschen, besonders aber die, die
ausgeschlossen oder zurückgewiesen sind durch Kaste, Rasse oder Hautfarbe. Lass
uns im Vertrauen auf dich und in der Gewissheit der Würde, die bei dir alle
Menschen haben, solidarisch aufeinander zugehen und einander im Geist der Liebe
als Kinder Gottes umarmen.
Gott des Lebens, führe uns hin zu Gerechtigkeit und Frieden. Amen
Fragen
• Wer sind die Menschen in unseren Gemeinden, die Christus uns als
Freunde ans Herz
legen möchte?
• Was hindert Freunde Jesu daran, auch miteinander befreundet zu
sein?
• Was heißt es für das Verhältnis der getrennten Kirchen, dass sie
doch alle Freunde Jesu sind?
6. Tag Mit Gott gehen
Grenzen überschreiten
Lesungen
Rut 4,13–18
Die Nachkommen von Rut und Boas: Das gesegnete Kind
Ps 113
Gott, der Helfer der Notleidenden
Eph 2,13–16
Christus hat die trennende Wand zwischen uns niedergerissen
Mt 15,21–28
Jesus schenkt Heilung aufgrund des Glaubens der kanaanäischen Frau
Meditation
Mit Gott gehen heißt, die Grenzen zu überschreiten, die die Kinder Gottes
voneinander trennen. Die Christen in Indien sind sich der Grenzen zwischen ihnen
durchaus bewusst. Der Apostel Paulus erlebte die verheerenden Trennungen zwischen Heidenchristen
und Judenchristen. Gegen diese und jede andere trennende Wand schreibt Paulus: „Er (Christus) ist
unser Friede; durch sein Sterben vereinigte er die beiden Teile (Juden und
Heiden) und riss die trennende Wand der Feindschaft nieder.“ Weiter schreibt
Paulus: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus (als
Gewand) angelegt. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und
Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid „einer“ in Christus Jesus“
(Galater 3,27-28). Am Kreuz hat Christus alle Grenzen zwischen Menschen
niedergerissen.
Religiöse Barrieren sind oft besonders schwer zu überwinden. Die Christen Indiens, die in einem multireligiösen Umfeld eine kleine Minderheit
sind, erinnern uns an die Bedeutung des interreligiösen Dialogs und der
Zusammenarbeit mit Menschen anderer Religionen.
Das Matthäusevangelium erzählt, dass auch die Jünger Jesu die Grenzen von
Religion, Kultur und Geschlecht nicht ohne weiteres überwinden konnten. Als
Jesus von einer kanaanäischen Frau angefleht wird, ihre Tochter zu heilen,
wollen sie diese Frau wegschicken. Auch Jesus selbst zögert, ihr zu helfen. Doch
der Glauben der Frau in ihrer Not überwindet die Ablehnung und das Zögern. Von
da an überschreiten Jesus und seine Jünger die von Menschen errichteten Grenzen
und Barrieren der Alten Welt.
Das gibt es schon in der hebräischen Bibel. Die Moabiterin Rut heiratet den Israeliten Boas. Sie überwinden die Grenzen von
Kultur und Religion. Rut und Boas sind die Großeltern Isais, des Vaters Davids.
In der Abstammung des von Gott erwählten Königs David wird deutlich, dass Gottes
Wille da erfüllt wird, wo Menschen die Grenzen von Religion und Kultur
überwinden. Mit Gott gehen heißt heute, die Grenzen zu überwinden, die Christen
voneinander aber auch von Menschen mit anderem Glauben trennen. Anders wird der
Weg zur Einheit der Christen nicht zum Ziel führen.
Gebet
Vater, vergib, dass wir noch immer Grenzen errichten. Gier, Vorurteile und
Verachtung trennen uns als Christen untereinander und von Menschen anderen
Glaubens. Lass uns durch deinen Geist Grenzen mutig überwinden und Mauern
einreißen. So gehen wir mit Christus, um die Botschaft der Liebe und Einheit in
die ganze Welt zu tragen. Stärke uns dazu.
