The Holy See
back up
Search
riga

PÄPSTLICHER RAT ZUR FÖRDERUNG DER EINHEIT DER CHRISTEN

Texte für die
Gebetswoche für die Einheit der Christen
und das ganze Jahr 2015

   Thema: „Gib mir zu trinken! (Joh 4,7)“

  

WICHTIG

Dieser Text ist eine deutsche Übersetzung von Teilen der internationalen Ausgabe der Schriften für die Gebetswoche 2015

Bitte wenden Sie sich an die Ökumenekommission der Bischofskonferenz
Ihres Landes oder an die Synode Ihrer Kirche,
um eine Ihren örtlichen Verhältnissen angepasste Version zu erhalten

    

Text: Johannes 4,1 – 42

1 Jesus erfuhr, dass die Pharisäer gehört hatten, er gewinne und taufe mehr Jünger als Johannes –  2 allerdings taufte nicht Jesus selbst, sondern seine Jünger –; 3 daraufhin verließ er Judäa und ging wieder nach Galiläa.

4 Er musste aber den Weg durch Samarien nehmen. 5 So kam er zu einem Ort in Samarien, der Sychar hieß und nahe bei dem Grundstück lag, das Jakob seinem Sohn Josef vermacht hatte. 6 Dort befand sich der Jakobsbrunnen. Jesus war müde von der Reise und setzte sich daher an den Brunnen; es war um die sechste Stunde.

7 Da kam eine samaritische Frau, um Wasser zu schöpfen. Jesus sagte zu ihr: Gib mir zu trinken! 8 Seine Jünger waren nämlich in den Ort gegangen, um etwas zum Essen zu kaufen. 9 Die samaritische Frau sagte zu ihm: Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um Wasser bitten? Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern.

10 Jesus antwortete ihr: Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben. 11 Sie sagte zu ihm: Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief; woher hast du also das lebendige Wasser? 12 Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gegeben und selbst daraus getrunken hat, wie seine Söhne und seine Herden?

13 Jesus antwortete ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; 14 wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt. 15 Da sagte die Frau zu ihm: Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierher kommen muss, um Wasser zu schöpfen.

16 Er sagte zu ihr: Geh, ruf deinen Mann und komm wieder her! 17 Die Frau antwortete: Ich habe keinen Mann. Jesus sagte zu ihr: Du hast richtig gesagt: Ich habe keinen Mann. 18 Denn fünf Männer hast du gehabt und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Damit hast du die Wahrheit gesagt.

19 Die Frau sagte zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. 20 Unsere Väter haben auf diesem Berg Gott angebetet; ihr aber sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten muss. 21 Jesus sprach zu ihr: Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. 22 Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden. 23 Aber die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden. 24 Gott ist Geist und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten.

25 Die Frau sagte zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, das ist: der Gesalbte (Christus). Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden. 26 Da sagte Jesus zu ihr: Ich bin es, ich, der mit dir spricht.

27Inzwischen waren seine Jünger zurückgekommen. Sie wunderten sich, dass er mit einer Frau sprach, aber keiner sagte: Was willst du?, oder: Was redest du mit ihr?

28 Da ließ die Frau ihren Wasserkrug stehen, eilte in den Ort und sagte zu den Leuten: 29 Kommt her, seht, da ist ein Mann, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe: Ist er vielleicht der Messias? 30 Da liefen sie hinaus aus dem Ort und gingen zu Jesus.

31 Währenddessen drängten ihn seine Jünger: Rabbi, iss! 32 Er aber sagte zu ihnen: Ich lebe von einer Speise, die ihr nicht kennt. 33 Da sagten die Jünger zueinander: Hat ihm jemand etwas zu essen gebracht?

34 Jesus sprach zu ihnen: Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zu Ende zu führen. 35 Sagt ihr nicht: Noch vier Monate dauert es bis zur Ernte? Ich aber sage euch: Blickt umher und seht, dass die Felder weiß sind, reif zur Ernte. 36 Schon empfängt der Schnitter seinen Lohn und sammelt Frucht für das ewige Leben, so dass sich der Sämann und der Schnitter gemeinsam freuen. 37 Denn hier hat das Sprichwort recht: Einer sät und ein anderer erntet. 38 Ich habe euch gesandt zu ernten, wofür ihr nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet und ihr erntet die Frucht ihrer Arbeit.

39 Viele Samariter aus jenem Ort kamen zum Glauben an Jesus auf das Wort der Frau hin, die bezeugt hatte: Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe. 40 Als die Samariter zu ihm kamen, baten sie ihn, bei ihnen zu bleiben; und er blieb dort zwei Tage. 41 Und noch viel mehr Leute kamen zum Glauben an ihn aufgrund seiner eigenen Worte. 42 Und zu der Frau sagten sie: Nicht mehr aufgrund deiner Aussage glauben wir, sondern weil wir ihn selbst gehört haben und nun wissen: Er ist wirklich der Retter der Welt.

 

Vorstellung der Organisationen, die das Material für die Gebetswoche für die Einheit der Christen vorbereitet haben

Der Ökumenische Rat der Kirchen und der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen, die die Gebetswoche für die Einheit der Christen gemeinsam tragen, haben den Nationalen Rat der christlichen Kirchen in Brasilien (CONIC[1]) gebeten, die Materialien für die Gebetswoche 2015 vorzubereiten. CONIC berief dazu eine Arbeitsgruppe ein, die sich aus Repräsentanten der Mitgliedskirchen und der angegliederten ökumenischen Organisationen zusammensetzte. Diese Arbeitsgruppe traf sich im Februar und im April 2012 und stellte ihre Arbeit im Juli 2012 fertig.

Das Internationale Komitee, das von den beiden Trägern der Gebetswoche einberufen wurde, traf sich vom 22. bis 27. September in São Paulo, Brasilien, um die Arbeit an den Materialien abzuschließen. Das Treffen fand im „Hotel e Centro de Convenções Santa Mônica“ statt. Das Hotel liegt in einer armen Gegend in einem Außenbezirk von São Paulo. Das Hotel und Konferenzzentrum Santa Monica wird von Augustiner-Mönchen unterhalten und dient ihnen u.a. als Stützpunkt für verschiedene soziale Projekte, die sie in diesem Bezirk durchführen.

Das Internationale Komitee leistete nicht nur die redaktionelle Arbeit an den von CONIC vorgelegten Texten. Es besuchte auch das Ökumenische Zentrum für Evangelisierung und Volksbildung (CESEP) und traf dort mit dessen Leiter und einigen Studierenden zusammen. Außerdem beschäftigte es sich mit dem Beitrag der ökumenischen Bewegung und besonders des Ökumenischen Rates der Kirchen zur Aufklärung der Menschenrechtsverletzungen, die während der Militärdiktatur in Brasilien begangen wurden (1964-1985).

Das Internationale Komitee spricht Frater José Oscar Beozzo sowie dem Team und den Studierenden von CESEP seinen Dank aus. Ebenso dankt es Herrn Anivaldo Padilha und Prof. Dr. Magali do Nascimento Cunha dafür, dass sie auf eine oft bewegende Weise dazu beigetragen haben, dass die Mitglieder des Internationalen Komitees den sozialen und kirchlichen Hintergrund des Themas und der Texte der Gebetswoche 2015 besser verstehen konnten.

Das Internationale Komitee möchte sich besonders bedanken bei:

Nationaler Rat der christlichen Kirchen in Brasilien:

Bischof Manoel João Francisco – Vorsitzender (römisch-katholisch)

Kirchenältester Elinete W. Paes Miller – zweiter Vizepräsident (Presbyterianer)

Pfarrerin Romi Márcia Bencke – Generalsekretärin (lutherisch)

Ein besonderer Dank gebührt CONICs erstem Vizepräsidenten, Bischof Francisco de Assis (Anglikaner) dafür, dass er den Kontakt zwischen CONIC und dem Ökumenischen Rat der Kirchen im Hinblick auf die Gebetswoche 2015 herstellte.

Brasilianisches Regionalbüro des Lateinamerikanischen Rates der Kirchen (CLAI):

Kirchenältester Darli Alves – Generalsekretär (Presbyterianer)

Ökumenisches ZentrumfürBibelstudien (CEBI):

Pastorin Odja Barros – Vorstandsmitglied (Baptistin)

Herr Edmilson Schinelo – Vorstandssekretär (römisch-katholisch)

Dr. Paulo Ueti – Berater (Anglikaner)

Ökumenisches Zentrum für Beratung und Bildung

Herr Cláudio Becker – Berater (lutherisch)

Ein ganz besonderer Dank gilt Pfarrerin Lusmarina Campos Garcia (lutherisch) und Pfarrer Donald Nelson für die englische Übersetzung des Manuskripts.

Der Nationale Rat der Christlichen Kirchen in Brasilien (CONIC) weiß es sehr zu schätzen, dass er eingeladen wurde, die Materialien für die Gebetswoche für die Einheit der Christen 2015 vorzubereiten. Diese Einladung hat große Bedeutung sowohl für CONIC als auch für die ökumenische Bewegung in Brasilien insgesamt. Bei der Erstellung der Materialien arbeitete CONIC mit anderen ökumenischen Organisationen zusammen, die den ökumenischen Dialog in unserem Land fördern. Drei Partner haben das Material gemeinsam vorbereitet:

Der Nationale Rat der Christlichen Kirchen in Brasilien (CONIC) wurde 1982 gegründet. Ihm gehören folgende Kirchen an: die römisch-katholische Kirche, die Evangelische Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (IECLB), die Anglikanische Episkopalkirche in Brasilien, die Vereinte Presbyterianische Kirche und die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien. Verschiedene ökumenische Vereinigungen gehören ihm als „brüderliche Mitglieder“ (membros fraternos) an. CONIC fördert die Einheit der christlichen Kirchen und strebt zugleich danach, das Evangelium vom Reich Gottes und seine verwandelnde Kraft in der Realität Brasiliens zur Geltung zu bringen. Deshalb setzt sich CONIC für die Würde aller Menschen sowie für die Geltung der Menschenrechte und -pflichten ein. Dieses Engagement ist für CONIC ein Ausdruck der Treue zum Evangelium.

Der Lateinamerikanische Rat der Kirchen (CLAI) wurde ebenfalls im Jahr 1982 gegründet. Sein Ziel ist es, Dialog und Zusammenarbeit zwischen Kirchen und ökumenischen Organisationen zu erleichtern und Raum für den interreligiösen Dialog zu schaffen. Er betrachtet dies als Schritte auf dem Weg zur Einheit und zu gemeinsamem Zeugnis und Dienst.

