Kardinal Alfonso López Trujillo Präsident des Päpstlichen
Rates für die Familie
DIE FAMILIE: GESCHENK UND
VERPFLICHTUNG, HOFFNUNG DER MENSCHHEIT
Einleitung
Dieses Thema, das die Grundelemente der Familie ausdrückt
und zusammenfaßt, öffnet Verstand und Herz für eine umfassende
Sicht der Familie, der die Gewißheit zugrunde liegt, daß der Herr in
der Hauskirche gegenwärtig ist: Der Herr ist mit euch", schreibt
der Nachfolger Petri in seinem Schreiben an die Familie Gratissimam sane
(Nr. 18). Diese Gegenwart des Herrn, der das Haupt der Kirche ist" (Eph
5,23) und der den Familien eine ungeheure Kraft verleiht (vgl. Eph 5,27)
ist die Ursache und der Grund für diese Gewißheit. Sie verleiht der
Hoffnung Beständigkeit, so daß wir uns auf die Zukunft, die in Gottes
Hand liegt, ausstrecken und zugehen können. Johannes Paul II. sagt in
seinem Apostolischen Schreiben Tertio millennio adveniente: Es ist
daher notwendig, daß die Vorbereitung auf das Große Jubeljahr in
gewisser Weise über jede Familie läuft" (Nr. 28). Der Papst hatte
bereits geschrieben, daß die Zukunft der Menschheit über die
Familie läuft" (FC 86).
Bei der Behandlung des Themas, die aus verschiedenen Gründen
nur einführend sein kann, haben wir einen christologischen Ansatz gewählt,
da die Überlegungen und das Gebet in diesem Jahr des besonderen Weges der
dreijährigen Vorbereitung auf das Jubiläum 2000 unter folgendem Thema
stehen: Jesus Christus, alleiniger Retter der Welt, gestern, heute und in
Ewigkeit" (TMA 40).
Das Thema Die Familie: Geschenk und
Verpflichtung, Hoffnung der Menschheit", das wir nun erläutern möchten,
ist sowohl Thema des Welttreffens der Familien als auch des internationalen
pastoraltheologischen Kongresses.1
Nach dem Jahr der Familie bietet dieses Thema, das der
Heilige Vater gewählt hat, nun die Gelegenheit, die zahlreichen Möglichkeiten
der Familie in diesem Augenblick der Geschichte sowie die Herausforderungen und
Schwierigkeiten, die sie bewältigen muß, zu vertiefen. Der erste
pastoraltheologische Kongreß (Oktober 1994) stand unter folgendem Thema: Die
Familie: Herz der Zivilisation der Liebe". Seine Akten sind bereits veröffentlicht.
In den letzten Jahren veranstalteten die Vereinten Nationen
zahlreiche internationale Konferenzen, die wir im sogenannten Weg von Rio nach
Istanbul, oder genauer gesagt von der Umweltkonferenz in Rio de Janeiro (1992),
zur Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung in Kairo (1994), der
Weltfrauenkonferenz in Peking (1995) zur Konferenz von Istanbul Habitat II
(1996) darstellen können. Hinzu kommt die Welternährungskonferenz im
Jahr 1996 im Sitz der FAO in Rom. Diese politischen Ereignisse waren ganz eng
miteinander verbunden, um nicht von einer beabsichtigten Verknüpfung zu
sprechen.
Sicherlich hilfreich ist der Hinweis, daß im
Mittelpunkt die auf der Ehe gegründete Familie steht, und zwar als natürliche
Institution mit speziellen Zielen und Gütern, als Grundzelle der
Gesellschaft, deren Wahrheit im Herzen und im Leben der Völker verwurzelt
ist weshalb sie zu ihrem kulturellen Erbe gehört , als
Wirklichkeit, die sich den Völkern aller Zeiten, den Gläubigen und
Ungläubigen eröffnet. Unsere Überlegungen beschränken sich
nicht nur auf das, was mit der Vernunft erfaßbar ist, sondern wir
betrachten vor allem die sakramentale Dimension der Ehe mit dem überströmenden
Reichtum, den uns der Glaube schenkt. Das Konzil hat dies herausgestellt (vgl.
Gaudium et spes, 49).
1. Die Familie
Das geschichtliche Umfeld der Familie ist von einer Reihe
von Veränderungen und wechselnden Denkweisen geprägt, die manchmal
voller Widersprüche sind. Es stellt daher in gewisser Weise ihre
Daseinsberechtigung und Bedeutung sowie ihre spezifischen und unersetzbaren
Wesenszüge in Frage, die im Plan des Schöpfergottes verwurzelt sind.
Daher ist es heute unumgänglich geworden, auf dem Artikel Die (in
der Einzahl) zu bestehen, wenn man von der Familie spricht.
Man muß den Gebrauch des Singulars mit allem
Nachdruck betonen: Die Familie, da heute immer häufiger der Plural
Die Familien gebraucht und implizit das Modell der auf der Ehe
gegründeten Familie als auf das Leben offene Lebens- und Liebesgemeinschaft
zwischen einem Mann und einer Frau geleugnet wird. In Verbindung mit dem Begriff
ursprünglich und im Singular, Die Familie, hat der Papst auf ihre
philosophischen und anthropologischen Grundlagen hingewiesen und durch sein
Lehramt viel zur Klärung verschiedener Gesichtspunkte beigetragen.2
Bewahrt man das von Gott gewollte Modell der Familie ohne
falsche Scham und unangemessene Nachgiebigkeit, hütete man sich vor einer
oberflächlichen und voreiligen Betrachtung. Ehe und Familie sind nämlich
nicht als Frucht des menschlichen Willens, als Ergebnis von änderbaren Übereinkünften
zu verstehen. Solche Konsense und Übereinkünfte bieten Stabilität
und Identität nicht als Reichtum dar, sondern eher als Schwierigkeit, so daß
die Einheit der Ehe ständig in Frage gestellt und die Familie als solche
geschwächt, ja der Auflösung preisgegeben wird.
Im Buch Genesis 2,24 erklärt der Herr feierlich das göttliche
Gebot, das von Anfang an, das heißt seit der Schöpfung gilt (ab
initio"), und zwar als vom Schöpfer gewolltes Modell. Es gibt daher
seit der Schöpfung eine von Gott festgesetzte Ordnung (ajp_ arch~", Mt 19,4): Habt ihr nicht
gelesen, daß der Schöpfer die Menschen am Anfang als Mann und Frau
geschaffen hat und daß er gesagt hat: Darum wird der Mann Vater und Mutter
verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein?
Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das
darf der Mensch nicht trennen."3 Der Katechismus der Katholischen Kirche
zitiert in diesem Zusammenhang den Kommentar von Tertullian: Keine
Trennung im Geist, keine Trennung im Fleisch, sondern wahrhaft zwei in einem
Fleisch. Wo das Fleisch eines ist, dort ist auch der Geist eins" (KKK, Nr.
1642). Es gilt hier zu bedenken, daß Fleisch" in der Sprache
der Bibel nicht nur den Leib des Menschen, sondern den Menschen als Person
bezeichnet. Paulus bezieht sich in seinem Brief an die Epheser auch auf den
Abschnitt aus dem Buch Genesis (vgl. Eph 5,31) und bezeichnet die Ehe
vor dem Hintergrund der Beziehung zwischen Christus und seiner Kirche als großes
Geheimnis (to; mush~rion [...] mevga) (Eph 5,32). Das mevga" (das große Geheimnis, im Prozeß,
auf den die Schrift anspielt) gründet in der Tatsache, daß der Mensch
(a]nqrwpo": Adam) Typus (tupo;") der Liebe Christi und der Kirche ist.4
Der entscheidende Begriff, um das obengenannte Thema zu
verstehen, ist das Wort Geschenk, das seinen Ursprung in Gott hat, dem
Geber alles Guten (vgl. Jak 1,17). Es geht um ein Geschenk in der Kirche
(Geschenk der Kirche") und durch sie, das heißt durch die
Hauskirche.
Das Geschenk, das sich die künftigen Eheleute in der
entsprechenden freien und ausdrücklichen Annahme gegenseitig machen, der
Konsens, stellt ein unerläßliches Element des Ehebundes"
(KKK, Nr. 1642) dar. Es ist besser, wenn die Brautleute die Formel auswendig
lernen, damit sie den personal freien Akt, in dem sich die Eheleute
gegenseitig schenken und annehmen" (KKK, Nr. 1627) ganz persönlich und
in ihrer ganzen Bedeutung vollziehen können.
Man kann daher sagen: Wenn die Kirche in den verschiedenen
Phasen auf einer angemessenen Vorbereitung auf die Ehe besteht, so versucht sie
sicherzustellen, daß das Ja der Eheleute eine feste und sichere Grundlage
hat (vgl. KKK Nr. 1632), da es selbst die Grundlage der Güter und
Pflichten der ehelichen Liebe bildet. Hierin liegt der Schlüssel zu einer
geglückten Ehe, wie es in der dritten Segensformel über die Eheleute
heißt: [...] damit sie in der gegenseitigen Hingabe ihr Glück
finden." Die liturgische Feier muß alles zum Ausdruck bringen, was
implizit in dieser gegenseitigen Hingabe der Eheleute und in der Hingabe der
Eheleute an die Kirche bzw. Gott mit der Liebe gegeben ist, die in ihre Herzen
eingegossen ist.5
Die gewissenhafte und ständige Hingabe der Eheleute,
die den Konsens vor der Kirche voraussetzt und ausdrückt, bringt
sichtbar zum Ausdruck, daß die Ehe eine kirchliche Lebensform ist" (KKK
Nr. 1630; vgl. 1631), eine öffentliche Verpflichtung, ein Band, das
von Gott selbst geknüpft wird" (KKK Nr. 1640), eine
unwiderrufliche Wirklichkeit, die die Treue der Eheleute zueinander und gegenüber
der Treue Gottes verlangt, wie er es in seiner göttlichen Weisheit verfügt
hat. Christus ist mit seiner mächtigen Beharrlichkeit in den Herzen der
freien Menschen gegenwärtig, in einem täglich erneuerten Akt, durch
den die Eheleute sozusagen gesegnet sind (veluti"), wie es in der
Konzilskonstitution Gaudium et spes (Nr. 48) heißt. Die Eheleute können
außerhalb dieser Wahrheit, die den Sinn ihrer Freiheit bereichert, weder
glücklich werden, noch ihre Erfüllung finden. Die Eheleute schenken
sich gegenseitig in Christus, der ihnen entgegengeht und ihnen die notwendige
Kraft verleiht, um die Grenzen einer verwundeten, bedürftigen Freiheit zu überwinden,
damit sie aufrichtig sagen können: Ich [...] nehme dich [...] an als
meine Frau (als meinen Mann) und verspreche, dir die Treue [...] solange ich
lebe."6 Diese Worte, welche die Brautleute einander
sagen, während sie sich die Hand reichen, sind ausdrucksstark und müssen
den Eheleuten wie eine Warnung vor den Gefahren eines Verrats an der Liebe
erscheinen, den die Welt als Recht und sogar als Befreiung vorgibt. In einem
solchen Fall würde ihr Wort aber bedeutungslos, ihre Handlung leer und unglücklich.
2. Geschenk und Verpflichtung
Die auf der Ehe gegründete Lebens- und
Liebesgemeinschaft (des ganzen Lebens", wie es im Codex des
kanonischen Rechts heißt, can. 1055) hat ein unerläßliches
Element, das die Ehe [darstellt], die durch dessen gegenseitige Kundgabe zustande'
kommt" (vgl. KKK, Nr. 1626).
Nach dem Katechismus der Katholischen Kirche
besteht der Konsens in dem personal freien Akt, in dem sich die
Eheleute gegenseitig schenken und annehmen' (GS 48,1)" (KKK,
Nr. 1626). Dieses gegenseitige Sich-Schenken erfolgt durch das feierliche
Versprechen in Verbindung mit jenen äußeren Zeichen, die den Willen
zur gegenseitigen Hingabe zum Ausdruck bringen. Das Geschenk, das die Eheleute
einander machen, die Person, ist nur wirklich Geschenk, wenn es angenommen wird
wie der Katechismus weiter unten sagt: Ich nehme dich zu
meiner Frau'; Ich nehme dich zu meinem Mann'. Dieser Konsens, der die
Brautleute aneinander bindet, wird dadurch vollzogen, daß die beiden ein
Fleisch werden." (KKK, Nr. 1627).
Der Konsens als Ausdruck der Hingabe, der die Ehe, den
Ehebund" und eine Gemeinschaft des ganzen Lebens" begründet
(KKK, Nr. 1601) ist ein Geschenk Gottes. In ihm hat es seinen Ursprung
und seinen Urheber. Wenn die Eheleute sich einander schenken, werden sie zu
einem Geschenk Christi, der der Frau den Mann und dem Mann die Frau gibt. Da die
Ehe die innige Gemeinschaft des Lebens und der Liebe in der Ehe vom Schöpfer
begründet" ist, ist Gott selbst Urheber der Ehe" (GS
48,1). Wie das II. Vatikanische Konzil weiter sagt, begegnet nun der Erlöser
der Menschen und der Bräutigam der Kirche durch das Sakrament der Ehe den
christlichen Gatten" (GS 48,2).
Diesen von Gott am Anfang gewollten Schöpfungsplan
heiligt und erhebt Christus feierlich zur Würde eines Sakraments. Gott
verbindet im Ehesakrament zu der Gemeinschaft, die er als Schöpfer nach
seinem göttlichen Willen als Institution begründet und mit
eigenen Gesetzen geschützt hat" (KKK, Nr. 1603), so daß
sie nicht der menschlichen Willkür unterworfen ist. Die biblische Theologie
zeigt ja bekanntlich schrittweise im Rahmen einer bestimmten Anthropologie, daß
die Berufung zur Gemeinsamkeit, zur Komplementarität, zur Annahme ins Herz
des Menschen eingeschrieben ist, und dies bereits bei den Stammeltern. In dieser
Verbindung, deren Urheber er selbst ist, verpflichtet und entwirft sich Gott
selbst im Horizont seines Bundes mit der Menschheit bzw. des Bundes Christi mit
der Kirche. Max Thurian hat daher mit besonderem Nachdruck geschrieben: Es
handelt sich nicht um einen einfachen Vertrag, der in gegenseitiger Treue
eingegangen wird. Gott in Person verwirklicht dieses Geheimnis der Einheit und
schützt sie vor den Gefahren des Zerfalls. Das ist das Hauptmerkmal der
christlichen Ehe. Die Ehe ist eine Verbindung in Gott und von Gott [...]."7
Die christliche Ehe steht in einer unmittelbaren Beziehung
zum Bund Christi. In diesem Sinn ist der Konsens nicht nur ein Akt zwischen zwei
Menschen, sondern eine Dreierbeziehung" (der Ausdruck stammt von
Carlo Rocchetta), ein Ja, das im Ja Christi zur Kirche gesprochen wird. Der
Konsens der Brautleute darf daher nicht von der Zugehörigkeit zu Christus
getrennt werden. Das tradere seipsum Christi an die Kirche
bestimmt letztlich in seiner Tiefe das tradere seipsum der Brautleute."8
Was Gott zu einem Fleisch" verbunden hat, darf
der Mensch weder seiner Willkür und Launen unterwerfen, noch darf er darüber
eigenmächtig bestimmen. Die Ehe ist kein Konsens im Sinne eines Ergebnisses
gegenseitigen menschlichen Einvernehmens, sondern eine Institution, die einen
heiligen Ursprung hat: den Willen des Schöpfers. Sie ist kein großzügiges
Geschenk der Parlamente, kein Ergebnis eines politischen Schachzugs der
Gesetzgeber. Die souveräne Herrschaft liegt bei Gott; er kommt dem Menschen
entgegen und macht ihm dieses Geschenk. Joachim Gnilka schreibt in seinem
Kommentar zum Matthäusevangelium: Was Gott verbunden hat, das
darf der Mensch nicht trennen' (Mt 19,6) ist nur verständlich, wenn
man von der Voraussetzung ausgeht, daß Gott jedes Brautpaar verbindet."9
Das mit dem unwiderruflichen und personalen"
Jawort übereignete Geschenk, das den Ehebund begründet, trägt das
Siegel und die Qualität einer endgültigen und ganzen Schenkung (vgl.
KKK, Nr. 2364).
Die Hingabe, die soweit reicht, daß beide ein
einziges Fleisch bilden", ist eine Hingabe der Person, die im Herrn begründet
ist. Wie aus dem Eheversprechen deutlich hervorgeht, werden durch den Konsens
keine materiellen Geschenke gemacht. Da es sich nach dem Plan des Schöpfers
um die Hingabe einer Person handelt, kann man nach dem Versprechen, auch nicht
von Besitz und Herrschaft sprechen, wie dies bei materiellen Dingen der Fall
ist. Daher stellt die Hingabe auch keine Zerstörung der Person, sondern
ihre Verwirklichung in der Dialektik der Liebe dar. In dieser Liebe sieht der
eine Ehepartner im anderen kein Objekt, kein Instrument, das man besitzt und
gebraucht, sondern das Geheimnis seiner Person, auf deren Antlitz sich die Züge
der Gottebenbildlichkeit abzeichnen. Nur ein adäquates Verständnis der
Wahrheit des Menschen", der Anthropologie, die die Würde von
Mann und Frau schützt, ermöglicht es, der Versuchung zu widerstehen,
den anderen als Objekt zu behandeln und die Liebe als Verführung zu
begreifen. Wahre Liebe erniedrigt und zerstört nicht, sondern erhebt und
erfüllt. Nur vor diesem Hintergrund versteht und begreift man den Begriff
des Geschenks, der von Egoismus und inhaltsleerer Liebe befreit. Ohne diesen
Begriff bedeutet Liebe letztlich nur Ungenügsamkeit und
Instrumentalisierung, da sie die Verbindung einfach nur an eine Befriedigung
ohne Verantwortung und Beständigkeit knüpft und ihr eine Freiheit
zugrunde liegt, die weit von der Wahrheit entfernt ist und daher entwürdigt.
Die Erklärung der Konzilskonstitution drängt sich
daher in ihrer ganzen Gültigkeit sozusagen als kategorischer Imperativ auf:
Der Mensch, der auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen
gewollte Kreatur ist, kann sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner
selbst vollkommen finden" (GS 24,3). Der Mensch besitzt in der Tat
die Würde eines Ziels und nicht eines Instruments oder einer Sache, und als
Person ist er fähig, nicht nur etwas zu geben, sondern sich selbst
hinzugeben.
Die Eheleute werden in ihrer gegenseitigen Hingabe, in der
Dialektik ihrer Ganzhingabe ein Fleisch", eine Einheit von Personen,
eine communio personarum", und zwar von ihrem eigenen Sein aus durch
die Vereinigung von Leib und Seele. Sie schenken sich in der Kraft ihres Geistes
und durch ihren Leib in der Wirklichkeit einer Liebe, in der die Sexualität
im Dienst einer Sprache steht, die diese Hingabe ausdrückt. Wie das
Apostolische Schreiben Familiaris consortio es ausdrückt, ist
die Sexualität, in welcher sich Mann und Frau durch die den Eheleuten
eigenen und vorbehaltenen Akte einander schenken, keineswegs etwas rein
Biologisches, sondern betrifft den innersten Kern der menschlichen Person als
solcher. Auf wahrhaft menschliche Weise wird sie nur vollzogen, wenn sie in jene
Liebe integriert ist, mit der Mann und Frau sich bis zum Tod vorbehaltlos
einander verpflichten" (FC 11).
