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B I S C H O F S S Y N O D E

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 X .   O R D E N T L I C H E   V O L L V E R S A M M L U N G

  

Der Bischof als Diener
des Evangeliums Jesu Christi
für die Hoffnung der Welt
 

 

I N S T R U M E N T U M   L A B O R I S 

 

Vatikanstadt  2001
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Copyright 2001 - Generalsekretariat der Bischofssynode und vatikanische Verlagsanstalt.

Dieser Text darf nur den Bischofskonferenzen oder mit ihrer Genehmigung gedrückt oder verbeitet werden und unter der Bedinung, daß der Inhalt in keinster Weise verändert wird und daß zwei Kopien dem Generalsekretariat der Bischofssynode zugestellt werden, 00120 Vatikanstadt.

einleitung

 

Beim Anbrechen des neuen Jahrtausends

1.         Jesus Christus, unsere Hoffnung (1 Tim 1,1), derselbe gestern, heute und in Ewigkeit (Hebr 13,8), der oberste Hirt (1 Petr 5,4), führt seine Kirche zur Fülle der Wahrheit und des Lebens bis zum Tag seiner Wiederkunft in Herrlichkeit, an dem alle Verheißungen und die Hoffnungen der Menschheit erfüllt sein werden.

            Die Menschheit und die Kirche gehen im beginnenden dritten christlichen Jahrtausend einer Zukunft entgegen, die mit dem Erbe eines Jahrhunderts mit Licht- und Schattenseiten belastet ist.

            Wir stehen an einem Wendepunkt der menschlichen Geschichte. Viele Menschen machen sich Gedanken darüber, welche Ziele die Menschheit anstreben soll und welche Zukunft die Welt hat. Denn diese scheint einerseits vom Fortschrittstaumel der wachsenden Globalisierung der Wirtschaft, Kultur und Kommunikation ergriffen; anderseits gibt es vielerorts Konflikte und weite Gebiete, in denen Hunger, Krankheit und Armut zunehmen.

            Dem Weltgewissen ist zu Beginn eines neuen Jahrtausends die Aufgabe gestellt, eine Zukunft zu bauen und sie mit Hoffnung zu füllen, denn sie ist für den homo viator und den Christen, der die Verwirklichung der göttlichen Verheißungen erwartet, lebensnotwendig. Es ist eine Hoffnung, die auch als Fackel des Glaubens und als Ansporn zur Nächstenliebe im Hinblick auf eine Zukunft mit unvorhersehbarem Ausgang zu verstehen ist.

2.         Zum Zeitpunkt dieses neuen Aufbruchs findet die Feier der 10. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode statt, die ursprünglich im Jubiläumsjahr 2000 vorgesehen war, aber jetzt für den Monat Oktober des Jahres 2001 geplant ist.

            Johannes Paul II. hat dieser Versammlung in prophetischer Weitsicht ein bedeutsames Thema gestellt: Episcopus minister Evangelii Iesu Christi propter spem mundi.

            Für das Leben der Kirche und der Menschheit von heute ist dieses Thema aus verschiedenen und wichtigen Gründen besonders aktuell, die vor allem theologischer und ekklesiologischer Natur, aber auch anthropologischer und sozialer Ordnung sind.

In den Fußstapfen der vorhergehenden Synodenversammlungen

3.         Es gibt vor allem theologische Gründe. Die ganze Kirche hat voll Freude das Große Jubiläum des Jahres 2000 gefeiert, um der Geburt unseres Herrn Jesus Christus vor zweitausend Jahren zu gedenken. Sie wollte nicht nur dankbar sein Kommen zu uns, sondern auch seine lebendige Gegenwart in der Kirche während ihrer zweitausendjährigen Geschichte und sein Werk als einziger Erlöser der Welt, der die Mitte des Kosmos und der Geschichte ist, in Erinnerung rufen.

            In der unauflöslichen Einheit Christi mit seinem Evangelium will das Thema der Synode unterstreichen, daß er, Jesus Christus, der Sohn Gottes, der vom Vater Gesandte und vom Heiligem Geist Gesalbte (vgl. Joh 10,36), die Hoffnung der Welt und des Menschen, jedes Menschen und des ganzen Menschen, ist.[1]

            Christus ist das endgültige Wort und totale Geschenk des Vaters, das wahre Evangelium Gottes, in dem sich alle Verheißungen erfüllen und in dem auch das Amen Gottes (vgl. 2 Kor 1,20) ist, die Vollendung der Hoffnung der Welt. Sein Evangelium ist die immer neue und gute Nachricht, die ständige Lebenskraft, die der Welt den Weg in die Zukunft weist, wie sie es zweitausend Jahre lang getan hat. Seine Lehre und seine Person, sein Werk und seine Weisung, seine Botschaft und seine Kirche, in der er weiter gegenwärtig ist, sind nicht voneinander zu trennen. Die Kirche verkündet der ganzen Menschheit zu Beginn des dritten Jahrtausend voll Freude seine Botschaft des Lebens und der Hoffnung.[2]

4.         Außerdem gibt es ekklesiologische Gründe: festehende und zeitbedingte. Jesus, der Herr, hat am Ende seines Verweilens unter uns die Apostel als seine Zeugen und Boten bis an die Grenzen der Erde und bis zum Ende der Zeiten ausgesandt. Auch auf dieser Weisung beruht die anspruchsvolle Aufgabe, der Welt seine Person und seine Lehre als höchste Hoffnung anzubieten: "Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jünger; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28,20). Den Bischöfen zusammen mit dem Papst und allen Gliedern der Kirche ist die Aufgabe gestellt, Zeugen des Evangeliums Christi in der Welt zu sein. Als Nachfolger der Apostel sind sie "als erste beauftragt, 'jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt' (1 Petr 3,15): der Hoffnung, die in den Verheißungen Gottes verankert ist und auf seiner Treue zu seinem Wort gründet, das als unmißverständliche Gewißheit die Auferstehung Christi, seinen endgültigen Sieg über das Böse und die Sünde hat".[3]

            Die große Bedeutung der 10. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode, die den Bischof und sein Amt als Diener des Evangeliums für die Hoffnung der Welt zum Thema hat, wird offenbar, wenn man sich vor Augen hält, daß die vorhergegangenen ordentlichen Versammlungen die Berufung und Sendung der Laien in der Kirche und Welt (1978), die Priesterausbildung heute (1990) und das geweihte Leben und seine Sendung in Kirche und Welt (1994) behandelt haben. Frucht der Synodenversammlungen waren die nachsynodalen Apostolischen Schreiben Johannes Pauls II., Christifideles laici, Pastores dabo vobis und Vita consecrata.

            Deshalb schien es angebracht, als zusammenfassenden thematischen Höhepunkt den Dienst des Bischofs unter dem Aspekt der Verkündigung des Evangeliums und der Hoffnung anzugehen. In der Tat haben die Ordentlichen Synodenversammlungen im einzelnen neue Impulse zur Erneuerung der verschiedenen Berufungen im Volk Gottes gegeben; das hat den Austausch untereinander und die gegenseitige Vervollkommnung im Rahmen einer Ekklesiologie von Communio und Missio verstärkt, die auf die hierarchische und charismatische Natur der Kirche geachtet hat. Nun zeigt die spezifische Behandlung des Themas dieser Versammlung, daß es notwendig ist, die Sendung des ganzen Volkes Gottes in Gemeinschaft mit seinen Hirten auf die Zukunft hin zu orientieren.

5.         Hinzuzufügen ist auch, daß im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, am Ende des zweiten Jahrtausends christlicher Zeitrechnung, die Bischöfe der einzelnen Kontinente vom Papst zu mehreren synodalen Sonderversammlungen zusammengerufen wurden, um über die Kirche in Europa (1991 und 1999), in Afrika (1994), in Amerika (1997), in Asien (1998) und in Ozeanien (1998) zu beraten. Frucht dieser Begegnungen sind die jeweiligen nachsynodalen Dokumente, die veröffentlicht wurden oder in Vorbereitung sind.

            Die kommende ordentliche Versammlung wird in ihrer besonderen Thematik auf das Ergebnis einer Erfahrung zurückgreifen können, die wie nie zuvor von der synodalen Communio geprägt war.

            Alle Synoden in den vergangenen Jahrzehnten waren für den Dienst des Bischofs von Bedeutung. Nicht nur weil es Bischofssynoden waren, sondern weil sie alle in gewisser Weise dazu beigetragen haben, das bischöfliche Leitungsamt in den letzten Jahrzehnten herauszuschälen im Hinblick auf die Evangelisierung (1974), die Katechese (1977), die Familie (1981), die Versöhnung und Buße (1983), die Laien (1987), die Priester (1990), das gottgeweihte Leben (1994) und die Umsetzung des II. Vatikanischen Konzils (außerordentliche Synode 1985).

6.         Der besondere lehramtliche und pastorale Aspekt des Synodenthemas konzentriert sich auf die Verkündigung des Evangeliums Christi für die Hoffnung der Welt. In dieser Perspektive ist die Thematik der nächsten ordentlichen Versammlung auch in anthropologischer und gesellschaftspolitischer Hinsicht außerordentlich bedeutsam. Die Kirche, die "die Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute"[4] teilen will, wird sich die Frage stellen, auf welchem Weg die heutige Menschheit vorangeht, in die sie selbst als Salz der Erde und Licht der Welt eingetaucht ist (vgl. Mt 5,13-14). Und sie wird sich fragen müssen, wie sie heute die wahre Hoffnung für die Welt, die Christus und sein Evangelium ist, verkünden soll.

            Wir stehen am Anfang eines neuen Jahrtausends christlicher Zeitrechnung, das besondere soziale und kulturelle Situationen aufweisen kann, sozusagen vor einer "ætas nova", einer neuen Epoche, die manchmal als Postmoderne bezeichnet wird. Es ist notwendig, daß die Heilsbotschaft in der Welt erneut ein starkes Echo auslöst, so daß sie die dem Evangelium innewohnende göttliche Dynamik in Schwung bringt, damit die ganze Menschheit "im Hören auf die Botschaft des Heiles glaubt, im Glauben hofft und in der Hoffnung liebt".[5]

            Die christliche Hoffnung ist eng mit der mutigen und unverkürzten Verkündigung des Evangeliums verbunden, die unter den Hauptaufgaben der Bischöfe herausragt. Deshalb muß über ihren vielfältigen Pflichten und Aufgaben, "über allen Sorgen und Schwierigkeiten, die mit der täglichen treuen Arbeit im Weinberg des Herrn unvermeidlich verbunden sind, vor allem die Hoffnung stehen".[6]

 

Kontinuität und Neuheit

7.         In diesen Gnadenstrom ist die Vorbereitung und kommende Feier der 10. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode hineingestellt.

            Der 1998 veröffentlichte Text der Lineamenta hat Interesse und Beifall gefunden. Er gab auch den Anstoß, die mit dem bischöflichen Dienst verbundene Thematik zu vertiefen. Aus den Antworten der Bischofskonferenzen und übrigen Organismen sowie vieler Bischöfe und anderer Glieder des Volkes Gottes ist das vorliegende Instrumentum laboris entstanden. Es will das vom Papst gewählte Thema vorstellen und ausfalten, wobei den Lineamenta kontinuierlich entsprechende Fragen und Vorschläge eingearbeitet wurden, um den Weg für einen geordneten und transparenten Verlauf der Synodendebatte zu bereiten.

            Die reiche Erfahrung, die die Bischöfe aus aller Welt bei den vergangenen ordentlichen und außerordentlichen Synodenversammlungen machen konnten, und das wertvolle Lehrgut, das daraus entstanden ist, bilden deshalb die Grundlage für eine eingehende Vorbereitung der kommenden Versammlung. Das Instrumentum laboris will deshalb keine weitschweifige Beschreibung der Weltlage anstellen; noch will es die Aufmerksamkeit auf spezifische oder örtlich begrenzte Fragen lenken, die bereits in den vorhergehenden kontinentalen Versammlungen behandelt wurden.

8.         Die gesonderte Behandlung des Amtes des Bischofs als Diener des Evangeliums Jesu Christi für die Hoffnung der Welt steht in lehramtlicher Kontinuität, die auf die Dokumente des II. Vatikanischen Konzils zurückgeht, ganz besonders hinsichtlich der Lehre der Dogmatischen Konstitution Lumen gentium und des Konzilsdekrets Christus Dominus.

            Das Pastorale Direktorium der Kongregation für die Bischöfe, Ecclesiæ imago vom 22. Februar 1973, bewahrt wegen seiner vollständigen und konkreten Beschreibung der Rolle und des Dienstes des Bischofs in seiner Teilkirche auch heute seine volle Gültigkeit.[7] In kanonisch-theologischer Hinsicht muß man sich auf den Codex iuris canonici (CIC) von 1983 und auf den Codex canonum Ecclesiarum Orientalium (CCEO) von 1990 wegen der entsprechenden Neuerungen beziehen.

            Außerdem gibt es zahlreiche dokumentierte Aussagen des nachkonziliaren Lehramtes, die insbesondere den Hirtendienst der Bischöfe betreffen; unter ihnen vor allem die Ansprachen der Päpste an die einzelnen Bischofskonferenzen anläßlich der "ad limina"-Besuche oder der apostolischen Pastoralreisen in den vergangenen Jahrzehnten.

            Unter den jüngeren Dokumenten, die spezifische Fragen des Hirtendienstes der Bischöfe in der universalen Kirche und in den Teilkirchen betreffen, ist in ekklesiologischer Hinsicht auf den Brief der Kongregation für die Glaubenslehre, Communionis notio vom 28. Mai 1992 über einige Aspekte der Kirche als Communio,[8] hinzuweisen; zuletzt ist noch das Apostolische Schreiben in Form von Motu proprio von Johannes Paul II., Apostolos suos vom 21. Mai 1998, über die theologische und juristische Natur der Bischofskonferenzen[9] zu nennen.

9.         Das von Papst Johannes Paul II. für die nächste Synodenversammlung bestimmte Thema bezieht sich auf den Bischof und soll hier näher erklärt werden. Es handelt sich um das Bischofsamt, wie es in der dogmatischen Konstitutuion Lumen gentium und vom Konzilsdekret Christus Dominus in seinem ganzen Umfang von Subjekten und Pastoralaufgaben dargestellt wird. In der Tat haben alle Bischöfe die Gnade der Bischofsweihe gemeinsam; sie sind Nachfolger der Apostel, und in Gemeinschaft mit dem Papst bilden sie das Bischofskollegium.

            Das II. Vatikanische Konzil hat die Wirklichkeit des Bischofskollegiums neu herausgestellt, das dem Apostelkollegium nachfolgt und bevorzugte Ausdrucksform des Hirtendienstes ist, der von den Bischöfen in Gemeinschaft untereinander und mit dem Nachfolger Petri geleistet wird. Als Glieder dieses Kollegiums haben alle Bischöfe "nicht nur für eine bestimmte Diözese, sondern für das Heil der ganzen Welt die Weihe empfangen".[10] Sie sind "aufgrund von Christi Stiftung und Vorschrift zur Sorge für die Gesamtkirche gehalten. Diese wird zwar nicht durch einen hoheitlichen Akt wahrgenommen, trägt aber doch im höchsten Maße zum Wohl der Gesamtkirche bei".[11]

            Jeder in der katholischen Kirche rechtmäßig geweihte Bischof hat an der Fülle des Weihesakraments teil. Als Diener des Herrn und Nachfolger der Apostel muß er durch die Gnade des Beistands in dem dreifachen Amt, zu lehren, zu heiligen und zu leiten, mit dem er beauftragt ist, dahin wirken, daß die ganze Kirche als Familie des Vaters, als Leib Christi und Tempel des Heiligen Geistes wächst.

            Aber die Synode nimmt noch konkreter Bezug auf den Diözesanbischof in der Fülle seines Dienstes in der Teilkirche. Er ist lebendige und zeitgemäße Gegenwart Christi, des "Hirten und Bischofs" unserer Seelen (1 Petr 2,25); er ist in der ihm anvertrauten Teilkirche sein Stellvertreter, nicht nur in seinem Wort, sondern sogar in seiner Person.[12]

            Andererseits wird klar, wie wichtig das Synodenthema ist, wenn man bedenkt, daß sich das Bild des Bischofs in den vergangenen Jahrzehnten stark gewandelt hat. Er ist in den Augen der Gläubigen erfahrungsgemäß volksnäher und erscheint mehr in der Rolle des Vaters, Bruders und Freunds, er ist einfacher und zugänglicher. Und dennoch sind seine pastoralen Verantwortlichkeiten gewachsen, und die Amtsaufgaben haben sich ausgeweitet, denn die Kirche wird immer aufmerksamer für die Bedürfnisse der Welt. Das geht so weit, daß der Bischof heute mit vielen Aufgaben belastet wird und um der Wahrheit willen oft ein Zeichen des Widerspruchs wird. Er ist deshalb immer offen für ein Aggiornamento seines Hirtendienstes, wobei die Gemeinschaft und die Zusammenarbeit mit den Priestern, den gottgeweihten Personen und den Laien vertieft und verstärkt werden .

            Die 10. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode wird zweifellos ein Anlaß zur Festellung sein, daß sich die Einheit der Bischöfe mit dem Papst, untereinander und mit dem Volk Gottes um so mehr festigt, je mehr die Communio und Missio der Kirche dadurch bereichert werden und je mehr ihr Dienstamt dadurch gestützt und gesichert wird.

 

 

 

Neue Verkündigung des Evangeliums der Hoffnung

10.       Für die Kirche gibt es viele Gründe zur Hoffnung im Hinblick auf die Feier der nächsten Synode. Nach einer drei-jährigen Vorbereitungszeit unter dem Leitbild der Dreifaltigkeit wurde das Große Jubiläum des Jahres 2000 für das ganze Volk Gottes eine Zeit der Gnade, ein Heiliges Jahr der Umkehr, Versöhnung und geistlichen Erneuerung.

            Die Gläubigen konnten in Rom und im Heiligen Land, an der Seite des Nachfolgers Petri und in den Teilkirchen mit ihren Hirten die Freude eines Jahres der Barmherzigkeit und Heiligkeit erfahren. Jetzt stellen sich viele die Frage, wie die gnadenreichen positiven Erfahrungen des Großen Jubiläums fortgesetzt werden könnten.