Gott des Lebens, führe uns hin zu Gerechtigkeit und Frieden. Amen
Fragen
• Was trennt Christen in
unserer Stadt/unserem Dorf?
• Was trennt Christen von
Menschen anderen Glaubens in unserer Stadt/unserem Dorf?
• Wie unterscheidet sich die Überwindung von Grenzen zwischen
Christen von der Überwindung von Grenzen zwischen Christen und Menschen anderen
Glaubens?
7. Tag Mit Gott gehen
Unterwegs in Solidarität
Lesungen
Num 27,1–11 Das
Erbrecht auch für die Töchter
Ps 15
Wer wird bleiben in Gottes Heiligtum?
Apg 2,43–47
Die Christen hatten alles gemeinsam
Lk 10,25–37
Der barmherzige Samariter
Meditation
Mit Gott gehen heißt, solidarisch unterwegs sein mit allen, die für
Gerechtigkeit und Frieden streiten. Das stellt allen, die diese Woche für die
Einheit der Christen beten, die Frage: Was für eine Einheit ist das, die wir
suchen? Die Kommission für Glauben und Kirchenverfassung, der sowohl die
Mitglieder des Ökumenischen Rates der Kirchen als auch die katholische Kirche
angehören, versteht Einheit als „sichtbare Einheit in einem Glauben und in einer
eucharistischen Gemeinschaft“. Die ökumenische Bewegung zielt darauf ab, die
geschichtlichen und aktuellen Grenzen zu überwinden, die Christen trennen. Aber
sie tut dies mit der Vision einer sichtbaren Einheit, in der das Wesen und der
Auftrag der Kirche verbunden sind mit dem Dienst an der Einheit der Menschheit.
Dazu gehört, dass alles überwunden wird, was die Würde der Menschen verletzt und
was uns voneinander trennt. In dem Dokument Nature and Mission of the Church
äußert sich die Kommission für Glauben und
Kirchenverfassung so: „Die Kirche ist dazu
berufen und ermächtigt, durch den Einsatz und
die Sorge für die Armen, Schwachen und an den
Rand Gedrängten das Leiden aller zu teilen. Das
bedeutet, dass sie ungerechte Strukturen
kritisch analysiert, aufdeckt und auf ihre
Veränderung hinarbeitet... Dieses gewissenhafte
Zeugnis kann auch bedeuten, dass einzelne
Christen um des Evangeliums willen leiden. Die
Kirche ist dazu berufen, zerbrochene Beziehungen
unter den Menschen zu heilen und zu versöhnen
und Gottes Werkzeug zu sein bei der Versöhnung
von Spaltungen und von Hass unter den Menschen“.
Es gibt viele Beispiele dafür, wie die indischen Kirchen den Dienst der Heilung
und Versöhnung tun. Noch bis vor Kurzem hatten in Indien die Töchter christlicher Familien kein
Erbrecht. Die Kirchen unterstützen die Forderung nach Aufhebung dieses archaischen
Gesetzes. Die Geschichte der Töchter des Zelofhad, in der Mose sich an Gott um
Gerechtigkeit im Blick auf das Erbrecht von Töchtern wandte, war Anlass,
Gerechtigkeit für Frauen einzufordern. So wurden die christlichen Dalits in ihrem Kampf um Gerechtigkeit ermutigt durch
das biblische Zeugnis.
Das biblische Bild einer in Solidarität mit den Unterdrückten verbundenen Kirche
ist das Gleichnis Jesu vom Barmherzigen Samariter. So wie die Dalits, stammt auch der Barmherzige Samariter aus einer verachteten
und ausgestoßenen Gemeinschaft. Er ist der Einzige in der Geschichte, der dem
Überfallenen am Wegesrand hilft. Durch seine tätige Solidarität verkündigt er
die Hoffnung und den Trost des Evangeliums. Der Weg zur christlichen Einheit ist
untrennbar damit verbunden, in Solidarität unterwegs zu sein mit allen, die auf
Gerechtigkeit warten.
