KONGREGATION FUR DAS KATHOLISCHE BILDUNGSWESEN PÄPSTLICHER RAT
FÜR DIE LAIEN PÄPSTLICHER RAT FÜR DIE KULTUR
DIE PRÄSENZ DER KIRCHE AN DER UNIVERSITÄT UND
IN DER UNIVERSITÄREN KULTUR
Vorbemerkung: Natur, Ziel, Adressaten
Die Universität und die universitäre Kultur im weiteren Sinn
stellen eine Wirklichkeit von entscheidender Bedeutung dar. In diesem Milieu
geht es um vitale Fragen; tiefgehende kulturelle Veränderungen rufen neue
Herausforderungen hervor. Die Kirche muß auf diese Herausforderungen in
ihrer Sendung, das Evangelium zu verkünden, antworten.1
Im Lauf ihrer »Ad limina«-Besuche haben viele Bischöfe ihre
Sorge ausgedrückt sowie ihren Wunsch geäußert, Hilfen zu
erhalten, um sich bislang unbekannten Problemen stellen zu können, deren
Neuheit und Schärfe manchmal die Verantwortlichen überraschen, die üblichen
pastoralen Methoden oft unwirksam machen und den hochherzigsten Eifer
entmutigen. Verschiedene Diözesen und Bischofskonferenzen haben Überlegungen
und pastorale Initiativen entwickelt, die bereits Elemente für Antworten
bereitstellen. Daruber hinaus stellen sich religiöse Gemeinschaften und
apostolische Bewegungen mit erneuerter Bereitschaft den Herausforderungen der
Seelsorge an der Universität.
Um diese Initiativen der Allgemeinheit zugänglich zu machen und
umfassende Maßnahmen angesichts dieser Herausforderung zu ergreifen, haben
die Kongregation für das Katholische Bildungswesen, der Päpstliche Rat
für die Laien und der Päpstliche Rat für die Kultur erneut
Bischofskonferenzen, Ordensinstitute und kirchliche Organisationen und
Bewegungen konsultiert. Eine erste Zusammenfassung dieser Konsultation wurde am
28. Oktober 1987 auf der Bischofssynode über Berufung und Sendung der Laien
in der Kirche und in der Welt vorgestellt.2 Diese Dokumentation wurde durch
zahlreiche Treffen, wie auch durch die Reaktionen der betroffenen Institutionen
auf den publizierten Text und durch die Veröffentlichung von Arbeiten und
Forschungen über die Tätigkeit der Christen in der Welt der Universität
bereichert.
All dies hat es ermöglicht, eine Anzahl von Konstanten festzustellen,
genaue Fragen zu formulieren und, ausgehend vom apostolischen Leben der im
universitären Milieu engagierten Personen, einige Orientierungslinien zu
entwerfen.
Das vorliegende Dokument versteht sich, indem es die bedeutendsten Fragen
und Initiativen aufgreift, als Reflexions- und Arbeitshilfe im Dienst an den
Ortskirchen. Die ersten Adressaten sind die Bischofskonferenzen, vor allem jene
Bischöfe, die direkt von der Tätigkeit von Universitäten oder
Hochschulen in ihrer Diözese betroffen sind. Aber die Feststellungen und
die vorgelegten Orientierungen richten sich in gleicher Weise an all jene, die
unter der Leitung der Bischöfe an der Seelsorge an der Universität
teilhaben: Priester, Laien, Orden, kirchliche Bewegungen. Indem dieses Dokument
Vorschläge für die »Neu-Evangelisierung« macht, will es
eine vertiefte Reflexion seitens aller betroffenen Personen und eine erneuerte
Pastoral anregen.
EINE DRINGENDE NOTWENDIGKEIT
Seit ihren Anfängen ist die Universität eine der bedeutendsten
Formen, in denen sich die pastorale Sorge der Kirche ausdrückt. Ihre
Entstehung ist mit der Entwicklung von Schulen verbunden, die im Mittelalter von
Bischöfen großer Diözesen errichtet wurden. Während die frühe
Geschichte der Universität zu einer immer größeren Verselbständigung
der »Universitas magistrorum et scholarium« führte, hat
die Kirche ihr nicht weniger jene Sorge weiter zugewandt, die am Anfang dieser
Institution stand.3 In der Tat, die Präsenz der Kirche an der Universität
ist niemals ein Ziel, das mit der Sendung der Kirche, den Glauben zu verkünden,
nur äußerlich zu tun hätte. »Die Synthese zwischen
Kultur und Glauhe ist nicht nur ein Erfordernis der Kultur, sondern auch des
Glaubens ... Ein Glaube, der nicht Kultur wird, ist kein voll angenommener, ganz
durchdachter und treu gelebter Glaube«.4 Der Glaube, den die Kirche
verkündet, ist »fides quaerens intellectum«, ein Glaube,
der danach verlangt, Denken und Herz des Menschen zu durchdringen, durchdacht zu
werden, damit er gelebt werden kann. Die kirchliche Präsenz wird sich
deshalb nicht auf kulturelle und wissenschaftliche Initiativen beschränken.
Sie muß sich als wirksame Möglichkeit einer Begegnung mit Christus
darbieten.
Die Präsenz und die Sendung der Kirche in der universitären Kultur
nehmen, konkret gesagt, unterschiedliche und einander ergänzende Formen an.
In erster Linie stellt sich die Aufgabe, die Katholiken, die an der Universität
als Professoren, Studenten, Forscher oder Mitarbeiter engagiert sind, zu unterstützen.
Die Kirche sorgt sich darum, das Evangelium all jenen an der Universität zu
verkünden, die es noch nicht kennen und bereit sind, es frei anzunehmen.
Ihre Tätigkeit wird auch in einem ehrlichen Dialog und einer echten
Zusammenarbeit mit all den Mitgliedern der universitären Gemeinschaft
wirksam, die sich um die kulturelle Förderung des Menschen und die
kulturelle Entwicklung der Völker sorgen.
Eine solche Perspektive verlangt von den Trägern der Seelsorge, die
Universität als ein spezifisches Milieu mit den ihm eigenen Problemen zu
begreifen. Der Erfolg ihres Engagements hängt in der Tat zu einem großen
Teil von den Beziehungen ab, die sie zu diesem Milieu unterhalten, Beziehungen,
die sich manchmal erst im Anfangsstadium befinden. Die Seelsorge an der
Universität verbleibt faktisch oft am Rand der ordentlichen Seelsorge.
So ist es auch notwendig, daß die ganze christliche Gemeinschaft sich
ihrer pastoralen und missionarischen Verantwortung gegenüber der Welt der
Universität bewußt wird.
I.