            Die Kirche hat sich der Welt erneut als Zeichen der Hoffnung vorgestellt, besonders durch das Zeugnis der vielfältigen Gruppen des Volkes Gottes wie die Jugend und die Familien, aber auch durch die ökumenischen Gesten, die Reinigung des Gedächtnisses, die Vergebungsbitte und das Gedächtnis der Glaubenszeugen des 20. Jahrhunderts.

            Stark und bedeutsam waren die Anstöße, gegenüber den Gefangenen Gnade walten zu lassen und den internationalen Schuldenberg, der auf vielen Nationen lastet, zu reduzieren oder völlig aufzuheben.

            Auch die Bischöfe hatten Gelegenheit, während ihrer Heilig-Jahr-Feier mit dem Papst und vereint mit der Jungfrau Maria so wie die Jünger im Abendmahlssaal am Pfingsttag Momente intensiver Gemeinschaft und geistlicher Erneuerung zu erleben.

            Das Evangelium Christi erweist sich heute noch als Lebenskraft und als das Wort, das die Völker humanisiert und zu einer Familie werden läßt; es fördert über sprachliche, rassische oder religiöse Unterschiede hinaus das Wohl aller.

11.       Auf dem Fundament der christlichen Hoffnung, "die nicht zugrunde gehen läßt" (Röm 5,5), will die Kirche auf ihrem Weg in die Zukunft mit neuem Schwung ihren Evangelisierungsauftrag durchführen.

            Die Welt hat die neue Jahrtausendschwelle überschritten und wartet auf ein Wort der Hoffnung, auf ein Licht, das sie in die Zukunft führt. Das Evangelium war, ist und wird in der zeitlichen Geschichte der Menschen ein Ferment der Freiheit und des Fortschritts, der Brüderlichkeit, der Einheit und des Friedens sein.[13]

            Die nächste Bischofssynode will der Kirche und der Welt die mutige und zuversichtliche Verkündigung des Evangeliums Christi anbieten, das die Herzen für die Hoffnung in dieser Zeit und für die Ewigkeit öffnet. Zur Bekräftigung möchte die Bischofssynode mit den Nachfolgern der Apostel in Gemeinschaft mit dem Papst, denen der Herr selbst seinen Beistand bis an das Ende der Zeiten verheißen hat (vgl. Mt 28,20), ein Zeichen der Einheit, der Freude und Sorge für die heutige Menschheit setzen.



1. Kapitel

Dienst der Hoffnung

Mit dem Herzen des guten Hirten die Welt sehen

 

 

12.       Wie disponiert sich der Bischof heute, um Diener des Evangeliums Jesu Christi für die Hoffnung der Welt zu sein?

            Er bedarf vor allem einer kontemplativen Weltsicht gegenüber der Wirklichkeit, aber in der Konkretheit seines Dienstamtes und in Gemeinschaft mit der universalen Kirche und der Teilkirche, die seiner Hirtensorge anvertraut ist. Dann braucht er ein mitleidvolles Herz, das Gemeinschaft bilden kann mit den Männern und Frauen von heute, für die er Zeuge und Diener der Hoffnung sein soll.

            Ein Gleichnis aus dem Evangelium macht die für den Bischof erforderliche Haltung deutlich. Zu Beginn seines Wirkens stellt sich Jesus als der Bote der guten Nachricht des Vaters vor und bekräftigt es, indem er den Nöten der Menschen abhilft: "Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben" (Mt 9,36).

            Durch die Gnade des Heiligen Geistes, die die Augen seines Glaubens schärft, fühlt der Bischof wie Christus, der gute Hirt, die Ängste und Fragen der Welt von heute. Er verkündet das Wort der Wahrheit und des Lebens und fördert eine Wirksamkeit, die das Herz der Menschheit erreicht. Nur auf diese Weise, vereint mit Christus, treu gegenüber seinem Evangelium, mit realistischer Weltoffenheit und von Gott geliebt, wird er Prophet der Hoffnung.

            Der Bischof wird es für die Männer und Frauen von heute, die nach dem Zusammenbruch der Ideologien und Utopien oft die Vergangenheit außer Acht lassen und nur in der Gegenwart leben wollen. Sie planen meist nur oberflächlich und begrenzt und werden oft von wirtschaftlichen und politischen Mächten manipuliert. Deshalb ist es notwendig, daß sie wieder die Tugend der Hoffnung erlangen; daß sie einen wahren Zugang zum Glauben und zur Hoffnung finden und dann auch über das alltägliche Mittelmaß hinaus lieben; daß sie handeln und dabei gelassen auf die Vergangenheit schauen und zuversichtlich in die Zukunft blicken.

            Die Kirche und in ihr der Bischof als Hirt der Herde kontinuierlich mit Jesu Verhaltensweise stellen sich als Zeuge der Hoffnung vor, die nicht zugrunde gehen läßt (vgl. Röm 5,5); eingedenk der Antriebskraft, die auf die Erfüllung der göttlichen Verheißungen ausgerichtet ist: "denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist" (ebd.).

            Der Kirche und ihren Hirten ist das Evangelium der Hoffnung anvertraut. Sie stützt sich auf die Gewißheit der göttlichen Verheißungen, die die lebendige Hoffnung, zu der der Vater uns durch die Auferstehung Christi neu geboren hat (vgl. 1 Petr 1,3), und der Sieg über Tod und Sünde ist. Und als logische Folge stützt sie sich auf die Gewißheit der immerwährenden Gegenwart Christi, des Herrn der Geschichte, des Vaters des kommenden Jahrhunderts (vgl . Jes 9,6).

            Deshalb ist es notwendig, das dritte Jahrtausend des Christentums mit der Verkündigung des Evangeliums der Verheißungen Gottes im Zeichen der göttlichen Zuversicht zu beginnen und zu leben.

            In der Heiligen Schrift und in der Tradition der Kirche finden wir das verborgene Samenkorn des göttlichen Plans, das keimen und Frucht bringen muß in der Zukunft der Menschen und Völker, weil es dem Wirken des Heiligen Geistes anvertraut ist, der mit unserer Mitarbeit das Netz der Geschichte weise webt.

 

Im Zeichen der göttlichen Hoffnung

13.       Die göttliche Hoffnung, die ganz auf die Verheißungen Gottes ausgerichtet ist, spielt auch heute, am Anfang eines neuen Jahrhunderts und Jahrtausends, eine wichtige Rolle. Die Erwartung und Vorbereitung der letzten Jahrzehnte auf einen so wichtigen Zeitpunkt der menschlichen Geschichte, wie es das Jahr 2000 mit dem Gedächtnis der Geburt Jesu vor 2000 Jahren war, sind jetzt auf die Zukunft gerichtet. Nicht mehr auf ein bestimmtes Ziel, sondern auf einen weiten Horizont mit der Aufgabe, geduldig die Zukunft zu bauen.

            Die Hoffnung ist die Antriebskraft des Neuen, die Fähigkeit, Zukunftspläne zu entwerfen und feste Spuren in der Zeit zu hinterlassen durch neuartige Werke; die Geschichte mit der Kraft des Evangeliums zu steuern, oder zumindest der Geschichte Sinn zu geben, bevor die Mächte der Welt eine Sinngebung für die Zukunft festlegen oder ihre Abläufe programmieren.

            Das soll in Treue zur unverkennbaren Aufgabe der Christen geschehen, die darin besteht, der Welt eine Seele zu geben: "Was die Seele im Leibe ist, das sollen in der Welt die Christen sein", heißt es im Brief an Diognet.[14] Die Kirche Jesu Christi ist berufen, die Geschichte zu inspirieren und voranzutreiben; dabei achtet sie auf die tiefsten Erwartungen und deutlichsten Hoffnungen der Menschen von heute.

            Die Hoffnung, die der Bischof bezeugen muß, um Diener des Evangeliums Christi zu sein, ist die göttliche Tugend der Hoffnung, verbunden mit dem lebendigen Glauben und der tätigen Liebe.

            Das Pastorale Direktorium Ecclesiæ imago hatte die besonderen Merkmale des bischöflichen Dienstes in einer Zusammenfassung dargestellt. Es lohnt sich, an diese zu erinnern, weil dort von der Hoffnung auf Gott, der seinen Verheißungen treu bleibt, die Rede ist: "Das Evangelium, aus dem der Bischof durch den Glauben lebt und das er den Menschen auf das Wort Christi hin verkündet, ist 'Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht' (Hebr 11,1). Indem er sich auf diese Hoffnung stützt, erwartet der Bischof mit fester Gewißheit nur von Gott das Gute und setzt sein ganzes Vertrauen auf die göttliche Vorsehung. Er spricht mit Paulus: 'Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt' (Phil 4,13), eingedenk der heiligen Apostel und auch der frühen Bischöfe, die trotz Schwierigkeiten und Hindernissen aller Art, die sie zu überwinden hatten, das Evangelium Gottes 'mit allem Freimut' predigten (vgl. Apg 4,29.31; 19,8; 28,31). Die Hoffnung, die 'nicht zugrunde gehen läßt' (Röm 5,5), weckt im Bischof den missionarischen Geist und damit den kreativen, das heißt unternehmerischen Geist. Der Bischof weiß sich von Gott, dem Herrn der Geschichte (vgl. 1 Tim 1,17), gesandt, um die Kirche an dem Ort, in der Zeit und zu dem Zeitpunkt aufzubauen, die 'der Vater in seiner Macht festgesetzt hat' (Apg 1,7). Daher kommt auch der gesunde Optimismus, den der Bischof hat und der auch auf die anderen übergehen soll, besonders auf seine Mitarbeiter".[15]

14.       Von dieser göttlichen Hoffnung getragen, versucht der Bischof die Zukunft zu planen, er versucht sie zu erahnen und sogar zu erträumen. Er deutet das Wort Gottes unter dem Einfluß der Gnade des Heiligen Geistes und in Gemeinschaft mit der Kirche.

            Das Wort Gottes, befruchtet vom Heiligen Geist im Herzen des Bischofs, der mit seinen Priestern und Gläubigen vereint ist, wird immer Quelle der Inspiration und Kraft sein, um den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen. Wie Paul VI. treffend sagte: "Die Kirche braucht ihr ewiges Pfingsten, sie braucht brennende Herzen, Worte auf den Lippen und einen prophetischen Blick".[16]

            Der Papst, das Bischofskollegium, die Bischöfe der nationalen oder regionalen Bischofskonferenzen und das ganze Volk Gottes haben auch die Berufung zur Hoffnung gemeinsam (vgl. Eph 4,4).

            Diese Gemeinschaft der Hoffnung sichert die lebendige Gegenwart Christi und die Inspiration des Heiligen Geistes, dem es aufgegeben ist, das Verständnis und die Verwirklichung des Evangeliums Jesu Christi in der menschlichen Geschichte zur Fülle und Vollendung zu bringen.[17]

            Die Gemeinschaft in der Hoffnung muß vertieft und geteilt werden als Quelle der Inspiration; sie muß befruchtet werden durch das Gebet des Bischofs, durch den Dialog der Liebe mit dem ganzen Volk Gottes, besonders mit seinen engsten Mitarbeitern; sie muß zur Reflexion und zu konkreten und von allen geteilten Programmen führen.

            Die Hoffnung der Christen ist die Antriebskraft der Zukunft. Sie ist die Hoffnung, die im Leben der Menschheit nicht nur Spuren hinterläßt, sondern auch neue Furchen in der Geschichte eröffnet, um das Samenkorn der göttlichen Verheißungen einzupflanzen und die künftigen Wege mit der Kraft Gottes zu lenken. Die Kirche wird wirklich Zeichen der Hoffnung sein, wenn sie auf den Plan Gottes achtet, der eine Zukunft der Fülle garantiert; wenn sie seinen Willen treu befolgt und die tiefsten Erwartungen der Menschheit zu unterschieden weiß, die sie interpretieren und steuern muß.

 

Zwischen Vergangenheit und Zukunft

15.       Die Kirche überschreitet die Schwelle der Hoffnung zu Beginn des dritten Jahrtausends mit besonderer Aufmerksamkeit für die Menschheit von heute. Sie teilt die Freude und Hoffnung, die Trauer und Angst in dem Bewußtsein, daß sie das Wort des Heils besitzt.[18] Dennoch ist es notwendig, darüber nachzudenken, zu welcher Welt die Bischöfe gesandt sind, das Evangelium zu verkünden.

            Die göttliche Hoffnung, die als Vertrauen auf die göttlichen Verheißungen wächst und sich entfaltet, wird oft durch die Erwartung gereinigt. Sie wird um so wahrhaftiger, als sie geprüft wird. Sie wurzelt in den positiven Zeichen, die aufkeimen in dem Reich, das im Werden, aber noch nicht da ist: das in dieser Welt gegenwärtig, aber auf seine endgültige Vollendung in der Herrlichkeit ausgerichtet ist.

            Die Hoffnung ist Gedächtnisstütze, die in der Offenbarung feststeht, die nicht nur die Heilsgeschichte, sondern auch das Projekt und den Plan Gottes für die Zukunft deutlich macht. Das letzte Buch der Heiligen Schrift trägt nicht umsonst den Titel Apokalypse, Offenbarung. Die Hoffnung erzeugt in den Herzen eine aktive Dynamik, die imstande ist, sich im Alltag immer wieder zu entzünden.

            Es handelt sich um jenes treue "Ausharren", von dem in der Apostelgeschichte die Rede ist (vgl. Apg 1,14; 2,42) und das als besondere Haltung der Jünger Jesu bezeichnet wird, die jeden Tag in das Glaubensleben eingetaucht sind. Es ist das feste Vertrauen auf Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus, der durch die Auferstehung seines Sohnes das tägliche Heute auf die sichere Erfüllung der Verheißungen ausrichtet.

16.       Mehrmals, vor allem im vergangenen Jahrzehnt, wurde vom Lehramt ein Überblick über die Wirklichkeit der heutigen Welt gegeben.

            Diese Analyse wurde auch von der Bischofssynode erstellt während der kontinentalen Sonderversammlungen für Europa, Afrika, Amerika, Asien und Ozeanien sowie von den jeweiligen bisher veröffentlichten nachsynodalen Apostolischen Schreiben.[19]

            Es ist jetzt nicht der Moment für einen solchen Überblick. Aber auf Grund der wachsenden Globaslisierung müssen die Probleme und Lösungen vor Ort aufmerksam beobachtet werden.

            Auch im Text der Lineamenta wurde die allgemeine Situation beschrieben, die zum Teil von den Antworten der Bischofskonferenzen bestätigt und vervollständigt wird.

Die Welt mit ihren Licht und Schattenseiten

17.       Das Bild, das unsere Welt heute bietet, ist äußerst vielfarbig. Mit dem wachsamen Auge und dem mitleidsvollen Herzen des guten Hirten (vgl. Mt 9,36) nimmt die Kirche, über die politischen, sozioloigschen und wirtschaftlichen Analysen hinaus, mit Realismus die Zeichen der Entmutigung oder sogar der Verzweiflung in der Welt wahr. Die Kirche will als tröstliches Heilmittel die Zuversicht und Befreiung in Christus anbieten. Es ist kein vorübergehender und schwacher Trost, der schwindet, sondern die Gewißheit des Glaubens, die von menschlichen Herzen wiederentdeckt wird, die zu lieben und zu dienen fähig sind. Die Gewißheit gründet auf der einheitlichen und realistischen Sicht der persönlichen und gesellschaftlichen Lebensaspekte ohne pessimistische oder optimistische Verkürzungen. Das alles kann das Evangelium der Hoffnung bieten.

            Es bestehen weiterhin problematische Situationen, die den Dienst der Kirche als letzte Hoffnung auf eine fortgesetzte Erneuerung der Welt und der Gesellschaft erfordern und anregen, auch als konkreten Dienst des Bischofs in seiner Teilkirche.

18.       Die Notlage, der Mangel an Freiheit, die geschmälerte Ausübung der Menschenrechte, die ethnischen Konflikte und die Unterentwicklung, die die Armut der Unterschichten noch erhöht, bewirken in der heutigen Welt Situationen des Leidens und der mangelnden Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

            Die Massenmedien zeigen uns täglich Bilder der Verzweiflung: Bilder von Kindern, denen die notwendige Nahrung fehlt und die oft erniedrigt und ausgebeutet werden; Bilder von Jugendlichen, denen man die Bildung verweigert und die zur Arbeit gezwungen werden; Bilder von jungen Menschen ohne Arbeit, die der Verzweiflung und Gleichgültigkeit anheimfallen und eine leichte Beute der ideologischen Manipulierung werden oder auf dem Weg der moralischen und geistigen Erniedrigung sind; Bilder von Frauen, die ihre Würde verloren haben; Bilder von alten Menschen, die Hilfe brauchen; Scharen von Armen, die in der Emigration einen Funken Hoffnung für die Zukunft zu erhaschen suchen, und Flüchtlinge auf der Suche nach einem Vaterland; Bilder von Aborigines, die ihres angestammten Bodens beraubt wurden.

            Noch sind die Konflikte nicht überwunden, die am Ende des vorherigen Jahrhunderts und Jahrtausends Tod und Zerstörung, Emigration, Armut, ethnische Auseinandersetzungen und Stammesfehden erzeugt und Tod und tiefe Wunden an Leib und Seele hinterlassen haben.

            Noch sind die Wunden mancher jüngerer örtlicher Konflikte nicht geheilt, die Kulturen und Nationen tief gespalten haben, die sich zum Dialog des Friedens zusammenfinden sollten. Immer wieder gibt es Zeichen des religösen Fundamentalismus, der ein Feind des Dialogs und des Friedens ist.

            Auch in den hochentwickelten Nationen finden sich oft Grauzonen wirtschaftlichen und moralischen Tiefstands. Und im politischen Bereich nehmen Korruption und Illegalität ständig zu.

19.       Die Auswirkungen der Globalisierung sind auf Grund der Unerbittlichkeit wirtschaftlicher Programme zu spüren, die von einem zügellosen Freihandel inspiriert sind. Auf diese Weise werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer, weil sie aus den Entwicklungsprogrammen ausgeschlossen sind. Das geht so weit, daß man bereits von einer neuen Weltunordnung spricht. Denn die Zukunft erscheint zu Recht besorgniserregend, wenn ganzen Völkern, die auch zur Familie Gottes gehören und die gleichen Rechte haben, die Teilhabe am Gemeinwohl verweigert wird. Die Ureinwohner werden oft des Reichtstums der Rohstoffe und der natürlichen Ressourcen ihrer Länder beraubt infolge unehrlicher Ausbeutung des Territoriums und der Bevölkerung.

            Wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte und trotz wachsender Sensibilität gegenüber der Ökologie erleidet die Erde sogar klimatische Veränderungen des Ökosystems, die schwere Fragen im Hinblick auf die Zukunft unseres Planeten aufwerfen. Die Umweltverschmutzung ist besorgniserregend. Die Kirche macht sich zum Wortführer der tiefsten Bestrebungen nach einem ökologischen Gleichgewicht, das unsere Erde und die ganze Schöpfung nicht aufs Spiel setzt. Die Welt ist aus den formenden Händen des Schöpfers hervorgegangen und der Menschheit als Wohnstätte der Schönheit und des Gleichgewichts angeboten, als Geschenk und grundlegender Reichtum des menschlichen Daseins.

 

Zwischen einer Rückkehr zum Heiligen und der Gleichgültigkeit

20.       Obwohl es nicht an Zeichen des religiösen Erwachens, des neuen Interesses für die geistlichen Werte und einer gewissen Rückkehr zur Religion fehlt, sorgen sich die Hirten auf Grund des sogenannten schweigenden und ruhigen Auszugs der Massen aus der kirchlichen Praxis. Es breitet sich immer mehr eine immanente, dem Übernatürlichen sich verschließende Kultur aus. Auch unter den Christen verbreitet sich wachsende Gleichgültigkeit gegenüber dem eschatologischen und übernatürlichen Ausblick in die Zukunft, der das Leben auf Erden erst lebenswert macht.

            Das drückt sich aus in einem Individualismus ohne kirchliche Gemeinschaft und ohne sakramentale Praxis. Deshalb fällt man manchmal in das Extrem und sucht bei den alternativen religiösen Bewegungen und Sekten spirituelle Befriedigung; oder man nimmt religöse Verhaltensweisen an, die zum Teil aszetische Übungen nichtchristlicher Religionen nachahmen. Viele Menschen geben sich heute mit einer zweifelhaften Religiösität zufrieden, ohne persönliche Beziehung zum wahren Gott Jesu Christi und zur kirchlichen Gemeinschaft.

            Der Mangel an Priester- und Ordensberufen ist für viele Hirten Grund tiefer Besorgnis um die Zukunft, nicht nur im Hinblick auf eine gesicherte Evangelisierungspastoral und ein angemessenes sakramentales und eucharistisches Leben, verbunden mit der entsprechenden Pflege des lebendigen Glaubens und der christlichen Praxis.

 

Neue ethische Probleme am Horizont

21.       Grund zur Sorge bietet der wachsende moralische Relativismus, eine bestimmte Kultur, die das Leben weder schützt noch achtet; eine Entheiligung des Anfangs und des Endes des menschlichen Daseins, die mit dem göttlichen Geheimnis des Lebens aufs engste verbunden sind.

            Die Weitergabe des physischen Lebens, die Erziehung der Kinder, der Einsatz für die Förderung der menschlichen Werte des Daseins in seiner Sinnfülle und seiner Bestimmung sind Zeichen der Hoffnung auf Gott den Schöpfer.

            Erstmals in der Geschichte hat die schleichende Gleichsetzung dessen, was wissenschaftlich möglich und zugleich ethisch recht ist, zu einer wirklichen biologischen Manipulierung geführt. Daraus ergeben sich schwerwiegende Folgen für den Menschen, der als Bild und Gleichnis Gottes in Christus, unserem Leben (vgl. Joh 1,4; 14,16), geschaffen ist. Daher kommen die neuen Probleme, die in den vergangenen Jahren entstanden sind und die Zukunft überschatten.

            Die leidenschaftliche Verteidigung der Würde jedes menschlichen Lebens - von seinem Anfang bis zu seinem Ende - seitens des kirchlichen Lehramts beeinflußt die öffentliche Meinung und trägt auch Frucht im Bereich der Weltethik. Die Zukunft der Menschheit und die Würde der menschlichen Person mit ihren unantastbaren und unveräußerlichen Rechten stehen auf dem Spiel.

22.       Die Krise der Familie und ihrer Stabilität sowie die schleichende Aushöhlung der Familieninstitution sind heute eine schwere Bedrohung für das Leben und die Erziehung der Kinder.

            Die Lehraussagen der Kirche zugunsten des Lebens und der Ehe und Familie sind heute sehr vielfältig. Manche bedeutsamen Dokumente des päpstlichen Lehramts und anderer Dikasterien des Heiligen Stuhls[20] bilden feste Bezugspunkte, so auch die internationalen Familientage, die für die Eheleute im Hinblick auf eine angemessene Ehe- und Familienspiritualität sehr hilfreich sind.

 

Neue kirchliche Situationen

23.       Eine neue kirchliche Situation ist in den Ländern zu erkennen, die lange unter der Herrschaft von totalitären Regimen standen. Diese Kirchen erleben eine neue Freiheit der Religionsausübung und eine neue apostolische Präsenz. Sie erfahren das Aufblühen von Berufungen und eine anfängliche missionarische Tätigkeit, die über die eigenen Teilkirchen hinausgeht. Die Mühe und Freude eines Neuanfangs, das häufige Zeugnis einer frohen katholischen Lebenskraft und eines in anderen Ländern unbekannten Glaubenseifers lassen in diesen Kirchen auf eine fruchtbringende Zukunft hoffen.

            Es gibt aber noch strukturelle und organisatorische Probleme wie die Schwierigkeit, einen brüderlichen Dialog und eine konkrete Gemeinschaft und ökumenische Zusammenarbeit mit den anderen Kirchen, besonders den orthodoxen zu verwirklichen.

            Dennoch verzichtet die Kirche nicht auf ihre Aufgabe, das Evangelium in diesen Ländern zu verkünden, in denen die Kultur der totalitären Regime die innere Leere hinterlassen haben. Ja, sie muß die Erziehung zur Freiheit und eine neue Gemeinschaft unter allen Christen fördern. Die notwendige Glaubensbildung kann zur Überwindung einer gewissen nichtfundierten Frömmigkeitsform und zu neuem Evangelisierungseifer beitragen. Deshalb ist die Förderung eines reifen Glaubens und einer überzeugten sittlichen Lebensführung notwendig, besonders angesichts der nachdrängenden Sekten und der Gefahr eines übertriebenen Konsumverhaltens, wie manche beklagen.

24.       Die Zukunft der Kirche des dritten Jahrtausends zeigt allmählich das Bild einer Dezentralisierung der Präsenz der Katholiken in Richtung der afrikanischen und asiatischen Länder. Dort und in Lateinamerika entstehen junge Kirchen voll Glaubenskraft, reich an Priester- und Ordensberufen, die oft dem Personalmangel im Westen abhelfen.

            Nicht zu vergessen sind die weiten und dicht bevölkerten Gebiete Asiens. Dort können viele Gläubige ihren katholischen Glauben in Gemeinschaft mit der universalen Kirche und ihrem obersten Hirten noch nicht voll und öffentlich bekennen. Die Kirche schaut auch auf diese Länder mit großer Hoffnung und vertraut auf das verborgene Wirken des Heiligen Geistes, damit die Gläubigen endlich die Fülle der sichtbaren kirchlichen Gemeinschaft und der gegenseitigen Hilfe zum Ausdruck bringen können, um allen Christus den Erlöser bekannt zu machen.

 

Zeichen der Lebenskraft und Hoffnung

25.       Unter den positiven Zeichen, die am Jahrhundert- und Jahrtausendende auch in den jüngsten Synodenversammlungen spürbar waren, sind die Sorge um den Frieden, der Wunsch einer solidarischen Teilhabe der Nationen an der Lösung eventueller örtlicher Konfikte, das wachsende Bewußtwerden der Menschenrechte, die gleiche Würde aller Nationen, die Suche nach einer verstärkten Einheit auf dem Planeten, verbunden mit einer effektiven Solidarität auf Weltebene zwischen den armen und den reichen Ländern. Ein Samenkorn der Hoffnung ist der zunehmende Freiwilligen-Einsatz vieler im Dienst an den Armen und den ärmsten Ländern. Es wächst die Hochschätzung des Genius der Frau: Es ist eine zunehmende Verantwortlichkeit der Frauen in der Gesellschaft und in der Kirche zu verzeichnen.

            Es fehlt nicht an ernsten Warnungen vor einer überspitzten Globalisierung. Aber dafür gibt es heilsame Reaktionen in Form von Solidarität, erhöhter Sensibilität für den Schutz der kulturellen Werte der Völker und Nationen und das Bewußtsein, daß ethische und religiöse Werte gegenüber den wirtschaftlichen und politischen Werten den Vorrang haben. Es gibt in der heutigen Welt eine verstärkte Suche nach wahrer Freiheit und einen wachsenden Gemeinsinn gegenüber dem Individualismus.

            Die angekündigte Veröffentlichung des Kompendiums der Soziallehre der Kirche läßt Gutes erhoffen im Hinblick auf den Einsatz im sozialen und wirtschaftlichen Bereich zugunsten aller Völker.

            Bei wechselnden Licht- und Schattenseiten wird auch auf Weltebene ein Meinungswandel im Bezug auf manche Aspekte erkennbar, die bedroht schienen. Gegenüber der genetischen Manipulierung und der Mißachtung des werdenden Lebens zeigt sich eine erhöhte Aufmerksamkeit für das menschliche Leben und seinen transzendenten Wert, der es mit dem Gott des Lebens verbindet. Man sucht deutlich nach einer Übereinstimmung in den ethischen Werten auf internationaler Ebene, während aus der drohenden Gefahr eines gestörten ökologischen Gleichgewichts ein geschärfter Sinn für den Wert der Schöpfung erwächst.

 

Ein neuer Humanismus

26.       Die Vermassung und Globalisierung erzeugen als Reaktion den heftigen Wunsch nach Personalismus und Innerlichkeit. Heute wird ein Gleichgewicht zwischen Einheit und Pluralismus angestrebt: Die Einheit gehört zum Plan Gottes, der die eine Menschennatur geschaffen hat als Fundament der Einheit der Völkerfamilie, ihrer Herkunft und ihrer Bestimmung. Der Pluralismus der Nationen, Sprachen und Kulturen spiegelt den Reichtum der vielfältigen Weisheit Gottes wider (vgl. Eph 3,10). Festzustellen ist in diesem Zusammenhang auch ein Wiedererwachen der Kulturen als Gegenreaktion auf die weltumspannende Globalisierung, die sie einebnet und entleert. Hingegen ist die kulturelle Identität auch durch den Güteraustausch eine gegenseitige Bereicherung.

            Für viele Menschen, die in einer verzweifelten Lage sind (z.B. Einsamkeit, Egoismus und menschliche Vorhaben ohne transzendente Ziele, die aber die Egozentrik von Personen und Gruppen verschärfen), öffnet die Hoffnung neue Wege der Gemeinschaft, der Zusammenarbeit, der gemeinsamen Unternehmungen und des hochherzigen und unentgeltlichen freiwilligen Einsatzes. Diese Werte integrieren sich in den allumfassenden göttlichen Plan durch das persönliche, kirchliche und familiäre Leben, in dem jeder Einzelne im Bewußtsein seiner eigenen Berufung antwortet.

            Auch heute gibt es die Suche nach dem Sinn und der Qualität des Lebens auf allen Ebenen, auch der geistlichen. Es zeigt sich eine erhöhte Sensibilität für das Personsein und für den Gemeinsinn in den zwischenmenschlichen Beziehungen, die auf einer wahren Verbundenheit der Personen gründen.

            Die Welt von heute und die Kirche spüren den Drang zur Einheit, obwohl die volle und authentische "Kultur" der Einheit und Gemeinschaft oft gefährdet sind.

 

Die Früchte des Jubiläums

27.       Auf kirchlicher Ebene wird vor allem nach dem Großen Jubiläum des Jahres 2000 die Erneuerung des christlichen Lebens und die solidarische Teilhabe aller an der Neuevangelisierung fortgesetzt.

            Das Jubiläum der Menschwerdung wurde weltweit durch entsprechende Katechesen und intensives sakramentales Leben gemäß dem von Johannes Paul II. in Tertio millennio adveniente vorgezeichneten geistlichen und pastoralen Programm vorbereitet. Die drei Jahre, die der Betrachtung des Geheimnisses des Sohnes, des Heiligen Geistes und des Vaters gewidmet waren, tragen jetzt Frucht. Sie hatten als besondere Schwerpunkte die Sakramente (Erneuerung der Taufe, Firmung und Buße), das göttliche Leben (Glaube, Hoffnung und Liebe) und die Sozialethik.

            Das Jubiläum des Jahres 2000 wurde nach dem Vorbild der biblischen Einführung des 50. Jubeljahres (vgl. Lev 25) mit seiner vollen Verwirklichung in Jesus von Nazaret (vgl. Lk 4,16 ff.) gelebt und war tatsächlich ein Jahr geistlichen Fortschritts. Die Gnade der Umkehr hat sich vervielfacht und hat die Hoffnung auf einen kontinuierlichen Neuanfang genährt, der mit dem Beginn des dritten Jahrtausends zusammenfällt.

28.       Einige Feiern des Jubiläums waren für die Kirche und Welt von besonderer Bedeutung. Der Weltjugendtag bot ein Zeugnis des Glaubens, der Frömmigkeit und kirchlichen Lebendigkeit durch die frohe Anwesenheit und Teilnahme so vieler Jugendlicher aus der ganzen Welt, die sich in Rom um den Papst versammelt hatten. Ihre kirchliche Präsenz ist eine Herausforderung; deshalb ist die Jugendpastoral der Schwerpunkt für die kommenden Jahrzehnte. Unter den jungen Christen ist der Anspruch auf eine klare Entscheidung für das Leben nach dem Evangelium spürbar.

 

Unter der Führung des Heiligen Geistes

29.       Wie sich bei den verschiedenen kontinentalen Synodenver-sammlungen und besonders am Pfingstfest 1998 gezeigt hat, fühlt die Kirche deutlich, daß der Heilige Geist, wie er es in anderen geschichtlichen Epochen getan hat, neue geistliche und apostolische Kräfte, authentische Charismen des Lebens nach dem Evangelium und missionarischen Eifers geweckt hat, die den Bedürfnissen der Welt von heute entsprechen; das gilt besonders für die kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften. Dieses Samenkorn läßt auf eine reiche Ernte hoffen, besonders für die Priester- Ordens- und Laienberufungen vieler junger Menschen, die ihr Leben dem Dienst des Evangeliums weihen wollen.

            Neben den bereits bestehenden sind diese neuen Wirklichkeiten, wenn sie den vom Lehramt[21] vorgezeichneten Kriterien der Kirchlichkeit und ihrem eigenen Charisma entsprechen, die Gegenwart und die Zukunft der Kirche in der Welt.[22]

 

Auf dem Weg der Einheit einander näher kommen

30.       Zu Beginn des neuen Jahrhunderts und Jahrtausends stehen die Gläubigen und Hirten der christlichen Kirchen und Gemeinschaften durch die unbestreitbaren Fortschritte des ökumenischen Dialogs, einer im vergangenen Jahrhundert gereiften Frucht des Heiligen Geistes, einander näher. Der verstärkte ökumenische Kontakt in den vergangenen Jahren soll zu dieser unwiderruflichen Verpflichtung der katholischen Kirche und der anderen christlichen Kirchen und Gemeinschaften ermutigen.

            Manche Jubiläumsfeiern wie die Öffnung der Heiligen Pforte in der Basilika St. Paul vor den Mauern, die ökumenische Gedenkfeier der Glaubenszeugen des 20. Jahrhunderts, die Reise des Papstes ins Heilige Land sowie andere jüngere Initiativen sind Anzeichen eines festen Willens seitens der Christen, gemeinsam den Weg des Herrn zu gehen.

            Auch der interreligiöse Dialog hat zu neuen Ergebnissen geführt in der Suche nach dem Frieden und in der Anerkennung der religiösen und transzendenten Werte. An erster Stelle sind die Beziehungen mit den Vertretern des Volkes Gottes des ersten Bundes zu nennen. Diese Treffen eröffnen einen hoffnungsvollen Weg zu Beginn eines Jahrtausends, das viele Menschen als die Zeit des großen Dialogs zwischen den Weltreligionen betrachten, die die Werte des Geistes bewahren.

            Der Dialog, verstanden als Begegnung von Personen und Gruppen, wobei die unterschiedliche Identität geachtet und jeder Irenismus und Synkretismus vermieden wird, ist nicht nur der neue Name der Liebe, wie Paul VI. formulierte,[23] sondern ist heute auch der neue Name der Hoffnung in einem neuen Weltszenarium.

 

Ein starkes Verlangen nach Spiritualität

31.       Ein Zeichen der Hoffnung ist das Verlangen nach Spiritualität, das heute unter verschiedenen Formen als Anspruch zutage tritt.

            In erster Linie zeigt es sich durch ein Verlangen nach der ursprünglichen christlichen Erfahrung, die Begegnung mit einem Lebendigen ist. Das bedeutet notwendigerweise den Übergang von der Glaubensverkündigung zum gelebten Glauben. Es setzt auch eine lebendige Liturgie in der Begegnung mit der Güte des barmherzigen Gottes voraus, der uns als der "Arzt für Leib und Seele"[24] Erlösung und Heil anbietet.