Gebet
Dreieiniger Gott, du selbst bist das Urbild heiler Beziehungen. Sich gegenseitig
brauchen, liebevoll miteinander umgehen, solidarisch sein, das wollen wir von
dir lernen. Lehre uns, die Hoffnung zu teilen, die wir überall da finden, wo
Menschen für das Leben kämpfen. Ihre Standhaftigkeit ermutige uns, die eigenen
Trennungen zu überwinden. Hilf uns, einmütig miteinander zu leben und den Weg
gemeinsam und solidarisch zu gehen.
Gott des Lebens, führe uns hin zu Gerechtigkeit und Frieden. Amen
Fragen
• Wer ist in Ihrer Stadt/Ihrem Dorf auf die Solidarität der
christlichen Gemeinde
angewiesen?
• Wo haben Sie die Solidarität von Christen erlebt?
• Wie würde sich eine größere, sichtbarere christliche Einheit auf
die Solidarität der Kirchen mit denen auswirken, die dringend
auf Solidarität angewiesen sind?
8. Tag Mit Gott gehen
Miteinander feiern
Lesungen
Hab 3,17-19
Feiern in Zeiten der Not
Ps 100
Alle Welt betet Gott an
Phil 4,4-9(4)
Freut euch im Herrn zu jeder Zeit!
Lk 1,46-55 Das Lied der Maria (Magnificat)
Meditation
Mit Gott gehen heißt, miteinander feiern. Wer die Dalits in Indien besucht,
erschrickt über die Nöte und Kämpfe, die sie ertragen müssen. Zugleich aber ist
er berührt von ihrer Hoffnung und ihrer Freude.
In der heutigen Bibellesung geht es auch um Hoffnung, Freude und um das Feiern. Der Prophet Habakuk preist den Herrn in einer Zeit der Dürre und Missernte. Das
Zeugnis, dass Gott mit seinem Volk gerade auch in Zeiten der Bedrängnis
unterwegs ist, ist eine Feier der Hoffnung. Maria geht zu ihrer Cousine
Elisabeth, um ihre Schwangerschaft zu feiern. Sie singt ihr Magnificat als Lied
der Hoffnung noch vor der Geburt ihres Kindes. Und aus dem Gefängnis heraus
ermahnt Paulus die christliche Gemeinde von Philippi zur Freude: „Freut euch im
Herrn zu jeder Zeit“.
Freude und Feiern sind in der Bibel eng verbunden mit der Hoffnung auf Gottes
Treue. Die Bedeutung des Feierns in der Kultur der Dalits legt in ähnlicher
Weise Zeugnis ab für Glauben und Hoffnung. Dieses Zeugnis wurde errungen im
Kampf um Würde und Überleben. Indem wir in dieser Woche für die Einheit der
Christen beten, nehmen wir Anteil an dieser Kultur des Feierns, die uns die
Dalits vorleben. Mit ihnen feiern wir ihre Treue zu ihrer christlichen
Identität, die ihren Kampf für das Leben bestimmt. So feiern wir schon die
Einheit der Christen, die noch vor uns liegt. Sie braucht den ganzen Einsatz in
der Hoffnung, die sich im Gebet Christi ausdrückt: dass wir alle eins sein
mögen. Wir haben Grund zum Feiern, weil wir wissen dürfen, dass die Einheit ein
Geschenk Gottes ist. Dankbar erkennen wir, dass wir alle als Freunde Jesu
bereits eins sind. Das drückt sich in der einen Taufe aus. Wir alle sind zur
Einheit berufen und dazu, für sie zu kämpfen. Mit Gott gehen heißt, den Weg zur
Einheit der Christen konsequent weiterzugehen. Auf diesem Weg darf gefeiert
werden, weil wir Hoffnung haben.
