PÄPSTLICHER RAT FÜR DIE FAMILIE
MENSCHLICHE SEXUALITÄT: WAHRHEIT UND BEDEUTUNG
Orientierungshilfen für die Erziehung
in der Familie
EINLEITUNG
Situation und Problematik
1. Zu den vielfältigen Schwierigkeiten, mit denen sich Eltern heutzutage
konfrontiert sehen — wobei man natürlich das jeweilige kulturelle Umfeld
gebührend in Betracht ziehen mub —, zählt sicherlich auch die, den Kindern
eine angemessene Vorbereitung auf das Erwachsenenalter bieten zu können,
vor allem, wenn es darum geht, ihnen in der Erziehung die wahre Bedeutung
von Sexualität zu vermitteln. Die Gründe für diese Schwierigkeit, die im
übrigen nicht ganz neu ist, sind unterschiedlich.
In früheren Zeiten gab es zwar von der Familie aus noch keine eigentliche
geschlechtliche Erziehung, doch war die Allgemeinbildung vom Respekt vor
den grundlegenden Werten geprägt und somit auch geeignet, diese in objektiver
Weise zu schützen und zu erhalten. Seit die traditionellen Modelle in groben
Teilen der Gesellschaft zunehmend an Bedeutung verlieren, und zwar in den
entwickelten ebenso wie in den Schwellenländern, suchen die Jugendlichen
vergebens nach einer eindeutigen und konkreten Orientierung, während die
Eltern sich häufig auberstande sehen, die richtigen Antworten zu geben.
Ferner verschärft sich diese neuartige Situation noch dadurch, dab die
Wahrheit über den Menschen vor unseren Augen verdunkelt wird, und zwar
unter anderem aufgrund einer Tendenz zur Banalisierung der Geschlechtlichkeit.
Und so hat sich eine Kultur entwickelt, in der die Gesellschaft und die
Massenmedien dem Betrachter in den meisten Fällen eine unpersönliche, oberflächliche,
häufig pessimistische Form der Information bieten, die auberdem die unterschiedlichen
Bildungs- und Entwicklungsstufen der Kinder und Jugendlichen nicht berücksichtigt,
und dies alles unter dem Einflub einer verzerrten Auffassung von Individualität
und in einem Umfeld, dem sämtliche grundlegenden Wertbegriffe vom Leben,
von der menschlichen Liebe und von der Familie verlorengegangen sind.
Die Schule schlieblich, die sich bereit erklärt hat, Programme zur sexuellen
Aufklärung zu entwickeln, tritt dabei häufig an die Stelle der Familie,
und zwar in aller Regel mit rein informativen Absichten. Und so kommt es
zuweilen zu einer regelrechten Verbildung des Gewissens. Die Eltern selbst
haben in vielen Fällen wegen der Schwierigkeit und mangelnder Vorbereitung
darauf verzichtet, ihrer Aufgabe in diesem Bereich nachzukommen, oder sie
sind damit einverstanden, sie anderen zu überlassen.
In dieser Lage wenden sich zahlreiche katholische Eltern an die Kirche,
damit sie es übernimmt, Richtlinien und Anregungen für die Erziehung der
Kinder anzubieten, die sich vor allem auf die Phase der Kindheit und Jugend
beziehen sollen. In manchen Fällen äubern die Eltern selbst ihr Unverständnis
insbesondere gegenüber den Informationen, die in der Schule erteilt und
dann von den Kindern mit nach Hause gebracht werden. So ist der Päpstliche
Rat für die Familie wiederholt und dringend darum gebeten worden, den Eltern
einen Leitfaden an die Hand zu geben, der geeignet ist, sie in diesem heiklen
Bereich der Erziehung zu unterstützen.
2. Unser Dikasterium ist sich der Rolle bewubt, die die Familie bei
der Erziehung zur Liebe und zum richtigen Umgang mit der eigenen Sexualität
spielt, und wir beabsichtigen daher, einige Leitlinien seelsorgerischer
Art vorzulegen. Wir werden dabei aus der Weisheit schöpfen, die dem Wort
des Herrn entströmt, und aus den Werten, von denen die Lehre der Kirche
erleuchtet ist, und wir werden auch die »Erfahrung mit der menschlichen
Natur« bedenken, die der Gemeinschaft der Gläubigen eigen ist.
Wir wollen diese Orientierungshilfe also vor allem in den Zusammenhang
der grundlegenden Aussagen zur Wahrheit und Bedeutung der Geschlechtlichkeit
stellen und sie in eine ursprüngliche und reiche Anthropologie einbetten.
Wenn wir diese Wahrheit anbieten, so ist uns bewubt, dab »jeder, der aus
der Wahrheit ist« (Joh 18,37), auf das Wort Dessen hört, der in
Person die Wahrheit schlechthin ist (vgl. Joh 14,6).
Dieser Leitfaden versteht sich weder als eine moraltheologische Abhandlung
noch als ein Handbuch der Psychologie, sondern er will in gebührendem Mabe
die Errungenschaften der Wissenschaft, das sozio-kulturelle Umfeld der
Familie und die Wertvorstellungen des Evangeliums berücksichtigen, die
sich jeder Altersstufe als erfrischende Quelle und als Gelegenheit darbieten,
sie in die konkrete Wirklichkeit umzusetzen.
3. Einige unbezweifelbare Gewibheiten dienen der Kirche auf diesem Gebiet
als Stütze und waren auch bei der Abfassung des vorliegenden Dokuments
richtungweisend.
Die Liebe, die im Zusammenkommen von Mann und Frau ihre Nahrung und
ihren Ausdruck findet, ist ein Geschenk Gottes; deshalb ist sie eine positive
Kraft, die an die Reife der Persönlichkeit gebunden ist; sie ist aber auch
erhabene Zurückhaltung in der Hingabe des eigenen Selbst, zu der alle,
Männer und Frauen, aufgefordert sind, wenn sie in dem Lebensbereich, der
für jeden einzelnen eine Berufung darstellt, Glück und Selbstverwirklichung
finden wollen. Denn der Mensch ist als Geist im Fleisch, das heibt als
Seele und Leib in der Einheit der Person, zur Liebe berufen. Die menschliche
Liebe schliebt ja den Leib mit ein, und der Leib bringt auch die geistige
Liebe zum Ausdruck.1 Folglich ist die Geschlechtlichkeit nichts rein Biologisches,
sie betrifft vielmehr den innersten Kern der Person. Sexualität als physische
Hingabe ist dann verwirklicht und erfüllt ihren eigentlichen Sinn, wenn
sie Ausdruck der personalen Hingabe von Mann und Frau bis an ihr Lebensende
ist. Diese Liebe allerdings ist wie das ganze Leben des Menschen der Hinfälligkeit
ausgesetzt, die eine Folge der Erbsünde ist, und sie wird in vielen soziokulturellen
Bereichen als negativ, zuweilen auch als abwegig und traumatisch eingestuft.
Doch das Erlösungswerk des Herrn hat den positiven Umgang mit der Keuschheit
zu einer realen Möglichkeit und einem Grund zur Freude gemacht. Dies gilt
sowohl für die zur Ehe Berufenen — sei es vorher, in der Vorbereitung,
oder nachher, im Verlauf des ehelichen Lebens —, als auch für die, die
das Geschenk einer besonderen Berufung zum gottgeweihten Leben erhalten
haben.
4. Unter dem Blickwinkel der Erlösung und im Rahmen der Entwicklung
der Heranwachsenden und Jugendlichen wird die Tugend der Keuschheit, die
in der Mäbigung enthalten ist — eine der Kardinaltugenden, die bei der
Taufe durch das Wirken der Gnade emporgehoben und bereichert worden ist
—, nicht als eine Einschränkung verstanden, sondern im Gegenteil als das
Sichtbarmachen und zugleich das Bewahren eines kostbaren und reichen Geschenkes,
der Liebe, die man empfangen hat im Hinblick auf die Selbsthingabe, die
sich in der besonderen Berufung eines jeden verwirklicht. Die Keuschheit
ist demnach jene »geistige Kraft, die die Liebe gegen die Gefahren von
Egoismus und Aggressivität zu schützen und zu ihrer vollen Entfaltung zu
führen versteht«2.
Im Katechismus der Katholischen Kirche wird die Keuschheit so
beschrieben und in gewisser Hinsicht auch definiert: »Keuschheit bedeutet
die geglückte Integration der Geschlechtlichkeit in die Person und folglich
die innere Einheit des Menschen in seinem leiblichen und geistigen Sein.«3
5. Die Anleitung zur Keuschheit im Rahmen der Erziehung der Jugendlichen
zur Selbstverwirklichung und Selbsthingabe setzt voraus, dab insbesondere
die Eltern auch bei der Ausbildung anderer Tugenden mitwirken wie etwa
der Mäbigung, der Tapferkeit und der Klugheit. Die Keuschheit als Tugend
kann nicht bestehen ohne die Fähigkeit zum Verzicht, zum Opfer, zum Warten.
Indem sie das Leben weitergeben, arbeiten die Eltern mit der Schöpferkraft
Gottes zusammen und empfangen das Geschenk einer neuartigen Verantwortung:
diese besteht für sie nicht allein darin, ihre Kinder zu ernähren und ihre
materiellen und kulturellen Bedürfnisse zu befriedigen, sondern vor allem
darin, ihnen die gelebte Wahrheit des Glaubens zu vermitteln und sie zur
Gottes- und Nächstenliebe zu erziehen. Dies ist ihre erste Aufgabe im Schobe
der »Hauskirche«4.
Die Kirche hat immer daran festgehalten, dab die Eltern das Recht und
die Pflicht haben, die ersten und eigentlichen Erzieher ihrer Kinder zu
sein.
In Anlehnung an das Zweite Vatikanische Konzil mahnt der Katechismus
der Katholischen Kirche: »Jugendliche sollen über die Würde, die Aufgaben
und den Vollzug der ehelichen Liebe am besten im Kreis der Familie selbst
rechtzeitig in geeigneter Weise unterrichtet werden.«5
6. Von den Provokationen, die aus der heutigen Mentalität und dem gesellschaftlichen
Umfeld kommen, dürfen sich Eltern nicht entmutigen lassen. Zum einen dürfen
wir nicht vergessen, dab die Christen seit den Anfängen der Evangelisierung
mit ähnlichen Herausforderungen des materialistischen Hedonismus zu kämpfen
hatten. Und zum anderen »mübte sich unsere Zivilisation, obschon so viele
positive Aspekte auf materieller wie auf kultureller Ebene zu verzeichnen
sind, bewubt werden, dab sie unter verschiedenen Gesichtspunkten eine kranke
Zivilisation ist, die tiefgreifende Entstellungen im Menschen erzeugt.
Warum kommt es dazu? Der Grund liegt darin, dab unsere Gesellschaft sich
von der vollen Wahrheit über den Menschen losgelöst hat, von der Wahrheit
über das, was der Mann und die Frau als Personen sind. Infolgedessen vermag
sie nicht angemessen zu begreifen, was die Hingabe der Personen in der
Ehe, eine dem Dienst der Elternschaft verantwortliche Liebe, die authentische
Gröbe der Elternschaft und der Erziehung wirklich sind«6.
7. Deshalb ist das erzieherische Wirken der Eltern unersetzlich, die
»im Weiterschenken des Lebens am Schöpfungswerk Gottes teilnehmen«; sie
haben »vermittels der Erziehung Anteil an seiner väterlichen und zugleich
mütterlichen Erziehung (...) Durch Christus wird alle Erziehung, innerhalb
der Familie wie auberhalb, in die heilschaffende Dimension der göttlichen
Pädagogik hineingestellt, die auf die Menschen und auf die Familien
ausgerichtet ist und ihren Gipfel findet im österlichen Geheimnis von Tod
und Auferstehung des Herrn«7.
Die Eltern dürfen sich also bei ihrer zuweilen schwierigen und heiklen
Aufgabe nicht entmutigen lassen, sondern auf die Hilfe Gottes, des Schöpfers,
und Christi, des Erlösers, vertrauen und daran denken, dab die Kirche für
sie betet mit den Worten, die Papst Klemens I. an den Herrn richtete für
alle, die in Seinem Namen Autorität ausüben: »Gib ihnen, Herr, Gesundheit,
Frieden, Eintracht, Beständigkeit, damit sie die von dir ihnen gegebene
Herrschaft untadelig ausüben! Denn du, himmlischer Herr, König der Äonen,
gibst den Menschenkindern Herrlichkeit und Ehre und Gewalt über das, was
auf Erden ist; du, Herr, lenke ihren Willen nach dem, was gut und wohlgefällig
ist vor dir, damit sie in Frieden und Milde frommen Sinnes die von dir
ihnen gegebene Gewalt ausüben und so deiner Huld teilhaftig werden!«8
Darüber hinaus verfügen die Eltern, die das Leben in einem Klima der
Liebe geschenkt und empfangen haben, über eine erzieherische Kraft, wie
sie niemand sonst in sich trägt: in einzigartiger Weise kennen sie ihre
eigenen Kinder in ihrer unwiederholbaren Einmaligkeit, und aus Erfahrung
besitzen sie die Geheimnisse und die Schätze der wahren Liebe.
I.
ZUR WAHREN LIEBE BERUFEN
8. Der Mensch als Ebenbild Gottes ist geschaffen, um zu lieben.
Diese Wahrheit ist uns im Neuen Testament in aller Deutlichkeit offenbart
worden, und zwar im Zusammenhang mit dem Geheimnis des Lebens innerhalb
der Dreifaltigkeit: »Gott ist Liebe (1 Joh 4,8) und lebt in sich
selbst ein Geheimnis personaler Liebesgemeinschaft. Indem er den Menschen
nach seinem Bild erschafft (...), prägt Gott der Menschennatur des Mannes
und der Frau die Berufung und daher auch die Fähigkeit und die Verantwortung
zu Liebe und Gemeinschaft ein. Die Liebe ist demnach die grundlegende und
naturgemäbe Berufung jedes Menschen.«1 Der ganze Sinn der persönlichen
Freiheit und der aus ihr folgenden Selbstbeherrschung ist also auf die
Selbsthingabe in der Gemeinschaft und der Freundschaft mit Gott und den
Menschen ausgerichtet.2
Die menschliche Liebe als Selbsthingabe
9. Der Mensch ist also zu einer höheren Form der Liebe fähig: nicht
der Begierde, die ihr Gegenüber einzig als Objekt zur Befriedigung der
eigenen Triebe betrachtet, sondern der Freundschaft und Opferbereitschaft,
die die Menschen um ihrer selbst willen zu lieben und zu achten vermag.
Es ist eine Liebe, die grobzügig sein kann, ähnlich wie die Liebe Gottes;
man ist dem anderen zugetan, weil man erkennt, dab er würdig ist, geliebt
zu werden. Es ist eine Liebe, die zur Gemeinschaft zwischen den Menschen
führt, weil jeder das Gute im anderen als sein eigenes betrachtet. Es ist
Selbsthingabe an die Person, die uns liebt, eine Selbsthingabe, in der
unsere eigene Güte sich zeigt und erfüllt in der Gemeinschaft, und in der
man lernt, was es bedeutet, geliebt zu werden und zu lieben.
Jeder Mensch ist berufen zur freundschaftlichen und aufopfernden Liebe;
und er wird durch die Liebe der anderen von seiner Neigung zum Egoismus
befreit: zunächst von den Eltern oder ihren Stellvertretern und letztlich
von Gott, von dem jede wahre Liebe ausgeht und in dessen Liebe allein der
Mensch erkennen kann, wie sehr er geliebt wird. Hier liegt die Wurzel der
erzieherischen Kraft des Christentums: »Gott liebt den Menschen!
Diese einfache und erschütternde Verkündigung ist die Kirche dem Menschen
schuldig.«3 So hat Christus dem Menschen seine wahre Identität enthüllt:
»Christus, der neue Adam, macht eben in der Offenbarung des Geheimnisses
des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen selbst voll kund
und erschliebt ihm seine höchste Berufung.«4
Die von Christus offenbarte Liebe, »welcher der Apostel Paulus im Brief
an die Korinther sein Hoheslied gewidmet hat (...), ist gewib eine anspruchsvolle
Liebe. Doch genau darin besteht ihre Schönheit: in der Tatsache, dab sie
anspruchsvoll ist, denn auf diese Weise baut sie das wahre Gute des Menschen
auf«5 und läbt es auch auf die anderen ausstrahlen. Deshalb ist sie eine
Liebe, die die Person des einzelnen respektiert und erhöht, denn »die Liebe
ist wahr, wenn sie das Gute der Personen und der Gemeinschaften hervorruft,
es hervorruft und es an die anderen weitergibt«6.
Liebe und menschliche Geschlechtlichkeit
10. Der Mensch ist in seiner Einheit aus Körper und Geist zur Liebe
und Selbsthingabe berufen. Weiblichkeit und Männlichkeit sind einander
ergänzende Gaben, die der menschlichen Geschlechtlichkeit bedürfen als
eines wesentlichen Bestandteils der konkreten Fähigkeit zur Liebe, die
Gott in Mann und Frau angelegt hat. »Die Geschlechtlichkeit ist eine grundlegende
Komponente der Persönlichkeit; sie ist eine ihrer Weisen zu sein, sich
kundzutun, in Beziehung zu anderen zu treten, menschliche Liebe zu empfinden,
auszudrücken und zu leben.«7 Diese Fähigkeit zur Liebe als Selbsthingabe
ist also unter anderem »verkörpert« in der ehelichen Veranlagung des
Leibes, in der die Männlichkeit und die Weiblichkeit der Person ihre
Bestimmung haben. »Der menschliche Körper mit seiner Geschlechtlichkeit,
seiner Männlichkeit und Weiblichkeit, ist, vom Geheimnis der Schöpfung
her gesehen, nicht nur Quelle der Fruchtbarkeit und Fortpflanzung wie in
der gesamten Naturordnung, sondern umfabt von "Anfang" an auch
die Eigenschaft des "Bräutlichen", das heibt die Fähigkeit, der
Liebe Ausdruck zu geben: jener Liebe, in der der Mensch als Person Geschenk
wird und — durch dieses Geschenk — den eigentlichen Sinn seines Seins und
seiner Existenz verwirklicht.«8 Jede Form der Liebe wird stets an diese
Begriffe des Männlichen und des Weiblichen gebunden sein.
11. Die menschliche Geschlechtlichkeit ist folglich ein Gut:
Teil jenes Schöpfungsgeschenkes, von dem Gott sah, dab es »sehr gut« war:
er schuf den Menschen nach seinem Bilde und ihm ähnlich, und »als Mann
und Frau schuf er sie« (Gen 1,27). Die Geschlechtlichkeit ist ein
Weg, sich dem anderen zu nähern und zu öffnen, und somit ist ihr eigentliches
Ziel die Liebe, genauer gesagt, die Liebe als Geschenk und Annahme, als
Geben und Nehmen. Das Verhältnis zwischen einem Mann und einer Frau ist
seinem Wesen nach ein Verhältnis der Liebe: »Die Geschlechtlichkeit, welche
Ausrichtung, Überhöhung und Ergänzung von der Liebe erfährt, wird zu etwas
wahrhaft Menschlichem.«9 Wenn eine solche Liebe sich in der Ehe erfüllt,
bringt die leibliche Selbsthingabe die Wechselseitigkeit und Ganzheit der
Hingabe zum Ausdruck; die eheliche Liebe wird also zu einer Kraft, die
die Personen bereichert und weiterentwickelt, und zugleich trägt sie dazu
bei, die Zivilisation der Liebe zu fördern; wenn dagegen Sinn und Bedeutung
der Geschlechtlichkeit verlorengehen, tritt an ihre Stelle »eine Zivilisation
der "Dinge" und nicht der "Personen"; eine Zivilisation,
in der von "Personen" wie von "Dingen" Gebrauch gemacht
wird. Im Zusammenhang mit der Zivilisation des Genusses kann die Frau für
den Mann zu einem Objekt werden, die Kinder zu einem Hindernis für die
Eltern«10.
12. Eine grobe Wahrheit und grundlegende Tatsache mub im Mittelpunkt
des christlichen Gewissens der Eltern und Kinder stehen: das Geschenk
Gottes. Es handelt sich um das Geschenk, das Gott uns gemacht hat,
als er uns zum Leben berief und zum Dasein als Mann oder Frau in einer
unwiederholbaren Existenz, die unerschöpfliche Möglichkeiten geistiger
und moralischer Entwicklung in sich trägt: »Das menschliche Leben ist
ein Geschenk, um seinerseits weitergeschenkt zu werden.«11 »Denn das
Sich-Schenken bringt sozusagen ein besonderes Kennzeichen der personalen
Existenz, ja des eigentlichen Wesens der Person zum Ausdruck. Wenn Gott
(Jahwe) sagt, es sei "nicht gut, dab der Mensch allein bleibe"
(Gen 2,18), bestätigt er, dab der Mensch "allein" dieses
Wesen nicht vollständig verwirklicht. Er verwirklicht es nur, wenn er "mit
irgend jemandem" lebt, und noch tiefer und vollkommener, wenn er "für
irgend jemanden" da ist.«12 Wenn der Mensch sich dem anderen öffnet
und sich ihm schenkt, erfüllt sich die eheliche Liebe in der Form völliger
Selbsthingabe, die dem Ehestand eigen ist. Und auch die Berufung zum gottgeweihten
Leben, »einer hervorragenden Weise, sich leichter mit ungeteiltem Herzen
allein Gott hinzugeben«13, um ihm in der Kirche besser dienen zu können,
erhält ihren Sinn in der von einer besonderen Gnade getragenen Selbsthingabe.
In jeder Umgebung und Lebenssituation aber wird diese Hingabe noch wunderbarer
durch das Wirken der befreienden Gnade, durch die wir »an der göttlichen
Natur Anteil« erhalten (2 Petr 1,4) und berufen sind, gemeinsam
die übernatürliche Liebesgemeinschaft mit Gott und den Brüdern zu leben.
Auch in den schwierigsten Situationen dürfen christliche Eltern nicht vergessen,
dab am Anfang der gesamten personalen und häuslichen Entwicklung das Geschenk
Gottes steht.
