APOSTOLISCHES SCHREIBEN SALVIFICI DOLORIS SEINER
HEILIGKEIT PAPST JOHANNES PAUL II. AN DIE BISCHÖFE, PRIESTER, ORDENSLEUTE
UND GLÄUBIGEN DER KATHOLISCHEN KIRCHE ÜBER DEN CHRISTLICHEN
SINN DES MENSCHLICHEN LEIDENS
Liebe Brüder im Bischofsamt, liebe Brüder und Schwestern
in Christus!
I.
EINLEITUNG
1. Die heilbringende Kraft des Leidens erklärend sagt der Apostel
Paulus: »Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem
irdischen Leben, was an den Leiden Christi noch fehlt«.(l)
Diese Worte stehen gleichsam am Ende des langen Weges, der sich durch die
Leiden hin erstreckt, die zur Geschichte des Menschen gehören und vom Wort
Gottes erhellt werden. Es kommt ihnen fast die Bedeutung einer endgültigen
Entdeckung zu, die von Freude begleitet ist; daher schreibt der Apostel: »Jetzt
freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage«.(2) Die Freude
kommt aus der Entdeckung des Sinnes des Leidens. Eine solche Entdeckung ist,
obwohl Paulus von Tarsus, der diese Worte schreibt, ganz persönlich davon
betroffen ist, zugleich auch gültig für andere. Der Apostel teilt
seine eigene Entdeckung mit und freut sich darüber wegen all jener, denen
sie helfen kann - so wie sie ihm geholfen hat -, den heilbringenden Sinn des
Leidens zu ergründen.
2. Das Thema des Leidens - gerade unter dem Gesichtspunkt seines
heilbringenden Sinnes - scheint in einem tiefen Zusammenhang mit dem Jahr der
Erlösung als einem außerordentlichen Jubiläumsjahr der Kirche zu
stehen. Auch dieser Umstand spricht dafür, daß wir diesem Thema
gerade während dieses Jahres unsere besondere Aufmerksamkeit zuwenden.
Unabhängig davon ist dies ein universales Thema, das den Menschen jedes
Breiten- und Längengrades betrifft: Es geht gleichsam mit ihm zusammen
durch diese Welt und muß deshalb immer wieder neu aufgegriffen werden.
Auch wenn Paulus im Brief an die Römer geschrieben hat, daß »die
gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt«,(3)
und dem Menschen die Leiden der Tierwelt bekannt sind und nahegehen, so scheint
doch das, was wir mit dem Wort »Leiden« zum Ausdruck bringen, wesentlich
die Natur des Menschen zu betreffen. Es ist so tief wie der Mensch selbst,
gerade weil es auf seine Weise die dem Menschen eigene Tiefe ausdrückt und
sie seinerseits noch übersteigt. Das Leiden scheint zur Transzendenz des
Menschen zu gehören: Es ist einer jener Punkte, wo der Mensch gewissermaßen
dazu »bestimmt« ist, über sich selbst hinauszugehen, und dazu auf
geheimnisvolle Weise aufgerufen wird.
3. Wenn das Thema des Leidens fordert, daß wir uns ihm im Jahr der Erlösung
in besonderem Maße stellen, so hat das seinen Grund vor allem darin, daß
die Erlösung durch das Kreuz Christi geschehen ist, das heißt,
durch sein Leiden. Zugleich denken wir im Jahr der Erlösung an jene
Wahrheit, die in der Enzyklika Redemptor hominis so ausgedrückt
ist: In Christus »wird jeder Mensch zum Weg der Kirche«.(4) Man kann
sagen, der Mensch wird in besonderer Weise zum Weg der Kirche, wenn in sein
Leben das Leiden eintritt. Dies geschieht bekanntlich in verschiedenen
Augenblicken seines Lebens; es äußert sich auf unterschiedliche Weise
und in verschiedenem Ausmaß. Doch in der einen wie der anderen Form ist
das Leiden anscheinend fast untrennbar mit der irdischen Existenz des
Menschen verbunden.
Wenn also der Mensch während seines irdischen Lebens in der einen oder
anderen Weise auf dem Weg des Leidens geht, müßte die Kirche zu allen
Zeiten - und vielleicht ganz besonders im Jahr der Erlösung - dem Menschen
gerade auf diesem Weg begegnen. Die Kirche, die aus dem Geheimnis der Erlösung
im Kreuz Christi geboren wird, muß die Begegnung mit dem Menschen
vor allem auf dem Weg seines Leidens suchen. Bei dieser Begegnung wird
der Mensch »der Weg der Kirche«; und dieser Weg gehört zu ihren
bedeutendsten Wegen.
4. Daraus ergibt sich auch die vorliegende Betrachtung, gerade im Jahr der
Erlösung: die Betrachtung über das Leiden. Menschliches Leid bewirkt
Mitleid, ruft auch Achtung hervor; auf seine Weise flößt
es aber auch Furcht ein. Diese besondere Achtung vor jedem menschlichen
Leid soll an den Beginn all dessen gestellt sein, was im folgenden aus dem
tiefsten Bedürfnis des Herzens und zugleich aus einem grundlegenden
Anspruch des Glaubens gesagt werden soll. Beim Thema des Leidens
scheinen sich diese beiden Motive in besonderer Weise einander zu nähern
und miteinander zu verbinden: Das Bedürfnis des Herzens gebietet uns, die
Furcht zu überwinden, und der Anspruch des Glaubens - wie er zum Beispiel
in den am Anfang angeführten Worten des hl. Paulus ausgedrückt wird -
gibt uns den Inhalt, in dessen Namen und Kraft wir wagen, an das zu rühren,
was in jedem Menschen so sehr unberührbar zu sein scheint: denn der Mensch
in seinem Leiden bleibt ein unberührbares Geheimnis.
II.
DIE WELT DES MENSCHLICHEN LEIDENS
5. Auch wenn das Leiden in seiner subjektiven Dimension, als personales
Geschehen, eingeschlossen im konkreten, unwiederholbaren Inneren des Menschen,
fast unberührbar und nicht übertragbar erscheint, so fordert doch
gerade das Leiden - auch in seiner »objektiven Realität« -, in
einer ausdrücklichen Problemstellung behandelt, erwogen und verstanden zu
werden; es verlangt darum, daß hierzu grundsätzliche Fragen gestellt
und Antworten darauf gesucht werden. Wie man sieht, geht es hierbei nicht nur
darum, eine Beschreibung des Leidens zu geben. Es gibt noch andere Kriterien,
die über den Bereich der Beschreibung hinausgehen und die wir hinzuziehen
müssen, wenn wir uns in die Welt des menschlichen Leidens vertiefen
wollen.
Es mag sein, daß die Medizin als Wissenschaft und zugleich
als Heilkunst auf dem weiten Feld menschlicher Leiden den Bereich am besten
erforscht und aufdeckt, der mit größerer Genauigkeit ermittelt und
von den Methoden der »Reaktion«, das heißt der Therapie,
relativ am besten beherrscht wird. Dies ist jedoch nur ein Bereich. Das Feld
menschlicher Leiden ist viel weiter und mannigfaltiger, es hat mehrere
Dimensionen. Der Mensch leidet auf verschiedene Weisen, die nicht immer von
der Medizin, nicht einmal in ihren fortschrittlichsten Zweigen, berücksichtigt
werden. Das Leiden ist etwas noch viel Umfassenderes als die Krankheit;
es ist noch vielschichtiger und zugleich noch tiefer im Menschsein selbst
verwurzelt. Eine gewisse Vorstellung von diesem Problem gewinnen wir aus der
Unterscheidung zwischen körperlichem und moralischem Leiden. Diese
Unterscheidung hat zur Grundlage die doppelte Dimension des menschlichen Seins
und weist auf das körperliche und geistige Element als das unmittelbare
oder direkte Subjekt des Leidens hin. Soweit man bis zu einem gewissen Grad »Leiden«
und »Schmerz« als synonyme Worte gebrauchen kann, ist körperliches
Leiden dann gegeben, wenn der Leib in irgendeiner Weise »schmerzt«,
während das moralische Leiden ein »Schmerz der Seele«
ist. Es handelt sich dabei in der Tat um einen Schmerz geistiger Art und nicht
bloß um die »psychische« Dimension jenes Schmerzes, der sowohl
das moralische wie das körperliche Leiden begleitet. Die Weite und Vielfalt
des moralischen Leidens sind gewiß nicht geringer als beim körperlichen
Leiden; wohl scheint es weniger klar bestimmt und von der Therapie weniger
leicht erreichbar zu sein.
6. Die Heilige Schrift ist ein großes Buch über das Leiden.
Wir nennen aus den Büchern des Alten Testamentes nur einige Beispiele
von Situationen, die vom Leiden gezeichnet sind, vor allem vom moralischen
Leiden: Todesgefahr,(5) Tod der eigenen Kinder(6) und besonders der Tod des
erstgeborenen und einzigen Sohnes,(7) ferner Kinderlosigkeit,(8) Heimweh nach
dem Vaterland,(9) Verfolgung und Feindseligkeit der Umwelt,(10) Spott und Hohn für
den Leidenden,(11) Einsamkeit und Verlassenheit,(12) dann auch
Gewissensbisse,(13) die Schwierigkeit zu begreifen, warum es den Frevlern gut
geht und die Gerechten leiden,(14) Untreue und Undankbarkeit von seiten der
Freunde und Nachbarn(15) und schließlich das Unglück des eigenen
Volkes.(16)
Das Alte Testament, das den Menschen als eine leibseelische Einheit behandelt,
verbindet die »moralischen« Leiden oft mit dem Schmerz bestimmter
Teile des Organismus: der Knochen,(17) der Nieren,(18) der Leber,(19) der
Eingeweide,(20) des Herzens.(21) Offensichtlich haben die moralischen Leiden
auch ihre »physische« oder körperliche Komponente und wirken sich
oft auf den Zustand des gesamten Organismus aus.
7. Wie sich aus den angeführten Beispielen ersehen läßt,
finden wir in der Heiligen Schrift eine lange Reihe von Situationen, die für
den Menschen auf verschiedene Weise schmerzlich sind. Diese vielfältige
Aufzählung erschöpft aber nicht alles, was über dieses Thema das
Buch der Geschichte des Menschen - ein Buch, das nicht in Buchstaben
geschrieben ist - und noch mehr das Buch der Geschichte der Menschheit - gelesen
durch die Geschichte jedes einzelnen Menschen - bereits gesagt hat und beständig
wiederholt.
Man kann sagen, der Mensch leidet, wann immer er irgendein Übel erfährt.
Im Sprachgebrauch des Alten Testamentes stellt sich die Beziehung zwischen
Leiden und Übel als Identität heraus. Jene Sprache besaß nämlich
noch kein eigenes Wort, um das »Leiden« zu bezeichnen; darum nannte
sie alles, was Leiden war, ein »Übel«.(22) Erst die griechische
Sprache und damit das Neue Testament (und die griechischen Übersetzungen
des Alten) gebrauchen das »pàscho= ich bin betroffen von..., ich
empfinde, ich leide«; und diesem Wort ist es zu verdanken, daß sich
das Leiden nun nicht mehr direkt mit dem objektiven Übel gleichsetzen läßt,
sondern eine Situation ausdrückt, in welcher der Mensch das Übel erfährt
und in dieser Erfahrung zum Träger von Leiden wird. Das Leiden hat ja
zugleich
aktiven und »passiven« (von »patior« = ich leide)
Charakter. Sogar wenn der Mensch sich allein ein Leiden zufügt,
wenn er also selbst dessen Urheber ist, bleibt es in seinem metaphysischen Wesen
etwas Passives.
Das bedeutet jedoch nicht, daß das Leiden im psychologischen Sinne
nicht von einer besonderen »Aktivität« geprägt sei.
Dies ist jene vielfältige und subjektiv verschiedene »Aktivität«
von Schmerz, Trauer, Enttäuschung, Niedergeschlagenheit oder sogar
Verzweiflung, je nach der Stärke und Tiefe des Leidens und indirekt auch
nach der Gesamtverfassung der leidenden Person und ihrer besonderen Sensibilität.
Im Kern dieser psychologischen Formen des Leidens steht aber immer die
Erfahrung eines Übels, dessentwegen der Mensch leidet.
So führt uns also die Wirklichkeit des Leidens zur Frage nach dem
Wesen des Übels: Was ist Übel?
Diese Frage ist in gewissen Sinn mit dem Thema des Leidens untrennbar
verbunden. Die christliche Antwort darauf unterscheidet sich von jener, die
von einigen kulturellen und religiösen Traditionen gegeben wird, die die
Existenz als solche für ein Übel halten, von dem man sich befreien müsse.
Das Christentum verkündet die wesentliche Gutheit der Existenz und
von allem, was existiert; es bekennt die Güte des Schöpfers und verkündet
die Gutheit der Geschöpfe. Der Mensch leidet wegen des Übels, das
eine gewisse Abwesenheit, Begrenzung oder Entstellung des Guten darstellt. Man
könnte sagen, der Mensch leidet wegen eines Gutes, an dem er
keinen Anteil hat, von dem er gewissermaßen ausgeschlossen ist oder
dessen er sich selbst beraubt hat. Vor allem leidet er dann, wenn er
normalerweise an diesem Gut Anteil haben »müßte« und ihn
doch nicht hat.
Im christlichen Denken wird also die Wirklichkeit des Leidens durch das Übel
erklärt, das in irgendeiner Weise immer auf ein Gut bezogen ist.