Das Ökumenische Zentrum für Bibelstudien (CEBI). CEBI wurde 1979 gegründet und ist eine ökumenische Einrichtung, die sich der Vertiefung und Festigung der basisbezogenen Bibelarbeit widmet. Durch die Methode der basisbezogenen Bibelarbeit sollen Basisgruppen darin unterstützt werden, ihre Situation zu reflektieren und durch gemeinsames Engagement zu verbessern. CEBI fördert eine Spiritualität, die sich auf die Entfaltung des Lebens konzentriert. Besonders widmet sich CEBI den am meisten ausgegrenzten sozialen Gruppen des Landes.

Einführung in das Thema
der Gebetswoche für die Einheit der Christen 2015

„Gib mir zu trinken! (Johannes 4,7)

1. Wer von diesem Wasser trinkt …

Eine Reise, die sengende Sonne, Müdigkeit, Durst … „Gib mir zu trinken.“ Den Durst zu stillen ist ein Bedürfnis aller Menschen. Gott, der in Christus Mensch wurde (Joh 1,14) und sich selbst entäußerte, um uns Menschen gleich zu werden, kann die samaritische Frau bitten: „Gib mir zu trinken“ (Joh 4,7). Gleichzeitig bietet dieser Gott, der uns begegnen will, selbst lebendiges Wasser an: „… vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“ (Joh 4,14).

Die Begegnung zwischen Jesus und der samaritischen Frau ermutigt uns dazu, Wasser aus einem anderen Brunnen zu kosten und ein wenig Wasser aus unserem eigenen Brunnen anzubieten. Unsere Verschiedenheit bereichert uns. Die Gebetswoche für die Einheit der Christen ist eine besondere Zeit für Gebet, Begegnung und Dialog. Sie bietet die Gelegenheit, die reichen und wertvollen Gaben derer, die anders sind als wir, anzuerkennen und Gott um die Gabe der Einheit zu bitten.

„Wer dieses Wasser trinkt, kommt immer wieder gerne zurück“, sagt ein brasilianisches Sprichwort, das immer gebraucht wird, wenn ein Besucher abreist. Ein Glas frisches Wasser, chimarrão[2], Kaffee oder tereré[3], sind Zeichen der Annahme, des Dialogs und des Miteinanders. Die biblische Geste, jedem, der kommt, Wasser zu geben (Mt 10,42), ist ein Zeichen des Willkommens und der Gastfreundschaft, das in allen Regionen Brasiliens üblich ist.

Die Beschäftigung mit dem Text aus dem Johannes-Evangelium während der Gebetswoche soll Einzelnen und Gemeinden dabei helfen, den dialogischen Charakter des Reiches Gottes, das Jesus verkündet hat, zu erkennen.

Der Text lehrt uns, wie wichtig es ist, dass Menschen ihre eigene Identität kennen und verstehen, denn dann werden sie durch die Identität anderer nicht verunsichert sein. Wenn wir uns nicht bedroht fühlen, werden wir erfahren können, dass andere uns ergänzen: Eine Person oder eine Kultur allein ist nicht genug! Das Bild, das wir mit den Worten „Gib mir zu trinken“ verbinden, ist also ein Bild, das Komplementarität ausdrückt: Wer Wasser aus dem Brunnen anderer trinkt, beginnt zu erfahren, wie die anderen leben. Dies führt zu einem Austausch von Gaben, der bereichert. Wo die Gaben der anderen zurückgewiesen werden, entsteht großer Schaden für Gesellschaft und Kirche.

Der Text aus dem vierten Kapitel des Johannes-Evangeliums schildert Jesus als Fremden, der müde und durstig ankommt. Er benötigt Hilfe und bittet um Wasser. Die Frau ist in ihrem eigenen Land; der Brunnen gehört ihrem Volk. Sie besitzt ein Schöpfgefäß, und sie ist diejenige, die Zugang zum Wasser hat. Aber auch sie hat Durst. Am Brunnen treffen beide zusammen, und diese Begegnung eröffnet ihnen überraschende Möglichkeiten.

Jesus hört nicht, auf Jude zu sein, selbst wenn er von dem Wasser trinkt, das ihm die samaritische Frau gibt. Die Samariterin bleibt sie selbst, wenn sie Jesus nachfolgt. Wenn wir anerkennen, dass wir aufeinander angewiesen sind, werden wir uns gegenseitig ergänzen, und so ergänzen und bereichern wir uns gegenseitig.

Der Satz „Gib mir zu trinken“ setzt voraus, dass sowohl Jesus als auch die Samariterin um das bitten, was sie vom anderen benötigen. Er nötigt uns anzuerkennen, dass Menschen, Gemeinschaften, Kulturen, Religionen und Völker einander brauchen.

Der Satz „Gib mir zu trinken“ drückt eine Haltung aus, die der Einsicht gerecht wird, dass wir einander brauchen, um die Sendung der Kirche erfüllen zu können. Er zwingt uns, unsere Einstellung zu ändern. Er verpflichtet uns dazu, nach Einheit in unserer Verschiedenheit zu streben und für die vielfältigen Formen christlicher Spiritualität und christlichen Gottesdienstes offen zu sein.

2. Der kirchliche und religiöse Kontext Brasiliens

Brasilien kann als sehr religiöses Land charakterisiert werden. Es gilt traditionell als ein Land, in dem die Beziehungen zwischen sozialen Klassen und ethnischen Gruppen durch eine gewisse „Herzlichkeit“ geprägt sind. Gegenwärtig durchlebt Brasilien jedoch eine Zeit der wachsenden Intoleranz, die sich in einem hohen Maß an Gewalt äußert. Diese richtet sich besonders gegen Minderheiten und Schwache: dunkelhäutige Menschen, Jugendliche, Homosexuelle, Anhänger afro-brasilianischer Religionen, Frauen und Angehörige indigener Völker. Diese Intoleranz blieb sehr lange im Verborgenen. Sie wurde erkennbar und zeigte Brasilien in einem anderen Licht, als am 12. Oktober 1995, dem Fest Unserer Lieben Frau von Aparecida, der Schutzpatronin des Landes, ein neupfingstlerischer Bischof in einer landesweit ausgestrahlten Fernsehsendung die Statue der Heiligen mit Füßen trat. Seitdem gibt es immer wieder Fälle von Intoleranz unter Christen. Auch kommt es häufiger vor, dass Intoleranz von Christen sich gegen andere – besonders afro-brasilianische und indigene – Religionen richtet.

Diesem Verhalten liegt eine Logik zugrunde, gemäß der die Kirchen als Wettbewerber auf dem Markt der Religion gelten. Einige christliche Gruppen in Brasilien verhalten sich zunehmend wie Konkurrenten: man konkurriert um die Aufmerksamkeit der Massenmedien, um Mitglieder und um Zuschüsse der öffentlichen Hand für Großveranstaltungen. Auf genau dieses Phänomen macht Papst Franziskus aufmerksam, wenn er schreibt: „Die spirituelle Weltlichkeit führt einige Christen dazu, im Krieg mit anderen Christen zu sein, die sich ihrem Streben nach Macht, Ansehen, Vergnügen oder wirtschaftlicher Sicherheit in den Weg stellen.“ (Evangelii Gaudium, Nr. 98)

Diese religiöse Konkurrenz hat Folgen für die traditionellen christlichen Konfessionen, die Mitglieder verlieren oder deren Mitgliederzahlen stagnieren. Dies wiederum fördert ein Denken, das nur eine Kirche mit hohen Mitgliederzahlen als eine starke und dynamische Kirche gelten lässt. Aufgrund solcher Entwicklungen gibt es in den traditionellen Kirchen eine wachsende Neigung, sich von dem Streben nach der sichtbaren Einheit der Kirche zu distanzieren.

Die „marktorientierten“ christlichen Gruppen streben nach parteipolitischem Einfluss. In manchen Fällen wird eine eigene politische Partei gegründet. Man verbündet sich mit speziellen Interessengruppen wie Großgrundbesitzern, mit der Agrarindustrie und den Finanzmärkten. Einige Beobachter sprechen sogar von der „Konfessionalisierung des politischen Lebens“, durch die die Trennung von Kirche und Staat in Gefahr gerät. Die Logik ökumenischen Engagements, das darauf setzt, trennende Mauern niederzureißen, wird durch die Logik des Gewinnstrebens und den Schutz der eigenen konfessionellen Interessen ersetzt.

Obwohl sich laut der Volkszählung von 2010 86,8 Prozent der Einwohner Brasiliens als Christen bezeichnen, hat das Land eine sehr hohe Gewaltrate. Die große Anzahl von Christen scheint also nicht dazu zu führen, dass gewaltfreie Einstellungen und die Achtung der Menschenwürde eine größere Geltung in der Gesellschaft bekommen. An folgenden Zahlen lässt sich dies ablesen:

Gewalt gegen Frauen: Zwischen 2000 und 2010 wurden in Brasilien 43.700 Frauen ermordet. 41 Prozent der Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, wurden in ihrer eigenen Wohnung vergewaltigt.

Gewalt gegen Angehörige indigener Völker: Gewalt gegen die indigenen Völker hängt oft mit dem Bau von Wasserkraftwerken und der Expansion der Agroindustrie zusammen. Beide stehen exemplarisch für das Entwicklungsmodell, das in Brasilien gegenwärtig bestimmend ist. Sie tragen maßgeblich dazu bei, dass der Prozess der Demarkierung und Anerkennung indigener Gebiete sich verzögert. Im Jahr 2011 dokumentierte ein Bericht der Kommission für Landpastoral (CPT), die mit der (römisch-katholischen) brasilianischen Bischofskonferenz in Verbindung steht, 450 Bauprojekte auf indigenen Gebieten in Brasilien. Diese Projekte werden ohne angemessene Beratung mit den indigenen Völkern, die das „Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern“ der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO 169) vorsieht, vorangetrieben. Der Bericht von CPT prangert die Ermordung von 500 Indigenen im Zeitraum 2003 bis 2011 an; 62,7 Prozent dieser Morde wurden im Bundesstaat Mato Grosso do Sul verübt. Durchschnittlich 56 Indigene wurden jedes Jahr ermordet.

