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XVII.
Vollversammlung
Vatikan 15. – 17. Mai 2006
Thema:
“Migration und Unterwegssein aus und in Länder mit
islamischer Mehrheit”
Schlußdokument
Das Ereignis
Das Phänomen der menschlichen Mobilität ist ein Zeichen der Zeit, das nicht
nur unter gesellschaftlichem, wirtschaftlichem und politischem Gesichtspunkt,
sondern auch unter religiösem und spirituellem wachsende Probleme aufwirft.
Lautet das Thema darüber hinaus “Migration und Unterwegssein aus und in
Länder mit islamischer Mehrheit”, springen Komplexität, Aktualität und
Bedeutung des Gegenstands sofort ins Auge. Mit genau diesem Problemkreis hat
sich die XVII. Vollversammlung des Päpstlichen Rates der Seelsorge für
Migranten und Menschen unterwegs befasst. An der Vollversammlung haben, außer
den Mitgliedern und Konsultoren des Dikasteriums, Seelsorger und Experten aus
aller Welt teilgenommen.
Bei der Begrüßung der Teilnehmer im Vatikan betonte Papst Benedikt XVI., dass
der interreligiöse Dialog heute ein wesentlicher Bestandteil des Auftrags der
Kirche im Dienst der Menschheit sei und praktisch für diejenigen, die mit
Migranten, Flüchtlingen und Menschen unterwegs arbeiten, zum „täglichen Brot” gehöre.
Daher seien die einzelnen Gläubigen aufgerufen, sagte der Heilige Vater weiter,
“Hände und Herz für jeden Menschen öffnen,– vor allem für die Kleinen und Armen–, aus welchem Land sie auch immer kommen, und den öffentlichen Verantwortungsträgern
die Aufgabe zu überlassen, [unter Beachtung der allgemeinen Menschenrechte] die
entsprechenden Gesetze für ein gesundes Zusammenleben zu schaffen”. Abschließend
sagte Papst Benedikt XVI.: “Dabei leitet uns die Hoffnung, dass auch die
Christen, die in Länder mit islamischer Mehrheit einwandern, herzliche Aufnahme
und Respekt für ihre religiöse Identität finden”. Außerdem nannte er die
Seelsorge für Migranten und Menschen unterwegs “eine wichtige Frontlinie der
Neuevangelisierung in der globalisierten Welt von heute”.
Auf den Ausführungen des Heiligen Vaters aufbauend, führte der Präsident des
Dikasteriums, Kardinal Renato Raffaele Martino, mit seinem Vortrag: “Das Thema
der Vollversammlung ausgehend von unseren jüngsten Dokumenten und Kongressen”
in die Arbeiten der Vollversammlung ein, und hob hervor, dass zur positiven Lösung
der Probleme, welche sich durch die wachsende Zahl von Migranten und Menschen
unterwegs aus und in Länder mit islamischer Mehrheit ergeben,
folgende Dinge vonnöten seien: ein offener und ehrlicher, interreligiöser
Dialog, das gelebte Zeugnis der Nächstenliebe und der Gastfreundschaft, der
volle Respekt der Religionsfreiheit, eine angemessene gesellschaftliche und
kulturelle Integration unter Beachtung der bestehenden Zivilgesetze sowie eine
recht verstandene Gegenseitigkeit. In einer weiteren wichtigen Passage seines
Referats sprach der Kardinal den Wunsch aus, dass nicht nur auf katholischer
Seite, sondern auch auf muslimischer “ein wachsendes Bewusstsein dafür entstehe, dass die Verwirklichung der
grundlegenden Freiheiten, der unverletzlichen Rechte der Person, der gleichen Würde
von Frau und Mann, des demokratischen Prinzips in der Regierung des Volkes und
der gesunden Laizität des Staates unumgänglich ist” (Instruktion Erga migrantes caritas Christi – in der Folge EMCC
- 66).
Daran anschließend hat der Sekretär des Päpstlichen Rates, Erzbischof
Agostino Marchetto, in seinem Beitrag mit dem Titel “Die Veränderungen, das
Denken und Handeln des Päpstlichen Rates seit der letzten Vollversammlung”
betont, dass eines der Ziele der Versammlung darin bestehe, alle Beteiligten
davon zu überzeugen, wie wichtig ein echter Dialog sei, der ständig über sich
hinauszuwachsen imstande sei. Außerdem sollten einige konkrete Schlüsse
gezogen werden, wie Menschen, die aus bzw. in Länder mit islamischer Mehrheit
migrieren, Aufnahme und Verständnis garantiert werden können. Andererseits
wird von diesen Personen oder Gruppen zu Recht erwartet, dass sie einen loyalen
und großzügigen Beitrag zum Wohl des Gastlandes und der jeweiligen Ortskirche
leisten. Msgr. Marchetto sagte weiter, dass die so genannten sesshafteren
Gemeinden die besonderen Bedürfnisse der „Gäste“ bzw. der Zuwanderer
verstehen lernen und dafür ein ausgeprägtes Solidaritätsempfinden entwickeln
müssen. In dieser Weise können Einheimische und Neuankömmlinge gemeinsam zur
Schaffung einer Kultur des Zusammenlebens, der Verständigung und des Friedens
mit Respekt vor den grundlegenden Menschenrechten eines jeden Einzelnen
beitragen. Ausgehend von einer kritischen Analyse der historischen
Entwicklungen, die bis heute die menschliche Mobilität prägen, gab Msgr.
Marchetto in seinen weiteren Ausführungen der Überzeugung Ausdruck, dass die
Kirchen (a qua und ad quam) der Gesellschaft einen unverzichtbaren
Beitrag bei der rechten Regelung der Mobilität und beim Schutz aller daran
Beteiligten leisten können. Voraussetzung dafür seien gegenseitige Achtung und
die rechtlich-religiöse Gleichbehandlung. “Die Gegenseitigkeit ist auch eine Haltung des Herzens und des Geistes, die uns
dazu befähigt, gemeinsam und überall ein Gleichgewicht von Rechten und
Pflichten zu leben” (EMCC 64).
