BISCHOFSSYNODE
ZWEITE SONDERVERSAMMLUNG FÜR EUROPA
Jesus Christus,
der lebt in seiner Kirche,
Quelle der Hoffnung für Europa
I N S T R U M E N T U M L A B O R I S
Vatikanstadt
1999
© Copyright 1999 - Generalsekretariat der Bischofssynode und Libreria
Editrice Vaticana.
Dieser Text darf nur den Bischofskonferenzen oder mit ihrer Genehmigung
gedrukt oder verbeitet und unter der Bedinung, daß der Inhalt in
keinster Weise verändert wird und daß zwei Kopien dem Generalsekretariat
der Bischofssynode zugestellt werden, 00120 Vaticanstadt.
Einführung
Die Zweite Sonderversammlung für Europa, die kurz vor Beginn
des Jahres 2000 vom 1. bis 23. Oktober 1999 stattfindet, ist die letzte in
der Reihe der kontinentalen Synoden und gleichsam der Höhepunkt der
Vorbereitungsphase. In dieser gab es bedeutsame Momente, wie zum Beispiel
die Beratung über das zu wählende Synodenthema, dessen
Formulierung dann vom Heiligen Vater genehmigt wurde, sowie die Veröffentlichung
der Lineamenta(16. März 1998) mit dem Fragenanhang, die den
Interessenten und vor allem den europäischen Bischofskonferenzen
zugesandt wurden. Mit der Veröffentlichung des vorliegenden "Arbeitspapiers"
oder Instrumentum laboris, das die auf das erste Dokument
eingegangenen Antworten berücksichtigt, endet nun die Vorbereitung
der Synode.
Die Ankündigung der Feier der Zweiten Sonderversammlung für
Europa weckte in jeder Hinsicht unter den Teilkirchen des Kontinents wie
auch in der gesamten Kirche großes Interesse. Das ist aus den vielen
Antworten und Stellungnahmen zu den Lineamenta zu ersehen, die im
Generalsekretariat eingegangen sind. Viele Teilkirchen nutzten die
Vorbereitungsphase und das Lineamenta-Dokument zum gemeinsamen
Beten und vertieften Nachdenken über verschiedene Punkte des
Synodenthemas, wodurch sie die Reichhaltigkeit des Instrumentum
laborissicherstellten.
Während der 5. Vorsynodalen Ratsversammlung, die vom 16. bis
18. März 1999 in Rom stattfand, legte der Vorsynodale Rat an Hand des
ganzen dem Generalsekretariat aus der Vorbereitungsphase zugeleiteten
Materials und mit Hilfe europäischer Fachkräfte den endgültigen
Entwurf dieses Arbeitspapiers vor. Die Ratsmitglieder prüften bei
dieser Tagung den ersten Textentwurf, der auf Grund der Antworten
zusammengestellt und gemäß den Themenkreisen gegliedert war,
die sich aus den von den Lineamentagestellten Fragen ergeben
hatten. Die Stellungnahmen der Mitglieder des Vorsynodalen Rates wurden
dann bei dieser Tagung in den endgültigen Text eingearbeitet, der dem
Heiligen Vater zur Approbation vorgelegt wurde.
Bei der Abfassung des Textes, der die Antworten und Stellungnahmen
inhaltlich wiedergeben sollte, wurden drei Aspekte besonders beachtet, die
in gewisser Form im endgültigen Text zu finden sind: 1. die
gemeinsamen Gesichtspunkte, 2. die gegensätzlichen Aspekte und 3. die
möglichen Versehen in den Antworten. Darüber hinaus ist der
Hinweis angebracht, daß das Arbeitspapier nicht nur die
obengenannten Themen, sondern auch solche Punkte behandelt, die den
Antworten entsprechend weiter geprüft und entwickelt werden sollten.
In diesen Fällen werden sie, obwohl sie im vorliegenden Text nicht
ausführlich behandelt werden, dennoch erwähnt, so daß sie
in den synodalen Debatten auf die Tagesordnung zu setzen sind.
Das in vier Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch und
Italienisch) vorliegende Instrumentum laboris gliedert sich
entsprechend der logischen Entfaltung des Synodenthemas: "Jesus
Christus, der lebt in seiner Kirche, Quelle der Hoffnung für Europa."
Dementsprechend setzt sich das Arbeitspapier aus einer Einleitung
und drei Hauptteilen zusammen, deren Titel sich auf die Hauptbegriffe des
Themas beziehen. Diese drei Teile sind jeweils in Untertitel geteilt, die
damit zusammenhängende Punkte behandeln. Das Arbeitspapier schließt
mit einer kurzen Zusammenfassung.
Die Einleitung beschreibt den gegenwärtigen Kontext, in dem die
Synode stattfindet, und vergleicht ihn mit dem der vorgehenden Synode.
Im ersten Teil - Europa auf dem Weg ins dritte Jahrtausend - findet
sich ausreichendes Material für die notwendige Unterscheidung der "Zeichen
der Zeit". Es werden die in Europa in den vergangenen zehn Jahren
stattgefundenen Veränderungen sowie die Möglichkeiten und Gründe
zur Hoffnung, aber auch die Enttäuschungen, Gefahren und Besorgnisse
beschrieben, die diese Wandlungen mit sich bringen. Des weiteren werden
einige besonders schwierige Probleme beleuchtet, die aus der derzeitigen
Lage Europas erwachsen. Gefragt wird nach den kulturellen Ursachen, die
den genannten wahrnehmbaren Neuheiten und Phänomenen zugrundeliegen,
und es wird darauf hingewiesen, wie wichtig und entscheidend die
anthropologische Frage und noch mehr die "Glaubensfrage" ist.
Der zweite Teil, Jesus Christus lebt in seiner Kirche, beschreibt
die notwendigen Voraussetzungen und Hilfen für die Wahrhaftigkeit und
Lebenskraft des Glaubens. Es ist der grundlegende Teil, der hervorheben
will, daß man die Hoffnung nur wiedererwecken und wiederfinden kann,
wenn man sich auf den Glauben an den Auferstandenen stützt, wenn man
das in jedem Menschen lebendige Verlangen nach Jesus erkennt; wenn man an
ihn als den einzigen Erlöser glaubt und die Gewißheit hat, daß
Jesus Christus und die Kirche eins sind, weil man die Kirche in ihrer
innersten Wirklichkeit als "Geheimnis" und "Gemeinschaft"
sieht.
Im dritten Teil, Jesus Christus, Hoffnung für Europa, wird
darauf hingewiesen, daß die Sendung der Kirche und der Jünger
aus der Begegnung mit Christus erwächst. Es werden die Vorbedingungen
für die Kirche - will sie dem heutigen Europa Hoffnung vermitteln -
aufgezählt mit dem Hinweis, jede wahrhaftig und mutig zu prüfen.
Damit will man sagen, daß es notwendig ist, daß die Kirche die
Gegenwart und das Handeln Christi und seines Geistes zu erkennen und
anzunehmen vermag, daß sie wirkliche, ständige, ihm
gleichgestaltete Transparenz Christi, wahrer Ort der Gemeinschaft ist. Der
dreifachen Sendung der Kirche, "martyria", "leitourgia"
und "diakonia", folgend, werden die Möglichkeiten zur
Debatte gestellt und gegebenfalls neu angestoßen, wie die Kirche in
Europa heute das "Evangelium der Hoffnung" durch die Verkündigung,
den Gottesdienst und den Dienst am Nächsten verbreiten kann. In
diesem Rahmen werden in bezug auf die Verkündigung und das Zeugnis
die Themenkreise der Neuevangelisierung, der Ökumene und des Dialogs
mit dem Judentum und den anderen Religionen sowie der Sekten behandelt. Im
Hinblick auf den Gottesdienst wird eine Gewissensprüfung über
die Gegenwart des Herrn in der Liturgie und der heutigen konkreten
liturgischen Praxis angeregt. Für den Dienst am Nächsten liegt
der Schwerpunkt auf dem Zeugnis der Liebe, auf dem Bemühen,
Gemeinschaft und Solidarität aufzubauen, auf einigen pastoralen
Bereichen, die im derzeitigen Kontext scheinbar einen besonderen Einsatz
erfordern, und auf der Verpflichtung und den Einsatz für den Aufbau
eines neuen Europas.
Im Text wird an die europäischen Märtyrer dieses
Jahrhunderts erinnert und auf die Bedeutung dieses Gedächtnisses
hingewiesen, das in Europa neue Hoffnung wecken soll. Außerdem wird
die Verbindung von Synode und Jubiläum des Jahres 2000 hervorgehoben.
Das vorliegende Instrumentum laboris will den Synodenverlauf
und die unmittelbare Vorbereitung der Teilnehmer erleichtern und deshalb
die Kernprobleme der Kirche in Europa herausstellen. Auf diese Weise will
es entsprechende Orientierungen geben für die Aufgabe der
Unterscheidung, die den Hirten aufgetragen ist auf Grund ihres Charismas
und ihrer Verpflichtung, über den Zeitstrom zu wachen, dessen Zeichen
zu erforschen, das zu erfassen, was der Geist den Kirchen sagt, und die
zukünftigen Schritte zu bestimmen. Es soll also auch ein Ansporn zur
heilsamen "Gewissensprüfung" sein. Aber es will vor allem
einige Leitlinien als wesentliche Hoffnungsträger für das Europa
von heute zur Debatte stellen und zur Überprüfung vorlegen. Sie
bestehen in der Erneuerung und Bekräftigung des Glaubens an Jesus,
der in seiner Kirche lebt; an Jesus, der als einziger den Menschen, den Völkern
und Nationen sichere Hoffnung zu geben vermag; sowie in der Klärung
der Bedingungen und Weisen, die es der Kirche ermöglichen, ihrem
Auftrag gemäß das "Evangelium der Hoffnung" durch die
Verkündigung, den Gottesdienst und den Dienst am Nächsten zu
verbreiten.
Die im Instrumentum laboris enthaltenen Informationen sind
eine Zusammenfassung der beim Generalsekretariat eingegangenen Antworten
und werden nun den europäischen Bischöfen, die an der
Sonderversammlung teilnehmen, für ihre persönliche Vorbereitung
zurückgegeben, damit sie einzelne Punkte für ihre Wortmeldung in
der Synode auswählen können. Der Heilige Vater hat die Veröffentlichung
dieses Dokuments gern genehmigt, deshalb ist es wünschenswert, daß
die Bischöfe in Europa es auch in ihren Teilkirchen für weitere
Anstöße und für die Teilnahme aller Gläubigen am
Synodenverlauf nutzen mögen.
Seiner Natur nach ist das Instrumentum laboris ein
Arbeitspapier. Es darf keineswegs als Vorwegnahme der Beschlüsse der
Synodenversammlung gesehen werden, wenn auch der Konsens, der sich in
gewissen Punkten aus den Antworten ergibt, zweifellos in den Ergebnissen
der Synode niederschlagen wird.
Es ist meine feste Hoffnung, daß Maria, die mit den Jüngern
im Abendmahlssaal anwesend war, diese letzten Vorbereitungen leiten und
den Synodenteilnehmern in den Beratungen beistehen wird. So möge
diese Versammlung viele Menschen zu Christus führen, der in seiner
Kirche lebt als Quelle der Hoffnung für Europa, und dem Werk der
Evangelisierung des europäischen Kontinents frischen Antrieb geben, während
die Kirche sich anschickt, die Schwelle des dritten Jahrtausends zu überschreiten.
Jan P. Kardinal SCHOTTE, c.i.c.m.
Generalsekretär
Einleitung
Zwei Synoden für Europa
1. Im Jahr 1991, als die erste Sonderversammlung der Bischofs-synode für
Europa durchgeführt wurde, stand Europa noch ganz unter dem Zeichen
der Wiedervereinigung. Für viele Völker Europas war die große
Stunde der Befreiung angebrochen, gleichsam des Heraus-kommens aus den
Katakomben und einer Art "Durchzugs durch das Rote Meer".
Groß war die Hoffnung. Wie Johannes Paul II. betonte, "scheint
ein gemeinsames Empfinden heute die große Menschheitsfamilie zu
beherrschen. Alle fragen sich, was für eine Zukunft [...] in Frieden
und Solidarität aufzubauen ist. Mauern sind gefallen. Grenzen haben
sich geöffnet. Ein irdischer Messiasglaube ist zusammengebrochen, und
in der Welt steigt der Durst nach einer neuen Gerechtigkeit auf. Eine große
Hoffnung hat sich erhoben, Hoffnung auf Freiheit, auf Verantwortung, auf
Solidarität und geistige Werte. In dieser bevorzugten Stunde, in der
wir leben, rufen alle nach einer vollmenschlichen Zivilisation. Diese
ungeheure Hoffnung der Menschheit darf nicht enttäuscht werden".(1)
Der Augenblick ist "günstig, um die Steine der gestürzten
Mauer aufzulesen und zusammen das gemeinsame Haus zu bauen".(2)
Gleichzeitig war es dringend notwendig, sich zu fragen, was die
wiedererlangte Freiheit bedeutete. Die grundlegende Frage betraf -
wie aus dem Synodenthema "Ut testes simus Christi qui nos
liberavit" hervorgeht - den wahren Begriff von Freiheit. Denn die
Kirche ist wie alle christlichen Kirchen gesandt, diese Freiheit zu
bezeugen, zu verkünden und aufzubauen in dem vollen Bewußtsein,
daß diese Freiheit keine andere Freiheit als die sein kann, die
Christus uns erlangt hat, und daß folglich die angemessene Antwort
der Kirche nur eine "Neuevangelisierung" sein kann.
Die Synode, entstanden aus der Erkenntnis, daß Europa eine
besonders schwierige geschichtliche Periode durchlebte, bedeutete zugleich
eine Quelle der Gnade und Neuheit sowie einen Anruf Gottes und erwies sich
als eine besonders günstige Gelegenheit für ein Treffen der
Bischöfe sowie für die Erfahrung der Katholizität der
Kirche. Aufgabe der Synode war, gründlich über die historische
Tragweite der Stunde, die Europa und die Kirche erlebten, nachzudenken und
die Zeichen der Zeit zu erforschen sowie entsprechende Weisungen zu
entnehmen für den Weg, der im Hinblick auf die Evangelisierung des
dritten Jahrtausends durch den gegenseitigen Austausch der Gaben
einzuschlagen ist.
Es zeigte sich ganz klar, wie der Weg verlaufen sollte. Es ging darum, "den
europäischen Menschen die befreiende Botschaft des Evangeliums erneut
anzubieten".(3) Es gab also für die Kirche keine andere Aufgabe
als die "Neuevangelisierung". Denn nur Jesus Christus ist der
wahre Befreier des Menschen. Nur er kann die Situation der Befreiung
Europas in die rechte Bahn lenken.
2. Heute, acht Jahre danach, befindet sich Europa hingegen in einer
Lage, in der - so könnte man sagen - die Einheit bedroht ist. "Ist
es nicht so - sagte der Papst -, daß nach dem Fall der sichtbaren
Mauer eine andere, unsichtbare Mauer zum Vorschein kam, die unseren
Kontinent noch immer teilt - die Mauer, die durch die Herzen der Menschen
geht? Es handelt sich um eine Mauer, die gebaut ist auf Angst und
Aggressivität, auf dem Mangel an Verständnis für die
Menschen anderer Herkunft, anderer Hautfarbe oder anderer Glaubensüberzeugungen.
Es ist die Mauer des politischen und wirtschaftlichen Egoismus, des
schwindenden Gespürs für den Wert des menschlichen Lebens und für
die Würde eines jeden Menschen. Sogar die Erfolge, die in jüngster
Zeit im wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Bereich
zweifellos zu verzeichnen sind, können die Existenz dieser Mauer
nicht verbergen. Sie wirft ihren langen Schatten auf ganz Europa. Das Ziel
einer wahren Einheit Europas liegt noch in weiter Ferne".(4)
Viele Menschen glaubten, die außerodentlichen Ereignisse von 1989
führten zu einem radikalen Wandel der Geschichte und Europa bliebe in
Zukunft von solchen Dramen und Teilungen verschont; diese haben aber auch
in diesen Jahren europäische Länder und Völker getroffen.
An der Schwelle des dritten Jahrtausends ist unser Erdteil zwar noch sehr
reich an deutlichen Glaubenszeugnissen im Rahmen eines zweifellos freieren
und einmütigeren Zusammenlebens. Er spürt aber die ganze Abnützung,
die durch die ältere und jüngere Geschichte im tiefsten Inneren
seiner Völker entstanden ist, was oft zu Enttäuschungen führt.
Deshalb ist die Gefahr sehr groß, daß die Hoffnung immer
mehr schwindet. Die Aufgabe von heute ist es, die verlorene Hoffnung
nicht nur vorübergehend an der Oberfläche, sondern tiefgreifend,
überzeugend und auf Dauer wiederzuerwecken.
Die Aufgabe besteht wiederum in der Rückkehr zum Evangelium.
In der Überzeugung, daß es in Europa "keine Einheit geben
(wird), solange diese nicht auf der Einheit des Geistes beruht. Dieses
tiefste Fundament der Einheit wurde vom Christentum nach Europa gebracht;
es wurde im Laufe der Jahrhunderte von seinem Evangelium, seinem
Menschenbild und seinem Beitrag zur Entwicklung der Geschichte der Völker
und Nationen gefestigt".(5) Wenn das die Vergangenheit gelehrt hat,
dann gilt auch für heute, daß "sich die Mauer, die sich
heute in den Herzen erhebt, die Mauer, die Europa teilt, nicht abzutragen
ist ohne die Rückkehr zum Evangelium".(6)
3. In diesen Kontext ist die zweite Sonderversammlung der
Bischofssynode für Europa einzuordnen. Von Johannes Paul II. in
Berlin angekündigt, gehört sie zu den Synoden der einzelnen
Erdteile, die in Vorbereitung auf das Große Jubiläum des Jahres
2000 stattfinden.(7) Sie wird an das Ergebnis der vorhergehenden Synode
anknüpfen und es weiterentwickeln. Sie wird eine Bestandsaufnahme der
jüngsten Jahre machen, alles sorgsam prüfen und sich weiterhin
um einen gegenseitigen Austausch der Gaben bemühen. Dadurch legt sie
die grundlegenden Zielsetzungen fest: die Lage der Kirche in Europa im
Blick auf das Jubiläum zu analysieren, Beiträge und Weisungen
anzubieten, damit die gewaltigen geistlichen Kraftreserven dieses Erdteils
in allen Breiten wirkliche Entfaltung finden, und eine neue Verkündigung
des Evangeliums zu fördern, so daß die Voraussetzungen für
eine wahre religiöse, soziale und wirtschaftliche Wiedergeburt
geschaffen werden.(8)
Die Synode will vor allem bekennen, daß "Jesus
Christus in seiner Kirche lebt und die Quelle der Hoffnung für Europa
ist". Sie will diese "Hoffnung gegen alle Hoffnung"
verkünden. Sie will es durch eine aufmerksame und gewissenhafte Lektüre
der heutigen Zeit tun, um in ihr die "Zeichen" und die "Samen"
der Hoffnung zu entdecken, die keinesfalls fehlen. Sie will es vor allem
tun, indem sie die Hoffnung einer glaubenden Kirche erneuert.
Das ist die wahre "göttliche Hoffnung". Sie
besteht nicht im Optimismus dessen, der meint, er werde es schon schaffen
und das erreichen, was er sich vorgenommen hatte. Sie besteht auch nicht
im einfachen Vertrauen auf die gute Sache Europas, die durchaus positiven
und anregenden Einfluß ausüben mag. Sie ist die Hoffnung, die
auch mit dem Risiko des Mißerfolgs und der Anstrengung rechnet. Aber
weit mehr ist sie eine Hoffnung, die in Gott gründet. Sie ist die
wahre göttliche Tugend, die die "Herrschaft" und liebevolle
und siegreiche Gegenwart Christi anerkennt. Sie ist die Hoffnung Abrahams
und des Apostels Paulus, die auch vor den Städten im Niedergang nicht
aufgegeben haben. Sie ist die Hoffnung dessen, der "entgegen aller
Hoffnung weiter hofft" in der Gewißheit, daß Gott treu
ist und seine Verheißungen erfüllt und daß er in Jesus
und mit der Kraft des Geistes den Menschen, die Gesellschaft und die Welt
nicht verläßt, sondern sich zum Gefährten und Licht auf
dem Weg, zur Kraft und Stütze bei der Arbeit macht.
4. Textgrundlage ist die Begegnung der zwei Jünger mit dem
Auferstandenen auf dem Weg nach Emmaus (Lk 24, 13-35), die als
"Sinnbild" für die heutige europäische
Situation genommen wird. Denn wie die beiden Jünger scheinen auch
viele Menschen in Europa im Gegensatz zur Euphorie, die während der
ersten Sonderversammlung der Synode herrschte, entmutigt und
niedergeschlagen, denn ihre Erwartungen wurden nicht erfüllt, und sie
blicken verunsichert und ohne Hoffnung in die Zukunft. Wie für die Jünger
am Abend des Ostertages kann in diesen Menschen nur die Begegnung mit dem
Auferstandenen, der in seiner Kirche lebt, "das Herz entbrennen
lassen", so daß sie "noch in derselben Stunde aufbrechen"
und dorthin zurückkehren, wo sich die europäische Geschichte im
Leben des Einzelnen entfaltet. So tragen sie dazu bei, in ganz Europa ein
Zusammenleben nach dem Maß des Menschen, ohne Ausnahme und
Schranken, voll Aufnahmebereitschaft, Solidarität und Frieden zu fördern.
Durch diesen Dienst können die Christen und die Kirchen mithelfen,
ein neues Europa der geistigen Werte aufzubauen, das fähig ist, über
die eigenen Grenzen und Interessen hinweg der ganzen Welt einen neuen
Beitrag an Zivilisation, Weisheit und Frieden anzubieten.
Erster Teil
Europa auf dem Weg ins dritte Jahrtausend
Unterscheidung der "Zeichen der Zeit"
5. Zwei von den Jüngern waren "auf dem Weg in ein Dorf namens
Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist. Sie sprachen
miteinander über all das, was sich ereignet hatte" (Lk
24, 13-14). Selbst mit einbezogen in den geschichtlichen Ablauf, konnten
sie nicht unbeteiligt bleiben, sondern schauten auf das, was in ihrer
Umgebung geschah, und versuchten sich zurechtzufinden. Ja, sie "redeten
und tauschten ihre Gedanken aus" (vgl. V. 17). Aber ihr Weg war von
Trauer gekennzeichnet, "sie blieben traurig stehen" (V. 21), und
noch mehr vom Verlust des Glaubens. Da "kam Jesus hinzu und ging mit
ihnen. Doch sie waren wie mit Blindheit geschlagen, so daß sie ihn
nicht erkannten" V.15-16). Augustinus kommentiert: "Sie sagen:
Wir aber hatten gehofft, daß er der sei, der Israel erlösen
werde. Ihr Jünger, ihr hattet gehofft, das heißt, daß
ihr jetzt nicht mehr hofft. Schaut, Christus lebt, aber eure Hoffnung ist
tot. Ja, Christus lebt wirklich. Aber dieser lebendige Christus findet die
Herzen der Jünger tot [...] Sie hatten den Glauben und die Hoffnung
verloren. Obwohl sie mit einem Lebenden gingen, waren sie tot. Als Tote
gingen sie, begleitet vom Leben. Mit ihnen ging das Leben, aber in ihren
Herzen war das Leben noch nicht erwacht".(9)
Die beiden Jünger sind also ein Sinnbild für viele unserer
Zeitgenossen im Europa von heute, das von der Hoffnung auf den Herrn geprägt
wurde und das der Herr nicht verlassen hat. Viele Europäer scheinen
verstört, verwirrt, verunsichert und fast ohne Hoffnung zu sein.
Nicht wenige Christen befinden sich in diesem Seelenzustand und scheinen
den Glauben verloren zu haben oder beschränken sich darauf, eine
gewisse Praxis beizubehalten oder eine bestimmte oberflächliche Frömmigkeitsform
auszuüben.
Die Zeichen der Zeit unterscheiden
6. Ihrer prophetischen Sendung getreu wollen die Bischöfe mit ihren
Kirchen auf der Synode sich prüfen, um die Zeichen der Zeit
zu erforschen und im Licht des Evangeliums zu beurteilen.(10) Es geht
darum, "über all das zu sprechen, was sich in Europa ereignet
hat", und - im Unterschied zu den Jüngern von Emmaus - sich
von der Gegenwart und vom Wort des Herrn prüfen und erleuchten zu
lassen in dem Bewußtsein, daß der Herr mit ihnen, mit
ihren Kirchen und mit Europa auf dem Weg ist.
So war es schon bei der ersten Sonderversammlung der Bischofssynode für
Europa, die Johannes Paul II. einberufen hatte, um eingehend über die
Tragweite der historischen Stunde nachzudenken, die für Europa und für
die Kirche durch die Ereignisse von 1989 angebrochen war. Zugleich sollten
die Zeichen der Zeit erforscht werden und Wegweisungen gefunden
werden,(11) indem man zu verstehen suchte, was der Geist Christi der
Kirche durch die Erfahrungen der Vergangenheit sagen und welchen Weg er
ihr für die Zukunft weisen wollte.(12)
Die Aufgabe der Unterscheidung endet jedoch nicht mit der Synode,
sondern ist den Hirten im Leben der Kirche ständig aufgetragen und
wird noch dringlicher angesichts des im Laufe der Geschichte sich
wandelnden und immer neuen Weltbildes. Wie Johannes Paul II. hervorhob,
ist es also wieder "notwendig, daß die Christen es verstehen,
diese vom kairos unserer Stunde gebotenen Möglichkeiten
aufzugreifen und zu zeigen, daß sie auf der Höhe der pastoralen
Aufgabe stehen, die sich aus der konkreten geschichtlichen Situation
ergeben".(13)
Deshalb fühlt sich die Synode gedrängt, die konkreten
geschichtlichen Ereignisse der vergangenen Jahre in Europa und die sich
gegenwärtig abzeichnenden Tendenzen mit großer Aufmerksamkeit
zu beobachten. Es ist eine Aufmerksamkeit, verbunden mit der
Unterscheidung und der kritischen Beurteilung, die die positiven und
negativen bzw. problematischen Aspekte beleuchtet und Wege weist, damit
Europa seine Identität nicht aufgibt, seine Verpflichtungen nicht
vernachlässigt und so die Hoffnung wieder aufleben läßt.
Es geht also darum, wie Johannes Paul II. betont und lehrt, voll Liebe
und Sympathie auf Europa zu schauen: mit einer Haltung, die dem eigen
ist, der alles Positive und Förderliche, das ihm begegnet,
anzuerkennen, hochzuschätzen und zu nutzen weiß, der aber auch
nicht die Augen verschließt vor dem, was dem Evangelium nicht
entspricht, und es anprangert, wobei er nicht müde wird, weitere
Ziele aufzuzeigen und anzupeilen.
Die "res novae" im Europa des letzten Jahrzehnts
7. Obwohl seit 1989 zehn Jahre vergangen sind und jene
Ereignisse für viele Menschen weit zurückliegen, sind ihre
Auswirkungen auf das Leben Europas und seine Kirchen noch deutlich spürbar.
Zweifellos haben nach diesen Ereignissen bedeutsame Veränderungen
im Leben der Kirchen stattgefunden.
Wie bereits in der Synode vor acht Jahren betont wurde, zeigt die Kirche
in Ost- und in Westeuropa "eine neue Lebenskraft, besonders in der
biblischen und liturgischen Erneuerung, in der aktiven Teilnahme der Gläubigen
am Pfarrleben, in den neuen Formen des Gemeinschaftslebens sowie in der
Wiederentdeckung des Gebets und des kontemplativen Lebens und in den vielfältigen
Formen des hochherzigen Dienstes an den Armen und Ausgegrenzten".(14)
Bedeutsam ist auch die Präsenz kleiner Kommunitäten und neuer
kirchlicher Gruppen und Bewegungen, insgesamt Lebensformen, die die
Frische und Lebenskraft des Glaubens wecken und fördern und die
kirchliche Gemeinschaft beleben sowie "dem Leben der Kirche eine
unerwartete und manchmal sogar überraschende Neuheit verliehen"(15)
haben. Unterschiedliche Menschen wurden von Charismen, die der Heilige
Geist bewirkt hatte, gepackt und zu "neuen Wegen des missionarischen
Einsatzes im Dienst am Evangelium angetrieben, während sie ständig
die Wahrheiten des Glaubens verkündeten, den lebendigen Fluß
der Tradition annahmen und in jedem einzelnen das brennende Verlangen nach
Heiligkeit weckten".(16)
Die neue Freiheit und die Verkündigung der Menschenrechte in den Ländern
hinter dem ehemaligen Eisernen Vorhang ermöglichten den
jahrzehntelang "in Ketten" lebenden Kirchen eine neue
Handlungsfreiheit. Trotz der Mühen und Schwierigkeiten, die der
Wiederaufbau einer von der Diktatur und einem irrigen Lebenssystem
besonders im inneren Wachstum gestörten Welt mit sich bringt, war das
Zeugnis dieser Kirchen sehr bedeutsam. Gleiches gilt für die verheißungsvollen
Programme, die die Kirchen erstellt hatten, um dem Wunsch entsprechend auf
allen Ebenen das lange Zeit unterdrückte und ausgegrenzte religiöse
und kulturelle Erbe "sicherzustellen" und durch die konziliare
und nachkonziliare Lehre zu bereichern.
Zur gleichen Zeit haben vor allem typisch westeuropäische negative
Phänomene wie der praktische Materialismus, das Konsumverhalten, der
Hedonismus und der kulturelle und religiöse Relativismus auf die
osteuropäischen Völker Einfluß genommen und die Arbeit der
Ortskirchen erschwert. Es fehlte nicht an Haltungen des Mißtrauens
seitens einiger Kirchen des Ostens gegenüber den westlichen Kirchen
aus Furcht, mit ihnen nicht Schritt halten und den Dialog nicht "auf
gleicher Ebene" führen zu können und den oft mit heroischen
Opfern erkämpften Einfluß zu verlieren. Manchmal war es für
Ordensleute aus Westeuropa, die zu den Kirchen des Ostens gesandt wurden,
nicht leicht, die Situation vor Ort zu verstehen und mit den Vertretern
der Ortskirche zusammenzuarbeiten. Der Übergang von einem unterdrückten
Christentum zu einem ein Freiheit gelebten Christentum brachte die Schwächen
mancher Positionen zutage, was negative Auswirkungen auf die Anzahl
geistlicher Berufe hatte, vor allem in Ländern, die zuvor sehr viele
Berufungen hatten.
8. Große und bedeutsame Veränderungen gab es
auch im kulturellen, sozialen und politischen Bereich.
Zu berücksichtigen ist vor allem, daß in den letzten zehn
Jahren eine Entwicklung im Gang ist, die manchmal einer Neugründung
des Staates und des gesamten Zusammenlebens ähnelt, so daß man
in jedem Fall von einem noch unvollendeten Übergang auf
politischer und institutioneller Ebene spricht, d.h. von einem
Vorgang, der leider die Form schwerer blutiger Konflikte angenommen hat.
Es ist ein Übergang, der in vielen Ländern mit der Suche nach
Wegen zur korrekten Ausübung der Freiheit und der Demokratie nach
jahrzehntelanger kommunistischer Herrschaft verbunden ist. In anderen Ländern
wird dieser durch die Krise und den Zusammenbruch des kommunistischen
Blocks hervorgerufene Übergang im Wandel der politischen Ordnung
deutlich. Weitere Folgen sind die fortschreitende Zerbröckelung des
Katholizismus durch unterschiedliche Parteinahmen, die die Kirchen
zwingen, neue Formen der Beziehung und Präsenz zu suchen. Der Übergang
wird auch durch das Auftreten neuer Personen, Völker und Nationalitäten
auf der Bühne Europas und der Welt deutlich, mit allem, was das in
Bezug auf eine rechte Intepretation der Völker- und Nationenrechte
bedeutet.
Der Fall des Eisernen Vorhangs hat nach Jahrzehnten erstmals eine
direkte Kontaktnahme mit den mittel- und osteuropäischen Ländern
ermöglicht. Es hat sich eine Wanderungsbewegung aus Osteuropa
und zusätzlich auch aus dem Süden und aus den verschiedenen
afrikanischen und asiatischen Ländern entwickelt. Die Armen und
Obdachlosen kommen aus vielen Ländern hinter dem ehemaligen Eisernen
Vorhang sowie aus Afrika und Asien in die westeuropäischen Städte,
und nicht selten handelt es sich um illegale Einwanderungen. Diese
Wanderungsbewegung bringt in Europa vielfältige soziale und
kulturelle Probleme mit sich, die aufmerksam zu unterscheiden sind und
verantwortlich bewältigt werden müssen. So entsteht von Jahr zu
Jahr eine immer pluralistischere Situation in Bezug auf die ethnischen,
kulturellen, religiösen und sozialen Bedingungen. Und das alles
stellt eine Herausforderung dar für die Kirchen, die sie - nicht ohne
Schwierigkeiten - zu bewältigen suchen, indem sie neue Formen der
Aufnahme, der Solidarität schaffen und einen interreligiösen und
interkulturellen Dialog in Gang bringen.
Man darf auch das allgemein verbreitete Phänomen der Globalisierung
nicht außer Acht lassen, das die europäischen Völker und
Staaten erfaßt und miteinbezogen hat.
In den jüngsten Jahren hat sich der europäische Einigungs-
und Integrationsprozeß zwischen den Mitgliedstaaten der
Union sogar bis zur Herausgabe der gemeinsamen Geldwährung beschleunigt.
Die Beteiligung an diesem Entwicklungsprozeß ermöglichte
vielleicht erstmals einem Großteil der europäischen Völker,
die wachsende Bedeutung der europäischen Institution für das
nationale Leben konkret zu ermessen, weil sie über eine rethorische
und distanzierte Sicht des europäischen Horizonts hinausging. In
diesem Kontext entfalteten sich feste Formen der Beziehungen, des Dialogs
und der Konsultation zwischen den europäischen Institutionen und der
katholischen Kirche (durch die Bischöfliche Kommission bei der Europäischen
Gemeinschaft) und zwischen den katholischen Kirchen ganz Europas (durch
den Rat der Europäischen Bischofskonferenzen), Formen, die für
die Beteiligung der Kirche am Aufbau des neuen Europas grundlegend sind.
Es ist unschwer festzustellen, daß auch der gegenwärtige
historische Zeitpunkt in Europa deutlich macht, daß es sich noch an
einem Kreuzpunkt befindet, wo der Aufbau, die Vereinigung und die
Evangelisierung Europas ebenso grundlegende Aufgaben sind. Und zugleich
zeigt sich deutlich, daß die derzeitige europäische Geschichte
- wie der Heilige Vater mehrmals betont hat - von tiefgreifenden Veränderungen
und vielen Problemen gekennzeichnet ist, aber gleichfalls unerwartete Möglichkeiten
in Bezug auf die Evangelisierung, das Zusammenleben und die Zusammenarbeit
mit sich bringt.(17) Mit anderen Worten, es sind Umstände, die
Grund zu Hoffnung und Sorge geben, und diese verantwortlich zu
unterscheiden und zu beurteilen, ist Aufgabe der Synode.
Möglichkeiten und Gründe zur Hoffnung
9. In der gegenwärtigen europäischen Geschichtsperiode gibt es
nicht wenig Grund zur Hoffnung, obwohl meist begründete Besorgnisse
oder Enttäuschungen zu überwiegen scheinen. Es geht vor allem
darum, diese "Samenkörner und Zeichen der Hoffnung"
zu entdecken und zu erschließen.
Im allgemeinen ist leicht festzustellen, daß die veränderten
sozialen und politischen Umstände einer wachsenden Zahl von Europäern
eine bessere Lebensqualität ermöglichen, den freien Verkehr und
Kontakt der Personen untereinander sowie ein gegenseitiges Kennenlernen
der Völker des Ostens und des Westens erleichtern, ihren kulturellen
Austausch fördern, gemeinsame religiöse Erfahrungen vor allem
unter der Jugend begünstigen und gemeinsame Initiativen entfalten, um
Europa als das gemeinsame Haus aufbauen zu helfen.
