BOTSCHAFT VON KARD. ANGELO SODANO
AN DIE 38. GENERALVERSAMMLUNG DER
NATIONALKONFERENZ DER BISCHÖFE BRASILIENS
27. April 2000
Verehrte Herren Kardinäle,
sehr geehrter Herr Präsident,
geehrte Herren Erzbischöfe und Bischöfe,
liebe Brüder im Bischofsamt!
Die Dankbarkeit ist ein Teil der Gerechtigkeit, lehrt der hl. Thomas.
Darum ist es mir ein Anliegen im Sinne der Gerechtigkeit, für die Einladung zur
Eröffnung der 38. Generalversammlung des brasilianischen Episkopates zu danken,
die mit einer feierlichen Messe in Erinnerung an den 500. Jahrestag seit der
ersten Eucharistiefeier auf brasilianischem Boden, und zwar in Santa Cruz de
Cabrália, begangen wurde.
Als Legat des Heiligen Vaters dazu bestimmt, dieser Feier vorzustehen, muß ich
Gott dafür danken, daß mir die Möglichkeit gegeben wurde, diesem Ereignis von
historischem Rang beizuwohnen, das ohne Zweifel in die Annalen nicht nur der
Kirche in Brasilien, sondern auch der ganzen katholischen Welt eingehen wird.
Der Heilige Vater hat mir die dankbare Aufgabe übertragen, der Überbringer
seiner Botschaft der Solidarität mit dieser gesamten Nation zu sein. Er macht
sich nämlich zutiefst die Freude dieses feiernden Volkes zu eigen, auf das er in
diesem anbrechenden Jahrhundert so große Hoffnungen setzt.
Ein historischer Augenblick
Die Möglichkeit, hier zu sein und fast mit dem gesamten brasilianischen
Episkopat sowie Bischöfen und Erzbischöfen anderer Länder zusammenzutreffen,
hebt die Wichtigkeit des Augenblickes hervor, den wir erleben dürfen. Dies
übersteigt auch die zeitlichen und räumlichen Dimensionen und eröffnet uns allen
Perspektiven eines erneuerten Bewußtseins des eigenen Auftrags zur
Evangelisierung, zu dem wir Bischöfe als Nachfolger der Apostel berufen sind.
In diesem Jahr finden sehr viele intensive und bewegende Jubiläumsfeiern statt,
und wir gedenken dabei nicht nur des 2000. Jahrestages der Geburt unseres
Erlösers Jesu Christi, sondern auch der Fundamente unserer Bischofsweihe, denn »mit
den Priestern, ihren Mitarbeitern, haben die Bischöfe als ›erste Aufgabe, […]
allen die frohe Botschaft Gottes zu verkünden‹« […]. »Der Bischof ist auch
›Verwalter der Gnade des höchsten Priestertums‹, besonders in der Eucharistie.«
[…] »Die Bischöfe leiten Teilkirchen, die ihnen anvertraut worden sind als
Stellvertreter und Gesandte Christi.« […] »Diese Vollmacht, die sie im Namen
Christi persönlich ausüben, ist die eigene, ordentliche und unmittelbare […]« (Katechismus
der Katholischen Kirche, 888,893–895).
»Christus – so sagte der Papst in Tertio millennio adveniente – dringt
als göttlicher Sauerteig immer tiefer in die Gegenwart des Lebens der Menschheit
ein und verbreitet dabei das im Ostergeheimnis vollbrachte Heilswerk, das
ausschließlich sein Werk ist. Er nimmt überdies auch die gesamte
Vergangenheit des Menschengeschlechts […] in seine heilbringende Herrschaft
hinein. Ihm gehört die Zukunft: »Jesus Christus ist derselbe, gestern,
heute und in Ewigkeit« (Hebr 13,8) (Nr. 56). Daher ist es auch unsere
Mission als Hirten gemäß der von uns geforderten Reflexion, das Werk Christi,
das er in der Welt begonnen hat, unter der Mitwirkung des Heiligen Geistes, des
Trösters, fortzusetzen, um von der Wahrheit Zeugnis abzulegen (vgl. ebd.)
