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SCHREIBEN VON KARDINALSTAATSSEKRETÄR
TARCISIO BERTONE
AN KARDINAL RENATO RAFFAELE MARTINO

Samstag, 18. November 2006

 

An Seine Eminenz
RENATO RAFFAELE KARDINAL MARTINO
Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden

Herr Kardinal!

Zum Abschluß des internationalen Kongresses zum Thema »Universität und Soziallehre der Kirche«, der vom Päpstlichen Rat und für Gerechtigkeit und Frieden in Zusammenarbeit mit der Kongregation für das Katholische Bildungswesen ausgerichtet wurde, möchte der Heilige Vater Benedikt XVI. allen Teilnehmern sowie den verehrten Referenten seine Anerkennung für diese nützliche Initiative übermitteln. Er hofft, daß die gewinnbringenden Arbeiten dieser Tage dazu beitragen mögen, die mit der interdisziplinären Dimension der Soziallehre verbundenen Zusammenhänge auf rechte Weise herauszustellen. Diese interdisziplinäre Dimension ist auch ein wertvolles Mittel für den Dialog mit den verschiedenen Wissensbereichen, die sich mit dem Menschen befassen, insbesondere mit den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, mit der Politikwissenschaft sowie mit den theologischen und philosophischen Disziplinen. In diesem Zusammenhang heißt es in der Enzyklika Centesimus annus des Dieners Gottes Johannes Paul II.: »Die Soziallehre enthält … eine wichtige interdisziplinäre Dimension. Um in verschiedenen und sich ständig verändernden sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bereichen die eine Wahrheit über den Menschen besser zur Geltung zu bringen, tritt diese Lehre mit den verschiedenen Disziplinen, die sich mit dem Menschen befassen, in einen Dialog ein, integriert ihre Beiträge und hilft ihnen, in einem breiteren Horizont dem Dienst am einzelnen, in seiner vollen Berufung erkannten und geliebten Menschen zu öffnen« (Nr. 59). Diese Worte des verehrten Papstes greift das Kompendium der Soziallehre der Kirche auf, wenn es feststellt: »Die Soziallehre der Kirche nutzt alle kognitiven Beiträge aus sämtlichen Wissensbereichen und verfügt über eine wichtige interdisziplinäre Dimension« (Nr. 76).

Den Themenkreisen, mit denen man sich bei diesem Kongreß auseinandersetzte, kommt zweifellos Wichtigkeit und Aktualität zu, weil sie dazu bestimmt sind, dem Dialog zwischen Evangelium und Kultur Gestalt und Substanz zu geben. Eines der herausragenden Merkmale der heutigen Kultur, vor allem im akademischen Bereich und im Bereich der Forschung auf höherer Ebene, ist bekanntlich die Spezialisierung. Sie bietet unbestreitbare Vorteile, trägt aber auch die Gefahr der Zersplitterung in sich. Die Abgrenzung sehr kleiner Sektoren der Zuständigkeit innerhalb eines jeden Fachbereiches und vor allem das Fehlen eines echten Dialogs zwischen den Vertretern der verschiedenen Wissens- und Forschungsgebiete können dazu führen, daß der Gelehrte in eine Art Verlorensein gerät. Die Zersplitterung des Wissens stellt ein ernstes Problem mit beträchtlichen anthropologischen Bezügen dar, wie Johannes Paul II. in der Enzyklika Fides et ratio schrieb: »Da die Bruchstückhaftigkeit des Wissens eine fragmentarische Annäherung an die Wahrheit mit der sich daraus ergebenden Sinnzersplitterung mit sich bringt, verhindert sie die innere Einheit des heutigen Menschen« (Nr. 85). Das Lehramt der Kirche unterstreicht unermüdlich, »daß der Mensch imstande ist, zu einer einheitlichen und organischen Wissensschau zu gelangen. Das ist eine der Aufgaben, deren sich das christliche Denken im Laufe des nächsten Jahrtausends christlicher Zeitrechnung wird annehmen müssen« (ebd.).