DIE SITUATION DER UNIVERSITÄT
Im Lauf eines halben Jahrhunderts hat die Institution der Universität
eine bemerkenswerte Veränderung durchgemacht, deren Charakteristika dennoch
weder für alle Länder zu verallgemeinern noch gleichermaßen auf
alle akademischen Zentren derselben Region anzuwenden sind. Denn jede Universität
ist abhängig von ihrem historischen, kulturellen, sozialen,
wirtschaftlichen und politischen Kontext. Diese große Vielfalt erfordert
eine kluge Anpassung der Formen kirchlicher Präsenz.
1. In zahlreichen Ländern, besonders in bestimmten entwickelten Ländern,
zeigen sich nach der Protestbewegung der Jahre 1968-1970 und der
institutionellen Krise, die die Universität in eine gewisse Verwirrung gestürzt
hat, mehrere positive und negative Tendenzen. Konfrontationen und Krisen, im
besonderen der Zusammenbruch von einstmals herrschenden Ideologien und Utopien,
haben tiefe Spuren hinterlassen. War die Universität noch vor kurzer Zeit für
Privilegierte reserviert, so hat sie sich weithin einer breiten Allgemeinheit geöffnet,
sowohl im Grundstudium wie in der Weiterbildung. Dies ist ein wichtiges und
bedeutendes Zeichen der Demokratisierung des sozialen und kulturellen Lebens. In
vielen Fällen ist der Zustrom von Studenten so stark, da sich die
Infrastruktur, die Mittel und selbst die traditionellen Methoden des Unterrichts
als ungenügend erweisen. Darüber hinaus haben Phänomene
unterschiedlicher Natur in bestimmten kulturellen Kontexten wesentliche Veränderungen
in der Position der Lehrenden bewirkt, die zwischen Isolierung und Kollegialität,
Vielfalt des professionellen Engagements und Familienleben, ihre akademische und
soziale Stellung, ihre Autorität und ihre Sicherheit schwinden sehen. Auch
die konkrete Situation der Studenten erweckt tiefe Beunruhigung. In der Tat
fehlen oft Strukturen der Aufnahme, der Begleitung und des gemeinsamen Lebens.
Deshalb leiden viele von ihnen, fern von ihren Familien in einer ihnen kaum
bekannten Stadt, unter Ein samkeit. Außerdem sind in vielen Fällen
die Beziehungen zu den Professoren sehr reduziert, und die Studenten sehen sich
vor Orientierungsprobleme gestellt, die sie überfordern. Manchmal ist das
Milieu, in das sie sich einfügen müssen, vom Einfluß
sozio-politischer Verhaltensweisen und von der Forderung nach unbegrenzter
Freiheit in allen Bereichen der Forschung und des wissenschaftlichen
Experimentierens gekennzeichnet. Schließlich sind die jungen Studenten in
vielen Lebensbereichen mit der Ausbreitung eines relativistischen Liberalismus
konfrontiert, eines wissenschaftlichen Positivismus sowie eines gewissen
Pessimismus hinsichtlich ihrer beruflichen Perspektiven, die durch die ökonomische
Krise unsicher geworden sind.
2. Anderswo hat die Universität einen Teil ihres Ansehens verloren.
Die Zunahme an Universitäten und ihre Spezialisierung haben eine sehr
unausgewogene Situation geschaffen: bestimmte Universitäten erfreuen sich
eines ungebrochenen Ansehens, andere bieten mit Mühe einen mittelmäßigen
Unterricht. Die Universität hat nicht mehr das Monopol der Forschung in
Bereichen, in denen sich spezialisierte Institute und private oder öffentliche
Forschungszentren auszeichnen. All dies fügt sich in jeder Hinsicht in ein
bestimmtes kulturelles Klima ein, in die »akademische Kultur« nämlich,
die eine charakteristische »forma mentis« erzeugt: die
Bedeutung, die der argumentativen Kraft der Beweisführung zuerkannt wird,
die Entwicklung eines kritischen Geistes, ein hoher Grad an fachspezifischen
Informationen und zugleich Mangel an einer Synthese, selbst innerhalb begrenzter
Perspektiven.
3. In dieser in Veränderung begriffenen Kultur mit einem
Wahrheitsanspruch und einer Haltung des Dienstes zu leben, die dem christlichen
Ideal entsprechen, ist manchmal schwierig geworden. War es früher ein
unbestreitbarer sozialer Aufstieg, wenn man Student oder, mehr noch, Professor
wurde, so entfalten sich heute die universitären Studien in einem Kontext,
der oft durch neue materielle oder moralische Schwierigkeiten gekennzeichnet
ist, die sich rasch zu menschlichen und geistigen Problemen mit
unvorhergesehenen Konsequenzen umformen.
4. In zahlreichen Ländern begegnet die Universität großen
Schwierigkeiten in ihrem Bemühen um unaufhörliche Erneuerung, das
von der Evolution der Gesellschaft, der Entwicklung neuer Bereiche des Wissens
und von den Anforderungen einer Ökonomie in der Krise hervorgerufen wird.
Die Gesellschaft wünscht eine Universität, die ihren spezifischen Bedürfnissen,
besonders jenem, Arbeit für alle zu finden, entspricht. Auf diese Weise hält
die industrielle Welt mit ihren spezifischen Erfordernissen rascher und sicherer
technischer Leistung auf bemerkenswerte Weise Einzug in die Universität.
Diese »Professionalisierung«, deren positive Auswirkungen
nicht geleugnet werden können, fügt sich jedoch nicht immer in eine »universitäre«
Ausbildung ein, im Hinblick auf den Sinn für Werte, die Berufsethik und die
Konfrontation mit anderen Disziplinen, die die notwendige Spezialisierung ergänzen.
5. Im Gegensatz zur »Professionalisierung« bestimmter
Institute begnügen sich zahlreiche Fakultäten, besonders die für
Geschichte und Sprachen, Philosophie, politische Wissenschaften oder Recht
damit, eine allgemeine Ausbildung in ihrer eigenen Disziplin anzubieten, ohne
sich um eventuelle berufliche Aussichten ihrer Studenten zu kümmern. In
nicht wenigen Ländern einer mittleren Entwicklungsstufe benützen die
Regierungen die Universitäten als »Abstellplätze«, um
die durch die Jugendarbeitslosigkeit entstandenen Spannungen zu verringern.
