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APOSTOLISCHE REISE NACH PORTUGAL
ANLÄSSLICH DES 10. JAHRESTAGES DER SELIGSPRECHUNG DER

HIRTENKINDER VON FATIMA, JACINTA UND FRANCISCO
(11.-14. MAI 2010)

FEIER DER HL. MESSE AM VORABEND DES GEDENKTAGES UNSERER LIEBEN FRAU IN FATIMA

PREDIGT VON KARDINALSTAATSSEKRETÄR BERTONE

Fátima
Mittwoch, 12. Mai 2010

 

Verehrte Mitbrüder im bischöflichen und priesterlichen Dienst!
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Liebe Fatimapilger!

Jesus sagt: „Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen“ (Mt 18,3). Um in das Himmelreich zu kommen, müssen wir demütig werden, immer demütiger und kleiner, so klein wie möglich: Das ist das Geheimnis des mystischen Lebens. Das geistliche Leben kommt erst dann ernsthaft in Gang, wenn jemand einen echten Akt der Demut setzt, die erschwerende Haltung, sich stets für den Mittelpunkt des Universums zu halten, aufgibt und sich mit dem Geist eines Kindes in die Arme des Geheimnisses Gottes fallen läßt.

In die Arme des Geheimnisses Gottes! In ihm gibt es nicht nur Macht, Weisheit, Majestät, sondern auch Kindsein, Unschuld, unendliche Zärtlichkeit, da er Vater, unendlich Vater ist. Zunächst wußten wir das nicht, noch hätten wir es wissen können; es war notwendig, daß er uns seinen Sohn sandte, damit wir es entdeckten. Dieser wurde ein Kind und hat uns so sagen können, daß wir selbst Kinder werden sollen, um in sein Reich zu kommen. Er, der unendlich große Gott, wurde so klein und demütig vor uns, daß allein die Augen des Glaubens und der Unmündigen ihn erkennen können (vgl. Mt 11,25). So hat er den natürlichen Instinkt des Geltungsdrangs in Frage gestellt, der in uns herrscht: „wie Gott werden“ (vgl. Gen 3,5). So ist es! Gott ist auf Erden als ein Kind erschienen. Jetzt wissen wir, wie Gott ist: Er ist wie ein Kind. Man mußte das sehen, um es zu glauben! Er ist unserem anmaßenden Verlangen, die anderen zu übertreffen, entgegengekommen, aber er hat die Richtung umgedreht und uns vorgeschlagen, dieses Verlangen in den Dienst der Liebe zu stellen; übertreffen ja, aber als der Friedlichste, Nachsichtigste, Großzügigste und Hilfsbereiteste von allen: der Diener aller und der Letzte von allen.

Brüder und Schwestern, dies ist „die Weisheit von oben“ (vgl. Jak 3,17). Die „Weisheit“ der Welt hingegen lobt den persönlichen Erfolg und sucht ihn unter allen Kosten, während sie ohne Skrupel den ausschaltet, der als Hindernis für die eigene Vorherrschaft angesehen wird. Das nennen sie Leben, aber die Spur des Todes, die es hinterläßt, widerspricht ihm sofort. „Jeder, der seinen Bruder haßt“ – wir haben es in der zweiten Lesung gehört – „ist ein Mörder, und ihr wißt: Kein Mörder hat ewiges Leben, das in ihm bleibt“ (1 Joh 3,15). Nur wer den Bruder liebt, hat das ewige Leben in sich, d.h. die Gegenwart Gottes, der durch den Geist dem, der glaubt, seine Liebe mitteilt und ihn am Geheimnis des dreifaltigen Lebens teilhaben läßt. Denn wie ein Migrant in einem fremden Land, obwohl er sich der neuen Lage anpaßt, in sich – zumindest im Herzen – die Gesetzte und Gebräuche seines Volkes bewahrt, so hat auch Jesus, der in die Welt gekommen ist, als Pilger der Dreifaltigkeit die Lebensweise seiner himmlischen Heimat mit sich gebracht, die „das Leben der heiligsten Dreifaltigkeit menschlich zum Ausdruck bringt“ (Katechismus der Katholischen Kirche, 470). Bei der Taufe hat ein jeder von uns der „Weisheit“ der Welt widersagt und sich der „Weisheit von oben“ zugewandt, die in Jesus offenbar wurde, der wie kein anderer die Kunst der Liebe lehrt (vgl. 1 Joh 3,16). Sein Leben für den Bruder hinzugeben, ist die größte Liebe, hat Jesus gesagt (vgl. Joh 15,13). Er hat es gesagt, und er hat es getan; und uns hat er das Gebot gegeben, so zu lieben wie er (vgl. Joh 15,12). Der Schritt vom Leben als Besitz hin zum Leben als Gabe ist die Herausforderung, die – uns selbst und den anderen – offenbart, wer wir sind und wer wir sein wollen.

