BISCHOFSSYNODE
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ZWEITE SONDERVERSAMMLUNG FÜR EUROPA
JESUS CHRISTUS DER LEBT IN SEINER KIRCHE
QUELLE DER HOFFNUNG FÜR EUROPA
LINEAMENTA
Vatikanstadt
1998
© Copyright 1997 - Generalsekretariat der Bischofssynode und
Vatikanische Verlagsanstalt
Dieser Text darf nur von den Bischofskonferenzen oder mit ihrer
Genehmigung gedruckt oder verbreitet werden und unter der Bedingung, dass
der Inhalt in keinster Weise verändert wird und dass zwei Kopien dem
Generalsekretariat der Bischofssynode zugestellt werden, 00120 Città
del Vaticano
EINFÜHRUNG
Ihrer Aufmerksamkeit ist gewiss nicht entgangen, dass der Heilige
Vater im Apostolischen Schreiben Tertio millennio adveniente unter
Nr. 21 und Nr. 38, wo er die »Reihe der Synoden« ankündigt,
die das Thema Evangelisierung behandeln, seine Absicht bekundet,
kontinentale Synoden für Amerika, Asien und Ozeanien abzuhalten, ohne
einen Hinweis auf andere synodale Initiativen. Erst während seiner
Pastoralreise in Deutschland kündigte er in seiner Ansprache vor dem
Angelusgebet in Berlin am 23. Juni 1996 die Einberufung einer
zweiten Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa an.
Dieser Beschluss verdient höchste Beachtung wegen des
Zeitpunkts und des Ortes, aber vor allem wegen seiner kirchlichen und
pastoralen Bedeutung.
In der Chronik der Kirche ist in der Tat nicht leicht etwas Ähnliches
zu finden, zumindest nicht in jüngerer Zeit. Die Synode ist zwar eine
noch junge Einrichtung in der Kirche, und es wäre daher unpassend, in
ihrem Bereich historische Vergleiche für einen längeren Zeitraum
zu suchen. Aber die Tatsache, dass in kurzem Zeitabstand zweimal eine
volle Synodenversammlung sich mit ein und demselben Kontinent befassen
muss, ist durchaus etwas Ungewöhnliches.
Dieser zeitliche und geographische Akzent, der aussergewöhnliche
und umwälzende Ereignisse besonders deutlich in Erinnerung ruft,
weist auf eine andersartige Dringlichkeit hin, die geistlicher und
theologischer Natur ist, in Anbetracht der res novae, für die
Berlin das Symbol war. Sie umfassten Gesellschaft und Kirche
gleichermassen und beanspruchten sehr stark die Fähigkeit der
Unterscheidung sowie das Gewissen der Hirten und der ganzen Gemeinschaft
der Gläubigen.
Aus dieser Dringlichkeit ist die Einberufung der zweiten
Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa entstanden.
Jetzt, da die Ortskirchen in Europa anhand dieses Dokuments der Lineamentaeingeladen
werden, sich umgehend auf diese Versammlung vorzubereiten, ist es
notwendig, besonders auf den Anlass der Einberufung zu achten, die
Zielsetzungen im Sinn des Heiligen Vaters zu erwägen und die
Denkrichtungen und konkreten Verhaltensweisen zu erfassen, die sich in den
verschiedenen Bereichen zeigen, damit der Synode die wirklichen
Dringlichkeiten und Bestrebungen dargelegt werden können im Hinblick
auf eine Pastoraltätigkeit, die dem Wohl der Kirche in Europa
entspricht.
Der vorliegende Text soll in den Ortskirchen die Reflexion über
ihre besondere Beschaffenheit im ganzen geographischen Bereich des europäischen
Raumes, »vom Atlantik bis zum Ural«, anregen. Es geht darum,
dass man sich der in den Lineamenta enthaltenen Ausgangspunkte und
Hinweise bedient, um dann die Aufmerksamkeit auf die zahlreichen Anfragen
der kleinen Gemeinden oder der groben Zentren zu lenken und der Synode die
jeweiligen geistlichen Bedürfnisse jedes einzelnen Teilstücks
der Kirche in Europa darzulegen.
Weil Europa jetzt mehr denn je seine Ganzheit spürt, ist es
recht, dass alle seine Bischöfe sich in zwei Synodenversammlungen
treffen, um ihm ihre ganze pastorale Sorge zu widmen. Aber dem muss eine
eingehende Beratung der verschiedenen Instanzen in den einzelnen Diözesen
und Gemeinschaften vorausgehen, die Europa endlich in seiner ganzen
geographischen und kirchlichen Ausdehnung einbezieht. Denn der Erfolg
einer Synode hängt von einer umfassenden und gründlichen
Vorbereitung der Teilkirchen ab. Das um so mehr, weil man bei der ersten
Synodenversammlung für Europa auf Grund der äussersten
Dringlichkeit der Abhaltung der Synode und der besonderen Situation der
Kirchen in Mittel- und Osteuropa, die kurz zuvor die wohlbekannten Bedrängnisse
überwunden hatten, nicht leicht eine allgemeine Beratung durchführen
konnte.
Diesen Zweck sollen nun die vorliegenden Lineamenta erfüllen.
Sie bieten nach einer Zusammenfassung des vom Heiligen Vaters gewählten
Themas: »Jesus Christus, der lebt in seiner Kirche, Quelle
der Hoffnung für Europa«, einen Fragebogen an, der zu
Antworten auf die wichtigsten Fragen der Teilkirchen anregen will. Aus
diesen Antworten wird man die Anliegen ersehen können, die der Synode
durch die direkte Beteiligung der verschiedenen kirchlichen Stellen
vorgelegt werden.
Ein Höchstergebnis der Anzahl und Qualität der Antworten
wird erreicht werden, wenn es gelingt, von allen Ortskirchen aus zusammen
mit der aufmerksamen Überprüfung des eigenen Weges den Blick
auch über die eigenen Grenzen hinaus zu werfen; aber das soll nicht
in nachspionierender Absicht, sondern im Geist der »Weggemeinschaft«
der ganzen Kirche in Europa mit dem katholischen Sinn des »Gabenaustausches«
und der Teilnahme an den Sorgen der Brüder und Schwestern geschehen,
indem einer des anderen Last trägt (vgl. Gal 6,2), das heibt
konkret, dass man mit den Antworten auch Hinweise auf die verschiedenen
Situationen in Europa im allgemeinen gibt, wie sie im eigenen Bereich und
in der eigenen Ortskirche empfunden und beobachtet werden.
Die Wirksamkeit der Antworten wird ihrer Zuverlässigkeit dem
Fragenbogen gegenüber entsprechen, das heisst, sie werden reichhaltig
und aufrichtig sein, wenn die Fragen so verstanden werden, als zielten sie
genau auf die Situationen vor Ort ab. Aber das hindert nicht, einzelne
Themen, die in den Lineamenta oder im Fragebogen nicht
enthalten oder nur angedeutet sind, ebenfalls frei und offen darzulegen
und zu behandeln.
Die Antworten müssen dem Generalsekretariat der Bischofssynode
bis 1. November 1998 von den gewöhnlich berechtigten Organismen
zugesandt werden, das heisst von den Orientalischen Kirchen, den
Bischofskonferenzen oder ähnlichen bischöflichen Körperschaften,
von den Dikasterien der Römischen Kurie und von der Vereinigung der
Generaloberen.
Es ist wünschenswert, in den Diözesen und in den
Gemeinschaften eigene Initiativen zu fördern, damit die Lineamentaweit
verbreitet, bedacht und erörtert werden im Hinblick auf eine vollständige
gemeinschaftliche Antwort. Das alles wird leichter gelingen, wenn die
Dialogforen, die das II. Vatikanische Konzil in den Teilkirchen vorgesehen
hat, mit einbezogen und angeregt werden. Das wird der erste Schritt auf
dem synodalen Weg sein.
Wenn das Dokument der Lineamenta gute Aufnahme und günstiges
Echo unter Teilnahme und Fürbitte aller findet, wird es eine günstige
Gelegenheit bieten, um schon auf der ersten Stufe der synodalen Erfahrung
zu verkosten, dass Jesus, der Herr, Quelle der Hoffnung für Europa
und für alle seine Völker ist.
Jan P. Kard. SCHOTTE, c.i.c.m.
Generalsekreträr
EINLEITUNG
1. Bevor er zur Rechten des Vaters zurückkehrte, versicherte Jesus,
der Herr, die elf Jünger seiner ständigen Gegenwart zur Unterstützung
ihrer Sendung (vgl. Mt 28,18-20). Doch bald nach seiner
Auferstehung, ja »am gleichen Tag« (Lk 24,13) nahm er
diese Verheibung, die er erst vor seiner Himmelfahrt ankündigen
sollte, durch sein konkretes Eingreifen vorweg.
Am Tag der Auferstehung trat Jesus zu »zwei von den Jüngern«
(ebd.), die gegen Abend betrübt und mit traurigem Herzen auf
dem Heimweg waren. Ihre Worte zeigten deutlich die ganze Trauer, die alle
Hoffnung aus ihrem Leben ausgelöscht hatte: »Wir hatten . . .
gehofft« (ebd. 24,21). Von der Vergangenheit, die von
Zuversicht und Erwartung erfüllt gewesen war, blieb nur eine traurige
Erinnerung übrig.
Der Herr, der den zweien »in einer anderen Gestalt« (Mk
16,12) erschienen war, verbarg sich zunächst vor ihren Augen, die
»mit Blindheit geschlagen« waren (Lk 2,16). Er war aber
obwohl in verhüllter Weise mit seiner Person und vor allem
seinem Wort gegenwärtig, in dem er ihnen darlegte, »was in der
gesamten Schrift über ihn geschrieben steht« (Lk 24,27).
Diese physische Begleitung, die exegetische Gegenwart wurde, war
Offenbarung eines Wortes, das nach und nach ihr Herz in Zuversicht
entbrennen lieb (vgl. Lk 24,32), bis es die beiden pädagogisch
zur vollen Enthüllung der Person des Auferstandenen geführt
hatte (vgl. ebd. 24,31). Der Weg nach Emmaus war die erste
Neuevangelisierung durch Jesus, den Herrn, den Rabbì der Anfänge,
der jetzt zu seiner immerwährenden Mission als vom Vater gesandter
Lehrer und Meister auferstanden war.
Die Begebenheit der zwei Jünger von Emmaus ist für die Kirche
in Europa beispielgebend für ihre eigene jetzige Erfahrung als ein
Erdteil, der seit zweitausend Jahren einen Weg geht, der durch das in ihm
verbreitete und tief in ihn eingedrungene Wort erhellt wird. Während
sich der epochale Beginn des dritten Jahrtausends nähert, spürt
Europa, zwar noch im Vollbesitz ausserordentlicher Zeichen des
Glaubenszeugnisses, wie sehr die Geschichte durch vielfache Spannungen an
den innersten Herzfasern der Völker gezehrt und somit oftmals enttäuscht
hat. Dennoch überlässt sich Europa nicht unwiderruflich der
Hoffnungslosigkeit. Die christlichen Wurzeln bestehen weiter, und vor
allem die Gegenwart des Wortes des Herrn beibt, der nicht müde wird,
den Weg Seite an Seite mit den Völkern zu gehen, während er die
Gnade einer neuen Offenbarung seiner Person dem kairos, den nur er
kennt, vorbehält.
Eine solche Neuoffenbarung, eine solche Neuevangelisierung wird die
Hoffnung neu entfachen. Und der durch diesen Neuantrieb bekräftigte
Glaube wird den ursprünglichen Mut wiedererwecken, um den Völkern
zu verkünden: »Der Herr ist wirklich auferstanden!« (Lk
24,34).
2. Das Geheimnis des Wortes und der Gegenwart Jesu Christi, der in
seiner Kirche lebt, nährt in ihr die Gemeinschaft und stützt für
immer ihre Sendung.
Vor seiner Rückkehr in den Himmel zur Rechten des Vaters trat Jesus
zu den elf Aposteln und sagte zu ihnen: »Mir ist alle Macht gegeben
im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern, und macht
alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters
und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen,
was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum
Ende der Welt« (Mt 28,18-20).
Der Meister, mit seiner ganzen Vollmacht bekleidet, beauftragt mit
diesen Worten die Jünger, die auf diese Weise Apostel geworden waren,
zu den Völkern zu gehen und alle Menschen zu seinen Jüngern zu
machen, sie zu taufen und sie die Befolgung seiner Gebote zu lehren, während
er ihnen seine Gegenwart und seinen Beistand für immer zusichert
(vgl. Mk 16,20).
So entsteht die Berufung der Kirche, die ihren Ursprung im Geheimnis des
Herrn hat, der gestorben, auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist,
und durch das Band der Communio ausgeübt wird und sich in der
Heilssendung aller ausbreitet.
Diese Kirche, die zu den Völkern gehen soll, hat an den
Geschehnissen der Menschheit teil und lebt mit ihr. Inmitten der
Menschheitsfamilie möchte die Kirche erneut die ewige Botschaft Jesu
Christi verkünden, in dem die Quelle des Lebens und der Hoffnung ist.
Die enge Verbundenheit der Kirche mit der Völkergemeinschaft kommt
deutlich in der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von
heute des II. Vatikanischen Konzils mit folgenden Worten zum Ausdruck: »Freude
und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen
und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und
Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches,
das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände. Ist doch ihre
eigene Gemeinschaft aus Menschen gebildet, die, in Christus geeint, vom
Heiligen Geist auf ihrer Pilgerschaft zum Reich des Vaters geleitet werden
und eine Heilsbotschaft empfangen haben, die allen auszurichten ist. Darum
erfährt diese Gemeinschaft sich mit der Menschheit und ihrer
Geschichte wirklich engstens verbunden«.(1)
Diese Befindlichkeit der universalen Kirche tritt heute in ganz Europa
besonders deutlich zutage, so wie es aussenstehende Beobachter, aber
hauptsächlich die Menschen vor Augen haben, die nach den jüngst
geschehenen ungeheuren staatlichen, gesellschaftlichen, kulturellen und
politischen Umwälzungen in Europa leben, dort leiden, sich freuen und
hoffen.
3. Nun haben nach diesen denkwürdigen Ereignissen andere
tiefgreifende Wandlungen die Völker in der europäischen Familie
der Nationen erfasst. Aus diesem Grund wollte der Heilige Vater im
Hinblick auf das nahende dritte Jahrtausend die »Reihe von Synoden«(2)
noch durch eine zweite Versammlung für Europa ergänzen.
Während seiner Pastoralreise in Deutschland sagte Johannes Paul II.
vor dem Angelusgebet am 23. Juni 1996 in Berlin: »Von dieser berühmten
Stadt aus, die in ganz besonderer Weise das Schicksal der europäischen
Geschichte dieses Jahrhunderts erfahren hat, möchte ich der ganzen
Kirche meine Absicht ankündigen, eine zweite Sonderversammlung der
Bischofssynode für Europa einzuberufen. Sie soll zusammen mit ähnlichen
Synodenversammlungen in anderen Erdteilen die Vorbereitung auf das Grosse
Jubiläum des Jahres 2000 unterstützen (vgl. Tertio millennio
adveniente, Nr. 38). Nach den bekannten Ereignissen von 1989 und den
neuentstandenen Gegebenheiten nach dem Fall der Mauer, die gerade in
dieser Stadt errichtet worden war, schien ein Nachdenken unter Vertretern
der Bischofskonferenzen des Kontinents notwendig. Diese Aufgabe nahm die
Sonderversammlung von 1991 wahr. Die weiteren Entwicklungen der
nachfolgenden fünf Jahre in Europa legten die passende Gelegenheit
nahe für ein neues Treffen mit den Vertretern der europäischen
Bischöfe zum Zweck einer eingehenden Überprüfung der
kirchlichen Lage im Hinblick auf den bevorstehenden Jubiläumstermin.
Es ist notwendig, dahingehend zu wirken, dass die gewaltigen geistlichen
Kraftreserven des Kontinents in allen Breiten wirkliche Entfaltung finden
und die Voraussetzungen für eine Epoche der wahren Wiedergeburt auf
religiöser, wirtschaftlicher und sozialer Ebene geschaffen werden.
Dies wird Frucht einer neuen Verkündigung des Evangeliums sein«.(3)
Als Papst Johannes Paul II. am 22. April 1990 in Velehrad die
Einberufung der ersten Sonderversammlung der Bischofssynode für
Europa verkündete, tat er das mit Worten, die seine Aufmerksamkeit für
die aussergewöhnlichen Geschehnisse bewiesen, die sich in jenen
Jahren im mittel- und osteuropäischen Raum ereigneten, und zeigte
damit, dass er die Berufung der Hirten, die Zeichen der Zeit zu
erforschen, befolgt.(4)
Das gleiche pastorale Verantwortungsbewusstsein wird heute von den europäischen
Bischöfen verlangt, weil neue Entwicklungen in Europa neue
Dringlichkeiten aufgezeigt haben und neue Initiativen erforderlich machen.
Die Ereignisse von 1989, die im ersten Augenblick der Begeisterung mit
einem Schlag so viele gesellschaftliche, kulturelle und geistliche
Krisensituationen gelöst zu haben schienen, waren in Wirklichkeit
nichts anderes als das plötzliche Öffnen einer Tür zu einem
riesigen Raum, in dem die verschiedenen Völker mit einem Mal alte,
seit langem unterdrückte Fähigkeiten wiederentdeckten und selbständig
ihren eigenen Weg zu gehen begannen. Diese ausgedehnte Bewegung der
wiedererlangten Freiheit konnte sich natürlich nicht auf die
Herkunftsländer beschränken und erschütterte irgendwie das
ganze übrige Europa, weil sie auch die anderen Völker vor neue
Bedingungen stellte, die seither nicht mehr in den von einem unterdrückenden
Regime aufgezwungenen Schranken verborgen werden konnten.
Europa fand sich also geographisch erweitert, aber zugleich in
dramatischer Weise einer Reihe schwerwiegender Anforderungen, »neuen
Gefahren und neuen Bedrohungen« und vor allem den Nationalismen (5)
ausgesetzt.
Dies sind die Neuheiten, die der Heilige Vater im Licht der Geschichte
und des Heiligen Geistes, der in der Geschichte in geheimnisvoller Weise
handelt, erforscht hatte, als er beschloss, diese zweite
Synodenversammlung für Europa einzuberufen, als handle es sich um
einen Augenblick, den es eifrig zu nutzen gelte, damit dieser Kontinent
nun in seiner ganzen freien geographischen Ausdehnung alle seine Kräfte
für seine ganzheitliche Wiedergeburt einsetzen kann.
Zeichen dieser Neuheiten sind auch andere Phänomene, die nun in
ganz Europa anzutreffen sind: der Materialismus, die agnostische Gleichgültigkeit,
die neue Mentalität in den Ländern, die aus der totalitären
Unterdrückung hervorgegangen sind, die Komplexität der
Gesellschaft mit den Begleiterscheinungen des religiösen
Subjektivismus und des relativistischen Individualismus, das Statut der
Wahrheit im Pluralismus, die Überbewertung der Subjektivität und
der Toleranz, die Versuchungen der Gnosis in der Kultur, besonders durch
die naturalistischen pantheistischen Bewegungen.
Pflichtgemäss sind aber auch andere neue Elemente in der europäischen
Erfahrung hervorzuheben, zum Beispiel der Dialog mit der europäischen
Kultur, der auf der Tatsache gründet, dass die Lehre von der Schöpfung,
der Erlösung und der Gemeinschaft mit Gott höher steht als der
Relativismus oder naturalistische Pantheismus; das Katechumenat der
Erwachsenen, die Suche nach Spiritualität im politischen und
gesellschaftlichen Leben, die neue Wirklichkeit der Familie, der Schutz
des Lebens in seiner ganzen natürlichen Spannweite. Diese Elemente öffnen
den Weg zur Hoffnung, die sie in sich bergen und die sie für die
Zukunft Europas aufscheinen lassen.
4. Den Vätern, die sich zur Synode versammeln werden, wird mit
immer grösserer Dringlichkeit die Aufgabe gestellt, über die
Verkündigung des Evangeliums nachzudenken, in treuer Erfüllung
des Auftrags des Herrn und als kirchlicher Dienst, der den europäischen
Völkern angeboten wird.
Es handelt sich um eine Verkündigung, die mit neuem
Sendungsbewusstsein in einem Erdteil ausgeübt werden soll, der tiefe
und deutliche Zeichen aufweist, die wirksame und gehorsame Antworten auf
das erfordern, was der Heilige Geist jetzt kurz vor Beginn des dritten
Jahrtausends nach Christus der Kirche durch die Erfahrungen der einzelnen
Teilkirchen in Europa sagt.(6)
Dieser Gedanke, den der Heilige Vater bei der Vorbereitung auf die erste
Synodenversammlung für Europa zum Ausdruck gebracht hat, steht in
enger Beziehung zur zweiten Versammlung, weil er beide auf den
chronologischen und prophetischen Punkt ausrichtet: auf jene Schwelle der
Hoffnung am Eingang zum dritten Jahrtausend, den Zeitpunkt eines
christologischen Gedächtnisses, bezogen auf die geschichtliche Geburt
des Wortes Gottes, das für alle Jahrhunderte und Jahrtausende Mensch
geworden, Heil geworden ist.