8. Das menschliche Leiden stellt in sich fast eine eigene »Welt«
dar, die zusammen mit dem Menschen existiert, die in ihm aufscheint und
wieder vergeht, manchmal aber auch nicht vergeht, sondern sich in ihm noch verstärkt
und vertieft. Diese Welt des Leidens, die auf viele, ja unzählige Menschen
verteilt ist, existiert gleichsam in der Zerstreuung. Nicht nur stellt
jeder Mensch durch sein persönliches Leiden einen kleinen Teil jener »Welt«
dar, sondern jene »Welt« ist in ihm zugleich auch etwas Begrenztes und
Einmaliges. Damit verbunden bleibt jedoch jeweils die zwischenmenschliche und
soziale Dimension. Die Welt des Leidens besitzt gleichsam eine eigene
Geschlossenheit. Die leidenden Menschen gleichen einander durch die Ähnlichkeit
ihrer Lage und Schicksalsprüfung oder auch durch das Bedürfnis nach
Verständnis und Aufmerksamkeit und vielleicht vor allem durch die
fortdauernde Frage nach dem Sinn des Leidens. Obwohl also die Welt des Leidens
in der Zerstreuung existiert, enthält sie in sich zugleich eine
einzigartige Herausforderung zu Gemeinschaft und Solidarität. Wir
wollen versuchen, auch auf diese Herausforderung in der vorliegenden Betrachtung
einzugehen.
Beim Gedanken an die Welt des Leidens in ihrer personalen und zugleich
gemeinschaftlichen Bedeutung kann man schließlich auch die Tatsache nicht übersehen,
daß sich eine solche Welt zu gewissen Zeiten und in einigen Bereichen der
menschlichen Existenz sozusagen in besonderer Weise verdichtet. Das
geschieht zum Beispiel im Fall von Naturkatastrophen und Seuchen, von großen
und überraschenden Unglücken, von verschiedenen sozialen Geißeln:
man denke zum Beispiel an eine schlechte Ernte, und - damit oder mit
verschiedenen anderen Ursachen verbunden - an die Geißel des Hungers.
Man denke schließlich an den Krieg. Von ihm spreche ich in einer ganz
besonderen Weise. Ich spreche von den beiden letzten Weltkriegen, von denen der
zweite eine weit größere Ernte an Toten und eine schwerere Last an
menschlichen Leiden als der erste mit sich gebracht hat. Die zweite Hälfte
unseres Jahrhunderts trägt ihrerseits - in einem Maße gleichsam,
das den Irrtümern und Fehltritten unserer heutigen Zivilisation
entspricht - eine solch fürchterliche Bedrohung durch einen Atomkrieg in
sich, daß wir daran nur in Begriffen einer unvergleichlichen Anhäufung
von Leiden denken können, bis hin zur möglichen Selbstzerstörung
der Menschheit. Auf diese Weise scheint sich jene Welt des Leidens, die ihr
Subjekt letztlich in jedem Menschen hat, in unserer Epoche - vielleicht mehr als
zu jeder anderen Zeit - in ein besonderes »Leiden der Welt« zu
verwandeln: einer Welt, die noch nie so vom Fortschritt durch das Wirken des
Menschen verwandelt worden ist und zugleich sich noch nie so durch die Irrtümer
und die Schuld des Menschen in Gefahr befunden hat.
III.
AUF DER SUCHE NACH DEM SINN DES LEIDENS
9. In jedem einzelnen Leiden, das der Mensch erfährt, und zugleich an
der Wurzel der gesamten Welt der Leiden taucht unvermeidlich die Frage auf:
Warum? Es ist eine Frage nach der Ursache und dem Grund, eine Frage nach
dem Zweck (wozu?) und letztlich immer eine Frage nach dem Sinn. Sie
begleitet nicht nur das menschliche Leiden, sondern scheint geradezu seinen
menschlichen Inhalt zu bestimmen, das nämlich, wodurch das Leiden zum
mensch lichen Leiden wird.
Natürlich ist der Schmerz, besonders der körperliche, auch in der
Tierwelt weit verbreitet. Doch nur der Mensch weiß im Leiden, daß er
leidet, und fragt sich: »warum?«; und er leidet auf eine für ihn
als Menschen noch tiefere Weise, wenn er darauf keine befriedigende Antwort
findet. Das ist eine schwierige Frage, genauso wie eine andere, die
dieser sehr verwandt ist, nämlich jene nach dem Übel. Warum gibt es
das Übel in der Welt? Wenn wir die Frage so stellen, stellen wir immer,
zumindest in gewissem Maße, auch die Frage nach dem Leiden.
Die eine wie die andere Frage ist schwierig, wenn der Mensch sie dem
Menschen stellt, die Menschen sie an die Menschen richten und auch wenn der
Mensch sie Gott stellt. Der Mensch richtet diese Frage ja nicht an die Welt,
obwohl das Leiden ihm oftmals von ihr her zustößt, sondern er richtet
sie an Gott als den Schöpfer und Herrn der Welt. Es ist sehr wohl bekannt,
wie es im Bereich dieser Frage nicht nur zu vielfältigen Spannungen und
Konflikten in den Beziehungen des Menschen zu Gott kommt, sondern daß man
mitunter sogar zur Leugnung Gottes gelangt. Wenn die Existenz der Welt
gleichsam den Blick der menschlichen Seele für die Existenz Gottes öffnet,
für seine Weisheit, Macht und Herrlichkeit, so scheinen Übel und
Leiden dieses Bild zu verdunkeln, zuweilen in radikaler Weise, und dies vor
allem im täglichen Drama so vieler schuldloser Leiden und so vieler Schuld,
die keine angemessene Strafe findet. Dieser Umstand - vielleicht mehr als jeder
andere - zeigt darum, wie wichtig die Frage nacb dem Sinn des Leidens ist
und mit welcher Gründlichkeit die Frage selbst sowie jede mögliche
Antwort darauf behandelt werden müssen.
10. Der Mensch darf diese Frage an Gott richten mit aller Leidenschaft
seines Herzens und aller Betroffenheit seines beunruhigten Verstandes; Gott
erwartet diese Frage und hört sie an, wie wir in der Offenbarung des Alten
Testamentes sehen können. Im Buch Ijob hat die Frage ihren lebendigsten
Ausdruck gefunden.
Die Geschichte dieses gerechten Menschen ist bekannt: Ohne eigene Schuld
wird er von unzähligen Leiden heimgesucht. Er verliert sein Hab und Gut,
seine Söhne und Töchter, und zuletzt befällt ihn selbst eine
schwere Krankheit. In dieser furchtbaren Lage erscheinen in seinem Hause die
drei alten Freunde, die ihn - ein jeder mit anderen Worten - davon zu überzeugen
suchen, daß er irgendeine schwere Schuld begangen haben muß,
da er von so vielfältigem und schrecklichem Leiden heimgesucht worden ist.
Das Leiden, so sagen sie, befalle den Menschen ja immer als Strafe für ein
Vergehen; es werde von Gott, dem absolut gerechten, geschickt und finde seine
Begründung in der Ordnung der Gerechtigkeit. Man möchte sagen, daß
die alten Freunde des Ijob ihn nicht nur von der moralischen Berechtigung des Übels
überzeugen
wollen, sondern in gewissem Sinn versuchen, vor sich selbst den moralischen
Sinn des Leidens zu verteidigen. In ihren Augen kann dieses ausschließlich
den Sinn einer Strafe für die Sünde haben, einen Sinn also, der allein
im Bereich der Gerechtigkeit Gottes liegt: Gott vergilt das Gute mit Gutem und
das Böse mit Bösem.
Sie beziehen sich dabei auf die Lehre, die in anderen Schriften des Alten
Testamentes enthalten ist, wo gesagt wird, daß die Leiden von Gott als
Strafe für die Sünden der Menschen zugefügt werden. Der Gott der
Offenbarung ist in einem solchen Maße Gesetzgeber und Richter, wie
keine irdische Autorität es sein kann. Der Gott der Offenbarung ist ja vor
allem Schöpfer, von dem, zusammen mit der Existenz, die wesentliche
Gutheit der Schöpfung kommt. Darum ist auch die bewußte und
freiwillige Verletzung dieses Gutes von seiten des Menschen nicht nur eine Übertretung
des Gesetzes, sondern zugleich eine Beleidigung des Schöpfers, des obersten
Gesetzgebers. Eine solche Übertretung hat den Charakter von Sünde nach
der genauen, das heißt, biblischen und theologischen Bedeutung des Wortes.
Dem moralischen Übel der Sünde entspricht die Strafe, welche
die moralische Ordnung im selben transzendenten Sinne gewährleistet, wie
diese Ordnung vom Willen des Schöpfers und obersten Gesetzgebers
festgesetzt worden ist. Von hierher leitet sich dann auch eine der grundlegenden
Wahrheiten des religiösen Glaubens ab, die sich gleichermaßen auf die
Offenbarung stützen kann: Gott ist ein gerechter Richter, der das Gute
belohnt und das Böse bestraft. »Du (Herr) bist gerecht in allem, was
du getan hast. All deine Taten sind richtig, deine Wege gerade. Alle deine
Urteile sind wahr. Du hast gerechte Strafen verhängt, in allem, was du über
uns gebracht hast... Ja, nach Wahrheit und Recht hast du all dies unserer Sünden
wegen herbeigeführt« .(23)
Ferner offenbart sich in der von Ijobs Freunden vorgetragenen Meinung eine Überzeugung,
wie sie sich auch im moralischen Bewußtsein der Menschheit findet: Die
objektive moralische Ordnung fordert eine Strafe für die Übertretung,
für die Sünde und für das Vergehen. Das Leiden erscheint von
diesem Standpunkt her wie ein »gerechtfertigtes Übel«. Die Überzeugung
derjenigen, die das Leiden als Strafe für die Sünde erklären,
findet ihre Stütze in der Ordnung der Gerechtigkeit, und das entspricht der
Überzeugung, die von einem der Freunde Ijobs zum Ausdruck gebracht wird: »Wohin
ich schaue: Wer Bosheit pflügt, wer Unheil sät, der erntet es auch«.(24)
11. Ijob hingegen bestreitet die Richtigkeit dieses Prinzips, welches das
Leiden mit der Strafe für die Sünde gleichsetzt. Er tut es auf Grund
seiner eigenen Erfahrung. Denn er ist sich bewußt, eine solche Bestrafung
nicht verdient zu haben; er erläutert vielmehr das Gute, das er in seinem
Leben getan hat. Schließlich tadelt Gott selbst die Freunde Ijobs für
ihre Anklagen und erkennt an, daß Ijob nicht schuldig ist. Sein Leiden ist
das eines Unschuldigen; es muß als ein Geheimnis angenommen werden, das
der Mensch mit seinem Verstande letztlich nicht zu durchdringen vermag.
Das Buch Ijob greift die Grundlagen der transzendenten moralischen Ordnung,
die auf Gerechtigkeit gegründet ist, nicht an, wie sie in der gesamten
Offenbarung des Alten und des Neuen Bundes dargelegt werden. Zugleich aber
beweist dieses Buch mit aller Bestimmtheit, daß man die Grundsätze
dieser Ordnung nicht in ausschließlicher und oberflächlicher Weise
anwenden kann. Wenn es auch wahr ist, daß Leiden einen Sinn als Strafe
hat, wann immer es an Schuld gebunden ist, so ist es doch nicht wahr, daß
jedes Leiden Folge von Schuld sei und den Charakter von Strafe habe. Die
Gestalt des gerechten Ijob ist dafür ein besonderer Beweis im Alten
Testament. Hier stellt die Offenbarung, das Wort Gottes selbst, mit allem
Freimut das Problem vom Leiden des unschuldigen Menschen: vom Leiden ohne
Schuld. Ijob ist nicht bestraft worden; es gab keinen Grund, ihm eine Strafe
aufzuerlegen, wenn er auch einer überaus harten Prüfung unterworfen
wurde. Aus der Einleitung des Buches geht hervor, daß Gott diese Prüfung
wegen der Herausforderung durch Satan zugelassen hat. Dieser hatte nämlich
die Gerechtigkeit des Ijob vor dem Herrn bestritten: »Geschieht es ohne
Grund, daß Ijob Gott fürchtet? ... Das Tun seiner Hände hast du
gesegnet; sein Besitz hat sich weit ausgebreitet im Land. Aber streck nur einmal
deine Hand gegen ihn aus und rühr an all das, was sein ist; wahrhaftig, er
wird dir ins Angesicht fluchen«.(25) Und wenn der Herr zustimmt, daß
Ijob durch Leiden geprüft wird, so tut er das, um dessen Gerechtigkeit
zu beweisen. Das Leiden hat hier den Charakter einer Prüfung.
Das Buch Ijob ist nicht das letzte Wort der Offenbarung zu diesem Thema. Es
ist in gewisser Weise eine Andeutung der Passion Christi. Aber schon für
sich allein genommen ist es ein hinreichender Beweis dafür, daß
die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Leidens nicht ohne Einschränkungen
mit der allein auf Gerechtigkeit gegründeten moralischen Ordnung verbunden
werden darf. Wenn eine solche Antwort auch ihre grundlegende und transzendente
Begründung und Gültigkeit hat, so erweist sie sich doch zugleich nicht
nur als unbefriedigend in ähnlichen Fällen wie dem Leiden des
gerechten Ijob, sondern scheint sogar den Begriff der Gerechtigkeit, den
wir in der Offenbarung finden, einzuebnen und zu entleeren.
12. Das Buch Ijob fragt in zugespitzter Weise nach dem »Warum« des
Leidens, es zeigt, daß es auch den Unschuldigen trifft, gibt aber noch
keine Antwort auf das Problem.
Im Alten Testament finden wir eine Tendenz, die darauf abzielt, die
Auffassung zu überwinden, nach der das Leiden einzig als Strafe für
die Sünde einen Sinn hat. Dies geschieht, indem zugleich der erzieherische
Wert von Strafe und Leiden betont wird. So ist in den von Gott dem auserwählten
Volk zugefügten Leiden eine Einladung der göttlichen Barmherzigkeit
enthalten, die zurechtweist, um zur Bekehrung zu führen: »Die Strafen
sollen unser Volk nicht vernichten, sondern erziehen«.(26)
So rückt die personale Dimension von Strafe in den Vordergrund. In
dieser Dimension hat Strafe nicht nur deshalb einen Sinn, weil sie dazu dient,
das objektive Übel eines Vergehens mit einem anderen Übel zu
vergelten, sondern vor allem, weil sie die Möglichkeit schafft, das Gute in
der leidenden Person selbst wiederherzustellen.