Ein Rückblick in die Vergangenheit
Ich bin mir sicher, alle werden mir zustimmen, wenn ich sage, daß es nur
rechtens ist, in erster Linie der Gestalten des brasilianischen Episkopates und
all jener ehrend zu gedenken, die sich von Anfang an mit Leib und Seele dem
Evangelisierungswerk gewidmet hatten und so diesem Land eine christliche Zukunft
garantierten.
Es gibt ein päpstliches Dokument, das eigentlich verdiente, in Gold in die
Annalen der brasilianischen Kirchengeschichte eingemeißelt zu werden: die Bulle
Super specula militantis Ecclesiae, durch welche der Episkopat in
Brasilien eingesetzt wurde.
Im Jahre 1550 wurde durch diesen Akt der erste Bischofsstuhl durch Papst Julius
III. in Brasilien als Suffraganbistum des Metropolitansitzes Funchal errichtet.
Das Bistum war wegen seiner großen Ausdehnung bekannt, da es Gebiete umfaßte,
die sich über die drei Kontinente Afrika, Asien und Amerika erstreckte. Damals
konnte man noch nicht die wunderbaren Auswirkungen erahnen, die dieses Ereignis
im Laufe der Jahrhunderte nach sich ziehen sollte.
Wenn man heute diese erlesene Versammlung betrachtet, so erscheint uns der Wert
des Dokumentes nach wie vor glorreich und lichtvoll. Die Wege der Vorsehung sind
wirklich unergründlich, denn welch große Wegstrecke wurde seit den ersten
apostolischen Schreiben zurückgelegt! Im Jahre 1676 wurde die Kirchenprovinz
Brasilien errichtet, deren Metropolie im Staat Bahia lag. Rings um Bahia
entstanden die Suffragandiözesen Rio de Janeiro, Pernambuco, Maranhão und im
darauffolgenden Jahrhundert die Suffragandiözesen Grão-Pará, São Paulo und
Mariana mit den Prälaturen Cuibá und Goiás.
Ich appelliere an euer Verständnis, wenn ich die immense Reihe von Namen jener
Hirten nicht aufzähle, die von dort aus die Fundamente des Glaubens in treuer
und großzügiger Verbindung mit dem Stuhl des hl. Petrus legten. Viele von ihnen
verteidigten diesen Glauben sehr eifrig, als es darum ging, die Rechte der
Christen während der sog. »religiösen Frage« geltend zu machen.
Einige wurden am Ende des 19. Jahrhunderts von Leo XIII. nach Rom gerufen, um an
der Plenarversammlung für Lateinamerika teilzunehmen, einem Geschehen von
ungeheurer Bedeutung für die Stärkung der christlichen Frömmigkeit und der
Seelsorge in deren Diözesen.
Die Ausbreitung des Evangeliums ging durch das Wirken des Heiligen Geistes in
diesem Lande weiter. Seine Hirten glichen Pionieren, die in dieses riesige Land
gekommen waren, um ohne Kraftvergeudung die gute Saat des Reiches auszusäen.
Daran erinnert jene Passage aus dem Werk von Carlos Drumond de Andrade: »Wenn
nichts geschieht, dann gibt es doch ein Wunder, das unseren Blicken verborgen
bleibt.« Im Schweigen des Glaubens so vieler heldenhafter Bischöfe, Welt- und
Ordenspriester, so vieler Ordensleute und einer unüberschaubaren Schar von
Katechisten wurde die Glaubenssaat ausgestreut. Das erfolgte oft auf Kosten der
eigenen Ehre – ohne die Rückendeckung durch das eigene Heim – und in mißlichen
Situationen wie Not und Entbehrung der Mittel gerade dann, wenn diese Mittel
notwendig waren. Auch wurde nicht selten das eigene Blut für den Aufbau der
Kirche vergossen.
