Kardinal Alfonso López Trujillo
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Kardinal Alfonso López Trujillo
Präsident des
Päpstlichen Rates für die Familie

DIE FAMILIE:
GESCHENK UND VERPFLICHTUNG,
HOFFNUNG DER MENSCHHEIT

Einleitung

 

Dieses Thema, das die Grundelemente der Familie ausdrückt und zusammenfaßt, öffnet Verstand und Herz für eine umfassende Sicht der Familie, der die Gewißheit zugrunde liegt, daß der Herr in der Hauskirche gegenwärtig ist: „Der Herr ist mit euch", schreibt der Nachfolger Petri in seinem Schreiben an die Familie Gratissimam sane (Nr. 18). Diese Gegenwart des Herrn, der „das Haupt der Kirche ist" (Eph 5,23) und der den Familien eine ungeheure Kraft verleiht (vgl. Eph 5,27) ist die Ursache und der Grund für diese Gewißheit. Sie verleiht der Hoffnung Beständigkeit, so daß wir uns auf die Zukunft, die in Gottes Hand liegt, ausstrecken und zugehen können. Johannes Paul II. sagt in seinem Apostolischen Schreiben Tertio millennio adveniente: „Es ist daher notwendig, daß die Vorbereitung auf das Große Jubeljahr in gewisser Weise über jede Familie läuft" (Nr. 28). Der Papst hatte bereits geschrieben, daß „die Zukunft der Menschheit über die Familie läuft" (FC 86).

Bei der Behandlung des Themas, die aus verschiedenen Gründen nur einführend sein kann, haben wir einen christologischen Ansatz gewählt, da die Überlegungen und das Gebet in diesem Jahr des besonderen Weges der dreijährigen Vorbereitung auf das Jubiläum 2000 unter folgendem Thema stehen: „Jesus Christus, alleiniger Retter der Welt, gestern, heute und in Ewigkeit" (TMA 40).

Das Thema „Die Familie: Geschenk und Verpflichtung, Hoffnung der Menschheit", das wir nun erläutern möchten, ist sowohl Thema des Welttreffens der Familien als auch des internationalen pastoraltheologischen Kongresses.1

Nach dem Jahr der Familie bietet dieses Thema, das der Heilige Vater gewählt hat, nun die Gelegenheit, die zahlreichen Möglichkeiten der Familie in diesem Augenblick der Geschichte sowie die Herausforderungen und Schwierigkeiten, die sie bewältigen muß, zu vertiefen. Der erste pastoraltheologische Kongreß (Oktober 1994) stand unter folgendem Thema: „Die Familie: Herz der Zivilisation der Liebe". Seine Akten sind bereits veröffentlicht.

In den letzten Jahren veranstalteten die Vereinten Nationen zahlreiche internationale Konferenzen, die wir im sogenannten Weg von Rio nach Istanbul, oder genauer gesagt von der Umweltkonferenz in Rio de Janeiro (1992), zur Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung in Kairo (1994), der Weltfrauenkonferenz in Peking (1995) zur Konferenz von Istanbul Habitat II (1996) darstellen können. Hinzu kommt die Welternährungskonferenz im Jahr 1996 im Sitz der FAO in Rom. Diese politischen Ereignisse waren ganz eng miteinander verbunden, um nicht von einer beabsichtigten Verknüpfung zu sprechen.

Sicherlich hilfreich ist der Hinweis, daß im Mittelpunkt die auf der Ehe gegründete Familie steht, und zwar als natürliche Institution mit speziellen Zielen und Gütern, als Grundzelle der Gesellschaft, deren Wahrheit im Herzen und im Leben der Völker verwurzelt ist — weshalb sie zu ihrem kulturellen Erbe gehört —, als Wirklichkeit, die sich den Völkern aller Zeiten, den Gläubigen und Ungläubigen eröffnet. Unsere Überlegungen beschränken sich nicht nur auf das, was mit der Vernunft erfaßbar ist, sondern wir betrachten vor allem die sakramentale Dimension der Ehe mit dem überströmenden Reichtum, den uns der Glaube schenkt. Das Konzil hat dies herausgestellt (vgl. Gaudium et spes, 49).

1. Die Familie

Das geschichtliche Umfeld der Familie ist von einer Reihe von Veränderungen und wechselnden Denkweisen geprägt, die manchmal voller Widersprüche sind. Es stellt daher in gewisser Weise ihre Daseinsberechtigung und Bedeutung sowie ihre spezifischen und unersetzbaren Wesenszüge in Frage, die im Plan des Schöpfergottes verwurzelt sind. Daher ist es heute unumgänglich geworden, auf dem Artikel Die (in der Einzahl) zu bestehen, wenn man von der Familie spricht.

Man muß den Gebrauch des Singulars mit allem Nachdruck betonen: Die Familie, da heute immer häufiger der Plural Die Familien gebraucht und implizit das Modell der auf der Ehe gegründeten Familie als auf das Leben offene Lebens- und Liebesgemeinschaft zwischen einem Mann und einer Frau geleugnet wird. In Verbindung mit dem Begriff ursprünglich und im Singular, Die Familie, hat der Papst auf ihre philosophischen und anthropologischen Grundlagen hingewiesen und durch sein Lehramt viel zur Klärung verschiedener Gesichtspunkte beigetragen.2

Bewahrt man das von Gott gewollte Modell der Familie ohne falsche Scham und unangemessene Nachgiebigkeit, hütete man sich vor einer oberflächlichen und voreiligen Betrachtung. Ehe und Familie sind nämlich nicht als Frucht des menschlichen Willens, als Ergebnis von änderbaren Übereinkünften zu verstehen. Solche Konsense und Übereinkünfte bieten Stabilität und Identität nicht als Reichtum dar, sondern eher als Schwierigkeit, so daß die Einheit der Ehe ständig in Frage gestellt und die Familie als solche geschwächt, ja der Auflösung preisgegeben wird.

Im Buch Genesis 2,24 erklärt der Herr feierlich das göttliche Gebot, das von Anfang an, das heißt seit der Schöpfung gilt („ab initio"), und zwar als vom Schöpfer gewolltes Modell. Es gibt daher seit der Schöpfung eine von Gott festgesetzte Ordnung (ajp_ arch~", Mt 19,4): „Habt ihr nicht gelesen, daß der Schöpfer die Menschen am Anfang als Mann und Frau geschaffen hat und daß er gesagt hat: Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein? Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen."3 Der Katechismus der Katholischen Kirche zitiert in diesem Zusammenhang den Kommentar von Tertullian: „Keine Trennung im Geist, keine Trennung im Fleisch, sondern wahrhaft zwei in einem Fleisch. Wo das Fleisch eines ist, dort ist auch der Geist eins" (KKK, Nr. 1642). Es gilt hier zu bedenken, daß „Fleisch" in der Sprache der Bibel nicht nur den Leib des Menschen, sondern den Menschen als Person bezeichnet. Paulus bezieht sich in seinem Brief an die Epheser auch auf den Abschnitt aus dem Buch Genesis (vgl. Eph 5,31) und bezeichnet die Ehe vor dem Hintergrund der Beziehung zwischen Christus und seiner Kirche als „großes Geheimnis (to; mush~rion [...] mevga) (Eph 5,32). Das „mevga" (das große Geheimnis, im Prozeß, auf den die Schrift anspielt) gründet in der Tatsache, daß der Mensch (a]nqrwpo": Adam) Typus (tupo;") der Liebe Christi und der Kirche ist.4

Der entscheidende Begriff, um das obengenannte Thema zu verstehen, ist das Wort Geschenk, das seinen Ursprung in Gott hat, dem Geber alles Guten (vgl. Jak 1,17). Es geht um ein Geschenk in der Kirche („Geschenk der Kirche") und durch sie, das heißt durch die Hauskirche.

Das Geschenk, das sich die künftigen Eheleute in der entsprechenden freien und ausdrücklichen Annahme gegenseitig machen, der Konsens, stellt ein „unerläßliches Element des Ehebundes" (KKK, Nr. 1642) dar. Es ist besser, wenn die Brautleute die Formel auswendig lernen, damit sie den „personal freien Akt, in dem sich die Eheleute gegenseitig schenken und annehmen" (KKK, Nr. 1627) ganz persönlich und in ihrer ganzen Bedeutung vollziehen können.

Man kann daher sagen: Wenn die Kirche in den verschiedenen Phasen auf einer angemessenen Vorbereitung auf die Ehe besteht, so versucht sie sicherzustellen, daß das Ja der Eheleute eine feste und sichere Grundlage hat (vgl. KKK Nr. 1632), da es selbst die Grundlage der Güter und Pflichten der ehelichen Liebe bildet. Hierin liegt der Schlüssel zu einer geglückten Ehe, wie es in der dritten Segensformel über die Eheleute heißt: „[...] damit sie in der gegenseitigen Hingabe ihr Glück finden." Die liturgische Feier muß alles zum Ausdruck bringen, was implizit in dieser gegenseitigen Hingabe der Eheleute und in der Hingabe der Eheleute an die Kirche bzw. Gott mit der Liebe gegeben ist, die in ihre Herzen eingegossen ist.5

Die gewissenhafte und ständige Hingabe der Eheleute, die den Konsens vor der Kirche voraussetzt und ausdrückt, „bringt sichtbar zum Ausdruck, daß die Ehe eine kirchliche Lebensform ist" (KKK Nr. 1630; vgl. 1631), eine öffentliche Verpflichtung, ein Band, „das von Gott selbst geknüpft wird" (KKK Nr. 1640), eine unwiderrufliche Wirklichkeit, die die Treue der Eheleute zueinander und gegenüber der Treue Gottes verlangt, wie er es in seiner göttlichen Weisheit verfügt hat. Christus ist mit seiner mächtigen Beharrlichkeit in den Herzen der freien Menschen gegenwärtig, in einem täglich erneuerten Akt, durch den die Eheleute sozusagen gesegnet sind („veluti"), wie es in der Konzilskonstitution Gaudium et spes (Nr. 48) heißt. Die Eheleute können außerhalb dieser Wahrheit, die den Sinn ihrer Freiheit bereichert, weder glücklich werden, noch ihre Erfüllung finden. Die Eheleute schenken sich gegenseitig in Christus, der ihnen entgegengeht und ihnen die notwendige Kraft verleiht, um die Grenzen einer verwundeten, bedürftigen Freiheit zu überwinden, damit sie aufrichtig sagen können: „Ich [...] nehme dich [...] an als meine Frau (als meinen Mann) und verspreche, dir die Treue [...] solange ich lebe."6 Diese Worte, welche die Brautleute einander sagen, während sie sich die Hand reichen, sind ausdrucksstark und müssen den Eheleuten wie eine Warnung vor den Gefahren eines Verrats an der Liebe erscheinen, den die Welt als Recht und sogar als Befreiung vorgibt. In einem solchen Fall würde ihr Wort aber bedeutungslos, ihre Handlung leer und unglücklich.

2. Geschenk und Verpflichtung

Die auf der Ehe gegründete Lebens- und Liebesgemeinschaft („des ganzen Lebens", wie es im Codex des kanonischen Rechts heißt, can. 1055) hat ein „unerläßliches Element, das „die Ehe [darstellt], die durch dessen gegenseitige Kundgabe ‚zustande' kommt" (vgl. KKK, Nr. 1626).

Nach dem Katechismus der Katholischen Kirche besteht der Konsens „in dem ‚personal freien Akt, in dem sich die Eheleute gegenseitig schenken und annehmen' (GS 48,1)" (KKK, Nr. 1626). Dieses gegenseitige Sich-Schenken erfolgt durch das feierliche Versprechen in Verbindung mit jenen äußeren Zeichen, die den Willen zur gegenseitigen Hingabe zum Ausdruck bringen. Das Geschenk, das die Eheleute einander machen, die Person, ist nur wirklich Geschenk, wenn es angenommen wird — wie der Katechismus weiter unten sagt: „‚Ich nehme dich zu meiner Frau'; ‚Ich nehme dich zu meinem Mann'. Dieser Konsens, der die Brautleute aneinander bindet, wird dadurch vollzogen, daß die beiden ein Fleisch werden." (KKK, Nr. 1627).

Der Konsens als Ausdruck der Hingabe, der die Ehe, „den Ehebund" und eine „Gemeinschaft des ganzen Lebens" begründet (KKK, Nr. 1601) ist ein Geschenk Gottes. In ihm hat es seinen Ursprung und seinen Urheber. Wenn die Eheleute sich einander schenken, werden sie zu einem Geschenk Christi, der der Frau den Mann und dem Mann die Frau gibt. Da die Ehe „die innige Gemeinschaft des Lebens und der Liebe in der Ehe vom Schöpfer begründet" ist, ist „Gott selbst Urheber der Ehe" (GS 48,1). Wie das II. Vatikanische Konzil weiter sagt, „begegnet nun der Erlöser der Menschen und der Bräutigam der Kirche durch das Sakrament der Ehe den christlichen Gatten" (GS 48,2).

Diesen von Gott am Anfang gewollten Schöpfungsplan heiligt und erhebt Christus feierlich zur Würde eines Sakraments. Gott verbindet im Ehesakrament zu der Gemeinschaft, die er als Schöpfer nach seinem göttlichen Willen als Institution begründet und „mit eigenen Gesetzen geschützt hat" (KKK, Nr. 1603), so daß sie nicht der menschlichen Willkür unterworfen ist. Die biblische Theologie zeigt ja bekanntlich schrittweise im Rahmen einer bestimmten Anthropologie, daß die Berufung zur Gemeinsamkeit, zur Komplementarität, zur Annahme ins Herz des Menschen eingeschrieben ist, und dies bereits bei den Stammeltern. In dieser Verbindung, deren Urheber er selbst ist, verpflichtet und entwirft sich Gott selbst im Horizont seines Bundes mit der Menschheit bzw. des Bundes Christi mit der Kirche. Max Thurian hat daher mit besonderem Nachdruck geschrieben: „Es handelt sich nicht um einen einfachen Vertrag, der in gegenseitiger Treue eingegangen wird. Gott in Person verwirklicht dieses Geheimnis der Einheit und schützt sie vor den Gefahren des Zerfalls. Das ist das Hauptmerkmal der christlichen Ehe. Die Ehe ist eine Verbindung in Gott und von Gott [...]."7

Die christliche Ehe steht in einer unmittelbaren Beziehung zum Bund Christi. In diesem Sinn ist der Konsens nicht nur ein Akt zwischen zwei Menschen, sondern eine „Dreierbeziehung" (der Ausdruck stammt von Carlo Rocchetta), ein Ja, das im Ja Christi zur Kirche gesprochen wird. Der Konsens der Brautleute darf daher nicht von der Zugehörigkeit zu Christus getrennt werden. „Das tradere seipsum Christi an die Kirche bestimmt letztlich in seiner Tiefe das tradere seipsum der Brautleute."8

Was Gott zu „einem Fleisch" verbunden hat, darf der Mensch weder seiner Willkür und Launen unterwerfen, noch darf er darüber eigenmächtig bestimmen. Die Ehe ist kein Konsens im Sinne eines Ergebnisses gegenseitigen menschlichen Einvernehmens, sondern eine Institution, die einen heiligen Ursprung hat: den Willen des Schöpfers. Sie ist kein großzügiges Geschenk der Parlamente, kein Ergebnis eines politischen Schachzugs der Gesetzgeber. Die souveräne Herrschaft liegt bei Gott; er kommt dem Menschen entgegen und macht ihm dieses Geschenk. Joachim Gnilka schreibt in seinem Kommentar zum Matthäusevangelium: „‚Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen' (Mt 19,6) ist nur verständlich, wenn man von der Voraussetzung ausgeht, daß Gott jedes Brautpaar verbindet."9

Das mit dem „unwiderruflichen und personalen" Jawort übereignete Geschenk, das den Ehebund begründet, trägt das Siegel und die Qualität einer endgültigen und ganzen Schenkung (vgl. KKK, Nr. 2364).

Die Hingabe, die soweit reicht, daß beide „ein einziges Fleisch bilden", ist eine Hingabe der Person, die im Herrn begründet ist. Wie aus dem Eheversprechen deutlich hervorgeht, werden durch den Konsens keine materiellen Geschenke gemacht. Da es sich nach dem Plan des Schöpfers um die Hingabe einer Person handelt, kann man nach dem Versprechen, auch nicht von Besitz und Herrschaft sprechen, wie dies bei materiellen Dingen der Fall ist. Daher stellt die Hingabe auch keine Zerstörung der Person, sondern ihre Verwirklichung in der Dialektik der Liebe dar. In dieser Liebe sieht der eine Ehepartner im anderen kein Objekt, kein Instrument, das man besitzt und gebraucht, sondern das Geheimnis seiner Person, auf deren Antlitz sich die Züge der Gottebenbildlichkeit abzeichnen. Nur ein adäquates Verständnis der „Wahrheit des Menschen", der Anthropologie, die die Würde von Mann und Frau schützt, ermöglicht es, der Versuchung zu widerstehen, den anderen als Objekt zu behandeln und die Liebe als Verführung zu begreifen. Wahre Liebe erniedrigt und zerstört nicht, sondern erhebt und erfüllt. Nur vor diesem Hintergrund versteht und begreift man den Begriff des Geschenks, der von Egoismus und inhaltsleerer Liebe befreit. Ohne diesen Begriff bedeutet Liebe letztlich nur Ungenügsamkeit und Instrumentalisierung, da sie die Verbindung einfach nur an eine Befriedigung ohne Verantwortung und Beständigkeit knüpft und ihr eine Freiheit zugrunde liegt, die weit von der Wahrheit entfernt ist und daher entwürdigt.

Die Erklärung der Konzilskonstitution drängt sich daher in ihrer ganzen Gültigkeit sozusagen als kategorischer Imperativ auf: „Der Mensch, der auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur ist, kann sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden" (GS 24,3). Der Mensch besitzt in der Tat die Würde eines Ziels und nicht eines Instruments oder einer Sache, und als Person ist er fähig, nicht nur etwas zu geben, sondern sich selbst hinzugeben.

Die Eheleute werden in ihrer gegenseitigen Hingabe, in der Dialektik ihrer Ganzhingabe „ein Fleisch", eine Einheit von Personen, eine „communio personarum", und zwar von ihrem eigenen Sein aus durch die Vereinigung von Leib und Seele. Sie schenken sich in der Kraft ihres Geistes und durch ihren Leib in der Wirklichkeit einer Liebe, in der die Sexualität im Dienst einer Sprache steht, die diese Hingabe ausdrückt. Wie das Apostolische Schreiben Familiaris consortio es ausdrückt, „ist die Sexualität, in welcher sich Mann und Frau durch die den Eheleuten eigenen und vorbehaltenen Akte einander schenken, keineswegs etwas rein Biologisches, sondern betrifft den innersten Kern der menschlichen Person als solcher. Auf wahrhaft menschliche Weise wird sie nur vollzogen, wenn sie in jene Liebe integriert ist, mit der Mann und Frau sich bis zum Tod vorbehaltlos einander verpflichten" (FC 11).

