PÄPSTLICHER RAT »COR UNUM«
DER HUNGER IN DER WELT
EINE HERAUSFORDERUNG FÜR
ALLE:
SOLIDARISCHE ENTWICKLUNG
GELEITWORT
Voller Zustimmung übergebe ich der Öffentlichkeit das Dokument »Der
Hunger in der Welt. Eine Herausforderung für alle: solidarische
Entwicklung«. Der Päpstliche Rat »Cor Unum« hat es mit großer
Sorgfalt erarbeitet, und zwar auf Anweisung des Heiligen Vaters Johannes Pauls
II. Der Nachfolger Petri hat sich immer wieder zur Stimme derer gemacht, denen
das Existenzminimum fehlt so auch in diesem Jahr in seiner Botschaft für
die Fastenzeit: »Die Masse der Hungernden, die aus Kindern, Frauen, alten
Menschen, Auswanderern, Flüchtlingen und Arbeitslosen besteht, erhebt zu
uns ihren Schmerzensschrei. Sie flehen uns an in der Hoffnung, Gehör zu
finden«.
Das Dokument steht auf dem Boden der von Christus seinen Jüngern
hinterlassenen Lehre. Jesu Person und Wort haben ja zur Mitte die Botschaft »Gott
ist Liebe« (1 Joh 4, 8) - eine Liebe, die den Menschen erlöst
und ihn seinem vielfältigen Elend entreibt, um ihm seine volle Würde
zurückzugeben. Im Laufe der Jahrhunderte hat die Kirche auf unzählige
Weise diese Absicht Gottes vollzogen. Ihre Geschichte könnte auch
geschrieben werden als eine Geschicht der Liebe zu den Armen: Glaubende bezeugen
ihren bedürftigen Mitmenschen die Liebe Christi, der sein Leben für
den Nächsten gibt.
Die hier veröffentlichte Studie möchte die Christen für ihren
Dienst zurüsten, sich der Not des heutigen Menschen anzunehmen. Die in ihr
behandelten Inhalte sind höchst aktuell. Sie zeigen den Hunger in der Welt
auf, sowie die ethischen Implikationen einer Problematik, die alle Menschen
guten Willens angeht. Die Publikation ist von besonderem Gewicht für die
Vorbereitung des Großen Jubiläums 2000, das die Kirche zu feiern sich
anschickt. Der Geist der Stellungnahme verdankt sich nicht irgendeiner
Ideologie, sondern er läßt sich von der Logik des Evangeliums leiten
und lädt dazu ein, die Nachfolge Christi im Alltag zu leben.
Ich kann mir nur eine weite Verbreitung dieses Dokuments wünschen und
hoffe, daß es zur Formung des Gewissens beiträgt, damit sich die
Menschen stärker als bisher von Gerechtigkeit und Solidarität leiten
lassen.
+ Kardinal Angelo Sodano
Kardinalstaatssekretär
Vatikanstadt, den 4. Oktober 1996, Fest des Hl. Franz von Assisi.
DER HUNGER IN DER WELT
EINE HERAUSFORDERUNG FÜR ALLE:
SOLIDARISCHE ENTWICKLUNG
»Der Umfang des Problems führt uns zur Prüfung der
Strukturen und Mechanismen im Bereich der Finanzen und des Geldwertes, der
Produktion und des Handels, die mit Hilfe von verschiedenen politischen
Druckmitteln die Weltökonomie beherrschen: sie zeigen sich unfähig,
die aus der Vergangenheit überkommenen Ungerechtigkeiten aufzufangen oder
den Herausforderungen und ethischen Ansprüchen der Gegenwart standzuhalten.
Indem sie den Menschen selbstverursachten Spannungen aussetzen, in
beschleunigtem Tempo die Reserven an Rohstoffen und Energie vergeuden und den
geophysischen Lebensraum schädigen, bewirken sie, daß sich die Zonen
des Elends mit ihrer Last an Angst, Enttäuschung und Bitterkeit unaufhörlich
weiter ausdehnen... Man wird auf diesem schwierigen Weg der unbedingt
notwendigen Veränderung der Strukturen des Wirtschaftslebens nur dann
Fortschritte machen, wenn eine wahre Umkehr der Mentalität, des Willens und
des Herzens stattfindet. Die Aufgabe erfordert den entschlossenen Einsatz der
Menschen und Völker in Freiheit und Solidarität«.
(Johannes Paul II., Enzyklika Redemptor hominis, 1979, Nr. 16)
HINFÜHRUNG (1)
Das Recht auf Ernährung ist eines der Prinzipien, die in der Allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte(2) im Jahre 1948 verkündet worden
sind.
Die Erklärung über Fortschritt und Entwicklung im sozialen
Bereich wies 1969 darauf hin, daß es gilt, »den Hunger und die
Mangelernährung zu beseitigen und das Recht auf angemessene Ernährung
zu garantieren«.(3) Desgleichen unterstreicht die 1974 verabschiedete Allgemeine
Erklärung zur endgültigen Beseitigung von Hunger und Mangelernährung,
daß jeder Mensch »das unveräußerliche Recht darauf hat,
von Hunger und Mangelernährung befreit zu werden, um sich frei entfalten
und seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten erhalten zu können«.(4)
1992 erkennt die Weltdeklaration zur Ernährung den »gefahrlosen
Zugang zu angemessenen Nahrungsmitteln zur Ernährung als allgemeines Recht«(5)
an.
Diese Definitionen sind eindeutig. Das Gewissen der Öffentlichkeit hat
sich unmißverständlich geäußert. Und doch leiden immer
noch Millionen Menschen an Hunger, Mangelernährung oder unter den Folgen
ihrer prekären Ernährungssituation. Ist diese Situation in einem
Mangel an Lebensmitteln begründet? Mitnichten! Es ist allgemein bekannt, daß
die Ressourcen der Erde - als eine Gröbe betrachtet - alle Bewohner ernähren
können.(6) Tatsächlich sind die pro Person zur Verfügung
stehenden Nahrungsmittel in den letzten Jahren weltweit um ca. 18% gestiegen.(7)
Die Herausforderung an die gesamte Menschheit ist natürlich
wirtschaftlicher und technischer, aber vor allem ist sie ethischer,
spiritueller und politischer Natur. Es geht gleichermaßen um gelebte
Solidarität und Entwicklung, die diesen Namen verdient, und um materiellen
Fortschritt.
1. Die Kirche geht davon aus, daß man bei der Behandlung
wirtschaftlicher, sozialer und politischer Fragen die transzendente Dimension
des Menschen nicht außer acht lassen darf. So lehrten schon die
griechischen Philosophen, die die westliche Welt grundlegend geprägt haben,
daß der Mensch aus eigener Kraft die Wahrheit, das Gute und die
Gerechtigkeit nur finden und ihnen nacheifern kann, wenn sein Geist von göttlicher
Kraft erleuchtet ist.
Eben solche göttliche Kraft ist es, die es der menschlichen Natur ermöglicht,
die selbstlose Pflichterfüllung am Nächsten zu berücksichtigen.
So besagt die christliche Lehre, daß die göttliche Gnade den Menschen
befähigt, nach Gottes Einsicht(8) zu handeln. Und doch ruft die Kirche alle
Menschen guten Willens auf, die gewaltige Aufgabe zu erfüllen. Das 2.
Vatikanische Konzil betonte: »Speise den vor Hunger Sterbenden, denn ihn
nicht speisen heibt ihn töten«.(9)
Eine solch ernste und gewichtige Aussage fordert jeden einzelnen dazu auf,
sich entschieden dem Kampf gegen den Hunger zu stellen.
2. Die Dringlichkeit des Problems hat den Päpstlichen Rat dazu veranlaßt,
Elemente einer entsprechenden Untersuchung hier vorzulegen; es ist seine
Pflicht, an die Verantwortung der Gemeinschaft und jedes einzelnen zu
appellieren, damit probatere Lösungen gefunden werden können. Er
unterstützt jeden, der sich bereits mit großer Hingabe diesem hehren
Ziel verschrieben hat.
Das vorliegende Dokument hat es sich zum Ziel gesetzt, die Ursachen und
Auswirkungen des Phänomens »Hunger in der Welt« umfassend, wenn
auch nicht erschöpfend, zu analysieren und zu beschreiben. In unserer
Arbeit haben wir uns vom Licht des Evangeliums und der kirchlichen Soziallehre
leiten lassen. Wir verfolgen nicht in erster Linie ein konjunkturelles Ziel;
daher werden wir uns nicht bei Statistiken aufhalten, die die momentane
Situation beschreiben oder die errechnet haben, wieviele Menschen Gefahr laufen,
Hungers zu sterben, wieviel Prozent der Menschheit unterernährt sind,
welche Regionen am meisten bedroht sind, und welche wirtschaftlichen Maßnahmen
dagegen einzuleiten sind. Das vorliegende Dokument gründet sich auf den
seelsorgerlichen Auftrag der Kirche und möchte an seine Mitglieder und an
die gesamte Menschheit einen Dringlichkeitsappell richten, denn die Kirche ist »erfahren
in den Fragen, die den Menschen betreffen, und diese Erfahrung veranlaßt
sie, ihre religiöse Sendung notwendigerweise auf die verschiedenen Bereiche
auszudehnen, in denen Männer und Frauen wirken, um im Einklang mit ihrer Würde
als Person das stets begrenzte Glück zu suchen, das in dieser Welt möglich
ist«.(10) Heute richtet die Kirche dieselbe anklagende Frage an die
Menschheit, die Gott an Kain richtete, als er von ihm Rechenschaft über das
Leben seines Bruders Abel forderte: »Was hast du getan? Das Blut deines
Bruders schreit zu mir vom Ackerboden« (Gen 4, 10). Es ist weder
ungerecht noch beleidigend, dieses harte, fast unerträgliche Wort auf die
Situation unserer Mitmenschen anzuwenden, die den Hungertod sterben: Dieses
Bibelwort zeigt uns das vorrangige Ziel und soll unser Gewissen aufrütteln.
Es wäre eine Illusion, vorgefertigte Lösungen für das Problem zu
erwarten; wir stehen vor einem Phänomen, das eng mit den wirtschaftlichen
Entscheidungen der Regierungen, der Verantwortlichen, aber auch der Produzenten
und Konsumenten verknüpft ist; es gründet auch in unserem Lebensstil.
So wendet sich dieser Appell an jeden einzelnen, und wir geben die Hoffnung
nicht auf, daß eine entscheidende Verbesserung durch wachsende Solidarität
zwischen den Menschen gelingen wird.
Dieses Dokument richtet sich an die Katholiken in der ganzen Welt, an die
Verantwortlichen auf nationaler und internationaler Ebene, die Verantwortung und
Kompetenz auf sich vereinen; aber es möchte auch alle humanitären
Organisationen und jeden Menschen guten Willens ansprechen. Es hofft, besonders
die unzähligen Menschen verschiedenster Lebens- und Berufssituationen zu
erreichen, die sich täglich dafür einsetzen, daß allen Völkern
das gleiche Recht zugestanden wird, »mit am Tisch des gemeinsamen Mahles zu
sitzen«.(11)
I.HUNGER ALS REALITÄT
Die Herausforderung des Hungers
4. Die Erde könnte gegenwärtig den Nahrungsbedarf jedes Menschen
decken.(12)
Eine Schande für die Menschheit, aber immer noch Realität:
Hunger
zerstört Leben
5. Hunger und Mangelernährung dürfen nicht miteinander verwechselt
werden. Hunger gefährdet nicht nur das Leben des Menschen, sondern auch
seine Würde. Unzureichende Nahrungszufuhr über einen längeren
Zeitraum zerstört den Organismus, führt zu Apathie, Verlust des
Gemeinsinns, Gleichgültigkeit, manchmal sogar zu Grausamkeit gegenüber
Kindern und alten Menschen, also den Schwächsten. Ganze Gruppen von
Menschen sind dazu verdammt, elendig zu sterben. Im Laufe der Geschichte hat
sich diese Tragödie mehrfach wiederholt; unser Gewissen erkennt heute
jedoch besser als früher, daß der Hunger eine Schande für die
Menschheit ist.
Bis ins 19. Jhd. hatten die Hungersnöte, die ganze Völker
dezimierten, meist natürliche Ursachen. Die Hungersnöte unserer Zeit
sind regional begrenzt und in den meisten Fällen vom Menschen verursacht.
Hier einige Fälle, die dies belegen: Äthiopien, Kambodscha, das
ehemalige Jugoslawien, Ruanda, Haiti... In einer Zeit, da der Mensch besser als
früher in der Lage ist, Hungersnöte zu bekämpfen, stellen diese
Beispiele eine wirkliche Schande für die Menschheit dar.
Mangelernährung raubt der Bevölkerung Gegenwart und
Zukunft
6. Die enormen Anstrengungen, die unternommen worden sind, haben bereits Früchte
getragen, und doch müssen wir zugeben, daß Mangelernährung
weiter verbreitet ist als Hunger und dab sie viele verschiedene Gesichter hat.
Man kann sich falsch ernähren, ohne Hunger zu leiden. Dennoch wirkt sich
Mangelernährung negativ auf die körperlichen, intellektuellen und
sozialen Fähigkeiten des Menschen aus.(13) Mangelernährung kann eine
qualitativ schlechte Ernährung als Ursache haben, also eine unausgewogene
Ernährung meinen und sowohl Mangel als auch Überfluß beinhalten.
Meist jedoch bedeutet Mangelernährung gleichzeitig auch quantitativ
mangelhafte Ernährung, die in Hungerzeiten akut wird. Man spricht hier auch
von Unterernährung.(14) Durch Mangelernährung können sich
verschiedene Infektionskrankheiten und Endemien schneller ausbreiten; weiterhin
ist sie für einen Anstieg der Kindersterblichkeit, besonders bei Kindern
unter fünf Jahren, die Ursache.
Hauptopfer: die schwächsten Völker
7. Die Hauptopfer von Hunger und Mangelernährung in der Welt sind die
Armen. Arm zu sein heibt fast immer auch, leichter den zahlreichen Gefahren, die
den Menschen bedrohen, zu unterliegen, und anfälliger für körperliche
Krankheiten zu sein. Seit den 80er Jahren bedroht dieses Phänomen in
zunehmendem Maße eine immer größere Anzahl von Menschen in den
meisten armen Ländern. In einer armen Bevölkerung sind die ersten
Opfer immer die Schwächsten: Kinder, Schwangere, stillende Mütter,
Kranke und Alte. Weitere Risikogruppen in diesem Sinne sind Flüchtlinge,
Vertriebene und Opfer politischer Ereignisse.
Traurige Spitzenreiter in der Hungerstatistik sind jedoch die 42 am
wenigsten entwickelten Länder, allein 28 davon liegen in Afrika.(15) »Fast
780 Millionen Einwohner der Entwicklungsländer, das entspricht 20% der
Gesamtbevölkerung - sind immer noch nicht in der Lage, sich täglich
die für ihr körperliches Wohlergehen benötigten Nahrungsmittel zu
beschaffen«.(16)
Hunger gebiert Hunger
8. In den Entwicklungsländern kommt es häufig vor, daß die
Bevölkerung als Selbstversorger von einer Landwirtschaft abhängig ist,
die zu wenig Ertrag bringt. Folge davon ist, daß die Menschen zwischen
zwei Ernten Hunger leiden müssen. Wenn die vorhergehende Ernte schon
schlecht gewesen ist, kann eine Hungersnot die Folge sein und zu akuter
Mangelernährung führen: Der Organismus wird geschwächt, die
Menschen verlieren ihre Kräfte genau in dem Moment, da sie sie für die
Vorbereitung der nächsten Ernte dringend bräuchten. Der Hunger raubt
ihnen ihre Zukunft: Man ißt die Saat, man treibt Raubbau mit den natürlichen
Ressourcen, und das beschleunigt Erosion, Ermüdung und Versteppung der Böden.
Neben der Unterscheidung zwischen Hunger (oder Hungersnot) und Mangelernährung
muß noch als drittes Merkmal die unsichere Ernährungssituation erwähnt
werden: Sie hat Hunger, bzw. Hungersnot zur Folge. Sie hindert die Menschen
daran, zu planen und die langfristigen Arbeiten in Angriff zu nehmen, die eine
nachhaltige Entwicklung ermöglichen.(17)
Erkennbare Gründe
9. So gewichtig klimatische Faktoren und Katastrophen aller Art auch sein mögen,
sie stellen keinesfalls die einzigen Gründe für Hunger und Mangelernährung
dar. Um das Problem des Hungers wirklich zu verstehen, müssen die Gründe
- solche, die von der Konjunktur abhängen und solche, die von dauerhafter
Natur sind - in ihrer Gesamtheit betrachtet und auf ihren Zusammenhang hin
untersucht werden. Wir werden die Hauptursachen darstellen und sie in die hierfür
üblichen Kategorien einteilen: wirtschaftliche, sozialekulturelle und
politische Gründe.
A. WIRTSCHAFTLICHE GRÜNDE
Die tieferliegenden Ursachen
10. Hunger entsteht zunächst einmal aus Armut. Ernährungssicherheit
hängt hauptsächlich von der Kaufkraft der Menschen ab und nicht von
der physischen Verfügbarkeit der Nahrung.(18) Hunger existiert in allen Ländern:
Er ist in den west- und osteuropäischen Ländern erneut aufgetreten,
und er ist in den weniger entwickelten Ländern sehr verbreitet.
Dennoch zeigt die Geschichte des 20. Jhd., daß wirtschaftliche Armut
kein unabwendbares Schicksal ist. Zahlreiche Länder haben einen
wirtschaftlichen Aufschwung erlebt und machen hierbei weiter Fortschritte;
andere hingegen schlittern immer tiefer in die Armut. Sie sind Opfer einer
nationalen oder internationalen Politik, die von falschen Prämissen
ausgeht.
Hunger entsteht aus folgenden Gegebenheiten:
a) Eine nicht optimale Wirtschaftspolitik in allen Ländern;
schlechte Politik in den Entwicklungsländern wirkt sich indirekt, aber
dennoch in besonders starkem Maße auf die wirtschaftlich Schwachen aller Länder
aus.
b) Strukturen und Gewohnheiten, die die Ressourcen des Landes wenig
effizient nutzen oder sogar schlicht zerstören:
Auf nationaler Ebene in den entwicklungsschwachen(19) Ländern
selbst: Große staatliche oder private Institutionen haben Monopolmacht
(was zum Teil unumgänglich ist) und hemmen so häufig die Entwicklung
statt sie anzukurbeln; die Umstrukturierungen, die seit zehn Jahren in
zahlreichen Ländern durchgeführt werden, belegen dies.
Auf nationaler Ebene in den Industrieländern: Ihre Schwächen
zeigen sich weniger auf internationaler Ebene, schaden aber direkt oder indirekt
den Ärmsten der Welt.
Auf internationaler Ebene: Handelshemmnisse und zum Teil übertriebene
wirtschaftliche Anreize.
c) Ein moralisch verwerfliches Verhalten mit dem Ziel, sich selbst
zu bereichern, Macht und Ansehen zu gewinnen; der Dienst an der Gemeinschaft
verliert zugunsten des einzelnen oder der Kasten an Bedeutung; und denken wir
nur an die Korruption, die beträchtliche Ausmaße und vielfältige
Formen angenommen hat. Kein Land kann sich rühmen, frei von Korruption zu
sein.
All dies zeigt, welche Vielzahl von Faktoren menschliches Handeln berücksichtigen
muß. Trotz guter Absichten wurden häufig Fehler gemacht, die zu prekären
Situationen geführt haben. Um diese zu beheben, ist es notwendig, sie zu
benennen.
Wirtschaftliche Entwicklung muß gelernt werden. Jeder muß
Verantwortung tragen, der einzelne Mensch, aber auch die Institutionen. Der
Staat kann seine Rolle am sinnvollsten übernehmen, wenn er sich von der
Soziallehre der Kirche und den Analysen ihre Sozialenzykliken leiten läßt.
Die eigentliche Ursache für eine fehlende oder unzureichende
Entwicklung liegt darin begründet, daß es am Willen und an der Fähigkeit
zum unentgeltlichen Dienst am Menschen, durch den Menschen und für den
Menschen mangelt. Dieser Dienst ist eine Frucht der Liebe. Dieser Wille und
diese Fähigkeit durchdringen die gesamte komplexe Wirklichkeit, alle
Bereiche der Technik im weitesten Sinne, die Strukturen und die Gesetzgebung
sowie auch die Sittlichkeit des menschlichen Verhaltens. Sie zeigen sich in der
Planung und Durchführung seines Handelns, dessen wirtschaftliche Tragweite
mehr oder wenig weitreichend sein kann.
Unangemessene Strukturen, die einen Dienst am Menschen zum bestmöglichen
Preis verhindern, moralisch falsches Verhalten eines jeden einzelnen und
fehlende Liebe sind die Ursachen des Hungers. Jede Unzulänglichkeit bezüglich
irgendeines dieser Aspekte an einem beliebigen Ort der Welt hat zur Folge, daß
die Scheibe Brot dessen, der schon Hunger leidet, noch dünner wird.
Die jüngsten internationalen wirtschaftlichen und finanziellen
Entwicklungen illustrieren diese komplexen Phänomene. Technik und sittliche
Moral beeinflussen sie in besonderem Maße und sind für die
wirtschaftlichen Ergebnisse verantwortlich. Es ist von der Schuldenkrise zu
sprechen, die den Großteil der schwach entwickelten Länder heimsucht
und über die Anpassungsmaßnahmen, die schon durchgeführt wurden
oder geplant sind.
Die Verschuldung der entwicklungsschwachen Länder
11. Die drastische Erhöhung der Ölpreise 1973 und 1979 hat die Länder,
die kein Erdöl fördern, hart getroffen. Das Bankensystem versuchte,
die beträchtlichen Geldströme, die frei wurden, neu anzulegen; das
allgemeine Wirtschaftswachstum wurde gebremst. Hauptopfer dieser Ereignisse
wurden die armen Länder. Aus verschiedenen Gründen haben die meisten Länder
in den 70er und 80er Jahren hohe Kredite mit variablen Zinssätzen aufnehmen
können. Die Länder Lateinamerikas und Afrikas konnten ihren
staatlichen Sektor in spektakulärer Weise ausbauen. Während dieser
Zeit des »leichten Geldes« kam es zu vielfältigen Exzessen: unnötige,
bzw. schlecht geplante oder durchgeführt Projekte, brutale Zerstörung
des traditionellen Wirtschaftssystems, Anstieg der Korruption in allen Ländern.
Einige Länder Asiens haben diese Fehler nicht gemacht, was ihnen dann eine
sehr schnelle Entwicklung erlaubte.
Der explosionsartige Anstieg der Zinssätze - ausgelöst durch die
unkontrollierten und wahrscheinlich auch nicht kontrollierbaren Marktkräfte
- hat dazu geführt, daß die meisten Länder Lateinamerikas und
Afrikas nicht mehr in der Lage waren, ihre Schulden aufzufangen. Es kam zum Phänomen
der Kapitalflucht, was sehr bald zu einer Gefahr für das soziale Netz vor
Ort wurde - auch wenn dies ohnehin schon löchrig war - und letztendlich für
das Bankensystem selbst. Schon bald wurde deutlich, welche Ausmaße die Schäden
auf wirtschaftlichem, strukturellem und moralischem Gebiet annahmen. Wie immer
wurden zunächst Lösungen rein technischer Natur gesucht. Es wurde
jedoch deutlich, daß diese Maßnahmen, sofern sie denn nötig und
nützlich sind, immer einhergehen müssen mit einer grundlegenden
Verhaltensänderung jedes einzelnen, vor allem aber derer - egal, in welchem
Land sie leben und in welchem Bereich sie arbeiten -, die nicht von jenen Zwängen
betroffen sind, die die Armut dem Menschen bei seiner Lebensgestaltung
auferlegt.