An der Überwindung der verschiedenen Formen der Intoleranz sollte auf positive Weise gearbeitet werden: durch Respekt vor legitimer Verschiedenheit und die Förderung des Dialogs, die einen dauerhaften Weg zu Versöhnung und Frieden in Treue zum Evangelium.

3. Hermeneutische Entscheidungen

Die Methode, mit der CEBI arbeitet und die in Lateinamerika weithin üblich ist, wird „kontextuelle Bibellektüre“ genannt. Es handelt sich dabei um einen wissenschaftlichen und gleichzeitig basisorientierten Zugang zu den biblischen Texten.

Die kontextuelle Bibellektüre wählt die alltägliche Erfahrung als Ausgangspunkt aller biblischen Theologie und Auslegung. Wir orientieren uns an den Fragen, die Jesus auf dem Weg nach Emmaus (vgl. Lk 24,13-24) stellt: Was ist geschehen? Worüber redet ihr? Wir schreiten vom Kontext des Alltags zum biblischen Text. Auf diesem Weg wird die Bibel eine Leuchte für unsere Füße und ein Licht für unsere Wege (vgl. Ps 119,105). Wir nutzen die Bibel wie eine Taschenlampe, die uns auf unserem Lebensweg Licht schenkt. Der biblische Text lehrt und verwandelt uns, damit wir hier und jetzt Zeugen des Willens Gottes sind.

4. Die Tagesmeditationen

Mit den Tagesmeditationen gehen wir auf eine Reise über acht Tage, deren Ausgangspunkt die „Ankündigung“ ist und die uns weiter zu den Stationen „Eingeständnis“, „Ablehnung“, „Verkündigung“ und „Zeugnis“ führt. Die Woche beginnt mit der Ankündigung eines Gottes, der uns nach seinem Bild geschaffen hat, nach dem Bild des dreieinen Gottes, Einheit in Verschiedenheit. Vielfalt entspricht dem Schöpfungswillen Gottes. Es folgen einige Begebenheiten, die Sünde und Diskriminierung aufdecken. Im weiteren Verlauf geht es um die Abkehr von sündhaften, diskriminierenden Einstellungen als ersten Schritt auf dem Weg zur Einheit des Reiches Gottes. Schließlich legen wir Zeugnis für die Gnade Gottes ab, der uns trotz unserer Unzulänglichkeit immer willkommen heißt und dessen Heiliger Geist uns zu Versöhnung und Einheit führt. So erfahren wir Pfingsten, die Ausgießung der vielfältigen Gaben des Geistes, die zur Vollendung des Reiches Gottes führen.

Einführung in den Gottesdienst
der Gebetswoche 2015

Dieser Entwurf für den ökumenischen Gottesdienst kann für die Eröffnung der Gebetswoche für die Einheit der Christen oder zu einer anderen Gelegenheit im Lauf der Gebetswoche genutzt werden.

Jesus hat bewusst von Judäa nach Galiläa einen Weg gewählt, der ihn durch Samarien führt. Auf seinem Weg kommt er an einem Brunnen vorbei, aus dem eine samaritische Frau regelmäßig Wasser schöpft. Die ökumenische Gruppe aus Brasilien, die diesen Gottesdienst vorbereitet hat, lädt uns ein, die zwei Symbole „Weg“ und „Wasser“ als Bilder der sichtbaren Einheit der Christen zu verstehen, für die wir in dieser Woche beten. Die brasilianische Vorbereitungsgruppe schlägt vor, über folgende Fragen nachzudenken, die dem Gottesdienst seine Richtung geben:

Wie sieht der Weg zur Einheit aus, den wir gehen sollen, so dass die Welt aus der Quelle des Lebens trinken möchte, die Jesus Christus selbst ist?

Auf welchem Weg kommen wir zu einer Einheit, in der unsere Vielfalt Raum hat und geschätzt wird?

Auf dem Weg der Einheit gibt es einen gut gefüllten Brunnen; gefüllt mit dem Wasser, das Jesus auf seinem Weg braucht, aber auch mit dem Wasser, das er gibt und das bis ins ewige Leben reicht. Das Wasser, das die samaritische Frau täglich schöpft, ist das Wasser, das Durst löscht. Es ist das Wasser, das die Wüste erblühen lässt. Das Wasser, das Jesus gibt, ist das Wasser, über dem der Geist Gottes schwebt, das lebendige Wasser. Es ist das Wasser, mit dem wir getauft wurden.

Der Text aus Johannes 4,1-42 ist das Herzstück der Gebetswoche für die Einheit der Christen. Dieser lange Abschnitt des Evangeliums kann durch mehrere Stimmen oder eine Bühnenbearbeitung gelesen bzw. gestaltet werden.

Für die Gottesdienstgestaltung und das Format der Predigt, bzw. Meditation gibt es mehrere Möglichkeiten, die von der Größe der feiernden Gemeinde abhängen:

-     Ein Austausch über die Ausgangsfragen in kleinen Gruppen.

-     Eine Predigt oder ein Andachtswort, die das Evangelium im Blick auf die Ausgangsfragen auslegen.

Der Weg und der Brunnen

Ein „Weg“ kann mit Kerzen, Blumen, buntem Stoff u.a. je nach den Gegebenheiten im Gottesdienstraum gestaltet werden. Am Ende des Weges stehen ein großes Becken und kleine, mit Wasser gefüllte Krüge. Die Krüge können sehr unterschiedlich sein, um die Vielfalt der beteiligten Kirchen und Gruppen zu repräsentieren.

Die Liturginnen und Liturgen ziehen in einer Prozession entlang dieses Weges ein. Am Brunnen gießt jeder Vertreter/jede Vertreterin einer teilnehmenden Kirche das Wasser aus einem Krug langsam in das Becken. Dieses Wasser, zusammengegossen aus verschiedenen Krügen, ist ein Symbol unserer Einheit. Sie ist immer schon gegenwärtig, aber dennoch unvollständig und verborgen. Diese Zeichenhandlung sollte am Anfang des Gottesdienstes stehen und in der Predigt erläutert werden.

Der „gestaltete Weg“ kann auch beim Sündenbekenntnis eine Rolle spielen. Aus unterschiedlichen Richtungen der gottesdienstlichen Gemeinde kommen Menschen auf diesem Weg zusammen, um hier ihre Sünde zu bekennen und um Vergebung zu bitten.

Nach dem Gottesdienst kann als besonders Zeichen der Gemeinschaft Agape gefeiert werden.

Aufbau des Gottesdienstes

Besondere Aufmerksamkeit sollte darauf liegen, Menschen mit Behinderung so einzubeziehen, dass sie vollständig an der Feier teilnehmen können.

Der Gottesdienst besteht aus vier Teilen:

Präludium

I.  Wir versammeln uns in Hoffnung und Einheit

Begrüßung und Einführung in die Gebetswoche und ihr Thema

Sündenbekenntnis und Kyrie

II.  Wir hören das Wort Gottes

Schriftlesung

Predigt oder Meditation

III.  Wir antworten gemeinsam im Glauben

Glaubensbekenntnis

Fürbitten

Selbstverpflichtung und Hingabe

Das Gebet des Herrn (Vater unser)

Friedensgruß

IV.  Wir gehen hinaus in die Welt

Postludium

Ökumenischer Gottesdienst

Es war notwendig, durch Samarien zu gehen

(vgl. Johannes 4,2)

L          Liturg/Liturgin

G         Gemeinde

GL       Gotteslob

EG      Evangelisches Gesangbuch

DHUT Durch Hohes und Tiefes

 

I   Wir versammeln uns in Hoffnung und Einheit

Lied

GL 365 / EG Bayern/Thüringen 697 (Meine Hoffnung und meine Freude)

oder: GL 142 (Zu dir, o Gott, erheben wir …)

oder: EG 165, 1+4-6 (Gott ist gegenwärtig)

oder: Vorschlag aus Brasilien (A água) – www.gebetswoche.de

Liturginnen und Liturgen sowie andere Mitwirkende ziehen feierlich ein.

Liturgische Eröffnung

L       Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

G       Amen

L       Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. (1 Kor 1,3)

L       Dieser Gottesdienst wurde in Brasilien vorbereitet. Brasilien ist ein sehr religiöses Land. Traditionell charakterisiert eine ehrliche Herzlichkeit die Beziehungen auch zwischen sozialen Klassen und ethnischen Gruppen. Gegenwärtig erlebt Brasilien aber eine Zeit wachsender Intoleranz. Sie zeigt sich in offener Gewalt und richtet sich besonders gegen Minderheiten und Schwache. Intoleranz zeigt sich zunehmend auch unter christlichen Gruppen und Kirchen. Es gibt eine religiöse Konkurrenz, die sich auf alle christlichen Konfessionen auswirkt. Diese Erfahrungen bewirken, dass sich manche Kirchen und christlichen Gruppen von einer wesentlichen Aufgabe der christlichen Kirche distanzieren, die sichtbare Einheit zu suchen und zu gestalten.

          Lasset uns beten.

Gebet

L:      Allmächtiger Gott, erfülle uns mit deinem Geist der Einheit, der unsere Verschiedenheit anerkennt.

G:     Erfülle uns mit Offenheit, die alle willkommen heißt und aus uns eine Gemeinschaft werden lässt.

L:      Erfülle uns mit dem Feuer deines Geistes, der verbindet, was getrennt ist, und heilt, was krank ist.

G:     Erfülle uns mit deiner Gnade, die den Hass überwindet und uns von Gewalt befreit.

L:      Erfülle uns mit deinem Leben, das den Tod besiegt.

G:     Gepriesen sei der Gott der Barmherzigkeit, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist, der alles neu macht. Amen.

Lied

EG Bayern/Thüringen 563, 1-7 (Komm, Heilger Geist, der Leben schafft)

oder: GL 477, 1+3 (Gott ruft sein Volk zusammen)

oder: Vorschlag aus Brasilien (Vem, Santo Espírito) – www.gebetswoche.de

Schuldbekenntnis

L:      Demütig, als Schwestern und Brüder in Christus, bitten wir um Gottes Barmherzigkeit und antworten auf Gottes Auftrag, zu überwinden, was uns von ihm und voneinander trennt.

Die Gemeinde antwortet mit:

EG 178.11 (Herr, erbarme dich)

oder: GL 154/155/156 (Kyrie eleison)

oder: Vorschlag aus Brasilien (Señor, ten piedad de nosotros) – www.gebetswoche.de

L:      Barmherziger Gott, Schöpfer aller Dinge, dein Geist schwebte über den Wassern. Leben keimte auf und fing an, in Vielfalt zu blühen. Wir bekennen, dass es uns schwerfällt, mit Unterschieden zu leben. Vergib uns die Geisteshaltungen, die Worte und die Taten, die unsere Einheit verletzen.