Der ganze Reichtum des biblischen Ausdrucks „ein einziges Fleisch" läßt sich nur schwer erfassen. In seinem Brief an die Familien erklärt der Heilige Vater eingehend die Bedeutung dieses Ausdrucks sowie des ehelichen Akts im Licht der Werte „Person" und „Geschenk", die in der biblischen Sicht bereits enthalten sind. Der Papst bietet eine genaue Analyse der Begriffe in den verschiedenen Schriften und schreibt in Gratissimam sane: „Das Zweite Vatikanische Konzil, das dem Problem des Menschen und seiner Berufung besondere Aufmerksamkeit widmete, führt aus, daß die eheliche Vereinigung, das biblische ‚ein Fleisch', nur dann vollkommen verstanden und erklärt werden kann, wenn man auf die Werte der ‚Person' und der ‚Hingabe' zurückgreift. Jeder Mann und jede Frau verwirklichen sich vollständig durch die aufrichtige Hingabe ihrer Selbst, und der Augenblick der ehelichen Vereinigung stellt für die Eheleute davon eine ganz besondere Erfahrung dar. Da werden der Mann und die Frau in der ‚Wahrheit' ihrer Männlichkeit und Weiblichkeit zu gegenseitiger Hingabe. Das ganze Leben in der Ehe ist Hingabe; in einzigartiger Weise wird das aber offenkundig, wenn die Ehegatten durch ihr gegenseitiges Sich-Darbringen in der Liebe jene Begegnung vollziehen, die aus den beiden ‚ein Fleisch' macht (Gen 2,24). Sie erleben also auch wegen der mit dem ehelichen Akt verbundenen Zeugungsfähigkeit einen Augenblick besonderer Verantwortung. Die Ehegatten können in jenem Augenblick Vater und Mutter werden, indem sie die Entstehung einer neuen menschlichen Existenz hervorrufen, die sich dann im Schoß der Frau entwickeln wird" (Gratissimam sane, 12).

In diesem Sinne kommentiert Johannes Paul II. das „Geheimnis der Weiblichkeit" in seiner Katechese über die menschliche Liebe und stellt vor dem Hintergrund von Gen 4,1 fest: „Das Geheimnis der Weiblichkeit äußert und offenbart sich letztlich durch die Mutterschaft, wie der Text sagt: „Sie empfing und gebar." Die Frau steht vor dem Mann als Mutter, als Trägerin des neuen menschlichen Lebens, das in ihr empfangen wurde, sich in ihr entwickeln und aus ihr geboren wird. So offenbart sich letztlich auch das Geheimnis der Männlichkeit des Mannes, das heißt die zeugende und ‚väterliche' Bedeutung seines Leibes." Und in der Fußnote betont der Papst: „Die Vaterschaft ist in der Heiligen Schrift eine der offenkundigsten Dimensionen des Menschseins."10 Wir kommen darauf zurück, wenn wir über das Kind als Geschenk sprechen.

Im Licht der Theologie der Hingabe erörtert der Papst die Körpersprache und die Gesamtheit der Ausdrucksformen und Bedeutungen als personales Geschenk, als Geschenk der menschlichen Person. „Als Spender eines Sakraments, das durch den Konsens zustande kommt und durch die eheliche Vereinigung vollzogen wird, sind Mann und Frau berufen, jene geheimnisvolle ‚Sprache' ihres Leibes in der ganzen Wahrheit, die ihnen eigen ist, zum Ausdruck zu bringen. Durch Gesten und Reaktionen, durch die ganze Dynamik, Spannung und Freude, die jeweils vom anderen abhängig ist und unmittelbar aus dem Leib in seiner Männlich- bzw. Weiblichkeit entspringen, aus dem Leib in seiner Aktion und seiner Interaktion, ‚spricht' der Mensch, die Person [...]. Und auf dieser Ebene der ‚Körpersprache' — die mehr ist als bloße sexuelle Reaktivität und die als authentische Sprache der Person den Forderungen der Wahrheit unterworfen ist, das heißt objektiven moralischen Normen — drücken Mann und Frau sich selbst gegenseitig in vollkommener und tiefer Weise aus, insofern es ihnen die somatische Dimension des Mannseins und Frauseins erlaubt: Mann und Frau drücken sich selbst im Rahmen der ganzen Wahrheit ihrer Person aus."11 Diese personale Beziehung und Dimension, die die Offenbarung als „ein einziges Fleisch" bezeichnet, bringt eine Relation in Gott zum Ausdruck, insofern das Ehepaar als solches Ebenbild Gottes ist. „Wir können daraus schließen, daß der Mensch nicht nur durch seine menschliche Natur Gottes ‚Bild und Gleichnis' geworden ist, sondern auch durch die Gemeinschaft der Personen."12

Und diese Wahrheit erhebt die Geschlechtlichkeit zu ihrer eigentlichen Würde und verleiht der Geschlechtserziehung einen zu vermittelnden Inhalt, der diesen Namen verdient. Sie macht die Größe der Geschlechtlichkeit, ihre personale Dimension als Sprache der Liebe deutlich: Geschenk, Annahme, Verpflichtung, die die Person nicht in sich selbst oder in einem geschlossenen Kreislauf der Lust ohne Offenheit verschließt, sondern sie bis zu Gott erhebt und neue Dimensionen von Ewigkeit erreicht. Das heißt sie beschränkt sich nicht auf zeitliche Akte und leidet nicht unter dem Verschleiß der Zeit, sondern sie erhebt sich bis zur Quelle der Liebe.

Prägt dieser Ausdruck in einer menschlichen, personalen, ganzheitlichen Sprache nicht das Leben im Sinne einer tiefen Verpflichtung? Auch nach dem Tod eines der beiden Gatten bleibt in gewisser Weise etwas von dieser Beziehung zurück. Wir wollen hier auch nicht im entferntesten das Recht des Witwers oder der Witwe in Frage stellen, wieder zu heiraten. Betrachtet man vor allem gewisse sehr bedeutende Gebete der byzantinischen Liturgie, so findet man darin keine besonderen Worte des Lobes, sondern eher der Erlaubnis, der Duldung. Eine Erklärung scheint sich uns in der Art der angenommen Beziehung aufzutun, die der Person, die in den Strom der Hingabe eingetaucht ist, eigentlich nicht gleichgültig bleibt.

Es ist notwendig, den Sinn des Geschenks wiederzugewinnen. Es gilt ihn von einer Kultur zu befreien, die die Würde von Mann und Frau gefährdet und die personale Beziehung der Eheleute zerstört, als ob die Hingabe nicht den tiefsten Anlagen der Persönlichkeit entspräche, als ob eine Wissenschaft, die diesen Namen verdient, nicht der Wahrheit des Menschen untermauern könnte.

Es ist hier nicht der rechte Ort, um sich auf Überlegungen einzulassen, die unser Dikasterium in einem anderen Dokument vorgetragen hat. Gemeint ist hier jenes Dokument, dessen Titel bereits seinen zentralen Inhalt ankündigt: „Menschliche Sexualität: Wahrheit und Bedeutung". Auch die Errungenschaften der Vernunft, die Erkenntnisse einer Wissenschaft, die sich wirklich dem Sein des Menschen nähert, erkennen diese Sicht im wesentlichen an. Es handelt sich dabei um eine Entworfenheit, die den Egoismus überwindet und sich auf den anderen hin entwirft. Sie ist selbstlos und zum Beispiel dem Denken von Freud nicht fremd. Heute könnte man eine Banalisierung der Sexualität verurteilen, die bei Vorstufen und vorläufigen Phasen stehenbleibt. Durch ihr unreifes Verhalten, das die Sprache der Liebe und die Wahrheit zerstört, verschließen und isolieren sich Mann und Frau in ihrem Egoismus in sich selbst und werden so dessen eigene Opfer.

Eine falsche Kultur führt dazu, daß die Brautleute zur Trauung nur allzuoft mit einer schwer angeschlagenen Persönlichkeit kommen, die für die spätere Ehe gleichsam eine Zeitbombe ist. Einige Schriftsteller und Schriftstellerinnen wie zum Beispiel Marguerite Yourcenar haben in ihren Werken gezeigt, daß die Sprache der Geschlechtlichkeit als harmonisches und artikuliertes Verhalten, welches den Anfang der Wahrheit darstellt, nicht auf die rein biologische Dimension verkürzt werden darf. Wir möchten hier einige Aussagen aus Yourcenars „Memoires d'Hadrien" wiedergeben, da sie, wie uns scheint, die Wahrheit, die das Lehramt zu verkünden beabsichtigt, gut erläutern. Sie sagt, die Sprache der Gesten und Berührungen verlaufe vom Rand unserer Erfahrungswelt zum Zentrum und werde unerläßlicher als wir selbst. Es käme zu dem wunderbaren Phänomen, in dem ich nicht ein bloßes Spiel des Fleisches, sondern eine Annahme des Fleisches durch den Geist sehe, und zwar im Geheimnis der Würde des anderen. Es bestehe darin, daß es mir diesen Anhaltspunkt der anderen Welt schenke.13

Diese Wahrheiten werden also nicht nur in der Welt des Glaubens erkannt. Sie geben der Sexualität — die in einer Konsumgesellschaft sehr einem Gebrauchsgegenstand ähnelt: Man gebraucht und wirft weg! — ihre Größe zurück und befreien sie von Entleerung und instrumentellem Gebrauch. Auf dem Spiel steht die Ganzheitlichkeit der Person, der ihre Handlungen nicht äußerlich bleiben, als ob sie in einer eigentlichen und naiven "Unverantwortlichkeit" auch einem anderen zugeschrieben werden könnten, weil sich der Mensch unsicher oder nicht in der Lage fühlt, für seine Handlungen einzustehen, die deshalb letztlich nur Spiel eines trägen Wesens sind.

Kehren wir jedoch zum Denken M. Yourcenars zurück, die ein ethisches Prinzip anschaulich erläutert: „Ich gehöre nicht zu denen, die sagen, ihre Handlungen würden ihnen nicht ähneln. Sie müssen ihnen ähneln, weil die Handlungen der einzige Rahmen und die einzige Möglichkeit sind, damit sich andere oder ich mich selbst an mich erinnern kann [...]. Zwischen mir und den Handlungen, die ich vollbringe, besteht kein undefinierbarer Hiatus, und der Beweis ist in der Tatsache gegeben, daß ich ständig die Notwendigkeit verspüre, sie zu bewerten, sie zu erklären, mir selbst darüber Rechenschaft zu geben."14

In der Sprache der Sexualität äußert sich der Mensch und zeichnet, formt und gestaltet in einer gewissen Weise sein Geschick. Das Geschenk, seine Wahrheit und seine Bedeutung erlangen eine dem Menschen würdige Größe und ein entsprechendes Format. Deshalb stellt Familiaris consortio diesen Wert heraus, ohne den die Sexualität leer ist, ohne den sie ihre Wahrheit verliert, ja sogar zur Karikatur und zu bloßem Getue wird, das das zerreißt und verunstaltet, was im Geheimnis des einen Fleischs aufleuchten soll: „Die eheliche Liebe hat etwas Totales an sich, das alle Dimensionen der Person umfaßt; sie betrifft Leib und Instinkt, die Kraft des Gefühls und der Affektivität, das Verlangen von Geist und Willen; sie ist auf eine zutiefst personale Einheit hingeordnet, die über das leibliche Einswerden hinaus dazu führt, ein Herz und eine Seele zu werden" (FC 13).

Der Konsens, das gegenseitige Sich-Schenken — wie wir zuvor sagten — ist „personal und unwiderruflich"; die Hingabe ist „endgültig und ganz". Ihr erhabener, ihr eigener und einziger Ort ist die Ehe. In ihr ist die Hingabe Wahrheit!

Wir könnten sagen, daß die Endgültigkeit eine Eigenschaft der Ganzheit der Hingabe ist. Sie ist die Überwindung einer nur teilweisen, stückweisen Hingabe in „bequemen Raten", die letztlich ein Tribut an den Egoismus, an die von der Wirklichkeit der Sünde verdunkelte Liebe darstellt. Eine solche bruchstückhafte Liebe verliert an Tiefe, Spontaneität und Poesie. Zwischen Verlobten besteht eine andere Atmosphäre. Die Liebe, die verlobt, strebt entweder nach Dauerhaftigkeit, nach „Ewigkeit", oder sie ist letztlich überhaupt nicht vorhanden. Die Hingabe gilt für das ganze Leben und für alles, was noch kommen mag. Sie schützt vor Vorläufigkeit, Scheitern und Lüge. Was soll man über die sagen, die sich gleichsam aufgrund einer neuen Zeit des „Pluralismus" und der entgegenkommenden Haltung auf juristischem Gebiet vorgenommen haben, Gesetze für Ehen auf Probe, vorübergehende Gemeinschaften einzuführen? „Wenn man sagt, die Liebe sei das konstitutive Element der Ehe, so behauptet man letztlich, es gäbe nicht jene unwiderrufliche gegenseitige Hingabe, es gäbe zwischen den Eheleuten keinen ‚foedus coniugale." Die Gesetze der Einheit und Unauflöslichkeit sind deshalb keine der Ehe äußeren Forderungen, sondern sie entspringen ihrem Wesen. Und so muß die konstitutive Liebe ausschließliche, unauflösliche, das heißt eheliche Liebe sein."15

Die Ehe verleiht und gewährt Festigkeit, Dauer und Beständigkeit. Wir können daher sagen, daß gegenseitige Hingabe, die „viel stärker und tiefer verpflichtet als alles, was, auf welche Weise und um welchen Preis auch immer ‚gekauft' werden kann" (Gratissimam sane, Nr. 11), in dem einen Wort Verpflichtung zum Ausdruck kommt. A. Quillici bemerkt dazu: „Jemand gibt sich nur wirklich hin, wenn er zuerst und in Wahrheit sein Wort gibt. Andernfalls kommt seine Hingabe einer Art von Vergewaltigung gleich. Das Geschenk des Leibes ist nur in dem Maß wirklich menschlich, in dem jeder seine Zustimmung gibt, in dem Maß, in dem es jedem erlaubt ist, über das Gespräch hinaus bis zur größten Intimität zu gehen."16

Diese Zustimmung ist ein ausdrucksstarkes Wort, das bleibt und die Eheleute zutiefst verpflichtet, so daß eine gewollte begrenzte Hingabe auf Zeit seine Qualität der Ganzhingabe zunichte macht. Das Wort, das tiefe Ja, steigt aus den Wurzeln einer Liebe auf, die über die Zeit hinweg treu sein will. Kardinal Ratzinger bezeichnet dieses Ja wie folgt: „Der Mensch schließt in seiner Ganzheit die zeitliche Dimension ein. Darüber hinaus transzendiert das Ja eines menschlichen Wesens zugleich die Zeit. In seiner Gesamtheit bedeutet das Ja: immer. Es bildet den Ort des Glaubens [...] die Freiheit des Ja erweist sich als eine Freiheit gegenüber dem Bestimmten."17 Die Liebe18 ist nicht dem Verschleiß der Zeit unterworfen, wie materielle Gegenstände, die sich im Laufe der Zeit abnutzen und allmählich ihre Kraft verlieren, und fällt zu guter Letzt nicht in den Orbit der Entropie. Die Zeit hilft im Gegenteil, vor Gott zur reifen, aus der Liebe eine ernsthafte und tiefe Verpflichtung zu machen. In Kana hörte ich einmal eine liebevolle Äußerung bzw. ein Versprechen von Eheleuten in vorgerücktem Alter: „Ich liebe dich mehr als gestern, aber weniger als morgen." Hat ein Ehepaar auch im Alter noch seine Frische und Zärtlichkeit bewahrt, die sich die Eheleute über Jahre hinweg erwiesen haben, so hat ihr freudiges und unbeschwertes Zeugnis ein besonderes Gewicht: das Gewicht der Jahre.

Vor dem Hintergrund der Ganzhingabe versteht man besser die Forderung der Unauflöslichkeit, welche die Liebe, die weder Gefängnis noch Verarmung ist, befreit und schützt. Die Behauptung, die Ehe sei das Grab der Liebe und ihre Endgültigkeit und Unauflöslichkeit beraube die Liebe ihrer Spontaneität und Dynamik, ist falsch. Dazu führt zweifellos eine Kultur der Vorbehalte, in der das Wort entleert und deshalb bis zur Verantwortungslosigkeit oberflächlich ist. Sie erträgt nicht das Gewicht der Wahrheit, die nicht launisch und änderbar ist, wie dies bei einer falschen Liebe der Fall ist, die in die Irre führt. „Das mögliche Fehlen oder ein tatsächliches Nachlassen in den ehelichen Liebeserweisen zerstören nicht ihre Eigentümlichkeit und natürliche Neigung, auch wenn sie sie beeinträchtigen können, da sowohl die eine als auch die andere immer von der ehelichen Liebe belebt werden müssen."19

Die Ganzhingabe impliziert die Pflicht zur Treue. Sie ist eine konkrete Form der Hingabe, die verpflichtet und befreit. Eine treue Liebe ist auch von Grund auf unauflöslich. Sie befreit von der Furcht, zu verraten und verraten zu werden, und verleiht der Quelle des Lebens die Sicherheit und Transparenz, auf die die Kinder ein Recht haben.

Antonio Miralles schreibt: „Auch die gegenseitige personale Hingabe der Gatten fordert die Unauflöslichkeit der gegenseitigen Bindung, die sie durch diese Hingabe eingehen. Sie ist ganzheitlich und schließt deshalb jede Vorläufigkeit, jede zeitliche Hingabe aus. [...] Das Eheband hat einen endgültigen Charakter, insofern es aus einer ganzheitlichen Hingabe entspringt, die auch die Zeitlichkeit der Person einschließt. Das Sichschenken unter dem Vorbehalt, die Bindung in Zukunft lösen zu können, käme einer teilweisen Hingabe gleich im Gegensatz zu jener, die eine wahre Ehe begründet."20

Man muß in der Tat sagen, daß Treue, Unauflöslichkeit, Endgültigkeit für die Qualität der Hingabe wesentlich sind. Hierin ist die Verpflichtung, die Pflicht zur Hingabe begründet, eine Verpflichtung, die sich auch und wesentlich für das Geschenk des Lebens öffnet und zum öffentlichen Zeugnis in Kirche und Gesellschaft wird. Sie ist Licht, Licht auf den Leuchter.