Gebet
Gnädiger Gott, erfülle uns durch deinen Geist mit Freude. Begeistere uns, die
Einheit zu feiern, die wir schon erleben. Lass uns eifrig bleiben auf dem Weg zu
größerer sichtbarer Einheit. Wir freuen uns am Glauben und an der Hoffnung
derer, die um ihre Würde kämpfen. In ihnen erkennen wir deine Gnade und deine
Verheißung der Freiheit. Lehre uns, ihre Freude zu teilen. Lass uns von ihrer
Beharrlichkeit lernen. Stärke unsere Hoffnung und unseren Willen, im Namen der
Liebe Christi gemeinsam unterwegs zu sein. Vereint erheben wir unsere Stimmen zu
deiner Ehre und lobsingen deinem heiligen Namen.
Gott des Lebens, führe uns zu Gerechtigkeit und Frieden. Amen
Fragen
• Wo setzten wir uns in unserer Gemeinde für Gerechtigkeit ein? Wo haben wir im Blick auf die Gerechtigkeit Grund zum Feiern?
• Was tun wir in in unserer Gemeinde für die christliche Einheit? Wo haben wir im Blick auf die Einheit Grund zum Feiern?
Einführung in das Christentum in Indien
Die Kirchen Indiens
Die Kirchen in Indien haben eine vielfältige und reiche Geschichte. Von jeher
engagieren sie sich gesellschaftlich – besonders im Bereich der Bildung und im
Gesundheitswesen. Das ist ein Erbe der christlichen Missionsbewegung, deren
Anfänge bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen. Weil die Kirchen gesellschaftlich
so engagiert sind, bedeutet die Bekehrung zum christlichen Glauben für Menschen
am unteren Ende der Gesellschaft immer auch, dass sie Würde und Selbstachtung
gewinnen. Mit rund 24 Millionen Gläubigen, das sind etwa 2,3 Prozent der 1,2
Milliarden Inder, ist das Christentum die drittgrößte Religion Indiens. Die
meisten Christen gehören der römisch-katholischen Kirche an.
Zur ostkirchlichen Tradition gehören die Malankara Orthodox Syrian Church, die
Malabar Independent Syrian Church, die Malankara Jacobite Syrian Church, die
Malankara Mar Thoma Syrian Church und die Syro-Malabar Catholic Church. Diese
Kirchen sind vor allem im Bundesstaat Kerala von Bedeutung.
Die protestantischen Kirchen sind die Church of South India (CSI) und Church of
North India (CNI). Beide sind eine Union von Kirchen vorwiegend anglikanischer
und methodistischer Tradition. Daneben gibt es Presbyterianer, Baptisten,
Lutheraner und etliche evangelikale Gemeinschaften.
In der indischen Theologie wird darüber debattiert, ob die indischen Kirchen
eine Frucht der westlichen Missionsbewegungen sind oder ob sie ihre eigenen,
asiatischen Wurzeln haben. Der Theologe Ninan Koshy schreibt: „Diejenigen, die sagen, dass der ‚Tag des
christlichen Glaubens im Süden anbricht‘ sind offensichtlich davon überzeugt,
dass der Beginn des Christentums im Süden liegt ... Aber das, was geschieht, ist
nicht die Ausbreitung einer westlichen Religion, sondern die Wiedergeburt einer
Religion, die ihre Wurzeln und ihre frühe Geschichte in Asien hat.“[2]
Folgt man der Tradition der Mar Thoma oder „Thomas-Kirche“, missionierte der
Heilige Thomas entlang der Malabarküste des Bundesstaates von Kerala im
südwestlichen Indien. Er habe, sagt man, Menschen aus allen Schichten des Volkes
gepredigt und mehr als 17 . 000 zum Christentum bekehrt, darunter auch Mitglieder der vier Hauptkasten. Der
Legende nach erlitt der Heilige Thomas den Märtyrertod in Chennai. Sein Grab
befindet sich dieser Tradition zufolge an der Stelle der heutigen St.
Thomas-Kathedrale. Koshy zitiert den renommierten asiatischen Historiker K. M.