G:      Herr, erbarme dich / Kyrie eleison (gesungen)

L:      Barmherziger Gott, Herr Jesus Christus, Gnade und Freude in Fülle, Zuhörer und Lehrer. Du schenkst neue Hoffnung. Du heilst die Wunden an Körper und Geist. Wir bekennen, dass wir auf die Vielfalt der Stimmen der anderen nicht gehört haben. Wir haben es versäumt, Worte der Heilung und der Hoffnung zu sprechen. Wir haben uns von denen abgewandt, die unsere Solidarität und Freundschaft brauchen.

G:      Herr, erbarme dich / Kyrie eleison (gesungen)

L:      Barmherziger Gott, Heiliger Geist, Quelle aller Schöpfung, ewiges und lebenspendendes Wort. Wir bekennen, dass wir die Klage deiner Schöpfung oft überhören. Sie sehnt sich nach Befreiung und Erneuerung. Hilf uns, zusammenzustehen und deine Stimme in allem Lebendigen zu hören, das leidet und sich nach Heilung und Gesundheit sehnt.

G:      Herr, erbarme dich / Kyrie eleison (gesungen)

L:      O Gott, Quelle der Barmherzigkeit und der Gnade, vergib uns unsere Schuld. Schenke uns deine Liebe, die uns verändert, und lass sie in uns zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt. Stärke dein Volk. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn.

G:     Amen.

II         Wir hören das Wort Gottes

Lied

GL 543, 1+3 / EG 295 (Wohl denen, die da wandeln)

oder: EG 194, 1-3 (O Gott, du höchster Gnadenhort)

oder: Vorschlag aus Brasilien (Aleluja) – www.gebetswoche.de

Schriftlesung

Johannes 4,1-42 (gelesen oder gestaltet – siehe Einleitung)

Predigt oder Meditation

Instrumentalmusik (meditativ)

III.           Wir antworten gemeinsam im Glauben

Glaubensbekenntnis

Verwendet werden können das Glaubensbekenntnis von Nicäa-Konstantinopel oder das Apostolische Glaubensbekenntnis. Möglich ist auch ein Bekenntnis im Sinn eines Taufversprechens.

Fürbitten

Die Gemeinde kann auf die einzelnen Bitten mit der indigenen Melodie „Guaicuru“ antwor-ten. Es kann auch ein bekanntes Kyrie gewählt werden.

DHUT 115 (Höre uns, wir rufen dich)

oder: GL 285 (Ubi caritas et amor)

oder: Vorschlag aus Brasilien (Ouve, Deus de amor) – www.gebetswoche.de

L:      Du ewiger, mitfühlender Gott, wir bitten um dein Licht für alle Menschen, dass sie sich trotz aller Verschiedenheit einladend und vertrauensvoll begegnen.

G:     Höre uns, wir rufen dich / Kyrie eleison (gesungen)

L:      Du ewiger, mitfühlender Gott, wir bitten dich für alle, die anderen beistehen, dass sie mit ihrer Nächstenliebe und Gastfreundschaft ein Zeichen der Einheit sind.

G:     Höre uns, wir rufen dich / Kyrie eleison (gesungen)

L:      Du ewiger, mitfühlender Gott, wir bitten dich um Frieden. Hilf allen, die sich um den Frieden mühen und schenke ihnen die Kraft, eine tolerante und gewaltfreie Welt mitzugestalten.

G:     Höre uns, wir rufen dich / Kyrie eleison (gesungen)

L:      Du ewiger, mitfühlender Gott. Du sprichst zu uns durch die Schöpfung, die Propheten, vor allem durch deinen Sohn, Jesus Christus. Hilf deiner Kirche, dass sie deine Stimme hört und versteht, dass du zur Einheit in Vielfalt rufst.

G:     Höre uns, wir rufen dich / Kyrie eleison (gesungen)

L:      Du ewiger, mitfühlender Gott, im Namen deines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn, bitten wir für uns und diese Welt um das Wasser des Lebens. Als Fremder bat er eine Frau aus Samarien um Wasser, um seinen Durst zu stillen. Wir bitten dich, gib uns das lebendige Wasser, das uns ewiges Leben schenkt.

G:     Höre uns, wir rufen dich / Kyrie eleison (gesungen)

Situationsbezogen können weitere Fürbitten ergänzt werden.

Selbstverpflichtung und Hingabe

L:      Jesus Christus lehrt uns, unser Leben als ein Zeichen der Liebe und des Mitgefühls hinzugeben. Wir bitten dich, Gott, dass wir selbst zu lebendigen Opfern werden, die aus deiner Gnade leben und nach deinem Wort handeln.

Vertreterinnen und Vertreter der mitfeiernden Gemeinden legen Zeichen am Brunnen (an der Wasserschale) nieder, die ausdrücken, welche Gabe ihre Gemeinde hat, mit der sie die Einheit fördern will.

L:      Gott, du bist immer bei uns und begleitest uns. Schenk uns dein Licht und deinen Geist, damit wir unseren Dienst treu ausüben können. Hilf uns, jedem gegenüber freundlich zu sein und unser Ohr gerade denen zu öffnen, die anders sind als wir. Nimm alle Gewaltbereitschaft aus unseren Herzen. Hilf uns, Einstellungen zu überwinden, die andere ausgrenzen und in ihrer Würde verletzen. Mache unsere Kirchen zu einladenden Orten, an denen wir Vergebung, Freude und die Kraft des Glaubens erfahren und Jesus Christus näher kommen.

G:     Amen.

Vater unser (gesprochen oder gesungen)

Friedensgruß

L       Gott lehrt uns, einander willkommen zu heißen und Gastfreundschaft zu üben. Er gewähre uns Frieden und Gelassenheit, damit wir gemeinsam auf dem Weg zur Einheit der Christen weitergehen.

Geben wir einander ein Zeichen des Friedens.

IV.           Wir gehen hinaus in die Welt

Segen

L       Gott, der Herr, segne und beschütze dich.
Er erfülle dein Herz mit Zärtlichkeit und deine Seele mit Freude,
deine Ohren mit Musik und deine Nase mit Wohlgeruch.
Er fülle deinen Mund mit Liedern,
dass Hoffnung erklingt und dich erfüllt.

Jesus Christus, der das lebendige Wasser ist, 
sei hinter dir, um dich zu schützen.
Er sei vor dir, um dich zu leiten.
Er sei an deiner Seite, um dich zu begleiten.
Er sei in dir, um dich zu trösten
Er sei über dir, um dich zu segnen.

Der Heilige Geist, der Leben spendet und heiligt,
ziehe in dich ein, damit deine Gedanken geheiligt werden.
Er handle durch dich, damit deine Arbeit geheiligt ist.
Er fülle dein Herz, damit du liebst, was heilig ist.
Er stärke dich, damit du verteidigst, was heilig ist.
Er wohne in deinem Herzen
und entzünde in dir das Feuer seiner Liebe.
Er stärke dich im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe.

So segne dich der allmächtige und barmherzige Gott:
Vater, Sohn und Heiliger Geist.

G:     Amen.

Lied

DHUT 332 (Wo Menschen sich vergessen)

EG 262, 1+3+4+7 (Sonne der Gerechtigkeit)

GL 487, 1-5 (Nun singe Lob, du Christenheit)

nach dem Lied ziehen die Liturginnen und Liturgen aus

Orgelnachspiel

Biblische Meditationen und Gebete
zu den acht Tagen der Gebetswoche 2015

1. TAG
Die Ankündigung: Er musste aber den Weg durch Samaria nehmen (Johannes 4,4)

 

Genesis 24,10-33                    Abraham und Rebekka am Brunnen

Psalm 42                                 Der Hirsch, der nach frischem Wasser lechzt

2. Korinther 8,1-7                   Die Großzügigkeit der Kirchen Mazedoniens

Johannes 4,1-4                        „Er musste aber den Weg durch Samaria nehmen“

Erläuterung

Jesus und seine Jünger reisen von Judäa nach Galiläa. Samaria liegt zwischen diesen beiden Gebieten. Auf jüdischer Seite gibt es Vorbehalte gegenüber Samaria und den Samaritern. Samaria hatte einen schlechten Ruf, weil dort Angehörige verschiedener Völker und Religionen lebten. Es war durchaus üblich, dass Juden alternative Reisewege nutzten, um Samaria zu umgehen.

Was bedeutet es, wenn es im Johannes-Evangelium heißt: „Er musste aber den Weg durch Samaria nehmen“ (V.4)? Es geht um mehr als um Geographie; Jesus trifft eine bewusste Wahl. „Durch Samaria zu gehen“ heißt, dass es nötig ist, den Menschen zu begegnen, die anders sind und deshalb oft als Bedrohung gesehen werden.

Der Konflikt zwischen den Juden und den Samaritern war alt. Die Vorfahren der Samariter hatten mit dem Königtum des Südreiches gebrochen, als es die Zentralisierung der Anbetungsstätten in Jerusalem durchsetzen wollte (1 Kön 12). Als später die Assyrer in Samaria einfielen, betrieben sie eine Umsiedlungspolitik. Die einheimische Bevölkerung wurde deportiert, fremde Völker wurden angesiedelt. Jedes Volk verehrte seine eigenen Götter (2 Kön 17,24-34). Aus der Sicht der Juden wurden die Samariter dadurch ein „gemischtes und unreines“ Volk. In einem der folgenden Kapitel des Johannes-Evangeliums wird geschildert, dass die Juden Jesus diskreditieren wollen und ihn deshalb beschuldigen: „Sagen wir nicht Recht: Du bist ein Samariter und von einem Dämon besessen?“ (Joh 8,48).

Umgekehrt hatten die Samariter Schwierigkeiten, die Juden zu akzeptieren (Joh 4,8). Die Wunden der Vergangenheit wurden noch vermehrt, als der Hasmonäer-König Johannes Hyrkanos I. um 128 v. Chr. den Tempel auf dem Berg Garizim zerstörte, den die Samariter für ihren Gottesdienst erbaut hatten. Jesus selbst machte einmal die Erfahrung, so berichtet es das Lukasevangelium, dass er in einer samaritischen Stadt nicht aufgenommen wurde, nur weil er auf dem Weg nach Judäa war (Lk 9,52). Dialogverweigerung gab es also auf beiden Seiten.

