Herr Präsident!
Die Delegation des Hl. Stuhls möchte zunächst der Regierung und der
Bevölkerung Südafrikas, dem Gastgeberland dieser internationalen Konferenz,
ihre dankbare Anerkennung aussprechen. Südafrika ist nicht nur in
geographischer Hinsicht unser Gastgeber; seine Geschichte, seine Erfahrung und
seine Hoffnungen machen dieses Land wahrhaft zum Gastgeber und zur
inspirierenden Kraft jener hohen Ideale, die unsere Arbeit und unser Engagement
anspornen.
Ethische Grundlagen einer neuen globalen Gemeinschaft
Die internationale Konferenz gegen Rassismus, Rassendiskriminierung,
Xenophobie und andere Formen der Intoleranz ist zu Beginn eines neuen
Jahrtausends eine wesentliche Herausforderung an die globale Gemeinschaft.
Auch wenn das Thema unserer Konferenz negativ formuliert ist, so ist die
Herausforderung, der wir gegenüberstehen, doch positiver Art. Bei der
Bekämpfung der Rassendiskriminierung geht es vor allem darum, über die
Beschaffenheit der Interaktion von Individuen und Völkern am Anfang eines neuen
Jahrhunderts und Jahrtausends zu entscheiden. Rassismus ist eine Sünde. Er
ist wesensmäßig eine Lüge, ein bewußt erdachtes Konzept, um die Menschheit
zu spalten. Gegenstand dieser Konferenz muß aber die Wahrheit sein: die
Wahrheit über die menschliche Würde, die Wahrheit über die grundlegende
Einheit der menschlichen Familie. Es ist eine Konferenz über das ethische
Fundament einer neuen globalen Gemeinschaft.
Ausgehend von einer ehrlichen Beurteilung der Fehler und Handlungsweisen der
Vergangenheit – und bedauerlicherweise auch der Gegenwart –, müssen wir
gemeinsam mit Entschlossenheit und Mut eine bessere Zukunft anstreben, in der
die einzigartige Würde und die unveräußerlichen Rechte jedes Menschen und
jedes Volkes geachtet und gefördert werden.
Trotz dieser von beispiellosem humanitärem und wissenschaftlichem
Fortschritt gekennzeichneten heutigen Zeit müssen wir eingestehen, daß zu
viele Dimensionen unserer globalen Gemeinschaft immer noch von Ausgrenzung,
Spaltung und krasser Ungleichheit geprägt sind, wodurch dramatisches Leid unter
den Menschen verursacht wird. Auch dürfen wir nicht jene Maßnahmen und Taten
der unmittelbaren Vergangenheit vergessen, deren Ziel nicht nur die Ausgrenzung,
sondern die Vernichtung ganzer Völker war. Die Herausforderung des neuen
Jahrhunderts besteht darin, zu gewährleisten, daß derartiges nie wieder
geschehen wird. Zudem soll eine den jetzigen Gegebenheiten entsprechende neue
Weltkarte entworfen werden, auf der weder Spaltung noch Vorherrschaft erkennbar
sind. Vielmehr soll sie sich auszeichnen durch ein fruchtbares Zusammenwirken
der Völker, das auf gerechten, brüderlichen und solidarischen Beziehungen
gründet.
Individueller und kollektiver Sinneswandel
Voller Anerkennung lobt der Hl. Stuhl den unerläßlichen Beitrag, den die
Vereinten Nationen zur Bekämpfung von Ungleichheit und Ausgrenzung in der
heutigen Welt geleistet haben und auch weiterhin leisten.
Diese Konferenz bedeutet hinsichtlich der Bemühungen der Völkerfamilie
hoffentlich einen neuen wesentlichen Schritt nach vorn. Sie ist bestrebt, die
wesentlichen und tiefsten Dimensionen dessen zu behandeln, was für die
Bekämpfung von Rassendiskriminierung und zum Aufbau einer gerechteren Welt
notwendig ist. Die Konferenz fordert jeden von uns auf, als Individuen und
Vertreter von Nationen und Völkern die Empfindungen unserer Herzen zu
überprüfen. Ohne individuellen und kollektiven Sinnes- und Verhaltenswandel
kann der Ursprung von Haß, Intoleranz und Ausgrenzung nicht beseitigt werden,
und auch im kommenden Jahrhundert wird sich – ebenso wie im soeben zu Ende
gegangenen – das häßliche Gesicht des Rassismus wieder und wieder zeigen.