Panikkar, der sagte, dass „das Christentum in verschiedenen Teilen Persiens,
Indiens und Chinas schon von frühester Zeit an existiert hat. Die Kirche in
Malabar nimmt für sich in Anspruch, ihren apostolischen Ursprung vom Heiligen
Thomas her zu haben. Auf alle Fälle ist ihre Existenz aber bereits sehr früh,
nämlich im Jahre 182, durch außenstehende Quellen belegt“.
Diese frühen indischen Christen, die mit jener ostsyrischen (persischen)
Tradition in Kontakt kamen, werden heute die Kirche des Ostens oder die
Chaldäische Kirche genannt. Es gibt noch einen späteren Beweis dafür, dass nestorianische Christen, die ihre
Blütezeit in Persien erlebten, im 7. Jahrhundert auch China erreichten.[3]Daraus kann man ableiten, dass nestorianische Händler und Missionare sowie
andere Menschen aus Syrien in diesen frühen Jahrhunderten auch nach Indien
kamen. Dies ist der Ursprung der indischen Orthodoxen Kirchen, die in Indien bis
heute ihre starke, spirituelle Präsenz behalten haben. In den folgenden
Jahrhunderten kamen weitere Christen aus Syrien, Persien und Babylon nach
Indien. Im frühen 14. Jahrhundert wurde durch den ersten römisch-katholischen
Missionar, Jordanus Catalani, eine Diözese gegründet.
Die Geschichte der Mission in Indien
Wie oben erwähnt, ist die andere bedeutende Quelle des indischen Christentums
die westliche Mission, die mit der Kolonisation und der Festsetzung der
europäischen Mächte in Indien verbunden war. Die römisch-katholische Mission verstärkte sich, nach Anfängen im frühen 14.
Jahrhundert, im späten 15. Jahrhundert mit den portugiesischen Siedlern. Bedeutsam wurden der Heilige Francis Xavier und seine jesuitischen Mitbrüder.
Nachdem die erste protestantische Mission 1706 Indien über Tranquebar erreichte,
sah das 19. Jahrhundert eine bedeutende Entwicklung protestantischer Missionen.
Ohne Frage haben die westlichen Missionsbewegungen einen bedeutenden Anteil am
Wachstum des Christentums in Indien.
Die Missionsgeschichte Indiens ist ein komplexes Mosaik, nicht zuletzt wegen der
unermesslichen Weite des Landes und der Vielfalt der Missionsgesellschaften, die
sich dort einzurichten versuchten. Diese kamen mit ihren vorgefassten Meinungen
und dogmatischen Differenzen und immer auch mit ihren je eigenen Verbindungen zu
den Kolonialmächten. Die Missionare verstanden jedoch sehr schnell, dass
Bildung, Ausbildung und Entwicklung zur Mission unbedingt dazugehören. Die
frühen Anstrengungen der missionarischen Bewegung, den Gesundheitszustand der
Bevölkerung zu verbessern, wurden zum Modell für das Gesundheitssystem Indiens
nach der Unabhängigkeit 1948.
Mit Hilfe der missionarischen Bildungsprogramme versuchte die Kolonialregierung
Menschen auszubilden, die in der Kolonialverwaltung arbeiten konnten. Eine Folge der Mission und der Bildung christlicher Gemeinden war jedoch, dass
sich das Bewusstsein für Menschenrechte verstärkte. Dies trug dazu bei, dass das
indische Volk zunehmend gegen die Ungerechtigkeit der Kolonialherrschaft
aufbegehrte, was letztlich zum Freiheitskampf gegen den Kolonialismus führte.