13. »Als Geist im Fleisch, das heibt als Seele, die sich im Leib ausdrückt
und als Leib, der von einem unsterblichen Geist durchlebt wird, ist der
Mensch in dieser geeinten Ganzheit zur Liebe berufen. Die Liebe schliebt
auch den menschlichen Leib ein, und der Leib nimmt an der geistigen Liebe
teil.«14 Ebenso mub die Bedeutung der Geschlechtlichkeit als Beziehung
von Person zu Person im Licht der christlichen Offenbarung betrachtet werden:
»Die Geschlechtlichkeit kennzeichnet Mann und Frau nicht nur im Biologischen,
sondern auch im Psychologischen und Geistigen und prägt sie in jedem Vollzug
ihres Lebens. Diese Verschiedenheit zusammen mit der gegenseitigen Ergänzung
der beiden Geschlechter entspricht voll und ganz dem Plan Gottes je nach
der Berufung eines jeden.«15
Die eheliche Liebe
14. Wenn die Liebe in der Ehe gelebt wird, schliebt sie die Freundschaft
in sich ein und geht über sie hinaus, und sie wird verwirklicht zwischen
einem Mann und einer Frau, die sich in der Ganzheit ihrer eigenen Männlichkeit
und Weiblichkeit hingeben und mit dem Ehebund jene Gemeinschaft der Personen
begründen, die Gott gewollt hat, damit in ihr das menschliche Leben empfangen,
geboren und zur Entfaltung gebracht werde. Zu dieser ehelichen Liebe und
nur zu ihr gehört die sexuelle Hingabe, die »auf wahrhaft menschliche Weise
nur vollzogen wird, wenn sie in jene Liebe integriert ist, mit der Mann
und Frau sich bis zum Tod vorbehaltlos einander verpflichten«.16 Im Katechismus
der Katholischen Kirche heibt es: »In der Ehe wird die leibliche Intimität
der Gatten zum Zeichen und Unterpfand der geistigen Gemeinschaft. Das Eheband
zwischen Getauften wird durch das Sakrament geheiligt.«17
Die für das Leben offene Liebe
15. Ein deutliches Kennzeichen für die Echtheit der ehelichen Liebe
ist ihre Offenheit für das Leben: »In ihrer tiefsten Wirklichkeit ist die
Liebe wesenhaft Gabe, und wenn die eheliche Liebe die Gatten zum gegenseitigen
"Erkennen" führt (...), erschöpft sie sich nicht in der Gemeinschaft
der beiden, sondern befähigt sie zum gröbtmöglichen Geben, zum Schenken
des Lebens an eine neue menschliche Person, wodurch sie zu Mitarbeitern
Gottes werden. Während sich die Eheleute einander schenken, schenken sie
über sich selbst hinaus die Wirklichkeit des Kindes: lebender Widerschein
ihrer Liebe, bleibendes Zeichen ihrer ehelichen Gemeinschaft, lebendige
und unauflösliche Einheit ihres Vater- und Mutterseins.«18 Ausgehend von
dieser Gemeinschaft der Liebe und des Lebens gelangen die Eheleute zu jenem
menschlichen und geistigen Reichtum und jener positiven Atmosphäre, die
es ihnen ermöglicht, ihren Kindern durch eine Erziehung zur Liebe und zur
Keuschheit beizustehen.
II.
WAHRE LIEBE UND KEUSCHHEIT
16. Sowohl die jungfräuliche als auch die eheliche Liebe, die, wie wir
später noch ausführen werden, die beiden Formen sind, in welchen sich die
Berufung der Person zur Liebe verwirklicht, setzen, um sich entfalten zu
können, voraus, dab ein jeder sich seinem Stand entsprechend zur Keuschheit
verpflichtet. Die Geschlechtlichkeit — so formuliert es der Katechismus
der Katholischen Kirche — »wird persönlich und wahrhaft menschlich,
wenn sie in die Beziehung von Person zu Person, in die vollständige und
zeitlich unbegrenzte wechselseitige Hingabe von Mann und Frau eingegliedert
ist«1. Es versteht sich von selbst, dab das Wachsen in der Liebe, insofern
es die aufrichtige Selbsthingabe einschliebt, gefördert wird von jener
Zügelung der Empfindungen, der Leidenschaften und der Gefühle, die uns
zur Selbstbeherrschung hinführt. Niemand kann etwas geben, was er nicht
besitzt: wenn der Mensch nicht Herr seiner selbst ist — aufgrund der Tugenden
und, konkret, aufgrund der Keuschheit —, dann gehört er nicht sich selbst
und kann sich mithin auch nicht verschenken. Die Keuschheit ist die
geistige Kraft, die die Liebe von Egoismus und Aggressivität befreit.
In dem Mabe, in dem die Keuschheit im Menschen nachläbt, wird seine Liebe
zunehmend egoistischer, das heibt, sie ist nicht länger Selbsthingabe,
sondern Befriedigung einer Lust.
Die Keuschheit als Selbsthingabe
17. Die Keuschheit ist das frohe Bekenntnis dessen, der die Selbsthingabe
frei von jeder Knechtschaft des Egoismus zu leben vermag. Dies setzt voraus,
dab der Mensch gelernt hat, die Person des anderen wahrzunehmen, sich auf
sie einzulassen und dabei ihre Würde in der Andersartigkeit zu achten.
Der keusche Mensch kreist weder um sich selbst, noch sind seine Beziehungen
zu anderen Personen egoistischer Natur. Die Keuschheit bringt die Persönlichkeit
zur Harmonie, läbt sie reifen und erfüllt sie mit innerem Frieden. Diese
Reinheit des Geistes und des Körpers hilft uns, zu echter Selbstachtung
zu finden, und befähigt uns gleichzeitig dazu, die anderen zu achten, denn
in ihnen zeigt sie uns Personen, die Anspruch haben auf unsere Ehrerbietung,
weil sie nach dem Bilde Gottes geschaffen und durch die Gnade Kinder Gottes
sind, neugeschaffen von Christus, »der euch aus der Finsternis in sein
wunderbares Licht gerufen hat« (1 Petr 2,9).
Die Selbstbeherrschung
18. »Die Keuschheit erfordert das Erlernen der Selbstbeherrschung,
die eine Erziehung zur menschlichen Freiheit ist. Die Alternative ist klar:
Entweder ist der Mensch Herr über seine Triebe und erlangt so den Frieden,
oder er wird ihr Knecht und somit unglücklich.«2 Jeder weib, auch aus Erfahrung,
dab die Keuschheit es erforderlich macht, gewisse sündhafte Gedanken, Worte
und Werke von sich zu weisen, wozu der heilige Paulus uns häufig genug
in aller Deutlichkeit ermahnt (vgl. Röm 1,18; 6,12-14; 1 Kor
6,9-11; 2 Kor 7,1; Gal 5,16-23; Eph 4,17-24; 5,3-13;
Kol 3,5-8; 1 Thess 4,1-18; 1 Tim 1,8-11; 4,12). Deshalb
bedarf es einer Fähigkeit und einer Bereitschaft zur Selbstbeherrschung,
die Zeichen von innerer Freiheit und Verantwortung sich selbst und den
anderen gegenüber sind und zugleich von gläubigem Bewubtsein zeugen; diese
Selbstbeherrschung besteht darin, dab man entweder die Gelegenheiten meidet,
die zur Sünde herausfordern und verleiten, oder dab man die triebhaften
Regungen der eigenen Natur zu unterdrücken vermag.
19. Wenn die Familie wertvolle erzieherische Hilfe leistet und zur Übung
aller Tugenden ermutigt, dann wird die Erziehung zur Keuschheit erleichtert
und von inneren Konflikten befreit, auch wenn die Jugendlichen in
bestimmten Augenblicken in besonders heikle Situationen geraten können.
Für einige, in deren Umfeld die Keuschheit beleidigt und beschimpft
wird, kann das keusche Leben ein harter, zuweilen heroischer Kampf sein.
Doch mit der Gnade Christi, die seiner Liebe zur Kirche als seiner Braut
entströmt, können alle keusch leben, auch wenn sie sich in einer dafür
wenig günstigen Lage befinden.
Die Tatsache, dab alle zur Heiligkeit berufen sind, wie das Zweite Vatikanische
Konzil erklärt, macht es leichter begreiflich, dab man in Situationen geraten
kann — ja, es gerät tatsächlich jeder einmal in irgendeiner Weise für kürzere
oder längere Zeit in eine solche —, in denen heroische Akte der Tugend
unumgänglich sind.3 Und so birgt auch das Leben in der Ehe einen freudenreichen
und anspruchsvollen Weg zur Heiligkeit in sich.
Die eheliche Keuschheit
20. »Verheiratete sind berufen, in ehelicher Keuschheit zu leben; die
anderen leben keusch, wenn sie enthaltsam sind.«4 Eltern wissen, dab die
wirksamste Voraussetzung einer Erziehung ihrer Kinder zur keuschen Liebe
und zur Heiligkeit des Lebens dann gegeben ist, wenn sie selbst die
eheliche Keuschheit leben. Das heibt, sie sind sich dessen bewubt,
dab in ihrer Liebe die Liebe Gottes gegenwärtig ist und dab deshalb auch
ihre geschlechtliche Hingabe in der Ehrfurcht vor Gott und Seinem Plan
der Liebe vollzogen werden mub, in Treue, Ehre und Grobzügigkeit dem Ehepartner
und dem Leben gegenüber, das vielleicht aus ihrem Akt der Liebe hervorgehen
wird.
Nur so wird diese Hingabe zu einem Ausdruck der Caritas;5 deshalb
ist der Christ in der Ehe dazu berufen, sie im Rahmen seiner eigenen, persönlichen
Beziehung zu Gott zu vollziehen — als Ausdruck seines Glaubens und seiner
Liebe zu Gott und folglich auch mit der Treue und der reichen Fruchtbarkeit,
die Kennzeichen der göttlichen Liebe sind.6
Nur so wird sie der Liebe Gottes und seinem Willen gerecht, den wir
mit Hilfe der Gebote erkennen können. Es gibt keine rechtmäbige Liebe,
die nicht in ihrer höchsten Form auch Liebe Gottes wäre. Den Herrn lieben
heibt, seine Gebote erfüllen: »Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote
halten« (Joh 14,15).7
21. Um in Keuschheit zu leben, bedürfen Mann und Frau der immerwährenden
Erleuchtung durch den Heiligen Geist. »Im Mittelpunkt der Ehespiritualität
steht (...) die Keuschheit nicht nur als (von der Liebe geformte) sittliche
Tugend, sondern ebenso als Tugend, die mit den Gaben des Heiligen Geistes
verbunden ist — vor allem mit der Gabe der Ehrfurcht vor allem, was
von Gott kommt (Gabe der Frömmigkeit — donum pietatis) (...)
So ist also die innere Ordnung des ehelichen Zusammenlebens, die es den
"Liebesäuberungen" gestattet, sich in ihrem richtigen Ausmab
und in ihrer Bedeutung zu entfalten, nicht nur Frucht der Tugend,
in der sich die Eheleute üben, sondern auch der Gaben des
Heiligen Geistes, mit dem sie zusammenwirken.«8
Die Eltern, die davon überzeugt sind, dab ihr eigenes keusches Leben
und ihre Bemühungen, im Alltag Zeugen der Heiligkeit zu sein, die Voraussetzung
und die Bedingung für ihr erzieherisches Wirken darstellen, müssen andererseits
auch jeden Angriff auf die Tugend und die Keuschheit ihrer Kinder als eine
Gefährdung ihres eigenen Glaubenslebens und als drohende Beeinträchtigung
ihrer eigenen Gemeinschaft des Lebens und der Gnade betrachten (vgl.Eph
6,12).
Die Erziehung zur Keuschheit
22. Durch die Erziehung der Kinder zur Keuschheit sollen drei Ziele
erreicht werden: a) in der Familie ein positives Klima der Liebe,
der Tugend und der Ehrfurcht vor den Gaben Gottes, insbesondere der Gabe
des Lebens, zu bewahren;9 b) den Kindern schrittweise den Wert
der Geschlechtlichkeit und der Keuschheit begreiflich zu machen und
sie in ihrem Erwachsenwerden durch Unterweisung, vorbildliches Verhalten
und Gebet zu unterstützen; c) ihnen dabei helfen, unter Berücksichtigung
ihrer Anlagen, Neigungen und Geistesgaben und im Einklang mit diesen die
eigene Berufung zur Ehe oder zur gottgeweihten Jungfräulichkeit im Dienste
des Himmelreiches zu begreifen und zu entdecken.
23. Bei dieser Aufgabe können andere Erzieher zwar Hilfestellung leisten,
doch können sie sie den Eltern nicht abnehmen, es sei denn aus schwerwiegenden
Gründen wie etwa physischer oder moralischer Unfähigkeit. Zu diesem Punkt
hat sich das kirchliche Lehramt klar geäubert,10 und zwar in bezug auf
die Kindererziehung insgesamt: »Ihr (der Eltern) Erziehungswirken ist so
entscheidend, dab es dort, wo es fehlt, kaum zu ersetzen ist. Den Eltern
obliegt es, die Familie derart zu einer Heimstätte der Frömmigkeit und
Liebe zu Gott und den Menschen zu gestalten, dab die gesamte Erziehung
der Kinder nach der persönlichen wie der gesellschaftlichen Seite hin davon
getragen wird. So ist die Familie die erste Schule der sozialen Tugenden,
deren kein gesellschaftliches Gebilde entraten kann.«11 Die Erziehung ist
Aufgabe der Eltern, denn das Erziehungswirken ist eine Fortsetzung der
Zeugung und ein Schenken ihrer Menschlichkeit,12 zu der sie sich
feierlich bei ihrer Eheschliebungszeremonie verpflichtet haben. »Die Eltern
sind die ersten und hauptsächlichen Erzieher der eigenen Kinder
und haben auch in diesem Bereich grundlegende Zuständigkeit: sie
sind Erzieher, weil sie Eltern sind.
Sie teilen ihren Erziehungsauftrag mit anderen Personen und Institutionen
wie der Kirche und dem Staat; dies mub jedoch immer in korrekter Anwendung
des Prinzips der Subsidiarität geschehen. Dieses impliziert
die Legitimität, ja die Verpflichtung, den Eltern Hilfe anzubieten, findet
jedoch in deren vorgängigem Recht und in ihren tatsächlichen Möglichkeiten
aus sich heraus seine unüberschreitbare Grenze. Das Prinzip der Subsidiarität
stellt sich also in den Dienst der Liebe der Eltern und kommt dem Wohl
der Familie in ihrem Innersten entgegen. In der Tat sind die Eltern nicht
in der Lage, allein jedem Erfordernis des gesamten Erziehungsprozesses
zu entsprechen, insbesondere was die Ausbildung und das breite Feld der
Sozialisation betrifft. So vervollständigt die Subsidiarität die elterliche
Liebe, indem sie deren Grundcharakter bestätigt, denn jeder andere Mitwirkende
am Erziehungsprozeb kann nur im Namen der Eltern, auf Grund ihrer Zustimmung
und in einem gewissen Mabe sogar in ihrem Auftrag tätig werden.«13
24. Insbesondere im Hinblick auf Geschlechtlichkeit und wahre, zur Selbsthingabe
fähige Liebe mub sich die erzieherische Absicht mit einer positivistisch
orientierten Kultur auseinandersetzen, wie es der Heilige Vater in seinem
Brief an die Familien darlegt: »Die Entwicklung der modernen Zivilisation
ist an einen naturwissenschaftlich-technologischen Fortschritt gebunden,
der sich oft als einseitig erweist und demzufolge rein positivistische
Wesensmerkmale aufweist. Der Positivismus hat bekanntlich auf theoretischem
Gebiet den Agnostizismus und auf praktischem und sittlichem Gebiet den
Utilitarismus zum Ergebnis (...) Der Utilitarismus ist eine "Zivilisation"
der Produktion und des Genusses, eine Zivilisation der Dinge und nicht
der "Personen"; eine Zivilisation, in der von "Personen"
wie von "Dingen" Gebrauch gemacht wird (...) Um sich davon zu
überzeugen«, — so führt der Heilige Vater weiter aus »braucht man nurmanche
Programme der Sexualerziehung zu prüfen, die häufig trotz gegenteiliger
Meinung und des Protestes vieler Eltern in den Schulen eingeführt werden.«14
In einer solchen Situation ist es notwendig, dab die Eltern unter Rückbesinnung
auf die Lehre der Kirche und mit ihrer Unterstützung die ihnen zustehende
Aufgabe wieder übernehmen; dab sie sich, wo immer es nötig oder hilfreich
ist, zusammenschlieben und so eine erzieherische Tätigkeit entfalten, die
auf die wahren Werte der Person und der christlichen Liebe ausgerichtet
ist und durch klare Positionen den ethischen Utilitarismus zu überwinden
vermag. Damit die Erziehung den objektiven Anforderungen der wahren Liebe
entsprechen kann, mub sie der Eigenverantwortlichkeit der Eltern überlassen
werden.
25. Auch bezüglich der Vorbereitung auf den Stand der Ehe sagt das kirchliche
Lehramt, dab diese erzieherische Aufgabe in erster Linie Sache der Familie
bleiben mub.15 Gewib, »die inzwischen eingetretenen Veränderungen im sozialen
Gefüge fast aller modernen Staaten erfordern jedoch, dab nicht nur die
Familie, sondern auch die Gesellschaft und die Kirche daran mitwirken,
die jungen Menschen auf die Verantwortung für ihre Zukunft richtig vorzubereiten«16.
Gerade deshalb gewinnt die Erziehung durch die Familie schon in frühester
Kindheit noch gröbere Bedeutung: »Die entferntere Vorbereitung beginnt
schon in der Kindheit mit einer klugen Familienerziehung, deren Ziel es
ist, die Kinder dahin zu führen, sich selbst als Menschen zu entdecken,
die ein reiches und vielschichtiges seelisches Leben und eine besondere
Persönlichkeit mit je eigenen Stärken und Schwächen besitzen.«17
III.
VOR DEM HINTERGRUND DER BERUFUNG
26. Die Familie spielt eine entscheidende Rolle bei der Entfaltung und
Entwicklung aller Berufungen, wie das Zweite Vatikanische Konzil lehrt:
»Aus diesem Ehebund nämlich geht die Familie hervor, in der die neuen Bürger
der menschlichen Gesellschaft geboren werden, die durch die Gnade des Heiligen
Geistes in der Taufe zu Söhnen Gottes gemacht werden, um dem Volke Gottes
im Flub der Zeiten Dauer zu verleihen. In solch einer Art Hauskirche sollen
die Eltern durch Wort und Beispiel für ihre Kinder die ersten Glaubensboten
sein und die einem jeden eigene Berufung fördern, die geistliche aber mit
besonderer Sorgfalt.«1 Ja, gerade die Tatsache, dab die Berufungen sich
frei entfalten können, ist ein Zeichen für eine angemessene Seelsorge in
der Familie: »Wo es eine erleuchtete und wirksame Seelsorge durch die Familie
gibt, ist es ebenso natürlich, dab das Leben freudig willkommen geheiben
wird, wie es leichter ist, dab die Stimme Gottes erklingt und gröbere Aufmerksamkeit
erhält.«2
Ob es sich nun um Berufungen zur Ehe oder zu Jungfräulichkeit und Zölibat
handelt, immer sind es Berufungen zur Heiligkeit. Denn im Dokument Lumen
gentium legt das Zweite Vatikanische Konzil seine Lehre von der allgemeinen
Berufung zur Heiligkeit dar: »Mit so reichen Mitteln zum Heile ausgerüstet,
sind alle Christgläubigen in allen Verhältnissen und in jedem Stand je
auf ihrem Wege vom Herrn berufen zu der Vollkommenheit in Heiligkeit, in
der der Vater selbst vollkommen ist.«3
1. Die Berufung zur Ehe
27. Die Erziehung in der wahren Liebe ist die beste Vorbereitung auf
die Berufung zur Ehe. In der Familie können die Kinder und Jugendlichen
lernen, die menschliche Geschlechtlichkeit in der Kraft und dem Sinnzusammenhang
eines christlichen Lebens zu leben. Schritt für Schritt entdecken sie,
dab ein fester christlicher Ehebund nicht als das Ergebnis von Übereinkünften
oder blober sexueller Anziehung betrachtet werden kann. Aufgrund der Tatsache,
dab sie eine Berufung ist, kann die Ehe nicht ohne eine wohlüberlegte Entscheidung,
das Eingehen einer gegenseitigen Verpflichtung vor Gott und die ständige
Anrufung seiner Hilfe im Gebet zustandekommen.
Zur ehelichen Liebe berufen
28. Die christlichen Eltern, die verpflichtet sind, ihre Kinder zur
Liebe zu erziehen, können sich dabei vor allem auf das Bewubtsein ihrer
eigenen ehelichen Liebe stützen. Wie es die Enzyklika Humanae vitae
formuliert, »zeigt sich uns (die eheliche Liebe) in ihrem wahren Wesen
und Adel, wenn wir sie von ihrem Quellgrund her sehen; von Gott, der "Liebe
ist" (vgl. 1 Joh 4,8), von ihm, dem Vater, "nach dem alle
Vaterschaft im Himmel und auf Erden ihren Namen trägt" (vgl. Eph
3,15). Weit davon entfernt, das blobe Produkt des Zufalls oder Ergebnis
des blinden Ablaufs von Naturkräften zu sein, ist die Ehe in Wirklichkeit
vom Schöpfergott in weiser Voraussicht so eingerichtet, dab sie in den
Menschen seinen Liebesplan verwirklicht. Darum streben Mann und Frau durch
ihre gegenseitige Hingabe, die ihnen in der Ehe eigen und ausschlieblich
ist, nach jener personalen Gemeinschaft, in der sie sich gegenseitig vollenden,
um mit Gott bei der Weckung und Erziehung neuen menschlichen Lebens zusammenzuwirken.
Darüber hinaus hat für die Getauften die Ehe die hohe Würde eines sakramentalen
Gnadenzeichens und bringt darin die Verbundenheit Christi mit seiner Kirche
zum Ausdruck«4.