Der heilige Johannes Chrysostomus gibt eine wunderbare Erklärung für diese Hingabe, wenn er den Eheleuten empfiehlt: „Ich habe dich in meine Arme genommen und liebe dich sogar mehr als mein Leben. Das gegenwärtige Leben bedeutet ja nichts, und mein glühendster Traum ist der, es zusammen so mit dir zu durchschreiten, daß wir sicher sind, in dem Leben, das unser harrt, nicht voneinander getrennt zu werden [...] Deine Liebe geht mir über alles, und nichts wäre für mich schmerzlicher, als nicht so gesinnt zu sein wie du."21 Dauerhaftigkeit, Endgültigkeit bzw. Ganzheit der Hingabe heißt letztlich Unauflöslichkeit. Schon der Naturehe wird diese Eigenschaft zugesprochen, die in der christlichen Ehe vor dem Herrn und unter seinem Blick eine tiefere und ausdrucksstärkere Dimension erhält.

Bereits die Naturehe besaß als Bild des Geheimnisses dieser bräutlichen Verbindung im weitesten Sinn eine „gewisse Sakramentalität" aufgrund des innigen leiblichen Einswerden, das (gewissermaßen) in das Geheimnis des Bundes Gottes mit der Menschheit, um es in der Sprache der Schöpfung zu sagen, des Bundes Gottes mit seinem Volk (vgl. Hos 1-3), des Bundes Christi mit seiner Kirche einbezogen ist.22 „Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche" (Eph 5,25.31-32).

Wie dieser zentrale Abschnitt des Briefs an die Epheser (V.25) zeigt, hat Christus uns ein Beispiel der Hingabe gegeben. Seine Hingabe äußerte sich in einer unübertrefflichen, grenzenlosen Liebe, oder um es in der Opferterminologie zu sagen, in einer geopferten Liebe (ejauto;n parevdwken). Das „tradidit semetipsum", die radikale Ganzhingabe ist das Beispiel, das grundlegende Geheimnis, das den Ehebund umfaßt. Das Geheimnis (vgl. V.32) bezieht sich auf das Geschehen, das in Christus und der Kirche sein „Urbild", sein Beispiel hat. Es gilt zu bedenken, daß der Autor, wenn er vom tiefen (mevga) Geheimnis spricht, nicht auf dessen Ausdruckskraft und Dunkelheit, sondern auf dessen Bedeutung hinweist. Das Geheimnis der bräutlichen Beziehung zwischen Christus und der Kirche spiegelt sich in der Ehe zwischen Mann und Frau wider.23

Wir sind damit in die sakrale Sphäre einer Hingabe und Übereignung eingetreten, die in Christus, in seinem erlösenden Leiden vollkommen erhellt wird. Das Konzil von Trient hebt dies in der Sessio XXIV (DzH 1799) besonders hervor: „Gratiam vero quae naturalem illum amorem perficeret, et indissolubilem unitatem confirmaret coniugesque sanctificaret: ipse Christus [...] sua nobis passione promeruit (Die Gnade aber, die jene natürliche Liebe vervollkommnen, die unauflösliche Einheit festigen und die Gatten heiligen sollte, hat Christus [...] durch sein Leiden für uns verdient)." Max Zerwick schreibt in seinem Kommentar zu diesem Text: „Wenn die menschliche Ehe daher zwischen Gliedern Christi vollzogen wird, dann ist sie mehr als ein bloßes Bild: sie muß die liebende Vereinigung Christi mit seiner Kirche verwirklichen. Die Ehe ist deshalb also nicht rein bildlich, sondern real Teilhabe an dem, was Paulus ein tiefes Geheimnis nennt."24

Das „tradere seipsum" der beiden Eheleute nach dem Beispiel Christi ist nach Carlo Rocchetta „ein von Natur aus bleibender Akt [...] ein bleibendes Sakrament"25.

„Das Versprechen, durch das sich die Brautleute einander schenken und einander annehmen, wird durch Gott selbst besiegelt" (KKK, Nr. 1639). Das Eheband, das Gott selbst geknüpft hat, ist eine unwiderrufliche Wirklichkeit, so daß es nicht in der Macht der Kirche steht, sich gegen diese göttliche Verfügung auszusprechen (vgl. KKK, Nr. 1640). Unglücklicherweise ist die Meinung verbreitet, der Papst und die Bischöfe könnten Änderungen in dieser Hinsicht einführen und zumindest in einigen Härtefällen den Weg zur Auflösung der Ehe freimachen, wenn sie nur einmal ihren Rigorismus überwänden. Dies liegt nicht in ihrer Macht. Diese Wahrheit muß deshalb mit aller Entschiedenheit und Liebe bekräftigt werden: Non possumus! Und man bräuchte nicht zu denken, die Schwierigkeiten eines Ehepaars, so außergewöhnlich sie auch sein mögen, seien von der göttlichen Weisheit nicht umfaßt. Die Kirche ist in ihrem Urteil an den ursprünglichen und von Christus bestätigten Plan Gottes gebunden ist und kann diesen daher nur wiederholen: „Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen." Wie könnte man im Namen des Gottes Änderungen einführen, der treu zu seinem Bund steht und in seiner Barmherzigkeit das Gut der Ehe bewahrt und schützt?

Andererseits glaubt man, die Unauflöslichkeit sei nur eine Forderung, ein Ideal und daher konkret nicht zu verwirklichen. Könnte Gott eine derartige Verpflichtung, eine solche Last aufbürden, die, weil sich nicht zu erfüllen ist, den Eheleuten unerträglich und unselig erscheinen muß? Er, der Urheber der Ehe, geht den christlichen Brautleuten entgegen, bietet ihnen seine Gnade und Kraft an, damit sie als Eheleute in der Hauskirche in der Lage sind, in der Gesinnung des Reiches Gottes zu leben.

Bei allen Erwägungen über die Ehe in der Schöpfungsordnung, über die Ehe, die seit dem Sündenfall unter der Knechtschaft der Sünde steht, und über die Ehe im Herrn gilt es daher, anhand des Katechismus der Katholischen Kirche über den ganzen Reichtum der Ehe im Plane Gottes nachzudenken. Der ursprüngliche Plan Gottes ist daher wie folgt zu verstehen: „Die Berufung zur Ehe liegt schon in der Natur des Mannes und der Frau, wie diese aus den Händen des Schöpfers hervorgegangen sind" (KKK, Nr. 1603). Denn sie ist keine rein menschliche Einrichtung, die der Willkür des Menschen unterworfen wäre, sondern Gott selbst ist ihr Urheber (vgl. KKK, Nr. 1603).

Sie entspricht der Natur der Gemeinschaft des Lebens und der ehelichen Liebe, die durch eigene Gesetze geregelt wird, und nimmt freudig und vertrauensvoll Gottes Willen an. Unter der Knechtschaft der Sünde ist die Ehe von Zwietracht, Herrschsucht und Untreue bedroht. Dabei handelt es sich um eine Unordnung (im Gegensatz zur ursprünglichen Ordnung), die nicht aus der Natur des Mannes und der Frau und auch nicht aus der Natur ihrer Beziehungen stammt, sondern aus der Sünde" (KKK, Nr. 1607). So kommt es zu Brüchen, Verzerrungen, Herrschaft und Begierlichkeit. „Und doch bleibt, wenn auch schwer gestört, die Schöpfungsordnung bestehen. Um die durch die Sünde geschlagenen Wunden zu heilen, brauchen Mann und Frau die Hilfe der Gnade, die Gott in seiner unendlichen Barmherzigkeit ihnen nie verweigert hat. Ohne diese Hilfe kann es dem Mann und der Frau nie gelingen, die Lebenseinheit zustande zu bringen, zu der Gott sie ‚am Anfang' geschaffen hat" (KKK, Nr. 1608). „In der Schule des alttestamentlichen Gesetzes hat sich das sittliche Bewußtsein für die Einheit und Unauflöslichkeit der Ehe entwickelt" (KKK, Nr. 1610). „In seiner Predigttätigkeit lehrte Jesus unmißverständlich den ursprünglichen Sinn der Vereinigung von Mann und Frau" (KKK, Nr. 1614). „Dieses nachdrückliche Bestehen auf der Unauflöslichkeit des Ehebandes (dient zur) Wiederherstellung der durch die Sünde gestörten anfänglichen Schöpfungsordnung" (KKK, Nr. 1615). In der im Herrn geschlossenen Ehe, „werden die Gatten, wenn sie Christus nachfolgen, sich selbst verleugnen und ihr Kreuz auf sich nehmen, den ursprünglichen Sinn der Ehe ‚erfassen' und ihn mit der Hilfe Christi auch leben können" (vgl. KKK, Nr. 1615).

3. Die Kinder als wertvolles Geschenk der Ehe

Augustinus lehrte: „Das erste Gut der Ehe ist die Nachkommenschaft. Der Schöpfer des Menschengeschlechts wollte sich in seiner Güte der Menschen als Spender für die Weitergabe des Lebens bedienen."26 Das Apostolische Schreiben Familiaris consortio erklärt: „So ist es die grundlegende Aufgabe der Familie, dem Leben zu dienen, im Laufe der Geschichte den Ursegen des Schöpfers zu verwirklichen, in der Zeugung das Gottebenbild von Mensch zu Mensch weiterzugeben" (FC, Nr. 28). Hier sind zwei Ausdrücke zu unterstreichen: Die Eltern spenden Leben und dienen dem Leben.

Der angemessenste und erhabenste Ort für die Geburt eines neuen Lebens ist die Ehe. Sie ist der Ort, wo das Leben gewollt, geliebt, angenommen wird und wo sich ein Prozeß ganzheitlicher Erziehung abspielt.

Das II. Vatikanische Konzil sagt: „Durch ihre natürliche Eigenart sind die Institutionen der Ehe und die eheliche Liebe auf die Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft hingeordnet und finden darin gleichsam ihre Krönung" (GS 48,1). In einer noch ausdrucksstärkeren Formulierung sagt es: „Kinder sind gewiß die vorzüglichste Gabe für die Ehe und tragen zum Wohl der Eltern selbst sehr viel bei" (GS 50,1). Nebenbei bemerkt, diese markante Aussage wurde auf ausdrücklichen Wunsch von Papst Paul VI. in den Konzilstext aufgenommen. Das Kind ist eine Gabe, die aus dem gegenseitigen Sich-Schenken der Eheleute hervorgeht, gleichsam als Ausdruck und Fülle ihrer gegenseitigen Hingabe. Der Katechismus der Katholischen Kirche betont diese Verbindung von Gabe und Hingabe auf ganz wunderbare Weise: „Die Fruchtbarkeit ist eine Gabe, ein Zweck der Ehe, denn die eheliche Liebe neigt von Natur aus dazu, fruchtbar zu sein. Das Kind kommt nicht von außen zu der gegenseitigen Liebe der Gatten hinzu; es entspringt im Herzen dieser gegenseitigen Hingabe, deren Frucht und Erfüllung es ist. Darum lehrt die Kirche, die ‚auf der Seite des Lebens' steht (FC 30), ‚daß jeder eheliche Akt von sich aus auf die Erzeugung menschlichen Lebens ausgerichtet bleiben muß' (HV 11). ‚Diese vom kirchlichen Lehramt oft dargelegte Lehre gründet in einer von Gott bestimmten unlösbaren Verknüpfung der beiden Bedeutungen — liebende Vereinigung und Fortpflanzung —, die beide dem ehelichen Akt innewohnen' (HV 12)" (KKK, Nr. 2366). Und weiter unten zitiert der Katechismus erneut Humanae vitae: „‚Wenn die beiden wesentlichen Gesichtspunkte der liebenden Vereinigung und der Fortpflanzung beachtet werden, behält der Verkehr in der Ehe voll und ganz die Bedeutung gegenseitiger und wahrer Liebe und seine Hinordnung auf die erhabene Aufgabe der Elternschaft, zu der der Mensch berufen ist' (HV 12)" (KKK, Nr. 2369).

Die Kinder sind „das gemeinsame Wohl der zukünftigen Familie". Die Worte des Konsenses drücken damit aus, was das gemeinsame Wohl der Familie ist: „Um das hervorzuheben, richtet die Kirche an sie (die neuvermählten Eheleute) die Frage, ob sie bereit seien, die Kinder, die Gott ihnen schenken wird, anzunehmen und christlich zu erziehen. [...] Vaterschaft und Mutterschaft stellen eine Aufgabe nicht nur physischer, sondern geistlicher Natur dar" (Gratissimam sane, 10). Und weiter unten heißt es: „Wenn sie das Leben an ein Kind weitergeben, fügt sich im Bereich des ‚Wir' der Eheleute ein neues menschliches ‚Du' ein, eine Person, die sie mit einem neuen Namen benennen werden" (Gratissimam sane, 11).

Der Heilige Vater stellt diese Lehre in den Kontext der Theologie des Geschenks der Person und in die Sicht des Konzils vom Kind „als vorzüglichstes Geschenk" (GS 50).

Das Leben des Kindes ist ein Geschenk, das erste Geschenk des Schöpfers an das Geschöpf: „Der Prozeß von Empfängnis und Entwicklung im Mutterschoß, Niederkunft und Geburt dient dazu, gleichsam einen geeigneten Raum zu schaffen, damit sich das neue Geschöpf als ‚Gabe' kundmachen kann" (Gratissimam sane, 11): als Gabe für die Eltern, für die Gesellschaft und die Verwandten: „Das Kind wird von sich aus zu einem Geschenk für die Geschwister, für die Eltern, für die ganze Familie. Sein Leben wird zum Geschenk für die Geber des Lebens" (Ebd.).

Der wahre Sinn der gegenseitigen Liebe, die Bedeutung der gegenseitigen, für das Leben offenen Hingabe muß geachtet werden. Die Empfängnisverhütung widerspricht der Gebärde, die eine gegenseitige Ganzhingabe ausdrückt. Die Gebärde wird ausdruckslos und ist deshalb nicht mehr Trägerin der Wahrheit, sondern der Lüge. Die in der Empfängnisverhütung implizit gegebene objektive Unordnung widerspricht der Liebe (in gewisser Weise gelingt es ihr nicht einmal ganz die „Bedeutung der liebenden Vereinigung" zu bewahren). Nur gegenseitige und wahre Liebe, die ohne Vorbehalte die Ganzhingabe zum Ausdruck bringt, besitzt die Kraft ehelicher Liebe. Wenn sich das Ehepaar freiwillig und mit klarer Erkenntnis von einer anderen Denkweise bestimmen läßt und systematisch Empfängnisverhütung betreibt, bringt es dann letztlich nicht sogar ihre eheliche Vereinigung selbst Gefahr?

Diese Wahrheit ist besonders nachdrücklich und deutlich in Familiaris consortio zu finden: „Während die geschlechtliche Vereinigung ihrer ganzen Natur nach ein vorbehaltloses Sich-Schenken der Gatten zum Ausdruck bringt, wird sie durch die Empfängnisverhütung zu einer objektiven widersprüchlichen Gebärde, zu einem Sich-nicht-ganz-Schenken. So kommt zur aktiven Zurückweisung der Offenheit für das Leben auch eine Verfälschung der inneren Wahrheit ehelicher Liebe, die ja zur Hingabe in personaler Ganzheit berufen ist" (FC, 32). (Dieses Zitat ist auch im KKK, Nr. 2370 ungekürzt wiedergegeben).

Eine eingehende Untersuchung des Verhältnisses von ehelicher Vereinigung und Fortpflanzung ist im Buch Il matrimonio e la vita coniugale von Bischof Francisco Gil zu finden. Darin heißt es wörtlich: „Der eheliche Akt hat seinem Wesen nach eine zweifache Bedeutung: Vereinigung und Fortpflanzung. Sie bringen jeweils die Natur und das Ziel der Ehe zum Ausdruck. [...] Wenn sich die Liebe, welche die Ehegatten zur Hingabe führt, so daß sie ein Fleisch werden, ‚in der Wahrheit' vollzieht, ‚anstatt sie in sich selbst zu verschließen, dann öffnet sie sich doch auf ein neues Leben, auf eine neue Person hin' (Gratissimam sane, 8).

Das eheliche Leben verlangt eine aufrichtige Hingabe an den Mann bzw. die Frau und an die Kinder. ‚Nun zieht die Logik der Selbsthingabe an den anderen die potentielle Öffnung für die Zeugung nach sich' (ebd. 12). Die Fähigkeit zu einer solchen Hingabe wächst oder reift entweder mit dem Vollzug des ganzen Ehelebens, oder sie wird vom Egoismus unterdrückt, dessen Verlockungen die Dynamik der Wahrheit, wie sie der Selbsthingabe innewohnt, abzuschwächen versuchen. Dieser Egoismus — ‚nicht nur der Egoismus des einzelnen, sondern auch derjenige des Ehepaars' (ebd. 14) — zeigt sich vor allem darin, daß die Fortpflanzung nicht als Forderung der ehelichen Liebe angesehen wird, sondern als zusätzliche Frucht und voluntaristische Entscheidung, die zur Liebe hinzukommt. ‚Im Begriff Hingabe ist nicht nur die freie Initiative des Subjekts, sondern auch die Dimension der Pflicht eingeschrieben' (ebd.).

Beinhaltet die eheliche Liebe nicht die Dimension der Zeugung, die ihre innerste Wahrheit darstellt, dann artet sie letztlich in die ‚sogenannte "freie Liebe" (aus). Diese aber ist um so gefährlicher, weil sie gewöhnlich als Frucht eines "echten" Gefühls hingestellt wird, während sie tatsächlich die Liebe zerstört' (ebd.). Deshalb trägt die Ablehnung des Kindes, stark dazu bei, daß heute das Geschenk der Ehe entleert und zerstört wird. Es handelt sich nicht, wie es aufgrund der Schwäche der Familie immer der Fall war, um Akte oder Zeiten, in denen die Eheleute zu schwach waren, um die Anforderungen ihrer Vaterschaft bzw. Mutterschaft in besonders schwierigen oder heroischen Situationen kohärent zu leben.

Heutzutage bewirken viele ehelichen Verbindungen ihre eigene Zerstörung, da sie die Bezugspunkte ihrer Hingabe verfälschen: ‚Im Augenblick des ehelichen Aktes sind der Mann und die Frau dazu aufgerufen, die gegenseitige Hingabe ihrer Selbst, die sie im ehelichen Bund geleistet haben, auf verantwortungsbewußte Weise zu bestätigen. Nun zieht die Logik der Selbsthingabe an den anderen die potentielle Öffnung für die Zeugung nach sich' (ebd. 12). Wenn Mann oder Frau die Vaterschaft bzw. Mutterschaft ablehnen, entspricht die gegenseitige Hingabe nicht den Anforderungen der ehelichen Liebe. Aus diesem Grund sagt der Papst, daß es für eine wahre Zivilisation der Liebe wesentlich darauf ankommt, ,daß der Mann die Mutterschaft der Frau, seiner Ehefrau, als Geschenk empfindet' (ebd. 16)."27

In der Katechese über die menschliche Liebe spricht Johannes Paul II. von den „Gebärden des Körpers", die bei der ehelichen Vereinigung nicht nur Liebe bedeuten, sondern auch eine mögliche Fruchtbarkeit und deshalb nicht ihrer vollen und angemessenen Bedeutung beraubt werden dürfen. So wie es nicht erlaubt ist, künstlich Vereinigung und Fortpflanzung (vgl. HV 12) zu trennen, so „hört der eheliche Akt ohne seine innere Wahrheit auch auf ein Akt der Liebe zu sein, wenn er seiner Zeugungsfähigkeit beraubt wird"28.