Im engeren kirchlichen Bereich bietet der oben beschriebene
Horizont zweifellos neue und ausgedehnte Möglichkeiten
gemeinschaftlicher Beziehungen, der Solidarität und des Teilens unter
allen Kirchen Europas und auf allen höheren Führungebenen, wenn
auch die Kommunikation nicht immer ausgewogen erscheinen mag und das
wiedererlangte "Atmen mit zwei Lungen", um ein Lieblingswort
Johannes Pauls II. zu zitieren, noch auf Schwierigkeiten und Verzögerungen
stößt.
In manchen Kirchen des Ostens stellt man einen bedeutsamen Aufschwung
der katechetischen, liturgischen, caritativen und kulturellen Aktivität
fest. Neue Bereiche öffnen sich der Evangelisierung der Kirche, und
die Möglichkeit zur Nutzung der sozialen Kommunikationsmittel für
den Missionsauftrag wachsen. In einigen Ländern bietet sich die
Gelegenheit für eine Neuevangelisierung vor allem im Bereich der
christlichen Bildung und in dem der Priester- und Ordensberufe, die zuvor
auch mit bürokratischen Mitteln behindert worden waren. Durch die
wiedererlangte Freiheit konnten die Angehörigen der Ordensinstitute
wieder in Gemeinschaft leben und Pastoralprogramme teilen, während
sie allmählich und nicht ohne Schwierigkeiten und Leiden die frühere
Situation überwanden. Zu den positiven Ergebnissen zählt in
einigen Nationen eine Zunahme der geistlichen Berufe, die Grund zur
Hoffnung bietet. In einigen Ländern des Ostens, wo das litrugische
Leben stark behindert worden war, wurde der Gottesdienstbesuch
wiederaufgenommen und allgemein die liturgische Praxis in vielfältiger
Form eingeführt. Auch geistliche Bewegungen sind dabei, sich
auszubreiten - wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten. Nicht zuletzt zeigt
sich unter den Jugendlichen ein Verlangen nach authentischer Spiritualität.
In den westlichen Kirchen sind Aufnahmezentren und Gelegenheiten der
Begegnung entstanden, wo ehemalige Anhänger verschiedenster
Ideologien zusammentreffen. In zunehmendem Maß entstehen auch
Aufnahmezentren für die wachsende Zahl der Einwanderer. In manchen
großen westlichen Ländern ist eine Entfaltung des Katechumenats
und die Rückkehr von lange der Kirche fernstehenden Christen zum
Glauben zu verzeichnen. Manche westliche Kirchen, die den tiefgreifenden
Wandel als Beobachter von außen erlebt haben, konnten die
Wirklichkeit der "communio" mit den Schwesterkirchen
wachsen sehen. Sie lernten Leben und Kultur von bisher fremden oder sogar
feindlichen Völkern kennen. Durch den Fall der Mauern erhielten die
kirchlichen Hochschulen Westeuropas einen starken Zustrom von
Priesteramtskandidaten, Priestern, Ordensleuten und Laien aus den
ehemaligen kommunistischen Ländern und förderten gleichzeitig
die Entsendung der eigenen Hochschullehrer und Fachexperten zu den Kirchen
des Ostens als Dozenten und Berater.
10. Im kulturellen und sozialen Bereich fehlt es nicht an Möglichkeiten
und Zeichen der Hoffnung, die es zu erkennen und zu erschließen
gilt.
In und hinter diesem auf politischer und institutioneller Ebene
stattfindenden Wandlungsprozeß kann man leicht ethische Gründe
und Ansprüche erkennen, die nicht unterschätzt werden dürfen,
auch wenn sie oft einer tiefgehenden Reinigung bedürfen. Es sind
Ansprüche, die auf eine tiefes Verlangen nach politischer Freiheit
und noch tiefer auf die Möglichkeit zurückgehen, eine
pluralistische Gesellschaft aufzubauen, in der die Rechte aller, auch der
Minderheiten, tatsächlich geschützt werden, sowie auf den Wunsch
nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit, der gleichfalls als
potentieller positiver Entwicklungs- und Verantwortungsfaktor zu berücksichtigen
ist.
Die Anwesenheit verschiedener Völker, Kulturen und Religionen kann
sich als günstige Gelegenheit und beinahe als Plicht erweisen - will
man nicht in einer Situation ständigen Konflikts und der Ausgrenzung
der Schwächsten leben -, eine kulturelle Einheit anzustreben, die
heute nicht mehr "ausschließlich christlich", sondern "im
Dialog und in der Zusammenarbeit pluralistisch" denkbar ist, bei dem
die Christen eine unabdingbare Aufgabe haben. Sie sollen die Gelegenheit
nutzen, das "Zusammenleben der Kulturen" zu verwirklichen, das
jede Versuchung zur Auseinandersetzung in einen Wettlauf wechselseitigen
Dienstes und der Aufnahme umwandelt, in eine Synthese nach dem Maß
des Menschen und der Bürger, das heißt in eine größere
Wirklichkeit, in der alle Nationen und Kulturen Platz finden.
Auch das Phänomen der Globalisierung mit all seinen Zwiespältigkeiten
und Gefahren bringt günstige Möglichkeiten mit sich: Es bedeutet
sicher zunehmende Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit sowie
Produktionssteigerung und kann zugleich den Interdependenz- und
Einigungsprozeß unter den Völkern als wahren Dienst an der
ganzen Menschheitsfamilie vorantreiben.
Beim Aufbau Europas hat auch die Währungsunion ihren Platz und ihre
Bedeutung und bietet eine große Chance. Sie erfordert nicht nur eine
Überprüfung der Zweckmäßigkeit und der Ausdehnung der
Souveränität der einzelnen Staaten, sondern kann die Solidaritä
Europas und seine wirtschaftliche Entwicklung in globaler Sicht besser
stabilisieren und sicherstellen. Sie kann ein mächtiges Instrument
zum freien Wechsel und Austausch werden und einen Qualitätssprung für
das Zusammenleben in Europa darstellen. Sie kann, wenn auch nur Schritt für
Schritt, zu konkreten Fortschritten führen, die für die
Zielsetzung von dringenden und grundlegenden Werten notwendig sind.
Enttäuschungen, Gefahren und Besorgnisse
11. Die Lektüre der in Europa in den vergangenen zehn Jahren
stattgefundenen Veränderungen darf nicht zu einfältigem
Optimismus veranlassen. Sie soll vielmehr vom Realismus gekennzeichnet
sein, der vor der Unsicherheit und Brüchigkeit der gegenwärtigen
Situation in Europa nicht die Augen verschließt. Denn es mangelt
nicht an neuen gefährlichen Illusionen und Enttäuschungen, auf
die Johannes Paul II. von vornherein hinwies.(18) Unverkennbar bestehen
große Gefahren und Besorgnisse. Gerade diese Mischung von Enttäuschungen,
Besorgnissen und Gefahren zeigt ein Europa, das scheinbar jede Hoffnung
verloren hat.
Das Klima der Enttäuschung wird - so scheint es - vor allem von der
verbreiteten Meinung genährt, der Aufbau eines gemeinsamen europäischen
Hauses, das auf den Werten des Evangeliums gründet, habe sich trotz
aller Anstrengungen und Versuche und entgegen der von den Kirchen zu
Anfang der neunziger Jahre ausgesprochenen Erwartung als ein sehr schwer
erreichbares Ziel erwiesen. Der Plan, die politischen, wirtschaftlichen
und militärischen Bündnisse neuzuordnen, abgesehen von einer
Bezugnahme auf die christlichen Werte, hat sich als ein Kampf um die Macht
und nur teilweise zum Wohl der Bevölkerung der einzelnen Länder
entpuppt.
Im allgemeinen hat man erkannt, daß der Kommunismus nicht der
einzige Feind ist. An die Stelle der kulturellen Herrschaft des Marxismus
ist die Herrschaft eines undifferenzierten und tendenziös skeptischen
oder nihilistischen Pluralismus getreten. Er ist im heutigen Leben der
Gesellschaft weit verzweigt und führt zu einer stark eingeschränkten
Anthropologie, ja nicht selten zum Verzicht auf jede Möglichkeit von
Sinngebung.
Insbesondere in den Ländern Osteuropas wurden so manche Erwartungen
enttäuscht. Man hat die Auswirkungen des Kommunismus und die durch
ihn hervorgerufene anthropologische und ethische Leere nicht genügend
berücksichtigt. Man hegte die törichte Illusion, daß mit
dem Zusammenbruch des Kommunismus alles automatisch an die rechte Stelle
gerückt würde. Manche dachten, die Demokratie bringe automatisch
Reichtum und Wohlstand, und mit der Freiheit erlangten alle Konsumenten
die Güter des Westens und alle fänden einen sicheren
Arbeitsplatz, was zu einem Wirtschaftswachstum führen sollte.
Hingegen gerieten Tausende Familien in eine Armutskrise. Auf politischer
Ebene wird die Enttäuschung dadurch verstärkt, daß nicht
wenige Menschen, die den früheren führenden kommunistischen Kräften
angehörten, wieder Machtpositionen erlangt haben, und daß an
die Stelle von Freiheit und Frieden gewallttätige Nationalismen
getreten sind. Es fehlt auch nicht an Enttäuschungen, die auf die
Abkapselung und das Desinteresse Westeuropas angesichts der Dramen einiger
ehemaliger kommunistischer Länder zurückzuführen sind, die
sich weniger bereit und offen gezeigt haben, die Verschiedenheit und die
Rechte der einzelnen Völker und einiger Minderheiten, die auf dem Weg
zur Selbstbestimmung sind, zu achten und zu schützen.
12. Offensichtlich gibt es auch heute Gefahren für Europa,
und sie werden von mehreren Seiten aufgezeigt.
Auf sozialer Ebene zum Beispiel kann das bereits genannte Phänomen
der Globalisierung, weil es oft ausschließlich oder überwiegend
vom kommerziellen Denken und zum Vorteil der Mächtigen gesteuert
wird, Vorbote weiterer Ungleichheiten, Ungerechtigkeiten und Ausgrenzungen
sein. Es kann zum Anstieg der Arbeitslosigkeit führen, den
Sozialstaat in Gefahr bringen und die Tendenz zur Ungleichheit zwischen
den einzelnen Ländern und innerhalb der industrialisierten Länder
begünstigen. Die Globalisierung kann Fragen aufwerfen hinsichtlich
des Begriffs der "tragbaren Entwicklung", neue Formen der
sozialen Ausgrenzung, der Instabilität und Unsicherheit bewirken, die
harmonische Beziehung zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik in
Frage stellen, die Macht der nationalen Autorität in wirtschaftlichen
Angelegenheiten verringern und eine Art ungezügelter "Hyperkonkurrenz"
usw. mit sich bringen.
Auch die Einführung der gemeinsamen europäischen Währung
birgt gewisse Gefahren, weil sie die Hegemonie der Finanz und das Übergewicht
der wirtschaftlichen und kommerziellen Aspekte begünstigt. Sie kann
dazu beitragen, in Europa neue vorwiegend gegen den Osten gerichtete
Mauern aufzubauen, um die stabileren Wirtschaftssysteme zu schützen
und sich gegen den Einwandererstrom zu verteidigen. Denn zweifellos
besteht immer noch die Gefahr einer neuen Teilung Europas in zwei Hälften:
auf der einen Seite die Länder mit stabiler Währung, auf der
anderen Seite diejenigen mit nichtkonvertierbarem Geld. Auf der einen
Seite ein verhältnismäßig stabiles Wirtschaftssystem, auf
der anderen ein schwächliches Wirtschaftssystem mit entsprechenden
Auswirkungen auf das Zusammenleben und die Sicherheit.
13. Im kulturellen Bereich "breiten sich eine Mentalität
und Verhaltensweisen aus, die ausschließlich die Befriedigung der
eigenen spontanen Wünsche und der wirtschaftlichen Interessen gelten
lassen durch eine irrige Verabsolutierung der Freiheit des Einzelnen und
durch den Verzicht auf jede Begegnung mit einer Wahrheit und mit Werten,
die über den persönlichen Horizont oder den der Gruppen
hinausgehen. Obwohl der aufgezwungene Marxismus zusammengebrochen ist,
sind der praktische Atheismus und der Materialismus in ganz Europa weit
verbreitet. Ohne daß sie aufgezwungen und nicht einmal ausdrücklich
genannt werden, leiten sie dazu an, zu denken und zu leben, 'als ob Gott
nicht existierte'".(19)
In dieser Hinsicht ist in den westlichen Ländern durch den
Zusammenbruch der Ideologien und Utopien eine wachsende Gleichgültigkeit
zu verzeichnen, und eine Art pragmatischer Materialismus scheint zu
dominieren. Zugleich scheint das Konsumverhalten durch die damit
verbundene Säkularisierung auch ganz Osteuropa erfaßt zu haben.
Ja, es ist sogar festzustellen, daß sich in manchen Ländern
Osteuropas die ungezügelte Verbreitung des Kapitalismus in seinen
strengsten Formen auf Mafia-Mechanismen stützt, die das gesamte öffentliche
Leben bedrohen. In manchen osteuropäischen Ländern begegnet man
gegenüber den aus westlichen Ländern stammenden Meinungen und
Mentalitäten einerseits einer Haltung unkritischer Annahme,
anderseits einer ebenso unkritischen Ablehnung mit der Gefahr schwerer
Auseinandersetzungen und Polarisierungen innerhalb der Gesellschaften.
Ebenso gibt es im Innern der Kirche die Tendenz, alles in Frage zu
stellen, so als müsse in ihr in Bezug auf Fragen der Ethik und
Glaubenslehre gleichfalls das demokratische Mehrheitsprinzip gelten.
In diesem Gesamtbild wird die Gefahr immer spürbarer, daß
durch die Verabsolutierung und einseitige Bekräftigung einiger Werte
und gültiger Prinzipien zum Nachteil anderer die europäische
Zivilisation in Frage gestellt wird. Wird zum Beispiel die Freiheit
verabsolutiert und aus ihrem Bezug zu anderen Werten wie der Solidarität
herausgerissen, kann sie zum Zerfall unseres Gesellschaftssystems führen.
Eine als absoluter Wert beanspruchte Freiheit läuft Gefahr, die
Gesellschaft zu zerstören, die sie hat aufbauen helfen.
14. Im rein religiösen und kirchlichen Bereich besteht
weiterhin die in der vergangenen Synode für Europa beschriebene
Situation. Denn heute wie damals "gibt es die Suche nach religiösem
Erleben, wenn auch in einer Vielfalt von nicht immer kohärenten
Formen, die oft weit fort vom wahren christlichen Glauben führen. Vor
allem junge Menschen suchen ihr Glück in vielen Symbolen, Bildern und
auch leeren Dingen und neigen leicht zu neuen Formen von Religiosität
und Sekten unterschiedlicher Herkunft".(20) Zu den unsichersten
Faktoren gehört nach Meinung vieler die wachsende religiöse
Nachfrage, weil sie von einer Flucht in den Spiritualismus und vor
allem vom religiösen und esoterischen Synkretismus begleitet wird,
was zum Aufblühen von Sekten und Gruppenbildungen führt, die nur
eine wirre Beziehung zum "Heiligen" haben. Diese neuen Angebote
schöpfen ihre Kraft nicht so sehr aus einer wesentlichen
Lebensneuheit, sondern aus dem Anschluß an ein ichbezogenes
Lebenssystem, das den übersteigerten Individualismus mit der Suche
nach Schutz und Belohnung bietenden Gruppen maskiert.
Europa droht die Gefahr einer fortschreitenden und tiefgreifenden Entchristlichung
und eines Rückfalls ins Heidentum. In manchen Ländern ist
die Zahl der Nichtgetauften äußerst hoch. Oft sind die
Grundelemente des Christentums nicht mehr bekannt. In manchen Fällen
steht man vor einem radikalen Schwund von Katechese und christlicher
Bildung. Das alles führt auch zu einer tiefen Krise der europäischen
kulturellen Identität, so daß man schon von einer Art "Apostasie
Europas" spricht.
Das starke Absinken der Anzahl der Priester- und Ordensberufe in einigen
Ländern bringt die Gefahr einer unklaren oder mangelhaften und
unangemessenen Sicht der Kirche mit sich. So heißt es z.B., die Präsenz
des geweihten Amtes sei nicht wichtig und nicht unbedingt notwendig und könne
- nach einem rein zweckmäßigen Verständnis von kirchlicher
Gemeinschaft - durch die Präsenz von Personen ersetzt werden, die die
erforderliche Qualifikation auf einem bestimmten Bildungsweg erworben
haben.
Hingewiesen wird auch auf die Gefahr, daß die Initiativen der
westeuropäischen Kirchen zugunsten der osteuropäischen unbewußt
und tatsächlich dazu neigen, sie "zu verwestlichen",
anstatt ihnen dem Evangelium entsprechend zu dienen und ihre kulturellen
und religiösen Reichtümer zu erschließen.
15. Das alles trägt dazu bei, in manchen Kirchen berechtigte
Besorgnisse hervorzurufen.
Die erste, ernste Besorgnis ist mit der Tatsache verbunden, daß
Europa immer mehr ein Ort wird, der eine Neuevangelisierung und neue
missionarische Anstrengung braucht. Und das auf Grund der
tiefgehenden, radikalen Veränderungen seiner vielfältigen
kulturellen und religiösen Tradition, ohne deshalb das zu verkennen,
was die Anwesenheit der einzelnen Kirchen und christlichen Gemeinschaften
in den verschiedenen Gebieten getan haben und weiterhin tun. In manchen Fällen
geht es darum, das Evangelium Christi denen zu verkünden, die es noch
nicht kennen. Anderswo ist das ganze christliche Netz der christlichen
Gemeinschaften neu zu knüpfen. In den osteuropäischen Landern,
wo man den negativen Folgen des kommunistischen Atheismus begegnet, ist
eine Art "Erstevangelisierung" notwendig, weil viele, obwohl sie
in Ländern leben, die die Botschaft und das auch heroische Zeugnis
des Evangeliums bereits kennengelernt hatten, Jesus, unseren Herrn, noch
keineswegs kennen. In den westlichen Ländern, die von raschen
Entwicklungen und den Herausforderungen der Säkularisierung,
Globalisierung und Urbanisierung erfaßt sind, ist es dringend
notwendig, eine "Neuevangelisierung" in Gang zu bringen, die
eine neue Inkulturation des Evangeliums bewirkt. Im einen und im anderen
Fall wächst die Notwendigkeit, innerhalb der einzelnen Kirchen und
zwischen den verschiedenen Kirchen und christlichen Gemeinschaften mit
Hilfe einer intensiven und achtungsvollen ökumenischen Zusammenarbeit
alle verfügbaren Kräfte zu vereinen und die Anstrengungen auf
einige primäre Schwerpunkte zu konzentrieren. Dabei bedient man sich
der vorhandenen wiederhergestellten und neuen Wirkungs- und Bildungsmöglichkeiten
und der sozialen Kommunikationsmittel, um eine korrekte öffentliche
Meinung zu bilden. In diesem Bemühen wird auch die Notwendigkeit
deutlich, den Dialog und die Zusammenarbeit, die sich im übrigen
schon verbessert haben, zwischen den Bischöfen und den Instituten des
geweihten Lebens zu verstärken.
In der jetzigen religösen und moralischen Lage Europas tritt eine
andere wesentliche Besorgnis zutage, auf die die Synode ihr Augenmerk
lenken sollte. Sie betrifft vor allem den Westen und bezieht sich auf die
Tatsache, daß die Pastoralmöglichkeit verschwunden ist, die auf
einen "verbreiteten Zustand des allgemein geteilten Christentums"
gestützt war, so daß jetzt das Hineinwachsen in einen persönlichen
und reifen Glauben zu fördern ist. Das geschieht durch eine
Pastoral, die den augenscheinlichen Grad der Instabilität,
Unsicherheit und Differenzierung in der kirchlichen Zugehörigkeit
vieler Getaufter wie auch den großen Priestermangel berücksichtigen
muß. In dieser Situation spürt mancher die Gefahr, weiterhin
eine Pastoral anzuwenden, die nicht mehr typisch für ein
vorherrschendes Christentum und noch weniger psychologisch fähig ist,
eine verringerte Hochschätzung oder soziale Anerkennung zu
akzeptieren, aber trotzdem versucht, die Strukturen und den Einfluß
der Kirche um jeden Preis zu sichern. Letzteres führt auch zu
Kompromissen, die es vielen Menschen erlauben, in einer oberflächlichen
kirchlichen Zugehörigkeit auf Kosten klarer und radikaler
Entscheidungen zu leben. Die Lage der Kirchen in Osteuropa scheint in
dieser Hinsicht verschieden zu sein, weil sie auf Grund der vergangenen
jahrzehntelangen Schwierigkeiten daran gewöhnt sind, in der
Gesellschaft keine Anerkennung zu finden und folglich eine ernsthaftere
Konzentration auf die Grundwerte des Glaubens vorziehen.
Unter den besorgniserregenden Faktoren wird auch die Beziehung zu
den Massenmedien herausgestellt, weil man erkannt hat, daß die
Kirche oftmals diese modernen Mittel noch nicht ausreichend zu nutzen
versteht und weil anderseits die Medien oft ein negatives Bild der
Religion und vor allem der Kirche vermitteln, das manchmal sogar von
offener Feindschaft geprägt ist.
Kritische Untersuchung einiger Fragen und Probleme
16. In dieser Gesamtübersicht sind einige besondere Aspekte
eingehender und genauer zu betrachten.
Nicht zu verkennen ist vor allem eine wachsende Kluft zwischen
Fortschritt und geistigen Werten, die zum Teil in allen europäischen
Ländern in der gleichen Form, teilweise aber in West- und Osteuropa
unterschiedlich zutage tritt.
Dieses Phänomen ist oft mehr an die Lebensart als an philosophische
oder ideelle Beweggründe gebunden. Denn für viele Menschen sind
die Lebensbedingungen schwierig und komplex, so daß die
Alltagssorgen überwiegen und keinen Raum für die Aufnahme
anderer Werte lassen. Unzählige Menschen leiden unter
Arbeitslosigkeit, unter vielfach schwierigen und gescheiterten
Familiensituationen und unter sozialen Umständen, die mit unzähligen
Formen von Ausgrenzung und Ungerechtigkeit verbunden sind, so daß für
die geistigen Werte kein Interesse oder höchstens Gleichgültigkeit
übrig bleibt.
Auf der anderen Seite ist nicht alles immer so klar und deutlich
ausgerichtet. In den europäischen Gesellschaften zeigen sich in
ungleichem Maß gemischte Situationen. Einerseits spürt man die
Tendenz, sich in die eigene kleine Welt einzukapseln, um die eigene "privacy"
und den eigenen gesellschaftlichen und kulturellen "Status" zu
schützen. Anderseits zeigt man sich offen für den andern, vor
allem für den Armen und Ausgegrenzten. Einerseits bietet die viele
Freizeit die Möglichkeit, Wertangebote wie zum Beispiel Sport,
Tourismus und Kontakt mit der Natur zu pflegen. Auf der anderen Seite
verwandeln sich diese positiven Möglichkeiten für viele Menschen
in kleine oder große Idole und in eine Art kollektiver Besessenheit,
von der die Persönlichkeit des einzelnen gleichsam verschlungen wird.
Im Westen zeigt sich die Kluft zwischen Fortschritt und geistigen Werten
vor allem in einer Mentalität, die dazu neigt, die bequemste und
praktischste Lösung und augenblickliche Befriedigung zu suchen mit
der Folge, daß der Sinn für Selbsthingabe und Aszese verloren
geht, das Leben verflacht wird und das Gute, Wahre und Schöne nur
dann wichtig zu nehmen ist, wenn es unmittelbar von Nutzen sein kann.
Außerdem hat der soziale und kulturelle Fortschritt einige Werte,
die verschiedene menschliche Lebensaspekte berühren, neu beleuchtet.
Die Frauen sind sich ihrer Rolle stärker bewußt und fordern
energischer in allen Lebensbereichen die gleichen Rechte und Möglichkeiten
wie die Männer. In vielen Familien ist die Kommunikation zwischen
Eltern und Kindern gut. Die jungen Generationen scheinen die Werte der
Familie sehr hoch zu schätzen.
Abschließend kann man vielleicht sagen, daß der Verlust der
religiösen Werte scheinbar Schritt hält mit dem Wachstum des
Fortschritts. Der materielle Fortschritt allein befriedigt aber die
tiefste Sehnsucht des Menschen nicht, und so nimmt die Suche nach manchmal
auch vagen und unklar definierten religiösen Werten in West- und
Osteuropa unterschiedlich, aber ständig zu.
17. Die Solidarität als Wert scheint oft gefährdet im heutigen
Europa. Zu erkennen sind in ganz Europa Haltungen und Verhaltensweisen des
Einzelnen und der Gemeinschaft, die oft von kapitalistisch und
konsumistisch geprägten Systemen inspiriert und genährt werden
und Abkapselung und Egoismus bedeuten.
Obwohl in der Gesellschaft nur geringe Solidarität zu herrschen
scheint, fehlt es dennoch nicht an Tendenzen und Initiativen, die von Männern
und Frauen ausgehen und gefördert werden, die sich der Schäden
solcher ideologischen Anschauungen bewußt sind. Ziel dieser
Initiativen ist es, ein neues Bewußtsein für die Notwendigkeit
zu wecken, auf persönlicher, familiärer und nationaler Ebene
Lebensmodelle zu erstellen und anzuwenden, die die Sparsamkeit im Blick
haben und durch die voraussichtlichen großen Einsparungen solche Völker
unterstützen wollen, die unter dem Überlebensminimum oder
jedenfalls hilfsbedürftig sind. Tatsächlich nimmt die Solidarität
gegenüber den Armen vor Ort und den Völkern des Ostens und der südlichen
Hemisphäre in vielen Kirchen vor allem Westeuropas einen viel größeren
Platz ein, als man sich allgemein vorstellt. Hilfsaktionen, die regelmäßig
von vielen kirchlichen Vertretern zu bestimmten Zwecken veranstaltet
werden, finden großen Anklang. Die Initiativen der Partnerschaft
zwischen europäischen christlichen Gemeinden und Ländern der
sogenannten "dritten Welt" werden immer zahlreicher. Nicht zu
vergessen ist, was die Ordensleute durch ihre Hilfswerke in den Kirchen
und unter den Völkern, wo sie dem Evangelium dienen, durch die
Bildung und Hinführung der jungen Generationen zu den menschlichen
und christlichen Werten einer konkreten und takräftigen Solidarität
leisten.
18. Unterschiedlich und vielfältig sind die Überlegungen über
die Religionsfreiheit und Toleranz. Wenn man in gewisser
Hinsicht sagen kann, daß in weiten Teilen Europas wahre
Religionsfreiheit herrscht und daß sie kaum behindert wird, ist
anderseits nicht zu leugnen, daß noch manche Formen von Intoleranz
andauern oder hervorgerufen werden.
In einigen Bereichen herrscht, wenn auch unter formeller Achtung der
Religionsfreiheit, immer noch eine gewisse Intoleranz, wenn Katholiken als
einzelne oder als Gruppe öffentlich ihre Glaubensüberzeugungen
und ihre Einstellungen ausdrücken wollen. Ein Zeichen, daß die
Kirche manchmal nur "toleriert" wird, solange sie sich auf die
Privatsphäre beschränkt .
In manchen Nationen ist jahrzehntelang eine gewisse fundamentalistische
Intoleranz mit Konflikten einhergegangen, wenn sie sie nicht sogar genährt
hat. Seit einiger Zeit verliert diese Intoleranz allmählich an Boden
und gibt auch der gegenseitigen Annahme der unterschiedlichen Traditionen
und Überzeugungen Raum.
Nach vielen Jahren des aufgezwungenen Atheismus treten in einigen
Kirchen Osteuropas manchmal ein unfreundliches Klima und strenge Haltungen
gegenüber anderen Konfessionen oder Denkweisen zutage. Daraus folgt,
daß gewisse Gruppen der Katholiken um jeden Preis der ganzen
Gesellschaft die eigene Denk- und Lebensweise aufdrängen wollen und
offensichtlich Schwierigkeiten haben, die in der ökumenischen
Bewegung, im interreligiösen Dialog und in einem korrekten
demokratischen System enthaltenen Werte wahrzunehmen.
Noch nicht ganz verschwunden, aber doch seltener sind feindliche und
intolerante Handlungen gegenüber Katholiken in einigen Gebieten mit
orthodoxer Mehrheit. Auch Anzeichen von Antisemitismus gibt es in einigen
Teilen Europas. Was die Beziehung zu den Muslimen betrifft, ist zu
beobachten, daß sie zwar die religiöse Toleranz für sich
einfordern, hingegen in den islamischen Ländern keineswegs die
gleiche Toleranz gegenüber den Katholiken oder den Anhängern
anderer Religionen garantiert wird.
Nicht zu vergessen ist, daß die allgemeine Atmosphäre der
Toleranz in fast allen westlichen Gesellschaften eine schwere
Herausforderung für die Kirche bedeutet. In einer Gesellschaft, in
der die Toleranz als wesentlicher, vorherrschender und unverzichtbarer
Wert gilt, meint so mancher, jede Form von Monotheismus und folglich auch
der christliche Monotheismus seien die Wurzel aller Intoleranz und daß
man - wenn die notwendige Toleranz bewahrt werden soll - zu einer Art
unterschiedslosen verschwommenen Zusammenlebens religiöser
Bekenntnisse und am Ende auch möglicher Gottheiten zurückkehren
solle. Man fragt sich also: Wie kann die Kirche ihrem
Evangelisierungsauftrag gerecht werden, ohne intolerante Verkünderin
zu sein, und, genauer genommen, wie kann und wie soll man das Evangelium
verkündigen, wenn man alle Andersgläubigen anerkennen und
annehmen, aber gleichzeitig vermeiden soll, daß "Toleranz"
in "Gleichgültigkeit" oder "Relativismus" umschlägt?
19. Hält man sich die Wirklichkeit des Staates gegenüber
den vermittelnden Instanzen und selbst der Kirche vor Augen, ist zu
berücksichtigen, daß die Staatsmacht in den vergangenen
Jahrzehnten in vielen Ländern überhand genommen hat, was eine
Verringerung oder Auflösung der vermittelnden Instanzen zur Folge
hatte. Das hat die Einzelpersonen und viele kleine Institutionen gegenüber
der Staatspolitik sehr verwundbar gemacht. Dieser Zustand scheint
besonders in den osteuropäischen Ländern zu herrschen, wo
Jahrzehnte des Kommunismus diese Institutionen ausgelöscht und das
zivile und soziale Leben ausgehöhlt haben. Aber festzuhalten ist
auch, daß Jahrzehnte des Kapitalismus in den westeuropäischen Ländern
ähnliche Auswirkungen hatten. In solchen Situationen ist die Kirche
aufgerufen, die vermittelnden Instanzen zu unterstützen und ihr
Entstehen zu fördern.
In einigen westeuropäischen Ländern, in denen die Kirche volle
Religionsfreiheit genießt und vielfältige Kultur-, Bildungs-
und soziale Hilfseinrichtungen unterhält, die nicht selten die
mangelnden Dienstleistungen des Staates ersetzen, soll scheinbar die
Kirche die "Säkularisierung" des Staates und damit seine
Autonomie noch mehr anerkennen und achten. Aber zugleich steht die Kirche
vor der Aufgabe, ihre Rechte einzufordern, zum Beispiel in Bezug auf die
Schulgleichheit und die staatliche Finanzierung der nichtstaatlichen
Schulen, auf den Schutz des Lebens, auf die Option für die "Ärmsten"
und auf die tatsächliche Religionsfreiheit.
In gewissen osteuropäischen Ländern besteht eine enge
Verbindung zwischen Religion und Staat. Dadurch entstehen manchmal
ablehnende Haltungen der Verwaltungsbehörden gegenüber der
katholischen Kirche, die im Vergleich zu anderen religiösen
Bekenntnissen sogar noch gesetzlich diskriminiert wird.
Es fehlt auch nicht an Formen der Instrumentalisierung der Religion und
der Kirche zu politischen und nationalistischen Zwecken, vor allem in
manchen Ländern Osteuropas.
Haltung der Kirchen und Suche nach den kulturellen Wurzeln
20. Bisher wurden die in Europa heute anzutreffenden Wesensmerkmale
beschrieben, demgegenüber scheinen die Reaktionen und Haltungen der
christlichen Gemeinschaften sehr unterschiedlich und vielfältig zu
sein.
Den immer weiter verbreiteten Pluralismus von Glaube und
Kultur betrachten manche Europäer, die in einer Art christlicher
Monokultur geformt sind, voll Mißtrauen, weil sie nicht vorbereitet
sind, ihn zu verstehen, ihn anzunehmen und ihn mit Offenheit und im
kritischen Dialog anzuwenden. Manche kirchlichen Bereiche zeigen sich
bereit, den Pluralismus anzunehmen, aber mehr in der Theorie als in der
Praxis, mehr außerhalb der Kirche als in ihr. Davon zeugen eindeutig
die auftretenden Schwierigkeiten und die daraus folgende Unfähigkeit,
entsprechenden Raum zu schaffen, in dem die Katholiken anderer Traditionen
oder die Einwanderer anderer Religionen ihre kulturellen, geistigen und
religiösen Werte auch in den europäischen Kirchen ausdrücken
können. Aber es gibt auch kirchliche Gemeinschaften, Ordenshäuser,
Gruppen und Bewegungen, die diesem Pluralismus positiv gegenüberstehen.
Es genügt, auf die kulturellen, caritativen, vereinsmäßigen
und ökumenischen Initiativen der Diözesen oder nationalen und
regionalen Bischofskonferenzen hinzuweisen.
Angesichts der verschiedenen Formen von Gleichgültigkeit,
Relativismus und Agnostizismus, betonte man, sei es notwendig, das
wahre in Jesus offenbar gewordene Antlitz Gottes wiederzuentdecken,
entschieden die Wahrheit zu bekräftigen, die eigene Identität
mit Überzeugung zu leben und die Gemeinschaft auch in der Ökumene
zu verwirklichen. Mit besonderer Aufmerksamkeit für ethische Fragen
und in Anbetracht dessen, daß oftmals die Würde der als Bild
und Gleichnis Gottes geschaffenen menschlichen Person geleugnet oder
verletzt wird, wird die Notwendigkeit und Dringlichkeit hervorgehoben,
eine rechte und ganzheitliche anthropologische Sicht als unerläßliche
Grundlage anzubieten, um ein Zusammenleben in Achtung des Lebens und der
Rechte aller und des Einzelnen zu ermöglichen. Es fehlt nicht an
Denkströmungen, die diesem ethischen Relativismus kritisch gegenüberstehen
und sich bemühen, an christlichen Werten orientierte sittliche
Haltungen und Verhaltensweisen zu fördern; diese werden auch von
einer weltlichen Kultur geteilt, die sich von ihren Dogmen befreit hat,
Dogmen, die durch die tragischen Geschehnisse der europäischen
Geschichte des 20. Jahrhunderts zu Fall gebracht wurden.
21. Es genügt jedoch nicht, mehr oder weniger eingehend oder mit größerem
oder geringerem Nachdruck die einzelnen Wesenszüge des Europa von
heute zu beschreiben. Ebensowenig genügt es, unterschiedlich auf
diesen Umstand zu reagieren. Notwendig ist vielmehr, einer aufmerksamen
Unterscheidung und Beurteilung Raum zu geben, die in erster Linie die
Ursachen erfaßt, indem sie nach den tiefen Beweggründen fragt,
die den verschiedenen beobachteten Phänomenen zugrunde liegen. Und
das ist die Aufgabe, die die Synode und die Kirchen zu bewältigen
haben, wenn sie ihrer pastoralen Verpflichtung nachkommen wollen.