Am Nachmittag des ersten Versammlungstages gab P. Maurice Borrmans, M. Afr., früherer
Dozent am Päpstlichen Institut für arabische und islamische Studien, einen
(numerisch und geographisch) umfassenden und (statistisch) detaillierten Überblick
über die aktuellen Dimensionen des “Zusammenlebens in Ländern mit
muslimischer Bevölkerungsmehrheit und alteingesessenen oder jüngeren
christlichen Minderheiten”. Aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen
und terroristischen Anschläge der letzten Jahre stellen sich die
Zukunftsaussichten dieses „Zusammenlebens“, laut P. Borrmans, äußerst prekär
dar. Tatsächlich seien Minderheiten immer in Gefahr, führte er weiter aus,
“im Gefolge von leichtsinnigen Verallgemeinerungen und pauschalen
Verurteilungen, die alte Vorurteile und Kreuzzugs- bzw. Jihad-Träume nähren,
zu ‚Sündenböcken’ zu werden”.Die islamische Welt dürfe jedoch nicht als einheitlicher und undifferenzierter
Block gesehen werden. Die menschliche Mobilität hat die Problematik des
Zusammenlebens neu aufleben lassen und zu einem neuen und manchmal widersprüchlichen
Verhältnis zwischen Religion, Kultur, Staat und Rechtsordnung geführt, um so
mehr als die Verarbeitung der modernen Demokratie und Laizität in jedem Land im
Rahmen eines gänzlich eigenen Kontextualisierungsprozesses erfolgt.
Der Sekretär des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog,
Erzbischof Pier Luigi Celata, der als Nächster gesprochen hat, erklärte, dass
“das wachsende Phänomen der menschlichen Mobilität immer stärker zur
Beseitigung der geopolitischen Grenzen führt, welche einst in vielen Fällen
auch die Trennlinien zwischen christlicher und islamischer Welt bildeten”. Um ein friedliches Zusammenleben zu erreichen, sagte Msgr. Celata, indem er
an eine Grundsatzaussage von Papst Benedikt XVI. erinnerte, “ist der Dialog
von lebenswichtiger Bedeutung“, vor allem für Christen, die den Nächsten mit
der Kraft und nach dem Beispiel Christi lieben sollen. Unter Verweis auf die
Aussagen, welche der Heilige Vater in seiner Ansprache an die Muslime letztes
Jahr in Köln gemacht hatte, hob Msgr. Celata die gemeinsamen Herausforderungen
hervor, auf die Christen und Muslime eine Antwort geben müssen. Die erste
dieser Herausforderungen ist der Terrorismus, zu dessen Bekämpfung wir “das
Hassgefühl aus den Herzen ausrotten, uns gegen jede Form von Intoleranz
verwahren und uns jeder Manifestation von Gewalt widersetzen müssen” Msgr. Celata unterstrich weiter die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen
Christen und Muslimen, um die Werte zu wahren, die der menschlichen Würde
zugrunde liegen, also Religionsfreiheit, gegenseitige Achtung, Solidarität und
Frieden. Unter Bezugnahme auf die Spannungen, die wir von der Vergangenheit
geerbt haben, lud der Sekretär des Päpstlichen Rates für den interreligiösen
Dialog dazu ein, den Wunsch des Heiligen Vaters, „Wege der Versöhnung zu
suchen und zu lernen, so zu leben, dass jeder die Identität des anderen
respektiert“,zu unserem zu machen. Außerdem sah Msgr. Celata im geistigen und moralischen
Relativismus und im immanentistischen Säkularismus, welche heute in unseren
Gesellschaften so weit verbreitet sind, eine Herausforderung für Christen und
Muslime, gemeinsam für das Transzendente Zeugnis zu geben. Angesichts der unter
Muslimen relativ weit verbreiteten Schwierigkeit, das Prinzip einer gesunden
Laizität zu verstehen und zu leben, und unter Berücksichtigung der
Notwendigkeit, dass sie angemessen in die westlichen Gesellschaften integriert
werden müssen, haben wir als Christen und “Bürger” die Aufgabe, ihnen
durch eine entsprechende Dialogarbeit und mit der Haltung respektvoller
Freundschaft das Zeugnis unserer Erfahrung anzubieten.
Am zweiten Versammlungstag hat der Generalsekretär des Rates der Europäischen
Bischofskonferenzen, Msgr. Aldo Giordano, im Namen von P. Hans Vöcking, M.
Afr., der verhindert war, zum Thema der Migrationen aus Ländern mit islamischer
Mehrheit die Situation der muslimischen Zuwanderer in Europa illustriert. Ihre
Zahl hat sich drastisch erhöht und gibt der europäischen Gesellschaft heute
ein multireligiöses Gesicht. Der Begegnungspunkt mit dem Muslime heute in der
europäischen Diaspora konfrontiert sind, ist der Kreuzungspunkt der Moderne
bzw. der Postmoderne. Gewiss gibt es Muslime, welche die Möglichkeit einer
“Inkulturation” in die europäische Gesellschaft (“Aufgeklärter Islam”)
erkennen, doch die Mehrheit hat große Probleme mit der europäischen Kultur und
wünscht sich die Rückkehr zu einem Islam mittelalterlicher Prägung, in dem
Religion, Gesellschaft und Politik eng miteinander verquickt waren. Um einen Weg
zur Integration zu finden, müssen laut P. Vöcking, folgende Dinge garantiert
werden: Religionsfreiheit, Unabhängigkeit von ausländischen Finanzierungen,
Schaffung von Strukturen zur Bildung der Verantwortlichen, besonderes Augenmerk
für die politische Bildung, Demokratie und Menschenrechte, Dialog zwischen den
Religionen und schlussendlich auch eine korrekte Information in den Medien. Auf
diese Weise – schloss er – kann sich der Weg zu einer Interpretation des
Islam durchsetzen, die mehr Gewicht auf Werte als auf Gesetze, mehr Gewicht auf
persönliche Entscheidungen als auf die Trauer um den Verlust eines imaginären
“goldenen Zeitalters“ legt.
In Brunei ist die Präsenz der Migranten für die Ortskirche eine
Herausforderung, ihre Solidarität in greifbarer und brüderlicher Weise zu
bekunden, ja noch mehr, betonte Bischof Cornelius Sim, Apostolischer Vikar,
indem die Kirche sich ihrer geistlichen Bedürfnisse annimmt, leistet sie einen
Dienst, der noch wichtiger ist als materielle Hilfe. “Die Gastarbeiter finden
in der Kirche einen Weg, um den katholischen Kollegen zu helfen, und bereichern
so das gemeinsame Erleben von Kirche”. Nicht zuletzt tragen sie so auch zur
kulturellen und wirtschaftlichen Förderung des Landes bei.