Die derzeitige Situation
Man denke nur daran, daß es bei der Errichtung der Republik im Lande nur ein
einziges über zwei Jahrhunderte früher errichtetes Erzbistum gab. Heute erleben
wir den vielversprechenden Effekt zahlenmäßiger Vermehrung: Es gibt heute 264
Kirchenprovinzen und über 300 Mitglieder des Episkopates, der sich aus Bischöfen
und Erzbischöfen zusammensetzt.
Auch die Zeit kann die Erinnerung an so viele aus Brasilien und aus anderen
Ländern stammende Hirten nicht auslöschen, die sich ausschließlich der Aussaat
des Samens des Wortes widmeten. Wie könnten wir wohl das Verdienst so vieler
Ordenskongregationen vergessen oder etwa nicht anerkennen, welche die zarte
Blume ihrer Berufung aussetzen wollten, um dieses Volk mit so viel Liebe und
Hingabe zu unterweisen und zu erziehen?
Wie könnten wir nur all die Franziskaner, Dominikaner, Augustiner, Benediktiner,
Jesuiten, Salesianer, Lazaristen, Kombonianer und Priester von »donum fidei«
vergessen? Ich weiß, ich habe nicht alle aufgezählt, aber Gott allein weiß um
die verborgene, stille und verdienstvolle Arbeit eines jeden einzelnen dieser
Ordensleute, die in Vergangenheit und Gegenwart dazu beigetragen haben, die
christliche Seele der Brasilianer aufzurichten.
Das müssen wir anerkennen und Gott dafür danken, denn schweigend und durch
uneigennützige Hingabe ist die Stadt Gottes gewachsen, und der Laubbaum der
Kirche hat die Früchte der Gnade und des Guten getragen.
Gedenken wollen wir auch nicht zuletzt all der Diözesanpriester,
Militärseelsorger – und auch der Ordensleute – und der Erzbischöfe des
Militärordinar iates, der ständigen Diakone, Katecheten, Pastoralassistenten und
der ungeheuren Schar von Laien, die sich durch ihren täglichen Einsatz heiligen,
indem sie ihre Kirche heiligen. Gratias tibi deus, gratias tibi! [Dank
sei dir, Gott; Dank sei dir!]
Die kirchliche Gemeinschaft
Unendlichen Dank sagen wir für die Treue und die Liebe dem Nachfolger Petri
gegenüber, der nichts anderes wollte, als seine Brüder im Glauben zu stärken.
Der Papst versucht direkt oder indirekt durch seinen päpstlichen Repräsentanten
euch allen nahe zu sein, indem er eure Instanzen gemäß der dafür vorgesehenen
Normen akzeptiert und durch sein ordentliches Lehramt die Richtlinien der
Evangelisierung vorschlägt. Er versucht, soweit das in seiner Macht steht, euch
in eurem Missionswerk zu bestärken und euch zu ermutigen bei all den
Schwierigkeiten, die euch bei diesem Unternehmen begegnen. Außerdem ist die
Mission des Apostolischen Nuntius auch dazu gedacht, weiterhin das brüderliche
Verhältnis zu erhalten, das zum Präsidium der Nationalkonferenz der Bischöfe
Brasiliens (CNBB) und zum gesamten Episkopat des Landes besteht. Ich bin mir
auch sicher, daß ihr es stets verstehen werdet, dieses Verhältnis auf der
unerläßlichen Bekräftigung der freundschaftlichen Bande zwischen Kirche und
Staat zu gründen.
Die Botschaft von Porto Seguro
Ihr werdet wohl mit mir darin übereinstimmen, daß »Liebe mit Liebe beglichen
wird« und wir dank der totalen Hingabe so vieler heldenhafter Christen an deren
Erfahrung anknüpfen können, um sie in die Tat umzusetzen. Man kann die
Erinnerung an diese Gesten nicht auslöschen, sie müssen Frucht tragen. Ganz in
der Nähe dieses Versammlungsortes der CNBB ist nach der göttlichen Vorsehung die
brasilianische Kirche entstanden. Ich glaube, außer dem Zeichen, das auf die
Entdeckung Brasiliens hinweist, existiert in unserer Vorstellung noch ein
weiteres Zeichen, nämlich jenes, das auf unseren Einsatz als Bischöfe hinweist,
was durch unser Brustkreuz angedeutet wird, das wir immer tragen sollen, so wie
die Eheleute den Ring ihrer ehelichen Treue tragen.
