EUCHARISTIEFEIER ZUR INBESITZNAHME
DER SUBURBIKARISCHEN KIRCHE VON OSTIA
PREDIGT VON KARD. ANGELO SODANO
DEKAN DES KARDINALSKOLLEGIUMS
Kathedrale der Hl. Märtyrerin Aurea
Sonntag, 10. Juli 2005
Verehrte Herren Kardinäle und hochwürdige Mitbrüder im bischöflichen und im
priesterlichen Dienst,
geehrte Obrigkeiten und liebe Gläubige von Ostia, Brüder und Schwestern im Herrn!
Die ersten Worte zu Beginn der heiligen Messe haben euch schon meinen Gruß
überbracht. Jetzt wiederhole ich ihn von ganzem Herzen: Der Friede sei mit euch,
»pax vobis«!
Jedem der Anwesenden danke ich aufrichtig für die Teilnahme an dieser
Eucharistiefeier an dem Tag, an dem ich diese altehrwürdige Kathedrale von Ostia
in Besitz nehme, die durch den Entscheid von Papst Sixtus V. seit 1587 dem
Kardinaldekan des Kardinalskollegiums vorbehalten ist.
Einen besonderen Gruß möchte ich auch an die verdienten Augustinerpatres richten,
die dieses Gotteshaus liebevoll hüten, das mit so vielen Erinnerungen an den
Romaufenthalt der hl. Monika und des hl. Augustinus verbunden ist.
Hierzu möchte ich euch eine Botschaft hinterlassen, wie sie an diesem Tag des
Herrn aus meinem Herzen kommt.
1. Das Gleichnis im Evangelium
Das Evangelium vom heutigen Sonntag vermittelt uns durch die Gestalt des Sämanns
eine erste Botschaft. Es ist eine Einladung, das Wort aufzunehmen, das der Herr
durch den Dienst seiner heiligen Kirche unter uns großmütig ausstreut.
Es ist vor allem eine Einladung, das, was man empfangen hat, Frucht bringen zu
lassen.
Das Gleichnis gibt uns den Schlüssel zum besseren Verständnis des Geheimnisses
von Gut und Böse in der Welt, das heißt des Geheimnisses der menschlichen
Freiheit, die sich dem Werk der Gnade Gottes öffnen oder verschließen kann.
Dieselbe Seite des Evangeliums gibt uns auch ein Gefühl der Hoffnung, weil sie
uns die innere Dynamik der Saat zeigt, die in der Welt ausgestreut wird. Sie
wächst immer, ganz unabhängig davon, ob der Landwirt, der sie in den Boden
gestreut hat, es merkt oder nicht. Das ist die ihr innewohnende Lebenskraft.
Jesus hat seine Jünger auch darauf hingewiesen mit dem ähnlichen Gleichnis vom
Senfkorn, »das ein Mann auf seinen Acker säte. Es ist das kleinste von allen
Samenkörnern, sobald es aber hochgewachsen ist, … wird [es] zu einem Baum, so
daß die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten« (Mt
13,31–32).
Das ist die Kirche: ein Baum, der seine Wurzeln in die Tiefe der menschlichen
Geschichte gesenkt hat und dann seine Zweige allen Menschen guten Willens als
sichere Zuflucht anbietet.
2. Die Botschaft der hl. Aurea
Liebe Brüder, unsere Feier findet in einer bedeutenden Kirche Ostias statt, die
einer Märtyrerin aus der Zeit der römischen Verfolgungen gewidmet ist, nämlich
der hl. Aurea. Wir wissen wenig vom Leben dieser jungen Frau, die wie Agnes und
Cäcilia und viele andere Glaubenszeugen durch die Hingabe des Lebens Gott die
Ehre erwiesen hat. Mit Augustinus können wir sprechen: »Sagtest du, daß sie eine
Märtyrerin ist? Das genügt! Martyrem dixisti? Dixisti satis!«
Hier wurde zu Ehren der hl. Aurea bald eine Kirche errichtet, wo der
Geschichtsschreibung nach im Jahr 387 das Begräbnis der hl. Monika, der
Mutter des hl. Augustinus, stattgefunden hat.