            Im moralischen Bereich hat man das Bedürfnis, die christliche Erfahrung in den ethischen Ansprüchen mit Hilfe des Anhauchs des Heiligen Geistes "zu beleben". Denn die christliche Moral "verströmt gleichzeitig ihre ganze missionarische Kraft, wenn sie sich durch das Geschenk nicht nur des verkündeten, sondern auch des gelebten Wortes vollzieht. Insbesondere ist es das Leben in Heiligkeit, das in so vielen demütigen und oft vor den Blicken der Menschen verborgenen Gliedern des Volkes Gottes erstrahlt, was den schlichtesten und faszinierendsten Weg darstellt, auf dem man unmittelbar die Schönheit der Wahrheit, die befreiende Kraft der Liebe Gottes, den Wert der unbedingten Treue, selbst unter schwierigsten Umständen, angesichts aller Forderungen des Gesetzes des Herrn wahrzunehmen vermag".[25]

            Daraus folgt der dringende Bedarf an einer Pastoral mit mehr Spiritualität, die den Anforderungen der Neuevangelisierung entspricht. Deshalb wird es notwendig sein, die Pastoral so zu gestalten, daß sie zur persönlichen und mystischen Begegnung mit Christus hinführt, wie sie die Apostel vor und nach der Auferstehung Jesu und die ersten Christen erlebt haben.

 

Die Bischöfe als Zeugen der Hoffnung

32.       Durch diese Sicht auf die Kirche in der Welt mit ihren Licht- und Schattenseiten zu Beginn des dritten christlichen Jahrtausends muß jeder Bischof das Evangelium Christi für die Hoffnung der Welt im ganzen Bereich der universalen Kirche und in den einzelnen Teilkirchen bezeugen.

            Daraus erwächst die konkrete geistliche und pastorale Verantworlichkeit in der Teilkirche in einer Gesellschaft, die im Weltdorf der Kommunikation lebt und an allen Geschehnissen auf dem Planeten teilhat.

            Nicht zu vergessen ist, daß diese Situation eine geordnete Sicht der Kirche, die in der Welt lebt, erforderlich macht und von den Bischöfen das notwendige Wort und Wirken im Hinblick auf das Gemeinwohl verlangt.

 



[1] Cf. conc. œcum. vat. ii, Const. past. de Ecclesia in mundo huius temporis Gaudium et spes, 45 ; Paulus VI, Litt. Enc. Populorum progressio (26.03.1967), 14: AAS 59 (1967) 264.

[2] Cf. Congregatio pro Doctrina Fidei, Decl. Dominus Iesus (6.08.2000), 1-2: AAS 92 (2000) 742-744.

[3] Ioannes Paulus ii, Ansprache an die kolumbianische Bischofskonferenz (2.07.1986),  8: AAS 79 (1987) 80.

[4] Conc. Œcum. Vat. ii, Const. past. de Ecclesia in mundo huius temporis Gaudium et spes, 1.

[5] Conc. Œcum. Vat. ii, Const. dogm. de Divina revelatione Dei Verbum, 1.

[6] Ioannes Paulus ii, Ansprache an die österreichischen Bischöfe beim ad limina Besuch (6.07.1982), 2: AAS 74 (1982) 1123.

[7] Cf. Congregatio pro Episcopis, Directorium de pastorali ministerio episcoporum Ecclesiæ imago (22.02.1973).

[8] Cf. Congregatio pro Doctrina Fidei, Litt. Communionis notio (28.05.92): AAS 85 (1993) 838-850.

[9] Cf. Ioannes Paulus ii, Motu proprio Apostolos suos (21.05.98): AAS 90 (1998) 641-658.

[10] Conc. Œcum. Vat. ii, Decr. de activ. mission. Ecclesiæ Ad gentes, 38.

[11] Conc. Œcum. Vat. ii, Const. dogm. de Ecclesia Lumen gentium, 23.

[12] Cf. ibid., 27.

[13] Cf. Conc. Œcum. Vat. ii, Decr. de activ. mission. Ecclesiæ Ad gentes, 8.

[14] Epist. ad Diognetum 6: Patres Apostolici I, Ed. F.X. Funk, Tubingæ 1901, 400; cf. Conc. Œcum. Vat. II, Const. dogm. de Ecclesiæ Lumen gentium, 38.

[15] Sacra Congregatio pro Episcopis, Direct. Ecclesiæ imago (22.02.1973), 25.

[16] Paulus VI, Der Heilige Geist beseelt und heiligt die Kirche: Ansprache bei der Generalaudienz am Mittwoch (29.11.1972): L’Osservatore Romano (30.11.72) S. 1.

[17] Cf. Conc. Œcum. Vat. II, Const. dogm. de Divina revelatione Dei Verbum, 8.

[18] Cf. Conc. Œcum. Vat. II, Const. past. de Ecclesia in mundo huius temporis Gaudium et spes, 1.

[19] Cf. Synodus Episcoporum, Cœtus Specialis pro Europa (1991), Declaratio Ut testes simus Christi qui nos liberavit (13.12.1991); Ioannes Paulus II, Adhort. apost. postsyn. Ecclesia in Africa (14.09.95), 46-52; Adhort. apost. postsyn. Ecclesia in America (22.01.1999), 13-25; Adhort. apost. postsyn. Ecclesia in Asia (6.11.1999), 5-9.

[20] Cf. Conc. Œcum. Vat. II, Const. past. de Ecclesia in mundo huius temporis Gaudium et spes; Paulus VI, Litt. enc. Humanæ vitæ (25.07.1968): AAS 60 (1968) 481-503; Ioannes Paulus II, Adhort. apost. Familiaris consortio (22.11.1981): AAS 74 (1982) 81-191 et Litt. enc. Evangelium vitæ (25.03.1995): AAS 87 (1995) 401-522, wie andere Interventionen, z.B. Brief an die Familien (2.2.1994) und andere Dokumente des  Päpstlichen Rat für die Familie und der Päpstlichen Akademie für das Leben.

[21] Cf. Ioannes Paulus II, Adhort. apost. postsyn. Christifideles laici (30.12.1988), 30: AAS 81 (1989) 446.

[22] Cf. Ioannes Paulus II, Botschaft an die Teilnehmer des 4. Weltkongresses der kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften (27.05.1998): L’Osservatore Romano (28.5.1998) S. 6.

[23] Cf. Paulus VI, Litt. enc. Ecclesiam suam III (6.08.1964): AAS 56 (1964) 639.

[24] S. Ignatius Antiochenus, Ad Ephesios 7,2: Patres Apostolici I, Ed. F.X. Funk, Tubingæ 1901, 218; cf. Conc. Œcum. Vat. II, Const. de Sacra liturgia Sacrosanctum concilium, 5.

[25] Ioannes Paulus II, Litt. enc. Veritatis splendor (6.08.1993), 107: AAS 85 (1993) 1217.

Wie die Jungfrau Maria den Erwartungen und Verheißungen Gottes treu

33.       Die Hoffnung der Kirche kommt von Christus, dem Auferstandenen, der schon gesiegt hat und die eschatologische Vorwegnahme der Verheißungen Gottes in der künftigen Herrlichkeit ist.

            Angesichts der täglichen Prüfungen in einem Lebensgeflecht, das ein Erwarten auf etwas Neues wird, das von Gott kommen muß, ist der Bischof für seine Kirche wie Abraham, der "gegen alle Hoffnung voll Hoffnung geglaubt hat" und von der Treue Gottes und der Erfüllung seiner Verheißungen überzeugt war (vgl. Röm 4,18-22). Er vertraut voll dem Wort und dem Plan Gottes wie Maria, die Frau der Hoffnung, die die Erfüllung der Verheißungen des treuen Gottes erwartet hat - in Nazaret, in Betlehem, auf Golgota und im Abendmahlssaal.

            Die Geschichte der Kirche ist eine Geschichte des Glaubens und der Liebe, aber auch eine Geschichte der Hoffnung und des Mutes. Der Bischof, der ähnlich dem Wächter in der Nacht (vgl. Jes 21,11) ein wachsamer Prophet der Hoffnung ist, kann seiner Herde Zuversicht geben, indem er in der Welt neue Wege einschlägt.

            Während er an Gott glaubt und auf ihn hofft (1 Petr 1,21), soll sich jeder Bischof die Worte von Augustinus zu eigen machen: "Wer wir auch sein mögen, von uns dürft ihr nichts erhoffen. Als Bischof sage ich sogar: Ich möchte mich über euch freuen, aber ich möchte nicht gerühmt werden. Ich beglückwünsche keinen, von dem ich merke, daß er seine Hoffnung auf mich setzt: er muß zurechtgewiesen, nicht bestärkt werden; er muß sich ändern, er darf nicht ermutigt werden ... Ihr sollt eure Hoffnung nicht auf uns setzen. Ihr sollt nicht auf die Menschen hoffen. Ob wir gut sind oder schlecht, wir sind immer Diener. Aber wenn wir gute, treue Diener sind, sind wir wirkliche Diener".[1]

34.       In diesen weiten Horizont ist der Dienst der Kirche im neuen Jahrtausend eingebettet, ganz besonders die Sendung des Bischofs als Zeuge und Förderer der christlichen Hoffnung.

            Für den Hirten der Kirche geht es darum, daß er Gottes Gegenwart im Lebensalltag mutig und einfallsreich bezeugt. Der ganze bischöfliche Dienst hat zum Ziel, daß das Volk Gottes und jeder Mensch "eine lebendige Hoffnung haben" (1 Petr 1,3). Deshalb ist es notwendig, daß der Bischof das ganze Evangelisierungswerk insbesondere auf die Hoffnung der jungen Menschen ausrichtet, die von illusorischen Mythen und von pessimistischen Träumen bedroht sind, die verflüchten; ebenso auf die Hoffnung all derer, die unter vielfachen Armutsformen leiden und auf die Kirche als einzigen Schutz dank ihrer übernatürlichen Hoffnung schauen.

            Jeder Bischof muß die Hoffnung in seinem Innern treu bewahren, denn sie ist das österliche Geschenk des auferstandenen Herrn. Sie gründet in der Tatsache, daß das Evangelium, dem der Bischof dient, ein allumfassendes Gut und der Mittelpunkt ist, um den sich der bischöfliche Dienst dreht. Ohne die Hoffnung bliebe seine ganze pastorale Tätigkeit ohne Widerhall. Das Geheimnis seiner Sendung hingegen ist die konstante Festigkeit seiner göttlichen und eschatologischen Hoffnung. Von ihr sagt Paulus: "Schon früher habt ihr davon gehört durch das wahre Wort des Evangeliums, das zu euch gelangt ist" ( Kol 1, 5-6).

            Die christliche Hoffnung beginnt mit Christus und nährt sich von Christus; sie ist Teilhabe an seinem Ostergeheimnis und Unterpfand für ein Geschick, das dem Los Christi gleicht, denn der Vater "hat uns mit Christus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben" (Eph 2,6).

            Der Bischof ist Zeichen und Diener dieser Hoffnung geworden. Jeder Bischof kann sich die Worte Johannes Pauls II. zu eigen machen: "Ohne Hoffnung wären wir nicht nur unglückliche und beklagenswerte Menschen, unser ganzes seelsorgliches Wirken würde unfruchtbar; wir würden überhaupt nichts mehr zu unternehmen wagen. In der Unbeugsamkeit unserer Hoffnung liegt das Geheimnis unserer Sendung. Sie ist stärker als die wiederholten Enttäuschungen und ermüdenden Zweifel, denn sie schöpft ihre Kraft aus einer Quelle, die weder unsere Unachtsamkeit noch unsere Nachlässigkeit zum Versiegen bringen können. Die Quelle unserer Hoffnung ist Gott selber, der durch Christus für uns die Welt ein für allemal überwunden hat und heute durch uns seine Heilssendung unter den Menschen fortsetzt".[2]



2. Kapitel

Geheimnis, Dienst und geistlicher Weg

 des Bischofs

 

 

Die Ikone Christi des guten Hirten

35.       Es gibt viele Schriftstellen, die die geistliche Figur des Bischofs im Licht Christi des Hohenpriesters und Hirten unserer Seelen zeichnen. Sie stammen aus dem Alten und Neuen Testament und handeln vom Bild des Hohenpriesters oder des Hirten.

            Alle Texte gehen auf das Urbild, das Christus ist, zurück. Er hat sich in den Gleichnissen des Evangeliums als Hirt vorgestellt, der nach den verirrten Schafen sucht (vgl. Lk 15,4-7). Er hat sich als der "gute" Hirt der Herde bezeichnet (vgl. Joh 10,11.14.16; Mt 26,31; Mk 14,27). Die apostolische Gemeinde bezeichnete ihn als "Hirt und Bischof eurer Seelen" (1 Petr 2,25), als "oberster Hirt" (1 Petr 5,4), als "erhabenen Hirten seiner Schafe", der vom Vater auferweckt wurde. In der Vision der Geheimen Offenbarung ist der auferstandene Herr das Lamm als Hirt (vgl. Offb 7,17), der in sich die Wirklichkeit des österlichen Opfertodes und der Erlösung, die Rolle des Priesters und Hirten des Alten und des Neuen Testaments, vereint.

            Die frühchristliche Ikonografie stellte Christus gern als guten schönen Hirten im Glanz seiner Auferstehung dar, der von der Liturgie als der Auferstandene, der gute Hirt, besungen wird, der sein Leben für seine Schafe gibt.[3]

            Jesus Christus ist also der Hirt, der in sich die Wahrheit, die Güte und die Schönheit seines Selbstopfers für die Herde vereint. Die Schönheit des guten Hirten besteht in der Liebe, mit der er sich für jedes seiner Schafe opfert und mit ihm eine persönliche Beziehung, eine Bekannschaft und Liebe, anknüpft.

            Ort der Begegnung mit dem guten Hirten ist die Kirche, wo er sich gegenwärtig macht, wo er seine Herde durch das Wort und die Sakramente weidet, sie auf die Weiden des ewigen Lebens führt durch diejenigen, die Christus selbst mit Hilfe des Heiligen Geistes als Hirten derr Herde eingesetzt hat. Die Schönheit des Hirten spiegelt sich in der Schönheit einer liebenden und dienenden Kirche wider und ist für die ganze Menschheit ein Grund zur Hoffnung, weil sie auch vom göttlichen Verlangen, das er im Herzen trägt, zu einer Schönheit angetrieben wird, die heilt und die im Antlitz des Hirten und Lammes aufscheint.

36.       Nur Christus ist der gute Hirt. Von ihm, der Quelle, geht in der Kirche das Hirtenamt aus, das Jesus Petrus übertragen hat (vgl. Joh 21,15.17). Es ist eine Gnade, die als Kontinuität des apostolischen Dienstes zu leiten und Sorge zu tragen verstanden wird: "Sorgt als Hirten für die euch anvertraute Herde Gottes, nicht aus Zwang, sondern freiwillig, wie Gott es will" (1 Petr 5,2).

            Die Gestalt des Bischofs als Hirt ist der christlichen Tradition durch die Worte, Gesten und Zeichen der Bischofswürde vertraut, aber immer in der Betrachtung des einen Hirten und in der Nachahmung seiner Gefühle mit Hilfe der von ihm empfangenen Gnade.

            "Jesus der gute Hirt hat ihm (dem Bischof) durch das Weihesakrament dieselben Vollmachten anvertraut: Deshalb ist es für den Bischof eine Pflicht der Liebe, die Herde des Herrn zu weiden, und es ist für ihn eine Antwort der Liebe, den Dienst mit derselben Bereitschaft zu leisten, wie es Christus, der oberste Hirt (vgl. 1 Petr 5,4), der Bischof unserer Seelen (vgl. 1 Petr 2,25) getan hat".[4]

            Der bischöfliche Dienst wird - nach den Worten von Augustinus[5] - in der Kirche ein amoris officium, ein Dienst der Einheit in der Gemeinschaft und in der Sendung. Auf dieses höchste Urbild, das Christus ist, geht die Bezeichnung Hirt und alle daraus abgeleiteten Formen zurück

 

I. Geheimnis und Gnade des Episkopats

Die Gnade der Bischofsweihe

37.       Mit der Bischofsweihe "wird die Fülle des Weihesakraments verliehen, das heißt das höchste geweihte Amt, das Hohepriestertum, wie es in der Liturgie der Kirche und von den Kirchenvätern gewöhnlich genannt wird".[6] Der Wesenskern des Geheimnisses und Dienstes des Bischofs wird durch die Worte und Gesten der Bischofsweihe in der Liturgie des Sakraments ausgedrückt, das seit altersher "natalis Episcopi" genannt wird.

            Das kirchliche Bild des Bischofs wird seit frühchristlicher Zeit in den verschiedenen Liturgien der Bischofsweihe im Osten und im Westen als der Moment dargestellt, in dem durch die Handauflegung und den Weihespruch die Gnade des Heiligen Geistes auf den Erwählten herabkommt und durch das heilige Prägemal das lebendige Bild Christi, des Lehrers, Hirten und Priesters, in Fülle verliehen wird und damit die Aufgabe, an seiner Statt und in seiner Person zu handeln.[7]

            Der Bischof wird auch durch die Salbung mit dem heiligen Chrisam geweiht, um an dem Hohepriestertum Christi teilzuhaben, so daß er den Dienst am Wort, der Heiligung und der Leitung voll ausüben kann. Als Hoherpriester wird er aus den Menschen ausgewählt und für die Menschen eingesetzt zum Dienst vor Gott (vgl. Hebr 5,1). Das Bischofsamt, sagt man, bezeichnet nicht in erster Linie eine hohe Würde, sondern einen Dienst; es zielt dahin, Gutes zu wirken und keinen Vorrang zu beanspruchen. Denn auch für den Bischof gelten die Worte des Herrn: "... der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende soll werden wie der Dienende" (Lk 22,26).[8]

 

In Gemeinschaft mit der Dreifaltigkeit

38.       Die dreifaltige Dimension des Lebens Jesu, die ihn als Gesalbten und in die Welt Gesandten mit dem Vater und dem Heiligen Geist verbindet und in seinem ganzen Denken und Handeln deutlich wird, formt auch die Persönlichkeit des Bischofs als guten Hirten und Nachfolger der Apostel.

            Diese Teilhabe am Leben und an der trinitarischen Sendung vollzieht sich zuerst an den Aposteln als ersten Teilhabern an der Gemeinschaft und Sendung: "Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!" (Joh 15,9; 17,23). "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch" (Joh 20,21). Jesus bittet auch für die Jünger, daß sie in die gleiche dreifaltige Liebe eingebunden seien: Wie der Vater und der Sohn eins sind, so sollen die Jünger eins sein (vgl. Joh 17,21 ).