Herr Prof. Stefano Zamagni, Präsident der Internationalen Katholischen
Kommission für Mi-grationen, der über die Aufnahme von muslimischen Flüchtlingen
gesprochen hat, deren Zahl heute immer größer wird, sagte, dass man sich
bewusst sein müsse, dass diese Flüchtlinge mit grundverschiedenen Lebens- und
Glaubensauffassungen zu uns kommen. Vor diesem Hintergrund lud er ein, die zwei
Klippen zu vermeiden, an welchen häufig ihre harmonische Integration in das
soziale Netz scheitert: den relativistischen Synkretismus, nach dem alle
Religionen gleich seien, und eine mehr oder minder erzwungene Assimilierung. Des
weiteren empfahl er, ein interkulturelles Dialogmodell zu entwickeln, in dem die
Angebote, auch unter dem Gesichtspunkt der öffentlichen Mittel, im Verhältnis
zum “Akzeptanzgrad” (“moralische Folgerichtigkeit”) ihrer Forderungen
stehen sollten.
Der Erzbischof von Bobo-Dioulasso in Burkina Faso, Msgr. Anselme T. Sanon, - der
ebenfalls verhindert war – hat seinen Bericht zur Situation der christlichen
Flüchtlinge in westafrikanischen Ländern mit islamischer Mehrheit gesandt. Der
Bericht wurde von S.E. Msgr. Béchara Raï, Bischof von Jbeil im Libanon,
vorgelesen. In dem Bericht hat er in einer perspektivischen Aufgliederung die
verschiedenen Situationen, welche mit solchen Zuwanderungen einhergehen, minutiös
und übersichtlich aufgezeigt. Indem er weiter auf die wichtige Rolle hinwies,
welche die Kirche in diesem Bereich spielt, listete er eine Reihe von pastoralen
Antworten auf, unter denen insbesondere die Schaffung einer eigenen
Seelsorgestelle für Flüchtlinge in den Diözesen hervorgehoben wurde, um den
Bedürfnissen der Betroffenen zu begegnen. Weiter wurde ein
verantwortungsbewusstes Engagement der internationalen Institutionen
angefordert, sowie eine angemessene Sensibilisierungsarbeit der
Massenmedien.
Herr Dr. Michael Galligan-Stierle, Untersekretär für Hochschulseelsorge bei
der US-Amerikanischen Bischofskonferenz, hat die Situation ausländischer
(internationaler) Studenten dargestellt, die aus islamischen Ländern in die USA
kommen. Nachdem er kurz die vielen Begegnungen sowie gemeinsamen Beratungen und
Erklärungen von Muslimen und Katholiken seit 1987 rekapituliert hatte, erklärte
er, dass laut einer statistischen Erhebung von den 16,3 Millionen
Hochschulstudenten in seinem Land 591.188 ausländische (internationale)
Studenten seien. Anschließend sagte er, dass eine der Hauptsorgen muslimischer
Studenten die Erlangung eines Gebetsortes im Universitätscampus sei, und
listete dann eine große Zahl von Initiativen auf, welche muslimischen Studenten
angeboten werden, dank der Antworten auf einen Fragebogen, der an 1.200
Hochschulseelsorger gesandt worden war. Zum Schluss forderte er eindringlich,
dass alle pastoralen Initiativen für ausländische Studenten sich an Respekt,
Dialog sowie kultureller Offenheit und Freiheit orientieren müssen.
P. Bernard Lapize de Salée, S.J., hat die Situation der zunehmenden Zahl von
ausländischen Studenten in Algerien beschrieben. Er sagte, dass die Kirche in
ihrer Präsenz ein großes Geschenk und ein vorzügliches Zeugnis im
muslimischen Algerien sehe. Obwohl unter den ausländischen Studenten
muslimische Studenten die Mehrheit bilden, gibt es auch viele Christen unter
ihnen, die in der Hauptsache aus den französischsprachigen Ländern Westafrikas
kommen. Diese Studenten nehmen aktiv am Leben der Kirche teil und sind das jüngste
Element der Christengemeinden im Land. Außerdem vermitteln sie ihr
Erfahrungsgut spontan der einheimischen, muslimischen Jugend, mit der sie engen
Umgang an den Universitätseinrichtungen haben. Am Schluss seines Berichtes
sagte P. Lapize de Salée, dass eine Zusammenarbeit oder zumindest ein Kontakt
zwischen den Kirchen der Herkunftsländer und den Kirchen im Maghreb
(Nordafrika) wünschenswert wäre, auch wenn dies teilweise bereits geschehe.
Zum Thema Nomadismus aus und in Länder mit islamischer Mehrheit sagte Frau Dr.
Hannelore Valier von der Organisation für Sicherheit und Kooperation in Europa,
indem sie die Problematik der Roma ansprach, dass diese, Indien ausschließend,
hauptsächlich in Mittel- und Osteuropa leben. Obwohl man sie verallgemeinernd
mit dem Nomadismus in Zusammenhang bringt, sind sie seit vielen hundert Jahren
in verschiedenen europäischen Ländern sesshaft. Die Probleme, mit denen sie zu
kämpfen haben, sind Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Dazu
kommen ein mangelhaftes Bildungsniveau, eine hohe Arbeitslosigkeit (50-90%),
fehlende Gesundheitsversorgung und eine prekäre Wohnsituation. Trotzdem hat ein
eiserner Überlebenswille die Roma die Jahrhunderte überstehen lassen. Die
internationale Gemeinschaft bemüht sich, mit Respekt vor ihrer kulturellen
Identität und geleitet vom Prinzip der Gleichbehandlung, ihre gesellschaftliche
Integration zu fördern. Dazu ist notwendig, die Reife der demokratischen
Gesellschaften und ihre Fähigkeit zu fördern, gesellschaftlich, die soziale,
kulturelle und religiöse Andersartigkeit der Zigeuner zu verstehen und zu
respektieren.
Für den Sektor des Apostolates des Meeres (Seeleute) sprach der Diakon Ricardo
Rodriguez Martos aus Barcelona (Spanien). Er sagte, dass sich die seelsorgliche
Betreuung in diesem Bereich grundsätzlich an alle Seeleute wendet, unabhängig
davon, welcher Religion sie angehören. Laut einer statistischen Erhebung sollen
18% der auf Handelsschiffen bediensteten Seeleute Muslime sein, was ca. 200.000
Personen entspricht. Gewöhnlich sind sie sehr religiös und praktizieren ihren
Glauben. Muslime wollen keine geistliche Hilfe von Christen; wird sie ihnen
trotzdem angeboten (z.B. indem man sich anbietet, sie mit einer Moschee in
Kontakt zu setzen), lehnen sie sie gewöhnlich ab. Andererseits schätzen sie
materielle Hilfe – wenn sie notwendig ist – sowie karitative Gesten und
Freundschaftsbeweise. Obwohl das Apostolat des Meeres in der Vergangenheit
erfolglos die Kooperation der Moscheen von Barcelona gesucht hat, hat sich der
Islamische Rat der Stadt vor kurzem zu einer Zusammenarbeit bereit erklärt.
