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PREDIGT DES KARDINALSTAATSSEKRETÄRS
ANGELO SODANO
WÄHREND DES DANKGOTTESDIENSTES
ZUR 300-JAHR-FEIER DER
PÄPSTLICHEN DIPLOMATENAKADEMIE

Petersbasilika, 26. April 2001

 

In der Osterzeit begleitet uns der frohe Hallelujagesang und lädt uns ein, Gott zu loben für die großen Wohltaten der Erlösung.

Die heutigen Schriftlesungen haben uns die wichtigen Themen der christlichen Verkündigung in Erinnerung gerufen. In der Apostelgeschichte hörten wir, daß Petrus nach seiner Befreiung aus dem Kerker die Auferstehung Christi ohne Furcht verkündet hat, trotz des ihm vom Synedrium erteilten Verbots und der angedrohten Strafe. Dadurch gibt er uns ein erleuchtendes Prinzip für unsere Sendung: »Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen« (Apg 5,29).

Im Evangelium ist Johannes der Vorläufer, der das zu predigen beginnt, was jeder Apostel Christi zu allen Zeiten verkündigen muß: »Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben« (Joh 3,36).

1. Ein Dankhymnus

In dieser Atmosphäre des Glaubens wollen wir heute mit dem Herzen voller Osterfreude dem Herrn danken für alle wunderbaren Taten, die er in der Gemeinschaft der Glaubenden im Laufe der Jahrhunderte gewirkt hat. Denn wir glauben, daß Christus durch seinen Heiligen Geist die Kirche belebt, ihr beisteht und sie auf ihrem Pilgerweg auf Erden leitet.

Wir wollen heute dem Herrn ganz besonders dafür danken, daß er in der Kirche von Rom vor dreihundert Jahren eine neue Bildungsstätte erweckt hat, die wir heute die Päpstliche Diplomatenakademie nennen.

Wir wissen ja, daß die göttliche Vorsehung sich gewöhnlich einer Zweitursache bedient. So geschah es, daß zu Beginn des 18. Jahrhunderts die göttliche Vorsehung Papst Klemens XI. eingab, eine Gemeinschaft von Priestern ins Leben zu rufen, die sich ganz dem Dienst des Apostolischen Stuhls widmete. Die Kirche wurde zu Beginn der Neuzeit vor neue Herausforderungen gestellt und hatte als mehrtausendjährige Institution die Pflicht, neue Wege zu suchen, um ihr Sendung in einer Welt zu erfüllen, die sich von Grund auf wandelte.

2. Rückblick in die Vergangenheit

Wie es oft in der Geschichte der Kirche geschehen ist, kam der erste Antrieb von unten, durch die Initiative des Abtes Pietro Garagni und auf Anraten des sel. Sebastiano Valfrè, eines Oratorianers aus Piemont. Dieser hatte es aufgrund seiner häufigen Kontakte mit dem Königshaus Savoyen in Turin für notwendig gehalten, die Personen auf diesen Dialog vorzubereiten, wodurch er eine Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat im Hinblick auf schwerwiegende Probleme sicherte, die von gemeinsamem Interesse waren.

Papst Klemens XI. gab zu dieser Initiativ gleich seine Zustimmung und bewilligte die Gründung der damaligen Akademie der kirchlichen Adeligen.

Kardinal Gianfrancesco Albani war, noch bevor er auf den Stuhl Petri berufen wurde, Zeuge des tiefgreifenden Wandels in Europa durch das Entstehen der modernen Staaten. Die europäische Einheit hatte durch die religiöse Spaltung des Kontinents aufgrund des Westfälischen Friedens seit 1648 Risse bekommen. Unter den Staaten begann eine Zeit des Kampfes um die Oberherrschaft, die nur durch die Politik wechselnder nationaler Bündnisse gemildert wurde.