Durch das Kind öffnet sich die Ehe für das Leben, weshalb es zu ihrer spirituellen Dimension gehört. Die eheliche Liebe muß hier analog zur trinitarischen Liebe betrachtet werden. Die Familie, die nach dem Bild der Dreifaltigkeit wächst, das ‚Wir' der Familie, dessen Bild das ‚Wir' der Dreifaltigkeit ist, schließt das Kind ein, das aus einer ganzheitlichen und fruchtbaren Liebe hervorgeht. Carlo Rocchetta schreibt in diesem Zusammenhang: „Nach der Aussage in 1 Joh 4,16 ist ‚Gott Liebe' (ajgapev), die höchste Erfüllung der Liebe, die schenkt und empfängt; er ist nicht ein in sich verschlossenes ‚Ich', sondern ein ‚Ich', das in sich selbst das Leben einer interpersonalen Liebe lebt, eine ewige Zeugung, die aus der Liebe hervorgeht und zur Liebe führt, wo der Austausch von Schenken und Annehmen zwischen den ersten beiden Personen in der Begegnung mit der dritten seine Erfüllung findet (...). Das übernatürliche Band zwischen den Eheleuten birgt diese trinitarische Bedeutung. Die Sakramentsgnade stellt das Geschenk der trinitarischen Ontologie dar, die sich im Herzen der Eheleute gleichsam als dynamisches Abbild entfaltet, das Leben der Eheleute letztlich strukturiert und sie zum Zeichen und zur Teilhabe an der communio der drei göttlichen Personen macht."29

Gegen jede andere Auffassung gilt es zu bekräftigen, daß das Kind oder die Kinder, das „Gut der Nachkommenschaft" der Existenzgrund der Ehe ist. Nach Doms bestände der Sinn der Ehe und die höchste der Ausdrucksform für die Einheit der Ehegatten bekanntlich im ehelichen Akt, der sich, auch abgesehen von seiner Hinordnung auf das Kind, schon am innigsten und vorzüglichsten verwirklicht. Der Vollzug der ehelichen Einheit würde in sich schon die Ehe als Institution rechtfertigen. Eine ähnliche Auffassung vertritt auch Krempel.30

Das Konzil zeigt die volle Bedeutung der Ehe ganz klar auf und weist diese oder ähnliche Auffassung zurück: „Ehe und eheliche Liebe sind ihrem Wesen nach auf die Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft ausgerichtet. Kinder sind gewiß die vorzüglichste Gabe für die Ehe und tragen zum Wohl der Eltern selbst sehr viel bei. [...] Ohne Hintansetzung der übrigen Eheziele sind deshalb die echte Gestaltung der ehelichen Liebe und die ganze daraus sich ergebende Natur des Familienlebens dahin ausgerichtet, daß die Gatten von sich aus entschlossen bereit sind zur Mitwirkung mit der Liebe des Schöpfers und Erlösers, der durch sie seine eigene Familie immer mehr vergrößert und bereichert" (GS 50).31

Das Apostolische Schreiben Familiaris consortio sagt: „So ist es die grundlegende Aufgabe der Familie, dem Leben zu dienen, im Laufe der Geschichte den Ursegen des Schöpfers zu verwirklichen, in der Zeugung das Gottebenbild von Mensch zu Mensch weiterzugeben" (FC 28).

In der Familie, dem Heiligtum des Lebens, wie es in der Enzyklika Evangelium vitae heißt, „kommt es innerhalb des ‚Volkes des Lebens und für das Leben' entscheidend auf die Verantwortlichkeit der Familie an: eine Verantwortlichkeit, die dem der Familie eigenen Wesen [...] entspringt". Weiter unten heißt es dann: „Darum ist die Rolle der Familie beim Aufbau der Kultur des Lebens entscheidend und unersetzlich. Als Hauskirche ist die Familie aufgerufen, das Evangelium vom Leben zu verkünden, zu feiern und ihm zu dienen. Dies ist vor allem Aufgabe der Eheleute, die berufen sind, das Leben weiterzugeben auf der Grundlage eines immer wieder erneuerten Bewußtseins vom Sinn der Zeugung als bevorzugtem Ereignis, in dem offenbar wird, daß das menschliche Leben ein Geschenk ist, um seinerseits weitergeschenkt zu werden" (EV 92).

Die Familie verkündet das Evangelium des Lebens durch die Erziehung der Kinder (vgl. EV 92), feiert das Evangelium des Lebens durch das tägliche Gebet. Diese Feier kommt im Leben im alltäglichen Dasein der Familie zum Ausdruck und steht im Dienst am Leben, der sich durch die Solidarität ausdrückt (vgl. EV 93). All dies gehört zu einer umfassenden Familienpastoral: „mit Freude und Mut ihre Sendung gegenüber dem Evangelium vom Leben wiederzuentdecken und zu leben" (EV 94).

Man darf die Familie nicht von ihrem grundlegenden Dienst am Leben trennen, den das Konzil klar begründet (vgl. GS 50,1) und das ordentliche Lehramt und die Familienpastoral bekräftigt haben: „Ehe und eheliche Liebe sind ihrem Wesen nach auf die Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft ausgerichtet" (GS 50). Die Familie steht in einer so umfassenden, unmittelbaren und ganzheitlichen Beziehung zum Leben wie keine andere Institution. Alle sind aufgerufen, das Leben zu verkünden und zu verteidigen. „Es bedarf dringend einer allgemeinen Mobilisierung der Gewissen und einer gemeinsamen sittlichen Anstrengung, um eine große Strategie zugunsten des Lebens in die Tat umzusetzen. Wir müssen alle zusammen eine Kultur des Lebens aufbauen" (EV 95). Es gibt allerdings verschiedene Zugänge zu dieser formalen Feststellung: „Alle haben eine wichtige Rolle zu erfüllen" (Ebd.). Der Papst bezieht sich ausdrücklich auf die Aufgabe der Lehrer, Erzieher, Intellektuellen und Vertreter der Massenmedien. Der Heilige Vater erinnert an die Einrichtung der Päpstlichen Akademie für das Leben mit ihren besonderen Aufgaben (vgl. EV 98).32

Vor dem Hintergrund der sehr engen Verbindung zwischen der Familie und dem Leben, wie sie oben dargestellt wurde, wurde am 13. Mai 1981 der Päpstliche Rat für die Familie errichtet. Der Heilige Vater, Papst Johannes Paul II., wünschte sich damit nicht nur eine Einrichtung für die Familie als Institution, sondern auch ein Dikasterium des Heiligen Stuhls mit der speziellen Aufgabe, von der Art. 141 § 3 der Apostolischen Konstitution über die Römische Kurie Pastor bonus handelt: „Er (der Päpstliche Rat für die Familie) bemüht sich um die Anerkennung und den Schutz der Rechte der Familie im sozialen und politischen Leben; er unterstützt und koordiniert die Initiativen für den Schutz des Lebens vom Augenblick der Empfängnis an und für eine verantwortliche Elternschaft."

In seinem Brief an die Familien Gratissimam sane gibt der Heilige Vater eine solide Grundlage für Lehre und Pastoral in bezug auf den umfassenden Dienst am Leben und an der Familie, den die Familie leistet. Wir möchten hier auf einige wichtige Aspekte hinweisen. Unter Nr. 9, die der Genealogie der Person gewidmet ist, schreibt er: „Mit der Familie verbindet sich die Genealogie jedes Menschen: die Genealogie der Person. Die menschliche Elternschaft hat ihre Wurzeln in der Biologie und geht gleich über sie hinaus." Denn sie ist in die Beziehung zu Gott einzuordnen: „Wir wollen damit hervorheben, daß in der menschlichen Elternschaft Gott selber in einer anderen Weise gegenwärtig ist als bei jeder anderen Zeugung‚ auf Erden" (ebd.).

Daß das Kind ein Geschenk ist, wird, wenn auch lakonisch, schon in der Bibel deutlich: „Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain. Da sagte sie: ‚Ich habe einen Mann vom Herrn erworben'" (Gen 4,1). Dies ist gleichsam eine Garantie, auch wenn der geborene Sohn dann der Mörder seines leiblichen Bruders sein sollte. In diesem Ausruf kommt die Freude über die Geburt eines Menschen zum Ausdruck! Im Neuen Testament ist die Freude darüber, daß ein „Mensch zur Welt gekommen ist" (Joh 16,21), ein österliches Zeichen, wie der Papst sagt. Jesus spricht zu seinen Jüngern vor seinem Leiden und Sterben von der Trauer, die sie überkommen wird, und vergleicht sie mit der Trauer einer Frau in Geburtswehen. Wie bei einer Frau, die einem Menschen das Licht der Welt schenkt, wird sich ihre Trauer in Freude verwandeln. Glück und Freude über das Leben, das zur Welt kommt, gehen in der Kultur des Todes hingegen immer mehr verloren, da diese Kultur in der Welt von heute mit ihren kranken Gesellschaften ein immer größeres Mißtrauen verbreitet. Die Freude, die bei der Erwartung und Aufnahme des neugeborenen Kindes die Familien erfüllen müßte, verwandelt sich in einen grauen, oft unerwünschten Prozeß. Der Gesang der Engel und Hirten von Betlehem dringt offenbar nicht in die Familien und ihre Häuser, sondern verstummt vorher wirkungslos. Diese Haltung zeugt von einer menschlichen „Armseligkeit" und zeigt, wie tief die Menschheit verwundet ist. Auf der anderen Seite erzeugt die Kultur des Todes aber eine völlig entgegengesetzte Haltung: den Willen zum Kind um jeden Preis. Dieser Kontrast darf jedoch nicht so verstanden werden, daß man das Geschenk des Kindes gleichsam als „Recht" auf ein Kind versteht. Man meint, dieses Recht sogar unter Vollzug unerlaubter Akte einfordern zu können, die nicht die wahre Hingabe der personalen Vereinigung in der Ehe ausdrücken.

Gewöhnlich sind die Empfängnis eines Kindes und seine Geburt weniger eine erdrückende Verpflichtung, als vielmehr eine Einladung zur Freude von seiten des neuen Lebewesens, auch wenn damit Verantwortung und Opfer verbunden sind. Es ist eine österliche Freude! In dieser Hinsicht ist der Ausspruch von Irenäus nur zu treffend: „Gloria Dei vivens homo!" (Es gereicht Gott zur Ehre, daß der Mensch lebt). Dieser Hintergrund stellt keinesfalls die verbindliche Verpflichtung in den Schatten, die das Neugeborene gleichsam als große, dankbare und unausweichliche Verantwortlichkeit verkörpert (vgl. Gratissimam sane 11).

Mit der Freude über die Schwangerschaft und der Fähigkeit, sie in erster Linie Gott gegenüber zu bejahen, steht die eigene Glaubwürdigkeit und damit auch das eigene Glück auf dem Spiel. Wenn die Kirche im Sakrament der Versöhnung ihr Amt ausübt, kraft dessen sie die Menschen von ihren Sünden losspricht und sie ihnen vergibt, so entspricht sie ihrer prophetischen Sendung, die Wahrheit zu verkünden. Wird das Evangelium verkündet und im Herzen aufgenommen, so bereitet es auf den Empfang der Vergebung vor und bringt dann in der heilsamen Versöhnung reiche Frucht. Nur Mitleid, das nicht der christlichen Liebe entspringt, kann dazu verleiten, die vielleicht zwar verletzende, aber heilsame und heilbringende Wahrheit zu verheimlichen und die aus der Offenbarung abgeleiteten sittlichen Forderungen abzuschwächen.

Dieses Mitleid befreit die Gläubigen weder von dem Leid ihrer ungeordneten Neigungen und ihrem dementsprechenden Tun, noch führt sie sie zur Freude der Vergebung, mit der Gott sie als verlorene Kinder, die in das Haus ihres Vaters zurückkehren, annimmt. Diese Kriterien waren für den Päpstlichen Rat für die Laien bei der Abfassung des Vademecums für Beichtväter ausschlaggebend. Das Vademecum weist sowohl auf das volle Verständnis und die Nachsicht hin, die die Beichtväter den Pönitenten bei der Feier des Bußsakraments entgegenbringen, aber auch auf die Klarheit, Wahrheit und lehrmäßige Zuständigkeit, mit der sie die Orientierungslosen oder Irrenden bilden und unterrichten sollen.

Vorurteilsbeladen und irrtümlich betrachtet man heute leider nur allzuoft Wahrheit und Barmherzigkeit als unlösbaren Widerspruch. „Barmherzigkeit" ohne Wahrheit wäre jedoch eine Karikatur dessen, was der Herr seiner Kirche als Sendung übertragen hat. Die Kirche kann nicht aus einem sozusagen falsch verstandenen „Verständnis" heraus die Augen „verschließen" und einfach übergehen, ohne zu sehen und zu erklären, was gleichsam Anforderung für eine wahre Versöhnung ist, um in Wahrheit und Vergebung dem Herrn wieder zu begegnen.

Das Kind ist für die Familie ein Geschenk. Daher konzentriert sie voll Zärtlichkeit und Dankbarkeit ihre Aufmerksamkeit auf das Kind und verfolgt in Liebe seine Entwicklung: Empfängnis, Geburt und Erziehung. Voller Staunen und Überraschung nimmt sie wahr, wie sie in den verschiedenen Augenblicken das neue Wesen bejaht. All dies erfordert eine bestimmte Pädagogik, damit durch die Gewohnheit nicht das Schöne und Erfüllende an der Aufgabe Eltern verlorengeht und die „Last" nicht die berechtigte Erfüllung und Freude einschränkt. Ein bekannter Moraltheologe legt dem Kind folgende Worte in den Mund, die wir hier gerne wiedergeben möchten: „Habt keine Angst, mich aufzunehmen, mein Leben als Aufgabe anzunehmen! Es wird für uns keine erdrückende Aufgabe sein; im Gegenteil, diese Aufgabe ist so leicht, daß es euch sogar gelingen wird, euer bedrücktes Leben zu erleichtern. Denn ich bin kein Tyrann [...]. Ich bin zu einer Dankbarkeit fähig, die sehr viel größer ist als all eure Mühen."33

Der Herr lehrt uns durch seine Worte und sein Tun: Er nimmt ein Kind, stellt es in die Mitte der Jünger und sagt: „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat (Mk 9,36-37). Das Zeichen der Aufnahme trägt bereits in sich die Botschaft des gemachten Geschenks, und in der Aufnahme verweist es auf den Geber alles Guten. Die Kinder sind in erster Linie ein Segen, eine in spontaner Zärtlichkeit weitergegebene Botschaft, die besonders die Hausgemeinschaft kennzeichnet. Sie sind nicht so sehr eine Last als vielmehr Träger der „Frohen Botschaft", die in ihnen verkündet wird und aufscheint. Das Evangelium der Familie und das Evangelium des Lebens, die in der Hauskirche, dem Heiligtum des Lebens, widerhallen, sind die Botschaft, durch die das Kind seine Würde verkündet. „Der Schöpfergott ruft ihn [den Menschen] ‚um seiner Selbst willen' ins Leben: und damit, daß der Mensch zur Welt kommt, beginnt sein ‚großes Abenteuer', das Abenteuer des Lebens. ‚Dieser Mensch' hat aufgrund seiner menschlichen Würde jedenfalls Anspruch auf eigene Behauptung. Genau diese Würde bestimmt ja den Platz der Person unter den Menschen und zunächst in der Familie" (Gratissimam sane, 11).

Dieses „zunächst in der Familie", das uns ganz schlicht an die Untrennbarkeit von Familie und Leben erinnert, führt zur wahren Freude, die jedes neuen Leben in einer ganz besonderen Weise durchströmt.

Das Evangelium von der Liebe Gottes zum Menschen, das Evangelium von der Würde der Person und das Evangelium vom Leben sind ein einziges, unteilbares Evangelium" (EV 2). In der Familie wird das Evangelium als Abenteuer erfahren, insofern es überrascht und die Fähigkeit zum Staunen erweckt, wenn man wie Maria alles im Herzen bewahrt. Das Geheimnis von Betlehem und Nazareth birgt eine anthropologische Wahrheit, die Wahrheit des Lebens als Geschenk, die Würde des Lebens, die von der Liebe Gottes getragen und genährt wird: „Denn er, der Sohn Gottes, hat sich in seiner Menschwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt" (GS 22).

Daher konnte Hans Urs von Balthasar mit Recht sagen: „In allen nichtchristlichen Kulturen hat das Kind nur eine nebensächliche Bedeutung, da es schlicht und einfach nur ein Vorstadium des erwachsenen Menschen ist. Daher war die Menschwerdung Christi nötig, damit wir nicht nur die anthropologische, sondern auch die theologische und ewige Bedeutung der Geburt kennenlernten, die endgültige Seligkeit des Seins aus einem Leib, der zeugt und gebiert."34

Einige (wie zum Beispiel Philippe Ariès) vertreten die These, „der Sinn für die Kindheit" sei erst in der Mitte des 16. Jahrhunderts aufgekommen. Campanini kommentiert diese Ansicht: „Abgesehen davon, ob die von Aries aufgestellte Grundthese nun nachprüfbar ist oder nicht, besteht kein Zweifel, daß das Kind im Abendland lange Zeit an den Rand gedrängt wurde. Erst in einer kürzeren, aber deshalb doch bedeutungsvollen und bedeutungsreichen Phase (die in etwa die letzten drei Jahrhunderte umfaßt) wurde das Kind in den Mittelpunkt der Familie und in gewisser Weise auch des gesamten Gesellschaftsleben gestellt. Dies war das sogenannte Zeitalter des „Puerzentrismus", das vielleicht gerade vor unseren Augen zu Ende geht aufgrund einer immer fortschrittlicheren technischen Entwicklung, in deren Rahmen kein Platz mehr für die Kindheit zu sein scheint."35 Der Autor, Professor für Tiefenpsychologie an der Universität von Parma, der seine Ansicht besonders klar und prägnant formuliert, befürchtet, die Technologie könne die menschlichen Beziehungen ersticken, und in einer sogenannten „digitalen Gesellschaft" könnten die Tasten letztendlich mehr zählen als der, der sie bedient, als die Nähe zu den Menschen und der Zugang zum Kind.