Die zwei Versammlungen sind ausserdem durch das Gebot der Verkündigung
miteinander verbunden, die zu allen Zeiten und unter allen geschichtlichen
Umständen mit unveränderter Festigkeit und Treue und im klarem
Bewusstsein der Heilsgemeinschaft mit der Menschheit fortzusetzen ist.
Bei der Feier dieser Synodenversammlung ist auch die Geste, Europa mit
den anderen Kontinenten gleichzuschalten, deren Oberhirten sich zur
Vorbereitung auf das Ereignis des Jubiläums ebenfalls zu einer Synode
versammeln, äusserst bedeutsam. Das entspricht der anfänglichen
Bestimmung, die vom Heiligen Vater in der »Reihe von Synoden«(7)
festgelegt wurde, von Synoden, die in gewissem Sinn mit dem »Jubiläum
verbunden« und in den Weg zum Anfang des dritten Jahrtausends eingefügt
sind.
5. In dieser synodalen Wechselbeziehung, die als eine besondere
Gelegenheit zur Ausübung der bischöflichen Kollegialität
und der Hirtenliebe erscheint, weil die Synode für Europa allen
anderen kontinentalen Versammlungen nachfolgen wird, wird es geschichtlich
und kirchlich von Nutzen sein, das Band, das Europa mit den anderen
Erdteilen durch das Evangelium und dessen Verkündigung vereint, in
Erinnerung zu rufen.
Während man im adventlichen Geist auf das Grosse Jubiläum des
Jahres 2000 zugeht, erhofft sich der Heilige Vater einen »neuen Frühling
christlichen Lebens«, der voraussetzt, dass die Christen dem Handeln
des Heiligen Geistes, des Hauptakteurs der Neuevangelisierung, folgen.(8)
Johannes Paul II. ruft die Gläubigen dazu auf, im Betrachten und
Nachdenken über das Wirken des Heiligen Geistes die theologische
Tugend der Hoffnung wiederzuentdecken. Denn »die Grundhaltung der
Hoffnung spornt einerseits den Christen dazu an, das Endziel, das seinem
ganzen Dasein Sinn und Wert gibt, nicht aus dem Auge zu verlieren, und
andererseits bietet sie ihm solide und tiefgehende Beweggründe für
den täglichen Einsatz bei der Umgestaltung der Wirklichkeit, die dem
Plan Gottes entsprechen soll«.(9)
Der Weg der Kirche in Europa zu diesem Ziel, unter den derzeitigen
geschichtlichen, gesellschaftlichen und religiösen Umständen,
schöpft aus der Betrachtung des Evangeliums seine reinste Kraft, die
Müdigkeit, Zweifel und Trostlosigkeit überwinden hilft. Die
Botschaft des Berichtes über die zwei Jünger von Emmaus weist
diesbezüglich tiefe Übereinstimmungen auf, die zu einer Überprüfung
der Beziehung zum Herrn einladen, dem einzigen Erlöser aller, der
war, der ist und der sein wird, gestern, heute und in Ewigkeit.
Die Hoffnung besteht darin: durch Hören auf den Herrn und seine
Aufnahme Kraft und Licht zu finden, um die vielen Verdunkelungen zu überwinden,
die das Europa von heute verfinstern, das auch das Europa ist, das die
erste apostolische Predigt angenommen, sie auf seinem Boden verbreitet und
auch anderen Völkern gebracht hat. Müdigkeit und Gewöhnung,
Verwirrung und Unwissenheit sind keine Entschuldigung für Starrköpfigkeit
und Passivität. Die Offenbarung des Herrn an die zwei untröstlichen
Jünger und ihr nachfolgendes Zeugnis drüngen und ermutigen zur
Hoffnung und garantieren sie für alle, die den Herrn seit langem
kennen und deshalb seine Spuren nicht für immer verloren oder ausgelöscht
haben können.
ERSTER TEIL
EUROPA AUF DEM WEG INS DRITTE JAHRTAUSEND
Unterscheidung der Geister
6. Die Ereignisse, die den beiden Synodenversammlungen für Europa
zugrunde liegen, stehen bekanntlich in Verbindung mit dem Zusammenbruch
des Kommunismus, greifbar dargestellt durch den Fall der Mauer, die Berlin
in zwei Teile geteilt hatte. Es waren gesellschaftliche und politische
Ereignisse, die aber auch einen tiefen kulturellen Wandel und einen
dringendes Verlangen nach Erneuerung anzeigten.
»Die Mauer, die Europa teilte, ist gefallen. Fünfzig Jahre
nach Beginn des zweiten Weltkrieges endeten seine Auswirkungen, die bis
dahin das Gesicht Europas geprägt hatten. Ein halbes Jahrhundert der
Spaltung ist beendet. Millionen von Bewohnern Mittel- und Osteuropas
mussten einen furchtbaren Preis dafür bezahlen«.(10)
Diese Umwälzungen überraschten die ganze Welt, aber auch die
unmittelbar beteiligten Völker selbst.
Angesichts dieser Umwälzungen erforschte die Kirche sich selbst und
erforscht sich weiterhin in bezug auf deren Bedeutung vor allem auch im
Hinblick auf die Konsequenzen für ihren pastoralen Dienst der neuen
Verkündigung des Evangeliums gemäss dem ständigen und
unabdingbaren Auftrag, Jesus Christus zu verkünden, der der einzige
Erlöser der Völker und der Personen zu allen Zeiten und in allen
Völkern gestern, heute und in Ewigkeit war, ist und sein wird.
Die Überprüfung der neuen Lebensbedingungen unter den europäischen
Völkern seitens der Kirche bedeutet, nach dem Grund der vielfachen
Enttäuschungen zu suchen, die sich aus der Unfähigkeit der
politischen, sozialen und wirtschaftlichen Strukturen ergeben, die
Erwartungen des Menschen zu erfüllen.
Der europäische Mensch wird jetzt konfrontiert mit dem wahren
Gesicht des realen Sozialismus, und die negativen moralischen Auswirkungen
des Kommunismus treten in ihrer ganzen Schwere zutage. Zur gleichen Zeit
hat sich in diesen Ländern ein naiver Optimismus verbreitet, der
durch die Wiedererlangung der Grundfreiheiten der Person begünstigt,
aber nicht von der sicheren Befähigung zum Umgang mit der Freiheit
selbst getragen wird. Deshalb war es notwendig, sich der umgebenden
Wirklichkeit entsprechend zu verhalten, die tatsächlich schwierig
ist, mit dem Ergebnis, dass sich in manchen Fällen eine gewisse
Nostalgie und der Versuch oder die Sehnsucht breit macht, in die
Vergangenheit zurückzukehren.
Im Westen breiten sich Übel aus, die mit einem menschlichen
Fortschritt verbunden sind, der oft von den Werten der Person und des
Geistes losgelöst ist. Und diese Tendenzen greifen leicht über
auf die östlichen Länder, wo sich paradoxerweise eine Situation
ergibt, die der von den zusammengebrochenen Regimen angewandten
materialistischen Philosophie sehr ähnelt und sich in einer
Anthropologie kundtut, die sich dem transzendenten Ausblick des
menschlichen Daseins verschliesst.
Der Geist des Herrn spricht zur Kirche auch durch die geschichtlichen
Ereignisse. Die Gemeinschaft der Gläubigen steht diesen Geschehnissen
nicht unbeteiligt gegenüber, sondern sie erlebt sie als ein unter den
Völkern erhobenes Zeichen,(11) und ihr klarer Sinn der
Unterscheidung, der ihr seit zweitausend Jahren eigen ist, wird auch in
unserer Zeit, die von tiefgreifenden Umwälzungen gekennzeichnet ist
und kurz vor dem Beginn des dritten Jahrtausends steht, nicht fehlen.
Widersprüchliche Zeichen und Enttäuschung
7. Das Europa von heute hat bekanntlich auf sozialem und kulturellem
Gebiet die Anerkennung und den gesicherten Besitz von hohen Werten
erreicht, die die Grundlage und Ausdrucksform seiner hohen Entwicklung
sind, obwohl sie auch Bedrohungen und Gefahren auf anderen Gebieten
darstellen.
Der Zusammenbruch des Totalitarismus und die daraus folgende
Wiederherstellung der Demokratie haben auch zu einer Erschlaffung der
Werte und objektiven Wahrheiten geführt. Im Bereich der
Menschenrechte hat man Masse erreicht, die den Einzelnen unabänderlich
schützen, aber es geschieht oft zum Nachteil der Ärmeren und
Schutzlosen. Die Entscheidungsfreiheit wird als unveräusserliches
Recht der Person betrachtet, dient aber auch als Vorwand, um einen auf die
eigene Person konzentrierten Verhaltenskodex zu rechtfertigen. Die dem
Einzelnen zugebilligte Würde entreibt ihn das ist wahr
der entarteten Machination, die ihn in der jüngsten Vergangenheit zu
einem Teilstück einer grossen kollektivistischen Bewegung
erniedrigte, sie darf aber nicht zu einer sinnlosen Vereinzelung
und zum Schwund des Solidaritätsbewusstseins führen.
Die Kultur an sich erscheint heute in Europa als ein absoluter und
allumfassender Wert der Person, während sie eine schwere
Bedenklichkeit zeigt, die in einer manipulierten Zerstückelung des
Glaubens an Jesus Christus besteht. Es wird versucht, den Bezug zu diesem
Glauben als Grundbaustein und Wiege der europäischen Kultur und ihrer
Einheit auszulöschen. Man ist Zeuge des Entstehens einer Kultur der
Rechtssprechung, die Verhaltensmuster bietet, in denen die Werte des
Evangeliums fehlen.
Nach den politischen Umwälzungen hat man spontan von einem neuen
Europa gesprochen als Reaktion auf eine aufgezwungene Beschränkung
der freien Kommunikation zwischen den Staaten, aber im Bewusstsein der
gemeinsamen geographischen wie auch moralischen und sozialen Zugehörigkeit.
Die Neuheit darf nicht nur die der Regierungsform, der sozialen
Sicherheit oder der internationalen Kommunikation sein. In diese
Wirklichkeit muss die grosse Neuheit des Evangeliums, des Wortes Gottes
eindringen, der alles neu macht. Die Neuevangelisierung ist wesentlicher
Bestandteil der Kirche von heute im gegenwärtigen Europa, das auf ein
neues Niveau gebracht werden muss, das sich vom gegenwärtigen
unterscheidet. Europa muss durch das Zeugnis und den Geist des Herrn
erneuert werden, der im Geheimnis, in der Gemeinschaft und in der Sendung
der Kirche handelt.
Die Neuevangelisierung, die anthropologischen und geschichtlichen
Bedingungen des Menschen und die Person Jesu Christi in ihrer vollen
Beziehung zur Kirche sind die vorrangigsten Ziele der heutigen Verkündigung
in Europa.
Gewissensprüfung
8. Die neue Verkündigung des Evangeliums ist eng verbunden mit
einer dringenden Notwendigkeit: der Gewissensprüfung. »Nach 1989
sind jedoch neue Gefahren und neue Bedrohungen
aufgetaucht. In den Ländern des ehemaligen Ostblocks ist nach dem
Zusammenbruch des Kommunismus die ernsthafte Gefahr der Nationalismen
zutage getreten, wie leider die Vorgänge auf dem Balkan und in
anderen benachbarten Gebieten zeigen. Das zwingt die europäischen
Nationen zu einer ernsthaften Gewissensprüfung, in Anerkennung von
Schuld und Irrtümern, die im Laufe der Geschichte auf
wirtschaftlichem und politischem Gebiet gegenüber Nationen begangen
worden sind, deren Rechte von den imperialistischen Systemen des vorigen
wie des jetzigen Jahrhunderts systematisch verletzt worden sind«.(12)
Angesichts der neuen Situation ist eine Gewissensprüfung von seiten
der Kirche notwendig,(13) vor allem in jenen Bereichen, in denen die Verkündigung
des Evangeliums die dringlichsten Bedürfnisse des Menschen von heute
berührt. Die heutige Sensibilität drängt zu einem immer
weniger isolierten Zusammenleben, so dass die besonders schwerwiegenden
und widersprüchlichen Verletzungen der Einheit unter den Christen die
Eintracht und den Weg zum Frieden gefährden. Religiöse Gleichgültigkeit
und mangelnde Glaubwürdigkeit im Zeugnis der Glieder der Kirche
tragen zur Verbreitung der Pseudoheilsbewegungen bei. Das Entstehen der
Sekten und neuen religiösen Bewegungen im Osten und im Westen fordert
die Kirche heraus, denn dieses Phänomen zeigt die Sehnsucht nach
einem »Erlöser« an, vermindert aber auch die Einheit
zwischen Christus und der Kirche. Intoleranz und auch Gewaltanwendung im
Dienst der Wahrheit,(14) oft Ausdruck eines gewissen Nationalismus, der
den Glauben zu eigenen Zwecken benutzt, sind Themen, auf die die Kirche in
Zukunft aufmerksam achten muss, damit sie ihr Zeugnis nie mehr verdunkeln.
Es scheint angebracht, auch über die Bedeutung der Respektierung der
Religionsfreiheit in der Welt von heute nachzudenken.(15)
Missbehagen wird auch verursacht durch das Fehlen einer klaren
Verurteilung der schwerwiegenden Ungerechtigkeiten auf sozialem und
wirtschaftlichem Gebiet (16) wie auch durch die Schwierigkeit, bei der
Gewissensbildung eine Katechese anzuwenden, die darauf abzielt, die Werte
des Glaubens in bezug auf das konkrete Leben des Menschen zu vermitteln.
ZWEITER TEIL
JESUS CHRISTUS, DER LEBT IN SEINER KIRCHE
Geheimnis
Gegenwart des Herrn
9. Wenn sie durch eifrige Teilnahme an den Zielsetzungen der
Vorbereitung auf das Grosse Jubiläum des Jahres 2000 die Einladung
des Heiligen Vaters annimmt, die Zeit der Erwartung als einen »neuen
Advent« zu leben, ist es auch für diese zweite Versammlung für
Europa an der Zeit, eine besondere Sensibilität für all das zu
wecken, was der Geist der Kirche und den Kirchen sagt :(17) vor allem im
Hinblick auf die göttliche Person des vor 2000 Jahren Mensch
gewordenen Sohnes Gottes Jesus Christus, der heute und immer lebt und in
seiner Kirche immerdar gegenwärtig ist.
Die Konstitution über die heilige Liturgie des II. Vatikanischen
Konzils, Sacrosanctum Concilium, erläutert unter Nr. 7 die
verschiedenen Weisen der Gegenwart des Herrn, die auch für die Feier
der Synodenversammlung für Europa von grosser Bedeutung sind. »Christus
ist in seiner Kirche immerdar gegenwärtig, besonders in den
liturgischen Handlungen. Gegenwärtig ist er im Opfer der Messe sowohl
in der Person dessen, der den priesterlichen Dienst vollzieht ... wie vor
allem unter den eucharistischen Gestalten. Gegenwärtig ist er mit
seiner Kraft in den Sakramenten ... Gegenwärtig ist er in seinem
Wort, da er selbst spricht, wenn die heiligen Schriften in der Kirche
gelesen werden. Gegenwärtig ist er schliesslich, wenn die Kirche
betet und singt, er, der versprochen hat: 'Wo zwei oder drei versammelt
sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen' (Mt 18,20)«.
Eine andere besondere Gegenwart des Herrn wird auch spürbar in
einzelnen Personen, die sich durch besondere Nähe zu ihm auszeichnen.
»Im Leben derer, die, zwar Schicksalsgenossen unserer Menschlichkeit,
dennoch vollkommener dem Bilde Christi gleichgestaltet werden (vgl. 2
Kor 3,18), zeigt Gott den Menschen in lebendiger Weise seine Gegenwart
und sein Antlitz. In ihnen redet er selbst zu uns, gibt er uns ein Zeichen
seines Reiches«.(18)
Gegenwart in der Geschichte
10. »Im Glauben daran, dass es vom Geist des Herrn geführt
wird, der den Erdkreis erfüllt, bemüht sich das Volk Gottes, in
den Ereignissen, Bedürfnissen und Wünschen, die es zusammen mit
den übrigen Menschen unserer Zeit teilt, zu unterscheiden, was darin
wahre Zeichen der Gegenwart oder der Absicht Gottes sind«.(19)
Die ganze Kirche verkündet, dass der Herr sich in der jüngsten
Geschichte Europas wirksam offenbart hat; er hat durch seine
unbegreifliche und entscheidende Gegenwart in ihr gewirkt, und er wirkt
weiter in den Denk- und Handlungsgefügen der Menschen selbst. Zeichen
dieser Gegenwart sind auch heute auf dem europäischen Kontinent
festzustellen.
Von diesem Geheimnis der Beziehung zur Menschheit kann man sagen, dass
es durchaus möglich ist, die Anwesenheit Gottes in der Geschichte,
nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der heutigen Zeit zu
erkennen: »Die laute Klage meines Volkes ist zu mir gedrungen«
(vgl. Ex 3,9); »viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott
... gesprochen« (Hebr 1,1).
Die Mitteilung Gottes findet ihren höchsten Ausdruck in der Person
Jesu Christi, dem Allherrscher, dem Herrn der Geschichte, dem einzigen,
der der Welt und dem menschlichen Dasein Sinn und kosmische Bedeutung
geben kann. Christus ist der einzige, der am Leiden des Menschen nicht nur
teilhat, sondern der auch imstande ist, es zu erheben und umzuwandeln,
denn nur er ist wahrer Gott und wahrer Mensch. In seiner Person nimmt
Christus die Probleme auf sich, die durch die Hinfälligkeit der
menschlichen Natur und die Erfahrung des Todes auftauchen, über die
die Menschen in Europa sich fürchten zu sprechen .(20)
In diesem Geheimnis des Herrn lebt die Kirche gleichsam in ihrer
eigenen, ursprünglichen Umwelt und findet im Laufe der Jahrhunderte
und Jahrtausende in ihm die Quelle der Erneuerung und des Zeugnisses.
Das Geheimnis der Gegenwart des Meisters in seiner Kirche zeigt sich
deutlich im Dasein der Jünger. Im Leben der Heiligen gehen Wort und
Handlung Hand in Hand, und das eschatologische Wesen des Geheimnisses Jesu
Christi wird offenbar.
Gemeinschaft
Gemeinschaft mit Gott und mit der Menschheit
11. Aus der wirksamen Gegenwart Gottes in der Geschichte empfängt
die Kirche nicht nur die Unterstützung der »grossen Taten Gottes«
(vgl. Apg 2,11), sondern auch das unvergleichliche Geschenk der
Gemeinschaft mit Gott und der Menschheit. Das Geschenk Christi wird durch
die Kirche, die sein Werk ist und die er immer in der Heiligkeit erhält,
und in ihr gegeben. Die Kirche ist immer Werk Christi, er erhält sie
in der Heiligkeit. Er ist der Eckstein der Kirche, die das Sakrament für
die Vereinigung Gottes mit den Menschen und aller Menschen untereinander
ist.(21)
All das erwächst nicht aus der Macht, nicht aus dem Willen,
sondern aus dem Heiligen Geist. Die Kirche ist zugleich von Christus
eingestiftet und vom Heiligen Geist gegründet. Im Wirken des Geistes
wird unsere Schwachheit Quelle des Heils. Das Angebot Christi ist die
Freundschaft mit Gott: in der Lebensgemeinschaft des Vaters, des Sohnes
und des Heiligen Geistes. Die Dreifaltigkeit ist Ursprung und Quelle des
Lebens des ganzen Menschen und für alle Menschen.
Gemeinschaft und Hoffnung
12. Die erste Synodenversammlung für Europa endete mit einer Declaratio,
in der sich Grundsätze und Weisungen für den Aufbau des neuen
Europas finden, Themen, die den Forderungen nach Gemeinschaft, Einheit und
Hoffnung entsprechen(22) und die eine eingehende Gewissensprüfung
angesichts des kommenden Jubiläums mit sich bringen, wobei auch über
die Verwirklichung dieser Zielsetzungen in den Jahren seit der ersten
Versammlung nachgedacht werden soll.
Das Streben nach Einheit und Gemeinschaft wird immer deutlicher, je mehr
man den Ablauf der Ereignisse seit der ersten Versammlung beobachtet. In
dieser wurde die Dringlichkeit des Austausches zwischen den zwei
Lungen der Kirche in Europa gefordert, ein Tun, das in den
vorhergehenden Jahrzehnten starken Einschränkungen unterworfen war.
Damals, nach dem Zusammenbruch der Blöcke, wurden die Beziehungen
wiederaufgenommen, aber mit ihnen verbreiteten sich auch unbeschadet im
Westen wie im Osten zerstörerische Phänomene, die die
gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und religiöse Krise
schürten. Es genügt, hier an die Verbreitung der Sekten und
fundamentalistischen Bewegungen oder an den hemmungslosen Impuls zur
Reaktion oder Flucht hinsichtlich der vorhergegangenen geschichtlichen
Umstände zu denken.