Besagte Zusammenarbeit sieht vor, dass das Apostolat des Meeres muslimische
Seeleute, die um religiöse Betreuung bitten, an ihre örtliche Gemeinde weiter
vermitteln soll.
Anschließend hat Rev. P. Xavier Pinto, C.Ss.R., Nationaldirektor für das
Apostolat des Meeres in Indien, erklärt, dass 70% der Seeleute, welche dort die
Zentren von Stella Maris aufsuchen, Philippinos sind, während sich die
restlichen 30% größtenteils aus Seeleuten aus Indien, Bangladesh und Pakistan
zusammensetzen. Laut dem Referenten ist Jesus für zahlreiche Muslime ein
Beispiel der Heiligkeit und der Barmherzigkeit, der den wahren Islam gelebt hätte.
Das sei der Ausgangspunkt, von dem man mit Muslimen ins Gespräch kommen und
zusammenarbeiten kann. Er fügte hinzu, dass zur wirksamen Durchführung des
Apostolats an Seeleuten, sowohl auf See als auch bei den Aufenthalten in den Häfen,
es in erster Linie notwendig sei, dass man die Gesetze des Gastlandes
respektiert. Zweitens müsse man sich bemühen, das Apostolat des Meeres in das
Netz der Seelsorgearbeit der Ortskirche einzubinden. Das gelte auch für Länder
mit islamischer Mehrheit.
Schwester Patricia Ebegbulem, SSL, die sich mit dem Thema befasste, wie
nigerianischen „Straßenmädchen” sowohl im Heimat- als auch im Ausland
geholfen werden kann, erklärte, dass die meisten dieser Frauen ihren Körper
aus Armut oder infolge von Diskriminierung verkaufen. Die Katholische Kirche leistet bei der Rehabilitation und bei der Förderung
der Würde der Frau Pionierarbeit (hier zitierte die Rednerin ausdrücklich
Johannes Paul II. aus dem Apostolischen Schreiben Ecclesia in Africa, Nr.
121). Schwester Patricia regte an, das Jahr 2010 zum Jahr der Würde der Frau zu
erklären, und bat um Unterstützung für diesen Vorschlag.
P. Martin McDermott, S.J., führte aus, dass es im Libanon derzeit zwei Arten
von “Straßenmädchen” gebe: ehemalige Hausgehilfinnen, die sowohl von
muslimischen als auch von christlichen „Zuhältern“ ausgebeutet werden, und
die sogenannten Künstlerinnen. Prostitution ist im Libanon zwar in
Theorie verboten, aber in der Praxis geregelt. Die betroffenen Frauen haben,
sobald sie einmal im Libanon sind, keine Möglichkeit mehr, ihr Leben zu ändern.
Vielfach können sie sich nicht einmal frei im Land bewegen, weil ihnen ihre
Rechte, Papiere und damit die Freiheit genommen werden.
Frau Thérèse Farra aus dem Libanon hat in ihrem Beitrag so genannte
“gemeinsame” Wallfahrten, d.h. von Christen und Muslimen gemeinsam durchgeführte
Wallfahrten, als eine Chance bezeichnet, dauerhafte Freundschaftsbande anzuknüpfen
und ein Netz konstruktiver Beziehungen aufzubauen. Die Organisation “Darb
Maryam” (Weg Mariens), die in diesem Bereich tätig ist, versteht und bietet
sich als ein Ort der Begegnung an, in dem man den Teilnehmern hilft, den
„Dialog des Lebens“ zu erlernen, und die Suche nach gemeinsamen Werten fördert.
Die Teilnehmer entdecken den Glauben des Anderen und bilden eine Weg- und
Gebetsgemeinschaft für den Frieden, indem sie ihn untereinander begründen und
in ihrer Umwelt fördern.
Msgr. Liberio Andreatta, Leiter des Römischen Pilgerwerkes, der sich mit dem
Thema katholischer Pilgerreisen in Länder mit islamischer Mehrheit befasste,
sagte, dass es auf vielen Etappen dieser Pilgerreisen zu Begegnungen mit
Muslimen komme. Bei solchen Gelegenheiten komme man zwar miteinander ins Gespräch,
aus dem sich mitunter Dialog und Diskussion entwickle, doch führe das aufgrund
tiefverwurzelter Überzeugungen nicht zu einer Annäherung der religiösen
Positionen bzw. Anschauungen. Pilgerreisen bieten dem Christen die Möglichkeit,
seine Identität neu zu entdecken, und müssen als solche genutzt werden.
Praktisch heißt das, dass man die eigene Jüngerschaft Christi und den Auftrag
zur “Missio ad Gentes” neu erlebt, worüber natürlich nie vergessen
werden darf, dass das Urmuster allen Pilgertums die Suche nach dem Antlitz
Christi im Mitmenschen ist.
Für den Bereich der Seelsorge in der zivilen Luftfahrt sprach P. Paschal Ryan,
Flughafenseelsorger am Londoner Airport Heathrow. P. Ryan erklärte zu Beginn,
dass die Flughäfen heute durch die “Globalisierung” zu Knotenpunkten der
modernen Zivilisation geworden seien. Sie sind nicht nur mehr Spiegelbilder der
lokalen, sondern auch der globalen Gemeinschaft. Flughäfen sind auch zu
Durchgangsstationen für Gläubige aller Religionsgemeinschaften geworden. Ja,
oft ist die Religion selbst der Reisegrund, weil die Pilgertradition Christen,
Juden, Hindus, Muslimen genauso wie anderen gemeinsam ist. Im Islam herrscht außerdem
für die Gläubigen das Gebot, dass sie zumindest einmal im Leben an die
heiligen Stätten ihres Propheten Muhammad pilgern sollen. Darüber hinaus gilt
es zu bedenken, dass am Airport Heathrow zwischen 65.000 und 70.000 Menschen
verschiedener Glaubensgemeinschaften beschäftigt sind. Gewiss ist das
Hauptmerkmal von Flughäfen die flüchtige Begegnung von unzähligen Menschen,
weil jährlich Millionen von Passagieren schnell durch sie hindurchgehen.