            Dieser Bezug auf die Dreifaltigkeit macht deutlich, von wo sich das Bischofsamt herleitet. Die apostolische Nachfolge ist dann nicht nur physisch und zeitlich, sondern durch die Gnade der Bischofsweihe auch ontologisch und geistlich. Denn die Bischöfe wurden von den Aposteln als ihre Nachfolger gesandt; die Aposteln wurden von Christus gesandt; Christus wurde vom Vater gesandt.[9]

39.       Das dreifaltige Prägemal der Gnade des Bischofsamtes findet in der Liturgie der Bischofsweihe angemessenen Aufsdruck: "Gib also acht auf die ganze Herde, in welcher dich der Heilige Geist bestellt, die Kirche Gottes zu leiten. Im Namen des Vaters, den du in der Kirche darstellst, im Namen Jesu Christi, seines Sohnes, dessen Amt als Lehrer, Priester und Hirte du ausüben wirst, im Namen des Heiligen Geistes, welcher der Kirche Christi Leben verleiht und unsere Schwachheit durch seine Kraft stärkt und festigt".[10]

            Es wird auch deutlich durch die Worte und Gesten der Weihe mit der Handauflegung, eine Geste, die nach Irenäus von Lyon an die beiden Hände des Vaters, den Sohn und den Heiligen Geist, erinnert.[11] Sie formt und kennzeichnet den Erwählten mit der Fülle des Priestertums, wie das Geschenk des "Geistes des Hohenpriestertums" auf Christus ausgegossen und den Aposteln weitergegeben ist, die überall die Kirche gegründet haben.[12]

 

Vom Vater durch Christus im Heiligen Geist

40.       Die Tradition, die den Bischof als Bild des Vaters darstellt, ist sehr alt. Sie geht vor allem auf die Briefe des Ingatius von Antiochien zurück. Denn der Vater ist gleichsam der unsichtbare Bischof, der Bischof aller.[13] Der Bischof seinerseits soll von allen geehrt werden, weil er das Bild des Vaters ist.[14] In ähnlicher Weise mahnt ein frühchristlicher Text: Liebt die Bischöfe, die nach Gott Vater und Mutter sind.[15]

            Auch heute wird bei der Bischofsweihe auf diese väterliche Dimension hingewiesen. Der Bischof ist gerufen, für das heilige Volk Gottes wie ein wahrer Familienvater mit väterlicher Liebe Sorge zu tragen, um es mit Hilfe der Priester und Diakone auf dem Heilsweg zu leiten.[16] Das bereits im II. Vatikanum erwachte neue Verständnis von Kirche als Familie Gottes, macht das väterliche Bild des Bischofs noch deutlicher.[17]

            In Kontinuität mit der Person Christi, der die ursprüngliche Ikone des Vaters und die Offenbarung seiner Gegenwart und seines Erbarmens ist, wird auch der Bischof durch die sakramentale Gnade lebendiges Bild des Herrn Jesus als Haupt und Bräutigam der ihm anvertrauten Kirche. In ihr vollzieht er als Priester den Dienst der Heiligung, des Gottesdienstes und des Gebets; als Lehrer den Dienst der Verkündigung, der Katechese und Lehre; als Hirt die Aufgabe, das Volk zu führen und zu leiten. Diese Dienste muß er mit den Charaktereigenschaften des guten Hirten ausüben: die Nächstenliebe, das Erkennen der Herde, die Sorge für alle, die caritative Tätigkeit für die Armen, die Pilger, die Notleidenden, die Suche der verirrten Schafe, um sie zu dem einen Schafstall der Kirche zurückzuführen.[18]

            Das alles ist möglich, weil der Bischof in seiner Weihe in Fülle die Salbung des Heiligen Geistes empfängt, der am Pfingsttag auf die Apostel herabgekommen ist. Dieser Geist des Hohenpriestertums befähigt den Bischof innerlich - indem er ihn Christus gleichgestaltet -, die lebendige Fortführung seines Geheimnisses für seinen mystischen Leib zu sein.

            Dieses trinitarische Verständnis des Lebens und Dienstes des Bischofs kennzeichnet auch in ganzer Tiefe seine ständige Beziehung zum Geheimnis, das auch in der Kirche, dem Bild der Dreifaltigkeit, aufscheint, in dem von der Einheit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes in Frieden und Eintracht versammelten Volk.[19]

 

Die kirchliche Ikone des Bischofs

41.       Die bischöflichen Aufgaben und Insignien, die der Bischof in seiner Bischofsweihe als Zeichen der Gnade und des Amtes empfängt, haben wegen ihrer kirchlichen Symbolik eine große Aussagekraft.

            Das Evangeliumbuch, das dem Bischof auf das Haupt gelegt wird, ist Zeichen eines ganz dem Wort Gottes untergeordneten Lebens, das der geduldigen Verkündigung des Evangeliums mit der vollständigen Lehre gewidmet ist.

            Der Ring ist das Symbol der Treue zur Kirche, die er in der Integrität des Glaubens und der Reinheit des Lebens als die Braut Christi bewahren muß. Die Mitra verweist auf die bischöfliche Heiligkeit und auf die Krone der Herrlichkeit, die der oberste Hirt seinen treuen Dienern verleihen wird. Der Bischofsstab ist das Symbol der Aufgabe des guten Hirten, der für die ihm vom Heiligen Geist anvertraute Herde Sorge tragen und sie leiten muß.[20]

            Auch das Pallium, das die Bischöfe im Orient seit je und einige Bischöfe jetzt im Westen empfangen, hat verschiedene und vielfältige Bedeutung. Für die Metropoliten, die es im Westen empfangen, ist es Zeichen der Gemeinschaft mit dem Papst, Symbol der Einheit, Verpflichtung der Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhl, Band der Liebe und Ansporn zur Standhaftigkeit im Bekenntnis und Schutz des Glaubens. Das Pallium hatte aber als omophorion der Bischöfe in den orientalischen Kirchen in frühchristlicher Zeit und jetzt noch andere Bedeutungen von großem geistlichen und kirchlichen Wert. Es ist aus Wolle gewebt und mit Kreuzen geschmückt. Es ist das Emblem des Bischofs, der mit Christus, dem guten Hirten, der sich geopfert und das Leben für die Herde hingegeben hat, das verirrte Lamm auf die Schultern nimmt; es bedeutet die Sorge für alle, besonders für diejenigen, die sich vom Schafstall entfernt haben. So heißt es nach östlicher[21] und westlicher[22] Tradition.

            Das Kreuz, das der Bischof sichtbar auf der Brust trägt, ist sprechendes Zeichen seiner Zugehörigkeit zu Christus, des Bekenntnisses seines Vertrauens in ihm und der Kraft, die ständig aus dem Kreuz des Herrn für das Geschenk des Lebens geschöpft wird. Es ist keineswegs ein Juwel oder ein äußerer Schmuck, sondern stellt das siegreiche Kreuz Christi dar, das Zeichen der Hoffnung, nach dem Wort des Apostels: "Ich aber will mich allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt" (Gal 6,14).

            Diese einfachen Hinweise sollen die der Feier der Bischofsweihe innewohnende tiefe Symbolik deutlich machen.

            All dies ist gekennzeichnet von der Universalität derer, die die Bischofsweihe empfangen haben und in Gemeinschaft mit dem Papst dem Bischofskollegium angehören und mit ihm die Sorge für die ganze Kirche teilen.[23]

 

 Der Geist der Heiligkeit

42.       Aus der Rolle des Bischofs, wie sie in den Worten und Riten der Weihe Ausdruck findet, erwächst die Berufung zur Heiligkeit, seine besondere Spiritualität, sein Weg zur Heiligkeit und Vollkommenheit gemäß dem Evangelium. Diese Tradition wird vom west- und ostkirchlichen Riten bekräftigt, die dem Bischof die Fülle der Heiligkeit zuschreiben, die dieser vor Gott und in Gemeinschaft mit den Gläubigen leben muß.

            Das alte Eucologium von Serapion bringt diesen Gedanken im Gebet der Bischofsweihe zum Ausdruck: "Gott der Wahrheit, mach deinen Diener zu einem lebendigen Bischof, einem heiligen Bischof in der Nachfolge der heiligen Apostel. Und gib ihm die Gnade des göttlichen Geistes, den du den treuen Dienern, den Propheten und Patriarchen verliehen hast".[24]

            Es handelt sich um einen Ruf zur Heiligkeit, der in der Hirtenliebe, im ständigen Dienst des Herrn, in der Darbringung der heiligen Gaben, im Dienst der Sündenvergebung gelebt wird, Ihm durch Milde und Reinheit, in der Selbsthingabe als wohlriechendes Opfer, wohlgefällig.[25]

            Aus diesen Voraussetzungen erwächst für den Bischof der Ruf zur eigenen Heiligkeit kraft des empfangenen Geschenkes und des ihm aufgetragenen Heiligungsdienstes.

 

II. Die Heiligung im eigenen Dienstamt

Das geistliche Leben des Bischofs

43.       Das geistliche Leben des Bischofs als Leben in Christus gemäß dem Heiligen Geist wurzelt in der Gnade der Sakramente der Taufe und Firmung, wo er als "christifidelis", in Christus wiedergeboren, befähigt wurde, an Gott zu glauben, auf ihn zu hoffen und ihn mit Hilfe der göttlichen Tugenden zu lieben und unter dem Antrieb des Heiligen Geistes kraft seiner heiligen Gaben zu handeln. Denn der Bischof unterscheidet sich von den anderen Jüngern des Herrn, die in ihn eingegliedert und Tempel des Heiligen Geistes wurden. Der Bischof lebt seine christliche Berufung als Jünger und Apostel im Bewußtsein seiner persönlichen Beziehung zu Christus. Augustinus hat das in dem bekannten Ausspruch, auf seine Gläubigen bezogen, gut ausgedrückt: "Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ".[26]

            Auch der Bischof ist getauft und gefirmt, er wird genährt von der heiligen Eucharistie und bedarf der Vergebung des Vaters auf Grund der menschlichen Schwachheit. Er muß auch zusammen mit den Priestern seines Presbyteriums bestimmte geistliche Wege gehen, da er auf Grund der neuen Würde, die ihm mit dem Weihesakrament verliehen wurde, zur Heiligkeit berufen ist.[27]

44.       Es handelt sich um eine "eigene" Spiritualität, die dazu anleitet, in Glaube, Hoffnung und Liebe in der Gemeinschaft das Amt als Verkündiger, Liturge und Führer zu leben. Es ist eine kirchliche Spiritualität, weil jeder Bischof Christus, dem Hirten, nachgebildet ist, um die Kirche mit der Liebe Christi, des Bräutigams, zu lieben und ihr zu dienen.

            Es ist nicht möglich, Christus zu lieben und in der Vertrautheit mit ihm zu leben, ohne die Kirche zu lieben, die von Christus geliebt wird. Denn man hat den Geist Gottes in dem Maß, in dem man die Kirche liebt, "eins in allen und ganz in allen; einfach in der Pluralität durch die Einheit des Glaubens, vielfach in jedem auf Grund des Bandes der Liebe und der Vielfalt der Charismen".[28] Nur aus der Liebe zur Kirche, die Christus so sehr geliebt hat, daß er sein Leben für sie hingab (Eph 5,25), geht eine Spiritualität in so vollendetem Maß hervor wie das, in dem der Herr die Menschen geliebt hat, das heißt bis zum Tod am Kreuz.

            Es ist eine Spiritualität kirchlicher Gemeinschaft mit dem Ziel, die Kirche mit wachsamer Aufmerksamkeit aufzubauen, so daß die mit dem Hirtendienst verbundenen Worte und Werke, Gesten und Entscheidungen die Zeichen der dreifaltigen Dynamik von Communio und Missio sind.


[1] S. Augustinus, Serm. 340/A,9: PLS 2,644.

[2] Ioannes Paulus II, Ansprache an die österreichischen Bischöfe beim ad limina Besuch (6.07.1982), 2 : AAS 74 (1982) 1123.

[3] Cf. Missale Romanum, Dominica IV Paschæ, Antif. ad communionem: «Surrexit Pastor bonus qui animam suam posuit pro ovibus suis et pro grege suo mori dignatus est».

[4] Sacra Congregatio Pro Episcopis, Direct. Ecclesiæ imago (22.02.1973), 22.

[5] Cf. s. Augustinus, Tractatus 123 in Ioannem: PL 35, 1967.

[6] Conc. Œcum. Vat. II, Const. dogm. de Ecclesia Lumen gentium, 21.

[7] Cf. ibid.

[8] Cf. Pontificale Romanum, De ordinatione episcopi, 39, Homilia.

[9] Cf. Clemens Romanus, Epist. ad Corinthos, 42-44: Patres apostolici I, Ed. F. X. Funk, Tubingæ 1901, 154-159.

[10] Pontificale Romanum, De ordinatione episcopi,39, Homilia.

[11] Cf. s. Iræneus, Adversus hæreses, IV, 20, 1.3: PG 7, 1032; Demonstratio prædicationis apostolicæ, 11, Sources Chrét. 62, 48-49; cf. Catechismus Ecclesiæ Catholicæ, 704.

[12] Cf. Pontificale Romanum, De ordinatione episcopi, 47, Prex ordinationis.

[13] Cf. s. Ignatius Antiochenus, Ad Magnesios, 6, 1; 3, 1: Patres apostolici I, ed. F.X. Funk, Tubingæ 1901, 232-233; 234-235.

[14] Cf. s. Ignatius Antiochenus, Ad Trallianos 3, 1: ibid., p. 244-245.

[15] Didascalia apostolorum II, 33, 1, in Didascalia et Constitutiones apostolorum, II, ed. F.X. Funk, Paderborn 1905, 114-105.

[16] Cf. Pontificale Romanum, De ordinatione episcopi, 40, p. 13: Promissio electi. «Plebem Dei sanctam […] ut pius pater fovere et in viam salutis dirigere».

[17] Cf. Conc. Œcum. Vat. ii, Const. dogm. de Ecclesia Lumen gentium, 6.28; ioannes paulus ii, Adhort. apost. postsyn. Ecclesia in Africa (14.09.1995), 65: AAS 88 (1996) 41.

[18] Cf. Pontificale Romanum, De ordinatione episcopi, 40, p. 14: Promissio electi.

[19] Cf. Cyprianus Episcopus, De oratione dominica, 23: PL 4, 553: «Sacrificium Deo maius est pax nostra et fraterna concordia, et de unitate Patris, et Filii et Spiritus Sancti, plebs adunata»; (cf. Conc. Œcum. Vat. ii, Const. dogm. de Ecclesia Lumen gentium, 4).

[20] Cf. Pontificale Romanum, De ordinatione episcopi, 50-54, p. 26-27: Unctio capitis et traditio Libri Evangeliorum atque insignum.

[21] Cf. Isidorus Pelusiota Erminio comiti, Epistularum lib. I, 136: PG 78, 271-272: «Id autem amiculum, quod sacerdos humeris gestat, atque ex lana, non ex lino contextum est, ovis illius, quam Dominus aberrantem quæsivit inventamque humeris suis sustulit, pellem designat. Episcopus enim qui Christi typum gerit, ipsius munere fungitur».

[22] Cf. Benedictus xiv, Const. Rerum ecclesiasticarum (12.08.1748): De pallii benedictione et traditione in S.D.N. Benedicti Papæ XIV Bullarum, tom. II, 494-497: «Ut quam mysticæ repræsentant pastoralis offici plenitudinem, atque excellentiam, pleno quoque operentur effectu […] Sit boni magnique illius imitator pastoris, qui errantem ovem humeris suis impositam adunavit, pro quibus animam posuit».

[23] Cf. Pontificale Romanum, De ordinatione episcopi, 49-45, p. 26-27: Unctio capitis et traditio Libri Evangeliorum atque insignum.

[24] Sacramentarium Serapionis, 28, in Didascalia et Constitutiones Apostolorum, II, Ed. F.X. Funk, Paderborn 1905, 191.

[25] Cf. Pontificale Romanum, De ordinatione episcopi, 47, p. 24-25: Prex ordinationis.

[26] S. Augustinus, In natale episcopi: CCL 104, 919, 1: «Vobis enim sum episcopus; vobiscum sum christianus. Illud est nomen suscepti officii, hoc gratiæ; illud periculi est, hoc salutis».

[27] Cf. Conc. Œcum. Vat. ii, Presbyterorum ordinis, cap. III; cf. Ioannes Paulus ii, Adhort. apost. postsyn. Pastores dabo vobis (25.03.1992) cap. III.

[28] Cf. S. Petrus Damianus, Opusc. XI (Liber qui appellatur Dominus vobiscum) 5: PL 145, 235; cf. s. Augustinus, In Ioann. 32, 8: PL 35, 1645.

Eine authentische Hirtenliebe

45.       Angelpunkt der besonderen Spiritualität des Bischofs ist die Ausübung seines Amtes, das innerlich vom Glauben, von der Hoffnung und insbesondere von der Hirtenliebe inspiriert wird; sie ist die Seele seines Apostolates in einer pastoralen Dynamik "pro -existentia", ein Leben für Gott und für die anderen wie Christus, zum Vater hin und ganz im Dienst der Brüder und Schwestern, in der täglichen Selbsthingabe eines unentgeltlichen Dienstes der Liebe in Gemeinschaft mit der Dreifaltigkeit. "Die Hirten der Herde Christi müssen nach dem Bild des ewigen Hohenpriesters - bekräftigt Lumen gentium - heilig und freudig, demütig und kraftvoll ihr Amt ausüben, das auch für sie, wenn sie es so erfüllen, das hervorragende Mittel der Heiligung ist. Sie wurden zur Fülle des Priestertums erwählt und sind mit sakramentaler Gnade beschenkt, damit sie durch Gebet, Opfer und Verkündigung, durch jede Weise ihres bischöflichen Sorgens und Dienens vollkommen das Amt der Hirtenliebe ausüben, nicht fürchten, ihr Leben für ihre Schafe einzusetzen, und als Vorbild für die Herde (vgl. 1 Petr 5,3) die Kirche auch durch ihr Beispiel zu täglich größerer Heiligkeit voranführen".[1]

            Schon das Pastoraldirektorium Ecclesiae imago hatte ein ganzes und ausführliches Kapitel den für einen Bischof notwendigen Tugenden gewidmet.[2] Außer den Hinweisen auf die übernatürlichen Tugenden des Gehorsams, der vollkommenen Enthaltsamkeit aus Liebe zum Reich Gottes, der Armut, der pastoralen Klugheit und der Beharrlichkeit findet sich in diesem Kontext auch ein Hinweis auf die göttliche Tugend der Hoffnung, auf die sich der Bischof mit fester Gewißheit stützt, dadurch von Gott alles  Gute erwartet und sein ganzes Vertrauen auf die göttliche Vorsehung setzt, "eingedenk der heiligen Apostel und der altehrwürdigen Bischöfe, die auch große Schwierigkeiten und Hindernisse aller Art erfuhren und doch das Evangelium Gottes mit aller Unerschrockenheit predigten".[3]

            Viele Bischöfe waren Vorbilder theologischer Weisheit und der Hirtenliebe von den ersten Jahrhunderten des Christentums an bis zum 20. Jahrhundert. Sie haben in ihrem Leben den Dienst der Verkündigung und Katechese, die Feier der heiligen Geheimnisse und das Gebet, den apostolischen Eifer und die tiefe Liebe zum Herrn miteinander verbunden. Sie haben Kirchen gegründet, die Sitten reformiert, die Wahrheit geschützt. Sie waren mutige Zeugen im Martyrium und prägten die Gesellschaft durch Initiativen der Nächstenliebe und Gerechtigkeit, durch mutige Gesten zugunsten des eigenen Volkes angesichts der Mächtigen der Welt.[4]

 

Der Verkündigungsdienst

46.       Der Bischof soll seine Spiritualität, die in der Hirtenliebe wurzelt und im dreifachen Dienstamt der Lehre, Heiligung und Leitung Ausdruck findet, nicht nebenbei, sondern in enger Verbindung mit seinen Amtsaufgaben leben.