Die einzelnen Regierungen versuchten durch das Prinzip des königlichen Absolutismus auch der Kirche dieses Joch aufzuzwingen. Und während des Pontifikats von Klemens XI. ging der bekannte »Sonnenkönig« Ludwig XIV. von Frankreich so weit, zu behaupten: »L’Etat c’est moi!«

In dieser Situation fühlte sich der vorausblickende Nachfolger Petri aufgerufen, neue Männer für den Dienst des Apostolischen Stuhls auszubilden.

3. Herausforderungen der Neuzeit

Kardinal Albani, der aus der historischen Stadt Urbino stammte, hatte am 23. November 1700 sein Pontifikat begonnen und sogleich die Lösung der drängenden Probleme in Angriff genommen. Die neue Akademie, die in Kürze entstehen sollte, erlaubte ihm, über Männer zu verfügen, die darauf vorbereitet waren, die schwierigen Aufgaben der neuen Zeit zu bewältigen, indem sie dem Papst in seinem Dialog mit den Regierungen und in den Beziehungen mit den Teilkirchen in aller Welt Hilfe leisteten.

Unter anderem hielt die Bedrohung der Christenheit durch die islamische Welt an, und die Missionsarbeit in Indien und China stellte das Wirken des Apostolischen Stuhls vor neue Probleme. Papst Klemens fühlte seine schwere Verantwortung angesichts der neuen internationalen Lage.

Wir sind heute hier, um dem Herrn zu danken, der in seiner heiligen Kirche immer Menschen und Institutionen erweckt, die ihr bei der Erfüllung ihrer Sendung in der Welt helfen können.

4. Geschichte der Akademie

Im Jahr 1968 schrieb der verstorbene Pater Maurizio Flick SJ in einem interessanten Artikel in La Civiltà Cattolica, daß es noch keine kritische historische Beschreibung unserer Diplomatenakademie gäbe (vgl. La Pontificia Accademia Ecclesiastica nel rinnovamento conciliare – La Civiltà Cattolica 1968, I, S. 526).

Die 300-Jahr-Feier dieser Institution könnte der Anlaß dazu sein. Dadurch wird ihre geschichtliche Bedeutung und heutige Lebenskraft noch sichtbarer werden.

Wir dürfen aber nicht verschweigen, daß ihr gegenüber manchmal Unverständnis herrschte. Das stellte vor siebzig Jahren schon der junge Priester Giovanni Battista Montini fest. Als er damals auf dem Weg zur Piazza della Minerva war, um die Schwelle des Severoli-Palastes zu überschreiten, fragte er sich (und das sind seine eigenen Worte), »ob dieses Institut noch eine Lebens- und Daseinsberechtigung hat und noch eine Aufgabe erfüllen kann, oder ob es ein Überbleibsel vergangener Jahre ist« (vgl. Gedenkrede des damaligen Msgr. Montini anläßlich der 250-Jahr-Feier unserer Akademie am 25. April 1951, in: Paolo VI e la Pontificia Accademia Ecclesiastica, Città del Vaticano 1965, SS. 24 –25).

Durch den Kontakt mit der Realität wurde es für den jungen Priester aus Brescia bald greifbar, wie wichtig auch diese Tätigkeit für die Kirche ist.

5. Aktualität des Werkes

Die weiten Horizonte, die sich der Tätigkeit der Kirche in der Welt von heute eröffnen, haben bestätigt, wie aktuell das Wirken des Hl. Stuhls im internationalen Bereich ist.

In der Tat hat das II. Ökumenische Vatikanische Konzil uns daran erinnert, daß die »dem Evangelium eigenen Hilfsmittel weitgehend verschieden sind von den Hilfsmitteln der irdischen Gesellschaft«. Aber das Konzil betonte das Recht und die Pflicht der Kirche, »sich des Zeitlichen zu bedienen, soweit es ihre eigene Sendung erfordert« (Gaudium et spes, 76).

Deshalb greift die Kirche, weit entfernt von einer leiblosen Engelhaftigkeit, auch heute auf die Mittel zurück, die ihr die göttliche Vorsehung zur Verfügung stellt, um allen Völkern das Evangelium Christi zu verkünden.