Was insbesondere das verbreitete Phänomen der religiösen
Gleichgültigkeit betrifft, werden von vielen vor allem Gründe
angegeben, die im weiten Gewebe der Gesellschaft anzutreffen sind. Man
bezieht sich hauptsächlich auf folgende Aspekte: das Entstehen eines
Denkens, das als zu schwach befunden werden muß, und damit ist
verbunden, daß die "Sinnfrage" weniger gestellt wird; die
immer weiter verbreitete "individualistische Ausrichtung", die
soziale Systeme im Blick hat, die das Privatinteresse ihrer Glieder, aber
kein gemeinsames Ideal und Gemeinwohl fördern soll; das ständig
zunehmende Streben nach Autonomie, das in dem wachsenden Wunsch nach
subjektiver Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung besteht, mit dem in
gewissem Sinn auch eine größere persönliche
Verantwortlichkeit und Beteiligung verbunden ist; das komplexe Phänomen
der Säkularisierung, verbunden mit verschiedenen Tendenzen zu
sozialer und kultureller Differenzierung (die die Anwesenheit mehrerer
Religionen und Glaubensbekenntnise auf dem gleichen Territorium erlaubt),
die Tendenz zur Privatisierung der Religion, zur "Entheiligung"
so vieler Orte, in denen früher die Religion manchmal dominierenden
Einfluß ausübte; die Tendenz zur Rationalisierung, verstanden
als Entwicklung, die jede Entscheidung und jede Handlung programmieren und
kontrollieren soll.
Untersucht man eingehender die Gründe, die im kirchlichen Bereich über
die bereits beschriebenen hinaus vorhanden sind, meint man im allgemeinen,
die religiöse Gleichgültigkeit erwachse aus besonderen
Schwierigkeiten und Problemen, die da sind: ungeordnete Nutzung der Güter
und geringes Interesse für die verschiedenen Armutsformen; Gleichgültigkeit
des Klerus angesichts der Zweifel und Dramen so vieler Menschen in
Schwierigkeiten; geringe Glaubwürdigkeit vieler "Männer der
Kirche"; Mangel an katholischen Bildungsstätten für Laien;
auf nationaler und gesamteuropäischer Ebene mangelhafte Organisation
der katholischen Presse und anderer Agenturen, die christliche
Kulturprojekte erstellen und verbreiten.
22. Es ist nicht schwer, aus diesen verschiedenen beschriebenen Phänomenen,
das heißt aus den Faktoren, die die derzeitige Lage Europas
bestimmen und erklären, einen wachsenden Bruch zwischen privatem
Gewissen und öffentlichen Werten zu erkennen. Aber man muß
betonten, daß dieser Bruch eine logische Folge bestimmter Haltungen
und Kulturrichtungen ist. Wenn das demokratische Leben mit Werteneutralität
verbunden wird, kann jede Entscheidung als private Option des Handelnden
betrachtet werden, abgesehen von den mit ihr verknüpften Auswirkungen
für die Gesellschaft. In dieser Situation kann sich die Kluft
zwischen Werten des Einzelnen und sozialem Leben nur vergrößern
mit dem Ergebnis, daß die Gesellschaft immer unfähiger wird,
die vielen von weiten Teilen erhobenen Ansprüche in Bezug auf den
Sinn des Lebens zu erfülen.
In diesem kulturellen Klima gedeihen und verbreiten sich Atheismus,
Agnostizismus und religiöse Gleichgültigkeit. Auch das
eigene religiöse Bekenntnis gerät in Gefahr, immer mehr eine
private Entscheidung zu werden. So breitet sich ein Konsumverhalten
gegenüber der religiösen Praxis aus. Die ethisch-religiöse
Wahl bildet nicht mehr den grundlegenden Bezugspunkt für alle
weiteren Optionen, sondern ist eine von vielen, die dazu beitragen, die
Persönlichkeit des Einzelnen zu bestimmen.
Die Ursache davon ist ein falsches Verständnis von Freiheit,
die als Selbstbestimmung des Einzelnen begriffen und gelebt und nicht auf
transzendente und feststehende Werte hingeordnet wird. Daraus erwachsen
Mentalitäten und Haltungen, die von vielen Seiten als ethischer
Relativismus, individualistischer Subjektivismus und nihilistischer
Hedonismus eingestuft werden. Deshalb wird das Problem der Ausübung
der Freiheit in der Beziehung zwischen Wahrheit, persönlichem
Gewissen und ziviler Gesetzgebung immer drängender. Denn die Freiheit
gründet auf der konstitutiven Würde der menschlichen Person als
Ausdruck der Tatsache, daß jeder Mensch Kind Gottes ist. Ausübung
der Freiheit impliziert Verantwortlichkeit des Menschen und schließt
die Fragen der Wahrheit mit ein, die ihr Fundament ist, und des
Gemeinwohls, das das Ziel der sozialen Ausübung der Freiheit ist.
Insgesamt ist festzustellen, daß am Ende dieses Jahrhunderts tiefgreifende
und entscheidende Veränderungen zu erkennen sind, die einen sich
erschöpfenden Antrieb der Modernität anzeigen. Aber der Ausgang
dieses Entwicklungsprozesses ist nicht klar. Gegensätzliche und
widersprüchliche Tendenzen treten zutage, die eine aufmerksame und
eingehende Lektüre erfordern. Anderseits kann das Überwinden der
Modernität nur mit Komplexität und Unsicherheit einhergehen.Wenn
aus gewissen Gründen die Sendung der Kirche in diesem Kontext
schwieriger und weniger an traditionelle Sicherheiten gebunden erscheint,
bietet anderseits der Wandel in den europäischen Ländern der
Kirche neue Entwicklungsmöglichkeiten für eine wirksame und
tiefgreifende Evangelisierung.
Die zentrale Rolle der "Glaubensfrage"
23. Außer Zweifel steht - wie der Papst sagte (21) -, daß
durch die Ereignisse von 1989 in Europa eine große Hoffnung auf
Freiheit, auf Verantwortlichkeit, auf Solidarität und Spiritualität
geweckt wurde. Aber diese große Hoffnung will heute erneuert und
gefestigt werden, denn in den vergangenen Jahren sind neue Gefahren
aufgetaucht, die den heutigen Europäern keineswegs Grund zur Hoffnung
geben. "Nach dem Zusammenbruch der ideologischen Konstruktion des
Marxismus-Leninismus ist in den ehemals kommunistischen Ländern nicht
nur ein Orientierungsverlust zu beobachten, sondern auch eine weit
verbreitete Anhänglichkeit an individualistische und egoistische
Ordnungen, wie sie im Westen praktiziert wurden und werden. Solche
Ordnungen können dem Menschen letztlich keinen Sinn des Lebens
vermitteln und keine Hoffnung geben. Allenfalls können sie ihn
momentan mit dem zufriedenstellen, was er als individuelle Erfüllung
begreift. In einer Welt, in der nichts mehr wirklich wichtig ist, in der
man tun kann, was man will, besteht die Gefahr, daß Prinzipien,
Wahrheiten und Werte, die in Jahrhunderten mühsam erworben wurden,
auf die Müllhalde eines übertriebenen Liberalismus gekippt
werden".(22)
Es ist auch nicht schwer festzustellen - wie bereits gesagt -, daß
in dem erwähnten und beschriebenen Kontext eine Grundfrage immer
wiederkehrt, die den Begriff der menschlichen Person und ihrer
Freiheit betrifft. In gewisser Weise wird der personalistische
Humanismus in Frage gestellt, der die europäische Geschichte und
Erfahrung geprägt hat.
Daher in dieser historischen Stunde Europas die große Bedeutung
der "ethischen Frage".
Aber zugleich wurzelt diese Frage in der "religiösen Frage",
wie man feststellen kann, wenn man die beiden entgegengesetzten
Freiheitsbegriffe erwägt, die in Europa heute geläufig sind. Der
eine gründet auf dem Gehorsam gegenüber Gott und wird als "Quelle
der wahren Freiheit" betrachtet, "der Freiheit, die niemals
willkürlich und ohne Ziel und Zweck ist, sondern Freiheit für
das Wahre und Gute", und der andere Freiheitsbegriff, der "die
Unterordnung der Kreatur unter Gott oder eine transzendente Ordnung der
Wahrheit und des Guten ausschließt und den Menschen allein als
Prinzip und Zweck aller Dinge betrachtet".(23)
24. Daraus folgt letztlich die Zentralität und Tragweite der "Frage
des Gaubens" an Jesus. Das bekräftigte auch Johannes Paul II. während
seiner ersten Reise nach Slowenien, als er darauf hinwies, daß in
Europa "sich einerseits die von den Ideologien zurückgelassene
Leere bemerkbar macht und andererseits ein bedeutsames Wiedererwachen der
Erinnerung an die eigenen Wurzeln und an die Reichtümer vergangener
Zeiten sich seinen Weg bahnt. Dies ist die Stunde der Wahrheit für
Europa. Die Mauern sind zusammengebrochen, die Eisernen Vorhänge
existieren nicht mehr; aber die Herausforderung im Hinblick auf
den Sinn des Lebens und den Wert der Freiheit stellt sich im Innersten
von Verstand und von Gewissen deutlicher denn je. Und wie könnte man übersehen,
daß das Fragen nach Gott im Mittelpunkt dieses Problems steht?
Entweder versteht sich der Mensch als Geschöpf Gottes, von dem er die
Freiheit erhält, die ihm riesige Möglichkeiten eröffnet,
aber auch sehr genaue Pflichten auferlegt, oder er erhebt sich selbst zum
absoluten Wesen, mit einer Freiheit ausgestattet, die vollkommen gesetzlos
ist und sich deshalb jeder Art von Trieb hingibt und sich in Hedonismus
und Narzißmus verschließt." Und der Papst sagte abschließend:
"Das gegenwärtige Klima der Angst und Mutlosigkeit, was den Sinn
des Lebens anbelangt, und die offensichtliche Verwirrung der europäischen
Kultur fordern uns auf, die Beziehungen zwischen Christentum und Kultur,
zwischen Glaube und Vernunft neu zu sehen. Ein neuer Dialog
zwischen Kultur und Christentum wird sowohl der einen als auch dem anderen
dienen, und den größten Nutzen wird der Mensch daraus ziehen,
der sich nach einem Leben in größerer Wahrheit und Fülle
sehnt".(24)
Nicht vergessen darf man, betont der Papst, daß "die
Begegnung des Glaubens mit den verschiedenen Kulturen ein Erfordernis der
Suche nach Wahrheit ist. Sie 'hat tatsächlich eine neue Wirklichkeit
ins Leben gerufen. Wenn die Kulturen tief im Humanen verwurzelt sind,
tragen sie das Zeugnis der typischen Öffnung des Menschen für
das Universale und für die Transzendenz in sich" (Enzyklika Fides
et ratio, 70). Auf diese Weise werden die Menschen eine Hilfe und eine
Stütze bei der Suche nach der Wahrheit finden und durch das Geschenk
der Gnade dem begegnen, der ihr Schöpfer und Erlöser ist".(25)
Abschließend darf man in gewisser Weise das auf Europa beziehen,
was Johannes Paul II. über Italien gesagt hat: Europa, "das ein
herausragendes und in gewissem Sinn einmaliges Glaubenserbe besitzt, wird
seit langem und auch ganz besonders heute von Kulturströmungen geschüttelt,
die das Fundament dieses christlichen Erbes in Gefahr bringen: den Glauben
an die Menschwerdung und an die Erlösung, die Besonderheit des
Christentums, die Gewißheit, daß Gott durch seinen Sohn Jesus
Christus aus Liebe gekommen ist, um den Menschen zu suchen (vgl. Tertio
millennio adveniente, 6-7). Anstelle dieser Gewißheiten ist in
vielen Menschen ein unbestimmtes für das Leben wenig verpflichtendes
religiöses Gefühl oder verschiedene Formen von Agnostizismus und
praktischem Atheismus getreten, die alle in einer persönlichen und
sozialen Lebensführung münden, 'etsi Deus non daretur',
als ob Gott nicht existierte".(26)
Daraus ergibt sich für die Synode und die europäischen Kirchen
die Notwendigkeit und Dringlichkeit, nach der Wahrhaftigkeit und
Lebenskraft des christlichen Glaubens der europäischen Gläubigen
zu fragen und ihnen zu helfen, diesen Glauben wiederzufinden und zu leben.
Das alles in der Überzeugung, daß die Wahrhaftigkeit des
Glaubens die persönliche Begegnung und Gemeinschaft mit Jesus
Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes, und die Annahme der gesamten
Wahrheit des Evangeliums erfordert. Ihre Lebenskraft geht auf einen
Glauben zurück, der zum Urteils- und Entscheidungskriterium wird,
indem er eine Mentalität und sittliche Lebensweise erweckt und stützt,
die dem Wort und Gesetz Gottes entsprechen.
Zweiter Teil
Jesus Christus lebt in seiner Kirche
als Stütze der Wahrhaftigkeit und Lebenskraft des
Glaubens
25. Nachdem die beiden Jünger von Emmaus Jesus die Gründe
ihrer Traurigkeit und ihrer enttäuschten Hoffnung dargelegt hatten, "sagte
er zu ihnen: Begreift ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch, alles
zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Mußte nicht der Messias
all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen? Und er legte
ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten
Schrift über ihn geschrieben steht" (Lk 24, 25-27).
Jesus selbst verkündet also den Jüngern seine Auferstehung und führt
sie zum Glauben. Auf die Propheten zurückgreifend, die ihm
vorausgegangen waren, erklärt er den Plan der herrlichen und
geheimnisvollen Liebe Gottes: Leiden und Tod widersprechen der Erlösungstat
des Messias nicht, sondern sind der von Gott gewählte Weg, um den
Menschen seine "Herrlichkeit", das heißt seine Liebe, die
erlöst und rettet, mitzuteilen. Und auf Grund dieser Botschaft - die
die ganze Geschichte des ersten Bundes durchzieht und ihre endgültige
und unumkehrbare Besiegelung darin findet, daß sie den Herrn am
Brotbrechen erkennen - brennt ihr Herz, und sie schöpfen neue
Hoffnung.
Die Erzählung über die Begegnung auf dem Weg nach Emmaus
erweist sich für uns als eine lange Katechese mit dem Ziel, die Jünger
zum Glauben an die Auferstehung des gestorbenen Jesus Christus zu führen.
Als getreuer Widerschein der Lehre der Urkirche bleibt dieser Text auch für
die Kirche von heute und für ihre Pastoralarbeit beispielhaft. Diese
besteht in einem geduldigen, beständigen, zähen und mutigen
Zeugnisgeben und Verkündigen, das den Glauben an den vom Tod
auferstandenen Jesus Christus als Quelle und Stütze der festen und
dauerhaften Hoffnung weckt und wachsen läßt. Wie der Apostel
Paulus schreibt, "wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf
Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen
Menschen" (1 Kor 15, 19).
Der Glaube an den Auferstandenen, der die Herrlichkeit Gottes offenbart
26. Auch die Kirche ist gesandt, in der Geschichte Christus, den
Auferstandenen, zu verkündigen. Wie in Europa gestern, heute und
für alle Zeiten und allerorts ist die Kirche nicht gesandt, sich
selbst, sondern Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, zu verkündigen.
Das tut sie seit ihren Anfängen, wie aus der ersten Predigt des
Petrus am Pfingsttag zu ersehen ist: "Israeliten, hört diese
Worte: Jesus, den Nazoräer, den Gott vor euch beglaubigt hat durch
machtvolle Taten, Wunder und Zeichen, die er durch ihn in eurer Mitte
getan hat, wie ihr selbst wißt - ihn, der nach Gottes beschlossenem
Willen und Vorauswissen hingegeben wurde, habt ihr durch die Hand von
Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Gott aber hat ihn von den
Wehen des Todes befreit und auferweckt; denn es war unmöglich, daß
er vom Tod festgehalten wurde [...] Mit Gewißheit erkenne also das
ganze Haus Israel: Gott hat ihn zum Herrn und Messias gemacht, diesen
Jesus, den ihr gekreuzigt habt" (Apg 2, 22-24.36). Mit diesen
Worten von Petrus verkündet die Kirche der Anfänge wie die
Kirche aller Zeiten mit Sicherheit, daß Jesus Christus lebt, in
unserer Zeit wirkt und das Leben umwandelt.
Das tut sie zu allen Zeiten, denn "die Auferstehung Christi ist die
Wahrheit, in der unser Glauben an Christus gipfelt; die christliche
Urgemeinde glaubt und lebt sie als zentrale Wahrheit, die Überlieferung
gibt sie als grundlegend weiter, die Dokumente des Neuen Testamentes
weisen sie nach; zugleich mit dem Kreuz wird sie als wesentlicher Teil des
Pascha-Mysteriums verkündet. 'Christus ist von den Toten
auferstanden. Durch seinen Tod hat er den Tod besiegt, den Toten das Leben
gegeben' (Byzantinische Liturgie, Troparion von Ostern)".(27)
Das war auch die klare Absicht des II. Vatikanischen Konzils, und die
Synode will sie sich zu eigen machen: "Christus, unseren Anfang,
Christus, unseren Weg und unseren Führer! Christus, unsere Hoffnung
und unser Ende"(28) er Kirche zu verkündigen und der Welt
bekanntzumachen.
Nicht zu vergessen ist, daß im gestorbenen und auferandenen
Christus die Herrlichkeit Gottes in Fülle offenbar geworden ist.
Jesus ist die Hoffnung des Menschen, Europas und der Welt, denn er ist der
einzige und universale Weg, der zum Vater führt (vgl. Joh 14,
6-7), dem Fundament und endgültigen Lebensziel jedes Menschen und
jeder Wirklichkeit, und zwischen ihm und dem Vater besteht eine erhabene
gegenseitige Immanenz (vgl. Joh 14, 10), er und der Vater sind
eins (vgl. Joh 10, 30) , er ist Gott.
27. Und gerade durch diesen Glauben und die Begegnung
mit dem Auferstandenen kann die Kirche, können die Menschen
von heute wie die Jünger von Emmaus auf die Geschichte
zurückgreifen, die Schriften lesen und schon im Teil des
Alten Bundes die Zeichen, die Gestalten, die Spuren der Gegenwart Christi
entdecken, eine vorweggenommene Darstellung dessen, was im
Gekreuzigten und Auferstandenen volle Wirklichkeit werden sollte.
Das tat auch Petrus am Pfingsttag, als er mit dem Hinweis auf die
Ereignisse aus dem Leben Christi, die dazu geführt hatten, ihn als
Messias und Herrn zu bekennen, das Zeugnis der Schriften hervorhob, weil
er in ihnen einen genau auf Jesus ausgerichteten Plan erkannt hatte (vgl.
Apg 2, 17-21.25-28.34-35). Das tat Paulus, als er im Rückblick
auf die Geschichte Israels und besonders auf das Ereignis des Wassers, das
bei Massa und Meriba aus dem Felsen herauskam (vgl. Ex 17, 1-7;
Num 20, 1-11), bekräftigte: "alle tranken den gleichen
gottgeschenkten Trank; denn sie tranken aus dem lebensspendenden Felsen,
der mit ihnen zog. Und dieser Fels war Christus" (1 Kor 10,
4).
So können und sollen auch wir die Schriftseiten wieder lesen und in
ihnen Zeichen, Ereignisse und Worte finden, die die "Gestalt"
Christi und seiner Gegenwart sind. Auf diese Weise werden wir auch die
Zeiten der Schwierigkeiten, der Ermüdung und Prüfungen überstehen,
ohne die Hoffnung zu verlieren, denn wir haben die Gewißheit, daß
der Herr auch heute gegenwärtig ist und sein Volk in allen
Ereignissen der Geschichte führt - wie er damals beim Auszug aus Ägypten
die Israeliten in der Wüste nicht allein gelassen hat, sondern "vor
ihnen her(zog), bei Tag in einer Wolkensäule, um ihnen den Weg zu
zeigen, bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten. So
konnten sie Tag und Nacht unterwegs sein (Ex 13, 21). Ebenso können
wir auch mit dem Propheten Zefanja sprechen: "Juble, Tochter Zion!
Jauchze, Israel! Freu dich, und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter
Jerusalem! [...] Der König Israels, der Herr, ist in deiner Mitte; du
hast kein Unheil mehr zu fürchten [...] Fürchte dich nicht,
Zion! Laß die Hände nicht sinken! Der Herr, dein Gott, ist in
deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt. Er freut sich und jubelt über
dich, er erneuert seine Liebe zu dir, er jubelt über dich und
frohlockt, wie man frohlockt an einem Festtag" (3, 14-18), denn wir
wissen, daß diese Bekräftigungen in Christus, dem
Auferstandenen, ihre endgültige Vollendung gefunden haben.
Durch diesen Glauben an den auferstandenen Herrn und die
Begegnung mit ihm, der lebt und gegenwärtig ist, dürfen und
sollen wir mit neuen Augen auf die Geschichte der Menschen und der Welt
schauen - und damit auch auf die vergangenen und jetzigen Ereignisse
in Europa. So entdecken wir in den Ereignissen und Personen einen Bezug
auf Christus und darauf, daß er der "Gott mit uns" ist.
Das Verlangen nach Jesus Christus
28. Geführt und erleuchtet durch die neuen Augen des Glaubens, die
uns in Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, die zentrale Mitte
der Geschichte und das Herz der Welt erkennen lassen, fällt es uns
nicht schwer festzustellen, daß der Prozeß der Säkularisierung
oder besser gesagt der Entchristlichung in unserem Europa, der
manchmal ganz dramatisch zu einer Art verbreitetem Neuheidentum führt,
noch nicht beendet ist, obwohl eine neue starke Nachfrage nach
Spiritualität und Religiosität sich auszubreiten scheint. Denn
diese kann nicht sofort als christlich bezeichnet werden, schon wegen
ihrer Wurzel im Eklektizismus oder Relativismus, der es sehr erschwert, in
Jesus Christus den einzigen Erlöser zu erkennen. Es ist eine
Nachfrage, die zum guten Teil mit dieser sozialen und kulturellen
Entwicklung verbunden ist und wohl auch eine Reaktion auf diese darstellt.
Aber wir dürfen nicht verkennen, daß "die Suche nach
religiösem Erleben, wenn auch in einer Vielfalt von nicht immer kohärenten
Formen, die oft weit fort vom wahren christlichen Glauben führen,
ganz Europa heute vor die Herausforderung stellt, sich neu für Gott
zu entscheiden".(29)
Wir leben also nicht in einer Zeit, in der es einfach das Alte zu
bewahren gilt, sondern in einer Zeit, in der von neuem und vor allem Jesus
Christus verkündigt werden soll, der lebt in seiner Kirche und der
die einzige wahre unversiegbare Quelle der Hoffnung ist.
In diese Richtung zielten die Schlußerklärungen der ersten
Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa. Denn aus ihr ging
das klare Bewußtsein hervor, daß sich die Kirche nicht darauf
beschränken kann, einfache und allgemeine Trägerin von
Zivilisation zu sein, auch wenn es sich um eine ursprüngliche humane
Zivilisation handelt. Aufgabe der Kirche ist vielmehr, das Evangelium in
seiner Gesamtheit und gemäß seiner genauen Inhalte zu verkündigen
und dem Menschen von heute zu helfen, gemäß den Regeln der
Seligpreisungen in einer personalen Beziehung und Gemeinschaft mit Jesus
Christus zu leben. In diesem Sinn wurde bekräftigt, daß "Europa
heute nicht einfach auf sein vergangenes christliches Erbe zurückgreifen
darf. Es muß in die Lage versetzt werden, seine Zukunft in der
Begegnung mit der Person und der Botschaft Jesu Christi neu zu bestimmen".(30)
Es handelte und handelt sich also darum, die Begegnung des europäischen
Menschen mit der lebendigen Person Jesu zu begünstigen, eine
Begegnung, die Gefolgschaft ermöglicht, sie hervorruft und unterstützt.
Deshalb die Notwendigkeit, den Kernpunkt des Evangeliums zu betonen und
somit einen lebendigen Gott zu verkündigen, der mit uns ist und sich
uns in einer Erfahrung von Gemeinschaft mitteilt, die bereits begonnen hat
und die den Ausblick und die sichere Hoffnung auf das ewige Leben schenkt
in der Überzeugung, daß, "wenn die Kirche diesen Gott verkündigt,
sie nicht von einem unbekannten Gott spricht, sondern von dem Gott, der
uns so sehr geliebt hat, daß sein Sohn für uns Fleisch geworden
ist. Es ist der Gott, der sich uns naht, der sich uns mitteilt, der einer
von uns wird, der wahre "Immanuel" (vgl. Mt 1, 23)".(31)
Daraus ergibt sich auch die Notwendigkeit, alle aus dem Evangelium zu
ziehenden Folgerungen zu verkündigen, besonders die, die den
Menschen, sein Dasein, seine Wahrheit betreffen, in dem Bewußtsein,
daß "die Sache Gottes in keiner Weise der Sache des Menschen
entgegengestellt ist. Es sind vielmehr die rein irdischen Verheißungen,
die - wie es die jüngste Geschichte lehrt - die Menschen am Ende in
die totalitäre Knechtschaft stürzen".(32)
Jetzt, acht Jahre später, geht es darum, den zurückgelegten
Weg zu prüfen und ihn mit noch größerer Entschlossenheit
und Bestimmtheit weiterzugehen. Wegweiser sind uns die Worte Johannes
Pauls II.: "Wenn es in Europa zu einer neuen Begegnung mit dem
Evangelium Jesu Christi kommen soll, ist zuallererst ein geistiger
Aufbruch, eine neue Entschiedenheit und Freudigkeit des Glaubens unter
Christen nötig. Nur so können sie 'Zeugnis von unserer Hoffnung
geben'; nur so wird der Glaube wieder schöpferische geistige und
kulturelle Kraft werden".(33)
Zu diesem Zweck will die Synode vor allem den wahren Glauben an
Jesus Christus, unsern Herrn, den Auferstandenen, den einzigen Erlöser,
der lebt und gegenwärtig ist in seiner Kirche, erneut
vorstellen. An der Schwelle zum dritten Jahrtausend - und in den Fußstapfen
des II. Vatikanischen Konzils, das der Heilige Vater als ein Ereignis
bezeichnete, "durch das die Kirche die unmittelbarere Vorbereitung
auf das Jubiläum des Jahres 2000 in Gang gesetzt hat"(34) will
die Synode den Kirchen in Europa zu einer neuen, vollen Aufmersamkeit
verhelfen für "die vielfältige und einmalige, feste und
anregende, geheimnisvolle und klare, bedrängende und beseligende
Beziehung zwischen uns und Jesus, zwischen dieser heiligen und lebendigen
Kirche, die wir sind, und Christus, von dem wir kommen, für den wir
leben und zu dem wir unterwegs sind".(35) Die Synode möchte also
wie schon das Konzil Jesus Christus, unsern Herrn, bekennen und
lobpreisen, "das menschgewordene Wort, den Gottessohn und den
Menschensohn, den Erlöser der Welt, das heißt die Hoffnung der
Menschheit, und ihren höchsten Lehrer, den Hirten, das Brot des
Lebens, unseren Hohenpriester und unser Opfer, den einzigen Mittler
zwischen Gott und den Menschen, den Erlöser der Welt, den König
der ewigen Herrlichkeit, der kommen wird".(36)
Jesus Christus, der Auferstandene, einziger Erlöser
29. Es geht darum, mit Nachdruck und Überzeugung zu bekräftigen,
daß Christus für uns notwendig ist. Er ist notwendig für
unser Heil und auch für die volle Verwirklichung der menschlichen
Werte.
Die Kirchen Europas sind heute aufgefordert, im festen und überzeugten
Glauben mit Paul VI. zu wiederholen, daß "Christus für uns
notwendig ist, ohne ihn geht es nicht. Ohne ihn kann man nicht leben".(37)
"Christus ist unser Erlöser. Christus ist unser höchster
Wohltäter. Christus ist unser Befreier. Christus ist für uns
notwendig, damit wir in der zeitlichen Ordnung würdige und wahre
Menschen und in der übernatürlichen Ordnung erlöste und erhöhte
Menschen sein können".(38)
Wie Johannes Paul II. gegenüber den Europäern betont hat, will
die Synode verkünden, daß Jesus Christus Herr der Geschichte
ist, Inhalt und Wesenskern der Heilsbotschaft, der Weg, die Wahrheit und
das Leben (vgl. Joh 14, 6), die einzige gültige Hoffnung für
alle Generationen, der Ausgangspunkt der Neuevangelisierung. Er ist unser
Ostern. In ihm, durch sein Kreuz und seine Auferstehung, hat Gott mit dem
Menschen einen neuen und ewigen Bund für alle Zeiten geschlossen. Er
ist das Geheimnis der Lebenskraft Europas. Jesus Christus ist, heute und
in Ewigkeit, Quelle der Hoffnung, denn in ihm haben sich die göttlichen
Verheißungen voll verwirklicht. Er offenbart uns ohne Furcht vor
Widerruf, daß unser Gott ein treuer Gott ist, der seine Verheißungen
erfüllt und verwirklicht.
Jesus Christus ist vor allem derjenige, der den Menschen von jeder
Knechtschaft befreit. Er ist der einzige, der die ununterdrückbare
menschliche Sehnsucht nach Freiheit vollständig stillen kann. Er ist
die einzige endgültige Antwort auf alle Fragen nach dem Sinn des
Lebens und auf die verborgensten Rätsel, die auch heute viele
suchende Menschen in Europa bedrängen, denn nur in ihm findet die
tiefste Sehnsucht des Menschen eine volle, angemessene Antwort. Wie
Johannes Paul II. kürzlich bekräftigte, will die Synode Christus
als den verkündigen, "der dem Menschen den Menschen in seiner Fülle
als Kind Gottes, in seiner unveräußerlichen personalen Würde,
in seiner Verstandesfähigkeit, die Wahrheit zu erkennen, und in
seiner Willenskraft, das Gute zu tun, kundmacht".(39) Das stimmt überdies
voll mit dem west- und osteuropäischen Humanismus überein,
obwohl "im Lauf der Zeit, insbesondere der sogenannten modernen Zeit,
Christus als Urheber des europäischen Geistes, als Urheber dieser
Freiheit, die in ihm ihre erlösende Wurzel hat, in Klammern gesetzt
wurde [...] und eine andere europäische Mentalität sich zu
formen begann, eine Mentalität, die man kurz mit dem Satz bezeichnen
kann: 'Denken wir so, leben wir so, als ob Gott nicht existierte'".(40)
30. Es gibt dann noch einen anderen Aspekt, den die Synode im
Zusammenhang mit dem derzeitigen immer spürbareren religiösen
Pluralismus in Europa bekennen will: Die Einzigartigkeit und Universalität
Christi, des Erlösers, und damit die absolute Unvergleichlichkeit des
Christentums mit anderen Religionen. Entsprechend der Konzilslehre und des
jüngeren Lehramtes(41) geht es darum, den eigenen Glauben zu erneuern
und zu verkündigen, daß Jesus der einzige und eingesetzte
Mittler des Heils für die gesamte Menschheit ist. Nur in ihm
finden die Menschheit, die Geschichte und der Kosmos ihre endgültige
positive Sinngebung und volle Verwirklichung. Er birgt in seinem Ereignis
und in seiner Person die Gründe der absoluten Heilsendgültigkeit.
"In keinem anderen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen
kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden
sollen" (Apg 4, 12). Von dieser klaren Bekräftigung des
Petrus erleuchtet, fühlen wir uns mit Johannes Paul II. an der
Schwelle des Großen Jubiläums des Jahres 2000 gedrängt, "die
Wahrheit über Christus als einzigen Mittler zwischen Gott und den
Menschen und einzigen Erlöser der Welt (zu) erläutern und (zu)
vertiefen", indem wir ihn "klar von den Stiftern anderer großer
Religionen unterscheide(n), in denen auch Wahrheitselemente zu finden
sind, welche die Kirche mit aufrichtiger Achtung betrachtet".(42)
Jesus Christus ist in der Kirche gegenwärtig
31. Auch in den schwierigsten Situationen, wenn die Hoffnung schwindet
und der Glaube wankt, ist Jesus gegenwärtig: Er verläßt
seine Kirche nicht, sondern wird ihr Wegbegleiter. Er ist wie der
Weggefährte, der auf dem Weg der Kirche durch die Zeit seine geliebte
Braut nie verläßt, sondern ihr zuvorkommt und sie begleitet mit
einer Zärtlichkeit, die die absolute Unentgeltlichkeit seiner Liebe
bezeugt.
Das lehrt uns erneut die Begegnung mit den beiden Jüngern von
Emmaus: "Jesus (kam) hinzu und ging mit ihnen. Doch sie waren wie mit
Blindheit geschlagen, so daß sie ihn nicht erkannten" (Lk
24, 15-16). Auch unerkannt ist Jesus gegenwärtig, kreuzt ihren Weg,
ist ihr fürsorglicher Weggefährte und Führer. Augustinus
schreibt darüber: "Er ging mit ihnen wie ein Weggefährte,
ja, er war es, der sie anführte. Sie sahen ihn, aber sie konnten ihn
nicht erkennen. Sie waren - wie wir gehört haben - wie mit Blindheit
geschlagen und konnten ihn nicht erkennen. Sie waren wie mit Blindheit
geschlagen, nicht weil sie ihn nicht sahen, sondern weil sie ihn nicht
erkannten".(43)
Das hat der Glaube der Kirche immer bekannt und bekennt es weiterhin.
Denn Jesus, zum Himmel aufgestiegen und verherrlicht, bleibt bei seiner
Kirche auf Erden: "Als seine sichtbare Gegenwart den Jüngern
genommen wurde, ließ Jesus sie nicht als Waisen zurück. Er
versprach, bei ihnen zu bleiben bis zum Ende der Zeiten, und sandte ihnen
seinen Geist. In gewissem Sinne wurde die Gemeinschaft mit Jesus dadurch
noch vertieft: 'Indem er nämlich seinen Geist mitteilte, hat er seine
Brüder, die er aus allen Völkern zusammenrief, in
geheimnisvoller Weise gleichsam zu seinem Leib gemacht'(Lumen gentium,
7)".(44) Jesus handelt weiterhin durch das mächtige
Eingreifen des Heiligen Geistes, der das ständige und treue "Gedächtnis"
dessen ist, was Jesus gesagt und getan hat (vgl. Joh 14, 26), und
der Tag für Tag im Kommen ist, um Jesus Christus in der Kirche und in
den Jüngern nachzubilden und sie so zum lebendigen Leib Christi zu
formen.
32. Unterschiedlich und vielfältig sind - wie das Konzil lehrt -
die Weisen der Gegenwart unseres Herrn Jesus: "Christus (ist) seiner
Kirche immerdar gegenwärtig, besonders in den liturgischen
Handlungen. Gegenwärtig ist er im Opfer der Messe sowohl in der
Person dessen, der den priesterlichen Dienst vollzieht [...] wie vor allem
unter den eucharistischen Gestalten. Gegenwärtig ist er mit seiner
Kraft in den Sakramenten [...] Gegenwärtig ist er in seinem Wort, da
er selbst spricht, wenn die heiligen Schriften in der Kirche gelesen
werden. Gegenwärtig ist er schließlich, wenn die Kirche betet
und singt, er, der versprochen hat: 'Wo zwei oder drei versammelt sind in
meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen' (Mt 18, 20)".(45)
Er ist auch "gegenwärtig in seiner Kirche, die die Werke der
Barmherzigkeit übt, nicht nur, weil wir, wenn wir etwas für
einen seiner geringsten Brüder tun, es für Christus tun (vgl.