Auch die Soziallehre der Kirche fühlt sich von dieser Aufgabe in die Pflicht genommen. Sie ist von ihrer Struktur her zum interdisziplinären Dialog befähigt, weil zu den Disziplinen, aus denen sie schöpft, einerseits die Theologie und die Philosophie und andererseits die Human- und Sozialwissenschaften gehören. Gerade deshalb kann die Soziallehre der Kirche dazu beitragen, den verschiedenen Disziplinen einen grundlegenden Orientierungsrahmen zu geben, indem sie sie unter voller Achtung ihrer jeweiligen Besonderheiten zusammenarbeiten läßt. Sie kann sich also zur Trägerin eines weisheitlichen Wertes machen, durch den die vielfältigen Forschungs- und Bildungsaktivitäten der katholischen Universitäten bereichert werden.

Als reich an fruchtbaren Anhaltspunkten erweist sich in dieser Hinsicht die Botschaft, die Seine Heiligkeit Benedikt XVI. in der Enzyklika Deus caritas est dargelegt hat: »Der Glaube hat gewiß sein eigenes Wesen als Begegnung mit dem lebendigen Gott – eine Begegnung, die uns neue Horizonte weit über den eigenen Bereich der Vernunft hinaus öffnet. Aber er ist zugleich auch eine reinigende Kraft für die Vernunft selbst. Er befreit sie von der Perspektive Gottes her von ihren Verblendungen und hilft ihr deshalb, besser sie selbst zu sein. Er ermöglicht der Vernunft, ihr eigenes Werk besser zu tun und das ihr Eigene besser zu sehen« (Nr. 28). In diesen Worten des Papstes läßt sich unschwer der Widerhall der ganzen Enzyklika Fides et ratio seines verehrten Vorgängers Johannes Paul II. wahrnehmen, besonders dort, wo es heißt: »Die Offenbarung führt … in unsere Geschichte eine universale und letzte Wahrheit ein, die den Verstand des Menschen dazu herausfordert, niemals stehenzubleiben« (Fides et ratio, 14). Das alles setzt eine Öffnung der Vernunft gegenüber dem Glauben voraus, eine Öffnung, welche die Vernunft vor der Gefahr der Selbstgenügsamkeit bewahrt. Das gilt auch für die »praktische« Vernunft, also für die Vernunft, die nicht darauf ausgerichtet ist »zu erkennen, um zu kennen«, sondern darauf, »zu erkennen, um zu tun«, das heißt die Vernunft, die das menschliche Handeln leitet. Auch diese Vernunft muß, so lehrt der Heilige Vater Benedikt XVI., »immer wieder gereinigt werden, denn ihre ethische Erblindung durch das Obsiegen des Interesses und der Macht, die die Vernunft blenden, ist eine nie ganz zu bannende Gefahr« (Deus caritas est, 28). Es besteht daher die stetige Notwendigkeit einer Reinigung der Vernunft durch den Glauben und der Gerechtigkeit durch die Liebe, wodurch ihnen geholfen wird, sich nicht in sich selbst zu verschließen. Die Soziallehre der Kirche steht genau an der Stelle, wo der Glaube die Vernunft reinigt und die Liebe die Gerechtigkeit reinigt.

Der Heilige Vater, der in dieser Versammlung im Geiste anwesend war, versichert Sie, Herr Kardinal, sowie Herrn Kardinal Zenon Grocholewski, die Mitarbeiter des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden und der Kongregation für das Katholische Bildungswesen, ebenso wie die verehrten Referenten und Teilnehmer des Kongresses seines Gedenkens vor dem Herrn und erteilt allen von Herzen seinen Segen.

Gern schließe mich mit meinem herzlichen Gruß an und nehme die Gelegenheit wahr,

Eure Eminenz meiner Empfindungen
der Ergebenheit im Herrn zu versichern.

Kard. Tarcisio Bertone
Staatssekretär

   

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