Der ganze Reichtum des biblischen Ausdrucks ein
einziges Fleisch" läßt sich nur schwer erfassen. In seinem Brief
an die Familien erklärt der Heilige Vater eingehend die Bedeutung dieses
Ausdrucks sowie des ehelichen Akts im Licht der Werte Person" und Geschenk",
die in der biblischen Sicht bereits enthalten sind. Der Papst bietet eine genaue
Analyse der Begriffe in den verschiedenen Schriften und schreibt in Gratissimam
sane: Das Zweite Vatikanische Konzil, das dem Problem des Menschen und
seiner Berufung besondere Aufmerksamkeit widmete, führt aus, daß die
eheliche Vereinigung, das biblische ein Fleisch', nur dann vollkommen
verstanden und erklärt werden kann, wenn man auf die Werte der Person'
und der Hingabe' zurückgreift. Jeder Mann und jede Frau
verwirklichen sich vollständig durch die aufrichtige Hingabe ihrer Selbst,
und der Augenblick der ehelichen Vereinigung stellt für die Eheleute davon
eine ganz besondere Erfahrung dar. Da werden der Mann und die Frau in der Wahrheit'
ihrer Männlichkeit und Weiblichkeit zu gegenseitiger Hingabe. Das ganze
Leben in der Ehe ist Hingabe; in einzigartiger Weise wird das aber offenkundig,
wenn die Ehegatten durch ihr gegenseitiges Sich-Darbringen in der Liebe jene
Begegnung vollziehen, die aus den beiden ein Fleisch' macht (Gen
2,24). Sie erleben also auch wegen der mit dem ehelichen Akt verbundenen
Zeugungsfähigkeit einen Augenblick besonderer Verantwortung. Die
Ehegatten können in jenem Augenblick Vater und Mutter werden, indem sie die
Entstehung einer neuen menschlichen Existenz hervorrufen, die sich dann im Schoß
der Frau entwickeln wird" (Gratissimam sane, 12).
In diesem Sinne kommentiert Johannes Paul II. das Geheimnis
der Weiblichkeit" in seiner Katechese über die menschliche Liebe
und stellt vor dem Hintergrund von Gen 4,1 fest: Das Geheimnis der
Weiblichkeit äußert und offenbart sich letztlich durch die
Mutterschaft, wie der Text sagt: Sie empfing und gebar." Die Frau
steht vor dem Mann als Mutter, als Trägerin des neuen menschlichen Lebens,
das in ihr empfangen wurde, sich in ihr entwickeln und aus ihr geboren wird. So
offenbart sich letztlich auch das Geheimnis der Männlichkeit des Mannes,
das heißt die zeugende und väterliche' Bedeutung seines Leibes."
Und in der Fußnote betont der Papst: Die Vaterschaft ist in der
Heiligen Schrift eine der offenkundigsten Dimensionen des Menschseins."10 Wir kommen darauf zurück, wenn wir über
das Kind als Geschenk sprechen.
Im Licht der Theologie der Hingabe erörtert der Papst
die Körpersprache und die Gesamtheit der Ausdrucksformen und Bedeutungen
als personales Geschenk, als Geschenk der menschlichen Person. Als Spender
eines Sakraments, das durch den Konsens zustande kommt und durch die eheliche
Vereinigung vollzogen wird, sind Mann und Frau berufen, jene geheimnisvolle Sprache'
ihres Leibes in der ganzen Wahrheit, die ihnen eigen ist, zum Ausdruck zu
bringen. Durch Gesten und Reaktionen, durch die ganze Dynamik, Spannung und
Freude, die jeweils vom anderen abhängig ist und unmittelbar aus dem Leib
in seiner Männlich- bzw. Weiblichkeit entspringen, aus dem Leib in seiner
Aktion und seiner Interaktion, spricht' der Mensch, die Person [...]. Und
auf dieser Ebene der Körpersprache' die mehr ist als bloße
sexuelle Reaktivität und die als authentische Sprache der Person den
Forderungen der Wahrheit unterworfen ist, das heißt objektiven moralischen
Normen drücken Mann und Frau sich selbst gegenseitig in
vollkommener und tiefer Weise aus, insofern es ihnen die somatische Dimension
des Mannseins und Frauseins erlaubt: Mann und Frau drücken sich selbst im
Rahmen der ganzen Wahrheit ihrer Person aus."11 Diese personale Beziehung und Dimension,
die die Offenbarung als ein einziges Fleisch" bezeichnet, bringt eine
Relation in Gott zum Ausdruck, insofern das Ehepaar als solches Ebenbild Gottes
ist. Wir können daraus schließen, daß der Mensch nicht
nur durch seine menschliche Natur Gottes Bild und Gleichnis' geworden ist,
sondern auch durch die Gemeinschaft der Personen."12
Und diese Wahrheit erhebt die Geschlechtlichkeit zu ihrer
eigentlichen Würde und verleiht der Geschlechtserziehung einen zu
vermittelnden Inhalt, der diesen Namen verdient. Sie macht die Größe
der Geschlechtlichkeit, ihre personale Dimension als Sprache der Liebe
deutlich: Geschenk, Annahme, Verpflichtung, die die Person nicht in sich
selbst oder in einem geschlossenen Kreislauf der Lust ohne Offenheit verschließt,
sondern sie bis zu Gott erhebt und neue Dimensionen von Ewigkeit erreicht. Das
heißt sie beschränkt sich nicht auf zeitliche Akte und leidet nicht
unter dem Verschleiß der Zeit, sondern sie erhebt sich bis zur Quelle der
Liebe.
Prägt dieser Ausdruck in einer menschlichen,
personalen, ganzheitlichen Sprache nicht das Leben im Sinne einer tiefen
Verpflichtung? Auch nach dem Tod eines der beiden Gatten bleibt in gewisser
Weise etwas von dieser Beziehung zurück. Wir wollen hier auch nicht im
entferntesten das Recht des Witwers oder der Witwe in Frage stellen, wieder zu
heiraten. Betrachtet man vor allem gewisse sehr bedeutende Gebete der
byzantinischen Liturgie, so findet man darin keine besonderen Worte des Lobes,
sondern eher der Erlaubnis, der Duldung. Eine Erklärung scheint sich uns in
der Art der angenommen Beziehung aufzutun, die der Person, die in den Strom der
Hingabe eingetaucht ist, eigentlich nicht gleichgültig bleibt.
Es ist notwendig, den Sinn des Geschenks wiederzugewinnen.
Es gilt ihn von einer Kultur zu befreien, die die Würde von Mann und Frau
gefährdet und die personale Beziehung der Eheleute zerstört, als ob
die Hingabe nicht den tiefsten Anlagen der Persönlichkeit entspräche,
als ob eine Wissenschaft, die diesen Namen verdient, nicht der Wahrheit des
Menschen untermauern könnte.
Es ist hier nicht der rechte Ort, um sich auf Überlegungen
einzulassen, die unser Dikasterium in einem anderen Dokument vorgetragen hat.
Gemeint ist hier jenes Dokument, dessen Titel bereits seinen zentralen Inhalt
ankündigt: Menschliche Sexualität: Wahrheit und Bedeutung".
Auch die Errungenschaften der Vernunft, die Erkenntnisse einer Wissenschaft, die
sich wirklich dem Sein des Menschen nähert, erkennen diese Sicht im
wesentlichen an. Es handelt sich dabei um eine Entworfenheit, die den Egoismus überwindet
und sich auf den anderen hin entwirft. Sie ist selbstlos und zum Beispiel dem
Denken von Freud nicht fremd. Heute könnte man eine Banalisierung der
Sexualität verurteilen, die bei Vorstufen und vorläufigen Phasen
stehenbleibt. Durch ihr unreifes Verhalten, das die Sprache der Liebe und die
Wahrheit zerstört, verschließen und isolieren sich Mann und Frau in
ihrem Egoismus in sich selbst und werden so dessen eigene Opfer.
Eine falsche Kultur führt dazu, daß die
Brautleute zur Trauung nur allzuoft mit einer schwer angeschlagenen Persönlichkeit
kommen, die für die spätere Ehe gleichsam eine Zeitbombe ist. Einige
Schriftsteller und Schriftstellerinnen wie zum Beispiel Marguerite Yourcenar
haben in ihren Werken gezeigt, daß die Sprache der Geschlechtlichkeit als
harmonisches und artikuliertes Verhalten, welches den Anfang der Wahrheit
darstellt, nicht auf die rein biologische Dimension verkürzt werden darf.
Wir möchten hier einige Aussagen aus Yourcenars Memoires d'Hadrien"
wiedergeben, da sie, wie uns scheint, die Wahrheit, die das Lehramt zu verkünden
beabsichtigt, gut erläutern. Sie sagt, die Sprache der Gesten und Berührungen
verlaufe vom Rand unserer Erfahrungswelt zum Zentrum und werde unerläßlicher
als wir selbst. Es käme zu dem wunderbaren Phänomen, in dem ich nicht
ein bloßes Spiel des Fleisches, sondern eine Annahme des Fleisches
durch den Geist sehe, und zwar im Geheimnis der Würde des
anderen. Es bestehe darin, daß es mir diesen Anhaltspunkt der anderen Welt
schenke.13
Diese Wahrheiten werden also nicht nur in der Welt des
Glaubens erkannt. Sie geben der Sexualität die in einer
Konsumgesellschaft sehr einem Gebrauchsgegenstand ähnelt: Man gebraucht und
wirft weg! ihre Größe zurück und befreien sie von
Entleerung und instrumentellem Gebrauch. Auf dem Spiel steht die
Ganzheitlichkeit der Person, der ihre Handlungen nicht äußerlich
bleiben, als ob sie in einer eigentlichen und naiven "Unverantwortlichkeit"
auch einem anderen zugeschrieben werden könnten, weil sich der Mensch
unsicher oder nicht in der Lage fühlt, für seine Handlungen
einzustehen, die deshalb letztlich nur Spiel eines trägen Wesens sind.
Kehren wir jedoch zum Denken M. Yourcenars zurück, die
ein ethisches Prinzip anschaulich erläutert: Ich gehöre nicht zu
denen, die sagen, ihre Handlungen würden ihnen nicht ähneln. Sie müssen
ihnen ähneln, weil die Handlungen der einzige Rahmen und die einzige Möglichkeit
sind, damit sich andere oder ich mich selbst an mich erinnern kann [...].
Zwischen mir und den Handlungen, die ich vollbringe, besteht kein
undefinierbarer Hiatus, und der Beweis ist in der Tatsache gegeben, daß
ich ständig die Notwendigkeit verspüre, sie zu bewerten, sie zu erklären,
mir selbst darüber Rechenschaft zu geben."14
In der Sprache der Sexualität äußert sich
der Mensch und zeichnet, formt und gestaltet in einer gewissen Weise sein
Geschick. Das Geschenk, seine Wahrheit und seine Bedeutung erlangen eine dem
Menschen würdige Größe und ein entsprechendes Format. Deshalb
stellt Familiaris consortio diesen Wert heraus, ohne den die Sexualität
leer ist, ohne den sie ihre Wahrheit verliert, ja sogar zur Karikatur und zu bloßem
Getue wird, das das zerreißt und verunstaltet, was im Geheimnis des einen
Fleischs aufleuchten soll: Die eheliche Liebe hat etwas Totales an sich,
das alle Dimensionen der Person umfaßt; sie betrifft Leib und Instinkt,
die Kraft des Gefühls und der Affektivität, das Verlangen von Geist
und Willen; sie ist auf eine zutiefst personale Einheit hingeordnet, die über
das leibliche Einswerden hinaus dazu führt, ein Herz und eine Seele zu
werden" (FC 13).
Der Konsens, das gegenseitige Sich-Schenken wie wir
zuvor sagten ist personal und unwiderruflich"; die Hingabe ist
endgültig und ganz". Ihr erhabener, ihr eigener und einziger Ort
ist die Ehe. In ihr ist die Hingabe Wahrheit!
Wir könnten sagen, daß die Endgültigkeit
eine Eigenschaft der Ganzheit der Hingabe ist. Sie ist die Überwindung
einer nur teilweisen, stückweisen Hingabe in bequemen Raten",
die letztlich ein Tribut an den Egoismus, an die von der Wirklichkeit der Sünde
verdunkelte Liebe darstellt. Eine solche bruchstückhafte Liebe verliert an
Tiefe, Spontaneität und Poesie. Zwischen Verlobten besteht eine andere
Atmosphäre. Die Liebe, die verlobt, strebt entweder nach Dauerhaftigkeit,
nach Ewigkeit", oder sie ist letztlich überhaupt nicht
vorhanden. Die Hingabe gilt für das ganze Leben und für alles, was
noch kommen mag. Sie schützt vor Vorläufigkeit, Scheitern und Lüge.
Was soll man über die sagen, die sich gleichsam aufgrund einer neuen Zeit
des Pluralismus" und der entgegenkommenden Haltung auf juristischem
Gebiet vorgenommen haben, Gesetze für Ehen auf Probe, vorübergehende
Gemeinschaften einzuführen? Wenn man sagt, die Liebe sei das
konstitutive Element der Ehe, so behauptet man letztlich, es gäbe nicht
jene unwiderrufliche gegenseitige Hingabe, es gäbe zwischen den Eheleuten
keinen foedus coniugale." Die Gesetze der Einheit und Unauflöslichkeit
sind deshalb keine der Ehe äußeren Forderungen, sondern sie
entspringen ihrem Wesen. Und so muß die konstitutive Liebe ausschließliche,
unauflösliche, das heißt eheliche Liebe sein."15
Die Ehe verleiht und gewährt Festigkeit, Dauer und
Beständigkeit. Wir können daher sagen, daß gegenseitige Hingabe,
die viel stärker und tiefer verpflichtet als alles, was, auf welche
Weise und um welchen Preis auch immer gekauft' werden kann" (Gratissimam
sane, Nr. 11), in dem einen Wort Verpflichtung zum Ausdruck kommt. A.
Quillici bemerkt dazu: Jemand gibt sich nur wirklich hin, wenn er zuerst
und in Wahrheit sein Wort gibt. Andernfalls kommt seine Hingabe einer Art von
Vergewaltigung gleich. Das Geschenk des Leibes ist nur in dem Maß wirklich
menschlich, in dem jeder seine Zustimmung gibt, in dem Maß, in dem es
jedem erlaubt ist, über das Gespräch hinaus bis zur größten
Intimität zu gehen."16
Diese Zustimmung ist ein ausdrucksstarkes Wort, das bleibt
und die Eheleute zutiefst verpflichtet, so daß eine gewollte begrenzte
Hingabe auf Zeit seine Qualität der Ganzhingabe zunichte macht. Das Wort,
das tiefe Ja, steigt aus den Wurzeln einer Liebe auf, die über die Zeit
hinweg treu sein will. Kardinal Ratzinger bezeichnet dieses Ja wie folgt: Der
Mensch schließt in seiner Ganzheit die zeitliche Dimension ein. Darüber
hinaus transzendiert das Ja eines menschlichen Wesens zugleich die Zeit. In
seiner Gesamtheit bedeutet das Ja: immer. Es bildet den Ort des Glaubens [...]
die Freiheit des Ja erweist sich als eine Freiheit gegenüber dem
Bestimmten."17 Die Liebe18 ist nicht dem Verschleiß der Zeit
unterworfen, wie materielle Gegenstände, die sich im Laufe der Zeit
abnutzen und allmählich ihre Kraft verlieren, und fällt zu guter Letzt
nicht in den Orbit der Entropie. Die Zeit hilft im Gegenteil, vor Gott zur
reifen, aus der Liebe eine ernsthafte und tiefe Verpflichtung zu machen. In Kana
hörte ich einmal eine liebevolle Äußerung bzw. ein Versprechen
von Eheleuten in vorgerücktem Alter: Ich liebe dich mehr als gestern,
aber weniger als morgen." Hat ein Ehepaar auch im Alter noch seine Frische
und Zärtlichkeit bewahrt, die sich die Eheleute über Jahre hinweg
erwiesen haben, so hat ihr freudiges und unbeschwertes Zeugnis ein besonderes
Gewicht: das Gewicht der Jahre.
Vor dem Hintergrund der Ganzhingabe versteht man besser die
Forderung der Unauflöslichkeit, welche die Liebe, die weder Gefängnis
noch Verarmung ist, befreit und schützt. Die Behauptung, die Ehe sei das
Grab der Liebe und ihre Endgültigkeit und Unauflöslichkeit beraube die
Liebe ihrer Spontaneität und Dynamik, ist falsch. Dazu führt
zweifellos eine Kultur der Vorbehalte, in der das Wort entleert und deshalb bis
zur Verantwortungslosigkeit oberflächlich ist. Sie erträgt nicht das
Gewicht der Wahrheit, die nicht launisch und änderbar ist, wie dies bei
einer falschen Liebe der Fall ist, die in die Irre führt. Das mögliche
Fehlen oder ein tatsächliches Nachlassen in den ehelichen Liebeserweisen
zerstören nicht ihre Eigentümlichkeit und natürliche Neigung,
auch wenn sie sie beeinträchtigen können, da sowohl die eine als auch
die andere immer von der ehelichen Liebe belebt werden müssen."19
Die Ganzhingabe impliziert die Pflicht zur Treue.
Sie ist eine konkrete Form der Hingabe, die verpflichtet und befreit. Eine treue
Liebe ist auch von Grund auf unauflöslich. Sie befreit von der Furcht, zu
verraten und verraten zu werden, und verleiht der Quelle des Lebens die
Sicherheit und Transparenz, auf die die Kinder ein Recht haben.
Antonio Miralles schreibt: Auch die gegenseitige
personale Hingabe der Gatten fordert die Unauflöslichkeit der gegenseitigen
Bindung, die sie durch diese Hingabe eingehen. Sie ist ganzheitlich und schließt
deshalb jede Vorläufigkeit, jede zeitliche Hingabe aus. [...] Das Eheband
hat einen endgültigen Charakter, insofern es aus einer ganzheitlichen
Hingabe entspringt, die auch die Zeitlichkeit der Person einschließt. Das
Sichschenken unter dem Vorbehalt, die Bindung in Zukunft lösen zu können,
käme einer teilweisen Hingabe gleich im Gegensatz zu jener, die eine wahre
Ehe begründet."20
Man muß in der Tat sagen, daß Treue, Unauflöslichkeit,
Endgültigkeit für die Qualität der Hingabe wesentlich sind.
Hierin ist die Verpflichtung, die Pflicht zur Hingabe begründet, eine
Verpflichtung, die sich auch und wesentlich für das Geschenk des Lebens öffnet
und zum öffentlichen Zeugnis in Kirche und Gesellschaft wird. Sie ist
Licht, Licht auf den Leuchter.