In seinem Brief an die Familien betont der Heilige Vater: »Die
Familie ist tatsächlich eine Gemeinschaft von Personen, für welche die
spezifische Existenzform und Art des Zusammenlebens die Gemeinsamkeit ist:
communio personarum«5; und unter Berufung auf die Lehre des Zweiten
Vatikanischen Konzils weist der Heilige Vater darauf hin, dab eine solche
Gemeinschaft »eine gewisse Ähnlichkeit« in sich birgt »(...) zwischen der
Einheit der göttlichen Personen und der Einheit der Kinder Gottes in der
Wahrheit und der Liebe«6. »Diese besonders reichhaltige und prägnante Formulierung
stellt vor allem heraus, was für die tiefste Identität jedes Mannes und
jeder Frau entscheidend ist. Diese Identität besteht in der Fähigkeit,
in der Wahrheit und in der Liebe zu leben; ja, noch mehr, sie besteht
im Verlangen nach Wahrheit und Liebe als bestimmende Dimension des Lebens
der Person. Dieses Verlangen nach Wahrheit und Liebe macht den Menschen
sowohl offen für Gott wie für die Geschöpfe: es macht ihn offen für die
anderen Menschen, für das Leben "in Gemeinschaft", vor allem
für die Ehe und die Familie.«7
29. Die eheliche Liebe hat nach Aussage der Enzyklika Humanae vitae
vier Merkmale: sie ist menschliche Liebe (sinnenhaft und
geistig), sie ist uneingeschränkte, treue und fruchtbare
Liebe.8
Diese Merkmale stützen sich auf die Tatsache, dab »Mann und Frau sich
in der Ehe so innig miteinander vereinen, dab sie — nach den Worten der
Genesis — "ein Fleisch" werden (Gen 2,24). Die zwei Menschenwesen,
die auf Grund ihrer physischen Verfassung männlich und weiblich sind, haben
trotz körperlicher Verschiedenheit in gleicher Weise teil an der Fähigkeit,
"in der Wahrheit und der Liebe" zu leben. Diese Fähigkeit,
die für das menschliche Wesen, insofern es Person ist, charakteristisch
ist, hat zugleich eine geistige und körperliche Dimension (...) Die aus
dieser Vereinigung hervorgegangene Familie gewinnt ihre innere Festigkeit
aus dem Bund zwischen den Ehegatten, den Christus zum Sakrament erhoben
hat. Sie empfängt ihren Gemeinschaftscharakter, ja ihre Wesensmerkmale
als "Gemeinschaft" aus jener grundlegenden Gemeinsamkeit der
Ehegatten, die sich in den Kindern fortsetzt. "Seid ihr bereit,
in Verantwortung und Liebe die Kinder, die Gott euch schenken will, anzunehmen
und zu erziehen?" — fragt der Zelebrant während des Trauungsritus.
Die Antwort der Brautleute entspricht der tiefsten Wahrheit der Liebe,
die sie verbindet.«9 Und mit derselben Formel der Eheschliebungszeremonie
verpflichten sich die Brautleute und versprechen, "einander ihr Leben
lang treu zu bleiben"10, eben deswegen, weil die Treue der Eheleute
aus jener Gemeinschaft der Personen hervorgeht, die verankert ist im Plan
des Schöpfers, in der Liebe der Dreifaltigkeit und im Sakrament, das die
treue Einheit Christi mit der Kirche zum Ausdruck bringt.
30. Die christliche Ehe ist ein Sakrament, das die Geschlechtlichkeit
in einen Weg der Heiligkeit einbindet, mit einem Band, das durch die untrennbare
eheliche Einheit noch verstärkt wird: »Das Geschenk des Sakraments ist
für die christlichen Ehegatten zugleich Berufung und Gebot, einander über
alle Prüfungen und Schwierigkeiten hinweg für immer treu zu bleiben, in
hochherzigem Gehorsam gegen den heiligen Willen des Herrn: "Was Gott
verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen."«11
Die Eltern stehen vor einer besorgniserregenden aktuellen Situation
31. Auch in den christlichen Gesellschaften haben Eltern heutzutage
leider allen Grund, sich um die Beständigkeit der zukünftigen Ehen ihrer
Kinder zu sorgen. Und doch müssen sie trotz der steigenden Scheidungsrate
und der sich verschärfenden Krise in den Familien mit Optimismus reagieren
und daraus für sich die Verpflichtung ableiten, die eigenen Kinder zutiefst
christlich zu erziehen, damit sie in der Lage sind, die mannigfaltigen
Schwierigkeiten zu überwinden. Konkret gesprochen, begünstigt die Liebe
zur Keuschheit, die sie in ihnen erwecken können, die gegenseitige Achtung
zwischen Mann und Frau und befähigt zu Mitgefühl, Zärtlichkeit, Toleranz,
Grobzügigkeit und vor allem zu jener Opferbereitschaft, ohne die keine
dauerhafte Liebe möglich ist. Und so werden die Kinder mit jenem klugen
Realismus in den Stand der Ehe eintreten, von dem der heilige Paulus spricht,
der uns lehrt, dab jeder Ehepartner die Liebe des anderen ständig neu gewinnen
mub und dab ihr Umgang miteinander von wechselseitiger Zuneigung und Geduld
getragen sein soll (vgl. 1 Kor 7,3-6; Eph 5,21-23).
32. Durch diese früheste Erziehung zur Keuschheit in der Familie
lernen die Heranwachsenden und die Jugendlichen, die Geschlechtlichkeit
in ihrem Bezug auf die Person zu leben, das heibt, jegliche Trennung der
Geschlechtlichkeit von der — als Selbsthingabe verstandenen — Liebe und
jegliche Trennung der ehelichen Liebe von der Familie abzulehnen.
Die Achtung der Eltern vor dem Leben und dem Geheimnis der Fortpflanzung
bewahrt das Kind oder den Jugendlichen vor der irrigen Annahme, man könne
die beiden Dimensionen des ehelichen Akts, also die Vereinigung und die
Fortpflanzung, nach eigenem Gutdünken voneinander trennen. Somit wird die
Familie als fester Bestandteil der Berufung zur Ehe erkannt.
Eine christliche Erziehung zur Keuschheit in der Familie darf nicht
verschweigen, wie schwer es moralisch gesehen wiegt, die beiden Dimensionen
der Vereinigung und Fortpflanzung innerhalb des ehelichen Lebens voneinander
zu trennen, was vor allem bei der Empfängnisverhütung und der künstlichen
Befruchtung geschieht: im ersten Fall sucht man die sexuelle Lust und greift
in die Erfüllung des ehelichen Akts ein, um eine Empfängnis zu verhindern;
im zweiten Fall sucht man die Empfängnis und ersetzt den ehelichen Akt
durch einen technischen Vorgang. Beides steht im Gegensatz zur wahren Bedeutung
der ehelichen Liebe und zur völligen Gemeinschaft der Eheleute.
Deshalb mub die Erziehung der Jugendlichen zur Keuschheit Vorbereitung
auf die verantwortungsvolle Elternschaft sein, die »direkt den Augenblick
betrifft, wo der Mann und die Frau dadurch, dab sie sich zu "einem
Fleisch" vereinen, Eltern werden können. Es ist ein an besonderem
Wert reicher Augenblick, sei es für ihre interpersonale Beziehung, sei
es für ihren Dienst am Leben: sie können Eltern — Vater und Mutter — werden
und das Leben an ein neues menschliches Wesen weitergeben. Die beiden
Dimensionen der ehelichen Vereinigung, nämlich Vereinigung und Zeugung,
lassen sich nicht künstlich trennen, ohne die tiefste Wahrheit des
ehelichen Akts selbst anzugreifen«12.
Es ist auch notwendig, den Jugendlichen die noch schlimmeren Folgen
vor Augen zu halten, die aus der Trennung von Geschlechtlichkeit und Fortpflanzung
erwachsen, wenn es zur Sterilisierung oder Abtreibung kommt, oder dazu,
dab man die Sexualität vor und neben der Ehe getrennt von der ehelichen
Liebe praktiziert.
Von diesem erzieherischen Moment, das im Plan Gottes, in der Struktur
der Geschlechtlichkeit an sich, im innersten Wesen der Ehe und der Familie
festgeschrieben ist, hängt ein grober Teil der sittlichen Ordnung und der
ehelichen Harmonie innerhalb der Familie ab — und somit auch das wirkliche
Wohl der Gesellschaft.
33. Die Eltern, die ihrem ureigenen Recht und ihrer Pflicht nachkommen,
ihre Kinder zurKeuschheit zu erziehen, können versichert sein, dab sie
diesen helfen, ihrerseits dauerhafte und einträchtige Familien zu gründen
und so die Freuden des Paradieses, soweit dies möglich ist, vorwegzunehmen:
»Wie vermag ich das Glück jener Ehe zu schildern, die von der Kirche geeint,
vom Opfer gestärkt und vom Segen besiegelt ist, von den Engeln verkündet
und vom Vater anerkannt? (...) Die beiden Eheleute sind wie Geschwister,
sie dienen einander, ohne dab es eine Trennung zwischen ihnen geben kann,
weder im Fleisch noch im Geist (...) In ihnen freut Christus sich und sendet
ihnen seinen Frieden; wo zwei sind, da ist auch Er, und wo Er ist, da kann
das Böse nicht mehr sein.«13
2. Die Berufung zur Jungfräulichkeit und zum Zölibat
34. Die christliche Offenbarung stellt uns zwei Berufungen zur Liebe
vor Augen: die Ehe und die Jungfräulichkeit. In einigen Gesellschaften
der Gegenwart befinden sich neben Ehe und Familie nicht selten auch die
Berufungen zum Priestertum und zum Ordensleben in einer Krise. Die beiden
Bereiche sind nicht voneinander zu trennen: »Ohne Achtung für die Ehe kann
es auch keine gottgeweihte Jungfräulichkeit geben; wenn die menschliche
Sexualität nicht als ein hoher, vom Schöpfer geschenkter Wert betrachtet
wird, verliert auch der um des Himmelreiches willen geleistete Verzicht
auf sie seine Bedeutung.«14
Auf den Zerfall der Familie folgt der Mangel an Berufungen; wo aber
die Eltern in grobzügiger Weise das Leben annehmen, da sind auch die Kinder
eher bereit, wenn es darum geht, es Gott zu weihen: »Die Familien müssen
zu einer hochherzigen Liebe zum Leben zurückkehren und sich in seinen
Dienst stellen, vor allem dadurch, dab sie mit Verantwortungsbewubtsein,
das fest verbunden ist mit frohem Vertrauen, die Kinder annehmen, die der
Herr ihnen schenken möchte«; und dab sie diese Bereitschaft, die Kinder
anzunehmen, vollenden, nicht nur »durch fortgesetztes erzieherisches
Handeln (...), sondern auch durch die gebotene, manchmal vielleicht
vernachlässigte Aufgabe, vor allem den heranwachsenden jungen Menschen
zu helfen, dab sie die berufliche Dimension jedes Lebens nach dem
Plan Gottes auffassen (...) Das menschliche Leben kommt zu seiner
vollen Erfüllung, wenn es zur Hingabe seiner selbst wird: einer
Hingabe, die in der Mutterschaft, in der gottgeweihten Jungfräulichkeit,
in der Hingabe an den Nächsten um eines Ideals willen, in derEntscheidung
für das Priestertum zum Ausdruck kommen kann. Die Eltern werden dem
Leben ihrer Kinder einen wirklichen Dienst erweisen, wenn sie ihnen helfen,
aus ihrem Leben eine Gabe zu machen, und wenn sie ihre reifen Entscheidungen
achten und mit Freude jede Berufung fördern, auch die zum Ordensleben und
Priesterdienst.«15
Im Zusammenhang mit der Geschlechtserziehung betont Papst Johannes Paul
II. daher in seinem Schreiben Familiaris consortio: »Die christlichen
Eltern werden sogar — sollten sie die Zeichen einer göttlichen Berufung
erkennen — der Erziehung zur Jungfräulichkeit eine besondere Aufmerksamkeit
und Sorge widmen und in ihr die höchste Form jener Selbsthingabe sehen,
welche den Sinn der menschlichen Geschlechtlichkeit bildet.«16
Die Eltern und die Berufungen zum Priester- und Ordensstand
35. Deshalb sollen die Eltern sich freuen, wenn sie in einem ihrer Kinder
Anzeichen dafür erkennen, dab Gott es ausersehen hat zur höchsten Berufung
der Jungfräulichkeit oder des Zölibats aus Liebe zum Reich Gottes. Also
müssen sie die Erziehung zur keuschen Liebe den Bedürfnissen solcher Kinder
anpassen, indem sie sie ermutigen, ihren Weg zu gehen bis zum Eintritt
ins Seminar oder Ordenshaus, oder sie müssen diese besondere Berufung zurSelbsthingabe
mit ungeteiltem Herzen in den Kindern zur Reife bringen. Sie müssen ferner
die Freiheit jedes ihrer Kinder respektieren und anerkennen und sie in
ihrer persönlichen Berufung bestärken, ohne ihnen eine bestimmte Berufung
aufdrängen zu wollen.
Das Zweite Vatikanische Konzil weist ausdrücklich auf diese besondere
und ehrenvolle Aufgabe der Eltern hin, die in ihrem Wirken von den Lehrern
und den Geistlichen unterstützt werden: »Die Eltern sollen eine Berufung
ihrer Kinder zum Ordensleben durch eine christliche Erziehung pflegen und
schützen.«17 »Berufe zu fördern ist Aufgabe der gesamten christlichen Gemeinde
(...) Den wichtigsten Beitrag dazu leisten einmal die Familien; durchdrungen
vom Geist des Glaubens, der Liebe und der Frömmigkeit werden sie gleichsam
zum ersten Seminar; zum anderen die Pfarrgemeinden, an deren blühendem
Leben die Jugendlichen selbst teilnehmen.«18 »Die Eltern, Lehrer und alle,
die in irgendeiner Weise an der Unterweisung der Jugend und der jungen
Männer beteiligt sind, sollen diese so erziehen, dab sie die Sorge des
Herrn für seine Herde erkennen, die Erfordernisse der Kirche erwägen und
bereit sind, wenn der Herr ruft, mit dem Propheten hochherzig zu antworten:
"Hier bin ich, sende mich" (Jes 6,8).«19
Diese für das Reifen der Berufungen zum Ordens- und Priesterstand notwendige
familiäre Umgebung gemahnt uns an die insbesondere in bestimmten Ländern
sehr ernste Situation vieler Familien, in denen nur wenig Leben herrscht,
weil sie gewollt entweder gar keine Kinder oder nur ein einziges Kind haben,
und wo ein Aufkeimen von Berufungen und auch eine angemessene soziale Erziehung
nur schwerlich möglich ist.
36. Ferner wird eine wirklich christliche Familie imstande sein, den
Wert der christlichen Ehelosigkeit und Keuschheit auch denjenigen ihrer
Kinder begreiflich zu machen, die nicht verheiratet oder aus Gründen, die
auberhalb ihres eigenen Willens liegen, nicht zur Ehe fähig sind. Wenn
sie von Kindheit an und im Jugendalter richtig unterwiesen werden, dann
sind sie eher in der Lage, sich ihrer eigenen Situation zu stellen. Mehr
noch, sie können in dieser Situation den Willen Gottes recht erkennen und
so in ihrem eigenen Leben einen Sinn der Berufung und des Friedens finden.20
Diese Menschen sind, insbesondere wenn sie unter körperlichen Beeinträchtigungen
leiden, dazu bestimmt, die groben Möglichkeiten der Selbstverwirklichung
und der geistigen Fruchtbarkeit zu entdecken, die mit Hilfe des Glaubens
und der Liebe Gottes dem offenstehen, der sich für seine ärmeren und bedürftigeren
Brüder einsetzt.
IV.
VATER UND MUTTER ALS ERZIEHER
37. Gott, der den Eheleuten das Vorrecht und die grobe Verantwortung
der Elternschaft verliehen hat, schenkt ihnen auch die Gnade, ihre Sendung
in angemessener Weise zu erfüllen. Auberdem sind die Eltern bei ihrer Aufgabe
der Kindererziehung erleuchtet von »zwei grundlegenden Wahrheiten (...):
die erste ist, dab der Mensch zum Leben in der Wahrheit und in der Liebe
berufen ist; die zweite Grundwahrheit besagt, dab sich jeder Mensch durch
die aufrichtige Hingabe seiner Selbst verwirklicht«.1
Als Eheleute, Eltern und Verwalter der sakramentalen Gnade der Ehe werden
die Eltern Tag für Tag von Jesus Christus, der die Kirche, Seine Braut,
liebt und ernährt, mit besonderen geistigen Kräften unterstützt.
Als Eheleute, die durch das Band der Ehe »ein Fleisch« geworden sind,
teilen sie sich in die Pflicht, ihre Kinder zu erziehen in bereitwilliger
Zusammenarbeit und lebendigem wechselseitigem Dialog, der »eine neue und
spezifische Quelle im Ehesakrament hat, das sie für eine wahrhaft christliche
Erziehung der Kinder weiht, das heibt dazu beruft, an der Autorität und
der Liebe Gottes, des Vaters und Christi, des Göttlichen Hirten, wie auch
an der mütterlichen Liebe der Kirche teilzunehmen, und sie mit der Gabe
der Weisheit, des Rates, der Stärke und jeder anderen Gabe des Heiligen
Geistes ausstattet, damit sie den Kindern in ihrem menschlichen und christlichen
Reifungsprozeb beistehen können«2.
38. Im Zusammenhang mit der Erziehung zur Keuschheit umfabt die »Vater-Mutterschaft«
selbstverständlich auch den Alleinerziehenden und die Adoptiveltern.
Die Aufgabe des Alleinerziehenden ist gewib nicht leicht, weil ihm die
Unterstützung des anderen Ehepartners fehlt und damit die Rolle und das
Beispiel eines Elternteils anderen Geschlechts. Gott aber steht den alleinerziehenden
Eltern mit besonderer Liebe bei und ruft sie dazu auf, sich dieser Aufgabe
mit derselben Grobzügigkeit und Feinfühligkeit zu stellen, mit der sie
ihre Kinder in den anderen Bereichen des Familienlebens lieben und umsorgen.
39. Es gibt noch weitere Personen, die in manchen Fällen dazu berufen
sind, den Platz der Eltern einzunehmen: jene, die beispielsweise bei Waisen
oder bei ausgesetzten Kindern auf Dauer eine Elternrolle übernommen haben.
Ihnen fällt die Aufgabe zu, die Kinder und Jugendlichen in allen Bereichen,
auch in dem der Keuschheit, zu erziehen, und sie werden die Standesgnade
erhalten, um dies nach denselben Prinzipien zu tun, denen auch die christlichen
Eltern folgen.
40. Die Eltern dürfen sich in ihren Bemühungen niemals alleingelassen
fühlen. Die Kirche unterstützt und ermutigt sie, weil sie zuversichtlich
glaubt, dab sie besser als jeder andere in der Lage sind, diese Aufgabe
zu erfüllen.
Gleichermaben bestärkt sie diejenigen Männer und Frauen, die elternlosen
Kindern häufig unter groben Opfern eine Form von elterlicher Liebe und
von Familienleben schenken. In jedem Fall aber müssen sich alle dieser
Aufgabe nähern in einem Geist des Gebets, der Offenheit und des Gehorsams
gegenüber den moralischen Wahrheiten des Glaubens und der Vernunft, die
die Lehre der Kirche ergänzen, und dabei müssen sie die Kinder und Jugendlichen
als Personen betrachten, als Kinder Gottes und Erben des Reiches.
Die Rechte und Pflichten der Eltern
41. Ehe wir auf die praktischen Details der Erziehung der Jugendlichen
zur Keuschheit zu sprechen kommen, ist es von gröbter Wichtigkeit, dab
die Eltern sich ihrer Rechte und Pflichten bewubt sind, vor allem einem
Staat und einer Schule gegenüber, die dazu neigen, auf dem Gebiet der sexuellen
Aufklärung die Initiative zu ergreifen.
In seinem Schreiben Familiaris consortio bekräftigt der Heilige
Vater Johannes Paul II.: »Das Recht und die Pflicht der Eltern zur Erziehung
sind als wesentlich zu bezeichnen, da sie mit der Weitergabe des
menschlichen Lebens verbunden sind; als unabgeleitet und ursprünglich,
verglichen mit der Erziehungsaufgabe anderer, aufgrund der Einzigartigkeit
der Beziehung, die zwischen Eltern und Kindern besteht; als unersetzlich
und unveräuberlich, weshalb sie anderen nicht völlig übertragen noch
von anderen in Beschlag genommen werden können«3; der oben erwähnte Fall
körperlichen oder seelischen Unvermögens bildet natürlich eine Ausnahme.
42. Diese Lehre stützt sich auf das Zweite Vatikanische Konzil4 und
ist auch in der Charta der Familienrechte formuliert worden: »Weil
sie ihren Kindern das Leben geschenkt haben, besitzen die Eltern das ursprüngliche,
erste und unveräuberliche Recht, sie zu erziehen; sie (...) haben das Recht,
ihre Kinder in Übereinstimmung mit ihren moralischen und religiösen Überzeugungen
zu erziehen und dabei die kulturellen Traditionen ihrer Familie zu berücksichtigen,
die Wohl und Würde des Kindes fördern; sie sollten auch die notwendige
Hilfe und Unterstützung der Gesellschaft erhalten, um ihre Erziehungsaufgabe
richtig zu erfüllen.«5
43. Der Papst betont, dab dies insbesondere für die Geschlechtlichkeit
gilt: »Die Geschlechtserziehung, Grundrecht und -pflicht der Eltern, mub
immer unter ihrer sorgsamen Leitung erfolgen, sei es zu Hause, sei es in
den von ihnen für ihre Kinder gewählten Bildungsstätten, deren Kontrolle
ihnen zusteht. In diesem Sinn betont die Kirche das Prinzip der Subsidiarität,
das die Schule beobachten mub, wenn sie sich an der Geschlechtserziehung
beteiligt; sie hat sich dabei vom gleichen Geist leiten zu lassen wie die
Eltern.«6
Der Heilige Vater fügt hinzu: »Aufgrund der engen Verbindungen zwischen
der geschlechtlichen Dimension der Person und ihren ethischen Werten mub
die Erziehung der Kinder dazu führen, die sittlichen Normen als notwendige
und wertvolle Garantie für ein verantwortliches persönliches Wachsen in
der menschlichen Geschlechtlichkeit zu erkennen und zu schätzen.«7 Niemand
vermag die sittliche Erziehung auf diesem schwierigen Gebiet besser durchzuführen
als die Eltern, wenn sie in gebührender Weise darauf vorbereitet sind.