Dies ist ein äußerst wichtiger Aspekt des Leidens. Er ist in der
gesamten Offenbarung des Alten und besonders des Neuen Bundes tief verwurzelt.
Das Leiden soll der Bekehrung dienen, das heißt, der Wiederherstellung
des Guten im Menschen, der in diesem Ruf zur Buße die göttliche
Barmherzigkeit erkennen kann. Die Buße hat zum Ziel, das Böse zu überwinden,
das unter verschiedenen Formen im Menschen steckt, und das Gute in ihm selbst
wie auch in den Beziehungen zu den Mitmenschen und vor allem zu Gott zu
festigen.
13. Um aber die richtige Antwort auf das »Warum« des Leidens
finden zu können, müssen wir auf die Offenbarung der göttlichen
Liebe schauen, die tiefste Quelle für den Sinn von allem, was ist. Die
Liebe ist auch die reichste Quelle für den Sinn des Leidens, das immer ein
Geheimnis bleiben wird: Wir sind uns bewußt, wie unzureichend und
unangemessen unsere Erklärungen sind. Christus läßt uns jedoch
in das Geheimnis eindringen und das »Warum« des Leidens entdecken in
dem Maße, wie wir fähig sind, die Tiefe der göttlichen Liebe zu
erfassen.
Um den tiefen Sinn des Leidens zu finden, muß man dem geoffenbarten
Wort Gottes folgen und sich zugleich dem menschlichen Subjekt mit seinen vielfältigen
Möglichkeiten weit öffnen. Man muß vor allem das Licht der
Offenbarung aufnehmen, nicht nur soweit es die transzendente Ordnung der
Gerechtigkeit zum Ausdruck bringt, sondern insofern es diese Ordnung mit Liebe
erleuchtet, der letzten Quelle für alles, was existiert. Die Liebe ist auch
die reichste Quelle für die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des
Leidens. Diese Antwort ist von Gott dem Menschen im Kreuze Jesu Christi gegeben
worden.
IV.
JESUS CHRISTUS: LEIDEN, VON DER LIEBE ÜBERWUNDEN
14. »Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen
Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das
ewige Leben hat«.(27)
Diese Worte, von Christus im Gespräch mit Nikodemus gesprochen, führen
uns in die Mitte des erlösenden Wirkens Gottes. Sie bringen auch
das Wesen der christlichen Heilslehre zum Ausdruck, das heißt, der
Theologie von der Erlösung. Erlösung bedeutet Befreiung vom Bösen
und steht deshalb in enger Beziehung zum Problem des Leidens. Nach den Worten an
Nikodemus gibt Gott seinen Sohn der »Welt« hin, um den Menschen von
dem Bösen zu befreien, das in sich die endgültige und absolute
Perspektive des Leidens trägt. Zugleich zeigt schon das Wort »hingeben«
( »er gab seinen Sohn hin«), daß der eingeborene Sohn diese
Befreiung durch sein eigenes Leiden vollbringen muß. Darin tut sich die
Liebe kund, die unendliche Liebe des eingeborenen Sohnes ebenso wie des Vaters,
der diesen seinen Sohn dafür »hingibt«. Das ist die Liebe zum
Menschen, die Liebe zur »Welt«: das ist erlösende Liebe.
Wir befinden uns hier - das gilt es, sich bei unserer gemeinsamen
Betrachtung über dieses Problem klar vor Augen zu halten - in einer völlig
neuen Dimension unseres Themas. Es ist eine andere Dimension als jene, die die
Suche nach der Bedeutung des Leidens in den Grenzen der Gerechtigkeit bestimmte
und sie darin gleichsam einschloß. Es ist die Dimension der Erlösung,
auf die im Alten Testament die Worte des gerechten Ijob - zumindest nach dem
Text der Vulgata - bereits hinzudeuten scheinen: »Doch ich weiß: mein
Erlöser lebt, ... und (am letzten Tag) werde ich Gott schauen«.(28) Während
unsere Betrachtung bisher vor allem und fast ausschließlich das Leiden in
seiner vielfältigen irdischen Gestalt (wie die Leiden des gerechten Ijob)
ins Auge gefaßt hat, so beziehen sich die soeben aus dem Gespräch
Jesu mit Nikodemus angeführten Worte auf
das Leiden in seinem grundlegenden und endgültigen Sinn. Gott gibt
seinen eingeborenen Sohn hin, damit der Mensch »nicht stirbt«; und die
Bedeutung dieses »nicht stirbt« wird genau bestimmt durch die
nachfolgenden Worte: »sondern das ewige Leben hat«.
Der Mensch »stirbt«, wenn er »das ewige Leben« verliert.
Das Gegenteil des Heils ist also nicht das bloß zeitliche Leiden, ein
Leiden welcher Art auch immer, sondern das endgültige Leiden: der Verlust
des ewigen Lebens, die Zurückweisung durch Gott, die Verdammnis. Der
eingeborene Sohn ist der Menschheit geschenkt worden, um den Menschen vor allem
vor diesem endgültigen Übel und vor dem endgültigen Leiden
zu bewahren. Er muß daher in seiner Heilssendung das Übel an den
transzendentalen Wurzeln fassen, von denen her es sich in der Geschichte des
Menschen entfaltet. Diese transzendentalen Wurzeln des Übels werden
greifbar in Sünde und Tod: Sie liegen ja dem Verlust des ewigen Lebens
zugrunde. Die Sendung des eingeborenen Sohnes besteht im Sieg über Sünde
und Tod. Er besiegt die Sünde durch seinen Gehorsam bis zum Tode, und
er besiegt den Tod durch seine Auferstehung.
15. Wenn wir sagen, daß Christus mit seiner Sendung das Übel an
den Wurzeln faßt, denken wir nicht nur an das endgültige,
eschatologische Übel und Leiden (damit der Mensch »nicht stirbt,
sondern das ewige Leben hat«), sondern auch - zumindest indirekt - an das
Übel und Leiden in ihrer irdischen und geschichtlichen Dimension. Das Übel
bleibt nämlich mit Sünde und Tod verbunden. Auch wenn man nur mit großer
Vorsicht das Leiden des Menschen als Folge konkreter Sünden bezeichnen darf
(das zeigt uns gerade das Beispiel des gerechten Ijob), so kann es doch nicht
von der Ursünde getrennt werden, von der Sünde, die im
Johannesevangelium »Sünde der Welt«(29) genannt wird, vom
sündhaften Hintergrund also der persönlichen Handlungen und
der sozialen Vorgänge in der Geschichte des Menschen. Auch wenn es nicht
gestattet ist, hier das strenge Kriterium einer direkten Abhängigkeit
anzuwenden (wie das die drei Freunde des Ijob taten), so kann man doch nicht auf
das Kriterium verzichten, daß den menschlichen Leiden eine mannigfaltige
Verwicklung in die Sünde zugrunde liegt.
Ähnlich ist es, wenn es sich um den Tod handelt. Oftmals wird
er sogar als Befreiung von den Leiden dieses Lebens erwartet. Zugleich kann man
nicht übersehen, daß er gleichsam eine endgültige Synthese des
zerstörerischen Wirkens der Leiden im leiblichen Organismus wie in der
Psyche darstellt. Doch vor allem bringt der Tod die Auflösung der
ganzen leibseelischen Persönlichkeit des Menschen mit sich. Die Seele überlebt
und existiert getrennt vom Leib weiter, während der Leib einer allmählichen
Zersetzung verfällt, wie Gott, der Herr, es nach der vom Menschen am Beginn
seiner irdischen Geschichte begangenen Sünde gesagt hatte: »Staub bist
du, zum Staub mußt du zurück«.(30) Wenn also auch der Tod nicht
ein Leiden im zeitlichen Sinne des Wortes ist, sondern gewissermaßen
außerhalb der Grenzen aller Leiden liegt, hat andererseits das Übel,
das dem Menschen im Tod widerfährt, zugleich einen endgültigen und
umfassenden Charakter. Durch sein Heilswerk befreit der eingeborene Sohn den
Menschen von der Sünde und vom Tod. Vor allem verbannt er aus der
Geschichte des Menschen die Herrschaft der Sünde, die sich unter
dem Einfluß des bösen Geistes eingewurzelt hat, angefangen von der
Ursünde, und schenkt dem Menschen dann die Möglichkeit, in der
heiligmachenden Gnade zu leben. In der Folge des Sieges über die Sünde
beendet er auch die Herrschaft des Todes, indem er durch seine
Auferstehung den Anfang der künftigen Auferstehung der Leiber setzt. Das
eine wie das andere sind wesentliche Voraussetzungen des »ewigen Lebens«,
das heißt, der endgültigen Glückseligkeit des Menschen in der
Vereinigung mit Gott; das will sagen, für die Geretteten ist das Leiden in
eschatologischer Sicht vollkommen aufgehoben.
Infolge des Heilswerkes Christi lebt der Mensch auf Erden in der
Hoffnung auf das ewige Leben und die ewige Heiligkeit. Und wenn auch der von
Christus durch Kreuz und Auferstehung vollbrachte Sieg über Sünde und
Tod die irdischen Leiden aus dem Leben des Menschen nicht hinwegnimmt und auch
nicht die ganze geschichtliche Dimension des menschlichen Daseins vom Leiden
befreit, so wirft er doch auf diese Dimension insgesamt und auf jedes einzelne
Leiden ein neues Licht, das Licht der Erlösung. Es ist das Licht
des Evangeliums, der Frohen Botschaft. Im Mittelpunkt dieses Lichtes steht die
im Gespräch mit Nikodemus ausgesprochene Wahrheit: »Gott hat die Welt
so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab«.(31) Diese
Wahrheit verwandelt von Grund auf das Bild der Geschichte des Menschen und
seiner irdischen Situation: Trotz der Sünde, die sich in dieser Geschichte
eingewurzelt hat als Erbsünde, als »Sünde der Welt« und als
Summe der persönlichen Sünden, hat Gott Vater den eingeborenen Sohn
geliebt, das heißt, er liebt ihn immerwährend; aus dieser alles übersteigenden
Liebe »gibt« er darum in der Zeit den Sohn »hin«, damit er
die Wurzeln des menschlichen Übels berühre und so auf heilbringende
Weise der ganzen Welt des Leidens, an welcher der Mensch teilhat, nahekomme.
16. Bei seinem messianischen Wirken in Israel hat Christus sich fortwährend
der Welt des menschlichen Leidens zugewandt. »Er zog umher und tat
Gutes«;(32) dieses sein Handeln betraf in erster Linie die Leidenden und
solche, die auf Hilfe warteten. Er heilte die Kranken, tröstete die
Trauernden, sättigte die Hungernden, befreite die Menschen von Taubheit und
Blindheit, vom Aussatz, vom bösen Geist und von verschiedenen körperlichen
Gebrechen; dreimal gab er Toten das Leben zurück. Er war empfänglich für
jedes menschliche Leiden, für das des Leibes ebenso wie für das der
Seele.
Zur gleichen Zeit lehrte er, und im Mittelpunkt seiner Unterweisung stehen
die acht Seligpreisungen, die sich an die Menschen richten, welche im
irdischen Leben von verschiedenen Leiden heimgesucht werden. Das sind die, »die
arm sind vor Gott«, und »die Trauernden«, jene, »die hungern
und dürsten nach der Gerechtigkeit«, und die, »die um der
Gerechtigkeit willen verfolgt werden«, wenn sie für Christus
beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet
werden...(33) So bei Matthäus; Lukas nennt ausdrücklich noch
diejenigen, »die jetzt Hunger« haben.(34)
Christus hat sich der Welt des menschlichen Leidens aber vor allem dadurch
genähert, daß er selbst dieses Leiden auf sich genommen hat. Bei
seinem öffentlichen Wirken hat er nicht nur Mühe und Anstrengung, das
Fehlen einer Wohnung sowie Unverständnis sogar von seiten der ihm
Nahestehenden erfahren, sondern noch mehr als das: Er wurde immer
unausweichlicher von Feindseligkeit umgeben, und immer deutlicher wurden die
Vorbereitungen, um ihn aus dem Wege zu räumen. Christus ist sich dessen
bewußt, und oftmals spricht er zu seinen Jüngern von den Leiden und
dem Tod, die ihn erwarten: »Wir gehen jetzt nach Jerusalem hinauf; dort
wird der Menschensohn den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten ausgeliefert;
sie werden ihn zum Tod verurteilen und den Heiden übergeben; sie werden
ihn verspotten, anspeien, geißeln und töten. Aber nach drei Tagen
wird er auferstehen«.(35) Christus geht seinem Leiden und Tod im vollen
Bewußtsein der Sendung entgegen, die er gerade auf diese Weise erfüllen
muß. Gerade durch sein Leiden
soll er bewirken, »daß der Mensch nicht stirbt, sondern das ewige
Leben hat«. Durch sein Kreuz soll er an die Wurzeln des Übels rühren,
die in die Geschichte und in die Seelen der Menschen eingesenkt sind. Durch sein
Kreuz soll er das Heilswerk vollbringen. Dieses Werk hat im Plan der
ewigen Liebe einen erlösenden Charakter.