6. Außerdem drängt sich eine Feststellung auf: in
zahlreichen Ländern sieht sich die Universität, die von ihrem Sinn her
berufen ist, eine erstrangige Rolle in der Entwicklung der Kultur zu spielen,
vor zwei sich widerstreitende Risiken gestellt: entweder passiv die herrschenden
kulturellen Einflüsse über sich ergehen zu lassen, oder in Bezug auf
die herrschende Kultur an den Rand gedrängt zu werden. Es ist für die
Universität schwierig, dieser Situation zu begegnen, weil sie oft aufgehört
hat, eine »Gemeinschaft von Studierenden und Lehrenden auf der Suche
nach Wahrheit« zu sein, um vielmehr ein reines Instrument in den Händen
des Staates und der herrschenden wirtschaftlichen Kräfte zu werden, mit dem
ausschließlichen Ziel, die technische und professionelle Vorbereitung von
Spezialisten sicherzustellen, ohne der erzieherischen Bildung der Person jenen
zentralen Platz einzuräumen, der ihr zusteht. Außerdem - und diese
Situation bleibt nicht ohne schwerwiegende Folgen besuchen viele
Studenten die Universität, ohne dort eine menschliche Formung vorzufinden,
die in der Lage wäre, ihnen zur notwendigen Unterscheidungsgabe im Hinblick
auf den Sinn des Lebens, die Begründung und die Verwirklichung von Werten
und Idealen zu verhelfen. So leben sie in einer Unsicherheit, die von der Sorge
um ihre Zukunft noch verstärkt wird.
7. In den Ländern, die einer materialistischen und atheistischen
Ideologie unterworfen waren oder es noch immer sind, hat diese die Forschung
und die Lehre durchdrungen, besonders in den Bereichen der Humanwissenschaften,
der Philosophie und der Geschichte. Aus diesem Grund hat das Denken selbst in
bestimmten Ländern, die radikale Veränderungen auf politischer Ebene
erlebt haben, sich nicht die genügende Freiheit erworben, um die
erforderlichen Unterscheidungen bezüglich der herrschenden geistigen Strömungen
2U treffen und sich über die oft verborgene Anwesenheit eines
relativistischen Liberalismus im klaren zu sein Es verbreitet sich sogar ein
gewisser Skeptizismus hinsichtlich der Idee der Wahrheit selbst.
8. Uberall läßt sich eine große Vervielfältigung
der Wissensgebiete feststellen. Die verschiedenen Disziplinen haben es
erreicht, ihr eigenes Feld für ihre Untersuchungen und ihre Aussagen
abzugrenzen und die legitime Komplexität und die Vielfalt ihrer Methoden
anzuerkennen. Ein Risiko zeichnet sich immer mehr ab: daß sich nämlich
Forscher, Professoren und Studenten in ihren eigenen Wissensbereich einschließen
und sich mit einem fragmentarischen Ausschnitt der Wirklichkeit begnügen.
9. In bestimmten Disziplinen gewinnt ein neuer Positivismus ohne
ethischen Bezug an Einfluß: Wissenschaft um der Wissenschaft willen.
Die »utilitaristische«
Ausbildung hat Vorrang vor einem ganzheitlichen Humanismus. Dies führt
dazu, daß die Bedürfnisse und die Erwartungen der Person vernachlässigt
und die entscheidendsten Fragen ihrer personalen und sozialen Existenz unterdrückt
oder totgeschwiegen werden. Die Entwicklung der technischen Wissenschaften im
Bereich der Biologie, der Kommunikation und der Mechanisierung ruft neue und
entscheidende ethische Fragen hervor. Je mehr der Mensch fähig wird, die
Natur zu beherrschen, desto mehr wird er von der Technik abhängig, und umso
mehr hat er es nötig, um seine eigene Freiheit zu ringen. Dies stellt neue
Anfragen an die Perspektiven und die epistemologischen Kriterien der
verschiedenen Wissenschaften.
10. Die Verbreitung von Skeptizismus und Indifferenz, die durch ein
säkularisiertes Umfeld verursacht werden, geht gleichzeitig einher mit
einer neuen religiösen Frage mit unbestimmten Konturen. In diesem Klima,
das durch Unsicherheiten der geistigen Orientierung von Professoren und
Studenten gekennzeichnet ist, stellt die Universität manchmal ein Milieu
dar, in dem sich aggressive nationalistische Verhaltensweisen entwickeln. Doch
weicht in manchen Situationen das Klima des Protestes einem Klima des
Konformismus.
11. Die Entwicklung von Formen des universitären »Fernunterrichts«
oder von »Fernsehkollegs« macht Informationen einer größeren
Zahl zugänglich, aber der persönliche Kontakt zwischen Professor und
Student läuft Gefahr, zugleich mit der menschlichen Formung, die an diese
unersetzliche Beziehung gebunden ist, zu verschwinden. Manche gemischte Formen
verbinden auf kluge Weise Fernunterricht und gelegentliche Beziehungen zwischen
Professor und Student und könnten ein gutes Mittel sein, um die universitäre
Bildung weiterzuentwickeln.
12. Die inter-universitäre und die internationale Zusammenarbeit
kennt einen echten Fortschritt, wobei die entwickelteren akademischen Zentren
den weniger fortgeschrittenen helfen können, manchmal, aber nicht immer,
zum Vorteil der letzteren. Die großen Universitäten können in
der Tat eine gewisse technische, aber auch ideologische »Einwirkung«
über die Grenzen ihres Landes hinaus ausüben, zum Nachteil der
weniger begünstigten Länder.
13. Die Stellung, die von Frauen an der Universität eingenommen
wird, sowie der allgemein möglich gewordene Zugang zur Universität
stellen in bestimmten Ländern bereits eine gut eingeführte Tradition
dar; aber anderswo erscheint dies als neue Errungenschaft, als außerordentliche
Chance der Erneuerung und als Bereicherung des universitären Lebens.
14. Die zentrale Rolle der Universität in den
Entwicklungsprogrammen wird von einer Spannung zwischen dem Streben nach einer
neuen, an der Modernität ausgerichteten Kultur, und der Bewahrung und Förderung
der traditionellen Kulturen begleitet. Deshalb fehlt der Universität, damit
sie ihrer Berufung entsprechen kann, eine »leitende Idee«, ein
roter Faden bei ihren vielfältigen Aktivitäten. Hier ist die aktuelle
Krise der Identität und der Finalität einer Institution begründet,
die ihrem Wesen nach auf die Suche nach der Wahrheit ausgerichtet ist. Die
Verwirrung des Denkens und der Mangel an grundlegenden Kriterien verhindern das
Zustandekommen von Bildungsvorschlägen, die geeignet sind, sich mit den
neuen Problemen auseinanderzusetzen. Trotz ihrer Unvollkommenheiten bleibt die
Universität, von ihrer Berufung her, gemeinsam mit anderen
Hochschulinstitutionen ein privilegierter Ort der Ausarbeitung des Wissens und
der Bildung. Sie spielt eine grundlegende Rolle bei der Vorbereitung der
leitenden Gesellschaftsschichten des 21. Jahrhunderts.