Die Bedeutung der elterlichen Pflicht
44. Dieses Recht schliebt auch eine erzieherische Aufgabe mit ein: wenn
Eltern ihren Kindern keine angemessene Erziehung zur Keuschheit zuteil
werden lassen, kommen sie einer klar umrissenen Pflicht nicht nach; und
ebenso würden sie sich schuldig machen, wenn sie es zulieben, dab ihre
Kinder auberhalb ihres Zuhauses eine unsittliche oder unangemessene Erziehung
erhalten.
45. Besonders schwierig ist diese Aufgabe heute auch wegen der über
die sozialen Kommunikationsmittel ausgestrahlten Pornographie, die sich
nach kommerziellen Kriterien richtet und das Zartgefühl der Heranwachsenden
abstumpft. Dagegen müssen sich die Eltern in zweifacher Hinsicht zur Wehr
setzen: durch eine vorbeugende und kritische Erziehung den Kindern gegenüber
und durch energische Beschwerden bei der Staatsgewalt. Die Eltern haben
als einzelne oder zu mehreren das Recht und die Pflicht, für das Wohl ihrer
Kinder Sorge zu tragen und von der Staatsgewalt Gesetze zu verlangen, die
es unterbinden und verhindern, dab auf Kosten des Zartgefühls der Kinder
und Jugendlichen solche Geschäfte gemacht werden.8
46. Der Heilige Vater unterstreicht diese Aufgabe der Eltern und umreibt
sie in ihrer Richtung und Zielsetzung: »Angesichts einer Kultur, die in
weiten Kreisen die menschliche Geschlechtlichkeit "banalisiert",
weil sie diese in verkürzter und verarmter Weise interpretiert und lebt,
indem sie sie einzig mit dem Leib und dem egoistisch verstandenen Vergnügen
in Verbindung setzt, mub der erzieherische Dienst der Eltern entschieden
auf eine Kultur der Geschlechtlichkeit hinzielen, die wahrhaft und vollmenschlich
ist; die Geschlechtlichkeit ist ja ein Reichtum der ganzen Person — Leib,
Gemüt und Seele — und zeigt ihre tiefste Bedeutung darin, dab sie die Person
zur Hingabe ihrer selbst in der Liebe führt.«9
47. Wir dürfen keinesfalls vergessen, dab es sich bei der Geschlechtserziehung
um ein Pflicht-Recht handelt, das die christlichen Eltern früher nur wenig
wahrgenommen und ausgeübt haben, vielleicht, weil das Problem nicht so
ernst war wie heute; oder weil ihre Bemühungen teilweise ersetzt wurden
durch den Einflub der herrschenden gesellschaftlichen Leitbilder und auberdem
durch die ergänzende Arbeit, die die Kirche und die katholische Schule
auf diesem Gebiet leisteten. Es ist heutzutage für die Eltern nicht leicht,
diese erzieherische Aufgabe zu übernehmen, weil sie sich als sehr vielschichtig
erweist und selbst die Möglichkeiten der Familie übersteigt und weil es
in den meisten Fällen nicht möglich ist, auf dem erzieherischen Wirken
der eigenen Eltern aufzubauen.
Deswegen hält die Kirche es für ihre Pflicht, auch mit diesem Dokument
dazu beizutragen, dab die Eltern das Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten
wiedergewinnen, und ihnen bei der Erfüllung ihrer Aufgabe beizustehen.
V.
WEGWEISER ZUR ERZIEHUNG IM SCHOSS DER FAMILIE
48. Die familiäre Umgebung ist also der normale und übliche Ort,
um die Kinder und Jugendlichen zur Festigung und Übung in den Tugenden
der Liebe, der Mäbigung, der Tapferkeit und folglich auch der Keuschheit
heranzubilden. Als Hauskirche ist die Familie in der Tat die Schule
reich entfalteter Humanität.1 Dies gilt insbesondere für die sittliche
und geistige Erziehung, vor allem in einem so schwierigen Punkt wie dem
der Keuschheit: in ihr nämlich kreuzen sich körperliche, seelische und
geistige Aspekte, freiheitliche Bestrebungen und Einflüsse gesellschaftlicher
Leitbilder, natürliche Scham und heftige Triebe, die in der Leiblichkeit
des Menschen angelegt sind; alle diese Faktoren stehen in Zusammenhang
mit dem möglicherweise nur im Unterbewubtsein vorhandenen Wissen um die
Würde der menschlichen Person, die berufen ist zur Zusammenarbeit mit Gott
und doch zugleich auch gezeichnet von ihrer eigenen Zerbrechlichkeit. In
einem christlichen Haushalt haben die Eltern die Kraft, die Persönlichkeit
ihrer Kinder im christlichen Sinne zur Reife zu führen, in der Nachfolge
Christi und innerhalb seines mystischen Leibes, der Kirche.2
Obwohl die Familie über diese Kräfte verfügt, bedarf sie doch auch der
Unterstützung durch Staat und Gesellschaft gemäb dem Subsidiaritätsprinzip:
»Es kommt jedoch vor, dab die Familie, wenn sie bereit ist, ihrer Berufung
voll zu entsprechen, ohne die nötige Unterstützung von seiten des Staates
bleibt und daher nicht über ausreichende Mittel verfügt. Es ist dringend
notwendig, nicht nur die Familienpolitik, sondern auch die Sozialpolitik
zu fördern, deren Hauptziel die Familie selbst sein mub. Ihr mub durch
die Gewährung entsprechender Hilfsmittel und wirksamer Formen der Unterstützung
bei der Erziehung der Kinder wie bei der Sorge für die alten Menschen geholfen
werden.«3
49. In Anbetracht dessen und angesichts der unübersehbaren Schwierigkeiten,
die für die Jugendlichen heutzutage in nicht wenigen Ländern bestehen,
vor allem dann, wenn Faktoren des moralischen und sozialen Verfalls zum
Tragen kommen, sollten die Eltern den Mut haben, mehr vorzuschlagen
und mehr zu verlangen. Sie dürfen sich nicht damit zufriedengeben,
dab nichts Schlimmeres geschieht — dab die Kinder keine Drogen nehmen,
dab sie keine Verbrechen begehen —, sondern sie müssen alles geben, um
sie zu den wahren, in den Tugenden von Glauben, Hoffnung und Liebe erneuerten
Werten der Person zu erziehen: Freiheit, Verantwortung, Vaterschaft und
Mutterschaft, Dienen, die Arbeit im Beruf, Solidarität, Ehrlichkeit, Kunst,
Sport, die Freude, Kinder Gottes und damit Brüder aller Menschen zu sein,
usw.
Die besondere Bedeutung der häuslichen Umgebung
50. In ihren jüngsten Resultaten stimmen Psychologie und Pädagogik mit
der Erfahrung dahingehend überein, dab sie die entscheidende Bedeutung
unterstreichen, die das liebevolle Klima in der Familie für eine
harmonische und segensreiche Geschlechtserziehung hat, und zwar vor allem
in den ersten Jahren des Kleinkind- und des Kindesalters und vielleicht
auch schon vor der Geburt, also in den Zeitabschnitten, in denen sich die
Gefühlswelt der Kinder in ihrer Dynamik und Tiefe ausprägt. Ausgeglichenheit,
Akzeptanz und Verständnis zwischen Mann und Frau werden in ihrer Bedeutung
hervorgehoben. Man betont ferner den Wert einer ungetrübten Beziehung zwischen
den Eheleuten, ihrer positiven Gegenwart — der des Vater sebenso wie der
der Mutter — in den für den Identifikationsprozeb entscheidenden Jahren
und ihrer vertrauenerweckenden Liebe zu den Kindern.
51. Gewisse schwerwiegende Mängel oder Unausgeglichenheiten im Verhältnis
der Eltern zueinander (beispielsweise die Nichtbeteiligung eines oder beider
Eltern am Familienleben, erzieherisches Desinteresse oder übertriebene
Strenge) rufen in den Gefühlen und Emotionen der Kinder Störungen hervor,
die in ihrer Jugend zu ernsten Beeinträchtigungen führen und sie zuweilen
für ihr ganzes Leben zeichnen können. Es ist nötig, dab die Eltern die
Zeit finden, um mit ihren Kindern zusammenzusein und sich ihnen im Gespräch
zu widmen. Die Kinder, Geschenk und Verpflichtung, sind ihre wichtigste
Aufgabe, mag auch diese Aufgabe dem Anschein nach nicht immer sehr einträglich
sein: sie ist wichtiger als der Beruf, wichtiger als das Vergnügen, wichtiger
als die gesellschaftliche Stellung. In solchen Gesprächen mub man — und
zwar mit den Jahren in immer höherem Mabe — aufmerksam zuhören können,
man mub sich bemühen, die Kinder zu verstehen, und in der Lage sein, die
Berechtigung, die in manchen Formen der Auflehnung enthalten sein kann,
anzuerkennen. Es geht nicht darum, bestimmte Verhaltensweisen durchzusetzen,
sondern die übernatürlichen und menschlichen Gründe aufzuzeigen, die diese
Verhaltensweise nahelegen. Den gröbten Erfolg werden diejenigen Eltern
haben, die ihren Kindern ihre Zeit widmen und sich liebevoll und wirklich
in sie hineinversetzen.
Erziehung in der Gemeinschaft des Lebens und der Liebe
52. Die christliche Familie ist in der Lage, eine von jener Liebe zu
Gott durchdrungene Atmosphäre zu schaffen, die eine echte wechselseitige
Hingabe ermöglicht.4 Kinder, die diese Erfahrung machen, sind eher bereit,
nach den sittlichen Wahrheiten zu leben, die sie im Leben der Eltern verwirklicht
sehen. Sie vertrauen auf sie und lernen jene Liebe kennen — nichts befähigt
so zur Liebe wie das Wissen, dab man geliebt wird —, die alle Furcht besiegt.
So wird das Band der gegenseitigen Liebe, die die Eltern ihren Kindern
gegenüber bezeugen, zu einem sicheren Schutz ihrer ungetrübten Gefühlswelt.
Dieses Band verfeinert den Intellekt, den Willen und die Emotionen und
hält alles fern, was das Geschenk der menschlichen Geschlechtlichkeit entwürdigen
oder herabsetzen könnte, denn in einer Familie, in der die Liebe herrscht,
wird die menschliche Geschlechtlichkeit immer begriffen als ein Teil
der Berufung zur Selbsthingabe in der Liebe zu Gott und den anderen:
Die Familie ist die erste und grundlegende Schule sozialen Verhaltens:
als Gemeinschaft der Liebe findet sie in der Selbsthingabe das Gesetz,
das sie leitet und wachsen läbt. Die von der Liebe der Ehegatten zueinander
angeregte Selbsthingabe dient als Vorbild und Norm der Selbsthingabe, die
sich in den Beziehungen zwischen Geschwistern und zwischen den unterschiedlichen
Generationen vollzieht, die in der Familie zusammenleben. Und die Tag für
Tag zu Hause gelebte Gemeinschaft und Anteilnahme in freudigen und schwierigen
Momenten stellt die anschaulichste und wirksamste Vorbereitung auf die
aktive, verantwortungsvolle und erfolgreiche Eingliederung der Kinder in
den gröberen Raum der Gesellschaft dar.5
53. Schlieblich lehrt die Erziehung in der wahren Liebe — und wahr kann
sie nur sein, wenn sie gütig ist —, die geliebte Person anzunehmen und
ihr Wohl als das eigene zu betrachten, und deshalb ist sie naturgemäb auch
Erziehung zum richtigen Umgang mit den anderen. Den Kindern, den Heranwachsenden
und den Jugendlichen mub beigebracht werden, wie sie ein unbefangenes Verhältnis
zu Gott, zu ihren Eltern, zu ihren Geschwistern, zu ihren Kameraden gleichen
oder anderen Geschlechts und zu den Erwachsenen finden können.
54. Man darf auch nicht vergessen, dab die Erziehung in der Liebe eine
allumfassende Wahrheit ist: es ist nicht möglich, im richtigen Umgang mit
einer Person Fortschritte zu machen, ohne dab sich dies auch auf jede beliebige
andere Person auswirkt. Wie bereits erwähnt, ist die Erziehung zur Keuschheit
als Erziehung zur Liebe zugleich eine Ausbildung des Geistes, der Sensibilität
und der Gefühle. Die Einstellung zu anderen Menschen hängt nicht zuletzt
davon ab, in welche Bahnen man die spontanen Gefühle ihnen gegenüber lenkt,
wie man die einen zum Wachsen bringt und die anderen unterdrückt. Die Keuschheit
als Tugend beschränkt sich niemals allein auf die Frage nach der Fähigkeit,
Dinge zu tun, die äuberen Verhaltensmabregeln entsprechen, sondern sie
verlangt die Freisetzung und Entfaltung von Kräften der Natur und der Gnade,
die das wichtigste und immanente Element bilden bei unserer Entdeckung
des göttlichen Gesetzes, das Wachstum und Freiheit garantiert.6
55. Es ist daher hervorzuheben, dab die Erziehung zur Keuschheit untrennbar
mit der Aufgabe verbunden ist, auch alle anderen Tugenden zu pflegen,
vor allem die christliche Liebe, die gekennzeichnet ist von Respekt,
Selbstlosigkeit und Dienst, und die man, alles einschliebend, Caritas
nennt. Die Geschlechtlichkeit ist ein Gut von grober Wichtigkeit, das gemäb
den Weisungen der vom Glauben erleuchteten Vernunft geschützt werden mub:
»Je wichtiger etwas ist, um so mehr mub man dabei die Ordnung der Vernunft
beobachten.«7 Daraus ergibt sich, dab es bei der Erziehung zur Keuschheit
»Selbstbeherrschung braucht, welche Tugenden wie Schamhaftigkeit, Zucht
und Mab, Achtung vor sich selbst und den anderen sowie Aufgeschlossenheit
für den Nächsten voraussetzt«8.
Und auch die Tugenden, die die christliche Tradition als die kleineren
Schwestern der Keuschheit bezeichnet hat (Bescheidenheit, Bereitschaft
zur Aufopferung der eigenen Launen), sind wichtig und werden vom Glauben
und einem Leben im Gebet gestärkt.
Die Schamhaftigkeit und die Bescheidenheit
56. Das Üben von Schamhaftigkeit und Bescheidenheit in Wort,
Tat und Kleidung ist sehr wichtig, um ein der Entfaltung der Keuschheit
angemessenes Klima zu schaffen, doch mub es gut in der Achtung vor dem
eigenen Leib und vor der Würde der anderen verankert sein. Wie bereits
erwähnt, müssen die Eltern darüber wachen, dab gewisse unsittliche Modeströmungen
und Einstellungen das Zuhause in seiner Unversehrtheit nicht antasten,
was vor allem durch einen falschen Umgang mit den Massenmedien geschehen
kann.9 Der Heilige Vater hat in diesem Zusammenhang betont, wie notwendig
es ist, »eine engere Zusammenarbeit zwischen den Eltern, denen an erster
Stelle die Erziehungsaufgabe zukommt, den Verantwortlichen der Kommunikationsmittel
auf verschiedener Ebene und den öffentlichen Behörden zu schaffen, damit
die Familien nicht in einem wichtigen Sektor ihrer Erziehungsaufgabe sich
selbst überlassen bleiben (...) Angebote, Inhalte und Programme gesunder
Unterhaltung und solche, die der Information und Erziehung dienen und hierbei
die Rolle der Familie und der Schule ergänzen, mub man wirklich anerkennen.
Doch dies macht es leider nicht ungeschehen, dab vor allem in einigen Ländern
Darbietungen und Schriften verbreitet werden, in denen sich jede Art von
Gewalt häuft und die einen geradezu bombardieren mit Botschaften, die die
moralischen Prinzipien untergraben und ein angemessenes Klima unmöglich
machen, das es gestattet, Werte zu vermitteln, die der menschlichen Person
würdig sind«10.
Auch auf den Gebrauch des Fernsehens hat der Heilige Vater eigens Bezug
genommen: »Die Lebensweise — besonders in den hochindustrialisierten Nationen
— führt häufig dazu, dab sich die Familien ihrer Erziehungsverantwortlichkeit
entledigen, indem sie in der Mühelosigkeit der Flucht (im Haus vor allem
verkörpert durch das Fernsehen und bestimmte Publikationen) die Möglichkeit
finden, die Kinder beschäftigt zu halten. Niemand kann leugnen, dab das
bis zu einem gewissen Grad auch gerechtfertigt ist, da es ja nur allzuoft
an ausreichenden Strukturen und Infrastrukturen fehlt, um die Freizeit
der Kinder sinnvoll zu erschlieben und auszubauen und ihre Kräfte in eine
bestimmte Richtung zu lenken.«11 Ein weiterer erleichternder Umstand ist
in der Tatsache gegeben, dab beide Eltern auch auber Haus mit Arbeit beschäftigt
sind. »Unter den Folgen all dessen haben gerade diejenigen zu leiden, die
in der Entwicklung ihrer "verantwortlichen Freiheit" am nötigsten
Hilfe brauchen. Da ergibt sich nun — besonders für die Gläubigen, für die
Frauen und Männer, welche die Freiheit lieben — die Pflicht, vor allem
die Kinder und Jugendlichen vor den Aggressionen zu schützen, die sie auch
durch die "Massenmedien" erfahren. Niemand versäume diese Pflicht,
indem er allzu bequeme Gründe für ihre Nichteinlösung anführt!«12; »die
Eltern als Empfänger (müssen) aktiv mitwirken im mabvollen, kritischen,
wachsamen und klugen Umgang mit den Medien.«13
Die berechtigte Intimität
57. In engem Zusammenhang mit der Schamhaftigkeit und der Bescheidenheit,
die eine spontane Abwehrhaltung der Person sind, die nicht will, dab man
sie als Lustobjekt sieht und behandelt, statt sie um ihrer selbst willen
zu achten und zu lieben, mub auch die Achtung vor der Intimität
betrachtet werden: wenn ein Kind oder ein Jugendlicher sieht, dab man seine
berechtigte Intimität respektiert, dann wird er erkennen, dab man auch
von ihm dasselbe Verhalten anderen gegenüber erwartet. Auf diese Weise
lernt er, seinen eigenen Verantwortungssinn Gott gegenüber zu pflegen,
das heibt, sein inneres Leben und sein Bewubtsein für die innere Freiheit
zu entwickeln, die es ihm ermöglichen, Gott und den Nächsten in besserer
Weise zu lieben.
Die Selbstbeherrschung
58. Allgemeiner gesprochen, erfordert all dies die Selbstbeherrschung,
die eine notwendige Voraussetzung der Fähigkeit zur Selbsthingabe ist.
Die Kinder und die Jugendlichen müssen dazu ermutigt werden, Selbstkontrolle
und Zurückhaltung hochzuschätzen und zu üben, ein geregeltes Leben zu führen
und persönliche Opfer zu bringen in einem Geist der Liebe zu Gott, der
Achtung vor sich selbst und der Grobzügigkeit gegenüber den anderen, wobei
sie ihre Gefühle und Neigungen nicht unterdrücken, sondern in ein tugendhaftes
Leben einbetten sollen.
Die Eltern als Vorbilder für ihre Kinder
59. Das gute Beispiel und die »Führungsrolle« der Eltern ist
wesentlich, wenn es darum geht, die Erziehung der Jugendlichen zur Keuschheit
zu unterstützen. Eine Mutter, die um den Wert ihrer mütterlichen Berufung
und ihrer Stellung im Haus weib, leistet einen groben Beitrag dazu, in
ihren Töchtern die Qualitäten der Fraulichkeit und Mutterschaft zu entfalten,
und stellt ihren Söhnen ein deutliches, starkes und edles Beispiel der
Frau vor Augen.14 Ein Vater, der seinem Verhalten den Stil männlicher Würde
aufprägt, ohne sich Vorrechte nachArt des »Machismo« anzumaben, wird seinen
Söhnen ein wirksames Vorbild sein und in seinen Töchtern Respekt, Bewunderung
und ein Gefühl der Sicherheit erwecken.15
60. Dies gilt auch für die Erziehung zur Opferbereitschaft in den Familien,
die heute mehr denn je den Einflüssen des Materialismus und des Konsumdenkens
ausgesetzt sind. Nur so werden die Kinder aufwachsen »in angemessener Freiheit
gegenüber den materiellen Gütern, indem sie sich einen einfachen und anspruchslosen
Lebensstil aneignen in der Überzeugung, dab "der Wert des Menschen
mehr in dem liegt, was er ist, als in dem, was er hat". In einer Gesellschaft,
die aufgrund gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen
Individualismen und Egoismen von Spannungen und Konflikten erschüttert
und zerstritten ist, müssen die Kinder sich nicht nur ein Gespür für wahre
Gerechtigkeit aneignen, die allein die Achtung der personalen Würde eines
jeden Menschen gewährleistet, sondern auch und vor allem das Gespür für
wahre Liebe als aufrichtige Sorge und selbstlosen Dienst für die anderen,
besonders für die Ärmsten und Bedürftigsten«16; »somit ordnet sich die
Erziehung vollkommen in den Horizont der "Zivilisation der Liebe"
ein; von ihr hängt sie ab und trägt in hohem Mabe zu ihrem Aufbau bei.«17
Ein Heiligtum des Lebens und des Glaubens
61. Wer darüber hinwegsieht, dab für die Eltern die erste und gröbte
Möglichkeit, ihren Kindern Hilfe und Vorbild zu sein, in der Grobzügigkeit
besteht, mit der sie das Leben annehmen, der vergibt zugleich auch,
dab sie ihnen so zu einem einfacheren Lebensstil verhelfen und dab es auberdem
»gewib weniger wichtig ist, ihren Kindern einen bestimmten Komfort oder
materielle Vorteile zu verschaffen, als sie der Existenz von Geschwistern
zu berauben, die ihnen beim Reifen als Menschen und bei der Wahrnehmung
der Schönheit des Lebens in allen seinen Phasen und seiner ganzen Vielfalt
helfen können«18.