In der Erziehung zählt mehr die Intelligenz (ich würde sagen eine bestimmte Art von Intelligenz) als die ganze Persönlichkeit. Die Begegnung mit dem „Knopf" (die Taste des Computers oder des Gameboys) tritt an die Stelle der Begegnung mit anderen Menschen. Das Phänomen, das Campanini als „Mittelpunktsverlust" bezeichnet, führt im Hinblick auf die vor allem ethischen und religiösen Grundwerte zu einem Verlust der Bezugspunkte, während man andererseits eine andere „Wertordnung" errichtet. „Der Computer kann zwar die Phantasie anregen und ihr ein weites Betätigungsfeld bieten, aber es handelt sich um eine programmierte und kodifizierte Phantasie. Das Kind begibt sich damit in eine Welt, die seine „Lebenswelt" einschränkt. Die grundlegenden Vermittlungsstrukturen lösen sich zur Zeit auf. Die wichtigste dieser Strukturen ist die Familie, da sie in der Vergangenheit der Ort war, wo am meisten gelernt wurde. Die Schule gibt der „Information" aus dem Computer immer mehr Raum. Dürfen aber Familie und Schule als Räume der Geborgenheit ihre Sendung aufgeben?36 Wir wollen auf die Frage von Schule und Familie als Vermittlungsstrukturen weiter unten zurückkommen, wenn wir die Sorgen von Pierpaolo Donati über die gesellschaftliche Struktur erörtern.

Es ist erschütternd, wenn man mit ansehen muß, wie vielversprechende Prozesse auf einem bestimmten Gebiet wieder erstickt werden. Es sah so aus, als würde dem Kind nicht mehr nur ein peripherer und nebensächlicher, sondern ein zentraler Platz zuerkannt. Nun schwebt es allerdings bereits im Mutterschoß in Lebensgefahr, wenn die Parlamente zu einem Ort werden, wo das ungerechteste Todesurteil ausgesprochen wird. Während in bezug auf die Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte des Kindes deutliche Fortschritte erzielt wurden — ohne hier nun die Beziehungen und Fluktuationen in einigen Teilen erörtern zu wollen, gegenüber denen die Delegation des Heiligen Stuhls mit Recht ihre Vorbehalte geäußert hat — und die Kirche sich für einen Codex zum Kinderschutz einsetzt, werden diese Rechte auf verschiedene Art verletzt. Man begegnet nicht immer der notwendigen Übereinstimmung zwischen den Verträgen und Versprechungen auf der einen Seite und ihrer konkreten Verwirklichung auf der anderen. Zwischen der Konvention der Vereinten Nationen und gewissen Empfehlungen des Europäischen Parlaments besteht eine große Kluft. Angesichts der Skandale, die das Gewissen der Völker wachrüttelt, ist die Reaktion noch sehr verhalten, obwohl solche Situationen nur Folge einer weit verbreiteten Permissivität sind. Die Kinder sind ihre hauptsächlichen Opfer! Diese Reaktion der Öffentlichkeit kann aber auch ein Zurück nach der Ausuferung sein.

Auf der Linie der Aussagen von Familiaris consortio über die Rechte der Kinder hat der Päpstliche Rat für die Laien, wenn auch mit begrenzten Mitteln, insbesondere bei den „Autoritäten" des Kindes in der Familie und in der Gesellschaft eine Mobilisierung der Gewissen durchgeführt. Bereits der Heilige Vater hatte bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 2. Oktober 1979 gesagt: „An der Sorge für das Kind noch vor seiner Geburt, vom ersten Augenblick seiner Empfängnis an, und dann in den Jahren der Kindheit und Jugendzeit erkennt man zuerst und grundlegend das Verhältnis des Menschen zum Menschen" (zitiert in FC 26). Die liebevolle Sorge um das Kind ist gleichsam der „Gradmesser" für den Gesundheitszustand der Familie und der Gesellschaft. Uns überkommen Zweifel, ob die Eheleute in ihrer übertriebenen Sorge um die „eigenen" Probleme und in ihrem Streben nach Glück, das flüchtig und unerreichbar erscheint und von den Bezugspunkten weit entfernt ist, an denen sich jedes Leben und noch mehr all jene orientieren müssen, die sich entschlossen haben, es zu teilen, die Situation des Kindes wirklich hintansetzen müssen (als ob das Kind nebensächlich wäre). Ist die Ehescheidung nicht ein erdrückender Beweis für das Leiden der Kinder angesichts fehlender „Zuneigung"?

Die Sorge um das Kind verleiht bei einer normalen Entwicklung ein neues Verantwortungsbewußtsein. Das Ehepaar darf „seine Probleme" nicht auf Kosten und zum Schaden dessen lösen, der Zeuge für das Maß seiner Liebe und für die Größe der Persönlichkeit jener ist, die ihm das Leben geschenkt haben.37 Das Kind kann auch Opfer werden, das seine Rechte einfordert, auch wenn es dies schweigend tut.

Die Sorge um die Sozialkosten und die Verletzung der Rechte der Kinder nimmt zwar zu, aber man stellt in einer Gesellschaft, die einer großen Lethargie verfallen ist, keinen entscheidenden Aufbruch fest. Betrachtet man das Kind im Licht seiner Unschuld, die dazu bewegt, ihm bevorzugt, verpflichtend und sorgend Liebe zu schenken, als Geschenk, so schmerzt seine Ablehnung, die man im Kontrast dazu erfahren muß. Die Pläne des Herodes kommen vor den Toren von Betlehem nicht so deutlich zum Vorschein wie die Absichten, die hinter den leiblichen und seelischen Massakern stehen, deren Opfer die Wehrlosesten sind.

M. Zundel liefert uns eine wertvolle Beschreibung, vor deren Hintergrund der schreckliche Kontrast um so deutlicher erscheint: „Wen würde das wunderbare Schauspiel eines schlafenden Kindes nicht zum Gebet führen? Die unzähligen Möglichkeiten, die es birgt, zeigen, daß es ursprünglich ein reines Geschenk ist."38 Und wenn man dann an die schrecklichen Blutbäder denken muß! Ich besuchte eine Pfarrei in Ruanda: Während des Völkermords (der bisher nicht beendet werden konnte) wurden in der Pfarrkirche 6.000 Menschen, darunter Frauen und Kinder niedergemetzelt. Die Menschheit setzt ihre „Selbstzerstörung der Völker" fort, und wir meinen hiermit die Abtreibung, durch die sie ihre eigene Zukunft begräbt.

Platon sagt, die Erziehung der Kinder, die paideia sei das Prinzip für das Überleben jeder menschlichen Gemeinschaft. Wenn dies stimmt, wie ein Journalist feststellt, so müssen wir sagen, daß die Gemeinschaften, die, statt die Kinder zu erziehen, sie sexuell mißbrauchen, sie in den Krieg schicken, sie auf dem Arbeitsmarkt und in der Werbung ausnutzen, bereits ihre eigene Vernichtung beschlossen haben, auch wenn sie sich dessen vielleicht nicht bewußt sind.

Das Kind sein setzt andererseits auch eine Lebensweise, ein Verhalten voraus: das Kind ist stolz auf seinen Vater und zeigt dies, indem es sich in seine Arme wirft. Durch diesen Akt bringt es gleichsam das große Vertrauen zum Ausdruck, daß der Vater alles in Ordnung bringt, was irrig und ungeordnet ist. Das Kind erweist sich als Kind, wenn es mit seinem Vater spricht und ihn vertrauensvoll Abba, Vater, nennt. Die Beziehung Jesu zu seinem Vater reicht von der Kindheit bis zum Tod, bis zum letzten Schrei des vom Vater verlassenen Sohnes am Kreuz. Jesus tritt im Rahmen der Familie in eine besondere Beziehung zu seiner Mutter, aus deren Schoß er geboren wurde. „Gebenedeit ist die Frucht deines Leibes." Diese Beziehung geht weit über die biologischen Grenzen hinaus und erreicht die ungeahnten Dimensionen eines Dialogs, der im unverzüglichen, zuvorkommenden, entschiedenen Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes erblüht. „Als er das sagte, rief eine Frau aus der Menge ihm zu: ‚Selig die Frau, deren Leib dich getragen und deren Brust dich genährt hat.' Er aber erwiderte: ‚Selig sind vielmehr die, die das Wort Gottes hören und es befolgen'" (Lk 11,27-28). Es gibt einen geläufigen Aphorismus, den Tangum Yeronshami aufgreift und der den Segen Judas über Josef paraphrasiert. Jesus widerspricht dieser Seligpreisung nicht und weiß, daß sie in erster Linie auf seine Mutter zutrifft. Trotzdem verkündet er eine höhere Seligkeit.39

Die Kinder sind ein Geschenk Gottes (Ps 126, 3) und haben daher die Aufgabe, für ihre Eltern die Gestalt eines Geschenks anzunehmen, Gottes Willen zu erfüllen und ihren Eltern zu vertrauen, und zwar im gleichen Strom, der zu Gott führt. Jesus „war ihnen gehorsam" (Lk 2,51) und beobachtete damit vollkommen das Gebot: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt" (Ex 20, 12; Dtn 5,16). „Die christliche Familie ist eine Gemeinschaft von Personen, ein Zeichen und Abbild der Gemeinschaft des Vaters und des Sohnes im Heiligen Geist" (KKK, Nr. 2205).

Als Geschenk trägt das Kind erheblich zur Festigung des Ehebands bei und bewirkt, daß die Ehegatten sich besser verstehen und enger zusammenhalten. Die Eheleute nehmen sich gemeinsam etwas vor, was sie aus sich selbst herausführt und worin sie sich später wieder finden. Gemeint ist das neue Leben, das durch ihr Zusammenwirken mit dem Schöpfergott aus ihnen entspringt. Im Hinblick auf das Kind entwerfen und errichten die Eltern ihre Zukunft. Einerseits sind sie zwar in gewisser Weise die ersten Evangelisierer ihrer Kinder, aber andererseits werden sie auch von ihnen selbst evangelisiert. Die Sorge um die Kinder verwandelt sich in Vertrauen, das eine Grundhaltung des Menschen darstellt. Giuseppe Angelini schreibt in diesem Zusammenhang: „Der sehr große Wert, den die Kinder für das Einvernehmen der Eltern darstellen, ist allgemein bekannt. Mehr noch als von einem großen Wert muß man daher von der völligen Unfähigkeit der kleinen Kinder sprechen, sich ihr Leben und die ganze Welt ohne dieses ‚Einvernehmen' vorzustellen [...]. Die Kinder zeigen so, daß sie ein Segen sind, ein Licht im umfassenden Sinn des Lebens."40 Ein Erfordernis, um die Kinder als Geschenk anzunehmen, ist die Fähigkeit, eine Verpflichtung übernehmen zu können. „Die Wahrheit des Zeugungsaktes erfordert daher, daß Mann und Frau von Anfang an sich selbst dem versprechen, der kommen wird [...]."41

Auch wenn alle diese Aspekte, die wir hier begrenzt aufgezeigt haben und die eigentlich in einer Theologie der Werte der „Person" und des „Geschenks" eingehender behandelt werden müßten, für den gewöhnlichen Gläubigen sehr hoch erscheinen, waren sie der Weisheit jahrhundertealten Kulturen nicht unbekannt. So schrieb schon Aristoteles: „Die Eltern lieben ihre Kinder, weil sie sie als einen Teil ihrer Selbst betrachten [...]. Die Eltern lieben die Kinder wie sich selbst, weil die aus ihnen geborenen Kinder wie sie selbst sind [...] und die Kinder lieben ihre Eltern, weil sie in ihnen ihren Ursprung haben [...]. Schließlich werden die Kinder als Band geschätzt, und deshalb trennen sich die Eheleute ohne Kinder leichter; die Kinder dienen ihrem gemeinsamen Wohl, und was gemeinsam ist, hält zusammen."42

Wie Giorgio Campanini feststellt, erhalten die Beziehungen in der Familie im Licht des Evangeliums neue Dimensionen: Das „Ehre Vater und Mutter" (Dtn 15,4) kann zu vielfältigen Formen der Unterordnung der Kinder führen; je nach Kontext war die Sorge um die Kinder nicht ganz ohne Eigennutz: „Das Evangelium führt in den Bereich der Beziehungen zwischen Eltern und Kind die neue Kategorie des ‚Dienstes' ein, die nicht ausschließt, sondern in einem gewissen Sinn endgültig die der ‚Autorität' überwindet (vgl. Mt 20,26), indem sie die herkömmliche Beziehung der Unterordnung umkehrt." Wir würden vielleicht sagen, daß der Begriff der Autorität eine Bereicherung erfährt und vor allem als Dienst am Wachstum der Kinder verstanden wird. Und dies scheint mir die Sicht des Autors zu sein, wenn er daran erinnert, daß „die Ausübung von Autorität als Erfüllung eines Dienstes zu verstehen ist. Dies impliziert, daß wer erhöht ist, den, der erniedrigt ist, in den Mittelpunkt seiner Sorge stellt."43 Es handelt sich um eine vorläufige Unterordnung im Herrn, die sich bis zum Erwachsenwerden erstreckt. Noch einmal, die Liebe sucht das Wohl des anderen nicht seine Beherrschung. Die Liebe der Eltern darf daher nicht „vereinnahmend" sein, weil sie sonst die Kinder erdrücken und ihr Wachstum beeinträchtigen würde. In diesem Sinn ist die Autorität in der Familie „ek-zentrisch, insofern sie außerhalb ihrer Selbst ihren Mittelpunkt hat.

Wenn das Kind im Mittelpunkt der Sorge der Eltern steht, so bereiten sie sich auf dieses gemeinsame Gut vor, durch das sie sich im persönlichen Einvernehmen finden, insofern es eine tiefe, existentielle und lebensnotwendige Dringlichkeit darstellt. Es handelt sich dabei um ein besonderes gemeinsames Vorhaben, das sich aus ihrer innigen Gemeinschaft heraus bis hin zur Frucht ihrer Liebe verwirklicht, zu einer gesegneten Frucht im zweifachen Sinn von „Dienst" und „Ungewißheit". Dieses gemeinsame Vorhaben bzw. Unternehmen reicht vom Augenblick der Zeugung bis zum Ende des Entwicklungsprozesses.

Im Denken von Thomas von Aquin ist die „Unterordnung" im Sinne des Evangeliums (um nicht zu vergessen, daß „er ihnen gehorsam war" oder daß er „ihnen untertan war") das Ideal und das Kriterium für die Ausübung von Autorität in der Gesellschaft. So „kann die Autorität in der Familie als typisches Ideal für jede Form von Autorität verkündet werden, wenn sie im Geist des Evangeliums ausgeübt wird."44

Der Katechismus der Katholischen Kirche stellt in dieser Hinsicht fest: „Die Autorität, die Beständigkeit und das Gemeinschaftsleben innerhalb der Familie bilden die Grundlage von Freiheit, Sicherheit und Brüderlichkeit innerhalb der Gesellschaft" (KKK, Nr. 2207).

Die Kindererziehung ist vor dem Hintergrund dieses Autoritätsverständnisses zu verstehen. Der Erziehende überwindet so das instinktive Bestreben, die eigene Persönlichkeit und die eigenen Erwartungen auf das Kind zu übertragen oder sie in ihm zu verwirklichen. Die Erziehung als solche verlangt eine wirkliche Bemühung, die Kinder im Glauben zu erziehen (vgl. GS 48).

4. Die Familie - Geschenk für die Gesellschaft

„Die Familie ist die Urzelle des gesellschaftlichen Lebens. Sie ist die natürliche Gemeinschaft, in der Mann und Frau zur Hingabe der Liebe und zur Weitergabe des Lebens berufen sind. [...] Das Familienleben ist eine Einübung in das gesellschaftliche Leben" (KKK, Nr. 2207).

Wir wollen uns über diese notwendige Dimension, die bei anderer Gelegenheit behandelt wurde, nicht lange auslassen. Wir beschränken uns darauf, einige allgemeine Erwägungen vorzutragen.

Bereits das Konzil betonte am Anfang des Kapitels „Förderung der Würde der Ehe und der Familie" (GS 47): „Das Wohl der Person sowie der menschlichen und christlichen Gesellschaft ist zuinnerst mit dem Wohlergehen der Ehe- und Familiengemeinschaft verbunden" (GS 47). Und weiter unten erklärt es vielleicht nicht ganz so deutlich: „Gott selbst ist der Urheber der Ehe, die mit verschiedenen Gütern und Zielen ausgestattet ist; sie alle sind von größter Bedeutung für den Fortbestand der Menschheit, für den persönlichen Fortschritt der einzelnen Familienglieder und ihr ewiges Heil; für die Würde, die Festigkeit, den Frieden und das Wohlergehen der Familie selbst und der ganzen menschlichen Gesellschaft" (GS 48,1).

Die Familie ist ein Geschenk für die Gesellschaft und verlangt von ihr eine entsprechende Anerkennung und Unterstützung. Die Gesellschaft verlangt ihrerseits von der Familie die Erfüllung ihrer politischen Aufgabe.

Das Apostolische Schreiben Familiaris consortio spricht in Kapitel III des Dritten Teils von der „Teilnahme der Familie an der gesellschaftlichen Entwicklung" (Nr. 42-48), denn „die Familie ist die ‚Grund- und Lebenszelle der Gesellschaft' (AA 11) geworden. Die Familie ist in lebendiger, organischer Weise mit der Gesellschaft verbunden; denn durch ihren Auftrag, dem Leben zu dienen, bildet sie deren Grundlage und ständigen Nährboden. [...] So ergibt sich aus der Natur und Berufung der Familie, daß sie sich auf keinen Fall in sich selbst verschließen darf, sondern sich vielmehr auf die anderen Familien und die Gesellschaft hin öffnen und so ihre gesellschaftliche Aufgabe wahrnehmen muß" (FC 42).