Deshalb weist Christus Petrus streng zurecht, als dieser ihn von den
Gedanken an das Leiden und den Tod am Kreuz abbringen will.(36) Und als bei der
Festnahme im Garten von Getsemani derselbe Petrus ihn mit dem Schwert zu
verteidigen sucht, sagt Christus zu ihm: »Steck dein Schwert in die
Scheide... Wie würde dann aber die Schrift erfüllt, nach der
es so geschehen muß?«.(37) An anderer Stelle sagt er:»Der
Kelch, den mir der Vater gegeben hat - soll ich ihn nicht trinken?«.(38)
Diese Antwort zeigt wie die anderen, die sich an verschiedenen Stellen des
Evangeliums finden, wie tief Christus von dem Gedanken durchdrungen war, den er
bereits im Gespräch mit Nikodemus zum Ausdruck gebracht hatte: »Denn
Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab,
damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat«.(39)
Christus geht dem eigenen Leiden entgegen im voIlen Bewußtsein seiner erlösenden
Macht, er geht im Gehorsam gegenüber dem Vater; aber vor allem ist er mit
dem Vater in der Liebe vereint, mit der er die Welt und den Menschen in der
Welt geliebt hat. Darum wird der hl. Paulus von Christus schreiben: »Der
Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat«.(40)
17. Die Schrift mußte sich erfüllen. Viele messianische Texte des
Alten Testamentes spielen auf die Leiden des kommenden Gesalbten Gottes an. Der
ergreifendste von allen ist das sogenannte vierte Lied vom Gottesknecht aus
dem Buch Jesaja. Der Prophet, der mit Recht »der fünfte Evangelist«
genannt wird, zeigt uns in diesem Lied ein Bild von den Leiden dieses
Gottesknechtes mit solch scharfem Realismus, als sähe er sie mit eigenen
Augen: den Augen des Leibes und des Geistes. Die Passion Christi wird im Lichte
der Verse des Jesaja beinahe noch ausdrucksstärker und ergreifender als in
den Beschreibungen der Evangelisten selbst. Da steht vor uns der wahre
Schmerzensmann:
»Er hatte keine schöne und edle Gestalt, so daß wir ihn
anschauen mochten...; er wurde verachtet und von den Menschen gemieden
ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie
einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten
ihn nicht. Aber er hat unsere Krankheit getragen und
unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott
geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt
wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem
Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir
hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch
der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen«.(41)
Dieses Lied vom leidenden Gottesknecht enthält eine Beschreibung, in
welcher man in gewissem Sinn die Stationen der Passion Christi in ihren
verschiedenen Einzelheiten erkennen kann: die Gefangennahme, die Demütigung,
die Backenstreiche, das Anspeien, die Mißachtung der Würde des
Gefangenen, das ungerechte Urteil und dann die Geißelung, die Dornenkrönung
und Verhöhnung, der Kreuzweg, die Kreuzigung, der Todeskampf.
Stärker noch als diese Beschreibung des Leidens berührt uns in den
Worten des Propheten die Tiefe des Opfers Christi: Er nimmt, obwohl
unschuldig, die Leiden aller Menschen auf sich, weil er die Sünden aller
auf sich nimmt. »Der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen«: Alle
Sünde des Menschen in ihrer Breite und Tiefe wird zur wahren Ursache der
Leiden des Erlösers. Wenn das Leiden am erlittenen Übel »gemessen
wird«, dann lassen uns die Worte des Propheten das Ausmaß des Übels
und des Leidens begreifen, das Christus auf sich genommen hat. Man kann
sagen, daß dies ein »stellvertretendes« Leiden ist; vor allem
aber ist es ein »erlösendes« Leiden. Der Schmerzensmann dieser
Weissagung ist wahrhaftig »das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt
hinwegnimmt«.(42) In seinem Leiden werden die Sünden gerade darum
getilgt, weil allein er als der eingeborene Sohn sie auf sich nehmen, sie
annehmen konnte mit jener Liebe zum Vater, die das Übel jeder Sünde
überwindet;
er macht gewissermaßen dieses Übel im geistigen Raum der
Beziehungen zwischen Gott und der Menschheit zunichte und füllt diesen Raum
mit dem Guten.
Wir rühren hier an die doppelte Natur eines einzigen personalen Trägers
des erlösenden Leidens. Derjenige, der durch Leiden und Kreuzestod die Erlösung
vollbringt, ist der eingeborene Sohn, den Gott »hingegeben hat«. Und
zugleich leidet dieser Sohn, der wesensgleich ist mit dem Vater, als
Mensch. Sein Leiden hat menschliche Dimensionen; es hat aber auch - und dies
ist einmalig in der Geschichte der Menschheit - eine solche Tiefe und Intensität,
daß sie, auch wenn sie menschlich sind, einzigartig genannt werden können,
weil der Mensch, der hier leidet, Gottes eingeborener Sohn in Person ist: »Gott
von Gott«. Daher ist nur er - der eingeborene Sohn - fähig, das Ausmaß
des in der Sünde des Menschen enthaltenen Übels zu umfassen: in jeder
einzelnen Sünde und in der »Gesamtsünde«, je nach den
Dimensionen des geschichtlichen Daseins der Menschheit auf Erden.
18. Man kann sagen, daß uns diese Überlegungen direkt nach
Getsemani und Golgota führen, wo sich dieses Lied vom leidenden
Gottesknecht aus dem Buch Jesaja erfüllt hat. Aber ehe wir dorthin gehen,
lesen wir noch die anschließenden Verse des Liedes, die eine prophetische
Vorwegnahme der Passion von Getsemani und Golgota enthalten. Der leidende
Gottesknecht - und das ist wiederum wesentlich für eine Deutung der Passion
Christi - nimmt jene Leiden, von denen die Rede war, vollkommen freiwillig
auf sich:
»Er wurde mißhandelt und niedergedrückt, aber er tat
seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt,
und wie ein Schaf angesicht seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht
auf. Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte
sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen
der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen. Bei den Ruchlosen gab man
ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein
Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war«.(43)
Christus leidet freiwillig, und er leidet unschuldig. Er greift in
seinem Leiden jene Frage auf, die - von den Menschen immer wieder gestellt - in
geradezu radikaler Weise vom Buch Ijob aufgeworfen wird. Doch Christus stellt
nicht nur wiederum diese Frage (und das auf noch radikalere Weise, weil er ja
nicht nur ein Mensch wie Ijob, sondern der eingeborene Sohn Gottes ist), sondern
er gibt auch die höchst mögliche Antwort auf diese Frage. Die
Antwort ergibt sich sozusagen aus der Frage selbst. Christus gibt die Antwort
auf die Frage nach dem Leiden und nach dem Sinn des Leidens nicht nur in seiner
Lehre, in der Frohen Botschaft, sondern vor allem durch sein eigenes Leiden, das
mit der Lehre der Frohen Botschaft organisch und untrennbar verbunden ist.
Dieses Leiden ist das letzte, zusammenfassende Wort dieser Lehre: »das
Wort vom Kreuz«, wie der hl. Paulus einmal sagen wird.(44)
Dieses »Wort vom Kreuz« füllt das Bild der alten Weissagung
mit einer endgültigen Wirklichkeit. Viele Orte, viele Reden während
der öffentlichen Lehrtätigkeit Christi bezeugen, daß er von
Anfang an dieses Leiden als Willen des Vaters für das Heil der Welt
annimmt. Den Höhepunkt bildet hierbei jedoch das Gebet im Garten
Getsemani. Die Worte: »Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe
dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst«(45)
und dann: »Mein Vater, wenn dieser Kelch an mir nicht vorübergehen
kann, ohne daß ich ihn trinke, geschehe dein Wille«(46) haben eine
mannigfaltige Bedeutung. Sie beweisen die Wahrheit jener Liebe, die der
eingeborene Sohn in seinem Gehorsam dem Vater entgegenbringt. Zugleich bezeugen
sie die Wahrheit seines Leidens. Die Worte des Gebetes Christi im Garten
Getsemani beweisen die Wahrheit der Liebe durch die Wahrheit des Leidens.
Die Worte Christi bestätigen in aller Schlichtheit diese menschliche
Wahrheit des Leidens bis ins letzte: Leiden bedeutet ein Übel erdulden, und
davor erschaudert der Mensch. Er sagt: »Es gehe an mir vorüber«,
genauso, wie Christus in Getsemani sprach.
Zugleich bezeugen seine Worte die einzigartige und unvergleichliche Tiefe
und Intensität des Leidens, wie sie nur jener Mensch erfahren konnte, der
der eingeborene Sohn Gottes ist; sie bezeugen jene Tiefe und Intensität,
die uns die oben zitierten Worte des Propheten auf ihre Weise zu begreifen
helfen. Sicher nicht bis ins letzte (dazu müßte man das
gottmenschliche Geheimnis dieser Person durchdringen können), aber
wenigstens so weit, daß wir den Unterschied (und zugleich die Ähnlichkeit)
zwischen jedem möglichen Leiden des Menschen und dem des Gottmenschen
erkennen. Getsemani ist der Ort, wo eben dieses Leiden in seiner ganzen
Wahrheit, wie sie der Prophet über das darin erfahrene Übel ausgedrückt
hat, gleichsam endgültig vor den Augen der Seele Christi enthüllt
worden ist.
Nach den Worten in Getsemani werden die Worte auf Golgota gesprochen, die
diese in der Geschichte der Welt einmalige Tiefe des Übels, das im Leiden
erfahren wird, bezeugen. Wenn Christus ruft: »Mein Gott, mein Gott, warum
hast du mich verlassen?«, sind seine Worte nicht nur Ausdruck jener
Verlassenheit, von der im Alten Testament wiederholt die Rede ist, besonders in
den Psalmen und hier besonders im Psalm 22, aus welchem die oben zitierten Worte
stammen.(47) Man kann sagen, diese Worte über die Verlassenheit kommen aus
dem Grund der unauflöslichen Einheit des Sohnes mit dem Vater; sie werden
gesprochen, weil der Vater »die Schuld von uns allen auf ihn lud«,(48)
und entsprechen dem, was der hl. Paulus später sagen wird: »Er hat
den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht«.(49)
Zusammen mit dieser schrecklichen Last, unter der er die ganze Bosheit der
Abkehr von Gott, die in der Sünde enthalten ist, erfährt, erlebt
Christus in der göttlichen Tiefe der Verbundenheit des Sohnes mit dem Vater
auf menschlich unaussprechbare Weise dieses Leid, die Trennung vom Vater
und seine Zurückweisung, den Bruch mit Gott. Aber eben durch dieses
Leiden vollbringt er die Erlösung und kann er sterbend sagen: »Es ist
vollbracht«.(50)
Man kann auch sagen, daß sich die Schrift erfüllt hat, daß
sich die Worte des genannten Liedes vom leidenden Gottesknecht endgültig
erfüllt haben: »Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen
Knecht«.(51) Im Leiden Christi hat das menschliche Leiden seinen Höhepunkt
erreicht. Zugleich ist es in eine völlig neue Dimension und Ordnung
eingetreten: Es ist mit der Liebe verbunden worden, mit jener Liebe, von
der Christus zu Nikodemus sprach, mit jener Liebe, die das Gute schafft, indem
sie es sogar aus dem Bösen wirkt, und zwar durch das Leiden, so wie das höchste
Gut der Erlösung der Welt vom Kreuz Christi ausgegangen ist und noch ständig
von dort ausgeht. Das Kreuz Christi ist zu einer Quelle geworden, aus der Ströme
lebendigen Wassers fließen.(52)
In ihm müssen wir auch die Frage nach dem Sinn des Leidens neu stellen
und aus ihm die Antwort auf diese Frage bis zur letzten Tiefe ablesen.
V.
TEILHABE AM LEIDEN CHRISTI
19. Das gleiche Lied vom leidenden Gottesknecht im Buch Jesaja führt
uns mit den folgenden Versen genau in die Richtung dieser Frage und ihrer
Beantwortung:
»Er (der Herr) rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab. Er
wird Nachkommen sehen und lange leben. Der Plan des Herrn wird durch ihn
gelingen. Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht. Er
sättigt sich an Erkenntnis. Mein Knecht, der gerechte, macht die
vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich. Deshalb gebe ich
ihm seinen Anteil unter den Großen, und mit den Mächtigen teilt
er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die
Verbrecher rechnen ließ.
Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die
Schuldigen ein«.(53)
Man kann sagen, mit der Passion Christi ist jedes menschliche Leiden in eine
neue Situation eingetreten. Ijob hat sie gleichsam vorausgeahnt, als er sagte: »Doch
ich, ich weiß: mein Erlöser lebt«,(54) und in einer solchen
Perspektive sein eigenes Leiden gesehen, das ihm ohne die Erlösung seine
volle Bedeutung nicht hätte enthüllen können. Im Kreuz Christi
hat sich nicht nur die Erlösung durch das Leiden erfüllt, sondern
das menschliche Leiden selbst ist dabei zugleich erlöst worden.
Christus hat - frei von jeder eigenen Schuld - »das ganze Übel der
Sünde« auf sich genommen. Die Erfahrung dieses Übels bestimmte
das unvergleichliche Maß des Leidens Christi, das zum Preis für
die Erlösung wurde. Davon spricht das Lied vom leidenden Gottesknecht
bei Jesaja. Davon werden zu ihrer Zeit die Zeugen des Neuen Bundes sprechen, der
im Blute Christi geschlossen wird. Hier die Worte aus dem ersten Brief des
Apostels Petrus: »Ihr wißt, daß ihr aus eurer sinnlosen, von
den Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis
losgekauft wurdet, nicht um Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut
Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel«.(55) Der Apostel Paulus wird
in seinem Brief an die Galater sagen: »Er hat sich für unsere Sünden
hingegeben, um uns aus der gegenwärtigen bösen Welt zu befreien«,(56)
und im Brief an die Korinther: »Denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft
worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib«.(57)
Mit diesen und ähnlichen Worten sprechen die Zeugen des Neuen Bundes
von der Größe der Erlösung, die durch das Leiden Christi
vollbracht wurde. Der Erlöser hat an Stelle des Menschen und für den
Menschen gelitten. Jeder Mensch hat auf seine Weise teil an der Erlösung.