Mission
Auftrag zur Verbreitung des Evangeliums
13. Auf Grund der innigen Vereinigung mit der ganzen Menschheit als von
Gott erwähltes Geschöpf steht der Kirche die Aufgabe zu, die Güte
Gottes zu verbreiten, die sich in der Geschichte kundgetan und vor allem
in der Person seines Sohnes, in dessen Werken und Worten offenbart hat.
Die Mission für die Welt verwirklicht sich gerade in der Ausübung
dieses dem Wesen der Kirche entsprechenden Impulses. Die Fülle des
Lebens ist immer ein Geschenk; das Heil ist Werk Gottes in Christus,
niemals nur Werk menschlicher Hände. Die Verheibung der Heilsfülle
ist eschatologisch und schreitet fort in einer Welt, die von der
Wirklichkeit der Sünde gezeichnet ist.
Die erste Aufgabe der Kirche ist es, das Geheimnis Christi als
Liebesgemeinschaft voll zu leben und es allen Menschen zu verkünden.
Indem sie die Heilsbotschaft durch die Mission verkündet, ist es also
Ziel der Kirche, die Menschen zur Teilhabe am Geheimnis Gottes einzuladen
und in einem tanszendenten Ausblick die Grenzen des menschlichen Daseins
zu erweitern.
In dieser besonderen Stunde Europas hat die Sendung der Kirche die
Gestalt der Neuevangelisierung angenommen als ursprünglicher, vom
auferstandenen Herrn empfangener Missionsauftrag und als ihre
geschichtliche Aufgabe im Hinblick auf die Synoden »des Advents«
auf dem Weg zum Jubiläum des Jahres 2000.(23)
»An der Schwelle zum dritten Jahrtausend ... müssen wir das
Werk der Evangelisierung mit neuer Kraft aufgreifen. Helfen wir denen, die
Christus und seine Lehre vergessen haben, ihn wiederzuentdecken. Das wird
gelingen, wenn erneut Scharen von Menschen damit beginnen, als treue
Zeugen des Evangeliums unseren Kontiennt zu durchqueren; wenn die Werke
der Architektur, Literatur und Kunst für den Menschen unserer Zeit in
ansprechender Weise denjenigen darstellen, der 'derselbe ist gestern,
heute und in Ewigkeit'; wenn die Menschen in der Liturgie der Kirche
erkennen, wie schön es ist, Gott zu ehren, und wenn sie in unserem
Leben ein Zeugnis der christlichen Barmherzigkeit, der heroischen Liebe
und der Heiligkeit entdecken können«.(24)
»Zugleich stellt sich dieses Europa mit seiner grossartigen
missionarischen Vergangenheit an verschiedenen Punkten seiner derzeitigen
'kirchlichen Geographie' selbst in Frage und steht vor dem Problem, ob es
nicht drauf und dran sei, selbst zu einem Missionskontinent zu werden. Für
Europa besteht also das Problem, das in Evangelii nuntiandi als
'Selbstevangelisierung' bezeichnet wurde. Die Kirche muss immer wieder
sich selbst evangelisieren. Das katholische und christliche Europa braucht
eine solche Evangelisierung«.(25)
»Wenn aber die Schwierigkeiten und Hindernisse für die
Evangelisierung in Europa in der Kirche und im Christentum selbst Vorwände
finden, dann werden auch die Heilmittel und Lösungen in der Kirche
und im Christentum gesucht werden müssen, das heisst in der Wahrheit
und in der Gnade Christi, des Erlösers des Menschen, der Mitte des
Kosmos und der Geschichte.
Die Kirche muss sich also selbst evangelisieren, um den
Herausforderungen des heutigen Menschen gerecht werden zu können«.(26)
Ökumenismus und Mission
14. »Wir wissen, dass die Eindringlichkeit der Predigt des
Evangeliums zu einem nicht geringen Teil davon abhängt, in welchem
Ton der Einhelligkeit und Harmonie es der Welt vorgelegt wird. Es besteht
ein inneres Band zwischen Ökumenismus und Mission. Bei diesem Aufruf
zur Einheit der Christen zugunsten einer wirksamen Missionstätigkeit
denke ich besonders an die Völker des europäischen Kontinents.
Europa ist durch seine Vergangenheit und seine Gegenwart aufgerufen,
'immer mehr die Notwendigkeit einer religiös-christlichen Einheit und
der brüderlichen Gemeinschaft aller seiner Völker zu verspüren
(Slavorum Apostoli, Nr. 30)Ç.(27)
Gewiss setzen die katholischen Gemeinschaften in dieser nachkonziliaren
Zeit durch den ökumenischen Einsatz ein besonderes Zeichen der
Lebenskraft und Reife im Glauben. Die Geschichte auf diesem Gebiet war
schwierig und komplex und hat die Christen nicht dahin geführt, die
vom Geschenk der Taufe geschaffene Gemeinschaft im Innern wirklich zu
vollziehen. Es ist schwer vorstellbar, heute die Taufe wahrhaft zu
bezeugen und zugleich die Bande zu vernachlässigen, die sie unter
denen knüpft, die sie empfangen haben.(28)
»Wir hatten die günstige und providentielle Gelegenheit zu
entdecken, wie 'in den verschiedenen Kulturen der europäischen
Nationen des Ostens wie des Westens, in Musik, Literatur, in den bildenden
Künsten und der Architektur wie auch in den Denkformen ein
gemeinsamer Lebenssaft strömt, der aus einer einzigen Quelle schöpft'
(Apostolisches Schreiben Euntes in mundum, V, 12)Ç.(29)
DRITTER TEIL
JESUS CHRISTUS QUELLE DER HOFFNUNG
Leitourgia
Geschenk Gottes und menschliche Spiritualität
15. Die Liturgie (leitourgia) ist die Antwort des Menschen auf
Gott, der sich selbst mitteilt und den Dialog mit allen Menschen sucht.
Die Selbstmitteilung Gottes besteht darin, dass er sich selbst offenbart,
indem er zum Gespräch einlädt, durch das er das Geschenk der
Wahrheit anbietet.
Angesichts gewisser Tendenzen heute, die menschliche Person in den
Mittelpunkt der liturgischen Handlung zu stellen, bietet die Hoffnung den
Grund, zu verkünden, dass sie das »opus Dei«
schlechthin als freies und vorweggenommenes Handeln Gottes ist, und in ihr
ist und bleibt Jesus Christus der Erste und der Letzte, das Alpha
und das Omega, der Anfang und das Ende (vgl. Offb 1,8;
21,6; 22,13), der einzige Mittler (vgl. 1 Tim 2,5) der Gnade und
jedes vollkommenen Geschenkes, das von oben kommt (vgl. Jak 1,17),
während er jedes Geschöpf unter dem Himmel zum Heil ruft.
Dieser in der Liturgie sich vollziehende Heilsdialog wird für die
Kirche eine Gewohnheit, eine gemeinschaftliche Haltung, eine
Handlungsweise, die das Tun und die Präsenz der Kirche in ihren
verschiedenen Aufgaben kennzeichnet: Gemeinschaft in ihrem eigenen Leben
unter Christen in der Diakonie der Wahrheit, Dialog mit den anderen
Religionen auf der zweifachen Grundlage des gemeinsamen Anspruchs der
Wahrheit und der Treue gegen über der empfangenen Wahrheit, Dialog
mit der Gesellschaft, oft auf der Basis der Würde der
menschlichen Person.
Im Hinblick auf das Grosse Jubiläum des Jahres 2000 ist es mehr
denn je angezeigt, diesen Wesenszug der Liturgie in Erinnerung zu rufen zu
dem Zweck, dass im Mittelpunkt jedes Gottesdienstes die Person Jesu
Christi, der geboren, gestorben und auferstanden ist, gestellt wird, damit
keine Abweichungen geschehen, die dem Vollzug sein wahres Wesen und seinen
eigentlichen Zweck rauben würden.
Verlangen nach Spiritualität
16. Heute macht sich in Ost und West ein verbreitetes Streben nach den Gütern
des Geistes bemerkbar, eine Suche, ein unruhiges und beständiges
Verlangen nach Antworten auf die tiefsten Fragen des menschlichen Daseins,
der endgültigen Bestimmung der Menschheit.(30)
Obwohl sich der europäische Mensch unter diesen Umständen auch
weniger angemessenen Methoden und Mitteln zuwenden kann und auch wirklich
zuwendet, steht zweifellos fest, dass sich in der tausendjährigen
Kultur dieses Kontinents eine Wahrheit findet, die imstande ist, die
unaufhörliche menschliche Sehnsucht zu stillen.
Die Kirche verfügt über das einzige gültige Mass, um die
entscheidenden Momente des menschlichen Lebens zu erklären und die
Evangelisierung global in Angriff zu nehmen. »Und dieses Mass ist
Christus, das fleischgewordene Wort Gottes: in Christus, der geboren,
gestorben und auferstanden ist, kann die Kirche den wahren Sinn, den
vollen Sinn des Geborenwerdens und des Sterbens jedes menschlichen Wesens
erkennen. Schon Pascal vermerkte: 'Nicht nur kennen wir Gott durch Jesus
Christus, sondern wir kennen uns selbst nur durch Jesus Christus und nur
durch Ihn das Leben und den Tod. Ausserhalb Jesu Christi wissen wir nicht,
was das Leben und der Tod, was Gott, was wir selbst sind' (Pensées,
n. 548). Eine Erkenntnis, die das II. Vatikanische Konzil mit
verdientermassen berühmten Worten ausgedrückt hat: 'Tatsächlich
klärt sich nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das
Geheimnis des Menschen wahrhaft auf ... Christus, der neue Adam, macht
eben in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem
Menschen den Menschen selbst voll kund und erschliesst ihm seine höchste
Berufung' (GS 22). Von Christus angeleitet, hat die Kirche die
Aufgabe, den Menschen von heute dahin zu bringen, die volle Wahrheit über
sich selbst neu zu entdecken«.(31)
In den heutigen demokratischen Gesellschaften, die sich in Europa seit
vielen Jahrhunderten geformt haben, spürt man eine gewisse
Unduldsamkeit gegenüber den Lasten, die sich in der langen Zeit und
durch die althergebrachten Institutionen auf dem »alten Kontinent«
angesammelt haben. Europa altert in geschichtlicher Hinsicht und altert
auch demographisch und in der Generationenfolge. Und diese Entkräftigung
gefährdet selbst die Fähigkeit der wahren Wiedergeburt, wenn man
nicht auf die geistlichen Anfänge der Geschichte, der Kultur und des
Europäertums zurückgreift.
Man kann wahrhaftig von einer christlichen Seele Europas sprechen. »Papst
Paul VI. lud uns ein, 'die christliche Seele Europas wiederzuerwecken, in
der seine Einheit wurzelt', die Werte des Evangeliums, die noch vorhanden,
aber beiseitegeschossen und auf rein diesseitige Ziele ausgerichtet sind,
zu reinigen und auf ihren Ursprung zurückzuführen, die Gewissen
im Licht des Glaubens, der gelegen oder ungelegen verkündet werden
muss, zu erwecken und zu stärken; ihre Initiativen über alle
Grenzen hinweg zusammenzuführen«.(32)
»Die Geschichte der Erstehung der europäischen Nationen verläuft
parallel zu ihrer Evangelisierung Europas bis hin zu dem Punkt, an dem
schliesslich die europäischen Grenzen sich mit dem Verbreitungsgebiet
des Evangeliums deckten. Trotz blutiger Konflikte zwischen den Völkern
Europas und trotz der geistigen Krisen, die das Leben des Kontinents erschüttert
haben - bis zu den ernsten Fragen, die sich dem Gewissen unserer Zeit über
seine Zukunft stellen -, muss man nach zwei Jahrtausenden seiner
Geschichte zugeben, dass die europäische Identität ohne das
Christentum nicht verständlich ist, dass gerade in ihm sich jene
gemeinsamen Wurzeln finden, aus denen die Zivilisation des Kontinents
erwachsen ist, seine Kultur, seine Dynamik, seine Unternehmungslust, seine
Fähigkeit zur konstruktiven Ausbreitung auch in andere Kontinente,
kurz alles, was seinen Ruhm ausmacht. Auch in unserer Zeit bleibt die
Seele Europas geeint, weil es über seinen gemeinsamen Ursprung hinaus
von den gleichen christlichen und humanen Werten lebt«.(33)
Ein Rückblick auf die Ereignisse von 1989 führte Johannes Paul
II. zu einer prophetischen Vorwarnung: »Der Heilige Stuhl hat mit
Genugtuung die grossen Umgestaltungen zur Kenntnis genommen, die vor allem
in Europa kürzlich das Leben mehrerer Völker gezeichnet haben.
Der nicht zu unterdrückende Durst nach Freiheit, der hier offenbar
geworden ist, hat die Entwicklung beschleunigt, hat Mauern einstürzen
und Tore sich öffnen lassen: das alles geschah nach Art eines
wirklichen Umsturzes ... Vor unseren Augen scheint sich die Neugeburt
eines 'Europa des Geistes' zu vollziehen in eben der Linie der Werte und
Symbole, die es nach jener 'christlichen Tradition gestaltet haben, die
alle seine Völker eint'. Wenn man nun diese glückliche
Entwicklung betrachtet, die so vielen Völkern dazu verholfen hat,
ihre Identität und ihre gleiche Würde wiederzufinden, sollte man
nicht vergessen, dass nie etwas endgültig gesichert ist ...Uralte
Rivalitäten können immer wieder aufkommen, Konflikte zwischen völkischen
Minderheiten können neu aufflammen, Nationalismen sich verschärfen«.(34)
Martyria
Menschliche Existenz als Verkündigung
17. Das Zeugnis (martyria) besteht in der Verkündigung
durch Werke und Worte, der Botschaft Christi, der uns unter allen Aspekten
unseres Lebens befreit hat. Er lehrt die wahre Bedeutung der Freiheit für
das menschliche Dasein.
Die Freiheit wurde sowohl vom Nazismus als auch vom Stalinismus
missbraucht: »Arbeit macht frei« (Auschwitz) und »Ich
kenne kein anderes Land, in dem die Menschen mit solcher Freiheit atmen können«
(sowjetische Nationalhymne).
Und dieser Missbrauch hat ungeheure, unmenschliche Übel erzeugt:
Hass, Verfolgung, Exil, Genozid, Kerkerhaft, Todesstrafe, wobei in dieser
Leidenszeit unter den Christen die Gnade des Martyriums oder doch des
Zeugnisses der Erlösung durch das Leiden zutage getreten ist. Von ihm
ist die geistliche Frucht der Versöhnung als Geschenk Gottes und
Grund zur Hoffnung für die Zukunft zu erwarten.
Freiheit und Wahrheit
18. Die Freiheit, die die Grenzen nicht anerkennt, die dem Anspruch der
Wahrheit und der Wahrheit der Personengemeinschaft innewohnt, wird
bald zum Freibrief. Freiheit ohne Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten
ist eine Illusion.
Die Freiheit, wie sie sich in Christus offenbart, ist der Raum zur Ausübung
der Freiheit.(35)
»Schon der Klang des Wortes Freiheit lässt die Herzen hher
schlagen. Dies liegt sicher daran, dass man in den vergangenen Jahrzehnten
einen sehr hohen Preis dafür zahlen musste. Tief sind die Wunden, die
nach dieser langen Zeit in den Menschenherzen verblieben sind. Viel Zeit
wird noch vergehen müssen, bevor sie heilen können«.(36)
Mit diesen Worten lud der Heilige Vater zum Nachdenken über die
Freiheit Europas ein, das »viele Jahre schmerzlich geprüft
wurde, weil ihm die Freiheit vom nazistischen und kommunistischen
Totalitarismus vorenthalten wurde«.(37) Johannes Paul II. wies
zugleich auf die wesentlichen Grenzen der Freiheit hin: »Ja, wahre
Freiheit erfordert Ordnung. Aber um welche Ordnung handelt es sich hier?
Es geht hier vor allem um die moralische Ordnung, um die Ordnung der
Werteskala, um die Ordnung der Wahrheit und des Guten. Wenn im
Wertebereich Leere herrscht, wenn auf der moralischen Ebene Chaos und
Verwirrung regieren, stirbt die Freiheit, und aus dem freien Menschen wird
ein Sklave - ein Sklave der Instinkte, der Leidenschaften und der
Pseudowerte«.(38)
Johannes Paul II. stellt dann die Frage nach dem Zugang zur Freiheit mit
den Worten: »Kann der Mensch allein, ohne Christus oder sogar gegen
Christus die Ordnung der Freiheit errichten? Es ist eine ausserordentlich
dramatische Fragestellung, aber aktueller denn je in einem
gesellschaftlichen Kontext, der von einem Demokratieverständnis
durchwirkt ist, das sich an der liberalen Ideologie anlehnt! Denn man
versucht den Menschen und ganze Gesellschaften davon zu überzeugen,
dass Gott ein Hindernis ist auf dem Weg zur vollen Freiheit, dass die
Kirche gegen die Freiheit ist, dass sie kein Verständnis für die
Freiheit und sogar vor ihr Angst hat. Hier haben wir eine unglaubliche
Verwirrung der Begriffe! Die Kirche hört nicht auf, in der Welt die
Verkünderin des Evangeliums der Freiheit zu sein! Das ist
ihre Sendung. »Zur Freiheit hat uns Christus befreit« (Gal
5,1). Deshalb hat ein Christ keine Angst vor der Freiheit, noch flüchtet
er vor ihr! Er nimmt sie in schöpferischer und verantwortlicher Weise
an und sieht sie als seine Lebensaufgabe. Denn die Freiheit ist nicht nur
eine Gabe Gottes; sie ist uns auch als Aufgabe gestellt! Sie ist unsere
Berufung: »Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder«, schreibt
der Apostel Paulus (Gal 5,13)«.(39)
Diakonia
Dienst
19. Der Dienst (diakonia) an der leidenden Person wird zur
Quelle der Hoffnung, weil er eine konkrete Ausdrucksform der Würde
der menschlichen Person ist.
Sicherlich ist ein Fortschritt in der Anerkennung der Menschenwürde
und der Menschenrechte im Bereich der europäischen Völker zu
verzeichnen. Es ist eine verstärkte Sensibilität gegenüber
der Vergangenheit und dem Thema der Menschenrechte zu beobachten. Ein
Fortschritt erfolgte auch in der Anerkennung der personalen Würde im
Hinblick auf praktische Hilfe und auf die Nächstenliebe.
Erhöhte Aufmerksamkeit wird den Formen des wachsenden Missbrauchs
zugewandt, die sich auf Personen auswirkten: Armut inmitten von Überfluss,
Drogenabhängigkeit, Pornographie, Sextourismus, Pädophilie,
Abtreibung und Euthanasie.
Aber auf der anderen Seite nimmt die Unempfindlichkeit gegenüber
dem Leiden anderer zu, auch auf Grund der übermässigen
Verbreitung durch die Medien.
Das weist auf einen tiefen Widerspruch in der Kultur und im Leben
Europas hin. Es handelt sich um dramatische Spaltungen zwischen Faktoren
des Fortschritts und konkreter Praxis, die durch die Rückkehr zur
wahren Quelle des Heils und der Hoffnung geheilt werden müssen. Aus
dem Evangelium lernt man die Haltung des Dienstes und der Selbsthingabe,
die die dem Evangelium entsprechende Lebensweise und das Hauptmerkmal
seiner Verkündigung ist. Die dem Evangelium gemässe Liebesfähigkeit
wird vor allem durch die hohe Achtung des Lebens, besonders in bezug auf
die verletzlichen Personen und die Armen entfaltet, indem man die dem
Evangelium gemässe Nächstenliebe in den vielfältigen Formen
der Solidarität übt. In diesem Sinn kann man mit Recht den
Dienst als Weg zur Hoffnung für eine Welt verkünden, die in der
Anerkennung der Würde einig ist, die jeder menschlichen Person gebührt.
In diesem Zusammenhang ist es notwendig, das hervorzuheben, was der
besondere Beitrag der Kirche in Europa in diesem Augenblick der Geschichte
ist.
Die Kirche hat eine »Diakonie« an den europäischen Völkern
auszuüben, die am Ende des zweiten Jahrtausends nach den
gesellschaftlichen und politischen Enttäuschungen infolge der
Ausbreitung der Phänomene des Liberalismus und Ökonomismus, des
Verlustes der Hoffnung und des Sinnes für Tradition die Verkündigung
der Heilsbotschaft notwendig brauchen. Die Besonderheit der Kirche in
Europa besteht darin, dass sie sich in der Evangelisierung als
Gemeinschaft eines Kontinentes darstellt, dessen Wesenskern christlich
ist, auch wenn bei ihm die christliche Botschaft nicht immer in
dynamischer und wirksamer Weise ankommt.