In der Anfangsphase der Anpassungsmaßnahmen kehrte sich das Vorzeichen
der Geldtransfers um: Die Kredite wurden gesperrt, die Ölpreise wurden auf
einem künstlich hohen - für die Entwicklungsländer zu hohen -
Niveau eingefroren, die Rohstoffpreise sanken ab, hervorgerufen durch das
verlangsamte Wirtschaftswachstum, für das wiederum die hohen Ölpreise
und die Schuldenkrise verantwortlich waren. Die internationalen Organisationen
haben zu langsam darauf reagiert, um z.B. den Ländern Liquidität zur
Verfügung zu stellen. Eine Ausnahme bildet der Internationale Währungsfonds.
In dieser Zeit begann der Lebensstandard in den verschuldeten Ländern
drastisch zu sinken.
Man kann leicht ermessen, wieviel Weisheit der Umgang mit Geld erfordert.
Technisches und wirtschaftliches Wissen reicht nicht aus. Die Bereitstellung
beträchtlicher finanzieller Mittel zeitigt negative strukturelle und
personelle Folgen anstatt überall zu spektakulären Verbesserungen der
Situation der Ärmsten zu führen.
Zentrale Schlußfolgerungen müssen wir aus dem Gesagten ziehen:
Voraussetzung für die Entwicklung des Menschen ist die Fähigkeit zum
Altruismus, d.h. zur Liebe. Für die praktische Umsetzung ist dies von
elementarer Wichtigkeit. Auf den Punkt gebracht und auf die Gegenwart bezogen,
heißt dies: Nächstenliebe ist kein Luxus, sondern die Voraussetzung für
das Überleben einer großen Anzahl von Menschen.
Die strukturellen Anpassungsprogramme
12. Das Ausmaß und die Härte der monetären Phänomene
haben vielen Ländern drastische Maßnahmen abverlangt, die Krise zu
bewältigen und möglichst überall das Gleichgewicht
wiederherzustellen. Logische Folge dieser Maßnahmen ist ein beträchtlicher
durchschnittlicher Kaufkraftverlust in den betreffenden Ländern.
Wirtschaftskrisen haben erhebliche Probleme und Leiden für die
Bevölkerung zur Folge, selbst wenn sie zuguterletzt zu mehr Wohlstand führen.
Durch die Krise werden die Schwächen des Landes deutlich, ob sie nun
von außen kommen oder dem System innewohnen. Dazu gehören Fehler in
der Politik zur Entwicklung des Landes, die von den aufeinanderfolgenden
Regierungen, ihren Partnerländern oder sogar der Weltgemeinschaft gemacht
worden sind. Oft werden die vielfältigen Schwächen erst im nachhinein
deutlich sichtbar. Andere gründen in der Unabhängigkeitspolitik. So
kann das, was die Stärke der Kolonialmacht ausmachte, nun für die Schwäche
des unabhängigen Landes verantwortlich sein, ohne daß dies durch
flankierende Maßnahmen abgefedert wird. Hervorzuheben sind in diesem
Zusammenhang die großen Projekte, denn sie gewinnen in einer Zeit an
Bedeutung, da im ganzen Land Solidarität besonders wichtig wird. In
Wahrheit zielt die Politik des Wiederaufbaus aber darauf ab, die Ausgaben zurückzufahren
und somit die Einkommen zu senken. Die wirtschaftlich Schwachen des Landes haben
die Wahl, den aufeinanderfolgenden Regierungen zu vertrauen oder zu versuchen,
sich ihrer zu entledigen. Oft werden sie Opfer ehrgeiziger Gruppierungen, die
unter Umgehung demokratischer Regeln, aus ideologischen Gründen oder aus
Ehrgeiz, an die Macht wollen, und die auch bereit sind, sich dabei fremde Kräfte
zunutze zu machen.
Wirtschaftsreformen verlangen von der Regierung die Fähigkeit,
politische Entscheidungen zu treffen. Über den Erfolg entscheiden nicht nur
die technischen Aspekte der Stabilisierungsmaßnahmen, sondern auch die
Frage, ob die Mehrheit der Bevölkerung, darunter auch die Ärmsten der
Bevölkerung, die Regierung und die Maßnahmen unterstützen wird.
Die Regierung muß folglich alle Schichten der Bevölkerung dazu
bringen, einen beträchtlichen Teil der Last zu tragen. Gemeint sind hier
die wenigen Personen mit internationalem Durchschnittseinkommen, aber auch die
Beamten und Angestellten des Staates, die bis dato beneidenswert gut lebten und
die nun Gefahr laufen, von heute auf morgen einen beträchtlichen Teil ihres
Einkommens einzubüben. Es geht also um gelebte Solidarität in
traditionellem Sinn: Die Armen waren schon immer bereit, ihre Familie in prekärer
Situation zu unterstützen, die man überwunden glaubte.
Die Unterstützung der Ärmsten während solcher
Anpassungsphasen wurde erst nach und nach von den Verantwortlichen auf
nationaler und internationaler Ebene berücksichtigt. Mehrere Jahre
vergingen, bis ein erstes Konzept begleitender Maßnahmen für die gefährdetsten
Gruppen der Bevölkerung erstellt wurde. So wie häufig in
Notsituationen besteht auch hier die Gefahr, zu spät und zu abrupt auf die
Bremse zu treten, was die schwächsten Glieder besonders hart trifft.
In Afrika und Lateinamerika(20) wurden umfangreiche Projekte in Angriff
genommen. Im einzelnen:
strukturelle Anpassungsprogramme, die strenge makroökonomische
Maßnahmen beinhalten,
die Bewilligung weiterer hoher Kredite,
eine weitreichende Reform der örtlichen ineffizienten
Strukturen; hier vor allem im Bereich der staatlichen Monopole, die einen Großteil
des nationalen Einkommens binden, ohne dafür in zufriedenstellendem Maße
Dienstleistungen zum Wohl der Allgemeinheit bereitstellen. In vielen Ländern
haben die öffentlichen Dienste an Effizienz eingebüßt, und da
Spreu und Weizen oft schwer zu trennen sind, wurden auch leistungsstarke
Bereiche in Mitleidenschaft gezogen.(21)
Einige Regierungen haben Erstaunliches geleistet, was international oft
nicht anerkannt wird. Sie haben politischen Mut bewiesen und die unumgänglichen
Maßnahmen durchgesetzt und dabei dem Druck und den verschiedenen Meinungen
von außen Rechnung getragen. Sie haben sich nicht geschont und sich
beispielhaft für mehr Solidarität und eine bessere Zusammenarbeit in
ihrem Land eingesetzt, um Rückschlägen vorzubeugen. Zu unterstreichen
ist in diesem Zusammenhang der Einfluß, den das Regierungsoberhaupt hat -
nicht nur durch seine Führungsqualitäten und seine sinnvollen
Entscheidungen, sondern auch durch seine Fähigkeit, der sozialen
Ungerechtigkeit entgegenzuwirken, die in solchen Situationen immer anzutreffen
ist.
Die Industrieländer müssen sich ernsthaft fragen, ob sie sich bei
ihrer Haltung bzw. Präferenz gegenüber entwicklungsschwachen Ländern
von der Kompetenz der politisch Verantwortlichen im sozialen, technischen oder
politischen Bereich leiten lassen, oder ob sie andere Kriterien als Maßstab
nehmen.
B. SOZIALE UND KULTURELLE GRÜNDE
Die sozialen Verhältnisse
13. Man hat festgestellt, daß einige soziale und kulturelle Faktoren
die Gefahr einer Mangelernährung oder einer Hungersnot erhöhen.
Nahrungsmittel, die tabu sind, der soziale Status der Familie und der Frau - der
eng verknüpft ist mit den familiären Strukturen - ihr tatsächlicher
Einfluß auf die Familie, mangelnde Kenntnisse der Frauen über Ernährung,
allgemeiner Analphabetismus, zu frühe Mutterschaft oder eine solche in zu
kurzen Abständen, unsichere Arbeitsplätze oder Arbeitslosigkeit. All
dies sind Faktoren, die, wenn sie sich häufen, zu Mangelernährung und
ins Elend führen können. Die Industrieländer sind in gewisser
Weise ebenfalls davon betroffen: Die gleichen Faktoren führen hier zu
zeitweiser oder chronischer Mangelernährung der sogenannten new poor,
die mitten im Überfluß Hunger leiden.
Die demographische Entwicklung
14. Vor 10.000 Jahren lebten wahrscheinlich 5 Mio. Menschen auf der Erde. Im
17. Jhd., zu Beginn der Neuzeit, stieg die Bevölkerungszahl auf 500 Mio.
Das Bevölkerungswachstum beschleunigte sich immer mehr: Anfang des 19. Jhd.
lebten 1 Mrd. Menschen auf der Erde, 1960 waren es bereits 3 Mrd., 1975 4 Mrd.,
1990 5,2 Mrd., 1993 5,5 und 1994 5,6.(22) Über einen gewissen Zeitraum
hinweg hat sich die Bevölkerung in den »reichen« Ländern
anders entwickelt als in den »armen« Ländern.(23) Diese Tendenz
verstärkt sich noch. Ist das Überleben seiner Art in Gefahr, reagiert
der Mensch (wie auch die Natur) mit vermehrter Zeugung von Nachkommen.
Studien haben gezeigt, daß sich bei Völkern, deren Wohlstand sich
erhöht, die Bevölkerungsentwicklung umkehrt: War die Geburtenrate zunächst
hoch, so ist sie nun niedrig. Umgekehrt verhält es sich mit der
Sterberate.(24) Die Übergangszeit birgt besondere Gefahren in sich, was die
Ernährungssituation angeht, denn die Sterberate sinkt vor der Geburtenrate.
Technologische Veränderungen müssen mit dem Bevölkerungswachstum
schritthalten, ansonsten ist der Kreislauf der landwirtschaftlichen Produktion
unterbrochen: Ermüdung der Böden, Verringerung des Brachlands,
fehlende Fruchtwechselwirtschaft.
Ihre Folgen
15. Ist ein zu schnelles Bevölkerungswachstum Ursache oder Folge der
Unterentwicklung? Die Bevölkerungsdichte - abgesehen von Extremfällen
- bietet keine Erklärung für Hungersnöte. Halten wir zunächst
fest: In den Deltas und übervölkerten Tälern Asiens wurden zunächst
die landwirtschaftlichen Techniken der »grünen Revolution« zur
Anwendung gebracht. Weniger dicht besiedelte Länder wie Zaire oder Zambia
andererseits kämpfen weiterhin mit Ernährungsproblemen, obwohl sie
zwanzigmal mehr Menschen ernähren könnten, ohne daß größere
Bewässerungsprojekte nötig wären: Die Ursache hierfür ist
nur in den vom Staat, von den Politikern und der wirtschaftlichen Verwaltung zu
verantwortenden Ungleichgewichten zu suchen, nicht in wirtschaftlicher Armut
oder anderen objektiven Gegebenheiten. Man geht heute davon aus, daß es
sinnvoller ist, die Massenarmut zu bekämpfen, um das Bevölkerungswachstum
zu bremsen und sich - nicht umgekehrt - auf ein Absenken der Wachstumsrate der
Bevölkerung zu beschränken, um die Armut zu besiegen.(25)
Die Bevölkerungssituation wird sich solange nicht ändern, wie die
Familien in den Entwicklungsländern davon ausgehen, daß nur eine
grobe Kinderzahl sie absichern kann. Unterstrichen werden muß hier, daß
wirtschaftliche und soziale(26) Veränderungen nötig sind, damit Eltern
es als Geschenk annehmen können, ein Kind zu bekommen. Von grundlegender
Bedeutung für eine Verbesserung der Situation ist der soziale Hintergrund
und das Bildungsniveau der Eltern. Sie sollten auf eine verantwortliche
Elternschaft, die sich auf die ethischen Prinzipien gründet, vorbereitet
werden. Ihnen muß Zugang zu Methoden der Familienplanung, die in Einklang
mit der wahren Natur des Menschen stehen, gewährt werden.(27)
C. POLITISCHE GRÜNDE
Der Einfluß der Politik
16. Nahrungsentzug wurde im Laufe der Geschichte genauso wie heute als
politische oder militärische Waffe eingesetzt. Bisweilen kann von
Verbrechen gegen die Menschheit gesprochen werden.
Viele Fälle stammen aus dem 20. Jhd. Hier einige Beispiele:
Stalin verwehrte den ukrainischen Bauern um 1930 systematisch
jegliche Nahrung. Die Bilanz: ca. 8 Mio. Tote. Lange war dieses Verbrechen nicht
bekannt. Erst unlängst wurde es im Zusammenhang mit der Öffnung der
Archive des Kremls bestätigt.
Die jüngste Belagerung Bosniens, insbesondere der Stadt
Sarajewo. Die Hilfsorganisationen selbst wurden als Geiseln genommen.
Die Vertreibung der Bevölkerung Äthiopiens durch die
regierende Einheitspartei zur Erlangung der politischen Kontrolle.
Hunderttausende Vertriebene verhungerten, weil sie ihre Felder verlassen mußten.
Aushungern der Bevölkerung in Biafra in den 70er Jahren als
Waffe gegen die politische Spaltung.
Viele Auslöser von Bürgerkriegen sind durch den Zusammenbruch der
Sowjetunion nicht mehr vorhanden: Ausweglose Revolutionen, Vertreibung der Bevölkerung,
schlechte Bewirtschaftung der Felder, Stammesfehden, Völkermorde. Dennoch
gibt es immer noch Situationen bzw. sind neue entstanden, die zu diesen Phänomenen
führen können. Auch wenn sie nicht die gleichen Dimensionen haben, so
leidet dennoch die Bevölkerung darunter. Zu nennen ist hier vor allem das
Wiederaufflammen des Nationalismus, der in einigen Staaten mit ideologisch geprägter
Regierung gefördert wird oder da lokaler Ausprägung ist, wo
entwickelte Länder um Einfluß kämpfen. Er entsteht auch,
wo ein Machtkampf wütet, vor allem in einigen Ländern Afrikas.
Zu nennen sind hier auch Länder wie Kuba oder der Irak, über die
aus politischen Gründen ein Embargo verhängt wurde. Das Regime in
diesen Ländern wird als Bedrohung für die internationale Sicherheit
angesehen und die Bevölkerung als Geisel des Regimes. Opfer dieser Embargos
ist in erster Linie die Bevölkerung, die doch vorrangig geschützt
werden soll. Daher müssen die Folgen für die Menschen bei solchen
Entscheidungen genau berücksichtigt werden. Andererseits setzen einige
Verantwortliche das Elend ihres Volkes, das sie selbst zu verantworten haben,
als Mittel ein, um die Staatengemeinschaft zu zwingen, ihre Lieferungen wieder
aufzunehmen. Den Besonderheiten einer Situation muß jeweils im Sinne der
Weltdeklaration zur Ernährung Rechnung getragen werden. In dieser
Erklärung heißt es: »Hilfe in Form von Lebensmitteln darf nicht
aus Gründen politischer, geographischer, geschlechts- und
altersspezifischer Zugehörigkeit oder der Zugehörigkeit zu einer
ethischen, Stammes- oder religiösen Gruppe verwehrt werden«.(28)
Politisches Handeln kann auch aus anderen Gründen Hunger zur Folge
haben. Mehrfach haben die Industrieländer ihre Überschüsse aus
der landwirtschaftlichen Produktion (beispielsweise Weizen) unentgeltlich in
solche entwicklungsschwachen Länder exportiert, wo die Nahrungsgrundlage
aus Reis besteht. Ziel war es, den Binnenkurs zu stützen. Diese
Gratisexporte wirkten sich verheerend aus: Die Bevölkerung änderte
ihre traditionellen Ernährungsgewohnheiten, und den Produzenten im Land
wurde die Existenzgrundlage entzogen.
Bündelung der Mittel
17. Der wirtschaftliche Graben innerhalb der entwicklungsschwachen Länder
ist tiefer als der in den Industrieländern oder der zwischen den Ländern
selbst. Reichtum und Macht liegen in der Hand einer kleinen, aber komplexen Bevölkerungsschicht,
die Verbindungen zum Ausland hat und eine Kontrollfunktion gegenüber dem
schwachen Staat ausübt. Jede Verbesserung der Situation wird verhindert;
zuweilen ist sogar wirtschaftlicher und sozialer Rückschritt zu
verzeichnen. Der Lebensstandard der einzelnen Bevölkerungsschichten ist äußerst
uneinheitlich, was nicht nur zu Konfliktsituationen und gehäufter
Gewaltanwendung führt, sondern auch die Klientelwirtschaft als einzige Möglichkeit
zur persönlichen Entfaltung fördert. Dadurch werden mögliche
Initiativen im wirtschaftlichen Bereich gedrosselt, und altruistisch motivierte
Menschen, die es in jeder traditionellen Gesellschaft gibt, gebremst. In dieser
Situation spielt der Staat eine äußerst wichtige Rolle, sobald er die
Exportsektoren der Produktion begünstigt - was zunächst einmal positiv
ist, aber der Bevölkerung vor Ort wenig Gewinn einbringt.
In anderen Fällen legen die staatlichen Institutionen die Preise für
landwirtschaftliche Produkte auf so niedrigem Niveau fest, daß die Bauern
die Stadtbevölkerung finanziell unterstützen müssen; eine
Situation, die die Landflucht verstärkt. Medien, Elektronik und Werbung
tragen ebenfalls zur Entvölkerung der ländlichen Regionen bei. Die
Entwicklungshilfe, die diesen Ländern zugute kommt, bestärkt die
Regierungen mehr oder weniger unverhohlen, ihre gefährliche Politik weiter
zu betreiben: Sie kommen unberechtigt in den Genuß von Finanzspritzen,
weil ihre Politik den wahren Interessen ihres Volkes diametral entgegengesesetzt
ist. Die Industrieländer müssen sich fragen lassen, ob sie nicht über
Jahre hinweg falsche Zeichen gesetzt haben.
Verschiebungen in den wirtschaftlichen und sozialen Strukturen
18. Verschiebungen im wirtschaftlichen und sozialen Bereich sind die Folgen
einer schlechten Wirtschaftspolitik und die Reaktion auf nationalen und
internationalen politischen Druck (vgl. die Nummern 11-13 und 17). Führen
wir uns nochmals einige dieser Verschiebungen vor Augen, die häufig
vorkommen und sich besonders negativ auswirken:
a) Die politisch Verantwortlichen im Land senken unter dem Druck
der armen Stadtbevölkerung künstlich die Preise für
landwirtschaftliche Güter, da die unzufriedene Stadtbevölkerung als
Gefahr für die politische Stabilität des Landes angesehen wird. Sie
schaden damit aber den Nahrungsmittelproduzenten vor Ort. In Afrika hat sich
dieses Szenario in den Jahren 1975-85 sehr häufig abgespielt und dazu geführt,
daß die Produktion des Landes drastisch zurückgegangen ist.
Zahlreiche Länder, die große landwirtschaftliche Reichtümer
besitzen, wie Zaire und Sambia, wurden plötzlich zu Nettoimporteuren.
b) Die Politik in den meisten Industrieländern schützt
ihre eigene Landwirtschaft und verteidigt ihr im Vergleich zu den
Weltmarktpreisen höheres inländisches Preisniveau. Ohne diese
Eingriffe wären die Weltmarktpreise höher, was den anderen
produzierenden Ländern zugute käme. Diejenigen, die von diesen
Eingriffen profitierten, finden sich nun in einer neuen ungerechten Situation
wieder. Viele Jahre über wurden sie dazu ermuntert, möglichst viel zu
produzieren, was letztendlich zu den Verschiebungen im landwirtschaftlichen
System selbst geführt hat. Diese Politik wurde von der öffentlichen
Meinung mehrheitlich befürwortet; sie kann aber den Interessen der
Konsumenten in der ganzen Welt, ob sie nun zu den Privilegierten oder zu den Ärmsten
gehören, zutiefst widersprechen. Darüber hinaus ist der Wettbewerb
beim Export der unvermeidlichen Überschüsse ein Handicap für die
Produktion der entwicklungsschwachen Länder.
c) Eine falsch ausgerichtete Wirtschaftspolitik schadet der
traditionellen Getreide- und Viehwirtschaft. Ein Beispiel hierfür ist die
traditionelle Produktion, die der industriellen Landwirtschaft weichen mußte
- entweder aus Exportgründen (grobe Mengen landwirtschaftlicher Produkte für
den Export, die abhängig von den Weltmärkten sind) oder als
Austauschprodukte für das eigene Land. (In Brasilien wurde beispielsweise
Zuckerrohr zur Herstellung von Treibstoff angebaut, um weniger Erdöl
importieren zu müssen. Folge war eine Abwanderung der Bauern, denen die Ernährungsgrundlage
entzogen worden war.)
D. DIE ERDE KANN IHRE BEWOHNER ERNÄHREN
Die erstaunlichen Fortschritte der Menschheit
19. Neben den enormen Fehlentwicklungen, die wir angesprochen haben, dürfen
wir nicht vergessen: Beeindruckende Fortschritte haben dazu geführt, daß
die Weltbevölkerung von 3 Mrd. auf 5,3 Mrd. Menschen innerhalb von 30
Jahren (1960-1990) angewachsen ist.(29) In den Entwicklungsländern ist die »Lebenserwartung
bei der Geburt von sechsundvierzig Jahren im Jahre 1960 auf zweiundsechzig Jahre
im Jahre 1987 angestiegen. Die Sterberate der Kinder unter 5 Jahren konnte um
50% gesenkt werden, und zwei Drittel der Säuglinge unter einem Jahr sind
gegen die Hauptkinderkrankheiten geimpft... Die Kalorienzufuhr pro Einwohner ist
zwischen 1965 und 1985 um ca. 20% gestiegen«.(30)
Zwischen 1950 und 1980 hat sich die Nahrungsmittelproduktion weltweit
verdoppelt und »es gibt insgesamt auf der Welt genug Nahrung für alle«.(31)
Trotzdem herrscht immer noch Hungersnot. Die Gründe hierfür sind
struktureller Natur: »Das Hauptproblem besteht in den ungleichen
Zugangsbedingungen zu dieser Nahrung«.(32) Es wäre ferner irrig, den
tatsächlichen Nahrungsmittelkonsum der Familien einzig und allein an der
statistischen Größe der Verfügbarkeit von Getreide pro Einwohner
zu messen. Hunger ist kein Problem von Verfügbarkeit, sondern von erfüllbarer
Nachfrage, d.h. vom Wenden vorhandener Not.
Im übrigen muß darauf hingewiesen werden, daß viele
Menschen dank einer Schattenwirtschaft überleben können: Diese ist
aber unsicher und per definitionem weder öffentlich bekannt noch meßbar.
Die Nahrungsmittelmärkte
20. Auf den Weltmärkten für Nahrungsmittel wird zum Teil mit
Produkten gehandelt, die nicht immer mit denen identisch sind, die in den
meisten entwicklungsschwachen Ländern konsumiert werden.(33) Die enormen
Preisschwankungen schaden den Interessen der Produzenten genauso wie den der
Konsumenten. Hervorgerufen werden sie durch spontane Anpassungsmechanismen, die
noch verstärkt werden durch die Funktionsweise der Märkte.
Stabilisierungsversuche zeitigten wenig Erfolg. Sie wirkten sich teilweise sogar
noch negativ für die Produzenten aus. Andererseits schließt ein
funktionierender Markt einen Anstieg der Preise aus. Die begrenzte Anzahl
internationaler Handelsunternehmen erlaubt keine Änderung der Wechselkurse.