Die Vorbereitungsarbeiten der Konferenz haben deutlich gemacht, daß dies
kein einfacher Prozeß ist. Er erfordert eine eingehende Untersuchung der
geschichtlichen Wahrheit, nicht jedoch um in der Vergangenheit gefangen zu
bleiben, sondern um fähig zu werden, den Aufbau einer andersartigen Zukunft
aufrichtig in Angriff zu nehmen. Papst Johannes Paul II. sagte in seiner
Ansprache zum Weltfriedenstag 1997: »Doch wahr bleibt, daß man nicht
Gefangener der Vergangenheit bleiben kann: Für die einzelnen und für die
Völker bedarf es einer Art ›Reinigung des Gedächtnisses‹« (3).
Offensichtlich kann es ohne ein ehrliches Bekennen der Wahrheit historischer
Wirklichkeiten eine solche Reinigung nicht geben. Das Reinigen des
Gedächtnisses erfordert die aufrichtige Beurteilung unserer persönlichen,
gemeinschaftlichen und nationalen Geschichte und das Eingeständnis der weniger
positiven Aspekte, die zur heutigen Ausgrenzung beigetragen haben; auf diese
Weise möge das Zeitalter der Globalisierung in ein Zeitalter der Begegnung,
der Gemeinsamkeiten und der Solidarität verwandelt werden.
Migranten, Flüchtlinge und ihre Familien
In seinem Beitrag zur Vorbereitung dieser Konferenz verwies der Hl. Stuhl
insbesondere auf die Situation der Migranten, der Flüchtlinge und ihrer
Familien. Migration wird zu den typischen Kennzeichen einer globalisierten
Welt gehören; es kann ein Phänomen sein, das Wohlstand erzeugen und dazu
beitragen kann, globale Ungleichheiten zu beseitigen und die Kontakte zwischen
Völkern und Kulturen zu intensivieren.
Wie das vom Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden unlängst als
Beitrag für diese Konferenz veröffentlichte Dokument hervorhebt, »erfordert
zunehmende menschliche Mobilität mehr denn je Offenheit gegenüber den
anderen« (vgl. Die Kirche angesichts des Rassismus, Beitrag des Hl.
Stuhls im Hinblick auf die internationale Konferenz gegen Rassismus,
Rassendiskriminierung, Xenophobie und andere Formen der Intoleranz, Vatikanstadt
2001, S. 21). Heute aber wird der Migrant, vor allem derjenige mit einem anderen
kulturellen Hintergrund, leicht zum Opfer von Rassendiskriminierung, Intoleranz,
Ausbeutung und Gewalttätigkeit. Im Fall von Migranten ohne gültige Papiere
kann die betreffende Person nicht einmal auf ein Minimum an Unterstützung durch
die zuständigen Behörden zählen. Die Konferenz muß eine klare Bestätigung
der grundlegenden Menschenrechte aller Migranten sein, ungeachtet ihres
Immigrationsstatus. Sie muß generelle Richtlinien für die wirksame nationale
und internationale Anwendung dieser Rechte aufzeigen; gleichzeitig erfordert die
Bekämpfung des Rassismus ein intensives und ausgewogenes Erziehungsprogramm
hinsichtlich des Migrationsphänomens.