Der heilige Johannes Chrysostomus gibt eine wunderbare Erklärung
für diese Hingabe, wenn er den Eheleuten empfiehlt: Ich habe dich in
meine Arme genommen und liebe dich sogar mehr als mein Leben. Das gegenwärtige
Leben bedeutet ja nichts, und mein glühendster Traum ist der, es zusammen
so mit dir zu durchschreiten, daß wir sicher sind, in dem Leben, das unser
harrt, nicht voneinander getrennt zu werden [...] Deine Liebe geht mir über
alles, und nichts wäre für mich schmerzlicher, als nicht so gesinnt zu
sein wie du."21 Dauerhaftigkeit, Endgültigkeit bzw.
Ganzheit der Hingabe heißt letztlich Unauflöslichkeit. Schon der
Naturehe wird diese Eigenschaft zugesprochen, die in der christlichen Ehe vor
dem Herrn und unter seinem Blick eine tiefere und ausdrucksstärkere
Dimension erhält.
Bereits die Naturehe besaß als Bild des Geheimnisses
dieser bräutlichen Verbindung im weitesten Sinn eine gewisse
Sakramentalität" aufgrund des innigen leiblichen Einswerden, das
(gewissermaßen) in das Geheimnis des Bundes Gottes mit der Menschheit, um
es in der Sprache der Schöpfung zu sagen, des Bundes Gottes mit seinem Volk
(vgl. Hos 1-3), des Bundes Christi mit seiner Kirche einbezogen ist.22 Ihr Männer, liebt eure Frauen,
wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat. Darum
wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die
zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es
auf Christus und die Kirche" (Eph 5,25.31-32).
Wie dieser zentrale Abschnitt des Briefs an die Epheser
(V.25) zeigt, hat Christus uns ein Beispiel der Hingabe gegeben. Seine Hingabe äußerte
sich in einer unübertrefflichen, grenzenlosen Liebe, oder um es in der
Opferterminologie zu sagen, in einer geopferten Liebe (ejauto;n parevdwken). Das tradidit semetipsum", die
radikale Ganzhingabe ist das Beispiel, das grundlegende Geheimnis, das den
Ehebund umfaßt. Das Geheimnis (vgl. V.32) bezieht sich auf das Geschehen,
das in Christus und der Kirche sein Urbild", sein Beispiel hat. Es
gilt zu bedenken, daß der Autor, wenn er vom tiefen (mevga) Geheimnis spricht, nicht auf dessen
Ausdruckskraft und Dunkelheit, sondern auf dessen Bedeutung hinweist. Das
Geheimnis der bräutlichen Beziehung zwischen Christus und der Kirche
spiegelt sich in der Ehe zwischen Mann und Frau wider.23
Wir sind damit in die sakrale Sphäre einer Hingabe und
Übereignung eingetreten, die in Christus, in seinem erlösenden Leiden
vollkommen erhellt wird. Das Konzil von Trient hebt dies in der Sessio XXIV (DzH
1799) besonders hervor: Gratiam vero quae naturalem illum amorem
perficeret, et indissolubilem unitatem confirmaret coniugesque sanctificaret:
ipse Christus [...] sua nobis passione promeruit (Die Gnade aber, die jene natürliche
Liebe vervollkommnen, die unauflösliche Einheit festigen und die Gatten
heiligen sollte, hat Christus [...] durch sein Leiden für uns verdient)."
Max Zerwick schreibt in seinem Kommentar zu diesem Text: Wenn die
menschliche Ehe daher zwischen Gliedern Christi vollzogen wird, dann ist sie
mehr als ein bloßes Bild: sie muß die liebende Vereinigung Christi
mit seiner Kirche verwirklichen. Die Ehe ist deshalb also nicht rein bildlich,
sondern real Teilhabe an dem, was Paulus ein tiefes Geheimnis nennt."24
Das tradere seipsum" der beiden Eheleute nach
dem Beispiel Christi ist nach Carlo Rocchetta ein von Natur aus bleibender
Akt [...] ein bleibendes Sakrament"25.
Das Versprechen, durch das sich die Brautleute
einander schenken und einander annehmen, wird durch Gott selbst besiegelt"
(KKK, Nr. 1639). Das Eheband, das Gott selbst geknüpft hat, ist
eine unwiderrufliche Wirklichkeit, so daß es nicht in der Macht der Kirche
steht, sich gegen diese göttliche Verfügung auszusprechen (vgl. KKK,
Nr. 1640). Unglücklicherweise ist die Meinung verbreitet, der Papst und die
Bischöfe könnten Änderungen in dieser Hinsicht einführen und
zumindest in einigen Härtefällen den Weg zur Auflösung der Ehe
freimachen, wenn sie nur einmal ihren Rigorismus überwänden. Dies
liegt nicht in ihrer Macht. Diese Wahrheit muß deshalb mit aller
Entschiedenheit und Liebe bekräftigt werden: Non possumus! Und man
bräuchte nicht zu denken, die Schwierigkeiten eines Ehepaars, so außergewöhnlich
sie auch sein mögen, seien von der göttlichen Weisheit nicht umfaßt.
Die Kirche ist in ihrem Urteil an den ursprünglichen und von Christus bestätigten
Plan Gottes gebunden ist und kann diesen daher nur wiederholen: Was Gott
verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen." Wie könnte man im
Namen des Gottes Änderungen einführen, der treu zu seinem Bund steht
und in seiner Barmherzigkeit das Gut der Ehe bewahrt und schützt?
Andererseits glaubt man, die Unauflöslichkeit sei nur
eine Forderung, ein Ideal und daher konkret nicht zu verwirklichen. Könnte
Gott eine derartige Verpflichtung, eine solche Last aufbürden, die, weil
sich nicht zu erfüllen ist, den Eheleuten unerträglich und unselig
erscheinen muß? Er, der Urheber der Ehe, geht den christlichen Brautleuten
entgegen, bietet ihnen seine Gnade und Kraft an, damit sie als Eheleute in der
Hauskirche in der Lage sind, in der Gesinnung des Reiches Gottes zu leben.
Bei allen Erwägungen über die Ehe in der Schöpfungsordnung,
über die Ehe, die seit dem Sündenfall unter der Knechtschaft der Sünde
steht, und über die Ehe im Herrn gilt es daher, anhand des Katechismus
der Katholischen Kirche über den ganzen Reichtum der Ehe im Plane
Gottes nachzudenken. Der ursprüngliche Plan Gottes ist daher wie folgt zu
verstehen: Die Berufung zur Ehe liegt schon in der Natur des Mannes und
der Frau, wie diese aus den Händen des Schöpfers hervorgegangen sind"
(KKK, Nr. 1603). Denn sie ist keine rein menschliche Einrichtung, die
der Willkür des Menschen unterworfen wäre, sondern Gott selbst ist ihr
Urheber (vgl. KKK, Nr. 1603).
Sie entspricht der Natur der Gemeinschaft des Lebens und
der ehelichen Liebe, die durch eigene Gesetze geregelt wird, und nimmt freudig
und vertrauensvoll Gottes Willen an. Unter der Knechtschaft der Sünde ist
die Ehe von Zwietracht, Herrschsucht und Untreue bedroht. Dabei handelt es sich
um eine Unordnung (im Gegensatz zur ursprünglichen Ordnung), die
nicht aus der Natur des Mannes und der Frau und auch nicht aus der Natur
ihrer Beziehungen stammt, sondern aus der Sünde" (KKK,
Nr. 1607). So kommt es zu Brüchen, Verzerrungen, Herrschaft und
Begierlichkeit. Und doch bleibt, wenn auch schwer gestört, die Schöpfungsordnung
bestehen. Um die durch die Sünde geschlagenen Wunden zu heilen, brauchen
Mann und Frau die Hilfe der Gnade, die Gott in seiner unendlichen Barmherzigkeit
ihnen nie verweigert hat. Ohne diese Hilfe kann es dem Mann und der Frau nie
gelingen, die Lebenseinheit zustande zu bringen, zu der Gott sie am
Anfang' geschaffen hat" (KKK, Nr. 1608). In der Schule des
alttestamentlichen Gesetzes hat sich das sittliche Bewußtsein für die
Einheit und Unauflöslichkeit der Ehe entwickelt" (KKK, Nr.
1610). In seiner Predigttätigkeit lehrte Jesus unmißverständlich
den ursprünglichen Sinn der Vereinigung von Mann und Frau" (KKK,
Nr. 1614). Dieses nachdrückliche Bestehen auf der Unauflöslichkeit
des Ehebandes (dient zur) Wiederherstellung der durch die Sünde gestörten
anfänglichen Schöpfungsordnung" (KKK, Nr. 1615). In der
im Herrn geschlossenen Ehe, werden die Gatten, wenn sie Christus
nachfolgen, sich selbst verleugnen und ihr Kreuz auf sich nehmen, den ursprünglichen
Sinn der Ehe erfassen' und ihn mit der Hilfe Christi auch leben können"
(vgl. KKK, Nr. 1615).
3. Die Kinder als wertvolles Geschenk der Ehe
Augustinus lehrte: Das erste Gut der Ehe ist die
Nachkommenschaft. Der Schöpfer des Menschengeschlechts wollte sich in
seiner Güte der Menschen als Spender für die Weitergabe des Lebens
bedienen."26 Das Apostolische Schreiben Familiaris
consortio erklärt: So ist es die grundlegende Aufgabe der
Familie, dem Leben zu dienen, im Laufe der Geschichte den Ursegen des Schöpfers
zu verwirklichen, in der Zeugung das Gottebenbild von Mensch zu Mensch
weiterzugeben" (FC, Nr. 28). Hier sind zwei Ausdrücke zu
unterstreichen: Die Eltern spenden Leben und dienen dem Leben.
Der angemessenste und erhabenste Ort für die Geburt
eines neuen Lebens ist die Ehe. Sie ist der Ort, wo das Leben gewollt, geliebt,
angenommen wird und wo sich ein Prozeß ganzheitlicher Erziehung abspielt.
Das II. Vatikanische Konzil sagt: Durch ihre natürliche
Eigenart sind die Institutionen der Ehe und die eheliche Liebe auf die Zeugung
und Erziehung von Nachkommenschaft hingeordnet und finden darin gleichsam ihre
Krönung" (GS 48,1). In einer noch ausdrucksstärkeren
Formulierung sagt es: Kinder sind gewiß die vorzüglichste Gabe
für die Ehe und tragen zum Wohl der Eltern selbst sehr viel bei" (GS
50,1). Nebenbei bemerkt, diese markante Aussage wurde auf ausdrücklichen
Wunsch von Papst Paul VI. in den Konzilstext aufgenommen. Das Kind ist eine
Gabe, die aus dem gegenseitigen Sich-Schenken der Eheleute hervorgeht, gleichsam
als Ausdruck und Fülle ihrer gegenseitigen Hingabe. Der Katechismus der
Katholischen Kirche betont diese Verbindung von Gabe und Hingabe auf ganz
wunderbare Weise: Die Fruchtbarkeit ist eine Gabe, ein Zweck der Ehe,
denn die eheliche Liebe neigt von Natur aus dazu, fruchtbar zu sein. Das Kind
kommt nicht von außen zu der gegenseitigen Liebe der Gatten hinzu; es
entspringt im Herzen dieser gegenseitigen Hingabe, deren Frucht und Erfüllung
es ist. Darum lehrt die Kirche, die auf der Seite des Lebens' steht (FC
30), daß jeder eheliche Akt von sich aus auf die Erzeugung
menschlichen Lebens ausgerichtet bleiben muß' (HV 11). Diese
vom kirchlichen Lehramt oft dargelegte Lehre gründet in einer von Gott
bestimmten unlösbaren Verknüpfung der beiden Bedeutungen
liebende Vereinigung und Fortpflanzung , die beide dem ehelichen Akt
innewohnen' (HV 12)" (KKK, Nr. 2366). Und weiter unten
zitiert der Katechismus erneut Humanae vitae: Wenn die
beiden wesentlichen Gesichtspunkte der liebenden Vereinigung und der
Fortpflanzung beachtet werden, behält der Verkehr in der Ehe voll und ganz
die Bedeutung gegenseitiger und wahrer Liebe und seine Hinordnung auf die
erhabene Aufgabe der Elternschaft, zu der der Mensch berufen ist' (HV
12)" (KKK, Nr. 2369).
Die Kinder sind das gemeinsame Wohl der zukünftigen
Familie". Die Worte des Konsenses drücken damit aus, was das
gemeinsame Wohl der Familie ist: Um das hervorzuheben, richtet die Kirche
an sie (die neuvermählten Eheleute) die Frage, ob sie bereit seien, die
Kinder, die Gott ihnen schenken wird, anzunehmen und christlich zu erziehen.
[...] Vaterschaft und Mutterschaft stellen eine Aufgabe nicht nur
physischer, sondern geistlicher Natur dar" (Gratissimam sane,
10). Und weiter unten heißt es: Wenn sie das Leben an ein Kind
weitergeben, fügt sich im Bereich des Wir' der Eheleute ein neues
menschliches Du' ein, eine Person, die sie mit einem neuen Namen
benennen werden" (Gratissimam sane, 11).
Der Heilige Vater stellt diese Lehre in den Kontext der
Theologie des Geschenks der Person und in die Sicht des Konzils vom Kind
als vorzüglichstes Geschenk" (GS 50).
Das Leben des Kindes ist ein Geschenk, das erste Geschenk
des Schöpfers an das Geschöpf: Der Prozeß von Empfängnis
und Entwicklung im Mutterschoß, Niederkunft und Geburt dient dazu,
gleichsam einen geeigneten Raum zu schaffen, damit sich das neue Geschöpf
als Gabe' kundmachen kann" (Gratissimam sane, 11): als Gabe für
die Eltern, für die Gesellschaft und die Verwandten: Das Kind wird
von sich aus zu einem Geschenk für die Geschwister, für die Eltern, für
die ganze Familie. Sein Leben wird zum Geschenk für die Geber des
Lebens" (Ebd.).
Der wahre Sinn der gegenseitigen Liebe, die
Bedeutung der gegenseitigen, für das Leben offenen Hingabe muß
geachtet werden. Die Empfängnisverhütung widerspricht der Gebärde,
die eine gegenseitige Ganzhingabe ausdrückt. Die Gebärde wird
ausdruckslos und ist deshalb nicht mehr Trägerin der Wahrheit, sondern der
Lüge. Die in der Empfängnisverhütung implizit gegebene objektive
Unordnung widerspricht der Liebe (in gewisser Weise gelingt es ihr nicht einmal
ganz die Bedeutung der liebenden Vereinigung" zu bewahren). Nur
gegenseitige und wahre Liebe, die ohne Vorbehalte die Ganzhingabe zum Ausdruck
bringt, besitzt die Kraft ehelicher Liebe. Wenn sich das Ehepaar freiwillig und
mit klarer Erkenntnis von einer anderen Denkweise bestimmen läßt und
systematisch Empfängnisverhütung betreibt, bringt es dann letztlich
nicht sogar ihre eheliche Vereinigung selbst Gefahr?
Diese Wahrheit ist besonders nachdrücklich und
deutlich in Familiaris consortio zu finden: Während die
geschlechtliche Vereinigung ihrer ganzen Natur nach ein vorbehaltloses
Sich-Schenken der Gatten zum Ausdruck bringt, wird sie durch die Empfängnisverhütung
zu einer objektiven widersprüchlichen Gebärde, zu einem
Sich-nicht-ganz-Schenken. So kommt zur aktiven Zurückweisung der Offenheit
für das Leben auch eine Verfälschung der inneren Wahrheit ehelicher
Liebe, die ja zur Hingabe in personaler Ganzheit berufen ist" (FC,
32). (Dieses Zitat ist auch im KKK, Nr. 2370 ungekürzt
wiedergegeben).
Eine eingehende Untersuchung des Verhältnisses von
ehelicher Vereinigung und Fortpflanzung ist im Buch Il matrimonio e la vita
coniugale von Bischof Francisco Gil zu finden. Darin heißt es wörtlich:
Der eheliche Akt hat seinem Wesen nach eine zweifache Bedeutung: Vereinigung
und Fortpflanzung. Sie bringen jeweils die Natur und das Ziel der Ehe
zum Ausdruck. [...] Wenn sich die Liebe, welche die Ehegatten zur Hingabe führt,
so daß sie ein Fleisch werden, in der Wahrheit' vollzieht, anstatt
sie in sich selbst zu verschließen, dann öffnet sie sich doch auf ein
neues Leben, auf eine neue Person hin' (Gratissimam sane, 8).
Das eheliche Leben verlangt eine aufrichtige Hingabe an den
Mann bzw. die Frau und an die Kinder. Nun zieht die Logik der
Selbsthingabe an den anderen die potentielle Öffnung für die Zeugung
nach sich' (ebd. 12). Die Fähigkeit zu einer solchen Hingabe wächst
oder reift entweder mit dem Vollzug des ganzen Ehelebens, oder sie wird vom
Egoismus unterdrückt, dessen Verlockungen die Dynamik der Wahrheit, wie sie
der Selbsthingabe innewohnt, abzuschwächen versuchen. Dieser Egoismus
nicht nur der Egoismus des einzelnen, sondern auch derjenige des Ehepaars'
(ebd. 14) zeigt sich vor allem darin, daß die Fortpflanzung
nicht als Forderung der ehelichen Liebe angesehen wird, sondern als zusätzliche
Frucht und voluntaristische Entscheidung, die zur Liebe hinzukommt. Im
Begriff Hingabe ist nicht nur die freie Initiative des Subjekts, sondern auch
die Dimension der Pflicht eingeschrieben' (ebd.).
Beinhaltet die eheliche Liebe nicht die Dimension der
Zeugung, die ihre innerste Wahrheit darstellt, dann artet sie letztlich in die sogenannte
"freie Liebe" (aus). Diese aber ist um so gefährlicher, weil sie
gewöhnlich als Frucht eines "echten" Gefühls hingestellt
wird, während sie tatsächlich die Liebe zerstört' (ebd.).
Deshalb trägt die Ablehnung des Kindes, stark dazu bei, daß heute das
Geschenk der Ehe entleert und zerstört wird. Es handelt sich nicht, wie es
aufgrund der Schwäche der Familie immer der Fall war, um Akte oder Zeiten,
in denen die Eheleute zu schwach waren, um die Anforderungen ihrer Vaterschaft
bzw. Mutterschaft in besonders schwierigen oder heroischen Situationen kohärent
zu leben.
Heutzutage bewirken viele ehelichen Verbindungen ihre
eigene Zerstörung, da sie die Bezugspunkte ihrer Hingabe verfälschen: Im
Augenblick des ehelichen Aktes sind der Mann und die Frau dazu aufgerufen, die
gegenseitige Hingabe ihrer Selbst, die sie im ehelichen Bund geleistet
haben, auf verantwortungsbewußte Weise zu bestätigen. Nun zieht die
Logik der Selbsthingabe an den anderen die potentielle Öffnung für die
Zeugung nach sich' (ebd. 12). Wenn Mann oder Frau die Vaterschaft bzw.
Mutterschaft ablehnen, entspricht die gegenseitige Hingabe nicht den
Anforderungen der ehelichen Liebe. Aus diesem Grund sagt der Papst, daß es
für eine wahre Zivilisation der Liebe wesentlich darauf ankommt, ,daß
der Mann die Mutterschaft der Frau, seiner Ehefrau, als Geschenk empfindet'
(ebd. 16)."27
In der Katechese über die menschliche Liebe spricht
Johannes Paul II. von den Gebärden des Körpers", die bei
der ehelichen Vereinigung nicht nur Liebe bedeuten, sondern auch eine mögliche
Fruchtbarkeit und deshalb nicht ihrer vollen und angemessenen Bedeutung beraubt
werden dürfen. So wie es nicht erlaubt ist, künstlich Vereinigung und
Fortpflanzung (vgl. HV 12) zu trennen, so hört der eheliche
Akt ohne seine innere Wahrheit auch auf ein Akt der Liebe zu sein, wenn
er seiner Zeugungsfähigkeit beraubt wird"28.