Sie verhindert sogar, daß neue Marktteilnehmer auf den Markt kommen, was
sich negativ auswirkt. Die Entstehung neuer Produktionskapazitäten hängt
vor allem davon ab, in welchem Ausmaß technischer Fortschritt (Fortschritt
bei der Entwicklung und bei der Anwendung) Verbreitung findet. Die
durchschnittliche Reisproduktion in Indonesien ist innerhalb von einer
Generation von 4 auf 15 Tonnen Hektar gestiegen, also sehr viel schneller als
die Bevölkerung, die schon in Rekordgeschwindigkeit wächst. In den
meisten Ländern, in denen die Landwirtschaft Fortschritte macht, steigen
die landwirtschaftlichen Erträge stark, obschon die Zahl der Landwirte
gleichzeitig deutlich abnimmt.
Die moderne Landwirtschaft
21. Intensive Landwirtschaft wird in wachsendem Maße für
Umweltschäden verantwortlich gemacht, vor allem für die Verschmutzung
der natürlichen Ressourcen wie Wasser und Böden durch den übermäßigen
Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln. Intensivierung der
Landwirtschaft wird in erster Linie definiert als Erhöhung des Verhältnisses
aus dem Verbrauch von Rohstoffen und Maschinen (hauptsächlich industrieller
Natur) und der genutzten landwirtschaftlichen Fläche. Wir beobachten
eine Entkoppelung der landwirtschaftlichen Produktionstechnologien von ihrer natürlichen
Grundlage, den Böden. Die Beziehung zwischen diesen beiden Größen
weicht einer riskanten Dualität von landwirtschaftlicher Technologie und
wirtschaftlichem Umfeld.
Eine Intensivierung der Landwirtschaft erfordert im allgemeinen einen hohen
Kapitaleinsatz. In den meisten Entwicklungsländern herrscht jedoch eine
Selbstversorgungskultur vor, die vornehmlich auf »menschlichem«
Kapital gründet und nur über begrenzte technische Hilfsmittel und
Wasservorräte verfügt. Die »grüne Revolution« hat zwar
gewisse Erfolge gehabt; das Nahrungsmittelproblem vieler Entwicklungsländer
hat sie jedoch nicht lösen können.
Wenn nun weitere Maßnahmen zur Verbesserung der intensiven
Landwirtschaft und des Umweltschutzes anstehen, so sollten hierfür - wie in
den industrialisierten Ländern - andere Produktionssysteme zum Einsatz
kommen, die die natürlichen Ressourcen besser schützen und eine weite
Streuung des Produktionseigentums aufrechterhalten. Deshalb sollten
landwirtschaftliche Züchterverbände, die verantwortliche Verwaltung
der Wasserressourcen und die Ausbildung zu kooperativen Organisationsformen gefördert
werden.
II. EINE ETHISCHE HERAUSFORDERUNG FÜR ALLE
Die ethische Dimension des Problems
22. Um dem Problem des Hungers und der Mangelernährung in der Welt
begegnen zu können, muß man den ethischen Aspekt des Problems
erfassen.
Die Ursache des Hungers ist sittlicher Natur; sie liegt jenseits aller
physischen, strukturellen und kulturellen Gründe. Somit ist auch die
Herausforderung sittlicher Natur. Ein Mensch guten Willens, der an die
universellen Werte innerhalb der verschiedenen Kulturen glaubt, wird diese
Herausforderung annehmen. Dies gilt vor allem für den Christen, der selbst
die Erfahrung der persönlichen Beziehung zum allmächtigen Herrn
gemacht hat, jener Beziehung, die Gott zu jedem einzelnen Menschen knüpfen
möchte.
Diese Herausforderung beinhaltet ein vertieftes Verständnis der Phänomene,
die Fähigkeit der Menschen, sich gegenseitig zu dienen - das kann natürlich
auch durch das Spiel der wirtschaftlichen Marktkräfte geschehen, wenn sie
in rechter Weise verstanden werden - und den Rückgang jedweder Korruption.
Mehr noch: Es geht um unser aller Freiheit, sich tagtäglich dafür
einzusetzen, daß jeder einzelne Mensch und die ganze Menschheit sich
entwickeln können, d.h. es geht um die Entwicklung des Gemeinwohls.(34)
Eine solche Entwicklung beinhaltet soziale Gerechtigkeit, Zugang aller Menschen
zu den Reichtümern der Erde, gelebte Solidarität und Subsidiarität,
Frieden und Achtung der Umwelt. Diese Richtung muß eingeschlagen werden,
wenn wir Hoffnung verbreiten wollen und wenn wir eine Welt schaffen wollen, die
die uns nachfolgenden Generationen freundlicher empfängt.
Um diesen Fortschritt zu ermöglichen, muß die organische Förderung
des Gemeinwohls geschützt und gegebenenfalls als notwendige Komponente bei
allen Entscheidungs- und Denkprozessen der politisch und wirtschaftlich Tätigen
in allen Bereichen und allen Ländern neu mit Leben gefüllt werden.
Die Motivation von Einzelpersonen und Institutionen ist nötig, damit
eine Gesellschaft und eine Familie funktionieren. Aber für jeden einzelnen
sowie für die Gemeinschaft gilt: Die Menschen müssen umkehren und
lernen, das Ziel des Gemeinwohls nicht zugunsten persönlicher Interessen,
der Interessen ihrer Nächsten, ihrer Arbeitgeber, ihres Clans oder ihres
Landes zu opfern, so berechtigt deren Interessen auch seien.
Die von der Kirche Schritt für Schritt in ihrer Soziallehre verkündeten
Grundsätze sind ein wertvoller Leitfaden für den Menschen und sein
Handeln im Kampf gegen den Hunger. Das Ziel des Gemeinwohls ist Schnittpunkt
folgender Elemente:
Suche nach größtmöglicher Leistungsfähigkeit in
der Verwaltung der Güter der Erde;
höhere Achtung der sozialen Gerechtigkeit, die durch die
universelle Bestimmung der Güter möglich wird;
ständig und sinnvoll gelebte Subsidiarität, die die
Verantwortlichen davor schützt, die Macht an sich zu reißen, denn die
Macht ist ihnen zum Dienst gegeben;
gelebte Solidarität, die davon abhält, daß die
Reichen die finanziellen Mittel an sich reißen; so wird niemand vom
sozialen und wirtschaftlichen Bereich ausgeschlossen oder seiner menschlichen Würde
beraubt.
Die kirchliche Soziallehre als Ganze muß also das Handeln der
Verantwortlichen bestimmen, ob sie diese nun bewußt oder unbewußt
anwenden.
Die Gefahr besteht, daß eine solche Forderung auf Skepsis oder sogar
Zynismus stößt. Das Handeln vieler Verantwortlicher wird von der
unbeugsamen, manchmal grausamen Umwelt bestimmt, die Angst erzeugt und zur
arroganten Suche nach Macht und Machterhalt führt. Viele Menschen können
geneigt sein, ethische Erwägungen als Bremsklotz anzusehen. Und doch zeigt
die alltägliche Erfahrung in mannigfacher Weise und an den verschiedensten
Orten, daß dem nicht so ist; denn nur eine ausgewogene Entwicklung, die
das Gemeinwohl sucht, ist eine förderliche Entwicklung, und nur sie kann
auf Dauer zur sozialen Stabilität beitragen: In allen Ländern und auf
allen Ebenen handeln Menschen ohne Unterlaß und ohne viel Aufhebens unter
Berücksichtigung der legitimen Interessen ihresgleichen.
Die riesige Aufgabe des Christen ist es, überall ein solches Verhalten
zu unterstützen; wie ein wenig Sauerteig inmitten eines sehr harten Teiges
sind sie dazu aufgerufen durch ihre Nähe zu der Liebe, die der Herr allen
Menschen zuteil werden läßt und die sie an sich selbst erfahren.
Ihre wunderbare Aufgabe besteht darin, in allen Bereichen vorbildlich zu
sein: technisch, organisatorisch, sittlich und geistlich. Sie können sich
gegenseitig auf allen Ebenen der Verantwortlichkeit beistehen und jeden
motivieren, der nicht durch seine soziale Lage »ausgeschlossen« ist.
Nächstenliebe im Dienst der Entwicklung
23. Die Suche nach dem Gemeinwohl muß auf die Sorge um den Menschen
und die Liebe zu ihm gründen. In den verschiedensten Situationen stehen
Menschen tagtäglich vor der Alternative: persönliche und kollektive
Selbstzerstörung oder Nächstenliebe. Letztere zeugt also von einem
verantwortungsvollen Gewissen, das weder vor seinen eigenen Grenzen noch vor der
gewaltigen Herausforderung zurückschreckt, weil die Liebe zu den Menschen
es antreibt. »Wie würde die Geschichte über eine Generation
urteilen, die alle Mittel besitzt, um die Bevölkerung des ganzen Planeten
zu ernähren, sich aber in brudermörderischer Blindheit weigerte, dies
zu tun? Was für eine Wüste würde eine Welt sein, auf der das
Elend nicht der Liebe begegnet, die Leben spendet«?(35)
Die Liebe geht über das Geben im strengen Sinne hinaus. Entwicklung
wird durch das Handeln der mutigsten, kompetentesten und aufrichtigsten Menschen
vorangetrieben. Diese Pioniere empfinden Solidarität mit allen Menschen,
die nah oder fern unter dem Handeln oder den Unterlassungen der für sie
Verantwortlichen leiden. Derartige konkrete Verantwortung aller ist sichtbares
Zeichen des Altruismus.
Solidarität ist natürlich von allen gefordert. Glücklicherweise
brauchen wir nicht darauf zu warten, daß die Mehrheit der Menschen zur Nächstenliebe
umkehrt, um die Früchte des Handelns derer zu ernten, die schon jetzt
zupacken. Die Auswirkungen des Handelns dieser Menschen, die sich auf allen
Ebenen in ihrem Alltag als Diener am Menschen und an der Menschheit einsetzen,
sind ein sicheres Fundament für unsere Hoffnung.
Soziale Gerechtigkeit und universelle Bestimmung der Güter
24. Im Herzen der sozialen Gerechtigkeit steht das Prinzip der universellen
und allgemeinen Bestimmung der Güter der Erde. Papst Johannes Paul II. hat
es folgendermaßen ausgedrückt: »Gott hat die Erde dem ganzen
Menschengeschlecht geschenkt, ohne jemanden auszuschließen oder zu
bevorzugen, auf daß sie alle seine Mitglieder ernähre«.(36)
Diese Aussage zieht sich durch die christliche Tradition, und sie kann gar nicht
oft genug wiederholt werden, obwohl sie natürlich die gesamte Menschheit über
alle konfessionellen Grenzen hinweg betrifft. Das Axiom ist ein
notwendiger Baustein für die Errichtung einer Gesellschaft, in der
Gerechtigkeit, Frieden und Solidarität herrschen. Jede Generation muß
sich dessen bewußt sein, daß sie nur eine Zeitlang die Ressourcen
der Erde und das Produktionssystem verwaltet. Im Hinblick auf die Vollendung der
Schöpfung ist das Recht auf Eigentum keine absolute Größe; es
ist Ausdruck der Würde jedes einzelnen, aber es ist nur rechtmäßig,
wenn es sich dem Gemeinwohl unterordnet und wenn es zum Wohl aller beiträgt.
In den verschiedenen Kulturen wird Gemeinwohl übrigens unterschiedlich
gesehen und gehandhabt.
Die kostspielige Abkehr vom Gemeinwohl: die »Strukturen der Sünde«
25. Ein Mensch, der das Gemeinwohl mißachtet, jagt dem persönlichen
Wohl in Form von Geld, Macht und Ruf nach. Sie werden als absolute Größen
um ihrer selbst willen begehrt, das heißt, es sind Abgötter. So
entstehen »Strukturen der Sünde«,(37) das sind alle Situationen
und Umstände, in denen Menschen sich sündig verhalten, und in denen
jeder Schrittmacher viel Mut aufbringen muß, will er dieses Verhalten
nicht annehmen.
Die »Strukturen der Sünde« sind vielfältig; sie sind
mehr oder weniger weitläufig, manche sind auf der ganzen Welt verbreitet,
wie zum Beispiel die Mechanismen und Verhaltensweisen, die zu Hungersnöten
führen; andere sind von sehr viel begrenzterem Ausmaß, führen
aber zu Ungleichgewichten, die es den betroffenen Menschen schwer machen, Gutes
zu tun. Diese »Strukturen« fordern von den Menschen einen hohen
Tribut: Sie zerstören das Gemeinwohl.
Seltener wird auf Negativfolgen und Kosten solcher »Sünden«
im wirtschaftlichen Bereich hingewiesen. Hier gibt es einige frappierende
Beispiele.(38) Es sind nicht nur Ignoranz und Nachlässigkeit, die die
Entwicklung behindern, sondern auch die vielfältigen und weit verbreiteten »Strukturen
der Sünde«. Sie zweckentfremden die Güter der Erde, die für
alle bestimmt sind, für menschenfeindliche Ziele und machen so eine förderliche
Entwicklung für alle unmöglich.
Der Mensch kann sich die Erde nur untertan machen und sie beherrschen, wenn
er den falschen Göttern abschwört: Geld, Macht und Ruf. Sie werden
Selbstzweck und sind nicht länger Mittel im Dienst an jedem einzelnen
Menschen und der gesamten Menschheit. Habgier, Hochmut und Eitelkeit verblenden
denjenigen, der ihnen erliegt. Der Mensch sieht schließlich nicht mehr, daß
seine Sichtweise begrenzt ist und sein Handeln selbstzerstörerisch.
Die universelle Bestimmung der Güter beinhaltet, daß Geld, Macht
und Ruf als Mittel für folgende Ziele dienen:
Schaffen von Produktionsmitteln für Güter und
Dienstleistungen, die sozial sinnvoll sind und das Gemeinwohl fördern.
Teilen mit den Ärmsten, die in den Augen aller Menschen guten
Willens die Notwendigkeit des Gemeinwohls verkörpern. Sie sind die lebenden
Zeugen für den Mangel an diesem Gut. Für die Christen sind sie die
geliebten Kinder Gottes, der sich uns durch sie und in ihnen zeigt.
Die Verabsolutierung dieser Reichtümer verhindert ganz oder teilweise,
daß die Ärmsten das Gemeinwohl mittragen. Die Weltwirtschaft
funktioniert allgemein gesehen nur mäßig - verglichen vor allem mit
den Spitzenleistungen, die einige Länder über einen relativ langen
Zeitraum erbringen - und ist, in menschlichen Kategorien gesprochen, sehr
kostenintensiv (dort, wo sie funktioniert und auch dort, wo sie nicht
funktioniert). Der Grund hierfür liegt darin, daß sie unter den
Kosten, die die schlechten Gewohnheiten verursachen, leidet. Diese stellen eine
sittliche Zwangsjacke dar, die die Menschen einengt.
Auf der anderen Seite sind dort erstaunliche Fortschritte erzielt worden, wo
Gruppen von Menschen es schaffen, gemeinsam zu arbeiten und den Dienst der
Gemeinschaft und jedes einzelnen dabei mit einzubeziehen. Menschen, die bislang
wenig Nützliches taten, leisten erstaunliche Arbeit. Die positiven
Auswirkungen verändern Schritt für Schritt die materiellen und
psychologischen Voraussetzungen sowie die Einstellung der Menschen. In
Wirklichkeit ist dies das positive Gegenbild der »Strukturen der Sünde«:
Man könnte sie »Strukturen des Gemeinwohls« nennen, die die »Zivilisation
der Liebe«(39) einleiten. Erfahrungen mit »Strukturen des Gemeinwohls«
geben uns einen ersten Einblick in die Welt, so wie sie einmal sein könnte:
Menschen achten viel häufiger bei all ihrem Handeln und in ihrer
Verantwortung auf gemeinsame Interessen und auch das Schicksal eines jeden
einzelnen.
Vor allem den Armen Gehör schenken und ihnen dienen,
d.h.
mit ihnen teilen
26. Der im wirtschaftlichen Sinn arme Mensch beweist leider den Mangel an
menschlicher Sorge um das Gemeinwohl. Doch hat er uns etwas zu sagen, das wir
nur von ihm lernen können. Was das praktische Leben angeht, so hat er seine
eigene Sichtweise, seine eignen Erfahrungen, die die Reichen nicht kennen. Papst
Johannes Paul II. hat dies in seiner Enzyklika Centesimus annus
folgendermaßen ausgedrückt: »Vor allem aber ist es notwendig,
eine Denkweise aufzugeben, die die Armen der Erde - Personen und Völker -
als eine Last und als unerwünschte Menschen ansieht, die das zu konsumieren
beanspruchen, was andere erzeugt haben...Die Hebung der Armen ist eine große
Gelegenheit für das sittliche, kulturelle und wirtschaftliche Wachstum der
gesamten Menschheit«.(40)
Die Sichtweise der Mittellosen ist gewiß nicht exakter oder vollständiger
als die der Verantwortlichen; aber sie ist wichtig für die letzteren, wenn
diese nicht wollen, daß ihr Handeln auf lange Sicht zur Selbstzerstörung
führt. Wer eine kostspielige und schwierige Wirtschafts- und Sozialpolitik
betreibt, ohne die Sichtweise des Kleinsten zu berücksichtigen, läuft
Gefahr, nach einer gewissen Zeit in eine Sackgasse zu laufen, was sehr
kostenintensiv für die gesamte Welt werden kann. Genau das ist bei der
Verschuldung der Dritten Welt passiert. Hätten Gläubiger und Schuldner
die Sichtweise der Ärmsten als ein wichtiges Stück Realität berücksichtigt,
dann hätte dies zu mehr Vorsicht geführt, und in vielen Ländern wäre
dieses riskante Unterfangen nicht so negativ verlaufen, hätte sogar ein
gutes Ende genommen.
Die Komplexität der zu lösenden Probleme oder - besser gesagt -
der Situationen, die es zu verbessern gilt, erfordert von uns, den Ärmsten
aufmerksam zuzuhören. Nur so können wir vermeiden, Sklaven des
kurzfristigen Denkens zu werden, im Bereich von Technologie, Bürokratie,
Ideologie oder durch verklärte Vorstellungen von den Möglichkeiten des
Staates oder des Marktes: Beide haben eine wichtige Rolle zu spielen, aber sie
sind nur Mittel, nicht Selbstzweck.
Rolle der Vermittlungsinstanzen ist es, den Armen Gehör zu verschaffen
und ihre Sichtweisen, Bedürfnisse und Wünsche festzuhalten. Diese
Vermittlungsinstanzen sind aber gerade mit dieser Aufgabe überfordert. Sie
leiden selbst unter ihrer eigenen Monopolstellung, die von ihnen verlangt, ihre
Machtstellung zu festigen, oder sie leiden unter der Konkurrenz, die die Armen
als Mittel zur Macht ausnutzen will. Die Gewerkschaften haben hier eine
sehr wichtige Ziele. Sie müssen fast heldenhafte Leistungen erbringen, um
ihrer Aufgabe gerecht zu werden, ohne dabei verdrängt oder vereinnahmt zu
werden.(41)
In solchen Situationen wird Teilen zu einer echten Zusammenarbeit, zu der
jeder beiträgt, indem er allen das gibt, was die Gemeinschaft braucht. Der Ärmste
hat seine eigene wichtige Aufgabe, wichtig gerade deshalb, weil er tatsächlich
ausgeschlossen ist.(42) Dieses Paradoxon sollte den Christen nicht erstaunen.
Die Pflicht, jedem das gleiche Zugangsrecht zum nötigen Existenzminimum zu
gewähren, wird nicht nur als moralische Verpflichtung des Teilens mit dem Ärmsten
gesehen, was an sich schon sehr wichtig ist, sondern auch als deren
Wiedereingliederung in die Gemeinschaft selbst, die ohne den Ärmsten zu
verkümmern droht. Der Platz des Ärmsten ist nicht am Rand, in der
Marginalität, aus der man ihn mehr schlecht als recht herauszureiben
versucht. Der Ärmste steht im Mittelpunkt unserer Anliegen und Sorgen. Er
steht im Zentrum der Menschheitsfamilie. Dort kann er seine einzigartige Rolle
in der Gemeinschaft spielen.
Von diesem Blickwinkel aus gesehen, zeigt sich die wahre Bedeutung der
sozialen Gerechtigkeit, die auch eine ausgleichende Gerechtigkeit ist. Sie ist
Grundlage allen Handelns für die Verteidigung der Rechte. Sie garantiert
den sozialen Zusammenhalt, die friedlichen Koexistenz der Nationen, aber auch
ihre gemeinsame Entwicklung.
Eine integrierte Gesellschaft
27. Das Bild von der Gerechtigkeit, die in der menschlichen Solidarität
verwurzelt ist und also solche dem Stärksten aufträgt, dem Schwächsten
zu helfen, muß uns überall dorthin führen, wo die Stimmen der Ärmsten
ertönen, damit wir in Gerechtigkeit, Frieden und Nächstenliebe vereint
an der einen, alle umfassenden Gesellschaft arbeiten.
Gesellschaften sind letztendlich zum Scheitern verurteilt, wenn sie einige
ihrer Glieder ausstoßen. Diese Feststellung wäre nicht kohärent,
beinhaltete sie nicht auch das Recht der Armen, sich zusammenzuschließen,
um besser Hilfe von allen Seiten zu erhalten und ihr Elend zu überwinden.
Frieden: Rechte im Gleichgewicht
28. Dauerhafter Frieden ist nicht das Ergebnis eines Gleichgewichts der Kräfte,
sondern eines Gleichgewichts der Rechte. Frieden ist auch nicht gleichbedeutend
mit dem Sieg des Starken über den Schwachen, sondern mit dem Sieg der
Gerechtigkeit über die ungerechten Privilegien, dem Sieg der Freiheit über
die Tyrannei, der Wahrheit über die Lüge,(43) der Entwicklung über
den Hunger, das Elend und die Erniedrigung innerhalb jedes Volkes und zwischen
den Völkern. Will man wahrhaften Frieden und wirkliche internationale
Sicherheit schaffen, reicht eine bloße Vermeidung von Kriegen und
Konflikten nicht aus. Man muß Entwicklung fördern, Bedingungen
schaffen, die in der Lage sind, die Grundrechte des Menschen zu
garantieren.(44) Demokratie und Abrüstung sind zwei Forderungen des
Friedens, der unabdingbar für ein wirkliche Entwicklung ist.
Dringlichkeit der Abrüstung
29. Regionale Konflikte haben innerhalb von fünfzig Jahren ca. siebzehn
Millionen Menschenleben gefordert. »In den achtziger Jahren sind die Militärausgaben
auf den höchsten Stand in Friedenszeiten gestiegen; sie werden auf eine
Billion (tausend Milliarden) Dollar (pro Jahr) geschätzt. Sie machten etwa
fünf Prozent des gesamten Welteinkommens aus«.(45) Hier zeigt sich,
wie wichtig und vordringlich es ist, daß alle politisch und wirtschaftlich
Verantwortlichen handeln, damit diese gigantischen Summen, die bislang für
den Tod ausgegeben wurden - auf der nördlichen wie auf der südlichen
Halbkugel - von nun an für das Leben ausgegeben werden. Eine solche Haltung
entspräche den sittlichen Kräften, die für eine schrittweise Abrüstung
kämpfen. So würden beachtliche finanzielle Mittel frei, die den
Entwicklungsländern zugute kommen könnten; denn sie benötigen sie
dringend für ihren Fortschritt.(46)
Eine besonders hartnäckige »Struktur der Sünde« ist der
Export von Waffen in einer Quantität, die weit über das berechtigte
Bedürfnis nach Selbstverteidigung des Käuferlandes hinausgehen oder
die für den internationalen Waffenhandel bestimmt sind. Heutzutage kann
jeder, der über die nötigen finanziellen Mittel verfügt, per
Katalog modernste Waffen bestellen. In diesem Bereich breitet sich die
Korruption aus. Schlimmer aber noch ist diese üble Praxis in sich. Wir
sollten den Hut vor jenen Regierungen ziehen, die den Mut hatten, Verträge über
Waffenkäufe, die ihre Vorgänger - Regime, die sich bis an die Zähne
bewaffnet haben - eingegangen waren, nicht zu verlängern und die so Gefahr
liefen, sich den Unmut der exportierenden Länder zuzuziehen.