Es geht hier nicht um irgendein Kreuz, sondern um das Kreuz unseres Erlösers, um
das Kreuz unseres Einsatzes als treue Verwalter der göttlichen Gnade, welches
durch die Segensgeste den oder das heiligt, der oder was gesegnet wird. Es ist
das Kreuz unseres abgerungenen Opfers zum Wohl der Seelen, das Kreuz unseres
Seelsorgeeinsatzes. Dieses Kreuz ist das größte Testament der Bischöfe, es wird
als Zeugnis der eigenen Treue zur Kirche und zum Papst hinterlassen.
Liebe zur Kirche
In den Vatikanischen Gärten hat Papst Pius XI. seligen Andenkens eine Statue der
hl. Theresia vom Kinde Jesu, der Patronin der Missionare, errichtet. Derselbe
Papst verfügte, daß zu Füßen dieser Statue in französischer Sprache die Worte der
Karmeliterin eingraviert würden: »J’aime l’Église ma mère.« »Ich liebe die
Kirche, meine Mutter.«
Es ist dies eine Botschaft, an die wir auch heute erinnert werden. Sie lädt uns
ein, die Kirche wie eine Mutter zu sehen, indem wir für sie dieselben Gefühle
hegen, wie sie ein Sohn für jene hegt, die ihm das Leben geschenkt und ihn in
Liebe erzogen hat.
Die Kirche ist wirklich unsere Mutter, da sie uns das Leben geschenkt hat und da
sie uns immer wieder stärkt und begleitet auf dem Weg, der uns zum Reich des
Vaters führt. Darum sagte der hl. Cyprian: »Gott kann der nicht mehr zum Vater
haben, der die Kirche nicht zur Mutter hat« (PL 4, 502; Über die
Einheit in der katholischen Kirche, 6; in: Bibliothek der Kirchenväter,
Bd. 34, Kempten/München 1918, S. 138).
Die Kirche ist wirklich unsere Mutter, da sie uns Jesus, unseren Heiland,
geschenkt hat und ihn uns immer wieder schenkt. Henry Lubac schrieb im Jahr 1967
in seinem Buch Paradoxe et Mystère de l’Église [deutsch: Geheimnis,
aus dem wir leben, 1967]: »Doch unter welchem Flugsand wäre, zwar nicht sein
Name und Andenken, so doch sein lebendiger Einfluß, die Wirkung seines
Evangeliums und der Glaube an seine göttliche Person begraben ohne die sichtbare
Kontinuität seiner Kirche? Hätte nicht die erste Christengemeinde in der
Ergriffenheit ihres Glaubens und ihrer Liebe den Raum geschaffen, worin der
Geist, der die Evangelisierung erweckte, weht und wirkt; hätte diese
Gemeinschaft sich nicht von Generation zu Generation wesenhaft gleich erhalten
[…] wären nicht immer, wenn es notwendig war, Männer der Kirche aufgestanden:
große Lehrer, unerschrockene Führer oder demütige Zeugen, um den Wortlaut des
Dogmas in seiner ganzen Kraft und seinem vollen implizierten Gehalt unverändert
zu erhalten […], hätten nicht die großen Konzilien für immer die Grundsätze der
Rechtgläubigkeit in der Christologie festgelegt …, was wäre dann Christus heute
für uns? ›Ohne die Kirche müßte Christus sich verflüchtigen, zerbröckeln,
erlöschen‹ «. (S. 20f.).
Der Psalmist betrachtete Sion als die Mutter der Völker, so daß er zu Recht
sagen konnte, daß alle dort geboren waren.
»Gloriosa dicta sunt de te, civitas Dei! […]
et de Sion dicetur: hic et ille natus est in ea.« –
»Herrliches sagt man von dir, du Stadt unseres Gottes […]
Doch von Zion wird man sagen: Jeder ist dort geboren« (Ps 87,3–5).
