PREDIGT VON KARD. ANGELO
SODANO
IN DER KIRCHE ST. ANTONIUS ZU HILDESHEIM
AM HOCHFEST DES HEILIGSTEN HERZENS JESU
Donnerstag, 29. Juni 2000
Liebe Konzelebranten!
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
In den vergangenen Tagen fand in Rom eine interessante theologische Tagung
statt. Sie hatte zum Thema: »Die Verehrung des Antlitzes Christi im Laufe der
Jahrhunderte.« Das Große Jubiläum des Jahres 2000 hat den Rahmen dafür
geschaffen, die Menschheit des Erlösers ins Licht zu heben und dessen Anbetung
in ihrer Tiefe zu erschließen.
Auch in Hannover bei der EXPO 2000 kann man im Pavillon des Hl. Stuhls das
berühmte »Mandylion« von Edessa bewundern. Es stellt das Antlitz Christi dar und
ist, von den ersten Jahrhunderten des Christentums angefangen, zwischen
Geschichte und Legende bis auf uns gekommen.
Morgen werde ich auf dem Petersplatz in Rom eine heilige Messe feiern zu
Ehren des Kostbaren Blutes Christi. Anlaß dafür ist die Jubelfeier verschiedener
Ordensgemeinschaften, die den Namen des Kostbaren Blutes Christi tragen und
ihren Auftrag darin sehen, dessen Verehrung in der Welt auszubreiten.
Heute freue ich mich, zusammen mit Euch die Eucharistie zu feiern. Im
Mittelpunkt steht an diesem Tag das Heiligste Herz Jesu. Die Beispiele, die ich
eben nannte, und das heutige Fest haben etwas gemeinsam: Unsere Aufmerksamkeit
dreht sich immer um dieselbe Wirklichkeit, die wir Christen in Erinnerung rufen:
die Verehrung der Menschheit unseres Herrn Jesus Christus. Werfen wir einen
Blick in das liturgische Jahr: Die Menschheit Jesu begleitet uns auf Schritt und
Tritt. Es beginnt mit dem Krippenkind in Betlehem. Dann begegnen wir dem
zwölfjährigen Jesus im Tempel. Wir treffen auf den Handwerker in Nazaret. Und
schließlich schauen wir auf den leidenden Jesus in der Passion und den
glorreichen Christus in der Auferstehung.
Die Frömmigkeit des christlichen Volkes hat uns dazu angeregt, unsere Knie zu
beugen vor den verschiedenen Darstellungen Jesu Christi: vor dem Gekreuzigten
mit seinen fünf Wunden, vor seinem blutenden Antlitz und vor seiner durchbohrten
Seite am Kreuz. Aus der Geschichte der christlichen Spiritualität ist bekannt,
daß neben den Mystikern zu allen Zeiten besonders der hl. Franz von Assisi zur
Verehrung der Menschheit Jesu Christi wesentlich beigetragen hat.
Am heutigen Hochfest lädt uns die Kirche zur Betrachtung des Herzens Jesu ein.
Es geht um jenes Herz, das uns so sehr geliebt hat. Deshalb dürfen wir in ihm zu
Recht das ganze Geheimnis der Erlösung gebündelt sehen. Auf dieses Herz, das von
der Lanze des römischen Soldaten durchbohrt wurde, haben alle christlichen
Generationen ihren Blick gerichtet. Hier hat sich tatsächlich das Wort des
Propheten erfüllt: »Videbunt in quem transfixerunt. Sie werden auf den blicken,
den sie durchbohrt haben« (Joh 19,37).
Mir scheint, daß die schönste künstlerische Darstellung des Heiligsten
Herzens Jesu darin besteht, Christus zu zeigen, wie er uns seine geöffnete
Seitenwunde hinhält. Eine solche Darstellung findet sich etwa in der Kapelle der
Katholischen Universität »Sacro Cuore« in Mailand: Die Statue des Hauptaltars
zeigt Christus, der mit der Hand auf die Seitenwunde deutet, aus der Blut und
Wasser fließen. So ist das geöffnete Herz Jesu der Ort, der schlechthin für die
erlösende Liebe Christi steht.
Auf diese Weise sind wir in das tiefe Geheimnis eingedrungen, das uns der
heutige Festtag vor Augen führt – jenes Geheimnis der Liebe, vor dem wir nur
eines tun können: die Knie beugen und anbeten. Darin liegt auch die Gnade, die
der hl. Paulus für die Gläubigen in Ephesus erbat, als er ihnen schrieb: »Durch
den Glauben wohne Christus in eurem Herzen. In der Liebe verwurzelt und auf sie
gegründet, sollt ihr zusammen mit allen Heiligen dazu fähig sein, die Länge und
Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen und die Liebe Christi zu verstehen, die
alle Erkenntnis übersteigt« (Eph 3,17–19).
Liebe Brüder und Schwestern! Die so umschriebene Gnade wollen wir heute am
Fest der Liebe Jesu Christi für uns alle erbitten. Zwei große Päpste haben in
diesem Jahrhundert den Kern der Herz-Jesu-Verehrung besonders herausgestellt:
Papst Pius XI. mit der Enyklika Miserentissimus Redemptor von 1928 und Papst
Pius XII. mit der Enzyklika Haurietis aquas von 1956. Das päpstliche Lehramt
erinnert uns immer wieder daran, daß die Verehrung des physischen Herzens
letztlich hineinführen muß in eine tiefe Christusbeziehung. Es geht weniger um
den »Herzmuskel« Jesu als vielmehr um die »Personmitte« des Herrn. Denn die
Aufgabe des Symbols besteht nicht darin, den Betrachter im Blick auf die
körperliche Wirklichkeit auf das Greifbare hin zu fixieren, sondern ihn
durchschauen zu lassen auf jene eigentliche Realität, für die das Sichtbare nur
eine Art Platzhalter ist. Die Realität, für die Jesu Herz steht, ist nichts
anderes als die Liebe Christi: die Liebe des Menschen, die gleichzeitig Liebe
Gottes ist. Denn in Christus vereinigen sich die beiden Naturen in der einen
Person des Wortes.
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Mit dieser Schau, die aus dem Glauben kommt, richtet sich heute unser Blick auf
Christus, den Gekreuzigten, dessen Abbild in unseren Kirchen und auch in unseren
Häusern ein besonderer Platz zukommt. Unser äußeres Auge betrachtet die
durchbohrte Seite des Erlösers; das Auge des Glaubens indes läßt uns die
göttliche Liebe entdecken, aus der unsere Erlösung entspringt. Auf diese Weise
wird es uns noch besser gelingen, dem Gebot unseres Herrn zu entsprechen: »Du
sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und
mit all deinen Gedanken« (Mt 22,37). So sei es!
Amen.
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