Ein weiteres besonderes Merkmal Europas ist, dass der Wandel selbst
spezifiziert ist, aber ohne Inhalte und Werte bleibt. Was Jesus Christus
dem heutigen Europa geben kann, ist die Hoffnung und die Gemeinschaft.
Vorrangige Aufgabe Europas ist wie auch manche führende
europäische Politiker bestätigen die Suche nach dem
geistlichen Gehalt seiner gesellschaftlichen und politischen Entwicklung,
während Zeichen von Hass und Gewalt andauern.
Die Kirche versucht ihren Beitrag zu leisten, indem sie ihren Weg zeigt,
den Weg der Gemeinschaft, als Antwort auf die Notwendigkeit der Einheit
und die Verbreitung des Hasses. In diesem Zusammenhang ist daran zu
erinnern, dass der Kommunismus immer darauf abzielte, die Kirche als
Gemeinschaft zu zerstören. Wenn man also die den Kommunismus überlebende
Kirche erneuern will, muss man die Kirche als Gemeinschaft stärken.
Hoffnung
20. »Ich aber bin unter euch wie der, der bedient« (Lk
22,27). Mit diesen Worten erklärte der Meister den Jüngern
seine Verhaltensweise und forderte zugleich, dass sie von ihnen nachgeahmt
werde (vgl. Lk 22,24 ff). Und als er dieses Gebot gab, bezog er
sich auf die Führer der Völker, die in ihrer Amtsausübung
andere Methoden anwenden, die Methoden der Macht und des Prestiges.
»Wer bedient«, tut Gutes in dem Bewusstsein, dadurch seine
Sendung zu erfüllen, ohne deshalb zu beanspruchen, dass sein Dasein
und seine Identität verändert werden; er ist ein Dienender, um
zu dienen (vgl. Lk 17,10).
In der geschichtlichen Situation, in der sie sich befinden, können
die Jünger sich dieser Berufung nicht entziehen, und indem sie der
menschlichen und religiösen Gemeinschaft durch ihren Einsatz dienen,
erfüllen sie den von ihrem Meister erhaltenen Dienstauftrag vor allem
durch die Nachahmung seines Beispiels.
Sich als Diener unter den Völkern erweisen, deren Führer
herrschen und sich Wohltäter nennen (vgl. Lk 22,25),
bedeutet, ihnen den Zugang zu den Gütern zu öffnen, die sie von
ihren Regierenden keinesfalls erwarten können: das Glaubensgut, die
Gaben der Nächstenliebe, den Dienst der Hoffnung.
In diesem Augenblick der Geschichte des europäischen Kontinents hat
diese Botschaft eine besondere Bedeutung, denn der, »der dient«,
ist Jesus, der Auferstandene, der Herr, der lebt in seiner Kirche und in
seinen Jüngern, die sein Werk fortsetzen. »Die Kirche aber
glaubt: Christus, der für alle starb und auferstand, schenkt dem
Menschen Licht und Kraft durch seinen Geist, damit er seiner höchsten
Berufung nachkommen kann; es ist kein anderer Name unter dem Himmel den
Menschen gegeben, in dem sie gerettet werden sollen. Sie glaubt ferner,
dass in ihrem Herrn und Meister der Schlüssel, der Mittelpunkt und
das Ziel der ganzen Menschheitsgeschichte gegeben ist. Die Kirche bekennt
überdies, dass allen Wandlungen vieles Unwandelbare zugrunde liegt,
was seinen letzten Grund in Chistus hat, der derselbe ist gestern, heute
und in Ewigkeit«.(40)
Die Kirche ist Zeichen dieser Hoffnung, das heisst, sie verkündet
die Wahrheit der auf die Güte und Menschenliebe Gottes gesetzten
Hoffnung (vgl. Tit 3,4). Sie ermutigt die europäischen Völker,
am Bewusstsein der eigenen Identität festzuhalten und im Blick auf
die Zukunft einen geschichtlichen Optimismus zu fördern, den
Optimismus der Hoffnung, während sie die von Gott in der
Vergangenheit gewirkten »grossen Taten« betrachtet (vgl. Apg
2,11).
SCHLUSS
Theologische Hoffnung
21. Wenn die Kirche von Hoffnung spricht, will sie gewiss nicht die
Wahrheit und die Kraft der Hoffnung und der Erwartungen leugnen, die die
oft sehr tiefen, manchmal unterdrückten oder auch unbestimmten
Bestrebungen der ganzen Menschheit zum Ausdruck bringen. Sie sind es, die
die Geschichte der Menschheitsfamilie bewegen und ihre genialen wohltätigen
Werke stützen, die durch ihren moralischen, sozialen und kulturellen
Wert herausragen.
Es besteht jedoch die Gefahr, die Hoffnung im christlichen Sinn mit der
menschlichen Hoffnung zu verwechseln. Die christliche Hoffnung ist
transzendent und grundlegend im Bekenntnis der Kirche; sie ist eine
theologale Tugend.
In diesem Ausblick ist Christus als Zeichen der Hoffnung für die
Menschen zu verstehen. Die Kirche hat die Aufgabe, durch die Verkündigung
dieser Botschaft der Hoffnung einen Dienst an der Gesellschaft zu leisten.
Christus ist die Quelle der Hoffnung in diesem geschichtlichen Augenblick
(kairos), vor allem im Hinblick auf Liturgie, Zeugnis und Dienst.
»Surrexit Christus, spes mea«, singt die Kirche in der
liturgischen Sequenz des Ostertages. Die Auferstehung des Herrn ist die Fülle
des Glaubens, denn wenn Christus nicht auferweckt wurde, ist unser Glaube
nutzlos (vgl. 1 Kor 15,14.17); zugleich ist er das Fundament der
Hoffnung (vgl. 1 Petr 1,21; 1 Kor 3,11; Röm
5,4.5), denn wie er auferweckt wurde als der Erste der Entschlafenen, so
werden auch wir auferweckt werden (vgl. 1 Kor 15,20 ff.; 1
Thess 4,16 ff.).
Wir werden am letzten Tag auferstehen, und wir tun es unaufhörlich
in der weltlichen Geschichte, die auf das Ziel unserer Werke hindrängt
(vgl. 1 Petr 1,9). Die Geschichte Europas ist wie die Jünger
von Emmaus unterwegs, um in den weltlichen Geschehnissen dem Herrn zu
begegnen, wie die jüngsten Ereignisse zeigen und wie es das zukünftige
Geschick des Kontinents erfordert. Denn Europa ist aus der Wurzel des
Glaubens entstanden (Röm 11,16 ff.) und in kontinuierlicher
Entwicklung seiner Anfänge an die Notwendigkeit gebunden, sich selbst
über alle Hindernisse und Niederlagen hinweg die Gewissheit zu geben,
dass es sich selbst wiederfindet und in Begleitung des auferstandenen
Herrn für seine Völker Lösungen des Friedens und nicht des
Unheils (vgl. Jer 29,11) zu finden weiss.
Er, der auferstanden ist und die Verheissung gegeben hat, ist treu (vgl.
Hebr 10,23), und durch ihn werden wir der Hoffnung gemäss das
ewige Leben erben (vgl. Tit 3,6-7). Seine Verheissung ist der
Grund der Hoffnung, nicht das vom Vertrauen auf Gott getrennte Vertrauen
auf die eigenen Kräfte (vgl. Jer 17,5). Der Katechismus
der Katholischen Kirche betont, dass der Mensch »der göttlichen
Liebe nicht aus eigener Kraft voll zu entsprechen« vermag,(41) und
Europa weiss sehr gut, dass die »eigene Kraft« es manchmal
verlassen hat. In der Treue zum Herrn und in seiner Auferstehung findet
Europa hingegen die Quelle und Stütze der eigenen Hoffnung.
Spes nostra, salve
22. In Erwartung des Grossen Jubiläums des Jahres 2000 spielt die
Synode für Europa ausserdem eine ganz besondere Rolle auf Grund eines
gewissen Umstandes: der besonderen Präsenz der Gottesmutter in der
Geschichte Europas. Die Einberufung der ersten Synodenversammlung für
Europa erfolgte nach dem Zusammenbruch des Totalitarimus, der dann zu
jenen neuen Lebensbedingungen führte, die jetzt als Anlass der
Einberufung der zweiten Synodenversammlung bezeichnet werden. Dazu erklärt
Johannes Paul II. ausdrücklich: »Es fiele einem schwer, nicht
hervorzuheben, dass das Marianische Jahr den Ereignissen des Jahres
1989 unmittelbar vorausgegangen ist. Es sind Geschehnisse, die uns
wegen ihres Umfanges und besonders wegen ihres raschen Ablaufes in
Erstaunen versetzen müssen. Die achtziger Jahre hatten sich in
Nachahmung des 'kalten Krieges' mit einer wachsenden Gefahr beladen; das
Jahr 1989 hat eine friedliche Lösung mit sich gebracht, die gleichsam
die Gestalt einer 'organischen' Entwicklung hatte ... Im übrigen
konnte man festellen, dass in dem Strom der Ereignisse die unsichtbare
Hand der Vorsehung mit mütterlicher Sorge am Werke war: 'Kann denn
eine Frau ihr Kindlein vergessen?' (Jes 49,15)Ç.(42) In
seiner unbegrenzten Meditation über Europa entdeckt Johannes
Paul II. intuitiv einen bestimmten ursprünglichen 'Ort' der
'organischen Entwicklung' der Wiedergeburt zu neuem Licht und neuer Würde.
Das Marianische Jahr ist gleichsam eine Geburt, durch die Maria der
Menschheit gegenüber erneut ihre Mütterlichkeit beweist, sie,
die Mutter des Herrn, auf die die Menschen (vgl. Apg 1,11) und die
Engel schauen (vgl. 1 Petr 1,12; Offb 4,6.8; 5,6 ff.) in
Betrachtung und Erwartung des Erbarmens (vgl. Ps 123,2).
Diese Geschichte des Erbarmens und der Wundertaten berechtigt zu
Hoffnung auch für die Gegenwart und die Zukunft. Die Kirche grüsst
Maria weiterhin mit den althergebrachten Worten voll der Liebe und des
Staunens: »Spes nostra, salve«.
Wenn die Mutterschaft Marias für Europa als eine providentielle
Wiedergeburt vorstellbar ist, die die Tür zu aller Hoffnung öffnet,
darf man nicht vergessen darauf hinzuweisen, dass die Zeichen der mütterlichen
Gegenwart der jungfräulichen Mutter Gottes in Europa sehr zahlreich
und deutlich sind. Es handelt sich um Orte, um Erscheinungen, um
Eingriffe, die im Laufe der Geschichte beinahe physisch den Weg der
Menschen in Europa begleitet haben. Es sind Heiligtümer und Gedächtnisstätten
von Gebetserhörungen, zuvorkommender Hilfe und dringender Mahnung: mütterliche
Sorge, die Sicherheit in der Gegenwart und zuversichtliche Erwartung für
die Zukunft erweckt. So viele überwiegend marianische Orte sind aus
der Geschichte und Geographie Europas nicht auszulöschende Zeichen,
die die Eigenschaft hervorheben, welche die jungfräuliche Mutter dem
höchsten Vorrang des Sohnes öhnlich macht; deshalb hat ein europäischer
Dichter sie als »Quelle der Hoffnung« besungen.(43)
23. Die vielen beunruhigenden Ereignisse, die die jüngste
Geschichte Europas gekennzeichnet haben, stellen die Hirten der Kirche vor
schwierige Aufgaben: Unterscheidung und Anrufung des Geistes des Herrn,
Beistand und pastorales Wirken sind die tägliche Sorge ihres
kirchlichen Dienstes.
Die Hoffnung, die vom auferstandenen Herrn den Völkern Europas in
diesem besonderen Augenblick ihrer Geschichte angeboten wird, erstrahlt
auch vor den Augen der Hirten in ihren einzelnen Teilkirchen wie in der
kommenden Synodenversammlung. Es ist die Hoffnung, dass die Aufgabe
gelingen möge, in Europa durch die Neuevangelisierung ein neues
Bewusstsein der eigenen Identität und eine verstärkte Fähigkeit
zu entwickeln, den zukünftigen Weg zu erkennen und die guten Entschlüsse
zu verwirklichen, um ihn mit einer wahren »Menschenliebe« (vgl.
Tit 3,4) und im Gehorsam gegenüber dem Geist des Herrn der Völkergeschichte
gehen zu können.
Die Lineamenta haben den Zweck, das Thema der zweiten
Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa umfassend darzulegen
und allgemeine Weisungen zu geben, die als Anstoss zur Betrachtung in den
einzelnen Teilkirchen im Hinblick auf die Erwartungen und die Bedürfnisse
jeder Gemeinde oder Bischofskonferenz dienen.
Mit dem beigelegten Fragebogen will man die unmittelbare
Aufmerksamkeit auf die einzelnen Anträge lenken, zu Fragen ermutigen
und Antworten veranlassen, die zwar aus begrenzten Gebieten kommen, aber
dann zusammengefasst den notwendigen Gesamtüberblick für die
Betrachtung ergeben werden, den die Kirche in Europa der kommenden
Synodenversammlung vorlegen wird.
»Jesus Christus, der in seiner Kirche lebt, ist die Quelle der
Hoffnung für Europa.« Am Vorabend des Grossen Jubiläums des
Jahres 2000 ist er mehr denn je der Eckstein, das Zeichen der Völker,
das in sich die Zeit, das Heute, und die Ewigkeit vereint, um dieses
Teilstück der universalen Kirche zu stützen und in den Raum und
die Zeit voranzutreiben mit dem Ziel, sie »herrlich vor sich
erscheinen (zu) lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig
... und makellos« (Eph 5,27).
Die zur Synode versammelten Hirten wollen der Kirche in Europa mit neuem
Eifer und neuen Kräften in neuer Weise das Wort, »ob man es hören
will oder nicht« (2 Tim 4,23), verkünden: Jesus, den »Urheber
des Lebens« (Apg 3,15), den »Urheber des Heils« (Hebr
2,10), den Urheber und Vollender des Glaubens« (Hebr 12,2)
und auch Urheber unserer Hoffnung.
FRAGEBOGEN
Der vorliegende Fragebogen stellt einige Fragen, den
einzelnen Abschnitten des Textes der Lineamenta folgend,
um die Reflexion über verschiedene Themen anzuregen, damit die
Formulierung der Antworten erleichtert wird im Hinblick auf die
Zusammenstellung des künftigen Instrumentum laboris.
Während die Lineamenta notwendigerweise allgemein
gehalten sind, soll der Fragebogen die Aufmerksamkeit auf
die konkrete Lage der Gemeinschaften und der Ortskirchen lenken und zu
offenen Antworten im einzelnen hinsichtlich der dringenden Erfordernisse
und Erwartungen anregen.
Die Fragen betreffen Themen und Situationen, die in den Ortskirchen des
heutigen Europas mit besonderer Dringlichkeit auftreten, aber nicht den
Anspruch erheben, allen denkbaren Bestrebungen und Bedürfnissen zu
entsprechen. Deshalb ist es freigestellt, den Antworten Vorschläge
und Hinweise anzufügen, die den wahren Tatbestand wiedergeben.
Zwei Synoden für das Europa von heute
1. Die erste Sonderversammlung für Europa hat im Jahr 1991
stattgefunden, knapp zwei Jahre nach den Ereignissen von 1989, von deren
Folgen man sich heute ein vollständigeres Bild machen kann.
Welche Spuren haben die Ereignisse von 1989 in Ihrer Kirche
hinterlassen? Welche Vorzüge sind unter den neuen Lebensbedingungen
in Europa erkenntlich? Kann man von Enttäuschungen - und welchen -
nach den Ereignissen von 1989 sprechen? Welche positiven Anzeichen gibt es
für die Aufnahme des Evangeliums? Welche Anzeichen der Erneuerung
gibt es dafür, das Geheimnis des Herrn, der in seiner Kirche lebt, zu
leben? Welche Gefahren und welche Bedrohungen zeigen sich?
2. Welches sind die Hauptsorgen des Bischofs in der religiösen und
moralischen Situation der heutigen Gesellschaft in Europa? Wie hält
er Gewissensprüfung hinsichtlich der neuen Bedingungen, und was
ergibt sich daraus für seinen Dienst?
Kirche, Kultur und Gesellschaft
3. Wie reagiert Ihre Kirche angesichts des Pluralismus von Glaube und
Kultur in Europa? Wie festigt man heute die Ethik in der Gesellschaft? Aus
welchen kulturellen Wurzeln werden heute Atheismus, Agnostizismus und
religiöse Gleichgültigkeit gespeist?
4. Wie zeigt sich in Ihrem Bereich die Spaltung zwischen Fortschritt und
Werten des Geistes? Welche Folgen sehen Sie in der schwierigen Beziehung
zwischen Freiheit und Solidarität? Wird die Religionsfreiheit bei
Ihnen geachtet und akzeptiert, oder gibt es noch Zeichen von Intoleranz?
5. Welche Aspekte der Beziehungen zwischen Kirche und Staat sind zu
vertiefen? Scheint Ihnen der Glaube manchmal zum Schutz der Nationalismen
missbraucht zu werden?
Die Kirche Geheimnis, Gemeinschaft und Sendung
6. Wird in Ihrer Umgebung die Kirche als Geheimnis, Gemeinschaft und
Sendung verstanden oder überwiegt ein anderes Kirchenverständnis?
Geheimnis und Liturgie in der Kirche
7. Welche Beachtung und Aufmerksamkeit wird in Ihrer Kirche dem göttlichen
Geheimnis geschenkt, das der Liturgie und den Gottesdiensten innewohnt?
Stellt die Liturgie ein Geschehen der Gegenwart Gottes und eine Zeit der
Vereinigung mit dem Herrn dar, oder überwiegt in ihr die äussere
Erscheinungsform von menschlichen Fähigkeiten und Gaben, z. B.
Vorsitz der Versammlung, Einhaltung des Zeitplans, Ablauf der Riten und
Gebrauch der Stimme und der Gebärden?
8. Wie zeigt sich in Ihrem Bereich das Verlangen nach Spiritualität,
und wie wird es erfüllt?
Gemeinschaft und Dienst in der Kirche
9. Wodurch bekunden die Gläubigen in Ihrer Kirche heute die
Gemeinschaft mit Gott und mit dem Nächsten? Wie arbeiten Laien und
Priester zusammen bei der Verwirklichung der Gemeinschaft in der Kirche?
Welche Kontakte werden mit den weniger gläubigen Christen oder mit
den Fernstehenden geknüpft?
10. Hat in Ihrem Bereich die mangelnde Einheit unter den Christen
besondere Auswirkungen? In welcher Weise zeigt sich die Ökumene in
Ihrer Kirche? Welche Erfahrungen und welche Schwierigkeiten haben Sie in
den Beziehungen mit den anderen Kirchen? Wie bewerten und wie begegnen sie
dem Phänomen der Sektenverbreitung?
11. Gemeinschaft ist ein Vorzug der Kirche, wird aber auch eine Aufgabe:
Wie zeigt sich in Ihrer Kirche dieser Dienst der Gemeinschaft, der in den
verschiedenen Bereichen und an den einzelnen Personengruppen innerhalb und
ausserhalb der kirchlichen Gemeinschaft zu leisten ist?
Sendung und Zeugnis der Kirche
12. Konzentriert sich die Neuevangelisierung in Ihrem Dienst auf die
Person Jesu Christi, der in der Kirche lebt, unter Berücksichtigung
der neuen anthropologischen und geschichtlichen Bedingungen? Wird die
Neuevangelisierung als eine erstrangigige Verpflichtung empfunden? Wenn
Europa eine christliche Seele hat, kann die geistliche Bedeutung der
sozialen und politischen Entwicklung in Ihrer Kirche ein Weg zur
Neuevangelisierung werden? Inwieweit fördert die neue Freiheit in
Europa die Neuevangelisierung? Welche Hindernisse bestehen bei Ihnen für
die Neuevangelisierung?
13. Welche Prioritäten im christlichen Zeugnis werden in Ihrem
Umfeld verlangt? Welche Personen brauchen am dringendsten das
Liebeszeugnis der Christen? Wie gestaltet sich der Dienst für das
Leben vom Augenblick der Empfängnis bis zu seinem natürlichen
Ende? Welche Aufmerksamkeit wird auf den Missbrauch von Personen und auf
die Personen verwandt, die durch materielle und moralische Not am meisten
gefährdet sind?
Jesus Christus, die Kirche und die Hoffnung
14. Jesus Christus, der in seiner Kirche lebt, ist Quelle der Hoffnung für
Europa. Auf welche Weise können Spiritualität, Gemeinschaft und
missionarisches Zeugnis der Kirche die Hoffnung in Europa heute nähren?
Gründet das Angebot der Hoffnung Ihrer Kirche auf Gütern, die
dem Evangelium eigen sind, oder stützt es sich auf andere Mittel?
