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EUCHARISTIEFEIER ZUR ERÖFFNUNG DES NEUEN STUDIENJAHRES
AN DER PÄPSTLICHEN SALESIANERUNIVERSITÄT
PREDIGT VON KARDINAL TARCISIO BERTONE
Kirche "Santa Maria della Speranza"
Dienstag, 10. Oktober 2006
Sehr geehrte Obrigkeiten,
hochwürdigster Herr Großrektor,
hochwürdiger Rector Magnificus,
liebe Professoren und Studenten!
Sehr gerne habe ich eure Einladung angenommen, der Eucharistiefeier zur
Eröffnung des Akademischen Jahres an eurer Universität vorzustehen. Allen und
jedem einzelnen von euch gilt mein brüderlicher Gruß.
Wir rufen auf das beginnende Studienjahr das Licht des Heiligen Geistes herab,
daß er euer Forschen und euer tägliches Bemühen in Studium und Unterricht
erleuchte und leite. Nach dem aufmerksamen Hören des Wortes Gottes richtet sich
unsere Betrachtung jetzt auf den Heiligen Geist, in dem wir drei Aspekte
erkennen, die uns unmittelbar betreffen.
- Erstens: Der Heilige Geist ist das Prinzip, das die geschaffene Wirklichkeit
mit unserer Vernunft verbindet (vgl. Antwortpsalm) und uns darum erlaubt, die
Wirklichkeit, insbesondere das Geheimnis des Menschen und Gottes, zu erkennen
(vgl. Evangelium).
- Zweitens: Der Heilige Geist ist das Prinzip, das aus dieser akademischen
Gemeinschaft eine kirchliche Wirklichkeit macht, die teilnimmt am Auftrag der
Verkündigung des Evangeliums und überdies die Vorzugsstellung einer Päpstlichen
Universität besitzt, mit Dozenten und Studenten verschiedener Nationalitäten (Erste
Lesung).
- Schließlich ist der Heilige Geist das Prinzip, das es jedem Christen
ermöglicht, Früchte neuen Lebens hervorzubringen und der Weisheit des
Evangeliums gemäß zu leben, indem er sein persönliches Verhalten in konsequente
Übereinstimmung bringt mit der Grundausrichtung der Universität (Zweite Lesung).
Ich möchte zunächst vom Psalm ausgehen, der vor unseren Augen den kosmischen
Horizont der Schöpfung öffnet: »Nimmst du ihnen den Atem, so schwinden sie dahin
/ … Sendest du deinen Geist aus, so werden sie alle erschaffen« (Ps
104,29–30). Diese zwei Verse aus Psalm 104 fassen treffender als jede Abhandlung
mit der symbolischen Dichte der poetischen Sprache die Wahrheit zusammen, daß
alle Geschöpfe von Gott und seinem »Atem« abhängen. Philosophisch ausgedrückt,
handelt es sich um den metaphysischen Grund der Wesen, der Psalm aber bringt
dies durch ein großartiges Bild, ja durch eine lebendige Szene zum Ausdruck, die
Anlaß gibt zu rufen: »Herr, wie zahlreich sind deine Werke! / Mit Weisheit hast
du sie alle gemacht, / die Erde ist voll von deinen Geschöpfen« (V. 24). Das ist
der »Kosmos«, in dem der Mensch lebt und arbeitet.
Zur Arbeit des Menschen gehört auch jenes geordnete und organisierte Forschen,
das den Namen »Universität« erhält, wenn es auf höherem Niveau von einem
Professorenkollegium für eine Studentengemeinschaft durchgeführt wird. Jede
katholische Universität lebt also in dem Bewußtsein, mit dem unaufhörlichen
Wirken des Schöpfergottes in Wechselwirkung zu stehen, es mit einer lebendigen
Wirklichkeit zu tun zu haben, die vom Heiligen Geist beseelt und durch das
göttliche Wort geordnet ist. »Durch das Wort des Herrn«, sagt der Psalm, »wurden
die Himmel geschaffen, / ihr ganzes Heer durch den Hauch seines Mundes« (Ps
33,6). Der Gläubige schreibt das »Geheimnis« der Schöpfung Gott zu, der das
Universum durch sein Wort und seinen Geist geformt hat. Das ist ein Thema, das
Papst Benedikt XVI. sehr am Herzen liegt. An ihn denken wir in Dankbarkeit und
Treue am Beginn dieses Akademischen Jahres: Seine Lehre ist leuchtende
Wegweisung für uns alle.