            Der Bischof ist vor allem Diener der Wahrheit, die rettet, nicht nur um die Menschen zu lehren und zu informieren, sondern auch um sie zur Hoffnung und damit zum Fortschreiten auf dem Weg der Hoffnung anzuleiten. Wenn also ein Bischof wirklich als Zeichen, Zeuge und Diener der Hoffnung vor sein Volk treten will, muß er sich in ganzer Anhänglichkeit und voller Verfügbarkeit vom Wort der Wahrheit nähren nach dem Vorbild der heiligen Gottesmutter Maria, "die geglaubt hat, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ" (Lk 1,45).

            Weil dieses göttliche Wort auch in der Heiligen Schrift enthalten ist und darin zum Ausdruck kommt, muß ein Bischof ständig durch häufiges Lesen und eifriges Studium auf sie zurückgreifen.[5] Er tut es nicht nur deshalb, weil er, würde er es nicht im Innern hören,[6] sonst nach außen ein nutzloser Prediger des Wortes Gottes wäre, sondern auch, weil er seinen Dienst für die Hoffnung aushöhlen würde. Der Bischof schöpft aus der Schrift tatsächlich Nahrung für seine Spiritualität der Hoffnung, um seinen Dienst als Verkündiger des Evangeliums wirklich zu erfüllen. Nur so kann er sich wie der Apostel Paulus an seine Gläubigen mit den Worten wenden: "Alles, was einst geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch Geduld und durch den Trost der Schrift Hoffnung haben" (Röm 15,4).

            Im bischöflichen Dienst wird die Option der Apostel vom Beginn der Kirche an erneuert: "Wir aber wollen beim Gebet und beim Dienst am Wort bleiben" (Apg 6,4). Wie Origenes schrieb: "Der Papst hat zwei Dinge zu tun: zum Einen: von Gott lernen, indem er die göttlichen Schriften liest und immer wieder über sie nachdenkt; zum zweiten, das Volk unterweisen. Aber er muß die Dinge lehren, die er selbst von Gott gelernt hat!".[7]

 

Beter und Lehrer des Gebets

47.       Der Bischof ist auch ein Mann des Gebets, der für sein Volk eintritt durch die treue Feier des Stundengebets, dem er auch unter seinem Volk vorstehen muß.

            Im Bewußtsein, daß er nur durch sein eigenes persönliches Beten Lehrer des Gebets für seine Gläubigen sein kann, wendet sich der Bischof an Gott, um mit dem Psalmisten die Worte zu wiederholen: "Ich warte auf dein Wort" (Ps 119,114). Denn das Gebet ist bevorzugte Ausdrucksform der Hoffnung, wie Thomas von Aquin schreibt, es ist "die Übersetzerin der Hoffnung".[8]

            Aufgabe des Bischofs ist der Dienst des pastoralen und apostolischen Gebets vor Gott und für sein Volk nach dem Vorbild Jesu, der für die Apostel bittet (vgl. Joh 17) und des Apostels Paulus, der für seine Gemeinden bittet (vgl. Eph 3,14-21; Phil 1,3-10). Denn der Bischof muß in sein Gebet die ganze Kirche einschließen, wobei er in besonderer Weise für das ihm anvertraute Volk betet. Indem er Jesus in der Wahl seiner Apostel nachahmt (vgl. Lk 6,12-13), unterbreitet er dem Vater durch Christus im Heiligen Geist alle seine pastoralen Initiativen, Erwartungen und Hoffnungen. Und der Gott der Hoffnung erfüllt ihn mit aller Freude und mit allem Frieden im Glauben, damit er reich wird an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geistes (vgl. Röm 15,13).

            Ein Bischof muß auch Gelegenheiten suchen, in denen er das gemeinsame Hören des Wortes Gottes und das Gebet zusammen mit dem Presbyterium pflegt, gegebenenfalls auch mit den ständigen Diakonen, mit den Seminaristen und mit den Ordensleuten der Teilkirche und, wo und wann es möglich ist, auch mit den Laien, insbesondere mit denen, die ihr Apostolat gemeinschaftlich leben.

            Auf diese Weise fördert er den Geist der Communio, er stützt ihr geistliches Leben und erweist sich als "Führer der Vollkommenheit" in seiner Teilkirche. Er bemüht sich, "die Heiligkeit der Kleriker, Ordensleute und Laien nach der Berufung eines jeden zu fördern".[9] Zugleich stärkt er in sich auch die Bande der kirchlichen Beziehungen, in die er als sichtbarer Mittelpunkt der Einheit eingegliedert wurde.

            Er nutzt auch die Gelegenheit, um mit den bischöflichen Mitbrüdern, vor allem den benachbarten der gleichen Kirchenprovinz oder Region ähnliche Augenblicke der geistlichen Begegnung zu verbringen. Bei diesen Begegnungen kann man die Freude erleben, die aus dem Zusammensein unter Brüdern erwächst (vgl. Ps 133,1). Außerdem kommt die kollegiale Liebe zum Ausdruck und wird gestärkt.

Von der Gnade der Sakramente genährt

48.       Die Wirksamkeit der pastoralen Leitung eines Bischofs und seines Zeugnisses für Christus, die Hoffnung der Welt, hängt zum großen Teil von der Authentizität der Nachfolge des Herrn und von seiner gelebten Freundschaft mit Ihm ab.

            Nur die Heiligkeit ist prophetische Verkündigung der Erneuerung, ddie der Bischof im eigenen Leben durch die Annäherung an jenes Ziel vorwegnimmt, zu dem er seine Gläubigen führt. Dennoch spürt auch er wie jeder Christ auf seinem geistlichen Weg die Notwendigkeit zur Umkehr, weil er sich der eigenen Schwächen, der eigenen Mutlosigkeit und der eigenen Sünde bewußt ist. Aber - so lehrte der hl. Augustinus - wem die Sünde nicht verwehrt wurde, der kann sich auch die Hoffnung nicht verwehren,[10] und deshalb nimmt der Bischof das Sakrament der Buße und der Versöhnung zu Hilfe. Wer die Hoffnung hat, Kind Gottes zu sein und ihn zu sehen, wie er ist, heiligt sich, so wie der himmlische Vater heilig ist (vgl. 1 Joh 3,3).

            Auch die Apostel, denen der auferstandene Jesus das Geschenk des Heiligen Geistes für die Sündenvergebung mitgeteilt hat (vgl. Joh 20,22-23), mußten vom Herrn das Wort des Friedens empfangen, das versöhnt, und die Bitte der Liebesreue, die heilt (vgl. Joh 20, 19.21; 21, 15 f.).

            Zweifellos ist es ermutigend für das Volk Gottes, an erster Stelle den eigenen Bischof das Sakrament der Versöhnung empfangen zu sehen, wenn dieses bei besonderen Anlässen in Gemeinschaft unter seiner Leitung gefeiert wird.

            Auch aus der Feier der heiligen Liturgie bezieht der Bischof zusammen mit dem ganzen Volk Gottes Nahrung für die Hoffnung. Denn wenn sie ihre irdische Liturgie feiert, hat die Kirche durch die Hoffnung vorauskostend an der Liturgie des himmlischen Jerusalem teil, zu dem sie pilgernd unterwegs ist, wo Christus sitzt zur Rechten Gottes, "der Diener des Heiligtums und des wahren Zeltes, das der Herr selbst aufgeschlagen hat, nicht etwa ein Mensch" (Hebr 8,2).[11]

49.       Alle Sakramente der Kirche, besonders die Eucharistie, sind Gedächtnis der Worte, der Werke und der Geheimnisse des Herrn; sie sind erneute Darstellung der von Christus ein für allemal gewirkten Erlösung und Vorwegnahme der vollen Inbesitznahme, die das Geschenk der Endzeit sein wird.[12] Bis dahin feiert die Kirche die Sakramente als wirksame Zeichen der Erwartung, der Bitte und der Hoffnung.

            Die Spiritualität des bischöflichen Dienstes ist im Orient wie im Okzident mit der Feier der heiligen Geheimnisse verbunden, die der Bischof leitet und zusammen mit seinem Presbyterium, den Diakonen und dem heiligen Volk Gottes feiert.

            Die Vielfalt der Riten der Kirche und ihre Besonderheit im Orient wie im Okzident prägt das Leben des Volkes Gottes, verleiht ihm Identität und ist Quelle einer reichen kirchlichen Spiritualität. Deshalb muß der Bischof als der Hohepriester seines Volkes nicht nur sorgfältig die heiligen Geheimnisse feiern, sondern ihre Feier zu einer authentischen Schule der Spiritualität für das Volk machen. Dabei ist es hilfreich, daß er in der Theologie und bischöflichen Liturgie Bescheid weiß, wie sie im Cæremoniale episcoporum dargelegt ist.[13]

            Indem sie die liturgischen Feiern beibehalten, können die Bischöfe der orientalischen Kirchen, dem eigenen reichen liturgischen Erbe getreu, in voller Übereinstimmung mit den geistlichen Werten der eigenen Riten in Gemeinschaft leben und handeln.[14]

 

Als Hoherpriester unter seinem Volk

50.       Unter den liturgischen Handlungen gibt es einige, in denen die Anwesenheit des Bischofs eine besondere Bedeutung hat. Vor allem die Chrisammesse, während der das Katechumenen- und das Krankenöl gesegnet sowie der heilige Chrisam geweiht werden: Sie ist der Höhepunkt, in dem die Ortskirche sich darstellt, weil der Herr sie feiert, der ewige Hohepriester seines eigenen Opfers. Für einen Bischof ist sie ein Augenblick großer Hoffnung, denn er findet die Diözesanpriester um sich versammelt, um gemeinsam vor dem freudvollen Horizont von Ostern auf den Hohenpriester zu blicken und so die Gnade des Weihesakramentes durch die Erneuerung der Versprechen wiederzubeleben, die den Dienst der Priester in der Kirche vom Weihetag an besonders kennzeichnen. Bei dieser einmaligen Gelegenheit im liturgischen Jahr sind die gefestigten Bande der kirchlichen Communio gleichsam ein überzeugter Ausdruck der Hoffnung für das Volk Gottes, das doch von vielerlei Ängsten bedrängt wird.

            Hinzukommt die feierliche Liturgie der Weihe der neuen Priester und Diakone. Während er die neuen Mitarbeiter des bischöflichen Amtes und die neuen Mitarbeiter für seinen Dienst von Gott empfängt, sieht der Bischof, daß der Heilige Geist, der donum Dei und dator munerum, seine Bitte um eine Fülle von Berufungen und seine Hoffnungen für eine Kirche erfüllt hat, die noch reicher an Diensten geworden ist.

            Gleiches gilt für die Spendung des Sakramentes der Firmung, deren ursprünglicher Spender der Bischof ist; im lateinischen Ritus ist er der ordentliche Spender.

            Auch in diesem Sakrament der Ausgießung des Heiligen Geistes, das oft viel Zeit von den Hirten erfordert und ihnen Gelegenheit zum Pfarreibesuch bietet, lebt der Bischof einen Augenblick intensiver Spiritualität und Gemeinschaft mit seinen Gläubigen, besonders mit den Jugendlichen. Die Tatsache, daß dieses Sakrament vom Diözesanbischof gespendet wird, zeigt, daß er die Empfänger enger mit dem Pfingstgeheimnis, mit der Kirche Gottes, mit ihren apostolischen Ursprüngen und ihrer Sendung zum Zeugnis für Christus und mit der Ortsgemeinschaft verbindet.[15]

 

Eine Spiritualität der Communio

51.       Zeichen einer ausgeprägten Spiritualität der Communio und wichtige Grundlage für die Heiligkeit und Heiligung des Bischofs ist die Gemeinschaft mit dem Presbyterium, mit den Diakonen, den Ordensleuten und Laien sowohl im persönlichen Kontakt als auch bei den verschiedenen Anlässen. Sein ermutigendes Wort und seine geistliche Botschaft soll die aktive und heiligende Gegenwart Christi inmitten seiner Kirche und den Gnadenstrom des Heiligen Geistes sicherstellen, der ein besonderes Zeugnis der Einheit und Liebe bewirkt.

            Deshalb ist es angebracht, daß der Bischof auch durch seine Anwesenheit und sein Wort "Momente des Heiligen Geistes" anregt und fördert, die das Wachstum des geistlichen Lebens begünstigen, wie z. B. die Einkehrtage, die geistlichen Exerzitien und besondere Tage der Spiritualität. Dabei sind die sozialen Kommunikationsmittel zu nutzen, um auch die Menschen zu erreichen, die weiter entfernt leben.

            Der Bischof soll sich auch der gewohnten Mittel des geistlichen Lebens bedienen, wie Suche nach geistlichem Beistand und Rat, Freundschaft und brüderliche Gemeinschaft, um der Gefahr der Vereinsamung und der Entmutigung angesichts der Schwierigkeiten zu entgehen.

            Er pflegt und fördert eine Spiritualität der Communio mit den Pastoralassistenten durch Zuhören, Zusammenarbeit und Übertragung von Aufgaben und Zuständigkeiten.

            Ein besonderes Mittel zur Erhaltung und Belebung dieser Spiritualität ist die affektive und effektive Gemeinschaft des Bischofs mit dem Papst und den übrigen Bischöfen durch das eigene Gebet und die persönlichen Beziehungen.

            Der Bischof ist in seinem Dienst nicht allein: Er muß den Strom büderlicher Liebe schenken und empfangen, der aus der Beziehung mit den bischöflichen Mitbüdern in einem wahren Üben gegenseitiger Liebe erwächst, wie es Jesus von seinen Jünger forderte (vgl. Joh 13,34; 15, 12-13). So entsteht auch das Teilen von Gebet, der geistliche und pastorale Erfahrungsaustausch, die Unterscheidungshilfe.

            Darum sind die Gelegenheiten zu Dialog und Teihabe, die geistlichen Einkehrtage, die Zeiten der Entspannung und Ruhe wichtig, in denen auch die Bischöfe die Communio und die Hirtenliebe üben können.

 

Förderer einer pastoralen Spiritualität

52.       Er selbst ist gerufen, durch seinen Lebensstil und die Glaubwürdigkeit seiner Worte und Werke inmitten des Volkes der Förderer, der eine Pastoral der Heiligkeit anregt, und geistlicher Führer seiner Diözesanen zu sein. Die Berufung zur Heiligkeit verpflichtet den Bischof, auch Förderer der allgemeinen Berufung zur Heiligkeit in seiner Kirche zu sein. Zu diesem Zweck muß er die Spiritualität und Heiligkeit des Volkes durch entsprechende Initiativen fördern, indem er alte und neue Charismen als Zeichen des Reichtums des Heiligen Geistes anerkennt.

 

 

In Gemeinschaft mit der heiligen Gottesmutter

53.       In seinem geistlichen Leben wird der Bischof durch die besondere mütterliche Gegenwart Marias gestützt, wenn er die Gottesmutter wie ein wahrer Sohn liebt und verehrt.

            Jeder Bischof ist gerufen, dieses besondere Anempfehlen Marias und des Jüngers Johannes unter dem Kreuz (vgl. Joh 19,26-27) zu leben. Er ist auch gerufen, die Haltung des einmütigen und beharrlichen Betens der Jünger mit Maria, der Mutter Jesu, das von der Himmelfahrt bis Pfingsten anhielt (vgl. Apg 1,14), anzunehmen. Jeder Bischof und alle Bischöfe in büderlicher Gemeinschaft sind im Hinblick auf ihren Dienst, ihre Gemeinschaft und ihre Hoffnung der mütterlichen Sorge Marias anvertraut.

            Das führt zu einer Marienverehrung in rechter Weise, die enge Verbindung mit der heiligen Gottesmutter im liturgischen Heiligungs- und Gottesdienst, in der Unterweisung der Glaubenslehre, im Leben und im Leitungsdienst bedeutet. Dieser marianische Stil in der Ausübung des bischöflichen Dienstes ergibt sich aus dem marianischen Profil der Kirche.

 

III. Der geistliche Weg des Bischofs

Ein geistlicher Weg ist notwendig

54.       Die christliche Spiritualität ist ein Weg mit Etappen, Prüfungen und Überraschungen in fortgesetzter Treue zur eigenen Berufung. Die Lebensabschnitte, das ständige Streben nach persönlicher Vollkommenheit und Heiligkeit gemäß dem Plan Gottes helfen auch dem Bischof, in seinem Dienst einen echten geistlichen Weg zu sehen. In Freuden und Prüfungen, die im Leben des Hirten nicht fehlen, lebt er seine eigene Geschichte und die seines Volkes. Ein Weg, den er seiner Schar voran in Treue zu Christus durch sein Zeugnis - wenn nötig auch öffentlich - bis zu Ende gehen muß.