Mt 25, 40), sondern auch weil Christus selbst diese Werke durch
seine Kirche tut, indem er den Menschen immer mit göttlicher Liebe zu
Hilfe kommt. Er ist seiner pilgernden Kirche gegenwärtig, die sich
nach dem Hafen des ewigen Lebens sehnt, weil er durch den Glauben in
unseren Herzen wohnt (vgl. Eph 3, 17) und in sie die Liebe durch
das Wirken des Heiligen Geistes, der uns gegeben ist, eingießt".(46)
Er ist gegenwärtig "in den Armen, den Kranken, den Gefangenen
(vgl. Mt 25, 31-46), in seinen Sakramenten, deren Urheber er ist".(47)
Eine andere besondere Gegenwart des Herrn ist auch in einzelnen Personen
wahrzunehmen, die in besonders enger Gemeinschaft mit ihm leben. "Im
Leben derer, die, zwar Schicksalsgenossen unserer Menschlichkeit, dennoch
vollkommener dem Bilde Christi gleichgestaltet werden (vgl. 2 Kor
3, 18), zeigt Gott den Menschen in lebendiger Weise seine Gegenwart und
sein Antlitz. In ihnen redet er selbst zu uns, gibt er uns ein Zeichen
seines Reiches".(48) Auf derselben Linie ist Jesus in den Familien,
in den Gruppen, in den Bewegungen und in den Pfarrgemeinden gegenwärtig,
überall dort, wo ein Mensch die Liebe lebt und das neue Gebot der
Liebe verwirklicht (vgl. Joh 15, 1-17). Seine Gegenwart
manifestiert sich in der Konkretheit einer christlichen Gemeinschaft, die
in der Liebe lebt, eines Herzens und einer Seele ist und sich die
Haltungen der apostolischen Kirche zu eigen macht (vgl. Apg 2,
42-48; 4, 32-35).
Jesus Christus ist in der Kirche, seinem Leib, so sehr gegenwärtig,
daß das Wirken der Kirche Teilhabe an der Sendung Jesu ist.
Alles, was die Kirche "hat" und "ist", ist Frucht der
schenkenden Liebe Christi. Sie "erwächst" nicht nur aus der
Liebe und dem Geschenk Christi, der sie geliebt und sich für sie
hingegeben hat (vgl. Eph 5, 25), sondern "ist" die in
der Geschichte sichtbar und wirksam gewordene Liebe und Hingabe. Wie
Christus das "Sakrament" der Liebe des Vaters ist, so ist die
Kirche das "Sakrament" der Liebe Christi. darum existiert sie.
Darum ist sie von Christus in die Welt gesandt. Daraus folgt, daß
die Kirche, obwohl in verschiedenen Formen und mit Schwächen und
Unvollkommenheiten behaftet, den Herrn repräsentiert, an seiner
Heilssendung teilhat und von der Kraft seines Geistes beseelt und gestützt
wird. Ambrosius schreibt, daß "die Kirche nicht im eigenen
Licht, sondern im Glanz Christi erstrahlt".(49) Sie ist sein
lebendiges Sakrament.
"Gewißsind wir uns sehr wohl unserer Grenzen bewußt,
aber ebenso mächtig ist unsere Gewißheit über seine
Gegenwart und sein ständiges Heilswirken".(50) Das ist das
Glaubensbekenntnis, das die Synode rückhaltlos verkündigen will.
Aber es ist auch ein Beweggrund zur Gewissensprüfung, die die Synode
in unseren Kirchen begünstigen will.
Die Kirche als "Geheimnis" und "Gemeinschaft"
33. Die Verkündigung der Gegenwart Jesu in seiner Kirche führt
dazu, die Kirche in ihren Dimensionen von "Geheimnis" und "Gemeinschaft"
zu betrachten.
Vom "Geheimnis" der Kirche sprechen heißt, ihre
sakramentale Natur zu bekräftigen, bzw. ihre Verwurzelung im
Geheimnis Christi, auf dem sie gründet, hervorzuheben. Sie ist
Geschenk Gottes, manifestiert in Jesus Christus und mitgeteilt durch den
Heiligen Geist, der ihr zuvorkommt und sie belebt. Das durch das Wort verkündete
und in den Sakramenten verwirklichte Ostergeheimnis Christi ist die Quelle
ihrer Existenz und Sendung. "Als Sakrament ist die Kirche Werkzeug
Christi. Die Kirche ist in den Händen Christi 'Werkzeug der Erlösung
aller' (Lumen gentium, 9), 'allumfassendes Sakrament des Heiles' (Lumen
gentium,48), durch das Christus die 'Liebe Gottes zum Menschen
zugleich offenbart und verwirklicht' (Gaudium et spes, 45,1). Sie
ist 'das sichtbare Projekt der Liebe Gottes zur Menschheit' (Paul VI.,
Ansprache vom 22. Juni 1973). Diese Liebe will, 'daß das
ganze Menschengeschlecht ein einziges Volk Gottes bilde, in den einen Leib
Christi zusammenwachse und zu dem einen Tempel des Heiligen Geistes
aufgebaut werde' (Ad gentes, 7)".(51)
Von der Kirche als "Gemeinschaft" sprechen heißt vor
allem, zu bekräftigen, daß die Kirche nicht nur "um
Christus" versammelt, sondern "in ihm", in seinem Leib
geeint ist.(52) Christus und die Kirche bilden somit den 'ganzen Christus'
[...] Die Kirche ist der Leib, dessen Haupt Christus ist. Sie lebt aus
ihm, in ihm und für ihn; er lebt mit ihr und in ihr".(53) Mit
dieser Gewißheit dürfen und sollen wir ein Wort der hl. Jeanne
d'Arc an ihre Richter wiederholen: "Von Jesus und der Kirche denke
ich, daß alles eins ist und daß man daraus kein Problem machen
soll." Zusammengefaßt heißt das Bezugnahme auf die "communio",
die auf der Gemeinschaft mit Gott im Heiligen Geist durch Jesus Christus
gründet und in der kirchlichen Gemeinschaft Wirklichkeit geworden
ist, welche wiederum auf die Gemeinschaft der ganzen Menschheit
ausgerichtet ist.
34. Angesichts dieser wenn auch zwischen Ost- und Westeuropa verschieden
akzentuierten Ausblicke erscheint die Auffassung, die man heute in Europa
von der Kirche als "Geheimnis" hat, sehr
unterschiedlich und spiegelt das bunte Bild des heutigen Christentums
wider.
Auch wenn sie im allgemeinen eine Minderheit ausmachen, begreifen
diejenigen, deren Leben deutlich auf Gemeinschaft ausgerichtet ist und die
auf verschiedene Weise die Last des kirchlichen Lebens in Form von
Mitarbeit und Mitverantwortung tragen, die Kirche als Geheimnis,
Gemeinschaft und Sendung, wie sie - ausgehend von einigen in den
Dokumenten des II. Vatikanischen Konzils wiedergegebenen Ansätzen -
in den Synodenversammlungen und päpstlichen Weisungen noch deutlicher
beschrieben worden ist. Dazu gehören viele Gemeinschaften des
geweihten Lebens, die verschiedenen in der Seelsorge wirkenden Männer
und Frauen sowie die Mitglieder der kirchlichen Vereinigungen und
Bewegungen.
Ein Großteil der Menschen, auch der Christen teilt hingegen die
heute in der öffentlichen auch kirchlichen Meinung vorherrschende
Sicht der Kirche, wonach sie allgemein als hierarchisch gegliederte
Institution gesehen wird, die sich durch ihre Lehraussagen besonders im
moralischen Bereich den Bestrebungen derer widersetzt, die für sich
und für die anderen weite Freiheitsräume beanspruchen und sich
nicht von oben sagen lassen, was sie tun und wie sie sich verhalten
sollen. In vielen Fällen wird dann die Kirche als Institution und
kulturelle, caritative und humanitäre Einrichtung und damit als eine
Art Angebot vielfältiger "Dienstleistungen" verstanden, die
als solche auch hochzuschätzen und zu nutzen sind. Zu den Beweggründen
dieser Mentalität scheinen zu zählen: die von den Medien
verbreitete Darstellung der Kirche; die schwere Erblast der
individualistischen Philosophie der vergangenen Jahrhunderte; ein geringe
Betonung des mystischen Wesenszuges der Kirche in Predigt und Lehre;
seitens der kirchlichen Vertreter eine Praxis, die oft nicht auf
Gemeinschaft ausgerichtet und nicht genügend auf gegenseitigem
Respekt und offenem Hören der Meinungen anderer gründet. Diese
verbreitete Mentalität scheint besonders mit dem besorgniserregenden
Verlust der Sicht der Kirche als sakramentale Wirklichkeit zusammenzuhängen
und hat auf viele Bereiche negative Auswirkungen. So ist die Verringerung
der Priesterweihen in vielen europäischen Ländern auf diese veränderte
Kirchensicht zurückzuführen, die das Priesteramt nicht mehr als
einen sakramentalen Lebensstand, sondern nur als eine möglicherweise
austauschbare Rolle des strukturellen Aufbaus der Kirche versteht. Damit
verbunden ist ein verringertes Bewußtsein der Gegenwart Jesu Christi
mit seinem Geist im Leben der Kirche. Von daher die Notwendigkeit, das
Verständnis von Kirche als Geheimnis, Gemeinschaft und Sendung durch
die Verkändigung des Evangeliums, durch Katechese und Seelsorge zu
vermitteln und zu vertiefen.
Außerdem gibt es kleine Gruppen nostalgischer Katholiken, die auf
verschiedenen Ebenen in den Ortskirchen Spannungen hervorrufen können.
Betrachtet man die Kirche als "Gemeinschaft", werden
unter den konkreten Ausdrucksformen dieser Wirklichkeit normalerweise
aufgezählt: der Gottesdienst, das Gebet, die Schriftlesung, das
sakramentale Leben und die Wallfahrten. Hervorzuheben ist hier die immer
größere Rolle, die einige Gemeinschaften und Gruppen mit
christlicher Spiritualität spielen, abgesehen von der Bedeutung der
Pfarrgemeinde als ursprünglichen "Raum gelebter Gemeinschaft".
Dritter Teil
Jesus Christus Hoffnung für Europa
Für eine Kirche, die das "Evangelium der
Hoffnung"
durch die Verkündigung, den Gottesdienst
und den Dienst am Nächsten verbreitet
Aus der Begegnung mit Jesus geht die Sendung hervor
35. Nachdem die beiden Jünger den auferstandenen und lebendigen
Christus erkannt hatten, konnten sie meinen, ihr Weg sei in Emmaus zu Ende
und Jesus bleibe bei ihnen. Aber gerade als "ihnen die Augen
aufgingen und sie ihn erkannten, sahen sie ihn nicht mehr" (vgl. Lk
24, 31). Weder das tröstliche Verständnis der Schrift noch die
freudige Erfahrung der Eucharistie waren das Ziel ihres Weges. Es war
Jerusalem, die Stadt Gottes, der Ort des wahren menschlichen
Zusammenlebens, die ideale Stadt, das Symbol jedes
menschlich-geschichtlichen Ereignisses und der endgültig von der
Herrlichkeit Gottes erfüllten Stadt (vgl. Offb 21, 10). Das
heißt, daß das Erkennen Jesu als Auferstandenen, der in
seiner Kirche lebt und gegenwärtig ist, notwendigerweise "Sendung"
wird, die in der konkreten Geschichte bis zur endgültigen
Vollendung in der Wiederkunft des Herrn gelebt wird.
Deshalb "brachen sie noch in derselben Stunde auf und kehrten nach
Jerusalem zurück, und sie fanden die Elf und die anderen Jünger
versammelt" (Lk 24, 33). Hier spielt man auf eine wesentliche
Dimension der Sendung an: Sie kann nur in Gemeinschaft und um das Wort und
die Eucharistie und um die Apostel und ihre Nachfolger versammelt gelebt
werden. Ja, wir können sagen, daß die Sendung ein Anspruch
ist, der der Gemeinschaft innewohnt, der Gemeinschaft mit Jesus, aus
der die Gemeinschaft der Christen untereinander erwächst: "Communio
und Sendung sind zutiefst miteinander verbunden, sie durchdringen und
bedingen einander, so daß die communio zugleich Quelle und
Frucht der Sendung ist: die communio ist missionarisch und die
Sendung gilt der communio".(54)
In Jerusalem angekommen, hörten die beiden Jünger die
Nachricht: "Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon
erschienen" (Lk 24, 34), und "da erzählten auch
sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das
Brot brach" (Lk 24, 35). Wir werden also auf den Kerninhalt
der gesamten Sendung der Kirche, der Verkündigung, des
Gottesdienstes und des Dienstes am Nächsten, hingewiesen: Die
Botschaft, daß der auferstandene und lebendige Christus der einzige
Erlöser aller Menschen ist, muß heute und für alle Zeiten
in den einzelnen Kirchen, unter den verschiedenen Kirchen und allerorts in
der Welt verkündigt werden. Das will die Synode anregen und bewirken
in der Überzeugung, daß wir das, was wir unentgeltlich von Gott
durch die lebendige Tradition unserer Väter im Laufe der
Evangelisierung ganz Europas empfangen und was wir durch das Hören
des Wortes und die Feier der Sakramente aufgenommen haben, unsererseits
dem Europäer von heute und allen, zu denen der Herr uns sendet,
unentgeltlich anbieten müssen. Die Freude, die der Auferstandene uns
spüren läßt, indem er uns die Schriften erklärt und
das Brot für uns bricht, drängt uns und alle unsere Kirchen, "von
Emmaus aufzubrechen", um den anderen Menschen diesen Lebensvollsinn
zu vermitteln, der uns geschenkt wurde und nach dem sie sich in ihrem
Innersten sehnen, auch wenn sie gleichgültig sind oder ihn scheinbar
ablehnen.
36. Das ist die dringende Aufgabe, vor die die Kirchen Europas gestellt
sind. Auch für sie wie für alle Kirchen in der Welt gelten die
verantwortungsschweren Worte Johannes Pauls II.: "Indem sie sich an
der Pädagogik der Menschwerdung inspiriert, ist die christliche
Gemeinschaft aufgerufen, mit Christus an der Seite des Menschen von heute
zu gehen, ihn in der schwierigen Wahrheitssuche zu stützen und ihn
die Gegenwart des Erlösers irgendwie dort deutlich zu machen, wo er
sein tägliches Leben lebt, das mit unsicheren Zukunftaussichten, mit
Ungerechtigkeit, Orientierungslosigkeit und manchmal Verzweiflung
verbunden ist. Im Vertrauen auf die Gegenwart des Herrn, werden die
Christen durch Hören, durch den Dialog, den Dienst am Wort und den
Sakramenten ihre Zeitgenossen von der Mutlosigkeit zum freudigen Zeugnis für
den auferstandenen Christus führen können".(55)
Angesichts dieser Ausblicke, die die missionarische Dimension des
Geheimnisses der Kirche betreffen, ist in unseren Kirchen eine gewisse Trägheit
festzustellen. Der Sendungsauftrag ist gemäß einer Pastoral der
"Bewahrung" oft zum Lebensalltag und zur kirchlichen Praxis
zusammengeschrumpft. Man hat große Mühe, "aus sich
herauszugehen" und eine verstärkte und erneuerte Pastoral in
Gang zu bringen (eine Mühe, die zumindest in einigen kirchlichen
Gemeinschaften der ehemals kommunistischen Länder scheinbar auf das
Klima zurückzuführen ist, das durch Angst, Mißtrauen, Abhängigkeit
und mangelnde Kreativität jahrzehntelang vom damals herrschenden
Regime auferlegt wurde). Selbst die "Mission ad gentes",
die zwar auf Grund der oft heroischen Präsenz der ersten Missionare
der eigenen Kirchen hochgeschätzt wird, hat Schwierigkeiten durch den
Räckgang der Berufungen, der zum Teil darauf zurückzuführen
ist, daß die Kirchen in ihren Bedürfnissen verhaftet sind.
Aber weit davon entfernt, zu entmutigen und zu hemmen, wird dieser
Zustand ein weiterer Ansporn, zu einer Sendung zu befähigen, die dem
Europa von heute neue Hoffnung gibt.
Europa neue Hoffnung geben
37. Die Synode will verkündigen, daß die Hoffnung Europas
das Kreuz Christi ist, das "Zeichen der versöhnenden, Leid
und Tod überwindenden Liebe Gottes zu uns Menschen, Verheißung
der Brüderlichkeit aller Menschen und Völker, göttliche
Kraftquelle für die beginnende Erneuerung der ganzen Schöpfung",(56)
und daß die Hoffnung ein festes Fundament hat, wenn wir versuchen,
dem Willen Gottes durch eine "persönliche Glaubensbereitschaft"
zu entsprechen.(57)
Dabei stützt und leitet uns die Gewißheit, daß "Christus,
der Herr, der Weg ist; er heilt unsere inneren und äußeren
Wunden, stellt in uns das göttliche Bild wieder her, das wir durch
die Sünde verdunkelt haben";(58) des weiteren die Gewißheit,
daß die christlichen Wurzeln Europas, wenn sie wiederentdeckt und
wiederbelebt werden, in allen lebendige Hoffnung und neue Dynamik wecken können,
die zur Überwindung der gegenwärtiggen Schwierigkeiten beitragen
und eine geistige und menschliche Weiterentwicklung für die Zukunft
sicherstellen.(59)
Heute, an der Schwelle des neuen Jahrtausends, ist es notwendig, diese Überzeugungen
zu hegen, um Europa neue Hoffnung anzubieten. Tatsächlich wird sich "die
Heilige Tür des Jahres 2000 für eine Gesellschaft öffnen,
die der Erleuchtung durch das Licht Christi bedarf. Das 'alte Europa' hat
das Geschenk des Evangeliums empfangen, ruft aber jetzt nach einer neuen
christlichen Verkündigung, die den Menschen und Völkern hilft,
die Freiheit mit der Wahrheit zu verbinden, und die geistigen und
ethischen Fundamente für die wirtschaftliche und politische
Vereinigung des Kontinents sicherstellt".(60)
Es besteht kein Zweifel, daß sich auch die soziale Erneuerung
Europas nur auf den auferstandenen Christus stützen kann und daß
die Kirchen mit ihren Hirten zu dieser Erneuerung beitragen können,
indem sie sich um Christus scharen, ihr Vertrauen auf ihn setzen und ihre
apostolischen und missionarischen Pläne auf ihn und einzig auf ihn gründen,
der unter uns bis zum Ende der Zeiten gegenwärtig ist und lebt.(61)
Trotz aller Probleme und Schwierigkeiten darf ebensowenig die Zuversicht
schwinden, daß - wie der Papst trotz pessimistischer Stimmen
wiederholt bekräftigt - "unmittelbar vor Anbruch des 3.
Jahrtausends der Erlösung Gott dabei ist, einen großen
christlichen Frühling zu bereiten, dessen Morgenröte man schon
ahnend erkennen kann (Redemptoris missio, 86)".(62)
38. Wenn wir unter diesem Gesichtspunkt auf die Wirklichkeit unserer
Kirchen schauen und ihre Ansicht über sie selbst hören,
bringen sie die Überzeugung zum Ausdruck, daß Jesus
Christus, der in seiner Kirche lebt, weiterhin Quelle der Hoffnung für
Europa ist. Aber zugleich wird hervorgehoben, daß das gewiß
nicht automatisch geschieht, sondern in dem Maß, in dem sich die
Kirchen heute mit ihren vielfältigen Gliederungen konkret bemühen,
die von Jesus von Nazaret in seiner geschichtlichen Existenz angewandte
Evangelisierung neu zu leben und zu verwirklichen: d. h. seine
Menschlichkeit und Demut, seine Beziehung als Sohn zum Vater des Lebens,
sein Gefühl, vom Geist gesalbt und in die Welt gesandt zu sein; sein
tätiges Mitleid mit den Armen, seine vielen Gesten der Befreiung von
so vielen Formen der Unterdrückung; die Gesten, Gesundheit, Leben und
Freude zu schenken; seine Wahrheitsliebe, sein Zeugnis vom Reich der
Gerechtigkeit und des Friedens bis zum totalen Selbstopfer.
Zusammenfassend ist die Notwendigkeit zu unterstreichen, dem Leben des
europäischen Menschen von heute einen Sinn zu geben und gewisse
Voraussetzungen zu schaffen, damit die Person Jesu als Hoffnung für
Europa dargestellt werden kann. Das heißt, in der Treue zum
Herrn und seiner Auferstehung die Quelle und Stütze der eigenen
Hoffnung zu erkennen; die Notwendigkeit, in verständlicher, aber auch
anregender Weise die Person Christi und die christlichen Werte
vorzustellen; die Personen und Kulturen für das Übernatürliche
zu sensibilisieren; die Erfahrung der heilsamen Kraft des göttlichen
Erbarmens anzubieten; den Glauben in Wort und Tat und in einer Sprache zu
verkündigen, die insbesondere vom heutigen jungen Menschen verstanden
wird; das Zeugnis einer Gemeinschaft in Vielfalt auch im sozialen Bereich
in besonderen Fällen anzubieten.
Im einzelnen kann der Beitrag der Kirche zum Wachstum der Hoffnung in
Europa so beschrieben werden: Die Spiritualität kann eine Antwort auf
die Leere und Frustration der Konsumgesellschaft sein. Der Sinn für
Gemeinschaft kann die Schranken der Voreingenommenheit und der
Nationalismen durchbrechen sowie den drohenden Zerfall der Gesellschaft
aufhalten. Das missionarische Zeugnis ist Ausdruck der Sorge um das Wohl
des Einzelnen, damit er den Sinn seines Lebens findet.
Im Grund handelt es sich darum, vor allem in der Zeit des Pluralismus
von heute zu glauben und zu verkündigen, daß die Dreifaltigkeit
Ursprung und Quelle des Lebens des ganzen Menschen und für alle
Menschen ist und daß in der Offenbarung der Dreifaltigkeit die Würde
aller Menschen als Kinder Gottes des Vaters wurzelt, die zur Teilhabe
berufen sind und dazu, mit dem Heiligen Geist eine Liebesgemeinschaft
aufzubauen.
Es handelt sich darum, eine Kirche zu sein, die in Treue zu den im Credo
aufgezählten theologischen Eigenschaften - Einheit, Heiligkeit,
Katholizität, Apostolizität - fähig ist, Zeugnis abzulegen
durch einen wahrhaften Glauben, durch brüderliche Liebe, durch ein
Leben gemäß den Seligpreisungen, deren Modell Jesus ist; durch
ein menschliches, einfaches Leben; durch die Vergebung in brüderlicher
Gemeinschaft; durch die Bereitschaft, mit den Menschen guten Willens zum
Wohl aller und besonders der Notleidenden wirksam zusammenzuarbeiten.
In einer solchen Kirche können die Gläubigen, vereint mit dem
Vater und gesalbt im Geist der Wahrheit, Hoffnung vermitteln, indem sie
das Leben Jesu nachleben, das heißt mit ihm zum Haus des Vaters
pilgern. So kann in ihnen seine Menschlichkeit und Einfachheit
durchscheinen, sie können außer der Befreiung und Freude
Mitleid und Vergebung schenken, Gerechtigkeit und Frieden stiften und
privat und in der Liturgie ein Gebetsleben als persönliche Begegnung
mit dem Herrn führen.
39. Es gibt aber auch von manchen Seiten den Einwand, daß die
Verbindung zwischen Jesus Christus, der Kirche und der Hoffnung im
konkreten Geflecht vieler Gemeinschaften nicht so deutlich hervortritt.
Erkennbar sind in manchen Kirchen verschiedentlich anzutreffende Haltungen
und Verhaltensweisen, die die Hoffnung verdunkeln. Darunter sind zu
nennen: die Versuchung zu weltlicher Macht und dazu, sich auf die Macht
des Geldes und einer gut funktionierenden Einrichtung zu stützen;
eine wenn auch latente neue Form von Klerikalismus; der unterschwellige
Anreiz, beim Angebot stärkeren Druck auszuüben auf die Gefahr
hin, das Gewissen zu manipulieren und eine Evangelisierungstätigkeit
zu verhindern; die Gefahr, bei der Ausübung vieler caritativer und
pflegerischer Dienste verfeinerten Formen von Paternalismus nachzugeben.
Daraus ergibt sich die Notwendigkeit zur Gewissenprüfung; die
Notwendigkeit, einer neuen Anstrengung zur "Umkehr" Raum zu
geben zu dem Zweck, die mehr oder weniger tiefe Kluft zwischen einem nur
mit den Lippen verkündeten Evangelium und einem in der Tat gelebten
Evangelium zu verringern; die Dringlichkeit, in den einzelnen Kirchen zu
Arm und Reich, aber auch zu den außereuropäischen Kirchen
Beziehungen wahrer Solidarität durch eine echte Öffnung zur Welt
aufzubauen.
Es wird auch unterstrichen, daß, um Hoffnung zu vermitteln, es
notwendig ist, die christliche Bildung der freien Berufe, der Politiker
und der verschiedenen Vertreter des öffentlichen Lebens zu fördern;
durch die Medien eine öffentliche Meinung zu bilden, die sich an den
christlichen Werten inspiriert; zum Sinn für Europa und zur Weltweite
als Glaubensanspruch heranzubilden.
Aber vor allem gibt es einige Grundvoraussetzungen, damit unsere Kirchen
Hoffnungsträger für das Europa von heute sein können. Es
sind Bedingungen, die das Antlitz der Kirche und ihre Seins- und
Lebensweise betreffen. Auf sie will die Synode die Aufmerksamkeit
lenken und die Gewissensprüfung konzentrieren.
Eine Kirche, die die Gegenwart und das Handeln Christi und seines
Geistes erkennt und annimmt
40. Die Hoffnung erlahmt und schwindet, wenn die Gewißheit erlahmt
und schwindet, daß in den Ereignissen des persönlichen, familiären,
sozialen und kirchlichen Lebens der Herr und sein Geist gegenwärtig
sind, dagegen die Überzeugung überhand nimmt, daß alles
dem Zufall überlassen und ohne Sinn ist.
Wenn das, wie es scheint, ein charakteristischer Zug der schweren
derzeitigen Krise ist, dann ist die unerläßliche Aufgabe der
Kirche, zu glauben und zu bezeugen, daß Jesus Christus und das
Geschenk seines Geistes auch heute in der Geschichte präsent sind. Es
handelt sich also darum, die Überzeugung zu stärken, daß
der Geist Christi präsent ist und handelt, daß er uns
zuvorkommt, daß er mehr als wir und besser als wir handelt. Er führt
wirklich unsichtbar und oft unscheinbar und verborgen seinen siegreichen
Wettkampf. Er setzt in Zeit und Raum die Sendung Christi, unseres Herrn,
fort und formt die Kirche zum Strom neuen Lebens, der die
Menschheitsgeschichte als Zeichen der Hoffnung für alle durchfließt.
In ihrem Leben und in ihrer Sendung ist die Kirche deshalb gerufen zu
glauben und zu bezeugen, daß der Heilige Geist imstande ist, die
Spaltung und Zersplitterung zu überwinden, den Herzen Frieden zu
geben und sie in der Freude der Gemeinschaft mit dem Vater und mit dem
Sohn in ihm zu vereinigen; daß er die Seele der Einheit der Kirche
ist und die christliche Gemeinschaft zum Zeichen, zum Werkzeug und zur
Prophetie der Einheit der Welt macht. Es geht darum, zu glauben und damit
zu bekennen, daß Jesus im Heiligen Geist heute die Herzen in Besitz
nimmt, die sich ihm öffnen im Hören des Wortes und in der
Teilhabe an den Sakramenten sowie allgemein in der Annahme des
Geheimnisses des Lebens und des Todes und in der Erfahrung von Liebe,
Solidarität und Gerechtigkeit. Es handelt sich darum, eine Kirche zu
sein, die glaubt und durch ihren Lebensstil bezeugt, daß der Heilige
Geist der Herr ist, der das Leben schenkt, weil er hier und jetzt den
Lebendigen gegenwärtig macht über alle sozialen, rassischen,
kulturellen und religiösen Schranken hinweg. Eine Kirche die glaubt
und bezeugt, daß derselbe Heilige Geist im Herzen jedes Menschen, im
Herzen der Städte und der Geschichte Europas und der Welt wirkt, um
in ihnen heute wie gestern Personen und Gruppen zu erwecken, die Jesus ähnlich
sind, die wie er denken und handeln, die als wahre Kinder Gottes leiden
und wie er das Leben für die Brüder hingeben. Zeichen dieser
Seins- und Lebensweise sind unter anderem die Fähigkeit realistischer
Unterscheidung zwischen den positiven und negativen Glaubensbedingungen in
unserer Zeit, ohne einem leeren Optimismus oder sterilem Pessimismus
nachzugeben, und das Netz der Liebesbeziehungen wahrzunehmen und zu stützen,
die der Heilige Geist auch heute in Europa knüpft und die ein
Widerschein des Netzes der Liebesbeziehung der Heiligsten Dreifaltigkeit
sind.
Geschieht das nicht, könnten auch unsere kirchlichen Gemeinschaften
einer der stärksten und heimtückischsten Versuchungen erliegen,
die eben darin besteht, die Gegenwart des Heiligen Geistes außer
Acht zu lassen. Und das würde unweigerlich zu Müdigkeit, Enttäuschung,
Bedeutungslosigkeit und reiner pastoralen Wiederholbarkeit führen. Es
wäre das Zeichen für mangelndes Vertrauen, typisch für den,
der meint, Gott habe uns allein gelassen in einer bösen Welt, gegen
die man mit ungleichen Waffen kämpft, weil Gleichgültigkeit,
Egoismus und die Abkehr von Gott nach und nach unweigerlich überhand
nehmen. So würde die Kirche, anstatt Hoffnungsträger zu sein,
zur Traurigkeit, die in Europa zu herrschen scheint, noch beitragen.
Zu den Zeichen und Gaben der Gegenwart und des Handelns des Heiligen
Geistes in unserer Zeit, die zugleich wichtige Weisungen für unseren
Weg sind, gehören das II. Vatikanische Konzil, der Katechismus der
Katholischen Kirche, die Feier und die Anleitungen der Synode für
Europa von 1991.(63) Heute ist es notwendig, diese drei großen
Geschenke der Wegweisung gegenwärtig zu halten, die der Heilige Geist
auf den Weg der Kirche gestellt hat, und sich zu fragen, inwieweit wir uns
diese Geschenke zu eigen gemacht haben und uns von diesen Weisungen in den
vergangenen Jahren haben leiten lassen; des weiteren nach den Ausblicken
zu fragen, die diese geschenkten Wegweisungen für die Zukunft
enthalten können.
Eine Kirche, in der Christus durchscheint und die ihm gleichgestaltet
ist.
41. Wenn, wie gesagt, die Kirche ganz auf Christus bezogen ist, wenn sie
Frucht seiner Liebe und vollen Hingabe ist (vgl. Eph 5, 25), und
wenn diese Liebe in der Geschichte gegenwärtig und wirksam ist, ist
es notwendig, daß ihre Pastoral nicht auf Menschenkraft gründet
und vertraut, sondern auf der Gnade Gottes, auf seiner liebevollen und
allmächtigen Vorsehung, auf den Kräften, die von Christus und
von seinem Geist geschenkt werden. Die lebendige und lebenspendende Wurzel
des Handelns der Kirche soll also in ihrer Gemeinschaft mit Christus, in
der wachsenden Liebe zu ihm und in der Lebensvertrautheit mit ihm
verhaftet sein.
Um klarer Widerschein Christi zu sein, muß die Kirche Christus,
ihren Bräutigam, mit unermüdlicher Liebe betrachten. Ihn
bitten, sein Wort hören, seine Gesten erwägen, sein Geheimnis
aufnehmen und an seiner Gnade teilhaben sind die wesentlichen unauslöschlichen
Voraussetzungen, um Christus, die Quelle der Zuversicht und Hoffnung,
aufscheinen zu lassen.
Folglich ist die vorrangige Aufgabe, das Gesicht unserer Kirchen zu prüfen
und es dem Antlitz Christi immer gleichförmigr zu machen. Denn wenn
die Kirche ganz vom Wort des Herrn, aus dem sie hervorgeht, abhängig
ist, müssen wir, wenn wir von ihr sprechen, uns bewußt sein, daß
wir von Jesus sprechen, und wenn wir ihr Antlitz beschreiben, müssen
wir uns auf das Antlitz Jesu beziehen, so daß die Kontemplation
ihres Antlitzes sich in Handlungen, Strukturen und Regeln in der Freude
und im Frieden des Heiligen Geistes umsetzt.
Wenn wir imstande sein wollen, Hoffnung zu bezeugen und zu verbreiten, müssen
unsere Kirchen den Willen haben, Leib des in der Geschichte gekreuzigten
Christus, die Neuerscheinung seines Antlitzes in der Zeit zu sein im
Vertrauen auf die Gnade des Heiligen Geistes und auf das Erbarmen dessen,
der die Verfehlungen vergibt, durch die wir täglich dieses heilige
und gütige Antlitz verunstalten. Heute geht es vor allem darum, bei
der Betrachtung des Schmerzensmannes, vor dem man gewöhnlich die
Augen verschließt, zu begreifen, daß unser Antlitz sich von
seinem nicht unterscheiden darf; daß unsere Schwachheit Kraft und
Sieg bedeutet, wenn sie die Neuerscheinung des Geheimnisses der
Schwachheit, der Demut und der Milde unseres Gottes ist. Diese kirchliche
Mystik der "imitatio Christi" hat das Konzil inspiriert
und kehrt am Anfang und in anderen Abschnitten der Konstitution über
die Kirche wieder: "Christus ist das Licht", um "alle
Menschen durch seine Herrlichkeit, die auf dem Antlitz der Kirche
widerscheint, zu erleuchten".(64) Die Kirche wird "von der Kraft
des auferstandenen Herrn gestärkt, um ihre Trübsale und Mühen,
innere gleichermaßen wie äußere, durch Geduld und Liebe
zu besiegen und sein Mysterium, wenn auch schattenhaft, so doch getreu in
der Welt zu enthüllen".(65)
Darauf soll die Synode hinweisen, dazu soll sie Anstöße
geben, und darüber soll sie eine mutige und heilsame Gewissenprüfung
anregen.
42. In derselben Richtung soll man sich fragen, ob man in der
Pastoralarbeit jenseits der notwendigen Planung und Programmierung nicht
Gefahr läuft, ihren Erfolg an der Anzahl der Initiativen und der
Beteiligten oder an den verfügbaren Mitteln und Kräften zu
messen.
Um die Hoffnung zu erneuern und zu stärken, ist es notwendig, nicht
der Versuchung zu übersteigertem Aktivismus nachzugeben, sondern
in der Pastoral den Primat der Spiritualität um jeden Preis zu
retten, vor allem durch ständige Zuhilfenahme des Gebets in der
Gewißheit, daß "letzteres immer eine Art 'Bekenntnis'
bedeutet, eine Anerkennung der Gegenwart Gottes in der Geschichte und
seines Wirkens zum Wohl der Menschen und der Völker", und daß
"das Gebet gleichzeitig eine engere Verbundenheit mit ihm und eine
gegenseitige Annäherung unter den Menschen fördert".(66) Außerdem
in der Überzeugung, daß es keine wahre soziale Erneuerung gibt,
die nicht von der Kontemplation ausgeht: "Die Begegnung mit Gott im
Gebet läßt in die Geschichte eine geheimnisvolle Kraft einfließen,
die die Herzen rührt, sie zur Umkehr und zur Erneuerung bewegt und
gerade dadurch auch eine gewaltige geschichtliche Umwälzung der
sozialen Strukturen bewirkt".(67)
In dieser Sicht wird die Synode sehen müssen, ob die Kirchen in
Europa Kirchen sind, die, bevor sie etwas "tun", Gott loben,
sein absolutes Primat anerkennen und vor ihm in schweigender Anbetung
stehen.