Johannes macht deutlich, dass Jesus sich bewusst entscheidet, „durch Samaria zu gehen“. Er geht über die Grenze seines eigenen Volkes hinaus. Damit zeigt er uns, dass wir uns selbst ärmer machen, wenn wir Menschen meiden, die anders sind als wir, und nur Beziehungen zu denen pflegen, die uns ähnlich sind. Der Dialog mit denen, die anders sind, lässt uns wachsen.

Fragen

Was bedeutet es für mich und meine Glaubensgemeinschaft, „durch Samaria gehen zu müssen“?

Welche Schritte ist meine Kirche gegangen, um anderen Kirchen zu begegnen, und was haben die Kirchen voneinander gelernt?

Gebet

Gott aller Völker, lehre uns, durch Samaria zu gehen, um unsere Schwestern und Brüder aus den anderen Kirchen kennenzulernen. Hilf uns, diesen Weg mit einem offenen Herzen zu gehen, damit wir von jeder Kirche und Kultur lernen. Wir bekennen, dass du die Quelle der Einheit bist. Schenke uns die Einheit, die Christus für uns will. Amen.

2. TAG
Das Eingeständnis I: Jesus war müde von der Reise und setzte sich daher an den Brunnen (Joh 4,6)

Genesis 29,1-14                      Jakob und Rahel am Brunnen

Psalm 137                               „Wie könnten wir singen, die Lieder des Herrn, fern, auf fremder Erde?“

1 Korinther 1,10-18                „Ich meine damit, dass jeder von euch etwas anderes sagt: Ich halte zu Paulus – ich zu Apollos“

Johannes 4,5-6                        Jesus war „müde von der Reise“

Erläuterung

Vor seiner Begegnung mit der samaritischen Frau war Jesus in Judäa gewesen. Die Pharisäer hatten das Gerücht gestreut, dass Jesus mehr Jünger taufte als Johannes. Möglicherweise verursachte dies Spannungen und Unbehagen. Vielleicht entschloss sich Jesus deshalb, Judäa zu verlassen.

Am Brunnen angekommen, beschließt Jesus, Rast zu machen. Er war müde von seiner Reise. Seine Müdigkeit kann auch mit den Gerüchten zusammenhängen. Während er sich ausruht, kommt eine samaritische Frau zum Brunnen, um Wasser zu schöpfen. Die Begegnung findet am Jakobsbrunnen statt: ein symbolischer Ort im Leben und der religiösen Tradition der Menschen in der Bibel.

Zwischen der samaritischen Frau und Jesus beginnt ein Dialog über den richtigen Ort der Anbetung. „Ist er auf diesem Berg oder in Jerusalem?“, fragt die samaritische Frau. Jesus antwortet, „weder auf diesem Berg noch in Jerusalem … die wahren Beter [werden] den Vater anbeten … im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden“ (Joh 4,21-24).

Es kommt immer noch vor, dass statt des gemeinsamen Strebens nach Einheit Konkurrenz und Auseinandersetzung die Beziehungen zwischen den Kirchen kennzeichnen. Das war die Erfahrung in Brasilien in den letzten Jahren. Gemeinschaften preisen ihre eigenen Vorteile und Leistungen an, die sie ihren Anhängern gewähren können, um so neue Mitglieder zu gewinnen. Einige denken, je größer die Kirche, je größer die Zahl der Mitglieder, desto größer ihre Macht, desto näher sind sie Gott. Sie präsentieren sich selbst als die einzig wahren Anbeter. Eine Folge davon sind Gewalt und Respektlosigkeit gegenüber anderen Religionen und Traditionen. Diese Art von Konkurrenz schafft Misstrauen zwischen den Kirchen, und sie schadet der Glaubwürdigkeit des Christentums in der Gesellschaft. Wenn die Konkurrenz wächst, wird die „andere“ Gemeinschaft zum Feind.

Wer sind die wahren Anbeter? Wahre Anbeter führen keinen Konkurrenzkampf – wer ist besser und wer ist schlechter? –, der den Glauben korrumpiert. Wir benötigen „Brunnen“ zum Anlehnen, zum Rasten und Loslassen von Streitigkeiten, Konkurrenzkämpfen und Gewalt. Wir benötigen Orte, an denen wir lernen können, dass wahre Anbeter „im Geist und in der Wahrheit“ (Joh 4,24) anbeten.

Fragen

Was sind die Hauptgründe für Konkurrenzkämpfe zwischen unseren Kirchen?

Sind wir in der Lage, einen gemeinsamen „Brunnen“ aufzusuchen, an den wir uns anlehnen und an dem wir von unseren Streitigkeiten und unseren Konkurrenzkämpfen ausruhen können?

Gebet

Gnädiger Gott, oft folgen unsere Kirchen der Logik des Wettbewerbs. Vergib uns unseren Hochmut. Wir sind es müde, erster sein zu müssen. Lass uns am Brunnen rasten, und erfrische uns mit dem Wasser der Einheit, die unserem gemeinsamen Gebet entspringt. Möge dein Geist, der über den Wassern des Chaos und des Dunkels schwebte, Einheit in unserer Verschiedenheit wirken. Amen.

3. TAG
Das Eingeständnis II: „Ich habe keinen Mann“ (Johannes 4,17)

2 Könige 17,24-34                 Samaria besiegt von Assur

Psalm 139,1-12                       „Herr, du erforscht mich und du kennst mich“

Römer 7,1-4                           „Ebenso seid auch ihr, meine Brüder, durch das Sterben Christi tot für das Gesetz“

Johannes 4,16-19                    „Ich habe keinen Mann“

Erläuterung

Die samaritische Frau antwortet Jesus: „Ich habe keinen Mann.“ Das Gespräch dreht sich jetzt um das Eheleben der Frau. Die Thematik des Dialogs verändert sich – vom Wasser zum Ehemann. „Geh, ruf deinen Mann, und komm wieder her“, (Joh 4,16) fordert Jesus. Aber er weiß, dass die Frau bereits fünf Ehemänner hatte und mit dem Mann, mit dem sie jetzt zusammen lebt, nicht verheiratet ist.

In welcher Situation befindet sich diese Frau? Haben ihre Ehemänner sich von ihr scheiden lassen? War sie eine Witwe? Solche Fragen stellen sich natürlich bei dieser Erzählung. Jesus scheint sich aber aus anderen Gründen für die Lage der Frau zu interessieren. Er weiß um ihr Leben, bleibt aber offen für sie und ermöglicht so Begegnung. Offenbar geht es ihm um mehr als um ein moralisches Urteil über ihre Antwort. Das führt dazu, dass die Haltung der Frau Jesus gegenüber sich ändert. Die kulturellen und religiösen Unterschiede, die die beiden trennen, treten jetzt in den Hintergrund, und es entsteht Raum für etwas viel Wichtigeres: eine vertrauensvolle Begegnung. Jesu Verhalten in dieser Situation ermöglicht es uns, die Fenster zu öffnen und weitergehende Fragen zu stellen. So können wir diejenigen Haltungen in Frage stellen, mit denen Frauen erniedrigt und marginalisiert werden. Auch können wir kritisch fragen, welche Differenzen die Einheit verhindern, nach der wir streben und für die wir beten.

Fragen

Welche sündhaften Strukturen können wir in unseren eigenen Gemeinden erkennen?

Welche Stellung und welche Rolle haben Frauen in unseren Kirchen?

Was können unsere Kirchen tun, um Gewalt vorzubeugen und um Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu überwinden?

Gebet

Mit welchem Namen soll ich Dich anrufen,
der Du über allen Namen bist?
Du, der „Über-alles“,
welchen Namen soll ich dir geben?
Welcher Hymnus kann Dein Lob singen?
Welches Wort von Dir sprechen?
Kein Geist kann in Dein Geheimnis eindringen,
kein Verstand Dich verstehen.
Von dir geht alles Sprechen aus,
aber Du bist über alle Sprache,
von Dir stammt alles Denken,
aber Du bist über alle Gedanken.
Alle Dinge rufen Dich aus,
die stummen und die mit Sprache begabten.
Alle Dinge vereinen sich, Dich zu feiern,
das Unbewusste und das, was bewusst ist.
Du bist das Ende aller Sehnsüchte
und allen schweigenden Strebens.
Du bist das Ende allen Seufzens Deiner Schöpfung.
Alle, die Deine Welt zu deuten wissen,
vereinen sich, Dein Lob zu singen. Du bist beides; alles und nichts,
nicht ein Teil, auch nicht das Ganze.
Alle Namen werden Dir gegeben
und doch kann keiner Dich fassen.
Wie soll ich Dich also nennen,
Du der Du über alle Namen bist.

(Gregor von Nyssa)

4. TAG
Die Ablehnung: Da ließ die Frau ihren Wasserkrug stehen (Johannes 4,28)

Genesis 11,31-12,4                 Gott verspricht Abram, aus ihm eine große und segnende Nation zu machen

Psalm 23                                 „Der Herr ist mein Hirte“

Apostelgeschichte 10,9-20     „Was Gott für rein erklärt, nenne du nicht unrein!“

Johannes 4,25-28                    „Da ließ die Frau ihren Wasserkrug stehen“

Erläuterung

Die Begegnung zwischen Jesus und der Samariterin zeigt, dass der Dialog mit dem Anderen, Fremden, Unvertrauten lebensspendend sein kann. Wenn die Frau sich an die Regeln ihrer Kultur gehalten hätte, wäre sie vom Brunnen fortgegangen, als sie Jesus kommen sah. An diesem Tag aber hielt sie sich nicht an die geltenden Regeln – aus welchem Grund auch immer. Sowohl sie als auch Jesus ließen die herkömmlichen Verhaltensmuster hinter sich. Mit diesem Bruch mit dem Althergebrachten geben sie uns ein weiteres Beispiel dafür, dass es uns möglich ist, neue Beziehungen aufzubauen.

Jesus vollendet das Werk des Vaters. Die samaritische Frau ihrerseits lässt ihren Wasserkrug stehen, was bedeutet, dass sie in ihrem Leben neue Wege gehen kann und sich nicht auf die Rolle festlegen lassen muss, die die Gesellschaft ihr zuschreibt. Mit dem Althergebrachten zu brechen ist notwendig für alle, die in ihrem Glauben stärker und weiser werden möchten.

