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Pontifical Council for the Pastoral Care of Migrants and Itinerant People
People
on the Move
N°
99 (Suppl.), December 2005
Einführung AM RUNDEN-TISCH-Gespräch
mit jungen Circusleuten und Schaustellern
Pfarrer Wolfgang
Miehle, ND
Im eindrucksvollen Bild des guten Hirten stellt uns das Lukasevangelium (Lk
15,4-7) vor, wie Jesus Christus als oberster Seelsorger sich nicht nur
summarisch um die große Masse der Menschen kümmert, sondern auch die
Einzelsituation jedes Menschen ernst nimmt, ihn sucht und aufnimmt, ihn
begleitet und führt. Deshalb darf es der Kirche niemals nur um eine allgemeine
und damit verallgemeinernde Form der Seelsorge gehen, sondern sie muss die
unterschiedlichen Lebensumstände der Menschen wahrnehmen und respektieren, um
darauf spezifische Antworten in Verkündigung und Pastoral zu finden.
Diese Erkenntnis greift Papst Johannes Paul II. bereits in seiner ersten
Enzyklika Redemptor hominis vom 04.03.1979 auf, wenn er schreibt: Da
also der Mensch der Weg der Kirche ist, der Weg ihres täglichen Lebens und
Erlebens, ihrer Aufgaben und Mühen, muss sich die Kirche unserer Zeit immer
wieder neu die „Situation“ des Menschen bewusst machen. Und in seiner Botschaft
zum Welttag der Flüchtlinge und Migranten im Jahr 1993 führt er weiter
aus, dass dem Anrecht der von der Mobilität betroffenen Gruppen auf
Evangelisation ... durch besondere Initiativen und geeignete, den Personen und
Umständen entsprechende Strukturen nach besten Kräften entsprochen werden
soll. Auch die Instruktion Erga migrantes caritas Christi des Päpstlichen
Rates der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs aus dem Jahr
2004 verweist mehrmals auf das Recht der Menschen unterwegs und umgekehrt die
Pflicht der Bischöfe und Pfarrer zur Einrichtung besonderer pastoraler
Strukturen und Angebote, die es ermöglichen, dass auch die Menschen unterwegs
in der Kirche ihr Vaterland finden können.
Das Unterwegs-Sein gehört elementar zum Leben der Circusleute, Schausteller und
Marktkaufleute. Sie sind damit in gewisser Weise auch ein besonderes Abbild des
pilgernden Gottesvolkes auf seinem Weg durch die Zeit hin zur Ewigkeit Gottes.
Zu ihrem Leben gehört das Wandern von Ort zu Ort. Es ist geprägt von manchmal
sehr kurzen Aufenthalten und oft nur flüchtigen menschlichen Begegnungen, es trägt
vielfach auch den Charakter des Veränderlichen und Vorläufigen, der
Improvisation und des Zufalls, der Unsicherheit und Gefahr. Ihr Dienst ist es,
anderen Menschen in vielen Formen von Festen, Feiern, Märkten, Vorführungen
und sonstigen Veranstaltungen Entspannung, Erholung und Freude zu schenken, auch
wenn ihnen selbst ganz anders zu Mute ist. Der Bajazzo, der singen muss, auch
wenn er lieber weinen würde, und der Clown, der Spässe machen muss, auch wenn
er traurig ist, sind Kennzeichen der Spannung, in der dieser Dienst verwirklicht
wird. Circus und Vergnügungsparks sind eine phantastische Welt, die als Ort
grenzüberschreitender Ersterfahrung für einen christlichen Weg in der
universellen Brüderlichkeit, in der Ökumene und in der Begegnung mit den
anderen Religionen definiert wurde. Es ist in diesem Zusammenhang sicher
kein Zufall, dass viele Volksfeste ihren Ursprung auf Feste des Kirchenjahres
wie Erntedank, Kirchweihfest, Weihnachten oder Gedenktage von Heiligen zurückführen
können.
Die Welt von Circus, Volksfesten, Märkten und Erlebnisparks ist keine
Randerscheinung in unserer Gesellschaft. Eine Studie des Deutschen
Schaustellerbundes e. V. belegt vielmehr, dass im Jahr 2002 die Volksfeste in
Deutschland bei einem Gesamtumsatz von € 3,92 Mrd. rund 178 Mio. Besucher
(ohne die Weihnachtsmärkte mit zusätzlich ca. 50 Mio. und die Freizeitparks
mit weiteren über 20 Mio. Besuchern) verzeichnen konnten und damit das
bedeutendste Angebotssegment der Freizeitwirtschaft darstellen. Die dadurch
erbrachte Arbeitsleistung, die großenteils von Teilzeitkräften und
Saisonarbeitern verrichtet wird, entspricht umgerechnet rund 50.000
Vollarbeitsplätzen. Werden die genannten Zahlen auf alle Länder hochgerechnet,
ist nur zu erahnen, welche pastoralen Herausforderungen jenseits des
wirtschaftlichen Potentials in diesem Bereich an die Kirche gestellt sind. Als
Seelsorger werden wir an das große Erntefeld erinnert, von dem in Lk 10, 2f die
Rede ist und das den Herrn zum Auftrag veranlasst: Bittet den Herrn der
Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden.
Die Katholische Circus- und Schaustellerseelsorge in Deutschland betreut zurzeit
einschließlich der Familienangehörigen und Mitarbeiter (ohne Festbesucher) ca.