Von der kosmologischen Perspektive, die im Antwortpsalm hervortritt, führt uns
das Evangelium zu einer explizit trinitarischen und christologischen Sichtweise.
Die Worte, mit denen Jesus den Jüngern beim Letzten Abendmahl den Heiligen Geist
verheißt, gehören zu der für Johannes charakteristischen Sprache, die stets
reich an tiefgehenden Inhalten ist. Der Geist wird »Beistand«, »Paraklet«,
genannt; zweimal wird er als »Geist der Wahrheit« bezeichnet, was soviel heißt
wie Geist Christi, Geist des menschgewordenen Wortes, das die Wahrheit ist. Und
im zentralen Satz der Perikope heißt es: »Wenn aber jener kommt, der Geist der
Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen« (Joh 16,13). Hier
wird ein wesentlicher Aspekt der Sendung des Heiligen Geistes in bezug auf die
Wahrheit herausgestellt: seine Funktion, Wegweiser im Lehramt gegenüber den
Jüngern Jesu zu sein. Der vom Vater ausgehende Geist schöpft sozusagen aus dem
gemeinsamen Schatz des Vaters und des Sohnes und führt die Jünger schrittweise
in den Besitz der Wahrheit ein, das heißt in der Sprache des Paulus, in die
Erkenntnis des Sohnes Gottes, »damit wir… Christus in seiner vollendeten Gestalt
darstellen« (Eph 4,13).
Auf den Geist zu schauen als den, der die Jünger zur Fülle der Wahrheit führt,
ist sehr angemessen im Rahmen einer Universitätsgemeinschaft, in der tagtäglich
der Dialog zwischen dem Glauben an Christus und der wissenschaftlichen Forschung
stattfindet. Als Jesus im Abendmahlssaal zu den Aposteln sprach, dachte er an
seine Kirche, die dank der Gabe des Geistes in die Lage versetzt werden sollte,
seine Heilsbotschaft vollkommen zu verstehen. Das ist in grundlegender und
außergewöhnlicher Weise an Pfingsten geschehen, fand aber dann seine Fortsetzung
im täglichen Leben der einzelnen und der Gemeinden wie auch bei anderen
außergewöhnlichen Geschehnissen, welche die Vorsehung im Laufe der Jahrhunderte
verfügt hat. Um sich der segensreichen Wirkung des Geistes der Wahrheit erfreuen
zu können, muß daher jeder Mensch, jeder Gläubige und jede Gemeinschaft, auch
die Universitätsgemeinschaft, sozusagen in den Wirkungsbereich von Pfingsten
eintreten.
Zeugnis von diesem kraftvollen Wirken gibt uns das Wort Gottes durch den Bericht
von dem Geschehen, das der christliche Sprachgebrauch einfach »Pfingsten« nennt,
das heißt die Ausgießung des Geistes auf die christliche Urgemeinde (Erste
Lesung). Pfingsten ist die Verwirklichung der von Jesus verheißenen »Taufe mit
dem Heiligen Geist« (vgl. Apg 1,5). Der hl. Lukas hebt nachdrücklich die
Wunderwirkung dieser Ausgießung hervor, das heißt das Predigen der Jünger in
vielen Sprachen: Der Geist verleiht der Kirche die Fähigkeit, allen Menschen
aller Völker das Evangelium zu verkünden. Heute wollen wir uns mit dieser
Liturgiefeier ausdrücklich und bewußt in den »Wirkungsbereich « jenes Geschehens
einfügen und gläubig um die Gabe des Heiligen Geistes bitten, durch die
Fürsprache der allerseligsten Jungfrau Maria, Mutter der Kirche. Wir rufen den
Heiligen Geist an, damit diese Universitätsgemeinschaft im beginnenden
Studienjahr ihre Berufung und ihren Auftrag innerhalb der Kirche und im Dienst
an ihrer Sendung in der Welt ganz leben kann. Wir wissen wohl, daß die
Kirchlichkeit einer Gemeinschaft niemals als gegeben vorausgesetzt werden darf.