Durch das Kind öffnet sich die Ehe für das Leben,
weshalb es zu ihrer spirituellen Dimension gehört. Die eheliche Liebe muß
hier analog zur trinitarischen Liebe betrachtet werden. Die Familie, die nach
dem Bild der Dreifaltigkeit wächst, das Wir' der Familie, dessen Bild
das Wir' der Dreifaltigkeit ist, schließt das Kind ein, das aus
einer ganzheitlichen und fruchtbaren Liebe hervorgeht. Carlo Rocchetta schreibt
in diesem Zusammenhang: Nach der Aussage in 1 Joh 4,16 ist Gott
Liebe' (ajgapev), die höchste Erfüllung der
Liebe, die schenkt und empfängt; er ist nicht ein in sich verschlossenes Ich',
sondern ein Ich', das in sich selbst das Leben einer interpersonalen Liebe
lebt, eine ewige Zeugung, die aus der Liebe hervorgeht und zur Liebe führt,
wo der Austausch von Schenken und Annehmen zwischen den ersten beiden Personen
in der Begegnung mit der dritten seine Erfüllung findet (...). Das übernatürliche
Band zwischen den Eheleuten birgt diese trinitarische Bedeutung. Die
Sakramentsgnade stellt das Geschenk der trinitarischen Ontologie dar, die sich
im Herzen der Eheleute gleichsam als dynamisches Abbild entfaltet, das Leben der
Eheleute letztlich strukturiert und sie zum Zeichen und zur Teilhabe an der
communio der drei göttlichen Personen macht."29
Gegen jede andere Auffassung gilt es zu bekräftigen,
daß das Kind oder die Kinder, das Gut der Nachkommenschaft" der
Existenzgrund der Ehe ist. Nach Doms bestände der Sinn der Ehe und die höchste
der Ausdrucksform für die Einheit der Ehegatten bekanntlich im ehelichen
Akt, der sich, auch abgesehen von seiner Hinordnung auf das Kind, schon am
innigsten und vorzüglichsten verwirklicht. Der Vollzug der ehelichen
Einheit würde in sich schon die Ehe als Institution rechtfertigen. Eine ähnliche
Auffassung vertritt auch Krempel.30
Das Konzil zeigt die volle Bedeutung der Ehe ganz klar auf
und weist diese oder ähnliche Auffassung zurück: Ehe und
eheliche Liebe sind ihrem Wesen nach auf die Zeugung und Erziehung von
Nachkommenschaft ausgerichtet. Kinder sind gewiß die vorzüglichste
Gabe für die Ehe und tragen zum Wohl der Eltern selbst sehr viel bei. [...]
Ohne Hintansetzung der übrigen Eheziele sind deshalb die echte Gestaltung
der ehelichen Liebe und die ganze daraus sich ergebende Natur des Familienlebens
dahin ausgerichtet, daß die Gatten von sich aus entschlossen bereit sind
zur Mitwirkung mit der Liebe des Schöpfers und Erlösers, der durch sie
seine eigene Familie immer mehr vergrößert und bereichert" (GS
50).31
Das Apostolische Schreiben Familiaris consortio
sagt: So ist es die grundlegende Aufgabe der Familie, dem Leben zu dienen,
im Laufe der Geschichte den Ursegen des Schöpfers zu verwirklichen, in der
Zeugung das Gottebenbild von Mensch zu Mensch weiterzugeben" (FC
28).
In der Familie, dem Heiligtum des Lebens, wie es in der
Enzyklika Evangelium vitae heißt, kommt es innerhalb des Volkes
des Lebens und für das Leben' entscheidend auf die Verantwortlichkeit
der Familie an: eine Verantwortlichkeit, die dem der Familie eigenen Wesen
[...] entspringt". Weiter unten heißt es dann: Darum ist die
Rolle der Familie beim Aufbau der Kultur des Lebens entscheidend und
unersetzlich. Als Hauskirche ist die Familie aufgerufen, das Evangelium
vom Leben zu verkünden, zu feiern und ihm zu dienen. Dies ist vor allem
Aufgabe der Eheleute, die berufen sind, das Leben weiterzugeben auf der
Grundlage eines immer wieder erneuerten Bewußtseins vom Sinn der
Zeugung als bevorzugtem Ereignis, in dem offenbar wird, daß das
menschliche Leben ein Geschenk ist, um seinerseits weitergeschenkt zu werden"
(EV 92).
Die Familie verkündet das Evangelium des Lebens durch
die Erziehung der Kinder (vgl. EV 92), feiert das Evangelium des
Lebens durch das tägliche Gebet. Diese Feier kommt im Leben im alltäglichen
Dasein der Familie zum Ausdruck und steht im Dienst am Leben, der sich durch die
Solidarität ausdrückt (vgl. EV 93). All dies gehört zu
einer umfassenden Familienpastoral: mit Freude und Mut ihre
Sendung gegenüber dem Evangelium vom Leben wiederzuentdecken und zu
leben" (EV 94).
Man darf die Familie nicht von ihrem grundlegenden
Dienst am Leben trennen, den das Konzil klar begründet (vgl. GS
50,1) und das ordentliche Lehramt und die Familienpastoral bekräftigt
haben: Ehe und eheliche Liebe sind ihrem Wesen nach auf die
Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft ausgerichtet" (GS 50).
Die Familie steht in einer so umfassenden, unmittelbaren und ganzheitlichen
Beziehung zum Leben wie keine andere Institution. Alle sind aufgerufen, das
Leben zu verkünden und zu verteidigen. Es bedarf dringend einer allgemeinen
Mobilisierung der Gewissen und einer gemeinsamen sittlichen Anstrengung,
um eine große Strategie zugunsten des Lebens in die Tat
umzusetzen. Wir müssen alle zusammen eine Kultur des Lebens aufbauen"
(EV 95). Es gibt allerdings verschiedene Zugänge zu dieser formalen
Feststellung: Alle haben eine wichtige Rolle zu erfüllen"
(Ebd.). Der Papst bezieht sich ausdrücklich auf die Aufgabe der
Lehrer, Erzieher, Intellektuellen und Vertreter der Massenmedien. Der Heilige
Vater erinnert an die Einrichtung der Päpstlichen Akademie für das
Leben mit ihren besonderen Aufgaben (vgl. EV 98).32
Vor dem Hintergrund der sehr engen Verbindung zwischen der
Familie und dem Leben, wie sie oben dargestellt wurde, wurde am 13. Mai 1981 der
Päpstliche Rat für die Familie errichtet. Der Heilige Vater, Papst
Johannes Paul II., wünschte sich damit nicht nur eine Einrichtung für
die Familie als Institution, sondern auch ein Dikasterium des Heiligen Stuhls
mit der speziellen Aufgabe, von der Art. 141 § 3 der Apostolischen
Konstitution über die Römische Kurie Pastor bonus handelt: Er
(der Päpstliche Rat für die Familie) bemüht sich um die
Anerkennung und den Schutz der Rechte der Familie im sozialen und politischen
Leben; er unterstützt und koordiniert die Initiativen für den
Schutz des Lebens vom Augenblick der Empfängnis an und für eine
verantwortliche Elternschaft."
In seinem Brief an die Familien Gratissimam sane
gibt der Heilige Vater eine solide Grundlage für Lehre und Pastoral in
bezug auf den umfassenden Dienst am Leben und an der Familie, den die Familie
leistet. Wir möchten hier auf einige wichtige Aspekte hinweisen. Unter Nr.
9, die der Genealogie der Person gewidmet ist, schreibt er: Mit der
Familie verbindet sich die Genealogie jedes Menschen: die Genealogie der
Person. Die menschliche Elternschaft hat ihre Wurzeln in der Biologie und
geht gleich über sie hinaus." Denn sie ist in die Beziehung zu Gott
einzuordnen: Wir wollen damit hervorheben, daß in der
menschlichen Elternschaft Gott selber in einer anderen Weise gegenwärtig
ist als bei jeder anderen Zeugung auf Erden" (ebd.).
Daß das Kind ein Geschenk ist, wird, wenn auch
lakonisch, schon in der Bibel deutlich: Adam erkannte Eva, seine Frau; sie
wurde schwanger und gebar Kain. Da sagte sie: Ich habe einen Mann vom
Herrn erworben'" (Gen 4,1). Dies ist gleichsam eine Garantie, auch
wenn der geborene Sohn dann der Mörder seines leiblichen Bruders sein
sollte. In diesem Ausruf kommt die Freude über die Geburt eines Menschen
zum Ausdruck! Im Neuen Testament ist die Freude darüber, daß ein Mensch
zur Welt gekommen ist" (Joh 16,21), ein österliches
Zeichen, wie der Papst sagt. Jesus spricht zu seinen Jüngern vor seinem
Leiden und Sterben von der Trauer, die sie überkommen wird, und vergleicht
sie mit der Trauer einer Frau in Geburtswehen. Wie bei einer Frau, die einem
Menschen das Licht der Welt schenkt, wird sich ihre Trauer in Freude verwandeln.
Glück und Freude über das Leben, das zur Welt kommt, gehen in der
Kultur des Todes hingegen immer mehr verloren, da diese Kultur in der Welt von
heute mit ihren kranken Gesellschaften ein immer größeres Mißtrauen
verbreitet. Die Freude, die bei der Erwartung und Aufnahme des neugeborenen
Kindes die Familien erfüllen müßte, verwandelt sich in einen
grauen, oft unerwünschten Prozeß. Der Gesang der Engel und Hirten von
Betlehem dringt offenbar nicht in die Familien und ihre Häuser, sondern
verstummt vorher wirkungslos. Diese Haltung zeugt von einer menschlichen Armseligkeit"
und zeigt, wie tief die Menschheit verwundet ist. Auf der anderen Seite erzeugt
die Kultur des Todes aber eine völlig entgegengesetzte Haltung: den Willen
zum Kind um jeden Preis. Dieser Kontrast darf jedoch nicht so verstanden werden,
daß man das Geschenk des Kindes gleichsam als Recht" auf ein
Kind versteht. Man meint, dieses Recht sogar unter Vollzug unerlaubter Akte
einfordern zu können, die nicht die wahre Hingabe der personalen
Vereinigung in der Ehe ausdrücken.
Gewöhnlich sind die Empfängnis eines Kindes und
seine Geburt weniger eine erdrückende Verpflichtung, als vielmehr eine
Einladung zur Freude von seiten des neuen Lebewesens, auch wenn damit
Verantwortung und Opfer verbunden sind. Es ist eine österliche Freude! In
dieser Hinsicht ist der Ausspruch von Irenäus nur zu treffend: Gloria
Dei vivens homo!" (Es gereicht Gott zur Ehre, daß der Mensch lebt).
Dieser Hintergrund stellt keinesfalls die verbindliche Verpflichtung in den
Schatten, die das Neugeborene gleichsam als große, dankbare und
unausweichliche Verantwortlichkeit verkörpert (vgl. Gratissimam sane
11).
Mit der Freude über die Schwangerschaft und der Fähigkeit,
sie in erster Linie Gott gegenüber zu bejahen, steht die eigene Glaubwürdigkeit
und damit auch das eigene Glück auf dem Spiel. Wenn die Kirche im Sakrament
der Versöhnung ihr Amt ausübt, kraft dessen sie die Menschen von ihren
Sünden losspricht und sie ihnen vergibt, so entspricht sie ihrer
prophetischen Sendung, die Wahrheit zu verkünden. Wird das Evangelium verkündet
und im Herzen aufgenommen, so bereitet es auf den Empfang der Vergebung vor und
bringt dann in der heilsamen Versöhnung reiche Frucht. Nur Mitleid, das
nicht der christlichen Liebe entspringt, kann dazu verleiten, die vielleicht
zwar verletzende, aber heilsame und heilbringende Wahrheit zu verheimlichen und
die aus der Offenbarung abgeleiteten sittlichen Forderungen abzuschwächen.
Dieses Mitleid befreit die Gläubigen weder von dem
Leid ihrer ungeordneten Neigungen und ihrem dementsprechenden Tun, noch führt
sie sie zur Freude der Vergebung, mit der Gott sie als verlorene Kinder, die in
das Haus ihres Vaters zurückkehren, annimmt. Diese Kriterien waren für
den Päpstlichen Rat für die Laien bei der Abfassung des Vademecums
für Beichtväter ausschlaggebend. Das Vademecum weist sowohl auf
das volle Verständnis und die Nachsicht hin, die die Beichtväter den Pönitenten
bei der Feier des Bußsakraments entgegenbringen, aber auch auf die
Klarheit, Wahrheit und lehrmäßige Zuständigkeit, mit der sie die
Orientierungslosen oder Irrenden bilden und unterrichten sollen.
Vorurteilsbeladen und irrtümlich betrachtet man heute
leider nur allzuoft Wahrheit und Barmherzigkeit als unlösbaren Widerspruch.
Barmherzigkeit" ohne Wahrheit wäre jedoch eine Karikatur dessen,
was der Herr seiner Kirche als Sendung übertragen hat. Die Kirche kann
nicht aus einem sozusagen falsch verstandenen Verständnis"
heraus die Augen verschließen" und einfach übergehen, ohne
zu sehen und zu erklären, was gleichsam Anforderung für eine wahre
Versöhnung ist, um in Wahrheit und Vergebung dem Herrn wieder zu begegnen.
Das Kind ist für die Familie ein Geschenk. Daher
konzentriert sie voll Zärtlichkeit und Dankbarkeit ihre Aufmerksamkeit auf
das Kind und verfolgt in Liebe seine Entwicklung: Empfängnis, Geburt und
Erziehung. Voller Staunen und Überraschung nimmt sie wahr, wie sie in den
verschiedenen Augenblicken das neue Wesen bejaht. All dies erfordert eine
bestimmte Pädagogik, damit durch die Gewohnheit nicht das Schöne und
Erfüllende an der Aufgabe Eltern verlorengeht und die Last"
nicht die berechtigte Erfüllung und Freude einschränkt. Ein bekannter
Moraltheologe legt dem Kind folgende Worte in den Mund, die wir hier gerne
wiedergeben möchten: Habt keine Angst, mich aufzunehmen, mein Leben
als Aufgabe anzunehmen! Es wird für uns keine erdrückende Aufgabe
sein; im Gegenteil, diese Aufgabe ist so leicht, daß es euch sogar
gelingen wird, euer bedrücktes Leben zu erleichtern. Denn ich bin kein
Tyrann [...]. Ich bin zu einer Dankbarkeit fähig, die sehr viel größer
ist als all eure Mühen."33
Der Herr lehrt uns durch seine Worte und sein Tun: Er nimmt
ein Kind, stellt es in die Mitte der Jünger und sagt: Wer ein solches
Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der
nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat (Mk
9,36-37). Das Zeichen der Aufnahme trägt bereits in sich die Botschaft des
gemachten Geschenks, und in der Aufnahme verweist es auf den Geber alles Guten.
Die Kinder sind in erster Linie ein Segen, eine in spontaner Zärtlichkeit
weitergegebene Botschaft, die besonders die Hausgemeinschaft kennzeichnet. Sie
sind nicht so sehr eine Last als vielmehr Träger der Frohen Botschaft",
die in ihnen verkündet wird und aufscheint. Das Evangelium der Familie und
das Evangelium des Lebens, die in der Hauskirche, dem Heiligtum des Lebens,
widerhallen, sind die Botschaft, durch die das Kind seine Würde verkündet.
Der Schöpfergott ruft ihn [den Menschen] um seiner Selbst
willen' ins Leben: und damit, daß der Mensch zur Welt kommt, beginnt sein großes
Abenteuer', das Abenteuer des Lebens. Dieser Mensch' hat aufgrund
seiner menschlichen Würde jedenfalls Anspruch auf eigene Behauptung.
Genau diese Würde bestimmt ja den Platz der Person unter den Menschen und
zunächst in der Familie" (Gratissimam sane, 11).
Dieses zunächst in der Familie", das uns
ganz schlicht an die Untrennbarkeit von Familie und Leben erinnert, führt
zur wahren Freude, die jedes neuen Leben in einer ganz besonderen Weise durchströmt.
Das Evangelium von der Liebe Gottes zum Menschen,
das Evangelium von der Würde der Person und das Evangelium vom Leben sind
ein einziges, unteilbares Evangelium" (EV 2). In der Familie
wird das Evangelium als Abenteuer erfahren, insofern es überrascht und die
Fähigkeit zum Staunen erweckt, wenn man wie Maria alles im Herzen bewahrt.
Das Geheimnis von Betlehem und Nazareth birgt eine anthropologische Wahrheit,
die Wahrheit des Lebens als Geschenk, die Würde des Lebens, die von der
Liebe Gottes getragen und genährt wird: Denn er, der Sohn Gottes, hat
sich in seiner Menschwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt"
(GS 22).
Daher konnte Hans Urs von Balthasar mit Recht sagen: In
allen nichtchristlichen Kulturen hat das Kind nur eine nebensächliche
Bedeutung, da es schlicht und einfach nur ein Vorstadium des erwachsenen
Menschen ist. Daher war die Menschwerdung Christi nötig, damit wir nicht
nur die anthropologische, sondern auch die theologische und ewige Bedeutung der
Geburt kennenlernten, die endgültige Seligkeit des Seins aus einem Leib,
der zeugt und gebiert."34
Einige (wie zum Beispiel Philippe Ariès) vertreten
die These, der Sinn für die Kindheit" sei erst in der Mitte des
16. Jahrhunderts aufgekommen. Campanini kommentiert diese Ansicht: Abgesehen
davon, ob die von Aries aufgestellte Grundthese nun nachprüfbar ist oder
nicht, besteht kein Zweifel, daß das Kind im Abendland lange Zeit an
den Rand gedrängt wurde. Erst in einer kürzeren, aber deshalb doch
bedeutungsvollen und bedeutungsreichen Phase (die in etwa die letzten drei
Jahrhunderte umfaßt) wurde das Kind in den Mittelpunkt der Familie
und in gewisser Weise auch des gesamten Gesellschaftsleben gestellt. Dies war
das sogenannte Zeitalter des Puerzentrismus", das vielleicht gerade
vor unseren Augen zu Ende geht aufgrund einer immer fortschrittlicheren
technischen Entwicklung, in deren Rahmen kein Platz mehr für die Kindheit
zu sein scheint."35 Der Autor, Professor für
Tiefenpsychologie an der Universität von Parma, der seine Ansicht besonders
klar und prägnant formuliert, befürchtet, die Technologie könne
die menschlichen Beziehungen ersticken, und in einer sogenannten digitalen
Gesellschaft" könnten die Tasten letztendlich mehr zählen als
der, der sie bedient, als die Nähe zu den Menschen und der Zugang zum Kind.