62. Und schlieblich wollen wir uns daran erinnern, dab die Familie,
um alle diese Ziele erreichen zu können, vor allem anderen ein Haus
des Glaubens und des Gebets sein mub, in dem man die Gegenwart Gottvaters
wahrnimmt, das Wort Jesu hört, das Band der Liebe spürt, das ein Geschenk
des Geistes ist, und in dem man die reinste Gottesmutter liebt und zu ihr
betet.19 Der besondere Inhalt eines solchen Lebens im Glauben und im Gebet
»ist das Familienleben selbst, das in all seinen verschiedenen Situationen
als Anruf Gottes verstanden und als kindliche Antwort auf diesen Anruf
vollzogen wird: Freude und Leid, Hoffnung und Enttäuschung, Geburten, Geburtstage
und Hochzeitstage, Abschiede, Getrenntsein und Wiedersehen, wichtige und
einschneidende Entscheidungen, Todesfälle im Kreis der Lieben und ähnliches
mehr — all das sind Marksteine der Begegnung der Liebe Gottes mit der Geschichte
der Familie, wie sie auch Anlab zur Danksagung sein sollen, des Bittens,
der vertrauensvollen Überantwortung der Familie an den gemeinsamen Vater
im Himmel«20.
63. In einer solchen Atmosphäre des Gebets und des Wissens um die Gegenwart
und die Väterlichkeit Gottes werden die Wahrheiten des Glaubens und der
Moral mit Ehrfurcht gelehrt, begriffen und verinnerlicht werden, und das
Wort Gottes wird man mit Liebe lesen und leben. Dann wird die Wahrheit
Christi eine Familiengemeinschaft aufbauen, die auf dem Vorbild und der
Leitung der Eltern beruht: so »erreichen sie die Herzensmitte ihrer Kinder
und hinterlassen dort Spuren, die von den Ereignissen des späteren Lebens
nicht ausgelöscht werden können«21.
VI.
DIE SCHRITTE IN DER ERKENNTNIS
64. Pflicht der Eltern ist es vor allem, ihre Kinder mit den Geheimnissen
des menschlichen Lebens vertraut zu machen, denn die Familie ist »das
beste Umfeld, um der Pflicht, eine stufenweise Erziehung des geschlechtlichen
Lebens sicherzustellen, nachzukommen. Sie hat einen Gefühlsreichtum, der
geeignet ist, ohne seelische Wunden zu hinterlassen, auch die heikelsten
Wirklichkeiten annehmbar zu machen und sie harmonisch in eine ausgeglichene
und reife Persönlichkeit zu integrieren«.1
Diese der Familie vorbehaltene Aufgabe, von der wir bereits gesprochen
haben, beinhaltet für die Eltern das Recht, dab ihre Kinder nicht verpflichtet
werden können, in der Schule den Unterrichtsstunden zu diesem Thema beizuwohnen,
wenn sie mit ihren eigenen religiösen und moralischen Überzeugungen nicht
übereinstimmen.2 Es ist nämlich nicht Sache der Schule, die Familie zu
ersetzen, sondern vielmehr »die Bemühungen der Eltern zu fördern und zu
vervollständigen durch Vermittlung einer Sicht der Geschlechtlichkeit als
Wert und Aufgabe der ganzen Person, die als Mann und Frau nach dem Bild
Gottes geschaffen wurde«3.
Hierzu wollen wir hinweisen auf das, was der Heilige Vater in seinem
Schreiben Familiaris consortio lehrt: »Die Kirche wendet sich entschieden
gegen eine gewisse, vielfach verbreitete Art sexueller Information; losgelöst
von sittlichen Grundsätzen, ist sie nichts anderes als eine Einführung
in die Erfahrung des Vergnügens und ein Anreiz, der den Kindern — schon
in den Jahren der Unschuld — ihre Unbefangenheit nimmt und den Weg des
Lasters öffnet.«4
Es ist also erforderlich, vier allgemeine Grundsätze vorzustellen
und im Anschlub daran auf die verschiedenen Entwicklungsphasen der Kinder
einzugehen.
Vier Prinzipien zur Geschlechtserziehung
65. 1. Jedes Kind ist eine einzigartige und unwiederholbare Person und
mub eine individualisierte Erziehung erhalten. Weil die Eltern jedes ihrer
Kinder in seiner Unwiederholbarkeit kennen, verstehen und lieben, sind
sie am besten in der Lage zu entscheiden, welcher Zeitpunkt geeignet ist,
um ihnen entsprechend ihrer körperlichen und geistigen Reife die jeweiligen
Informationen zu geben. Niemand darf gewissenhaften Eltern diese Urteilsfähigkeit
absprechen.5
66. Der Reifeprozeb jedes Kindes verläuft unterschiedlich, und deshalb
müssen ihm die biologischen wie emotionalen Aspekte, die seine Intimität
am meisten berühren, in einem auf seine Persönlichkeit ausgerichteten
Dialog mitgeteilt werden.6 In einem auf Liebe und Vertrauen basierenden
Dialog mit jedem ihrer Kinder teilen die Eltern etwas mit von ihrer eigenen
Selbsthingabe, die sie in die Lage versetzt, von der gefühlsbedingten Seite
der Geschlechtlichkeit zu sprechen, die den Kindern auf anderem Wege nicht
vermittelt werden kann.
67. Die Erfahrung zeigt, dab dieser Dialog sich besser entwickelt, wenn
der Elternteil, der die biologischen, emotionalen, moralischen und geistigen
Informationen weitergibt, dasselbe Geschlecht hat wie das betreffende Kind
oder der Jugendliche. Weil sie sich der Rolle, der Gefühle und der Probleme
des eigenen Geschlechts bewubt sind, haben die Mütter eine besondere Bindung
an ihre Töchter und die Väter an ihre Söhne. Diese natürliche Bindung mub
respektiert werden; daher mub ein alleinerziehender Elternteil sehr behutsam
vorgehen, wenn er mit einem Kind anderen Geschlechts spricht, und er kann
sich entscheiden, die intimeren Einzelheiten einer Vertrauensperson zu
überlassen, die dasselbe Geschlecht hat wie das Kind. Für diese Unterstützung
subsidiärer Art können die Eltern erfahrene und gut ausgebildete Erzieher
aus dem schulischen Bereich, der Gemeinde oder katholischen Vereinigungen
heranziehen.
68. 2. Die sittliche Dimension mub stets in ihre Erklärungen einbezogen
werden. Die Eltern können hervorheben, dab die Christen dazu berufen sind,
das Geschenk der Geschlechtlichkeit gemäb dem Plan Gottes, der die Liebe
ist, zu leben, dab heibt untrennbar verbunden mit der Ehe, der gottgeweihten
Jungfräulichkeit oder auch dem Zölibat.7 Sie müssen den positiven Wert
der Keuschheit betonen, die wahre Liebe zu den Menschen erzeugt: dies ist
ihr ursprünglicher und wichtigster sittlicher Aspekt; nur wer zur Keuschheit
fähig ist, ist auch fähig zur Liebe in Ehe oder Jungfräulichkeit.
69. Vom zartesten Kindesalter an können die Eltern eine beginnende Beschäftigung
des Kindes mit seinen Geschlechtsteilen beobachten. Es kann nicht als Unterdrückung
betrachtet werden, wenn man diese Gewohnheiten, die später sündhaft werden
können, sanft korrigiert und, wann immer es nötig ist, das Kind seiner
Entwicklung entsprechend zu sittsamem Verhalten anleitet. Es ist immer
wichtig, die moralische Ablehnung gewisser Verhaltensweisen, die der Würde
der Person und der Keuschheit widersprechen, zu rechtfertigen anhand angemessener,
gültiger und überzeugender Begründungen auf der Ebene der Vernunft wie
auch des Glaubens, das heibt eingebettet in eine positive Einstellung und
eine hohe Meinung von der persönlichen Würde. Viele elterliche Belehrungen
sind blobe Zurechtweisungen oder Ermahnungen, die in den Augen der Kinder
aus der Angst vor bestimmten Konsequenzen für den sozialen Status oder
das öffentliche Ansehen erwachsen und nicht aus einer Liebe, die auf ihr
wahres Wohl bedacht ist. »Daher, bitte ich, lasset uns doch ernstlich alle
diese Verkehrtheiten bessern und die Leidenschaften, die sich je nach dem
Alter in uns regen, ins Gegenteil verwandeln. Wenn wir aber auf jeder Stufe
unseres Lebens den Mühen, welche die Tugend fordert, ausweichen, dann werden
wir überall Schiffbruch leiden, werden ohne geistliche Schätze in den Hafen
einlaufen.«8
70. 3. Die Erziehung zur Keuschheit und die jeweils angebrachten Hinweise
zur menschlichen Sexualität müssen im gröberen Zusammenhang der Erziehung
zur Liebe erteilt werden. Es reicht nicht aus, Informationen über die Geschlechtlichkeit
gemeinsam mit objektiven moralischen Grundsätzen zu vermitteln. Vielmehr
bedarf auch das Wachstum des geistlichen Lebens der Kinder ständiger
Unterstützung, damit die biologische Entwicklung und die Triebe, die sich
zu regen beginnen, begleitet sind von einer wachsenden Liebe zu Gott, dem
Schöpfer und Erlöser, und von einem zunehmend gröberen Bewubtsein der Würde
jeder menschlichen Person und ihres Leibes. Im Licht des Geheimnisses Christi
und der Kirche können die Eltern die positiven Werte der menschlichen Geschlechtlichkeit
im Kontext der in der Person angelegten Berufung zur Liebe und der allgemeinen
Berufung zur Heiligkeit erklären.
71. In den Gesprächen mit den Kindern dürfen also niemals die Ratschläge
fehlen, die ihnen helfen, in der Liebe zu Gott und dem Nächsten zu wachsen
und die Schwierigkeiten zu überwinden: »Zucht der Sinne und des Geistes,
Wachsamkeit und Klugheit, um die Gelegenheiten zur Sünde zu vermeiden,
Wahrung des Schamgefühls, Mab im Genub, gesunde Ablenkungen, eifriges Gebet
und häufiger Empfang der Sakramente der Bube und der Eucharistie. Vor allem
die Jugend soll die Verehrung der unbefleckt empfangenen Gottesmutter
eifrig pflegen«.9
72. Damit die Kinder lernen, das Umfeld, in dem sie sich bewegen, in
kritischer und wirklich selbständiger Einstellung zu beurteilen, und sich
an einen unabhängigen Umgang mit den Massenmedien gewöhnen, müssen die
Eltern ihnen durch ihr Verhalten immer positive Vorbilder und angemessene
Möglichkeiten vor Augen stellen, wie man die eigene Tatkraft im Sinne der
Freundschaft und Solidarität auf dem weiten Feld der Gesellschaft und der
Kirche einsetzen kann.
Angesichts abnormer Neigungen und Verhaltensweisen, denen man mit gröbter
Vorsicht und Klugheit begegnen mub, um die Lage richtig zu erkennen und
zu bewerten, können die Eltern sich auch an wissenschaftlich und moralisch
qualifizierte und verläbliche Fachleute wenden, um hinter den Symptomen
die Ursachen zu erforschen und den Betreffenden bei der Überwindung der
Schwierigkeiten zu helfen. Die pädagogische Handlungsweise soll sich eher
den Ursachen als der sofortigen Unterdrückung des Phänomens10 widmen und
— wenn es nötig wird — auch bei qualifizierten Personen Hilfe suchen wie
Ärzten, Pädagogen oder Psychologen von rechtgläubiger christlicher Einstellung.
73. Ziel des erzieherischen Wirkens ist es für die Eltern, den Kindern
die Überzeugung zu vermitteln, dab die Keuschheit in ihrer eigenen Lebenssituation
möglich ist und Freude bringt. Die Keuschheit entspringt dem Bewubtsein
der Reife und Harmonie des eigenen Gefühlslebens, das als Geschenk Gottes
und Geschenk der Liebe dazu bestimmt ist, die Selbsthingabe innerhalb der
eigenen Berufung zu verwirklichen. Der Mensch nämlich, das einzige Geschöpf
auf Erden, das Gott um seiner selbst willen gewollt hat, kann »sich selbst
nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden«11. »Christus
hat gemeinschaftliche Gesetze für alle gegeben (...) Ich hindere dich nicht
zu heiraten, noch verbiete ich dir, dich zu vergnügen; aber ich will, dab
es in Ehrbarkeit geschehe, nicht in jener schamlosen Weise, die Vorwürfe
und tausendfachen Tadel verdient. Ich gebiete dir nicht, dich auf Berge
und in Wüsten zurückzuziehen, sondern gütig, bescheiden und ehrbar zu sein,
während du mitten in der Stadt wohnst.«12
74. Die Hilfe Gottes wird uns nie fehlen, wenn jeder den notwendigen
Einsatz bringt, um der Gnade Gottes zu entsprechen. Die Eltern, die das
Gewissen ihrer Kinder unterstützen, bilden und respektieren, müssen dafür
sorgen, dab sie mit Andacht die Sakramente empfangen, indem sie
ihnen mit gutem Beispiel vorangehen. Wenn die Kinder und Jugendlichen in
den Sakramenten die Wirkungen der Gnade und Barmherzigkeit Gottes erfahren,
werden sie in der Lage sein, die Keuschheit als Geschenk Gottes zu leben,
zu seinem Ruhm und als Ausdruck der Liebe zu Ihm und den anderen Menschen.
Eine notwendige und in übernatürlicher Weise wirksame Hilfe bietet das
Sakrament der Wiederversöhnung, insbesondere wenn man sich dabei stets
an denselben Beichtvater wenden kann. Die geistliche Leitung oder Führung
ist, auch wenn sie nicht unbedingt mit der Rolle des Beichtvaters zusammenfällt,
eine wertvolle Hilfe bei der mit zunehmender Reife fortschreitenden Unterweisung
und der moralischen Unterstützung.
Von grober Hilfe ist ferner die Lektüre ausgewählter und empfohlener
Bücher, sei es, um die Bildung zu erweitern und zu vertiefen, oder um auf
dem Weg der Tugend Beispiele und Zeugnisse anzuführen.
75. Da die Ziele der Geschlechtserziehung nun festgelegt sind, sollen,
ausgehend vom Kindesalter, die geeigneten Zeitpunkte und Methoden näher
bestimmt werden.
4. Die Eltern müssen diese Belehrung mit gröbtem Zartgefühl, aber unmibverständlich
und zum geeigneten Zeitpunkt vornehmen. Sie wissen genau, dab die Kinder
individuell verschieden behandelt werden müssen, entsprechend den persönlichen
Umständen ihrer körperlichen und seelischen Entwicklung und unter gebührender
Berücksichtigung auch des kulturellen Umfeldes und der Erfahrungen, die
der Heranwachsende im täglichen Leben macht. Um beurteilen zu können, wie
sie mit jedem ihrer Kinder sprechen müssen, ist es wichtig, dab sie zunächst
selbst im Gebet den Herrn um Erleuchtung bitten und miteinander darüber
reden, damit ihre Worte weder zu deutlich noch zu ungenau sind. Es ist
der Sache abträglich, dem Kind gegenüber zu sehr ins Detail zu gehen, doch
es ist auch unklug, die ersten Informationen zu sehr hinauszuzögern, weil
jeder Mensch in dieser Hinsicht eine natürliche Neugier entwickelt und
sich früher oder später Fragen stellt, vor allem in einer Kultur, in der
man auch nebenbei allzuviel erfahren kann.
76. Im allgemeinen betreffen die ersten Hinweise auf die Geschlechtlichkeit,
die einem kleinen Kind gegeben werden, nicht den sexuellen Verkehr, sondern
die Schwangerschaft und die Geburt eines Bruders oder einer Schwester.
Die natürliche Neugierde eines Kindes wird angeregt, wenn es beispielsweise
an seiner Mutter die Anzeichen der Schwangerschaft wahrnimmt und begreift,
dab sie ein Kind erwartet. Die Eltern können sich diese freudige Erfahrung
zunutze machen, um dem Kind einige einfache Tendenzen zur Schwangerschaft
mitzuteilen, doch immer im tieferen Zusammenhang mit dem Wunder des schöpferischen
Wirkens Gottes, der es so eingerichtet hat, dab das neue, von Ihm geschenkte
Leben im Leib der Mutter und in der Nähe ihres Herzens behütet wird.
Die wichtigsten Phasen in der Entwicklung des Kindes
77. Es ist wichtig, dab die Eltern berücksichtigen, was für ihre Kinder
in den verschiedenen Phasen ihrer Entwicklung wichtig ist. In dem Bewubtsein,
dab jedes Kind eine individuelle Behandlung erfahren mub, können sie die
einzelnen Schritte der Erziehung in der Liebe nach den besonderen Bedürfnissen
jedes Kindes ausrichten.
1. Die Jahre der Unschuld
78. Vom Alter von etwa fünf Jahren bis zur Pubertät — deren Beginn für
den Zeitpunkt anzusetzen ist, da die ersten Veränderungen am Körper des
Jungen oder des Mädchens auftreten (sichtbares Ergebnis einer gesteigerten
Produktion von Sexualhormonen) — sagt man, dab das Kind in einer Phase
ist, die nach den Worten Johannes Paul II. als »die Jahre der Unschuld«13
bezeichnet wird. Diese Zeit der Ruhe und der Heiterkeit darf keinesfalls
von einer unnötigen sexuellen Information getrübt werden. In diesen Jahren,
bevor eine physische geschlechtliche Entwicklung sichtbar wird, ist es
normal, dab das Interesse der Kinder auf andere Lebensbereiche gerichtet
ist. Die rudimentäre, instinktive Sexualität des Kleinkindes ist verschwunden.
In diesem Alter sind die Jungen und Mädchen an sexuellen Fragen nicht sonderlich
interessiert und ziehen den Kontakt mit Kindern des eigenen Geschlechts
vor.
Die Eltern werden erkennen, dab, um diese wichtige natürliche Wachstumsphase
nicht zu stören, in dieser Zeit eine vorsichtige Erziehung zur keuschen
Liebe nur indirekt geschehen kann, als Vorbereitung auf die Pubertät, in
der dann eine direkte Information vonnöten sein wird.
79. In dieser Entwicklungsphase fühlt sich das Kind normalerweise wohl
in seinem Körper und dessen Funktionen. Es akzeptiert die Notwendigkeit
der Sittsamkeit im Verhalten und in der Art, sich zu kleiden. Obwohl es
sich der physischen Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern bewubt
ist, zeigt das heranwachsende Kind im allgemeinen wenig Interesse für die
Geschlechtsteile und ihre Funktionen. Die Entdeckung der Wunder der Schöpfung,
die diese Altersstufe begleitet, und die dahingehenden Erfahrungen zu Hause
und in der Schule müssen auch innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft mit
den verschiedenen Phasen der Katechese und der Hinführung zu den Sakramenten
verknüpft werden.
80. Und doch hat auch diese Periode der Kindheit ihre Bedeutung für
die psychisch-sexuelle Entwicklung. Das heranwachsende Kind, Junge oder
Mädchen, lernt am Beispiel der Erwachsenen und durch die Erfahrungen in
der Familie, was es bedeutet, ein Mann oder eine Frau zu sein. Selbstverständlich
sollte man die Jungen nicht daran hindern, eine natürliche Zärtlichkeit
und Sensibilität an den Tag zu legen, noch sollte man umgekehrt die Mädchen
von körperlichen Aktivitäten ausschlieben, die eine gewisse Kraft erfordern.
Andererseits jedoch sollten sich die Eltern in manchen Gesellschaften,
die unter ideologischen Druck stehen, auch davor hüten, sich dem, was man
als »Rollenstereotypisierung« bezeichnet, allzusehr entgegenzustellen.
Man sollte die tatsächlichen Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern
nicht leugnen oder bagatellisieren, und in einer gesunden familiären Umgebung
werden die Kinder lernen, dab es natürlich ist, wenn diesen Unterschieden
eine gewisse Verschiedenheit in den normalen familiären und häuslichen
Rollen von Männern und Frauen entspricht.
81. In dieser Phase entfalten die Mädchen im allgemeinen ein mütterliches
Interesse für die kleineren Kinder, für die Mutterschaft und den Haushalt.
Unter ständigem Hinweis auf das Vorbild der Mutterschaft der allerseligsten
Jungfrau Maria sollten sie dazu ermutigt werden, die eigene Fraulichkeit
als Wert zu begreifen.
82. Ein Junge ist in dieser Phase in einem verhältnismäbig ruhigen Stadium
seiner Entwicklung. Dies ist oft der am besten geeignete Zeitabschnitt,
um ein gutes Verhältnis zum Vater herzustellen. In dieser Periode sollte
er lernen, dab seine Männlichkeit, auch wenn sie als göttliches Geschenk
zu betrachten ist, kein Zeichen der Überlegenheit gegenüber den Frauen
darstellt, sondern eine Berufung Gottes, gewisse Rollen und bestimmte Arten
der Verantwortung zu übernehmen. Der Junge sollte daran gehindert werden,
eine übertriebene Aggressivität zu entwickeln oder seine Männlichkeit mit
körperlichen Heldentaten unter Beweis stellen zu wollen.
83. Dennoch können im Zusammenhang mit der geschlechtlichen und sittlichen
Erziehung auch in dieser Phase der Kindheit verschiedene Probleme auftreten.
Es gibt heute in einigen Gesellschaften programmatische und zielgerichtete
Bestrebungen, den Kindern eine verfrühte sexuelle Aufklärung aufzuzwingen.
In diesem Entwicklungsstadium aber sind sie noch nicht in der Lage,
die gefühlsbedingte Seite der Geschlechtlichkeit in ihrer vollen Bedeutung
zu begreifen. Sie können das Bild der Sexualität nicht verstehen und nicht
mit einem entsprechenden Rahmen von sittlichen Normen umgeben, das heibt,
sie können eine vorzeitige Sexualaufklärung nicht mit dem erforderlichen
moralischen Verantwortungsbewubtsein aufnehmen. Eine solche Information
droht also die Entwicklung ihrer Gefühlswelt und ihrer Bildung zu beeinträchtigen
und die natürliche Unbefangenheit dieses Lebensabschnitts zu stören. Die
Eltern sollten solche Versuche, die Unschuld ihrer Kinder zu verletzen,
freundlich aber bestimmt ablehnen, weil derartige Bestrebungen die geistige,
sittliche und gefühlsmäbige Entfaltung der Personen gefährden, die im Wachsen
begriffen sind und ein Recht auf diese Unschuld haben.