Achtung der Umwelt
30. Die Natur ist dabei, uns eine Lektion in Sachen Solidarität zu
erteilen, aber wir beachten sie kaum. Bei der Herstellung von Nahrungsmitteln
sind alle Menschen aktive oder passive Bausteine eines Ökosystems. Dem Bewußtsein
eröffnet sich so ein neues Feld der Verantwortung.
Man kann nicht eine wachsende Anzahl von Menschen satt machen wollen und
gleichzeitig die Landwirtschaft schwächen. Und doch verschmutzt die
Landwirtschaft derart die Umwelt (massenhafter Einsatz von Dünger,
Pestiziden und Maschinen), daß sie zum Industriesektor geworden ist; eine
saubere Produktionsweise ist in diesem Sektor noch nicht Wirklichkeit geworden.
Umweltverschmutzung, übermäßiger Konsum, Versteppung und
Entwaldung gefährden neben anderen lebensnotwendigen Ressourcen Luft,
Wasser, Böden und Wälder. Innerhalb von fünfzig Jahren wurde die
Hälfte des tropischen Regenwaldes abgeholzt mit dem Ziel, die Böden
anders zu nutzen oder durch beschleunigte Ausbeutung die Schuldenlast abbauen zu
können. Welche Kurzsichtigkeit! In den ärmsten Regionen wird die
Versteppung durch Überlebensstrategien hervorgerufen, die die Armut noch
vergrößern: Überweidung, Abholzen von Bäumen und Büschen
zum Kochen von Nahrung oder zum Heizen.(47)
Ökologie und ausgewogene Entwicklung
31. Ein ökologisch verantwortliches Umgehen mit der Erde ist dringend
geboten. Wir möchten zwei Aspekte aus dem Bereich der
Nahrungsmittelproduktion, die einen bedeutenden Sektor darstellt, hervorheben.
Zunächst einmal sind die anfallenden Kosten in den Wirtschaftsprozeß
einzubinden;(48) wir müssen uns die Frage stellen, ob es immer die Armen
sein müssen, die diese Last in Form von Nahrungsproblemen zu tragen haben.
Zweitens beschleunigt der Wunsch, die Zusammenhänge zwischen Ökologie
und Wirtschaft besser zu verstehen, die Idee einer dauerhaften Entwicklung.
Diese Erkenntnis kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß
eine ausgewogene Entwicklung mit mehr Kraft als bisher gefördert
werden muß. Schließlich kann eine Entwicklung ja nur dauerhaft sein,
wenn sie ausgewogen ist. Ansonsten laufen wir Gefahr, zu den vorhandenen
Ungleichgewichten neue hinzuzufügen.
Die Herausforderung gemeinsam annehmen
32. Hunger und Mangelernährung erfordern konkretes Handeln, das von der
Bemühung um eine umfassende Entwicklung der Menschen und der Völker
nicht getrennt werden kann. Die Aufgabe ist so gewaltig, daß die
Katholische Kirche in immer stärkerem Maße zur Verbesserung der
Situation beitragen muß. Sie muß alle dazu aufrufen, gemeinsam und
mit Ausdauer an dieser Aufgabe zu arbeiten.
Glücklicherweise haben schon viele Menschen,
Nicht-Regierungs-Organisationen, Behörden und Internationale Organisationen
sich dafür eingesetzt, den Hunger zu besiegen. Erinnern wir nur an die
internationale Kampagne gegen den Hunger und weitere Initiativen, an denen sich
Christen gern beteiligen.
Den Beitrag der Armen zur Demokratie anerkennen
33. Es bleibt weithin unbeachtet, wie dynamisch arme Menschen sind. Damit
dies bekannt wird, müssen sich sehr viele Einstellungen und Handlungsweisen
- im wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und politischen Bereich - ändern.
Wenn Arme nicht an der Ausarbeitung von sie betreffenden Projekten teilhaben dürfen,
dann - so lehrt die Geschichte - können sie meist auch nicht in vollem Maße
aus diesen Projekten Nutzen ziehen. Wir müssen Solidarität in der
Gemeinschaft schaffen. Wir lernen nur, das tägliche Brot zu teilen, wenn
wir bereit sind, Bewußtsein und Handeln in der gesamten Gesellschaft neu
auszurichten.(49) Eine solche Haltung führt zu wirklicher Demokratie.
Die Demokratie wird gemeinhin als unabdingbares Element für die
menschliche Entwicklung anerkannt, weil sie eine verantwortliche Teilnahme an
der Verwaltung der Gesellschaft ermöglicht. Demokratie und Entwicklung
gehen Hand in Hand; die Anfälligkeit der einen kann die andere gefährden.
Wenn das Gleichheitsprinzip sich dem Kräfteverhältnis unterordnen muß,
kann das für die Armen heißen, daß sie nur noch das
Existenzminimum erhalten. Eine Demokratie wird daran gemessen, wie sie Freiheit
und Solidarität miteinander in Einklang bringt, ohne einem absoluten
Liberalismus oder einer anderen Lehre das Wort zu reden, die die Bedeutung von
Freiheit nicht anerkennt oder die echte Solidarität behindert.(50)
Gemeinschaftliche Initiativen
34. Eine wachsende Anzahl von Menschen und Gruppen antwortet auf das Elend
mit der Teilnahme an gemeinschaftlichen Aktionen. Sie sind es wert, gefördert
zu werden. Mehr und mehr Länder unterstützen die Beteiligung der Bevölkerung
an diesen Initiativen, aber verschiedene Kräfte versuchen immer noch, sie
zu zerstören, weil sie ihnen lästig sind - was zum Teil folgenschwer
ist - obwohl sie doch unerläßliche Grundlage einer echten Entwicklung
sind.
Verschiedene Nicht-Regierungs-Organisationen (NRO) im Entwicklungssektor
wurden aufgrund örtlicher Initiativen ins Leben gerufen. Sie haben die
Entstehung einer neuen volksnahen Bürgerschaft in mehreren Entwicklungsländern
gefördert. Diese NRO haben verschiedenste Möglichkeiten der
Konzertierung und Unterstützung auf den Weg gebracht. Dank der aktiven
Mithilfe des Volkes, die dadurch entstand, konnte eine große Anzahl armer
Menschen ihr Elend überwinden und ihre Situation, die von Hunger und
Mangelernährung geprägt war, verbessern.
In den letzten Jahren haben Internationale Katholische Verbände und
neue Kirchliche Gemeinschaften Initiativen im sozialen und wirtschaftlichen
Bereich verwirklicht. In ihrem Kampf gegen Hunger und Elend sind sie geistige
Erben etwa von mittelalterlichen Berufsverbänden, vor allem von den
Genossenschaften des 19. Jhdts. Die Initiatoren, die sich für das
Gemeinwohl einsetzten, gründeten Institutionen im Sinne des Evangeliums
oder in Anlehnung an soziale Solidarität. Der erste, der die Bedeutung der
Hilfe zur Selbsthilfe hervorhob, war der Quäker P.C. Plockboy (1695).
Andere Pioniere sind besser bekannt: Félicité Robert de Lamennais
(1854), Adolf Kolping (1865), Robert Owen (1858), Baron Wilhelm Emmanuel von
Ketteler (1877). Heute entstehen Vereinigungen, die das Gemeinwohl der
Gesellschaft anstreben und Egoismus, Hochmut und Habgier, die häufig das
Gemeinschaftsleben regieren, zurückdrängen wollen. Die Erfahrungen,
die im Laufe der Geschichte gemacht worden sind und die Ergebnisse dieser neuen
Initiativen geben Anlaß zu der Hoffnung, daß in Zukunft ihre Früchte
geerntet werden können.(51)
Zugang zu Krediten
35. »Einer der großen Erfolge der NRO war es, den Armen den
Zugang zu Krediten zu ermöglichen«.(52) Der Zugang von breiteren Bevölkerungsgruppen
zu Krediten hat enorm an Bedeutung gewonnen. Er kann einer
Selbstversorgungswirtschaft dabei helfen, die Grundlagen für eine echte
Volkswirtschaft zu legen. Bislang hat man einen entscheidenden Zuwachs des
Bruttoinlandsprodukts (BIP) nicht erreichen können, aber man muß berücksichtigen,
welche Bedeutung das Phänomen in sich birgt und wohin es führt. Wenn
die Gemeinschaftsinitiativen Unterstützung finden und den Partnern vor Ort
Vertrauen entgegengebracht wird, dann kann aus einer bloßen Unterstützung
langsam die Grundlage einer umfassenden Entwicklung erwachsen.(53)
Die ausschlaggebende Rolle der Frauen
36. Im Kampf gegen Hunger und für Entwicklung spielen die Frauen eine
ausschlaggebende Rolle, die allzuoft noch nicht ausreichend anerkannt und geschätzt
wird. Frauen sind eine wesentliche Voraussetzung für das Überleben
ganzer Völker, vor allem in Afrika; denn sie produzieren den Hauptteil der
Nahrung für die Familien. Sie haben in den Entwicklungsländern die
schwere Aufgabe, ihre Familien mit einer gesunden und ausgewogenen Ernährung
zu versorgen. Sie sind auch die ersten Opfer von Entscheidungen, die ohne ihr
Wissen getroffen werden - wie zum Beispiel die Aufgabe der Getreidefelder und
der regionalen Märkte, die sie hauptsächlich verwalten. Solche
Entscheidungen mißachten die Frau und schaden der Entwicklung. Der Übergang
zur Marktwirtschaft und die Einführung neuer Technologien können sich
unter solchen Umständen trotz bester Absichten negativ auswirken und die
Arbeitsbedingungen der Frauen noch verschlechtern.
Frauen sind von der Mangelernährung in besonderer Weise betroffen: In
erster Linie sind sie es, die darunter leiden, und sie geben den Mangel schon in
der Schwangerschaft an ihre Kinder weiter. Die gesundheitliche und schulische
Zukunft ihrer Kinder ist in Gefahr.
Doch ein noch viel höheres Ziel steht an: Es geht darum, den sozialen
Status der Frauen in den armen Länder zu verbessern, indem man ihnen einen
besseren Zugang zu Gesundheit, Bildung und auch zu Krediten ermöglicht. So
können die Frauen sich im Einsatz für ein Wachstum der Bevölkerung,
für Entwicklung und für wirtschaftlichen und politischen Fortschritt
in ihren Ländern verwirklichen.(54)
Dieser Fortschritt sollte freilich die Rolle des Mannes und der Frau schützen
und erhalten, ohne einen Graben zwischen ihnen entstehen zu lassen; ohne die Männer
weiblich zu machen oder die Frauen männlich.(55) Dennoch darf die wünschenswerte
Weiterentwicklung der Situation der Frau nicht auf Kosten der Aufmerksamkeit
gehen, die sie dem Leben, das entsteht und sich entfaltet, schenken soll. Einige
Entwicklungsländer gehen hier mit ihrem Beispiel voran, indem sie der überzogenen
Umgestaltung der weiblichen Empfindsamkeit, wie wir sie zur Zeit im Westen
beobachten, einen Riegel vorschieben, ohne dabei die Frau in ihre rechtlose
Rolle zurückzudrängen. Hüten wir uns davor, in diesem Bereich
wieder den Fehler zu machen, traditionelle Strukturen zugunsten westlicher
Modelle aufzugeben, obwohl diese den örtlichen Gegebenheiten überhaupt
nicht angepabt sind bzw. nicht schematisch übertragen werden können.
Integrität und soziales Bewußtsein
37. Die Gesamtheit der sozialen und wirtschaftlichen Kräfte muß
mobilisiert werden, eine Entwicklungspolitik auf den Weg zu bringen, die allen
Menschen ein Leben in Würde ermöglicht und die geforderten
Anstrengungen und Opfer erbringt. Bedingung dafür ist, daß die
Verantwortlichen eindeutige Zeichen der Integrität und des Gemeinsinns
setzen. Phänomene wie Kapitalflucht, Verschwendung oder Aneignung von
Ressourcen zugunsten einer familiären, sozialen, ethnischen oder
politischen Minderheit sind weit verbreitet und bekannt. Diese Mißstände
werden oft angeprangert, aber keiner der Schuldigen wird unmißverständlich
dazu aufgefordert, dieses schädliche Tun, das auf Kosten der Armen geht, zu
unterlassen, obwohl es unglaubliche Ausmaße angenommen hat.(56)
Gerade die Korruption(57) stellt häufig ein Hindernis für
notwendige Reformen zur Förderung von Gemeinwohl und Gerechtigkeit - zwei
Seiten derselben Medaille - dar. Die Gründe für Korruption sind vielfältig;
aber immer stellt sie einen schweren Vertrauensmißbrauch dar, begangen von
einer Person, die von der Gesellschaft beauftragt wurde, sie zu vertreten und
die statt dessen diese sozialen Befugnisse für persönliche Vorteile mißbraucht.
Die Korruption erweist sich als ein Mechanismus, der aus den »Strukturen
der Sünde« erwächst, und der Preis, den unsere Welt dafür
zahlen muß, ist weitaus höher als die Gesamtsumme der unterschlagenen
Gelder.
III.
FÜR EINE SOLIDARISCHERE WIRTSCHAFT
Dem einzelnen Menschen und der ganzen Menschheit besser dienen
38. Wachsender Wohlstand ist für die Entwicklung notwendig, aber die
makroökonomischen Reformen, die immer mit einer Begrenzung der Einkommen
einhergehen, können scheitern, wenn die Strukturreformen - vor allem im
staatlichen Sektor - nicht mit der nötigen politischen Entschlossenheit
verwirklicht werden: Reform der Rolle des Staates, Abbau der Hindernisse im
politischen und sozialen Bereich. Ansonsten wird unnötigem Leid und einem
schnellen Scheitern Vorschub geleistet. Diese anspruchsvollen, manchmal sogar äußerst
brutalen Reformen werden immer von Hilfen der internationalen Gemeinschaft
begleitet, die Druck auf die politisch Verantwortlichen ausübt - oft auf
deren Wunsch hin, damit dem Land vor Augen tritt, welche Entscheidungen nötig
sind, Entscheidungen, die die Industrieländer seit den Jahren des
Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr zu treffen hatten.
Es ist Aufgabe der internationalen Institutionen, Vorkehrungen zu treffen,
um das Leiden derer abzumildern, die von den Neuerungen am meisten betroffen
werden. Diese flankierenden Maßnahmen müssen in die von den
Regierungen ausgearbeiteten Pläne integriert werden. Dabei ist auf deren
Ratschläge zu hören. Die Internationalen Organisationen sollten
gleichfalls das Vertrauen in die Regierung des Landes fördern, damit diese
in Zeiten der Reformen die nötige finanzielle Unterstützung von
staatlicher oder privater Seite erhält. Sie müssen ebenfalls auf die
Regierung Druck ausüben, alle sozialen Gruppen an der gemeinsamen
Anstrengung mitwirken zu lassen. Sonst wird kein höheres Gemeinwohl und
keine soziale Gerechtigkeit erreicht, die unter solchen Gegebenheiten so schwer
zu erhalten ist, gerade weil sie in den Kinderschuhen steckt.
Das Personal der internationalen Institutionen muß unabdingbar über
technisches Know-how verfügen, was glücklicherweise im
allgemeinen der Fall ist, aber auch über Einfühlungsvermögen, das
nicht durch bürokratische Regelungen oder eine rein wirtschaftliche
Ausbildung erlernt werden kann. Gerade hier verdienen die Armen besonders
aufmerksames Gehör. Es geht darum, konkrete Maßnahmen im Einklang mit
den NRO und den Katholischen Verbänden sowie im Dialog mit den Ärmsten
zu treffen. Die Bedeutung dieses Aspekts kann nicht oft genug betont werden.
National und international Verantwortliche neigen dazu, dies zu vergessen, da
allein der technische Aspekt schon enorme Probleme mit sich bringt.
Alle nationalen und internationalen Organisationen, die ständig mit
entwicklungsschwachen Ländern im Dialog stehen, müssen persönliche
und informelle Kommunikation ermöglichen zwischen den örtlichen
Helfern und denen, die im technischen Bereich die Linien der Reformen vorgeben.
Hierbei ist das gegenseitige Vertrauen derer, die gemeinsam den Menschen, jedem
einzelnen Menschen dienen, von großer Wichtigkeit, damit Ökonomismus
oder Ideologie vermieden werden.
Das Handeln aller in Einklang bringen
39. Die reichsten Länder des Westens tragen besondere Verantwortung bei
der Reform der Weltwirtschaft. In letzter Zeit haben sie die Beziehungen zu den
Ländern ausgebaut, die erste wirtschaftliche Erfolge verzeichnen und damit
wirklich »Entwicklungs«-länder sind und auch zu den Ländern
Osteuropas, die ihnen - geographisch gesehen - näher stehen und deren
weitere Entwicklung bedrohlich werden könnte.
In den reichen Ländern selbst gibt es genug wirtschaftlich Arme und
schwierige Reformen, die im Land selbst durchgesetzt werden müssen. Daher
liegt die Versuchung nahe, die Armen in den Entwicklungsländern an die
zweite Stelle zu setzen. »Wir sind nicht für das Elend der ganzen Welt
verantwortlich«, lautet eine Aussage, die in den reichen Ländern immer
wieder zu hören ist.
Eine solche Haltung ist verwerflich und hätte, würde sie von
vielen eingenommen, schlimme Folgen. Alle Menschen, wo sie auch leben, vor allem
diejenigen, die über wirtschaftliche Mittel verfügen und Einfluß
haben, müssen sich immer vom Elend der Ärmsten in Frage stellen lassen
und deren Interessen in ihren Entscheidungen berücksichtigen. Dieser Appell
ergeht an alle wirtschaftlichen und politischen Führungskräfte.
Er richtet sich auch an all diejenigen, die in den verschiedenen Ländern
oder auf internationaler Ebene der Entwicklung des Gemeinwohls im Wege stehen,
weil sie nur ihre eigenen Interessen - so legitim sie auch seien - verfolgen.
Die Wahrung dieser erworbenen Rechte in einem Land kann zur Folge haben, daß
der Hunger irgendwo in der Welt zunimmt, ohne daß man eine konkrete
Verbindung zwischen Ursache und Opfer herstellen könnte. Daher ist es
einfach, den Zusammenhang zu leugnen. Konservatives Denken in anderen Bereichen
und an anderen Orten kann ähnliche Folgen haben.
Die Reform des Welthandels schreitet voran und ist weiterhin wünschenswert.
Sie betrifft vor allem die Armen der reichen Länder. Deshalb ist es äußerst
wichtig, daß hinter diesem Ziel die Ärmsten der armen Länder
nicht zurücktreten müssen - diejenigen, die keine Stimme haben, die
sie international zu Gehör bringen könnten. Sie müssen ins
Zentrum internationaler Anliegen treten und gleichrangig neben die anderen
Anliegen gestellt werden. Begrüßenswert ist sicherlich, daß die
Weltbank seit einigen Jahren das Ziel verfolgt, »das Elend auszutilgen«.
Die Verantwortlichen in den Entwicklungsländern dürfen nicht auf
eine eventuelle internationale Reform warten, bevor sie in ihrem Land die nötigen
Reformen - sie sind oftmals deutlich zu benennen - für einen
wirtschaftlichen Aufschwung unternehmen. Dieser Aufschwung hängt nicht von
besonders hohen Einnahmen ab, sondern von einer mutigen und konsequenten
Anwendung einfacher Regeln: Sie erlauben es denen, die in der Lage sind,
sinnvolle Initiativen ins Werk zu setzen und einen Teil des Ertrags zu behalten.
Und sie verbieten denen, die dazu nicht in der Lage sind, die nationalen
Ressourcen auszubeuten und eine unangemessene Belohnung einzustecken. Die Völker
müssen überzeugt sein, »daß bei diesem wirtschaftlichen
Fortschritt und sozialen Aufstieg ihnen selbst die erste Verantwortung zukommt
und daß sie dabei die Hauptarbeit zu leisten haben«.(58) Wie schon
erwähnt, muß ein klares Signal für eine verantwortungsbewußte
und mutige Haltung zum Dienst an der Gemeinschaft des Landes von den Regierungen
und Institutionen ausgehen, die mit den Entwicklungsländern
zusammenarbeiten.
Der politische Wille der Industrieländer
40. Die staatlichen Organe der reichen Länder müssen darauf
hinwirken, daß die öffentliche Meinung für die Not der Armen -
ob nah oder fern - sensibilisiert wird. Ihre Aufgabe ist es auch, Initiativen
internationaler Institutionen so gut wie möglich zu unterstützen, wenn
diese darauf abzielen, das Leiden zu mildern. Sie sollten ihnen helfen, sofort
Maßnahmen zu treffen, die den Hunger in der Welt langfristig lindern können.
Das fordert die Kirche mit Nachdruck seit mehr als hundert Jahren: Sie verlangt,
daß die Rechte der Schwächsten durch das Eingreifen staatlicher
Instanzen geschützt werden.(59)
Bei der Sensibilisierung und Mobilisierung der Weltgemeinschaft, vor allem
was die ethische Dimension der Herausforderung betrifft, helfen wertvolle und
aussagegewichtige Texte beispielsweise des Wirtschafts -und Sozialrates (vor
allem der Kommission der Menschenrechte), der UNICEF oder der FAO, deren
Arbeiten wir hier erwähnen wollen; denn die bereits erwähnte
Konvergenz zwischen kirchlicher Lehre und Bemühungen der Weltgemeinschaft
um wachsende Mobilisierung zeigt sich sehr deutlich in folgenden Texten: Charta
der Bauern in Internationale Erklärung zur Agrarreform und ländlichen
Entwicklung (1979),(60) Weltpakt für Ernährungssicherheit
(1985),(61) Welternährungserklärung und Aktionsplan,
verabschiedet von der Welternährungskonferenz (1992);(62) nicht zu
vergessen einige Verhaltenskodizes oder internationale Verpflichtungen -
politisch oder moralisch bindend - über Pestizide, pflanzengentechnische
Ressourcen usw. Zu unterstreichen ist hier, daß die Weltbank sich diese
ethischen Standpunkte unlängst zu eigen gemacht hat.(63)
Menschliche Entwicklung entsteht nicht durch wirtschaftliche
Mechanismen, die automatisch funktionieren, und die es einfach
aufrechtzuerhalten gilt. Die Wirtschaft wird menschlicher, wenn in allen
Bereichen Reformen durchgeführt werden, die sich vom bestmöglichen
Dienst am Gemeinwohl leiten lassen, d.h. von einer ethischen Sichtweise, die auf
dem unermeßlichen Wert jedes einzelnen Menschen und aller Menschen gründet;
eine Wirtschaft, die sich inspirieren läßt von der »Notwendigkeit,
die Beziehungen zwischen den Völkern auf der Basis eines konstanten
Austauschs der Gaben aufzubauen, einer wahren Kultur des Schenkens, die
jedes Land für die Bedürfnisse der Benachteiligten vorbereiten sollte«.(64)
Die Austauschverhältnisse gerecht festlegen
41. Ein funktionierender Markt, der Entwicklung fördert, benötigt
vernünftige Regelungen; er hat seine eigene Gesetzlichkeit, die die
Entscheidungsfähigkeit der Teilnehmer überfordert, sobald diese eine
gewisse Anzahl übersteigen und voneinander abhängig sind. Im Fall der
Rohstoffmärkte etwa besteht die Spannung zwischen Regelung und
Eigengesetzlichkeit fort - trotz beachtlicher Bemühungen der Regierungen
und internationaler Organisationen wie der UNCTAD (Handels- und
Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen) und verschiedener Unternehmer aus
dem Privatsektor. Es ist eben aus politischen wie humanitären Gründen
nicht möglich, sich von einem Preisniveau loszukoppeln, das aus dem blinden
Funktionieren der Märkte entsteht. Man muß in jedem Fall sorgen, daß
nicht versucht wird, diese Märkte zu manipulieren.