Anspruch und Verlangen nach Spiritualität müssen geprüft
werden
43. In Bezug auf diese wesentlichen Bedingungen, die den Kirchen Europas
erlauben, Träger der Freude und Hoffnung zu sein, wird von vielen
Seiten festgestellt, daß trotz des umfassenden Säkularisierungsprozesses
in Europa vor allem unter den Jugendlichen Zeichen des Verlangens und
der Suche nach Spiritualität zu erkennen sind. Diese Suche zeigt
sich manchmal ganz allgemein und vielfach "spontan", sie will
verstanden und gesteuert werden, indem man auf die Grunddimensionen einer
wahrhaft christlichen Spiritualität hinweist, die als persönliche
Umkehr, als Erfahrung von Kirche, als Nachfolge des Herrn und Dienst an
den Brüdern zu leben ist. Das Ideal der Selbstverwirklichung,
begleitet von einem Klima des Individualismus, Subjektivismus,
Pragmatismus und Hedonismus, kann einerseits eine Art Abbau der religösen
Symbolwelt hervorrufen und die Krise der traditionellen religiösen
Ausdrucksweise verstärken. Anderseits kann es zur Suche nach anderen
religiösen Erfahrungen anregen, die dem Bedürfnis nach Aufnahme,
nach mehr Wärme in den zwischenmenschlichen Beziehungen, nach persönlicher
Belohnung, nach Unterstützung, nach Sicherheit abhelfen möchten.
Auf dieser Linie und in der Sicht einer Suche nach eigener Identität,
um im derzeitigen Zerfall der Gesellschaft nicht unterzugehen, sind der
Erfolg neuer religiöser Ausdrucksformen und das Auftreten neuer
religiöser außerkirchlicher Gruppen, paralleler Bekenntnisse,
der "Sekten", neuer Integrierungsformen, des Zulaufs zu den fernöstlichen
Religionen, des "New Age" und sogar der Hinwendung zu
manchen Formen von Satanismus zu erklären.
Zusammenfassend könnte man sagen, daß die Auflistung des
religiösen Verhaltens der Europäer und insbesondere der jungen
Generationen Wesenszüge zeigen, die einerseits von der Auflösung
des traditionellen Modells der Religiosität und dem Abbau der
verschiedenen religiösen Bekenntnisse gekennzeichnet sind und
andererseits ein wachsendes Verlangen nach religiösen Bezügen,
nach Sicherheit und nach Spiritualität deutlich machen, die aber
oftmals ganz allgemein und verschwommen, ohne unmittelbare Auswirkungen
auf das ethische Verhalten und die persönlichen Entscheidungen
bleiben.
Etwas günstiger vollzieht sich in vielen Gemeinschaften Ost- und
Westeuropas der Übergang von einer traditionellen Religiosität
zu einer persönlichen überzeugten religiösen Lebensform.
Dieses Ziel - Frucht der freien Entscheidung und überzeugten Zugehörigkeit
zur Kirche, die sich in fruchtbare Verhaltensweisen, in echte Spiritualität
und in wirksamen apostolischen Einsatz umsetzen - scheint in vielen Ländern
nur von kleineren oder größeren Minderheiten der Christen
angestrebt zu werden, zu denen die Gemeinschaften des geweihten Lebens und
die mit ihnen verbundenen Laienvereinigungen, die Mitglieder der
kirchlichen Gruppen und Bewegungen und auch Einzelpersonen sowie Familien
aus verschiedenen Pfarreien gezählt werden können.
44. Dennoch fehlt es nicht an besorgnisserregenden Zeichen, die in
den christlichen Gemeinschaften zutage treten, z.B. das Nachlassen
oder der Schwund des Gebets im privaten und Familienbereich; eine gewisse
Erschlaffung des Sakramentes der Versöhnung; die Suche nach außerordentlichen
und wunderbaren Ereignissen; die Flucht in esoterische
Religionserfahrungen und Sekten.
Daraus folgt die Dringlichkeit und Notwendigkeit einer gründlichen
Unterscheidung, die hilft, wachsam zu sein angesichts einer gefährlichen
selektiven synkretistischen Spiritualität, die unter den
verschiedenen "Sinnangeboten für das Leben" die der Person
angemessenen Bruchstücke auswählt, aber weder bereit noch
imstande ist, eine Glaubensüberzeugung konkret zu leben.
Hervorzuheben ist besonders, daß in einer echten kirchlichen
Spiritualität die verschiedenen Elemente und Wege sich keineswegs in
schädliche Polarisierungen verwandeln, sondern sich integrieren und
gegenseitig vervollkommnen sollen und daß es notwendig ist, unter
ihnen die persönliche Dimension mit der gemeinschaftlichen Dimension
zu verbinden, um die Spirtualität nicht zu einer allgemeinen Art von "Privatfrömmigkeit"
zu machen.
Was schließlich die Wege betrifft, die zu einer
gesunden christlichen Spiritualität hinführen, geht man oft
von eifrigen kleinen charismatischen Gemeinschaften und Gebetsgruppen aus;
man eröffnet neue Spiritualitätszentren und sorgt für das
Aggiornamento der alten; man fördert Wallfahrten zu Heiligtümern
und heiligen Stätten, wo ein intensives Gebetsleben gepflegt wird
(besonders in Klöstern und Ordensgemeinschaften). Angeboten werden
auch geistliche Einkehrtage für Ehepaare und Jugendliche sowie neue
Arten des Katechumenats für Erwachsene, des weiteren neue Literatur,
die Themen der Spiritualität behandelt und vertieft. Man bietet ein
reicheres Gebetsleben in den Pfarreien an, indem man das Wort Gottes und
das Nachdenken darüber, insbesondere durch die regelmäßige
"lectio divina" in den Mittelpunkt stellt. Nicht zu
vergessen ist auch wegen ihrer Bedeutung in ganz Europa eine rechte
christlich ausgerichtete Marienverehrung und Volksfrömmigkeit.
Eine Kirche als wahrer Ort der Gemeinschaft
45. Damit die Kirche sich wirklich als lebendiger Leib Christi
vorstellen kann, als glaubwürdiges Zeichen der Gegenwart des Vaters
durch Christus, den Erlöser, in der Kraft des Heiligen Geistes, als
Zufluß neuen Lebens zur Geschichte der Menschen, ist es
notwendig, daß die Jünger Christi eins werden in der Liebe.
Nur so sind sie der strahlende Widerschein der Dreifaltigkeit: "Alle
sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen
auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt
hast" (Joh 17, 21). Denn wenn die Eucharistie die höchste
Gegenwart des auferstandenen Herrn ist, ist die dem Evangelium
entsprechend gelebte gegenseitige Liebe der klarste Widerschein dieser
Gegenwart, der stärkste Anruf, der zum Glauben führt.
Es stellt sich also die Frage, wie sich die christliche Gemeinschaft
darstellen soll, damit sie das "Evangelium der Hoffnung" durch
die Verkündigung, den Gottesdienst und den Dienst am Nächsten
verbreitet.
Die Antwort kann nur in einem Modell brüderlicher und
missionarischer Gemeinschaft gesucht werden, das in jeder einzelnen
Kirche mit größerer Entschlossenheit und Kohärenz
aufzubauen ist.
Dazu gehören ein Klima freundschaftlicher Beziehungen, der
Kommunikation, des Dienstes, der Mitverantwortung und Teilhabe, des verstärkten
missionarischen Bewußtseins, der Aufmerksamkeit für die
verschiedenen Armutsformen.; eine Kultur der Gegenseitigkeit, wie sie aus
den Briefen des Apostels Paulus hervorgeht: gegenseitige Achtung, einander
annehmen und aufbauen, dienen und stützen, zurechtweisen und trösten
(Vgl. z.B. Röm 12, 10, 15, 7.14; Gal 5, 13; 6, 2;
Kol 3, 13; 1 Thess 5, 11); die vielfältigen
Charismen, Berufungen und Verantwortlichkeiten, die so zu nutzen sind, daß
sie der Einheit und der Gemeinschaft zugute kommen (vgl. 1 Kor
12); eine herzliche Zusammenarbeit unter den verschiedenen Vereinigungen
der Gläubigen; eine Vielfalt von spirituell, theologisch und pastoral
ausgebildeten seelsorglichen Mitarbeitern soll in affektiver und
effektiver Gemeinschaft mit dem Bischof und dem Presbyterium für
besondere kirchliche Angebote verantwortlich sein; eine Verstärkung
der diözesanen und pfarrlichen Pastoralräte, verstanden als
Zeichen und wirksame Mittel für das Wachstum der Gemeinschaft und die
Förderung einer gemeinsamen missionarischen Tätigkeit; eine
einheitliche, aufgegliederte kirchliche Pastoral; eine erzieherische und
missionarische Pastoral am Ort, die offen ist für die universale
Mission "ad gentes". Das sind die Wesenszüge einer
lebendigen kirchlichen Gemeinschaft, die fähig ist, heute Glauben zu
erwecken und zum Glauben hinzuführen.
Die Gemeinschaft in der Kirche muß geprüft werden
46. Im allgemeinen ist zu sagen, daß zwar bemerkenswerte
Fortschritte in der Entwicklung einer Theologie der "koinonia"
gemacht wurden, aber immer noch keine gemeinschaftliche Praxis in der
Kirche gepflegt wird. Daher die Notwendigkeit, in einer offenen
gegenseitigen Aussprache die Folgerungen der communio-Theologie zu
vertiefen, die sich ergeben für die Beziehung zwischen der
Kirche, die der universalen Gemeinschaft und den Teilkirchen vorsteht, für
die Beziehung der Teilkirchen untereinander, für den Lebensalltag der
Ortskirchen und insbesondere für die kirchlichen
Entscheidungsmechanismen.
Unter den deutlichen und konkreten Zeichen, durch die die
Gemeinschaft in den europäischen Kirchen zum Ausdruck kommt, werden
normalerweise genannt: das Vereinsleben in den Gruppen und Bewegungen; der
sich ausbreitende Freiwilligendienst; die zahllosen Initiativen der
Solidarität für die Bedürftigen im eigenen Land und in den ärmeren
Ländern, besonders in der südlichen Hemisphäre und im
Orient.
Als Schwerpunkte der Einheit innerhalb der christlichen Gemeinschaft
werden genannt: die Pfarrgemeinde als unumgänglicher grundlegender
Ort der Gemeinschaft; die Gemeinschaft im Presbyterium und unter den
verschiedenen Kommunitäten auch durch Neugliederung derselben (wie
die sogenannten Pastoraleinheiten); die Zusammenarbeit unter den Kirchen
in der Mission "ad gentes" sowohl bei der Verkündigung
als auch durch konkrete Formen der Solidarität mit den ärmeren
Kirchen, wie es zum Beispiel durch die "Partnerschaften" unter
den Gemeinden geschieht.
47. Hervorzuheben ist, daß für eine rechte Sicht und
Erfahrung der Kirche als wirkliche Gemeinschaft die Rolle der Pfarrei
außerordentlich wichtig ist, das heißt als Wirklichkeit,
in der man trotz all ihrer Schwächen den Wert der Gemeinschaft und
Mitverantwortung greifbar und ausnahmslos erleben kann. Es geht darum, die
Pfarrei als bevorzugten Ort der allgemeinen Pastoral zu verstehen und zu
leben (in der der Glaube im Alltagsleben allen zugänglich gemacht
wird), als Ort der pastoralen Mitverantwortung und missionarischen
Dynamik. Denn die Pfarrgemeinde bleibt der Ort, "wo Gläubige mit
unterschiedlicher Sensibilität sich in derselben Liturgie verständigen,
wo die Katechese, die Bildung, die Vorbereitung auf die Sakramente, das
Apostolat und die Hilfsdienste gemeinsam koordiniert werden".(68) Man
betont, wie wichtig es sei, eine rechte Koordinierung und gute Integration
innerhalb der Pfarrgemeinde und der verschiedenen kirchlichen
Vereinigungen herzustellen. Denn unter diesen Bedingungen können
letztere dem Sendungsauftrag einen wertvollen Impuls geben, zu einem
reiferen geistlichen Leben beitragen, die Jugendlichen heranbilden, die
apostolische Sorge in den verschiedenen Lebensbereichen teilen und die
Aufnahme und den Dienst für die Notleidenden wirksamer und
dauerhafter gestalten.(69)
Weil die Beziehungen zwischen den konkreten christlichen Gemeinschaften
mehr oder weniger von Haltungen und Verhaltensweisen aufrichtiger Annahme
oder einfacher Toleranz, gegenseitiger Distanzierung, polemischer Gegenüberstellung
oder sogar Ablehnung gekennzeichnet sind, wird von manchen Seiten der
gemeinschaftliche Wert all dieser Initiativen hervorgehoben, die auf
pfarrlicher oder höherer Ebene Wege anbieten wollen, die besonders
auf die Lebensbedingungen und wirklichen Lebenslagen der einzelnen
Menschen achten.
48. Es fehlt auch nicht an Stimmen, die laut werden und fordern, die
Frauenfrage in der Gesellschaft und Kirche anzugehen, wobei zu
betonen ist, daß in den kirchlichen Gemeinschaften mehr oder weniger
große und mutige Fortschritte gemacht wurden. Es sind aber noch
einseitige Sichtweisen abzubauen in Bezug auf die Anerkennung der gleichen
Würde und der gleichen Rechte und Pflichten der Männer und der
Frauen in den Lebensbereichen von Familie und Gesellschaft und des
besonderen Beitrags der christlichen Frauen zum Leben und zur
Evangelisierungsarbeit der Kirche. Man muß ehrlich zugeben, daß
vor allem in einigen Kirchen diesbezüglich noch ein weiter Weg zurückzulegen
ist.
Ein weiterer Bereich, in dem - so heißt es - die Glaubwürdigkeit
der Kirche als Förderin der Gemeinschaft auf eine harte Probe
gestellt wird, ist ihre Haltung und ihr Verhalten gegenüber den
Menschen in ungeordneten ehelichen Verhältnissen. Hier besteht die
Aufgabe darin, die moralischen Werte in Treue zum Evangelium zu verkündigen
und gleichzeitig Hilfe zu leisten.
Auch die Dringlichkeit und Bedeutung der Gemeinschaft zwischen den europäischen
und außereuropäischen Kirchen werden unterstrichen, die durch
Kontakte und einen wahren gegenseitigen "Austausch von Gaben"
verwirklicht werden soll.
49. Besonders herausgestellt wird das Thema Beziehung und Zusammenarbeit
zwischen Priestern und Laien. Hier sind sehr unterschiedliche,
manchmal auch widersprüchliche Situationen anzutreffen, wobei aber
eine gute Zusammenarbeit allgemein wünschenswert scheint. Sie soll -
so heißt es - nicht nur den durch Priestermangel entstandenen
Notsituationen abhelfen, sondern immer mehr auf der Überzeugung gründen,
daß das Weiheamt und das gemeinsame Priestertum sich zwar dem Wesen
und nicht bloß dem Grad nach unterscheiden, aber einander zugeordnet
sind und vervollkommenen(70)
Unter denen, die mit Überzeugung und aktiv am Leben der kirchlichen
Gemeinschaft teilhaben, auch dank so vieler Beiräte und Organismen
pfarrlicher und übergeordneter Ebene, ist eine positive Entfaltung
der Zusammenarbeit und oft auch der Mitverantwortung auf der Ebene
anerkannter Gleichheit und unter Achtung der Rolle und Zuständigkeit
jedes einzelnen festzustellen. Außer im Pfarrleben zeigt sich das
auch im Bereich der neuen Bewegungen und in den Gemeinschaften des
geweihten Lebens.
Dennoch gibt es weiterhin viele Situationen, in denen die Priester eine
ziemlich dominierende und autoritäre Mentalität beibehalten, die
die Reife der Laien und ihren Stand als erwachsene und verantwortliche
Personen in vielen Lebensbereichen von Familie und Gesellschaft nicht genügend
anerkennt; ebensowenig weiß eine solche Mentalität den
wertvollen Beitrag zu schätzen, den sie der kirchlichen Gemeinschaft
leisten können. Obwohl diese Situation sich nach und nach zu ändern
scheint, ist man noch weit entfernt davon, in der gemeinsamen Sendung
wirksam zusammenzuarbeiten.
Es mangelt auch nicht an Kirchen, in denen die Zusammenarbeit zwischen
Priestern und Laien als vordringlich empfunden wird.
In Bezug auf Mittel- und Osteuropa stellt man einerseits fest, daß
die Schwierigkeit, eine lebendige Zusammenarbeit zwischen Priestern und
Laien festzulegen und zu formalisieren, manchmal auch darauf beruht, daß
unter den kommunistischen Regimen jede Verantwortung und Initiative oft
verboten und unterdrückt und deshalb weder begünstigt noch
gestaltet wurde. Aber andererseits darf man nicht verschweigen, daß
gerade während der Jahre der Diktatur nicht wenige Laien eine
wirkliche, wenn auch verborgene und nach außen hin unansehnliche
kirchliche Mitverantwortung getragen haben, die oft bis zum heroischen
Zeugnis des Glaubens und der Liebe zur Kirche führte, das heißt
die wesentlichen und wertvollen Voraussetzungen für eine verstärkte
strukturelle Zusammenarbeit mit den Priestern bildete.
Was in jedem Fall und in den unterschiedlichsten Situationen der Laien
notwendig ist, ist ein tiefer Mentalitätswandel, der von allen
Beteiligten zu vollziehen ist und Zeit, Geduld und Formung erfordert.
50. Ein weiterer spezieller Aufgabenbereich der Gemeinschaft, der den
Kirchen gestellt ist, ist der der Aufmerksamkeit und Sorge für die am
Rand der christlichen Gemeinschaft Stehenden und insbesondere die "Fernstehenden",
ohne letztere irgendwie moralisch beurteilen zu wollen.
Im allgemeinen wird betont, daß unter den Ausdrucksformen des
gemeinschaftlichen Wesenszuges der Kirche vor allem die Beziehungen
genannt werden, die man bei besonderen und vereinzelten Gelegenheiten anknüpft,
wie bei der Vorbereitung und Feier des Sakramentenempfangs für die
Kinder, bei der Eheschließung oder bei einem Begräbnis; in
Zeiten der Lebenskrise; bei bestimmten liturgischen oder Volksfesten; im
religiösen Tourismus oder bei Wallfahrten; bei der jährlichen
Segnung der Familien und bei der Volksmissionen.
Es fehlen auch nicht die von einigen Kirchen geförderten
Initiativen wie Gesprächsforen für Vertreter der Humanismen mit
qualifizierten katholischen Sprechern; kulturelle Diskussionsrunden in
Radio- und Fernsehsendungen; die Eingliederung des katholischen Denkens in
die weltliche Presse und Gastbeiträge des Denkens weltlicher Autoren
in der katholischen Presse; Dialogforen auf verschiedenen Ebenen.
Sehr geschätzt werden auch die Möglichkeiten, die sich der
Pastoralarbeit in bestimmten Kategorien bieten, zum Beispiel die Militärseelsorge.
Hervorzuheben ist sodann die Rolle der katholischen Schulen, die oft auch
bei den der Kirche nicht besonders nahe Stehenden beliebt sind, sowie die
des Religionsunterrichts in den staatlichen Schulen. Ein weiteres Angebot
wird vom künstlerischen und kulturellen Erbe geliefert, das für
die der Kirche fern Stehenden ein Bezugspunkt werden kann.
Nicht unterzubewerten, aber schwer wahrzunehmen ist das enge Netz der
Beziehungen, die in der Familie, am Arbeitsplatz, im gesellschaftlichen
Bereich, in der Freizeit zwischen sogenannten praktizierenden, aktiven, für
Religion aufgeschlossenen Christen und den Gläubigen geknüpft
werden, die jenem Teil des Christentums angehören, der der Kirche nur
teilweise und schwankend gegenübersteht; Lebensbereiche, in denen
mehr ein "gelebtes" als ein "verkündetes"
Evangelium spontan und eindrucksvoll vermittelt wird.
Das "Evangelium der Hoffnung" verkündigen
Martyria
Eine "Mehr an Seele" für Europa
51. In einer Zeit wie der heutigen, die eine große geschichtliche
Wende bedeutet, während Europa und die Welt neue Gestalt annehmen,
wird der erneute Drang zu evangelisieren geweckt: "Heute fühlt
sich die Kirche vom Meister angespornt, die Evangelisierungsarbeit 'nach
innen' und 'nach außen' zu verstärken. Sie sieht sich unablässig
als missionarische Kirche, die ausgesendet ist, den Samen des Wortes
Gottes in das Terrain der heutigen Welt einzupflanzen".(71) Wenn das
die Aufgabe der Kirche von heute ist, genügt sicher nicht ein Aufruf
mit dem nostalgischen oder romantischen Hinweis auf das wenn auch sehr
reiche europäische Erbe und auf seine Wurzeln und
seine christliche Seele.
Denn hier zeigt sich unter anderem, daß nicht wenige meinen, man könne
noch behaupten, Europa habe eine christliche Seele. Diese Behauptung wirft
notwendigerweise ernste Fragen auf, wenn man die europäische
Geschichte dieses Jahrhunderts mit ihren Dramen, Konflikten, Unterdrückungen
des Menschen und den sie begleitenden Ideologien berücksichtigt und
auf die verschiedenen teils negativen und teils problematischen
kulturellen Phänomene schaut, die die heutige Situation in Europa
kennzeichnen. Vielleicht wäre es besser zu sagen, daß immer
noch tiefe christliche Wurzeln in der Geschichte und im Leben Europas
festzustellen sind, und daß vor allem diese Wurzeln nicht
unwiderbringlich vom Säkularisierungsprozeß geschädigt
sind und daß ein großes Verlangen nach dem Heiligen und eine
vielversprechende Rückkehr auf religiösgeartete Bezüge
besteht. Nicht zu vergessen ist, daß das heutige Europa und noch
mehr das zukünftige als eine weitgehend multikulturelle und
multireligöse Wirklichkeit erscheint, in der die Präsenz des
Islams neben einer weitverbreiteten religiösen Gleichgültigkeit
wächst.
Es handelt sich also nicht darum - wie schon aus der ersten
Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa hervorging -, eine
niemals vorhandene und noch weniger anzubietende Übereinstimmung
zwischen Europa und dem Christentum vorauszusetzen. Denn zweifellos sind
Europa und die europäische Kultur aus vielen Wurzeln erwachsen. Aber
niemand kann leugnen, daß der christliche Glaube entscheidend und
wesentlich zu den Grundlagen der europäischen Identität gehört.
Das heißt, man kann bekräftigen, daß das Christentum
Europa geformt hat, indem es ihm einige Grundwerte einprägte: den
Glauben an einen transzendenten Gott, der aus Liebe in das Leben der
Menschen eingetreten ist; den neuen und wichtigen Begriff der menschlichen
Person und ihrer Würde, so daß man sagen kann, die ethische
Mitte der menschlichen Person bildet den vorrangigen Bezug und das
Unterscheidungsmerkmal der europäischen Identität; die Brüderlichkeit
unter den Menschen als Prinzip solidarischen Zusammenlebens in der
Unterschiedlichkeit der Menschen und der Völker.(72)
Es geht darum, durch Anerkennung und Neubelebung dieses wertvollen Erbes
dem heute neu entstehenden Europa "ein Mehr an Seele" zu
geben.
Das ist außerdem eine Forderung, die auch von den Verantwortlichen
und aufmerksamen Beobachtern Europas erhoben wird.
Um das zu tun, hat die Kirche keine andere Kraft und keinen anderen Weg
als den des Evangeliums. Daher wieder die Dringlichkeit und Bedeutung, die
"Neuevangelisierung" zu entwickeln, von der Johannes Paul II.
unermüdlich und mit besonderem Bezug auf Europa spricht. Sie beginnt
sicher nicht von Grund auf, muß aber dennoch als vordringliche
Aufgabe betrachtet werden. Sie muß sich erneut mit dem Fundament,
das heißt mit Jesus Christus und dem Gott Jesu Christi befassen und
folglich auch mit der transzendenten Dimension der menschlichen Person in
der Überzeugung, daß deren ethische Mitte nicht mehr lange
bestehen kann, wenn sie ihrer ontologischen Grundlage beraubt wird. Es genügt
also nicht, Werte anzubieten, die als dem Evangelium entsprechend und
humanistisch bezeichnet werden, wie Gerechtigkeit, Frieden, Freiheit.
Nicht weil sie nicht wesentlich wären, sondern weil etwas Ursprünglicheres
und Grundlegenderes auf dem Spiel steht.(73)
Die Neuevangelisierung
52. Wenn man heute - wie weitgehend zugegeben wird - eine gewisse übereinstimmende
Meinung darüber antrifft, daß die Neuevangelisierung eine vorrangige
Verpflichtung im Leben und Wirken der Kirche sei, muß man
feststellen, daß sich das alles auf eine ständige verbale
Wiederholung im Reden und Denken zu beschränken scheint, dem die
Wirklichkeit nicht entspricht. Deshalb ist noch ein weiter Weg zurückzulegen
bis zu dem Ziel, der Neuevangelisierung tatsächlich den ersten Platz
in der ganzen pastoralen Tätigkeit der Kirche einzuräumen.
Es fehlt nicht an Hinweisen, daß die Neuevangelisierung nicht als
vorrangige Verpflichtung betrachtet werde oder sogar auf Widerstand stoße
auf Grund einer gewissen konservativen Mentalität oder eines gewissen
Unverständnisses für die Wirklichkeit der Neuevangelisierung und
deren Bedeutung.
Dabei wird empfohlen, die Wortformulierung zu überdenken, um zu
sehen, ob nicht die Bezeichnung "neue Evangelisierung"
geeigneter sei als "Neuevangelisierung", um herauszustellen, daß
es sich nicht um die Verkündigung eines neuen Evangeliums gehe,
sondern darum, den einzelnen Generationen das immerwährende
Evangelium Jesus Christi, der lebt in seiner Kirche, in einem neuen
Kontext, mit neuer Kraft und neuen Methoden und Mitteln anzubieten in der
Überzeugung: "Jesus Christus ist derselbe gestern heute und in
Ewigkeit" (Hebr 13, 8).
53. Wie bereits gesagt, ist das Hauptziel der Neuevangelisierung und ihr
wesentlicher Inhalt, Jesus Christus als einzige Quelle des
Heils für alle Menschen anzubieten. Die Methoden können
verschieden sein: Jesus und der Glaube an ihn kann bei öffentlichen
Anlässen und im freundschaftlichen und brüderlichen Dailog verkündet
werden. Er kann konkret verkündet werden durch die Bewältigung
persönlicher, familiärer und gemeinschaftlicher
Lebenssituationen, die das Evangelium widerspiegeln und so andere zum
Glauben an den Herrn hinführen. Wie das Licht auf dem Leuchter oder
die Stadt auf dem Berg, gilt es Freude, Liebe und Hoffnung "auszustrahlen",
damit viele unsere guten Werke sehen und den Vater im Himmel preisen (vgl.
Mt 5, 16), so daß sie "angesteckt" und erobert
werden , wenn sie die untadelige und von der Liebe inspirierte Lebensführung
der Einzelnen, Gruppen und Gemeinschaften sehen (vgl. 1 Petr 3,
1-2), und als "Sauerteig" wirken, der umwandelt, belebt und von
innen her jede kulturelle Ausdrucksform anregt. Das sind Methoden, die
nicht immer klar voneinander zu trennen sind und oft ineinander übergehen.
In jedem Fall bemühen sich alle, eine "Neuevangelisierung"
in Gang zu setzen.
Daraus ergibt sich wiederum die Verpflichtung zur Evangelisierung, denn
neu sind die Barrieren und Widerstände gegen die Kraft und die
Wahrheit des Evangeliums. Der heutige Mensch neigt besonders dazu, auf die
Wissenschaft und die Vernunft zu vertrauen, so daß er sie für
die einzigen Faktoren hält, aus denen Sinn und Maßstäbe für
das menschliche Leben erwachsen. Auf dieser Grundlage wird der Freiheit
ein absoluter und unbestreitbarer Wert zugebilligt. Der Glaube wird als
eine Schranke gegen die wissenschaftliche und technologische Macht und als
eine unannehmbare Fessel für die Freiheit empfunden. Es handelt sich
also darum, durch Wort und Zeugnis - wobei jede Flucht in Spiritualismus
zu vermeiden ist -, die Vernünftigkeit des Glaubens aufzuzeigen und
zu verstehen zu geben, daß Vernunft und Freiheit ohne das Licht des
Glaubens nicht nur nicht die erhofften Resultate bringen, sondern sich in
eine Gefahr für den Menschen und die Gesellschaft umkehren.
Die tragischen Ereignisse dieses Jahrhunderts sollen eine ständige
Mahnung angesichts der wiederholten Verabsolutierungen der Rechte des
Einzelnen oder der Ethnien darstellen. Die Botschaft und das Zeugnis des
Evangeliums bilden die große Kraftquelle, die Europa die unerläßliche
und oft zitierte Seele wiedergeben, die fähig ist, die Wirtschaft in
den Dienst des Gemeinwohls zu stellen, die Politik zu einem Ort
verantwortlicher und weitblickender Entscheidungen zu machen, das soziale
Leben zum Raum für die Förderung der Institutionen von der
Familie bis zu den Vereinigungen zu machen, die das lebendige Gewebe der
neuen europäischen Gemeinschaft darstellen.
54. In vielen Fällen ist die Neuevangelisierung tatsächlich
auf die Verkündigung der Person Jesu ausgerichtet, und das in
zunehmendem Maß in der Predigt und Katechese. Es ist außerdem
ein Erfordernis, das aus dem heutigen soziokulturellen Kontext erwächst,
in dem die Gestalt Jesu eine große Anziehungskraft auf unsere
Zeitgenossen und besonders auf die Jugendlichen ausübt und die persönliche
Beziehung zu ihm als sehr wichtig und wertvoll erachtet wird. Es ist aber
darauf zu achten, daß Jesus der Herr nicht nur als ethisches Muster
oder als vorbildlicher Mensch dargestellt wird, sondern auch und vor allem
als Sohn des lebendigen Gottes und als einziger und notwendiger Erlöser.
Daher das Erfordernis einer systematischen Katechese, einer ständigen
und rechten Bezugnahme auf das Wort Gottes und eines Neuaufschwungs des
Ostergeheimnisses.
Schwieriger hingegen scheint in vielen Fällen zu sein, den
Herrn Jesus, der "in unserer Kirche lebt", wahrzunehmen.
Denn nicht wenige Christen spüren zwar, wie wichtig die Beziehung zu
Jesus ist, halten aber die Beziehung zur Kirche keineswegs für ebenso
wichtig. Das mag davon kommen, daß die konkrete Erfahrung von
Kirche, die einige gemacht haben, nicht immer den Herrn durchscheinen läßt.
Oft geht es darum - auch unter dem Einfluß der Medien -, daß
die Kirche als am Rand der Gesellschaft stehende Wirklichkeit erscheint
oder daß ihre Rolle oft auf die sozialen und caritativen Dienste
beschränkt wird, während ihre Führungsrolle verschwiegen,
ja sogar verneint oder belächelt wird.
Daraus ergibt sich für die Kirche - wie schon gesehen - die
Notwendigkeit und Dringlichkeit, ihr Antlitz in Treue zu ihrem Herrn zu
erneuern, wirklich Gemeinschaft des Glaubens und der Liebe zu sein und
sich als solche darzustellen, die Begegnung der heutigen Menschen mit dem
Auferstandenen zu begünstigen und zu unterstützen und
authentischer Ort des Zeugnisses für das Evangelium nicht nur von
einzelnen Gliedern, sondern als lebendige Gemeinschaft zu sein.
55. Besondere Aufmerksamkeit verdient dann die Beziehung zwischen
Freiheit und Evangelisierung. Hier stimmt man in der Meinung überein,
daß die neue Atmosphäre der Freiheit , die in allen europäischen
Ländern zu spüren ist, gewiß einen vom Evangelium geprägten
Wert darstellt, aber es gibt auch Anzeichen dafür, daß er nicht
immer als solcher empfunden und gelebt wird. Zweifellos erlaubt er es, ein
enges Netz von Beziehungen, von Kommunikation und Solidarität unter
den Völkern, den Kulturen, den sozialen und politischen Systemen
sowie unterschiedlichen religiösen Bekenntnissen zu knüpfen. Das
ist ein wichtiger, sichtbarer Baustein der Neuevangelisierung Europas, das
in der jüngsten Vergangenheit Schauplatz so vieler tiefer Spaltungen,
schmerzlicher Konflikte und tragischer Kriege gewesen ist.
Einige bitten um Klarstellung, worin Freiheit wirklich besteht, weil der
heute in Europa verbreitete Freiheitsbegriff auf eine neuliberale,
individualistische und utilitaristische Sicht der Wirklichkeit zurückgeht
und als solche das Werk der Evangelisierung nicht begünstigt, sondern
eher behindert.
Zu berücksichtigen ist auch, daß das Christentum und damit
besonders die Kirche oft als Hindernis und Feind der Freiheit betrachtet
werden und man den Menschen und die Gesellschaften davon zu überzeugen
versucht, daß Gott ein Hindernis auf dem Weg zur Freiheit sei. Hier
ist es notwendig, das wahre Bild des Gottes Jesu Christi darzustellen, der
kein Hindernis für die Freiheit, sondern Garant der wahren Freiheit
ist. Zugleich ist es wichtig, daß die Kirche sich selbst
darzustellen weiß mit der Bereitschaft, die Fragen und Probleme der
Menschen anzunehmen und daß sie ihnen die Antwort des Evangeliums in
der Wahrheit und Nächstenliebe anbietet in einer - wie betont wird -
dem synodalen Prinzip entsprechenden Atmosphäre wahrhafter Brüderlichkeit
innerhalb der Kirche und der einzelnen Bischofskonferenzen sowie zwischen
den einzelnen Ortskirchen und regionalen oder universalen kirchlichen
Instanzen.
56. Verschieden sind auch die Hindernisse und Schwierigkeiten,
denen die Neuevangelisierung heute in Europa begegnet.
In vielen Ländern sind sie auf einige soziale und kulturelle Phänomene
zurückzuführen, die da sind: die vielen Formen religiöser
Gleichgültigkeit, eine Art undifferenzierter und skeptisch oder
agnostisch gefärbter Pluralismus, der ethische Relativismus, das
Gewicht eines schrankenlosen Liberalismus im Westen und sein wachsender
Einfluß auf Osteuropa; eine verbreitete Abflachung auf materielle
Interessen mit dem daraus folgenden Klima des praktischen Materialismus
und individualisten Hedonismus; eine gewisse Oberflächlichkeit in den
zwischenmenschlichen Beziehungen; der Indivualismus und die
Uninteressiertheit angesichts aufkommender Notwendigkeiten und
Anforderungen in vielen Bereichen des zivilen und sozialen Lebens; die
wachsende verführerische Rolle der sozialen Kommunikationsmittel; ein
gewisser sektiererischer Fundamentalismus und Fanatismus, der vor allem in
einigen Ländern anzutreffen ist; ein gewisses Gefühl der Gewöhnung,
das manchmal den befällt, der meint, das Evangelium schon genügend
zu kennen.
Es gibt auch manche kirchliche Situationen, die gleichfalls die
Evangelisierung erschweren. Darunter werden von vielen Seiten genannt: die
Überalterung der in der Evangelisierung tätigen Personen, die
Unwirksamkeit so vieler religiöser sprachlicher Ausdrucksweisen und
die mangelnde Bewährtheit in der Ausübung der Autorität.
Besonders in den Kirchen und Gemeinschaften Westeuropas bietet die Überalterung
des Klerus, der Angehörigen der Institute des geweihten Lebens und
der im Pfarrleben aktiven Laien ein ziemlich veraltetes und wenig
dynamisches Bild der Kirche, wodurch der Zufluß von Berufungen
behindert und eine kreative Evangelisierungsarbeit erschwert werden.