Die samaritische Frau lässt ihren Wasserkrug stehen, weil sie eine größere Gabe gefunden hat, die bedeutender ist als das Wasser, für das sie zum Brunnen gekommen war. Ihr Zeugnis wird von ihrer Gemeinschaft anerkannt. So wird sie von einer einfachen Wasserträgerin zu einer Verkündigerin des Messias. Sie hat die größere Gabe erkannt, die Jesus, der fremde Jude, ihr anbietet.

Wir haben Schwierigkeiten damit, das, was wir nicht kennen und was anderen gehört, wertzuschätzen, es als gut oder sogar als heilig anzuerkennen. Dennoch: Die Gaben der anderen als gut und heilig anzuerkennen ist ein notwendiger Schritt auf dem Weg zu der sichtbaren Einheit, die wir suchen.

Fragen

Die Begegnung mit Jesus fordert von uns, unseren Wasserkrug stehen zu lassen. Was sind solche „Wasserkrüge“ für uns?

Welche Schwierigkeiten hindern uns vor allem daran, unseren Wasserkrug stehen zu lassen?

Gebet

Liebender Gott, hilf uns, von Jesus und der Samariterin zu lernen, dass die Begegnung mit den anderen uns neue Horizonte der Gnade eröffnet. Hilf uns, unsere Grenzen zu überwinden und neue Herausforderungen anzunehmen. Hilf uns, unsere Angst hinter uns zu lassen und dem Ruf deines Sohnes zu folgen. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi. Amen.

5. TAG

Die Verkündigung: Du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief (Johannes 4,11)

Genesis 46,1-7                        Gott sagt zu Jakob, dass er keine Angst zu haben braucht, nach Ägypten zurückzugehen

Psalm 133                               „Wie gut und schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen“

Apostelgeschichte 2,1-11       Das Pfingstereignis

Johannes 4,7-15                      „Du hast kein Schöpfgefäß und der Brunnen ist tief“

Erläuterung

Jesus brauchte Hilfe. Nach einer langen Wanderung ist er müde. Die Hitze der Mittagszeit trägt zu seiner Erschöpfung bei; er ist hungrig und durstig (Joh 4,6). Hinzu kommt, dass Jesus ein Fremder ist. Er ist auf fremdem Gebiet, und der Brunnen gehört dem Volk der Frau. Jesus ist durstig, hat aber – die Samariterin weist darauf hin – kein Gefäß, um Wasser zu schöpfen. Er braucht Wasser, er braucht ihre Hilfe: Wir alle sind auf Hilfe angewiesen!

Viele Christen glauben, dass sie allein alle Antworten haben und von niemandem Hilfe benötigen. Wir verlieren viel, wenn wir in dieser Haltung verharren. Niemand von uns kann den Brunnen des Göttlichen in seiner ganzen Tiefe ausloten, und doch verlangt unser Glaube, dass wir tiefer in das Geheimnis eindringen. Das können wir nicht allein. Wir brauchen die Hilfe unserer christlichen Brüder und Schwestern. Nur mit ihnen können wir die Tiefen des göttlichen Geheimnisses ausloten.

Uns allen, unabhängig davon, welcher Kirche wir angehören, ist die Einsicht gemeinsam, dass Gott ein Geheimnis ist, das wir mit unserem Verstand nicht fassen können. Auf unserer Suche nach der Einheit der Christen lernen wir, dass keine christliche Gemeinschaft über alle Mittel verfügt, mit denen der tiefe Brunnen des Göttlichen ausgelotet werden kann. Wir brauchen Wasser, wir brauchen Hilfe: Wir alle sind auf Hilfe angewiesen! In dem Maß, in dem unsere Einheit wächst, wir unsere Krüge teilen und unsere Seile zusammenknoten, werden wir immer tiefer in den Brunnen des Göttlichen eintauchen.

Die Tradition der indigenen Völker Brasiliens lehrt uns, sowohl von der Weisheit der Alten als auch von der Neugier und Arglosigkeit der Kinder zu lernen. Wenn wir bereit sind anzuerkennen, dass wir einander brauchen, werden wir wie lernbegierige Kinder. Auf diesem Weg wird sich das Reich Gottes für uns öffnen (Mt 18,3). Wir müssen Jesus nachahmen. Wir müssen aufbrechen und in ein fremdes Land gehen, wo wir selbst Fremde sind, und den Willen entwickeln, von dem zu lernen, was uns fremd ist.

Fragen

Erinnern Sie sich an Situationen, in denen Ihre Kirche einer anderen Kirche geholfen oder von einer anderen Kirche Hilfe erhalten hat?

Gibt esinIhrer Kirche Vorbehalte, von einer anderen Kirche Hilfe anzunehmen? Wie können diese Vorbehalte überwunden werden?

Gebet

Gott, Quelle des lebendigen Wassers, hilf uns zu verstehen, dass wir unsere Krüge tiefer in dein göttliches Wasser eintauchen können, wenn wir unsere Seile zusammenknoten. Lass uns erkennen, dass die Gaben der anderen ein Ausdruck deines unergründlichen Geheimnisses sind. Und lass uns zusammen am Brunnen sitzen und von deinem Wasser trinken, das uns in Einheit und Frieden zusammenführt. Darum bitten wir dich im Namen deines Sohnes Jesus Christus, der die Samariterin bat, ihm Wasser zu geben, um seinen Durst zu stillen. Amen.

6. TAG
Das Zeugnis: Jesus sagte: „Vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt“ (Johannes 4,14)

Ex 2,15-22                              Mose in Midian

Psalm 91                                 Das Lied von denen, die Schutz beim Herrn suchen

1. Johannes 4,16-21                Die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht

Johannes 4,11-15                    „Eine sprudelnde Quelle, deren Wasser ewiges Leben schenkt“

Erläuterung

Der Dialog, der damit beginnt, dass Jesus um Wasser bittet, wird zum Dialog, in dem Jesus Wasser verheißt. Später im Johannes-Evangelium wird Jesus noch einmal um Wasser bitten. „Ich habe Durst“, sagt er vom Kreuz herab (Joh 19,28). Am Kreuz wird Jesus selbst zur Quelle des verheißenen Wassers, das aus seiner durchbohrten Seite fließt (Joh 19,34). Dieses Wasser, dieses Leben empfangen wir von Jesus in der Taufe, und es wird zu Wasser und Leben, das in uns aufsteigt und das wir weitergeben und mit anderen teilen sollen.

Hier ist das Zeugniseiner brasilianischen Frau, die von diesem Wassergetrunken hat und in der es zu einer Quelle geworden ist:

Schwester Romi, eine Krankenschwester aus Campo Grande, war Pastorin einer Pfingstgemeinde. In ihrem Wohnviertel brachte ein sechzehnjähriges Mädchen namens Simei, Angehörige eines indigenen Volkes, einen kleinen Jungen zur Welt – allein, in einer Hütte, an einem Sonntag in der Nacht. Als man Simei fand, lag sie blutend auf dem Boden. Schwester Romi brachte sie in ein Krankenhaus. Dann wurden Nachforschungen angestellt – wo war Simeis Familie? Die Familie wurde gefunden, aber sie wollte nichts von ihrer Tochter wissen. So hatten Simei und ihr Kind kein Zuhause. Schwester Romi nahm sie in ihrem eigenen bescheidenen Heim auf, obwohl sie Simei nicht kannte und es in Campo Grande große Vorurteile gegenüber den Angehörigen indigener Völker gibt. Simei hatte noch immer gesundheitliche Probleme. Schwester Romis Großzügigkeit aber bewegte ihre Nachbarn dazu, ebenfalls großzügig zu sein. So fand sich eine andere junge Mutter, eine Katholikin namens Veronica, die Simeis Kind stillte, weil Simei selbst dazu nicht fähig war. Simei nannte ihren Sohn Lukas Nathanael, und nach einiger Zeit konnte sie mit ihm von der Stadt aufs Land ziehen. Die Freundlichkeit von Schwester Romi und ihren Nachbarn hat sie nie vergessen.

Das Wasser, das Jesus schenkt und das Schwester Romi in der Taufe empfangen hat, ist in ihr zu einer Quelle geworden, die Simei und ihrem Kind Leben ermöglicht hat. Schwester Romis Zeugnis bewirkte, dass das Wasser der Taufe auch im Leben ihrer Nachbarn zu einer Quelle wurde. Wenn das Wasser der Taufe Leben eröffnet, dann wird dies zu einem ökumenischen Zeugnis für christliche Liebe, die Früchte trägt, zu einem Vorgeschmack des ewigen Lebens, das Jesus verheißt.

Wenn die Gemeinschaft unter uns wachsen soll, dann brauchen wir konkrete Gesten wie diese, die von ganz normalen Menschen kommen. Sie legen Zeugnis für das Evangelium und für die Bedeutung ökumenischer Beziehungen ab.

Fragen

Wie interpretieren SieJesuWort, dass das Wasser, das er uns gibt, in uns zur „sprudelnden Quelle“ wird, „deren Wasser ewiges Leben schenkt“ (Joh 4,14)?

Wo erleben Sie Christen, diezur Quellelebendigen Wassersfür Sie undfür andere werden?

Zu welchen Themen des gesellschaftlichen Lebens sollten die Kirchenmit einer Stimme sprechen, um Quellen des lebendigenWasserszu sein?

Gebet

Dreieiniger Gott, wir wollen dem Beispiel Jesu folgen. Mach uns zu Zeugen deiner Liebe. Gewähre uns, Werkzeuge für Gerechtigkeit, Frieden und Solidarität zu werden. Schenke uns deinen Geist, der uns konkrete Schritte auf dem Weg zur Einheit weist. Lass aus Mauern Brücken werden. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi in der Einheit des Heiligen Geistes. Amen.

7. TAG
Das Zeugnis: „Gib mir zu trinken“ (Johannes 4,7-15)

Numeri 20,1-11                      Die Israeliten in Meriba

Psalm 119,10-20                     „Ich berge deinen Spruch im Herzen“

Römer 15,2-7                         Gott möge  uns gewähren, in Harmonie miteinander zu leben

Johannes 4,7-15                      „Gib mir zu trinken“

Erläuterung

Christen sollten darauf vertrauen, dass Begegnung und Erfahrungsaustausch mit den anderen, auch mit Angehörigen anderer Religionen, uns verändern und uns dabei helfen können, die Tiefen des Brunnens auszuloten. Wenn wir auf diejenigen zugehen, die uns fremd sind, und wenn wir den Wunsch verspüren, aus ihrem Brunnen zu trinken, dann wird in uns das Verständnis für die „Wunder Gottes“, die wir verkündigen, wachsen.