84. Ein weiteres Problem stellt sich, wenn die Kinder von seiten der
Massenmedien oder von irregeleiteten oder vorzeitig aufgeklärten Gleichaltrigen
verfrühte Informationen zur Geschlechtlichkeit erhalten. Unter diesen Umständen
sind die Eltern gezwungen, mit einer klar begrenzten sexuellen Aufklärung
zu beginnen, und zwar in der Regel, um falsche Informationen zu korrigieren
oder eine unanständige Ausdrucksweise einzudämmen.
85. Nicht selten werden Kinder sexuell mibbraucht. Die Eltern müssen
ihre Kinder schützen, das heibt, sie müssen sie vor allem zu Sittsamkeit
und Zurückhaltung gegenüber Fremden anhalten und sie ferner in angemessener
Weise über die Geschlechtlichkeit informieren, ohne jedoch Einzelheiten
vorwegzunehmen, die sie verwirren oder erschrecken könnten.
86. Wie in den ersten Lebensjahren müssen die Eltern ihre Kinder auch
während der Kindheit im Geist der Zusammenarbeit, des Gehorsams, der Grobzügigkeit
und der Opferbereitschaft bestärken und auberdem die Anlagen zur Selbstbeherrschung
und Sublimierung fördern. Denn es ist charakteristisch für diese Entwicklungsphase,
dab intellektuelle Tätigkeiten einen starken Reiz ausüben: und aus der
intellektuellen Bewältigung kann das Kind die Kraft und die Fähigkeit gewinnen,
die umgebende Wirklichkeit — und in naher Zukunft auch die Triebe des Körpers
— so zu beherrschen, dab sie in intellektuelle und rationale Aktivität
umgesetzt werden können.
Ein unbeherrschtes oder verzogenes Kind neigt später zu einer gewissen
Unreife und moralischen Schwäche, weil die Keuschheit schwerlich aufrechtzuerhalten
ist, wenn ein Mensch egoistische oder ungeordnete Gewohnheiten annimmt
und nicht in der Lage ist, den anderen mit Interesse und Achtung zu begegnen.
Die Eltern müssen objektive Normen dessen bieten, was richtig oder falsch
ist, und so eine sichere moralische Lebensgrundlage schaffen.
2. Die Pubertät
87. Die Pubertät, die die erste Phase der Jugend darstellt, ist eine
Zeit, in der die Eltern dazu aufgerufen sind, in besonderem Mabe auf die
christliche Erziehung ihrer Söhne und Töchter zu achten: in dieser
Zeit entdeckt der Mensch »sich selbst und die Welt seines eigenen Inneren,
er entwirft hochherzige Pläne, erwacht zum Empfinden der Liebe, wie er
andererseits den biologischen Trieben der Sexualität begegnet; er erfährt
den Wunsch nach Zusammensein und eine besonders tiefe Freude, die mit der
berauschenden Entdeckung des Lebens verbunden ist. Oft ist dies aber auch
das Alter der tiefer dringenden Fragen, des angstvollen Suchens, das sogar
vergeblich erscheinen kann, eines gewissen Mibtrauens gegen die anderen,
eines gefährlichen Sichzurückziehens auf sich selber; es ist zuweilen das
Alter der ersten Niederlagen und Enttäuschungen«14.
88. Die Eltern müssen der Entwicklung ihrer Kinder und ihren körperlichen
und seelischen Veränderungen, die für die Reife der Persönlichkeit entscheidend
sind, ihre besondere Aufmerksamkeit widmen. Zwar sollen sie keine Ängstlichkeit,
Furcht und übertriebene Besorgnis an den Tag legen, aber sie dürfen auch
nicht zulassen, dab Feigheit und Bequemlichkeit ihrer Einflubnahme im Wege
stehen. Selbstverständlich ist dies eine wichtige Etappe in der zum Wert
der Keuschheit hinführenden Erziehung, die sich ja auch in der Art und
Weise der sexuellen Information bewähren mub. In dieser Phase betreffen
die erzieherischen Anforderungen auch den Aspekt der Genitalität und seine
Erläuterung auf der Ebene der Werte wie auch auf der Ebene der ganzheitlich
begriffenen Wirklichkeit; dazu gehört überdies, dab man den Zusammenhang
mit Fortpflanzung, Ehe und Familie erkennt, ein Zusammenhang, der innerhalb
einer echten Geschlechtserziehung niemals auber acht gelassen werden darf.15
89. Ausgehend von den Veränderungen, die ihre Töchter und Söhne am eigenen
Körper erfahren, ist es an den Eltern, detailliertere Erklärungen zur
Geschlechtlichkeit zu geben, wann immer — in einem Verhältnis von Vertrauen
und Freundschaft — die Mädchen sich ihrer Mutter und die Jungen sich ihrem
Vater anvertrauen. Der Grundstein eines solchen Verhältnisses von Vertrauen
und Freundschaft wird bereits in den ersten Lebensjahren gelegt.
90. Eine wichtige Aufgabe der Eltern besteht darin, die physiologische
Entwicklung der Töchter zu begleiten und ihnen dabei zu helfen, die Entwicklung
der Fraulichkeit in körperlicher, seelischer und geistiger Hinsicht
freudig anzunehmen.16 Dabei wird man in der Regel auch von den Fruchtbarkeitszyklen
und ihrer Bedeutung sprechen können; es wird jedoch noch nicht notwendig
sein, es sei denn auf ausdrücklichen Wunsch, die sexuelle Vereinigung im
einzelnen zu erklären.
91. Es ist sehr wichtig, dab auch den Jugendlichen männlichen Geschlechts
dabei geholfen wird, die Stufen der physischen und physiologischen Entwicklung
der Geschlechtsorgane zu verstehen, ehe sie diese Dinge von Spielkameraden
oder von ungeeigneten Personen erfahren. Hinweise auf die physiologischen
Gegebenheiten der männlichen Pubertät müssen in ungezwungenem, positivem
und zurückhaltendem Ton erfolgen und in die Perspektive Ehe-Familie-Vaterschaft
eingebettet sein. Die Unterweisung der Jugendlichen, der Mädchen ebenso
wie der Jungen, mub demnach auch eine den Umständen angepabte und ausreichende
Information über die körperlichen und seelischen Eigenarten des anderen
Geschlechts beinhalten, auf das sich die Neugierde in zunehmendem Mabe
richtet.
Auch der informative Beistand eines gewissenhaften Arztes und ebenso
der eines Psychologen kann für die Eltern auf diesem Gebiet von Nutzen
sein, wenn diese Informationen nicht aus dem Bezug zum Glauben und dem
erzieherischen Wirken des Priesters herausgelöst werden.
92. Durch einen vertrauensvollen und offenen Dialog können die
Eltern ihre Töchter nicht nur darauf vorbereiten, jeder emotionalen
Verwirrung zu begegnen, sondern auch den Wert der christlichen Keuschheit
dem anderen Geschlecht gegenüber vertreten. Die Mädchen und Jungen müssen
dahingehend erzogen werden, dab sie die Schönheit der Mutterschaft und
die wunderbare Wirklichkeit der Fortpflanzung ebenso erkennen wie den tiefen
Sinn der Jungfräulichkeit. Auf diese Weise hilft man ihnen, sich dem heute
in vielen Bereichen herrschenden Hedonismus zu widersetzen und vor allem
in einem so entscheidenden Lebensabschnitt jener heute unglücklicherweise
so weit verbreiteten »empfängnisfeindlichen Mentalität« vorzubeugen,
mit der sich die Mädchen auch später, in der Ehe, noch auseinandersetzen
werden müssen.
93. Während der Pubertät kann die psychische und emotionale Entwicklung
des männlichen Jugendlichen ihn für erotische Phantasien anfällig werden
lassen und ihn der Versuchung aussetzen, sexuelle Erfahrungen zu machen.
Die Eltern müssen ihren Söhnen beistehen und die Neigung zu einem hedonistischen
und materialistischen Genub der Geschlechtlichkeit korrigieren. Sie werden
ihnen also das Geschenk Gottes ins Bewubtsein rufen, das sie empfangen
haben, um mit Ihm zusammenzuwirken und »im Laufe der Geschichte den Ursegen
des Schöpfers zu verwirklichen«; und sie bestärken sie somit in dem Bewubtsein,
dab »die Fruchtbarkeit Ausflub und Zeichen der ehelichen Liebe ist, das
lebendige Zeugnis der gegenseitigen Ganzhingabe der Ehegatten«17. Auf diese
Weise lernen die Jugendlichen auch die der Frau gebührende Achtung. Das
informierende und belehrende Wirken der Eltern ist nicht deshalb notwendig,
weil die Jugendlichen die geschlechtlichen Gegebenheiten nicht auch anders
erfahren könnten, sondern, damit sie sie im rechten Licht kennenlernen.
94. In positiver und kluger Weise werden die Eltern das tun,
was die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils fordern: »Jugendliche sollen
über die Würde, die Aufgaben und den Vollzug der ehelichen Liebe am besten
im Kreis der Familie selbst rechtzeitig in geeigneter Weise unterrichtet
werden, damit sie, an keusche Zucht gewöhnt, im entsprechenden Alter nach
einer sauberen Brautzeit in die Ehe eintreten können.«18
Diese positive Belehrung über die Geschlechtlichkeit wird stets einzubetten
sein in einen Bildungsplan, der jenen christlichen Zusammenhang herstellt,
in dem sämtliche Informationen über das Leben, über die sexuelle Aktivität,
über Anatomie und über Hygiene gegeben werden sollten. Die Dimensionen
des Geistigen und des Sittlichen müssen daher immer Vorrang haben und auf
zwei besondere Ziele ausgerichtet sein: die Vermittlung der göttlichen
Gebote als eines Lebensweges und die Bildung eines redlichen Gewissens.
Dem jungen Mann, der ihn fragt, was er tun müsse, um das ewige Leben
zu erlangen antwortet Jesus: »Wenn du aber das Leben erlangen willst, halte
die Gebote« (Mt 19,17); und nachdem er diejenigen aufgezählt hat,
die sich auf die Nächstenliebe beziehen, fabt er sie in der griffigen Formel
zusammen: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Mt
19,19). Es ist sehr wichtig, das Wesen der Gebote als Geschenk Gottes (vom
Finger Gottes geschrieben, vgl. Ex 31,18) und Ausdruck des Bundes
mit Ihm aufzuzeigen, damit der Jugendliche sie nicht losgelöst von ihrem
Bezug auf ein innerlich reiches und von Egoismen befreites Leben betrachtet.19
95. Als Ausgangspunkt für die Gewissensbildung ist ein erleuchtetes
Wissen erforderlich: das Wissen um den Plan der Liebe, den Gott mit jedem
einzelnen Menschen hat, um die positive und befreiende Bedeutung der sittlichen
Normen, um die von der Sünde herrührende Hinfälligkeit ebenso wie um die
Gnadenmittel, die den Menschen auf seinem Weg zum Guten und zum Heil stärken.
»Im Innersten der Person wirkt das Gewissen« — das »die verborgenste
Mitte und das Heiligtum im Menschen« ist, wie das Zweite Vatikanische Konzil
es formuliert.20 »Es gebietet zum gegebenen Zeitpunkt, das Gute zu tun
und das Böse zu unterlassen. Es urteilt auch über die konkreten Entscheidungen,
indem es den guten zustimmt, die schlechten mibbilligt. Es bezeugt die
Wahrheit im Hinblick auf das höchste Gut, auf Gott, von dem der Mensch
angezogen wird und dessen Gebote er empfängt.«21
Denn »das Gewissen ist ein Urteil der Vernunft, in welchem der Mensch
erkennt, ob eine konkrete Handlung, die er beabsichtigt, gerade ausführt
oder schon getan hat, sittlich gut oder schlecht ist«22. Also erfordert
die Bildung des Gewissens Erleuchtung hinsichtlich der Wahrheit und des
göttlichen Plans und darf nicht mit einem unklaren subjektiven Empfinden
oder der persönlichen Meinung verwechselt werden.
96. Wenn sie auf die Fragen ihrer Kinder antworten, müssen Eltern wohlüberlegte
Argumente für den Wert der Keuschheit bereithalten und die intellektuelle
und menschliche Haltlosigkeit derjenigen Theorien deutlich machen, die
zu zügellosen und hedonistischem Verhalten anregen; ihre Antworten sollen
klar verständlich sein, und sie sollen weder der Problematik krankhaften
sexuellen Verhaltens allzu grobe Bedeutung beimessen noch der falschen
Auffassung, dab die Geschlechtlichkeit etwas Schändliches oder Schmutziges
sei, da sie ja ein grobes Geschenk Gottes ist, der im Körper des Menschen
die Zeugungsfähigkeit angelegt hat und ihn so an seiner Schöpferkraft teilhaben
läbt. Mehr noch, sowohl in der Schrift (vgl. Hld 1-8; Hos
2; Jer 3,1-3; Ez 23, etc.) als auch in der Tradition christlicher
Mystik ist die eheliche Liebe stets als Symbol und Abbild der Liebe Gottes
zu den Menschen betrachtet worden.23
97. Da ein Junge oder ein Mädchen während der Pubertät für emotionale
Einflüsse besonders anfällig ist, haben die Eltern die Pflicht, ihre
Kinder durch das Gespräch und durch ihren Lebensstil im Widerstand gegen
negative Einflüsse von auben zu bestärken, die sie vielleicht veranlassen
könnten, die christliche Lebensgestaltung in Liebe und Keuschheit unterzubewerten.
Vor allem in den vom Konsumrausch mitgerissenen Gesellschaften müssen die
Eltern sich zuweilen — ohne dies allzusehr merken zu lassen — um die Beziehungen
ihrer Kinder zu Jugendlichen des anderen Geschlechts kümmern. Mögen sie
auch von der Gesellschaft akzeptiert werden, so sind doch manche Gepflogenheiten
in der Sprechweise und der Wahl der Kleidung in moralischer Hinsicht unschicklich
und dienen dazu, die Geschlechtlichkeit zu banalisieren, das heibt, sie
auf einen bloben Konsumgegenstand zu reduzieren. Die Eltern müssen ihren
Kindern also den Wert christlicher Zurückhaltung, sittsamer Kleidung und
der notwendigen Selbständigkeit gegenüber Modeströmungen vermitteln, die
kennzeichnend ist für einen Mann oder eine Frau mit einer reifen Persönlichkeit.24
3. Die Jugendzeit innerhalb des Lebensentwurfs
98. Die Jugend stellt innerhalb der Entwicklung des Individuums die
Phase der Selbstentwurfs und somit der Entdeckung der eigenen Berufung
dar: diese Phase dauert heute — sei es aus physiologischen, sei es aus
sozio-kulturellen Gründen — im allgemeinen länger als früher. Die christlichen
Eltern müssen »die Kinder so für das Leben formen, dab jedes entsprechend
der von Gott empfangenen Berufung seine Aufgabe ganz erfüllen kann«25.
Es handelt sich hierbei um eine Verpflichtung von allergröbter Wichtigkeit,
die im Grunde den Höhepunkt der elterlichen Sendung bildet. Diese Wichtigkeit
besteht immer, doch in besonderem Mabe während dieser Periode im Leben
der Kinder: »Im Leben eines jeden Laien gibt es besonders bedeutende und
entscheidende Momente, den Ruf Gottes zu erkennen: (...) dazu zählen die
frühe Jugend und die Jugend.«26
99. Es ist sehr wichtig, dab die Jugendlichen bei der Suche nach ihrer
persönlichen Berufung nicht alleine sind. Der Rat der Eltern und
der Beistand eines Priesters oder anderer entsprechend ausgebildeter Personen
— in den Pfarreien, den Verbänden, den neuen und fruchtbaren kirchlichen
Bewegungen etc. —, die ihnen helfen können, den gottgewollten Sinn ihrer
Existenz und die mannigfaltigen Formen der allgemeinen Berufung zur Heiligkeit
zu entdecken, ist von zuweilen sogar entscheidender Bedeutung, denn »der
Ruf Christi "Folge mir nach" läbt sich auf verschiedenen
Wegen vernehmen, auf denen Jünger und Bekenner des göttlichen Erlösers
gehen«27.
100. Jahrhundertelang war der Begriff der Berufung einzig dem Priester-
und Ordensstand vorbehalten. Eingedenk der Lehre des Herrn — »ihr sollt
also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist« (Mt
5,48) — hat das Zweite Vatikanische Konzil den allgemeinen Aufruf zur Heiligkeit
erneuert:28 »Diese nachdrückliche Einladung zur Heiligkeit« — so schrieb
wenig später Paul VI. — »ist ein besonderer Zug der Lehre gerade dieses
Konzils und gleichsam seine letzte Zielsetzung«29; und Johannes Paul II.
bekräftigt: »Das Zweite Vatikanische Konzil hat Entscheidendes über die
universelle Berufung zur Heiligkeit gesagt: Man kann sogar behaupten, dab
dieser der wichtigste Auftrag eines Konzils, das die Erneuerung des christlichen
Lebens im Sinn des Evangeliums zum Ziel hatte, an alle Söhne und Töchter
der Kirche ist.30 Er ist nicht lediglich eine moralische Ermahnung, sondern
eine unausweichliche Forderung, die sich aus dem Geheimnis der Kirche
ergibt.«31
Gott beruft alle Menschen zur Heiligkeit, und für jeden von ihnen hat
er klar umrissene Pläne: eine persönliche Berufung, die jeder erkennen,
annehmen und entfalten mub. Für alle Christen — Priester und Laien, Verheiratete
und Ledige — gelten die Worte des Völkerapostels: »Ihr seid von Gott
geliebt, seid seine auserwählten Heiligen« (Kol 3,12).
101. Folglich darf weder in der Katechese noch in der innerhalb und
auberhalb der Familie erteilten Erziehung jemals das fehlen, was das kirchliche
Lehramt nicht nur von der herausragenden Bedeutung der Jungfräulichkeit
und des Zölibats32, sondern auch von der Berufung zur Ehe sagt, die von
einem Christen nie als blobes menschliches Abenteuer betrachtet werden
kann: »Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die
Kirche«, so sagt der heilige Paulus (Eph 5,32). Ob es gelingt, den
Jugendlichen diese feste Überzeugung zu vermitteln, die für das Wohl der
Kirche und der Menschheit von transzendentaler Bedeutung ist, hängt »grobenteils
von den Eltern und vom Familienleben ab, das sie in ihrem Heim entfalten«33.
102. Die Eltern müssen sich stets bemühen, mit ihrem eigenen Leben Beispiel
und Zeugnis zu geben von der Treue Gottes und der gegenseitigen Treue
im ehelichen Bund. Doch besonders entscheidend ist ihr Beispiel in der
Jugend, einer Phase, in der die Heranwachsenden nach gelebten und ansprechenden
Vorbildern für ihr Verhalten suchen. Da in dieser Zeit oft auch die
sexuellen Probleme zum Tragen kommen, müssen die Eltern sie mit Rat und
Klugheit lehren, die Schönheit und Kraft der Keuschheit zu lieben; dabei
sollen sie ihnen erklären, dab sie, um keusch zu leben, im Gebet und im
häufigen und heilsamen Empfang der Sakramente, insbesondere der persönlichen
Beichte, über eine unschätzbare Hilfe verfügen. Ferner müssen sie in der
Lage sein, ihren Kindern nach Bedarf eine positive und ausgeglichene Erläuterung
der Fixpunkte der christlichen Moral zu geben, wie etwa der Unauflöslichkeit
der Ehe und der Zusammenhänge zwischen Liebe und Fortpflanzung, doch auch
der Verwerflichkeit des vorehelichen Verhältnisses, der Abtreibung, der
Empfängnisverhütung und der Selbstbefriedigung. Hinsichtlich dieser letzteren
unmoralischen Verhaltensweisen, die dem Sinn der ehelichen Hingabe zuwiderlaufen,
ist es auch hilfreich, auf folgendes hinzuweisen: »Die beiden Dimensionen
der ehelichen Vereinigung, nämlich Vereinigung und Zeugung, lassen
sich nicht künstlich trennen, ohne die tiefste Wahrheit des ehelichen
Aktes selbst anzugreifen.«34 Hierbei wird eine gründliche und eingehende
Kenntnis der kirchlichen Dokumente, die diese Probleme behandeln, für die
Eltern eine wertvolle Hilfe sein.35
103. Insbesondere die Selbstbefriedigung stellt eine schwere, in sich
selbst rechtswidrige Verfehlung dar, die moralisch nicht gerechtfertigt
werden kann, auch wenn zu bedenken ist, »wie mangelnde Reife in der Adoleszenz,
die zuweilen auch nach dem Pubertätsalter anhalten kann, wie ein gestörtes
seelisches Gleichgewicht oder wie übernommene Gewohnheit auf das Verhalten
Einflub nehmen, die Freiwilligkeit der Handlungen herabmindern und dadurch
bewirken, dab subjektiv gesehen nicht immer eine schwere Schuld vorliegt«36.
Den Jugendlichen mub folglich bei der Überwindung der sich in dieser Weise
äubernden Verirrungen geholfen werden, die häufig für diese Entwicklungsstufe
kennzeichnend und überdies Ausdruck innerer Konflikte und nicht selten
auch einer egoistischen Sichtweise der Geschlechtlichkeit sind.
104. Eine spezielle Problematik, die sich im Verlauf des Reife- und
Selbstfindungsprozesses ergeben kann, ist die der Homosexualität,
die sich im übrigen in den urbanisierten Zivilisationen immer mehr ausbreitet.