Die brüderliche und unentgeltliche Liebe ist das Gebot und die Sendung, die uns der Göttliche Meister hinterlassen hat und die unsere Mitmenschen, unsere Brüder und Schwestern zu überzeugen vermag: „Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt“ (Joh 13,35). Zuweilen klagen wir über die Randpräsenz des Christentums in der heutigen Gesellschaft, über die Schwierigkeit bei der Weitergabe des Glaubens an die Jugendlichen, über den Rückgang der Priester- und Ordensberufungen … und man könnte weitere Gründe zur Sorge anführen; in der Tat fühlen wir uns nicht selten als Verlierer vor der Welt. Das Abenteuer der Hoffnung aber führt uns weiter. Es sagt uns, daß die Welt dem gehört, der sie mehr liebt und es ihr besser zeigt. In seinem Herzen verspürt ein jeder Mensch unendlichen Durst nach Liebe; und mit der Liebe, die Gott in unsere Herzen ausgegossen hat (vgl. Röm 5,5), können wir ihn löschen. Natürlich muß unsere Liebe sich „nicht mit Wort und Zunge, sondern in Tat und Wahrheit“ ausdrücken und dabei mit unserem Vermögen freudig und zuvorkommend den Bedürfnissen der Notleidenden abhelfen (1 Joh 3,16-18)

Liebe Pilger und alle, die ihr mich hört, „teilt mit Freude wie Jacinta“. Diesen Aufruf wollte dieses Heiligtum bei der Hundertjahrfeier der Geburt dieser besonderen Seherin von Fatima unterstreichen. Hier an diesem Ort vor zehn Jahren hat der ehrwürdige Diener Gottes Papst Johannes Paul II. sie zusammen mit ihrem Bruder Francisco zur Ehre der Altäre erhoben; in kurzer Zeit haben sie den langen Weg zur Heiligkeit zurückgelegt, auf dem sie die Jungfrau Maria an der Hand geführt und gestützt hat. Sie sind zwei reife Früchte auf dem Baum des Kreuzes des Erlösers. Wenn wir auf sie blicken, wissen wir, daß dies die Zeit der Reife ist … der Früchte der Heiligkeit. Alter portugiesischer Stamm von christlichem Saft, der du deine Zweige bis zu anderen Welten ausgebreitet und sie dort als Triebe neuer christlicher Völker in die Erde gesenkt hast, auf dich hat die Königin des Himmels auf der Suche nach den Kleinen des Himmelreiches ihren Fuß – den siegreichen Fuß, der den Kopf der trügerischen Schlange zertritt (vgl. Gen 3,15) – gesetzt. Gestärkt durch das Gebet dieser nächtlichen Vigil und mit Blick auf die Herrlichkeit der Seligen Francisco und Jacinta, ergreift die Herausforderung Jesu: „Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen“ (Mt 18,3). Für Menschen, die wie wir vom Stolz angegriffen werden, ist es nicht einfach, wie Kinder zu werden. Deshalb ermahnt uns Jesus so hart: „Ihr könnt nicht in das Himmelreich kommen!“ Er läßt uns keine Alternative. Portugal, finde dich nicht mit Denk- und Lebensweisen ab, die keine Zukunft haben, da sie sich nicht auf die unerschütterliche Gewißheit des Wortes Gottes, des Evangeliums stützen. „Fürchte dich nicht! Das Evangelium ist nicht gegen dich, sondern es ist auf deiner Seite. […] Im Evangelium, das Jesus ist, wirst du die feste und dauerhafte Hoffnung finden, nach der du dich sehnst. Es ist eine Hoffnung, die auf den Sieg Christi über die Sünde und den Tod gegründet ist. Er hat gewollt, daß dieser Sieg dir gehört, zu deinem Heil und deiner Freude“ (Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Europa, 121).

