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PREDIGT VON KARDINAL
ANGELO SODANO BEI DER EUCHARISTIEFEIER ZU
EHREN DES HL. OTTO IN DER KIRCHE ,,MARIA REGINA MARTYRUM" IN BERLIN
Samstag, 30. Juni 2001
Verehrte Brüder im Bischofsamt und im priesterlichen
Dienst, liebe Karmelitinnen, liebe Brüder und
Schwestern!
»Freut euch alle im Herrn am Festtag des hl. Bischofs Otto. Mit
uns freuen sich die Engel und loben Gottes Sohn.«
Der Eröffnungsvers dieser heiligen Messe gibt das Leitmotiv
an für die Feier, die wir miteinander begehen. Der Anlaß meiner Reise nach
Berlin war die festliche Einweihung des neuen Sitzes der Apostolischen
Nuntiatur. Nachdem wir gestern voll Freude neben dem hl. Petrus auch den hl.
Paulus geehrt haben, trifft es sich gut, daß sich heute unser Blick auf einen
Apostel dieses Landes richtet.
Der missionarische Bogen, der am Anfang der Kirche steht,
spannt sich gleichsam über den Globus hinweg auf und umschließt alle Zeiten
und Räume. An diesem Tag lädt uns die Kirche ein, auf den hl. Otto zu
schauen, der als Glaubensbote bei den Pommern gilt und vor gut siebzig Jahren
zum Mitpatron des neuerrichteten Bistums Berlin erwählt wurde.
1. Ein Hymnus der Dankbarkeit
Eucharistie heißt Danksagung. Kann es etwas Schöneres geben
als Gott gemeinsam Dank zu sagen dafür, daß er in seiner Kirche durch den
Lauf der Jahrhunderte hindurch solche hehren Gestalten der Heiligkeit, solche
großen Apostel seines Reiches erwählt! Gemeinsam beten wir den Herrn an, wie
es uns die Lesehore nahelegt: »Christus, den Fürst der Hirten: kommt, wir
beten ihn an!«
Wenn wir den Herrn anbeten, dann bekommen wir von Ihm auch
etwas zurückgeschenkt. Die Anbetung ist ja wie ein Schlüssel, der uns die
Tür öffnet in den geistlichen Raum, der den Reichtum des Evangeliums und der
Botschaft der Heiligen birgt. Denn in den Heiligen schreibt Gott die
Heilsgeschichte weiter. Die Heiligen sind eine Art lebendiges Evangelium. Wie
trifft das für den hl. Otto zu? Ich möchte darauf mit einigen geistlichen
Impulsen antworten.
2. Der wahre Apostel Jesu Christi
Obwohl uns viele Jahrhunderte vom Wirken des hl. Otto trennen,
ist sein Leben eine Auslegung dessen, was Evangelisierung in unseren Tagen
bedeutet. Was der hl. Paulus an die Gemeinde von Korinth schrieb, hat sich
auch der hl. Otto zur obersten Regel gemacht: »Da ich von niemand abhängig
war, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu
gewinnen. (…) Den Schwachen wurde ich ein Schwacher, um die Schwachen zu
gewinnen. Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten«
(1 Kor 9,19.22).
Hinter diesen Versen steckt eine erste wichtige Botschaft: Wer
das Evangelium verkünden will, muß unabhängig sein. Gerade in unseren
Breitengraden muß sich der wahre Missionar frei halten – für Christus und
die Menschen, zu denen er gesandt ist. Denn er verkündet das Evangelium nicht,
um sich selbst einen Namen zu machen, sondern um den Namen Jesu Christi
auszubreiten. Er verfolgt nicht seine eigenen Interessen, sondern erfüllt den
Willen dessen, der ihn gesandt hat. So ist der wahre Missionar gleichsam der
»Lobbyist Christi« in der großen Halle der vielen Stimmen unserer Zeit.
3. Das Gebetsapostolat
Die Tatsache, daß die Kirche »Maria Regina Martyrum« so eng
mit dem Karmel verbunden ist, setzt einen zweiten Impuls.