Jeder ist auch zur Teilhabe an jenem Leiden aufgerufen, durch das
die Erlösung vollzogen wurde. Er ist zur Teilhabe an jenem Leiden gerufen,
durch das zugleich jedes menschliche Leiden erlöst worden ist. Indem er die
Erlösung durch das Leiden bewirkte, hat Christus gleichzeitig das
menschliche Leiden auf die Ebene der Erlösung gehoben. Darum kann auch
jeder Mensch durch sein Leiden am erlösenden Leiden Christi teilhaben.
20. Die Texte des Neuen Testaments bringen diese Auffassung an vielen
SteIlen zum Ausdruck. Im zweiten Brief an die Korinther schreibt der Apostel: »Von
allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir
wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und
sind doch nicht verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet.
Wohin wir auch kommen, immer tragen wir das Todesleiden Christi an unserem
Leib, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib sichtbar wird. Denn immer
werden wir, obgleich wir leben, um Jesu willen dem Tod ausgeliefert, damit auch
das Leben Jesu an unserem sterblichen Fleisch offenbar wird... Denn wir wissen,
daß der, welcher Jesus, den Herrn, auferweckt hat, auch uns mit Jesus
auferwecken wird«.(58)
Der hl. Paulus spricht hier von den verschiedenen Leiden und insbesondere
von jenen, an welchen die ersten Christen »um Jesu willen« teilhatten.
Diese Leiden ermöglichen es den Empfängern jenes Briefes, an dem Erlösungswerk
teilzuhaben, das durch die Leiden und den Tod des Erlösers vollbracht
wurde. Die Sprache des Kreuzes und des Todes wird jedoch durch die Sprache
der Auferstehung vervollständigt. Der Mensch findet in der Auferstehung
ein völlig neues Licht, das ihm hilft, sich einen Weg durch das tiefe
Dunkel der Demütigungen, der Zweifel, der Verzweiflung und der Verfolgung
zu bahnen. Deshalb schreibt auch der Apostel im zweiten Korintherbrief: »Wie
uns nämlich die Leiden Christi überreich zuteil geworden sind,
so wird uns durch Christus auch überreicher Trost zuteil«.(59) An
anderer Stelle wendet er sich mit Worten der Ermutigung an die Empfänger
des Briefes: »Der Herr richte euer Herz darauf, daß ihr Gott liebt
und unbeirrt auf Christus wartet«.(60) Im Brief an die Römer schreibt
er: »Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder,
euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt;
das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst«.(61)
Die Teilnahme am Leiden Christi erlangt in diesen Äußerungen des
Apostels gleichsam eine doppelte Dimension. Wenn ein Mensch an den Leiden
Christi teilhat, dann deshalb, weil Christus sein Leiden dem Menschen geöffnet
hat; weil er in seinem Erlöserleiden gewissermaßen selbst an
allen menschlichen Leiden teilhat. Wenn der Mensch im Glauben das Erlöserleiden
Christi entdeckt, findet er darin zugleich seine eigenen Leiden; im
Glauben sieht er sie nun bereichert durch einen neuen Inhalt und eine neue
Bedeutung.
Diese Entdeckung läßt den hl. Paulus im Galaterbrief besonders
starke Worte finden: »Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr
ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser
Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für
mich hingegeben hat«.(62) Der Glaube läßt den Verfasser dieser
Worte jene Liebe erkennen, die Christus ans Kreuz gebracht hat. Und wenn er im
Leiden und Sterben so geliebt hat, dann lebt er mit seinem Leiden und Tod in
dem, den er so geliebt hat; er lebt im Menschen: in Paulus. Und indem er in
ihm lebt - während Paulus, durch den Glauben dessen bewußt, diese
Liebe mit Liebe beantwortet -, wird Christus auch in besonderer Weise
durch das Kreuz mit dem Menschen, mit Paulus, verbunden. Diese
Verbundenheit veranlaßte Paulus im selben Galaterbrief noch zu weiteren,
nicht minder starken Worten: »Ich aber will mich allein des Kreuzes Jesu
Christi, unseres Herrn, rühmen, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und
ich der Welt«.(63)
21. Das Kreuz Christi wirft auf solch eindringliche Weise ein heilbringendes
Licht auf das Leben und insbesondere auf das Leiden des Menschen, weil dieses
Licht im Glauben zusammen mit der Auferstehung zu ihm gelangt: Das
Passionsgeheimnis ist vom Ostergeheimnis umfangen. Die Zeugen des Leidens
Christi sind zugleich Zeugen seiner Auferstehung. Paulus schreibt: »Christus
will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit
seinen Leiden; sein Tod soll mich prägen. So hoffe ich, auch zur
Auferstehung von den Toten zu gelangen«.(64) Der Apostel hat tatsächlich
zuerst »die Macht der Auferstehung« Christi auf dem Weg nach Damaskus
erlebt; erst in der Folge gelangte er in diesem österlichen Licht zu jener »Gemeinschaft
mit seinen Leiden«, von der er zum Beispiel im Galaterbrief spricht. Der
Weg des Paulus ist deutlich österlich: Zur Gemeinschaft mit dem Kreuz
Christi kommt er durch die Erfahrung des Auferstandenen, durch eine
besondere Teilhabe also an der Auferstehung. Darum ist auch in den Aussagen des
Apostels zum Thema des Leidens so häufig das Motiv der Herrlichkeit zu
finden, die im Kreuz Christi ihren Anfang nimmt.
Die Zeugen von Kreuz und Auferstehung waren überzeugt, daß sie »durch
viele Drangsale in das Himmelreich gelangen müssen«.(65) In seinem
zweiten Brief an die Thessalonicher sagt es Paulus so: »Wir können...
mit Stolz auf euch hinweisen, weil ihr im Glauben standhaft bleibt bei aller
Verfolgung und Bedrängnis, die ihr zu ertragen habt. Dies ist ein Anzeichen
des gerechten Gerichtes Gottes; ihr sollt ja des Reiches Gottes teilhaftig
werden, für das ihr leidet«.(66) So ist also die Teilhabe an den
Leiden Christi zugleich ein Leiden um des Himmelreiches willen. Vor dem
gerechten Gott und seinem Urteilsspruch werden alle, die an den Leiden Christi
teilhaben, dieses Reiches würdig. Durch ihre Leiden erstatten sie
gewissermaßen den unendlichen Preis des Leidens und Sterbens Christi zurück,
der zum Preis für unsere Erlösung wurde: Um diesen Preis hat sich das
Reich Gottes in der Geschichte des Menschen neu gefestigt und ist zur endgültigen
Perspektive seines irdischen Daseins geworden. Christus hat uns durch sein
Leiden in dieses Reich eingeführt, und durch das Leiden reifen dafür
die Menschen, die vom Erlösungsgeheimnis Christi umfangen sind.
22. Mit der Perspektive des Gottesreiches ist die Hoffnung auf jene
Herrlichkeit verbunden, die mit dem Kreuz Christi beginnt. Die Auferstehung hat
diese Herrlichkeit - die endzeitliche Herrlichkeit - offenbart, die am Kreuz
Christi vom unermeßlichen Leiden noch völlig verdunkelt war. Die an
den Leiden Christi teilhaben, sind auch berufen, durch ihre eigenen Leiden an
der Herrlichkeit teilzuhaben. Paulus spricht das an mehreren Stellen aus. An
die Römer schreibt er: »Wir sind... Miterben Christi, wenn wir mit ihm
leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden. Ich bin überzeugt, daß
die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der
Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll«.(67) Im zweiten
Korintherbrief lesen wir: »Denn die kleine Last unserer gegenwärtigen
Not schafft uns in maßlosem Übermaß ein ewiges Gewicht an
Herrlichkeit, uns, die wir nicht auf das Sichtbare starren, sondern nach dem
Unsichtbaren ausblicken«.(68) Der Apostel Petrus drückt diese Wahrheit
in seinem ersten Brief mit folgenden Worten aus: »Freut euch, daß ihr
Anteil an den Leiden Christi habt; denn so könnt ihr auch bei der
Offenbarung seiner Herrlichkeit voll Freude jubeln«.(69) Das Motiv des
Leidens und der Herrlichkeit ist ganz vom Evangelium geprägt; es erklärt
sich durch seinen Bezug auf Kreuz und Auferstehung. Die Auferstehung ist vor
allem zur Offenbarung der Herrlichkeit geworden, die der Erhöhung Christi
durch das Kreuz entspricht. Wenn das Kreuz auch in den Augen der Menschen die
Erniedrigung
Christi gewesen ist, so war es gleichzeitig in den Augen Gottes seine
Erhöhung. Am Kreuz hat Christus seine Sendung voll erfüllt und
verwirklicht: Indem er den Willen des Vaters erfüllte, verwirklichte er
zugleich sich selbst. In der Schwachheit offenbarte er seine Macht und
in der Demütigung seine ganze messianische Größe. Sind
nicht alle Worte, die Christus während seines Todeskampfes auf Golgota
ausstieß, besonders jene, die sich auf die Urheber der Kreuzigung
beziehen, ein Beweis für diese Größe: »Vater, vergib ihnen,
denn sie wissen nicht, was sie tun«?(70) Denen, die an den Leiden Christi
teilhaben, prägen sich diese Worte mit der Kraft eines höchsten
Vorbildes ein. Das Leiden ist auch ein Aufruf, die sittliche Größe
des Menschen, seine geistige Reife zu bezeugen. Das haben die Märtyrer
und Bekenner Christi in den verschiedenen Generationen getan, getreu den Worten:
»Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele
aber nicht töten können«.(71)
Die Auferstehung Christi hat »die Herrlichkeit der zukünftigen
Zeit« offenbar gemacht und zugleich »den Ruhm des Kreuzes« bestätigt:
jene: Herrlichkeit, die im Leiden Christi selbst enthalten ist und die
sich oftmals im Leiden des Menschen als Ausdruck seiner geistigen Größe
widergespiegelt hat und noch widerspiegelt. Man muß von dieser
Herrlichkeit Zeugnis geben, nicht nur für die Märtyrer des Glaubens,
sondern auch für zahlreiche andere Menschen, die - manchmal ohne Glauben an
Christus - leiden und ihr Leben für die Wahrheit und für eine gerechte
Sache hingeben. In den Leiden all dieser Menschen wird die hohe Würde des
Menschen in besonderer Weise bestätigt.
23. Das Leiden ist stets eine Prüfung - manchmal eine recht
harte Prüfung -, der die Menschheit unterzogen wird. Aus den Paulusbriefen
spricht wiederholt zu uns jenes evangelische Paradox von der Schwachheit und
der Stärke, das der Apostel ganz besonders an sich selbst erfahren hat
und das mit ihm alle jene erleben, die an den Leiden Christi teilhaben. Er
schreibt im zweiten Korintherbrief: »Viel lieber also will ich mich meiner
Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt«.(72)
Im zweiten Brief an Timotheus lesen wir: »Darum muß ich auch dies
alles erdulden; aber ich schäme mich nicht, denn ich weiß, wem ich
Glauben geschenkt habe«.(73) Und im Philipperbrief heißt es sogar: »Alles
vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt«.(74)
Wer teilhat an den Leiden Christi, hat das Ostergeheimnis des Kreuzes und
der Auferstehung vor Augen, bei dem Christus in einer ersten Phase bis zu den
letzten Grenzen menschlicher Schwachheit und Ohnmacht herabsteigt; denn er
stirbt angenagelt an ein Kreuz. Wenn sich aber in dieser Schwachheit zugleich
seine Erhöhung vollzieht, die durch die Kraft der Auferstehung bestätigt
wird, bedeutet das, daß die Schwachheit aller menschlichen Leiden von
derselben Macht Gottes, die sich im Kreuz Christi offenbart hat, durchdrungen
werden kann. In dieser Sicht heißt leiden besonders empfänglich
und offen werden fur das Wirken der heilbringenden Kräfte Gottes, die
der Menschheit in Christus dargeboten werden. In ihm hat Gott bekräftigt,
daß er besonders durch das Leiden handeln will, das Schwachheit und Entäußerung
des Menschen ist; gerade in dieser Schwachheit und Entäußerung will
er seine Macht offenbaren. So läßt sich auch die Empfehlung des
ersten Petrusbriefes erklären: »Wenn er aber leidet, weil er Christ
ist, dann soll er sich nicht schämen, sondern Gott verherrlichen, indem er
sich zu diesem Namen bekennt«.(75)
Im Römerbrief wird der Apostel Paulus noch ausführlicher über
das Thema der »Kraft, die aus der Schwachheit kommt«, sprechen, über
diese geistige Abhärtung des Menschen inmitten von Prüfungen
und Bedrängnissen, die zur besonderen Berufung derer gehören, die an
den Leiden Christi teilhaben. »Wir rühmen uns ebenso unserer Bedrängnis;
denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung
Hoffnung. Die Hoffnung aber läßt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe
Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns
gegeben ist«.(76) Im Leiden ist somit ein besonderer Ruf zur Tugend
enthalten, die der Mensch von sich her üben soll. Es ist die Tugend der
Ausdauer im Ertragen all dessen, was stört und weh tut. Wenn der Mensch so
handelt, findet er zur Hoffnung, welche in ihm die Uberzeugung aufrechterhält,
daß das Leiden ihn nicht überwältigen, ihn nicht seiner
Menschenwürde, verbunden mit dem Wissen um den Sinn des Lebens, berauben
wird. Eben dieser Sinn offenbart sich ihm zusammen mit dem Wirken der Liebe
Gottes, die das höchste Geschenk des Heiligen Geistes ist. Während
er an dieser Liebe teilhat, findet sich der Mensch letztlich im Leiden selbst
wieder: Er findet »das Leben« wieder, von dem er glaubte, er habe es
wegen des Leidens »verloren«.(77)
24. Doch die Erfahrungen des Apostels, der an den Leiden Christi teilhat,
gehen noch weiter. Im Kolosserbrief lesen wir die Worte, die gleichsam den
letzten Abschnitt seines geistlichen Weges angesichts des Leidens bilden. Paulus
schreibt dort: »Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch
ertrage. Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in
meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt«.(78)
Und in einem anderen Brief fragt er die Empfänger: »Wißt ihr
nicht, daß eure Leiber Glieder Christi sind?«.(79)
Im Ostergeheimnis hat Christus die Verbundenheit mit dem Menschen in der
Gemeinschaft der Kirche eingeleitet. Das Geheimnis der Kirche kommt darin
zum Ausdruck, daß schon in der Taufe, die mit Christus verbindet, und dann
durch sein Opfer - auf sakramentale Weise durch die Eucharistie - die Kirche
fortwährend als Leib Christi geistlich auferbaut wird. In diesem Leib will
Christus mit allen Menschen verbunden sein, und er ist es ganz besonders mit
denen, die leiden. Die angeführten Worte aus dem Kolosserbrief bezeugen den
außergewöhnlichen Charakter dieser Verbundenheit. Denn wer in
Verbundenheit mit Christus leidet - so wie der Apostel Paulus seine »Bedrängnis«
in Verbundenheit mit Christus ertrug -, schöpft nicht nur aus Christus jene
Kraft, von der oben die Rede war, sondern er »ergänzt« auch durch
sein Leiden, »was an den Leiden Christi noch fehlt«. In diesem
biblischen Bild wird in besonderer Weise die Wahrheit vom schöpferischen
Charakter des Leidens
hervorgehoben. Das Leiden Christi hat das Gut der Erlösung der Welt
erwirkt. Dieses Gut ist in sich unerschöpflich und grenzenlos. Kein Mensch
vermag ihm etwas hinzuzufügen. Zugleich jedoch hat Christus im Geheimnis
der Kirche als seines Leibes gewissermaßen sein Erlöserleiden jedem
anderen Leiden des Menschen geöffnet. Insofern der Mensch - an jedem Ort
der Welt und in jeder Zeit der Geschichte - an den Leiden Christi teilhat, ergänzt
er auf seine Weise jenes Leiden, durch das Christus die Erlösung der
Welt vollbracht hat.