15. Ein neuer pastoraler Aufbruch. Die Präsenz der Katholiken
an der Universität stellt bereits als solche ein Motiv der Anfrage und der
Hoffnung für die Kirche dar: in zahlreichen Ländern ist diese Präsenz
in der Tat beeindruckend durch die Zahl und dennoch von relativ
bescheidener Wirksamkeit, weil zu viele Professoren und Studenten ihren
Glauben als strikte Privatsache betrachten oder den Einfluß ihres
universitären Lebens auf ihre christliche Existenz nicht begreifen. Ihre
Anwesenheit an der Universität erscheint wie eine »Ausklammerung«
aus ihrem Glaubensleben. Manche, selbst Priester oder Ordensleute, gehen so
weit, sich im Namen der universitären Autonomie jeder expliziten Bezeugung
ihres Glaubens zu enthalten. Andere nützen diese Autonomie, um
Lehrmeinungen zu propagieren, die im Widerspruch zur Lehre der Kirche stehen.
Der Mangel an Theologen, die in den empirischen Wissenschaften und in der
Technik kompetent sind, und an wissenschaftlich spezialisierten Professoren, die
über eine gute theologische Ausbildung verfügen, erschwert noch diese
Situation. Dies verlangt ganz offenkundig nach einem erneuerten Bewußtsein
für einen neuen pastoralen Aufbruch. Außerdem drängt sich, bei
aller Wertschätzung lobenswerter Initiativen, die so ziemlich überall
unternommen werden, eine Feststellung auf: die christliche Präsenz an der
Universität scheint sich oft auf isolierte Gruppen, sporadische
Initiativen, das gelegentliche Zeugnis bekannter Personen und die Aktivität
dieser oder jener Bewegung zu beschränken.
II.
DIE PRÄSENZ DER KIRCHE FUR DIE UNIVERSITÄT UND FUR DIE
UNIVERSITÄRE KULTUR
1. Die Präsenz in den Strukturen der Universität
Von Christus zu allen Menschen in allen Kulturen gesandt, bemüht sich
die Kirche, ihnen die Frohe Botschaft des Heiles mitzuteilen. Als Verwalterin
der durch Christus über Gott und den Menschen geoffenbarten Wahrheit ist
sie gesandt, durch ihre Verkündigung der Wahrheit den Weg zur authentischen
Freiheit zu eröffnen. Gegründet auf den Auftrag Christi bemüht
sie sich darum, die Werte und die kulturellen Ausdrucksweisen zu erhellen, sie
im Licht des Glaubens, wenn notwendig, zu läutern und zu reinigen, um sie
zu ihrer Sinnfülle zu führen.5
In der Universität bringt die pastorale Aktivität der Kirche in
ihrer reichhaltigen Komplexität vor allem einen subjektiven Aspekt mit
sich: die Evangelisierung der Personen. Aus dieser Sicht tritt die Kirche mit
konkreten Personen in Dialog: mit Männern und Frauen, Professoren,
Studenten, Angestellten, und durch sie auch mit den kulturellen Strömungen,
die dieses Milieu charakterisieren. Auch der objektive Aspekt, d.h. der Dialog
zwischen dem Glauben und den verschiedenen Wissenschaften, iSt dabei nicht zu
vergessen. In der Tat ist im Kontext der Universität das Erscheinen neuer
kultureller Strömungen eng mit den großen Fragen des Menschen
verbunden, mit seinem Wert, mit dem Sinn seines Seins und seines Handelns, und
besonders mit seinem Gewissen und seiner Freiheit. Auf dieser Ebene wird es für
die katholischen Intellektuellen zur vorrangigen Aufgabe, eine erneuerte und
lebendige Synthese zwischen Glaube und Kultur voranzutreiben.
Die Kirche darf nicht vergessen, daß sie ihre Aktivität in der je
besonderen Situation jedes universitären Zentrums ausübt, und daß
ihre Präsenz an der Universität ein Dienst ist, den sie den Menschen
in ihrer zwei fachen Dimension, der persönlichen und der sozialen, leistet.
Deshalb unterscheidet sich die Art dieser Präsenz in den verschiedenen Ländern,
die ja durch unterschiedliche historische, kulturelle, religiöse und
juridische Traditionen gekennzeichnet sind. Im besonderen wird die Kirche dort,
wo die Gesetzgebung dies zuläßt, nicht auf ihre institutionelle
Aktivität in der Universität verzichten. Sie ist darauf bedacht, die
Lehre der Theologie überall, wo sie es kann, zu unterstützen und zu fördern.
Auf institutioneller Ebene erhält dabei die Hochschulgemeinde eine
besondere Bedeutung in der Universität selbst. Indem sie ein breites
Spektrum an intellektueller und zugleich spiritueller Bildung anbietet, stellt
sie in der Tat eine bedeutende Hilfe für die Verkündigung des
Evangeliums dar. Durch die Aktivitäten der Anregung und der Bewußtseinsbildung,
die in der Hochschulgemeinde durchgeführt werden, kann die Universitätsseelsorge
darauf hoffen, ihr Ziel zu erreichen, d.h. im universitären Milieu eine
christliche Gemeinschaft und ein Engagement missionarischen Glaubens ins Leben
zu rufen.
Die Orden und die religiösen Kongregationen sichern eine spezifische Präsenz
in den Universitäten und tragen durch den Reichtum und die Verschiedenheit
ihrer Charismen vor allem ihres pädagogischen Charismas zur
christlichen Bildung der Lehrenden und der Studierenden bei. In ihren pastoralen
Entscheidungen sollen diese religiösen Gemeinschaften, die sehr vom
Unterricht im primären und sekundären Bildungsbereich in Anspruch
genommen sind, bedenken, was mit ihrer Präsenz an den Hochschulen auf dem
Spiel steht, und sich vor jeder Form des Rückzugs hüten, unter dem
Vorwand, anderen jene Sendung anzuvertrauen, die ihrer Berufung entspricht.
Um akzeptiert zu werden und wirksam zu sein, muß die institutionelle
Präsenz der Kirche in der universitären Kultur qualitativ hochstehend
sein; oft mangelt es jedoch an Personal und manchmal auch an den erforderlichen
finanziellen Mitteln. Diese Situation verlangt eine kreative Anpassung und einen
entsprechenden pastoralen Einsatz.
2. Die katholische Universität
Unter den verschiedenen institutionellen Formen, in denen die Kirche in der
universitären Welt präsent ist, muß die katholische Universität
hervorgehoben werden, die selbst eine Institution der Kirche ist.
