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EXEQUIEN FÜR DEN ERZBISCHOF DONATO SQUICCIARINI PREDIGT VON KARD. ANGELO SODANO*
Petersdom
Liebe Konzelebranten,
»Selig die Toten, die im Herrn sterben!«
Das ist die Seligpreisung, die uns der Apostel Johannes verkündet, nachdem er
eine geheimnisvolle Stimme gehört hat, die vom Himmel zu ihm sprach: »Beati
mortui qui in Domino moriuntur!«
Das ist die Verkündigung, die die heutige Liturgie uns noch einmal hat hören
lassen in der Ersten Lesung dieser Exequien, die wir für den verstorbenen
Apostolischen Nuntius Donato Squicciarini feiern.
Es ist die Seligpreisung des Menschen, der im Glauben an Christus stirbt, eine
Seligpreisung, die alle anderen besiegelt, die er im Verlaufe seines irdischen
Weges gelebt hat: die Seligpreisungen der christlichen Tugenden, die der
göttliche Meister in der Bergpredigt verkündet und die uns die Liturgie in
dieser Eucharistiefeier noch einmal in Erinnerung gerufen hat.
Wir verspüren im Innersten unseres Herzens den Trost der Worte, die den Menschen
seligpreisen, der im Herrn gestorben ist; so sind wir hier versammelt, um von
einem lieben Bruder Abschied zu nehmen. Der Herr hat ihn zu Beginn der
Fastenzeit zu sich gerufen, einer Zeit der Reinigung für jeden Christen. Er hat
ihn beim Anbruch dieser liturgischen Zeit zu sich gerufen, so als wollte er uns
damit sagen, daß seine lange Krankheit ihn bereits in seinem Innern gereinigt
und vorbereitet hatte auf die freudige Begegnung mit seinem Herrn.
Abschied von einem Bruder
Viele von uns standen ihm nahe im Verlauf seines Lebens im Dienst an der Kirche
und insbesondere für den Heiligen Stuhl.
Auch ich denke mit Wehmut an die Jahre zurück, die ich damals gemeinsam mit ihm
im Rat für die Öffentlichen Angelegenheiten der Kirche verbracht habe, der unter
der weisen Führung des damaligen Kardinalstaatssekretärs Villot und des
unmittelbaren Vorgesetzten Msgr. Casaroli stand. Dann ging ich 1978 als
Apostolischer Nuntius nach Lateinamerika, nach Chile, und einige Zeit später
ging er als Apostolischer Nuntius nach Afrika, nach Burundi und dann Kamerun und
Gabun; wir sind jedoch stets in Verbindung geblieben. Dann hatten wir häufig
Kontakt während der dreizehn Jahre, in denen er Apostolischer Nuntius in
Österreich war, von 1989 bis 2002. Bei mehreren Gelegenheiten war ich Zeuge der
großen Verehrung, die ihm die verstorbenen Kardinäle König und Groër sowie der
jetzige Erzbischof von Wien, Kardinal Schönborn, und die anderen
österreichischen Bischöfe entgegenbrachten. Dabei will ich nicht vergessen, die
tiefe Hochachtung zu erwähnen, die die Obrigkeiten des Landes ihm gegenüber
empfanden, angefangen bei den Präsidenten der Republik, den Herren Kirchschläger
und Klestil. Der Name von Nuntius Squicciarini wird in ganz Österreich in
segensreicher Erinnerung bleiben, zusammen mit den Namen derer, die in letzter
Zeit, nach der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen im Jahre 1946, in
jenem Land dem Heiligen Stuhl dienten, also die verstorbenen Nuntien Giovanni
Dellepiane, Opilio Rossi, Mario Cagna und Michele Cecchini.
Der Dienst an der Kirche
In seinem »geistlichen Testament« hat der liebe Erzbischof Squicciarini am Ende
seiner irdischen Tage die Worte des hl. Paulus wiederholen können: »Ich habe den
guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue gehalten« (2 Tim
4,7). Dann hat er hinzugefügt: »Der Glaube hat mir stets Mut, Kraft und
Begeisterung geschenkt, so daß die Talente, die der Herr mir anvertraut hat,
Früchte tragen konnten«.
Seine Worte sind auch für uns, die Diener der Kirche, eine Einladung, aus
unserem Leben einen Dienst an anderen Menschen zu machen, einen Liebesdienst für
unsere Brüder. Das ist der Sinn jedes Hirtendienstes. Das ist auch der Sinn des
Dienstes, den die Priester und die Bischöfe der Kirche erfüllen, die berufen
sind, Mitarbeiter des Papstes zu sein an der Römischen Kurie und bei den
Päpstlichen Vertretungen im Ausland.