Soll das heißen, die von Christus vollbrachte Erlösung sei noch
nicht vollständig? Nein. Es bedeutet nur, daß die aus sühnender
Liebe erwirkte Erlösung ständig offen bleibt für jede Liebe,
die in menschlichem Leiden ihren Ausdruck findet. In dieser
Dimension - in der Dimension der Liebe - vollzieht sich die bereits bis ins
letzte vollzogene Erlösung gewissermaßen unaufhörlich. Christus
hat die Erlösung vollständig und bis ans Ende vollbracht; zugleich
aber hat er sie nicht abgeschlossen: In dem Erlöserleiden, durch das sich
die Erlösung der Welt vollzog, hat sich Christus von Anfang an jedem
menschlichen Leiden geöffnet und öffnet sich ihm noch ständig.
Ja, es scheint zum Wesen selbst des erlösenden Leidens Christi zu
gehören, daß es fortwährend ergänzt werden will.
Auf diese Weise, mit einer solchen Öffnung für alles menschliche
Leiden, hat Christus durch sein eigenes Leiden die Erlösung der Welt
vollbracht. Und obgleich die Erlösung durch das Leiden Christi in ihrer
ganzen Fülle vollbracht worden ist, lebt sie zugleich und schreitet sie
gleichsam fort in der Geschichte des Menschen. Sie lebt und entfaltet sich als
Leib Christi, als die Kirche, und in dieser Dimension ergänzt jedes
menschliche Leiden das Leiden Christi kraft der Einheit mit ihm in der Liebe. Es
ergänzt dieses Leiden, so wie die Kirche das Erlösungswerk Christi
ergänzt. Das Geheimnis der Kirche - jenes Leibes, der in sich den
gekreuzigten und auferstandenen Leib Christi ergänzt - gibt zugleich den
Raum an, in welchem die Leiden der Menschheit die Leiden Christi ergänzen.
Allein in dieser Umgebung und in dieser Dimension der Kirche, des Leibes
Christi, der sich unablässig in Raum und Zeit entwickelt, kann man daran
denken und von dem sprechen, »was an den Leiden Christi noch fehlt«.
Auch der Apostel stellt dies klar heraus, wenn er schreibt: »Für
den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben
das, was an den Leiden Christi noch fehlt«.
Gerade die Kirche, die unaufhörlich aus den unbegrenzten
Quellen der Erlösung schöpft und diese in das Leben der Menschheit
einführt, ist die Dimension, in der das erlösende Leiden
Christi ständig vom Leiden des Menschen ergänzt werden kann. Darin
wird auch die gottmenschliche Natur der Kirche deutlich. Das Leiden scheint in
gewisser Weise an den Merkmalen dieser Natur Anteil zu haben. Deshalb besitzt es
auch in den Augen der Kirche einen besonderen Wert. Es ist ein Gut, vor dem sich
die Kirche voll Verehrung, in der ganzen Tiefe ihres Glaubens an die Erlösung,
verneigt. Sie verneigt sich zugleich in der ganzen Tiefe jenes Glaubens, mit dem
sie in sich selbst das unaussprechliche Geheimnis des Leibes Christi umfängt.
VI.
DAS EVANGELIUM VOM LEIDEN
25. Die Zeugen des Kreuzes und der Auferstehung Christi haben der Kirche und
der Menschheit ein besonderes Evangelium vom Leiden überliefert. Der Erlöser
selbst hat dieses Evangelium zuerst mit seinem eigenen Leiden geschrieben, das
er aus Liebe auf sich genommen hat, damit der Mensch »nicht zugrunde geht,
sondern das ewige Leben hat«.(80) Dieses Leiden ist zusammen mit dem
lebendigen Wort seiner Unterweisung zu einer reichen Quelle für alle jene
geworden, die in der ersten Generation seiner Jünger und Bekenner und dann
in den Generationen der nachfolgenden Jahrhunderte an den Leiden Jesu
teilgenommen haben. Es ist vor allem tröstlich - und entspricht genau der
geschichtlichen Wahrheit und der Darstellung der Evangelien - sehen zu können,
wie an der Seite Christi, in einer ganz innigen und betonten Nähe zu ihm,
immer seine Mutter steht und in beispielhafter Weise mit ihrem ganzen Leben
Zeugnis ablegt für dieses besondere Evangelium vom Leiden.
In Maria ballen sich zahlreiche tiefe Leiden in einer solchen Dichte
zusammen, daß diese nicht nur ihren unerschütterlichen Glauben
beweisen, sondern ebenso einen Beitrag zur Erlösung aller darstellen. Seit
jenem geheimnisvollen Zwiegespräch mit dem Engel erblickt sie ja in ihrer
Aufgabe als Mutter die »Berufung«, an der Sendung ihres Sohnes in
einzigartiger und unwiederholbarer Weise teilzunehmen. Und dies wird ihr sehr
schnell von den Ereignissen bestätigt, welche die Geburt Jesu in Betlehem
begleiten, dann auch von der ausdrücklichen Ankündigung des greisen
Simeon, der von einem Schwert sprach, so scharf, daß es ihre Seele
durchbohren werde, und schließlich von den Sorgen und Entbehrungen der
eiligen Flucht nach Ägypten, die vom grausamen Beschluß des Herodes
veranlaßt wird.
Nach den Ereignissen des verborgenen und des öffentlichen Leben ihres
Sohnes, an denen sie zweifellos mit großer Feinfühligkeit teilnahm,
erreichte das Leiden Marias dann auf dem Kalvarienberg, vereint mit dem Leiden
Jesu, einen Höhepunkt, wie er schon vom rein menschlichen Standpunkt aus in
seiner Größe nur sehr schwer vorstellbar ist, der aber auf
geheimnisvolle und übernatürliche Weise ganz gewiß fruchtbar
wurde für das Heil der Welt. Dieser Gang zum Kalvarienberg, ihr »Stehen«
zu Füßen des Kreuzes zusammen mit dem Lieblingsjünger waren eine
völlig einzigartige Teilnahme am Erlösertod des Sohnes, so wie die
Worte, die sie von seinen Lippen vernehmen konnte, gleichsam die feierliche Übergabe
dieses besonderen Evangeliums waren, das sie der ganzen Gemeinschaft der Gläubigen
verkündigen sollte.
Indem Maria durch ihre Gegenwart Zeugin des Leidens ihres Sohnes
wurde und durch ihr Mitleid daran teilhatte, bot sie einen ganz
besonderen Beitrag zum Evangelium vom Leiden, indem sie im voraus das Wort des
Paulus verwirklichte, das ich zu Beginn zitiert habe. Sie hat tatsächlich
ein ganz besonderes Anrecht darauf, von sich sagen zu können, daß sie
an ihrem Leib - wie schon in ihrem Herzen - ergänze, was an den Leiden
Christi noch fehlt.
Im Lichte des unvergleichlichen Beispiels Christi, das sich mit
einzigartiger Klarheit im Leben seiner Mutter widerspiegelt, wird das Evangelium
vom Leiden durch die Erfahrung und das Wort der Apostel zu einer unerschöpflichen
Quelle für die immer neuen Generationen, die in der Geschichte der
Kirche einander ablösen. Evangelium vom Leiden besagt nicht nur die
Gegenwart des Leidens im Evangelium als eines der Themen der Frohen Botschaft,
sondern außerdem die Offenbarung der heilbringenden Kraft und
Bedeutung des Leidens im messianischen Sendungsauftrag Christi und auch in
der Sendung und Berufung der Kirche.
Christus hat seinen Zuhörern die Notwendigkeit des Leidens nicht
verborgen. Er sagte ganz klar: »Wer mein Jünger sein will...,
nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach«.(81) An seine Jünger
richtete er sittliche Forderungen, die sich nur unter »Selbstverleugnung«(82)
erfüllen lassen. Der Weg, der zum Himmelreich führt, ist »eng und
schmal«; Christus stellt ihn dem »breiten und geräumigen«
Weg gegenüber, der jedoch ins Verderben führt.(83) Christus sprach
auch mehrmals davon, daß seine Jünger und Bekenner vielfältige
Verfolgungen erleiden würden, was bekanntlich nicht bloß in den
ersten Jahrhunderten des Lebens der Kirche unter römischer Herrschaft
eingetreten ist, sondern in verschiedenen Geschichtsepochen und an verschiedenen
Stellen der Erde - auch in unseren Tagen - geschehen ist und noch geschieht.
Hier einige Worte Christi zu diesem Thema: »Man wird euch festnehmen
und euch verfolgen. Man wird euch um meines Namens willen den Gerichten der
Synagogen übergeben, ins Gefängnis werfen und vor Könige und
Statthalter bringen. Dann werdet ihr Zeugnis ablegen können. Nehmt
euch fest vor, nicht im voraus für eure Verteidigung zu sorgen; denn ich
werde euch die Worte und die Weisheit eingeben, so daß alle eure Gegner
nicht dagegen ankommen und nichts dagegen sagen können. Sogar eure Eltern
und Geschwister, eure Verwandten und Freunde werden euch ausliefern, und manche
von euch wird man töten. Ihr werdet um meines Namens willen von
allen gehaßt werden. Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden.
Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen«.(84)
Das Evangelium vom Leiden spricht zunächst an verschiedenen Stellen vom
Leiden »für Christus«, »um Christi willen«, und dies
mit Jesu eigenen Worten oder auch mit den Worten seiner Apostel. Der Meister
verbirgt nicht vor seinen Jüngern und Anhängern die Aussicht auf ein
solches Leiden, sondern eröffnet sie ihnen mit allem Freimut, wobei er
zugleich auf die übernatürlichen Kräfte hinweist, die ihnen
inmitten von Verfolgung und Drangsal »um seines Namens willen«
beistehen werden. Diese werden zugleich ein besonderer Erweis der
Ahnlichkeit mit Christus und ihrer Verbundenheit mit ihm sein. »Wenn die
Welt euch haßt, dann wißt, daß sie mich schon vor euch gehaßt
hat... Aber weil ihr nicht von der Welt stammt, sondern weil ich euch aus der
Welt erwählt habe, darum haßt euch die Welt... Der Sklave ist nicht
größer als sein Herr. Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch
euch verfolgen... Das alles werden sie euch um meines Namens willen antun; denn
sie kennen den nicht, der mich gesandt hat«.(85) »Dies habe ich zu
euch gesagt, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt seid ihr in Bedrängnis;
aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt«.(86)
Dieses erste Kapitel des Evangeliums vom Leiden, das von den Verfolgungen,
von der Drangsal um Christi willen spricht, enthält eine besondere
Aufforderung zu Mut und Tapferkeit, die von der Botschaft der Auferstehung
getragen ist. Christus hat durch seine Auferstehung die Welt endgültig überwunden;
wegen ihrer Beziehung zu Passion und Tod überwand er die Welt zugleich aber
auch durch sein Leiden. Ja, das Leiden ist in einzigartiger Weise in jenen Sieg
über die Welt einbezogen, der in der Auferstehung offenbar geworden ist.
Christus bewahrt an seinem auferstandenen Leib die Wundmale der Kreuzigung an
den Händen, den Füßen und an der Seite. Durch die Auferstehung
offenbart er die siegreiche Kraft des Leidens und will die Überzeugung
von dieser Kraft denen ins Herz senken, die er zu seinen Aposteln auserwählt
hat, wie auch denen, die er ständig erwählt und aussendet. Der Apostel
Paulus wird sagen: »So werden alle, die in der Gemeinschaft mit Christus
Jesus ein frommes Leben führen wollen, verfolgt werden«.(87)
26. Wenn das erste große Kapitel des Evangeliums vom Leiden im Laufe
der Generationen von denen geschrieben wird, die um Christi willen Verfolgungen
leiden, so spielt sich daneben im Gang der Geschichte ein anderes großes
Kapitel dieses Evangeliums ab. Dieses schreiben all jene, die zusammen mit
Christus leiden, indem sie ihre persönlichen menschlichen Leiden mit
seinem heilbringenden Leiden vereinen. In ihnen erfüllt sich, was die
ersten Zeugen der Passion und Auferstehung über die Teilhabe an den Leiden
Christi gesagt und geschrieben haben. In ihnen erfüllt sich also das
Evangelium vom Leiden; zugleich schreibt jeder von ihnen an diesem Evangelium
gewissermaßen weiter: Er schreibt es und verkündet es der Welt, er
verkündet es seiner Umgebung und den Menschen seiner Zeit.