Wie jeder Märtyrer weist uns auch diese Heilige auf die Macht der Gnade Christi
hin, der seine Kirche im Inneren zusammenhält und sie durch seinen Heiligen
Geist belebt. So war es gestern, so ist es heute. Von dem Erzmärtyrer Stephanus
bis zu den Märtyrern des Kommunismus und des Nationalsozialismus des 20.
Jahrhunderts hat eine große Schar von Männern und Frauen aus Treue zu Christus
und seiner Kirche vor der Welt ein wahrhaft erhebendes Beispiel gegeben.
Diese Gnade, die die Märtyrer in ihrem Leiden gestützt hat, wird auch uns
tagtäglich gegeben, wenn wir sie im Glauben erbitten. Wenn wir in größter Not
sind, spricht Christus auch zu uns die Worte, die er an den Apostel Paulus
gerichtet hat, als dieser mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte: »Meine
Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit« (2 Kor
12,9).
3. Die Stimme des hl. Augustinus
Das ist auch das Zeugnis, liebe Brüder, das vom hl. Augustinus kommt, der sich
diesem reizvollen Flecken Italiens so verbunden fühlte.
Er hat die Gnade besungen, die heilt. Augustinus hat in seinem Traktat über den
Gottesstaat De civitate Dei eine realistische Sicht der Menschheitsgeschichte
aufgezeigt. In ihr wirken gewiß die Kräfte des Bösen, aber die von der
göttlichen Allmacht gestützten Kräfte des Guten sind noch stärker gegenwärtig.
Bekannt ist der klassische Satz aus dem XIV. Buch dieses Traktats: »Zweierlei
Liebe hat die zwei Städte aufgebaut [die Stadt Gottes, Jerusalem, und die Stadt
des Bösen, Babylon]: Es waren die bis zur Gottesverachtung reichende irdische
Selbstliebe und die bis zur Selbstverachtung entäußerte himmlische Gottesliebe«
(ebd., XVI,28).
Obwohl Augustinus wußte, wie schwierig das Leben des Christen in der
Gesellschaft seiner Zeit war, richtete er damit eine für alle Zeiten gültige
Botschaft der Hoffnung an seine Zeitgenossen. Auch demjenigen, der in einer sehr
schwierigen Lage handeln mußte, brachte der Heilige von Hippo die ständige
Gegenwart der göttlichen Vorsehung in der menschlichen Geschichte in Erinnerung:
»Undenkbar, daß Gott die menschlichen Reiche außerhalb der Gesetze der Vorsehung
gelassen hätte«, schrieb er in De Civitate Dei (ebd., V,11 und 19).
4. Im Dienst der Kirche
Liebe Brüder, mit dieser Vision der christlichen Hoffnung habe auch ich von
Papst Benedikt XVI. den Auftrag angenommen, sein Staatssekretär zu sein und der
Spur zu folgen, die mir der verstorbene Papst Johannes Paul II. vorgegeben hat.
Ebenso habe ich die Berufung zum Dekan des Kardinalskollegiums angenommen, wohl
wissend um meine Grenzen und die Last der Jahre, die für alle unausweichlich
verstreichen.
Das Pallium, das ich am Fest Peter und Paul empfangen habe, verbindet mich noch
enger mit dem Papst und allen Mitbrüdern, den Kardinälen, und es wird mich
anspornen, alle meine Kräfte in den Dienst der Kirche und insbesondere des
Heiligen Stuhls zu stellen. Meinerseits werde ich versuchen, gelassen
voranzugehen, und wenn ich von euren Gebeten gestützt werde, werde ich immer die
Worte des Apostels Paulus wiederholen können: »Alles vermag ich durch ihn, der
mir Kraft gibt« (Phil 4,13).
Das Leben des Menschen auf Erden ist kurz, und jeder von uns hat hier unten
einen Auftrag zu erfüllen. In dieser Hinsicht scheint mir immer das vom hl.
Ignatius von Loyola hinterlassene Kriterium zu gelten: »Arbeiten, als hänge
alles von uns ab, und dann auf Gott vertrauen, als hänge alles von ihm ab!«
Das soll auch unser Lebensprinzip sein!
Amen.
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