Man spricht auch von der Unwirksamkeit und Unverständlichkeit der
Sprache und der Aussagen des Lehramtes. In der Tat ist die in den
offiziellen Texten der Kirche, in der Predigt und Katechese angewandte
sprachliche Ausdrucksweise des Glaubens scheinbar weit entfernt von der
allgemeinen menschlichen Erfahrung. Daher das Bedürfnis, eine neue
Ausdrucksweise zu finden, in der man eindringlich und überzeugend vom
heiligen und unerforschlichen Geheimnis Gottes spricht. Eine Sprache, die
aus dem schweigenden Hören der Schriften und der Personen erwächst,
indem man sich von ihren Problemen und ihren Sichtweisen in Frage stellen
läßt. Nicht zu vergessen ist, daß die Krise der Bewährtheit
in den Aussagen der Kirche auch darauf zurückzuführen ist, daß
die Weisungen des Lehramtes als wiederholte Bekräftigungen im Bereich
des Glaubens und der Moral wahrgenommen werden und daß es ihnen
nicht gelingt, die Beweggründe überzeugend darzulegen und sich
ernsthaft mit den verschiedenen Standpunkten und Begründungen
auseinanderzusetzen.
57. Entscheidend für die Evangelisierung im heutigen europäischen
kulturellen Kontext scheint jedenfalls die Präsenz lebendiger und
transparenter Zeichen zu sein, die die Gegenwart des Herrn deutlich machen
können, so daß sie Staunen erwecken und die Gewissen wachrütteln.
Denn "der heutige Mensch hört lieber auf Zeugen als auf
Gelehrte, und wenn er auf Gelehrte hört, dann deshalb, weil sie
Zeugen sind" [...] und daß, "um zu evangelisieren, die
Einzelnen und die gesamte Kirche vor allem das gelebte Zeugnis der Treue
zu Jesus dem Herrn, das gelebte Zeugnis der Armut und inneren Loslösung
und der Freiheit gegenüber den Mächten dieser Welt, kurz, der
Heiligkeit, bieten müssen".(74)
Entscheidend ist also die Präsenz und das Zeugnis von Heiligen. Die
Heiligkeit ist wesentliche Vorassetzung für eine authentische
Evangelisierung, um Hoffnung geben zu können. Erforderlich ist
das glaubwürdige, persönliche und gemeinschaftliche Zeugnis des
neuen Lebens in Christus. Es genügt nicht, daß die Wahrheit und
die Gnade durch die Verkündigung des Wortes und die Feier der
Eucharistie und der Sakramente angeboten werden. Sie müssen
aufgenommen, gelebt und bezeugt werden in allen Beziehungen und Tätigkeiten
des konkreten Lebens, in der Weise, Christ, kirchliche Gemeinschaft zu
sein. Ansprachen und Riten, so schön sie sein mögen, genügen
nicht. Erforderlich sind sinnvolle, anziehende, schöne Lebensformen.
In dem Maß, in dem sie die Liebe Gottes annehmen, leben und
manifestieren, nehmen die Christen und kirchlichen Gemeinschaften Christus
an, der in ihnen gegenwärtig ist, leben und manifestieren ihn, geben
ihm die Möglichkeit zur Begegnung mit den Gleichgültigen und
Nichtglaubenden und zum wirksamen Anruf ihrer Gewissen.
58. Unterschiedlich und vielfältig sind die Bereiche und
der Verlauf der Neuevangelisierung. Darunter sind zu nennen und
besonders zu beachten: die Jugendlichen, die Armen, der soziale und
politische Einsatz, die soziale Kommunikation.
Die Jugendlichen sind die Zukunft Europas, auf dem im übrigen
die schwere Hypothek des unzureichenden Generationenwechsels lastet.
Hauptsächlich um sie muß man sich bemühen, ihnen muß
man die Möglichkeit zum Wachstum im Glauben geben, und ihnen muß
man helfen, im Evangelium die Antwort auf ihre Suche nach Glück,
Wahrheit und Gerechtigkeit zu finden, so daß sie ihrerseits Verkünder
des Evangeliums sein können.
In einem Europa, wo alles nach wirtschaftlichen Maßstäben
bemessen wird, bleibt die Kirche eines der festesten Bollwerke der
Aufmerksamkeit für die Ärmsten und für die Achtung der
Menschenwürde. Diese Grundwerte erfordern es, daß angemessene
kulturelle und soziale Wege gefunden werden für den Beitrag der
Kirche, der sich in diesem entscheidenden Augenblick, in dem die
Fundamente für die Zukunft Europas gelegt werden, nicht im religiösen
Bereich erschöpft.
Die in Europa entstandenen "res novae" - will man
nicht in neue Formen der Nichtanerkennung und der Leugnung der geistigen
Werte zurückfallen - fordern von den Christen ein Mehr an moralischem
Gewissen und dem Evangelium entsprechender Inspiration. Daher die
Notwendigkeit und Dringlichkeit einer angemessenen Bildung von Laien,
die sich im sozialen und politischen Bereich engagieren.
Eine Kirche, die nicht kommunikativ ist, evangelisiert weder, noch
schafft sie Kultur. Daher die Notwendigkeit und Dringlichkeit für die
Kirche, im neuen Kontext der Kommunikation präsent zu sein, sowohl
durch ihre Aufmerksamkeit für die Medien und ihre kluge Anwendung als
auch durch eine wirksame Pastoral der sozialen Kommunikation.
59. In dieser Hinsicht ist hervorzuheben, daß die wichtigsten
Initiativen der Neuevangelisierung, die bisher in den verschiedenen
Kirchen Europas anzutreffen sind, gerade die Initiativen der
Neuevangelisierung sind, die auf die heute besonders spürbaren
Erfordernisse und Herausforderungen antworten wollen.
So können beispielsweise genannt werden: verstärkte
Bildungsangebote, Katechese und kulturelle Begegnungen zur Vertiefung des
Glaubens als Antwort auf die Suche nach Wahrhaftigkeit; persönliche
oder vereinsmäßige Formen der Evangelisierung mit dem Ziel, im
Dialog Beziehungen der Versöhnung, des gegenseitigen Annehmens und
hochherzigen Begleitens aufzubauen als Antwort auf das Bedürfnis nach
Beziehung und Nähe, das in nicht wenigen menschlichen und sozialen
Situationen auftaucht; Initiativen der Evangelisierung mit dem Ziel, die
unveräußerliche Würde jeder menschlichen Person und den
Sinn des Lebens wiederzuentdecken als Antwort auf die verbreitete
anthropologische Suche; ein alternativer Lebensstil in Pfarrgemeinden, in
Vereinigungen, in Bildungseinrich-tungen für soziale Berufe, im
Bildungsweg für Politik und öffentliches Leben als Antwort auf
die ethische und zivile Anfrage; Angebote der Jugendpastoral, die auf eine
wahre und freudige Wiederentdeckung und Nachfolge des Herrn ausgerichtet
sind, um Berufe in der Kirche und Gesellschaft reifen zu lassen als
Antwort auf die heute von den Jugendlichen selbst vorgebrachten Anfragen.
Evangelisierung und Ökumene
60. Zu den wichtigen Merkmalen einer echten Evangelisierung gehört
gewiß die Ökumene. Denn die Einheit der an Christus
Glaubenden wäre besonders in Europa eine günstige
Gelegenheit, um dem Glauben und seinem Einfluß auf das
kulturelle und soziale Leben neuen Schwung zu geben. Deshalb muß
die ökumenische Frage - auch im Hinblick auf den Weg, der in den
vergangenen Jahren gemäß den Weisungen der ersten
Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa zurückgelegt
wurde(75) - von der Synode eingehend geprüft werden.
Trotz da und dort fortdauernder ablehnender Haltungen dem ökumenischen
Dialog gegenüber, scheint die übereinstimmende Überzeugung
zu herrschen, daß der Mangel an Einheit unter den Christen das
gemeinsame Glaubenszeugnis schwächt und deshalb eine enge
Zusammenarbeit mit den anderen Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften
notwendig und dringlich ist. In dieser Hinsicht wurden beachtliche
Fortschritte gemacht. Aktiv beteiligt sind die örtlichen Gemeinden,
die Gemeinschaften des geweihten Lebens und kirchlichen Vertreter bei
Treffen und Gesprächen auf Diözesan-, Regional- und
ortskirchlicher Ebene. Obwohl das alles dort, wo die anderen Kirchen oder
kirchlichen Gemeinschaften in Minderheit sind, etwas mühevoll
vorangeht, darf man doch sagen, daß auch in diesen Ländern
langsam das Bewußtsein der unumgänglichen ökumenischen
Dimension im Leben und in der Sendung der Kirche wächst.
Zu den Faktoren, die diese verbreitete ökumenische Sensibilität
verstärken, zählt man auch die erfolgreichen Begegnungen wie die
in Graz und jene, die im "Geist von Assisi" stattfanden, sowie
eine "praktische Ökumene" im Lebensalltag vieler Gläubigen
und besonders im caritativen und sozialen Bereich. Nicht zu vergessen ist
im ökumenischen Dialog die Bedeutung des Mönchstums in Ost- und
Westeuropa und die Rolle der Kunst und Kultur.
Was die Lehre betrifft - wobei die Bereitschaft erkennbar ist, Wege der
theologischen Gegenüberstellung und Annäherung zu suchen, die
bereits positive Ergebnisse brachten, die sich in einigen gemeinsamen Erklärungen
deutlich niedergeschlagen haben -,(76) wird hervorgehoben, daß das
Bemühen, zur Einheit zu gelangen, nicht auf Kosten der Wahrheit gehen
dürfe und daß eine "Ökumene der Oberfläche"
im Widerspruch stünde zu einer im Glauben und in der "versöhnten
Verschiedenheit" festgefügten Einheit.
61. Aber zugleich ist allgemein zu sagen, daß man sich im
Augenblick in einer schwierigen Phase, wenn nicht sogar in einer Krise
befindet.
Durch den Fall der Berliner Mauer und der europäischen Erweiterung
wurden die Beziehungen zu den orthodoxen Kirchen zu einer großen
Herausforderung, vor allem weil eine Art gegenseitigen Mißtrauens
wuchs, auch durch Probleme hinsichtlich der Rückgabe der Gotteshäuser
und des Kirchenbesitzes, der rechtlichen Anerkennung der einzelnen
katholischen Institutionen, der Möglichkeiten, Grenzen und Methoden
der Evangelisierungsarbeit sowie der Möglichkeit und Praxis der "Interkommunion".
Starke Spannungen sind vor allem mit den katholischen orientalischen
Kirchen entstanden, und die gegenseitigen Beziehungen sind manchmal sehr
schwierig und durch Konflikte erschwert. Aber es fehlt nicht an Anzeichen
dafür, daß die Spannungen nachlassen und manche Schwierigkeiten
überwunden werden. Man versucht, freundschaftliche Beziehungen zum
besseren gegenseitigen Verständnis anzuknüpfen und die
Kontaktnahme unter den Verantwortlichen aufzubauen. Man gibt Gelegenheit
zu kulturellen Begegnungen, zum Austausch von Hochschullehrern in einigen
Institutionen und zur Teilnahme an den jeweiligen liturgischen Festen.
In den Ländern mit mehrheitlich protestantischer Bevölkerung
erwachsen nicht selten Probleme auf Grund der unterschiedlichen Bewertung
einiger ethischer Fragen.
Der Dialog mit dem Judentum und den anderen Religionen
62. Bereits in der ersten Sonderversammlung der Bischofssynode für
Europa hat man im Hinblick auf das, was mit der Neuevangelisierung
verbunden ist und von ihr gefordert wird, den Akzent auf die Notwendigkeit
gelegt, eine besondere Beziehung zu unseren "älteren Brüdern",
den Juden, anzuknüpfen. Und das soll in der Überzeugung
geschehen, "daß die Zusammenarbeit zwischen Christen und Juden
auf vielen Ebenen und in Achtung der Verschiedenheit und der besonderen
Inhalte der jeweiligen Religionen eine außerordentlich große
Bedeutung für die religiöse und gesellschaftliche Zukunft
Europas und für seine Aufgabe gegenüber der übrigen Welt
haben kann".(77) Und das nicht nur aus dem Grund, weil der Glaube und
die Kultur des Judentums einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der
europäischen Gesellschaft darstellen, sondern auch auf Grund der
gemeinsamen Wurzeln, die zwischen dem Christentum und dem jüdischen
Volk bestehen. Denn die Kirche hat, von ihrem Ursprung her, eine ganz
besonders enge, ständige Beziehung zum jüdischen Volk. Deshalb
ist der Dialog mit dem Judentum von grundlegender Bedeutung für das
christliche Selbstbewußtsein und damit für die Ökumene
selbst.
Es handelt sich also darum, festzustellen, was in diesen Jahren getan
wurde, und diesen Weg weiterzugehen. Es geht im einzelnen nicht nur darum,
alle Formen von Antisemitismus auf allen Ebenen zu verurteilen und
abzulehnen. Positiver und entscheidender ist es, "dahin zu wirken, daß
ein neuer Frühling in den gegenseitigen Beziehungen zwischen den
beiden Religionen erblüht".(78) Das kann unter anderem bedeuten,
zu lernen, die einzigartige Rolle Israels in der Heilsgeschichte
anzuerkennen, das Neue Testament zu lesen, wobei man es aber nicht als
Gegensatz und Berichtigung des Alten Testaments, sondern als
kontinuierlich mit ihm sehen sollte; das Geheimnis des jüdischen
Volkes zu ehren, seine Geschichte und religiösen Traditionen, die
Kultur und die geistigen Reichtümer kennenzulernen sowie echt brüderliche
und freundschaftliche Beziehungen und eine Zusammenarbeit mit den Angehörigen
der jüdischen Gemeinden aufzubauen mit dem Ziel, eine gemeinsame
Verantwortlichkeit angesichts der Probleme der Gesellschaft in Europa und
in den einzelnen Ländern zu schaffen.
63. Der wachsende Einwandererstrom, durch den ein verstärkter Kontakt
mit Menschen anderer religiöser Traditionen entsteht, bringt
notwendigerweise die Frage mit sich, wie die Kirche ihre Verpflichtung,
das Evangelium zu verkünden, im multikulturellen und multireligösen
Kontext wahrnehmen soll. Weder die Synode noch die christlichen Kirchen in
Europa dürfen sich dieser Aufgabe entziehen.
Wie schon bei der ersten Sonderversammlung der Bischofssynode für
Europa vor acht Jahren bekräftigt wurde, ist es notwendig, daß
man "die anderen Religionen besser kennenlernt, um ein brüderliches
Gespräch mit den unter uns lebenden Anhängern anzuknüpfen".(79)
Es genügt nicht, die pastorale Aufmerksamkeit für die
verschiedenen religiösen Traditionen durch caritativen Einsatz und
Hilfswerke deutlich zu machen. Ebensowenig genügt ein gemeinsamer
Einsatz der Christen und Anhänger anderer Religionen in Bezug auf
Gerechtigkeit, Frieden, Freiheit, Bewahrung der Schöpfung. Vielmehr
ist eine Gegenüberstellung dringend notwendig, die zur
Wiedererlangung und Vertiefung der Grundwerte der christlichen Tradition
anregt. Und zwar deshalb, weil "die Achtung der Freiheit und das
rechte Bewußtsein von Werten, die sich auch in den anderen religiösen
Traditionen finden, nicht zum Relativismus führen noch das Wissen um
die Notwendigkeit und Dringlichkeit des Gebotes, Christus zu verkündigen,
schwächen dürfen",(80) und weil ein aufrichtiger und
vorsichtiger Dialog den Glauben keineswegs schwächen, sondern ihn
festigen und vertiefen soll.(81)
64. Notwendiger denn je ist auf Grund der wachsenden Präsenz des
Islams in Europa der Dialog mit den Muslimen. Aber dieser Dialog "muß
mit Klugheit und mit der klaren Vorstellung seiner Möglichkeiten und
seiner Grenzen sowie im Vertrauen auf den Heilsplan Gottes für alle
seine Kinder geführt werden. Damit die gegenseitige Solidarität
aufrichtig ist, ist die Wechselseitigkeit in den Beziehungen, vor allem im
Bereich der Religionsfreiheit erforderlich, die ein in der Würde der
menschlichen Person gründendes Grundrecht ist und deshalb an jedem
Ort der Welt Gültigkeit haben muß".(82) Es ist also
notwendig, den aus dieser Situation entstandenen Herausforderungen
ernsthaft und weitblickend zu begegnen, dadurch daß die
verschiedenen Strömungen des Islams analysiert und genau
unterschieden werden und der Dialog mit den Muslimen mit ganzer Klarheit
weitergeführt wird. "Es geht darum, ihre geistigen und
moralischen Werte besser kennenzulernen und ihnen zugleich ein rechtes
Verständnis des Glaubens und des Lebens der Kirche zu ermöglichen,
mit der sie ein Gespräch führen. Deshalb ist es nützlich,
daß Priester und Laien ausgebildet werden, um diesen Dialog zu führen
oder den stärker interessierten Gemeinschaften beratend beistehen".(83)
Das Sektenproblem
65. Die Verkündigung des "Evangeliums der Hoffnung" muß
heute auch das komplexe und vielfarbige Phänomen der Sekten berücksichtigen.
Sie unterscheiden sich schon im Hinblick auf ihr Entstehen sehr deutlich
voneinander. Es ist also notwendig, die Sekten christlichen Ursprungs von
denen mit anderen religiösen Wurzeln oder von einem bestimmten
Humanismus zu unterscheiden. Die Sekten christlichen Ursprungs sind dann
auch noch von den Kirchen, den kirchlichen Gemeinschaften oder den rechtmäßigen
innerkirchlichen Bewegungen zu unterscheiden. Unterschiedlich sind die
Sekten auch in Bezug auf Größe, Bekenntnis, Haltung und
Verhaltensweise gegenüber anderen religiösen Gruppen und der
Gesellschaft. Im allgemeinen treten sie in verhältnismäßig
kleinen religiösen Gruppen auf, die in ihren Anhängern eine
starke Identität fördern, was bis zur vollkommenen Abhängigkeit
führen kann. Oft suchen sie die Konfrontation mit dem religiösen
und sozialen Umfeld, wobei sie auch sehr aggressive Propagandamethoden
benutzen. Sie begünstigen sehr die herzliche Atmosphäre der
Aufnahme unter den Einzelpersonen, die sie aus ihrer Isolierung
herausholen. Sie verbreiten apokalyptische Botschaften und solche aus dem
Jenseits sowie über die Ankunft einer "neuen Welt".
Unterschiedlich wenn auch nicht gegensätzlich sind die Auslegungen
dieses Phänomens. Einige halten es für einen Beweis der
derzeitigen Säkularisierung. Andere meinen, es sei die Auswirkung der
Krise des wissenschaftlich-technischen Rationalismus mit dem Verlangen
nach etwas "anderem" und Beglückendem. Für andere
wiederum bedeutet es eine Reaktion auf die Bürokratisierung und
Anonymität mancher religiöser Erfahrungen bei der Suche nach
Gemeinschaft, die eine integrative und therapeutische Rolle übernehme.
Mancher hält es für einen Ausdruck des religösen Hungers
und damit für ein untrügliches positives oder negatives Zeichen
der religiösen Lebenskraft des ausgehenden Jahrhunderts.
66. In jedem Fall handelt es sich um ein Phänomen, das die
Kirchen herausfordert und an ihre Verantwortung erinnert. In Ost- wie
in Westeuropa suchen die Kirchen diesem Phänomen durch Initiativen zu
begegnen, die ihre Gemeinschaften vor Ort zu einer liebevolleren und
herzlicheren Aufnahmestätte machen sollen, wo die Menschen ihre
Erwartungen erfüllt sehen, auf die die Sekten nur teilweise und nicht
selten menschenunwürdige Antworten geben. Zugleich sucht man der
Verbreitung dieses Phänomens allgemein vorzubeugen durch eine
gefestigte Bildung der Gläubigen. In vielen Ländern gibt es auch
auf diözesaner oder überdiözesaner Ebene Institutionen, die
das Phänomen durch eine angemessene Informations- und Beratungstätigkeit
angehen.
Genau besehen, sieht sich die Kirche zur ernsthaften Gewissensprüfung
über sich selbst und zur tiefgehenden Erneuerung aufgerufen
angesichts der eventuellen Verlangsamung, der Leere oder der Verzerrungen
ihrer Pastoraltätigkeit, aber auch und vor allem angesichts der
obersten Pflicht, allen Völkern Jesus Christus, den einzigen Erlöser
des Menschen, zu verkündigen. Die Antwort der Kirche - im
Lebensgeflecht der einzelnen Gläubigen (Laien, Ordensleuten,
Priestern), der Familien, der Pfarreien, der Vereinigungen und der
verschiedenen kirchlichen Gruppen und Bewegungen - muß "global"
sein. Sie muß den Christen mit freiem und überzeugtem Glauben
die Freude, die Begeisterung und den Stolz auf ihre Identität als Jünger
Jesu in der Kirche wiedergeben. Sie muß den Primat der Spirtualität
stützen und verstärken. Wie der Papst sagte: "Auf das
besorgniserregende Phänomen der Sekten müssen wir mit einer
Pastoral antworten, die das Ganze der Person in den Mittelpunkt stellt,
ihre gemeinschaftliche Dimension und ihr Verlangen nach einem persönlichen
Verhältnis zu Gott. Es ist eine Tatsache: Dort, wo die Kirche
dynamisch präsent ist wie in den Pfarreien, wo eine ständige
Einführung in das Wort Gottes stattfindet, wo man eine aktive
Liturgie mit der Beteiligung aller feiert, eine gediegene Marienverehrung
und wirksame Solidarität auf sozialem Gebiet pflegt, sich in der
Seelsorge nachdrücklich um die Familien, die Jugendlichen und Kranken
kümmert, da sehen wir, daß die Sekten und para-religiösen
Bewegungen keinen Fuß fassen oder vordringen können".(84)
Das "Evangelium der Hoffnung" durch den Gottesdienst feiern
Leitourgia
Die Gegenwart des Auferstandenen in den heiligen Geheimnissen
67. Das "Evangelium der Hoffnung" durch den Gottesdienst
verbreiten bedeutet für die Kirche heute mehr denn je, die
lebendige und handelnde Gegenwart des auferstandenen Herrn in den "heiligen
Geheimnissen" zu erkennen und in ihnen die Kraft und Nahrung für
die eigene pastorale Tätigkeit zu suchen und zu finden.
So bezeugt sie auch die eigene Identität als Gemeinschaft von Jüngern,
die sich um Christus versammeln und auf ihn ihre Zuversicht und Hoffnung
setzen.
Das war außerdem die tiefe Absicht der wunderbaren Liturgiereform
des II. Vatikanischen Konzils. Denn diese Reform drückt nicht nur "das
für unsere Zeit scheinbar kennzeichnende starke Streben nach Veränderung
oder den berechtigten Wunsch aus, die Feier der heiligen Geheimnisse der
heutigen Sensibilität und Kultur anzupassen. Hinter diesem Phänomen
steckt in Wirklichkeit das Bestreben der Gläubigen, ihre tiefste und
wahrste Identität als Jünger zum Ausdruck zu bringen, die um
Christus versammelt sind, der unter ihnen in seinem Wort und in den
Sakramenten, besonders in der Eucharistie in unvergleichlicher Weise
gegenwärtig ist (vgl. Sacrosanctum Concilium, 7)".(85)
In der Gewißheit - so bekräftigt der Papst -, daß "auf
diese Weise nicht nur ein festes und dauerhaftes Glaubensfundament
aufgebaut wird (vgl. Lk 6, 48), sondern daß die ganze
christliche Gemeinschaft sich der Pflicht bewußt wird, das Geheimnis
Christi, des Erlösers der Menschheit, zu feiern und ihn zu verkündigen
und den Menschen von heute freimütig bekanntzumachen. Dabei ist die
manchmal von außen und auch von innen kommende Versuchung zu überwinden,
der Kirche andere Identitäten und andere Interessen
zuzuschreiben.Tatsächlich lebt die Kirche mehr von dem, was sie von
ihrem Herrn empfängt, als von dem was sie aus eigenen Kräften
tun kann".(86)
Das liturgische Leben braucht eine Prüfung
68. Betrachtet man die konkrete Wirklichkeit unserer Kirchen, dann sieht
man, daß die Begegnung mit dem großen und heiligen Geheimnis
des von Jesus offenbarten dreifaltigen Gottes in der Liturgie und in
anderen Gottesdienstformen ein weitgefächertes Spektrum von
Situationen und Erfahrungen zeigt.
In den Gemeinschaften, in denen eine angemessene Katechese und
liturgische Bildung die Vorbereitung der liturgischen Feiern ermöglichen,
werden diese zu entscheidenden Augenblicken der überzeugten und
tiefgehenden Begegnung mit dem göttlichen Geheimnis und wahrer
Gemeinschaft mit den Brüdern und Schwestern im Glauben durch den
Lobpreis, die Gebete und die Gesten gegenseitiger froher Annahme.
Abgesehen von den Pfarrgemeinden in Ost- und Westeuropa, sind diese
Erfahrungen auch in den erneuerten religiösen Gemeinschaften, in den
Neugründungen des geweihten Lebens und in den neuen kirchlichen
Bewegungen sehr verbreitet.
Es fehlt nicht an Gemeinschaften, die eine lange Tradition des
Gottesdienstbesuches an Sonn- und auch an Werktagen sowie eine große
Beteiligung an Anbetungstunden des Allerheiligsten und an Marienandachten
verzeichnen können. Nicht zu vergessen ist, daß viele
vorzugsweise dem Geheimnis des lebendigen Gottes in Gottesdiensten
begegnen, die in der traditionellen Volksfrömmigkeit wurzeln. Daher
die Bedeutung der sogenannten Volksreligiosität und -frömmigkeit,
die es zu reinigen und zu leiten gilt.
Im allgemeinen ist jedoch zuzugeben, daß man eine wahrhafte
Anwendung der Liturgiereform vor sich hat, auch wenn sie nicht immer zur
wirklich tiefen liturgischen Erneuerung geführt hat und noch viel zu
tun bleibt, um jene "participatio actuosa" aller Gläubigen
zu verstärken, die vom Konzil so sehr erhofft und angeregt worden
war. Jedenfalls bleibt die Liturgie der Brennpunkt in Bezug auf das
Wachstum des Glaubens.
69. Auch auf manche problematische Situationen ist hinzuweisen.
In vielen westlichen Ländern werden Gottesdienste fast ausschließlich
von älteren Leuten, hauptsächlich Frauen, und von Kindern
besucht, während die jüngendlichen und die mittlere Altersstufe
fern bleibt. Daraus ergibt sich auch das Bild einer alten, femininen und
infantilen Kirche.
Sowohl in Ost- wie in Westeuropa gibt es Erfahrungen, in denen das Bemühen,
anziehend zu sein, die Dimension des Geheimnisses, der Anbetung und des
Lobes in den Schatten stellt und die Formelhaftigkeit, die Beteiligung und
ein gewisses Geltungsbedürfnis des Zelebranten und/oder der aktiv bei
der Versammlung Mitwirkenden in den Vordergrund rückt. Daraus folgt
unter anderem ein zweifellos lebendiges und lebhaftes Kirchenbild, das
aber mehr auf Äußerlichkeit und Emotivität als auf
Vertiefung in die Begegnung mit dem heiligen Geheimnis Gottes achtet.
Es fehlt auch nicht an Erfahrungen mit Gottesdiensten und Andachten, die
sehr streng auf die Formelhaftigkeit achten, was sie für manche
Personen in der Tat trocken und entmutigend macht. Im Gegensatz dazu gibt
es Erfahrungen, in denen man zur Förderung der Religiosität
Gottesdienste und Gebetstreffen veranstaltet und improvisiert, die die
geltenden Regeln mißachten und eine Art unannehmbarer ungezügelter
liturgischer Kreativität hervorrufen.
Ein weiteres Problem erwächst aus der Haltung traditionalistischer
Gruppen, die einige äußerliche liturgische Formeln hervorheben
und diese zum Kriterium des rechten Glaubens machen. In dieser Richtung
fordern manche, die daraus folgenden Schwierigkeiten auch in Bezug auf die
kirchliche Gemeinschaft zu betrachten.
Es besteht kein Zweifel, daß diese verschiedenen manchmal sich
widersprechenden Weisen, die Gottesdienste zu gestalten und zu leben, oft
zu Polarisierungen führen, zu denen noch andere Aspekte kommen, die
dazu beitragen, ein Bild deutlich zu machen, nach dem in Wirklichkeit zwei
verschiedene Seins- und Lebensweisen von Kirche sich gegenüber stehen
und leider gegeneinander prallen.
Vielerorts sind zwei Probleme besonders offensichtlich: das erste
innerhalb des kirchlichen Lebens, das zweite vom kulturellen Kontext
hervorgerufen. Einerseits spürt man in der konkreten
Gottesdienstpraxis Ermüdung, Wiederholung, Langeweile und einen immer
wiederkehrenden gewohnten Stil, der Resignation hervorruft, auf der
anderen Seite führt die Kultur der Modernität dazu, daß
der Ritus vom Glaubensfundament losgelöst wird.
70. Deshalb wird das dringende Erfordernis einer angemessenen
Bildung deutlich, die eine Anleitung zur Kunst des Feierns
sein sollte. Daraus erwächst die Notwendigkeit, in Verkündigung
und Katechese eine verstärkte "liturgische Mystagogie"
anzubieten. Dazu erscheint es nützlich: Glaubenswege zu entwickeln,
in denen Verkündigung, Liturgie und Dienst am Nächsten immer
miteinander verbunden sind und in Beziehung zueinander stehen; für
eine rechtzeitige liturgische Ausbildung der zukünftigen Priester und
der verschiedenen pastoralen Mitarbeiter, der Gottesdiensthelfer und all
derer, die darin einen Dienst ausüben, zu sorgen; die
Eucharistiefeier als "Höhepunkt und Quelle" der ganzen
Liturgie zu betrachten, ohne aber das gemeinsame Stundengebet außer
Acht zu lassen und eine rechte Integration zwischen liturgischem Leben und
Volksreligiosität zu fördern; die Riten an die verschiedenen und
neuen Situationen anzupassen, in denen die Gläubigen leben. All das
muß in der Überzeugung geschehen, daß, wenn man im Geist
und in der Wahrheit feiert, wenn die Feier eine Handlung ist, an der die
Versammlung teilhat, wenn Texte und Gesten alle Gläubigen
miteinbeziehen, die Liturgie zu einer wirklich gelebten Erfahrung des
Geheimnisses wird, weil sie Teilhabe am österlichen Ereignis und
damit Quelle und Ausdruck wahrhaften geistlichen Lebens ist.
Hinzuweisen ist auch auf die Opportunität eines fruchtbaren
Austausches zwischen der orientalischen Tradition, die in der liturgischen
Handlung hauptsächlich die Dimension des Geheimnisses hervorhebt und
nutzt, und der westlichen lateinischen, die mehr dazu neigt, die
Dimensionen der Gemeinschaft und Sendung ins Licht zu stellen.
Das "Evangelium der Hoffnung" durch den Dienst am Nächsten
verbreiten
Diakonia
71. Um wirklich das "Evangelium der Hoffnung" durch den Dienst
am Nächsten zu verbreiten, gibt es nur den längst bewährten
Weg. Er besteht in der Liebe, die zum authentischen Liebeszeugnis wird,
das bedeutet: Förderung der Gemeinschaft in und außerhalb der
Kirche, Erneuerung und Ansporn einiger pastoraler Prioritäten sowie
Einsatz für den Aufbau eines neuen Europas. Die Aufgabe besteht
darin, in der Geschichte Europas die Liebe wirksam zu machen.
Zeugnis der Liebe zum Nächsten
72. Vor allem geht es darum, daß die Menschen der Liebe Gottes und
Christi im Heiligen Geist begegnen. Auf diese Weise kann man dem Hoffnung
geben, der sie bedroht sieht oder verloren hat, denn nur wer sich geliebt
weiß und geliebt fühlt, kann dem eigenen Dasein Sinn geben und
weiter Hoffnung haben, auch unter Mühen und Schwierigkeiten.
Um das alles zu verwirklichen, ist das gelebte Zeugnis der Liebe
unerläßlich.
Das führt dazu, daß die Christen und die Kirchen in Europa
nicht einfach damit zufrieden sind, Gesten - wenn auch wichtige und
notwendige - der Liebe zu vollbringen, sondern daß sie "Liebe
sind", indem sie dieses Geschenk und diese Kraft aus der
unversiegbaren Quelle schöpfen, die Gott selbst ist. In diesem Sinn
darf sich das Liebeszeugnis nicht auf einen Pragmatismus ohne Wurzeln
beschränken, sondern muß die Liebe Gottes, ja Gott, der
Liebe ist, aussagen und verkünden. Es geht darum, dem
heutigen europäischen Menschen wie den Menschen aller Zeiten die
beseligende Nachricht mitzuteilen, daß Gott uns zuerst geliebt hat,
daß Jesus uns bis zur Vollendung geliebt hat, indem er den
Kreuzestod auf sich nahm und uns den Vater offenbart hat, der mit den
Menschen solidarisch ist und ihnen entgegenkommt, dadurch daß er
ihnen den Heiligen Geist mitteilt.
Die Synode will deshalb im Bewußtsein der Christen und der Kirche
die Gewißheit erneuern, daß uns die Liebe des Vaters, die sich
in Christus allen zuwendet, durch die Ausgießung des Heiligen
Geistes mitgeteilt wird. Diese Liebe des Vaters, die einmal für immer
in Jesus Christus gekommen ist und mit dem immer neuen Geschenk des
Geistes ständig kommt, kann nur in der gelebten Erfahrung der Liebe,
vor allem der gegenseitigen Liebe voll angenommen und erkannt werden. Es
geht also darum, gerade durch das glaubwürdige, wenn auch immer
unzureichende Zeichen der gelebten Liebe die Menschen mit der Liebe Gottes
und Christi, der sie sucht, in Berührung zu bingen. Das ist die
schwierige Aufgabe, die unseren Kirchen gestellt ist und die sie erfüllen
müssen, wollen sie noch Träger der Hoffnung sein.
Es geht in dieser Hinsicht darum, daß in unseren Kirchen im Gewebe
des täglichen Lebens und der Geschichte unserer Länder Einzelpersonen,
Familien und Gemeinschaften sind, die das Evangelium der Liebe intensiv zu
leben wissen.
Gefragt sind also Personen und Gemeinschaften, die im engen Dialog mit
den göttlichen Personen leben, der mit dem Hören des Wortes, dem
Gebet und den Sakramenten beginnt und sich im Dialog mit den anderen
Menschen in allen Beziehungen und Tätigkeiten und in jedem Umfeld
fortsetzt. Diese Personen und Gemeinschaften sollen sich von der Kraft und
Weisheit der Liebe formen lassen und jeden Menschen und jedes Ereignis als
Geschenk und Gelegenheit zum Guten annehmen. Sie sollen sich selbst zum
Geschenk für andere machen durch ihre Aufmerksamkeit, ihren Dienst,
ihre Anteilnahme, ihren ethischen und zivilen Einsatz und in der Vergebung
erlittenen Unrechts. So kann ihr Liebeszeugnis zu einem wirksamen Mittel
gegen die Krankheiten unserer Zeit werden und viele Herzen für die
Freude und Hoffnung öffnen.
Baumeister der Gemeinschaft und Solidarität
73. Zweifelsohne bedeutet das Zeugnis der Liebe leben gleichzeitig
Baumeister der communio in der christlichen Gemeinschaft zu sein.
Wie schon gesagt, ist das eine der Grundbedingungen dafür, daß
die Kirchen Träger der Hoffnung für das Europa von heute sein können.(87)
Aber das Zeugnis der Liebe geht auch über die Grenzen der
kirchlichen Gemeinschaft hinaus. Hier, in der ganzen bürgerlichen
Gesellschaft, wird die gegenseitige Liebe, die die Kirche zur brüderlichen
und missionarischen Gemeinschaft aufbaut, Faktor der Solidarität.