Auch heute noch ist die Kirche eine Mutter, und die Kraft und Macht, neue Kinder
hervorzubringen, ist in ihr ungeschwächt geblieben. Anstatt sich in sich selbst
einzuigeln, geht sie ruhig und aufnahmebereit auf die Welt zu, und je mehr ihre
mütterliche Dimension nicht nur ins Unermeßliche wächst, sondern auch unmöglich
und entmutigend wird, desto mehr stützt sie sich auf ihren Bräutigam (vgl.
ebd.).
Manchmal kommt es vor, daß ihre Kinder sie vergessen und sogar soweit gehen, sie
zu schlagen, aber dennoch hört sie nicht auf, sie zu lieben und sie zu begleiten.
Darin besteht ihre Größe.
Mutter von Heiligen und Sündern
Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Kirche fruchtbare Mutter von Söhnen und
Töchtern, die die höchsten Höhen der Heiligkeit erreicht haben. Wir bekennen im
Apostolischen Glaubensbekenntnis unseren Glauben an die »Heilige« Katholische
Kirche, die als fruchtbare Mutter viele Kinder hervorgebracht und erzogen hat,
und zwar mit dem Ziel heldenhafter Heiligkeit.
Die Theologen haben gut erklärt, inwiefern die Kirche heilig ist, obwohl sie
eigentlich aus Sündern besteht. Der Katechismus der Katholischen Kirche
hat erst in jüngster Zeit dieses Dogma auf einigen wenigen Seiten zusammengefaßt,
und zwar dort, wo über den Artikel 9 des Apostolischen Glaubensbekenntnisses bzw.
den Glaubenssatz gesprochen wird: »Ich glaube an die Heilige Katholische Kirche«
(Nrn. 823–829).
Ja, wir glauben, daß die Kirche auf unanfechtbare Weise heilig ist. Sie ist mit
Christus vereint und wird durch uns geheiligt, und durch ihn wird sie ihrerseits
zur Heiligmacherin, indem sie auf jedes ihrer Glieder zugeht, um es zu reinigen
und zu verwandeln.
Papst Paul VI. seligen Andenkens hat in seinem »Credo des Gottesvolkes«
gesagt: »Die Kirche ist also heilig, wenn sie auch in ihrem Schoß die Sünder
mitträgt. Denn sie besitzt kein anderes Leben als das der Gnade. Ganz gewiß
werden ihre Glieder sich heiligen, wenn sie von dieser Kirche sich nähren lassen.
Wenn sie sich aber von ihr entfernen, werden sie sich durch ihre Sünden die
Seele beflecken. Und diese Sünden verhindern, daß die Heiligkeit der Kirche
strahlend sichtbar wird. Deshalb leidet die Kirche auch und büßt für diese
Verfehlungen. Sie hat aber auch die Vollmacht, durch das Blut Christi und das
Geschenk des Heiligen Geistes ihre Glieder von ihrer Schuld zu befreien« (Nr.
19).
Übrigens ist das nichts anderes als die Lehre des II. Vatikanischen Konzils, das
in der Konstitution Lumen gentium von einer Kirche spricht, die »unzerstörbar
heilig ist« (Nr. 39). »Sie ist zugleich und stets der Reinigung bedürftig«, »simul
sancta et semper purificanda« (Nr. 8).
Der Primat der Liebe
Der Prophet Jesaj a sagt, daß »non est abbreviata manus Domini« (59,1) »die
Hand des Herrn ist nicht zu kurz«: Gott ist heute nicht weniger mächtig, als er
es zu anderen Zeiten war, auch ist seine Liebe zu den Menschen nicht weniger
wahr. Der Glaube an sein Wirken durch den Tröstergeist ist nicht irgend ein
vager Glaube an seine Anwesenheit in der Welt, sondern es ist die dankbare
Annahme der Zeichen und jener Realität, die er an seine Kraft binden wollte.