Eine besondere Erwähnung verdient das explosionsartige Wachstum des Christentums
in Nordostindien, zu dem sieben Bundesstaaten gehören. In diesen Staaten gibt es
einen hohen christlichen Bevölkerungsanteil: 90 Prozent in Nagaland, 87 Prozent
in Mizoram, 71 Prozent in Meghalaya. Unterstützt durch die Kolonialherrscher
nahmen um 1816 herum die American Baptist Mission und die Welsh Presbyterian
Mission ihre Arbeit unter der dort lebenden vorwiegend indigenen Bevölkerung
auf. Heute können zwei Drittel der Christen dieser Bundesstaaten ihren Ursprung
auf diese beiden Missionen zurückführen. Römisch-katholische Missionare kamen 1850 dorthin und haben über Jahrhunderte
hinweg ihren Teil zur Entwicklung des Bildungswesens dieser Regionbeigetragen. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gibt es auch pentecostale Einflüsse. Nach
der Unabhängigkeit Indiens wurden ausländische Missionen in dieser politisch
heiklen Region untersagt. Dies förderte die Ausbildung indigener kirchlicher
Strukturen und die Entwicklung eines Christentums, das seine Wurzeln in der
Kultur der Ureinwohner hat. Der North East India Christian Council und der
National Council of Churches in India haben ihren Teil zur Ökumene in dieser
Region beigetragen.
Ein weiterer Bundesstaat mit hohem christlichen Bevölkerungsanteil ist Kerala
(etwa 20 Prozent). Ungefähr drei Millionen der Christen in Kerala gehören orthodoxen Kirchen an. Im
16. Jahrhundert erreichten römisch-katholische Missionare Kerala. Unter dem
Einfluss protestantischer Missionare, die unter syrischen Christen arbeiteten,
entwickelte sich im frühen 19. Jahrhundert die Syrische Mar-Thoma Kirche.
Die ökumenische Bewegung in Indien
Die missionarische Bewegung hat sich auf die ökumenische Entwicklung in
zweifacher, sehr verschiedener Weise ausgewirkt. Sie führte erstens zu einer
Sehnsucht nach Einheit und gemeinsamem Handeln der Kirchen. Das Erstarken der
weltweiten ökumenischen Bewegung führte auch in Indien zu bedeutenden
ökumenischen Entwicklungen. Bemerkenswert dabei war die Geburt der Kirche von
Südindien (Church of South India) 1947. Sie ist die erste gewachsene Union von
Kirchen auf der ganzen Welt. Einige Jahre später kam es zur Gründung der Kirche
von Nordindien. Die ökumenische Bewegung führte auch zu weiteren ökumenischen
Organisationen, darunter dem National Council of Churches in India und der
Student Christian Movement of India (SCMI). Zweitens führte die missionarische
Bewegung aber auch dazu, dass konfessionelle Identitäten übernommen wurden. „Das
Traurige ist, bevor man in erster Linie eine bekennende Kirche in einer
Missionssituation wurde, wurden die jüngeren Kirchen bereits voreilig in eine
‚konfessionelle‘ Situation hineingeworfen, die nicht die ihre war. Bevor sie
eine Gemeinschaft in Christus wurden, wurde ihnen gesagt, sie sollten eine
presbyterianische, lutherische, methodistische oder anglikanische Kirche sein.“[4]
Das Zweite Vatikanische Konzil führte 1965 zu einem neuen Geist des Dialogs
zwischen der römisch-katholischen Kirche und anderen Kirchen. Auch in Indien verstärkte sich dadurch die kirchliche Zusammenarbeit. Die
Katholische Bischofskonferenz in Indien arbeitet eng mit dem Nationalen Rat der
Kirchen zusammen, besonders was die Beziehungen zur Regierung betrifft.
Gemeinsam arbeiten sie dafür, dass sich die Regierung einsetzt, wenn Christen
bei örtlichen Unruhen angefeindet werden. Sie arbeiten zusammen bei der
Gesetzgebung zum Schutz der Rechte von Minderheiten, darunter auch die Rechte
der Dalit-Christen, sowie für Religionsfreiheit.