Dieses Phänomen ist im Rahmen einer ausgewogenen Beurteilung im Lichte
der kirchlichen Dokumente darzulegen.37 Die Jugendlichen benötigen Hilfe,
um die Begriffe von Normalität und Anomalie, subjektiver Schuld und objektiver
Unordnung unterscheiden zu lernen; dabei mub vermieden werden, dab in ihnen
eine ablehnende Haltung entsteht, und andererseits ist die ordnende und
ergänzende Ausrichtung der Geschlechtlichkeit auf die Realitäten der Ehe,
der Fortpflanzung und der christlichen Keuschheit klarzustellen. »Homosexuell
sind Beziehungen von Männern oder Frauen, die sich in geschlechtlicher
Hinsicht ausschlieblich oder vorwiegend zu Menschen gleichen Geschlechtes
hingezogen fühlen. Homosexualität tritt in verschiedenen Zeiten und Kulturen
in sehr wechselhaften Formen auf. Ihre psychische Entstehung ist noch weitgehend
ungeklärt.«38 Man mub die Neigung, die angeboren sein kann, unterscheiden
von den homosexuellen Handlungen, die »in sich nicht in Ordnung«39 sind
und dem natürlichen Gesetz widersprechen.40
In vielen Fällen kann, insbesondere wenn die Praxis homosexueller Handlungen
nicht verfestigt ist, eine geeignete Therapie zu positiven Ergebnissen
führen. Auf jeden Fall ist den Personen, die in dieser Lage sind, mit Achtung,
Anstand und Feingefühl zu begegnen, unter Vermeidung jeglicher Form von
ungerechter Zurücksetzung. Die Eltern ihrerseits sollten sich, wenn sie
ihre Söhne und Töchter in der Kindheit oder Jugend über das Vorkommen solcher
Neigungen oder entsprechender Verhaltensweisen unterrichten, von erfahrenen
und kompetenten Personen helfen lassen, um jede Möglichkeit der Unterstützung
auszuschöpfen.
Für den gröbten Teil der homosexuellen Menschen bedeutet diese Situation
eine Prüfung: »Ihnen ist mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen. Man
hüte sich, sie in irgendeiner Weise ungerecht zurückzusetzen. Auch diese
Menschen sind berufen, in ihrem Leben den Willen Gottes zu erfüllen und,
wenn sie Christen sind, die Schwierigkeiten, die ihnen aus ihrer Veranlagung
erwachsen können, mit dem Kreuzesopfer des Herrn zu vereinen.«41 »Homosexuelle
Menschen sind zur Keuschheit gerufen.«42
105. Das Wissen um die positive Bedeutung der Geschlechtlichkeit für
die Harmonie und die Entwicklung der Persönlichkeit wie auch hinsichtlich
der Berufung des Menschen in Familie, Gesellschaft und Kirche, bildet stets
den gröberen Zusammenhang, in den die Erziehung in den jeweiligen Entwicklungsphasen
des Heranwachsenden gestellt werden mub. Man darf nie vergessen, dab ein
ungeregelter Genub der Sexualität die Fähigkeit der Person zur Liebe
nach und nach zu zerstören droht, indem er die Lust — anstelle der uneingeschränkten
Selbsthingabe — zum Ziel der Geschlechtlichkeit macht und die anderen Menschen
zu Objekten der eigenen Befriedigung herabwürdigt: so schwächt er ebenso
den Sinn für die — dem Leben immer offene — wahre Liebe zwischen Mann und
Frau, wie auch die Familie selbst und führt Schritt für Schritt zur Mibachtung
des menschlichen Lebens, das empfangen werden könnte, und das nur noch
als ein Übel betrachtet wird, welches in bestimmten Situationen die persönliche
Lust zu beeinträchtigen droht.43 »Die Banalisierung der Sexualität gehört
zu den hauptsächlichen Faktoren, in denen die Verachtung des werdenden
Lebens ihren Ursprung hat: nur eine echte Liebe vermag das Leben zu hüten.«44
106. Man mub auch bedenken, dab die Heranwachsenden in den Industriegesellschaften
gänzlich in Anspruch genommen und zuweilen verwirrt werden von den Problemen
der Selbstfindung, der Entdeckung des eigenen Lebensentwurfs und
der Schwierigkeit, eine Integration der Sexualität in eine reife und positiv
eingestellte Persönlichkeit zu erreichen, doch auch von dem Problem, sich
selbst und den eigenen Körper anzunehmen. Gegenwärtig entstehen spezielle
Anlaufstellen und Zentren für Jugendliche, die häufig von rein hedonistischen
Absichten gekennzeichnet sind. Eine vernünftige Körperkultur, die dazu
führt, dab man sich selbst annimmt als Geschenk und als Verkörperung eines
für Gott und für die Gesellschaft offenen Geistes, mub die Erziehung in
dieser in hohem Mabe konstruktiven, doch nicht risikolosen Phase begleiten.
Angesichts der Perspektiven eines lustbetonten Zusammenkommens, die
vor allem in den Wohlstandsgesellschaften geboten werden, ist es also von
gröbter Wichtigkeit, den Jugendlichen die Ideale menschlicher und christlicher
Solidarität vor Augen zu stellen, ebenso wie die konkreten Möglichkeiten
des Engagements in den kirchlichen Verbänden und Bewegungen und im freiwilligen
katholischen und missionarischen Dienst.
107. In dieser Phase sind Freundschaften besonders wichtig. Je
nach den Umständen und sozialen Gepflogenheiten der Umgebung, in der man
lebt, ist die Jugend eine Zeit, in der die Heranwachsenden gröbere Freiheiten
in den Beziehungen zu anderen und innerhalb des familiären Tagesablaufs
genieben. Ohne ihnen ein richtiges Mab an Selbständigkeit zu nehmen, müssen
die Eltern ihren Kindern gegenüber in der Lage sein, nein zu sagen, wo
es notwendig ist45, und gleichzeitig in ihnen den Sinn erwecken für das,
was schön, wahr und edel ist. Ferner müssen sie ein Gespür haben für die
Selbstachtung des Jugendlichen, die eine Phase der Verwirrung und Unklarheit
bezüglich der Bedeutung der persönlichen Würde und der mit ihr verbundenen
Anforderungen durchlaufen kann.
108. Durch die Ratschläge, die Liebe und Geduld ihnen eingeben, werden
die Eltern die Jugendlichen davon abhalten, sich in übertriebenem Mabe
in sich selbst zu verschlieben, und sie werden sie lehren, ihren Weg
wenn nötig entgegen den sozialen Gepflogenheiten zu gehen, die die wahre
Liebe und die Wertschätzung der geistigen Wahrheiten zu ersticken drohen:
»Seid nüchtern und wachsam! Euer Widersacher, der Teufel, geht wie ein
brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann. Leistet ihm
Widerstand in der Kraft des Glaubens! Wibt, dab eure Brüder in der ganzen
Welt die gleichen Leiden ertragen müssen! Der Gott aller Gnade aber, der
euch in Christus zu seiner ewigen Herrlichkeit berufen hat, wird euch,
die ihr kurze Zeit leiden mübt, wiederaufrichten, stärken, kräftigen und
auf festen Grund stellen« (1 Petr 5,8-10).
4. Erwachsen werden
109. Es liegt nicht in der Absicht dieses Dokuments, von der unmittelbaren
Vorbereitung auf die Ehe zu sprechen, einer Forderung christlicher Erziehung,
die in diesen Zeiten besonders geboten ist und von der Kirche angemahnt
wird.46 Auf jeden Fall mub man sich vergegenwärtigen, dab die Sendung der
Eltern nicht mit Erreichen der Volljährigkeit ihres Kindes, die zudem in
den verschiedenen Kulturen und Gesetzgebungen variiert, beendet ist. Besondere
und bedeutsame Momente im Leben der jungen Menschen sind auch der Eintritt
ins Berufsleben oder in die höhere Schule, wenn sie — durch einen zuweilen
schroffen, doch vielleicht auch segensreichen Übergang — mit anderen Verhaltensmustern
und mit Situationen in Berührung kommen, die im wahren und eigentlichen
Sinne eine Herausforderung darstellen.
110. Indem die Eltern auch weiterhin einen vertrauensvollen Dialog aufrechterhalten,
der das Verantwortungsgefühl fördert und zugleich die berechtigte und notwendige
Selbständigkeit respektiert, sollen sie durch ihren Rat wie durch ihr Beispiel
immer ein Bezugspunkt für ihre Kinder sein, damit sie im Laufe des weiteren
Sozialisationsprozesses die Möglichkeit haben, zu einer reifen und innerlich
wie auch gesellschaftlich gefestigten Persönlichkeit zu finden. In besonderer
Weise ist dafür Sorge zu tragen, dab die Kinder die gläubige Beziehung
zur Kirche und zu kirchlichen Aktivitäten nicht abbrechen, sondern sie
sogar intensivieren; dab sie sich für ihr zukünftiges Denken und Leben
die richtigen Lehrer zu wählen wissen; und dab sie auch in der Lage sind,
sich als Christen auf kulturellem und sozialem Gebiet einzusetzen, ohne
Furcht, sich als solche zu bekennen und ohne bei der Suche nach der eigenen
Berufung die Richtung zu verlieren.
In der Zeit, die auf die Verlobung hinführt oder auf die Entscheidung
für jene besondere Zuneigung, die in die Gründung einer Familie münden
kann, darf die Rolle der Eltern nicht darin bestehen, blobe Verbote auszusprechen
oder dem oder der Verlobten eine Entscheidung aufzuzwingen, sondern sie
müssen ihren Kindern dabei helfen, die notwendigen Voraussetzungen einer
ernsthaften, ehrlichen und vielversprechenden Bindung zu bestimmen, und
ihnen beistehen auf ihrem Weg, auf dem sie Zeugnis ablegen für christliche
Treue in der Beziehung zu einer Person des anderen Geschlechts.
111. Sie müssen sich davor hüten, die landläufige Meinung zu bestätigen,
wonach die Töchter in jeder Weise zur Tugend und zum Wert der Jungfräulichkeit
zu ermahnen seien, während man dies von den Söhnen nicht verlangen müsse,
gleichsam als wäre ihnen alles erlaubt.
Für das christliche Gewissen, für die Perspektive der Ehe und der Familie
und im Hinblick auf jede Art der Berufung gilt die Ermahnung des heiligen
Paulus an die Philipper: »Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter,
liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heibt und lobenswert ist, darauf
seid bedacht« (Phil 4,8).
VII.
PRAKTISCHE RICHTLINIEN
112. Es ist also innerhalb der Erziehung zu den Tugenden Aufgabe der
Eltern, eine wirkliche Erziehung ihrer Kinder in der Liebe zu fördern:
der ersten Zeugung eines menschlichen Lebens im Akt der Fortpflanzung
mub naturgemäb die zweite Zeugung folgen, im Rahmen derer die Eltern
dem Kind bei der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit beistehen.
Daher sollen nun in den folgenden Paragraphen Empfehlungen ausgesprochen
werden, die zusammenfassend das bisher Gesagte auf der Ebene der konkreten
Umsetzung wieder aufgreifen.1
Empfehlungen für die Eltern und die Erzieher
113. Es wird den Eltern empfohlen, sich ihrer erzieherischen Rolle
bewubt zu sein und dieses vorrangige Pflicht-Recht zu verteidigen und auszuüben.2
Daraus folgt, dab jede erzieherische Handlung, auch im Hinblick auf die
Erziehung in der Liebe, durch Personen, die nicht zur Familie gehören,
dem Anspruch der Eltern unterzuordnen ist und nicht als Ersatz, sondern
als Unterstützung ihres Wirkens betrachtet werden mub: denn »die Geschlechtserziehung,
Grundrecht und -pflicht der Eltern, mub immer unter ihrer sorgsamen Leitung
erfolgen, sei es zu Hause, sei es in den von ihnen für die Kinder gewählten
Bildungsstätten, deren Kontrolle ihnen zusteht«3. Häufig fehlt es den Eltern
weder am Bewubtsein noch an der Kraft. Doch sie sind zu sehr auf sich gestellt,
schutzlos und beladen mit Schuldgefühlen. Sie brauchen nicht nur Verständnis,
sondern den Beistand und die Hilfe von Gruppen, Verbänden und Institutionen.
1. Empfehlungen für die Eltern
114. 1. Es wird den Eltern empfohlen, sich mit anderen Eltern zusammenzuschlieben,
nicht allein zu dem Zweck, ihre Rolle als vorrangige Erzieher ihrer Kinder,
insbesondere auf dem Gebiet der Erziehung in der Liebe,4 zu verteidigen,
aufrechtzuerhalten oder zu vervollkommnen, sondern auch, um gegen schädliche
Formen der sexuellen Aufklärung vorzugehen und sicherzustellen, dab die
Kinder nach christlichen Grundsätzen und in Übereinstimmung mit ihrer persönlichen
Entwicklung erzogen werden.
115. 2. Eltern, die bei der Erziehung ihrer Kinder in der Liebe von
anderen unterstützt werden, wird empfohlen, sich genau über die Inhalte
und die Art zu informieren, in der diese ergänzende Erziehung durchgeführt
wird.5 Niemand kann die Kinder oder die Jugendlichen zu Stillschweigen
über Inhalt und Methode des auberhalb der Familie erteilten Unterrichts
verpflichten.
116. 3. Wir sind uns der Tatsache bewubt, dab es für Eltern schwierig
und oft auch unmöglich ist, in vollem Umfang an jeglichem auberhalb
von zu Hause erteilten ergänzenden Unterricht teilzunehmen; doch wir
machen geltend, dab sie dazu berechtigt sind, über Aufbau und Inhalte des
Programms auf dem laufenden gehalten zu werden. In keinem Fall darf man
ihnen das Recht verweigern, den Zusammenkünften beizuwohnen.6
117. 4. Es wird den Eltern empfohlen, mit Aufmerksamkeit jede Form der
sexuellen Information zu verfolgen, die ihren Kindern auberhalb von zu
Hause erteilt wird, und sie davon fernzuhalten, wenn diese ihren eigenen
Grundsätzen nicht entspricht.7 Diese Entscheidung der Eltern darf jedoch
kein Anlab zur Zurücksetzung der Kinder sein.8 Andererseits haben die Eltern,
die ihre Kinder aus einem solchen Unterricht herausnehmen, die Pflicht,
ihnen eine angemessene, an das Entwicklungsstadium des jeweiligen Kindes
oder Jugendlichen angepabte Aufklärung zu erteilen.
2. Empfehlungen an alle Erzieher
118. 1. Da jedes Kind oder jeder Jugendliche die eigene Geschlechtlichkeit
in Übereinstimmung mit den christlichen Grundsätzen leben und dabei folglich
auch die Tugend der Keuschheit üben soll, darf kein Erzieher — auch
nicht die Eltern — dieses Recht antasten (vgl. Mt 18,4-7).9
119. 2. Es wird empfohlen, das Recht des Kindes oder des Jugendlichen
auf angemessene Information zu den Fragen der Sittlichkeit und der
Geschlechtlichkeit zu respektieren; diese Information soll ihm von seinen
Eltern in einer Weise erteilt werden, die sein Verlangen, keusch zu sein
und in der Keuschheit erzogen zu werden, fördert.10 Dieses Recht wird näher
bestimmt vom Entwicklungsstadium des Kindes, von seiner Fähigkeit, sittliche
Wahrheit und geschlechtliche Information miteinander zu vereinbaren, und
von der Rücksicht auf seine Unschuld und seinen inneren Frieden.
120. 3. Es wird empfohlen, das Recht des Kindes oder des Jugendlichen,
sich von jeglicher Form auberfamiliären sexualkundlichen Unterrichts fernzuhalten,
zu respektieren.11 Aufgrund einer solchen Entscheidung dürfen weder
sie noch andere Familienmitglieder in irgendeiner Weise zur Rechenschaft
gezogen oder benachteiligt werden.
Vier handlungsbezogene Grundsätze und ihre speziellen Regeln
121. Auf der Basis dieser Empfehlungen kann die Erziehung in der Liebe
in vier handlungsbezogenen Grundsätzen Gestalt annehmen.
122. 1. Die menschliche Geschlechtlichkeit ist ein heiliges Geheimnis,
das entsprechend der Glaubens- und Sittenlehre der Kirche und unter ständiger
Berücksichtigung der Folgen der Erbsünde dargestellt werden mub.
Dieser auf der Lehre der Kirche beruhende Grundsatz mub, in Ehrfurcht
und christlichem Realismus angewandt, jeden Augenblick der Erziehung in
der Liebe bestimmen. In einer Zeit, da die menschliche Geschlechtlichkeit
ihres Mysteriums beraubt worden ist, müssen die Eltern sich in ihren Belehrungen
und bei der von anderen angebotenen Hilfe vor der Banalisierung der Geschlechtlichkeit
hüten. Insbesondere mub eine tiefe Achtung der Unterschiedlichkeit von
Mann und Frau gewahrt werden, in der sich die Liebe und Schöpferkraft Gottes
selbst widerspiegelt.
123. Zugleich müssen bei der Vermittlung der katholischen Glaubens-
und Sittenlehre zur Geschlechtlichkeit die dauerhaften Folgen der Erbsünde
berücksichtigt werden, das heibt die menschliche Schwäche und die Notwendigkeit
der Gnade Gottes, um den Versuchungen widerstehen und die Sünde meiden
zu können. Zu diesem Zweck bedarf jeder Mensch einer klaren, genauen und
mit den geistigen Werten übereinstimmenden Gewissensbildung. Die
katholische Sittenlehre jedoch beschränkt sich nie auf eine Anleitung,
wie man die Sünde meiden soll; ihr geht es auch um das Wachsen in den christlichen
Tugenden und darum, dab sich die Fähigkeit zur Selbsthingabe innerhalb
der Berufung des eigenen Lebens entfalten kann.
124. 2. Den Kindern und Jugendlichen dürfen nur solche Informationen
geboten werden, die der jeweiligen Stufe ihrer individuellen Entwicklung
angepabt sind.
Von diesem Grundsatz des geeigneten Zeitpunkts war bereits die
Rede bei der Beschäftigung mit den verschiedenen Entwicklungsphasen der
Kinder und Jugendlichen. Die Eltern und alle, die sie unterstützen, müssen
ein Gespür haben: a) für die verschiedenen Entwicklungsphasen, vor
allem die »Jahre der Unschuld« und die Pubertät, b) für die Art,
in der jedes Kind oder jeder Jugendliche die unterschiedlichen Lebensabschnitte
wahrnimmt, c) für die jeweils mit diesen Abschnitten verbundenen
spezifischen Probleme.
125. Anhand dieses Grundsatzes läbt sich auch herausstellen, wie wichtig
der richtige Zeitpunkt gerade in bezug auf die spezifischen Probleme ist.
a) In der späten Jugendzeit müssen die Heranwachsenden zunächst
mit den Anzeichen der Fruchtbarkeit und dann mit der natürlichen Empfängnisregelung
vertraut gemacht werden, doch ausschlieblich im Zusammenhang mit der Erziehung
in der Liebe, mit der ehelichen Treue und mit Gottes Plan der Fortpflanzung
und der Ehrfurcht vor dem menschlichen Leben.
b) Über die Homosexualität wird nicht vor dem Jugendalter
gesprochen, es sei denn, es entsteht in einer besonderen Situation ein
spezifisches, schwerwiegendes Problem.12 Dieses Thema darf nur erörtert
werden in den Begriffen der Keuschheit, des Heils und »der Wahrheit über
die menschliche Geschlechtlichkeit in ihrer Beziehung zum Familienleben
(...), so wie die Kirche sie lehrt«13.
c) Die sexuellen Perversionen, die verhältnismäbig selten
sind, sollen nicht behandelt werden, es sei denn, dab die Eltern mit individuellen
Ratschlägen auf tatsächliche Probleme eingehen müssen.
126. 3. Kinder oder Jugendliche gleich welchen Alters dürfen auf keinen
Fall, weder einzeln noch in der Gruppe, mit Materialien erotischer Art
konfrontiert werden.
Dieser Grundsatz der Schicklichkeit soll die Tugend der christlichen
Keuschheit schützen. Daher mub bei der Vermittlung sexueller Informationen
im Rahmen der Erziehung in der Liebe die Unterweisung stets »positiv
und klug«14 und »klar und taktvoll«15 sein. Diese vier von der
katholischen Kirche verwandten Begriffe schlieben jede Form von unannehmbaren
Inhalten in der Geschlechtserziehung aus.16
Auberdem müssen graphische und realistische Darstellungen der Geburt,
beispielsweise in einem Film, auch wenn sie nicht erotisch sind, den jungen
Männern und Frauen schrittweise zu Bewubtsein gebracht werden, um in ihnen
keine Angst und Ablehnung gegenüber der Fortpflanzung aufkommen zu lassen.
127. 4. Niemand darf jemals dazu aufgefordert, geschweige denn dazu
verpflichtet werden, sich in einer Weise zu verhalten, die objektiv gegen
den Anstand verstoben oder subjektiv sein Feingefühl oder seinen Sinn für
die »Privatsphäre« verletzen kann.
Dieser Grundsatz der Rücksichtnahme gegenüber dem Kind schliebt
jede ungeeignete Form des Miteinbeziehens der Kinder oder Jugendlichen
aus. Unter anderem lassen sich auch die folgenden Methoden mibbräuchlicher
Sexualaufklärung dazu zählen: a) jede »dramatisierte« Darstellung,
also Gebärden- oder »Rollenspiele«, die Sachverhalte aus dem genitalen
oder erotischen Bereich beschreiben, b) die Ausführung von Bildern,
Tafeln, Modellen, etc. dieser Art, c) die Aufforderung, zu Fragen
der Sexualität persönliche Informationen zu geben17 oder familiäre Angelegenheiten
offenzulegen, d) mündliche oder schriftliche Prüfungen zu Fragen
des genitalen oder erotischen Bereichs.
Die einzelnen Methoden
128. Diese Grundsätze und Regeln können den Eltern und allen, die sie
unterstützen, als Orientierung dienen, wenn sie die verschiedenen Methoden
anwenden, die erfahrene Eltern und Experten für die geeigneten halten.
Wir werden nun dazu übergehen, diese empfohlenen Methoden vorzustellen
und auberdem auch auf die zu meidenden Methoden samt den Ideologien hinzuweisen,
von denen sie hervorgebracht oder angeregt werden.
a) Empfohlene Methoden
129. Die normale und grundlegende Methode, die in diesem Leitfaden bereits
vorgeschlagen wurde, ist der persönliche Dialog zwischen Eltern und
Kindern, das heibt die individuelle Erziehung im Schob der Familie.