Christus hat seiner Kirche die Sicherheit der Glaubenslehre gegeben. Er hat
dafür gesorgt, daß es Menschen gibt, die andere durch ihr Licht orientieren, die
ständig auf den rechten Weg führen und an diesen Weg erinnern, den Er selbst
vorgezeichnet hat. Wir verfügen über einen unendlich großen Wissensschatz: das
von der Kirche bewahrte Wort Gottes, die Gnade Christi, die seinen Hirten durch
das Spenden der Sakramente anvertraut wurde. Wie könnte man sich da nicht an das
Zeugnis und Vorbild aller jener erinnern, die aufrichtig leben und uns zur Seite
gestellt wurden, die es verstanden, durch ihr Leben einen Weg der Treue zu Gott
einzurichten?
Das ist die Kirche Christi, verehrte Brüder im Bischofsamt, die uns
hervorgebracht hat und die uns nun begleitet, sie verzeiht uns unsere Sünden und
ruft uns zu einem neuen Leben auf, wobei sie auf Ihn vertraut, denn »er ist
auferstanden, wie er gesagt hat« (Mt 28,6).
Dieser Kirche können wir eigentlich nur mit unserer Liebe und unserer Verehrung
begegnen. Es ist dies die natürliche Haltung der Kinder der eigenen Mutter
gegenüber. Für ihre Hirten ziemt es sich, sie mit besonderer Liebe zu lieben und
sich uneingeschränkt ihr hinzugeben, ihr selbstlos zu dienen, indem sie sich
befähigt fühlen, auf jegliche persönlichen Interessen zu verzichten, um im
selben Gehorsam zu leben, den Christus aufbrachte, als er am Kreuze erhöht war.
Eine Kirche, die lehrt, eine Kirche, die heiligt und die ihre Kinder fürsorglich
zur Liebe des Vaters führt, indem sie sie dazu bringt, sich gegenseitig zu
lieben, sich gegenseitig zu verzeihen und zu verstehen, eine solche Kirche kann
nur so geliebt werden, wie sie ihr Gründer selbst geliebt hat.
Liebt man die Kirche, so liebt man natürlich auch alle ihre Glieder, zumal die
Armen und Ausgestoßenen, die ganz besonders unserer totalen Solidarität bedürfen,
denn sie leiden wegen der Gerechtigkeit Aber wenn man die Kirche liebt, dann
liebt man ganz besonders auch jene, die ihre Struktur und die Einheit des
mystischen Leibes garantieren und ungeachtet aller Unterschiede über alle wachen.
Dazu gehört in erster Linie der Nachfolger Petri, »der süße Christus auf Erden«,
wie die hl. Katharina von Siena es auszudrücken pflegte. Den Papst lieben heißt,
seine Unterweisungen lieben und sie treu befolgen; den Papst lieben heißt,
danach zu trachten, »mit der Kirche zu fühlen«, hier und überall in der Welt.
Heute klingt die vom hl. Ignatius von Loyola in seinen geistigen Exerzitien
diktierte Regel provokativ: »Wir müssen immer festhalten, um in allem das Rechte
zu treffen: Von dem Weißen, das ich sehe, glauben, daß es schwarz ist, wenn die
hierarchische Kirche es so bestimmt, indem wir glauben, daß zwischen Christus,
unserem Herrn, dem Bräutigam, und der Kirche, seiner Braut, der gleiche Geist
ist, der uns leitet und lenkt zum Heil unserer Seelen« (Geistliche Übungen,
Nr. 365, in: Gründungstexte der Gesellschaft Jesu, übersetzt von Peter
Knauer [Deutsche Werkausgabe Bd. 2], Würzburg 1998 S. 266). Es ist dies
das große Prinzip des »sentire cum Ecclesia« bzw. des »sentire in
Ecclesia«, welches der Gründer der Gesellschaft Jesu in einem für das Leben
der Kirche schwier igen Moment hinterließ.
Gedächtnis und Verzeihen
Die aus sündigen Menschen bestehende Kirche hat im Laufe ihrer
zweitausendjährigen Geschichte ihr Antlitz des öfteren durch die Mißstände ihrer
Kinder verdunkelt erlebt. Zweifelsohne ist sie stets eine »Ecclesia semper
reformanda«, doch kann diese Reform nur auf der Grundlage inniger Liebe zu
Christus und zu den Gliedern seines mystischen Leibes erfolgen.