Baumeister der Gemeinschaft sein heißt also auch, den Aufbau einer
solidarischen Gesellschaft zu fördern, die gemäß dem
Prinzip der Subsidiarität geordnet ist. Die Kirche ist gerufen, in
diesem Sinn auch in sozialer Hinsicht primärer Faktor der Stabilität
und der Gemeinschaft zu sein. Und zwar ausgehend von jenem tiefen und
theologischen "Geheimnis der Gemeinschaft", auf dem sie gründet:
Aus der Gemeinschaft in der Kirche, die ihren Mittelpunkt in der
Eucharistie hat, dem bevorzugten Ort der Begegnung mit Christus und mit
den Brüdern, und aus der Begegnung am Tisch des Herrn erwächst
jene typische Brüderlichkeit der christlichen Gemeinschaft, die ihren
wohltuenden Einfluß auf die bürgerliche Gesellschaft ausübt.
In dieser Hinsicht und dieser Denkweise entsprechend bleiben die Werte der
Solidarität, der Versöhnung, der Vergebung, der Zuwendung zu den
Ärmsten, des Dienstes am Nächsten auch in Form des
Freiwilligendienstes - Werte, die zur wesentlichen christlichen Erfahrung
gehören - nicht ausschließlich Güter der Gläubigen,
sondern werden zur Kraftquelle für die ganze Gesellschaft. Ohne
Zweifel geht es darum, diese Überzeugungen erneut anzubieten und auf
ihre Verwirklichung zu achten.
74. Besonders in jenem Kontext, der die Werte Freiheit und Gleichheit
herausgestellt, aber die Brüderlichkeit beiseite gelassen hat, muß
die Kultur der Freiheit und Gleichheit mit der Kultur der Solidarität
verschmolzen werden, einer nicht nur als Hilfeleistung verstandenen
Solidarität, sondern als Aufwertung der einzelnen Kategorien.
In diesem Sinn muß die Solidarität bei dem wachsenden Zustrom
von Einwanderern in Formen des Zusammenlebens zum Ausdruck kommen, die den
verschiedenen Präsenzen in der Gesellschaft entsprechenden Raum
geben. Mit der zunehmenden Globalisierung wollen die Einforderungen der
Staatsangehörigkeit, der vollen Anerkennung ihrer Identität und
Verschiedenheit seitens Gruppen und Minderheiten im Rahmen der Werte und
gemeinsamen Normen anerkannt und geschützt werden. Im Zusammenhang
der Globalisierung darf die Verantwortlichkeit Europas und seiner Kirchen
gegenüber den Ärmsten und die daraus folgende Gewissensprüfung
hinsichtlich der Beziehungen zwischen den reicheren und den ärmeren
Kirchen in Europa und in der übrigen Welt nicht vergessen werden.
Angesichts der schweren Mängel des freien Marktes und der
Unwirksamkeit und der Kosten des bürokratischen und sozialen Staates
sollte die Rolle der zivilen Wirtschaft und allgemein der zivilen
Gesellschaft, die fähig ist, Solidarität und Verantwortlichkeit
miteinander zu verbinden, immer mehr Anerkennung finden.
Das sind alles deutliche Anzeichen für die Dringlichkeit und
Notwendigkeit, jede Form von privatisierter Ethik zu überwinden,
wie die in Europa weitverbreitete, die kein angemessenes Fundament für
das Zusammenleben sein kann, weil der Verlust und die Aushöhlung der
Werte den Aufbau einer solidarischen Gesellschaft erschweren. In der
Solidarität, verstanden als Nutzung der sozialen Subjektivität,
ist der Schlüssel zu finden für einen alternativen und
fruchtbaren Lösungsversuch der sozialen Spannungen, die die europäische
Gesellschaft kennzeichnen, die aber alle Gesellschaften der Welt erfaßt
haben. Dafür kann Europa ein ganz entscheidendes Zeichen friedlichen
Zusammenlebens setzen. Dieser Versuch nach christlichem Muster sollte auf
europäischer Ebene verbreitet werden. In Europa ist Einheit nötig,
die den Pluralismus zu nutzen weiß, nicht nur den Pluralismus der
Staaten, sondern auch den der kulturellen und religiösen
Gemeinschaften, der sozialen Institutionen und der Familien. Die Politik
muß all diesen Wirklichkeiten das Heimatrecht einräumen. Im
Rahmen der allgemein anerkannten Werte und der gemeinsamen Normen muß
die Vielfalt zum menschlichen und auch wirtschaftlichen Reichtum werden.
Dazu können und müssen die Christen sehr viel beitragen. Denn
durch den Glauben an Gott, den Vater aller, hat das Christentum das Bewußtsein
der Würde der Person und der Brüderlichkeit in die Geschichte
eingepflanzt. Dadurch daß die Christen die gegenseitige Liebe auch
in der bürgerlichen Gesellschaft als Baumeister und Anwälte der
Solidarität leben und bezeugen, verdeutlichen sie die Gegenwart
Christi, des Erlösers aller Menschen und des ganzen Menschen. Von Ihm
allein kann die Hoffnung kommen, die nicht trügt.
Einige pastorale Aufgaben und Prioritäten müssen gefördert
werden
75. Im heutigen Europa, das von neuen und alten Problemen bedrängt
und von neuen Hoffnungen und Möglichkeiten erfaßt wird, soll
das gelebte Zeugnis der Liebe als Dienst am "Evangelium der Hoffnung"
auch heißen, einem pastoralen Wirken Raum zu geben, das von
einem tiefen missionarischen Antrieb ausgeht und belebt wird. Sie ist
nicht nur als mutige Verkündigung des Evangeliums zu verstehen,
sondern auch als Bereitschaft, aus den engen kirchlichen Bereichen
herauszugehen. Der christliche missionarische Stil ist geprägt von
der "Sympathie" für die Menschen, vom Anhören ihrer
Fragen, von der Begleitung in den Leiden und vom frohen und befreienden
Angebot der Botschaft Christi. Dieser Stil erfordert heute mehr denn je,
neue Formen der Suche nach dem Menschen zu finden durch eine
missionarische Präsenz der Kirche und der Christen unter den
Jugendlichen, unter den Kulturschaffenden, unter den Arbeitnehmern, unter
den Leidenden und unter den Suchenden. Die missionarische Tätigkeit
muß sich also in eine Präsenz in der Welt und in eine Denkweise
umsetzen, die eine Alternative zur weltlichen Denkweise darstellt, aber für
die Menschen unserer Zeit verständlich ist. Die entscheidende Frage
an unsere Kirchen könnte also bei den Beratungen der Synode so
lauten: Wie können wir heute in Europa Zeugen eines Gottes sein, der
den Menschen weiterhin sucht? Wie können wir gleichzeitig bereit
sein, Überzeugungen aufzugeben, die uns vorspiegeln, daß unsere
Länder noch christlich sind, während wir aber fest entschlossen
sind, die große Hoffnung zu bezeugen, die in uns ist?
In dieser Hinsicht handelt es sich darum, jene grundlegende Gleichung
unseres Glaubens anzubieten, nach der die Rechte Gottes die Rechte des
Menschen sind, und die Rechte des Menschen die Rechte Gottes sind. Das führt
dazu, in der Pastoralarbeit den Schutz des Menschen, vor allem der Schwächsten
und der Ärmsten, in den Mittelpunkt zu stellen, aber nicht in der
Sicht reiner Fürsorge und Hilfeleistung, sondern als Förderung
und Wachstum der Person. Das ist gewiß ein weiteres Zeichen von
Hoffnung, das die Christen in Europa als Sauerteig in einer Gesellschaft
setzen können, die den Menschen mit seinen Problemen und seinen
Bestrebungen in den Mittelpunkt rückt.
So wird verständlich, daß in unseren Kirchen weitgehende Übereinstimmung
darüber herrscht, folgende Aufgaben und Prioritäten für
ein wirksames Zeugnis der Liebe herauszustellen: das Angebot
eines individuellen, familiären und sozialen Lebens, das dem eigenen
Glaubensbekenntnis entspricht; den Schutz der menschlichen Person und des
Lebens, verdeutlicht in öffentlichen Erklärungen und vielfältigen
Initiativen von Solidarität, wobei besonders auf die wachsende Gruppe
von Menschen in Not zu achten ist, die dem materiellen und moralischen
Elend und der Ausbeutung stärker ausgesetzt ist; die Förderung
einer angemessenen pastoralen und sozialen Aufmerksamkeit für die
komplexe Welt des Gesundheitswesens mit seinen heutigen Problemen; die
Aufmersamkeit und Hilfe für die Ärmsten; den Schutz für die
Schwächsten; eine Atmosphäre der Achtung und Aufnahme für
die Einwanderer zu schaffen, um so die kulturelle Integration und den
interreligiösen Dialog zu fördern; Zeichen der Hoffnung zu
setzen in Bereichen, wo Mutlosigkeit überhand zu nehmen scheint.
Hier ist Raum für eine besondere Betonung der pastoralen Präsenz
und Tätigkeit in manchen Bereichen, die heute mehr Aufmerksamkeit von
den Kirchen erfordern, damit das "Evangelium der Hoffnung" noch
angemessener und wirklichkeitsnäher angeboten werden kann.
76. Von vielen Seiten wird die grundlegende Bedeutung einer angemessenen
und wirksamen Familienpastoral unterstrichen, die mit den Familien und
für die Familie auszuüben ist. Sie ist eine Aufgabe und
Verpflichtung, die unserer Kirche mit aller Dringlichkeit obliegt im
Hinblick auf nicht wenige kulturelle, soziale und politische Faktoren, die
in verschiedener Weise, aber in allen Ländern zu der immer stärker
hervortretenden Krise der Familie beitragen.
Und gerade diese Krise der Ehe und Familie bewegt die europäischen
Kirchen dazu, "die Wahrheit über die Ehe und die
Familie, wie Gott sie festgelegt hat, als einen wahren Dienst an der
Familie und der Gesellschaft mit Festigkeit zu verkünden. Das zu
unterlassen, wäre eine schwere Verfehlung der Hirtenaufgabe, die die
Gläubigen und alle diejenigen irreführte, die die schwere
Verantwortung haben, Entscheidungen über das Gemeinwohl der Nation zu
treffen".(88)
In der Überzeugung, daß der Dienst an der Familie letztlich
ein wahrhafter Dienst am Menschen und an der ganzen Gesellschaft werden
kann, geht es um die entsprechende Erziehung und Bildung, Vorbereitung,
Begleitung und Hilfe wie auch um das Engagement, so daß eine
wirklich angemessene Familienpolitik gefördert wird und die Familien
diese Politik selbst gestalten und die Verpflichtung übernehmen, die
Gesellschaft umzuwandeln.
77. In Bezug auf das menschliche Leben wird von mehreren Seiten
unterstrichen, daß man oftmals eine ganz inkohärente Kultur
vorfindet, die einerseits die Würde des menschlichen Lebens bekräftigt,
andererseits Haltungen der Bedrohung oder Verweigerung des Lebens
akzeptiert oder sogar begünstigt. Besonders bei dem Problem der
Abtreibung zeigt sich ein klarer Unterschied zwischen den Ländern, in
denen Abtreibungen sehr häufig sind, und denen mit einer geringeren
Abtreibungszahl.
Immer dringlicher und notwendiger wird in diesem Zusammenhang eine
umfassende und allgemeine kulturelle, pastorale und soziale Initiative im
Dienst des menschlichen Lebens und zur Förderung einer
authentischen Kultur des Lebens. Bedeutsam ist diesbezüglich die Übereinstimmung,
die hinsichtlich der aufgezeigten Angebote und zum Teil schon
verwirklichten Initiativen herrscht. Das gilt für vorhandene
Strukturen (Häuser für alleinstehende Mütter, Krankenhäuser
und Altenheime, Hilfs- und Beratungsstellen); für die Förderung
von Vereinigungen und Bewegungen, die für das Leben arbeiten; es gilt
für die Bedeutung des Freiwilligendienstes, für die
Notwendigkeit eines verstärkten Einsatzes im Erziehungs- und
Bildungswesen und in der Verkündigung der Lehre der Kirche, auch
durch Bekämpfung der Propaganda der sozialen Kommunikationsmittel; es
gilt, Einfluß im kulturellen, wirtschaftlichen und politischen
Bereich zu gewinnen auch durch das direkte und verantwortliche Engagement
der Christen in diesem Umfeld.
78. "Die Jugendlichen sind die Hoffnung der Kirche, die ins dritte
Jahrtausend eintritt. Sie dürfen im kritischen Augenblick ihrer
Lebensentscheidungen nicht ohne Hilfe und Führung gelassen werden.
Man muß die Anstrengungen vervielfachen, damit die Kirche unter den
Jugendlichen präsent ist".(89) Diese Worte Johannes Pauls II.
weisen genau und zweifelsohne auf eine weitere pastorale Priorität für
die europäischen Kirchen von heute hin. Es handelt sich darum, die
Jugendpastoral zu erneuern und in Schwung zu bringen, sie wirksam
und harmonisch zu gestalten im Rahmen eines umfassenden Programms, das die
Kreativität und Geisteskraft der Jugendlichen anregt und ihre
Erwartungen prüft und unterstützt, so daß sie persönlich
die Evangelisierung und den Aufbau der Gesellschaft gestalten helfen.
Die Treffen, an denen viele Jugendliche teilnehmen - wie die
Weltjugendtreffen, die von der Gemeinschaft von Taizé
veranstalteten Treffen, die Tagungen und Wallfahrten auf Orts- und
nationaler Ebene -, manifestieren ihren Hunger nach dem Absoluten, ihren
versteckten Glauben, der nur gereinigt und entfaltet werden will, und ihre
Sehnsucht nach Gemeinschaft, um aus der Isolierung herauszukommen. Diese
Treffen sind auch der erste absichtliche Schritt zur
Christusnachfolge.(90) All das will erkannt, aufgenommen, begleitet,
unterstützt und geleitet werden. Es ist also notwendig, sich
einbezogen zu fühlen und den neuen Generationen die Möglichkeit
zur persönlichen Begegnung mit Christus im Bereich einer brüderlichen
Gemeinschaft zu geben, wo jedem geholfen wird, die eigene Identität
zu entwickeln und die eigene Berufung zu entdecken und zu entfalten. Dabei
gilt es, nicht nur intelligente, eifrige Erzieher und Lehrer auszubilden,
die wirklich fähig sind, den Jugendlichen entgegenzukommen und ihnen
unterschiedliche, anspruchvolle und gestufte Wege menschlichen und
christlichen Wachstums anzubieten, sondern auch dahin zu wirken, daß
die kirchlichen Gemeinschaften sie tatsächlich annehmen. Denn dort
sollen die Jugendlichen vor allem in den Erwachsenen dialogfähige
Zeugen und Personen finden, so daß sie als selbständige
Menschen ihre eigene Bildung und missionarische Tätigkeit
bewerkstelligen.
79. Auf Grund der heute ständig wachsenden Bedeutung der sozialen
Kommunikationsmittel müssen die Kirchen in Europa, wenn sie durch die
Evangelisierung und Förderung von Kultur neue Hoffnung geben wollen,
ein besonderes Augenmerk auf die vielschichtige und komplexe Welt der
Massenmedien richten.
Es geht vor allem darum, sich in die Prozesse der sozialen Kommunikation
einzuschalten, um sie authentischer und achtungsvoller gegenüber der
Wahrheit der Information und der Würde der menschlichen Person zu
machen. Einfaches Verwalten von noch so fortschrittlichen Mitteln reicht
aber nicht aus. Unerläßlich ist es vielmehr, die kulturelle
Herausforderung des neuen Kommunikationshorizonts anzunehmen, vor die
seine Protagonisten gestellt sind. Die sogenannte "Medienkultur"
erfordert deshalb von der Kirche ein Überdenken und eine Überprüfung
ihres Glaubens, ihrer Botschaft und ihres Lebens.
Das alles scheint die Gemeinschaft der Gläubigen aufzurufen, sich
auch auf europäischer Ebene noch mehr zu strukturieren. Denn um den
heutigen Anforderungen zu entsprechen, genügen improvisierte und
bahnbrechende Initiativen nicht. Man muß wirksam und der Situation
entsprechend methodisch vorgehen. Es ist wichtig und notwendig, eine
gezielte Strategie zu entwickeln, die für alle Kirchen Europas gilt,
damit man in der Medienkultur einen Weg der Evangelisierung und des
Dienstes am Menschen aufzeigt, der die neuen Ausdrucksmittel und neuen
Technologien berücksichtigt.
80. Im heutigen Kontext, der vor allem eines tiefgehenden kulturellen
und nicht so sehr wirtschaftlichen, sozialen und politischen Wandels
bedarf, scheint es wichtig - will man Europa neue Hoffnung geben -, eine
neue Pastoral der Kultur anzuwenden.
Durch die Schule wie auch durch die Förderung und Entwicklung des
intellektuellen und akademischen Lebens soll diese Pastoral darauf zielen,
die zur Zeit verstreuten Aspekte der europäischen Kultur zu einer
wirklich auf menschliche Bildung ausgerichteten Synthese zusammenzufassen,
die für die geistigen Werte offen ist und die Würde der Person
achtet.
Und das soll auf der Linie jener europäischen kulturellen Tradition
geschehen, die ihre Wurzeln im Evangelisierungswerk der Kirche und in der
Christus-Begegnung möglichst vieler Menschen aller Stände und
Kulturen hat. Die Grundwerte, die Europa entwickelt und der Menschheit
vermittelt hat, sind tatsächlich das greifbare Zeichen einer
vollzogenen Inkulturation des Glaubens, die eine Synthese der Präsenz
und des Zeugnisses hervorgebracht hat, die zur Entwicklung des ganzen
Menschengeschlechtes beigetragen haben. Aus der Begegnung der Griechen,
der Latiner, der Barbaren, der Slawen mit Christus ist "eine europäische
und christliche Lebens- und Denkweise" entstanden, die eines der
bedeutendsten Modelle der Inkulturation des Glaubens und eine der
reichhaltigsten Synthesen zwischen Glaube und Vernunft, zwischen
Christusnachfolge und Zugehörigkeit zu einem Volk oder einer
Tradition darstellt.
Die Aufgabe, die Europa bevorsteht, wobei die Bedeutung seiner Identität
und seiner Urtümlichkeit im Gesamten der Menschheit auf dem Spiel
steht, liegt in der Fähigkeit der Christen, zu den Wurzeln ihres
Glaubens an den Auferstandenen zurückzukehren, um eine neue Ära
zu beginnen mit einer Inkulturation, die die neuen Probleme in Europa
anzupacken weiß.
81. Angesichts eines heute verbreiteten anthropologischen Modells, das
sich auf den Begriff der Person "ohne Berufung" bezieht, und
angesichts des Problems der Anzahl und Qualität von Berufungen, das
in fast allen europäischen Kirchen deutlich hervortritt und Besorgnis
erregt, scheint allen eine angemessene Pflege der Berufungen vordringlich
und wichtig zu sein. Unerläßliche Voraussetzung für die
Kirche ist auch, daß sie ihre umfassende Pastoraltätigkeit ausüben
kann. Die Pflege der Berufungen ist eine Schlüsselaufgabe für
die Zukunft des christlichen Glaubens in Europa und zugleich für die
religiöse Erneuerung der europäischen Völker. Somit ist die
Förderung geistlicher Berufe ein obligatorischer Schritt für die
Kirche, wenn sie dem heutigen Europa neue Hoffnung geben will.
In dieser Hinsicht und in der Gewißheit, daß der Geist auch
heute wirksam ist und ruft und daß die Zeichen dieser Gegenwart
nicht fehlen, geht es darum, den Berufsaufruf in die allgemeine Pastoral
einzugliedern und der Berufungspastoral den Anstrich der Gemeinsamkeit,
der Popularität und der Kontinuität zu geben. Wie Johannes Paul
II. betonte, ist es notwendig, "vor allem in den Jugendlichen eine
tiefe Sehnsucht nach Gott zu wecken und damit das Terrain für
hochherzige Berufsentscheidungen zu bereiten". Es ist dringlich, daß
"eine ausgedehnte Gebetsbewegung die kirchlichen Gemeinschaften
Europas erfaßt und sich dem Ansturm des Säkularismus
entgegenstellt, der dazu drängt, die menschlichen Mittel, die
Leistungsfähigkeit und das pragmatische Lebensmodell vorzuziehen".
Es ist notwendig, "einen Qualitätssprung in der
Berufungspastoral der europäischen Kirchen zu vollziehen", weil "die
veränderten geschichtlichen und kulturellen Bedingungen es erfordern,
daß die Berufungspastoral als eine der vorrangigsten Zielsetzungen
der ganzen christlichen Gemeinschaft gesehen werden". Es geht darum, "eine
neue Kultur der Berufung unter den Jugendlichen und den Familien zu fördern".(91)
Nicht vernachlässigen darf man in diesem Bereich diejenigen, die
bereits in das geweihte Amt oder in das geweihte Leben eingegliedert sind
und gestützt und ermutigt werden müssen. Angesichts ihrer
zahlenmäßigen Verringerung in vielen Teilen Europas und der größeren
pastoralen Last und damit verbundenen Ermüdung geht es darum, brüderlichen
und aufmerksamen Trost zu spenden. Das möge ihnen helfen, den hohen
Wert ihres Dienstes zu erkennen, ihre Arbeitsweise und ihr Pensum zu überdenken
und die Freude eines ganz dem Herrn geschenkten Lebens wiederzufinden und
zu manifestieren als konkretes Zeugnis der Sinngebung, das ansteckend
wirkt auf andere und sie zur radikalen Nachfolge des Herrn einlädt.
82. Von außerordentlicher Bedeutung ist auch die
Bildung engagierter christlicher Laien als Verantwortungsträger. Der
soziale Kontext und das moralische, kulturelle und geistige Klima im
heutigen Europa erfordern ganz dringend eine solche Bildung der Laien, und
diese ist besonders notwendig auf Grund der aggressiven Rhythmen und des
Alltagsstresses sowie des Drucks, der vom Erfolgsstreben, vom
Konsumverhalten und insbesondere von einem massiv zur Schau gestellten
Erotismus ausgeübt wird. Die vorgenannte Bildung der Laien ist auch
notwendig auf Grund der Unsicherheit und des Skeptizismus, die einen großen
Teil der Kultur beherrschen und sich sogar in die Suche nach Spiritualität
und Religiosität einschleichen, die in den jüngsten Jahren in
Formen aufgetaucht ist, die einer aufmerksamen Unterscheidung bedürfen.
Diese Bildung erfordert eine allgemeine Spiritualität als
Ausgangspunkt für eine Präsenz als Christen in Europa, die in
neuer Weise das christliche Menschenbild darzustellen weiß, das
eines der schönsten kulturellen Erbteile unserer Geschichte ist.
Diese ganzheitliche und durch strenge Übung im kirchlichen Leben
gereifte Bildung und Formung soll darauf abzielen, daß die Laien den
Lebensalltag als bevorzugten Ort entdecken, um den Glauben an den
auferstandenen Christus zu bezeugen und zu verkündigen. Im Bewußtsein,
daß die konkrete und komplexe Welt der Bereich ihrer
Evangelisierungstätigkeit ist, sollen die Laien immer mehr selbständige
und verantwortliche Mitwirkende an der Geschichte werden, die im Licht des
Evangeliums gestaltet wird. So ausgebildet, "wird es den Christen
noch mehr angelegen sein, die wahren, dem Evangelium entsprechenden Werte
in allen Lebensbereichen und besonders im politischen, wirtschaftlichen
und sozialen Leben, deren Evangelisatoren sie sind, zu manifestieren und
zu schützen. Das wird noch wichtiger in den letzten Jahren dieses
Jahrhunderts, in dem wir auf eine Neuordnung Europas zugehen, wo neue
Bande zwischen den Mitgliedsstaaten, aber auch mit den anderen Kontinenten
geknüpft werden. Eine Neuordnung, die der Förderung der
moralischen Dimension der zwischenmenschlichen Beziehungen bedarf".(92)
In diesem weitgesteckten und gegliederten Rahmen scheint es dringend
geboten, wertvolle Berufungen zu wecken und zu fördern, die dem
Gemeinwohl dienen: Menschen, die nach dem Beispiel und dem Stil der
sogenannten "Väter Europas" fähig sind, Baumeister der
europäischen Gesellschaft von morgen zu sein, und sie auf die soliden
Fundamente des Geistes gründen.
Der Einsatz für den Aufbau des neuen Europa
83. Wie bereits bei der ersten Sonderversammlung der Bischofssynode für
Europa festgehalten wurde, "stellen der europäische
Einigungsprozeß und besonders die europäischen Institutionen
und die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa die
Kirchen vor eine schwere, verantwortungsvolle Aufgabe. Das gemeinsame
europäische Haus kann nur dann auf sichere Fundamente gebaut werden,
wenn es nicht nur aus wirtschaftlichen Beweggründen erwächst.
Ja, das neue Europa setzt für seinen Aufbau immer den Konsens und die
Anerkennung der Grundwerte voraus und erfordert eine reine ideelle
Inspiration. In dieser Hinsicht ist der Beitrag der Kirche für das
neue Europa gewiß nicht zweitrangig und muß mit dem Einsatz
der im sozialen und politischen Bereich tätigen Laienchristen
einhergehen".(93)
Das ist eine Überzeugung, die die Synode auch heute zum Ausdruck
bringen will in einem Augenblick, wo die europäische Situation neue
Fragen aufwirft und ein Überdenken der kirchlichen Präsenz in
Europa geboten scheint. Die europäische Einigung geht jetzt auf einem
vorwiegend wirtschaftlichem Geleise voran, auf dem das politische Element
den eiseren Regeln des Geldes unterworfen ist. In sozialer und kultureller
Hinsicht ist der Weg noch ungewiß. Welche Rolle die Kirchen übernehmen
können, ist noch unklar, und es besteht die große Gefahr, daß
sie zu Untergruppen des Gesellschaftssystems zusammenschrumpfen. Die Lage
würde sich noch verschlechtern, wenn man über die Ausgrenzung
der Kirche in eine Randposition hinaus ein soziologisches Rollenverständnis
der Gläubigen in der neuen europäischen Situation vorzöge.
Daraus erwächst eine geschichtliche Verantwortung, die die
Kirchen und die Christen unbedingt mit großer Wachsamkeit und
Engagement wahrnehmen müssen.
In diesem Sinn sind die Präsenz und der Einsatz von Christen, Männern
und Frauen, entscheidend, die in das Leben Europas und in seine
Einigung die Achtung jeder Person und der verschiedenen menschlichen
Gemeinschaften einzubringen wissen, indem sie deren geistige, kulturelle
und soziale Dimension anerkennen und so denjenigen neue Hoffnung geben,
die sie verloren haben, und die soziale Integration derer begünstigen,
die in Europa leben oder ihren Wohnsitz nehmen.(94)
84. Einen Beitrag, den die Kirche zum Aufbau Europas leisten soll,
bildet auch die soziale Lehre der Kirche. Die in diesem Jahrhundert
entwickelte Soziallehre wurde im Lehramt Johannes Pauls II. vollendet, der
in Centesimus annus eine universale Lehre mit den europäischen
Ereignissen von 1989 verbinden wollte. Aus diesem Weg erwächst auch
die Aufgabe, die den Kirchen beim Aufbau der europäischen Einheit
gestellt ist.
Es geht wirklich darum, die Würde des europäischen Menschen
von heute und von morgen zu festigen, zu schützen und zu fördern,
wobei man sich von der kirchlichen Soziallehre leiten und ausrichten läßt,
die sich schon mit den heutigen Problemen auseinandersetzt, die Europa
hauptsächlich kennzeichnen. Darunter sind zusammenfassend zu nennen:
das Problem und die Bedeutung der Arbeit im Zusammenhang mit der
Globalisierung; das Phänomen der Wanderung als Schwierigkeit, die es
zu überwinden gilt, wobei aber nicht nur die Gefahren, sondern auch
die damit verbundenen Kapazitäten zu sehen sind; die Beziehungen
zwischen den Staaten und den Nationen und die Art und Weise, "Politik
zu betreiben" im Hinblick auf ein allmähliches Überdenken
der absoluten nationalen Souveränität; die Verantwortung gegenüber
den ärmeren Ländern in der Welt mit dem ernsten Problem der
internationalen Verschuldung; der Einsatz für den Frieden, der in der
Wahrheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Überzeugung aufzubauen
ist, daß Europa angesichts der Tragödien und Kriege, die
weiterhin Völker und Nationen treffen, nicht fernstehen, tatenlos,
gespalten oder ständig hinterher sein darf, sondern seine tatsächliche
Fähigkeit beweisen muß, allen Völkern des Kontinents und
auch darüber hinaus die Bedingungen für eine freie Entwicklung
und eine authentische Demokratie sicherzustellen.
85. Gemäß der Soziallehre der Kirche ist es die besondere
Aufgabe der Christen, die mit den in Europa wiederauflebenden Formen
von Nationalismus verbundene Problematik anzugehen. Die Problematik
erwächst manchmal aus einer unverschuldeten und unannehmbaren Überbewertung
und Verabsolutierung der nationalen Zugehörigkeit und der Rolle der
Nation. Indem man an das in der vergangenen Synode Gesagte anknüpft
und jede Überlappung von "nationaler Identität" und "religiöser
Identität" vermeidet, ist es notwendig, ein aufnahmebereites und
solidarisches Zusammenleben anzustreben, das durch ein angemessenes Verständnis
der "Katholizität" der Kirche herbeigeführt und gefördert
wird.
In dieser Beziehung könnte auch von der Synode ein starker Anstoß
kommen, die Vorstellung von Nation neu zu überdenken mit der Überzeugung
einerseits, daß die nationalen Unterschiede als Fundament der europäischen
Solidarität beibehalten und gepflegt werden müssen, und
anderseits, daß die nationale Identität nur durch die Öffnung
zu anderen Völkern und durch die Solidarität mit ihnen
verwirklicht werden kann. Daher ist es dringend notwendig, sich vom
Begriff der "Familie der Nationen" inspirieren und leiten zu
lassen, der noch vor dem einfachen Recht die Beziehungen zwischen den Völkern
kennzeichnen muß.(95) Dabei können die Religionen und unter
ihnen vor allem die katholische Kirche - weit entfernt davon, unrechte
nationalistische Tendenzen zu unterstützen, in die sie manchmal
verwickelt waren - eine entscheidende Rolle spielen, ausgehend von der
grundlegenden Anerkennung des göttlichen Primats und der damit
verbundenen universalen Brüderlichkeit.
In dieser Richtung geht es darum, in angemessener Weise zwischen
Nationalismus und Patriotismus zu unterscheiden; zwischen positiven und
negativen nationalen Gefühlen auszuwählen; die Rechte der
Minderheiten gegen die Tendenz der Einförmigkeit anzuerkennen und zu
schützen; das Recht jeder Nation zu achten und zu fördern, die
eigene nationale Souveränität zu bewahren; Formeln zu finden,
die, indem sie die Identifizierung zwischen "Staat" und "Nation"
überwinden, den verschiedenen Völkern erlauben, in einer
einzigen Staatseinheit zu leben, weil sie die eigenen Rechte und die
eigene Identität weitgehend geschützt sehen.
Ein Leitbild für dieses dringend notwendige Überdenken dürfte
das der "Kultur der Nation" sein, gesehen als Ort, wo die
fundamentale Souveränität der Gesellschaft zum Ausdruck kommt;
dabei werden der Begriff und die Wirklichkeit der Nation in der vitalen
Spannung zwischen Universalität und Partikularität, die für
die menschliche Befindlichkeit charakteristisch ist, bewahrt und
interpretiert; in einer unvermeidlichen, aber außerordentlich
fruchtbaren Spannung, wenn sie ausgewogen gelebt wird.
All das erfordert natürlich Intelligenz und Weitblick für
entsprechende juridische Formulierungen, aber auch für den Erfolg, zu
dem die Christen einen nicht unbedeutenden Beitrag leisten können.
Partikularität und Universalität aufeinander abstimmen
in einer positiven Sicht, die die Reichtümer der Singularitäten
und die Notwendigkeit der gemeinsamen Synthese anerkennt, ist ein Zeichen
der Hoffnung, das die Kirche von ihrem Wesen her in Europa setzen kann.
Ihre Aufgabe besteht darin, die Entwicklung der nationalen, partikulären
und ethnischen Gesellschaften zu begleiten und zu stärken, indem sie
den Glauben an Christus in die neuen Kontexte durch den Einsatz der Gläubigen
in den verschiedenen Lebensbereichen einpflanzt, aber auch dadurch, daß
sie das Entstehen einer national übergeordneten Gesellschaft begünstigt,
das von der Katholizität des christlichen Glaubens geprägt ist.
Um wahrhaft Hoffnungsträger auf einer Bühne der
nationalistischen Gegensätze zu sein - d.h. der historischen
Erfahrung des Faschismus, des Nazismus und des Kommunismus mit den von
ihnen verursachten Übeln und mit der schweren Erblast, die sie in den
Herzen der Menschen, in der Kultur und im Zusammenleben hinterlassen
haben,- ist es notwendig, der Vergebung und Versöhnung Raum zu
geben. Von der Synode könnte eine machtvolles Wort und eine
dringende Einladung hierzu kommen mit der Überzeugung, daß "Vergebung
und Versöhnung bedeuten, das Gedächtnis von Haß, Groll und
Rachegelüsten zu reinigen; sie bedeuten, auch den, der uns Böses
angetan hat, als Bruder anzunehmen; sie bedeuten, sich nicht vom Bösen
zu besiegen zu lassen, sondern das Böse durch das Gute zu besiegen
(vgl. Röm 12, 21)".(96)
86. Nicht zu vergessen ist, daß der Beitrag der Kirchen zum Aufbau
der Einheit eines neuen nach den Werten des Geistes geformten Europas auch
durch den Lebensalltag der Kirchen verwirklicht wird. In dieser
Richtung zum Beispiel gilt es: einen tatsächlichen und fruchtbaren "Gabenaustausch"
zwischen allen Kirchen und allen kirchlichen Gemeinschaften in Europa
fortzusetzen, der Voraussetzung und Beitrag für die Überwindung
der Distanz zwischen Ost- und Westeuropa ist; die Präsenz und das
Wirken des geweihten Lebens zu nutzen, wobei man das gemeinschaftliche
Zeugnis, das von ihm ausgeht, in den Vordergrund rückt; Gelegenheiten
zu Begegnung und zum Austausch auch unter den Laien zu fördern, etwa
durch besondere Initiativen, die sie weitgehend miteinbeziehen; den Formen
der "Volksökumene" Raum zu geben, die schon bedeutsame
Erfahrungen in den Tagungen von Basel und Graz gebracht hat.
Eine Sonderrolle können und müssen in dieser Beziehung die
europäischen Strukturen und Organismen der kirchlichen Gemeinschaft
spielen, angefangen vom Rat der Europäischen Bischofskonferenzen.
Er hat die Aufgabe, "zwischen den Diözesen und den
nationalen Bischofskonferenzen eine immer intensivere Gemeinschaft
aufzubauen, ferner die ökumenische Zusammenarbeit unter den Christen
und die Überwindung der Hindernisse zu fördern, die die Zukunft
des Friedens und des Fortschritts der Völker bedrohen; endlich auch
die affektive und effektive Kollegialität und die hierarchische communio
zu verstärken".(97) Indem er sich bei seiner Tätigkeit von
der communio und Solidarität inspirieren läßt,
kann der Rat die Planung und Verwirklichung gemeinsamer pastoraler
Strategien fördern, die von allen Kirchen Europas geteilt werden.