Als das Volk Gottes auf seiner Wanderung durch die Wüste litt, weil es kein Wasser hatte, beauftragte Gott Moses und Aaron, Wasser aus einem Felsen fließen zu lassen. Auch unsere Bedürfnisse stillt Gott oft durch andere. Wenn wir Gott um etwas bitten – wie die samaritische Frau, die Jesus um Wasser bittet –, dann hat er unser Gebet vielleicht längst erhört, indem er das, worum wir bitten, in die Hände unserer Nächsten legt. Wir müssen uns also an sie wenden und bitten: „Gib mir zu trinken.“

Manchmal ist das, was wir brauchen, im Leben und Wohlwollen der Menschen um uns herum bereits gegeben. Das Volk der Guarany in Brasilien kennt kein Wort, das unserem Begriff „Religion“ entsprechen würde, insofern dieser einen separaten Lebensbereich bezeichnet. Der übliche Ausdruck heißt wörtlich übersetzt „unser guter Weg zu sein“ („ñande reko katu“). Dieser Ausdruck bezieht sich auf das gesamte kulturelle Leben, das die Religion einschließt. Religion ist also ebenso Teil der Kultur der Guarany wie ihre Art zu denken und ihr Sein (teko). Religion steht mit allem in Verbindung, wodurch die Gemeinschaft verbessert und weiterentwickelt wird und das auf den Weg zu einem „guten Sein“ (teko katu) führt. Das Volk der Guarany erinnert uns daran, dass das Christentum ursprünglich „der Weg“ (Apg 9,2) genannt wurde. „Der Weg“ oder „unser guter Weg des Seins“ ist die Art, wie Gott in allen Bereichen unseres Lebens Harmonie wirkt.

Fragen

Auf welche Weise wurden Ihre Erfahrungen mit Gott und ihre Vorstellungen über Gott durch die Begegnung mit anderen Christen bereichert?

Was können christliche Gemeinden von der Weisheit indigener Völker oder von anderen religiösen Traditionen in Ihrer Region lernen?

Gebet

Gott des Lebens, du sorgst für die ganze Schöpfung und rufst uns zu Gerechtigkeit und Frieden. Führe uns auf deinem Weg,
auf dem Sicherheit auf Respekt statt auf Waffen beruht,
auf dem Kraft in Liebe statt in Gewalt wurzelt,
auf dem Reichtum durch das Teilen statt durch Geld wächst,
auf dem Gerechtigkeit statt Konkurrenz herrscht,
auf dem der Sieg mit Vergebungsbereitschaft statt mit Vergeltung errungen wird,
auf dem unsere Einheit nicht auf einem gemeinsamen Streben nach Macht beruht, sondern in der Bereitschaft wurzelt, deinen Willen zu tun.

Hilf uns, uns für die Würde der ganzen Schöpfung einzusetzen und das Brot der Solidarität, der Gerechtigkeit und des Friedens zu teilen.

Darum bitten wir dich im NamenJesu, deines heiligen Sohnes, unseres Bruders, der Opfer unserer Gewalt wurde und noch am Kreuz uns allen Vergebung geschenkt hat. Amen.

8. TAG
Die Verkündigung: Viele glaubten auf das Wort der Frau hin

 

Exodus 3,13-15                      Mose am brennenden Dornbusch

Psalm 30                                 Der Herr schenkt uns neues Leben

Römer 10,14-17                     „Wie sind die Freudenboten willkommen, die Gutes verkündigen!“

Johannes 4,27-30.39-40         Viele glaubten auf das Wort der Frau hin

Erläuterung

Die samaritische Frau ist durch die Begegnung mit Jesus verwandelt, und sie beginnt, Zeugnis zu geben. Sie verkündigt ihrem Volk, dass sie den Messias gefunden hat. Viele glauben an Jesus „auf das Wort der Frau hin“ (Joh 4,39). Die Kraft ihres Zeugnisses beruht darauf, dass ihr Leben sich durch die Begegnung mit Jesus verändert hat. Aufgrund ihrer Offenheit erkannte sie in diesem Fremden „eine sprudelnde Quelle, deren Wasser ewiges Leben schenkt“ (Joh 4,14).

Mission ist ein Schlüsselelement des christlichen Glaubens. Alle Christen sind dazu aufgerufen, den Namen des Herrn zu verkünden. Papst Franziskus sagte zu Missionaren: „Wo immer ihr auch hingeht, solltet ihr daran denken, dass der Geist Gottes uns immer voraus ist.“ Mission ist nicht Proselytismus. Wer Jesus wirklich bezeugt, wird sich anderen in einem Dialog der Liebe zuwenden, wird für gegenseitige Lernerfahrungen offen sein und Unterschiede respektieren. Richtig verstandene Mission leitet dazu an, zu lernen, vom lebendigen Wasser zu trinken, ohne den Brunnen besitzen zu wollen. Der Brunnen gehört uns nicht. Wir schöpfen Leben aus dem Brunnen, aus dem Brunnen lebendigen Wassers, das Jesus Christus gibt.

Mission muss authentisch sein. Wort und Tat gehören in unserem Zeugnis zusammen. Wir streben danach zu leben, was wir verkündigen. Der verstorbene brasilianische Erzbischof Dom Helder Camara sagte einmal, dass viele Menschen aus Enttäuschung über die Christen, die nicht leben, was sie predigen, Atheisten geworden seien. Das Zeugnis der samaritischen Frau führte ihre Gemeinschaft zum Glauben an Jesus, weil ihre Brüder und Schwestern die Übereinstimmung zwischen ihren Worten und ihrem durch die Begegnung mit Jesus verwandelten Leben erkannten.

Wenn unser Wort und unser Zeugnis authentisch sind, dann wird die Welt hören und glauben: „Wie soll aber jemand verkündigen, wenn er nicht gesandt ist? Darum heißt es in der Schrift: Wie sind die Freudenboten willkommen, die Gutes verkündigen!“ (Röm 10,15)

Fragen

Wie sehen Sie das Verhältnis von Einheit und Mission?

Gibt es in Ihrer Gemeinschaft Menschen, deren Lebensgeschichte ein Zeugnis für die Einheit ist?

Gebet

Gott, Quelle des lebendigen Wassers, mache uns durch unsere Worte und unser Leben zu Zeugen der Einheit. Hilf uns zu verstehen, dass der Brunnen uns nicht gehört, und gib uns die Weisheit, in anderen deine Gnade zu erkennen. Verwandele unsere Herzen und unser Leben, damit wir glaubwürdige Zeugen des Evangeliums sind. Lass uns die Begegnung mit anderen als Begegnung mit dir erfahren. Darum bitten wir dich im Namen deines Sohnes Jesus Christus und in der Einheit des Heiligen Geistes. Amen.

Die ökumenische Situation in Brasilien

Die ökumenische Bewegung in Brasilien wurzelt in der Erfahrung der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen protestantischen Missionsgesellschaften, die seit dem 19. Jahrhundert in dem Land arbeiten. Ermutigt durch die Zusammenarbeit verschiedener evangelischer Kirchen, bereitete der presbyterianische Pastor Erasmo Braga den Weg für die Gründung der Evangelischen Allianz und von „Christian Effort“. Beide Organisationen verfolgten das Ziel, die Einheit unter den verschiedenen protestantischen Gruppen und ihre Zusammenarbeit bei Evangelisation und Bildung zu fördern. Sie verpflichteten sich außerdem, für das demokratische Prinzip der religiösen Gleichberechtigung einzutreten.

Der Kongress von Panama[4] im Jahr 1916, der sich der interkonfessionellen missionarischen Kooperation in Lateinamerika widmete, verstärkte diese Initiativen maßgeblich. In Folge des Panama-Kongresses wurde das „Brasilianische Kooperationskomitee“ gegründet. Es führte 19 Kirchen und kirchliche Gemeinschaften sowie Missionsgesellschaften und andere evangelische Organisationen zusammen.

1934 wurde die Konföderation evangelischer Kirchen in Brasilien (CEB) gegründet, um die ökumenische Bewegung zu fördern. Die CEB spielte später eine wichtige Rolle bei der Förderung der Ziele des Ökumenischen Rates der Kirchen. Gründungsmitglieder der CEB waren die Methodisten, die Episkopalkirche, die Presbyterianische Kirche Brasiliens und die Unabhängige Presbyterianische Kirche von Brasilien. 1959 trat die Evangelische Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien der CEB bei, 1963 die Foursquare Gospel Kirche und 1968 die Pfingstkirche „Brasilien für Christus“.

Mission war ein wichtiges Thema für die CEB. Deshalb wurde der „Rat für zwischenkirchliche Beziehungen“ gegründet, der die Aufgabe hatte, die Arbeit der Missionsgesellschaften zu koordinieren. So sollten Doppelarbeit und Konkurrenz zwischen den verschiedenen Gesellschaften und Kirchen vermieden werden.

Gut bekannt waren die Rundbriefe der CEB[5], die soziale Probleme Brasiliens – wie z.B. die Notwendigkeit einer Landreform und einer Reform des Bildungssystems, den Bedarf an Alphabetisierungskursen und Notfallplänen für Krisensituationen – beschrieben.

Kirchliche Jugendbewegungen spielten bei diesem Versuch, die soziale Verantwortung der Kirche im brasilianischen Kontext zu reflektieren, eine wichtige Rolle. Ein wichtiges Ereignis, durch das diese Initiativen gestärkt wurden, war die Weltkonferenz der christlichen Jugend, die 1947 in Oslo stattfand. Diese Konferenz eröffnete den jungen Brasilianern einen Zugang zu neuen biblischen und theologischen Perspektiven aus Europa und den Vereinigten Staaten.

Die stärkere Beteiligung junger Brasilianer an internationalen christlichen Jugendbewegungen wie der World Student Christian Federation (WSCF) trug maßgeblich zu der Entwicklung einer Theologie des sozialen Evangeliums bei. Auch kam es nach und nach zu der Entstehung von Gruppen, in denen die Bibel gelesen und kontextbezogen interpretiert und damit die Voraussetzung dafür geschaffen wurde, in einen Dialog mit der sozialen Situation einzutreten. Diese Gruppen zwangen mit den Fragestellungen, die sie entwickelten, auch die Kirchen dazu, sich mit sozialen und wirtschaftlichen Konflikten auseinanderzusetzen.