In der Erziehung zählt mehr die Intelligenz (ich würde
sagen eine bestimmte Art von Intelligenz) als die ganze Persönlichkeit. Die
Begegnung mit dem Knopf" (die Taste des Computers oder des Gameboys)
tritt an die Stelle der Begegnung mit anderen Menschen. Das Phänomen, das
Campanini als Mittelpunktsverlust" bezeichnet, führt im Hinblick
auf die vor allem ethischen und religiösen Grundwerte zu einem Verlust der
Bezugspunkte, während man andererseits eine andere Wertordnung"
errichtet. Der Computer kann zwar die Phantasie anregen und ihr ein weites
Betätigungsfeld bieten, aber es handelt sich um eine programmierte und
kodifizierte Phantasie. Das Kind begibt sich damit in eine Welt, die seine Lebenswelt"
einschränkt. Die grundlegenden Vermittlungsstrukturen lösen sich zur
Zeit auf. Die wichtigste dieser Strukturen ist die Familie, da sie in der
Vergangenheit der Ort war, wo am meisten gelernt wurde. Die Schule gibt der Information"
aus dem Computer immer mehr Raum. Dürfen aber Familie und Schule als Räume
der Geborgenheit ihre Sendung aufgeben?36 Wir wollen auf die Frage von Schule und
Familie als Vermittlungsstrukturen weiter unten zurückkommen, wenn wir die
Sorgen von Pierpaolo Donati über die gesellschaftliche Struktur erörtern.
Es ist erschütternd, wenn man mit ansehen muß,
wie vielversprechende Prozesse auf einem bestimmten Gebiet wieder erstickt
werden. Es sah so aus, als würde dem Kind nicht mehr nur ein peripherer und
nebensächlicher, sondern ein zentraler Platz zuerkannt. Nun schwebt es
allerdings bereits im Mutterschoß in Lebensgefahr, wenn die Parlamente zu
einem Ort werden, wo das ungerechteste Todesurteil ausgesprochen wird. Während
in bezug auf die Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte des
Kindes deutliche Fortschritte erzielt wurden ohne hier nun die
Beziehungen und Fluktuationen in einigen Teilen erörtern zu wollen, gegenüber
denen die Delegation des Heiligen Stuhls mit Recht ihre Vorbehalte geäußert
hat und die Kirche sich für einen Codex zum Kinderschutz einsetzt,
werden diese Rechte auf verschiedene Art verletzt. Man begegnet nicht immer der
notwendigen Übereinstimmung zwischen den Verträgen und Versprechungen
auf der einen Seite und ihrer konkreten Verwirklichung auf der anderen. Zwischen
der Konvention der Vereinten Nationen und gewissen Empfehlungen des Europäischen
Parlaments besteht eine große Kluft. Angesichts der Skandale, die das
Gewissen der Völker wachrüttelt, ist die Reaktion noch sehr verhalten,
obwohl solche Situationen nur Folge einer weit verbreiteten Permissivität
sind. Die Kinder sind ihre hauptsächlichen Opfer! Diese Reaktion der Öffentlichkeit
kann aber auch ein Zurück nach der Ausuferung sein.
Auf der Linie der Aussagen von Familiaris consortio
über die Rechte der Kinder hat der Päpstliche Rat für die Laien,
wenn auch mit begrenzten Mitteln, insbesondere bei den Autoritäten"
des Kindes in der Familie und in der Gesellschaft eine Mobilisierung der
Gewissen durchgeführt. Bereits der Heilige Vater hatte bei der
Generalversammlung der Vereinten Nationen am 2. Oktober 1979 gesagt: An
der Sorge für das Kind noch vor seiner Geburt, vom ersten Augenblick seiner
Empfängnis an, und dann in den Jahren der Kindheit und Jugendzeit erkennt
man zuerst und grundlegend das Verhältnis des Menschen zum Menschen"
(zitiert in FC 26). Die liebevolle Sorge um das Kind ist gleichsam der Gradmesser"
für den Gesundheitszustand der Familie und der Gesellschaft. Uns überkommen
Zweifel, ob die Eheleute in ihrer übertriebenen Sorge um die eigenen"
Probleme und in ihrem Streben nach Glück, das flüchtig und
unerreichbar erscheint und von den Bezugspunkten weit entfernt ist, an denen
sich jedes Leben und noch mehr all jene orientieren müssen, die sich
entschlossen haben, es zu teilen, die Situation des Kindes wirklich hintansetzen
müssen (als ob das Kind nebensächlich wäre). Ist die Ehescheidung
nicht ein erdrückender Beweis für das Leiden der Kinder angesichts
fehlender Zuneigung"?
Die Sorge um das Kind verleiht bei einer normalen
Entwicklung ein neues Verantwortungsbewußtsein. Das Ehepaar darf seine
Probleme" nicht auf Kosten und zum Schaden dessen lösen, der Zeuge für
das Maß seiner Liebe und für die Größe der Persönlichkeit
jener ist, die ihm das Leben geschenkt haben.37 Das Kind kann auch Opfer werden, das seine
Rechte einfordert, auch wenn es dies schweigend tut.
Die Sorge um die Sozialkosten und die Verletzung der Rechte
der Kinder nimmt zwar zu, aber man stellt in einer Gesellschaft, die einer großen
Lethargie verfallen ist, keinen entscheidenden Aufbruch fest. Betrachtet man das
Kind im Licht seiner Unschuld, die dazu bewegt, ihm bevorzugt, verpflichtend und
sorgend Liebe zu schenken, als Geschenk, so schmerzt seine Ablehnung, die man im
Kontrast dazu erfahren muß. Die Pläne des Herodes kommen vor den
Toren von Betlehem nicht so deutlich zum Vorschein wie die Absichten, die hinter
den leiblichen und seelischen Massakern stehen, deren Opfer die Wehrlosesten
sind.
M. Zundel liefert uns eine wertvolle Beschreibung, vor
deren Hintergrund der schreckliche Kontrast um so deutlicher erscheint: Wen
würde das wunderbare Schauspiel eines schlafenden Kindes nicht zum Gebet führen?
Die unzähligen Möglichkeiten, die es birgt, zeigen, daß es ursprünglich
ein reines Geschenk ist."38 Und wenn man dann an die schrecklichen
Blutbäder denken muß! Ich besuchte eine Pfarrei in Ruanda: Während
des Völkermords (der bisher nicht beendet werden konnte) wurden in der
Pfarrkirche 6.000 Menschen, darunter Frauen und Kinder niedergemetzelt. Die
Menschheit setzt ihre Selbstzerstörung der Völker" fort,
und wir meinen hiermit die Abtreibung, durch die sie ihre eigene Zukunft begräbt.
Platon sagt, die Erziehung der Kinder, die
paideia sei das Prinzip für das Überleben
jeder menschlichen Gemeinschaft. Wenn dies stimmt, wie ein Journalist
feststellt, so müssen wir sagen, daß die Gemeinschaften, die, statt
die Kinder zu erziehen, sie sexuell mißbrauchen, sie in den Krieg
schicken, sie auf dem Arbeitsmarkt und in der Werbung ausnutzen, bereits ihre
eigene Vernichtung beschlossen haben, auch wenn sie sich dessen vielleicht nicht
bewußt sind.
Das Kind sein setzt andererseits auch eine
Lebensweise, ein Verhalten voraus: das Kind ist stolz auf seinen Vater und zeigt
dies, indem es sich in seine Arme wirft. Durch diesen Akt bringt es gleichsam
das große Vertrauen zum Ausdruck, daß der Vater alles in
Ordnung bringt, was irrig und ungeordnet ist. Das Kind erweist sich als Kind,
wenn es mit seinem Vater spricht und ihn vertrauensvoll Abba, Vater, nennt. Die
Beziehung Jesu zu seinem Vater reicht von der Kindheit bis zum Tod, bis zum
letzten Schrei des vom Vater verlassenen Sohnes am Kreuz. Jesus tritt im Rahmen
der Familie in eine besondere Beziehung zu seiner Mutter, aus deren Schoß
er geboren wurde. Gebenedeit ist die Frucht deines Leibes." Diese
Beziehung geht weit über die biologischen Grenzen hinaus und erreicht die
ungeahnten Dimensionen eines Dialogs, der im unverzüglichen,
zuvorkommenden, entschiedenen Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes erblüht.
Als er das sagte, rief eine Frau aus der Menge ihm zu: Selig die
Frau, deren Leib dich getragen und deren Brust dich genährt hat.' Er aber
erwiderte: Selig sind vielmehr die, die das Wort Gottes hören und es
befolgen'" (Lk 11,27-28). Es gibt einen geläufigen Aphorismus,
den Tangum Yeronshami aufgreift und der den Segen Judas über Josef
paraphrasiert. Jesus widerspricht dieser Seligpreisung nicht und weiß, daß
sie in erster Linie auf seine Mutter zutrifft. Trotzdem verkündet er eine höhere
Seligkeit.39
Die Kinder sind ein Geschenk Gottes (Ps 126, 3) und
haben daher die Aufgabe, für ihre Eltern die Gestalt eines Geschenks
anzunehmen, Gottes Willen zu erfüllen und ihren Eltern zu vertrauen,
und zwar im gleichen Strom, der zu Gott führt. Jesus war ihnen
gehorsam" (Lk 2,51) und beobachtete damit vollkommen das Gebot: Ehre
deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr,
dein Gott, dir gibt" (Ex 20, 12; Dtn 5,16). Die
christliche Familie ist eine Gemeinschaft von Personen, ein Zeichen und Abbild
der Gemeinschaft des Vaters und des Sohnes im Heiligen Geist" (KKK,
Nr. 2205).
Als Geschenk trägt das Kind erheblich zur
Festigung des Ehebands bei und bewirkt, daß die Ehegatten sich besser
verstehen und enger zusammenhalten. Die Eheleute nehmen sich gemeinsam etwas
vor, was sie aus sich selbst herausführt und worin sie sich später
wieder finden. Gemeint ist das neue Leben, das durch ihr Zusammenwirken mit dem
Schöpfergott aus ihnen entspringt. Im Hinblick auf das Kind entwerfen und
errichten die Eltern ihre Zukunft. Einerseits sind sie zwar in gewisser Weise
die ersten Evangelisierer ihrer Kinder, aber andererseits werden sie auch von
ihnen selbst evangelisiert. Die Sorge um die Kinder verwandelt sich in
Vertrauen, das eine Grundhaltung des Menschen darstellt. Giuseppe Angelini
schreibt in diesem Zusammenhang: Der sehr große Wert, den die Kinder
für das Einvernehmen der Eltern darstellen, ist allgemein bekannt. Mehr
noch als von einem großen Wert muß man daher von der völligen
Unfähigkeit der kleinen Kinder sprechen, sich ihr Leben und die ganze Welt
ohne dieses Einvernehmen' vorzustellen [...]. Die Kinder zeigen so, daß
sie ein Segen sind, ein Licht im umfassenden Sinn des Lebens."40 Ein Erfordernis, um die Kinder als Geschenk
anzunehmen, ist die Fähigkeit, eine Verpflichtung übernehmen zu können.
Die Wahrheit des Zeugungsaktes erfordert daher, daß Mann und Frau
von Anfang an sich selbst dem versprechen, der kommen wird [...]."41
Auch wenn alle diese Aspekte, die wir hier begrenzt
aufgezeigt haben und die eigentlich in einer Theologie der Werte der Person"
und des Geschenks" eingehender behandelt werden müßten, für
den gewöhnlichen Gläubigen sehr hoch erscheinen, waren sie der
Weisheit jahrhundertealten Kulturen nicht unbekannt. So schrieb schon
Aristoteles: Die Eltern lieben ihre Kinder, weil sie sie als einen Teil
ihrer Selbst betrachten [...]. Die Eltern lieben die Kinder wie sich selbst,
weil die aus ihnen geborenen Kinder wie sie selbst sind [...] und die Kinder
lieben ihre Eltern, weil sie in ihnen ihren Ursprung haben [...]. Schließlich
werden die Kinder als Band geschätzt, und deshalb trennen sich die Eheleute
ohne Kinder leichter; die Kinder dienen ihrem gemeinsamen Wohl, und was
gemeinsam ist, hält zusammen."42
Wie Giorgio Campanini feststellt, erhalten die Beziehungen
in der Familie im Licht des Evangeliums neue Dimensionen: Das Ehre Vater
und Mutter" (Dtn 15,4) kann zu vielfältigen Formen der
Unterordnung der Kinder führen; je nach Kontext war die Sorge um die Kinder
nicht ganz ohne Eigennutz: Das Evangelium führt in den Bereich der
Beziehungen zwischen Eltern und Kind die neue Kategorie des Dienstes' ein,
die nicht ausschließt, sondern in einem gewissen Sinn endgültig die
der Autorität' überwindet (vgl. Mt 20,26), indem sie die
herkömmliche Beziehung der Unterordnung umkehrt." Wir würden
vielleicht sagen, daß der Begriff der Autorität eine Bereicherung erfährt
und vor allem als Dienst am Wachstum der Kinder verstanden wird. Und dies
scheint mir die Sicht des Autors zu sein, wenn er daran erinnert, daß die
Ausübung von Autorität als Erfüllung eines Dienstes zu verstehen
ist. Dies impliziert, daß wer erhöht ist, den, der erniedrigt ist, in
den Mittelpunkt seiner Sorge stellt."43 Es handelt sich um eine vorläufige
Unterordnung im Herrn, die sich bis zum Erwachsenwerden erstreckt. Noch einmal,
die Liebe sucht das Wohl des anderen nicht seine Beherrschung. Die Liebe der
Eltern darf daher nicht vereinnahmend" sein, weil sie sonst die
Kinder erdrücken und ihr Wachstum beeinträchtigen würde. In
diesem Sinn ist die Autorität in der Familie ek-zentrisch, insofern
sie außerhalb ihrer Selbst ihren Mittelpunkt hat.
Wenn das Kind im Mittelpunkt der Sorge der Eltern steht, so
bereiten sie sich auf dieses gemeinsame Gut vor, durch das sie sich im persönlichen
Einvernehmen finden, insofern es eine tiefe, existentielle und lebensnotwendige
Dringlichkeit darstellt. Es handelt sich dabei um ein besonderes gemeinsames
Vorhaben, das sich aus ihrer innigen Gemeinschaft heraus bis hin zur Frucht
ihrer Liebe verwirklicht, zu einer gesegneten Frucht im zweifachen Sinn von Dienst"
und Ungewißheit". Dieses gemeinsame Vorhaben bzw. Unternehmen
reicht vom Augenblick der Zeugung bis zum Ende des Entwicklungsprozesses.
Im Denken von Thomas von Aquin ist die Unterordnung"
im Sinne des Evangeliums (um nicht zu vergessen, daß er
ihnen gehorsam war" oder daß er ihnen untertan war") das
Ideal und das Kriterium für die Ausübung von Autorität in der
Gesellschaft. So kann die Autorität in der Familie als typisches
Ideal für jede Form von Autorität verkündet werden, wenn sie im
Geist des Evangeliums ausgeübt wird."44
Der Katechismus der Katholischen Kirche stellt in
dieser Hinsicht fest: Die Autorität, die Beständigkeit und das
Gemeinschaftsleben innerhalb der Familie bilden die Grundlage von Freiheit,
Sicherheit und Brüderlichkeit innerhalb der Gesellschaft" (KKK,
Nr. 2207).
Die Kindererziehung ist vor dem Hintergrund dieses Autoritätsverständnisses
zu verstehen. Der Erziehende überwindet so das instinktive Bestreben, die
eigene Persönlichkeit und die eigenen Erwartungen auf das Kind zu übertragen
oder sie in ihm zu verwirklichen. Die Erziehung als solche verlangt eine
wirkliche Bemühung, die Kinder im Glauben zu erziehen (vgl. GS 48).
4. Die Familie - Geschenk für die Gesellschaft
Die Familie ist die Urzelle des gesellschaftlichen
Lebens. Sie ist die natürliche Gemeinschaft, in der Mann und Frau zur
Hingabe der Liebe und zur Weitergabe des Lebens berufen sind. [...] Das
Familienleben ist eine Einübung in das gesellschaftliche Leben" (KKK,
Nr. 2207).
Wir wollen uns über diese notwendige Dimension, die
bei anderer Gelegenheit behandelt wurde, nicht lange auslassen. Wir beschränken
uns darauf, einige allgemeine Erwägungen vorzutragen.
Bereits das Konzil betonte am Anfang des Kapitels Förderung
der Würde der Ehe und der Familie" (GS 47): Das Wohl
der Person sowie der menschlichen und christlichen Gesellschaft ist zuinnerst
mit dem Wohlergehen der Ehe- und Familiengemeinschaft verbunden" (GS
47). Und weiter unten erklärt es vielleicht nicht ganz so deutlich: Gott
selbst ist der Urheber der Ehe, die mit verschiedenen Gütern und Zielen
ausgestattet ist; sie alle sind von größter Bedeutung für den
Fortbestand der Menschheit, für den persönlichen Fortschritt der
einzelnen Familienglieder und ihr ewiges Heil; für die Würde, die
Festigkeit, den Frieden und das Wohlergehen der Familie selbst und der ganzen
menschlichen Gesellschaft" (GS 48,1).
Die Familie ist ein Geschenk für die Gesellschaft und
verlangt von ihr eine entsprechende Anerkennung und Unterstützung. Die
Gesellschaft verlangt ihrerseits von der Familie die Erfüllung ihrer
politischen Aufgabe.
Das Apostolische Schreiben Familiaris consortio
spricht in Kapitel III des Dritten Teils von der Teilnahme der Familie an
der gesellschaftlichen Entwicklung" (Nr. 42-48), denn die Familie ist
die Grund- und Lebenszelle der Gesellschaft' (AA 11) geworden. Die
Familie ist in lebendiger, organischer Weise mit der Gesellschaft verbunden;
denn durch ihren Auftrag, dem Leben zu dienen, bildet sie deren Grundlage und ständigen
Nährboden. [...] So ergibt sich aus der Natur und Berufung der Familie, daß
sie sich auf keinen Fall in sich selbst verschließen darf, sondern sich
vielmehr auf die anderen Familien und die Gesellschaft hin öffnen und so
ihre gesellschaftliche Aufgabe wahrnehmen muß" (FC 42).
Die Beziehungen zwischen der Familie und der Gesellschaft
sind durch die Vermittlung des Staates nicht einfach und transparent. Und dies
hat verschiedene Gründe. Der Staat dringt in Bereiche ein, die früher
der Familie vorbehalten waren. Und während die Demokratie die Fahne der Berücksichtigung
und der Beteiligung aller gesellschaftlichen Gruppen schwingt, sieht die Familie
ihren Handlungsraum immer mehr eingeengt, so daß sie kaum atmen kann, ja
sie steht sogar im Kreuzfeuer. Der Staat wird sozusagen allmächtig. Der Rückzug
auf das Privatleben, auf eine beschränkte Intimsphäre kann wohl eine
Form von Flucht und Rückzug vor den Aufgaben der Familie gegenüber der
Gesellschaft sein. Wie Pierpaolo Donati darlegt, befindet sich die Familie heute
in einem Umwandlungsprozeß: Die Familie wird (...) psychologistisch'
gesehen eine besondere Art des Zusammenlebens, der privatisierten und
subjektivierten Kommunikation, der reinen Äußerung von Intimität
und Zuneigung, der keine große Bedeutung zukommt und die nur als Ausdruck
von sozialer und kultureller Rückständigkeit betrachtet wird."45
Paul Moreau behandelt dieses komplexe Phänomen in
seinen verschiedenen Dimensionen und folgt dabei eng F. Chirpaz: Um leben zu können,
muß man in der Welt draußen" erzeugen und kämpfen.