Andere Themen
15. Gibt es in Ihrer Kirche Forderungen und Erwartungen, die weder im
Fragebogennoch im Text dieser Lineamenta
enthalten, aber von pastoraler Dringlichkeit und für die anderen
Teilkirchen von Interesse sind? Haben Sie weitere Themenvorschläge für
die Synode?
AUSLESE AUS TEXTEN
DES HEILIGEN VATERS ÜBER EUROPA
Anlässlich der Feier der ersten Sonderversammlung der
Bischofssynode für Europa wurde eine Textauslese der Lehräusserungen
des Heiligen Vaters Johannes Paul II. herausgegeben. Die Leser stellten
mit grosser Bewunderung fest, mit wieviel beharrlichem Eifer der Papst
Ansprachen, Botschaften und Aufrufe dem Thema Europa, den Neuheiten, mit
denen es konfrontiert worden war, und seiner noch verschwommenen, aber
durch untrügliche Zeichen doch schon deutlich aufscheinenden Zukunft
gewidmet hatte.
Dieses hohe Lehramt, das auch ausserhalb der Kirche Aufmerksamkeit
erweckt, hat sich fortgesetzt in den nachfolgenden Jahren, die von den
dramatischen geschichtlichen Ereignissen der Neuordnung der Grenzen, der
Erneuerung der Gewissen und der Wiedererlangung der Freiheit
gekennzeichnet waren.
Bis zum heutigen Tag hat seitdem diese »unbegrenzte Meditation«
über Europa keine Unterbrechung erfahren, und am Vorabend der zweiten
Sonderversammlung sieht man, wie sich diese wahre »Summa de
Europa«, die der Heilige Vater als engagierten und besorgten
Beitrag für diesen Erdteil und diese Kirche schreibt, ständig
erweitert.
In der vorliegenden Textauslese sind Lehräusserungen Johannes Pauls
II. von 1992 bis heute in bezug auf die Völker Europas
zusammengestellt. Es handelt sich nur um eine Auslese, die den Leser dazu
anregen soll, aus der eigentlichen Quelle die ganze Reichhaltigkeit des
derzeitigen päpstlichen Lehramtes zu diesem Thema zu schöpfen.
1 - Ansprache an die Vorsitzenden der europäischen
Bischofskonferenzen am 1. Dezember 1992siehe L'Osservatore Romano
deutsch Nr. 50/1992, S.7-8.
1. ...Angesichts der neuen Lage, die auf das Jahr 1989 zurückgeht,
ergab sich die Notwendigkeit neuer Strukturen vor allem des Rates der
Europäischen Bischofskonferenzen (C.C.E.E.), da dieser an und für
sich die Kirche auf dem ganzen Erdteil einschliesst...Gerade um seiner
institutionellen Aktivität neue Kraft und autoritative Wirksamkeit zu
verleihen, sind die Vorsitzenden der einzelnen Bischofskonferenzen selbst
dazu bestimmt, Mitglieder des Rates zu sein...
2. ...Wenn das Wort »synodos« »Gemeinschaft der Wege«
bedeutet, welche die Kirche beschreitet, dann muss der Bischofsrat diese »Gemeinschaft«
systematisch verwirklichen, vertiefen und verstärken. Das erfordert
die innere Dynamik der Kirche. Das erfordern auch die Sendung der Kirche
in der Welt von heute (vgl. Gaudium et spes) und ihr Dienst am
Menschen, »am europäischen Menschen zwischen Atlantik und Ural«,
weil gerade er der »Weg« der Kirche auf diesem Erdteil ist...
3. ...Wenn wir von »Neuevangelisierung« sprechen, dann
deshalb, weil sie immer und überall »neu« ist. »Jesus
Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit« (Hebr
13,8). Diese »Neuheit« gehört zur Identität des
Evangeliums und der Evangelisierung, die für die Zeugen Christi eine
ständige, nie endende Aufforderung ist ... Die Aufforderung zur
Evangelisierung ist daher immer aktuell ...
Was hingegen Europa betrifft, so ist bekannt, dass es in unserem
Jahrhundert von den starken Strömungen einer »Gegen-Evangelisierung«
heimgesucht wurde ... Da wir ihnen überall begegnen, sind seitens der
Kirche Erneuerung und grössere Bereitschaft zu einem treuen Zeugnis für
Christus erforderlich, der »derselbe gestern, heute und in Ewigkeit«
ist ...
4. ...Die Erklärung der vorjährigen Synode hat die
Notwendigkeit der Zusammenarbeit aller Christen für die Sache des
Evangeliums betont. Was uns betrifft, so wollen wir alles nur Mögliche
im Interesse dieser ökumenischen Zusammenarbeit tun.
2 - Ansprache an den Rat der europäischen Bischofskonferenzen
am 16. April 1993siehe L'Osservatore Romano deutsch Nr.
17/1993, S. 8-9.
Ehrwürdige Brüder im Bischofsamt!
1. Die Liturgie dieser Tage läbt uns über die Aufforderung des
ersten Petrusbriefes nachdenken, »ein geistiges Haus«
aufzubauen, um geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen (vgl. 1
Petr 2,5).
Diese Worte helfen uns zu einem noch tieferen Verständnis von Wert
und Tragweite des Wirkens der Kirche in dieser einzigartigen Stunde der
europäischen Geschichte: Es geht um das Wirken für die
Neuevangelisierung und um die tatkräftige Mitarbeit am Aufbau des »neuen
Europa«, das für universale Solidarität offen ist.
In diesem Zusarnmenhang kann man die derzeitige Tagung gewissermassen
als »historisch« bezeichnen, weil sie nicht nur dem Rat der
Europäichen Bischofskonferenzen (C.C.E.E.) einen entschiedenen Impuls
für sein schon seit vielen Jahren bewährtes Wirken gibt, sondern
dazu beiträgt, ihn den »Zeichen« und »Aufgaben«
der gegenwärtigen Stunde anzupassen, um ihn zu einem wirksamen
Werkzeug der Neuevangelisierung im Hinblick auf das dritte Jahrtausend des
Christentums zu machen. Wir müssen gemeinsam die geeignetsten
Wege für die Evangelisierung Europas und die Förderung einer
echten sozialen Erneuerung suchen, die sich auf den auferstandenen
Christus gründet, »den lebendigen Stein, der von den Menschen
verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist« (1
Petr 2,4). Die Hirten scharen sich daher um Christus, setzen ihr
Vertrauen auf ihn und gründen ihre apostolischen und missionarischen
Pläne auf ihn und einzig auf ihn.
Mit diesen Absichten sind wir zur Sonderversammlung der Bischofssynode für
Europa im Herbst 1991 zusammengekommen und haben, »in Christi Namen
vereint (vgl. Mt 18,20), darum gebetet, dass wir hören können,
was der Geist heute den Kirchen Europas sagt (vgl. Offb
2,7.11.17), und dass die Kirchen es verstehen, die Wege für die
Neuevangelierung unseres Kontinents zu erkennen« (Schlusserklärung,
Vorwort).
2. Aus dieser wichtigen Synodenversammlung haben sich Weisungen und
Vorschläge ergeben, die der C.C.E.E. in seiner neuen Zusammensetzung
nun vertiefen und durchführen muss ...
3. Die Geschichte des C.C.E.E. beginnt in den Jahren unmittelbar nach
dem Konzil als Antwort auf das von vielen empfundene Bedürfnis, geeignete
Formen der Zusammenarbeit zwischen den Kirchen Europas zu finden. Nach
den ersten Symposien 1967 in Noordwijkerhout (Niederlande) und 1969
in Chur (Schweiz) , die den Bischöfen des ganzen europäischen
Kontinents offenstanden, wurde in Rom bei der Begegnung vom 23. bis
24. März 1971 das »Consilium Conferentiarum Episcopalium
Europae« gegründet, dessen Statuten am 10. Januar 1977 von
der Kongregation für die Bischöfe approbiert wurden. Es folgten
weitere Symposien, alle in Rom, während dank der regelmässigen
Kontakte der Vertreter der verschiedenen Bischofskonferenzen, vor allem
von Westeuropa, die miteinander leicht in Verbindung treten und sich
treffen konnten, der Austausch von Informationen, Erfahrungen und
Meinungen über die wichtigsten pastoralen Probleme jeder einzelnen
Nation immer intensiver wurde und sich damit der Geist wirklicher
Zusammenarbeit und brüderlicher Gemeinschaft auf europäischer
Ebene festigte.
Verschwiegen sei auch nicht der Beitrag für den ökumenischen
Dialog mit den verschiedenen christlichen Konfessionen durch eine
entsprechende gemischte Arbeitsgruppe, die 1971 zwischen dem C.C.E.E. und
der Konferenz der Kirchen Europas (K.E.K.) geschaffen wurde. Besondere
Aufmerksamkeit galt auch den Problemen der anderen Religionen.
Die Früchte dieses geduldigen Hörens und brüderlichen
Suchens sind tröstlich: Es reifte nämlich ein Klima
gegenseitiger Achtung heran, und es erweiterte sich die Zusammenarbeit
unter den Christen des ganzen Kontinents, denen es allen ein Anliegen war,
den Menschen unserer Zeit die Heilsbotschaft des Evangeliums zu verkündigen.
4. Untersucht man die Themen näher, die bei den verschiedenen
Vollversammlungen des C.C.E.E. behandelt wurden, stellt man mit der Zeit
eine gewisse Entwicklung fest: In den ersten Jahren lag der Akzent
auf den typisch nachkonziliaren Themen; dann wandte sIch das Interesse den
mehr spezifisch europäischen Problemen zu. Angesichts des
tiefreichenden und komplexen Wandels der Gesellschaft in Kultur, Politik,
Ethik und Geistigkeit reifte immer mehr das Bewusstsein für eine neue
Evangelisierung.
Nach den Ereignissen von 1989, die seit langen Jahren
herrschende Ideologien zusammenbrechen und historische Grenzen zwischen
den Völkern Europas fallen liessen, stellte die Sonderversammlung der
Bischofssynode für Europa im Jahre 1991 in diesem Zusammenhang einen
wichtigen und providentiellen Abschnitt dar. In der Schlusserklärung
heisst es: »Europa kann heute nicht schlechthin auf sein vorgegebenes
christliches Erbe hinweisen: Es geht nämlich darum, zu der Fähigkeit
zu gelangen, erneut über die Zukunft Europas zu entscheiden in der
Begegnung mit der Person und der Botschaft Jesu Christi.«
Europa ist daher zu einer notwendigen und mutigen »Selbstevangelisierung«
aufgerufen, einer Aufgabe, der sich die Kirche im Rahmen der gewandelten
sozialen und politischen Verhältnisse widmen möchte, die gewiss
eine fruchtbarere Begegnung und einen »Austausch der
Gaben« zwischen den kirchlichen Gemeinschaften von Ost und West fördern
werden.
Von Herzen wünsche ich und bete darum, dass der Herr die bis heute
von eurem Organ eingeleiteten Bemühungen segne und eurem besonders
wichtigen Wirken für die Zukunft des Kontinents immer weiter
reichenden Schwung schenkt.
5. Der C.C.E.E. befindet sich tatsächlich bei der neuen
Evangelisierung Europas vor schwierigen Aufgaben: Er muss eine immer
intensivere Gemeinschaft zwischen den Diözesen und den nationalen
Bischofskonferenzen aufbauen, ferner die ökumenische Zusammenarbeit
unter den Christen und die Überwindung der Hindernisse fördern,
die die Zukunft des Friedens und des Fortschritts der Völker
bedrohen, endlich auch die affektive und effektive Kollegialität und
die hierarchische »Communio« verstärken.
Ehrwürdige Brüder im Bischofsamt, gestattet mir, hier einige
Gedanken vorzutragen, die, wie ich hoffe, für eine bessere Durchführung
eurer Arbeiten in diesem Abschnitt der Erneuerung und Programmierung nützlich
sind.
Im Licht der positiven Erfahrungen der vergangenen Jahre wird sich der
C.C.E.E. als kontinentales Organ mit den Problemen beschäftigen müssen,
die mit der Lage und den Aufgaben der Kirche in Europa verbunden sind.
Wenn es wahr ist, dass jede nationale Konferenz sich aufgrund der
notwendigen Subsidiarität in ihrem eigenen Zuständigkeitsbereich
ebenso wie der Hirt einer Diözese dem ihrer Sorge anvertrauten Teil
des Volkes Gottes widmet, so ist doch leicht zu erkennen, dass sie den
eigenen Horizont nicht auf die Grenzen ihrer Nation beschränken darf,
da ja die Wirklichkeit immer einen besonders europäischen Zuschnitt
hat. Die Aufgabe des C.C.E.E. besteht also in der Untersuchung der
Probleme von diesem Gesichtspunkt aus und in der Bewertung der übernationalen
Auswirkugen, damit so den Episkopaten einer jeden Region und den Hirten
der Ortskirchen eine wertvolle Hilfe geboten wird.
6. Unerlässlich ist es, die Menschen in Europa und das, was sich
auf sie bezieht, zu kennen, wenn wir die Heilssendung des Volkes Gottes
auf dem Kontinent erfüllen wollen. Doch eine solche vertiefte
Kenntnis ist ebenso wichtig, wenn der C.C.E.E. vor der öffentlichen
Meinung und ihren verschiedenen Trägern massgeblich als Zeuge und
Sprecher einer deutlichen Präsenz der Kirche auftreten will. Die
Gemeinschaft der Glaubenden kann damit ihre eigene Stimme auch in den bürgerlichen
Bereichen zu Gehör bringen als Stimme einer einmütigen
Gemeinschaft, die ganz darauf bedacht ist, das Evangelium der Hoffnung
und der Liebe zu verkünden.
Von diesem Gesichtspunkt aus erweist sich der Dialog mit den anderen in
der K.E.K. vereinten christlichen Konfessionen als besonders angebracht.
Die Zusammenarbeit muss freilich vor allem im Hinblick auf die
fortschreitende Wiederherstellung der vollen Einheit unter den Christen
auf dem »alten« Kontinent erfolgen, wo anfänglich die
Spaltungen aufgetreten sind und zu leidvollen Gegensätzen geführt
haben.
Über die Subsidiarität hinaus muss sich der C.C.E.E. damit bei
seinem Wirken auch von der Solidarität in ihren vielfältigen
Aspekten leiten lassen: Solidarität unter den katholischen
Episkopaten, Solidarität im Suchen nach der Einheit aller Christen,
Solidarität endlich mit Europa, dem Kontinent, wo verschiedene Völker
den Weg des politisch-sozialen und wirtschaftlichen Ausgleichs beschritten
haben. Durch den C.C.E.E. wird die Kirche versuchen müssen, der
kontinentalen Gemeinschaft ein »Mehr an Seele« einzuflössen,
um in ihr das neu lebendig zu machen, was man »die Seele Europas«
nennen könnte.
7. Wie sollen wir uns hier, ehrwürdige und liebe Brüder im
Bischofsamt, nicht klar machen, dass all dies eng mit der historischen
Wende zum neuen Jahrtausend hin verbunden ist? Eine Sendung zur
Evangelisierung von sehr weiten Ausmassen drängt uns. Es gilt, die
christlichen Wurzeln der verschiedenen Nationen und des ganzen Kontinents
neu zu entdecken und zu festigen; es gilt, den christlichen Sauerteig
wirken zu lassen, der die vielfältigen Ausdrucksformen seines
kulturellen Erbes durchdrungen hat und die Präsenz der Triebkraft
des Evangeliums im »Heute« und »Morgen« Europas zu fördern,
zumal angesichts der unverhüllten Versuche, den Glauben und die
Heilswahrheit von jeder Ausdrucksform des öffentlichen Lebens
auszuschliessen.
Könnte man nicht gerade in bezug auf diese dringende
Evangelisierung an ein europäisches »Programm« denken
im Hinblick auf das kommende Jubiläum des Glaubens im Jahre 2000?
8. Die Solidarität, die das Verhältnis zwischen den
verschiedenen Gruppen der kirchlichen und staatlichen Gemeinschaft
bestimmen soll, wird den C.C.E.E. gewiss zu einer Erweiterung der
Horizonte und zur Aufnahme von Kontakten und Absprachen auch mit den
Kirchen und Völkern »ausserhalb Europas« anspornen. Es geht
hier nicht nur um ein organisatorisches Problem und um ständige
Beziehungen, die mit analogen Organen auf anderen Kontinenten anzuknüpfen
sind. Das Ziel ist weit höher, und die Aufgabe, die euch erwartet,
ist viel wichtiger. Es geht darum, die starke Solidarität
hervorzuheben, die zwischen Europa und den LändernAfrikas, Asiens
und Amerikas besteht. Der europäische Kontinent und die auf ihm
wirkenden Kirchen besitzen hier Verdienste, haben aber auch Pflichten zu
erfüllen. In diesem Bewusstsein zu wachsen und in der solidarischen Überzeugung
zu reifen, dass die einen für die anderen verantwortlich sind, vor
allem für die Ärmsten und weniger vom Glück Begünstigten,
wird euer ständiges Anliegen sein, wenn ihr dem Evangelium der Liebe
und des Friedens entsprechen wollt, das der Auferstandene in dieser
Osterzeit der ganzen Menschheit machtvoll verkündet.
9. Wir wenden uns daher an Christus, den Sieger über Tod und Sünde,
um unsere Bereitschaft zu bekräftigen, mit dem Einsatz unserer
eigenen Person jenes »geistige Haus« aufzubauen, in welchem
seine Gerechtigkeit und seine Liebe herrschen. Gewiss sind wir uns sehr
wohl unserer Grenzen bewusst, doch ebenso mächtig ist unsere
Gewissheit über seine Präsenz und sein ständiges
Heilswirken.
Die Sendung der Gläubigen, ehrwürdige Brüder im
Bischofsamt, ist immer und überall auf die Zukunft gerichtet:
auf die eschatologische Zukunft, die uns im Glauben sicher ist, aber auch
auf die geschichtliche Zukunft, die für uns menschlicherweise
unsicher sein kann. Denken wir an die ersten Glaubensboten des europäischen
Kontinents, an die heiligen Petrus und Paulus; an den heiligen Benedikt,
den Vater des abendländischen Mönchtums, der für die
Formung des christlichen Europa so grosse Bedeutung gehabt hat; denken wir
ebenso an alle, die die Wege des Evangeliums zu den jungen Völkern
hin geebnet haben, wie Augustinus, Bonifatius oder die heiligen Brüder
Kyrill und Method aus Tessalonich. Auch sie waren sich des menschlichen
Gelingens ihrer Sendung nicht sicher und nicht einmal ihres eigenen
Schicksals. Aber mächtiger als alle Unsicherheit war ihr Glaube, und
fest war ihre Hoffnung; mächtiger war die Liebe Christi, die sie drängte
(vgl. 2 Kor 5,14). In ihrem apostolischen Wagemut wurde der
handelnde und heiligmachende Geist sichtbar. Wie sie sind auch wir
aufgefordert, in der Zeit, in der wir leben, gelehrige und wirksame
Werkzeuge für das Handeln des Geistes zu sein.
Darum bitten wir Maria, den Stern der Evangelisierung, und wir vertrauen
ihr die Entwicklung des neuen CCEE im Dienst des europäischen
Kontinents und seiner christlichen Zukunft an.
Mit diesen Gefühlen danke ich euch für die Arbeit dieser Tage
und spreche erneut einem jeden herzliche und brüderliche Osterwünsche
aus. Hinzu füge ich einen besonderen Apostolischen Segen für
euch und die eurer pastoralen Sorge anvertrauten kirchlichen
Gemeinschaften.
3 - Botschaft anlässlich des 50. Jahrestages des Endes des
Zweiten Weltkrieges in Europa siehe L'Osservatore Romano deutsch
Nr. 20/1995, S.7-9
1. Vor fünfzig Jahren, am 8. Mai 1945, endete auf europäischem
Boden der Zweite Weltkrieg. Während das Ende jener furchtbaren
Heimsuchung in den Herzen die Erwartung auf Rückkehr der gefangenen,
verschleppten und geflüchteten Menschen wiederaufleben lieb, weckte
es in ihnen zugleich das Verlangen, ein besseres Europa aufzubauen. Der
Kontinent konnte wieder beginnen, auf eine Zukunft in Frieden und
Demokratie zu hoffen.
Nach einem halben Jahrhundert bewahren Einzelpersonen Familien und Völker
noch immer die Erinnerung an jene sechs schrecklichen Jahre: Erinnerungen
an Angst, Gewalt, grösste Not, Tod; dramatische Erfahrungen
schmerzlicher, durch den Entzug jeglicher Sicherheit und Freiheit erlebter
Trennungen; unauslöschliche Erschütterungen durch grenzenlose
Vernichtung.
Im Laufe der Zeit beginnt man den Sinn besser zu verstehen
2. Es war zunächst nicht leicht, die vielfältigen und
tragischen Ausmasse des Konfliktes genau zu erfassen. Aber im Laufe der
Jahre wuchs das Bewusstsein davon, welche Auswirkung jenes Geschehen auf
das 20. Jahrhundert und auf die Zukunft der Welt hatte. Der Zweite
Weltkrieg war nicht nur eine historische Episode ersten Ranges; er hat
einen Wendepunkt für die moderne Menschheit bezeichnet. Die
Erinnerungen dürfen mit den Jahren nicht verblassen; vielmehr sollen
sie unserer und den kommenden Generationen eine ernste Lehre sein.