Die Existenz einer Anzahl wichtiger katholischer Universitäten äußerst
unterschiedlich nach Regionen und Ländern, angefangen von einer breiten
Streuung bis hin zum gänzlichen Fehlenist in sich selbst ein Reichtum
und ein wesentlicher Faktor der Präsenz der Kirche in der universitären
Kultur. Dennoch ist dieses »Kapital« oft weit davon entfernt,
die Früchte zu bringen, die legitimerweise erwartet werden.
Wichtige Hinweise, um die spezifische Rolle der katholischen Universität
zu fördern, wurden in der Apostolischen Konstitution »Ex Corde
Ecclesiae«, veröffentlicht am 15. August 1990, vorgelegt. Darin
wird klargestellt: die institutionelle Identität der katholischen Universität
hängt von der gleichzeitigen Verwirklichung ihrer Charakteristika als »Universität«
und als »katholisch« ab. Sie gelangt nur dann zu ihrer
vollen Verwirklichung, wenn sie es erreicht, ein Zeugnis der Ernsthaftigkeit und
des Einsatzes als Mitglied der internationalen Gemeinschaft der Wissenschaften
zu geben und zugleich ihre katholische Identität in expliziter
Verbundenheit mit der Kirche auf der lokalen wie auf der universalen Ebene
auszudrücken, eine Identität, die das Leben, die Dienstleistungen und
die Programme der universitären Gemeinschaft konkret bestimmt. So
verwirklicht die katholische Universität das Ziel, in institutioneller Form
eine christliche Präsenz in der universitären Welt sicherzustellen.
Von daher kommt ihre spezifische Sendung, die durch verschiedene, untrennbar
verbundene Aspekte gekennzeichnet ist.
Um ihre spezifische Aufgabe für die Kirche und für die
Gesellschaft zu erfüllen, muß die katholische Universität die
wichtigen Probleme unserer Zeit studieren und Lösungsvorschläge
erarbeiten, die jene ethischen und religiösen Werte, die einer christlichen
Sicht des Menschen entsprechen, konkretisieren.
Es folgt sofort die Hochschulseelsorge im eigentlichen Sinn. In dieser
Hinsicht ist die katholische Universität kaum mit wesentlich anderen
Problemen konfrontiert als mit solchen, mit denen sich auch andere akademische
Zentren auseinandersetzen müssen. Dennoch ist es notwendig zu
unterstreichen, daß die Frage der Hochschulseelsorge eine akademische
Institution, die sich als »katholisch« definiert, in einer ebenso
tiefen Weise betrifft, wie es die Ziele selbst sind, die sie sich zu erreichen
vornimmt, nämlich die umfassende Bildung der Personen, Männer und
Frauen, die im akademischen Kontext zur aktiven Teilnahme am Leben der
Gesellschaft und der Kirche gerufen sind.
Ein weiterer Aspekt der Sendung der katholischen Universität ist schließlich
das Engagement im Dialog zwischen Glaube und Kultur sowie die Entwicklung einer
Kultur, die im Glauben verwurzelt ist. Auch wenn darauf hinzuweisen ist, daß
überall, wo Getaufte im Leben der Universität engagiert sind, sich
eine Kultur in Ubereinstimmung mit dem Glauben entwickeln soll, so ist dies im
Kontext einer katholischen Universität ein Erfordernis von noch höherer
Dringlichkeit. Denn diese ist ja in besonderer Weise aufgerufen, ein bedeutender
Gesprächspartner in der akademischen, kulturellen und wissenschaftlichen
Welt zu werden.
Wie sich deutlich zeigt, findet die Kirche in ihrer Sorge für die
Universität in der Form des unmittelbaren Dienstes an den Personen
wie der Evangelisierung der Kultur in der Einrichtung der katholischen
Universität einen unverzichtbaren Bezugspunkt. Die entscheidende Forderung
nach einer qualifizierten Präsenz der Getauften in der universitären
Kultur wird so zu einem an die ganze Kirche gerichteten Appell, daß sie
sich der spezifischen Sendung der katholischen Universität immer klarer
bewußt wird und ihre Entwicklung als wirksames Instrument ihres Auftrags
zur Evangelisierung fördert.
3. Bereits verwirklichte fruchtbare Initiativen
Um auf die Anforderungen zu antworten, die von der universitären Kultur
gestellt werden, haben zahlreiche Ortskirchen verschiedene geeignete Maßnahmen
getroffen:
- Die Ernennung von Hochschulseelsorgern durch die Bischofskonferenz, mit
einer geeigneten Ausbildung und angemessener Unterstützung.
- Die Schaffung von vielfältigen diözesanen Arbeitsgruppen für
die Hochschulseelsorge, in denen die den Laien eigene Verantwortung wie auch der
diözesane Charakter dieser apostolischen Gruppen zur Geltung kommt.
- Erste Schritte einer pastoralen Bemühung, die sich an die Rektoren
der Universitäten und die Professoren der Fakultäten richtet, deren
Lebenswelt oft von technisch-professionellen Aspekten beherrscht wird.
- Initiativen zur Schaffung von Fachbereichen für »religiöse
Wissenschaften«, die geeignet sind, neue Perspektiven für die
Lehrenden und für die Studenten in Ubereinstimmung mit der Förderung
der Sendung der Kirche zu eröffnen. In diesen Fachbereichen sollen
die Katholiken eine erstrangige Rolle spielen, besonders wenn in der universitären
Struktur theologische Fakultäten fehlen.
- Einrichtung von regulären Vorlesungen über allgemeine Ethik und über
Berufsethik an berufsbildenden Schulen und den höheren
Bildungseinrichtungen.
- Förderung dynamischer kirchlicher Bewegungen. Die Hochschulseelsorge
erreicht bessere Ergebnisse, wenn sie sich auf Gruppen oder Bewegungen und
Vereinigungen stützt, die manchmal von nur geringer Zahl, aber qualitativ
hochstehend sind, und die von den Diözesen und den Bischofskonferenzen
unterstützt werden.
- Suche nach einer Hochschulseelsorge, die sich nicht auf eine allgemeine
und undifferenzierte Jugendpastoral beschränkt, sondern die von der
Tatsache ausgeht, daß zahlreiche Jugendliche von der universitären
Umgebung tief beeinflußt werden. Ebendort ereignet sich in großem
Maß ihre Begegnung mit Christus und ihr Zeugnis als Christen. Diese
Pastoral setzt sich daher zum Ziel, die Jugendlichen zu erziehen und zu
begleiten, die ja im Glauben der konkreten Wirklichkeit ihres Umfelds und ihrer
Aktivitäten, in denen sie engagiert sind, begegnen müssen.