Eine Metropole wie Berlin braucht Räume der Stille, die den
Menschen aufatmen und zu sich selbst finden lassen. Je lauter und anonymer, je
bunter und pulsierender das Leben in der Großstadt ist, umso notwendiger
werden solche Oasen der inneren Einkehr, um die Stimme Gottes zu erlauschen
und zur wahren »Unterscheidung der Geister« zu finden. Wie gut, Jesus
Christus als Freund an der Seite zu haben, der uns zu Herzen spricht, um die
richtigen Schritte zu tun! Auf diese Erfahrung hat schon die hl. Teresa von
Avila dankbar hingewiesen: »Obgleich Jesus Christus der Herr ist, kann ich
doch umgehen mit ihm wie mit einem Freund.« Ich danke Ihnen, liebe Schwestern
vom Karmel, daß Sie in Berlin einen Raum des Gebetes schaffen und pflegen, um
zu zeigen, daß der Weg, der den Menschen zu Wahrheit und Freiheit führt, ein
Weg nach innen sein muß. Dieser Dienst der inneren Sammlung ist Ihre Sendung.
Bleiben Sie dieser Mission treu! Berlin würde etwas fehlen, wenn es Sie nicht
gäbe.
4. Das Leidensapostolat
Noch einen dritten Anstoß schenkt uns der Mitpatron der
Erzdiözese Berlin. Ein Fingerzeig dafür ist die Kunst: Maler und Schnitzer
haben den hl. Otto nicht nur in bischöfliche Gewänder gehüllt; oft haben
sie ihn auch mit Pfeilen oder Nägeln dargestellt. Die Bedeutung dieser
Attribute liegt auf der Hand: Dem Missionar kann das Los blühen, angefeindet
und verspottet zu werden. Auch bei uns werden die Boten des Evangeliums nicht
selten mit den Pfeilen spitzer Worte angegriffen; ihre Botschaft wird der
Nagelprobe des Lebenszeugnisses unterzogen, das auch Verleumdung und Opfer
nicht scheuen darf.
Gerade dieser Ort, unweit vom Plötzensee, ruft uns in
Erinnerung, daß Pfeile und Nägel für den Missionar nicht nur bildhaft,
sondern im wörtlichen Sinn Wirklichkeit werden können. Wenn wir hier
Eucharistie feiern, dann reihen wir uns ein in die Schar der Glaubenszeugen,
die für Christus ihr Leben lassen mußten. Von unmenschlichen Machthabern als
»Zeichen des Widerspruchs« (Lk 2,34) gefangen und geknechtet, hielten
sie auch im Sterben ihren Blick fest auf den Gekreuzigten geheftet, »Gottes
Kraft und Gottes Weisheit« (1 Kor 1,24).
Dank sei Gott für die bekannten und namenlosen Glaubenszeugen
des 20. Jahrhunderts! Möge das Blut dieser Märtyrer zum Samen werden für
viele überzeugende Christen in dieser Stadt und in diesem Land.
5. Der Zukunft entgegen
Uns, liebe Brüder und Schwestern am Anfang des neuen
Jahrhunderts, gilt ein Wort Jesu, das der Heilige Vater aufgegriffen hat, um
die Kirche Christi heute zu senden: »Fahr hinaus auf den See!« (Lk 5,4;
Novo millennio ineunte, 1). Dieses Wort lädt uns ein, feinfühlig der
Vergangenheit zu gedenken, leidenschaftlich die Gegenwart zu leben und
vertrauensvoll die Zukunft zu gestalten: Wir sind ja nicht allein auf weiter
Flur. Den Heiligen Geist im Rücken, stechen wir in See und wissen, daß
»Jesus Christus derselbe ist gestern, heute und in Ewigkeit« (Hebr 13,8).
Maria, die Königin der Märtyrer, lehre uns, unseren
Schwächen zu begegnen und stark zu werden wie sie, die selbst zu Füßen des
Kreuzes standhaft blieb. Herr, mach uns zu deinen Mitarbeitern am Heil der
Welt!
Amen.
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