Was jener Krieg für Europa und für die Welt bedeutet hat,
begann man in diesen fünf Jahrzehnten durch die Gewinnung neuer Daten
zu begreifen, die eine bessere Kenntnis der von ihm verursachten Leiden
erlaubten. Die zwischen 1939 und 1945 erlebte tragische Erfahrung stellt
heute einen unerlässlichen Bezugspunkt für jeden dar, der über
die Gegenwart und die Zukunft der Menschheit nachdenken will.
1989 habe ich aus Anlass des fünfzigsten Jahrestages des
Kriegsausbruchs geschrieben: »Fünfzig Jahre danach haben wir die
Pflicht, uns vor Gott dieser dramatischen Tatsachen zu erinnern, um die
Toten zu ehren und all denen, die diese Flut der Grausamkeit an Herz und
Leib verwundet hat, unsere Anteilnahme zu bekunden, indem wir die
Beleidigungen vollständig vergeben.«
Wir müssen die Erinnerung an das Geschehene wachhalten: genau das
ist unsere Pflicht. Gleichzeitig mit dem eben erwähnten Jahrestag
begannen sich vor nunmehr sechs Jahren mit dem raschen Sturz der
kommunistischen Regime in Osteuropa ganz neue gesellschaftliche und
politische Szenarien abzuzeichnen. Es handelte sich um eine tiefgreifende
gesellschaftliche Umwälzung, die die Tilgung einiger tragischer
Folgen des Weltkrieges ermöglichte, dessen Ende ja für viele
europäische Nationen in der Tat nicht den Beginn des vollen Genusses
von Frieden und Demokratie bedeutet hatte, wie es am 9. Mai 1945
eigentlich zu erwarten gewesen wäre. Denn einige Völker hatten
die Macht der Selbstbestimmung verloren und waren in die erdrückenden
Grenzen eines Reiches hineingezwungen worden, während alles daran
gesetzt wurde, ausser den religiösen Traditionen auch ihre
geschichtliche Erinnerung und die jahrhundertealten Wurzeln ihrer Kultur
zu zerstören. Das alles habe ich in der Enzyklika Centesimus
annus hervorgehoben. Für diese Völker hat der Zweite
Weltkrieg in gewissem Sinne erst im Jahr 1989 aufgehört ...
Der Krieg ist nicht verschwunden
11. Nach dem Jahr 1945 war es mit Kriegen leider nicht endgültig
vorbei. Gewalt, Terrorismus und bewaffnete Angriffe haben diese letzten
Jahrzehnte weiter heimgesucht.
Wir haben den sogenannten »kalten Krieg« erlebt, in dem sich
zwei durch ständiges Wettrüsten im Gleichgewicht befindliche Blöcke
drohend gegenüberstanden. Und auch als diese zweipolige Konfrontation
aufhörte, bedeutete das nicht das Ende kriegerischer
Auseinandersetzungen.
Noch heute gibt es zu viele offene Konflikte in verschiedenen Teilen der
Welt. Die öffentliche Meinung, betroffen von den schrecklichen
Bildern, die täglich durch das Fernsehen in die Häuser gelangen,
reagiert emotional, gewöhnt sich aber schliesslich allzu schnell
daran und nimmt die Unabwendbarkeit der Ereignisse nahezu hin. Das ist
nicht nur ungerecht, es ist höchst gefährlich. Man darf nicht
vergessen, was in der Vergangenheit geschehen ist und was auch heute
geschieht. Das sind Dramen, die zahllose unschuldige Opfer betreffen,
deren Schreckens- und Leidensschreie an das Gewissen aller rechtschaffenen
Menschen appellieren. Der Logik der Waffen kann und darf man nicht
nachgeben!
Der Heilige Stuhl wollte auch durch die Unterzeichnung der wichtigsten
internationalen Verträge und Abkommen die Staatengemeinschaft auf die
Dringlichkeit hinweisen und tut das weiterhin unermüdlich ,
die Vorschriften in bezug auf die Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen
und die Vernichtung der chemischen und biologischen Waffen sowie besonders
schrecklicher Waffen mit unterschiedlichen Wirkungen zu verschärfen.
Ebenso hat der Heilige Stuhl kürzlich die öffentliche Meinung
aufgefordert, sich das fortdauernde Phänomen des Waffenhandels klarer
bewusst zu machen, eine schwerwiegende Erscheinung, über die eine
ernsthafte sittliche Reflexion dringend geboten ist. Es gilt auch daran zu
erinnern, dass nicht nur die Militarisierung der Staaten, sondern auch der
leichte Zugang zu den Waffen von seiten von Privatleuten, der der
Ausbreitung des organisierten Verbrechens und des Terrorismus Vorschuss
leistet, eine unvorhersehbare und ständige Bedrohung für den
Frieden darstellt.
Eine Schule für alle Gläubigen
12. Nie wieder Krieg! Ja zum Frieden! Das waren die allgemein bekundeten
Gefühle unmittelbar nach jenem historischen 8. Mai 1945. Die sechs
schrecklichen Jahre des Krieges waren für alle eine Gelegenheit zum
Reifen in der Schule des Schmerzes: auch die Christen hatten Gelegenheit,
einander wieder näherzukommen und sich nach ihrer Verantwortung für
die unter ihnen herrschenden Spaltungen zu fragen. Ausserdem haben sie die
Gemeinsamkeit eines Schicksals wiederentdeckt, das sie untereinander und
mit den anderen Menschen jeder Nation vereint. Auf diese Weise hat sich
das Geschehen, welches des Höchstmass der Zerrissenheit und Spaltung
zwischen den Völkern und Menschen bedeutet hat, für die Christen
als eine von der Vorsehung gewollte Gelegenheit erwiesen, um sich
einer tiefen Gemeinschaft im Leiden und im Zeugnis bewusst zu werden.
Unter dem Kreuz Christi haben Mitglieder aller christlichen Kirchen und
Gemeinschaften bis zum äussersten Opfer Widerstand geleistet. Viele
von ihnen haben in vorbildlicher Weise mit den friedlichen Waffen des
erlittenen Zeugnisses und der Liebe die Folterer und Unterdrücker
herausgefordert. Zusammen mit anderen, Gläubigen und Nichtgläubigen,
Männern und Frauen jeder Rasse, Religion und Nation, haben sie ganz
oben, über der Flut von Gewalt, eine Botschaft der Brüderlichkeit
und Vergebung verbreitet.
Sollte man an diesem Jahrestag etwa nicht solcher Christen gedenken,
die, während sie Zeugnis gegen das Böse ablegten, für die
Unterdrücker gebetet und sich niedergebeugt haben, um die Wunden
aller zu pflegen? Im Miteinander des Leidens konnten sie sich als Brüder
und Schwestern erkennen und erlebten die ganze Sinnwidrigkeit ihrer
Spaltungen, Das geteilte Leid hat sie die Last der Spaltungen, die
zwischen den Jüngern Christi noch immer bestehen, und ihrer negativen
Konsequenzen für den Aufbau der geistigen, kulturellen und
politischen Identität des europäischen Kontinents in höchstem
Masse empfinden lassen. Ihre Erfahrung ist für uns eine Mahnung: Auf
dieser Linie gilt es weiterzumachen, mit intensivem Gebet und Arbeit
voller Vertrauen und Grossherzigkeit im Blick auf das bevorstehende Jubiläumsjahr
2000. Mögen sie mit einer Pilgerschaft der Busse und Wiederversöhnung
den Weg zu jenem Ziel einschlagen in der Hoffnung, endlich die volle
Gemeinschaft zwischen allen, die an Christus glauben, verwirklichen zu können,
was der Sache des Friedens mit Sicherheit zum Vorteil gereichen wird.
13. Die Woge von Schmerz, die sich mit dem Krieg über die Erde
ergossen hat, hat die Gläubigen aller Religionen veranlasst, ihre
geistig-geistlichen Mittel und Fähigkeiten in den Dienst am Frieden
zu stellen. Jede Religion hat, wenn auch mit unterschiedlichem Verlauf, in
diesen fünf Jahrzehnten einzigartige Erfahrungen solcher Art erlebt.
Die Welt ist Zeuge dafür, dass nach der furchtbaren Tragödie des
Krieges im Bewusstsein der Gläubigen der verschiedenen
Religionsbekenntnisse etwas Neues entstanden ist: Sie fühlen sich in
höherem Masse verantwortlich für den Frieden unter den Menschen
und haben begonnen untereinander zusammenzuarbeiten. Der »Weltgebetstag
für den Frieden« am 27. Oktober 1986 in Assisi hat diese im
Leiden gereifte Haltung öffentlich gewürdigt. Assisi hat »das
enge Band, das eine echte religiöse Haltung und das grosse Gut des
Friedens miteinander verbindet«, offenbar gemacht. In den
nachfolgenden »Gebetstagen für den Frieden auf dem Balkan«
(9.-10 Januar 1993 in Assisi und am 23. Januar 1994 in St. Peter) wurde im
besonderen der spezifische Beitrag hervorgehoben, den die Gläubigen
zur Förderung des Friedens durch die Waffen des Gebetes und der Busse
leisten sollten.
Die Welt, die kurz vor dem Ende des zweiten Jahrtausends steht, erwartet
von den Gläubigen ein entschiedeneres Handeln für den Frieden.
Zu den Vertretern der christlichen Kirchen und der grossen Weltreligionen,
die 1989 zum 50. Jahrestag des Kriegsausbruchs in Warschau
zusammengekommen waren, sagte ich: »Aus dem Herzen unserer
verschiedenen religiösen Traditionen erwächst das Zeugnis der
mitleidenden Teilnahme an den Schmerzen des Menschen, der Achtung vor der
Heiligkeit des Lebens. Dies ist eine gewaltige geistige Kraft, die
Vertrauen erweckt für die Zukunft der Menschheit.« Das traurige
Geschehen des Zweiten Weltkrieges macht uns nach fünfzig Jahren stärker
das Erfordernis bewusst, mit neuer Kraft und neuem Einsatz diese geistigen
Kräfte freizusetzen.
In diesem Zusammenhang muss daran erinnert werden, dass gerade die
schreckliche Erfahrung des Krieges Anstoss zur Entstehung der Organisation
der Vereinten Nationen gewesen ist, die von Papst Johannes XXIII. seligen
Andenkens wegen deren »Hauptaufgabe, den Frieden unter den Völkern
zu schützen und zu festigen«, als eines der Zeichen unserer Zeit
angesehen wurde. Als Reaktion auf die grausame Missachtung der Würde
und der Rechte der Menschen ist ausserdem die Allgemeine Erklärung
der Menschenrechte entstanden. Der fünfzigste Jahrestag der
Vereinten Nationen, der in diesem Jahr begangen wird, sollte Anlass sein,
den Einsatz der internationalen Gemeinschaft im Dienst am Frieden zu verstärken.
Dazu wird es notwendig sein, der Organisation der Vereinten Nationen die
Mittel zu gewährleisten, derer sie bedarf, um ihre Sendung wirksam
fortsetzon zu können.
Noch immer rüsten einige zum Krieg
14. In diesen Tagen werden in vielen Teilen Europas Gedenkfeiern und
Kundgebungen abgehalten, an denen staatliche Autoritäten und
Verantwortliche jeder Gemeinschaft und jedes Landes teilnehmen. Während
ich mich dem Gedenken an Leid und Tod der vielen Opfer des Krieges
anschliesse, möchte ich alle Menschen guten Willens einladen,
ernsthaft über den unabdingbaren Zusammenhang nachzudenken, der
zwischen dem Gedenken an den schrecklichen Weltkrieg und der Ausrichtung
der nationalen und internationalen Politik bestehen muss. Im besonderen
wird es darauf ankommen, über wirksame Mittel zur Kontrolle des
internationalen Waffenhandels zu verfügen und zugleich geeignete
Strukturen zum Eingreifen im Krisenfall vorzusehen, die alle Parteien
dazu veranlassen sollen, statt der bewaffneten Auseinandersetzung lieber
den Verhandlungsweg zu wählen. Trifft es etwa nicht zu, dass es, während
wir die Wiedererlangung des Friedens feiern, leider noch immer Leute gibt,
die sowohl durch die Forderung einer Kultur des Hasses wie durch die
Verbreitung raffinierter Kriegswaffen zum Krieg rüsten? Trifft es
etwa nicht zu, dass in Europa schmerzliche offene Konflikte bestehen, die
seit Jahren auf friedliche Lösungen warten? Dieser 8 Mai 1995 ist für
manche Gegenden Europas leider kein Tag des Friedens! Ich denke besonders
an die gemarterten Länder des Balkans und des Kaukasus, wo noch immer
Waffenlärm herrscht und weiter Menschenblut vergossen wird.
Zwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg 1965 fragte sich Paul VI. in
seiner Ansprache vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen: »Wird
die Welt je die parteiliche und kriegerische Gesinnung ändern, die
bisher mit einem Grossteil ihrer Geschichte verwossen war?« . Eine
Frage, die noch immer auf ihre Beantwortung wartet. Möge die
Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg bei allen den Vorsatz wiederbeleben,
im Dienst an einer entschiedenen Friedenspolitik in Europa und in der
ganzen Welt tätig zu sein jeder nach seinen Möglichkeiten.
Eine besondere Bedeutung für die jungen Menschen
15. Meine Gedanken gehen zu den jungen Menschen, die die Schrecken jenes
Krieges nicht persönlich erlebt haben. Ihnen sage ich: Liebe
Jugendliche, ich habe grosses Vertrauen in eure Fähigkeit, glaubwürdige
Vermittler des Evangeliums zu sein. Fühlt euch persönlich zum
Dienst am Leben und am Frieden verpflichtet. Die Opfer, die kämpfenden
Soldaten an den Fronten und die Märtyrer des Zweiten Weltkrieges
waren zum grossen Teil junge Menschen wie ihr. Darum bitte ich euch,
Jugendliche des Jahres 2000, sehr wachsam zu sein angesichts des
Entstehens der Kultur des Hasses und des Todes. Erklärt den
stumpfsinnigen und gewalttätigen Ideologien eine eindeutige Absage;
verwerft jede Form von übertriebenem Nationalismus und Intoleranz;
auf diesen Wegen schleicht sich unbemerkt die Versuchung zu Gewalt und
Krieg ein.
Euch ist es aufgegeben, neue Wege der Brüderlichkeit zwischen den Völkern
zu eröffnen, um durch Vertiefung des Gesetzes »der
Gegenseitigkeit von Geben und Empfangen, von Selbsthingabe und Annahme des
anderen« eine einzige Menschheitsfamilie aufzubauen. Das verlangt das
vom Schöpfer jedem Menschen ins Herz geschriebene Sittengesetz, ein
Gesetz, das von ihm in der Offenbarung des Alten Testamentes bestätigt
und schliesslich von Jesus im Evangelium zur Vollendung gebracht worden
ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Lev
19,18; Mk 12,31); »Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch
ihr einander lieben« (Joh 13,34). Die Zivilisation der Liebe
und der Wahrheit kann nur dann verwirklicht werden, wenn sich die Öffnung
für die Annahme des anderen auf die Beziehungen zwischen den Völkern,
zwischen den Nationen und den Kulturen ausdehnt. Möge im Bewusstsein
aller die Aufforderung Widerhall finden: Du sollst die anderen Völker
lieben wie dein eigenes!
Der Weg der Zukunft der Menschheit führt über die Einheit; und
die wahre Einheit das ist die Botschaft des Evangeliums führt
über Jesus Christus, der unsere Versöhnung und unser Friede ist
(vgl. Eph 2,14-18).
Wir brauchen ein neues Herz
16. »Du sollst an den ganzen Weg denken, den der Herr, dein Gott,
dich während dieser vierzig Jahre in der Wüste geführt hat,
um dich gefügig zu machen und dich zu prüfen. Er wollte
erkennen, wie du dich entscheiden würdest: ob du auf seine Gebote
achtest oder nicht. Durch Hunger hat er dich gefügig gemacht und hat
dich dann mit dem Manna gespeist, das du nicht kanntest und das auch deine
Väter nicht kannten. Er wollte dich erkennen lassen, dass der Mensch
nicht nur von Brot lebt, sondern dass der Mensch von allem lebt, was der
Mund des Herrn spricht« (Dtn 8,2-3).
Wir sind noch nicht in das »verheissene Land des Friedens«
eingetreten. Die Erinnerung an den schmerzlichen Weg des Krieges und den
nicht leichten Weg der Nachkriegsjahre weist uns ständig darauf hin.
Dieser Weg in den dunklen Zeiten des Krieges, in den schwierigen
Situationen der Nachkriegsjahre, in den unsicheren und problemreichen
Tagen unserer heutigen Zeit hat oft enthüllt, dass es im Herzen der
Menschen, auch der Gläubigen, eine starke Versuchung zum Hass, zur
Mibachtung des anderen, zur Pflichtverletzung gibt. Auf diesem selben Weg
hat es jedoch nicht an der Hilfe des Herrn gefehlt, der zusammen mit dem
aufrichtigen Verlangen nach Versöhnung und Einheit Gefühle der
Liebe, des Verständnisses und des Friedens keimen lieb. Wir wissen
als Gläubige, dass der Mensch von allem lebt, was der Mund des Herrn
spricht. Wir wissen auch, dass der Friede in den Herzen aller derer Wurzel
fasst, die sich Gott öffnen. Sich des Zweiten Weltkrieges und des in
den Jahrzehnten danach zurückgelegten Weges zu erinnern, muss bei den
Christen das dringende Bedürfnis nach einem neuen Herzen hervorrufen,
das fähig ist, den Menschen zu achten und seine echte Würde zu fördern.
Das ist die Grundlage für die wahre Hoffnung auf den Frieden der
Welt: »Ein Licht aus der Höhe« - so prophezeite Zacharias -
wird aufstrahlen, »um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und
im Schatten des Todes, und unsere Schritte zu lenken auf den Weg des
Friedens« (Lk 1,78-79). In dieser österlichen Zeit, die
den Sieg Christi feiert über die Sünde, das zersetzende Element,
das Trauer und Zerrüttung mit sich bringt, kommt uns wieder das
eindringliche Gebet auf die Lippen, mit dem die Enzyklika Pacem in
terris meines verehrten Vorgängers Johannes XXIII. schliesst: »Christus
möge den Geist der Regierenden erleuchten, dass sie mit angemessenem
Wohlstand ihren Bürgern auch das schöne Geschenk des Friedens
sichern und verteidigen. Er möge den Willen aller Menschen entzünden,
dass sie die Schranken zerbrechen, die die einen von den andern trennen;
dass sie die Bande gegenseitiger Liebe festigen, einander besser
verstehen; dass sie schliesslich allen verzeihen, die ihnen Unrecht getan
haben. Unter Gottes Führung und Schutz mögen sich alle Völker
brüderlich umarmen, und stets möge in ihnen der ersehnte Friede
herrschen.«
Maria, stets wachsame und um alle ihre Kinder besorgte Mittlerin der
Gnade, erwirke für die ganze Menschheit das kostbare Geschenk der
Eintracht und des Friedens.
4 - Predigt bei der Eucharistiefeier in Paderborn am 22. Juni 1996sieheL'Osservatore
Romano deutsch Nr. 26 /1996, S. 15-16
Liebe Schwestern und Brüder!
3. Auch unser Jahrhundert hinterlässt ein reiches Martyrologium
(vgl. Apost. Schreiben Tertio millennio adveniente, 37). Beeilen
wir uns, damit alle diese Zeugnisse einer echten Grösse des Geistes
und der Heiligkeit nicht in Vergessenheit geraten.
Ein Martyrologium ist nicht nur eine Registrierung von
Tatsachen. Es ist eine Ermahnung. Auch das Martyrium unseres
Jahrhunderts ist eine Ermahnung. Ist aus ihr nicht das Werk des Zweiten
Vatikanischen Konzils entstanden? Der jährliche Weltgebetstag für
den Frieden? Und auch so viele apostolische Initiativen? Zum Beispiel die
Weltjugendtreffen?
Durch das Martyrium, das die Erfahrung unseres Jahrhunderts
darstellt, hat die Kirche ein besseres Verständnis von sich
selbst und von ihrem Auftrag in der Welt gewonnen...
6. Liebe Schwestern und Brüder, die »gemeinsame Hoffnung«
und die »Einheit des Geistes« verbinden uns als katholische, das
heisst universale Kirche. An diesem Ort, der nicht zuletzt durch den
Einsatz des unvergessenen Kardinals Jaeger für die Ökumene von
grosser Bedeutung ist, rufe ich erneut alle Christen zur Einheit auf!
Gerade im Blick auf das Heilige Jahr 2000 wendet sich die Kirche mit inständiger
Bitte an den Heiligen Geist und erfleht von ihm die Gnade der Einheit
aller Christen (vgl. Tertio millennio adveniente, 34)...