- Förderung eines Dialogs zwischen Theologen, Philosophen und
Wissenschaftlern, der die Denkweisen tiefgehend zu erneuern und neuen,
fruchtbaren Beziehungen zwischen dem christlichen Glauben, der Theologie, der
Philosophie und den empirischen Wissenschaften in ihrer konkreten Suche nach der
Wahrheit Raum zu geben vermag. Die Erfahrung zeigt es: Die Universitätsangehörigen,
Priester und vor allem Laien, befinden sich in vorderster Linie, wenn es gilt,
die kulturelle Diskussion über die großen Fragen, die den Menschen,
die Wissenschaft und die Gesellschaft betreffen, sowie über die neuen
Herausforderungen, die sich dem menschlichen Geist stellen, aufrechtzuerhalten
und zu fördern. Im besonderen kommt es den kathoischen Lehrenden und ihren
Vereneigungen zu, interdiszipläre Initiativen und kulturelle Begegnungen
innerhalb und auerhalb der Universität zu fördern, dabei kritische
Methode und Vertrauen in die Vernunft zu verbinden, um so metaphysische
Gegebenheiten und wissenschaftliche Ergebnisse mit den Aussagen des Glaubens -in
der Sprache der verschiedenen Kulturen - zu konfrontieren.
III.
PASTORALE VORSCHLÄGE UND ORIENTIERUNGEN
1. Von den Ortskirchen vorgelegte pastorale Vorschläge
1. Eine von bischöflichen Kommissionen dazu durchgeführte
Konsultation würde es erlauben, die verschiedenen Initiativen der
Hochschulseelsorge und der Präsenz der Christen an der Universität
besser zu kennen und ein Dokument mit Orientierungen vorzubereiten, das
fruchtbare apostolische Initiativen unterstützt und jene fördert, die
sich als notwendig erwiesen haben.
2. Die Errichtung einer nationalen Kommission für Fragen der
Universität und der Kultur würde den Ortskirchen helfen, ihre
Erfahrungen und Fähigkeiten der Allgemeinheit zugänglich zu machen.
Aufgabe dieser Kommission wäre es, ein Programm von Aktivitäten,
Uberlegungen und Begegnungen zur Frage
Evangelisierung und Kultur für die Seminarien und für die
Bildungszentren für Ordensleute und Laien zu erstellen, mit einem ausdrücklich
der universitären Kultur gewidmeten Teil.
3. Auf diözesaner Ebene, in den Universitätsorten, wäre
die Errichtung einer spezialisierten Kommission angemessen, die aus Priestern,
katholischen Universitätslehrern und Studenten besteht, die befähigt
sind, nützliche Hinweise für die Hochschulseelsorge und die Aktivität
der Christen im Bereich der Lehre und der Forschung zu geben. Diese Kommission würde
dem Bischof helfen, die ihm eigene Sendung der Anregung und der authentischen
Anerkennung der verschiedenen diözesanen Initiativen auszuüben und sie
mit nationalen oder internationalen Initiativen in Verbindung zu bringen. Der Diözesanbischof,
dem der pastorale Dienst für seine Ortskirche anvertraut wurde, ist der
Erstverantwortliche für die Präsenz und die Seelsorge der Kirche in
den staatlichen wie in den katholischen Universitäten sowie in anderen
privaten Institutionen.
4. Auf pfarrlicher Ebenewäre es wünschenswert, wenn die
christlichen Gemeinschaften, Priester, Ordensleute und alle Gläubigen den
Studenten und den Lehrenden größere Aufmerksamkeit schenkten, ebenso
wie dem von den Hochschulgemeinden ausgeübten Apostolat. Die Pfarrei ist
durch ihre Natur eine Gemeinschaft, in der sich fruchtbringende Beziehungen für
einen wirksameren Dienst am Evangelium entwickeln können. Sie spielt eine
hochzuschätzende Rolle durch ihre Fähigkeit zur Fürsorge,
besonders wenn sie die Gründung und den Betrieb von Studentenheimen und
Studentenwohnungen unterstützt. Der Erfolg der Evangelisierung der
Universität und der universitären Kultur hängt zu einem großen
Teil vom Engagement der gesamten Ortskirche ab.
5. Die Universitätspfarrei ist in verschiedener Hinsicht eine
Institution, die noch nie so notwendig war wie heute. Sie setzt die aktive Präsenz
eines oder mehrerer Priester voraus, die gut auf dieses spezifische Apostolat
vorbereitet wurden. Diese Pfarrei ist ein einzigartiger Ort der Kommunikation
mit der akademischen Welt in ihrer ganzen Breite. Sie erlaubt es, Beziehungen
mit Persönlichkeiten aus Kultur, Kunst und Wissenschaft zu unterhalten, und
stellt zugleich das Hineinwirken der Kirche in dieses Milieu, das in seiner
vielgestaltigen Einzigartigkeit so komplex ist, sicher. Als Ort der Begegnung,
der christlichen Reflexion und der Bildung, eröffnet sie den Jugendlichen
den Zugang zu einer bis dahin unbekannten oder wenig bekannten Kirche und öffnet
die Kirche der studierenden Jugend, ihren Fragen und ihrer apostolischen
Dynamik. Als privilegierter Ort der liturgischen Feier der Sakramente ist sie
vor allem Ort der Eucharistie, Zentrum der ganzen christlichen Gemeinschaft
sowie Quelle und Höhepunkt des gesamten Apostolats.
6. Uberall, wo es möglich ist, sollte die Hochschulseelsorge
fruchtbringende Beziehungen zwischen katholischen Universitäten oder Fakultäten
und allen anderen Bereichen universitären Lebens durch verschiedene Formen
der Zusammenarbeit schaffen oder intensivieren.
7. Die aktuelle Situation stellt einen dringlichen Appell dar, die
Ausbildung von qualifiziertem Seelsorgepersonal in den Pfarreien und in den
katholischen Bewegungen und Vereinigungen zu organisieren. Sie ruft eindringlich
dazu auf, eine langfristige Strategie zu erstellen; denn die kulturelle und
theologische Ausbildung verlangt eine angemessene Vorbereitung. Konkret sind
viele Diözesen nicht in der Lage, eine solche Ausbildung auf universitärem
Niveau einzurichten und zum Ziel zu führen. Werden aber Ressourcen von Diözesen,
von spezialisierten Ordensinstituten und Laiengruppen allgemein verfügbar
gemacht, wird es möglich sein, diesem Erfordernis zu entsprechen.