Von dieser spirituellen Sichtweise ausgehend, hat uns Papst Johannes Paul II.
eingeladen, während des Großen Jubiläums des Jahres 2000 einen Akt der Demut zu
vollbringen, indem wir uns vor dem barmherzigen Gott niederknien und ihn um sein
Verzeihen flehen für alle Sünden, die wir Kinder der Kirche in Vergangenheit
und Gegenwart begangen haben. Daher hat der Heilige Vater auch das bekannte
Dokument Erinnern und Versöhnen. Die Kirche und die Verfehlungen in
ihrer Vergangenheit zu Veröffentlichung f reigegeben, damit die »confessio
peccati«, die auf der freimachenden Wahrheit des Glaubens gründet, für uns
Christen zu einer zu Gott gekehrten »confessio laudis« wird, indem wir
uns von ihm und mit ihm in Jesus, dem einzigen Erlöser der Welt, versöhnen
lassen.
Darauf bezog sich auch Pius XII. in seiner Enzyklika Mystici Corporis,
als er sagte, daß, wenn man in der Kirche etwas bemerkt, das auf die Schwäche
unseres Zustandes hinweist, man das nicht der juridischen Konstitution
zuschreiben darf, sondern der beklagenswerten Tendenz eines jeden Gliedes zum
Übel. Es ist dies eine Tendenz, die der göttliche Gründer sogar bei den
wichtigsten Gliedern seines mystischen Leibes zuläßt, damit die Tugend sowohl
der Schafe als auch der Hirten auf die Probe gestellt werde und bei allen die
Verdienste des christlichen Glaubens angehäuft werden (29. Juni 1943).
Letztlich ist dies der grundlegende Sinn der gestern während der feierlichen
Eucharistie im Andenken an die fünfhundert Jahre seit der Evangelisierung
Brasiliens vollzogenen Handlung, der auch seine Hirten betrifft. Durch das von
der Vorsehung gewollte Zusammentreffen vermittelt uns das Jubiläum das Gefühl
der Nähe und Solidarität. Auch fühlen wir uns unseren Brüdern der Vergangenheit
verbunden, auf daß alle vor dem Gott der Barmherzigkeit niederknien und ihn
anflehen, daß er uns reinige und erneuere.
Es ist mein Wunsch, daß die 38. Generalversammlung der CNBB die Erwartungen und
Bestrebungen der gesamten katholischen Gemeinschaft Brasiliens, welche dieses
Jubiläumsjahr als »ein starkes Verlangen nach Umkehr und persönlicher Erneuerung«
betrachtet (Tertio millennio adveniente, 42), aller Gläubigen und
besonders der Hirten dieser riesigen Herde erfüllen möge. Diese Reinigung des
Gedächtnisses, welche der Papst in seinem Apostolischen Schreiben Tertio
millennio adveniente ankündigte, erfordert »einen mutigen Akt der Demut,
nämlich die Verfehlungen zuzugeben, die von denen begangen wurden, die den Namen
Christi trugen und tragen« (Incarnationis mysterium, 11). Machen wir
diese Worte des Nachfolgers Petri zu den unsrigen in dem Maße, in dem wir
folgende Worte, die der Heilige Vater mir anvertraut hat, um sie euch allen
weiterzugeben, in Glauben und Liebe anzunehmen wissen: »Diese Feier ist eine
günstige Gelegenheit, um nicht nur in die Erinnerung einzugehen, sondern auch um
als Anregung für eine größere religiöse Bedeutung, für einen festeren Glauben
und entschiedenere Vorsätze im Lichte der glänzenden und erbaulichen Vorbilder
der Vergangenheit zu dienen.«
Möge dies die Gnade sein, die wir vom Allmächtigen erbitten auf die Fürsprache
der »Senhora Aparecida«, zur größeren Ehre, zum größeren Lob Gottes und
zum Wohl der Kirche! Danke.
|