Über Jahrhunderte und Generationen hinweg hat sich immer wieder
herausgestellt, daß Leiden eine besondere Kraft in sich birgt, die
den Menschen innerlich Christus nahebringt, eine besondere Gnade also.
Ihr verdanken viele Heilige, wie zum Beispiel der hl. Franziskus, der hl.
Ignatius von Loyola u.a., ihre tiefe Umkehr. Frucht einer solchen Umkehr ist
nicht nur die Tatsache, daß der Mensch die Heilsbedeutung des Leidens
entdeckt, sondern vor allem, daß er im Leiden ein ganz neuer Mensch wird.
Er entdeckt gleichsam einen neuen Maßstab für sein ganzes Leben
und für seine Berufung. Diese Entdeckung ist eine besondere Bestätigung
für die Größe des Geistes, der im Menschen auf unvergleichliche
Weise den Leib überragt. Wenn dieser Leib schwerkrank ist und völlig
daniederliegt, wenn der Mensch gleichsam unfähig zum Leben und Handeln
geworden ist, treten seine innere Reife und geistige Größe um
so mehr hervor und bilden eine eindrucksvolle Lehre für die gesunden und
normalen Menschen.
Diese innere Reife und geistige Größe im Leiden sind gewiß
Frucht einer echten Umkehr und eines besonderen Zusammenwirkens mit der
Gnade des gekreuzigten Erlösers. Er selbst ist es, der durch seinen Geist
der Wahrheit, den Tröstergeist, mitten in den menschlichen Leiden wirksam
ist. Er verändert gleichsam den Kern des geistlichen Lebens, indem er dem
leidenden Menschen einen Platz in seiner Nähe zuweist. Er lehrt -
als Meister und Seelenführer - den leidenden Bruder und die leidende
Schwester diesen wundersamen Austausch,
der sich im Herzen des Erlösungsgeheimnisses vollzieht. An sich ist das
Leiden eine Erfahrung von Übel. Christus hat daraus jedoch die festeste
Grundlage für das endgültig Gute gemacht, das heißt, für
das Gut des ewigen Heiles. Mit seinem Leiden am Kreuz hat Christus die Wurzeln
des Übels selbst erreicht: die Wurzeln der Sünde und des Todes. Er hat
den Urheber des Bösen, den Satan, und seine dauernde Auflehnung gegen den
Schöpfer besiegt. Vor dem leidenden Bruder und der leidenden Schwester erschließt
Christus die Horizonte des Gottesreiches und breitet sie schrittweise vor
ihnen aus: eine zu ihrem Schöpfer bekehrte Welt, eine von der Sünde
befreite Welt, die auf der heilbringenden Macht der Liebe aufbaut. Langsam, aber
wirksam führt Christus den leidenden Menschen in diese Welt, in dieses
Reich des Vaters ein, und dies gleichsam von der Mitte seines Leidens selbst
her. Denn das Leiden kann nicht mit Hilfe einer Gnade von außen, sondern
nur von innen her verwandelt und verändert werden. Durch sein
eigenes heilbringendes Leiden ist Christus ganz in der Mitte eines jeden
menschlichen Leidens zugegen und vermag von dorther mit der Macht seines Geistes
der Wahrheit, seines Tröstergeistes, zu wirken.
Aber mehr noch: Der göttliche Erlöser will die Seele jedes
Leidenden auch durch das Herz seiner heiligsten Mutter erreichen, die von allen
als erste und am vollkommensten erlöst worden ist. Gleichsam als Fortführung
jener Mutterschaft, die ihm durch den Heiligen Geist das Leben geschenkt hatte,
verlieh Christus in seinem Sterben der Jungfrau Maria eine neue Mutterschaft
- geistig und allumfassend - über alle Menschen, damit jeder auf seiner
Pilgerschaft im Glauben zusammen mit Maria ihm ganz eng verbunden bleibe bis zum
Kreuz und jedes Leiden, durch die Kraft dieses Kreuzes erneuert, von einer Schwäche
des Menschen zu einer Kraft Gottes werde.
Dieser innere Prozeß vollzieht sich jedoch nicht immer auf die gleiche
Weise. Oft ist sein Beginn und erster Verlauf mit Schwierigkeiten verbunden.
Schon der Ausgangspunkt ist unterschiedlich, verschieden ist die Bereitschaft,
die der Mensch bei seinem Leiden zeigt. Man darf jedoch voraussetzen, daß
jeder fast immer mit einem typisch menschlichen Protest und mit der Frage
nach dem »Warum« in sein Leiden eintritt. Ein jeder fragt sich
nach dem Sinn des Leidens und sucht auf seiner menschlichen Ebene eine Antwort
auf diese Frage. Gewiß richtet er diese Frage auch wiederholt an Gott und
an Christus. Darüber hinaus kann er nicht übersehen, daß
derjenige, an den er seine Frage richtet, auch selbst leidet und ihm vom
Kreuz herab, aus der Mitte seines eigenen Leidens her, antworten will. Doch
manchmal braucht es Zeit, sogar lange Zeit, bis diese Antwort innerlich
wahrgenommen werden kann. Denn Christus antwortet nicht direkt, und er antwortet
nicht in abstrakter Weise auf diese Frage des Menschen nach dem Sinn des
Leidens. Der Mensch hört seine rettende Antwort erst, wenn er selbst mehr
und mehr an den Leiden Christi teilnimmt.
Die Antwort, die er durch diese Teilhabe auf dem Weg der inneren Begegnung
mit dem Meister erhält, ist ihrerseits mehr als eine nur abstrakte
Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Leidens. Sie ist in der Tat vor
allem ein Ruf. Sie ist eine Berufung. Christus erklärt nicht in abstrakter
Weise die Gründe des Leidens, sondern sagt vor allem: »Folge mir«!
Komm! Nimm mit deinem Leiden teil an dem Werk der Erlösung der Welt, die
durch mein Leiden vollbracht wird! Durch mein Kreuz! Während der Mensch
sein Kreuz auf sich nimmt und sich dabei geistig mit dem Kreuz Christi
vereint, enthüllt sich vor ihm mehr und mehr der heilbringende Sinn seines
Leidens. Der Mensch findet diesen Sinn nicht auf seiner menschlichen Ebene,
sondern auf der Ebene des Leidens Christi. Zugleich aber steigt der
heilbringende Sinn des Leidens von der Ebene Christi auf die Ebene des
Menschen herab und wird gleichsam zu seiner persönlichen Antwort. Nun
findet der Mensch in seinem Leiden inneren Frieden und sogar geistliche Freude.
27. Von solcher Freude spricht der Apostel im Kolosserbrief: »Jetzt
freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage«.(88) Quelle
der Freude wird die Überwindung des Gefühls von der Nutzlosigkeit
des Leidens, eines Gefühls, das mitunter sehr stark im menschlichen
Leiden verwurzelt ist. Das Leiden verzehrt nicht nur den Menschen innerlich,
sondern macht ihn wohl auch zu einer Last für die anderen. Der Mensch sieht
sich dazu verurteilt, von den anderen Hilfe und Beistand zu erhalten, und kommt
sich selbst zugleich als unnütz vor Die Entdeckung des heilbringenden
Sinnes eines Leidens in Gemeinschaft mit Christus verwandelt dieses niederdrückende
Gefühl. Der Glaube an die Teilhabe an den Leiden Christi bringt die
innere Gewißheit mit sich, daß der leidende Mensch »ergänzt,
was an den Leiden Christi noch fehlt«; daß er in der geistlichen
Dimension des Erlösungswerkes wie Christus dem Heil seiner Brüder
und Schwestern dient. Damit ist er also nicht nur den anderen nützlich,
sondern erfüllt zudem noch einen unersetzlichen Dienst. Im Leib Christi,
der vom Kreuz des Erlösers her unaufhörlich wächst, ist gerade
das vom Opfergeist Christi durchdrungene Leiden der unersetzliche Mittler
und Urheher der für das Heil der Welt unerläßlichen Güter.
Mehr als alles andere bahnt es der Gnade den Weg, die die menschlichen
Seelen verwandelt. Mehr als alles andere läßt es in der Geschichte
der Menschheit die Kräfte der Erlösung gegenwärtig werden. In
jenem »kosmischen« Kampf zwischen den geistigen Kräften von Gut
und Böse, von dem der Epheserbrief spricht,(89) bilden die mit dem Erlöserleiden
Christi verbundenen Leiden des Menschen eine besondere Unterstützung für
die Kräfte des Guten, weil sie dem Sieg dieser heilbringenden Kräfte
den Weg eröffnen.
Darum sieht die Kirche in allen leidenden Brüdern und Schwestern
Christi gleichsam vielfältige Träger seiner übernatürlichen
Kraft. Wie oft wenden sich die Hirten gerade an sie und suchen bei ihnen
Hilfe und Stütze! Das Evangelium vom Leiden wird ununterbrochen geschrieben
und spricht ständig mit den Worten dieses seltsamen Paradoxes: Die Quellen
göttlicher Macht entspringen gerade inmitten menschlicher Schwachheit. Wer
an den Leiden Christi teilhat, bewahrt in seinen Leiden einen ganz besonderen
Teil des unendlichen Schatzes der Erlösung der Welt und kann ihn mit den
anderen teilen. Je mehr der Mensch von der Sünde bedroht ist, je drückender
die Strukturen der Sünde sind, welche die heutige Welt in sich trägt,
umso größer ist die Ausdruckskraft, die das menschliche Leiden
besitzt, und um so dringender fühlt die Kirche die Notwendigkeit, sich um
des Heiles der Welt willen an die menschlichen Leiden zu wenden.
VII.
DER BARMHERZIGE SAMARITER
28. Zum Evangelium vom Leiden gehört auch in enger Verbindung das
Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Durch dieses Gleichnis wollte Christus
Antwort geben auf die Frage: »Wer ist mein Nächster?«.(90) Denn
von den drei Passanten auf der Straße von Jerusalem nach Jericho, wo ein
Mann, von Räubern ausgeplündert und niedergeschlagen, halbtot auf der
Erde lag, zeigte gerade jener aus Samaria, daß für den Unglücklichen
er in Wahrheit der »Nächste« war. »Nächster«,
das will zugleich sagen: derjenige, der das Gebot der Nächstenliebe erfüllte.
Zwei andere Männer kamen ebenfalls diese Straße entlang; einer war
ein Priester, der andere ein Levit; aber »beide sahen ihn und gingen weiter«.
Der Samariter hingegen »sah ihn und hatte Mitleid. Er ging zu ihm hin, goß
Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein
Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn«.(91) Und
ehe er abreiste, vertraute er dem Wirt fürsorglich die Pflege des leidenden
Mannes an, wobei er sich verpflichtete, die anfallenden Kosten zu bezahlen.
Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter gehört zum Evangelium vom
Leiden. Es zeigt in der Tat, wie die Beziehung eines jeden von uns zu seinem
leidenden Nächsten sein sollte. Es ist uns nicht erlaubt, gleichgültig
»weiterzugehen«, sondern wir müssen bei ihm »stehenbleiben«.
Ein barmherziger Samariter ist jeder Mensch, der vor dem Leiden eines
Mitmenschen, was auch immer es sein mag, innehält. Dieses Innehalten
bedeutet nicht Neugier, sondern Bereitschaft. Es öffnet sich gleichsam eine
gewisse innere Bereitschaft des Herzens, die auch ihren emotionalen Ausdruck
hat. Ein guter Samariter ist jeder Mensch, der für das Leiden des
anderen empfänglich ist, der Mensch, der beim Unglück des Nächsten
»Mitleid empfindet«. Wenn Christus, der das Innere des Menschen kennt,
diese Gefühlsregung hervorhebt, will er damit sagen, daß sie für
unser ganzes Verhalten dem Leiden des anderen gegenüber wichtig ist. Wir müssen
also in uns jene Empfindsamkeit des Herzens pflegen, wie sie das Mitleid
für einen Leidenden bezeugt. Manchmal bleibt dieses Mitleid der einzige
oder der wichtigste Ausdruck unserer Liebe zu einem leidenden Menschen und der
Solidarität mit ihm.
Doch der barmherzige Samariter im Gleichnis Christi bleibt nicht bei Mitgefühl
und Mitleid stehen. Sie werden für ihn Ansporn zu einem Handeln, das dem
verletzten Menschen Hilfe bringen soll. Ein barmherziger Samariter ist also
letztlich, wer Hilfe im Leiden bringt, wie beschaffen auch immer es sein
mag. Wirksame Hilfe, soweit es möglich ist. Dafür setzt er sein
Herz ein; doch er spart auch nicht mit materiellen Mitteln. Man kann sagen, er
gibt sich selbst, sein eigenes »Ich«, indem er dieses »Ich«
dem anderen öffnet. Wir berühren hier einen der Schlüsselpunkte
der ganzen christlichen Anthropologie. Der Mensch kann »sich selbst nur
durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden«.(92) Ein
barmherziger Samariter ist der zu dieser Selbsthingabe fähige Mensch.
29. Dem Gleichnis des Evangeliums zufolge könnte man sagen, daß
das Leiden, welches unter so vielen verschiedenen Formen in unserer Menschenwelt
vorhanden ist, auch dazu dienen soll, im Menschen die Liebe zu wecken, eben
jene uneigennützige Hingabe des eigenen »Ich« zugunsten der
anderen, der leidenden Menschen. Die Welt des menschlichen Leidens fordert
sozusagen unaufhörlich eine andere Welt: die Welt der menschlichen Liebe;
und jene uneigennützige Liebe, die in seinem Herzen und in seinem Handeln
erwacht, verdankt der Mensch in gewissem Sinne dem Leiden. Der Mensch als »Nächster«
kann im Namen der grundlegenden menschlichen Solidarität und erst recht im
Namen der Nächstenliebe nicht gleichgültig am Leiden des anderen vorübergehen.