Dank seines Bemühens "wird die Kirche versuchen müssen, der
kontinentalen Gemeinschaft ein 'Mehr an Seele' einzuflößen, um
in ihr das neu lebendig zu machen, was man die 'Seele Europas' nennen könnte".(98)
Nicht zu vergessen ist die Notwendigkeit, die Aktivität dieses Rates
und die der Bischöflichen Kommision der Europäischen
Gemeinschaft auszubauen und enger miteinander zu verbinden mit Rücksicht
auf die notwendige Präsenz der Kirchen in den europäischen
zivilen Institutionen.(99)
87. Wenn dann, wie es sein soll, das neue Europa ein für die
universale Solidarität offenes Europa ist, können und sollen
die europäischen Kirchen ihren Beitrag leisten, indem sie zu einer
wahren und universalen "Kultur der Solidarität" anregen,
der Mission "ad gentes" neuen Antrieb und Schwung geben,
den eigenen Horizont erweitern und auch mit den Kirchen der anderen
Erdteile Kontakt aufnehmen und Vereinbarungen treffen. "Es geht
darum, die starke Solidarität hervorzuheben, die zwischen Europa und
den Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas besteht. Der europäische
Kontinent und die auf ihm wirkenden Kirchen besitzen hier Verdienste,
haben aber auch Pflichten zu erfüllen. In diesem Bewußtsein zu
wachsen und in der solidarischen Überzeugung zu reifen, daß die
einen für die anderen verantwortlich sind, vor allem für die Ärmsten
und weniger vom Glück Begünstigten", wird ein ständiges
Anliegen der Christen und der Kirchen sein, wenn sie das "Evangelium
der Hoffnung" durch das Zeugnis der Liebe und den Dienst am Nächsten
verbreiten wollen.(100) Das ständige Bestreben der Christen und der
Kirchen, das Zeugnis der Liebe zu leben, wird ein weiterer Beitrag zur
Verbreitung des "Evangeliums der Hoffnung" sein.
Schluß
Das Gedächtnis der Märtyrer
88. Höchste Inkarnation des "Evangeliums der Hoffnung"
ist das Martyrium. Tatsächlich verkünden die Märtyrer
dieses Evangelium und legen dafür Zeugnis ab durch die Hingabe ihres
Lebens bis zum Blutvergießen, denn sie sind sicher, daß sie
ohne Christus nicht leben können, und bereit, für ihn zu sterben
in der Überzeugung, daß Jesus der Herr und der Erlöser des
Menschen ist und daß also der Mensch nur in ihm die wahre Fülle
des Lebens findet. Auf diese Weise sind sie bereit, der Mahnung des
Apostels Petrus entsprechend, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach
der Hoffnung fragt, die sie erfüllt (vgl. 1 Petr 3, 15). Die
Märtyrer bezeugen "das Evangelium der Hoffnung" auch, weil
die Hingabe ihres Lebens die äußerste und größte
Manifestation jenes lebendigen und heiligen Opfers darstellt, das Gott gefällt
und das der wahre und angemessene Gottesdienst ist (vgl. Röm
12, 1), Ursprung, Seele und Höhepunkt jedes christlichen
Gottesdienstes. Sie verbreiten das "Evangelium der Hoffnung",
indem sie durch ihr Martyrium in höchstem Grad die Liebe und den
Dienst am Menschen ausdrücken, insofern sie zeigen, daß der
Gehorsam gegenüber dem Gesetz des Evangeliums ein moralisches Leben
und ein soziales Zusammenleben bewirkt, das die Würde und die
Freiheit jeder Person hochschätzt und fördert.
Von diesen Gewißheiten angeregt, weiß die Synode, daß
sie dem Europa von heute ein "großes Zeichen der Hoffnung"
anbieten kann, wenn sie das Gedächtnis der "großen
Erfahrung des Martyriums" ehrt, "in welcher Orthodoxe und
Katholiken in den Ländern Osteuropas in diesem unseren Jahrhundert
verbunden wurden".(101) Diese besondere Ernte von Märtyrern des
20. Jahrhunderts, vielleicht die größte seit den ersten
Jahrhunderten des Christentums,(102) erstrahlt als Zeichen der Hoffnung,
weil es für heute und für morgen die Lebenskraft der Kirche
deutlich macht, die aus der Ernte des Evangeliums erwächst, denn -
wie Tertullian sagte - "das Blut der Märtyrer ist der Samen für
neue Christen".(103) "Die wirklichen Märtyrer des 20.
Jahrhunderts [...] sind Licht für die Kirche und die Menschheit: 'Die
Christen Europas und der Welt, die an der Schwelle der ehemaligen
Konzentrationslager und Gefängnisse im Gebet ihr Haupt senken, müssen
ihnen für jenes Licht dankbar sein; es war das Licht Christi, das sie
in der Finsternis zum Leuchten gebracht haben' (Apostolisches
Schreiben zur Vierhundertjahrfeier der Union von Brest, 12. November
1995, 4)".(104) Gerade weil sie verschiedenen christlichen
Konfessionen angehörten, erstrahlen diese neuen Märtyrer auch
als Zeichen der Hoffnung für den ökumenischen Weg mit der Gewißheit,
daß ihr Blut auch Lebenssaft für die Einheit der Kirche ist. "Wenn
am Ende des zweiten Jahrtausends 'die Kirche erneut zur Märtyrerkirche
geworden' ist (Tertio millennio adveniente, 37), dürfen wir
hoffen, daß ihr Zeugnis - mit Sorgfalt in den neuen Martyrologien
gesammelt - und vor allem ihre Fürsprache den Zeitraum bis zur vollen
Gemeinschaft zwischen Christen aller Konfessionen [...] verkürzen mögen".(105)
Die Gegenwart Marias, Mutter der Hoffnung
89. Aber es gibt ein anderes "Zeichen der Hoffnung", das die
Kirchen Europa anbieten können. Es ist die Gegenwart Marias, der
Mutter der Hoffnung, eine lebendige und wahre Gegenwart, an die die
christlichen Völker Europas immer geglaubt haben, wie es die
zahlreichen Marienheiligtümer bezeugen, die als deutliches Zeichen
der innigen Verehrung ihr gegenüber in allen Nationen und in allen Ländern
über ganz Europa verstreut sind.
Die heiligste Jungfrau, die "Frau der Hoffnung, die wie Abraham den
Willen Gottes anzunehmen wußte 'voll Hoffnung gegen alle Hoffnung' (Röm
4, 18)",(106) hat sich mehrmals als Mutter gezeigt, fähig,
in schwierigen Augenblicken der Geschichte Europas Hoffnung zu geben. Sie
hat durch ihren ständigen Schutz ungeheure Schäden und Zerstörungen
vermieden, den Fortschritt und die modernen sozialen Errungenschaften begünstigt
und die Wiedergeburt von Völkern unterstützt, die lange Zeit
unterdrückt und gedemütigt waren.(107) Heute wie gestern ist sie
unterwegs mit den Menschen jeden Alters und jeden Standes, mit den Völkern,
die auf Solidarität und Liebe zielen, mit den Jugendlichen, den
Baumeistern der kommenden Tage des Friedens, mit allen in West- und
Osteuropa, die ihre wahre Identität suchen, mit denen, die noch von
so vielen gewalttätigen Konflikten bedroht sind.
Um Europa neue Hoffnung zu geben, müssen die Kirchen auf Maria
schauen und sie anrufen, damit sie sich weiterhin als Mutter der Hoffnung
zeigt und ganz Europa auf dem Weg des Erbarmens zur erneuernden Begegnung
mit "Jesus Christus, unsere Hoffnung" (1 Tim 1, 1) führt.
Denn Maria lehrt uns, für die Eingebungen Gottes offen zu sein, das
Wort Gottes aufzunehmen und zu befolgen. Wie sie am Pfingstmorgen mit
ihrem Gebet unter dem Wirken des Heiligen Geistes den Beginn der
Evangelisierung einleitete, so ist Maria auch heute, am Vorabend des
dritten Jahrtausends, der "Leitstern der Evangelisierung" und
schützt und stützt die Kirche weiterhin bei ihrer Aufgabe, das "Evangelium
der Hoffnung" durch die Verkündigung, den Gottesdienst und den
Dienst am Nächsten zu verbreiten.(108)
Von der Synode zum Jubiläum
90. Begleitet und beschützt von dieser Schar von Märtyrern und
der mütterlichen Gegenwart Marias sicher, bereiten sich die europäischen
Kirchen auf das Große Jubiläum des Jahres 2000 vor. Die Synode
- die letzte der Synoden mit kontinentalem Charakter, die in diesen Jahren
der Vorbereitung abgehalten wurden - stellt die offene Tür zum
Jubiläum dar.
Gerade weil sie als letzte in der Reihe der anderen Sonderversammlungen
der Bischofssynode stattfindet - die über die Sendung der Kirche
heute in Afrika, in Amerika, in Asien und in Ozeanien beraten haben, wobei
sie geschichtliche, kulturelle und religiöse Besonderheiten der
einzelnen Erdteile herausstellten -, kann sie eine günstige
Gelegenheit sein, um an das Band zu erinnern, das Europa mit den anderen
Erdteilen auf Grund des Evangeliums und seiner Verkündigung
verbindet, aber auch um die Ursprünglichkeit der europäischen
Erfahrung und seiner Kulturen wiederzufinden, die trotz der verschiedenen
Strömungen, die sie bilden halfen, gemeinsam ist, und um die
Verpflichtungen zu übernehmen, die Europa und seine Kirchen der Welt
gegenüber haben.
Die Synode wird auch eine günstige Gelegenheit sein, um im Sinn
eines Gabenaustausches das aufzunehmen, was die anderen Kirchen den europäischen
Kirchen zu sagen haben, so daß sie zusammen im Zeichen der
universalen Gemeinschaft in der Erkenntnis, der Begegnung und der Verkündigung
Christi zum Wohl der Menschheit wachsen.
91. Gerade weil sie unmittelbar vor Beginn des Jubiläums
stattfindet, kann und soll die Synode in enger Verbindung mit diesem außerordentlichen
Ereignis der universalen Kirche gesehen werden. In diesem Sinn wirft das
Jubiläum durch seine Inhalte und vielfältigen Schattierungen ein
wohltuendes Licht der Interpretation auf die Synode und ihre Arbeiten, und
die Synode ihrerseits bietet den europäischen Kirchen anspruchsvolle
Aufgaben und konkrete Weisungen an, damit sie das Geschenk des Heiligen
Jahres voll leben können.
Jubiläum und Synode verweisen also aufeinander, und das, was das
Jubiläum in Erinnerung ruft, ist für die Arbeiten der Synode
Antrieb und noch deutlicher Bild des heutigen Europas und seines
Anspruchs auf Erneuerung.
Das Jubeljahr war von Anfang an (vgl. Lev 25) eine Zeit, die in
besonderer Weise Gott gewidmet war, eine Gelegenheit, um das wahre
Antlitz Gottes wiederzufinden und wiederzuerkennen und um zu
ihm zurückzukehren.(109) So bot sich dem ganzen Volk die Möglichkeit
eines neuen Lebens in Gerechtigkeit. Das ist auch die Aufgabe, die dem
heutigen Europa gestellt ist: Es muß zu Gott zurückfinden und
die festen Fundamente seines Hauses auf ihn stützen. Nur so wird es
neue Hoffnung schöpfen und eine neue Zeit der Freiheit, der Einheit
und des Friedens anbrechen sehen. Während die Kirche auf der Synode
den Glauben an den Herrn Jesus, Gottes vollkommene Offenbarung, bekennt
und vorstellt, leistet sie ihren unersetzlichen Beitrag zum Beginn einer
neuen Ära für Europa.
Das Erkennen des wahren Antlitzes Gottes war mit der Verpflichtung zur
Wiederherstellung der Gerechtigkeit verbunden.(110) Denn wer erkennt, daß
der uns von Jesus offenbarte biblische Gott ein Gott ist, der auf der
Seite derer ist, die Gerechtigkeit suchen und in Not sind, ein Gott, der
aus Ägypten herausführt und Herrscher der Welt ist, der muß
sich darum bemühen, Gerechtigkeit walten zu lassen. Das ist eine
Aufgabe, die Europa heute gestellt wird, denn es soll innerhalb seiner
Grenzen ein Zusammenleben verwirklichen, das Schranken, Konflikte und
Teilungen überwindet und Einheit, Aufnahmebereitschaft, Solidarität
und Frieden wachsen läßt, und durch konkrete, verantwortliche
Entscheidungen auf den Schrei des Leidens antworten, der von so vielen
Menschen kommt, die in der Welt in Ungerechtigkeit, im Krieg und im Elend
leben. Auf der Synode macht sich die Kirche zur Bahnbrecherin eines so
gestalteten Europas, indem sie Wege zeigt, die durch das Zeugnis der Liebe
und der wachsenden Solidarität das "Evangelium der Hoffnung"
verbreiten.
Das ausgehende zweite Jahrtausend ruft alle zur Gewissensprüfung
auf, und die Kirche - will sie in das Jubiläum eintreten und es leben
- kann die Schwelle des neuen Jahrtausends nicht überschreiten, ohne
ihre Kinder anzuleiten, sich durch Reue von Irrungen, Treulosigkeiten,
Inkonsequenzen und Verspätungen zu reinigen.(111) Wie die
geschichtlichen Ereignisse dieses Jahrhunderts und der früheren
Jahrhunderte von Europa den Mut und Weitblick einer ernsthaften
Gewissensprüfung in Anerkennung von Schuld und Irrtümern
erfordern, die im Laufe der Geschichte auf wirtschaftlichem und
politischem Gebiet gegenüber Nationen begangenen wurden,(112) so
verlangt das geistige, kulturelle und soziale Klima von den heutigen Europäern,
nach den tiefen Ursachen zu forschen und zu bekennen, daß sie die
Inspiration und die Wurzeln oft außer Acht ließen, die den Weg
Europas gestützt und gefördert haben. Die Kirche will auf der
Synode diese Gewissensprüfung begünstigen und anregen, weil sie
in der ethisch-anthropologischen Frage und in der Glaubensfrage die
deutlichen Ursachen einer Situation und eines Lebensstils erkannt hat, die
einer wegweisenden und sinngebenden Inspiration bedürfen.
Das Jubiläum "soll ein großes Lob- und Dankgebet vor
allem für das Geschenk der Menchwerdung des Gottessohnes und der von
ihm vollbrachten Erlösung sein"(113) sowie für die
lebendige und heilbringende Gegenwart Christi in der Kirche und in der
Welt. Indem die Gegenwart des Auferstandenen anerkannt und gefeiert wird,
wird es auch ein intensiv eucharistisches Jahr sein.(114) Europa ist
aufgerufen, für seine 2000 jährige Geschichte zu danken, die von
der Begegnung mit dem Evangelium geprägt und beseelt wird, und für
die Zeit voll Verantwortung und Gnade, die ihm heute zu leben gegeben ist.
Indem sie eine neue Begegnung mit Christus begünstigt und anregt,
hilft die Kirche auf der Synode mit dieser Wegweisung ihren Gliedern und
allen Europäern, die Freude wiederzufinden und zu erneuern, die sich
dem bietet, der verantwortlich durch die Straßen der Welt geht und
andere mit dieser Freude ansteckt und sie miteinbezieht, wie es den Jüngern
von Emmaus ergangen ist, nachdem sie Ihn beim Brotbrechen erkannt hatten
(vgl. Lk 24, 30-31).
Dank dessen und durch das, was die Synode in das Leben der Kirchen und
ganz Europas säen wird, wird die Hoffnung neu erblühen, und die
europäischen Menschen werden voller Eifer ein neues Europa aufbauen,
und ihre Herzen werden voll Freude sein.
Es geht darum, weitblickende Augen zu haben, um die Zeichen dieser
Hoffnung zu erkennen, die schon da sind und die es zu erkennen und zu
nutzen gilt. Dann wird das Jubiläum auch für Europa eine
Einladung zum Fest und eine Quelle der Freude sein.
I N H A L T
Einführung
Einleitung: Zwei Synoden für Europa
Erster Teil: Europa auf dem Weg ins dritte Jahrtausend
Unterscheidung der "Zeichen der Zeit"
Die Zeichen der Zeit unterscheiden
Die "res novae" im Europa des letzten Jahrzehnts
Möglichkeiten und Gründe zur Hoffnung
Enttäuschungen, Gefahren und Besorgnisse
Kritische Untersuchung einiger Fragen und Probleme
Haltungen der Kirchen und Suche nach den kulturellen Wurzeln
Die zentrale Rolle der "Glaubensfrage"
Zweiter Teil: Jesus Christus lebt in seiner Kirche,
als Stütze der Wahrhaftigkeit und Lebenskraft des Glaubens
Der Glaube an den Auferstandenen, der die Herrlichkeit Gottes offenbart
Das Verlangen nach Jesus Christus
Jesus Christus, der Auferstandene, einziger Erlöser
Jesus Christus ist in der Kirche gegenwärtig
Die Kirche als "Geheimnis" und "Gemeinschaft"
Dritter Teil: Jesus Christus, Hoffnung für Europa
Eine Kirche, die das "Evangelium der Hoffnung" durch die Verkündigung,
den Gottesdienst und den Dienst am Nächsten verbreitet
Aus der Begegnung mit Jesus geht die Sendung hervor
Europa neue Hoffnung geben
Eine Kirche, die die Gegenwart und das Handeln Christi und seines
Geistes erkennt und annimmt
Eine Kirche, in der Christus durchscheint und die ihm gleichgestaltet
ist
Anspruch und Verlangen nach Spiritualität müssen geprüft
werden
Eine Kirche als wahrer Ort der Gemeinschaft
Die Gemeinschaft in der Kirche muß geprüft werden
Das "Evangelium der Hoffnung" verkündigen
Martyria
Ein "Mehr an Seele" für Europa
Die Neuevangelisierung
Evangelisierung und Ökumene
Dialog mit dem Judentum und den anderen Religionen
Das Sektenproblem
Das "Evangelium der Hoffnung" durch den Gottesdienst feiern
Leitourgia
Die Gegenwart des Auferstandenen in den heiligen Geheimnissen
Das liturgische Leben braucht eine Prüfung
Das "Evangelium der Hoffnung" durch den Dienst am Nächsten
verbreiten
Diakonia
Das Zeugnis der Nächstenliebe
Baumeister der Gemeinschaft und Solidarität
Einige pastorale Aufgaben und Prioritäten müssen gefördert
werden
Der Einsatz für den Aufbau des neuen Europa
Schluß
Das Gedächtnis der Märtyrer
Die Gegenwart Marias, Mutter der Hoffnung
Von der Synode zum Jubiläum
Inhalt
NOTEN
(1) Johannes Paul II., Ansprache an die Vollversammlung des
Päpstlichen Rates für die Kultur (12. Januar 1990), 1-2, in "L'Osservatore
Romano deutsch" Nr. 4/1990, S.9.
(2) Johannes Paul II., Ansprache an das beim Hl. Stuhl akkreditierte
Diplomatische Corps beim Austausch der Neujahrsglückwünsche
(13. Januar 1990), 9, in "L'Osservatore Romano deutsch"
Nr. 5/1990, S. 7.
(3) Bischofssynode, erste Sonderversammlung für Europa, Schlußerklärung,
3.
(4) Johannes Paul II., Predigt bei der heiligen Messe in Gnesen
[Polonien] (3. Juni 1997), 4, in "L'Osservatore Romano deutsch"Nr.
24/1997, S. 9-11.
(5) Ebd., 5.
(6) Ebd.
(7) Vgl. Johannes Paul II., Apost. Schreiben Tertio millennio
adveniente, (10.XI.1994), 38: AAS 87(1995)30.
(8) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache beim Angelus in Berlin [Deutchland]
(23. Juni 1996), 2, in "L'Osservatore Romano deutsch"
Nr. 26/1996, S.8.
(9) Augustinus, Rede 235,2.3: PL 38, 1118.
(10) Vgl. II.Vatikanisches Ökumenisches Konzil, Const. past. de
Ecclesia in mundo huius temporis Gaudium et spes, 4, 11.
(11) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache beim "Regina caeli"
in Velehrad [Czech Republik] (22. April 1990), 2, in "L'Osservatore
Romano deutsch " Nr. 17/1990, S. 3.
(12) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an die Mitglieder der Tagung
zur Vorbereitung der Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa
(5. Juni 1990), 9, in "L'Osservatore Romano deutsch"
Nr. 26/1990, S. 10.
(13) Johannes Paul II., Ansprache an die Niederländische
Bischofskonferenz beim "ad limina"-Besuch (11. Januar 1993),
2, in "L'Osservatore Romano deutsch" Nr. 4/1993, S. 11.
(14) Bischofssynode, erste Sonderversammlung für Europa, Schlußerklärung,
1.
(15) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache bei der Begegnung mit den
kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften (30. Mai 1998), 5-6,
in "L'Osservatore Romano deutsch" Nr. 24/1998, S. 8.
(16) Ebd.
(17) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache zum Abschluß des
vorsynodalen Symposions europäischer Wissenschaftler im Vatikan
(31. Oktober 1991), 1, in "L'Osservatore Romano deutsch"
Nr. 46/1991, S. 7; Ansprache an den neuen Botschafter Großbritanniens
beim Hl. Stuhl, Andrew Eusace Palmer, bei der Überreichung des
Beglaubigungsschreibens (26. September 1991), in "L'Osservatore
Romano", 27. September 1991, S. 6; Brief an die Bischöfe
Europas zum Beginn der Sonderversammlung der Synode (9. Oktober 1991),
in "L'Osservatore Romano", 12. Oktober 1991, S. 1; Weihnachtsbotschaft
"Urbi et Orbi" (25. Dezember 1991), 7, in "L'Osservatore
Romano", 27./28. Dezember 1991, S.5.
(18) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an die Vollversammlung des Päpstlichen
Rates für die Kultur (12. Januar 1990), 2, in "L'Osservatore
Romano deutsch" Nr. 4/1990, S. 9.
(19) Bischofssynode, erste Sonderversammlung für Europa, Schlußerklärung,
1.
(20) Ebd.
(21) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an die Vollversammlung des Päpstlichen
Rates für die Kultur (12. Januar 1990), 2, in "L'Osservatore
Romano deutsch" Nr. 4/1990, S. 9.
(22) Johannes Paul II., Ansprache an die bayerischen Bischöfe
anläßlich des "ad limina"-Besuches (4. Dezember
1992), 3, in "L'Osservatore Romano deutsch", Nr.
50/1992, S. 7.
(23) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an das Europa-Parlament in
Straßburg [Frankreich] (11. Oktober 1988), 7-8, in "L'Osservatore
Romano deutsch" Nr. 46/1988, S. 9.
(24) Johannes Paul II., Ansprache an die Vertreter von Wissenschaft
und Kultur in der Kathedrale von Maribor [Slovenien] (19. Mai 1996),
3, in "L'Osservatore Romano deutsch" Nr. 23/1996, S. 9.
(25) Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer des vorsynodalen
Symposions über Europa (14. Januar 1999), 3, in "L'Osservatore
Romano", 15. Januar 1999, S.5.
(26) Johannes Paul II., Ansprache beim 3. Treffen der Kirche
Italiens in Palermo [Italien](23. November 1995), 2, in "L'Osservatore
Romano", 24. November 1995, S. 5.
(27) Katechismus der Katholischen Kirche, 638.
(28) Paul VI., Ansprache zur Eröffnung der zweiten Sitzungsperiode
des Konzils (29. September 1963), in AAS 55 (1963) 841-859.
(29)Bischofssynode, erste Sonderversammlung für Europa, Schlußerklärung,
1.
(30) Ebd., 2.
(31) Ebd., 3.
(32) Ebd.
(33) Johannes Paul II., Ansprache an die österreichischen Bischöfe
anläßlich des "ad limina"-Besuches (25. April
1992), 3, in "L'Osservatore Romano deutsch" Nr. 18/1992,
S. 1.
(34) Johannes Paul II., Apost. Schreiben Tertio millennio adveniente
(10.XI.1994), 18: AAS 87 (1995) 16.
(35) Paul VI., Ansprache zur Eröffnung der zweiten Sitzungsperiode
des Konzils (29. September 1963), in AAS 55 (1963) 841-859.
(36) Ebd.
(37) Paul VI., Ansprache bei der Generalaudienz (3. Februar
1963), in Insegnamenti di Paolo VI, III (1965) 849.
(38) Paul VI., Predigt bei der heiligen Messe im "Quezon Circle"
in Manila [Philippinen] (29. November 1970), in Insegnamenti di
Paolo VI, VIII (1970) 12-42.
(39) Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer des vorsynodalen
Symposions über Europa (14. Januar 1999), 3, in "L'Osservatore
Romano", 15. Januar 1999, S.5.
(40) Johannes Paul II., Predigt bei der Messe zur Seligsprechung von
P. Rafal Chylinski in Warschau [Polonien] (9. Juni 1991), 6, in "L'Osservatore
Romano deutsch", Nr. 35/1991, S. 14.
(41) Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris missio: AAS
83 (1991) 249-340; Päpstlicher Rat für den interreligiösen
Dialog, Kongregation für die Glaubensverbreitung, Instr. Dialogo
e annuncio. Reflessioni e orientamenti sul dialogo interreligioso e
l'annuncio del Vangelo di Ges Cristo (19. Mai 1991): AAS
84 (1992) 414-446.
(42) Johannes Paul II., Apost. Schreiben Tertio millennio adveniente
(10. XI. 1994), 38: AAS 87 (1995) 30.
(43) Augustinus, Rede 235,2: PL 38, 1118.
(44) Katechismus der Katholischen Kirche, 788.
(45) II.Vatikanisches Ökumenisches Konzil, Const. de sacra liturgiaSacrosanctum
Concilium, 7.
(46) Paul VI., Enzyklika Mysterium fidei (3. September 1965):
AAS 57 (1965) 762-763; vgl. auch Ritenkongregation, Instr. Eucharisticum
mysterium (25. Mai 1967) 9: AAS 59 (1967) 547.
(47) Katechismus der Katholischen Kirche, 1373, vgl. auch 1374.
(48) II.Vatikanisches Ökumenisches Konzil, Const. dogm. de
Ecclesia Lumen gentium, 50.
(49) Ambrosius, Exameron, dies IV, ser. VI, c. 8,32: CSEL
32 / I,1 / 138.
(50) Johannes Paul II., Ansprache an den Rat der Europäischen
Bischofskonferenzen (16. April 1993), 9, in "L'Osservatore
Romano deutsch" Nr. 17/1993, S. 8.
(51) Katechismus der Katholischen Kirche, 776.
(52) Vgl. ebd., 789.
(53) Ebd., 795, 807.
(54) Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Christifideles
laici (30.XII.1989), 32: AAS 81 (1989) 451-452.
(55) Johannes Paul II., Ansprache an die Mitglieder des
Zentralkomitees für das Große Jubiläum des Jahres 2000
(5. Juni 1996), 5, in "L'Osservatore Romano deutsch" Nr.
37/1996, S. 5.
(56) Johannes Paul II., Ansprache bei der Vesperfeier für
Europa auf dem Heldenplatz in Wien [Österreich] (10. September
1983), 1, in "L'Osservatore Romano deutsch" Nr. 37/1983,
S. 5.
(57) Vgl. Johannes Paul II., Botschaft an den 90. Katholikentag in
Berlin [Deutchland] (23. Mai 1990), in "L'Osservatore Romano
deutsch" Nr. 22/1990, S. 8.
(58) Johannes Paul II., Ansprache an die bulgarischen Bischöfe
anläßlich des "ad limina"-Besuches (7. November
1998), 3, in "L'Osservatore Romano", 8. November 1998,
S. 5.
(59) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an die spanischen Bischöfe
der Kirchenprovinzen Granada, Sevilla und Valencia anläßlich
des "ad limina"-Besuches (7. Juli 1998), 8, in "L'Osservatore
Romano", 9. Juli 1998, S. 7.
(60) Johannes Paul II., Ansprache beim Angelus (14. Februar
1999), 1, in "L'Osservatore Romano deutsch", Nr. 8/1999,
S. 1.
(61) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an den Rat der Europäischen
Bischofskonferenzen (16. April 1993), 1, in "L'Osservatore
Romano deutsch" Nr. 17/1993, S. 8.
(62) Johannes Paul II., Ansprache beim "ad limina"-Besuch
einer Gruppe polnischer Bischöfe (12. Januar 1993), 2, in "L'Osservatore
Romano deutsch" Nr. 5/1993, S. 10.
(63) Vgl. ebd.
(64) II.Vatikanisches Ökumenisches Konzil, Const. dogm. de
Ecclesia Lumen gentium, 1.
(65) Ebd., 8.
(66) Johannes Paul II., Brief an die italienischen Bischöfe
(6. Januar 1994), 8, in "L'Osservatore Romano deutsch"
Nr. 3/1994, S. 11.
(67) Johannes Paul II., Ansprache beim 3. Treffen der Kirche
Italiens in Palermo [Italien] (23. November 1995), 11, in "L'Osservatore
Romano", 24. November 1995, S. 5.
(68) Johannes Paul II., Ansprache beim "ad limina"-Besuch
der Bischöfe der apost. Region Nordfrankreich (18. Januar 1992),
5, in "L'Osservatore Romano deutsch" Nr. 7/1992, S. 8.
(69) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache beim "ad limina"-Besuch
der Bischöfe der apost. Region Südwestfrankreich (25. Januar
1997), 5, in "L'Osservatore Romano", 29. Januar 1997, S.
5.
(70) Vgl. II.Vatikanisches Ökumenisches Konzil, Const. dogm. de
Ecclesia Lumen gentium, 10.
(71) Johannes Paul II., Ansprache beim "ad limina"-Besuch
einer Gruppe polnischer Bischöfe (12. Januar 1993), 2, in
"L'Osservatore Romano deutsch" Nr. 5/1993, S. 10.
(72) Vgl. Bischofssynode, erste Sonderversammlung für Europa, Schlußerklärung,
2.
(73) Vgl. ebd., 3.
(74) Vgl. Paul VI., Apost. Schreiben Evangelii nuntiandi (8.XII.1975),
41: AAS 68 (1976) 31.
(75) Vgl. Bischofssynode, erste Sonderversammlung für Europa, Schlußerklärung,
7.
(76) Vgl. u.a. Gemischte internat. Kommission für den theologischen
Dialog zwischen der römisch-kath. Kirche und der orthodoxen Kirche,
Uniatism, Method of Union of the Past, and the Present Search for Full
Communion (Balamand, 23. Juni 1993), in: Päpstlicher Rat für
die Förderung der Einheit der Christen, Information Service,
83 (1993/II) 96-99; Internat. anglikanische/römisch-katholische
Kommission, Clarifications of Certain Aspects of the Agreed Statements
on Eucharist and Ministry (September 1993), in: Päpstlicher Rat für
die Förderung der Einheit der Christen, Information Service
87 (1994/IV) 239-242; Lutheran-Catholic International Dialogue, Church
and Justification: Understanding the Church in the Light of the
Doctrine of Justification (11. September 1993), in: Päpstlicher
Rat für die Förderung der Einheit der Christen, Information
Service 86 (1994/II-III) 128-181; Päpstlicher Rat für die
Einheit der Christen/Lutherischer Weltbund, The Joint Declaration on
the Doctrine of Justification (1997), in: Päpstlicher Rat
für die Einheit der Christen, Information Service 98
(1998/III) 81-86.
(77)Bischofssynode, erste Sonderversammlung für Europa, Schlußerklärung,
8.
(78) Ebd.
(79) Ebd., 9.
(80) Ebd.
(81) Vgl. Päpstlicher Rat für den interreligiösen Dialog
- Kongregation für die Glaubensverbreitung, Dialogo e annuncio.
Riflessioni e orientamenti sul dialogo interreligioso e l'annuncio del
Vangelo di Ges Cristo (19.V.1991), 50: AAS 84 (1992)
431.
(82) Bischofssynode, erste Sonderversammlung für Europa, Schlußerklärung,
9.
(83) Johannes Paul II., Ansprache beim "ad limina"-Besuch
der Bischöfe der apost. Region Nordfrankreich (18. Januar 1992),
4, in "L'Osservatore Romano deutsch" Nr. 7/1992, S. 8.
(84) Johannes Paul II., Ansprache an die IV. Generalversammlung der
lateinamerikanischen Bischöfe (12. Oktober 1992), 12, in "L'Osservatore
Romano deutsch" Nr. 43/1992, S. 7.
(85) Johannes Paul II., Ansprache beim "ad limina"-Besuch
der Bischöfe der spanischen Kirchenprovinz Grenada, Sevilla und
Valencia (7. Juli 1998), 4, in "L'Osservatore Romano",
9. Juli 1998, S. 7.
(86) Ebd.
(87) Vgl. oben § 45-50.
(88) Johannes Paul II., Ansprache an eine Gruppe spanischer Bischöfe
(19. Februar 1998), 4, in "L'Osservatore Romano", 21.
Februar 1998, S.4.
(89) Johannes Paul II., Ansprache beim "ad limina"-Besuch
polnischer Bischöfe (2. Februar 1998), 5, in "L'Osservatore
Romano deutsch" Nr. /1998, S. 10.
(90) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache beim "ad limina"-Besuch
der Bischöfe der apostol. Region Südfrankreich (7. März
1992), 3, in "L'Osservatore Romano deutsch" Nr. 25/1992,
S. 16.
(91) Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer des
Europa-Kongresses über die Berufungen zum Priestertum und zum
geweihten Leben (9. Mai 1997), in "L'Osservatore Romano
deutsch" Nr. 26/1997, S. 11.
(92) Johannes Paul II., Ansprache beim "ad limina"-Besuch
der belgischen Bischöfe (3. Juli 1992), 4, in "L'Osservatore
Romano deutsch" Nr. 31-32/1992, S. 11.
(93) Bischofssynode, erste Sonderversammlung für Europa, Schlußerklärung,
10.
(94) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an die Abgeordneten der
Europäischen Volkspartei des Europa-Parlaments (7. März
1997), in "L'Osservatore Romano deutsch" Nr. 12/1997, S.
7.
(95) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an die Vollversammlung der
Vereinten Nationen (5. Oktober 1995), 14, in "L'Osservatore
Romano deutsch" Nr. 41/1995, S. 1; Ansprache an den französischen
Staatspräsidenten Jacques Chirac (20. Januar 1996), 4, in
"L'Osservatore Romano", 21. Januar 1996, S. 4.
(96) Johannes Paul II., Predigt bei der heiligen Messe zur
Seligsprechung von Kard. Alojzije Stepinac in Marija Bistrica [Kroatien]
(3. Oktober 1998), 5 in "L'Osservatore Romano deutsch"
Nr. 47/1998, S. 10.
(97) Johannes Paul II., Ansprache an den Rat der Europäischen
Bischofskonferenzen (16. April 1993), 5, in "L'Osservatore
Romano deutsch" Nr. 17/1993, S. 8.
(98) Ebd., 6.
(99) Vgl. Bischofssynode, erste Sonderversammlung für Europa, Schlußerklärung,
6.
(100) Johannes Paul II., Ansprache an den Rat der Europäischen
Bischofskonferenzen (16. April 1993), 8, in "L'Osservatore
Romano deutsch" Nr. 17/1993, S. 8.
(101) Johannes Paul II., Ansprache beim Angelus (25. August
1996), 2, in "L'Osservatore Romano", 26./27. August
1996, S. 1.
(102) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an die Vorsitzenden der
Europäischen Bischofskonferenzen (1. Dezember 1992), 2, in "L'Osservatore
Romano deutsch" Nr. 50/1992, S. 7.
(103) Tertullian, Apologeticum, 50, 13: CCL I, 171.
(104) Johannes Paul II., Ansprache beim Angelus (25. August
1996), 2, in "L'Osservatore Romano", 26./27. August
1996, S. 1.
(105) Ebd.
(106) Johannes Paul II. Apost. Schreiben Tertio millennio adveniente
(10.XI.1994), 48: AAS 87 (1995) 35.
(107) Vgl. Johannes Paul II. Weihegebet an die Gottesmutter Maria in
Fatima [Portugal] (13. Mai 1991), 2, in "L'Osservatore Romano",
13./14. Mai 1991, S. 1.
(108) Vgl. Paul VI., Apost. Schreiben Evangelii nuntiandi (8.XII.1975),
82: AAS 68 (1976) 75-76; Bischofssynode, erste Sonderversammlung für
Europa, Schlußerklärung, Abschluß.
(109) Vgl. Johannes Paul II., Apost. Schreiben Tertio millennio
adveniente (10.XI.1994), 12: AAS 87 (1995) 12-13.
(110) Vgl. ebd., 13. 51.
(111) Vgl. ebd., 33.
(112) Vgl. ebd., 27.
(113) Ebd., 32.
(114) Vgl. ebd., 55.