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PREDIGT VON KARD. TARCISIO BERTONE
BEI DER EUCHARISTIEFEIER MIT DEN MILITÄRORDINARIATEN

Petersdom
Freitag, 27. Oktober 2006

 

Meine Herren Kardinäle,
Exzellenzen,
liebe Brüder und Schwestern!

Wir haben uns heute abend in der vatikanischen Basilika zur Eucharistiefeier versammelt: Sie bildet den Abschluß des V. Internationalen Kongresses, der von der Kongregation für die Bischöfe zum 20. Jahrestag der Apostolischen Konstitution Spirituali militum curae veranstaltet wurde. Ich danke euch für die Einladung, dieser heiligen Messe vorzustehen, und begrüße alle herzlich, angefangen bei Herrn Kardinal Giovanni Battista Re und seinen Mitarbeitern, die aktiv an der Vorbereitung und Durchführung eures qualifizierten Treffens beteiligt waren. Ihnen und euch allen, liebe Brüder im Bischofs- und Priesteramt, spreche ich meine tiefe Anerkennung und Dankbarkeit aus. Ich erinnere mich gerne an die Zeit, in der ich, im ersten Jahr meines priesterlichen Dienstes, ersatzweise als Militärkaplan in Turin tätig war – mit der Verantwortung für vier Kasernen – und an meine spätere Mitarbeit bei der Abfassung der Apostolischen Konstitution, die eure spezifische pastorale Aufgabe regelt.

Euer »Friedensdienst« – ministerium pacis inter arma – ist eine »apostolische, aber auch missionarische Triebkraft« unter den Soldaten, wie in der Apostolischen Konstitution zu lesen ist (vgl. Nr. IX). Es ist ein Dienst, der von einer tiefen, vom Evangelium geprägten Spiritualität getragen sein muß. Die biblischen Texte der heutigen Liturgie helfen uns, euren wichtigen pastoralen Dienst besser zu verstehen. Um Friedensstifter zu sein, ist es vor allem notwendig, im eigenen Leben den Frieden zu pflegen. Wie könnte man das anders erreichen als dadurch, daß man in sich selbst die Wahrnehmung der Gegenwart Gottes nährt, der die unerschöpfliche Quelle des Friedens ist? Als sehr zutreffend erweist sich aus dieser Perspektive die Mahnung, die der Apostel Paulus aus der Gefangenschaft an die Christen von Ephesus richtet, indem er sie auffordert, »die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält« (Eph 4,3). Die Einheit im Frieden aufzubauen ist in Wahrheit die Sendung, die alle Jünger Christi verbindet: Entsprechend seiner spezifischen Rolle in der zivilen und kirchlichen Gemeinschaft, ist jeder immer und überall dazu aufgerufen, durch sein tägliches Leben ein Netz friedensstiftender Beziehungen zu knüpfen, das heißt, ein Netz von Beziehungen, die so beschaffen sind, daß sie menschenwürdige Lösungen für Konflikte bieten. Nur auf diese Weise läßt sich die Zivilisation der Liebe aufbauen, wie sie von den Päpsten unserer Zeit auf prophetische Weise verkündet und gefördert wurde.

Um diesem evangeliumsgemäßen Friedensplan, der die Sendung der Christen in der Welt betrifft, konkrete Wirksamkeit zu verleihen, ist es – wie ich vorhin gesagt habe – notwendig, eine beständige innere Verbundenheit mit Gott zu pflegen, die durch das Gebet und das aufmerksame Hören seines Heilswortes genährt wird. Gott hat sich – daran hat uns der hl. Paulus erinnert – in Jesus geoffenbart als »ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist« (Eph 4,6). Der Christ, der sich dessen bewußt ist, kann sich auf das menschlich schwierige, wenn nicht unmögliche Unterfangen einlassen, eine in allen ihren Strukturen solidarische und friedliche Gemeinschaft aufzubauen. Das Ziel, zu dem ihn das Wort Gottes ruft, wird vom Apostel mit den Worten umrissen: »Ein Leib und ein Geist, wie euch durch eure Berufung auch eine gemeinsame Hoffnung gegeben ist« (Eph 4,4). Um ein solches Ziel anzustreben, muß man einen Blick besitzen, der imstande ist, die »Zeichen der neuen Zeit« zu erforschen – die Zeichen der Gegenwart Gottes unter uns, in den Menschen und Gemeinschaften, Zeichen, die man nur mit den »Augen des Herzens« verstehen kann.