Draußen, das ist die Welt der Konkurrenz in der Wirtschaft und der
Auseinandersetzungen in der Politik. Im Gegensatz dazu, wie Chirpaz
zusammenfassend sagt, erscheint die Welt der Familie gleichsam als
Gegengewicht und im Gegensatz zur Gesellschaft als Ort des Privaten, der wahren
menschlichen Beziehung"46. Angesichts einer stressigen Gesellschaft wäre
die Intimsphäre demnach Zufluchtsort vor der bedrohlichen Gesellschaft oder
vor dem feindlichen Staat bzw. Ort der eigentlichen Wahrheit und des wahren
Friedens. Seltsamerweise fasziniert die Stadt, obwohl sie andererseits Belästigung
oder Abneigung auslöst und den vergilischen Traum vom Feld vor der unerträglichen,
aggressiven und ungeordneten Stadt nährt und verstärkt. Dieser Begriff
von der Privatisierung, der die Familie ihrer Aufgabe gegenüber der
Gesellschaft beraubt, läßt sich zwar mit allerlei Gründen
rechtfertigen. Er kann aber auch leicht zu Individualismus, Egoismus und Gleichgültigkeit
führen. Daher ist die Kritik von Moreau berechtigt: Wenn ich aus
dieser Welt fliehe und wie viele aufrichtige und ehrliche Menschen, davonrenne,
überlasse ich die Welt ungläubigen und gesetzlosen Menschen."47 Objektiv gesehen, ist die Flucht von der politeia_" ein unverantwortlicher Akt: [...]
Flucht vor der Gefahr heißt nicht sie überwinden, und wer lieber vor
der Gesellschaft flieht (démission de sa qualité de citoyen)
macht sich letztlich objektiv mitverantwortlich für den Verfall der
Gesellschaft."48
Der widerstandslose Rückzug ins Privatleben ist eine
Versuchung, die den Staat in seinen Ambitionen nach einer neuen Herrschaft beflügelt.
Dies führt nicht nur soweit, daß die Souveränität der
Familie, die Vorrang vor dem Staat hat, nicht mehr anerkannt wird, sondern man
verurteilt sie sogar zur Untätigkeit, da man sie für kraftlos hält.
Vor diesem Hintergrund ist daher die Sorge von Campanini
berechtigt: Die Familienethik gilt nicht nur in den eigenen vier Wänden
[...]. Die Familie hat vielmehr eindeutig die Pflicht, zur Vermenschlichung der
Gesellschaft und zur Förderung des Menschen beizutragen. Da die Familie
strukturell gesehen Schnittpunkt von Öffentlichkeit und Privatleben ist,
darf sie sich nicht in ihre eigene Privatsphäre zurückziehen (die
privatrechtlich gesehen verfälscht und entstellt erscheint), sondern sie
ist dringend aufgerufen, sich der Probleme der Gesellschaft in ihrer Umgebung
anzunehmen. Die Errichtung dieser Beziehung zwischen Familie und Gesellschaft
erscheint in den fortgeschrittenen Industriegesellschaften, die von einer
starken Auswirkung des öffentlichen Lebens auf das Familienleben
gekennzeichnet ist praktisch als notwendige Voraussetzung für die
richtige Erfüllung der Erziehungsaufgabe."49
Papst Johannes Paul betont die Bedeutung der Familie, die
immer als vorrangige und in einem gewissen Sinne souveräne
Gesellschaft" anerkannt werden muß. Der Papst erklärt in
seinem Brief an die Familien, Gratissimam sane diesen äußerst
bemerkenswerten Begriff mit seinen genauen Konturen und Nuancen, wenn er von
Familie und Gesellschaft spricht (vgl. Gratissimam sane, Nr. 17).
Die Familie ist eine souveräne Gesellschaft und in
ihrer Identität und in ihrer sozialen Subjektivität anerkannt.
Es handelt sich dabei um eine spezielle und geistliche Souveränität,
um eine fest verwurzelte Wirklichkeit, auch wenn sie unter verschiedenen
Gesichtspunkten abhängig ist. Die Rechte der Familie, die ganz eng
mit den Menschenrechten verbunden sind, müssen ihr in ihrer
Subjektivität zuerkannt werden, in der sie den Plan Gottes verwirklicht und
daher eigene und besondere Rechte beansprucht, wie sie in der Charta der
Familienrechte enthalten sind. Der Papst erinnert an ihre Verwurzelung in den Völkern
und in ihren Kulturen (hierhin gehört der Begriff Nation") und
an ihre Beziehungen zum Staat. Der Staat unterscheidet sich von der Nation durch
eine weniger familiäre" Struktur, die wie ein politisches System
und eher bürokratisch" organisiert ist. Das staatliche System
besitzt in dem Maß eine Seele", wie es seiner Natur als
politische Gemeinschaft entspricht. Mit dieser Seele" des Staates
steht die Familie in einem engen Zusammenhang, insofern sie mit dem Staat kraft
des Subsidiaritätsprinzips verbunden ist. Nach diesem Prinzip der
katholischen Soziallehre darf der Staat nicht den Platz und die Aufgabe der
Familie übernehmen und ihre Autonomie verletzen. Die Position der Kirche,
die auf einer Erfahrung gründet, die niemand leugnen kann, ist in dieser
Hinsicht kategorisch: Ein überzogenes Eingreifen des Staates würde
sich als schädlich und über eine Mißachtung hinaus als eine
offene Verletzung der Rechte der Familie erweisen [...] Der Staat ist daher
aufgerufen, entsprechend dem erwähnten Prinzip zu intervenieren [...]; nur
dort, wo sie [die Familie] sich selbst nicht hinreichend ist, hat der Staat die
Möglichkeit und die Pflicht zum Eingreifen" (Gratissimam sane,
17).
Wenn die Familie als unerläßliches Gut für
die Gesellschaft nicht anerkannt und unterstützt, sondern eingeschränkt
wird, entsteht für die Völker eine ungeheure, verheerende Leere (z.B.
Ehescheidung, Aushöhlung der Ehe, der einzigen Verbindung, die in der
Gesellschaft als Ehe anerkannt werden kann", Permissivität, usw.). Der
Papst folgert daraus: Die Familie steht im Zentrum aller dieser
Probleme und Aufgaben: sie in eine untergeordnete und nebensächliche Rolle
zu versetzen, sie aus der ihr in der Gesellschaft gebührenden Stellung
auszuschließen, heißt, dem echten Wachstum des gesamten Sozialgefüges
einen schweren Schaden zufügen" (Gratissimam sane, 17).
Wendet man das Subsidiaritätsprinzip auf dem Gebiet
der Erziehung an, so bedeutet dies, daß die Kirche diese Aufgabe nicht völlig
an andere delegieren kann.
Wir müssen uns hier auf einen einfachen Hinweis auf
das Problem der gesellschaftlichen Vermittlungen beschränken, die die
Familie aus jenen Bereichen drängen, in denen ihre Gegenwart erforderlich
und segensreich ist.
Pierpaolo Donati stellt in seinen Ausführungen nicht
nur die Frage: Warum vermittelt die Familie nichts mehr in der
Gesellschaft?", sondern erwägt ganz allgemein neue familiäre
Vermittlungen". In einigen Bereichen wird die Familie als Überbleibsel"
behandelt, das nur in Problemfällen herbeigezogen wird. Es besteht
allgemein die Vorstellung, daß die Familie von der öffentlichen Bühne
verschwinden muß. Man geht sogar soweit, das Eheversprechen, den Wert der
Dauerhaftigkeit als Relikt" zu bezeichnen.50 Dennoch stellt Pierpaolo Donati zu Recht
fest: Keine Untersuchung auf diesem Gebiet bestätigt heute die
Irrelevanz der Familienzugehörigkeit in den außerfamiliären
Bereichen [...] So sehr die familiären Vermittlungen unter gewissen
Gesichtspunkten und in einigen Bereichen zurückgehen oder verlorengehen,
nehmen sie unter anderer Rücksicht und in anderen Bereichen zu, oder es
entstehen neue. Insgesamt gesehen hat die Familie in den außerfamiliären
Bereichen auch weiterhin eine Bedeutung, ja diese nimmt in den tatsächlichen
Verhaltensweisen und im Rahmen der notwendigen kulturellen und auch politischen
Legitimation sogar zu."51 Damit ergibt sich ein ganz neues Bild. Wenn
die Familie nicht mehr den gesellschaftlichen Status bestimmt (und dies kann
auch etwas Positives sein) wird sie dennoch Beziehungen unterworfen, in der sie
ganz unvorhergesehen vermittelt.
Heute geht man davon aus, daß das Kind kein
isoliertes Atom oder eine leibnitzsche Monade ist, keine Insel, kein Molekül,
das im Vakuum schwebt. Die Sorge um die Rechte des Kindes kommt wieder auf. Man
sucht nach dem Recht auf eine biologische Identität des Kindes wie auch
nach den kulturellen, ethnischen und geschichtlichen Wurzeln. Donati stellt in
diesem Zusammenhang fest: In der Vergangenheit gab die Gesellschaft der
Familie die Vermittlungen vor, die letztere ausüben mußte; heute
genießt das Individuum das Recht, sich diese Vermittlungen zunutze zu
machen, sie aufkommen zu lassen, anzuerkennen und zu bewerten."52 Weiter unten stellt er fest: Die jüngsten
Untersuchungen haben gezeigt, daß die Familie heute anders als früher
eine Vielzahl von Meinungen und sozialen Beziehungen vermittelt, die noch die
gleiche Bedeutung haben wie früher, ja die für das gesellschaftliche
Geschick des Individuums und seine Lebensqualität entscheidend sind."53
Der Soziologe erkennt Bereiche, in denen die Verkennung der
Lage alarmierende Ausmaße annimmt. Er nennt vor allem den Bereich der
Politik, der zumindest in Situationen ein größeres Interesse zeigen müßte,
in denen sich negative Folgen und Reaktionen nicht verschleiern lassen.54 Auf dem Gebiet der Erziehung tritt die
Kluft besonders deutlich hervor.55
Aus einer tieferen Erkenntnis der Subjektivität der
Familie sind neue Formen der Vermittlung hervorgegangen, insbesondere im
Hinblick auf die Reifung als Mensch und als Person, wie zum Beispiel auf alles,
was die Familie notwendigerweise für das ausgeglichene Wachstum des Kindes
darstellt: die Vermittlung von Liebe in der Hausgemeinschaft oder die
menschliche Wärme und die Unterstützung der älteren Menschen
sowie deren große Lebenserfahrung für die Familie in einem weiteren
Sinn aufgrund der Solidarität zwischen den Generationen.56 Die Subjektivität" der
Familie hat eine große Bedeutung für die Ausbildung der persönlichen
Identität des Kindes, das ein familiäres Umfeld braucht und dies
als Grundrecht beansprucht.57
In dieser Hinsicht muß man allerdings feststellen, daß
die Familie einerseits unter gewissen Gesichtspunkten vernachlässigt wird,
daß aber andererseits in gewisser Hinsicht der Wert der Familie als neues
Gut wieder auftaucht.58
Alles, was die wesentlichen Aspekte der Vermittlung der
Familie deutlich macht, kann die Familie als Institution vielleicht von anderen
akzidentiellen Vermittlungen befreien, von denen man in einem bestimmten
Augenblick auch absehen kann, ohne daß der Familienkern oder das soziale
Netz darunter leiden. Die Familie kann Kanal oder Zentrum zur Vermittlung von
Werten sein, die für die Lebensqualität der Gesellschaft und ihre
Sittlichkeit entscheidend sind. Diese Sicht überschneidet sich mit dem, was
die Charta der Familienrechte sagt: Die Familie, die viel mehr ist als
eine bloße juridische, soziale und ökonomische Einheit, bildet eine
Gemeinschaft der Liebe und der Solidarität, die in einzigartiger Weise
geeignet ist, kulturelle, ethische, soziale, geistige und religiöse Werte
zu lehren und zu übermitteln, wie sie wesentlich sind für die
Entwicklung und das Wohlergehen ihrer eigenen Mitglieder und der ganzen
Gesellschaft"59.
Mit den neuen Vermittlungen gestaltet sich auch eine neue Bürgerschaft
der Familie.60 In diesem Sinn würde die Eingliederung
in die Gesellschaft nicht (wie früher) auf der Grundlage der Familie, zu
der man gehört, aufgrund des Familiennamens" erfolgen, wie er im
Reisepaß oder auf der Kreditkarte steht. Diese Phase erscheint vielmehr
prinzipiell überwunden, und dies habe auch seine positiven Seiten. Die
Eingliederung erfolge statt dessen auf der Grundlage der Identität, der
harmonischen Entwicklung der Persönlichkeit, die vor allem in der Familie
gewonnen werde. Es trete daher nicht mehr der Fall derer auf, die ausruhen, während
ihr Familienname arbeitet", sondern es komme auf den durch die persönlichen
Talente rechtschaffen erlernten und erworbenen Beruf an. In dieser Hinsicht ist
die Familie die erste Schule der Tugend. In der neuen Bürgerschaft hat das
Gesamt der neuen Beziehungen eine besondere Bedeutung. Darin erfährt die
Frau nicht in bezug auf das Bild des Mannes eine allgemeine Aufwertung, um die
sich mit Recht einige gemäßigte feministische Bewegungen sorgen,
sondern entsprechend ihren Pflichten und Rechten. Auf diesem Gebiet kommt etwas
Umfassenderes zum Ausdruck wie die Wahrung der Grundrechte der menschlichen
Person, die sich im Hinblick auf die Familie nicht nur mehr oder weniger auf die
Anerkennung von Individualrechten beschränken.61
Wenn heute von der Vermittlung von Werten für eine
wahre Menschlichkeit die Rede ist, so verweist man auf die hohen sozialen
Kosten der Anerkennung, die der Familie als Institution gebührt. Donati
legt hier als Soziologe den Finger auf die Wunde: Man kann feststellen, daß
tatsächlich eine zunehmende Zahl von Problemen der Gesellschaft aus der
fehlenden Anerkennung und Unterstützung der Familie in ihrer Aufgabe der
sozialen Vermittlung entstanden sind. Dies bezeugen steigende Unzufriedenheit,
Unbehagen, psychische Krankheiten, Drogenkonsum, Selbstmorde und
Selbstmordversuche unter den Jugendlichen. Ebenso weist andauernder Mißerfolg
in der Schule auf fehlende Geborgenheit in der Familie hin.62
Der gleiche Autor stellt weiterhin fest: Die moderne
Gesellschaft hat versucht, jegliche Vermittlung zwischen dem Individuum und der
Gesellschaft auszuräumen." Sie strebt nach Selbstverwirklichung des reinen
Individuums" in einer offenen Gesellschaft", die nur aus
Individuen besteht, mit dem Ergebnis, daß das Individuum sich selbst überlassen
blieb, da ja die Vermittlung der Familie abgelehnt wurde. So blieb das
Individuum gleichsam ohne Zuhause", was ernste Folgen mit sich
brachte. Das so entstandene Individuum", war allerdings eine schwache
Persönlichkeit, die praktisch ex nuovo" Formen der
Vermittlungen schaffen mußte, ohne die weder die Gesellschaft"
noch die menschliche Person" bestehen können.63 Ein neues Zuhause wird dort nötig,
wo der Familie nicht wieder ihre ganze Bedeutung zuerkannt wird. Niemand kann
sich aufrichtig beklagen, daß ein universales Wir" nicht seine
Schuldigkeit tut oder daß es keine Selbstlosigkeit mehr gibt, wenn die
Werte der Wir"- Identität, welche die Familie darstellt, die
kleinen alltäglichen Formen von Solidarität abgelehnt werden. Die
Familie ist für das Überleben und die Entwicklung der politischen
Staatsbürgerschaft notwendig."64 Niemand kann ohne ein Vertrauensverhältnis,
ohne Hilfe und Unterstützung leben."65
Aufgrund der selbstmörderischen Kapriolen des Staates
ohne Zuhause, ohne Familie allein gelassen zu sein, heißt, auf die Straße
gesetzt, der Witterung preisgegeben und im innersten der Persönlichkeit und
der menschlichen Existenz bedroht zu sein. Um ehrlich zu sein: Diese schwachen
Persönlichkeiten sind der Beweis für den Zusammenbruch von einigen
abenteuerlichen Vorstellungen, für eine äußerst mangelhafte
Anthropologie und eine bodenlose Leere im Verständnis des Menschen als
Person und der Gesellschaft als solcher. Wie läßt sich ein
allgemeiner Zusammenbruch ohne eine tiefgreifende Änderung in dieser
Richtung überhaupt noch verhindern? Die Bedrohung auf internationaler oder
nationaler Ebene sollte zu einer entsprechenden Reaktion führen und die
soziale und politische Funktion der Familie bestärken.66 Dies setzt allerdings die Anerkennung der
Familienrechte voraus. Die Familien haben ein Recht, von den staatlichen
Autoritäten eine angemessene Familienpolitik auf juristischem,
wirtschaftlichem, sozialem und steuerrechtlichem Gebiet erwarten zu können,
die jedwede Benachteiligung ausschließt" (Art. 9). Die Familie
hat das Recht, als Familie zu leben und sich zu entfalten." (Art. 10).
Eine nur oberflächliche Zuwendung zum Individuum genügt
nicht, weil sie die Familie nicht in ihrer Subjektivität", das
Zuhause nicht als Mittelpunkt und Quelle der Beziehungen anerkennt, ohne die die
Gesellschaft verloren ist.
Werden die sozialen Folgen einer fehlenden Vermittlung in
der Familie und die damit verbundenen Hindernisse, die ihren politischen und
gesellschaftlichen Einfluß zu ersticken drohen, nicht erkannt, so sind
wir wiederholen es noch einmal vor allem die Kinder die Leidtragenden.
Die Informationen und Statistiken, welche die Zeitschrift Consilium
liefert, sind beeindruckend. Eine Ausgabe steht ganz unter dem Thema Wo
sind unsere Kinder?" und legt zu Recht dar, was letztlich eine stille
Katastrophe"67 ist. Sie ist umso schmerzlicher, als sie im
Kontrast zu einer Vielzahl von Lösungsmöglichkeiten steht. Wie könnten
wir schweigen angesichts eines so fürchterlichen Mangels an Solidarität
und politischem Willen, schnellstmöglich eine Lösung zu finden?