Darüber hinaus sollen die Importländer für den Abbau von
Barrieren sorgen bzw. dafür, daß keine neuen entstehen, die selektiv
potentielle Importe behindern, die aus solchen Ländern kommen, in denen ein
Großteil der Bevölkerung Hunger leidet. Die Importländer müssen
darauf achten, daß die Gewinne derartiger Handelsgeschäfte zum Großteil
den Ärmsten zugute kommen - eine nicht einfache Angelegenheit, die Mut und
Präzision im Handeln erfordert.
Das Schuldenproblem lösen
42. Wie weiter oben schon erwähnt, wird die Schuldenlast sei 1985 von
der Weltgemeinschaft verwaltet. Wichtigstes Anliegen ist es, das Finanzsystem,
das die Finanzinstitutionen aller Länder verbindet, aufrechtzuerhalten.
Dieses System hat in verschiedenen Ländern und im Laufe verschiedener
Krisen dazu geführt, daß die Schulden sich auf einem bestimmten
Niveau eingependelt haben und die Gläubiger eines Landes alle auf der
gleichen Stufe stehen. Diese Situation hat nichts mit Recht oder sozialer
Gerechtigkeit zu tun. Im Gegenzug dazu haben alle Kreditgeber einen gewissen
Teil ihrer Forderungen aufgeben müssen, je nach Schuldensituation. Dies
erfordert sehr viel Wachsamkeit und Gerechtigkeitssinn, damit die mutigsten und
tüchtigsten Reformländer nicht gegen über anderen benachteiligt
werden.
Natürlich muß der Schuldenberg noch weiter abgetragen werden.
Aber die Verringerung der Schulden muß um der Gerechtigkeit willen mit
Reformen in allen Ländern einhergehen, damit sie nicht Opfer neuer
Ungleichgewichte werden, nachdem sie die Ursachen, die sie in die Schuldenkrise
geführt hat, schon vergessen haben: defizitärer Staatshaushalt, nicht
sinnvoll eingesetzte öffentliche Finanzmittel, private Entwicklung ohne
wirtschaftliche Interessen, übersteigerte Konkurrenz zwischen Kreditgeberländern
und Exportländern, die unnötige oder sogar schädliche Verkäufe
fördern. Wichtig ist es zu erkennen, daß eine Verbesserung der Lage
eines Entwicklungslandes nur möglich ist, wenn der soziale und
politisch-institutionelle Rahmen stabiler gemacht wird.
Die staatliche Entwicklungshilfe aufstocken
43. Ziel des UNCTAD-Projekts für das zweite Entwicklungsjahrzehnt war
es, die Entwicklungshilfe auf 0,7% des BIP der Industrieländer anzuheben.
Nur einige Länder haben dieses Ziel erreicht;(65) auf dem »Gipfel«
von Kopenhagen wurde es dennoch nochmals verkündet.(66) Im Durchschnitt
beträgt die Entwicklungshilfe zur Zeit 0,33%; das ist noch nicht einmal die
Hälfte des angestrebten Betrags!
Daß einige Länder ihr Versprechen einlösen, andere aber
nicht, zeigt, daß Solidarität das Ergebnis der Entschlossenheit von Völkern
und Staaten ist und nicht von technischen Automatismen. Es ist auch wichtig, daß
ein größerer Teil dieser Hilfe für die Unterstützung von
Projekten aufgewendet wird, an deren Entwicklung die Armen selbst mitarbeiten.
Da die politisch Verantwortlichen in einer Demokratie von der öffentlichen
Meinung abhängig sind, stehen in der Entwicklungshilfe verstärkt Bemühungen
der Bewußtseinsbildung an. »Alle tragen wir gemeinschaftlich
Verantwortung für die unterernährten Bevölkerungen. Daher heißt
es das Bewußtsein erziehen zum Gefühl der Verantwortung, die auf
allen und jedem, besonders auf den Wohlhabenden lastet«.(67)
Die staatliche Hilfe stellt die Geber- wie auch die Empfängerländer
vor vielfältige ethische Probleme. Die Rechtfertigung neuer Geldströme
ist überall ein Problem; ethische Fehler können Interessengruppen in
den Exportländern mehr oder weniger offiziell Vorteile bringen. So werden
Machtsituationen festgeschrieben, die als »Strukturen der Sünde«
zu bezeichnen sind und die einer Klientelwirtschaft von allen Seiten Vorschub
leisten.
Diese wirkungsvollen Mechanismen verhindern wirkliche Reformen und eine Förderung
des Gemeinwohls. Die Auswirkungen können bedrohlich sein und zu Unruhen
oder Stammesfehden in einem Land führen, das besonders anfällig dafür
ist.
Der Kampf gegen die »Strukturen der Sünde« bedeutet
anderseits eine große Hoffnung für die ärmsten Länder.
Die Hilfe neu überdenken
44. Es geht für die Industrieländer nicht nur darum, ihre
Entwicklungshilfe aufzustocken, sondern auch darum, über ihre Verwendung
nachzudenken. Die »gebundene Hilfe« wird kritisiert, wenn die Hilfe an
Bedingungen geknüpft ist, die das Geberland betreffen: Kauf von
Fertigprodukten des Geberlandes, Anstellung von Fachkräften des Geberlandes
statt der örtlichen Kräfte, Einklang mit den Strukturanpassungmaßnahmen
usw. Demgegenüber kann eine Hilfe, die nicht an solche Bedingungen geknüpft
ist, bessere Ergebnisse erzielen, was vielfach bewiesen werden konnte. Dennoch
sollte die Idee der »gebundenen Hilfe« nicht a priori
ausgeschlossen werden, vor allem, wenn sie auf einen gerechten
Interessenausgleich abzielt und einen vernünftigen Einsatz der zur Verfügung
stehenden Mittel ermöglicht.
Dringlichkeitshilfe: eine Übergangslösung
45. Die Dringlichkeitshilfe (in Form von Nahrungsmitteln) sollte einmal näher
betrachtet werden: Sie wird sehr uneinheitlich bewertet, vor allem, weil sie
nicht die Wurzel des Hungers beseitigt. Manchen ist sie ein Hebel für eine
gute Entwicklung, andere wiederum eine Handelswaffe. Kritisiert wird unter
anderem, daß sie den Landwirten vor Ort keine Chance läßt; daß
sie die Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung ändert; daß
sie als Mittel politischen Drucks benutzt wird, da sie in die Abhängigkeit
führt; daß sie zu spät greift; daß sie geradezu eine
Mentalität der Abhängigkeit schafft und nur den Vermittlern zugute
kommt; daß sie die Korruption fördert und teilweise noch nicht einmal
bis zu den Ärmsten vordringt. In einigen Ländern wird die
Dringlichkeitshilfe - oft zu recht - permanent und sie wird zu einer
strukturellen Hilfe: Sie senkt in der Handelsbilanz das staatliche Defizit. Sie
kann also eine Art begleitende Maßnahme sein, wenn Strukturanpassungsmaßnahmen
stocken und die Subventionen für Grundnahrungsmittel abgeschafft werden.
Die Dringlichkeitshilfe muß eine Übergangshilfe bleiben; ihr Ziel
ist es, eine Bevölkerung in einer Krisensituation vor dem Verhungern zu
bewahren. Als humanitäre Hilfe kann man sie nur bejahen. Nur die Mißbräuche
rufen Kritik hervor. Oft erreicht etwa die Hilfe die Bevölkerung zu spät,
oder sie entspricht nicht deren echten Bedürfnissen; die Verteilung wird
schlecht organisiert; politische oder ethnische Faktoren oder Klientelwirtschaft
leiten sie fehl. Diebstähle und Korruption führen dazu, daß die
Nahrungsmittel nicht bis zu den Ärmsten kommen. Dringlichkeitshilfe ist
eher eine dauerhafte strukturelle Hilfe, die von den einen als Hebel für
Entwicklung und von den anderen als Handelswaffe, als Destabilisierungsfaktor für
die Produktion und die Nahrungsgewohnheiten, als Ursache für Abhängigkeit
gesehen wird. Tatsächlich kann sie gute wie schlechte Folgen haben. Zunächst
einmal rettet sie ganze Bevölkerungsgruppen vor dem Hungertod. Darüber
hinaus dürfen aber auch andere positive Aspekte nicht vergessen werden,
z.B. Infrastrukturprojekte, die sie ermöglicht; Dreiecksgeschäfte; die
Schaffung von Reserven im Entwicklungsland. Auch wenn es sich um ein
zweischneidiges Schwert handelt, kann nicht darauf verzichtet werden.
Einvernehmen in der Hilfsleistung
46. Trotz der Kritik, die die Dringlichkeitshilfe hervorruft, erscheint ihre
Verbesserung im Einvernehmen mit den Partnern auf den verschiedenen Ebenen möglich:
Staaten, örtliche Behörden, NRO, kirchliche Vereinigungen. Die Hilfe könnte
zeitlich begrenzt und sehr viel besser auf die Bevölkerung abgestimmt
werden, die tatsächlich unter Nahrungsmangel leidet. Wenn es möglich
ist, sollte die Nahrungsmittelhilfe Produkte enthalten, die aus dem Land selbst
stammen. Auf jeden Fall sollte die Dringlichkeitshilfe dazu beitragen, die Bevölkerung
aus ihrer Abhängigkeit zu reiben. Daher sind eine ausreichende
Infrastruktur und Verteilungsmechanismen vor Ort vonnöten. Daneben muß
die Hilfe immer von einem Projekt begleitet werden, dessen Ziel es ist, die Bevölkerung
vor zukünftigen Hungersnöten zu bewahren. Demnach kann diese Form von
Hilfe unter bestimmten Umständen als deutliches Zeichen einer
internationalen Solidarität gewertet werden. »Diese Art von Versorgung
bringt keine befriedigende Lösung, solange Situationen extremer Armut
weiter bestehen und sich sogar noch vertiefen können, Situationen, die
durch Unterernährung und Hunger zu höheren Sterberaten führen«.(68)
Ernährungssicherheit: eine dauerhafte Lösung
47. »Das Problem des Hungers kann ohne einer Verbesserung der Ernährungssicherheit
vor Ort nicht gelöst werden«.(69) Ernährungssicherheit besteht,
wenn »alle Bewohner jederzeit Zugang zu den Lebensmitteln haben, die
notwendig sind, um ein gesundes und aktives Leben zu führen«.(70)
Hierfür ist es wichtig, Programme zu entwickeln, die der Produktion vor Ort
Vorrang einräumen, eine wirksame Gesetzgebung, die die Anbauflächen
schützt und der Bevölkerung Zugang zu diesen Anbauflächen
zusichert. Eine Anzahl von Hindernissen hat bislang der Verwirklichung dieser
Punkte in den Entwicklungsländern entgegengestanden. Es wird für die
politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen in den Entwicklungsländern
immer schwieriger und komplexer, Landwirtschaftspolitik zu definieren. Zu den
zahlreichen Gründen für diese Situation gehört die Schwankung der
Preise und der Währungen, die auch durch die Überproduktion
landwirtschaftlicher Produkte hervorgerufen werden. Um Ernährungsicherheit
zu gewähren, müssen Stabilität und Gerechtigkeit im Welthandel
gefördert werden.(71)
Vorrang für die Produktion vor Ort
48. Daß die Landwirtschaft im Entwicklungsprozeß eine besonders
wichtige Rolle spielt, wird allgemein anerkannt. Ungeachtet der internationalen
Handelskonjunktur könnten die wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit,
aber auch die Ernährungssituation im Entwicklungsland großen Nutzen
ziehen aus der Einrichtung von landwirtschaftlichen Systemen, die zwar nach außen
offen sind, aber dennoch ihre interne Entwicklung vorrangig fördern. Hierzu
ist ein wirtschaftliches und soziales Umfeld nötig, das auf einer besseren
Kenntnis und einer besseren Verwaltung der landwirtschaftlichen Märkte vor
Ort basiert; weiterhin die Förderung von Krediten für ländliche
Entwicklung und technische Ausbildung; Rentabilität durch garantierte
Preise vor Ort; eine echte Abstimmung zwischen den Entwicklungsländern;
eine Zusammenarbeit der Bauern selbst und eine gemeinsame Vertretung ihrer
Interessen. Diese Aufgaben erfordern Kompetenz und Willenskraft.
Die Bedeutung der Agrarreform
49. Die Lebensmittelproduktion vor Ort wird oft durch eine falsche
Verteilung der Böden und durch ihre unvernünftige Nutzung behindert.
Mehr als die Hälfte der Bevölkerung in den Entwicklungsländern
besitzt keine Böden, und dieser Anteil steigt ständig.(72) Auch wenn
in allen Entwicklungsländern Agrarreformen laufen, so werden doch die
wenigsten konsequent umgesetzt. Darüber hinaus sind die Böden, die von
internationalen Nahrungsmittelkonzernen verwaltet werden, fast ausschließlich
für die Ernährung der Bevölkerung auf der nördlichen
Halbkugel genutzt, und die Art und Weise der Nutzung dieser landwirtschaftlichen
Anbauflächen ermüdet die Böden. Eine »mutige Strukturreform
und neue Muster für die Beziehung zwischen den Staaten und den Völkern«(73)
sind dringend erforderlich.
Die Rolle von Forschung und Erziehung
50. Die Aufgaben der Verantwortlichen im politischen und finanziellen
Bereich sind gewiß von hohem Rang. Und doch ist bei einer so gewichtigen
Herausforderung wie der des Hungers, der Mangelernährung und der Armut
jeder Mensch dazu aufgerufen, sich zu fragen, was er tut oder tun könnte.
Wir brauchen die Unterstützung der Wissenschaft: die intellektuelle Elite
muß ihr Wissen und ihren Einfluß zur Lösung des Problems
mobilisieren. Forschungsarbeiten in der Biotechnologie beispielsweise können
dazu beitragen, die Ernährungssicherheit, die Gesundheitsfürsorge und
die Energieversorgung weltweit - im Norden wie im Süden - zu verbessern.
Die Geisteswissenschaften sollten durch ein besseres Verständnis und eine
gerechtere Interpretation der Organisation im sozialen Bereich die
Unausgewogenheiten des herrschenden Systems und seine negativen Folgen
verdeutlichen und so dazu beizutragen, sie zu beheben. Sie können auch neue
Wege für eine Solidarität zwischen den Völkern suchen und
beschreiben;
die Sensibilisierung von Menschen und Völkern: Gewinnen für
die Nächstenliebe ist Aufgabe von Eltern, Erziehern, politisch
Verantwortlichen - egal welcher Ebene - und Medienexperten; letztere haben eine
besonders wichtige Aufgabe bei der Bewußtseinsbildung;
eine Entwicklung, die diesen Namen verdient, in allen Ländern:
Es sollte eine Erziehung gefördert werden, die nicht nur die nötigen
Elemente für die Kommunikation, für die persönliche oder gemeinnützige
Arbeit liefert, sondern die auch den Grundstein für ein sittliches Bewußtsein
legt. Die Trennung von Erziehung und Entwicklung muß entfallen. Beide
Ziele sind voneinander abhängig und derart miteinander verknüpft, daß
es wichtig ist, sie gleichzeitig zu verfolgen, will man nachhaltige Ergebnisse
erzielen. Aus solidarischer Pflicht ist daran mitzuarbeiten, »daß möglichst
bald alle Menschen auf der ganzen Welt in den Genuß einer angemessenen
Erziehung und Bildung gelangen können«.(74)
Die internationalen Organisationen:
Internationale Katholische
Verbände, Internationale Katholische Organisationen,
Nicht-Regierungs-Organisationen und ihre Lebensnähe
51. Seit einigen Jahrzehnten sind Verbände und Organisationen - zum
Teil aus freier Initiative gegründet - zu den bestehenden Hilfswerken
hinzugekommen und dienen Menschen und Bevölkerungsgruppen in
Schwierigkeiten. Diese internationalen Organisationen und Verbände sind oft
unter folgenden Bezeichnungen bekannt: Internationale Katholische Verbände,
Internationale Katholische Organisationen (IKO) und
Nicht-Regierungs-Organisationen (NRO). Diese Organisationen und Verbände
sind für ihr vielfältigen Aktivitäten bekannt: Sie haben sich in
der Förderung der ganzheitlichen Entwicklung der Armen und bei der Behebung
von Notsituationen (z.B. Hungersnöte) bewährt. Sie machen auf
verzweifeltes Elend aufmerksam, mobilisieren private und öffentliche Mittel
und organisieren die konkrete Linderung vor Ort. Die meisten von ihnen haben im
Laufe der Jahre den Kampf gegen den Hunger durch eine langfristige Arbeit für
lokale Entwicklung ergänzt. Sie konnten sichtbare Erfolge verzeichnen, vor
allem in Aktionen, die neue selbständige Initiativen ermöglichen oder
in Projekten, die die Rolle der Institutionen und Gebietskörperschaften stärken.
Die Katholische Kirche hat seit jeher (lange bevor die NRO gegründet
worden sind) diese Kräfte durch pfarrliche, diözesane, nationale,
internationale Verbände und andere nahestehenden Organisationen,(75)
unterstützt und gefördert.
Wir möchten bei dieser Gelegenheit der Arbeit der internationalen
Einrichtungen in ihrer Gesamtheit unsere Anerkennung aussprechen - gleich ob sie
christlicher Natur(76) sind oder nicht.
Der doppelte Auftrag Internationaler Organisationen
52. Der Auftrag internationaler Organisationen ist zweifacher Art:
Sensibilisierung und konkretes Handeln. Diese beiden Aspekte sind unzertrennlich
miteinander verbunden. Die Sensibilisierung aller für die Wirklichkeit und
die Ursachen der unzureichenden Entwicklung ist von entscheidender Bedeutung.
Von ihr hängt einerseits direkt die unerläßliche Sammlung
privater Mittel und andererseits ein wachsendes Problembewußtsein in der
Bevölkerung ab.
Die Bildung einer tragfähigen Zustimmung in der Bevölkerung ist für
eine Aufstockung der staatlichen Entwicklungshilfe und für die Überwindung
der »Strukturen der Sünde« unabdingbar.
Solidarische Partnerschaft
53. Internationale Organisationen müssen echte Partnerschaft mit den
Gruppen leben, denen sie Hilfe bringen. So entsteht eine Solidarität mit
geschwisterlichem Gesicht, im Dialog, in gegenseitigem Vertrauen, in
respektvollen Zuhören.
Im sensiblen Bereich der Partnerschaft hat Papst Johannes Paul II. ein
Zeichen gesetzt, das sein besonderes Anliegen zum Ausdruck bringt: Die Stiftung
»Johannes Paul II. für die Sahelzone«, deren erklärtes Ziel
der Kampf gegen die Versteppung in den Ländern südlich der Sahara ist
sowie die Stiftung »Populorum Progressio«, die sich für die Ärmsten
in Lateinamerika einsetzt und deren Arbeit von den Kirchen vor Ort in den
betroffenen Regionen durchgeführt wird.(77)
IV.
DAS JUBELJAHR 2000
EINE ETAPPE IM KAMPF GEGEN DEN HUNGER
Die Jubeljahre: Gott geben, was Gottes ist
54. In seinem Apostolischen Brief Tertio millennio adveniente, der
aus Anlaß des zweitausendsten Jahrestages der Geburt Christi verfaßt
wurde, erinnert Papst Johannes Paul II. an die alte Tradition der Jubelfeste im
Alten Testament, deren Wurzeln in der Tradition des Sabbatjahres liegen. Das
Sabbatjahr war eine Zeit, die man in besonderem Mabe Gott widmete. Gemäb
dem Gesetz des Mose wurde das Sabbatjahr alle sieben Jahre gefeiert. In diesem
Jahr lieb man die Erde ruhen, befreite Sklaven und erlieb Schulden. Das
Jubeljahr kehrte alle fünfzig Jahre wieder, und es weiterte die
Vorschriften des Sabbatjahres noch aus: Der israelitische Sklave wurde nicht nur
befreit, sondern er gelangte auch wieder in den Besitz des Landes seiner Väter.
»Erklärt dieses fünfzigste Jahr für heilig, und ruft
Freiheit für alle Bewohner des Landes aus! Es gelte euch als Jubeljahr.
Jeder von euch soll zu seinem Grundbesitz zurückkehren, jeder soll zu
seiner Sippe heimkehren« (Lev 25, 10).
Folgender theologischer Hintergrund stand hinter dieser Umverteilung: »Er
konnte nicht endgültig des Landes beraubt werden, da es Gott gehörte,
noch konnten die Israeliten für immer in einem Zustand der Knechtschaft
verbleiben, da Gott sie mit ihrer Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten
für sich als Alleineigentum »losgekauft« hatte«.(78)
Hier wird die Forderung nach der universalen Bestimmung der Güter hörbar.
Die soziale Hypothek, die mit dem Recht auf Privateigentum in Zusammenhang
steht, kam regelmäßig als öffentlich gültiges Gesetz zum
Ausdruck, um das individuelle Fehlverhalten anzuprangern, das sich einer
Beseitigung dieser Hypothek verwehrte: Grenzenlose Verlockung des Geldes,
zweifelhafte Profite und andere Praktiken derer, die Eigentum und Vermögen
besaben und die bestritten, daß die geschaffenen Güter auf alle
gerecht zu verteilen sind.
Dieser öffentlich-rechtliche Rahmen der Jubelfeste und Jubeljahre, der
später auf der Grundlage des Neuen Testaments erweitert wurde, war so etwas
wie der Grundstein der Kirchlichen Soziallehre. Sicherlich ist wenig vom
sozialen Ideal der Jubeljahre konkrete Wirklichkeit geworden. Dazu bedürfte
es einer Regierung, die in der Lage ist, die Gebote der Vergangenheit
durchzusetzen und deren Ziel es ist, eine gewisse soziale Gerechtigkeit zu
verwirklichen. Die soziale Autorität der Kirche, die sich vor allem ab dem
19. Jahrhundert entwickelt hat, formulierte diese Gebote als Ausnahmeprinzip,
dessen Verwirklichung hauptsächlich Aufgabe des Staates ist und das darauf
zielt, jeden an den Gütern der Schöpfung teilhaben zu lassen. Dieses
Prinzip wird regelmäbig dem in Erinnerung gerufen und vorgeschlagen, der
ein offenes Ohr dafür hat.