            Er kann und und muß ihn gehen in frohem Vertrauen und beseelt von der göttlichen Hoffnung, auch wenn er um seinen Rücktritt wird ansuchen müssen. Aber er darf nicht aufhören, bis zum Ende im Geist des Dienstes durch Gebet oder andere Aufgaben in entsprechender Form zu leben.

 

 

Mit dem geistlichen Realismus des Alltäglichen

55.       Der geistliche Realismus lehrt auch zu erkennen, wie der Bischof seine Berufung zur Heiligkeit trotz seiner menschlichen Schwachheit und unter vielfältigen Verpflichtungen, Alltagschwierigkeiten und vielen persönlichen und institutionellen Problemen leben soll. Manchmal gerät der Bischof, von so vielen Verpflichtungen überlastet, in die Gefahr, von den Problemen erdrückt zu werden, ohne daß er gültige Antworten und Lösungen gefunden hat.

            Jeder Bischof erfährt täglich die Last des Lebens und der Geschichte. Auch auf ihm lasten die Verantwortung und die Anteilnahme an den Problemen und Freuden seiner Leute. Manchmal wird er dem Druck der Medien ausgesetzt angesichts von Phänomenen, die die Kirche und die Verteidigung der wahren Glaubenslehre und der Moral betreffen; er muß ungerechten Anschuldigungen entgegentreten oder soziale Probleme bewältigen.

            Deshalb muß er eine ausgewogene Lebensweise haben, die das geistliche, psychische und affektive Gleichgewicht und die Neigung zu zwischenmenschlichen Beziehungen fördert, so daß er die Personen anhört und ihre Probleme teilt, an den traurigen oder frohen Ereignissen im Leben seiner Leute teilnimmt, die in ihm die Reife und Güte eines Vater und eines geistlichen Führers finden wollen.

            Der Bischof braucht Mut zu seinem mühevollen Dienst, wenn er sein Kreuz und die ruhmvolle Aufgabe, vereint mit dem gekreuzigten und verherrlichten Christus dienen zu dürfen, täglich auf sich nimmt.

 

In Harmonie mit dem Göttlichen und Menschlichen

56.       Der Bischof ist gerufen, eine Spiritualität zu pflegen, die der humanitas Jesu entspricht, in der er den göttlichen und menschlichen Aspekt seiner Weihe und Sendung zum Ausdruck bringen kann. Auf diese Weise bleibt er ausgewogen in seinen Verpflichtungen: die liturgische Feier und das persönliche Gebet, das Pastoralprogramm, die Sammlung und Ruhe, die rechte Entspannung und die erholsamen Ferien, das Studium und die theologische und pastorale Weiterbildung.

            Die Pflege der eigenen physischen, psychischen und geistigen Gesundheit und ein ausgewogener Lebensstil sind für den Bischof auch ein Akt der Liebe gegenüber den Gläubigen, eine Garantie größerer Verfügbarkeit und Öffnung für die Eingebungen des Heiligen Geistes.

            Mit diesen Hilfen der Spiritualität ausgerüstet, findet er den Frieden des Herzens und vertieft die Gemeinschaft mit der Dreifaltigkeit, die ihn erwählt und geweiht hat. In der Gnade, die Gott ihm zusichert, kann er jeden Tag seinen Dienst erfüllen, wobei er als Zeuge der Hoffnung auf die Bedürfnisse der Kirche und der Welt achtet.

            In der Tat erneuert der Bischof jeden Tag sein Vertrauen auf Gott und rühmt sich wie der Apostel seiner "Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes", denn er weiß: "Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung" (Röm 5, 2-4). Aus der Hoffnung erwächst auch die Freude. Denn christliche Freude bedeutet: fröhlich in der Hoffnung sein (vgl. Röm 12,12); sie ist auch das Ziel der Hoffnung. Der Bischof, Zeuge der christlichen Freude, die aus dem Kreuz hervorgeht, muß nicht nur von der Freude sprechen, sondern auch "die Freude erhoffen" und sie vor seinem Volk bezeugen.[16]

 

Treue bis zum Ende

57.       Der Bischof soll geduldig in der Hoffnung ausharren, wenn er in seiner Amtsausbüng durch Krankheit geprüft oder vom Herrn so geführt wird, daß er sein Hinscheiden als Opfergabe für die ihm anvertrauten Gläubigen leben muß; oder wenn er berufen ist, unter den schwierigen Umständen der Verfolgung und des Martyriums für Christus Zeugnis zu geben, wie es nicht selten geschehen ist, und wie es heute noch geschieht.

            Auch das sind wertvolle Gelegenheiten, damit das ganze ihm anvertraute Volk weiß, daß sein Hirt wie Christus am Kreuz die totale Selbthingabe lebt.

            Deshalb ist es auch schön zu sehen, wenn dem Bischof, der um seine schwere Krankheit weiβ, das Sakrament der Krankensalbung und die Wegzehrung im Beisein des Klerus und des Volkes feierlich gespendet werden.[17]

            Mit diesem letzten Zeugnis seines irdischen Lebens hat er Gelegenheit, seine Gläubigen zu lehren, daß man nie die Hoffnung verlieren darf und daß alles Leid des gegenwärtigen Augenblicks von der Hoffnung auf die zukünftigen Wirklichkeiten gelindert wird. Im letzten Akt seines Fortgehens aus dieser Welt zum Vater kann er die Zielsetzung seines Dienstes in der Kirche umfassend vorleben: die Söhne und Töchter der Kirche auf das eschatologische Ziel hinzuweisen, wie Mose dem Volk Israel das verheißene Land gezeigt hat (vgl. Dt 34,1 f.).

            Folglich müssen auch das Ende seines geistlichen Weges, der Tod, und die feierliche Beisetzung in der Bischofskirche ein bedeutender geistlicher Moment für das Leben der Gläubigen sein, ein Hymnus der Auferstehung des Herrn, der seine treuen Diener aufnimmt. Es ist eine günstige Gelegenheit, der Kirche die Niederschrift eines geistlichen Testaments als Erinnerung an einen Freund und Nachbarn neben der Schar von Hirten, die ihm in der Teilkirche vorangegangen sind, zu hinterlassen.

 

Das Vorbild heiliger Bischöfe

58.       Der geistliche Weg des Bischofs wird von der großen Schar kirchlicher Hirten erhellt, die seit der Zeit der Apostel das Leben der Kirche immer und allerorts durch ihre Vorbildlichkeit geprägt haben. Es ist unmöglich, alle diese Vorbilder zu nennen, die in der Kirche herausragen und deren Heiligkeit von der Kirche anerkannt wurde oder noch anerkannt werden wird. Aber ihre Namen und Gesichter sind im Leben der Weltkirche und der Ortskirchen gegenwärtig, auch in der Feier des liturgischen Jahreskreises und in den Schriftlesungen des Stundengebets.

            Wir denken an die heiligen Hirten, die vom Anfang der Kirche an die Heiligkeit des Lebens mit der Verkündigung und Weisheit und mit dem pastoralen und auch sozialen Gehalt der Botschaft des Evangeliums verbunden haben. Manche von ihnen haben ihr Leben durch das Blutzeugnis hingegeben. Es gibt Hirten, die Kirchengründer sind und als heilige Schutzpatrone verehrt werden.

            Es gab Hirten, die durch ihre Lehre hervorgetreten sind und einen besonderen Beitrag zu den ökumenischen Konzilien geleistet haben; sie haben mit Weisheit Reformen und Erneuerungen durchgeführt. Viele Missionare sind heilige Bischöfe, die das Evangelium in neue Erdteile getragen und das Leben der jungen Ortskirchen gestaltet haben. Bis in unsere Tage fehlt es nicht an Glaubenszeugen, die durch Kerkerhaft, Exil und andere Leiden ihre Treue zur katholischen Kirche und zur Gemeinschaft mit dem Stuhl Petri bezahlt haben. Andere Hirten haben als Verteidiger der Religions- und Menschenrechte unter schwierigen Umständen das Leben für ihr Volk hingegeben.

            Die geistliche Gemeinschaft mit diesen Hirten ist Grund zur Hoffnung und Quelle apostolischen Eifers. Jeder Bischof sieht darin den Ausdruck der Gnade und Kraft des Heiligen Geistes und das Maß der Treue, zu der er im eigenen Hirtendienst berufen ist.



3. Kapitel

Das Bischofsamt Dienst der Gemeinschaft

und Sendung in der universalen Kirche

 

Freunde Christi, von Ihm erwählt und ausgesandt

59.       Jesu Worte beim letzten Abendmahl, besonders im 15. Kapitel des Johannesevangeliums betreffen die Berufung der Apostel im Hinblick auf die Gemeinschaft und Sendung. Jesus spricht vom Weinstock und den Reben in einem biblischen Gleichnis, das ganz deutlich die Notwendigkeit der Gemeinschaft und die Fruchtbarkeit der Sendung zum Ausdruck bringt. Obwohl Jesu Wort eine kirchliche und eucharistische Bezugnahme hat, die alle Gläubigen umfaßt, so ist es doch in erster Linie für den Kreis der Apostel und deren Nachfolger bestimmt.

            In Jesu Bildrede vom Weinstock und den Reben wird die dreifaltige Dynamik der Gemeinschaft und Sendung verdeutlicht. Der Vater ist der Winzer; Christus ist der wahre Weinstock; der Lebenssaft der Gemeinschaft und Fruchtbarkeit ist der Heilige Geist, der die mit dem Weinstock verbundenen Reben lebendig macht, die dazu bestimmt sind, reiche und dauerhafte Frucht zu bringen. Im Mittelpunkt dieses Gleichnisses steht eine Grundlehre: Die Jünger Jesu sind zur Lebensgemeinschaft mit Christus, mit seinem Wort und seinen Geboten berufen, um durch Gottes "Rebenschnitt" zu wachsen und reiche Frucht zu bringen (Joh 15,1-10).

            Daraus folgt die Notwendigkeit der Gemeinschaft mit Christus und in ihm mit dem Vater und dem Heiligen Geist im mystischen Weinstock, in den die Kirche eingebettet ist.

            "... getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen" (Joh 15,5). Das Gleichnis vom Weinstock im Johannesevangelium will sagen, daß Jesus seinen Jüngern die Gemeinschaft mit ihm als treue göttliche Freundschaft anbietet: "Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage" (Joh 15,14). Die Freundschaft Christi schließt die Teilhabe am Wissen um die Geheimnisse des Vaters ein, das Geschenk des Lebens bis zum Tod, die Gemeinschaft in gegenseitiger Liebe. Sie setzt von seiten Jesu und in Kontinuität mit seiner Sendung, die vom Vater kommt, die Wahl und die missionarische Aussendung der Jünger voraus: "Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, daß ihr euch aufmacht und Frucht bringt und daß eure Frucht bleibt" (Joh 15,16). Vom Jünger wird die Treue zum Wort und zur Sendung verlangt.

60.       Der Bischof trägt als lebendiger Rebzweig, der im Weinstock, in Christus, bleibt und sein Freund, Jünger und Apostel ist, in seinem Innern die persönliche und dienstliche Berufung zur Communio und Missio.

            In der Dynamik der apostolischen Nachfolge, nicht nur als Autoritätsträger, sondern als trinitarische Ausdehnung von Communio und Missio verstanden, wurzelt die Identität des Bischofs in der Kirche. Vom Herrn erwählt und zur ständigen Gemeinschaft mit ihm berufen und in die Welt gesandt, identifiziert er sich mit der Person Jesu in der Weitergabe des göttlichen Lebens, in der Gemeinschaft der Liebe und im Opfer seines Lebens.

 

I. Der bischöfliche Dienst in einer Ekklesiologie der Communio

In der Kirche Ikone der Dreifaltigkeit

61.       Das II. Vatikanische Konzil hat in seiner theologischen Reflexion der Kirche als Ort der Glaubensgeheimnisse den Vorrang gegeben mit besonderem Augenmerk auf das Hauptthema Communio. Denn die Kirche wurde schon am Anfang der Konstitution Lumen gentium "Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit" genannt.[18]

            Zu Recht hat das Schlußdokument der Sonderversammlung der Bischofssynode von 1985 bekräftigt: "Die Communio -Ekklesiologie ist der Grundgedanke und das Hauptanliegen in den Dokumenten des Konzils.[19] Der Begriff "Communio" trifft "den Kern der Selbsterkenntnis der Kirche".[20] Sie ist vertikal und horizontal, Gemeinschaft mit Gott und unter den Menschen,Geschenk der Dreifaltigkeit, sichtbarer und unsichtbarer Einsatz des Glaubens und der Liebe.[21]

            Die auf dem Wort Gottes und den Sakramenten, besonders der Eucharistie gründende kirchliche Communio, die im Glauben Ausdruck findet, in der Hoffnung gründet, von der Liebe beseelt wird und in der Einheit des Lehr- und Leitungsdienstes des Nachfolgers Petri und der Bischöfe wurzelt, hat gleichzeitig Einigungskraft und missionarische Dynamik. Ähnlich dem Geheimnis der Dreifaltigkeit, die Communio und Missio für das Heil der Welt ist, ist die Kirche als lebendige Ikone der Dreifaltigkeit mit derselben Kraft des Heiligen Geistes Versammlung (ekklesìa) und missionarische Offenbarung (Epiphanie) für das Heil der Welt.

            Die Kirche muß immer und überall in wachsendem Maß Teilhabe und Sakrament der dreifaltigen Liebe zum Heil der Welt sein. Sie hat deshalb dieselbe Kraft des Heiligen Geistes, der in der Dreifaltigkeit das Prinzip der Communio und Missio in der Liebe ist.

62.       Die Kirche ist das Geheimnis und Sakrament, in dem die Evangelisierung und Katechese, die Feier der Geheimnisse, die kirchliche Spiritualität, die gelebte Nächstenliebe der Christen, das Handeln und das missionarische Zeugnis konvergieren. Nur in einer authentischen kirchlichen Perspektive sind die moralischen Verpflichtungen, die pastoralen Pläne und Vorgehensweisen und die Wege der gelebten Spiritualität verständlich.

            Communio und Missio erfordern einander. Die Kraft der Communio läßt die Kirche in der Ausdehnung und Tiefe wachsen. Aber die Missio läßt auch die Communio wachsen, die sich wie in konzentrischen Kreisen ausdehnt, bis sie alle erreicht. In der Tat verbreitet sich die Kirche in den verschiedenen Kulturen und führt sie in das Reich,[22] so daß alles, was von Gott ausgegangen ist, zu Gott zurückkehren kann. Deshalb wurde bekräftigt: "Die Communio weitet sich zur Sendung aus, ja, sie wird selbst Sendung".[23]

            Die Communio entspricht dem Wesen der Kirche, sie erinnert daran, daß die Bestimmung aller Charismen die agape, die Gemeinschaft in der Einheit, in demselben Heilsplan und in demselben kirchlichen Projekt ist.

            Die Einheit der Kirche als Communio und Missio gehört nicht nur zum Wesen ihres Geheimnisses und ihrer Aufgabe in der Welt; sie ist auch die Garantie und das Prägemal ihres göttlichen Handelns: Alles geht aus dem Plan des dreifaltigen Gottes hervor, der in seiner Einheit der Urgrund von allem und auch das Endziel von allem ist entsprechend der Sicht der Heilsgeschichte, in die die Menschheit und der Kosmos einbezogen sind.

 

In einer Ekklesiologie von Communio und Missio

63. Auch in unserer Zeit ist die Einheit Zeichen der Hoffnung, wenn es sich um die Völker handelt und wenn vom menschlichen Einsatz für eine versöhnte Welt die Rede ist. Aber die Einheit ist auch Zeichen und glaubwürdiges Zeugnis der Authentizität des Evangeliums. Hieraus erwächst auch in unserer Welt die Dringlichkeit der Einheit der Kirche und insbesondere der Einheit aller Jünger Christi, damit die Welt glaubt (vgl. Joh 17,21).

            Das dreifaltige Geheimnis, ein Geheimnis der Gemeinschaft in der Gegenseitigkeit, ist gleichsam das Bild der Lebensbeziehungen der Kirche, ihrer Sendung, ihrer Dienste und damit auch des bischöflichen Dienstes.

 Diese Sicht ist ein Zeichen der Hoffnung für die Welt angesichts der Spaltungen der Einheit, der Kontrapositionen, der Konflikte. Die Stärke der Kirche ist die Gemeinschaft, ihre Schwäche ist die Spaltung und Kontraposition.

64.       Der bischöfliche Dienst ist in diese Ekklesiologie von Communio und Missio eingeordnet, die ein Handeln in Gemeinschaft, eine Spiritualität und einen Lebensstil der Gemeinschaft erzeugt.

            Denn in diesem Dienst findet die Einheit der apostolischen Nachfolge im Bischofskollegium unter dem Petrusamt Ausdruck. Der Bischof ist die Mitte, in der die Teilkirche, die Gemeinschaft des Volkes Gottes, mit dem Presbyterium, den Diakonen, den Gott geweihten Personen und den Laien, konvergiert.

            Diese Gemeinschaft in der Einheit wird von der Hirtenliebe und der übernatürlichen Hoffnung auf die Verwirklichung des göttlichen Plans mit der Kraft des Heiligen Geistes gestützt.

 



[1] Conc. Œcum. Vat. ii, Const. dogm. de Ecclesia Lumen gentium, 41.

[2] Cf. Sacra Congregatio Pro Episcopis, Direct. Ecclesiæ imago (22.2.1973), pars I, cap. IV, 21-31.

[3] Ibid., 25.

[4] Cf. Ioannes Paulus ii, Predigt bei der Heilig-Jahr-Feier der Bischöfe  (8.10.2000), 4: L’Osservatore Romano (8.-9.10. 2000) S. 5.

[5] Cf. Isidorus Hispalensis, De ecclesisticis officiis, lib. II, 16-17: PL 83, 785.

[6] Cf. s. Augustinus, Serm. 179, 1: PL 38, 966.

[7] Origenes, In Leviticum Hom. VI: PG 12, 474 C.

[8] Cf. S. Thoma aq., S. Th. II-II, q. 17, a. 4, 3: «Petitio est interpretative spei».