Um sie zu garantieren, genügt nicht einmal die Bezeichnung »päpstlich« im Namen!
Die Kirchlichkeit ist ein Geschenk, das immer wieder mit Glauben und großzügigem
Engagement angenommen und gestärkt zu werden verlangt. Es ist in der Tat schön
zu wissen, daß jede Professoren- und Studentengeneration unter der Anrufung und
im Empfangen des Heiligen Geistes zur Mitarbeit berufen ist, damit die
Universität das ist, was sie sein soll, nämlich eine »katholische « Universität.
Die »Katholizität« der akademischen Gemeinschaft und der universitären Arbeit
besteht im leidenschaftlichen Bemühen um die Reflexion über die gesamte
Wirklichkeit im Lichte des Geheimnisses Christi, von dem der Aufbau einer
christlichen Kultur abhängt, die alle »in ihrer Sprache« verstehen können, wie
es in der Apostelgeschichte heißt. Und das ist selbstverständlich etwas ganz
anderes als ein Etikett, mit dem eine Institution ein für allemal versehen
wurde, und es kann auch nicht allein Aufgabe einer akademischen Führungsspitze
sein, sondern es ist ein Geschenk und eine Aufgabe, die die Verfügbarkeit und
Folgsamkeit aller gegenüber dem Wirken des Heiligen Geistes auf den Plan ruft.
Und so kommen wir zum dritten und letzten Aspekt, der von der zweiten biblischen
Lesung nahegelegt wird. Im 5. Kapitel des Galaterbriefes ermahnt der hl. Paulus
die Christen, »sich vom Geist leiten zu lassen« und nicht vom Fleisch (V.
16–18.24–25); und um die Unvereinbarkeit der beiden existentiellen Prinzipien zu
erklären, stellt er die Aufzählung der »Werke des Fleisches« jener der »Früchte
des Geistes« gegenüber (V. 19–23).
Es könnte den Anschein haben, daß diese Lesung wenig Bezug zum Rahmen unserer
Feier hat, weil sie vom Verhalten der Gläubigen spricht und dabei die sittliche
Dimension hervorhebt, während wir uns heute eigentlich auf eine kulturelle Ebene
stellen. Nun, gerade deshalb muß uns der paulinische Text zum Nachdenken
veranlassen: Die Worte des Apostels fordern uns auf, das intellektuelle Leben
nicht vom sittlichen Leben zu trennen. Sie spornen uns dazu an, Übereinstimmung
zu suchen, eine konsequente Haltung, die zuallererst auf der persönlichen Ebene,
im Gewissen und im Verhalten jedes einzelnen verwirklicht werden muß. Die
Qualität einer katholischen Universität ist immer auch eine ethische Qualität
und, was noch grundlegender ist, eine spirituelle Qualität; das kann nur die
Frucht des persönlichen Einsatzes jedes einzelnen sein: der Dozenten, der
Studenten, des Personals. Die Konsequenz oder Inkonsequenz jedes einzelnen trägt
zur Konsequenz oder Inkonsequenz des Ganzen bei. Das ist nicht so sehr eine
Frage des »Image«, wie man heute zu sagen pflegt, sondern eine Frage der
Qualität des Universitätsmilieus. Wichtig ist, daß der Stil, die Atmosphäre
einer katholischen Universität dem Ideal des Evangeliums so nahe wie möglich
kommt. Es handelt sich um ein grundlegendes Bildungsprinzip, das die jungen
Menschen nicht nur als Empfänger, sondern auch als mitverantwortliche Handelnde
sieht. Dieser letzte Gesichtspunkt läßt uns natürlich an unseren Ordensgründer
Don Bosco und sein erzieherisches Charisma denken. Rufen wir seine Fürsprache
auf diese Universitätsgemeinschaft und auf die Tätigkeiten des neuen
Akademischen Jahres herab; bitten wir vor allem um den Schutz der allerseligsten
Jungfrau Maria, Hilfe der Christen, damit sie für uns die Gnaden erwirke, die
notwendig sind, um das Wort Gottes, das wir heute gehört haben, anzunehmen und
in die Praxis umzusetzen.
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