Dem breiten Phänomen von ungerechter Gewalt, die Tod
sät, der Ungleichheit und der ungleichen Chancen, die Tausende und
Abertausende unschuldige Opfer dahinrafft (ganz zu schweigen vom verabscheuungswürdigen
Verbrechen der Abtreibung) könnte man durch eine wirksame Mobilisierung,
die auf der Hand liegt, begegnen: Würden für die hauptsächlichen
Ziele der Entwicklungspolitik nur ein Zehntel der Mittel zur Verfügung
gestellt, die in den letzten zwei Jahrzehnten für die Rüstung
ausgegeben wurden, lebten wir heute in einer Welt mit geringer oder überhaupt
keiner Unterernährung, mit weniger Fällen von Krankheiten und
Invalidität, mit einer umfassenderen Alphabetisierung und einem sehr viel höheren
Bildungsniveau sowie höheren Einkommen."68 Diese Schlußfolgerung stützt
sich auf die Daten des deutschen Komitees für die UNICEF von 1995 über
die Situation der Kinder in der Welt.69 Der hier erwähnte Beitrag öffnet
in gewisser Hinsicht eine Tür der Hoffnung: Die Situation in
Gesundheit und Hygiene hat sich in der Welt in den letzten vierzig Jahren mehr
verbessert als in der ganzen vorherigen Geschichte der Menschheit."70 Beeindruckend ist, wie die Kindheit
im vergangenen Jahrzehnt plötzlich zum öffentlichen und politischen
Thema wurde. [...] Die gegenwärtige Aufmerksamkeit für die Kinder
erschöpft sich nicht im Prinzip, daß sie die verwundbarsten Bürger'
der Gesellschaft oder die wertvollsten Mittel der Menschheit' sind [...].
Das 21. Jahrhundert gehört den Kindern."71 Machen wir daher das Herz weit für die
Hoffnung!
Es gibt noch andere Formen von Armut", deren
Opfer viele Kinder sind und die sich nicht auf Fragen der Gesundheit des Leibes
oder wirtschaftliche Fragen beschränken. Sie sind heute z.B. in den
Vereinigten Staaten Gegenstand von Untersuchungen und Analysen. So erscheinen
Beiträge mit Titeln wie z.B. Wie die Familie in den Vereinigten
Staaten ein liberales Thema' geworden ist." Oder auf dem Gebiet der
Politik: Die Liberalen interessieren sich für die Frage der Werte"
(so lautet ein Untertitel). In diesem Zusammenhang werden einige dramatische
Zeugnisse wiedergegeben: Die Beweise für die steigende Armut der
alleinstehenden Mütter und für die Verschlechterung des psychischen
und physischen Zustands der Kinder sind die wichtigsten Faktoren für diesen
Sinneswandel. Der Anstieg der Ehescheidungen und der unehelichen Geburten
wird bereits als naheliegender Grund für diese Entwicklungen erachtet.
Betrachtet man zum Beispiel die Ehescheidung, so stellt man fest, daß der
Prozentsatz von Ehescheidungen in den siebziger und achtziger Jahren in den
Vereinigten Staaten enorm gestiegen ist: im Augenblick liegt er bei etwa 50
Prozent."72 Auch die Auswirkungen auf die
Wirtschaftsbedingungen sind enorm. Wir verweisen hier auf jüngste Studien,
aus denen hervorgeht, daß die Ehescheidung zu einer ernsthaften,
wirtschaftlichen Verschlechterung führt.73 Und was soll man dann erst zu den
unehelichen Geburten sagen.
Es gibt zahlreiche Studien über die grausamen Folgen
bei Kindern und Jugendlichen, die ohne Familie aufwachsen. Wie können daher
die verantwortlichen Politiker eines Landes diese ernsthaften Appelle unabhängig
von ihrer Parteizugehörigkeit überhören? Man stellt ohne
Umschweife fest: Der Zusammenhang zwischen Jugendkriminalität und
Zerfall der Familien tritt deutlich hervor. Der ehemalige Sekretär der
Abteilung für Gesundheit, Louis Sullivan, berichtet, daß über 70
Prozent der männlichen Jugendlichen im Gefängnis aus Familien ohne
Vater stammen."74 Auf der anderen Seite schneiden die
Kinder besser ab, wenn sie die persönliche und materielle Unterstützung
von Vater und Mutter erfahren und wenn beide Elternteile ihrer Verantwortung der
liebenden Fürsorge nachkommen [...] Höhere Scheidungsraten, eine größere
Zahl von unehelichen Schwangerschaften und Abwesenheit der Eltern sind nicht
einfach Äußerungen eines alternativen Lebensstiles, sondern
Verhaltensmuster von Erwachsenen, die die Gefahr für negative Folgen für
die Kinder erhöhen.75
Diese nur summarischen Informationen aus äußerst
glaubwürdigen Quellen zeigen die Ernsthaftigkeit des Problems und die
Notwendigkeit, die Familie bei der Erfüllung ihrer wichtigen Aufgabe der
sozialen Vermittlung zu stärken und zu unterstützen, ohne die (und das
ist keine rhetorische Apokalyptik) die Zivilisationen zerbröckeln. Im
Mittelpunkt der Problematik steht die Frage nach den Werten, Lebensstilen und
Verhaltensweisen, die sich durch die bestehende oder fehlende Familie auf die
Gesellschaft auswirken. Daher kommt es dem Staat ganz eindeutig zu, der Familie
zu helfen, damit es eine gültige Familienethik" gibt. Galston76 meint, daß eine gerechte Demokratie
rechtschaffene Bürger voraussetzt und daß die Religion für die
Schaffung einer Ethik der Motivationen77 wesentlich ist, die in der Familie gepflegt
werden.
5. Hoffnung der Menschheit
Das Thema des Welttreffens des Heiligen Vaters mit den
Familien gibt den Menschen neue Hoffnung.
Wir schauen trotz der konkreten Schwierigkeiten und
Anfeindungen, die die Ehe als Institution schwächen, mit festem Vertrauen
in die Zukunft.
Die Hoffnung läßt uns zuversichtlich auf das
Dritte Jahrtausend blicken und ist gleichzeitig Anlaß, um auf die
Vergangenheit zurückzuschauen, um Bilanz und zahlreiche Lehren aus der
Geschichte der Kirche zu ziehen, die vor Gottes Angesicht mit der Menschheit auf
dem Weg ist. Vor allem aber wollen wir den Glauben feiern und uns ernsthaft
verpflichten, die Zukunft in die Hand zu nehmen, denn auch wenn diese eigentlich
Gottes Hand liegt, müssen wir trotzdem ihm gegenüber unsere
Verantwortung übernehmen. Wir dürfen uns nicht aus den entscheidenden
Schlachten der Menschheit zurückziehen.
Die Familie verbindet sich eng mit dem Geheimnis der
Inkarnation und mit der eigentlichen Geschichte des Menschen", schreibt der
Heilige Vater in seinem Apostolischen Schreiben Tertio millennio adveniente
(Nr. 28), wobei er auf das Jahr der Familie zu sprechen kommt. Aus
Nazareth, wo das Wort Fleisch geworden ist" (Joh 1,14) kommt
die erhabene Botschaft der Heiligen Familie, dem Urbild der Familie, der unerschöpflichen
Quelle von Spiritualität und neuer Energien, die vom Auferstandenen
stammen. Er wirkt in seiner verwandelnden Kraft mitten in der Geschichte, in
dieser besonderen Offenbarung des Geheimnisses, in der Fülle der Zeiten,
die mit dem Geheimnis der Fleischwerdung des Wortes identisch ist (vgl. TMA
1).
Christus, der neue Adam, macht eben in der
Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den
Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung"
(GS 22). In Christus klärt sich demnach das Geheimnis der Urzelle
der Gesellschaft auf, der Gemeinschaft des Lebens und der Liebe, in der der Herr
wie bei der Hochzeit von Kana gegenwärtig ist.
Der Herr kommt den Familien entgegen, erleuchtet und stärkt
sie. Er erlöst ihre Liebe und begleitet sie in einem liebevollen und fürsorglichen
Dialog, den es in Glauben und Gebet zu entdecken gilt. In vielen Situationen ist
der Weg steil, wenn man die Bitterkeit der eigenen Unzulänglichkeit,
verlorener Kämpfe und des Verfalls vieler Hausgemeinschaften erfährt.
In solchen Situationen kommt aber auch Hoffnung auf durch die Begegnung mit dem
Herrn, dem Erlöser der Menschen, wie zum Beispiel bei den Jüngern von
Emmaus, deren Sache völlig gescheitert schien.
Die erlöste Liebe setzt erstaunliche Kräfte frei,
um den Herausforderungen zu begegnen und die notwendigen Aufgaben zu übernehmen,
die der Herr der Familie übertragen hat und ohne die die Menschheit und
auch die Kirche zum Scheitern verurteilt wären. Wenn die Zukunft der
Menschheit über die Familie läuft, dürfen die umfangreichen
Chancen, die die Zukunft eröffnet, nicht ungenutzt bleiben. Es gilt zu
denken, daß die Familie in Antwort auf den Herrn der Geschichte zu einem
Großteil selbst ihr Geschick in die Hand nehmen muß. Der Papst
schreibt hierzu: Es ist daher notwendig, daß die Vorbereitung
auf das Große Jubeljahr in gewisser Weise über jede Familie läuft.
Trifft es etwa nicht zu, daß der Sohn Gottes durch eine Familie, die
Familie von Nazareth, in die Geschichte des Menschen eintreten wollte?"
(TMA 28).
Der Herr hat unter uns gewohnt (vgl. Joh
1,14), er hat, um es mit den Worten und in der Sprache der Bibel zu sagen,
sozusagen sein Zelt unter uns aufgeschlagen, ein Feldzelt (Beduinenzelt), und er
wollte dies tun in der konkreten Hausgemeinschaft von Nazareth, wo er bei seinen
Eltern und im Gehorsam gegenüber von ihnen lernte.
Die Feier des Welttreffens in Rio erfordert jene
aufgeschlossene, freudige und kontemplative Haltung, in der man im Herrn das
Geheimnis der Familie entdecken und besser erkennen kann. Aus diesem Grund
sollte die Vorbereitung in Form von Katechesen" erfolgen, bei denen
Millionen von Familien überall auf der Welt anhand der Lehre der Kirche, im
Gebet und in der Überzeugung, daß der Herr sie begleitet, über
die vorgeschlagenen Themen meditierten.
Die Hoffnung ist in die Dynamik der menschlichen Natur
eingeschrieben. Sie bildet einen wesentlichen Charakterzug des Menschen; ein
entscheidender Faktor, wie ein Philosoph schreibt, ist das Hoffen und die
Art und Weise, wie man hofft.78 Die menschliche Existenz ist nicht nur
durch die Annahme der Gegenwart bestimmt, sondern auch durch die Erinnerung an
die Vergangenheit und die Erwartung der Zukunft, im Sinne einer aktiven
Hoffnung, die uns auf ein Gut oder auf ein Gesamt von angestrebten Gütern öffnet.
Denn Hoffen oder Hoffnung haben ist ein Wesenszug des Menschen. Für den
Christen gründet die Hoffnung in Gott. Sie besteht in einem allgemeinen,
grenzenlosen Vertrauen auf das Walten der göttlichen Vorsehung. Gründet
das Vertrauen hingegen nicht in Gott, wird es zur unverantwortlichen Gewißheit,
die unweigerlich ihrer Zerstörung entgegen geht.79
Wenn einerseits, wie der spanische Schriftsteller Eugenio
D'Ors schreibt, die Hoffnung die Tugend mit dem schlechtesten Ruf"
war und Chamfort sogar zu sagen wagte, sie sei ein Scharlatan, der uns ständig
betrügt", so leben wir in einem Augenblick der Geschichte, in dem die
Bezugspunkte der wahren Hoffnung wiederhergestellt werden müssen: Wahrheit
und echte Liebe, die nicht trügen, da sie letztlich nicht von Menschenhand
gemacht sind. In diesem Sinn ist die Hoffnung keine zerbrechliche, trügerische
unverantwortliche Gewißheit", sondern eine notwendige
Dimension, die im Absoluten, in Gott, gründet.
Aufgrund der festen Gewißheit, daß Christus,
der Erlöser der Menschen gesiegt hat, daß sein Sieg auch unser Sieg
ist, weil er uns daran teilhaben läßt, bietet uns die Hoffnung Grund,
Ausdruck und Sicherheit für unser Vertrauen. Als moralische Tugend verleiht
sie Kraft und Orientierung auf dem Weg. Johannes vom Kreuz sprach daher von
einer grünen Jacke"80. Diese feste Hoffnung und dieses feste
Vertrauen sind absolut, weil sie auf den göttlichen Verheißungen gründen.81
Der Katechismus der Katholischen Kirche lehrt: Die
Tugend der Hoffnung entspricht dem Verlangen nach Glück, das Gott in das
Herz jedes Menschen gelegt hat. Sie nimmt in sich die Hoffnungen auf, die das
Handeln des Menschen beseelen; sie läutert sie, um sie auf das Himmelreich
auszurichten; sie bewahrt sie vor Entmutigung, gibt Halt in Verlassenheit; sie
macht das Herz weit in der Erwartung der ewigen Seligkeit. Der Schwung, den die
Hoffnung verleiht, bewahrt vor Selbstsucht und führt zum Glück der
christlichen Liebe" (Nr. 1818).
Mit der Hoffnung werfen wir unseren Anker in den Himmel
aus, den der Herr bereits erreicht hat. Jesus ist bereits in die Ewigkeit
eingetreten und wird am Jüngsten Tag zur entscheidenden Begegnung mit der
Menschheit wiederkommen. Deshalb ist die Hoffnung in die Geschichte und die
Eschatologie einzuordnen, in die Parusie.
Wie aber sollen wir unsere Herzen zur Hoffnung erheben, da
eine Vielzahl von Zeichen eher Zweifel aufkommen lassen, die für einige mit
den gegenwärtigen Denkmustern zusammenhängen und eine Frage des Überlebens
darstellen? Besonders in einigen Ländern gibt es offenkundige Symptome für
eine Aushöhlung der Familie, und in immer weiteren Handlungsräumen
bahnen sich besorgniserregende Risse in den Familienstrukturen an. Erinnern wir
uns, wie der Zweifel über die Zukunft der Familie auf internationalen Foren
während des Internationalen Jahrs der Familie durch das Motto ungewisse
Familie" im Anschluß an die Position von L. Rousel geschürt
wurde.82
Dennoch kann es vorkommen, daß die Prognosen eher
eine ungebührende Übertragung von Phänomenen auf eine universale
Ebene darstellen, die in bestimmten Ländern besorgniserregende Merkmale
aufweisen. Auch in jenen, die am meisten von einer systematischen Zerstörung
der Familie durch die Verschwörung" des Staates betroffen sind,
ist die Frage berechtigt, ob es in Zukunft nicht zu neuen Strömungen und
heftigen Reaktionen kommt allen voran die Christen mit ihren eifrigen
pastoralen Bemühungen und Anstrengungen , welche die politischen Kräfte
zu neuen Wegen und zu Kursänderungen bewegen. Zeichen der Hoffnung für
eine neue Dynamik in dieser Hinsicht sind jedenfalls vorhanden.
Ist es denn möglich, daß gerade die Völker,
die entsprechend aus ihrer Geschichte gelernt haben, sich auf ein Abenteuer mit
tragischem Ende einlassen?
Die ausführlichen Daten und Ergebnisse von
soziologischen Studien, die vor allem im Bereich der Jugendlichen durchgeführt
wurden, zeigen, daß sich die Jugendlichen in großer Mehrheit
sehnlich eine feste Hausgemeinschaft wünschen. Wir haben andererseits aber
gesehen, wie gewisse vernichtende Schlußfolgerungen diesen Daten und einer
grundlegenden Sorge um die Zukunft der Familie nur wenig Rechnung tragen. Ein
weiterer Gesichtspunkt, den es zu berücksichtigen gilt, ist die Frage, ob
das verkündete Ideal mit der tatsächlichen Lebensführung übereinstimmt.83 Die bitteren Erfahrungen einer sozialen
Zerrüttung legen einigen Politikern finanzielle Vorkehrungen und Maßnahmen
zur Unterstützung und zum Schutz der Familie nahe.
Nach einem dürftigen Beginn hatte sich die Atmosphäre
gegen Ende des Internationalen Jahrs der Familie gebessert, und die Arbeiten
wurden im Vergleich zu den stürmischen Anfängen in einer größeren
Ruhe durchgeführt.
Wir haben die neue Weise im Umgang mit der Familie bereits
angesprochen und auf das Beispiel der Vereinigten Staaten verwiesen, wo die
Familie wieder im politischen Interesse steht.
Wir dürfen uns nicht von einer Art fatalistischem Determinismus"
ergreifen lassen und uns gegenüber einer scheinbar unausweichlichen Krise
der Familie nicht kampflos geschlagen geben. Müßte im Herzen der Völker
und Menschen nicht eine Suche nach dem für Eheleute, Kinder und
Gesellschaft notwendigen Wohl erwachen, da es sich bei der Familie um eine vom
Schöpfer ausdrücklich gewollte Einrichtung handelt?
Wir haben festgestellt, daß die Familie objektiv
nicht aufgehört hat, Zentrum der sozialen Vermittlung zu sein, und daß
es wesentliche Vermittlungen im Hinblick auf die Anerkennung und den Schutz der
Familien als bevorzugten Handlungsraum der Menschheit sowie ihre Rettung
gibt. Mit Hilfe der Wissenschaften treten neue Züge der Bürgerschaft
der Familie" hervor, die untrennbar mit ihrer Erziehungsaufgabe im Dienst
der Identität der menschlichen Person verbunden sind. Hierin müssen
wir sicherlich die größten Möglichkeiten der Familie sehen, ohne
daß wir uns an andere Formen der Gegenwart und Vermittlung klammern, die
vielleicht anderen Momenten der Geschichte und anderen kulturellen
Voraussetzungen entsprachen.
Die notwendige Vermittlung führt uns dazu, das
Kind als konkreter Weg für die Wiedergewinnung der Familie als
Institution und für ihre Stärkung zu bevorzugen, weil die Kinder die Züge
und die Seins- bzw. Lebensweise der Hausgemeinschaft offenbaren.
Wir wollen an dieser Stelle eine Anekdote einfügen.
Auf der Weltfamilienkonferenz der Vereinten Nationen in Malta (November 1993)
war der französische Soziologe L. Rousell (was symptomatisch für diese
Konferenz war) der Hauptredner. Seine Prognosen über die Zukunft der
Familie waren damals äußerst finster. Stimmen wurden laut, wonach die
Hoffnung erstorben sei. Gegen Ende der Konferenz stellte ich ihm eine Frage,
mich bewegte sozusagen die spes contra spem" (die Hoffnung wider alle
Hoffnung), die Abraham als großer Verdienst angerechnet wurde. Ich fragte
ihn also, ob er wirklich keinen Ausweg sähe und warum die Menschheit sich
in diese Sackgasse begäbe, da die Dinge doch nun einmal so stünden. Er
überlegte einige Zeit und gab mir dann sein Buch, das ich bereits mit großem
Interesse gelesen hatte, und antwortete: Ich beginne am Ende des Tunnels
ein Licht zu sehen, und dieses Licht ist das Kind." Ja, die Kinder
sind ein Licht und ein Ausweg. Auch wenn dieser Ausweg" noch nicht
abzusehen ist, so müssen wir doch sagen, daß dies der grundlegende
Weg ist.