Der vertrauensvolle und offene Dialog mit den eigenen Kindern, der nicht
nur die Entwicklungsstufen, sondern auch die Person des Jugendlichen selbst
als Individuum berücksichtigt, ist tatsächlich nicht zu ersetzen. Wenn
jedoch die Eltern andere um Hilfe bitten, gibt es verschiedene nützliche
Methoden, die empfohlen werden können aufgrund der Erfahrungen, die Eltern
gemacht haben, und auch, weil sie mit der christlichen Vernunft zu vereinbaren
sind.
130. 1. Als Paar oder als Einzelpersonen können die Eltern sich mit
anderen treffen, die auf die Erziehung in der Liebe vorbereitet sind,
um von ihrer Erfahrung und Kompetenz zu profitieren. Diese können ihnen
auberdem von den kirchlichen Autoritäten approbierte Bücher und andere
Hilfsmittel erklären und zur Verfügung stellen.
131. 2. Die Eltern, die nicht immer darauf vorbereitet sind, sich mit
Fragen auseinanderzusetzen, die die Erziehung in der Liebe betreffen, können
gemeinsam mit ihren Kindern an Versammlungen teilnehmen, die von erfahrenen
und vertrauenswürdigen Personen geleitet werden, wie etwa Ärzten, Geistlichen
oder Erziehern. Aus Gründen einer gröberen Unbefangenheit in der Äuberung
scheint es in manchen Fällen geraten, solche Versammlungen jeweils nur
mit Jungen und nur mit Mädchen stattfinden zu lassen.
132. 3. In bestimmten Situationen können die Eltern einen Teil der
Erziehung in der Liebe einer anderen Person ihres Vertrauens übergeben,
wenn Fragen aufkommen, die eine besondere Kompetenz oder in Einzelfällen
seelsorgerischen Beistand erfordern.
133. 4. Die Katechese zu Fragen der Moral kann von anderen Vertrauenspersonen
erteilt werden, wobei der Sexualethik während der Pubertät und der Jugendzeit
besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden mub. Die Eltern müssen sich mit
der Moralkatechese befassen, die ihre Kinder auberhalb der Familie erhalten,
und ihre eigene erzieherische Arbeit darauf aufbauen; eine solche Katechese
darf jedoch nicht die intimsten biologischen oder emotionalen Aspekte der
Geschlechtlichkeit beinhalten, die Sache der Einzelerziehung in der Familie
sind.18
134. 5. Die religiöse Bildung der Eltern selbst, insbesondere
die solide katechetische Vorbereitung der Erwachsenen in der Wahrheit der
Liebe, bildet das Fundament eines reifen Glaubens, von dem sie sich bei
der Erziehung ihrer Kinder leiten lassen können.19 Diese Erwachsenenkatechese
ermöglicht nicht nur ein vertiefendes Verständnis der ehelichen Lebens-
und Liebesgemeinschaft, sondern auch eine verbesserte Kommunikation mit
den eigenen Kindern. Auberdem werden die Eltern, während sie ihrer Pflicht
nachkommen und ihre Kinder in der Liebe erziehen, für sich selbst viel
dabei gewinnen, weil sie entdecken werden, dab durch diesen Liebesdienst
»das Bewubtsein des Geschenks lebendig bleibt, das ihnen ständig in den
Kindern zuteil wird«20. Um die Eltern in die Lage zu versetzen, ihr erzieherisches
Werk durchzuführen, kann man in Zusammenarbeit mit Experten spezielle Fortbildungskurse
anbieten.
b) Zu meidende Methoden und Ideologien
135. Heutzutage müssen die Eltern sich vor Bestrebungen in acht nehmen,
ihren Kindern mit Hilfe verschiedener Methoden eine unsittliche Erziehung
zu vermitteln. Solche Methoden werden von Gruppierungen gefördert, deren
Positionen und Interessen der christlichen Moral zuwiderlaufen.21 Es ist
nicht möglich, auf sämtliche unannehmbaren Methoden hinzuweisen; daher
sollen hier nur einige der am weitesten verbreiteten Arten vorgestellt
werden, die die Rechte der Eltern und das sittliche Leben ihrer Kinder
bedrohen.
136. An erster Stelle müssen die Eltern die säkularisierte und geburtenfeindliche
Sexualaufklärung ablehnen, die Gott an den Rand des Lebens stellt und
die Geburt eines Kindes als Gefahr betrachtet; sie wird von den groben
Organisationen und internationalen Vereinigungen in Umlauf gebracht, die
der Abtreibung, Sterilisierung und Empfängnisverhütung das Wort reden.
Diese Organisationen wollen gegen die Wahrheit der menschlichen Geschlechtlichkeit
einen falschen Lebensstil durchsetzen. Solche Vereinigungen arbeiten auf
nationaler oder regionaler Ebene und versuchen, unter Kindern und Jugendlichen
die Angst vor der »drohenden Überbevölkerung« aufkommen zu lassen, um so
die empfängnisfeindliche Mentalität, das heibt die »anti-life-Einstellung«
zu verbreiten; sie bringen falsche Auffassungen von der »zeugungsbezogenen
Gesundheit« und den »sexuellen und zeugungsbezogenen Rechten« der Jugendlichen
in Umlauf.22 Zudem unterstützen manche geburtenfeindliche Organisationen
jene Art von Kliniken, die den Jugendlichen unter Verletzung der Rechte
der Eltern Abtreibung und Empfängnisverhütung zusichert, wodurch die Promiskuität
und demzufolge auch eine steigende Zahl von Schwangerschaften unter den
Jugendlichen begünstigt wird. »Wie kann man im Blick auf das Jahr 2000
nicht an die jungen Menschen denken? Welchen Vorschlag macht man ihnen?
Eine Gesellschaft von "Dingen" und nicht von "Personen".
Das Recht, von ihrer frühesten Jugend an alles grenzenlos zu tun, aber
mit der gröbtmöglichen "Absicherung". Die Gabe der Selbstlosigkeit,
die Beherrschung der Triebe, der Sinn für Verantwortung sind Vorstellungen,
die man als einer anderen Zeit zugehörig betrachtet.«23
137. Schon vor Beginn der Jugend kann nach und nach der unmoralische
Charakter der chirurgisch oder chemisch durchgeführten Abtreibung in den
Begriffen der katholischen Moral und der Ehrfurcht vor dem menschlichen
Leben erklärt werden.24
Was die Sterilisierung und die Empfängnisverhütung betrifft,
so dürfen diese Themen nicht vor dem Jugendalter und nur in Übereinstimmung
mit der Lehre der katholischen Kirche erörtert werden.25 Dabei sollen der
sittliche, geistige und gesundheitliche Gehalt der natürlichen Empfängnisregelung
unterstrichen und zugleich die Gefahren und die ethischen Aspekte der künstlichen
Methoden hervorgehoben werden. Man wird vor allem auf den wesentlichen
und tiefgreifenden Unterschied zwischen den natürlichen und den künstlichen
Methoden hinweisen, sowohl was den Plan Gottes zur Ehe als auch was die
Verwirklichung des »vorbehaltlosen gegenseitigen Sichschenkens der Gatten«26
und die Offenheit für das Leben betrifft.
138. In einigen Gesellschaften sind berufliche Verbände von Sexualerziehern,
-beratern und -therapeuten tätig. Da ihre Arbeit nicht selten auf schädlichen
Theorien ohne wissenschaftlichen Wert basieren, die sich gegenüber einer
echten Anthropologie verschlieben und die wahre Bedeutung der Keuschheit
verkennen, sollten die Eltern sich mit grober Umsicht über solche Verbände
Gewibheit verschaffen, gleich welche Art offizieller Anerkennung ihnen
auch zuteil geworden sein mag; und dies vor allem, wenn deren Standpunkt
mit den Lehren der Kirche nicht zu vereinbaren ist, was nicht nur in ihrem
Handeln, sondern auch in ihren Veröffentlichungen deutlich wird, die in
verschiedenen Ländern weit verbreitet sind.
139. Ein anderer Mibbrauch liegt dann vor, wenn man die geschlechtliche
Erziehung in Form einer auch graphischen Belehrung der Kinder über sämtliche
intimen Einzelheiten des genitalen Verkehrs durchführen will. Dies geschieht
heutzutage häufig in der Absicht, eine Erziehung zum »risikolosen Geschlechtsverkehr«
anzubieten, vor allem im Hinblick auf die Ausbreitung von AIDS. In diesem
Zusammenhang müssen die Eltern auch die Befürwortung des sogenannten »safe
sex« oder »safer sex« ablehnen, einer gefährlichen und unmoralischen Politik,
die auf der irrigen Meinung basiert, das Präservativ könne einen angemessenen
Schutz vor AIDS gewährleisten. Die Eltern müssen auf der Enthaltsamkeit
auberhalb und der Treue innerhalb der Ehe beharren — das ist die einzig
wahre und sichere Erziehung, um einer solchen Ansteckung vorzubeugen.
140. Ein weiterer sehr gebräuchlicher Ansatz, der jedoch schädlich sein
kann, wird mit dem Begriff »Klärung der Werte« bezeichnet. Die Jugendlichen
werden dazu ermuntert, mit der gröbten Selbständigkeit über moralische
Fragen nachzudenken, sich Klarheit zu verschaffen und Entscheidungen zu
treffen, wobei sie allerdings weder die objektive Wahrheit der allgemeinen
sittlichen Normen kennen noch die Gewissensbildung zu den spezifischen,
vom Lehramt der Kirche bestätigten christlichen Moralvorschriften berücksichtigen.27
Man vermittelt den Jugendlichen die Vorstellung, ein moralischer Kodex
sei etwas von ihnen selbst Geschaffenes, gleichsam als wäre der Mensch
Quelle und Mabstab der Moral.
Die Methode der Klärung der Werte hemmt jedoch die wirkliche Freiheit
und Selbständigkeit der Jugendlichen in einer unsicheren Phase ihrer Entwicklung.28
In der Praxis wird nicht nur die Meinung der Mehrheit als richtig hingestellt,
sondern die Jugendlichen werden auberdem mit moralisch gesehen sehr komplexen
Situationen konfrontiert, die weit entfernt sind von den sittlichen Entscheidungen,
die sie im Alltag zu treffen haben und in denen das Gute und das Böse leicht
zu erkennen sind. Diese unannehmbare Methode steht dem moralischen Relativismus
sehr nahe und führt zu Gleichgültigkeit gegenüber den sittlichen Normen
und zu Permissivität.
141. Die Eltern müssen auch auf Bestrebungen achten, sexualkundliche
Themen in die im Grunde sinnvolle Behandlung anderer Stoffe einflieben
zu lassen (zum Beispiel: Gesundheit und Hygiene, die persönliche Entwicklung,
das Familienleben, die kindgerechte Lektüre, soziale und kulturelle Studien,
etc.). In solchen Fällen ist es schwieriger, den Inhalt der sexuellen Unterweisung
zu kontrollieren. Diese einbeziehende Methode wird insbesondere
von den Befürwortern der auf die Geburtenkontrolle ausgerichteten sexuellen
Aufklärung verwendet oder in Ländern, wo die Regierung die Rechte der Eltern
auf diesem Gebiet nicht respektiert. Doch auch die Katechese wäre im Unrecht,
wenn die untrennbare Einheit von Religion und Moral als Vorwand benützt
würde, um in die religiöse Unterweisung diejenigen geschlechtlichen, biologischen
und emotionalen Informationen einzubeziehen, die die Eltern aufgrund ihrer
eigenen, klugen Entscheidung zu Hause erteilen sollten.29
142. Schlieblich sei zur allgemeinen Orientierung darauf hingewiesen,
dab alle diese unterschiedlichen Methoden der Geschlechtserziehung von
den Eltern auf der Grundlage der Prinzipien und sittlichen Normen der Kirche
beurteilt werden müssen, die Ausdruck der menschlichen Werte im alltäglichen
Leben sind.30 Auch die negativen Auswirkungen sind zu bedenken, die manche
Methoden auf die Persönlichkeit der Kinder und Jugendlichen haben können.
Die Inkulturation und die Erziehung in der Liebe
143. Eine wirkliche Erziehung in der Liebe mub das kulturelle Umfeld,
in dem Eltern und Kinder leben, berücksichtigen. Als Verbindung von Glaubensbekenntnis
und konkretem Leben besteht die Inkulturation darin, Glauben und Kultur
in Einklang zu bringen, wobei Christus und sein Evangelium unbedingten
Vorrang vor der Kultur haben. »Weil er jegliche natürliche und kulturelle
Ordnung übersteigt, ist der christliche Glaube einerseits mit allen Kulturen
in den Punkten vereinbar, in denen sie der wahren Vernunft und dem guten
Willen entsprechen, und andererseits ist er selbst ein Tatbestand, der
die Kultur ganz erheblich dynamisiert. Ein Prinzip ist es, das die Gesamtheit
der Beziehungen zwischen Glauben und Kultur erhellt: die Gnade achtet die
Natur, heilt sie von den Wunden der Sünde, stärkt und erhöht sie. Die Überhöhung
hin zum göttlichen Leben ist die eigentliche Zweckbestimmtheit der Gnade,
doch sie ist nicht möglich, ohne dab die Natur geheilt wird und ohne dab
die Erhöhung zur übernatürlichen Ordnung die Natur auf der ihr eigenen
Bahn zur Fülle der Bildung geleitet.«31 Deshalb ist es auf keinen Fall
zu rechtfertigen, dab den Kindern im Namen einer vorherrschenden weltlichen
Kultur eine frühzeitige und detaillierte Sexualerziehung erteilt wird.
Andererseits müssen die Eltern ihre Kinder dahingehend erziehen, dab sie
die Kräfte dieser Kultur begreifen und sich mit ihnen auseinandersetzen,
damit sie immer dem Weg Christi folgen können.
144. In den traditionellen Kulturen müssen die Eltern der christlichen
Moral entgegengesetzte Gepflogenheiten nicht akzeptieren, beispielsweise
im Rahmen der mit der Pubertät verbundenen Riten, die zuweilen in der Einführung
der Jugendlichen in sexuelle Praktiken oder in Handlungen bestehen, die
sich gegen die Unversehrtheit und die Würde der Person richten, wie etwa
die Verstümmelung der Geschlechtsteile bei den jungen Mädchen. Es ist folglich
die Aufgabe der Kirche zu beurteilen, ob das lokale Brauchtum mit der christlichen
Moral zu vereinbaren ist. Die Traditionen der Sittsamkeit und Zurückhaltung
auf dem Gebiet der Geschlechtlichkeit, die Kennzeichen mancher Gesellschaften
sind, müssen jedoch überall respektiert werden. Zugleich soll das Recht
der Jugendlichen auf eine angemessene Information bestehenbleiben. Auberdem
mub man die besondere Rolle der Familie in einer solchen Kultur berücksichtigen,32
ohne irgendwelche westlichen Modelle der geschlechtlichen Erziehung durchsetzen
zu wollen.
VIII.
SCHLUSSFOLGERUNG
Beistand für die Eltern
145. Es gibt verschiedene Wege, den Eltern bei der Erfüllung ihres grundlegenden
Pflicht-Rechts, ihre Kinder in der Liebe zu erziehen, zu helfen und beizustehen.
Den Eltern beizustehen bedeutet jedoch niemals, ihnen ihr erzieherisches
Pflicht-Recht zu nehmen, denn dieses bleibt »unabgeleitet und ursprünglich«,
»unersetzlich und unveräuberlich«1. Deshalb ist die Rolle, die andere zur
Unterstützung der Eltern übernehmen können, (a) subsidiär, weil
die erzieherische Rolle der Familiengemeinschaft immer vorrangig ist, und
(b) untergeordnet, das heibt, der aufmerksamen Führung und Kontrolle
der Eltern unterworfen. Alle müssen die richtige Rangfolge beachten bei
der Kooperation und Zusammenarbeit zwischen den Eltern und denjenigen,
die sie in ihrer Aufgabe unterstützen können. Es versteht sich von selbst,
dab der Beistand der anderen sich im wesentlichen auf die Eltern und nicht
auf die Kinder bezieht.
146. Diejenigen, die dazu berufen sind, den Eltern bei der Erziehung
ihrer Kinder in der Liebe zu helfen, müssen von ihrer Einstellung und von
ihrer Vorbereitung her in der Lage sein, dies in Übereinstimmung mit der
gesamten authentischen Sittenlehre der katholischen Kirche zu tun. Zudem
müssen es reife Personen sein von gutem moralischen Ruf, die, gleich ob
verheiratet oder ledig, Laien, Ordensleute oder Geistliche, dem Stand,
den sie sich für ihr christliches Leben gewählt haben, treu bleiben. Ihre
Vorbereitung darf sich nicht nur auf die Einzelheiten der sittlichen und
geschlechtlichen Information erstrecken, sondern sie müssen auch ein Gespür
haben für die Rechte und die Rolle der Eltern und der Familie, ebenso wie
für die Bedürfnisse und Probleme der Kinder und Jugendlichen.2 Auf diese
Weise haben sie sich auf der Basis der Grundsätze und Inhalte der vorliegenden
Richtlinien »vom gleichen Geist leiten zu lassen wie die Eltern«3; wenn
die Eltern jedoch glauben, die Erziehung in der Liebe in angemessener Weise
leisten zu können, sind sie nicht verpflichtet, ihre Hilfe anzunehmen.
Wertvolle Quellen für die Erziehung in der Liebe
147. Der Päpstliche Rat für die Familie ist sich der Tatsache bewubt,
dab ein grober Bedarf besteht an geeigneten Materialien, die in Übereinstimmung
mit den im vorliegenden Leitfaden erörterten Grundsätzen speziell für die
Eltern konzipiert sind. Diejenigen Eltern, die sich dazu in der Lage fühlen
und von diesen Grundsätzen überzeugt sind, müssen das Ihre zur Bereitstellung
solcher Materialien beitragen. So können sie ihre eigene Erfahrung und
Weisheit zur Verfügung stellen, um anderen bei der Erziehung ihrer Kinder
in der Keuschheit zu helfen. Die Eltern werden auch den Beistand und Schutz
derjenigen kirchlichen Autoritäten erhalten, die dafür zuständig sind,
geeignete Materialien herauszubringen und andere zu entfernen oder zu korrigieren,
die mit den in diesem Wegweiser dargelegten Grundsätzen zur Lehre, zum
geeigneten Zeitpunkt, zu Inhalten und Methoden einer solchen Erziehung
nicht zu vereinbaren sind.4 Diese Grundsätze gelten auch für alle modernen
Kommunikationsmittel. In besonderem Mabe vertraut der Päpstliche Rat auf
die Arbeit der Bischofskonferenzen zur Sensibilisierung und Unterstützung
der Eltern, die, wo immer dies nötig ist, auch gegenüber staatlichen Programmen
auf dem Gebiet der Erziehung die Rechte und den eigenen Wirkungsbereich
der Familie und der Eltern zu behaupten werden wissen.
Solidarität mit den Eltern
148. Bei der Erfüllung ihres Liebesdienstes an den eigenen Kindern sollten
die Eltern auf die Unterstützung und Mitarbeit anderer Mitglieder der Kirche
zurückgreifen können. Die Rechte der Eltern müssen anerkannt, geschützt
und aufrechterhalten werden, nicht nur, um die gründliche Erziehung der
Kinder und Jugendlichen sicherzustellen, sondern auch, um die richtige
Rangfolge bei der Kooperation und Zusammenarbeit zwischen den Eltern und
denjenigen, die ihnen in ihrer Aufgabe beistehen können, zu gewährleisten.
In derselben Weise müssen die Kleriker und Ordensleute in den Pfarreien
oder in den anderen Bereichen des Apostolats die Eltern in ihren Bemühungen
um die Erziehung ihrer Kinder unterstützen und ermutigen. Die Eltern ihrerseits
müssen bedenken, dab die Familie nicht die einzige oder ausschliebliche
erzieherische Gemeinschaft ist. Deshalb sollen sie herzliche und lebendige
Beziehungen zu anderen Personen pflegen, die ihnen helfen können, ohne
dabei jedoch die eigenen, unveräuberlichen Rechte zu vergessen.
Hoffnung und Vertrauen
149. Angesichts der zahlreichen Herausforderungen an die christliche
Keuschheit bleiben die den Eltern geschenkten Gaben der Natur und der Gnade
die sicherste Basis, auf der die Kirche ihre Söhne und Töchter heranbildet.
Die Erziehung in der Familie erfolgt grobenteils indirekt, eingebettet
in ein Klima der Herzlichkeit und Zärtlichkeit, das durch die Gegenwart
und das Vorbild der Eltern hervorgebracht wird, wenn ihre Liebe rein und
grobzügig ist. Wenn man den Eltern bei ihrer Aufgabe der Erziehung in der
Liebe Vertrauen schenkt, dann werden sie den Mut finden, die Herausforderungen
und Probleme unserer Zeit mit der Kraft ihrer Liebe zu überwinden.
150. Der Päpstliche Rat für die Familie ermahnt deshalb die Eltern,
die sich von den Gaben Gottes unterstützt wissen, ihre Rechte und Pflichten
bezüglich der weisen und bewubten Erziehung ihrer Kinder mit Zuversicht
wahrzunehmen. Bei dieser ehrenvollen Aufgabe mögen die Eltern durch das
Gebet zum Heiligen Geist, dem barmherzigen Tröster, dem Spender alles Guten,
ihr Vertrauen stets auf Gott setzen. Mögen sie die mächtige Fürsprache
und den Schutz der Unbefleckten Jungfrau Maria erflehen, der Mutter der
schönen Liebe und dem Vorbild der getreuen Reinheit. Mögen sie auch den
heiligen Josef anrufen, ihren gerechten und keuschen Bräutigam, und seinem
Beispiel der Treue und Reinheit des Herzens folgen.5 Mögen die Eltern stets
auf die Liebe bauen können, die sie ihren Kindern schenken, eine Liebe,
die »alle Furcht vertreibt«, denn »sie erträgt alles, glaubt alles, hofft
alles, hält allem stand« (1 Kor 13,7). Diese Liebe ist auf die Ewigkeit
gerichtet und mub auf sie gerichtet sein, auf jene ewige Glückseligkeit,
die Unser Herr Jesus Christus all denen verheiben hat, die ihm nachfolgen:
»Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen« (Mt
5,8).
Vatikanstadt, 8. Dezember 1995.
Alfonso Cardinal López Trujillo
Präsident des Päpstlichen Rates
für die Familie
+ S. E. Mons. Elio Sgreccia
Sekretär
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