Während die Kirchen auf der ganzen Welt sich auf die Feier der Gebetswoche für
die Einheit der Christen 2013 vorbereiten, feiern die Kirchen in Indien zwei
eigene wichtige ökumenische Jubiläen. 1912, vor hundert Jahren also, entstand die Christliche Studentenbewegung in
Indien (SCMI), die älteste ökumenische Jugendorganisation der
Universitätsstudenten in Indien. Die SCMI hat die Werte von Ökumene, Einheit,
Gerechtigkeit und Frieden gefördert. Sie hat junge Führungskräfte mit
Eigenschaften wie Integrität und Leistungsbereitschaft geprägt. Die SCMI
ermutigt zu Partnerschaft mit allen kirchlichen Traditionen, mit Menschen jeden
Glaubens und mit anderen ökumenischen Organisationen wie dem YWCA, dem YMCA und
der All India Catholic University Federation (AICUF). Die SCMI ist dem
Christlichen Studenten-Weltbund (WSCF) angeschlossen.
Bei der Vorbereitung des Materials für die Gebetswoche 2013 war die
Jugendabteilung des Nationalen Rates der Kirchen in Indien (NCCI) ein wichtiger
Partner. Der NCCI ist der Ausdruck der Gemeinschaft protestantischer und orthodoxer
Kirchen in Indien und repräsentiert 13 Millionen Christen im ganzen Land. Er
bietet eine Plattform für gemeinsames Nachdenken und Handeln. Orthodoxe Christen
haben eine Vorreiterrolle in der ökumenischen Bewegung in Indien eingenommen.
Bezeichnenderweise begeht auch der NCCI 2014 sein 100jähriges Jubiläum. Der Rat
und seine Mitglieder waren in diesen hundert Jahren aktiv an der Staatsbildung
beteiligt. Der Rat führt die verschiedenen Dienste der Kirchen zusammen, fördert
und koordiniert sie. Die Jugendkommission des NCCI fördert ökumenische und
interreligiöse Aktionen auf nationaler Ebene.
Dritter Partner bei der Vorbereitung der Gebetswoche-Materialien ist die All
India Catholic University Federation (AICUF), eine 1915 gegründeten Bewegung
katholischer Studenten mit der Vision einer neuen und gerechten Gesellschaft.
AICUF ist der Pax Romana angegliedert, der Internationalen Katholischen
Studentenbewegung.
Das Werden der Kirche in Indien
Es sind vor allem zwei Dinge, die die Christen in Indien herausfordern: das
Kastenwesen und die Frage der eigenen Identität.
Das Kastenwesen ist in und zwischen den Kirchen eine große Herausforderung für
die Einheit der Christen in Indien und damit auch für das glaubwürdige Zeugnis
der Kirche als dem einen Leib Christi. Das Gebet für die Einheit der Christen
ist deshalb nicht zu trennen von der Frage nach Gerechtigkeit und Frieden.
Die indischen Kirchen, die ihre Wurzeln in der missionarischen Bewegung haben,
haben sich eine eigene Identität erkämpft. Sie verstehen sich als indische
Kirchen. Der indische Ökumeniker M. M. Thomas stellt heraus, dass eine gewisse
Verbindung der indischen Christen mit der westlichen Kultur infolge jahrelanger
Kolonialherrschaft zwar unvermeidlich ist, Christen in Indien aber gleichwohl
dazu aufgerufen sind, eine eigene Identität zu entwickeln und sich gemeinsam
kritisch zu nationalen Fragen zu äußern.
Was das für ihr Leben und Zeugnis in einem multireligiösen Umfeld bedeutet, in
dem sie eine kleine Minderheit sind, versuchen die Kirchen Indiens
durchzubuchstabieren. Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen im Zusammenleben mit anderen lebendigen
Glaubenstraditionen konnten die Christen Indiens in Fragen des interreligiösen
Dialogs und der Zusammenarbeit mit Menschen anderen Glaubens im ökumenischen
Gespräch eine Führungsrolle einnehmen und belebende Impulse geben.