Der Dienst an den Kindern, die liebevolle Sorge um sie kann
viele Ehepaare aus den Fangarmen der Selbstsucht befreien, die sie in einem Egoismus
zu zweit" gefangen hält, und auch die Gesellschaft, die durch die
Ablehnung von Werten eine Krise der Menschheit auslöst. Die Kinder als
Frucht der Liebe evangelisieren und befreien jene, die im Zusammenwirken mit
Gott die Urheber des Lebens sind. Die Erfüllung ihrer hauptsächlichen
Aufgabe widerspricht nicht der Fülle der ehelichen Liebe. Im Gegenteil, sie
verleiht ihr erst ihre ganze Fülle. Das Ehepaar wird daher bei der Erfüllung
ihrer Aufgabe von den Kindern davor bewahrt, sich nicht auf die Lösung seiner
eigenen Probleme" zu beschränken und darüber keine Zeit für
die Probleme der Kinder mit ihren Rechten und Leiden zu finden.
Über so vielen Gesellschaften, denen vor allen
eine geistige Überalterung droht (ohne mich hier in demographische Erwägungen
in bezug auf den wirtschaftlichen Winter" auszulassen) erstrahlt ein
Licht aus der Höhe, und zwar durch das neue Leben, das von Gott kommt, wie
auch der Herr, der Erlöser der Welt, aus der Höhe" gekommen
ist.
An dieser Stelle erlauben wir uns eine Nebenbemerkung eher
künstlerischer Art. Der bekannte spanische Bildhauer, Luis Antonio
Sanguino, hat dem Päpstlichen Rat für die Familie sein Werk Sanctuarium
vitae" geschenkt. Es handelt sich um eine wundervolle Skulptur gleichsam um
einen Lobgesang auf das Leben. Aus den von den Nägeln durchbohrten Händen
Christi den Händen Gottes, dem Bildner des Menschen steigt
das Leben in Form einer Krippe auf und bildet in einer Frau, der Mutter einen
leuchtenden Kreis: gemeint ist damit der Mutterschoß, in dem das Ungeborene"
ruht. Daraus erhebt sich ein Baum, der Baum des Lebens mit der Familie, mit
Kindern aus allen Rassen. Mit einem Lachen auf dem Mund, im Zeichen des Sieges
erheben sie ihre Arme zum Himmel, zum Licht. Das Licht im gesegneten Schoß
der Mütter erleuchtet die Liebe der Gatten, der Familien, der Welt mit größerer
Poesie und größerem Realismus als das bloße Licht, das am Ende
des Tunnels schwach zu sehen ist. Es ist das wahre Licht dessen, der von
Nazareth und Betlehem aus jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt
(vgl. Joh 1,9).
Wir wollen diesen Ausflug in die Kunst mit einer anderen
Erinnerung gleichsam als Dank für ein Geschenk, das wir erhalten haben,
beenden.
Der bekannte italienische Künstler Enrico Manfrini hat
für das Welttreffen ein sehr schönes Basrelief der Heiligen Familie
von Nazareth angefertigt. Der dreiundachtzigjährige Bildhauer hat das Erbe
der christlichen Kunst mit zahlreichen Werke bereichert. Er arbeitet an der
Seite seiner Frau mit jugendlicher Begeisterung in seiner Werkstatt in Mailand.
Sie sind ein lebendiges Zeugnis für eine Hausgemeinschaft in der heiteren
Fröhlichkeit eines Ehepaars, das, wie das Buch Tobit sagt, sehr alt wurde
vor Gott (vgl. Tob 14,2). Ich fragte mich daher: Wie mögen in
diesem Alter die Hände aussehen, die so gefügig der Eingebung folgen,
die sie bewegt, die so fleißig und genau arbeiten wie die Hände eines
Jugendlichen und so wunderbare Gesichter des Gotteskinds, Josefs und Marias
anfertigen, die die bescheidene Hauswerkstatt von Nazareth mit Licht erfüllen?
Das Geheimnis dieses langen Künstlerlebens liegt in
der ehelichen Liebe und in den Kindern, mit denen Gott sie gesegnet hat.
Nazareth, Betlehem und Kana erzählen uns von der Familie und der tatkräftigen
Gegenwart des Herrn, die sich in die Geschichte erstreckt. In seinem Brief an
die Familien Gratissimam sane weist der Nachfolger Petri auf den Bräutigam"
hin, der im Innern der Familie gegenwärtig ist: Er vereinigt die Eheleute
im Geheimnis seines Bundes; er erneuert die Liebe durch die gegenseitige Hingabe
in der Gemeinschaft der Familie als Geschenk und Verpflichtung, die in Gott fest
verwurzelt ist; er verwandelt Wasser in Wein und kommt den Neuvermählten zu
Hilfe und steht ihnen auch im Laufe der Jahre ihres Ehelebens bei, so daß
sie eine ganze Reihe von Überraschungen erleben; er gibt ihnen Hoffnung,
weil Er selbst die Hoffnung ist.
1 Vor dem Welttreffen des Heiligen Vaters mit den Familien
vom 4. bis 5. Oktober 1997 wird vom 1.-3. d. M. ein pastoraltheologischer Kongreß
stattfinden. Bei den 2.500 Teilnehmern handelt es sich um Delegierte der
Bischofskonferenzen, Theologen, Hirten und Vertreter von vielen
Apostolatsbewegungen für die Familie und das Leben, von Gruppen, Verbänden,
die sich für die Hauskirche, das Heiligtum des Lebens, engagieren.
2 Vgl. Apostolisches Schreiben Familiaris consortio
Nr. 11-16; Schreiben an alle Staatsoberhäupter der Welt, vom 14. März
1994; Brief an die Familien Gratissimam sane, Nr. 6-12.
3 Einige Übersetzungen lauten hier ein einziges
Wesen" und geben den Sinn des biblischen Ausdrucks besser wieder.
4 Vgl. H. Schlier, Der Brief an die Epheser, Düsseldorf
1971.
5 Vgl. Rituale Romanum, Ordo celebrandi
matrimonium, Nr. 74.
6 Rituale Romanum, Die Feier der Trauung, zitiert in
Johannes Paul II., Brief an die Familien Gratissimam sane, Nr. 11).
7 M. Thurian, Mariage et celibat. Dons et appels,
Taizé 1977, S. 27-28).
8 C. Rocchetta, Il sacramento della coppia, Bologna
1996, S. 42.
9 Joachim Gnilka, Das Matthäusevangelium, Bd.
2, Freiburg.
10 Johannes Paul II., Uomo e donna lo creò.
Catechesi sull'amore umano, Rom 1995, S. 97.
11 A.o.O. 468, Nr. 4.
12 Ebd. 59.
13 Vgl. M. Yourcenar, Mémoires d'Hadrien,
Paris 1974, 21-22.
14 Ebd. 34.
15 Francisco Gil Hellín, El matrimonio:
amor e institución, in derselbe, Cuestiones fundamentales sobre
matrimonio y familia, Pamplona 1980, 239.
16 A. Quilici, Le fiançailles, Paris 1993,
135.
17 J. Ratzinger, Le mariage et la familie, 311.
18 Francisco Gil Hellín, a.a.O., 236-237: Die
Liebe, von der hier die Rede ist, ist die amor coniugalis, das heißt
nicht ein bloßes Gefühl oder ein blinder und unwiderstehlicher Trieb,
der der Unbeständigkeit der Leidenschaft ausgesetzt ist, sondern jene zuhöchst
menschliche' Zuneigung, die, wenn sie dem Willen entspringt, alle Äußerungen
der natürlichen Neigungen annimmt und veredelt. Sie geht also von dem
Edleren der menschlichen Person aus von der Zuneigung des Willens
und richtet sich auf ihr Ziel, in dem sie das ganze Gut der geliebten Person
umfaßt."
19 Ebd. 240.
20 Antonio Miralles, Il matrimonio, Mailand 1996,
82.
21 Johannes Chrysostomus, Homilia in Eph., 20,8.
22 Vgl. Miralles, a.a.O., 81.
23 Vgl. Heinrich Schlier, a.a.O. 415.
24 M. Zerwick, Der Brief an die Epheser, Freiburg,
166.
25 C. Rocchetta, a.a.O., 42.
26 Augustinus, De Bono coniugali 24, 32.
27 Francisco Gil Hellín, Il matrimonio e la vita
coniugale, Valencia 1995, 230.236f.
28 Johannes Paul II., Uomo e donna lo creò,
468.
29 C. Rocchetta, a.a.O., 161.
30 Vgl. A. Miralles, a.a.O., 74-75.
31 Bereits das damalige Heilige Uffizium hatte mit Dekret
vom 1. April 1944 die von Doms und Krempel dargelegte Position zurückgewiesen
(vgl. DzH 3838), und Pius XII. hatte in seiner Ansprache vor den Hebammen am 29.
Oktober 1951 die Fortpflanzung als erstes und innerstes Eheziel aufgezeigt und
betont: Was in der ehelichen Liebe als solcher geistlicher und tiefer ist,
wurde durch den Willen der Natur und des Schöpfers in den Dienst der
Nachkommenschaft gestellt."
32 Im Rückgriff auf den scholastischen Gebrauch des
Formalobjekts geht der Päpstliche Rat für die Pastoral im
Krankendienst bei der Betrachtung der Krankheit von der Gesundheit aus,
die gepflegt und betreut werden muß. Vor diesem Hintergrund werden
menschliches Leid und Krankheit dann genau bestimmt (vgl. Pastor bonus,
Art. 152, 153).
33 G. Angelini, Il figlio, una benedizione, un compito
(=Vita e Pensiero), Mailand 1991, 164.
34 Hans Urs von Balthasar, Homo creatus est.
35 G. Campanini, Realtà e problemi della famiglia
contemporanea, Turin 1989, 155.
36 Vgl. G. Campanini, a.a.O., Kap. VII, 104-111.
37 Der Päpstliche Rat für die Laien hat folgende
Pastoraltreffen zum Thema Kind veranstaltet:
Die Rechte des Kindes, 18.-19. Juli 1992 in Rom;
Die Ausbeutung der Kinder in der Prostitution und
Pornographie, 9.-11. September 1992 in Bangkok;
Kindesarbeit, 1.-3. Juli in Manila;
Adoption, 25.-27. Februar 1994 in Sevilla;
Straßenkinder, 27.-28. Juni 1994 in Rio de
Janeiro.
38 M. Zundel, Recherche de la personne, Paris, 34.
39 Vgl. P. Grelot, Jésus de Nazareth, Christe le
Seigneur, Bd. 1, Paris 1997, S. 298.
40 G. Angelini, a.a.O., 172.
41 Ebd. 180.
42 Aristoteles, Nikromatische Ethik VIII, 12.
43 G. Campanini, Famiglia, in Nuovo Dizionario
di Teologia Morale, Mailand 1990, 410.
44 Ebd.
45 P. Donati, La nuova cittadinanza di famiglia, in
Terzo rapporto sulla famiglia in Italia, Cinisello Balsamo 1993, 26.
46 F. Chirpaz, Difficile rencontre, Paris 1982, 70.
47 P. Moreau, Les valeurs familiales. Essai de critique
philosophique, Paris 1991, 145.
48 G. Campanini, a.a.O. 149.
49 Ebd. 411.
50 N. Luhmann hat dieser Auffassung ein wissenschaftliches
Fundament verliehen. Seinen Ausführungen zufolge seien die Individuen in
keiner Weise mit ihrer Familienzugehörigkeit verbunden. Diese sei daher
irrelevant (N. Luhmann, Il sistema sociale famiglia, in La ricerca
sociale, 1989, Nr. 39, 235-352). Noch weniger dürfe die Familie als Subsystem
der Gesellschaft" verstanden werden. (Damit wird die Ablehnung der Familie
in ihrer souveränen Subjektivität mit besonderen Rechten konkret begründet).
Weder soll sie noch darf sie etwas zwischen den Individuen und der Gesellschaft
vermitteln, nicht einmal die Beziehung zwischen den Geschlechtern (vgl. N.
Luhmann, Femmes - Hommes, Paris-Lecce 1992, 52-70).
51 P. Donati, in Terzo rapporto, 27.
52 P. Donati, a.a.O., 31.
53 Ebd. 59.
54 Vgl. ebd. 61.
55 Donati erkennt in bezug auf die Problematik in
Italien die zunehmende Schwierigkeit einiger Vermittlungen bzw. ihren
einschränkenden Charakter und nennt die Schule, die sozialmedizinischen
Dienstleistungen, die Betriebe (Wirtschaft). Betrachtet man einige Länder,
so kommt man ganz allgemein zu dem Schluß, daß die Familie
scheinbar gar nicht vorhanden ist: Es gibt nur Paare', Frauen', Kinder',
Alte', das heißt nur allgemeine soziale Kategorien" (a.a.O.,
61). Dennoch steigt das Interesse für eine größere Beteiligung
auf dem Gebiet der Wirtschaft (im Kleinen und in den örtlichen
Gemeinschaften) (vgl. Päpstlicher Rat für die Familie (Hrsg.) Familia
et Vita, Nr. 2).
56 Vgl. Donati, a.a.O., 65.
57 An dieser Stelle soll auf die wertvolle Einschätzung
von Buttiglione zum Thema der Familie als Personengemeinschaft und konkret zur
Aufgabe von Vater und Mutter verwiesen werden (vgl. R. Buttiglione, L'uomo e
la famiglia, Rom 1991, 121.141.
58 Donati weist darauf hin: Subjektivität der
Familie bedeutet letztlich, daß die Familie als Vermittlung zu einem neuen
Gut' wird, das empfunden, gelebt und direkt und vorsätzlich und nicht
zweitrangig oder in Abhängigkeit von anderen Kontexten oder Variablen"
angestrebt wird (a.a.O. 70).
59 Charta der Familienrechte, Vatikanstadt 1983, Präambel
E.
60 Donati stellt hierzu fest: Wenn die Familie keinen
Bezug mehr zum Staat hätte, gäbe es weniger Grundregeln für das
zwischenmenschliche Zusammenleben, und mit ihnen verschwände auch die
Ausrichtung der Person, ihr Sinn für Zugehörigkeit oder Identität"
(a.a.O., 71).
61 Ein Gefüge von persönlichen Beziehungen eröffnet
sich im Bereich der Familie und in bezug auf die Gesellschaft. Ein Professor von
Bologna schreibt: Die Bürgerschaft der Familie zu fördern
bedeutet mit anderen Worten, Optionen zu treffen, die sich in die Richtung einer
wirklichen, vollendeten Demokratie bewegen: eine Demokratie, die aus Solidarität,
Anteilnahme, Teilhabe und Autonomie der Person als Individuen in Beziehung
untereinander besteht" (a.a.O., 73). Diese Sicht ist auch teilweise
im Motto des Internationalen Jahrs der Familie zu finden, das die UNO ausgerufen
hat: Die kleinste Demokratie errichten".
62 P. Donati, a.a.O., 76.
63 Ebd. 80.
64 Ebd. 79.
65 Ebd. 77.
66 Vgl. Charta der Familienrechte, Art. VIII.
67 Vgl. Consilium 2/1996 (Italienische Ausgabe). Die
Tragödie der Armut wird als stille Katastrophe der 40.000 Kinder
bezeichnet, die täglich an Hunger und Krankheit sterben, der 150 Millionen,
deren Gesundheit und Wachstum ernsthaft gefährdet sind, und der 100
Millionen Kinder im Alter zwischen 6 und 11 Jahren, die nicht zur Schule gehen".
Die jahrhundertealten Ungerechtigkeiten, der Mangel an Solidarität und
Chancen verhindern positive Veränderungen und neue Möglichkeiten.
(vgl. ebd. 17).
68 Ebd. 20.
69 Der zitierte Abschnitt geht weiter: [...] und mit
einer niedrigeren Geburtenrate, geringeren sozialen Problemen und
Umweltproblemen, weniger Bürgerkriegen und Flüchtlingen und weniger
internationalen Konflikten." Da wir angesichts der Zahlen über die
Geburtenrate unsere Zweifel haben, insofern sie offenbar aus einer nicht ganz
korrekten demographischen Sichtweise entspringen, haben wir es vorgezogen,
diesen Teil in der Fußnote wiederzugeben. Unserer Ansicht nach ginge es
der Menschheit heute besser, wenn die gewaltigen wirtschaftlichen Mittel, die
heute für eine unüberlegte Geburtenkontrolle bestimmt sind, für
eine gründliche Bildung der Familie verwendet würden.
70 Ebd.
71 Ebd. 22-23.
72 Don Browning, In che modo negli Stati Uniti la
famiglia è divenuta un tema liberale", in Concilium
2/1996, 52-53.
73 Etwa 10 Prozent der Kinder von weißen und 14
Prozent der Kinder von schwarzen Eltern gerät im ersten Jahr nach der
Trennung ihrer Eltern in Armut [...]. In 45 Prozent der Familien mit Kindern
unter 18 Jahren, deren Erziehung allein der Mutter zufällt, sind arm. Im
Gegensatz dazu ist in nur 7 Prozent der Familien mit Kindern, die Erziehung
Aufgabe verheirateter Eltern" (ebd.).
74 Ebd. 54. Wir können uns hier nicht mit Daten
über die Selbstmorde und psychisch Kranke aufhalten, die sehr lehrreich wären
[...] Das gleiche gilt für schlechteres Abschneiden in Schule, Ausbildung
sowie an der Universität. Die Kosten sind enorm. Die Verschlechterung der
wirtschaftlichen Situation hängt im Rahmen gewisser kultureller Veränderungen
ganz offensichtlich auch mit der immer stärkeren und deutlicheren
Tendenz zusammen, die Interessenkonflikte zwischen Erwachsenen und Kindern
zugunsten ersterer zu lösen" (ebd. 55).
75 U.S. Government Printing Office (Hrsg.), Beyond
Rhetoric: A New American Agenda for Children and Families, Washington 1991,
zitiert in Concilium 2/1996, 59.
76 W. Galston ist ein bekannter Moralphilosoph und Autor des
Buchs Liberal Purposes (Cambridge 1990), das Clinton sicherlich zu
gewissen politischen Kursänderungen veranlaßte. Er studierte das
Demokratieverständnis von Aristoteles, der verlangt, daß die Bürger
einen hohen Grad an Tugend und Sittlichkeit besitzen.
77 Vgl. Dom Browning, Concilium 2/1996, S. 65.
78 Vgl. H.G. Gadamer, Platos dialektische Ethik,
1931, 138.
79 Vgl. R. Bultmann, Elpis, in Wörterbuch
zum Neuen Testament.
80 Johannes vom Kreuz, Dunkle Nacht, Bd. III, 21,6.
81 In der Philosophie ist die Hoffnung nicht nebensächlich
oder viel geringer. Kant spricht von den vier Grundfragen, die sich jeder
Philosoph stellt. Die dritte Frage lautet: Was darf ich hoffen?" J.L.
Bruges bermerkt dazu, daß letztlich jede Religion aus der Frage nach der
Zukunft entsteht (vgl. Dictionaire de la morale catholique, CLD, 1991,
153). Die Hoffnung verleiht auch der Theologie eine neue Lebendigkeit (ebd.).
82 Seine Thesen wurden in anderen Beiträgen erörtert.
Hintergrund dieser Thesen bildet vor allem die Situation in Frankreich und in
anderen westeuropäischen Ländern.
83 Andere Studien zeigen den zahlenmäßigen
Anstieg der vorehelichen Beziehungen und den Aufschub der Feier des
Ehesakraments. Unterschiedliche Faktoren bewegen sie dazu, die Hausgemeinschaft
nicht zu verlassen. Es stellt sich ein neues und besorgniserregendes Phänomen
der verlängerten Jugendzeit" ein.
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