7. Liebe Schwestern und Brüder, das Jahr 1989 hat die Welt radikal
verändert. Die eine Welt wächst immer enger und schneller
zusammen. Wir sollten diesen Prozess begrüssen, denn er gibt unzähligen
Menschen eine neue Lebensperspektive. Aber dieses Zusammenwachsen von Nord
und Süd, Ost und West muss menschenwürdig gestaltet werden. Es
darf nicht eine Welt entstehen, die erneut von einer »radikalen
kapitalistischen Ideologie« (Centesimus annus, 42) geprägt
werden könnte. Die Welt hofft auf ein Miteinander der Nationen und
Staaten, das die Lebensrechte aller Menschen respektiert und ihre
Entwicklung fördert. Besonders für die reichen Länder
bedeutet dies: Teilen zu lernen und den benachteiligten Völkern nicht
nur zu helfen, sondern sie als Partner zuzulassen und anzunehmen. Dieser
unausweichliche Wandel muss und kann in Solidarität und Gerechtigkeit
gestaltet werden...
8. ...Ebenso ist es mit der Einheit Europas. Sie darf nicht nur in einer
Gemeinsamkeit der materiellen Interessen bestehen. Ihre Grundlagen sind:
der Konsens in den grundlegenden Zielen und Wertvorstellungen, das
gemeinsame kulturelle Erbe und nicht zuletzt eine Verbundenheit des
Geistes und der Herzen. Ohne den christlichen Glauben wird Europa die
Seele fehlen. Wir Christen sind berufen, Sorge zu tragen für den
Geist, der das künftige Europa eint und gestaltet. Dies ist eine
grosse Verantwortung und Herausforderung, der wir uns über die
Grenzen hinweg ernsthaft stellen wollen und müssen...
5 - Angelus in Berlin am 23. Juni 1996siehe L'Osservatore
Romano deutsch Nr. 26/1996, S. 8
Liebe Schwestern und Brüder!
1. Zum Schluss dieses Gottesdienstes möchte ich euch alle nochmals
herzlich grüssen und euch danken für diese beeindruckende Feier
der Seligsprechung von Karl Leisner und Bernhard Lichtenberg. Gerade die
Geschichte und der Symbolcharakter dieser Stadt fordern uns dazu auf, die
ihnen und uns aufgetragene Verantwortung wahrzunehmen sei es
gelegen oder ungelegen. Wir müssen Recht und Unrecht, Gerechtigkeit
und Ungerechtigkeit, Menschlichkeit und Unmenschlichkeit freimütig
jeweils beim Namen nennen und offen und entschieden für Freiheit,
Solidarität und Menschenwürde eintreten.
2. Von dieser berühmten Stadt aus, die in ganz besonderer Weise das
Schicksal der europäischen Geschichte dieses Jahrhunderts erfahren
hat, möchte ich der ganzen Kirche meine Absicht ankündigen, eine
zweite Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa einzuberufen.
Sie soll zusammen mit ähnlichen Synodenversammlungen in anderen
Erdteilen die Vorbereitung auf das Grosse Jubiläum des Jahres 2000
unterstützen (vgl. Tertio millennio adveniente, 38).
Nach den bekannten Ereignissen von 1989 und den neuentstandenen
Gegebenheiten nach dem Fall der Mauer, die gerade in dieser Stadt
errichtet worden war, schien ein Nachdenken unter Vertretern der
Bischofskonferenzen des Kontinents notwendig. Diese Aufgabe nahm die
Sonderversammlung von 1991 wahr. Die weiteren Entwicklungen der
nachfolgenden fünf Jahre in Europa legten die passende Gelegenheit
nahe für ein neues Treffen mit den Vertretern der europäischen
Bischöfe zum Zweck einer eingehenden Überprüfung der
kirchlichen Lage im Hinblick auf den bevorstehenden Jubiläumstermin.
Es ist notwendig, dahingehend zu wirken, dass die gewaltigen geistlichen
Kraftreserven des Kontinents in allen Breiten wirkliche Entfaltung finden
und die Voraussetzungen für eine Epoche der wahren Wiedergeburt auf
religiöser, wirtschaftlicher und sozialer Ebene geschaffen werden.
Dies wird Frucht einer neuen Verkündigung des Evangeliums sein.
3. Ich lade alle ein, von jetzt an die himmlische Fürsprache der
Schutzpatrone Europas, des hl. Benedikt und der hll. Brüder Cyrillus
und Methodius, zu erbitten. Ausgehend von den jeweiligen westlichen und östlichen
Traditionen verstanden sie es, einen grundlegenden Beitrag zur kulturellen
und geistlichen Einheit dieses Erdteils zu liefern.
Wir möchten die nächste Synodenversammlung auch allen Heiligen
und Seligen des alten Kontinents und in besonderer Weise dem mütterlichen
Schutz der seligsten Jungfrau Maria anvertrauen, die bei allen Völkern
Europas so grosse Verehrung geniesst. Sie, die als erste durch ihr »fiat«
das fleischgewordene Wort aufnahm und es der ganzen Menschheit darbot,
begleite und unterstütze unseren Weg zum historischen Termin des
Beginns des dritten christlichen Jahrtausends.
6 - Regina Caeli in Sarajevo am 13. April 1997siehe L'Osservatore
Romano deutsch, Nr. 16/1997, S.1.3
Liebe Brüder und Schwestern!
1. Am Ende dieser feierlichen Konzelebration, da auf dem ganzen Erdkreis
nach schönem alten Brauch sich im Gebet des »Regina Caeli«
das Lob zur Gottesmutter erhebt, gilt mein Gebetsgedenken der gesamten
Region, in der zusammen mit anderen Völkern die Südslawen leben.
Ein bezeichnender Wesenszug ist den Christen dieser Länder gemein:
die tiefe Verehrung der Gottesmutter und die grosse Liebe zu ihr.
Mit innigem Dank an Gott gedenke ich der Besuche, die ich im April 1993
in Albanien, im September 1994 in Kroatien und im Mai des
vergangenen Jahres in Slowenien habe machen können. Während
mein Aufenthalt in Sarajevo und Bosnien-Herzegowina nunmehr dem Ende
zugeht, möchte ich einen herzlichen Gruss an alle Volksgruppen der
nahen Bundesrepublik Jugoslawien richten, die ich schon seit
langer Zeit zu besuchen wünsche. Ich bin ihnen in ihren
Schwierigkeiten und Hoffnungen mit meiner Solidarität und mit meinem
Gebet nahe. Meine guten Wünsche gehen auch zu den Volksgruppen der früheren
jugoslawischen Republik Makedonien, für die ich Frieden und
Wohlstand vom Herrn erbitte.
2. Wie in allen anderen Teilen der Welt fördert der Hl. Stuhl auch
in dieser Region die Achtung der gleichen Würde der Völker und
ihres Rechtes, frei die eigene Zukunft wählen zu können.
Zugleich setzt er sich dafür ein, dass jeder mögliche Raum für
wechselseitige Solidarität in einem Klima friedvollen und zivilen
Zusammenlebens gewährt werde.
Das erfordert den Mut des Weitblicks und die Geduld der
kleinen Schritte, damit der Geist loyalen und konstruktiven
Einvernehmens blühen kann, bis er reiche Frucht bringt. Ein Klima des
Friedens und gegenseitiger Achtung ist der einzige Weg zur wirksamen Bekämpfung
der überzogenen Nationalismen, die in Vergangenheit und Gegenwart die
Ursache so vieler Trauer und Zerstörung sind.
Diese Länder, in denen Osten und Westen die Anstrengung des Dialogs
und der gegenseitigen Zusammenarbeit intensiver verspürt haben, sind
zum Symbol unseres Jahrhunderts voller Bitterkeit, aber auch reich an
Verheibungen für ganz Europa geworden.
3. Aus Sarajevo, der Stadt, die Symbol ist für dieses 20.
Jahrhundert, das sich dem Ende zuneigt, möge der Appell für
einen solidarischen Einsatz auf dem Weg des Friedens zu allen europäischen
Völkern gehen! Das vor der Türe stehende neue Jahrtausend öffne
sich mit dem festen Entschluss, eine Ära zivilen Wachstums in
Eintracht zu bauen mit dem Beitrag der besonderen Gaben, durch die im Lauf
ihrer Geschichte jede Nation von Gott, dem Herrn und Vater aller Völker,
bereichert wurde!
Das ist der herzliche Wunsch, den ich zusammen mit euch voll Zuversicht
Maria, der Königin des Friedens, anvertraue, zu der wir mit dem
traditionellen Gebet der Osterzeit beten.
7 - Predigt bei der heiligen Messe in Gnesen am 3. Juni 1997siehe
L'Osservatore Romano deutsch Nr. 24/1997, S. 9-11
1. Veni, Creator Spiritus!
Heute stehen wir am Grab des hl. Adalbert in Gnesen. Auf diese Weise
begehen wir den Höhepunkt der Tausendjahrfeier von Adalbert. Vor
einem Monat habe ich diesen Weg zu Ehren des hl. Adalbert in Prag und in
seiner Heimatstadt Libice, die in der Diözese Königgrätz
liegt, begonnen. Heute sind wir in Gnesen, also an dem Ort, wo er seinen
Pilgerweg auf Erden vollendete. Ich danke dem einen dreifaltigen Gott,
dass mir am Ende dieses Jahrtausends erneut die Gnade geschenkt wird, bei
den Reliquien des hl. Adalbert zu beten, die einer der wertvollsten Schätze
unserer Nation sind.
Wir wollen diesen geistlichen Weg des hl. Adalbert nachgehen, der in
gewissem Sinn im Abendmahlssaal beginnt. Gerade die heutige Liturgie führt
uns in den Abendmahlssaal, in den die Apostel vom Ölberg zurückkehrten,
nachdem Christus in den Himmel aufgefahren war. Vierzig Tage lang war er
ihnen nach seiner Auferstehung erschienen und hatte mit ihnen über
das Reich Gottes gesprochen. Er befahl ihnen, nicht von Jerusalem
wegzugehen, sondern, wie er sagte, auf die Verheibung des Vaters zu
warten, »die ihr von mir vernommen habt«: »Johannes hat mit
Wasser getauft, ihr aber werdet schon in wenigen Tagen mit dem Heiligen
Geist getauft (...). Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen,
der auf euch herabkommen wird, und ihr werdet meine Zeugen sein in
Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der
Erde« (Apg 1,5.8).
Die Apostel erhalten also den Missionsauftrag: Auf Grund der Worte des
Auferstandenen sollen sie zu allen Völkern gehen, sie zu Jüngern
Jesu machen und auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen
Geistes taufen (vgl. Mt 28,14-20). Zunächst jedoch kehren sie
in den Abendmahlssaal zurück. Dort verharren sie im Gebet und warten
darauf, dass sich die Verheissung erfüllt. Am zehnten Tag, dem
Pfingstfest, sandte ihnen Christus den Heiligen Geist, der ihre Herzen
umwandelte. Sie wurden stark und bereit, den Missionsauftrag zu übernehmen.
So begannen sie das Werk der Evangelisierung.
Die Kirche setzt dieses Werk fort. Die Nachfolger der Apostel gehen
weiterhin zu allen Völkern und machen sie zu Jüngern Jesu. Gegen
Ende des ersten Jahrtausends kamen, besonders aus den angrenzenden
Gebieten, Söhne und Töchter verschiedener Nationen, die schon
christianisiert waren, nach Polen. Unter ihnen hat der hl. Adalbert, der
aus dem benachbarten und verwandten Böhmen nach Polen gekommen war,
einen besonderen Platz. Er war in gewisser Weise der Urheber des zweiten
Anfangs der Kirche im Land der Piasten. Die Taufe der Nation im Jahr 966,
zur Zeit von Mieszko I., wurde mit seinem Märtyrertod besiegelt.
Hinzu kommt, dass mit Adalbert Polen in die europäische Länderfamilie
eintritt. Denn in Anwesenheit eines päpstlichen Legaten treffen sich
am Grab des hl. Adalbert Kaiser Otto III. und Boleslaw der Tapfere
(Chrobry). Diese Begegnung geht als »Begegnung von Gnesen« in
die Geschichte ein. Selbstverständlich hatte sie politische
Bedeutung, aber sie ist auch für die Kirche wichtig. Am Grab des hl.
Adalbert wird von Papst Silvester II. die Errichtung der ersten polnischen
Kirchenprovinz verkündet: Gnesen, der die Bischofssitze Krakau,
Breslau und Kolberg angegliedert werden.
2. Das Samenkorn, das stirbt, bringt reiche Frucht (vgl Joh
12,24). Diese Worte aus dem Johannesevangelium, die Christus einst an die
Apostel gerichtet hat, bewahrheiten sich besonders bei Adalbert. Sein Tod
ist das vollendete Zeugnis. »Wer an seinem Leben hängt, verliert
es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis
ins ewige Leben« (Joh 12,25). Der hl. Adalbert legte auch für
den apostolischen Dienst Zeugnis ab. Denn Christus sagt: »Wenn einer
mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein
Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren« (Joh
12,26). Adalbert folgte Christus nach. Er ging einen langen Weg, der
ihn von der Geburtsstadt Libice nach Prag und von Prag nach Rom führte.
Als er dann bei seinen Landsleuten in Prag weiterhin auf Widerstand stieb,
zog er als Missionar in Richtung Pannonische Ebene und dann durch die Mährische
Pforte nach Gnesen und ins Baltikum. Da Adalbert Zeugnis für Christus
ablegte und den Märtyrertod erlitt, war seine Mission gleichsam die
Krönung der Evangelisierung des Landes der Piasten. Boleslaw der
Tapfere erwarb den Leichnam des Blutzeugen und liess ihn hierher nach
Gnesen bringen.
In Adalbert erfüllten sich die Worte Christi. Über die Liebe
zum irdischen Leben hatte er die Liebe zum Gottessohn gestellt. Als treuer
und hochherziger Knecht folgte er Christus nach und bezahlte sein Zeugnis
mit dem eigenen Leben. Darum hat der Vater ihn geehrt. Das Volk Gottes hat
ihn auf Erden als Heiligen verehrt, weil es davon überzeugt war, dass
ein Blutzeuge Christi im Himmel von der Herrlichkeit des Vaters umgeben
ist.
»Das Weizenkorn, das stirbt, bringt reiche Frucht« (vgl. Joh
12,24). Wie haben sich diese Worte im Leben und Tod des hl. Adalbert
buchstässlich verwirklicht! Sein Blutzeugnis bildet zusammen mit dem
Blut anderer polnischer Märtyrer die Grundlage der Kirche Polens und
des Staates im Land der Piasten. Die Aussaat des Märtyrerblutes von
Adalbert bringt auch weiterhin neue geistliche Frucht. Von den Anfängen
seiner staatlichen Existenz an hat ganz Polen im Laufe der nachfolgenden
Jahrhunderte daraus Kraft geschöpft. Die Begegnung von Gnesen hat
Polen den Weg in die Gemeinschaft mit der ganzen Staatenfamilie Europas geöffnet.
An der Schwelle des zweiten Jahrtausends hat die polnische Nation das
Recht erlangt, sich wie die anderen Nationen am Prozess zu beteiligen, der
Europa ein neues Gesicht geben sollte. Deshalb ist der hl. Adalbert ein
grosser Patron für unseren Kontinent, der damals begann, sich in
Christi Namen zusammenzuschliessen. Durch sein Leben und durch seinen Tod
legte der heilige Märtyrer das Fundament für die europäische
Identität und Einheit. Während der Tausendjahrfeier der Taufe
Polens bin ich oft diesen geschichtlichen Spuren gefolgt, als ich mit den
Reliquien des hl. Stanislaus von Krakau nach Gnesen pilgerte. Ich danke
der göttlichen Vorsehung, dass es mir heute noch einmal geschenkt
ist, diesen Weg zu gehen.
Wir danken dir, hl. Adalbert, dass du uns hier so zahlreich versammelt
hast. Unter uns sind bedeutende Gäste. Ich denke vor allem an die
Staatsoberhäupter der Länder, die mit der Person des
Vojtech-Adalbert verbunden sind. Ich danke für ihre Anwesenheit:
Herrn Kwasniewski, dem Präsidenten von Polen, Herrn Havel, dem Präsidenten
der Tschechischen Republik, Herrn Brazauskas, dem Präsidenten von
Litauen, Herrn Herzog, dem Präsidenten der Bundesrepublik
Deutschland, Herrn Kovac, dem Präsidenten der Slowakischen Republik,
Herrn Kuczma, dem Präsidenten der Ukraine, und Herrn Göncz, dem
Präsidenten von Ungarn.
Meine Herren Präsidenten, ihre Anwesenheit heute hier in Gnesen hat
eine besondere Bedeutung für ganz Europa. Wie vor tausend Jahren
besteht auch heute der Wille zu einem friedlichen Zusammenleben und zum
Aufbau eines neuen Europa, das in Solidarität vereint ist. Ihre
Anwesenheit bezeugt diesen Willen. Ich bitte sie, den von ihnen
vertretenen Nationen freundlicherweise meine herzlichen Grüsse zu übermitteln.
Meinen Dank spreche ich auch den Kardinälen aus, die aus der Ewigen
Stadt gekommen sind, angefangen vom Kardinalstaatssekretär Angelo
Sodano. Ausserdem danke ich den Kardinälen der Länder, die mit
der Person des hl. Adalbert verbunden sind, an ihrer Spitze Kardinal
Miloslav Vlk, dem Nachfolger des hl. Adalbert auf dem Bischofsstuhl von
Prag. Ich freue mich, dass auch Kardinäle aus den fernsten Teilen der
Welt, von Amerika bis Australien, zu uns gekommen sind. Ich begrüsse
herzlich die polnischen Kardinäle, allen voran den Kardinalprimas,
die Erzbischöfe und die Bischöfe, und danke ihnen für ihre
Anwesenheit. Ich danke auch den orthodoxen Bischöfen, den Oberhäuptern
der Gemeinschaften, die aus der Reformation hervorgegangen sind, sowie den
Verantwortlichen anderer kirchlicher Gemeinschaften. Einen herzlichen
Gruss richte ich an Erzbischof Muszynski, den Metropoliten von Gnesen, und
an euch, liebe Brüder und Schwestern, die ihr aus ganz Polen zu
diesem Treffen gekommen seid.
3. Mir ist noch deutlich die Begegnung von Gnesen im Juni 1979 in
Erinnerung, als der aus Krakau stammende Papst erstmals auf dem Lech-Hügel
die Eucharistie feiern konnte. Damals waren der unvergessliche Primas des
Jahrtausends, der ganze polnische Episkopat und zahlreiche Pilger, die
nicht nur aus Polen, sondern auch aus den Nachbarländern gekommen
waren, anwesend. Heute, nach achtzehn Jahren, sollte man auf jene Predigt
von Gnesen zurückgreifen, die in gewissem Sinn zum Programm des
Pontifikats wurde. In erster Linie aber war sie eine bescheidene Auslegung
der Pläne Gottes für die letzten fünfundzwanzig Jahre
unseres Jahrtausends. Damals sagte ich: »Will nicht Christus
vielleicht, fügt es nicht der Heilige Geist, dass dieser polnische,
dieser slawische Papst gerade jetzt die geistige Einheit des christlichen
Europas sichtbar macht, das durch die zwei grossen Traditionen des Westens
und Ostens geprägt wurde . . . ? Ja, Christus will es. Der Heilige
Geist fügt es so, dass das jetzt gesagt wurde, hier, in Gnesen«
(Pfingstgottesdienst vor der Kathedrale, 3. Juni 1979).
Von diesem Ort strömte dann die gewaltige Kraft des Heiligen
Geistes aus. Hier begann die Idee von der Neuevangelisierung konkrete
Formen anzunehmen. Seitdem sind grosse Umwälzungen geschehen, neue Möglichkeiten
haben sich eröffnet, und andere Männer und Frauen sind
aufgetreten. Die Mauer, die Europa teilte, ist gefallen. Fünfzig
Jahre nach Beginn des zweiten Weltkrieges endeten seine Auswirkungen, die
bis dahin das Gesicht Europas geprägt hatten. Ein halbes Jahrhundert
der Spaltung ist beendet. Millionen von Bewohnern Mittel- und Osteuropas
mussten einen furchtbaren Preis dafür bezahlen. Deshalb danke ich
heute hier, am Grab des hl. Adalbert, dem allmächtigen Gott für
das grosse Geschenk der Freiheit, das den europäischen Nationen
zuteil geworden ist. Ich greife die Worte des Psalmisten auf: »Da
sagte man unter den andern Völkern: Der Herr hat an ihnen Grosses
getan. Ja, Grosses hat der Herr an uns getan. Da waren wir fröhlich«
(Ps 126,2-3).