Trotzdem bietet diese ungewöhnliche Situation die Möglichkeit, dem Fremden zu
begegnen und zu verstehen, wie aus dem Kontakt zwischen Christen und Gläubigen
anderer Religionsgemeinschaften sogar eine fruchtbare Zusammenarbeit entstehen
kann. Wenn man außerdem Männer und Frauen verschiedenen Glaubens,
verschiedener Rasse und verschiedener sozialer Herkunft zusammen arbeiten und
denselben multireligiösen Gebetsraum teilen sieht, gehen einem die Augen auf,
wie die Welt sein könnte, beziehungsweise sein sollte.
Am Schlusstag der Vollversammlung gab Erzbischof Giovanni Lajolo, Sekretär für
die Beziehungen des Heiligen Stuhls mit den Staaten, der Überzeugung Ausdruck,
dass, wenn man Ängste und Kleinmut zu überwinden imstande sei, eine kluge und
transparente Regelung der Migrationen sowohl den Herkunftsländern als auch den
Zielländern zugute kommen würde. Damit sprach er ein Thema an, das heute in
verschiedenen europäischen Nationen kontrovers diskutiert wird, insofern sie
einerseits Angst haben, ihre Grenzen zu öffnen, andererseits aber dringend auf
junge, flexible und billige Arbeitskräfte angewiesen sind, deren Beschäftigung
außerdem nur beschränkt negative Auswirkungen auf die Beschäftigung
einheimischer Arbeitnehmer zu haben scheint. “Die Kirche“ – erklärte der
Erzbischof – “tritt, in Übereinstimmung mit der katholischen Natur ihrer
Sendung und mit der Option für die Armen, für das Recht auf Emigration und für
den Schutz der Rechte der Migranten ein.“ Daneben erkennt sie jedoch an, dass
es Aufgabe der Politiker ist, mit Verantwortungsbewusstsein Umfang und Form der
Migrationsflüsse derweise zu regeln, dass Zuwanderern eine humane Aufnahme
garantiert und umgekehrt die einheimische Bevölkerung, welche diese Aufnahme
leisten soll, nicht durch objektive Faktoren zur Ablehnung gedrängt wird, was
nicht nur für die Zuwanderer verheerende Folgen hat, sondern auch für die
humane Kultur der Gastgemeinschaft und für die Beziehungen zwischen den
Staaten.” Angesichts der Tatsache, dass die Religion für viele Personen, die
aus Ländern mit islamischer Mehrheit kommen, ein wichtiges
Identifikationsmerkmal ist, forderte der Erzbischof strikten gegenseitigen
Respekt für die Religionsfreiheit und den sich daraus ergebenden Schutz von
Minderheiten und ihrer Menschenrechte. “Obwohl von vielen Seiten Reziprozität
bei der Achtung und Zuerkennung von Rechten gefordert wird (Kultfreiheit, Bau
von Kultorten)“ – führte Msgr. Lajolo weiter aus – „scheint dieser
Gedanke unter zahlreichen Staaten auf verschiedenen Kontinenten in religiöser
Hinsicht für einen Großteil muslimischer Länder bis heute fremd zu sein.
Diese fordern für ihre Bürger im Ausland die volle Zuerkennung von Rechten
ein, welche sie Zuwanderern anderer Glaubensgemeinschaften in ihrem Land hartnäckig
verweigern.” Des weiteren betonte Msgr. Lajolo, dass sich der Heilige Stuhl
weiterhin mit aller Kraft jedem Versuch widersetzen wird, Religion zur
Rechtfertigung von Terrorismus und Gewalt zu missbrauchen. Abschließend hat der
Sekretär für die Beziehungen mit den Staaten noch auf das delikate Problem der
zunehmenden Schutzlosigkeit hingewiesen, in der Christen in Ländern mit
islamischer Mehrheit leben, was Tausende von Gläubige dazu dränge, ihre Heimat
zu verlassen.
Zum Schluss erläuterte der Sekretär der Kongregation für die Evangelisierung
der Völker, Erzbischof Robert Sarah, nachdem er das Profil der Zuwanderer aus
Schwarzafrika dargelegt hatte, dass sich die Gründe für ihre Auswanderung aus
der Geschichte, aus sozialpolitischen Verhältnissen, dramatischen Gewalt- und
Kriegssituationen, wirtschaftlichen Bedingungen und nicht zuletzt kulturellen Phänomen
wie der Globalisierung erklären. Die verschiedenen Bürgerkriege in mehreren Ländern
haben zudem dazu geführt, dass mehr als 4 Millionen Personen in andere Länder
flüchten mussten. Der Erzbischof fügte hinzu, dass der Zustand chronischer
Armut und Unsicherheit den afrikanischen Kontinent de facto zur permanenten
Unterentwicklung verdamme, was sich wiederum negativ auf die Menschen und
Institutionen auswirke, ausländische Investoren abschrecke, die Kriminalität
verschärfe und vieles andere mehr. Anschließend beschrieb Msgr. Sarah den Weg und die Strapazen, welche die Migranten auf sich nehmen, um
nach Maghreb zu gelangen, und bezeichnete die Tragödie dieser Menschen als
einen wahren Kreuzweg. Zudem begegne man ihnen dann bei der Ankunft in
demütigender und inhumaner Weise. Nach der Darstellung der Hautprobleme, denen
die Migranten begegnen, zeigte Msgr. Sarah einige Lösungsansätze und
Perspektiven auf. “Die Kirche, ganz besonders die Kirche in Afrika, muss in
immer umfassenderer Weise die Rolle des Barmherzigen Samariters übernehmen”.
Die Christen sollen ihrerseits mit Entschlossenheit und Hingabe ihre Aufgabe
gegenüber Zuwanderern und Flüchtlingen wahrnehmen. Die Bischofskonferenzen der
Herkunfts- und Zielländer können einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie
diejenigen, die legal aus- bzw. einwandern wollen, informieren, unterstützen
und begleiten. Besondere Aufmerksamkeit sollte flankierenden Hilfsmaßahmen zur
Integration mit Achtung vor Kultur, Religion und grundlegenden menschlichen
Werten gewidmet werden. Msgr. Sarah lud schließlich dazu ein, den
gesellschaftlichen, interkulturellen wie auch interreligiösen Dialog zu fördern.
Nach den oben wiedergegebenen Referaten und Berichten haben die Teilnehmer der
Vollversammlung das ihnen in diesem Jahr vorgelegte Thema diskutiert und im
Hinblick auf die Abfassung einiger Schlussfolgerungen und Empfehlungen, den
nachfolgenden Text approbiert.