Die Beziehungen zwischen der Familie und der Gesellschaft sind durch die Vermittlung des Staates nicht einfach und transparent. Und dies hat verschiedene Gründe. Der Staat dringt in Bereiche ein, die früher der Familie vorbehalten waren. Und während die Demokratie die Fahne der Berücksichtigung und der Beteiligung aller gesellschaftlichen Gruppen schwingt, sieht die Familie ihren Handlungsraum immer mehr eingeengt, so daß sie kaum atmen kann, ja sie steht sogar im Kreuzfeuer. Der Staat wird sozusagen allmächtig. Der Rückzug auf das Privatleben, auf eine beschränkte Intimsphäre kann wohl eine Form von Flucht und Rückzug vor den Aufgaben der Familie gegenüber der Gesellschaft sein. Wie Pierpaolo Donati darlegt, befindet sich die Familie heute in einem Umwandlungsprozeß: „Die Familie wird — (...) ‚psychologistisch' gesehen — eine besondere Art des Zusammenlebens, der privatisierten und subjektivierten Kommunikation, der reinen Äußerung von Intimität und Zuneigung, der keine große Bedeutung zukommt und die nur als Ausdruck von sozialer und kultureller Rückständigkeit betrachtet wird."45

Paul Moreau behandelt dieses komplexe Phänomen in seinen verschiedenen Dimensionen und folgt dabei eng F. Chirpaz: Um leben zu können, muß man in der Welt „draußen" erzeugen und kämpfen. Draußen, das ist die Welt der Konkurrenz in der Wirtschaft und der Auseinandersetzungen in der Politik. Im Gegensatz dazu, wie Chirpaz zusammenfassend sagt, „erscheint die Welt der Familie gleichsam als Gegengewicht und im Gegensatz zur Gesellschaft als Ort des Privaten, der wahren menschlichen Beziehung"46. Angesichts einer stressigen Gesellschaft wäre die Intimsphäre demnach Zufluchtsort vor der bedrohlichen Gesellschaft oder vor dem feindlichen Staat bzw. Ort der eigentlichen Wahrheit und des wahren Friedens. Seltsamerweise fasziniert die Stadt, obwohl sie andererseits Belästigung oder Abneigung auslöst und den vergilischen Traum vom Feld vor der unerträglichen, aggressiven und ungeordneten Stadt nährt und verstärkt. Dieser Begriff von der Privatisierung, der die Familie ihrer Aufgabe gegenüber der Gesellschaft beraubt, läßt sich zwar mit allerlei Gründen rechtfertigen. Er kann aber auch leicht zu Individualismus, Egoismus und Gleichgültigkeit führen. Daher ist die Kritik von Moreau berechtigt: „Wenn ich aus dieser Welt fliehe und wie viele aufrichtige und ehrliche Menschen, davonrenne, überlasse ich die Welt ungläubigen und gesetzlosen Menschen."47 Objektiv gesehen, ist die Flucht von der „politeia_" ein unverantwortlicher Akt: „[...] Flucht vor der Gefahr heißt nicht sie überwinden, und wer lieber vor der Gesellschaft flieht (démission de sa qualité de citoyen) macht sich letztlich objektiv mitverantwortlich für den Verfall der Gesellschaft."48

Der widerstandslose Rückzug ins Privatleben ist eine Versuchung, die den Staat in seinen Ambitionen nach einer neuen Herrschaft beflügelt. Dies führt nicht nur soweit, daß die Souveränität der Familie, die Vorrang vor dem Staat hat, nicht mehr anerkannt wird, sondern man verurteilt sie sogar zur Untätigkeit, da man sie für kraftlos hält.

Vor diesem Hintergrund ist daher die Sorge von Campanini berechtigt: „Die Familienethik gilt nicht nur in den eigenen vier Wänden [...]. Die Familie hat vielmehr eindeutig die Pflicht, zur Vermenschlichung der Gesellschaft und zur Förderung des Menschen beizutragen. Da die Familie strukturell gesehen Schnittpunkt von Öffentlichkeit und Privatleben ist, darf sie sich nicht in ihre eigene Privatsphäre zurückziehen (die privatrechtlich gesehen verfälscht und entstellt erscheint), sondern sie ist dringend aufgerufen, sich der Probleme der Gesellschaft in ihrer Umgebung anzunehmen. Die Errichtung dieser Beziehung zwischen Familie und Gesellschaft erscheint — in den fortgeschrittenen Industriegesellschaften, die von einer starken Auswirkung des öffentlichen Lebens auf das Familienleben gekennzeichnet ist — praktisch als notwendige Voraussetzung für die richtige Erfüllung der Erziehungsaufgabe."49

Papst Johannes Paul betont die Bedeutung der Familie, die immer als „vorrangige und in einem gewissen Sinne souveräne Gesellschaft" anerkannt werden muß. Der Papst erklärt in seinem Brief an die Familien, Gratissimam sane diesen äußerst bemerkenswerten Begriff mit seinen genauen Konturen und Nuancen, wenn er von Familie und Gesellschaft spricht (vgl. Gratissimam sane, Nr. 17).

Die Familie ist eine souveräne Gesellschaft und in ihrer Identität und in ihrer sozialen Subjektivität anerkannt. Es handelt sich dabei um eine spezielle und geistliche Souveränität, um eine fest verwurzelte Wirklichkeit, auch wenn sie unter verschiedenen Gesichtspunkten abhängig ist. Die Rechte der Familie, die ganz eng mit den Menschenrechten verbunden sind, müssen ihr in ihrer Subjektivität zuerkannt werden, in der sie den Plan Gottes verwirklicht und daher eigene und besondere Rechte beansprucht, wie sie in der Charta der Familienrechte enthalten sind. Der Papst erinnert an ihre Verwurzelung in den Völkern und in ihren Kulturen (hierhin gehört der Begriff „Nation") und an ihre Beziehungen zum Staat. Der Staat unterscheidet sich von der Nation durch eine weniger „familiäre" Struktur, die wie ein politisches System und eher „bürokratisch" organisiert ist. Das staatliche System besitzt in dem Maß „eine Seele", wie es seiner Natur als politische Gemeinschaft entspricht. Mit dieser „Seele" des Staates steht die Familie in einem engen Zusammenhang, insofern sie mit dem Staat kraft des Subsidiaritätsprinzips verbunden ist. Nach diesem Prinzip der katholischen Soziallehre darf der Staat nicht den Platz und die Aufgabe der Familie übernehmen und ihre Autonomie verletzen. Die Position der Kirche, die auf einer Erfahrung gründet, die niemand leugnen kann, ist in dieser Hinsicht kategorisch: „Ein überzogenes Eingreifen des Staates würde sich als schädlich und über eine Mißachtung hinaus als eine offene Verletzung der Rechte der Familie erweisen [...] Der Staat ist daher aufgerufen, entsprechend dem erwähnten Prinzip zu intervenieren [...]; nur dort, wo sie [die Familie] sich selbst nicht hinreichend ist, hat der Staat die Möglichkeit und die Pflicht zum Eingreifen" (Gratissimam sane, 17).

Wenn die Familie als unerläßliches Gut für die Gesellschaft nicht anerkannt und unterstützt, sondern eingeschränkt wird, entsteht für die Völker eine ungeheure, verheerende Leere (z.B. Ehescheidung, Aushöhlung der Ehe, „der einzigen Verbindung, die in der Gesellschaft als Ehe anerkannt werden kann", Permissivität, usw.). Der Papst folgert daraus: „Die Familie steht im Zentrum aller dieser Probleme und Aufgaben: sie in eine untergeordnete und nebensächliche Rolle zu versetzen, sie aus der ihr in der Gesellschaft gebührenden Stellung auszuschließen, heißt, dem echten Wachstum des gesamten Sozialgefüges einen schweren Schaden zufügen" (Gratissimam sane, 17).

Wendet man das Subsidiaritätsprinzip auf dem Gebiet der Erziehung an, so bedeutet dies, daß die Kirche diese Aufgabe nicht völlig an andere delegieren kann.

Wir müssen uns hier auf einen einfachen Hinweis auf das Problem der gesellschaftlichen Vermittlungen beschränken, die die Familie aus jenen Bereichen drängen, in denen ihre Gegenwart erforderlich und segensreich ist.

Pierpaolo Donati stellt in seinen Ausführungen nicht nur die Frage: „Warum vermittelt die Familie nichts mehr in der Gesellschaft?", sondern erwägt ganz allgemein „neue familiäre Vermittlungen". In einigen Bereichen wird die Familie als „Überbleibsel" behandelt, das nur in Problemfällen herbeigezogen wird. Es besteht allgemein die Vorstellung, daß die Familie von der öffentlichen Bühne verschwinden muß. Man geht sogar soweit, das Eheversprechen, den Wert der Dauerhaftigkeit als „Relikt" zu bezeichnen.50 Dennoch stellt Pierpaolo Donati zu Recht fest: „Keine Untersuchung auf diesem Gebiet bestätigt heute die Irrelevanz der Familienzugehörigkeit in den außerfamiliären Bereichen [...] So sehr die familiären Vermittlungen unter gewissen Gesichtspunkten und in einigen Bereichen zurückgehen oder verlorengehen, nehmen sie unter anderer Rücksicht und in anderen Bereichen zu, oder es entstehen neue. Insgesamt gesehen hat die Familie in den außerfamiliären Bereichen auch weiterhin eine Bedeutung, ja diese nimmt in den tatsächlichen Verhaltensweisen und im Rahmen der notwendigen kulturellen und auch politischen Legitimation sogar zu."51 Damit ergibt sich ein ganz neues Bild. Wenn die Familie nicht mehr den gesellschaftlichen Status bestimmt (und dies kann auch etwas Positives sein) wird sie dennoch Beziehungen unterworfen, in der sie ganz unvorhergesehen vermittelt.

Heute geht man davon aus, daß das Kind kein isoliertes Atom oder eine leibnitzsche Monade ist, keine Insel, kein Molekül, das im Vakuum schwebt. Die Sorge um die Rechte des Kindes kommt wieder auf. Man sucht nach dem Recht auf eine biologische Identität des Kindes wie auch nach den kulturellen, ethnischen und geschichtlichen Wurzeln. Donati stellt in diesem Zusammenhang fest: „In der Vergangenheit gab die Gesellschaft der Familie die Vermittlungen vor, die letztere ausüben mußte; heute genießt das Individuum das Recht, sich diese Vermittlungen zunutze zu machen, sie aufkommen zu lassen, anzuerkennen und zu bewerten."52 Weiter unten stellt er fest: „Die jüngsten Untersuchungen haben gezeigt, daß die Familie heute anders als früher eine Vielzahl von Meinungen und sozialen Beziehungen vermittelt, die noch die gleiche Bedeutung haben wie früher, ja die für das gesellschaftliche Geschick des Individuums und seine Lebensqualität entscheidend sind."53

Der Soziologe erkennt Bereiche, in denen die Verkennung der Lage alarmierende Ausmaße annimmt. Er nennt vor allem den Bereich der Politik, der zumindest in Situationen ein größeres Interesse zeigen müßte, in denen sich negative Folgen und Reaktionen nicht verschleiern lassen.54 Auf dem Gebiet der Erziehung tritt die Kluft besonders deutlich hervor.55

Aus einer tieferen Erkenntnis der Subjektivität der Familie sind neue Formen der Vermittlung hervorgegangen, insbesondere im Hinblick auf die Reifung als Mensch und als Person, wie zum Beispiel auf alles, was die Familie notwendigerweise für das ausgeglichene Wachstum des Kindes darstellt: die Vermittlung von Liebe in der Hausgemeinschaft oder die menschliche Wärme und die Unterstützung der älteren Menschen sowie deren große Lebenserfahrung für die Familie in einem weiteren Sinn aufgrund der Solidarität zwischen den Generationen.56 Die „Subjektivität" der Familie hat eine große Bedeutung für die Ausbildung der persönlichen Identität des Kindes, das ein familiäres Umfeld braucht und dies als Grundrecht beansprucht.57

In dieser Hinsicht muß man allerdings feststellen, daß die Familie einerseits unter gewissen Gesichtspunkten vernachlässigt wird, daß aber andererseits in gewisser Hinsicht der Wert der Familie als neues Gut wieder auftaucht.58

Alles, was die wesentlichen Aspekte der Vermittlung der Familie deutlich macht, kann die Familie als Institution vielleicht von anderen akzidentiellen Vermittlungen befreien, von denen man in einem bestimmten Augenblick auch absehen kann, ohne daß der Familienkern oder das soziale Netz darunter leiden. Die Familie kann Kanal oder Zentrum zur Vermittlung von Werten sein, die für die Lebensqualität der Gesellschaft und ihre Sittlichkeit entscheidend sind. Diese Sicht überschneidet sich mit dem, was die Charta der Familienrechte sagt: „Die Familie, die viel mehr ist als eine bloße juridische, soziale und ökonomische Einheit, bildet eine Gemeinschaft der Liebe und der Solidarität, die in einzigartiger Weise geeignet ist, kulturelle, ethische, soziale, geistige und religiöse Werte zu lehren und zu übermitteln, wie sie wesentlich sind für die Entwicklung und das Wohlergehen ihrer eigenen Mitglieder und der ganzen Gesellschaft"59.

Mit den neuen Vermittlungen gestaltet sich auch eine neue Bürgerschaft der Familie.60 In diesem Sinn würde die Eingliederung in die Gesellschaft nicht (wie früher) auf der Grundlage der Familie, zu der man gehört, aufgrund des „Familiennamens" erfolgen, wie er im Reisepaß oder auf der Kreditkarte steht. Diese Phase erscheint vielmehr prinzipiell überwunden, und dies habe auch seine positiven Seiten. Die Eingliederung erfolge statt dessen auf der Grundlage der Identität, der harmonischen Entwicklung der Persönlichkeit, die vor allem in der Familie gewonnen werde. Es trete daher nicht mehr der Fall derer auf, die ausruhen, während „ihr Familienname arbeitet", sondern es komme auf den durch die persönlichen Talente rechtschaffen erlernten und erworbenen Beruf an. In dieser Hinsicht ist die Familie die erste Schule der Tugend. In der neuen Bürgerschaft hat das Gesamt der neuen Beziehungen eine besondere Bedeutung. Darin erfährt die Frau nicht in bezug auf das Bild des Mannes eine allgemeine Aufwertung, um die sich mit Recht einige gemäßigte feministische Bewegungen sorgen, sondern entsprechend ihren Pflichten und Rechten. Auf diesem Gebiet kommt etwas Umfassenderes zum Ausdruck wie die Wahrung der Grundrechte der menschlichen Person, die sich im Hinblick auf die Familie nicht nur mehr oder weniger auf die Anerkennung von Individualrechten beschränken.61

Wenn heute von der Vermittlung von Werten für eine wahre Menschlichkeit die Rede ist, so verweist man auf die hohen sozialen Kosten der Anerkennung, die der Familie als Institution gebührt. Donati legt hier als Soziologe den Finger auf die Wunde: „Man kann feststellen, daß tatsächlich eine zunehmende Zahl von Problemen der Gesellschaft aus der fehlenden Anerkennung und Unterstützung der Familie in ihrer Aufgabe der sozialen Vermittlung entstanden sind. Dies bezeugen steigende Unzufriedenheit, Unbehagen, psychische Krankheiten, Drogenkonsum, Selbstmorde und Selbstmordversuche unter den Jugendlichen. Ebenso weist andauernder Mißerfolg in der Schule auf fehlende Geborgenheit in der Familie hin.62

Der gleiche Autor stellt weiterhin fest: „Die moderne Gesellschaft hat versucht, jegliche Vermittlung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft auszuräumen." Sie strebt nach Selbstverwirklichung des „reinen Individuums" in einer „offenen Gesellschaft", die nur aus Individuen besteht, mit dem Ergebnis, daß das Individuum sich selbst überlassen blieb, da ja die Vermittlung der Familie abgelehnt wurde. So blieb das Individuum gleichsam „ohne Zuhause", was ernste Folgen mit sich brachte. Das so entstandene „Individuum", war allerdings eine schwache Persönlichkeit, die praktisch „ex nuovo" Formen der Vermittlungen schaffen mußte, ohne die weder die „Gesellschaft" noch die „menschliche Person" bestehen können.63 Ein neues Zuhause wird dort nötig, wo der Familie nicht wieder ihre ganze Bedeutung zuerkannt wird. Niemand kann sich aufrichtig beklagen, daß ein universales „Wir" nicht seine Schuldigkeit tut oder daß es keine Selbstlosigkeit mehr gibt, wenn die Werte der „Wir"- Identität, welche die Familie darstellt, „die kleinen alltäglichen Formen von Solidarität‚ abgelehnt werden. „Die Familie ist für das Überleben und die Entwicklung der politischen Staatsbürgerschaft notwendig."64 „Niemand kann ohne ein Vertrauensverhältnis, ohne Hilfe und Unterstützung leben."65

Aufgrund der selbstmörderischen Kapriolen des Staates ohne Zuhause, ohne Familie allein gelassen zu sein, heißt, auf die Straße gesetzt, der Witterung preisgegeben und im innersten der Persönlichkeit und der menschlichen Existenz bedroht zu sein. Um ehrlich zu sein: Diese schwachen Persönlichkeiten sind der Beweis für den Zusammenbruch von einigen abenteuerlichen Vorstellungen, für eine äußerst mangelhafte Anthropologie und eine bodenlose Leere im Verständnis des Menschen als Person und der Gesellschaft als solcher. Wie läßt sich ein allgemeiner Zusammenbruch ohne eine tiefgreifende Änderung in dieser Richtung überhaupt noch verhindern? Die Bedrohung auf internationaler oder nationaler Ebene sollte zu einer entsprechenden Reaktion führen und die soziale und politische Funktion der Familie bestärken.66 Dies setzt allerdings die Anerkennung der Familienrechte voraus. „Die Familien haben ein Recht, von den staatlichen Autoritäten eine angemessene Familienpolitik auf juristischem, wirtschaftlichem, sozialem und steuerrechtlichem Gebiet erwarten zu können, die jedwede Benachteiligung ausschließt" (Art. 9). „Die Familie hat das Recht, als Familie zu leben und sich zu entfalten." (Art. 10).

Eine nur oberflächliche Zuwendung zum Individuum genügt nicht, weil sie die „Familie nicht in ihrer Subjektivität", das Zuhause nicht als Mittelpunkt und Quelle der Beziehungen anerkennt, ohne die die Gesellschaft verloren ist.

Werden die sozialen Folgen einer fehlenden Vermittlung in der Familie und die damit verbundenen Hindernisse, die ihren politischen und gesellschaftlichen Einfluß zu ersticken drohen, nicht erkannt, so sind — wir wiederholen es noch einmal — vor allem die Kinder die Leidtragenden. Die Informationen und Statistiken, welche die Zeitschrift Consilium liefert, sind beeindruckend. Eine Ausgabe steht ganz unter dem Thema „Wo sind unsere Kinder?" und legt zu Recht dar, was letztlich eine „stille Katastrophe"67 ist. Sie ist umso schmerzlicher, als sie im Kontrast zu einer Vielzahl von Lösungsmöglichkeiten steht. Wie könnten wir schweigen angesichts eines so fürchterlichen Mangels an Solidarität und politischem Willen, schnellstmöglich eine Lösung zu finden?