Die Veränderungsprozesse wurden durch den Einfluss des amerikanischen Theologen Richard Shaull, der zu den Pionieren einer Theologie der Revolution gehörte, verstärkt. Ein wichtiger Einfluss war auch das Beispiel französischer katholischer Priester, die an der Seite der Armen leben wollten, und damit viele junge Christen in Brasilien inspirierten. Die Herausforderung bestand darin, eine Theologie zu entwickeln, auf deren Reflexionen sowohl die brasilianische Kultur als auch die gesellschaftlichen Probleme Brasiliens Einfluss hatten.

Dieser Prozess wurde mit der Einrichtung einer „Abteilung für die soziale Verantwortung der Kirche“ in der CEB im Jahr 1953 intensiviert. Die neue Abteilung verfolgte das Ziel, die Implikationen des Glaubens auf der nationalen Ebene zu erforschen und soziales Engagement und Evangelisation mit Blick auf den sozialen und politischen Kontext zu evaluieren. In der Folge wurden vier nationale Konferenzen zusammengerufen, die dazu beitragen sollten, die Realität des Landes zu verstehen und aus einem protestantischen Blickwinkel Perspektiven zu entwickeln.

Die vier Konferenzen behandelten folgende Themen: Die soziale Verantwortung der Kirche (1955), Studie über die soziale Verantwortung der Kirche (1955), die Rolle der Kirche bei der Entwicklung der Nationalität (1960) sowie „Jesus Christus und der revolutionäre Prozess in Brasilien“ (1962). Ab der dritten und vierten Konferenz ist erkennbar, dass man sich dem Dialog mit den Katholiken öffnete, die sich ebenfalls versammelten, um die sozialen und politischen Probleme des Landes zu diskutieren.

In den 1950er und 1960er Jahren war die ökumenische Bewegung durch eine kritische Beurteilung der vorherrschenden Modelle wirtschaftlicher Entwicklung gekennzeichnet. In diesen wurden Begriffe wie „Fortschritt“ und „Industrialisierung“ benutzt, um zu rechtfertigen, dass einige wenige Reichtum anhäuften, während einem großen Teil der Bevölkerung der Zugang sowohl zu den produzierten Gütern als auch zu dem entstandenen Wohlstand verwehrt wurde. Die vier Konferenzen, bei denen die ökumenische Bewegung die Aufmerksamkeit auf Mission und soziale Veränderung richtete, fanden auch in der römisch-katholischen Kirche einen Widerhall. Eine ihrer Zeitschriften veröffentlichte einige der Ergebnisse der Konferenzen. Die theologische Reflexion der sozialen Verantwortung der Kirche trug dazu bei, dass die ökumenische Bewegung sich als ein Projekt der Einheit der Kirchen entfaltete, für die Evangelisation und soziales Engagement zusammengehören.

In den Jahren nach dem Militärputsch 1964 zerfiel der CEB zunehmend. Dennoch verschwand die ökumenische Arbeit, die durch diesen Zusammenschluss entstanden war, nicht völlig. Als Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils öffnete sich die römisch-katholische Kirche in Brasilien zunehmend dem Dialog mit anderen Christen und erkannte ihre soziale Verantwortung. Angesichts der politischen Unterdrückung waren die Lehrunterschiede zweitrangig, die die Kirchen voneinander trennten. Die drängenden sozialen Probleme der brasilianischen Bevölkerung standen im Vordergrund. Dies trug dazu bei, dass die ökumenische Bewegung wieder erstarkte.

Während der Militärdiktatur engagierten sich ökumenische Gruppen, zu denen Protestanten und Katholiken und auch Nichtchristen gehörten, für die Verteidigung der Menschenrechte, die Verurteilung der Folter und eine größere demokratische Offenheit. Diese ökumenischen Bündnisse stärkten andere Gruppen und Projekte, deren Ziel die Förderung von sozialen Werten und Menschenrechten war. Auf diesem Hintergrund entwickelten der Ökumenische Rat der Kirchen und die Erzdiözese von São Paulo in den 1980er Jahren gemeinsam das Projekt Brasil Nunca Mais (Brasilien Nie Wieder). Es wurde vom presbyterianischen Pastor Jaime Wright und dem Erzbischof von São Paulo, Dom Paulo Evaristo Kardinal Arns, koordiniert und strebte danach, die Zerstörung amtlicher Dokumente am Ende der Militärdiktatur zu verhindern und Informationen über die während dieser Zeit praktizierte Folter zu sammeln. Man hoffte, dass die Enthüllung der vom Militär begangenen Menschenrechtsverletzungen eine erzieherische Funktion in der brasilianischen Gesellschaft haben würde.

Der Einsatz gegen Unterdrückung und Menschenrechtsverletzungen steht weiterhin im Mittelpunkt der ökumenischen Bewegung in Brasilien. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, den Beitrag zu betonen, den Theologen aus verschiedenen Kirchen, die mit der ökumenischen Bewegung in Verbindung standen, geleistet haben. So hat die ökumenische Zusammenarbeit im Bereich der Bibelwissenschaft die Diskussion über die Situation von Frauen in Gesellschaft und Kirche angestoßen.

1975 begannen leitende Persönlichkeiten der römisch-katholischen Kirche, der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien, der Anglikanischen Episkopalkirche und der Methodistischen Kirche, die Gründung eines Nationalen Rates der Kirchen ins Auge zu fassen. Ihre Idee wurde mit der Gründung von CONIC im Jahr 1982 Realität. Im Gesamt der ökumenischen Bewegung in Brasilien repräsentiert der Nationale Rat der Kirchen den institutionellen Aspekt der Ökumene, indem er danach strebt, den Beziehungen zwischen seinen Mitgliedskirchen eine verlässliche Struktur zu geben. Zu seinen vielen Aufgaben gehört es, die Kirchen dazu zu ermutigen, ihrer gesamten pastoralen Arbeit eine ökumenische Dimension zu verleihen.

In der recht komplexen religiösen Situation in Brasilien bemüht sich CONIC darum, den Dialog zwischen Kirchen und Religionen zu fördern. Angesichts wachsender religiöser Intoleranz beteiligt CONIC sich an verschiedenen Diskussionsforen, die den Einfluss des religiösen Fundamentalismus zurückzudrängen suchen. Der Rat hat eine führende Rolle in der Debatte über das Verhältnis von Kirche und Gesellschaft übernommen, wobei die Notwendigkeit, die Beziehungen zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen und dem Staat zu regeln, eine besondere Rolle spielt. In dem Netz religiöser Gruppen und Bewegungen, die sich für die Menschenrechte einsetzen, und auch im Fall von Konflikten zwischen ihnen, arbeitet CONIC mit dem Ziel, die theologische Reflexion der verschiedenen Perspektiven und Wahrnehmungen in der Gesellschaft zu fördern.

Eine der wichtigsten Aktivitäten von CONIC ist die jährliche Feier der Gebetswoche für die Einheit der Christen. Er förderte außerdem drei Fastenaktionen der katholischen Bischofskonferenz, die in den Jahren 2000, 2005 und 2010 ökumenisch durchgeführt wurden. Die vierte ökumenische Fastenaktion wird 2016 stattfinden.

Es ist wichtig hervorzuheben, dass die ökumenische Bewegung in Brasilien eine große Zahl von Gruppen und Organisationen einschließt. Dazu gehören zum Beispiel die brasilianische Sektion des Lateinamerikanischen Rates der Kirchen (CLAI), das Ökumenische Zentrum für Bibelstudien (CEBI) und das Ökumenische Zentrum für Evangelisierung und Volksbildung (CESEP) ebenso wie Organisationen wie die Ökumenische Entwicklungsorganisation (CESE) und „Koinonia – Ökumenische Präsenz und Dienst“. Diese Organisationen gehören gemeinsam der ACT Alliance Brasilien an, in der die wichtigsten Strategien der nationalen ökumenischen Bewegung diskutiert und beschlossen werden. Es gibt außerdem eine Bewegung der „Bruderschaft christlicher Kirchen“ (das „Haus der Versöhnung“), die Studientage und Begegnungen zwischen Kirchen, Verlagen und  Universitäten fördert. Wir bezeugen unsere Einheit, wann immer wir danach streben, die Strukturen zu verändern, die Gewalt verursachen und uns von Gottes Reich trennen, das ein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens ist (vgl. Röm 14,17).


[1] Alle Abkürzungen beziehen sich auf die portugiesische Schreibweise (CONIC = Conselho Nacional de Igrejas Cristãs do Brasil).

[2] Chimarrão ist ein traditionelles Aufgussgetränk, das im Süden Brasiliens meist im Kreise von Familie und Freunden getrunken wird. Man bereitet es zu, indem man getrocknete Mate-Blätter ziehen lässt.

[3] Tereré wird ähnlich zubereitet wie Chimarrão, aber mit kaltem statt mit kochendem Wasser.

[4] Der Kongress von Panama wurde als Protest gegen die Internationale Konferenz in Edinburgh (1910) abgehalten. Weil einige Missionsgesellschaften sich nicht vom Proselytismus distanzierten, wurden die in Lateinamerika aktiven Gesellschaften nicht eingeladen. Unter den zahlreichen Kommentaren findet sich der von Hans-Jürgen Prien, der bemerkte, dass der Kongress von Panama das Ende der enthusiastischsten Phase protestantischer Mission in Lateinamerika markierte und eine kritische Reflexion der protestantischen Mission in einem überwiegend römisch-katholischen Gebiet in Gang setzte (TIEL, 1998, S. 43). Nach diesem Kongress gab es mehrere Regionalkonferenzen, die die missionarische Zusammenarbeit in Lateinamerika thematisierten.

[5] Die CEB nahm an den Lateinamerikanischen Evangelischen Konferenzen (CELA) teil, deren wichtigste CELA II war, die 1961 in Lima stattfand. Hier versammelten sich 220 Delegierte aus 34 lateinamerikanischen Denominationen. Die Konferenz in Lima veranlasste die Gründung der Lateinamerikanischen evangelischen Kommission für christliche Erziehung (CELADEC)sowie der Kommission Kirche und Gesellschaft in Lateinamerika (ISAL). Besonders letztere war für die Förderung der Ökumene in Brasilien von großer Bedeutung.

top