Genau dazu, zu dieser Schärfung des Blickes des Herzens, lädt uns der göttliche Meister im eben verkündeten Abschnitt aus dem Evangelium ein. Unter Bezugnahme auf ihre Fähigkeit, aufgrund einiger Vorzeichen das Wetter vorhersagen zu können, tadelt er seine Gesprächspartner, weil sie nicht zu einem Blick fähig sind, der »diese Zeit« durchdringt und im Lichte des Glaubens auch inmitten des dunklen Geschehens der Geschichte die heilbringende Gegenwart Gottes erkennt (vgl. Lk 12,54–56). In diesem Zusammenhang schreibt der sel. Johannes XXIII. in der Enzyklika Pacem in terris, daß die konkrete, geschichtliche Existenz des Menschen zu einer theologischen Quelle wird, wenn er mit dem Blick des Glaubens in der Gesamtheit der Geschehnisse die Richtung zu erkennen vermag, in die sie alle tendieren – zum Aufbau des Reiches Gottes. Im zweiten Teil des eben gehörten Evangeliumsabschnitts ermahnt uns der Herr, das Leben nicht auf die Logik der Welt, sondern auf die Logik Gottes zu gründen, das heißt auf die Logik der Vergebung und Liebe, die Logik, die ihn zum Kreuzesopfer geführt hat.

Der Missionsauftrag, den Jesus auch uns erteilt – in welcher Situation wir auch immer uns befinden –, ist also die Liebe. Das ist es, woran Papst Benedikt XVI. uns unermüdlich erinnert: Die Liebe vermag jede Trennung zu überwinden, jede Feindschaft zu beseitigen, jede ethnische und nationale Trennmauer niederzureißen. Das ist in Wahrheit der Weg, der zum wahren und dauerhaften Frieden führt, der Weg, der uns zu Christus führt, der unser Friede ist: »Er vereinigte die beiden Teile (Juden und Heiden) und riß durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder« (Eph 2,14). Nehmen wir, liebe Brüder, die Einladung an, zuerst selbst diesen Weg des Evangeliums zu gehen, um dann allen, die uns anvertraut sind, zu helfen, sich dem wahren Frieden zu öffnen, Gott zu begegnen, der in Jesus seine grenzenlose Liebe für jeden von uns offenbart. Wer verstanden hat, daß das Leben aus einer großen göttlichen Liebestat hervorgeht, ist in der Lage, mit der Hilfe, die von oben kommt, nein zu sagen zu Gewalt und Krieg. Wer sich vom Herrn geliebt fühlt, ist innerlich eher bereit, Gesten der Vergebung und der Versöhnung zu vollziehen, sich für den Aufbau des Friedens einzusetzen.

Im heutigen Abschnitt des Evangeliums – ihr habt es bemerkt – treibt uns der Herr gleichsam zur Eile an: Er sagt uns, daß wir sofort, »noch auf dem Weg«, alles daransetzen müssen, um ein Einvernehmen zu finden. Den Zeitpunkt, Frieden zu schließen, darf man nicht auf später verschieben. Ein jeder ist dazu aufgerufen, sein möglichstes zu tun, um den Frieden aufzubauen durch konkrete Beiträge, die die Gegenwart beeinflussen und die Zukunft der Völker vorbereiten. Wichtig ist dabei jedoch, daß der Friede vor allem in unserem Herzen lebt. Nur Herzen, die vom Frieden erfüllt sind, können ihn auch verbreiten; nur Herzen, die in Christus verliebt sind, vermögen anderen die Freude und die Liebe mitzuteilen. Jesus, der unser Friede ist – sagt Benedikt XVI. in der Enzyklika Deus caritas est –, »geht … uns entgegen, wirbt um uns … durch Menschen, in denen er durchscheint; durch sein Wort, in den Sakramenten, besonders in der Eucharistie«. Und der Papst fährt fort: Der Herr »hat uns zuerst geliebt und liebt uns zuerst; deswegen können auch wir mit Liebe antworten. … Er liebt uns, läßt uns seine Liebe sehen und spüren, und aus diesem ›Zuerst‹ Gottes kann als Antwort auch in uns die Liebe aufkeimen« (Nr. 17). Mit wenigen Worten umreißt der Heilige Vater dann unsere Aufgabe: Wir sollen Gott antworten, der uns zuerst geliebt hat, und den anderen helfen, sich dieses »Zuerst« Gottes bewußt zu machen.

Die allerseligste Jungfrau, Königin des Friedens, helfe uns, diese unsere Berufung und Sendung konsequent zu verwirklichen, und sie segne die tägliche Arbeit all derer, die sich, oft unter Lebensgefahr, der Aufgabe widmen, überall auf der Welt den Frieden zu verteidigen und zu verbreiten. »Da pacem, Domine, in diebus nostris!« Das ist unser Wunsch und unser Gebet.

    

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