Dem breiten Phänomen von ungerechter Gewalt, die Tod sät, der Ungleichheit und der ungleichen Chancen, die Tausende und Abertausende unschuldige Opfer dahinrafft (ganz zu schweigen vom verabscheuungswürdigen Verbrechen der Abtreibung) könnte man durch eine wirksame Mobilisierung, die auf der Hand liegt, begegnen: „Würden für die hauptsächlichen Ziele der Entwicklungspolitik nur ein Zehntel der Mittel zur Verfügung gestellt, die in den letzten zwei Jahrzehnten für die Rüstung ausgegeben wurden, lebten wir heute in einer Welt mit geringer oder überhaupt keiner Unterernährung, mit weniger Fällen von Krankheiten und Invalidität, mit einer umfassenderen Alphabetisierung und einem sehr viel höheren Bildungsniveau sowie höheren Einkommen."68 Diese Schlußfolgerung stützt sich auf die Daten des deutschen Komitees für die UNICEF von 1995 über die Situation der Kinder in der Welt.69 Der hier erwähnte Beitrag öffnet in gewisser Hinsicht eine Tür der Hoffnung: „Die Situation in Gesundheit und Hygiene hat sich in der Welt in den letzten vierzig Jahren mehr verbessert als in der ganzen vorherigen Geschichte der Menschheit."70 „Beeindruckend ist, wie die Kindheit im vergangenen Jahrzehnt plötzlich zum öffentlichen und politischen Thema wurde. [...] Die gegenwärtige Aufmerksamkeit für die Kinder erschöpft sich nicht im Prinzip, daß sie ‚die verwundbarsten Bürger' der Gesellschaft oder die ‚wertvollsten Mittel der Menschheit' sind [...]. Das 21. Jahrhundert gehört den Kindern."71 Machen wir daher das Herz weit für die Hoffnung!

Es gibt noch andere Formen von „Armut", deren Opfer viele Kinder sind und die sich nicht auf Fragen der Gesundheit des Leibes oder wirtschaftliche Fragen beschränken. Sie sind heute z.B. in den Vereinigten Staaten Gegenstand von Untersuchungen und Analysen. So erscheinen Beiträge mit Titeln wie z.B. „Wie die Familie in den Vereinigten Staaten ein ‚liberales Thema' geworden ist." Oder auf dem Gebiet der Politik: „Die Liberalen interessieren sich für die Frage der Werte" (so lautet ein Untertitel). In diesem Zusammenhang werden einige dramatische Zeugnisse wiedergegeben: „Die Beweise für die steigende Armut der alleinstehenden Mütter und für die Verschlechterung des psychischen und physischen Zustands der Kinder sind die wichtigsten Faktoren für diesen Sinneswandel. Der Anstieg der Ehescheidungen und der unehelichen Geburten wird bereits als naheliegender Grund für diese Entwicklungen erachtet. Betrachtet man zum Beispiel die Ehescheidung, so stellt man fest, daß der Prozentsatz von Ehescheidungen in den siebziger und achtziger Jahren in den Vereinigten Staaten enorm gestiegen ist: im Augenblick liegt er bei etwa 50 Prozent."72 Auch die Auswirkungen auf die Wirtschaftsbedingungen sind enorm. Wir verweisen hier auf jüngste Studien, aus denen hervorgeht, daß die Ehescheidung zu einer ernsthaften, wirtschaftlichen Verschlechterung führt.73 Und was soll man dann erst zu den unehelichen Geburten sagen.

Es gibt zahlreiche Studien über die grausamen Folgen bei Kindern und Jugendlichen, die ohne Familie aufwachsen. Wie können daher die verantwortlichen Politiker eines Landes diese ernsthaften Appelle unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit überhören? Man stellt ohne Umschweife fest: „Der Zusammenhang zwischen Jugendkriminalität und Zerfall der Familien tritt deutlich hervor. Der ehemalige Sekretär der Abteilung für Gesundheit, Louis Sullivan, berichtet, daß über 70 Prozent der männlichen Jugendlichen im Gefängnis aus Familien ohne Vater stammen."74 Auf der anderen Seite „schneiden die Kinder besser ab, wenn sie die persönliche und materielle Unterstützung von Vater und Mutter erfahren und wenn beide Elternteile ihrer Verantwortung der liebenden Fürsorge nachkommen [...] Höhere Scheidungsraten, eine größere Zahl von unehelichen Schwangerschaften und Abwesenheit der Eltern sind nicht einfach Äußerungen eines alternativen Lebensstiles, sondern Verhaltensmuster von Erwachsenen, die die Gefahr für negative Folgen für die Kinder erhöhen.75

Diese nur summarischen Informationen aus äußerst glaubwürdigen Quellen zeigen die Ernsthaftigkeit des Problems und die Notwendigkeit, die Familie bei der Erfüllung ihrer wichtigen Aufgabe der sozialen Vermittlung zu stärken und zu unterstützen, ohne die (und das ist keine rhetorische Apokalyptik) die Zivilisationen zerbröckeln. Im Mittelpunkt der Problematik steht die Frage nach den Werten, Lebensstilen und Verhaltensweisen, die sich durch die bestehende oder fehlende Familie auf die Gesellschaft auswirken. Daher kommt es dem Staat ganz eindeutig zu, der Familie zu helfen, damit es „eine gültige Familienethik" gibt. Galston76 meint, daß eine gerechte Demokratie rechtschaffene Bürger voraussetzt und daß die Religion für die Schaffung einer Ethik der Motivationen77 wesentlich ist, die in der Familie gepflegt werden.

5. Hoffnung der Menschheit

Das Thema des Welttreffens des Heiligen Vaters mit den Familien gibt den Menschen neue Hoffnung.

Wir schauen trotz der konkreten Schwierigkeiten und Anfeindungen, die die Ehe als Institution schwächen, mit festem Vertrauen in die Zukunft.

Die Hoffnung läßt uns zuversichtlich auf das Dritte Jahrtausend blicken und ist gleichzeitig Anlaß, um auf die Vergangenheit zurückzuschauen, um Bilanz und zahlreiche Lehren aus der Geschichte der Kirche zu ziehen, die vor Gottes Angesicht mit der Menschheit auf dem Weg ist. Vor allem aber wollen wir den Glauben feiern und uns ernsthaft verpflichten, die Zukunft in die Hand zu nehmen, denn auch wenn diese eigentlich Gottes Hand liegt, müssen wir trotzdem ihm gegenüber unsere Verantwortung übernehmen. Wir dürfen uns nicht aus den entscheidenden Schlachten der Menschheit zurückziehen.

Die Familie „verbindet sich eng mit dem Geheimnis der Inkarnation und mit der eigentlichen Geschichte des Menschen", schreibt der Heilige Vater in seinem Apostolischen Schreiben Tertio millennio adveniente (Nr. 28), wobei er auf das Jahr der Familie zu sprechen kommt. Aus Nazareth, wo „das Wort Fleisch geworden ist" (Joh 1,14) kommt die erhabene Botschaft der Heiligen Familie, dem Urbild der Familie, der unerschöpflichen Quelle von Spiritualität und neuer Energien, die vom Auferstandenen stammen. Er wirkt in seiner verwandelnden Kraft mitten in der Geschichte, in dieser besonderen Offenbarung des Geheimnisses, in der Fülle der Zeiten, die mit dem Geheimnis der Fleischwerdung des Wortes identisch ist (vgl. TMA 1).

„Christus, der neue Adam, macht eben in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung" (GS 22). In Christus klärt sich demnach das Geheimnis der Urzelle der Gesellschaft auf, der Gemeinschaft des Lebens und der Liebe, in der der Herr wie bei der Hochzeit von Kana gegenwärtig ist.

Der Herr kommt den Familien entgegen, erleuchtet und stärkt sie. Er erlöst ihre Liebe und begleitet sie in einem liebevollen und fürsorglichen Dialog, den es in Glauben und Gebet zu entdecken gilt. In vielen Situationen ist der Weg steil, wenn man die Bitterkeit der eigenen Unzulänglichkeit, verlorener Kämpfe und des Verfalls vieler Hausgemeinschaften erfährt. In solchen Situationen kommt aber auch Hoffnung auf durch die Begegnung mit dem Herrn, dem Erlöser der Menschen, wie zum Beispiel bei den Jüngern von Emmaus, deren Sache völlig gescheitert schien.

Die erlöste Liebe setzt erstaunliche Kräfte frei, um den Herausforderungen zu begegnen und die notwendigen Aufgaben zu übernehmen, die der Herr der Familie übertragen hat und ohne die die Menschheit und auch die Kirche zum Scheitern verurteilt wären. Wenn die Zukunft der Menschheit über die Familie läuft, dürfen die umfangreichen Chancen, die die Zukunft eröffnet, nicht ungenutzt bleiben. Es gilt zu denken, daß die Familie in Antwort auf den Herrn der Geschichte zu einem Großteil selbst ihr Geschick in die Hand nehmen muß. Der Papst schreibt hierzu: „Es ist daher notwendig, daß die Vorbereitung auf das Große Jubeljahr in gewisser Weise über jede Familie läuft. Trifft es etwa nicht zu, daß der Sohn Gottes durch eine Familie, die Familie von Nazareth, in die Geschichte des Menschen eintreten wollte?" (TMA 28).

Der Herr hat unter uns gewohnt (vgl. Joh 1,14), er hat, um es mit den Worten und in der Sprache der Bibel zu sagen, sozusagen sein Zelt unter uns aufgeschlagen, ein Feldzelt (Beduinenzelt), und er wollte dies tun in der konkreten Hausgemeinschaft von Nazareth, wo er bei seinen Eltern und im Gehorsam gegenüber von ihnen lernte.

Die Feier des Welttreffens in Rio erfordert jene aufgeschlossene, freudige und kontemplative Haltung, in der man im Herrn das Geheimnis der Familie entdecken und besser erkennen kann. Aus diesem Grund sollte die Vorbereitung in Form von „Katechesen" erfolgen, bei denen Millionen von Familien überall auf der Welt anhand der Lehre der Kirche, im Gebet und in der Überzeugung, daß der Herr sie begleitet, über die vorgeschlagenen Themen meditierten.

Die Hoffnung ist in die Dynamik der menschlichen Natur eingeschrieben. Sie bildet einen wesentlichen Charakterzug des Menschen; ein entscheidender Faktor, wie ein Philosoph schreibt, ist das Hoffen und die Art und Weise, wie man hofft.78 Die menschliche Existenz ist nicht nur durch die Annahme der Gegenwart bestimmt, sondern auch durch die Erinnerung an die Vergangenheit und die Erwartung der Zukunft, im Sinne einer aktiven Hoffnung, die uns auf ein Gut oder auf ein Gesamt von angestrebten Gütern öffnet. Denn Hoffen oder Hoffnung haben ist ein Wesenszug des Menschen. Für den Christen gründet die Hoffnung in Gott. Sie besteht in einem allgemeinen, grenzenlosen Vertrauen auf das Walten der göttlichen Vorsehung. Gründet das Vertrauen hingegen nicht in Gott, wird es zur unverantwortlichen Gewißheit, die unweigerlich ihrer Zerstörung entgegen geht.79

Wenn einerseits, wie der spanische Schriftsteller Eugenio D'Ors schreibt, die Hoffnung „die Tugend mit dem schlechtesten Ruf" war und Chamfort sogar zu sagen wagte, sie sei „ein Scharlatan, der uns ständig betrügt", so leben wir in einem Augenblick der Geschichte, in dem die Bezugspunkte der wahren Hoffnung wiederhergestellt werden müssen: Wahrheit und echte Liebe, die nicht trügen, da sie letztlich nicht von Menschenhand gemacht sind. In diesem Sinn ist die Hoffnung keine zerbrechliche, trügerische „unverantwortliche Gewißheit", sondern eine notwendige Dimension, die im Absoluten, in Gott, gründet.

Aufgrund der festen Gewißheit, daß Christus, der Erlöser der Menschen gesiegt hat, daß sein Sieg auch unser Sieg ist, weil er uns daran teilhaben läßt, bietet uns die Hoffnung Grund, Ausdruck und Sicherheit für unser Vertrauen. Als moralische Tugend verleiht sie Kraft und Orientierung auf dem Weg. Johannes vom Kreuz sprach daher von einer „grünen Jacke"80. Diese feste Hoffnung und dieses feste Vertrauen sind absolut, weil sie auf den göttlichen Verheißungen gründen.81

Der Katechismus der Katholischen Kirche lehrt: „Die Tugend der Hoffnung entspricht dem Verlangen nach Glück, das Gott in das Herz jedes Menschen gelegt hat. Sie nimmt in sich die Hoffnungen auf, die das Handeln des Menschen beseelen; sie läutert sie, um sie auf das Himmelreich auszurichten; sie bewahrt sie vor Entmutigung, gibt Halt in Verlassenheit; sie macht das Herz weit in der Erwartung der ewigen Seligkeit. Der Schwung, den die Hoffnung verleiht, bewahrt vor Selbstsucht und führt zum Glück der christlichen Liebe" (Nr. 1818).

Mit der Hoffnung werfen wir unseren Anker in den Himmel aus, den der Herr bereits erreicht hat. Jesus ist bereits in die Ewigkeit eingetreten und wird am Jüngsten Tag zur entscheidenden Begegnung mit der Menschheit wiederkommen. Deshalb ist die Hoffnung in die Geschichte und die Eschatologie einzuordnen, in die Parusie.

Wie aber sollen wir unsere Herzen zur Hoffnung erheben, da eine Vielzahl von Zeichen eher Zweifel aufkommen lassen, die für einige mit den gegenwärtigen Denkmustern zusammenhängen und eine Frage des Überlebens darstellen? Besonders in einigen Ländern gibt es offenkundige Symptome für eine Aushöhlung der Familie, und in immer weiteren Handlungsräumen bahnen sich besorgniserregende Risse in den Familienstrukturen an. Erinnern wir uns, wie der Zweifel über die Zukunft der Familie auf internationalen Foren während des Internationalen Jahrs der Familie durch das Motto „ungewisse Familie" im Anschluß an die Position von L. Rousel geschürt wurde.82

Dennoch kann es vorkommen, daß die Prognosen eher eine ungebührende Übertragung von Phänomenen auf eine universale Ebene darstellen, die in bestimmten Ländern besorgniserregende Merkmale aufweisen. Auch in jenen, die am meisten von einer systematischen Zerstörung der Familie durch die „Verschwörung" des Staates betroffen sind, ist die Frage berechtigt, ob es in Zukunft nicht zu neuen Strömungen und heftigen Reaktionen kommt — allen voran die Christen mit ihren eifrigen pastoralen Bemühungen und Anstrengungen —, welche die politischen Kräfte zu neuen Wegen und zu Kursänderungen bewegen. Zeichen der Hoffnung für eine neue Dynamik in dieser Hinsicht sind jedenfalls vorhanden.

Ist es denn möglich, daß gerade die Völker, die entsprechend aus ihrer Geschichte gelernt haben, sich auf ein Abenteuer mit tragischem Ende einlassen?

Die ausführlichen Daten und Ergebnisse von soziologischen Studien, die vor allem im Bereich der Jugendlichen durchgeführt wurden, zeigen, daß sich die Jugendlichen in großer Mehrheit sehnlich eine feste Hausgemeinschaft wünschen. Wir haben andererseits aber gesehen, wie gewisse vernichtende Schlußfolgerungen diesen Daten und einer grundlegenden Sorge um die Zukunft der Familie nur wenig Rechnung tragen. Ein weiterer Gesichtspunkt, den es zu berücksichtigen gilt, ist die Frage, ob das verkündete Ideal mit der tatsächlichen Lebensführung übereinstimmt.83 Die bitteren Erfahrungen einer sozialen Zerrüttung legen einigen Politikern finanzielle Vorkehrungen und Maßnahmen zur Unterstützung und zum Schutz der Familie nahe.

Nach einem dürftigen Beginn hatte sich die Atmosphäre gegen Ende des Internationalen Jahrs der Familie gebessert, und die Arbeiten wurden im Vergleich zu den stürmischen Anfängen in einer größeren Ruhe durchgeführt.

Wir haben die neue Weise im Umgang mit der Familie bereits angesprochen und auf das Beispiel der Vereinigten Staaten verwiesen, wo die Familie wieder im politischen Interesse steht.

Wir dürfen uns nicht von einer Art fatalistischem „Determinismus" ergreifen lassen und uns gegenüber einer scheinbar unausweichlichen Krise der Familie nicht kampflos geschlagen geben. Müßte im Herzen der Völker und Menschen nicht eine Suche nach dem für Eheleute, Kinder und Gesellschaft notwendigen Wohl erwachen, da es sich bei der Familie um eine vom Schöpfer ausdrücklich gewollte Einrichtung handelt?

Wir haben festgestellt, daß die Familie objektiv nicht aufgehört hat, Zentrum der sozialen Vermittlung zu sein, und daß es wesentliche Vermittlungen im Hinblick auf die Anerkennung und den Schutz der Familien als bevorzugten Handlungsraum der Menschheit sowie ihre Rettung gibt. Mit Hilfe der Wissenschaften treten neue Züge der „Bürgerschaft der Familie" hervor, die untrennbar mit ihrer Erziehungsaufgabe im Dienst der Identität der menschlichen Person verbunden sind. Hierin müssen wir sicherlich die größten Möglichkeiten der Familie sehen, ohne daß wir uns an andere Formen der Gegenwart und Vermittlung klammern, die vielleicht anderen Momenten der Geschichte und anderen kulturellen Voraussetzungen entsprachen.

Die notwendige Vermittlung führt uns dazu, das Kind als konkreter Weg für die Wiedergewinnung der Familie als Institution und für ihre Stärkung zu bevorzugen, weil die Kinder die Züge und die Seins- bzw. Lebensweise der Hausgemeinschaft offenbaren.

Wir wollen an dieser Stelle eine Anekdote einfügen. Auf der Weltfamilienkonferenz der Vereinten Nationen in Malta (November 1993) war der französische Soziologe L. Rousell (was symptomatisch für diese Konferenz war) der Hauptredner. Seine Prognosen über die Zukunft der Familie waren damals äußerst finster. Stimmen wurden laut, wonach die Hoffnung erstorben sei. Gegen Ende der Konferenz stellte ich ihm eine Frage, mich bewegte sozusagen die „spes contra spem" (die Hoffnung wider alle Hoffnung), die Abraham als großer Verdienst angerechnet wurde. Ich fragte ihn also, ob er wirklich keinen Ausweg sähe und warum die Menschheit sich in diese Sackgasse begäbe, da die Dinge doch nun einmal so stünden. Er überlegte einige Zeit und gab mir dann sein Buch, das ich bereits mit großem Interesse gelesen hatte, und antwortete: „Ich beginne am Ende des Tunnels ein Licht zu sehen, und dieses Licht ist das Kind." Ja, die Kinder sind ein Licht und ein Ausweg. Auch wenn dieser „Ausweg" noch nicht abzusehen ist, so müssen wir doch sagen, daß dies der grundlegende Weg ist.

Der Dienst an den Kindern, die liebevolle Sorge um sie kann viele Ehepaare aus den Fangarmen der Selbstsucht befreien, die sie in einem „Egoismus zu zweit" gefangen hält, und auch die Gesellschaft, die durch die Ablehnung von Werten eine Krise der Menschheit auslöst. Die Kinder als Frucht der Liebe evangelisieren und befreien jene, die im Zusammenwirken mit Gott die Urheber des Lebens sind. Die Erfüllung ihrer hauptsächlichen Aufgabe widerspricht nicht der Fülle der ehelichen Liebe. Im Gegenteil, sie verleiht ihr erst ihre ganze Fülle. Das Ehepaar wird daher bei der Erfüllung ihrer Aufgabe von den Kindern davor bewahrt, sich nicht auf die Lösung „seiner eigenen Probleme" zu beschränken und darüber keine Zeit für die Probleme der Kinder mit ihren Rechten und Leiden zu finden.