Die erste Lesung zeigt uns, wie Samuel im Priester Eli einen Führer gefunden hat. Dieser beweist gegenüber dem Knaben die ganze Klugheit, die für die Aufgabe eines wahren Erziehers erforderlich ist und die in der Lage ist zu erahnen, worum es sich bei der tiefen Erfahrung handelt, die Samuel gerade macht. Niemand kann nämlich über die Berufung eines anderen entscheiden; deshalb leitet Eli Samuel an, folgsam auf das Wort Gottes zu hören: „Rede, Herr, denn dein Diener hört“ (1 Sam 3,9). In gewissem Sinne können wir im gleichen Licht diesen Besuch des Heiligen Vaters sehen, der unter dem Thema steht: „Papst Benedikt XVI. – mit dir gehen wir in Hoffnung!“ Diese Worte klingen sowohl nach einem gemeinsamen Bekenntnis des Glaubens und der Zugehörigkeit zur Kirche und ihrem sichtbaren Fundament im Nachfolger Petri als auch nach einer persönlichen Lehre im Vertrauen und in der Treue gegenüber der väterlichen und weisen Führung dessen, den der Himmel erwählt hat, um der Menschheit in dieser Zeit den sicheren Weg dorthin aufzuzeigen.

Heiliger Vater, „mit dir gehen wir in Hoffnung!“ Mit dir lernen wir, die große Hoffnung von den anderen Hoffnungen zu unterscheiden, die klein und immer begrenzt sind wie wir! Wenn sich alle abwenden, um zu den kleinen Hoffnungen zurückzukehren, und dann die herausfordernde Frage Jesu erklingt, der die große Hoffnung ist: „Wollt auch ihr weggehen?“, dann wecke uns du, Petrus, mit deinem stets gleichen Wort: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes“ (Joh 6,67-69). Es gilt tatsächlich, was uns der Petrus von heute, Papst Benedikt XVI., in Erinnerung ruft, „daß, wer Gott nicht kennt, zwar vielerlei Hoffnungen haben kann, aber im letzten ohne Hoffnung, ohne die große, das ganze Leben tragende Hoffnung ist (vgl. Eph 2,12). Die wahre, die große und durch alle Brüche hindurch tragende Hoffnung des Menschen kann nur Gott sein – der Gott, der uns »bis ans Ende«, »bis zur Vollendung« (vgl. Joh 13,1 und 19,30) geliebt hat und liebt“ (Enzyklika Spe salvi, 27).

Liebe Fatimapilger, laßt den Himmel immer den Horizont eures Lebens sein! Man hat euch gesagt, daß der Himmel warten kann, aber damit hat man euch getäuscht… Die Stimme, die vom Himmel kommt, ist nicht wie jene Stimmen die man mit der trügerischen Sirene in der Sage vergleichen kann, die ihre Opfer einschläferte, bevor sie diese in den Abgrund stürzte. Seit zweitausend Jahren erschallt angefangen von Galiläa bis an die Grenzen der Erde die endgültige Stimme des Sohnes Gottes und sagt: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15). Fatima erinnert uns daran, daß der Himmel nicht warten kann! Daher bitten wir mit kindlichem Vertrauen die Muttergottes, uns zu lehren, der Welt den Himmel zu schenken: O Jungfrau Maria, lehre uns mit dir glauben, anbeten, hoffen und lieben! Zeig uns den Weg zum Reich Jesu, den Weg des geistlichen Kindseins. Du, Stern der Hoffnung, die du uns bange im Licht der himmlischen Heimat, das keinen Untergang kennt, erwartest, leuchte über uns und leite uns in den Ereignissen jeden Tages, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.

 

 

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