Ein Liebesdienst
Unser verstorbener Bruder war immer in erster Linie ein Hirte, der seiner
priesterlichen und bischöflichen Berufung treu war, mit der Christus ihn berufen
hat, gemeinsam mit ihm seine Herde zu weiden. Und heute danken wir Gott, weil
Erzbischof Squicciarini diesen Dienst an der Liebe, der Liebe Christi, leben
wollte und konnte. »Sit amoris officium, pascere dominicum gregem«,
schrieb der hl. Augustinus in seinem Kommentar zum Johannesevangelium (In Joh.
Ev., 123,5). Der Hirtendienst ist ein Ausdruck der Liebe, wie uns die Worte
des auferstandenen Jesus im Gespräch mit Simon Petrus am Ufer des Sees von
Galiläa in Erinnerung rufen: »Liebst du mich? … Weide meine Lämmer« (Joh
21,15). Hier liegt das Geheimnis der Berufung des Hirten: »Weide!«: Es ist ein
»Auftrag« von Herz zu Herz, vom Herzen Christi zum Herzen seines Apostels. In
diesem Gespräch, das so persönlich ist und dennoch offen für die Zukunft der
ganzen Welt, liegt auch das Geheimnis des Lebens von Erzbischof Squicciarini:
ein Leben, das aus Liebe hingegeben wurde, in der besonderen Form des Dienstes
am Heiligen Stuhl als Päpstlicher Vertreter.
Und eben der Liebe als Wesen des Christentums hat der Heilige Vater seine erste
Enzyklika gewidmet:
Deus caritas est.
Zeichen der großen Liebe Gottes für die Menschen von heute ist auch der Dienst
eines Apostolischen Nuntius. Auch sein Dienst ist ein Hirtendienst; er
unterscheidet sich in der Form von dem des Diözesanbischofs, ist aber in seinem
Ziel mit diesem identisch. Auf dieser Linie hat Erzbischof Squicciarini seine
ganze Sendung gelebt, vom 12. April 1952, dem Tag, an dem er in der Kathedrale
von Altamura zum Priester geweiht wurde, bis zum Ende seines Dienstes und auch
darüber hinaus, denn ein Hirte hört – wie ein Vater oder eine Mutter – niemals
auf, ein solcher zu sein, nicht einmal in der Krankheit und nicht auf dem
Sterbebett.
Friedensstifter
Wenn man an sein Leben und sein Zeugnis denkt, gehen die Gedanken unwillkürlich
zurück zu den letzten Worten des Abschnitts der Offenbarung, den wir vorhin
gehört haben: »Ja, spricht der Geist, sie sollen ausruhen von ihren Mühen; denn
ihre Werke begleiten sie« (Offb 14,13). »Ihre Werke«. Dieser Ausdruck
läßt sich gut verbinden mit der siebten Seligpreisung des Matthäusevangeliums:
»Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden« (Mt
5,9). Die Werke von Erzbischof Squicciarini, die ihn begleiten auf seinem
Übergang von dieser Welt zum Vater, sind die eines wahren »Friedensstifters«,
als Priester und als Bischof. Er hat es verstanden, in dieser bezeichnenden
Tugend, die auf besondere Weise zu einem Apostolischen Nuntius paßt, alle
anderen Tugenden zusammenfließen zu lassen, besonders die Demut, die Sanftmut,
die Leidenschaft für die Gerechtigkeit, die Barmherzigkeit. Aber wie der hl.
Paulus uns in Erinnerung rufen würde (vgl. 1 Kor 13), ist jede dieser
Tugenden eine solche, weil sie auf der Liebe gegründet und von dieser beseelt
ist.
Die Liebe Christi hat das ganze apostolische Wirken unseres verstorbenen Bruders
getragen und beseelt, und es hat ihn fähig gemacht, den Dialog und das
gegenseitige Verständnis in vielen verschiedenen Situationen zu fördern. Überall
hat er dazu beigetragen, Konflikte zu überwinden, Wege der Begegnung zu öffnen,
Menschen und Gemeinschaften der Kirche näherzubringen, besonders der
Gemeinschaft mit dem Papst.
Schluß
Liebe Brüder und Schwestern, in diesem eucharistischen Opfer legen wir die
auserwählte Seele von Erzbischof Donato Squicciarini in die Hände des Vaters im
Himmel. Die Kirche lädt uns zum Bittgebet für alle Verstorbenen ein, weil nichts
Unvollkommenes vor das Angesicht Gottes treten kann. Und so wird der liebe Don
Donato auch dank unserer Gebete die Worte des Herrn hören können: »Komm,
tüchtiger und treuer Diener, nimm teil an der Freude deines Herrn« (vgl. Mt
25,21).
*L'Osservatore Romano. Wochenausgabe in deutscher Sprache n.12. p.12.
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