40.000 Katholiken bei den Schaustellern, ca. 5.000 Katholiken bei den
Circusunternehmen, ca. 10.000 Katholiken bei den in Freizeitparks Beschäftigten
und ca. 20.000 Katholiken bei den Marktkaufleuten. Viele dieser Menschen stammen
aus so genannten katholischen Dynastien, die von Generation zu Generation im
selben Lebens- und Arbeitsumfeld tätig sind und darin auch einen eigenen Kodex
von Solidarität und Gemeinschaft, von Kultur und Tradition entwickelt haben.
Nach wie vor überwiegen darin die eher patriarchalisch ausgerichteten
Familienverbände, innerhalb derer Einordnung und Zusammenhalt,
Hilfsbereitschaft und gegenseitige Rücksichtnahme als unverzichtbare
Grundregeln anerkannt sind.
Freilich ist unübersehbar, dass sich zunehmend die Kinder und Jugendlichen
damit sehr schwer tun und bisweilen aus dem ihrer Meinung nach zu engen Lebens-
und Arbeitsumfeld des Familienclans ausbrechen wollen. Dies geschieht vor allem
dann, wenn sie über ihre Freunde und Bekannten aus anderen Familienmilieus oder
über Fernsehen und Internet andere Lebensformen und Lebensentwürfe ihrer
Altersgenossen kennenlernen. Außerdem darf nicht übersehen werden, dass sich
hinter der von den Besuchern vordergründig als romantisch empfundenen Atmosphäre
der Welt von Circus, Volksfesten und Erlebnisparks oftmals auch Existenzängste,
Neid, Konkurrenzdruck und Einsamkeit verbergen.
In diesem familiären und gesellschaftlichen Kontext spielt auch der christliche
Glaube eine besondere Rolle, auch wenn die Frömmigkeitsformen der Circus- und
Schaustellerleute sich teilweise von denen der Mitglieder unserer territorialen
Ortsgemeinden, unterscheiden. Infolge eines meist über mehrere Monate
festgelegten Terminplans von Festen, Veranstaltungen und Tourneen ist eine auch
nur punktuelle Verbindung mit der jeweiligen Ortsgemeinde nicht möglich. Es mag
vorkommen, dass der Seelsorger beim ersten Kontakt mit den Circusleuten und
Schaustellern dies auf den ersten Blick als eine anscheinend gleichgültige
Haltung gegenüber Glaube und Kirche deutet, bei näherem Hinsehen findet er
allerdings oftmals ein recht eigendynamisches Glaubensleben vor. Es ist daher
wichtig, dass die Seelsorger und pastoralen Mitarbeiter Wege finden und
aufzeigen, wie christlicher Glaube auch in dieser Umgebung lebbar und erlebbar
bleibt.
Viele – gerade auch junge – Circus- und Schaustellerfamilien sind sehr
dankbar, wenn ein Seelsorger sie in ihren menschlichen, sozialen und religiösen
Bedürfnissen und Erwartungen wahrnimmt und sich um sie bemüht. Sie erwarten
von der Kirche in erster Linie Begleitung an den Lebenswenden – insbesondere
in der Vorbereitung und Spendung der Sakramente, bei der pastoralen Betreuung
von Kranken und Sterbenden, bei der Segnung von Menschen, Zelten, Fahrgeschäften
und Tieren sowie bei Gottesdiensten zu besonderen festlichen Gelegenheiten.
Viele sehen im Seelsorger auch den Gesprächspartner, der von außen in die
ansonsten geschlossene Gesellschaft von Circus- und Schaustellerwelt
hineinkommt, dem sie ihre persönlichsten Ängste und Sorgen anvertrauen können
und der bei Konflikten gelegentlich auch als Vermittler gesucht wird.
Die deutschen Bischöfe verweisen in ihrem am 23.09.2004 veröffentlichten
Missionswort Allen Völkern sein Heil (S. 51f) auf die am 19.05.1991 veröffentlichte
Verlautbarung Dialog und Verkündigung (Nr. 42) des Päpstlichen Rats für
den interreligiösen Dialog / Kongregation für die Evangelisierung der Völker.
Darin wird im interreligiösen Gespräch mit den anderen Weltreligionen zu einem
vierfachen Dialog aufgerufen. Sollte dies, was gegenüber den anderen Religionen
gilt, nicht umso mehr und zuallererst auch für die pastorale Begegnung
innerhalb unserer Kirche gerade auch im Bereich von Circus, Volksfesten und
Erlebnisparks gelten – im Dialog zwischen Ortsgemeinden und Circus- und
Schaustellerleuten? Es geht dabei um:
- den Dialog des Lebens, in dem wir die unterschiedlichen Lebens- und
Arbeitserfahrungen wahrnehmen und respektieren, gleichsam Freud und Leid
miteinander teilen wollen;
- den Dialog des Handelns, in dem wir uns gemeinsam für Wohlergehen,
Gerechtigkeit und Solidarität einsetzen;
- den Dialog der religiösen Erfahrung, in dem wir die unterschiedlichen
religiösen Formen und Erfahrungen nicht als Mangelerscheinung oder Konkurrenz
betrachten, sondern sie bereitwillig als spirituelle Anregung und Bereicherung
wertschätzen und schließlich
- den Dialog des theologischen Austausches, in dem theologische Fachleute
sich bemühen, die religiösen Erfahrungen der Menschen unterwegs im Licht der
biblischen Botschaft von der ecclesia semper peregrinans als wichtiges
Element unseres christlichen Glaubens zu deuten, als Herausforderung an die
Pastoral aufzunehmen und so für das Glaubenszeugnis im alltäglichen Leben
fruchtbar werden zu lassen.
Im nachfolgenden Runden-Tisch-Gespräch mit jungen Circusleuten und
Schaustellern werden wir nun einige Impulse für diesen Dialog erhalten.
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