»Vorsehung« seiner Brüder werden
55. Die Feier der Jubelfeste aktuiert die Göttliche Vorsehung und die
Heilsgeschichte.(79) In solcher Sichtweise sind die Hungersnöte und die
Mangelernährung eine Folge der menschlichen Sünde, die schon in den
ersten Versen des Buches Genesis anklingt: »Da sprach der Herr zu Kain: Wo
ist dein Bruder Abel? Er entgegnete: Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter
meines Bruders? Der Herr sprach: Was hast du getan? Das Blut deines Bruders
schreit zu mir vom Ackerboden. So bist du verflucht, verbannt vom Ackerboden,
der seinen Mund aufgesperrt hat, um aus deiner Hand das Blut deines Bruder
aufzunehmen. Wenn du den Ackerboden bestellst, wird er dir keinen Ertrag mehr
bringen. Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein« (Gen 4,
9-12).
Das hier gezeichnete Bild verdeutlicht mit großer Klarheit die
Beziehung zwischen der Achtung der menschlichen Würde und der Fruchtbarkeit
des ökologischen Behältnisses, das verschmutzt und zerbrochen ist.
Diese Beziehung zieht sich durch die ganze Menschheitsgeschichte hindurch und
erhellt den theologischen Hintergrund für die Analyse der obigen Kausalitätsbeziehungen
zwischen Hunger und Mangelernährung. Offensichtlich werden die Unwägbarkeiten
der Natur, die sich oft so negativ auswirken, durch den unersättlichen
Hunger nach Macht und Profit und die daraus entstehenden »Strukturen der Sünde«
verstärkt. Der Mensch, der sich von seiner geschöpflichen Bestimmung
abwendet, sieht sich selbst, seine Mitmenschen und seine Zukunft in verkürzter
Optik. Gott rüttelt ihn aus seiner Selbstsucht auf: »Wo ist dein
Bruder? Was hast du getan«?
Würde des Menschen und Fruchtbarkeit seiner Arbeit
56. Gott will dennoch den Menschen die Schöpfung wieder anvertrauen und
ihnen - um Christi, des Erlösers willen - bei der Fruchtbarmachung und
Bewahrung des Gartens helfen; er widersetzt sich dem Raubbau und dem Ausschluß
von irgendjemandem (vgl. Gen 2, 15-17). Für die Kirche steht in
dieser Situation jede Bemühung um die Wiederherstellung der menschlichen Würde
und der Harmonie zwischen dem Menschen und der ganzen Schöpfung in engem
Zusammenhang mit dem Geheimnis der Erlösung durch Christus, symbolisch
dargestellt durch den Baum des Lebens im Garten Eden (vgl. Gen 2, 9).
Sobald der Mensch sich auf dieses Geheimnis einläßt, wird die
Rastlosigkeit, der er unterworfen war, zu einer Pilgerfahrt; Orte und Menschen,
denen er im Glauben begegnet, lehren ihn eine wahrhaftige Beziehung zu Gott, zu
seinesgleichen und zur gesamten Schöpfung. Er weiß, daß eine
solche Annahme durch Gott aus Glauben und Gottvertrauen entsteht und bleibt; er
weiß auch, daß sie sich oft im Menschen mit einem armen Herzen
zeigt. Er nimmt erneut an der Vollendung der Schöpfung teil, die durch die
Erbsünde gefallen war: »Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig
auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes... Auch die Schöpfung soll von
der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der
Kinder Gottes« (Röm 8, 19 und 21).
Hier zeigt sich der Sinn der menschlichen Wirtschaft in seiner ganzen Fülle:
Sie ist die Möglichkeit für den Menschen, für alle Menschen, die
Erde zu bebauen und zu bewohnen, »auf der der wachsende Leib der neuen
Menschenfamilie eine umrißhafte Vorstellung von der künftigen Welt
geben kann...«.(80) Die Dynamik dieser fortlaufenden Wirtschaft schließt
ein, daß auf diesem Weg, Gottes Heil in uns »Fleisch wird«. Wenn
wir uns ihr schrittweise und bedingungslos ausliefern, bringt sie uns zur
Kirche, dem Volk der Pilger auf dem Weg, und führt uns mit all ihren
Gliedern zum Reiche Gottes. Es obliegt jedem einzelnen Getauften, eben die
Fruchtbarkeit zu offenbaren, die der Kirche anvertraut ist und die die
Fruchtbarkeit der ganzen Schöpfung wiederherstellen soll. Wir sind dazu
aufgerufen, uns von Gott persönlich ansprechen zu lassen, eine kritische
Haltung gegenüber den herrschenden Modellen einzunehmen und der Logik der »Strukturen
der Sünde« zu widerstehen, die das menschliche Wirtschaften schwächen.
Hier ruft die Kirche alle Menschen auf, ihr Wissen, ihr Können und ihre
Erfahrung einzusetzen, jeder nach den Gaben, die er erhalten hat und gemäß
seiner Berufung. Gaben und Berufung, die jedem eigen sind, werden übrigens
wunderbar durch die drei Gleichnisse zum Ausdruck gebracht, die dem Gleichnis
vom Jüngsten Gericht (vgl. Mt 24, 45-51 und 25, 1-46) vorausgehen:
die Gleichnisse vom ungetreuen Verwalter, von den zehn Jungfrauen und von den
Talenten. Die Berufungen der Menschen sind vielfältig, ergänzen sich,
und die Geistesgaben leiten die Antwort der Liebe des Menschen, der aufgerufen
ist, »Vorsehung« seiner Brüder zu sein: »eine weise und
intelligente Vorsehung, die die Entwicklung des Menschen und der Welt auf den
Weg der Übereinstimmung mit dem Willen des Schöpfers führt zum
Wohlergehen der Menschheitsfamilie und zur Erfüllung der einem jeden
geschenkten transzendenten Berufung«.(81)
Fehlende Gerechtigkeit schädigt die Wirtschaft
57. Das Apostolische Schreiben Tertio millennio adveniente schlägt
ganz konkrete Initiativen zur aktiven Förderung der sozialen Gerechtigkeit
vor.(82) Es ermuntert zur Suche weiterer Antworten auf das Problem des Hungers
und der Mangelernährung, die im Jubeljahr zum Tragen kommen könnten.
Die Feier des Jubeljahres ist besonders im wirtschaftlichen Bereich von großer
Wichtigkeit: Läßt man die Wirtschaft gewähren, so wird sie
kraftlos, denn sie sucht nicht mehr nach Gerechtigkeit. Jede Wirtschaftskrise
mit ihrem Höhepunkt, der Nahrungsmittelknappheit, ist nichts anderes als
eine Gerechtigkeitskrise, ein Mangel an Gerechtigkeit.(83) Das auserwählte
Volk im Alten Testament hat schon darum gewußt, und heute müssen wir
seine Erfahrung aktualisieren. Solche Krisen müssen im Zusammenhang mit dem
freien Markt analysiert werden: »Sowohl auf nationaler als auch auf
internationaler Ebene scheint der freie Markt das wirksamste Instrument
für die Anlage der Ressourcen und für die beste Befriedigung der Bedürfnisse
zu sein«.(84) Die Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit festigt den
Handelsaustausch: Jeder Mensch hat auf diesen ein Recht, selbst wenn die Gefahr
besteht, in einen ökonomischen Neo-Malthusianismus zu verfallen mit seiner
starren Vorstellung von sinnvollen und praktikablen Lösungen.
Hier muß festgehalten werden, daß Gerechtigkeit und Markt oft
als zwei Gegensätze gesehen werden. So wird der Mensch von seiner
Verantwortung für die soziale Gerechtigkeit entbunden. Die Forderung nach
Gerechtigkeit richtet sich nicht mehr an den einzelnen Menschen. Er scheint den
Marktgesetzen gegenüber ohnmächtig. Die Verantwortung hat angeblich
der Staat, genauer der Wohlfahrtsstaat.
Allgemein kann man sagen, daß die verbreiteten Hinweise der Ethik dem
Denken statt des individuell gerechten Verhaltens nahelegen, Gerechtigkeit in
Strukturen und Vorgehensweisen zu suchen - ein theoretisches Gebilde ohne
praktische Auswirkung. Darüber hinaus erscheint das staatliche Fürsorgesystem
von außen wie von innen ausgelaugt. Es kann immer weniger eine wirklich
gerechte Verteilung garantieren, was sich negativ auf die Leistungsfähigkeit
der Wirtschaft eines Landes auswirkt. Sollte man nicht einmal über die
Beziehung zwischen dem mangelnden Einsatz des einzelnen für die
Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit sowie seines maßvollen
wirtschaftlichen Verhaltens einerseits und andererseits der wachsenden
Ineffizienz der Verteilungsmechanismen, die sich auf die Leistungsfähigkeit
unserer Wirtschaft auswirkt, nachdenken?
Richtigkeit und Gerechtigkeit der Wirtschaft
58. Um eine Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis zwischen
Gerechtigkeit und Markt zu geben, hat die Kirche in ihrer Soziallehre versucht,
den Begriff des gerechten Preises, den sie der Scholastik entnimmt, nicht nur
auf das Kriterium der ausgleichenden Gerechtigkeit anzuwenden, sondern auch auf
das sehr viel weitere Gebiet der sozialen Gerechtigkeit, d.h. auf den gesamten
Bereich der Rechte und Pflichten des Menschen. Die Verwirklichung dieser
sozialen Gerechtigkeit durch gerechte Preise beruht auf einer zweifachen Übereinstimmung:
Übereinstimmung des juristischen Kontextes, der den Markt bestimmt, mit den
ethischen Prinzipien; Übereinstimmung der vielfältigen
Wirtschaftsaktionen, die den Marktpreis festlegen, mit eben diesen ethischen
Prinzipien.
Es reicht nicht aus, wenn die Verantwortung jedes einzelnen sich auf das Bürgerliche
Gesetz beschränkt, denn es beinhaltet vielfach den »Verzicht auf das
eigene sittliche Gewissen«.(85) Genauso wie der Marktpreis vom
Gebrauchswert abhängt, dem ihn jeder einzelne Konsument beimißt, so
wird unser sittliches Verhalten, das über die Gebrauchswerte urteilt, den
Marktpreis hin zum gerechten Preis tendieren lassen oder nicht. Wenn die
Marktteilnehmer sich in ihren wirtschaftlichen Entscheidungen nicht von der
Pflicht, die sozialen Gerechtigkeit zu verwirklichen, leiten lassen, dann wird
der Marktmechanismus selbst den Wettbewerbspreis vom gerechten Preis abspalten.
Bei der Vorbereitung der Feier des Jubeljahres 2000 sind wir aufgefordert,
das sittliche Gesetz in den Alltag unserer wirtschaftlichen Entscheidungen zu
transponieren.(86)
Daraus folgt, daß wir es gewissermaßen »in der Hand«
haben, ob ein Preis gerecht oder ungerecht ist; der Produzent hat es in der
Hand, der Investor, der Verbraucher sowie der staatliche Entscheidungsträger.
Das enthebt den Staat und die Staatengemeinschaft nicht ihrer Aufsichtspflicht,
die unter anderem in der Lage ist, den individuellen Mangel gegenüber der
sozialen Gerechtigkeit mehr schlecht als recht zu verschleiern, jenen Mangel an
Übereinstimmung mit dem Sittengesetz, dem jeder verpflichtet ist. Das
politische Ziel des Gemeinwohls muß Vorrang haben vor einer simplen »ausgleichenden
Gerechtigkeit«.
Der Aufruf, Vorschläge für das Jubeljahr zu machen
59. Gottes Aufruf, den die Kirche vertritt, ist natürlich ein Aufruf
zum Teilen, zur gelebten Nächstenliebe. Dieser Appell gilt nicht nur
Christen, sondern allen Menschen guten Willens und solchen Menschen, die fähig
sind, guten Willen zu zeigen; das heißt, er gilt allen Menschen ohne
Ausnahme. Die Kirche steht aus Sorge um den Menschen im allgemeinen und um jeden
einzelnen an der Spitze der Bewegungen, die die solidarische Liebe fördern.
Sie ist an der Seite derer, die humanitäre Hilfe leisten, um die Not
anderer zu wenden und ihre elementaren Rechte durchzusetzen. Sie erinnert unablässig
daran, daß die »Lösung« der sozialen Frage Anstrengungen
aller erfordert.(87)
Jeder Mensch guten Willens kann erkennen, welche ethischen Herausforderungen
die Zukunft der Weltwirtschaft mit sich bringt: Die Bekämpfung von Hunger
und Mangelernährung, die Sicherung der Ernährung, die Förderung
einer eigenen landwirtschaftlichen Entwicklung in und von jedem
Entwicklungsland, die Verbesserung der Exportmöglichkeiten dieser Länder,
der Schutz der natürlichen Ressourcen im Interesse aller. Die Soziallehre
der Kirche sieht hier Bausteine des universellen Gemeinwohls, die erkannt und
von den Industrieländern gefestigt werden müssen. Sie sollten auch
wichtiges Anliegen der internationalen Wirtschaftsorganisationen sein und
Leitlinie für die Globalisierung des Welthandels. Wenn das universelle
Gemeinwohl von allen gesucht wird, führt das zur Stärkung des
juristischen, institutionellen und politischen Rahmens, der den internationalen
Handelsaustausch bestimmt sowie zu neuen Vorschlägen für das
Jubeljahr. Das erfordert Mut seitens der Verantwortlichen der verschiedenen
sozialen Einrichtungen, auf Regierungs- und Gewerkschaftsebene; denn es ist
heutzutage schwierig geworden, die Interessen jedes einzelnen in den Kontext
einer einheitlichen Vorstellung von Gemeinwohl zu integrieren.
Die Kirche ist nicht berufen, technische Lösungen anzubieten, aber sie
nutzt die Vorbereitung der Jubelfeier zu Vorschlägen und Ideen, die die
Beseitigung von Hunger und Mangelernährung beschleunigen können.
Unter den Vorschlägen sind zwei Bereiche besonders wichtig:
Nahrungsmittelreserven müssen angelegt werden - dem Beispiel
Josephs aus Ägypten folgend (vgl. Gen 41, 35). Sie helfen der Bevölkerung,
die in plötzliche Hungersnot gerät, konkret in einer Krisensituation.
Einrichtung und Verwaltung der Reserven müssen so organisiert sein, daß
alle Versuchung zu politischem oder wirtschaftlichem Kampf um Einfluß oder
zu Korruption ausgeschlossen ist und daß jeglicher direkten oder
indirekten Manipulation der Märkte vorgebeugt wird.
Der Gemüseanbau auf eigenem Grundstück muß vor allem
bei Familien der Regionen gefördert werden, in denen die Armut den
Menschen, vor allem dem Familienvorstand und seiner Familie, jeglichen Zugang
zur Nutzung von Böden und auch zu Grundnahrungsmitteln versperrt. Dieser
Forderung weist zurück auf Papst Leo XIII., der aus den gleichen Gründen
zur Situation der Werktätigen des 19. Jhd. meinte: »Ja, sie werden
sogar den Boden, den sie mit eigener Hand bearbeiteten, lieb gewinnen, da sie
aus ihm nicht nur die notdürftige Nahrung, sondern auch einen gewissen
Wohlstand für sich und die Ihrigen erwarten«.(88)
In weiten Teilen der Welt gilt es, Initiativen zu entwickeln, um den Ärmsten
Zugang zu einem Fleckchen Erde zu verschaffen, ihnen die nötigen Kenntnisse
zu vermitteln, ihnen ein Minimum an Werkzeugen zur Verfügung zu stellen und
ihnen somit die Mittel an die Hand zu geben, ausgehend von ihrer Notsituation
Fortschritte zu erzielen.
Studien und Berichte über Erfahrungen und Beobachtungen in konkreten
Situationen müssen in großem Umfang gesammelt werden, damit eine
Datenbank erstellt wird, die die Wirklichkeit, die »Strukturen der Sünde«
und die »Strukturen des Gemeinwohls« von allen Seiten beleuchtet.(89)
V.
DER HUNGER: EIN APPELL AN DIE LIEBE
Der Arme appelliert an unsere Liebe
60. In allen Ländern der Erde begegnen wir im Alltag den Blicken von
Menschen, die Hunger leiden - wenn wir die Augen nicht verschließen. In
ihrem Blick schreit das Blut unserer Mitmenschen zu uns (vgl. Gen 4,
10). Wir wissen, daß Gott selbst uns durch den ruft, der hungert. Das
Urteil des Jüngsten Gerichts kennt kein Erbarmen: » Weg von mir, ihr
Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel
bestimmt ist! Denn ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben...«
(Mt 25, 41ff.).
Diese Worte, die aus dem Herzen des menschgewordenen Gottes sprechen, lassen
uns die tiefe Bedeutung erkennen, die die Befriedigung der elementaren Bedürfnisse
jedes Menschen in den Augen seines Schöpfer hat: Laßt den nicht
fallen, der nach dem Bilde Gottes erschaffen wurde, sonst laßt ihr
Christus selbst fallen. Gott selbst hat Hunger, und er ruft uns durch das
Wimmern dessen, der Hunger leidet. Als Jünger des sich offenbarenden Gottes
wird der Christ sozusagen inständig gebeten, den Ruf des Armen zu hören.
Es ist ein Appell an die Liebe.
Die Armut Gottes
61. Die Verfasser der Psalmen, der Lieder des Alten Testaments, sprechen
davon, daß »die Armen« mit den »Gerechten«, mit denen,
»die Gott suchen«, »die ihn fürchten«, die »ihm
Vertrauen schenken«, die »gesegnet sind«, die »seine Diener
sind« und die »seinen Namen kennen«, gleichzusetzen sind.
Wie in einem Hohlspiegel eingefangen, sammelt sich das Licht der »ANAWIM«,
der Armen des ersten Bundes, in der Frau, die die beiden Testamente miteinander
verbindet: In Maria erstrahlt die vorbehaltlose Hingabe an Yahve und die gesamte
Erfahrung, die das Volk Israel leitet und die in der Person Jesu Christi Fleisch
wird. Das »Magnificat« ist der Lobgesang, der davon Zeugnis ablegt:
Der Lobgesang der Armen, deren ganzer Reichtum Gott ist (vgl. Lk 1,
46ff.).
Der Gesang beginnt mit einem Freudenruf, der die überschwengliche
Dankbarkeit zum Ausdruck bringt: »Meine Seele preist die Größe
des Herrn, und meine Geist jubelt über Gott, meinen Retter«. Aber es
sind nicht Reichtümer und Macht, die Maria frohlocken lassen: Sie sieht
sich vielmehr als »klein«, »unbedeutend« und »demütig«.
Diese Grundidee zieht sich durch ihren gesamten Lobgesang und ist das genaue
Gegenteil der Gier nach Hochmut, Macht und Reichtum. Wer sich diesem Verlangen
verschreibt, wird »zerstreut«, »vom Thron gestürzt« und
»geht leer aus«.
Jesus selbst bringt diese Haltung seiner Mutter in den Seligpreisungen zu
Wort: Sie beginnen - und das ist kein Zufall - mit der Seligpreisung der Armen.
Seine Verkündigung zeigt uns den neuen Menschen, eine Gegenbild zu denen,
die auf Reichtum setzen. Sein Evangelium richtet sich an die Armen (vgl. Lk
4, 18). Die »Versuchung durch den Reichtum« entfernt von der
Nachfolge Christi (vgl. Mk 4, 19). Man kann nicht zwei Herren dienen,
Gott und dem Mammon (vgl. Mt 6, 24). Die Sorge um den kommenden Tag ist
Zeichen einer heidnischen Mentalität (vgl. Mt 6, 32). Für
Christus sind dies nicht nur schöne Worte: Sein Leben selbst legt Zeugnis
von ihnen ab: »Der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt
hinlegen kann« (Mt 8, 20).
Die Kirche ist mit den Armen
62. Die Lehre der Bibel darf weder verschleiert noch verfälscht werden:
Sie ist dem Geist der Welt und unserem natürlichen Empfinden
entgegengesetzt. Unsere Natur und unsere Kultur widerstrebt der Armut.
Die Armutsforderung des Evangeliums wird gelegentlich mit zynischen
Kommentaren von seiten Bedürftiger wie auch Reicher bedacht. Man klagt die
Christen an, sie schrieben die Armen ab und vertrösteten sie auf den
Himmel. Eine solche Mißachtung der Armut wäre ganz und gar teuflisch.
Satan erkennt man daran, daß er sich dem Willen Gottes widersetzt, indem
er sich auf Gottes Wort beruft (vgl. Mt 4).
Eine Ansprache Johannes Paul II. belehrt die eines besseren, die irrig ihren
Egoismus rechtfertigen. Bei seinem Besuch der Favela in Lixao de Sao Pedro, in
Brasilien, am 19. Oktober 1991 sprach der Heilige Vater über die erste
Seligpreisung des Matthäusevangeliums. Er machte den Bezug zwischen Armut
und Gottvertrauen, zwischen Seligpreisung und völliger Hingabe an den Schöpfer
deutlich. Er führte weiter aus: »Doch von dieser Armut, die Christus
selig genannt hat, unterscheidet sich eine andere Art der Armut wesentlich,
welche eine Vielzahl unserer Brüder betrifft und ihre vollständige
menschliche Entwicklung behindert. Angesichts jener Armut, welche in der
Entbehrung und Beraubung notwendiger materieller Güter liegt, läßt
die Kirche ihre Stimme vernehmen...Deshalb weiß die Kirche und predigt, daß
jedwede soziale Umwandlung unweigerlich über die Umkehr des Menschen
erfolgen muß. Dies ist die erste und hauptrangige Mission der Kirche«.(90)
Gottes Appell, den die Kirche vertritt, ist - wie gesagt - ein Aufruf zum
Teilen, zur gelebten Nächstenliebe, der sich nicht nur an die Christen,
sondern an alle Menschen richtet. Wie seit jeher und heute mehr als früher
ist und handelt die Kirche mit denen, die humanitäre Hilfe leisten, um die
Bedürfnisse ihrer Brüder und Schwestern zu befriedigen und ihre
elementaren Rechte durchzusetzen.
Der Beitrag der Kirche zur Entwicklung der Menschen und der Völker
beschränkt sich nicht auf den Kampf gegen Elend und Unterentwicklung. Armut
entsteht, weil es angeblich reicht, auf dem Weg des technischen und
wirtschaftlichen Erfolgs weiterzugehen, um die Menschenwürde aller
anzuzielen. Aber eine materialistische Entwicklung kann dem Menschen nicht genügen,
und ein Schwelgen im Überfluß schadet ihm genauso wie zu große
Armut. Das ist das »Entwicklungsmodell« des Nordens, das sich auch im
Süden verbreitet; es enthält die Gefahr, daß Glaubenssinn und
menschliche Werte hinweggefegt werden, weil man den Konsum vergöttert.
Arm und Reich sind zur Freiheit aufgerufen
63. Gott hat die Bedürftigkeit seines Volkes, das heißt aller
Menschen, nicht gewollt, denn durch jeden von ihnen ruft er uns laut und heftig
an. Er sagt uns, daß der Bedürftige wie auch der durch seinen
Reichtum Verblendete leidet: Ersterer wegen der Umstände, die ihn überfordern,
letzterer wegen seiner übervollen Hände und seiner Komplizenschaft.
Beiden ist es so verwehrt, zur inneren Freiheit zu gelangen, für die Gott
die Menschen unablässig gewinnen will.
Der Hungernde, »mit Gottes Gaben beschenkt«, nimmt sich dann nicht
rasch seinen Teil, sondern findet Umstände, die seine elementaren Fähigkeiten
aufgreifen. Der Reiche, der »leer ausgeht«, wird nicht dafür
bestraft, daß er reich ist, sondern er wird von der schweren Last befreit,
die sein alleiniges Trachten nach Gut und Geld mit sich bringt..