Die grundlegende Rolle der Erziehung
Ein weiteres Thema, dem der Hl. Stuhl im Lauf der Konferenz besonderen
Nachdruck verleihen möchte, ist die grundlegende Rolle der Erziehung bei der
Bekämpfung des Rassismus. Eine solche Erziehung muß bereits in der Familie
beginnen, denn sie ist es, die dem Kind erstmals das Verständnis vom
Mitmenschen vermittelt. In der Familie wird der Nächste wahrhaft Bruder oder
Schwester; sie muß die erste von Offenheit, Aufnahmebereitschaft und
Solidarität geprägte Gemeinschaft sein, die erste Schule, in der die Wurzeln
rassistischen Verhaltens mit Nachdruck zurückgewiesen werden müssen.
Erziehung gegen rassenbedingte Intoleranz muß sowohl in der Schule als auch
in der Gesellschaft eindeutig die Grundlage aller erzieherischen Dimensionen
werden. Eine solche Erziehung muß jene ethischen Fundamente ansprechen, die die
Einheit der Menschenfamilie fördern.
Ganz besondere Verantwortung tragen diejenigen, die die öffentliche Meinung
bilden oder beeinflussen. Vor allem die Massenmedien müssen es vermeiden,
rassistische Gesinnungen hervorzurufen. Jede Form von rassistischer
Klischeevorstellung oder Versuche, durch Rassendiskriminierung Ausgrenzung oder
Haß zu schüren, müssen im Keim erstickt werden. ;
Die Erziehung zur Achtung der Menschenrechte muß eine grundlegende Dimension
von Bildungsprogrammen werden; dies gilt gleichermaßen für die berufliche
Ausbildung gewisser Personengruppen, deren Arbeit zur Verhinderung von
Rassendiskriminierung beitragen kann, so etwa auf dem Gebiet der Massenmedien
oder in Bereichen, die insbesondere für den Schutz der Menschen verantwortlich
sind, wie beispielsweise die Justiz oder Polizei.
Beitrag und Verantwortung religiöser Gemeinschaften
In ganz besonderer Form ging der Hl. Stuhl schließlich auf den Beitrag und
die Verantwortung religiöser Gemeinschaften bei der Bekämpfung des Rassismus
ein. Auf diese Konferenz bezugnehmend, appellierte Papst Johannes Paul II. vor
einigen Tagen an alle Gläubigen und betonte, daß wir Gott, den Vater aller,
nicht anrufen können, wenn wir irgendwelchen Menschen, die nach dem Ebenbild
Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern (vgl. Ansprache
vor dem Angelusgebet am 26. August 2001; vgl. Nostra aetate, Nr. 5)
Allzu häufig ist die Religion dazu mißbraucht worden, bereits vorhandene
politische, wirtschaftliche oder soziale Spaltungen zu vertiefen. Die
Verantwortlichen der Religionsgemeinschaften sollten sich stets bewußt sein,
daß Religionen wesensmäßig zur Einheit der Menschheit aufrufen. Wahrer
religiöser Glaube ist absolut unvereinbar mit rassistischen Einstellungen und
Verhaltensweisen. Die jüngsten Erfahrungen im Bereich des interreligiösen
Dialogs lassen auf ein größeres Einvernehmen zwischen den Religionen hoffen.
In letzter Zeit war die Einheit der Verantwortlichen religiöser Gemeinschaften
bei vielen Konflikten ein wesentlicher Faktor für die Vermeidung oder
Einschränkung von Auseinandersetzungen und die Förderung von Versöhnung.
Herr Präsident, wir hegen die Hoffnung, daß diese Konferenz der Vereinten
Nationen gegen Rassismus, Rassendiskriminierung, Xenophobie und andere Formen
der Intoleranz jener historische Augenblick ist, der einer Kultur des Dialogs
neue Bedeutung verleiht: Dialog zwischen Religionen und Kulturen, Dialog
zwischen und innerhalb der Nationen. Möge der Anfang einer neuen,
breitangelegten, internationalen Kooperation zwischen Regierungen, den zivilen
Gesellschaften, religiösen Gruppen, den Massenmedien wie auch umsichtigen und
mutigen Personen zu den Erfolgen dieser Konferenz zählen, um gemeinsam jene
Sichtweise von einer in wahrer Eintracht lebenden Menschheit aufzubauen, die dem
Plan Gottes für die menschliche Familie entspricht.