Schlussfolgerungen und Empfehlungen
Muslimische Migranten in Ländern mit christlicher Mehrheit
1) In diesem Zusammenhang wurde eine steigende Zuwanderung von Muslimen nach Europa
und Nordamerika, Länder mit alt christlicher Tradition (siehe EMCC 59
und 65), auf der Suche nach Arbeit oder Demokratie oder im Zuge von
Familienzusammenführungen festgestellt.
2) Angesichts dieser Tatsache ermunterte man dazu, die Integration (und nicht
Assimilierung) muslimischer Zuwanderer zu fördern (siehe EMCC 2, 60-61).
3) Folglich sollen speziell Katholiken solidarisch und zum Miteinander mit
muslimischen Zuwanderern bereit sein, indem sie ihre Kultur und Religion besser
verstehen lernen und zugleich in der Perspektive einer Neuevangelisierung, die
Gewissens- und Religionsfreiheit achtet, Zeugnis für ihre christlichen Werte
ablegen (siehe EMCC 59 und 69).
4) Die Christen sollen also ihre Identität als Jünger Christi vertiefen (siehe EMCC
60), indem sie dafür in ihrem Leben Zeugnis geben und ihre Rolle bei der eben
genannten Neuevangelisierung neu entdecken (siehe EMCC 86-88).
5) Als ein wichtiges Ergebnis soll hier deswegen die Notwendigkeit gegenseitiger
Achtung und menschlicher Solidarität in einem Klima des Friedens betont werden,
in dem die menschliche Person mit ihrer Würde und ihren Rechten und Pflichten
im Mittelpunkt steht.
6) Selbstverständlich müssen dabei die Menschenrechte und Freiheiten der einen im
Einklang mit den Menschenrechten und Freiheiten der anderen gesehen werden.
Dialog
7) Unter den Teilnehmern der Vollversammlung hat sich deutlich das Bewusstsein
gezeigt, dass ein authentischer Dialog zwischen den Gläubigen der verschiedenen
Religionsgemeinschaften notwendig ist, ganz besonders zwischen Christen und
Muslimen (siehe EMCC 69).
8) In diesem Zusammenhang wurde eine Beziehung als wichtig erachtet, die auf
“spirituellem Wetteifer” gründen soll.
9) Der Dialog zwischen Christen und Muslimen ist sicher überall notwendig, doch
ganz besonders in den westlichen Gesellschaften zur Verbesserung der
gegenseitigen Kenntnis, des Verständnisses, der wechselseitigen Wertschätzung
und des Friedens.
10) Während einerseits muslimischen Zuwanderern mit Respekt für ihre
Religionsfreiheit begegnet werden muss, ist es umgekehrt genauso unverzichtbar,
dass sie die kulturelle und religiöse Identität der Gesellschaften, die sie
aufnehmen, respektieren.
11) Darüber hinaus erschien es wichtig, dabei das, was diese Gesellschaften von der
islamischen Kultur tolerieren können, von dem zu unterscheiden, was sie nicht
tolerieren können, weiter zu unterscheiden, was im Hinblick auf die Gläubigen
anderer Religionsgemeinschaften respektiert werden und gemeinsam sein muss
(siehe EMCC 65 und 66) und sich die Möglichkeit offen zu halten, den
Politikern entsprechende Empfehlungen für die korrekte Formulierung der
Zivilgesetzgebung unter Beachtung der Kompetenzen jedes einzelnen zu geben.
12) Das bedeutet, dass ein Modell des religiösen Dialogs entwickelt werden muss,
das sich nicht auf das reine Gespräch oder einfache Zuhören beschränkt,
sondern erlaubt, die jeweils eigenen tiefen geistlichen Überzeugungen zum
Ausdruck zu bringen.
13) In diesem Zusammenhang ist wichtig, dass man den Dialogpartner nicht nur
hin zur Äußerung seiner theologischen und religiösen Dimensionen, sondern
auch seiner ethischen Dimensionen und ihrer Anwendung auf die Gegenwart
begleitet und ihm die Konsequenzen seiner Forderungen an die Zivilgesellschaft
bewusst macht, wobei selbstverständlich weiterhin zwischen zivilem und religiösem
Dialog unterschieden werden muss.
14) Angesichts der neuerlich deklarierten Bedeutung des Prinzips der Gegenseitigkeit
(siehe EMCC 64), welches vom Heiligen Vater bei der Ansprache an die
Teilnehmer der Vollversammlung bekräftigt wurde, erscheint es notwendig, dass
man auch in den islamischen Ländern eine Unterscheidung zwischen ziviler und
religiöser Sphäre vornimmt.
15) Auf jeden Fall ist es in diesem Kontext fundamental, zwischen Westen und
Christentum zu unterscheiden, weil die christlichen Werte in der so genannten
westlichen Welt häufig nicht mehr Haltungen, Positionen oder Handlungen (auch
der öffentlichen Meinung) beeinflussen (siehe EMCC 60).
16) Die Teilnehmer der Vollversammlung haben außerdem der Hoffnung Ausdruck
gegeben, dass dort, wo Christen und Muslime zusammenleben, es ihnen im
gemeinsamen Bemühen mit den anderen Mitbürgern gelingt, allen ohne Unterschied
von Religion die volle Ausübung ihrer jeweiligen Rechte und Freiheiten als
Personen und Mitglieder einer Gemeinschaft zu garantieren.
Situation in einigen Ländern mit islamischer Mehrheit
17) Demgegenüber muss festgestellt werden, dass in Ländern mit islamischer
Mehrheit Christen und allgemein arme Gastarbeiter, die praktisch keine
Verhandlungsmacht haben, bei der Zuerkennung ihrer Menschenrechte großen
Schwierigkeiten begegnen. Letztere haben außerdem kaum die Möglichkeit, ihre
Rechte rechtmäßig einzuklagen, weil sie leicht bestraft oder ausgewiesen
werden können.
18) Die Kirche hat vor diesem Hintergrund in diesen Ländern, wie auch sonst überall
auf der Welt, die Aufgabe, den christlichen Migranten, in der Achtung der
Legalität und durch das Eintreten für die Verfassung einer gerechten
Gesetzgebung im Bereich der menschlichen Mobilität und für den rechtlichen
Schutz aller Beteiligten zu helfen. In diesem Zusammenhang wurde nicht zuletzt
darauf hingewiesen, dass in den jeweils betroffenen Ländern Verhältnisse
bestehen sollten, welche es nicht notwendig machen, dass die Bürger zum Überleben
auswandern müssen.