In diesem Prozeß der doppelten Heilung soll der Arme von seiner
Erkrankung des Herzens, das unter der Ungerechtigkeit leidet, genesen, denn
sonst läuft er Gefahr, sich und andere zu hassen. Der Reiche soll seinen
unnützen Ballast abwerfen: Er verstopft ihm Augen und Ohren, er verschüttet
sein Herz und erdrückt es unter der Last seines armen Reichtums an Geld,
Macht, Einfluß und Vergnügungen aller Art; sie verstellen seinen
Blick auf sich selbst und auf die andern und lassen seinen Appetit mit der
steigenden Menge seiner Güter nur größer werden.
Die notwendige Erneuerung des Herzens
64. Der Hunger in der Welt deckt die Schwächen des Menschen auf allen
Ebenen auf: Die Logik der Sünde zeigt uns, daß die Sünde, dieses
Herzensübel des Menschen, für das Elend in der Gesellschaft
verantwortlich ist, und zwar durch die »Strukturen der Sünde«. In
der Sicht der Kirche treibt der Egoismus zu Sucht nach Geld, Reichtum und Ehre;
er stellt den Wert allen Fortschritts in Frage. »Dadurch, daß die
Wertordnung verzerrt und Böses mit Gutem vermengt wird, beachten die
einzelnen Menschen und Gruppen nur das, was ihnen, nicht aber was den anderen
zukommt. Daher ist die Welt nicht mehr der Raum der wahren Brüderlichkeit,
sondern die gesteigerte Macht der Menschheit bedroht bereits diese selbst mit
Vernichtung«.(91) Im Gegensatz dazu erlaubt die Liebe, wenn sie in sein
Herz einzieht, dem Menschen, seine Grenzen zu überwinden und in der Welt zu
handeln, um »Strukturen des Gemeinwohls«zu schaffen: Sie unterstützen
das Vorgehen derer, die unterwegs zu einer »Zivilisation der Liebe«(92)
sind und andere auf ihrem Weg dorthin mitnehmen.
Der Mensch ist also aufgefordert, sein Handeln zu ändern; das ist eine
für die Welt lebenswichtige Aufgabe. Er ist aufgerufen, sein Herz zu
erneuern, indem er in Liebe seine Person mit der Gemeinschaft aller Menschen
eins werden läßt. Es geht um eine kompromißlose, umfassende und
weitreichende Erneuerung, denn die Liebe ist in ihrem Wesen kompromißlos:
Sie erträgt keine Spaltung, sie umfaßt alle Seiten des Menschen, sein
Handeln und sein Gebet, seine materiellen wie auch seine geistigen Reichtümer.
Die Erneuerung des Herzens jedes einzelnen und aller Menschen ist eine
Einladung Gottes, der das Gesicht der Erde verändern kann, indem er die gräßlichen
Züge des Hungers ausradiert, die ihr Gesicht entstellen. »...Kehrt um
und glaubt an das Evangelium« (Mk 1, 15) ist die Aufforderung, die
die Verkündigung des Gottesreiches begleitet und die sein Kommen
verwirklicht. Diese persönliche und tiefgreifende Wandlung fordert den
Menschen dazu auf, in seinem alltäglichen Leben den Blick nicht mehr nur
auf seine eigenen Interessen zu richten, sondern Schritt für Schritt - im
Rahmen seiner Möglichkeiten und unter Hinnahme der faktischen Welt - seine
Denk-, Arbeits- und Lebensweise zu ändern und zu lernen, im Alltag zu
lieben.
Wenn wir uns nur darauf einlassen, wird Gott selbst für das Übrige
Sorge tragen.
»Hütet euch vor Abgöttern!«
65. Der Herr hat uns folgendes Versprechen gegeben: »Ich reinige euch
von aller Unreinheit und von allen euren Götzen Ich schenke euch ein neues
Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer
Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch. Ich lege meinen Geist in euch und
bewirke, daß ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Gebote achtet und sie
erfüllt« (Ez 36, 25-27).
Lassen wir uns von der Schönheit der biblischen Sprache nicht täuschen:
Es geht nicht um einen Appell an das Gute im Menschen, der zum bloßen
Teilen der materiellen Güter ruft - auch wenn das eine Notwendigkeit ist.
Es geht um einen völligen Wandel in unserem Verhalten, den Gott selbst uns
anbietet; um seinen eigenen Weg, denn er will uns von unseren Götzen
befreien; er will uns helfen zu lieben. Dies erfordert den Einsatz unserer
ganzen Person, die sich so wieder findet. So können wir unsere Ängste
und Egoismen besiegen, um aufmerksam für die Nöte unserer Mitmenschen
zu werden und ihnen zu helfen.
Unsere Götzen ähneln sich alle: individuelle oder
gemeinschaftliche Suche - der Reichen und der Armen - nach materiellen Gütern,
nach Macht, gutem Ruf, Vergnügen, die alle als Selbstzweck auftreten. Idole
knechten den Menschen und machen die Welt ärmer. Die große
Ungerechtigkeit, die dem Notleidenden angetan wird, besteht eben in dem Zwang,
vor allem anderen materielle Güter zu erlangen.
Das Herz des armen Lazarus ist freier als das des schlechten Reichen, und
Gott verlangt - durch die Stimme Abrahams - vom schlechten Reichen nicht nur,
sein Festmahl mit Lazarus zu teilen, sondern auch, sein Herz zu erneuern, das
Gebot der Liebe anzunehmen und sein Bruder zu werden (vgl. Lk
16, 19ff.).
Indem uns Gott von unseren Abgöttern befreit, ermöglicht er, daß
unsere Arbeit die Welt verändert: Wir machen sie in jedweder Hinsicht
reicher und richten unser Augenmerk auf den Dienst an allen Menschen. So kann
die Welt ihre ursprüngliche Schönheit wiedererhalten, nicht nur die
Schönheit der Natur am Tag der Schöpfung, sondern auch die Schönheit
eines wunderbar gepflegten Gartens, der vom Menschen zum Dienst am Nächsten
und aus Liebe zu Gott fruchtbar gemacht wurde in Gegenwart des liebenden Gottes.
»'Gegen den Hunger: das Leben ändern'. Dieses in kirchlichen
Kreisen entstandene Motto zeigt den reichen Völkern den Weg, um Brüder
der Armen zu werden...«.(93)
Dem Armen zuhören
66. Der Christ in der Welt - da, wo ihn Gott hingestellt hat - kann nicht
umhin, auf den Ruf des Hungernden mit einer Fragestellung an sein eigenes Leben
zu reagieren. Das Elend anderer fordert den Menschen auf, sich nach dem Sinn des
Lebens und der Bedeutung seines alltäglichen Handelns zu fragen. Er
versucht, nahe und auch ferne Konsequenzen zu beachten, die seine bezahlte und
unbezahlte Arbeit hat im Beruf und zu Hause. Er wird erkennen, daß all
sein Tun viel konkretere und weiterreichende Folgen haben kann, als er bislang
dachte, und er wird seine Verantwortung entdecken. Er wird seinen Zeitplan
durchgehen, unter dem in der heutigen Welt so viele Menschen leiden - entweder
weil sie von ihm erdrückt werden oder weil er ihnen ihre Arbeitslosigkeit
anzeigt. Er wird die Augen seines Geistes und seines Herzens öffnen, wenn
er Gottes Einladung anzunehmen weiß, regelmäßig, unauffällig
und in Demut einem Menschen in Not Gehör zu schenken und ihm zu helfen.
Dieser Aufruf ergeht vor allem an die, die in unserer Sprache gemeinhin als »Verantwortliche«
bezeichnet werden.
Nicht zufällig lehrt uns Paulus: »...Jesus, der reich war, wurde
euretwegen arm« (2 Kor 8, 9). Der Herr wollte uns reich machen
durch seine Armut und durch seine Liebe, die wir an unseren Nächsten
weitergeben sollen.
Gott zuhören
67. Wenn ein Mensch in der Gegenwart eines Armen auf Gott hört, dann
wird er sein Herz öffnen und jeden Tag neu auf eine persönliche
Begegnung mit Gott aus sein. Diese Begegnung, die von Gott gewollt ist, der den
gesamten Menschen und jeden einzelnen Menschen unablässig sucht, geschieht
im Alltag und wandelt Schritt für Schritt das Leben dessen, der gewillt
ist, dem demütig Klopfenden »die Tür zu öffnen« (vgl.
Apg. 3, 20).
Gott zuhören, das erfordert Zeit mit und für Gott. Nur das persönliche
Gebet erlaubt dem Menschen den Wandel seines Herzens und somit auch seiner
Taten. Die Zeit für Gott geht niemals den Armen verloren. Ein gefestigtes
und ausgeglichenes geistliches Leben hat niemals einen Menschen vom Dienst an
seinen Mitmenschen abgehalten. Wenn Sankt Vinzenz von Paul (1660) - er hat sich
in unvergleichlichem Maße der Elenden angenommen - sagt: »Lasse das
Beten, wenn Dein Bruder Dich um einen Tasse Kräutertee bittet«, dann dürfen
wir darüber nicht vergessen, daß der Heilige täglich gegen
sieben Stunden im Gebet verbrachte. Das Gebet war Grundlage seines Handelns.
Sein Leben ändern...
68. Der Mensch, der Bruder oder Schwester zuhört und der sich der göttlichen
Gegenwart und dem göttlichen Handeln öffnet, wird nach und nach seine
Lebensgewohnheiten in Frage stellen. Der »Wohlstandswettlauf », dem
sich immer mehr Menschen - oft inmitten wachsenden Elends - verschreiben, wird
schrittweise einer einfacheren Lebensweise Platz machen, die in vielen Ländern
schon in Vergessenheit geraten ist, aber die wieder möglich und sogar wünschenswert
wird, sobald der Verbraucher sich nicht mehr um den äußeren Schein
sorgt.
Wer seine Perspektive zu ändern bereit ist, um gleichsam die Sichtweise
anzunehmen, die Gott selbst uns durch die Worte Jesu Christi lehrt; wer über
die Folgen seines Handelns nachdenkt - mögen sie unbedeutend oder
weitreichend erscheinen - der wird zum Dienst am Gemeinwohl geführt, das für
jeden einzelnen Menschen und für die ganze Menschheit zu fördern ist.
...um anders zu leben
69. Ein Mensch, der alle seine Lebensbereiche der Gegenwart Gottes öffnet,
wird Schritt für Schritt von seinen Ängsten und seiner Gier befreit;
er sieht die möglichen Folgen seines Handelns, und er wird ein Mitarbeiter
der »Zivilisation der Liebe«. Seine Arbeit geht unauffällig
vonstatten und hat gleichzeitig Tiefe. Sie bekommt den Charakter einer Mission:
Sie entfaltet seine Talente, stößt Strukturreformen oder
institutionelle Neuerungen an; sein Verhalten ermuntert zum Nachahmen und dazu,
sich dem Dienst an der Würde des Menschen und am Gemeinwohl zu
verschreiben.
Lebensumstände mögen dazu verleiten, ein solches Verhalten als
irrelevant und als praktisch undurchführbar anzusehen. Aber die Erfahrung
zeigt, daß selbst in scheinbar festgefügter Lage jeder Mensch über
einen winzigen Handlungsspielraum verfügt und daß seine
Entscheidungen konkrete Folgen für seine Mitarbeiter und für das
Gemeinwohl haben. Man kann sagen, daß in gewisser Weise jeder für die
anderen verantwortlich ist.(94) Das ist ein Aspekt des Aufrufs zur Liebe, den
Gott ständig an uns ergehen läßt. Es obliegt jedem einzelnen in
seiner bisweilen schwierigen Situation, die ihn sogar in die Nähe des
leidenden Zeugen, also des Märtyrers, führen kann, sich auf die Kraft
Gottes zu verlassen; er hat uns seine Hilfe versprochen, wenn wir ihm die Mitte
unseres Lebens - und dazu gehört auch unser Berufsleben - freigeben.
»..., faßt alle Mut, ihr Bürger des Landes..., und macht
euch an die Arbeit! Denn ich bin bei euch... und mein Geist bleibt in eurer
Mitte« (Hag 2, 4-5). Der Christ wird zum Kämpfer gegen die »Strukturen
der Sünde«; ja, er wird verantwortlich für ihre Überwindung.
Praktiken, die schädlich für wirtschaftliche und soziale Entwicklung
sind, werden seltener zum Tragen kommen. In Regionen, wo Christen mit Mut und
Entschlossenheit andere Menschen guten Willens auf ihrem Weg mitnehmen, kann das
Elend gestoppt werden; lassen sich Konsumgewohnheiten ändern und Reformen
durchführen; kann die Solidarität wachsen und der Hunger beseitigt
werden.
Initiativen unterstützen
70. Unter den Christen sind in erster Linie Ordensschwestern und -brüder,
geweihte Priester und ordinierte Pastoren aufgefordert, ihr Leben Gott und ihren
Brüdern zu widmen.
Durch die gesamte Kirchengeschichte hindurch, angefangen von den Diakonen
der Apostelgeschichte (vgl. 6, 1ff.) bis auf den heutigen Tag hat es außergewöhnliche
Männer und Frauen gegeben,(95) kontemplative und missionarische Orden,
kirchliche Einrichtungen und Initiativen, die versucht haben, den Armen und
Hungrigen zu helfen. Sie haben im Gehorsam Christi das Leiden und die Not in all
ihren Formen bekämpft.
Die Kirche dankt all denen, die gegenwärtig konkret Dienst am Nächsten
leisten, in den Diözesen, den Gemeinden, den Missionsorganisationen und
Laiengemeinschaften, den karitativen Einrichtungen und anderen
Nicht-Regierungs-Organisationen. Sie geben die Liebe Gottes weiter und zeugen
von der Wahrheit des Evangeliums.
Die Katholische Kirche ist auf allen fünf Kontinenten vertreten. Sie
besteht aus fast 2700 Diözesen oder Gliederungen vielfältiger
Natur.(96) Viele von ihnen sind seit langem im Kampf gegen Hunger und Armut tätig.
Die Diözesen und Gemeinden sind die privilegierten Orte für ein
Nachdenken der Christen über Handlungsmöglichkeiten. Sie sind der
Rahmen, der die Bildung von Gruppen in der Bevölkerung, von regionalen
Gruppen und von Gemeinschaften fördert. Gemeinschaften, die Menschen
freundlich aufnehmen, können Vertrauen schaffen; sie können dazu
ermuntern, sich zusammenzufinden und besser zu leben; können Resignation
und Bedrückung wenden. Das Evangelium wird dort wieder zur Hoffnung für
die Armen, wo die Kraft Christi und die der Benachteiligen sich verbindet.
Jeder ist zur Teilnahme aufgerufen. Der Appell zur Liebe, den Gott durch die
Hungernden an uns richtet, muß im Leben jedes einzelnen je nach
Lebenssituation, Stellung in der Welt und im sozialen Kontext konkret werden.
Aus der erstaunlichen kulturellen Vielfalt folgt eine Vielfalt im Handeln und in
der Sendung.
Es ist also notwendig, daß jeder Christ die verschiedenen Initiativen
vor Ort fördert. Die Katholische Kirche engagiert sich gemeinsam mit
anderen christlichen Kirchen, religiösen Gemeinschaften und mit allen
Menschen guten Willens. Humanitäre Aktionen sind ein wichtiges Betätigungsfeld
für den Christen; er sollte sich aber in besonderem Maße dafür
einsetzen, daß die Verbände und sein Handeln immer den Dienst am
gesamten Menschen als Ziel vor Augen haben, also Geist und Seele einbeziehen. So
wird er ein Bollwerk gegen die sein, die versuchen könnten, die Aktivitäten
der Organisation durch materialistisches Denken oder durch Ideologien für
politische Ziele zu mißbrauchen, die letztendlich den Menschen zerstören.
Jeder Christ ist in all seinem Handeln Missionar
71. Der Christ steht in allen Situationen seines Lebens und bei all seinem
Handeln im Dienst seiner Mitmenschen. Seine persönlichen Initiativen
wie auch sein täglicher Einsatz entspringen seiner Taufe.
Frau und Mann sind zu dem selben Apostolat und zu der selben Sendung
aufgerufen, nämlich die Frohbotschaft zu leben und ihr zu dienen, in Freud
und Leid des Alltags und in jeder Situation; bei ihrer bezahlten oder
ehrenamtlichen Tätigkeit oder bei ihrer Arbeit zu Hause, die sie sehr in
Anspruch nehmen können.
Die Qualität der Arbeit; die Teilnahme an gerechten Reformen; das
bescheidene Auftreten; die stets gegenwärtige Verantwortung für die
anderen, die über persönliche und institutionelle legitime Anliegen
hinausgeht - all dies macht den Alltag des Mannes und der Frau aus, die in jeder
Lebenssituationen eine Gelegenheit suchen, Gott näherzukommen und die Welt
durch seine Liebe reicher werden zu lassen. Das wird sie immer besser befähigen,
gegen Verschwendung und Ungerechtigkeit zu kämpfen und Leiden und Freuden
vor Christus dem Retter zu bringen, der ihnen Tag für Tag seinen Geist
verleiht.
Es wird ein Anliegen des Christen sein, all sein Handeln vor den zu bringen,
der unser Herz durch den Mund jedes Armen anspricht. Der Christ nimmt Menschen
guten Willens auf seinem Weg mit und teilt mit ihnen die menschlichen
Grundwerte. Er muß dafür Sorge tragen, daß sein persönliches
Handeln sowie das seiner christlichen Brüder immer von Gottes Wort geleitet
ist, im göttlichen Leben wurzelt und im Einklang mit der Kirche und ihren
Hirten. Gemeinschaftliches Handeln muß eine Gemeinschaft im Herrn sein,
die darüber wacht, daß ihr Denken und Handeln vom Heiligen Geist
bestimmt wird, damit es nicht seines Charakters einer göttlichen Sendung
beraubt wird - eine Sendung, die den Diener des Menschen als Quelle, Kraft und
Ziel des Handelns sucht.
Der Christ kann sich bei jeder Hinwendung zu Gott der Fürbitte der
allerseligsten Jungfrau Maria gewiß sein, die durch Gebet und Tat den
gleichen bedingungslosen Dienst an Gott und an den Menschen vollbrachte. Dann
wird der Heilige Geist Verstand und Herz der Christen leiten, so daß
dieser ihr freier, verantwortlicher und vertrauensvoller Begleiter wird, und ihr
Handeln selbst wird von der Liebe Gottes zeugen, und es wird für die
Ewigkeit zählen.
Vatikanstadt, am Sitz des Päpstlichen Rates »Cor Unum«,
den 4. Oktober 1996, Fest des Heiligen Franz von Assisi.
+ Paul Josef Cordes
Titularerzbischof von Naisso
Präsident
Ivan Marin
Sekretär
(1) Das Dokument wurde in französischer Sprache verfaßt. Bei
seiner Ausarbeitung wurden unterschiedliche neuere Studien berücksichtigt.
Wenn sie in vorliegendem Text zitiert werden, so kommt dies dennoch nicht
notwendig einer Zustimmung ihres gesamten Inhalts gleich.
(2) Vgl. UNO (Organisationen der Vereinten Nationen), Allgemeine Erklärung
der Menschenrechte, verabschiedet und verkündet von der
Generalversammlung der Vereinten Nationen in ihrer Resolution 217 A (III) vom
10. Dezember 1948, Art.25.1.
(3) UNO, Erklärung über Fortschritt und soziale Entwicklung, verkündet
von der Generalversammlung der Vereinten Nationen in ihrer Resolution 2542
(XXIV) vom 11. Dezember 1969, II, Art. 10b.
(4) UNO, Welternährungskonferenz, Rom, 16. November 1974, Punkt 1.
(5) FAO (Food and Agriculture Organisation - Organisation für Ernährung
und Landwirtschaft der Vereinten Nationen) und WHO
(Weltgesundheitsorganisation), Welternährungskonferenz, Weltdeklaration
zur Ernährung, Schlußbericht der Konferenz, Punkt 1, 1992.
(6) Vgl. ibidem Punkt 1. Vgl. auch FAO, Dimensions of Need.
Atlas der Landwirtschaft und Ernährung, Rom 1995, S.16: »Unsere
Erde könnte durchaus jedem ihrer Bewohner täglich Nahrung mit einem
durchschnittlichen Brennwert von 2700 Kalorien zuführen, also genug, um
seinen Energiehaushalt aufrechtzuerhalten, Aber die Nahrungsmittel werden
ungleichmäßig produziert und verteilt. Einige Länder produzieren
mehr als andere, und letztendlich entscheiden Verteilungswege und Einkommen der
Haushalte über den Zugang zu Nahrungsmitteln«.
(7) Vgl. FAO, Landwirtschaft: Horizont 2010, Doc. c 9324, Rom 1993,
1.
(8) Vgl. Conc. Oecum. Vat. II, Pastorale Konstitution Gaudium et spes
(1965), Nr. 40: »So geht denn diese Kirche... den Weg mit der ganzen
Menschheit gemeinsam und erfährt das gleiche irdische Geschick mit der Welt
und ist gewissermaßen der Sauerteig und die Seele der in Christus zu
erneuernden und in die Familie Gottes umzugestaltenden menschlichen
Gesellschaft. Dieses Ineinander des irdischen und himmlischen Gemeinwesens kann
nur im Glauben begriffen werden...«.
(9) Conc. Oecum. Vat. II, Pastorale Konstitution Gaudium et spes
(1965), Nr. 69.
(10) Johannes Paul II., Enzyklika Sollicitudo rei socialis (1987),
Nr. 41.
(11) Johannes Paul II., Enzyklika Sollicitudo rei socialis (1987),
Nr. 33; vgl. auch Paul VI., Enzyklika Populorum progressio (1967), Nr.
7.
(12) Vgl. FAO, Dimensions of Need. Atlas der Nahrungsmittel und der
Landwirtschaft, Rom 1995, S. 15. Vgl. auch Fußnote 6.
(13) Vgl. Alan Berg, Malnutrition: What can be done? Lesson from World
Bank experience, The John Hopkins University Press für World Bank,
Baltimore MD 1987.
(14) Studien der FAO und der WHO haben gezeigt, daß der Mensch mind.
ca. 2100 Kcal pro Tag benötigt, wenn der Kalorienverbrauch pro Tag den
1,55-fachen Grundstoffwechsel ausmachen soll: unterhalb dieser Grenze kann eine
Person als chronisch unterernährt bezeichnet werden (Vgl. FAO und WHO, Welternährungskonferenz,
Ernährung und Entwicklung. Eine Gesamtbewertung, Rom, 1992). Es gibt
heute noch ca. 800 Mio. unterernährte Menschen auf der Welt: Im
Durchschnitt benötigt ein Erwachsener ca. 2500 Kcal pro Tag. Während
die Menschen in den Industrieländern täglich ca. 800 überflüssige
Kcal. zu sich nehmen, müssen sich die Menschen in den Entwicklungsländern
mit zwei Dritteln dieser Menge zufriedengeben. (Vgl. Le Sud dans votre
assiette. L'interdépendance alimentaire mondiale, Ottawa, CRDI, 1992,
S. 26).
(15) Vgl. Dokument der UNCTAD (United Nations Conference on Trade
and Development) zur Vorbereitung der zweiten Konferenz der Vereinten
Nationen zu den am wenigsten entwickelten Ländern, Paris 1990.
(16) FAO und WHO, Welternährungskonferenz. Weltdeklaration zur Ernährung,
Schlußbericht der Konferenz, Punkt 2, Rom 1992.