Die Perspektive der Dalits
Der bedeutendste Beitrag der Missionsbewegung ist, dass viele der Armen und
Kastenlosen in Indien die Bekehrung zu Christus als Befreiung von religiöser und
ritueller Diskriminierung erfahren haben. Auf einem internationalen Kolloquium
erklärte die Schriftstellerin und Sozialforscherin Prof. Dr. Susie Tharu: „Der
Genius der indischen Kirche ist ihr Dalitismus.“[5]
80 bis 90 Prozent der indischen Christen haben einen Dalit-Hintergrund; in
einigen Teilen Indiens gilt das für 100 Prozent der Christen.
Verkündigung des Evangeliums mit dem Ziel der Konversion einerseits und das
Anliegen der interreligiösen Beziehungen andererseits stehen natürlich in einer
gewissen Spannung. Es sind aber gerade die Dalits selbst, die darauf pochen,
dass ihre Bekehrung eine wichtige Form ihres Widerspruchs gegenüber dem
Hinduismus war. Zu Beginn des 1. Weltkrieges waren in Indien ungefähr eine
Million der Christen Dalits. Heute sind es fast 24 Millionen. Das ist eine
Herausforderung nicht nur für die oberen Kasten der Hindus, sondern auch für
Christen aus höheren Kasten und sogar die Missionare selbst. Leider wurde dieser
Aspekt der Missions- und Kirchengeschichte Indiens bisher zu wenig beachtet.
Noch immer machen Dalits Erfahrungen von Unterdrückung und Ausgrenzung. In gewisser Weise erfahren sie bei Dalits anderer Glaubensrichtungen eine
größere Sensibilität für ihre Identität und ihren Kampf als innerhalb der
christlichen Gemeinschaft selbst. Wie beim Kampf gegen die Apartheid in
Südafrika stellt dieser Skandal Christen die Frage nach der Aufrichtigkeit ihres
Engagements für die christliche Einheit.
Die Kirchen bleiben engagiert
Inmitten dieser vielen Herausforderungen versuchen die Kirchen Indiens, ihrem
Kurs treu zu bleiben. Sie wachsen, wenn auch langsam, indem sie ökumenische
Partnerschaften stärken und sich neuen Aufgaben stellen. Eine Minderheit zu
sein, hat bei den Kirchen mitunter zu einem „Überlebensmodus“ geführt und eben
nicht zu einem selbstbewussten und mutigen Zeugnis. Die christliche Präsenz in
Indien muss gebaut sein als „Zukunft für die Hoffnungslosen ... Das Kreuz
Christi, die Gemeinschaft des leidenden Christus und das Seufzen der
unterdrückten Schöpfung zeigen uns den Ort der christlichen Präsenz.“[6]
Student Christian Movement of India (SCMI), im Herbst 2011
[1] Päpstliche Ansprache an die Bischöfe von Madras-Mylapore, Madurai und
Pondicherry-Cuddalore, 17 . November 2003.
[2] Ninan Koshy,
A History of the Ecumenical Movement in Asia, Volume I, (Hong Kong:
Christian Conference of Asia, Asia-Pacific WSCF, 2004). S. 6.
[3] Ebd., S. 10
[4] Hans-Ruedi Weber,
Out of all Continents and Nations: A Review of Regional Developments in the
Ecumenical Movement, A History of the Ecumenical Movement Volume 2, 1948–1968,
Ed. Harold C. Fey (Geneva: World Council of Churches, 1970). p .72–7.3
[5] Susie Tharu in ihrer Abschiedsrede beim Internationalen Kolloquium über Kaste,
Religion und Kultur, organisiert durch den Weltkirchenrat, das Zentrum für
Soziale Studien und Kultur, den Nationalen Rat der Kirchen in Indien und die
Christlichen Studentenbewegung von Indien in Cochin, Kerala vom 1.–4. Mai 2011.
Zu den Dalits vgl. die Einführung in das Thema.
[6] Jürgen Moltmann,
Theology Today, Vol 28 No. 1, April 1971, 6–23. Princeton Theological Seminary, Westminster John Know Press, USA