19) Außerdem muss die Kirche gemäß den Weisungen des Konzilsdekretes Christus
Dominus (Nr. 18) dafür Sorge tragen, dass denjenigen, die aufgrund ihrer
mobilen Lebensbedingungen die allgemeine ordentliche, d.h. territoriale
Hirtensorge nicht genügend in Anspruch nehmen können oder sie entbehren, eine
spezifische bzw. integrierte Seelsorge zugute kommt. Das gilt auch für die Länder
mit islamischer Mehrheit.
20) In diesen Ländern hat die Ortskirche trotz spärlichen Personals und der möglicherweise
bestehenden Unzulänglichkeit ihrer Strukturen die Aufgabe, Zuwanderern und
Menschen unterwegs eine entsprechende Aufnahmen anzubieten.
21) Zu deren geistlicher Betreuung sind Dialog und Zusammenarbeit zwischen den
Ortskirchen der Herkunftsländer der Migranten und der Menschen unterwegs und
den Kirchen in den Zielländern notwendig. Das sollte im übrigen eine
allgemeine Regel für alle Länder sein (siehe EMCC 70 und 50-55).
22) Außerdem muss den internationalen Migranten geholfen werden, ihren Beitrag zur
Gemeinschaft, in der sie leben, und zum einheimischen Teil des Gottesvolkes zu
leisten.
23) Zugleich muss sich bei der Gastgemeinschaft ein Solidaritätsgefühl für
Zuwanderer bzw. für all jene entwickeln, die sich in einer ähnlichen Lage
befinden.
Einsatz der Kirche in den verschiedenen Bereichen menschlicher Mobilität
Die Teilnehmer der Vollversammlung haben sich darüber hinaus mit den
verschiedenen Sektoren der Migration und der Mobilität befasst. Für alle wurde
der folgenden Überzeugung Ausdruck gegeben, dass bezüglich der Migranten:
24) Die Kirche muss für eine korrekte Integration der Migranten mit gebührender
Achtung vor der Kultur und der Religion aller Beteiligten eintreten (siehe Päpstliche
Botschaft zum Weltfriedenstag 2001, Nr. 8, und Päpstliche Botschaft zum
Welttag des Migranten und Flüchtlings 2005, Nr. 3).
25) Deswegen fördert die Kirche mit Respekt vor den bestehenden Unterschieden den
interkulturellen, sozialen und religiösen Dialog (siehe Päpstliche
Botschaft zum Weltfriedenstag 2001, Nr. 12).
Für die einzelnen Sektoren gilt es zunächst Folgendes hervorzuheben:
26) Es müssen freundschaftliche Bande in einer Atmosphäre der Achtung für
kulturelle und religiöse Unterschiede geschaffen werden, auch mit denen, die
als Migranten an eine Rückkehr in ihr Heimatländer denken oder mit den ausländischen
(internationalen) Studenten, welche die künftigen Führungsgestalten in ihren Ländern
sein werden.
27) Für Flüchtlinge und ausländische Studenten, aber nicht nur für sie, wäre
die Schaffung eigener Seelsorgestellen wünschenswert.
28) Im Bereich der Wallfahrten wurde die Notwendigkeit betont, dass die Pilger
angehalten werden sollen, das Antlitz Gottes auch in den Gläubigen anderer
Religionen zu erkennen.
29) Auf Flughäfen, die zu Kreuzungspunkten für Menschen verschiedenster Herkunft
geworden sind, sowie auf Bahnhöfen, wurde die Präsenz spezifisch katholischer
Kapellen oder Orte des Gebetes als erstrebenswert bezeichnet, die auch
multireligiösen Charakter haben können, sofern lediglich diese Möglichkeit
besteht.
30) In den Zentren “Stella Maris” (Apostolat des Meeres) soll man weiterhin auch
muslimische Seeleute aufnehmen und ihnen, sofern verlangt, respektvoll
geistliche Hilfe anbieten.
31) Im Hinblick auf die Zigeunerbevölkerung, die Opfer von Ausgrenzung,
Fremdenfeindlichkeit und Rassismus ist, soll die kohärente Reife der
demokratischen Gesellschaften gestärkt und ihre Fähigkeit gefördert werden,
das gesellschaftliche, kulturelle und religiöse Anderssein der Zigeuner zu
verstehen und zu respektieren (siehe Orientierungen für eine Seelsorge der
Zigeuner Nr. 50).
32) Im Hinblick auf die „Straßenmädchen“ soll – unter Berücksichtigung der
Tatsache, dass häufig Armut und Menschenhandel der Grund zum Verkauf des
eigenen Körpers sind und dass für Prostitution sowohl Christen als auch
Muslime verantwortlich sein können – eine Bewusstseinsbildung gefördert
werden, welche auf die gesamte Gesellschaft zielt.
33) Auf jeden Fall bedarf es eines verstärkten Engagements, um die Frauen –
besonders an den Entscheidungen, die sie direkt betreffen – zu beteiligen, und
die Eltern davon zu überzeugen, dass Mädchen eine gleichwertige Bildung wie
Jungen gegeben werden muss, zu der selbstverständlich auch die ethische Bildung
gehören muss.
Schule und Erziehung
Die Teilnehmer der Vollversammlung haben eindringlich folgendes betont:
34) Die Verpflichtung zur Erziehung der neuen Generationen ist von grundlegender
Bedeutung, nicht zuletzt weil die Schule eine fundamentale Rolle spielt bei der
Überwindung des durch Ignoranz und Vorurteile verursachten Konflikts und bei
der korrekten und objektiven Kenntnis der Religion Andersgläubiger unter
besonderer Beachtung der Gewissens- und Religionsfreiheit (siehe EMCC
62). Christen sollen darüber hinaus die Grundlagen für eine im Licht des
Evangeliums geführten Auseinandersetzung mit der religiösen Erfahrung Andersgläubiger
(siehe EMCC 65) und mit den Zeichen der Zeit vermittelt werden.
35) Deswegen erscheint es unumgänglich, sich für eine Prüfung der Schulbücher
auch im Zusammenhang mit der historischen Darstellung der Religionen
einzusetzen, damit diese die eigene Identität stärken und eine Vorstellung von
der religiösen Identität anderer vermitteln.
36) Auf jeden Fall wird es als notwendig erachtet, Studien, Lehren und Forschungen
im Hinblick auf die verschiedenen Gesichter des historischen und/oder zeitgenössischen
Islam zu vertiefen, auch unter Einschluss seiner unterschiedlichen Akzeptanz
einer gesunden Moderne zu fördern (siehe EMCC 66).