(17) Vgl. Weltbank, Poverty and Hunger, 1986. Dieses Dokument
beschreibt die Abstufungen der unsicheren Ernährungssituation (als Übergangsphase
oder als Dauerzustand), die wirtschaftlichen Gründe dieser Situation und
die Möglichkeiten, um ihr mittel-, aber auch möglichst langfristig zu
begegnen. Diese Unterscheidung ist nützlich, aber sie läßt
leider den Zusammenhang zwischen den einzelnen Gründen außer acht. So
wird nicht deutlich, wie die einzelnen Gründe gewichtet werden müssen;
einige Ursachen sind gleichzeitig Auswirkungen tieferliegender Gründe.
Der Begriff der nachhaltigen Entwicklung bedeutete zunächst eine
umweltverträgliche Entwicklung. Heute beinhaltet der Begriff auch die
Dauerhaftigkeit der Entwicklung.
(18) Vgl. Weltbank, Poverty and Hunger, 1986.
(19) Der französische Ausdruck pays en mal de développement
übersteigt eine blob ökonomische Betrachtungsweise. Er wird auf
die Länder angewandt, deren wirtschaftliche und soziale Entwicklung einen
hohen Preis an menschlichem Verzicht und an finanziellen Mitteln kostet und
gleichzeitig fordert, erprobte Kenntnisse und Praktiken aufzugeben sowie lange
vertraute Aktivitäten zu opfern.
(20) Asien war aufgrund einer effizienteren Politik und einer besseren
Umsetzung im allgemeinen leistungsstärker. Die zwischenmenschlichen
Beziehungen waren jedoch nicht besser, noch war die Korruption weniger ausgeprägt.
(21) In einigen Ländern mußten die Mittel im Bildungsbereich gekürzt
werden. Viele Länder mit Entwicklungsproblemen tendieren dazu, die
Grundschulbildung zugunsten der höheren Schulbildung zu vernachlässigen.
Dieses häufig anzutreffende Problem muß von den internationalen
Institutionen im Dialog mit diesen Ländern angegangen werden.
(22) Vgl. UNPF (United Nations Population Fund), The State of World
Population 1993, New York 1993; United Nations, World Population
Prospects: the 1992 Revision, New York, 193. Vgl. auch: UNPF, The
State of World Population 1994, Entscheidung und Verantwortung.
(23) UNDP (Entwicklungsprogrogramm der Vereinten Nationen), Weltbevölkerungsbericht
1990, Economica Paris 1990. Vgl. ibidem S. 94: In den Entwicklungsländern,
also da, wo die meisten Menschen hungern, hat sich die Landbevölkerung mehr
als verdoppelt; die Stadtbevölkerung hat sich innerhalb von 30 Jahren
(1950-1980) verdreifacht oder vervierfacht.
(24) Vgl. Franz Böckle u.a., Armut und Bevölkerungswachstum in
der Dritten Welt, herausgegeben von der Wissenschaftlichen Arbeitsgruppe für
weltkirchliche Aufgaben der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 1991.
(25) Vgl. Pontificia Academia Scientiarum, Population and Ressources.
Report, Vatican City 1993. (Die aufgeführten Statistiken wurden bereits
überarbeitet).
(26) Päpstlicher Rat für die Familie, Demographische
Entwicklungen, ihre ethischen und pastoralen Dimensionen, in:
L'Osservatore Romano (Ausgabe in deutscher Sprache), Nr. 35 vom 2. September
1994. Vgl. Le contrôle des naissances dans les pays du Sud: promotion
des droits des femmes ou des intérêts du Nord,
(Geburtenkontrolle in den südlichen Ländern: Förderung der Rechte
der Frauen oder die Interessen den Nordens), »Inter-Mondes«, Bd. 7,
Nr. 1, Oktober 1991, S.7: Viele Studien haben unlängst gezeigt, daß
neben der Geburtenkontrolle drei weitere Faktoren in gleichem Maße dazu
beitragen, das Wachstum der Weltbevölkerung zu verringern: wirtschaftliche
und soziale Entwicklung, Verbesserung der Lebensbedinungen der Frauen und, auch
wenn es paradox klingt, Verringerung der Kindersterblichkeit. Vgl. auch UNICEF
(United Nations Children's Fund), La situation des enfants dans le monde
(Die Situation der Kinder in der Welt), Genf 1991.
(27) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer der Studienwoche über
»Ressourcen und Bevölkerung«, organisiert von der Päpstlichen
Akademie der Wissenschaften (22. November 1991), Anm. 4 und 6: »Die Kirche
ist sich der Komplexität des Problems bewußt... Die Dringlichkeit der
Situation darf nicht zum Vorschlag von irrigen Eingriffen führen. Wer
Methoden anwendet, die nicht der wahren Natur des Menschen entsprechen,
verursacht am Ende tragisches Leid... das schwerste Lasten den ärmsten und
schwächsten Gesellschaftsgruppen aufbürdet und damit Unrecht auf
Unrecht häuft.« AAS 84 (1992) 12, 1120-1122. Vgl. auch:
Kardinal Angelo Sodano, Stellungnahme während der UN-Konferenz über
Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro (13. Juni 1992), dt. Text in:
L'Osservatore Romano (Ausgabe in deutscher Sprache), Nr. 26 vom 26. Juni
1992.
(28) FAO und WHO, Welternährungskonferenz. Weltdeklaration zur Ernährung.
Schlußbericht der Konferenz, Punkt 15, Rom 1992.
(29) Vgl. FAO, Agriculture: Horizon 2010, Dok. C 9324, Punkt 2.13,
Rom 1993.
(30) Vgl. UNDP, Weltbevölkerungsbericht 1990, Economica Paris
1990, S. 18.
(31) FAO und WHO, Internationale Ernährungskonferenz.
Weltdeklaration zur Ernährung. Schlußbericht der Konferenz, Punkt
1, Rom 1992.
(32) Ibidem.
(33) Argentinien gehört zu den wichtigsten Weizen- und
Rindfleischexporteuren, ist also kein entwicklungsschwaches Land, sondern ein
Industrieland, dessen Wirtschaftsschwäche über lange Zeit hinweg im
politischen System begründet lag. In den letzten Jahren hat sich die
Situation grundlegend geändert, und die wirtschaftlichen Auswirkungen sind
bereits sichtbar.
(34) Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Paulus-Verlag Linz
u.a., 1993, Nr. 1906. Hier wird Gemeinwohl in Anlehnung an GS 26,1 folgendermaßen
definiert: »Die Gesamtheit jener Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens,
die sowohl den Gruppen als auch deren einzelnen Gliedern ermöglichen, die
eigene Vollendung voller und leichter zu erreichen«.
(35) Johannes Paul II., Ansprache am Sitz der Westafrikanischen
Wirtschaftskommission (CEAO) in Ougadougou, 29. Januar 1990, AAS 82 (1990) 8,
818.
(36) Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus (1991), Nr. 31.
(37) Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Reconciliatio et
paenitentia, (1984), Nr. 16, (soziale Sünde führt zu sozialen Übeln),
Enzyklika Sollicitudo rei socialis (1987), Nr. 36-37, und Enzyklika Centesimus
annus (1991), Nr. 38. In diesen Dokumenten finden sich Ausdrücke wie »Situationen
der Sünde« oder »Soziale Sünden«. Als Gründe für
die Sünde werden immer Egoismus, Suche nach Profit und Machthunger genannt.
(38) Die Produktion von Chemiewaffen, die keine positiven Folgen zeitigen,
sondern nur dazu dienen, anzugreifen oder zu verteidigen, legt beredtes Zeugnis
davon ab. Die 500.000 Tonnen tödliches Material, die 60 Mrd. Menschen
vernichten können, und die in der ehemaligen Sowjetunion lagern, haben in
der Produkten ca. 200 Mrd. US-$ gekostet, und es kostet noch einmal so viel, sie
zu zerstören. Es handelt sich letztendlich um Ressourcen, die einen herben
Verlust für unseren Planeten bedeuten. Dieses widersinnige Abenteuer führte
zum Absinken des Lebensstandards der Menschen (im allgemeinen, nicht nur in der
ehemaligen Sowjet-Union) und zu Hunger in Familien , die ohne dieses Abenteuer
Hunger nie gekannt hätten.
(39) Vgl. Paul VI., Weihnachtsbotschaft zum Ende des Heiligen Jahres.,
AAS 68 (1976) 2, 145. Dieses Bild wurde erstmalig von Papst Paul VI.
benutzt.
(40) Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus (1991), Nr. 28.
(41) Vgl. Larry Salmen, Listen to the People, Participant-Observer
Evaluation of Development Projects, The World Bank and Oxford University
Press, 1987. In diesem Zusammenhang interessiert, wie der beteiligte Beobachter
- ein Berater der Weltbank - vorgegangen ist. Er ließ sich von der Liebe
zu den Menschen leiten und hat nicht davor zurückgeschreckt, mehrmals drei
bis sechs Monate ununterbrochen in den »Favelas« Südamerikas zu
leben (Quito und La Paz), um das Leben der Bevölkerung zu teilen. Er hatte
die Gelegenheit, die Architekten bei Bauarbeiten in der Stadt zu beraten, damit
die neuen Bauten nicht systematisch von den neuen Bewohnern, die aus ihren
Elendsvierteln kamen, heruntergewohnt wurden. Er paarte aufmerksames Zuhören
- hier war der Arme gleichzeitig Kunde - mit gesundem Menschenverstand und sehr
viel Mut. Später ging er ebenso in Thailand vor. Er setzte die Autorität
der Weltbank ein, um die hohen Beamten in Thailand dazu zu ermuntern, selbst
einmal eine Zeitlang das Leben ihrer armen Mitbürger zu teilen, um so den
Erfolg der städtischen Wohnungsbauprogramme zu garantieren.
Auch der unglaubliche Einsatz eines englischen protestantischen Pastors
sollte hier genannt werden. Stephen Carr hat zwanzig Jahre lang in zwei
afrikanischen Dörfern gelebt und nur die dort üblichen traditionellen
Techniken genutzt. In beiden Dörfern gewann er großen Einfluß.
Als er unvorhergesehen in Washington Station machte, interviewte ihn die
Weltbank 1985/86. Sein Zeugnis war sehr aufschlußreich für die
Experten der Bank, die mit ihren landwirtschaftlichen Projekten in Afrika Mißerfolg
auf Mißerfolg verzeichnen mußten. Es herrscht eine Symbiose zwischen
dem Bauern und dem Boden. Der Boden in Afrika ist schön und fruchtbar, aber
sehr anfällig. Die neuen Verhaltensweisen der Bauern, hervorgerufen durch
die moderne Wirtschaft und der Verlust ihres althergebrachten Glaubens, führte
zur Zerstörung des Bodens. Die katholischen Missionare - und vielleicht
auch andere - hatten dies erfaßt. Immer achteten die Missionare die
Talente und vor allem die traditionellen Erfahrungen. Einige ONG, z.B. die
Fidesco, die ihren Sitz in Frankreich hat und in verschiedenen anderen Ländern
arbeitet, haben diese wiederentdeckt.
(42) Vgl. die Veröffentlichungen von P. Joseph Wrejinsky und ATD Vierte
Welt.
(43) Vgl. Johannes XXIII., Enzyklika Pacem in terris (1963), Kap.
III, AAS 55 (1963) 5, 279-291.
(44) Johannes Paul II., Ansprache zum 50. Jahrestag der Gründung der
FAO (23. Okt. 1995), Punkt 2, L'Osservatore Romano, Ausgabe in deutscher
Sprache, Nr. 45 vom 10.11.1995.
(45) Weltbank, Weltentwicklungsbericht 1990, Washington 1990, S. 19.
(46) Vgl. Päpstlicher Rat »Justitia et Pax«, Der
internationale Waffenhandel. Ethische Überlegungen, Vatikanstadt 1994.
(47) Vgl. FAO, Nachhaltige Entwicklung und Umwelt, Politik und Aktivitäten
der FAO, Rom, 1992.
(48) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache anläßlich der 25. Tagung
der Konferenz der FAO, 16. November 1989, Nr. 8, AAS 82, (1990) 7,
672-673.
(49) Vgl. die Päpstlichen Autographen der Errichtung der Stiftungen »Johannes
Paul II für die Sahelzone«, gegründet am 22. Februar 1984 und »Populorum
Progressio«, gegründet am 13. Februar 1992. Der Sitz der beiden
Stiftungen ist beim Päpstlichen Rat »Cor Unum« im Vatikanstaat;
der Sitz des Verwaltungsrats der Stiftung »Johannes Paul II für die
Sahelzone« ist in Ougadougou (Burkina Faso) und der der Stiftung »Populorum
Progressio« in Santafé de Bogotà (Kolumbien).
(50) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache vor den Vereinten Nationen zum 50jährigen
Bestehen der Weltorganisation (5. Oktober 1995), Nr. 12 und 13, L'Osservatore
Romano (Ausgabe in deutscher Sprache), Nr. 41 vom 13. Oktober 1995.
(51) Wir möchten hier einige dieser Initiativen nennen: Ökonomie
der Gütergemeinschaft Opera di Maria, Bewegung der Fokolare (Rocca di Papa
Italien); AVSI Comunione e Liberazione (Mailand); Fidesco Communauté
Emmanuel (Paris); Familienmission Gemeinschaft des Neukatechumenats (Madrid
Rom); Sozialwerk »Kolping International« (Köln).
(52) UNDP, op. cit., S. 31 (vgl. Fußnote 30).
(53) Vgl. IFAD (International Fund for Agricultural Development -
Internationaler Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung), The Role of
Rural Credit Projects in Reaching the Poor, Rom-Oxford 1985.
(54) Vgl. Johannes Paul II., Brief an die Frauen, (29. Juni
1995),Nr. 4, AAS 87 (1995) 9, 805-806.
(55) Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem
(1988) Nr. 6-7. Vgl. auch Nachsynodales Apostolisches Schreiben Christifideles
laici (1988), Nr. 50.
(56) Das ungefähre Ausmaß der Korruption ergibt sich aus den »gewaschenen«
Geldsummen, deren Höhe von den zuständigen Behörden, die
Betrugsvergehen ahnden, geschätzt wird.
(57) Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Sollicitudo rei socialis
(1987), Nr. 44, 576-577.
(58) Johannes XXIII., Enzyklika Pacem in terris, Kap. III.
(59) Vgl. Leo XIII., Enzyklika Rerum novarum, 15. Mai 1891, Leonis
XIII P.M. Acta, XI, Romae 1892, 97-144.
(60) Vgl. FAO, Charta der Bauern: Grundsatzerklärung und
Aktionsprogramm in Bericht der Weltkonferenz zur Argrarreform
und ländlichen Entwicklung, Rom 1979.
(61) Vgl. FAO, Konferenzbericht der 23. Tagung, C85/REP, Seite 46, Rom,
9.-28. November 1985.
(62) Vgl. Fußnote 4.
(63) Vgl. Weltbank, Weltentwicklungsbericht 1990, Vorwort, Washington
1990.
(64) Johannes Paul II., Ansprache zum fünfzigsten Jahrestag der Gründung
der FAO, Nr. 4; L'Osservatore Romano vom 23./24.10.1995.
(65) Vgl. UNDP, Weltentwicklungsbericht 1992, Economica Paris, 1992,
S. 49. Vgl. auch UNO, Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und
Entwicklung, Rio de Janeiro 1992, § 33.13:«Die Industrieländer
wiederholen ihre Absicht, 0,7% ihres BIP für die SEH (Staatliche
Entwicklungshilfe) aufzuwenden - die Zahl wurde von der UNO festgelegt und von
ihnen übernommen - und, wenn das noch nicht der Fall sein sollte, ihre
Hilfsprogramme zu verstärken, um diese Zahl so bald wie möglich zu
erreichen... Einige Länder haben sich dafür ausgesprochen, diese Zahl
vor dem Jahre 2000 zu erreichen.« Die Länder, die die erwähnte
Zahl schon erreicht haben, werden zu diesem Erfolg beglückwünscht und
dazu ermuntert, weiter für das gemeinsame Ziel zu arbeiten, die nötigen
zusätzlichen Mittel bereitzustellen.
(66) Vgl. UNO, Bericht des Weltsozialgipfels (Kopenhagen, 6.-12.März
1995), Erklärung und Aktionsprogramm, § 88b.
(67) Johannes XXIII., Enzyklika Mater et magistra (1961), Kap. III.
(68) Johannes Paul II., Ansprache zum fünfzigsten Jahrestag der Gründung
der FAO, Nr. 3. L'Osservatore Romano vom 23.24.10.1995.
(69) Vgl. UNDP, op. cit., S. 164-165 (vgl. Fußnote 63).
(70) FAO, Dimensions of Need (vgl. Fußnote 12), S. 35. Ernährungssicherheit
hängt im allgemeinen von vier Elementen ab: der Verfügbarkeit
von Nahrungsmitteln; dem Zugang zu ausreichender Nahrung; der Stabilität
der Versorgung; der kulturellen Akzeptanz von Nahrungsmitteln oder
verschiedener Nahrungsmittelzusammenstellungen.
(71) Vgl. auch den Weltpakt für Ernährungssicherheit (1985), der
schon unter Punkt 40 erwähnt wurde.
(72) Vgl. FAO, Landlessness. A Growing Problem, »Economic
and Social Development Series« Punkt 28, Rom 1984.
(73) Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages am 1.
Januar 1990, »Friede mit Gott dem Schöpfer - Friede mit der ganzen
Schöpfung«, Nr. 11, AAS 82 (1990) 2, 153.
(74) Conc. Oecum. Vat. II, Gravissimum educationis, Nr. 1; das
Dokument, das sich auf Pius XI. bezieht, Enzyklika Divini illius magistri
(1929), AAS 22 (1930), Seite 50ff.
(75) Vgl. auch Päpstlicher Rat »Cor Unum«, Catholic Aid
Directory, 4. Ausgabe 1988 (Die 5. Ausgabe wird demnächst veröffentlicht).
Als exemplarisch für viele sollen die Verbände aufgezählt werden,
die Mitglied von »Cor Unum« sind: Association Internationale des
Charités de St. Vincent de Paul (AIC), Caritas Internationalis, Unione
Internazionale Superiore Generali (U.I.S.G.), Unione Superiori Generali
(U.S.G.), Australian Catholic Relief, Caritas Italiana, Caritas Liban, Catholic
Relief Services, Deutscher Caritasverband, Manos Unidas, Organisation Catholique
Canadienne pour le Développement et la Paix, Secours Catholique, Kirche
in Not, Gemeinschaft der Vinzenz-Konferenzen, Secrétariat des Caritas de
l'Afrique francophone, Caritas Aotearoa (New Zealand), Caritas Bolivia, Caritas
Espanola, Caritas Mocambicana, Misereor, Österreichische Caritaszentrale,
Souveräner Malteser-Ritterorden.
(76) Von großer Bedeutung ist die Einheit IV. beim »Weltrat der
Kirchen«, Genf; auch die Tätigkeit des Roten Kreuzes muß hier
genannt werden.
(77) Vgl. Fußnote 49.
(78) Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Tertio millennio
adveniente (1994), Nr. 12.
(79) Vgl. ibid. Nr. 13-14.
(80) Conc. Oecum. Vat. II., Pastorale Konstitution Gaudium et spes
(1965), Nr. 39.
(81) Johannes Paul II., Ansprache an die zum Weltjugendtag versammelten
Jugendlichen in Denver am 14. August 1994, AAS 86 (1994) 5, 416.
(82) Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Tertio millennio
adveniente (1994), Nr. 51: »...indem sie das Jubeljahr als eine
passende Zeit hinstellen, um unter anderem an eine Überprüfung, wenn
nicht überhaupt an einen erheblichen Erlaß der internationalen
Schulden zu denken, die auf dem Geschick vieler Nationen lasten«.
(83) Vgl. zu diesem Thema: H. Hude, Ethique et Politique, Ed.
Universitaires, Paris 1992, Kap. XIII »La justice sur le marché«.
(84) Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus (1991), Nr. 34.
(85) Johannes Paul II., Enzyklika Evangelium vitae (1995), Nr. 69.
(86) Johannes Paul II gibt uns in seiner Enzyklika Centesimus annus
(1991) einige Hinweise unter Nr. 36: »Bei der Entdeckung neuer Bedürfnisse
und neuer Möglichkeiten, sie zu befriedigen, muß man sich von einem
Menschenbild leiten lassen, das alle Dimensionen seines Seins berücksichtigt
und die materiellen und triebhaften den inneren und geistigen unterordnet. Überläßt
man sich hingegen direkt seinen Trieben, unter Verkennung der Werte des persönlichen
Gewissens und der Freiheit, können Konsumgewohnheiten und Lebensweisen
entstehen, die objektiv unzulässig sind und nicht selten der körperlichen
und geistigen Gesundheit schaden. Das Wirtschaftssystem besitzt in sich selber
keine Kriterien, die gestatten, die neuen und höheren Formen der
Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse einwandfrei von den neuen, künstlich
erzeugten Bedürfnissen zu unterscheiden, die die Heranbildung einer reifen
Persönlichkeit verhindern. Es braucht daher dringend ein groß
angelegtes erzieherisches und kulturelles Bemühen, das die Erziehung der
Konsumenten zu einem verantwortlichen Verbraucherverhalten, die Weckung eines
hohen Verantwortungsbewußtseins bei den Produzenten und vor allem bei den
Trägern der Kommunikationsmittel sowie das notwendige Eingreifen der
staatliche Behörden umfaßt... Ich weise auch darauf hin, daß
eine Entscheidung, lieber an diesem als an jenem Ort, lieber in diesem als in
einem anderen Sektor zu investieren, immer auch eine moralische und kulturelle
Entscheidung ist.«
(87) Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus (1991), Nr.
60.
(88) Leo XIII., Enzyklika Rerum novarum (1891), Nr. 35.
(89) »Cor Unum« wird diesbezüglich konkrete Anfragen an
verschiedene Stellen richten.
(90) Johannes Paul II., 2. Reise nach Brasilien (12.-21. Oktober
1991), Ansprache beim Besuch der Favela von Lixao de Sao Pedro, Insegnamenti
1991/2, 941.
(91) Conc. Oecum. Vat. II, Pastorale Konstitution Gaudium et spes
(1965), Nr. 37. Vgl. auch Johannes Paul II., Enzyklika Sollicitudo rei
socialis, (1987), Nr. 27-28: »Eine solche Auffassung, die eher mit
einem Begriff von "Fortschritt" verbunden ist, der von philosophischen
Überlegungen aufklärerischer Natur geprägt ist... An die Stelle
eines einfältigen Optimismus mechanistischer Art ist eine begründete
Sorge um das Schicksal der Menschheit getreten.... Tatsächlich erkennt man
heute besser, daß die reine Anhäufung von Gütern und
Dienstleistungen, auch wenn sie zum Nutzen der Mehrheit erfolgt, nicht genügt,
um das menschliche Glück zu verwirklichen«.
(92) Vgl. Fußnote 39.
(93) Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris missio (1990), Nr. 59.
(94) Diese Überzeugung wird nicht nur von den Christen geteilt. Sie
stellt die Grundlage einer Bewegung dar, die kürzlich in den Vereinigten
Staaten gegründet worden ist, dem »Kommunitarismus«. Der
Soziologe A. Etzioni stellt die Bewegung, die sich die Förderung des
Gemeinwohls jedes Menschen zum Ziel gemacht hat, in seiner Studie The Spirit
of Community. Rights, Responsibilities and the Communitarian Agenda, Crown
Publishers, Inc. New York, 1993, vor.
(95) Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Sollicitudo rei socialis,
(1987), Nr. 40, 569.
(96) Vgl. Secretaria Status rationarium generale Ecclesiae, Annuarium
statisticum Ecclesiae, Typis Vaticanis (1994), S. 41.