Über so vielen Gesellschaften, denen vor allen eine geistige Überalterung droht (ohne mich hier in demographische Erwägungen in bezug auf den „wirtschaftlichen Winter" auszulassen) erstrahlt ein Licht aus der Höhe, und zwar durch das neue Leben, das von Gott kommt, wie auch der Herr, der Erlöser der Welt, „aus der Höhe" gekommen ist.

An dieser Stelle erlauben wir uns eine Nebenbemerkung eher künstlerischer Art. Der bekannte spanische Bildhauer, Luis Antonio Sanguino, hat dem Päpstlichen Rat für die Familie sein Werk „Sanctuarium vitae" geschenkt. Es handelt sich um eine wundervolle Skulptur gleichsam um einen Lobgesang auf das Leben. Aus den von den Nägeln durchbohrten Händen Christi — den Händen Gottes, dem Bildner des Menschen — steigt das Leben in Form einer Krippe auf und bildet in einer Frau, der Mutter einen leuchtenden Kreis: gemeint ist damit der Mutterschoß, in dem das „Ungeborene" ruht. Daraus erhebt sich ein Baum, der Baum des Lebens mit der Familie, mit Kindern aus allen Rassen. Mit einem Lachen auf dem Mund, im Zeichen des Sieges erheben sie ihre Arme zum Himmel, zum Licht. Das Licht im gesegneten Schoß der Mütter erleuchtet die Liebe der Gatten, der Familien, der Welt mit größerer Poesie und größerem Realismus als das bloße Licht, das am Ende des Tunnels schwach zu sehen ist. Es ist das wahre Licht dessen, der von Nazareth und Betlehem aus jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt (vgl. Joh 1,9).

Wir wollen diesen Ausflug in die Kunst mit einer anderen Erinnerung gleichsam als Dank für ein Geschenk, das wir erhalten haben, beenden.

Der bekannte italienische Künstler Enrico Manfrini hat für das Welttreffen ein sehr schönes Basrelief der Heiligen Familie von Nazareth angefertigt. Der dreiundachtzigjährige Bildhauer hat das Erbe der christlichen Kunst mit zahlreichen Werke bereichert. Er arbeitet an der Seite seiner Frau mit jugendlicher Begeisterung in seiner Werkstatt in Mailand. Sie sind ein lebendiges Zeugnis für eine Hausgemeinschaft in der heiteren Fröhlichkeit eines Ehepaars, das, wie das Buch Tobit sagt, sehr alt wurde vor Gott (vgl. Tob 14,2). Ich fragte mich daher: Wie mögen in diesem Alter die Hände aussehen, die so gefügig der Eingebung folgen, die sie bewegt, die so fleißig und genau arbeiten wie die Hände eines Jugendlichen und so wunderbare Gesichter des Gotteskinds, Josefs und Marias anfertigen, die die bescheidene Hauswerkstatt von Nazareth mit Licht erfüllen?

Das Geheimnis dieses langen Künstlerlebens liegt in der ehelichen Liebe und in den Kindern, mit denen Gott sie gesegnet hat. Nazareth, Betlehem und Kana erzählen uns von der Familie und der tatkräftigen Gegenwart des Herrn, die sich in die Geschichte erstreckt. In seinem Brief an die Familien Gratissimam sane weist der Nachfolger Petri auf den „Bräutigam" hin, der im Innern der Familie gegenwärtig ist: Er vereinigt die Eheleute im Geheimnis seines Bundes; er erneuert die Liebe durch die gegenseitige Hingabe in der Gemeinschaft der Familie als Geschenk und Verpflichtung, die in Gott fest verwurzelt ist; er verwandelt Wasser in Wein und kommt den Neuvermählten zu Hilfe und steht ihnen auch im Laufe der Jahre ihres Ehelebens bei, so daß sie eine ganze Reihe von Überraschungen erleben; er gibt ihnen Hoffnung, weil Er selbst die Hoffnung ist.

 

 

 

1 Vor dem Welttreffen des Heiligen Vaters mit den Familien vom 4. bis 5. Oktober 1997 wird vom 1.-3. d. M. ein pastoraltheologischer Kongreß stattfinden. Bei den 2.500 Teilnehmern handelt es sich um Delegierte der Bischofskonferenzen, Theologen, Hirten und Vertreter von vielen Apostolatsbewegungen für die Familie und das Leben, von Gruppen, Verbänden, die sich für die Hauskirche, das Heiligtum des Lebens, engagieren.

2 Vgl. Apostolisches Schreiben Familiaris consortio Nr. 11-16; Schreiben an alle Staatsoberhäupter der Welt, vom 14. März 1994; Brief an die Familien Gratissimam sane, Nr. 6-12.

3 Einige Übersetzungen lauten hier „ein einziges Wesen" und geben den Sinn des biblischen Ausdrucks besser wieder.

4 Vgl. H. Schlier, Der Brief an die Epheser, Düsseldorf 1971.

5 Vgl. Rituale Romanum, Ordo celebrandi matrimonium, Nr. 74.

6 Rituale Romanum, Die Feier der Trauung, zitiert in Johannes Paul II., Brief an die Familien Gratissimam sane, Nr. 11).

7 M. Thurian, Mariage et celibat. Dons et appels, Taizé 1977, S. 27-28).

8 C. Rocchetta, Il sacramento della coppia, Bologna 1996, S. 42.

9 Joachim Gnilka, Das Matthäusevangelium, Bd. 2, Freiburg.

10 Johannes Paul II., Uomo e donna lo creò. Catechesi sull'amore umano, Rom 1995, S. 97.

11 A.o.O. 468, Nr. 4.

12 Ebd. 59.

13 Vgl. M. Yourcenar, Mémoires d'Hadrien, Paris 1974, 21-22.

14 Ebd. 34.

15 Francisco Gil Hellín, „El matrimonio: amor e institución, in derselbe, Cuestiones fundamentales sobre matrimonio y familia, Pamplona 1980, 239.

16 A. Quilici, Le fiançailles, Paris 1993, 135.

17 J. Ratzinger, Le mariage et la familie, 311.

18 Francisco Gil Hellín, a.a.O., 236-237: „Die Liebe, von der hier die Rede ist, ist die amor coniugalis, das heißt nicht ein bloßes Gefühl oder ein blinder und unwiderstehlicher Trieb, der der Unbeständigkeit der Leidenschaft ausgesetzt ist, sondern jene ‚zuhöchst menschliche' Zuneigung, die, wenn sie dem Willen entspringt, alle Äußerungen der natürlichen Neigungen annimmt und veredelt. Sie geht also von dem Edleren der menschlichen Person aus — von der Zuneigung des Willens — und richtet sich auf ihr Ziel, in dem sie das ganze Gut der geliebten Person umfaßt."

19 Ebd. 240.

20 Antonio Miralles, Il matrimonio, Mailand 1996, 82.

21 Johannes Chrysostomus, Homilia in Eph., 20,8.

22 Vgl. Miralles, a.a.O., 81.

23 Vgl. Heinrich Schlier, a.a.O. 415.

24 M. Zerwick, Der Brief an die Epheser, Freiburg, 166.

25 C. Rocchetta, a.a.O., 42.

26 Augustinus, De Bono coniugali 24, 32.

27 Francisco Gil Hellín, Il matrimonio e la vita coniugale, Valencia 1995, 230.236f.

28 Johannes Paul II., Uomo e donna lo creò, 468.

29 C. Rocchetta, a.a.O., 161.

30 Vgl. A. Miralles, a.a.O., 74-75.

31 Bereits das damalige Heilige Uffizium hatte mit Dekret vom 1. April 1944 die von Doms und Krempel dargelegte Position zurückgewiesen (vgl. DzH 3838), und Pius XII. hatte in seiner Ansprache vor den Hebammen am 29. Oktober 1951 die Fortpflanzung als erstes und innerstes Eheziel aufgezeigt und betont: „Was in der ehelichen Liebe als solcher geistlicher und tiefer ist, wurde durch den Willen der Natur und des Schöpfers in den Dienst der Nachkommenschaft gestellt."

32 Im Rückgriff auf den scholastischen Gebrauch des Formalobjekts geht der Päpstliche Rat für die Pastoral im Krankendienst bei der Betrachtung der Krankheit von der Gesundheit aus, die gepflegt und betreut werden muß. Vor diesem Hintergrund werden menschliches Leid und Krankheit dann genau bestimmt (vgl. Pastor bonus, Art. 152, 153).

33 G. Angelini, Il figlio, una benedizione, un compito (=Vita e Pensiero), Mailand 1991, 164.

34 Hans Urs von Balthasar, Homo creatus est.

35 G. Campanini, Realtà e problemi della famiglia contemporanea, Turin 1989, 155.

36 Vgl. G. Campanini, a.a.O., Kap. VII, 104-111.

37 Der Päpstliche Rat für die Laien hat folgende Pastoraltreffen zum Thema Kind veranstaltet:

• Die Rechte des Kindes, 18.-19. Juli 1992 in Rom;

• Die Ausbeutung der Kinder in der Prostitution und Pornographie, 9.-11. September 1992 in Bangkok;

• Kindesarbeit, 1.-3. Juli in Manila;

• Adoption, 25.-27. Februar 1994 in Sevilla;

• Straßenkinder, 27.-28. Juni 1994 in Rio de Janeiro.

38 M. Zundel, Recherche de la personne, Paris, 34.

39 Vgl. P. Grelot, Jésus de Nazareth, Christe le Seigneur, Bd. 1, Paris 1997, S. 298.

40 G. Angelini, a.a.O., 172.

41 Ebd. 180.

42 Aristoteles, Nikromatische Ethik VIII, 12.

43 G. Campanini, Famiglia, in Nuovo Dizionario di Teologia Morale, Mailand 1990, 410.

44 Ebd.

45 P. Donati, La nuova cittadinanza di famiglia, in Terzo rapporto sulla famiglia in Italia, Cinisello Balsamo 1993, 26.

46 F. Chirpaz, Difficile rencontre, Paris 1982, 70.

47 P. Moreau, Les valeurs familiales. Essai de critique philosophique, Paris 1991, 145.

48 G. Campanini, a.a.O. 149.

49 Ebd. 411.

50 N. Luhmann hat dieser Auffassung ein wissenschaftliches Fundament verliehen. Seinen Ausführungen zufolge seien die Individuen in keiner Weise mit ihrer Familienzugehörigkeit verbunden. Diese sei daher irrelevant (N. Luhmann, Il sistema sociale famiglia, in La ricerca sociale, 1989, Nr. 39, 235-352). Noch weniger dürfe die Familie als „Subsystem der Gesellschaft" verstanden werden. (Damit wird die Ablehnung der Familie in ihrer souveränen Subjektivität mit besonderen Rechten konkret begründet). Weder soll sie noch darf sie etwas zwischen den Individuen und der Gesellschaft vermitteln, nicht einmal die Beziehung zwischen den Geschlechtern (vgl. N. Luhmann, Femmes - Hommes, Paris-Lecce 1992, 52-70).

51 P. Donati, in Terzo rapporto, 27.

52 P. Donati, a.a.O., 31.

53 Ebd. 59.

54 Vgl. ebd. 61.

55 Donati erkennt — in bezug auf die Problematik in Italien — die zunehmende Schwierigkeit einiger Vermittlungen bzw. ihren einschränkenden Charakter und nennt die Schule, die sozialmedizinischen Dienstleistungen, die Betriebe (Wirtschaft). Betrachtet man einige Länder, so kommt man ganz allgemein zu dem Schluß, „daß die Familie scheinbar gar nicht vorhanden ist: Es gibt nur ‚Paare', ‚Frauen', ‚Kinder', ‚Alte', das heißt nur allgemeine soziale Kategorien" (a.a.O., 61). Dennoch steigt das Interesse für eine größere Beteiligung auf dem Gebiet der Wirtschaft (im Kleinen und in den örtlichen Gemeinschaften) (vgl. Päpstlicher Rat für die Familie (Hrsg.) Familia et Vita, Nr. 2).

56 Vgl. Donati, a.a.O., 65.

57 An dieser Stelle soll auf die wertvolle Einschätzung von Buttiglione zum Thema der Familie als Personengemeinschaft und konkret zur Aufgabe von Vater und Mutter verwiesen werden (vgl. R. Buttiglione, L'uomo e la famiglia, Rom 1991, 121.141.

58 Donati weist darauf hin: „Subjektivität der Familie bedeutet letztlich, daß die Familie als Vermittlung zu einem neuen ‚Gut' wird, das empfunden, gelebt und direkt und vorsätzlich und nicht zweitrangig oder in Abhängigkeit von anderen Kontexten oder Variablen" angestrebt wird (a.a.O. 70).

59 Charta der Familienrechte, Vatikanstadt 1983, Präambel E.

60 Donati stellt hierzu fest: „Wenn die Familie keinen Bezug mehr zum Staat hätte, gäbe es weniger Grundregeln für das zwischenmenschliche Zusammenleben, und mit ihnen verschwände auch die Ausrichtung der Person, ihr Sinn für Zugehörigkeit oder Identität" (a.a.O., 71).

61 Ein Gefüge von persönlichen Beziehungen eröffnet sich im Bereich der Familie und in bezug auf die Gesellschaft. Ein Professor von Bologna schreibt: „Die Bürgerschaft der Familie zu fördern bedeutet mit anderen Worten, Optionen zu treffen, die sich in die Richtung einer wirklichen, vollendeten Demokratie bewegen: eine Demokratie, die aus Solidarität, Anteilnahme, Teilhabe und Autonomie der Person als Individuen in Beziehung untereinander besteht" (a.a.O., 73). Diese Sicht ist auch teilweise im Motto des Internationalen Jahrs der Familie zu finden, das die UNO ausgerufen hat: „Die kleinste Demokratie errichten".

62 P. Donati, a.a.O., 76.

63 Ebd. 80.

64 Ebd. 79.

65 Ebd. 77.

66 Vgl. Charta der Familienrechte, Art. VIII.

67 Vgl. Consilium 2/1996 (Italienische Ausgabe). Die Tragödie der Armut wird als „stille Katastrophe der 40.000 Kinder bezeichnet, die täglich an Hunger und Krankheit sterben, der 150 Millionen, deren Gesundheit und Wachstum ernsthaft gefährdet sind, und der 100 Millionen Kinder im Alter zwischen 6 und 11 Jahren, die nicht zur Schule gehen". Die jahrhundertealten Ungerechtigkeiten, der Mangel an Solidarität und Chancen verhindern positive Veränderungen und neue Möglichkeiten. (vgl. ebd. 17).

68 Ebd. 20.

69 Der zitierte Abschnitt geht weiter: „[...] und mit einer niedrigeren Geburtenrate, geringeren sozialen Problemen und Umweltproblemen, weniger Bürgerkriegen und Flüchtlingen und weniger internationalen Konflikten." Da wir angesichts der Zahlen über die Geburtenrate unsere Zweifel haben, insofern sie offenbar aus einer nicht ganz korrekten demographischen Sichtweise entspringen, haben wir es vorgezogen, diesen Teil in der Fußnote wiederzugeben. Unserer Ansicht nach ginge es der Menschheit heute besser, wenn die gewaltigen wirtschaftlichen Mittel, die heute für eine unüberlegte Geburtenkontrolle bestimmt sind, für eine gründliche Bildung der Familie verwendet würden.

70 Ebd.

71 Ebd. 22-23.

72 Don Browning, In che modo negli Stati Uniti la famiglia è divenuta un „tema liberale", in Concilium 2/1996, 52-53.

73 Etwa 10 Prozent der Kinder von weißen und 14 Prozent der Kinder von schwarzen Eltern gerät im ersten Jahr nach der Trennung ihrer Eltern in Armut [...]. In 45 Prozent der Familien mit Kindern unter 18 Jahren, deren Erziehung allein der Mutter zufällt, sind arm. Im Gegensatz dazu ist in nur 7 Prozent der Familien mit Kindern, die Erziehung Aufgabe verheirateter Eltern" (ebd.).

74 Ebd. 54. Wir können uns hier nicht mit Daten über die Selbstmorde und psychisch Kranke aufhalten, die sehr lehrreich wären [...] Das gleiche gilt für schlechteres Abschneiden in Schule, Ausbildung sowie an der Universität. Die Kosten sind enorm. Die Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation hängt im Rahmen gewisser kultureller Veränderungen ganz offensichtlich auch mit „der immer stärkeren und deutlicheren Tendenz zusammen, die Interessenkonflikte zwischen Erwachsenen und Kindern zugunsten ersterer zu lösen" (ebd. 55).

75 U.S. Government Printing Office (Hrsg.), Beyond Rhetoric: A New American Agenda for Children and Families, Washington 1991, zitiert in Concilium 2/1996, 59.

76 W. Galston ist ein bekannter Moralphilosoph und Autor des Buchs Liberal Purposes (Cambridge 1990), das Clinton sicherlich zu gewissen politischen Kursänderungen veranlaßte. Er studierte das Demokratieverständnis von Aristoteles, der verlangt, daß die Bürger einen hohen Grad an Tugend und Sittlichkeit besitzen.

77 Vgl. Dom Browning, Concilium 2/1996, S. 65.

78 Vgl. H.G. Gadamer, Platos dialektische Ethik, 1931, 138.

79 Vgl. R. Bultmann, Elpis, in Wörterbuch zum Neuen Testament.

80 Johannes vom Kreuz, Dunkle Nacht, Bd. III, 21,6.

81 In der Philosophie ist die Hoffnung nicht nebensächlich oder viel geringer. Kant spricht von den vier Grundfragen, die sich jeder Philosoph stellt. Die dritte Frage lautet: „Was darf ich hoffen?" J.L. Bruges bermerkt dazu, daß letztlich jede Religion aus der Frage nach der Zukunft entsteht (vgl. Dictionaire de la morale catholique, CLD, 1991, 153). Die Hoffnung verleiht auch der Theologie eine neue Lebendigkeit (ebd.).

82 Seine Thesen wurden in anderen Beiträgen erörtert. Hintergrund dieser Thesen bildet vor allem die Situation in Frankreich und in anderen westeuropäischen Ländern.

83 Andere Studien zeigen den zahlenmäßigen Anstieg der vorehelichen Beziehungen und den Aufschub der Feier des Ehesakraments. Unterschiedliche Faktoren bewegen sie dazu, die Hausgemeinschaft nicht zu verlassen. Es stellt sich ein neues und besorgniserregendes Phänomen der „verlängerten Jugendzeit" ein.

 

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