37) Muslimischen Eltern und ihren religiösen Verantwortlichen soll geholfen werden,
die rechten Absichten der westlichen Erziehungssysteme zu verstehen und die
konkreten Konsequenzen zu erkennen, welche eine Ablehnung der Erziehung in den
Schulen dieser Systeme, in denen ihre Kinder leben, nach sich ziehen würde.
Die Staaten und die Religionsfreiheit
38) Da in gewissen Nationen mit islamischer Mehrheit es oft der Staat ist, der dem
Islam seine „Form“ gibt, den Kult organisiert, seinen Geist interpretiert,
das Gedankengut tradiert und so der Gesellschaft einen durch und durch
islamischen Charakter aufprägt, fühlen sich Nichtmuslime in diesen
Gesellschaften häufig wie Bürger zweiter Klasse. Für christliche Migranten
sind die Schwierigkeiten noch größer.
39) Deswegen ist es notwendig, sich dafür einzusetzen, dass sich überall, im
Geiste gegenseitigen zivilen Verständnisses und Respekts für die
Menschenrechte aller Beteiligten, eine Kultur des Zusammenlebens unter
Einheimischen und Migranten durchsetzt. Weiter müssen wir Wege zur Versöhnung
und zur Reinigung der Erinnerungen suchen (siehe EMCC 65), uns zu
Verteidigern der Religionsfreiheit – das muss ein ständiger Imperativ für
uns sein – und zu Verteidigern des Gemeinwohls machen sowie für die Achtung
der Minderheiten eintreten, denn das ist ein unanfechtbares Zeichen wahrer
Zivilisation.
40) Mit Befriedigung wurde festegestellt, dass zahlreiche Staaten mit islamischer
Mehrheit diplomatische Beziehungen zum Heiligen Stuhl aufgenommen haben. Das
zeigt, dass sie empfänglicher für die Menschenrechte geworden sind und im
Rahmen einer gesunden Pluralität den Wunsch nach einem interkulturellen und
interreligiösen Dialog haben.
41) In diesem Zusammenhang wird die Einschränkungen der Menschenrechte, die in
einigen Ländern bestehen, beklagt, insbesondere gebunden an die religiösen
Unterschiede und die fehlende Freiheit, seinen Glauben zu wechseln. Zugleich
wird der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass die öffentlichen Autoritäten der
Herkunftsländer der christlichen Emigranten ihren Bürgern in den islamischen Ländern
helfen, ihr Recht auf Religionsfreiheit effektiv ausüben zu können.
42) Besagte Länder mögen vor diesem Hintergrund ermuntert werden, Räume des
Dialogs mit den Ländern mit islamischer Mehrheit zu schaffen, zu Fragen des
universalen Gemeinwohls, der Achtung der Minderheiten, der Menschenrechte und
ganz besonders der Religionsfreiheit als Fundament aller Freiheiten.
43) Die Kirche muss auf jeden Fall die Initiativen des interkulturellen und
interreligiösen Dialogs auf den verschiedenen Ebenen fortführen, ganz
besonders dort, wo er von den politischen Verantwortungsträgern gefördert
wird.
44) Die Kooperation zwischen christlichen und muslimischen Institutionen bei der
Hilfe für Personen und Bevölkerungen in Not ohne jede Diskriminierung ist ein
wirksames Zeichen, das dazu beitragen kann, Vorurteile und Verhärtungen zu überwinden
und zu einer sinnvollen wechselseitigen Öffnung zu gelangen.
45) Das immer größere Dimensionen annehmende Zusammenleben von Muslimen und
Christen kann eine Chance zur Zusammenarbeit für eine friedlichere Welt sein,
in der die Identität eines jeden geachtet wird und man stärker mit vereinten
Kräften für das Gemeinwohl arbeitet in dem Bewusstsein, dass wir allesamt eine
Menschheitsfamilie bilden, die Hoffnung braucht (siehe EMCC 101-103).
46) In diesem Zusammenhang ist auch die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen
Dikasterien der Römischen Kurie, den Bischofskonferenzen und den Ortskirchen
von fundamentaler Bedeutung.
47) Der einigende Faktor bei allen legitimen Unterschieden muss das Bewusstsein für
die Würde einer jeden Person ohne Ansehen ihrer Volkszugehörigkeit, Kultur,
Nationalität oder Religion sein. Das ist ein Wert, der sich immer universaler
durchsetzt, obwohl es im täglichen Handeln noch viel Inkonsequenz und konkrete
Zuwiderhandlungen gibt.
48) In diesem Kontext galt die besondere Aufmerksamkeit der Teilnehmer der
Vollversammlung dem afrikanischen Kontinent, der ganz besonders politischer
Stabilität und multilateraler Kooperation für eine friedliche und umfassende
Entwicklung bedarf.
49) Auch in diesem Zusammenhang wurden einige Ursachen von Spannungen und Konflikten
benannt, wobei der Wunsch zum Ausdruck kam, dass diese Situationen im Zeichen
von Gerechtigkeit bald einer Lösung zugeführt werden und es in Zukunft
gelingt, Krieg, Gewalt und Terrorismus zu verhindern. Dabei muss insbesondere
vermieden werden, dass Religion aus politischen oder ideologischen Gründen dazu
missbraucht wird, Hass gegen die Gläubigen anderer Religionen zu säen.
50) In diesem Sinn geben wir der Hoffnung Ausdruck, dass muslimische und christliche
Denker im Namen eines gemeinsamen Humanismus und ihrer jeweiligen Glaubensüberzeugungen
sich den dramatischen Fragen der Gewaltanwendung im Namen der Religion stellen.
Rolle der Medien
51) Den Medien kommt, wenn sie über religiöse Phänomene berichten, eine besondere
Rolle bei der Schaffung eines Verständnis und Achtung fördernden Klimas zu.
Deswegen darf sich das Verantwortungsbewusstsein von Journalisten und
Medienarbeitern im allgemeinen in unserer globalisierten Welt von heute nicht
nur auf die Meinungsfreiheit beschränken, sondern muss auch die Art der
Informationsgebung einschließen.
52) Die Massenmedien können auch einen wichtigen Beitrag zur “Bildung“ (oder
umgekehrt bedauerlicherweise auch zur „Verbildung“) von Christen und
Muslimen leisten.
Zum Schluss
dieser Mitteilungen möchten wir hervorheben, dass Inhalt, Arbeitsmethode und
Aktualität der Vollversammlung großen Anklang und waches Interesse bei den
Teilnehmern gefunden haben.
Vatikanstadt,
19 Juni 2006
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