4. Liebe Brüder und Schwestern, nach vielen Jahren sage ich es noch
einmal: Es bedarf einer neuen Verfügbarkeit. Dem es hat sich in
manchmal sehr schmerzlicher Weise gezeigt, dass die Wiedererlangung des
Selbstbestimmungsrechtes und die Erweiterung der politischen und
wirtschaftlichen Freiheiten nicht ausreichen, um die europäische
Einheit aufzubauen. Wie könnte man hier die Tragödie der Völker
im ehemaligen Jugoslawien, das Drama des albanischen Volkes und die
ungeheuren Lasten unerwähnt lassen, unter denen alle Gesellschaften
leiden, die die Freiheit wiedergewonnen haben und sich mit grosser
Anstrengung vom Joch des kommunistischen totalitären Systems frei
machen?
Ist es nicht so, dass nach dem Fall der sichtbaren Mauer eine andere,
unsichtbare Mauer zum Vorschein kam, die unseren Kontinent noch immer
teilt die Mauer, die durch die Herzen der Menschen geht? Es handelt
sich um eine Mauer, die gebaut ist auf Angst und Aggressivität, auf
dem Mangel an Verständnis für die Menschen anderer Herkunft,
anderer Hautfarbe oder anderer Glaubensüberzeugungen. Es ist die
Mauer des politischen und wirtschaftlichen Egoismus, des schwindenden Gespürs
für den Wert des menschlichen Lebens und für die Würde
eines jeden Menschen. Sogar die Erfolge, die in jüngster Zeit im
wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Bereich zweifellos zu
verzeichnen sind, können die Existenz dieser Mauer nicht verbergen.
Sie wirft ihren langen Schatten auf ganz Europa. Das Ziel einer wahren
Einheit Europas liegt noch in weiter Ferne. In Europa wird es keine
Einheit geben, solange diese nicht auf der Einheit des Geistes beruht.
Dieses tiefste Fundament der Einheit wurde vom Christentum nach Europa
gebracht; es wurde im Laufe der Jahrhunderte von seinem Evangelium, seinem
Menschenbild und seinem Beitrag zur Entwicklung der Geschichte der Völker
und Nationen gefestigt. Das bedeutet nicht, sich die Geschichte
einverleiben zu wollen. Denn die Geschichte Europas ist ein breiter Strom,
in den viele Nebenflüsse münden, und die Vielfalt der
Traditionen und Kulturen machen ihren grossen Reichtum aus. Die Fundamente
der europäischen Identität liegen im Christentum. Dass gegenwärtig
die geistige Einheit Europas fehlt, ist hauptsächlich auf die Krise
dieses christlichen Selbstverständnisses zurückzuführen.
5. Brüder und Schwestern, Jesus Christus, »derselbe gestern,
heute und in Ewigkeit« (vgl. Hebr 13,8), hat dem Menschen
seine Würde offenbart! Er ist der Garant dieser Würde! Es waren
die Patrone Europas, die Heiligen Benedikt, Cyrill und Methodius, die die
Wahrheit über Gott und den Menschen in die europäische Kultur
einpflanzten. Es waren die Scharen heiliger Missionare, die uns heute der
heilige Bischof und Märtyrer Adalbert in Erinnerung ruft. Sie haben
die europäischen Völker die Nächstenliebe, ja sogar die
Feindesliebe gelehrt und diese Botschaft mit dem Lebensopfer für sie
besiegelt. Aus dieser frohen Botschaft, dem Evangelium, haben unsere Brüder
und Schwestern in Europa in den nachfolgenden Jahrhunderten bis auf den
heutigen Tag gelebt. Das bezeugen die Bauten der Kirchen, Abteien,
Krankenhäuser und Universitäten. Das verkünden die Bücher,
Skulpturen und Gemälde; das rufen die Werke der Dichter und
Komponisten in Erinnerung. Mit dem Evangelium wurden die Grundlagen der
geistigen Einheit Europas gelegt.
Am Grab des hl. Adalbert stelle ich deshalb die Frage: Dürfen wir
das christliche Lebensgesetz verwerfen, das bekräftigt, dass nur der
reiche Frucht trägt, der sein Leben aus Liebe zu Gott und den
Mitmenschen hingibt und damit einem Samenkorn gleicht, das in die Erde
gefallen ist? Hier, von diesem Ort aus, wiederhole ich den Ruf, der am
Anfang meines Pontifikats stand: Öffnet die Tore für Christus!
Im Namen der Achtung der Menschenrechte, im Namen der Freiheit, der
Gleichheit, der Brüderlichkeit, im Namen der zwischenmenschlichen
Solidarität und der Liebe rufe ich: Habt keine Angst! Öffnet die
Tore für Christus! Ohne Christus ist es nicht möglich, den
Menschen zu verstehen. Deshalb wird sich die Mauer, die sich heute in den
Herzen erhebt, die Mauer, die Europa teilt, nicht abtragen lassen ohne die
Rückkehr zum Evangelium. Denn ohne Christus ist es nicht möglich,
eine dauerhafte Einheit aufzubauen. Die Einheit gelingt nicht, wenn man
sich von den Wurzeln, aus denen die Nationen und Kulturen Europas
gewachsen sind, trennt und vom grossen Reichtum der geistigen Kultur der
vergangenen Jahrhunderte löst. Wie kann man ein »gemeinsames
Haus« für ganz Europa bauen, wenn es nicht mit den Bausteinen
der Gewissen der Menschen errichtet wird, mit Bausteinen, die im Feuer des
Evangeliums gebrannt, durch ein solidarisches Liebesband in der
Gesellschaft zusammengefügt und als Frucht der Liebe zu Gott gereift
sind? Für die Verwirklichung dieses Bauwerks hat sich der hl.
Adalbert eingesetzt; für diese Zukunft opferte er sein Leben. Heute
erinnert er uns daran, dass man eine neue Gesellschaft nicht ohne den
erneuerten Menschen aufbauen kann. Er ist die stabilste Grundlage der
Gesellschaft.
6. An der Schwelle zum dritten Jahrtausend ist das Zeugnis des hl.
Adalbert in der Kirche weiter lebendig und trägt Frucht. Wir müssen
sein Werk der Evangelisierung mit neuer Kraft aufgreifen. Helfen wir
denen, die Christus und seine Lehre vergessen haben, ihn
wiederzuentdecken. Das wird gelingen, wenn erneut Scharen von Menschen
damit beginnen, als treue Zeugen des Evangeliums unseren Kontinent zu
durchqueren; wenn die Werke von Architektur, Literatur und Kunst für
den Menschen unserer Zeit in ansprechender Weise denjenigen darstellen,
der »derselbe ist gestern, heute und in Ewigkeit«; wenn die
Menschen in der Liturgie der Kirche erkennen, wie schön es ist, Gott
zu ehren, und wenn sie in unserem Leben ein Zeugnis der christlichen
Barmherzigkeit, der heroischen Liebe und der Heiligkeit entdecken können.
Liebe Brüder und Schwestern, was ist das für eine aussergewöhnliche
Stunde der Geschichte, in der wir leben dürfen! Welch wichtige
Aufgaben hat Christus uns anvertraut! Er ruft jeden von uns auf, den neuen
Frühling der Kirche vorzubereiten. Er will, dass die Kirche, die ein
und dieselbe ist wie in den Zeiten der Apostel und des hl. Adalbert,
voller Frische mit den Knospen neuen Lebens und aus dem Antrieb des
Evangeliums ins neue Jahrtausend eintritt. Im Jahr 1949 rief der Primas
des Jahrtausends aus: »Hier, am Grab des hl. Adalbert, werden wir die
Fackeln entzünden, die unserem Land das Licht, das die Heiden
erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk (Lk 2,32) ankündigen
werden« (Hirtenbrief zur Eröffnung). Heute
wiederholen wir diesen Ruf und erbitten Licht und Feuer vom Heiligen
Geist, um unsere Fackeln anzuzünden als Boten des Evangeliums bis an
die äussersten Grenzen der Erde.
7. Der hl. Adalbert ist immer mit uns. Er ist von der Glorie des
Martyriums umgeben hier in Gnesen, der Stadt der Piasten, und in
der Kirche auf der ganzen Welt. Im Ausblick auf das neue Jahrtausend
scheint es, als wolle er uns heute mit den Worten des hl. Paulus sagen: »Vor
allem: lebt als Gemeinde so, wie es dem Evangelium Christi entspricht. Ob
ich komme und euch sehe oder ob ich fern bin, ich möchte hören,
dass ihr in dem einen Geist feststeht, einmütig für den Glauben
an das Evangelium kämpft und euch in keinem Fall von euren Gegnern
einschüchtern labt (Phil 1,27-28). Darum geht es: in dem
einen Geist und einmütig für den Glauben zu kämpfen
Heute, nach nunmehr tausend Jahren, lesen wir noch einmal dieses
Testament von Paulus und Adalbert. Wir bitten, dass ihre Worte sich auch
in unserer Generation bewahrheiten. Denn in Christus wurde uns die Gnade
geschenkt, nicht nur an ihn zu glauben, sondern auch seinetwegen zu
leiden, weil wir den gleichen Kampf zu bestehen hatten, von dem uns
Adalbert sein Zeugnis hinterlassen hat (vgl. Phil 1,29-30).
Während sich die Kirche und Europa auf das Grosse Jubiläum des
Jahres 2000 vorbereiten, vertrauen wir uns dem hl. Adalbert an und bitten
ihn um seine Fürsprache für uns.
Wir rufen den Heiligen Geist an, den Geist der Weisheit und der Stärke:
Veni, Creator Spiritus! Amen.
8 - Angelus im Vatikan am 15. Februar 1998siehe L'Osservatore
Romano deutsch Nr. 8/1998, S. 1
Liebe Brüder und Schwestern!
1. Gestern haben wir das Fest der hll. Cyrill und Method gefeiert, die
zusammen mit dem hl. Benedikt die Schutzpatrone Europas sind. Die beiden
griechischen Brüder des 9. Jahrhunderts, aus Thessalonike gebürtig
und in der Schule des Patriarchats Konstantinopel geformt, widmeten sich
der Evangelisierung der Völker Grossmährens am mittleren Lauf
der Donau.
Cyrill und Method versahen ihren missionarischen Dienst in Einheit
sowohl mit der Kirche von Konstantinopel als auch mit dem Sitz des
Nachfolgers Petri und bekundeten auf diese Weise die Einheit der Kirche,
die zu jener Zeit noch nicht durch die Spaltung zwischen dem Osten und dem
Westen verletzt war.
Der Fürbitte dieser beiden Heiligen möchte ich den Wunsch nach
der vollen Einheit unter allen Christgläubigen, besonders im Hinblick
auf das Grosse Jubeljahr 2000, anvertrauen. Die Notwendigkeit, den ökumenischen
Dialog mit allen Kräften forzusetzen, wurde bei dem Treffen des
Zentralkomitees für das Grosse Jubeljahr 2000 mit den Delegierten der
Bischofskonferenzen, das in den vergangenen Tagen stattfand, mit Nachdruck
hervorgehoben. Möge Gott die Schritte zu einer völligen Aussöhnung
beschleunigen, damit die Christen am Anbruch des dritten Jahrtausends wenn
schon nicht völlig geeint, so doch wenigstens diesem Ziel viel näher
sein können.
2. Das Fest der hll. Cyrill und Method bietet mir auch den Anlass, den
Christen und allen Menschen guten Willens auf unserem Kontinent das, was
wir die europäische Herausfordrung nennen können, in Erinnerung
zu rufen: d.h. die Notwendigkeit, ein Europa zu errichten, das sich seiner
Geschichte klar bewusst ist, sich ernsthaft für die Umsetzung der
Menschenrechte einsetzt und solidarisch mit den Völkern der anderen
Kontinente für die Förderung von Frieden und Entwicklung auf
Weltebene eintritt.
So hoch gesetzte Ziele können jedoch nicht ohne eine tiefe und beständige
geistige Motivation verfolgt werden. Eine solche können die Bürger
und Nationen Europas aus dem überreichen gemeinsamen Kulturerbe schöpfen
in fruchtbarem Dialog mit anderen grossen Denkströmungen, wie es in
den besten Augenblicken der 2000 jährigen europäischen
Zivilisation immer der Fall war. Diese berühmten Apostel Europas zu
feiern bedeutet daher, den Einsatz für die Neuevangelisierung des
Kontinents zu erneuern, damit dessen christliche Wurzeln am historischen Übergang
vom zweiten zum dritten Jahrtausend neue Nahrung erhalten zum Wohl aller
europäischen Völker, ihrer Kultur und ihres friedlichen
Zusammenlebens.
3. Die heiligste Jungfrau und Gottesmutter Maria, im Osten wie im Westen
geliebt und verehrt, möge für die Christen erbitten, dass sie in
Eintracht für die Neuevangelisierung zusammenarbeiten, und für
alle europäischen Nationen, dass sie einander in einem gemeinsamen
Haus begegnen können, wobei jede ihren Beitrag mitbringt und in den
Dienst von allen stellt.
INHALTSVERZEICHNIS
Einführung
EINLEITUNG
ERSTER TEIL: EUROPA AUF DEM WEG INS DRITTE JAHRTAUSEND
Unterscheidung der Geister
Widersprüchliche Zeichen und Enttäuschung
Gewissensprüfung
ZWEITER TEIL: JESUS CHRISTUS, DER LEBT IN SEINER KIRCHE
Geheimnis
Gegenwart des Herrn
Gegenwart in der Geschichte
Gemeinschaft
Gemeinschaft mit Gott und mit der Menschheit
Gemeinschaft und Hoffnung
Mission
Auftrag zur Verbreitung des Evangeliums
Ökumenismus und Mission
DRITTER TEIL: JESUS CHRISTUS QUELLE DER HOFFNUNG
Leitourgia
Geschenk Gottes und menschliche Spiritualität
Verlangen nach Spiritualität
Martyria
Menschliche Existenz als Verkündigung
Freiheit und Wahrheit
Diakonia
Dienst
Hoffnung
SCHLUSS
Theologische Hoffnung
Spes nostra, salve
FRAGEBOGEN
TEXTAUSLESE
1. Ansprache an die Vorsitzenden der europäischen
Bischofskonferenzen (1 Dezember 1992)
2. Ansprache an den Rat der europäischen Bischofskonferenzen
(16 April 1993)
3. Botschaft anlässlich des 50. Jahrestages des Endes des
Zweiten Weltkrieges in Europa
4. Predigt bei der Eucharistiefeier in Paderborn (22 Juni 1996)
5. Angelus (Berlin, 23 Juni 1996)
6.Regina Caeli (Sarajevo, 13 April 1997)
7. Predigt bei der heiligen Messe in Gnesen (3 Juni 1997)
8.Angelus (Vatikan, 15 Februar 1998)
Inhaltsverzeichnis
NOTEN
(1) Concilium Oecumenicum Vaticanum II, Constitutio pastoralis de
Ecclesia in mundo huius temporis Gaudium et spes, 1.
(2) Ioannes Paulus II, Epistula Apostolica Tertio millennio
adveniente (10.XI.1994), 21: AAS 87 (1995), 17.
(3) Ioannes Paulus II, Angelus (Berlin, Deutschland -
23.VI.1996) 2, L'Osservatore Romano, 24-25.VI.1996, p. 8.
(4) Cf. Ioannes Paulus II, Regina Caeli (Velehrad, Tschechische
Republik -22.IV.1990) 2, L'Osservatore Romano, 23-24. IV.1990, p. 8.
(5) Cf. Ioannes Paulus II, Epistula Apostolica Tertio millennio
adveniente (10.XI.1994), 27: AAS 87 (1995), 22.
(6) Cf. Ioannes Paulus II, Allocutio (Beratung über die
Sonderversammlung für Europa, 5.VI.1990) 9, L'Osservatore Romano,
6.VI.1990, p. 5.
(7) Cf. Ioannes Paulus II, Epistula Apostolica Tertio millennio
adveniente (10.XI.1994), 21: AAS 87 (1995), 17.
(8) Cf. Ibidem, 18: AAS 87 (1995), 16 ; ibidem, 45: AAS
87 (1995), 33-34.
(9) Ibidem , 46: AAS 87 (1995), 34.
(10) Ioannes Paulus II, Homilia (Heilige Messe zur
Tausendjahrfeier des Todes des hl. Adalbert in Gnesen - Polen -3.VI.1997),
3: L'Osservatore Romano, 4.VI.1997, p. 7.
(11) Cf. Concilium Oecumenicum Vaticanum II, Decretum de oecumenismoUnitatis
Redintegratio, 2.
(12) Ioannes Paulus II, Epistula Apostolica Tertio millennio
adveniente (10.XI.1994), 27: AAS 87 (1995), 22.
(13) Cf. Ibidem, 33-37: AAS 87 (1995), 25-30.
(14) Cf. Ibidem, 35: AAS 87 (1995), 27.
(15) Cf. Concilium Oecumenicum Vaticanum II, Declaratio de libertate
religiosa Dignitatis Humanae, 1.
(16) Cf. Ioannes Paulus II, Epistula Apostolica Tertio millennio
adveniente (10.XI.1994), 36: AAS 87 (1995), 27-29.
(17) Cf. Ibidem, 23: AAS 87 (1995), 19.
(18) Concilium Oecumenicum Vaticanum II, Constitutio dogmatica de
Ecclesia Lumen gentium, 50.
(19) Cf. Ioannes Paulus II, Litterae Encyclicae Redemptor Hominis
(4.III.1979), 13.15: AAS 71 (1979), 282-284; 286-289.
(20) Cf. Ioannes Paulus II, Litterae Encyclicae Redemptor Hominis
(4.III.1979), 13.15: AAS 71 (1979), 282-284; 286-289.
(21) Cf. Concilium Oecumenicum Vaticanum II, Constitutio dogmatica de
Ecclesia Lumen gentium, 1.
(22) Cf. Synodus Episcoporum, Coetus Specialis pro Europa (1991), Declaratio:
Ut testes simus Christi qui nos liberavit, 5, 6, 10.
(23) Cf. Ioannes Paulus II, Epistula Apostolica Tertio millennio
adveniente (10.XI.1994), 21: AAS 87 (1995), 17.
(24) Ioannes Paulus II, Homilia (Heilige Messe zur
Tausendjahrfeier des Todes des hl. Adalbert in Gnesen - Polen -3.VI.1997),
6: L'Osservatore Romano, 4.VI.1997, p. 7.
(25) Ioannes Paulus II, Homilia (IV. Symposium der europäischen
Bischöfe 20.VI.1979), 4: L'Osservatore Romano, 21.VI.1979, p. 1.
(26) Ioannes Paulus II, Allocutio (V. Symposium der europäischen
Bischöfe - 5.X.1982), 4: L'Osservatore Romano, 7.X.1982, p. 2.
(27) Ioannes Paulus II, Homilia (Abschluss der Gebetswoche für
die Einheit der Christen, 25.I.1991), 4: L'Osservatore Romano,
27.I.1991, p. 5.
(28) Cf. Ioannes Paulus II, Schreiben an KardinalCarlo Maria
Martini, Präsident des Rates der Europäischen
Bischofskonferenzen, anlässlich des IV. europäischen ökumenischen
Treffens in Erfurt (26.9.1988), in: "Europa. Un Magistero tra
storia e profezia", herausgegeben von M. Spezzibottiani, 1991,
p.292-294.
(29) Idem.
(30) Cf. Concilium Oecumenicum Vaticanum II, Constitutio pastoralis de
Ecclesia in mundo huius temporis Gaudium et spes, 10.
(31) Ioannes Paulus II, Allocutio (VII. Symposium der europäischen
Bischöfe - 17.X.1989), 4: L'Osservatore Romano, 18.X.1989, p. 5.
(32) Ioannes Paulus II, Allocutio (Rat der Europäischen
Bischofskonferenzen - 19.XII.1978), 2: L'Osservatore Romano,
20.XII.1978, p.1
(33) Ioannes Paulus II, Allocutio (Eucharistische Anbetung in
Santiago de Compostela, Spanien - 9.XI.1982), 2 : L'Osservatore Romano,
11.XI.1982, p. XLIII.
(34) Ioannes Paulus II, Allocutio (beim Heiligen Stuhl
akkreditiertes Diplomatisches Corps, 13.I.1990), 5: L'Osservatore
Romano, 14.I.1990, p. 6.
(35) Cfr. Ioannes Paulus II, Litterae Encyclicae Veritatis splendor
(6.VIII.1993) 1-3, 84 -87: AAS 85 (1993), 1200-1203.
(36) Ioannes Paulus II, Homilia (Heilige Messe zum Abschluss des
46. Internationalen Eucharistischen Kongresses - Breslau, Polen -
1.VI.1997), 5: L'Osservatore Romano, 2-3.VI.1997, p. 7.
(37) Idem.
(38) Idem.
(39) Idem.
(40) Concilium Oecumenicum Vaticanum II, Constitutio pastoralis de
Ecclesia in mundo huius temporis Gaudium et spes, 10.
(41) Catechismus Catholicae Ecclesiae, 2090.
(42) Ioannes Paulus II, Epistula Apostolica Tertio millennio
adveniente, (10.XI.1994), 27: AAS 87 (1995), 22.
(43) Cf. Dante Alighieri, Divina Commedia, Paradiso XXXIII, 12.