6. Das notwendige »Aggiornamento«

In den vergangenen drei Jahrhunderten gab es tatsächlich einen großen Fortschritt im Leben der Kirche und in der Aktivität des Apostolischen Stuhls. Auch unsere Akademie hat sich erneuert. Die trockenen Zweige des Baumes wurden abgeschnitten, und so gewann er neue Lebenskraft.

Dies ist das große Verdienst der Päpste, die diese Institution, die in ihrem Dienst steht, mit besonderer Sorge begleitet haben. Es genügt, erneut die Zielsetzungen zu lesen, die die jüngsten Päpste von Pius XII. bis zum jetzigen Papst Johannes Paul II. vorgegeben haben. Es sind lehramtliche Ansprachen, die das »aggiornamento« unserer mehrhundertjährigen Institution gekennzeichnet haben.

So gelangte man zu einer Verstärkung des pastoralen Aspekts der Arbeit des Klerikers, der in den Dienst des Hl. Stuhls gerufen wird. So bestand man auf der priesterlichen Natur dieses Dienstes, welchen Grades er auch sei. Und daraus ergab sich ein großer Fortschritt: Es genügt der Hinweis, daß Kardinal Consalvi oder Kardinal Antonelli keine Priester waren!

Heute ist es noch dringlicher, daß ein Mitarbeiter des Papstes beispielhaftes Zeugnis geben muß. Sicher sind nicht alle so heroisch, den Bußgürtel zu tragen wie der Auditor der Apostolischen Nuntiatur in Buenos Aires, Giuseppe Canovai. Aber alle müssen in enger Gemeinschaft mit Christus, dem guten Hirten, leben und ihr Dasein und apostolisches Wirken nach ihm ausrichten.

7. Das Wort des Papstes

Diese Gedanken finden häufig Ausdruck im Lehramt der letzten Päpste und vor allem von Papst Johannes Paul II. Es genügt, an seine Wort zu rinnern, die er an die Alumnen der Akademie gerichtet hat: »Ihr habt aus freiem Willen die Einladung des Apostolischen Stuhls angenommen, in diesen Jahren als Mitglied einer Priestergemeinschaft zu leben, die hohe Anforderungen stellt. Eure Gemeinschaft muß immer der Apostolischen Kirche würdig sein; sie muß eine Gemeinschaft sein, die an der Lehre der Apostel, der brüderlichen Gemeinschaft, der Eucharistie und dem Gebet festhält. Die Akademie ist eine Priestergemeinschaft, die sich als solche in Lehre und Seelsorge von den höchsten Idealen des Priestertums Christi erleuchten und nähren lassen muß« (Ansprache von Johannes Paul II. an die Alumnen der Päpstlichen Diplomatenakademie, in O. R. dt., Nr. 5 v. 3.2.1989).

Das sind auch die Leitlinien, die der Papst bei seiner Begegnung mit den Alumnen der Akademie aufgezeigt hat, während seines Besuches heute morgen bei unserer verdienstvollen Institution aus Anlaß ihrer 300-Jahr-Feier.

8. Schluß

Liebe Mitbrüder, wenn wir heute an den bisherigen Weg der Päpstlichen Diplomatenakademie denken, bitten wir den Herrn, diese Institution zu segnen, ihre Identität des Dienstes zu bewahren und ihre Sendung immer apostolischer zu machen.

Die Tätigkeit des Apostolischen Stuhls ist zu Beginn des dritten christlichen Jahrtausends vor neue Aufgaben gestellt. Deshalb ist es notwendig, daß unsere Akademie neue hochherzige Mitarbeiter hervorbringt, die den Anforderungen dieser Stunde entsprechen.

Darum steige heute unser inniges Gebet zum Herrn auf durch die Fürsprache Mariens, der Königin der Apostel, der hll. Petrus und Paulus und vieler verdienstvoller Hirten, die uns gelehrt haben, für die heilige Kirche Gottes zu leben, zu arbeiten und zu leiden.

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