Er muß »innehalten«, »Mitleid haben« und handeln wie
der Samariter im Gleichnis des Evangeliums. Das Gleichnis bringt eine
zutiefst christliche, zugleich aber ganz allgemein menschliche Wahrheit
zum Ausdruck. Nicht ohne Grund wird auch in der Alltagssprache jede Tat
zugunsten von leidenden und hilfsbedürftigen Menschen als Werk »eines
barmherzigen Samariters« bezeichnet.
Diese Tätigkeit nimmt im Laufe der Jahrhunderte institutionell
organisierte Formen an und bildet einen eigenen Arbeitsbereich in verschiedenen
Berufszweigen. Wie sehr entsprechen doch die Berufe des Arztes, der
Krankenschwester oder ähnliche der Tat des »barmherzigen Samariters«.
Im Hinblick auf den darin verborgenen »evangelischen Gehalt« sind wir
geneigt, hierbei mehr an eine Berufung als an einen bloßen Beruf zu
denken. Die Institutionen, die im Lauf der Generationen einen »Samariter«-Dienst
leisteten, haben in unserer Zeit eine noch stärkere Entwicklung und
Spezialisierung erfahren. Das beweist ohne Zweifel, daß der heutige Mensch
mit immer mehr Aufmerksamkeit und mit geschärftem Blick vor den Leiden des
Nächsten innehält und sie immer besser zu verstehen oder sogar zu verhüten
sucht. Er besitzt auf diesem Gebiet auch eine immer größere Fähigkeit
und Spezialisierung. Wenn wir das alles betrachten, können wir sagen, das
Gleichnis vom Samariter im Evangelium ist ein wesentlicher Bestandteil
sittlicher Kultur und menschlicher Zivilisation schlechthin geworden. Und
wenn wir an all die Menschen denken, die durch ihr Wissen und ihre Fähigkeiten
dem leidenden Nächsten vielfältige Dienste leisten, müssen wir
ihnen Worte der Anerkennung und Dankbarkeit aussprechen.
Diese Worte schließen alle ein, die ihren Dienst am leidenden Nächsten
in uneigennütziger Weise vollbringen, indem sie sich freiwillig zur
Hilfeleistung nach Art des »barmherzigen Samariters« zur Verfügung
stellen und diesem Anliegen alle Zeit und Kraft widmen, die ihnen neben
ihrer beruflichen Arbeit noch zur Verfügung stehen. Eine solche spontane Tätigkeit
nach Art des »barmherzigen Samariters« oder karitative Tätigkeit
kann ein sozialer Dienst genannt werden; sie läßt sich aber auch als
Apostolat bezeichnen, und zwar immer dann, wenn sie Motiven entspringt,
die eindeutig auf das Evangelium zurückgehen, und besonders, wenn sie in
Verbindung mit der Kirche oder einer anderen christlichen Gemeinschaft
geschieht. Die freiwillige Tätigkeit als »barmherziger Samariter«
wird in entsprechenden Gruppen oder in zu diesem Zweck geschaffenen Organisationen
verwirklicht. In solcher Form zu wirken ist sehr wichtig, besonders wenn es
darum geht, größere Aufgaben zu übernehmen, die Zusammenarbeit
und den Einsatz technischer Mittel erfordern. Nicht weniger wertvoll ist auch
die Tätigkeit des einzelnen, besonders der Personen, die jeweils am besten
auf die verschiedenen Arten menschlichen Leidens eingestellt sind, denen nur
individuell und persönlich Hilfe gebracht werden kann. Familienhilfe
schließlich umfaßt die Taten der Nächstenliebe, die den
Angehörigen der eigenen Familie erwiesen werden, wie auch die gegenseitige
Hilfe der Familien untereinander.
Es ist kaum möglich, hier sämtliche Arten und die verschiedenen
Bereiche von »Samariter«-Tätigkeit aufzuzählen, die es in
Kirche und Gesellschaft gibt. Man muß anerkennen, daß sie sehr
zahlreich sind, und sich darüber freuen, daß hierdurch die
sittlichen Grundwerte, wie die Werte der menschlichen Solidarität und
der christlichen Nächstenliebe das Bild des sozialen Lebens und der
zwischenmenschlichen Beziehungen formen und sich auf diesem Feld nachdrücklich
gegen die verschiedenen Formen des Hasses, der Gewalt, der Grausamkeit, der
Verachtung des Menschen oder auch der bloßen Gefühllosigkeit, der
Gleichgültigkeit dem Nächsten und seinen Leiden gegenüber wenden.
Außerordentliche Bedeutung kommt hier den richtigen
Haltungen zu, die in der Erziehung zum Tragen kommen sollen. Familie
und Schule sowie die anderen Erziehungseinrichtungen müssen, schon allein
aus humanitären Gründen, beharrlich auf die Weckung und Schärfung
jener Feinfühligkeit gegenüber dem Nächsten und seinem Leiden
hinwirken, zu deren Symbol die Gestalt des Samariters aus dem Evangelium
geworden ist. Dasselbe muß natürlich die Kirche tun, indem sie sich,
wenn möglich, noch tiefer mit den Motiven befaßt, die Christus in
seinem Gleichnis und im ganzen Evangelium niedergelegt hat. Die Botschaft des
Gleichnisses vom barmherzigen Samariter wie auch des ganzen Evangeliums ist vor
allem folgende: Der Mensch muß sich in erster Person dazu aufgerufen
fühlen, die Liebe im Bereich des Leidens zu bezeugen. Institutionen
sind sehr wichtig und unentbehrlich; doch keine Institution vermag von sich aus
das menschliche Herz, das menschliche Mitleid, die menschliche Liebe, die
menschliche Initiative zu ersetzen, wenn es darum geht, dem Leiden des anderen
zu begegnen. Das gilt für die körperlichen Leiden, aber noch mehr,
wenn es sich um die vielfältigen moralischen Leiden handelt; vor allem,
wenn die Seele leidet.
30. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das, wie gesagt, zweifellos
zum Evangelium vom Leiden gehört, durchzieht zusammen mit diesem die
Geschichte der Kirche und des Christentums, die Geschichte des Menschen und der
Menschheit. Es beweist, daß die Offenbarung Christi von der Heilsbedeutung
des Leidens sich in keiner Weise mit einer passiven Haltung gleichsetzen
läßt. Ganz im Gegenteil. Das Evangelium ist die Verneinung von
Passivität gegenüber dem Leiden. In diesem Bereich ist Christus selbst
vor allem aktiv. Auf diese Weise verwirklicht er das messianische Programm
seiner Sendung nach den Worten des Propheten: »Der Herr hat mich gesalbt.
Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich
den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht;
damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn
ausrufe«.(93) Christus erfüllt dieses messianische Programm seiner
Sendung über alle Maßen: Er zieht umher, »um Gutes zu tun«,(94)
und das Gute seiner Werke leuchtet vor allem angesichts menschlicher Leiden auf.
Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter steht in tiefstem Einklang mit dem
Verhalten Christi selbst.
Dieses Gleichnis findet schließlich wegen seines wesentlichen Inhalts
Eingang in die ergreifenden Worte über das Weltgericht, die Matthäus
in seinem Evangelium anführt: »Kommt her, die ihr von meinem Vater
gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für
euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich
war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos,
und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben;
ich war krank, und ihr habt mich besucht«.(95) Den Gerechten, die fragen,
wann sie ihm denn all das getan hätten, wird der Menschensohn antworten: »Amen,
ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Bruder getan habt,
das habt ihr mir getan«.(96) Der umgekehrte Spruch wird jene treffen,
die sich anders verhalten haben: »Was ihr für einen dieser Geringsten
nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan«.(97)
Man könnte die Aufzählung der Leiden, die menschliches Mitleid und
Hilfe gefunden haben oder auch nicht, gewiß noch verlängern. Die
beiden Teile der Botschaft Christi vom Weltgericht weisen eindeutig darauf hin,
wie wesentlich es für jeden Menschen im Hinblick auf sein ewiges Leben ist,
»innezuhalten« - wie der barmherzige Samariter es tat - beim Leiden
des Nächsten, »Mitleid« mit ihm zu haben und schließlich
ihm zu helfen. Im messianischen Programm Christi, zugleich Programm für das
Reich Gottes, ist das Leiden dafür in der Welt, um Liebe zu wecken, um
Werke der Nächstenliebe zu veranlassen und die gesamte menschliche
Zivilisation in eine »Zivilisation der Liebe« zu verwandeln. In dieser
Liebe verwirklicht sich die Heilsbedeutung des Leidens bis ins letzte und
erreicht ihre endgültige Dimension. Die Worte Christi über das
Weltgericht lassen uns das mit der ganzen Schlichtheit und Klarheit des
Evangeliums verstehen.
Diese Worte über die Liebe, über die Werke der Liebe in Verbindung
mit dem menschlichen Leiden lassen uns noch einmal am Grunde aller
menschlichen Leiden das erlösende Leiden Christi entdecken. Christus
sagt: »... das habt ihr mir getan«. Er selber ist es, der in einem
jeden die Liebe erfährt; er selber ist es, der die Hilfe empfängt,
wenn diese ausnahmslos jedem Leidenden gewährt wird. Er selber ist in
diesem Leidenden gegenwärtig; denn sein heilbringendes Leiden wurde ein für
allemal jedem menschlichen Leiden geöffnet. Und alle, die leiden, sind ein
für allemal dazu berufen, »Anteil an den Leiden Christi zu haben«.(98)
So wie alle dazu berufen wurden, durch ihr eigenes Leiden »zu ergänzen,
was an den Leiden Christi noch fehlt«.(99) Christus hat zugleich den
Menschen gelehrt,
durch das Leiden Gutes zu wirken und dem Gutes zu tun, der leidet. In
diesem doppelten Aspekt hat er den Sinn des Leidens bis zum letzten enthüllt.
VIII.
SCHLUSS
31. Das ist der wahrhaft übernatürliche und zugleich menschliche
Sinn des Leidens. Er ist übernatürlich, weil er im göttlichen
Geheimnis der Erlösung der Welt wurzelt, und ist andererseits zutiefst menschlich,
weil der Mensch in ihm sich selbst, sein Menschsein, seine Würde, seine
Sendung wiederfindet.
Das Leiden gehört gewiß zum Geheimnis des Menschen. Aber
vielleicht ist jenes nicht so stark wie er selber von diesem Geheimnis umgeben,
das besonders undurchdringlich ist. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die
Wahrheit zum Ausdruck gebracht, daß »sich nur im Geheimnis des
fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft aufklärt...
Denn Christus, der neue Adam, macht eben in der Offenbarung des
Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen selbst
voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung«.(100)
Wenn sich diese Worte auf alles beziehen, was das Geheimnis des Menschen
ausmacht, dann gewiß in ganz besonderer Weise auf das menschliche
Leiden. Gerade in diesem Punkt ist es besonders notwendig, »den
Menschen dem Menschen kundzumachen und ihm seine höchste Berufung zu
erschließen«. Es kann auch vorkommen - wie die Erfahrung zeigt -, daß
dies besonders dramatisch
ist. Wenn es jedoch bis auf den Grund geschieht und dann zum Licht eines
menschlichen Lebens wird, ist es auch in besonderer Weise beglückend.
»Durch Christus und in Christus also wird das Rätsel von Schmerz
und Tod hell«.(101)
Wir beschließen die vorliegende Betrachtung über das Leiden in
dem Jahr, in welchem die Kirche das außerordentliche Jubiläumsjahr
der Erlösung feiert.
Das Geheimnis der Erlösung der Welt ist auf wunderbare Weise im
Leiden verwurzelt, und dieses findet seinerseits in jenem Geheimnis seinen höchsten
und sichersten Bezugspunkt.
Wir wollen dieses Jahr der Erlösung in besonderer Verbundenheit mit
allen Leidenden leben. Darum sollen unter dem Kreuz auf Kalvaria in geistiger
Weise alle Leidenden zusammenkommen, die an Christus glauben, vor allem jene,
die gerade wegen ihres Glaubens an den Gekreuzigten und Auferstandenen zu leiden
haben: Das Opfer ihrer Leiden soll uns der Erfüllung der Gebete des
Heilands für die Einheit aller(102) näherbringen. Dorthin sollen alle
Menschen guten Willens kommen; denn am Kreuz hängt der »Erlöser
des Menschen«, der Mann der Schmerzen, der die leiblichen und moralischen
Leiden der Menschen aller Zeiten auf sich genommen hat, damit sie in der
Liebe den heilbringenden Sinn ihres Schmerzes und gültige Antworten auf
alle ihre Fragen finden können.
Zusammen mit Maria, der Mutter Christi, die unter dem Kreuz stand,(103)
halten wir an allen Kreuzen des heutigen Menschen inne.
Wir rufen alle Heiligen an, die im Laufe der Jahrhunderte auf
besondere Weise an den Leiden Christi teilgehabt haben. Wir bitten sie um ihren
Beistand.
Und wir bitten euch alle, die ihr leidet, uns zu unterstützen.
Gerade euch, die ihr schwach seid, bitten wir, zu einer Kraftquelle für
die Kirche und für die Menschheit zu werden. Möge in dem
schrecklichen Kampf zwischen den Kräften des Guten und des Bösen, der
sich vor uns in der heutigen Welt abspielt, euer Leiden in Einheit mit dem
Kreuze Christi siegen!
Euch allen, liebe Brüder und Schwestern, erteile ich von Herzen meinen
Apostolischen Segen.
Gegeben zu Rom bei St. Peter, am liturgischen Gedenktag unserer Lieben
Frau in Lourdes, dem 11. Februar 1984, im sechsten Jahr meines Pontifikates.
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