8. In allen Situationen geht es darum, die »Präsenz« der
Kirche als »plantatio«, d.h. als »Einpflanzung« der
christlichen Gemeinschaft in das universitäre Milieu zu verstehen, durch
ihr Zeugnis, die Verkündigung des Evangeliums und den Dienst der Liebe.
Diese Präsenz wird die »christifideles« reifen lassen und
dazu helfen, jenen nahezukommen, die von Jesus Christus fern sind. Aus dieser
Sicht erscheint es wichtig, folgendes zu entwickeln und zu fördern:
eine katechetische Pädagogik von «gemeinschaftsstiftendem«
Charakter, die unterschiedliche Vorschläge anbietet, und die Möglichkeit
differenzierter Wege und Antworten, die den wirklichen Bedürfnissen der
konkreten Personen angemessen sind;
eine Pädagogik der persönlichen Begleitung, die
gekennzeichnet ist durch Annahme, Verfügbarkeit, Freundschaft, gegenseitige
persönliche Beziehungen sowie durch kluge Beurteilung der Situationen, in
denen die Studenten leben, und der konkreten Mittel, um diese zu verbessern;
eine Pädagogik der Vertiefung des Glaubens und des geistlichen
Lebens, die im Wort Gottes verwurzelt ist sowie im sakramentalen und
liturgischen Leben vertieft und mit anderen geteilt wird.
9. Schließlich verlangt die Präsenz der Kirche in der Universität
nach einem gemeinsamen Zeugnis aller Christen. Dieses von seiner missionarischen
Dimension untrennbare ökumenische Zeugnis stellt einen wichtigen Beitrag für
die Einheit der Christen dar. Gemäß den Formen und in den Grenzen,
die von der Kirche festgelegt sind, und ohne daß die den katholischen Gläubigen
zustehende pastorale Sorge Schaden nimmt, wird diese ökumenische
Zusammenarbeit, die eine entsprechende Vorbereitung voraussetzt, in besonderer
Weise beim Studium sozialer Fragen und allgemein in der Vertiefung all jener
Fragen fruchtbringend sein, die mit dem Menschen und dem Sinn seiner Existenz
und seines Handelns verbunden sind.6
2. Entwicklung des Apostolats der Laien, besonders der Lehrenden
»Die christliche Berufung ist ihrer Natur nach auch eine Berufung
zum Apostolat. «7 Diese Aussage des Zweiten Vatikanischen Konzils,
angewandt auf die Hochschulseelsorge, ist ein eindringlicher Appell an die
Verantwortung der katholischen Lehrenden, Intellektuellen und Studenten. Das
apostolische Engagement der Gläubigen ist ein Zeichen der Vitalität
und des geistlichen Fortschritts der ganzen Kirche. Dieses Bewußtsein
einer apostolischen Verpflichtung der Universitätsangehörigen
weiterzuentwickeln, geht in die von den pastoralen Orientierungen des Zweiten
Vatikanischen Konzils aufgezeigte Richtung. So soll der Glaube im Zentrum der
universitären Gemeinschaft zur wirksamen Quelle eines neuen Lebens und
einer authentischen christlichen Kultur werden. Die gläubigen Laien
erfreuen sich einer legitimen Autonomie, um ihre spezifische apostolische
Berufung auszuüben. Um diese zu fördern, sind die Hirten eingeladen,
diese Besonderheit nicht nur anzuerkennen, sondern sie eifrig zu unterstützen.
Dieses Apostolat entsteht und entwickelt sich ausgehend von beruflichen
Beziehungen, von gemeinsamen kulturellen Interessen und vom täglichen
gemeinsamen Leben in den verschiedenen Bereichen der universitären Aktivitäten.
Das persönliche Apostolat der katholischen Laien ist »Ursprung und
Voraussetzung jedes Apostolates der Laien, auch des gemeinschaftlichen, und kann
durch nichts ersetzt werden«.8 Dennoch bleibt es notwendig und
dringend, daß die Katholiken, die in der Universität präsent
sind, ein Zeugnis der Gemeinschaft und der Einheit geben. In dieser Hinsicht
sind die kirchlichen Bewegungen besonders wertvoll.
Die katholischen Universitätslehrer spielen eine fundamentale Rolle für
die Präsenz der Kirche in der universitären Kultur. Ihre Qualität
und ihre Bereitschaft können sogar in manchen Fällen die
Unvollkommenheiten der Strukturen ersetzen. Indem das apostolische Engagement
des katholischen Lehrers der Wertschätzung der Personen und dem Dienst an
ihnen, Kollegen wie Studenten, Priorität einräumt, bezeugt er ihnen
den neuen Menschen, »der stets bereit ist, jedem Rede und Antwort zu
stehen, der nach der Hoffnung fragt, die ihn erfüllt, aber bescheiden und
ehrfürchtig« (vgl. 1 Petr 3, 15-16). Die Universität ist
sicher ein begrenzter Sektor der Gesellschaft, aber sie übt dort einen
Einfluß aus, der ihre quantitative Dimension qualitativ weit übersteigt.
Im Gegensatz dazu scheint jedoch die Gestalt des katholischen Intellektuellen
aus verschiedenen universitären Bereichen fast verschwunden zu sein,
wodurch es den Studenten schmerzlich an echten Lehrmeistern mangelt, deren verläßliche
Anwesenheit und Verfügbarkeit für die Studenten eine qualitativ
hochstehende kameradschaftliche Begleitung garantiert.
Das Zeugnis des katholischen Lehrers besteht sicher nicht.darin, daß
er die Wissenschaften, die er unterrichtet, mit konfessionellen Themen überlagert,
sondern darin, den Horizont für letzte und grundlegende Fragen zu öffnen
durch die stimulierende Bereitschaft, dem oft unausgesprochenen Verlangen der
Jugendlichen nach Anhaltspunkten und Sicherheit, nach Orientierung und Zielen
aktiv nahe zu sein. Ihr zukünftiges Leben in der Gesellschaft hängt
davon ab. Mit noch größerem Recht erwarten Kirche und Universität
von den Priestern, die als Professoren an der Universität lehren, eine
Kompetenz auf hohem Niveau und die aufrichtige Gemeinschaft mit der Kirche.
Die Einheit entfaltet sich in der Verschiedenheit, ohne dabei der Versuchung
zu erliegen, alle Aktivitäten vereinheitlichen oder gleichschalten zu
wollen: die Unterschiedlichkeit der Anregungen und der apostolischen Mittel ist
weit davon entfernt, im Gegensatz zur kirchlichen Einheit zu stehen, sondern
fordert und bereichert sie vielmehr. Die Hirten werden den legitimen
Charakteristika des universitären Geistes Rechnung tragen: Verschiedenheit
und Spontaneität, Respekt vor der persönlichen Freiheit und
Verantwortung, Widerstand gegen jede Form aufgezwungener Vereinheitlichung.
Es ist richtig, die katholischen Bewegungen oder Gruppen zu ermutigen, die
gerufen sind, sich zu vermehren und zu entwickeln, aber es ist ebenso wichtig,
die katholischen Laienvereinigungen anzuerkennen und zu beleben, deren universitäres
Apostolat sich durch eine lange und fruchtbare Tradition empfiehlt. Ausgeübt
durch di Laien, ist das Apostolat in dem Maß fruchtbringend, in dem es
kirchlich ist. Bei den Kriterien für eine diesbezügliche Bewertung
wird jenes der Kohärenz der verschiedenen Engagements mit der katholischen
Lehre und Identität noch durch das der moralischen und beruflichen
Vorbildhaftigkeit ergänzt, die eine wirksame Authentizität des
Laienapostolates verbürgen, dessen Uterpfand das geistliche Leben ist.
SCHLUSSÜBERLEGUNG
Unter den vielen Feldern des Apostolates und der Aktivitäten, für
die die Kirche Verantwortung trägt, gehört die universitäre
Kultur zu den vielversprechendsten, aber auch zu den schwierigsten. Die
apostolische Präsenz und Aktivität der Kirche in diesem besonderen
Umfeld mit einem solchen Einfluß auf das soziale und kulturelle
Leben der Nationen, daß von ihm in hohem Maß die Zukunft der Kirche
und der Gesellschaft abhängt , werden auf institutioneller wie auf
persönlicher Ebene, und zwar mit entsprechender Unterstützung durch
Priester und Laien, durch das Verwaltungspersonal, durch Lehrende und
Studierende, ausgeübt.
Die Konsultation und die Begegnungen mit zahlreichen Bischöfen und
Universitätsangehörigen haben die Bedeutung der Zusammenarbeit
zwischen den verschiedenen interessierten kirchlichen Stellen klar aufgezeigt.
Die Kongregation für das Katholische Bildungswesen, der Päpstliche Rat
für die Laien und der Päpstliche Rat für die Kultur erklären
erneut ihre Bereitschaft, einen solchen Austausch zu unterstützen und
Begegnungen zu fördern, auf der Ebene von Bischofskonferenzen und
internationalen katholischen Organisationen, wie auch von Kommissionen für
Unterricht, für Erziehung und für Kultur, die in diesem besonderen
Bereich tätig sind.
Als Dienst an den Personen, die in der Universität engagiert sind, und
durch sie als Dienst an der Gesellschaft, fügt sich die Präsenz der
Kirche im universitären Milieu in den Prozeß der Inkulturation des
Glaubens als Erfordernis der Evangelisierung ein. An der Schwelle eines neuen
Jahrtausends, für das die universitäre Kultur eine sehr bedeutsame
Komponente darstellen wird, ist die Verpflichtung, das Evangelium zu verkünden,
noch dringlicher geworden. Sie ruft nach Glaubensgemeinschaften, die fähig
sind, die Frohe Botschaft Christi all jenen zu übermitteln, die sich im
Kontext der universitären Kultur bilden, dort lehren und ihre Tätigkeit
ausüben. Die Dringlichkeit dieses apostolischen Einsatzes ist groß,
denn die Universität ist einer der fruchtbarsten Orte, an denen Kultur
geschaffen wird.
»Die Kirche weiß um die dringende pastorale Notwendigkeit,
der Kultur besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Sie fordert darum die Laien auf,
sich mutig und kreativ an den privilegierten Orten der Kultur, wie der Welt der
Schulen und Universitäten, der Milieus wissenschaftlicher und technischer
Forschung, den Orten des künstlerischen Schaffens und humanistischen
Nachdenkens eine Präsenz zu verschaffen. Diese Präsenz soll nicht nur
die Elemente der gegenwärtigen Kultur erkennen, kritisch beurteilen und
gegebenenfalls läutern, sondern sie mit Hilfe des ursprünglichen
Reichtums des Evangeliums und des christlichen Glaubens auf eine höhere
Ebene erheben.«9
Vatikanstadt, den 22. Mai, am Pfingstfest 1994
PIO Kard. LAGHI Präfekt der Kongregation für das
Katholische Bildungswesen
EDUARDO Kard. PIRONIO Präsident das Päpstlichen
Rates für die Laien
PAUL Kard. POUPARD Präsident das Päpstlichen Rates
für die Kultur
1 Ein Beispiel für diese pastorale Sorge des Lehramtes der Kirche sind
die Ansprachen Seiner Heiligkeit Papst Johannes Panl II. an die Universitäten.
Vgl. GIOVANNI PAOLO II: Discorsi alle UniversiKa, Camerino 1991. Für
eine besonders bedeutsame Zusammenfassung in dieser Hinsicht siehe die Ansprache
an die Teilnehmer des Arbeitstreffens über das Thema der
Hochschulseelsorge, in: Insegnamenti di Giovanni Paolo II, V/1, 1982,
pp. 771-781.
2 Diese Zusammenfassung, die von Kardinal Paul Poupard im Namen der drei
Dikasterien öffentlich vorgestellt wurde, ist am 25. märz 1988
publiziert und in verschiedenen Sprachen veröffentlicht worden. Vgl. La
Documentation Catholique, n. 1964, 19 juin 1988, pp. 623-628; Origins,
vol. 18,n.7, june 30, 1988, pp. 109-112; Ecclesia, n.2381, 23 de
julio l988, pp. 1105-1110; La Civiltà Cattolica, an. 139, 21
maggio 1988, n. 3310, pp. 364-374.
3 Vgl. JOHANNES PAUL II., Apostolische Konstitution "Ex Corde
Ecclesiae", 15. August 1990, n. 1.
4 JOHANNES PAUL II., Schreiben zur Errichtung des Päpstlichen Rates
für die Kultur, 20. Mai 1982, in: AAS, t. 74, 1983, pp. 683-688.
5 Vgl. JOHANNES PAUL II., Enzyklika "Veritatis Splendor",
nn. 30-31.
6 Vg1. PÄPSTE. RAT ZUR FÖRDERUNG DER EINHEIT DER CHRISTEN, Direktorium
zur Ausführung der Prinzipien und Normen über den Ökumenismus,
Vatikanstadt 1993, nn. 211-216.
7 ZWEITES VATIKANISCHES KONZIL, Dekret über das Apostolat der Laien
Apostolicam Actuositatem", n. 2.
8 Ebd., n. 16.
9 JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben "Christifideles
Laici", Über die Berufung und Sendung der Laien in Kirche und
Welt, 30. Dezember 1988, n. 44.
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