[9] Conc. Œcum. Vat. ii, Decret. de past. Episcoporum munere in Ecclesia Christus Dominus, 15.

[10] Cf . S. Augustinus, Enarr. in psalm., 50, 5: PL 36, 588.

[11] Conc. Œcum. Vat. ii, Const. de Sacra liturgia Sacrosanctum concilium, 8.

[12] Cf. S. Thoma Aq., S. Th. III, q. 60, a. 3.

[13] Cf. Cæremoniale episcoporum, Editio typica, Typis Polyglottis Vaticanis, 1984.

[14] Cf. Ioannes Paulus ii, Epist. ap. Orientale lumen (2.05.1995): AAS 87 (1995) 745-794; cf. Congregatio pro Ecclesiis Orientalibus, Instruction pour l'application des prescriptions liturgiques du C.C.E.O (6.01.1996).

[15] Cf. Catechismus Ecclesiæ Catholicæ, 1313.

[16] Cf. Paulus vi, Adhort. ap. Gaudete in Domino (9.05.1975), I: AAS 67 (1975) 293.

[17] Cf. Sacra Congregatio Pro Episcopis, Direct. Ecclesiæ imago (22.02.1973), 89.

[18] Conc. Œcum. Vat. II, Const. dogm. de Ecclesia Lumen gentium, 1.

[19] Cf. Relatio finalis, Exeunte cœtu II,C,1.

[20] Congregatio Pro Doctrina Fidei, Litt. Communionis notio (28.05.1992), 3: AAS 85 (1993) 839.

[21] Cf. ibid.

[22] Cf. Conc. Œcum. Vat. II, Const. dogm. de Ecclesia Lumen gentium, 13.

[23] Ioannes Paulus II, Adhort. apost. postsyn. Christifideles laici (30.12.1988), 31: AAS 81 (1989) 448

Einheit und Katholizität des Bischofsamtes

65.       Im Namen Christi als Hirt einer Teilkirche gesandt, trägt der Bischof Sorge für den Anteil des Volkes Gottes, der ihm anvertraut ist, und läßt diese Communio im Heiligen Geist mit Hilfe des Evangeliums und der Eucharistie wachsen. Deshalb ist sein Auftrag, als einzelner sichtbares Prinzip und Fundament der Einheit des Glaubens, der Sakramente und der kirchlichen Ordnung in der ihm anvertrauten Teilkirche zu sein und sie mit der empfangenen Vollmacht zu vertreten und zu leiten.[1]

            Dennoch ist jeder Bischof Hirt einer Teilkirche, insofern er Mitglied des Bischofskollegiums ist. In dieses Kollegium ist jeder Bischof eingegliedert auf Grund der Bischofsweihe und durch die hierarchische Gemeinschaft mit dem Haupt und den Gliedern des Kollegiums.[2] Daraus erwachsen für das Bischofsamt einige wichtige Konsequenzen, über die es, wenn auch in geraffter Form, nachzudenken gilt.

            Die erste lautet: Der Bischof ist nie allein. Das gilt nicht nur, wie schon gesagt, in Bezug auf seine Stellung in der eigenen Teilkirche, sondern auch innerhalb der Universalkirche, die, dem Wesen des einen und ungeteilten Episkopats[3] entsprechend, mit dem ganzen Bischofskollegium, das auf das Apostelkollegium folgt, in Beziehung steht. Aus diesem Grund steht jeder Bischof gleichzeitig in Beziehung zur Teilkirche und zur Universalkirche.

            Als sichtbares Prinzip und Fundament der Einheit der eigenen Teilkirche ist jeder Bischof auch das sichtbare Band der ekklesialen Communio zwischen seiner Kirche und der Universalkirche. Alle Bischöfe, auch wenn sie in den verschiedenen Teilen der Welt ihren Sitz haben, aber immer die hierarchische Communio mit dem Haupt des Bischofskollegiums und mit dessen Gliedern bewahren, geben deshalb der Katholizität der Kirche Festigkeit und Gestalt. Zugleich verleihen sie der Teilkirche, die sie leiten, dasselbe Merkmal der Katholizität.

            "In Wirklichkeit ist der Bischof sichtbares Prinzip und Fundament der Einheit in der Teilkiche; aber damit jede Teilkirche im Vollsinn Kirche ist, das heißt Teilgegenwart der universalen Kirche mit allen ihren wesentlichen Elementen, muß in ihr als eigenes Element die oberste Autorität der Kirche gegenwärtig sein: das Bischofskollegium zusammen mit seinem Haupt, dem Papst, und niemals ohne dieses".[4]

            In der Communio der Kirchen vertritt also der Bischof seine Teilkirche, und in dieser vertritt er die Communio der Kirchen. Denn durch das Bischofsamt lebt jede Teilkirche, die auch portio Ecclesiæ universalis ist,[5] die Gesamtheit der Una-Sancta, und in ihr ist die Gesamtheit der Catholica-Apostolica präsent.[6]

66.       Die zweite Folgerung, über die es nachzudenken gilt, besteht darin, daß gerade diese kollegiale Einheit oder brüderliche Liebesgemeinschaft oder kollegiale Verbundenheit die Quelle der Hirtensorge ist, die jeder Bischof durch Einsetzung und Gebot Christi für die ganze Kirche und für die anderen Teilkirchen haben muß. So erstreckt sich diese Hirtensorge auch auf "jene Gegenden der Erde, in denen das Wort Gottes noch nicht verkündet ist oder in denen die Gläubigen, besonders wegen der geringen Anzahl der Priester, in der Gefahr schweben, den Geboten des christlichen Lebens untreu zu werden, ja den Glauben selbst zu verlieren".[7]

            Anderseits sind schon die göttlichen Gaben, durch die jeder Bischof seine Teilkirche aufbaut, das heißt das Evangelium und die Eucharistie, dieselben. Sie machen nicht nur jede andere Teilkirche als Versammlung im Heiligen Geist aus, sondern öffnen sie auch, jede einzelne für sich, auf die Gemeinschaft mit allen anderen Kirchen hin. Denn die Verkündigung des Evangeliums ist weltumspannend und, wie der Herr es gewollt hat, an alle Menschen gerichtet und für alle Zeiten unveränderlich.

            Auch die Feier der Eucharistie ist von ihrem Wesen her und wie alle anderen liturgischen Handlungen ein Akt der ganzen Kirche, sie gehört zum ganzen Leib der Kirche, macht ihn sichtbar und wirkt auf ihn ein.[8] Auch daraus erwächst für jeden Bischof als rechtmäßigen Nachfolger der Apostel und Mitglied des Bischofskollegiums die Pflicht, eine Art Garant der ganzen Kirche zu sein (sponsor Ecclesiæ).[9]

 

In Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri

67.       Die Ekklesiologie der besonderen Communio der katholischen Kirche verdeutlicht die vielfältigen Beziehungen der Einheit nicht nur im gleichen Glauben, in der gleichen Hoffnung und Liebe, in derselben Glaubenslehre und in den Sakramenten unter allen Teilkirchen, sondern auch in der konkreten Gemeinschaft mit dem Papst, dem sichtbaren Prinzip und Fundament der Einheit der Kirche. Diese Wirklichkeit wird offenbar in der Heiligung, im Gottesdienst, in der Glaubenslehre und in der Leitung gemäß dem göttlichen Plan Christi, der Petrus und seine Nachfolger als Prinzip der sichtbaren Einheit haben wollte, damit sie die Brüder im Glauben stärken.[10]

            Die Einheit der Kirche in Gemeinschaft und unter der Führung des Nachfolgers Petri ist auch Quelle der Hoffnung für die Zukunft. Der Plan Gottes ist die Einheit der ganzen Menschheitsfamilie, und die katholische Kirche bewahrt in ihrer Struktur dieses wertvolle Geschenk.

            Diese Einheit ist Quelle des Vertrauens und der Hoffnung für die Zukunft der Sendung der Christen in der Welt. Denn sie ist die Garantie für die Kontinuität der Wahrheit und des Lebens des Evangeliums: die Fülle einer Kirche, die nach dem Willen Christi eine, heilig, katholisch und apostolisch ist und die "in der katholischen Kirche subsistiert und vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird".[11]

68.       Die einzelnen Bischöfe sind mit dem Petrusamt vielfach verbunden. Vor allem durch die Gemeinschaft im göttlichen Leben bei der Feier der Eucharistie, dem Fundament der Einheit der Kirche in Christus.[12] Jede Eucharistiefeier ist Zeichen der "sanctorum communio", das heißt der Gemeinschaft der Heiligen und der heiligen Dinge, nach einem in frühchristlicher Zeit beliebten Ausspruch[13] und wird in Gemeinschaft nicht nur mit dem Diözesanbischof, sondern vor allem mit dem Papst und mit dem Episkopat und folglich mit dem Klerus und dem ganzen Volk Gottes vollzogen, wie es in den verschiedenen Eucharistischen Gebeten heißt.[14]

            Hinzukommt die Gemeinschaft in der Verkündigung des Evangeliums und in der rechten Glaubenslehre in Treue zum Lehramt der Kirche, das der Papst ausübt, besonders in Glaubens- und Sittenfragen. Die herzliche Aufnahme und Verbreitung des päpstlichen Lehramtes ist Zeichen einer authentischen Gemeinschaft und Garantie der Einheit in der Kirche, auch um das Volk Gottes auf den Weg der Wahrheit zu führen, besonders im Bereich der Glaubenslehre, der auch aufmerksames und spezifiziertes Studium der neuen Problemkreise erfordert.[15]

            Schließlich ist die notwendige Einheit in der kirchlichen Disziplin auch Zeichen der Gemeinschaft in der Wahrheit und im Leben, wenn auch in berechtigter Vielfalt, wie es dem Recht entspricht.

 

Mitwirken mit dem Petrusamt

69.       Die Zugehörigkeit zum Bischofskollegium, die ohne die Gemeinschaft mit seinem sichtbaren Haupt, dem Bischof von Rom, nicht denkbar ist, hat verschiedene Formen der Teilhabe und Ausübung der Kollegialität.

            Weil er dem Bischofskollegium angehört, trifft jeder Bischof in seiner Amtsausübung mit dem Bischof von Rom, dem Nachfolger des Petrus und Haupt des Kollegiums, und mit allen anderen bischöflichen Mitbrüdern aus aller Welt zusammen und steht mit ihnen in lebendiger und dynamischer Communio. In dieser Communio verwirklicht sich auch die Hirtensorge für die einzelnen Kirchen in aller Welt und die Dimension der Sendung, der missionarichen Zusammenarbeit und Mitarbeit, die dem Bischofsamt eigen ist.

            Eine besondere Form dieser Zusammenarbeit mit dem Papst ist die Bischofssynode, in der ein fruchtbarer Austausch von Informationen und Anregungen stattfindet. Dabei werden, erhellt vom Evangelium und der Lehre der Kirche, die allgemeinen Zielsetzungen aufgezeigt, die nach Approbation durch den Nachfolger des Petrus wiederum den Ortskirchen zugute kommen. Auf diese Weise wird die ganze Kirche wirksam untersützt, um die Communio in der Pluralität der Kulturen und der Situationen aufrechtzuerhalten.

            Frucht und Ausdruck dieser kollegialen Einheit ist die Mitarbeit der aus allen Teilen des katholischen Erdkreises stammenden Bischöfe in den Organismen des Heiligen Stuhls, insbesondere in den Dikasterien der Römischen Kurie und in verschiedenen Kommissionen, wo sie ihren spezifischen Beitrag als Hirten der Teilkirchen wirksam leisten können.

 

Die ad limina-Besuche und die Beziehungen zum Heiligen Stuhl

70.       Der ad limina-Besuch ist ein bedeutsamer Augenblick und Ausdruck der Gemeinschaft mit dem Papst und mit den Organismen des Heiligen Stuhls. Diese Besuche finden in der sakramentalen Gemeinschaft der Eucharistiefeier, im gemeinsamen Gebet und in der persönlichen Begegnung der Bischöfe mit dem Papst und seinen Mitarbeitern statt. Sie bieten die Gelegenheit zu einer Bestandsaufnahme, die die wirkliche Lage, die Ängste, Hoffnungen, Freuden und Probleme der Teilkirchen ins sichtbare Zentrum der Gemeinschaft einbringt zur Bereicherung der Katholizität und als besondere Erfahrung der Einheit.

            In jüngster Zeit konnten die Hirten anläßlich dieser Besuche miteinander Zeiten des Gebets in Begleitung der engsten diözesanen Mitarbeiter und Gruppen von Gläubigen teilen und so den wirklichen Sinngehalt der ad limina apostolorum-Besuche der Hirten der Teilkirchen bekräftigen.[16]

            In den Antworten auf die Lineamenta geben viele Bischöfe dem Wunsch Ausdruck, daß die Beziehung zwischen dem Nachfolger des Petrus und den Diözesanbischöfen über die Dikasterien des Heiligen Stuhls und die päpstlichen Vertreter immer stärker vom Kriterium der gegenseitigen Zusammenarbeit und brüderlichen Hochschätzung geprägt sein soll als konkrete Verwirklichung einer Communio-Ekklesiologie unter Achtung der Zuständigkeiten.

 

Die Bischofskonferenzen

71.       Die Bischöfe leben ihre Gemeinschaft mit den anderen Hirten in der Ausübung der bischöflichen Kollegialität. Seit frühester christlicher Zeit hat diese Wirklichkeit der Communio besonders qualifizierten Ausdruck gefunden in der Feier der ökumenischen Konzilien, in den Partikular-, d.h. Provinzial- und Plenarkonzilien, die auch heute noch von Nutzen sind bei gleichzeitiger Festigung der Bischofskonferenzen.

            Die Bischofskonferenzen enstanden Anfang des vergangenen Jahrhunderts; sie fanden im Dekret Christus Dominus besonderen Niederschlag und im CIC eine genaue Regelung.[17] Dem Wunsch der Außerordentlichen Synode von 1985 entsprechend, die ein vertieftes Studium der theologischen und rechtlichen Natur der Bischofskonferenzen erbat, hat Johannes Paul II. diesbezüglich das Motu prprio Apostolos suos promulgiert, das die ganze Frage erhellt und klarstellt.[18]

            Im Direktorium Ecclesiæ imago wird die Natur der Bischofskonferenzen mit folgenden Worten beschrieben: "Die Bischofskonferenz wurde zu dem Zweck eingerichtet, Tag für Tag einen vielfältigen und fruchtbaren Beitrag zur konkreten Anwendung der Kollegialität zu leisten. Durch die Konferenzen wird der Geist der Gemeinschaft in der Gesamtkirche und in den einzelnen Teilkirchen untereinander in herausragender Weise entflammt".[19]

72.       Unter Beibehaltung der Autorität des einzelnen Bischofs in seiner Teilkirche "üben die Bischöfe in der Bischofskonferenz vereint den Hirtendienst an den Gläubigen des Gebietes der Konferenz aus; damit aber diese Tätigkeit für die einzelnen Bischöfe rechtmäig und verbindlich ist, ist das Eingreifen der höchsten Autorität der Kirche erforderlich, die durch das allgemeine Recht oder durch besondere Anordnungen bestimmte Entscheidungen der Bischofskonferenz überlaßt".[20]

            "Die vereinte Ausübung des Hirtenamtes betrifft auch das Lehramt".[21] Die in der Bischofskonferenz versammelten Bischöfe müssen vor allem dafür sorgen, daß das universale Lehramt zu dem ihnen anvertrauten Volk gelangt.[22] Die Gläubigen haben die Pflicht, den lehramtlichen Erklärungen der Bischofskonferenz mit frommer Ehrfurcht zuzustimmen, vorausgesetzt, sie wurden einstimmig angenommen oder sie haben nach ihrer Annahme durch eine qualifizierte Mehrheit die recognitio des Apostolischen Stuhls erhalten.[23]

            Die orientalischen Patriarchalkirchen oder Großerzbischofskirchen haben ihre eigenen Institutionen synodalen Charakters, wie die Patriarchalsynode[24] und die Patriarchalversammlung, und eigene Gesetze. Der CCEO legt die Versammlungen der Hierarchien verschiedener Kirchen sui iuris fest.[25]

            Es gibt auch Organismen wie die Internationalen Vereinigungen der Bischofskonferenzen auf kontinentaler oder regionaler Ebene auf Grund ihrer Nachbarschaft. Sie besitzen zwar nicht die Zuständigkeiten der Bischofskonferenzen im Vollsinn gemäß den Normen des kanonischen Rechts, aber sie sind nützliche Instrumente, durch die eine Zusammenarbeit zwischen den Bischöfen im Hinblick auf das Gemeinwohl besteht.[26]

 

Die affektive und effektive Communio

73.       Die Beziehungen zwischen den Bischöfen innerhalb der Patriarchalsynoden der orientalischen Kirchen und durch die Bischofskonferenzen oder durch andere Formen der Zusammenarbeit und Gemeinschaft, jede ihrer eigenen theologischen und rechtlichen Natur entsprechend, dürfen nicht nur als Mittel zur bürokratischen Erledigung interner und externer Fragen angesehen werden. Sie müssen im Geist der Gemeinschaft unter den Hirten der Kirchen und im affectus collegialis, der der sakramentalen Teilhabe an der Hirtensorge für das ganze Volk Gottes eigen ist, eine echte Erfahrung von Spiritualität darstellen, eine Übung der affektiven und effektiven Communio.

            Die Bischofsversammlungen müssen also im gegenseitigen Anhören kraft der gemeinsamen Verantwortung und der Sorge für die Kirche abgehalten werden. Sie sind ein Anlaß zu pastoraler Verantwortung und Brüderlicherkeit, wie es dem Evangelium entspricht. Dabei werden gemeinsam Probleme angegangen, und es findet ein kirchlicher und geistlicher Meinungsaustausch statt. Die Bischöfe haben Gelegenheit, aktuelle Probleme im Licht des Evangeliums und mit gegenseitiger Hilfe zu erwägen. Sie öffnen sich der Gnade des Herrn, der mitten unter denen ist, die in seinem Namen versammelt sind (vgl. Mt 18,20), und die sich dem Beistand des Heiligen Geistes anvertraut haben, der die Kirche führt.

74.       Diese gegenseitige Hilfe unter den Bischöfen und insbesondere seitens der Metropoliten kann und muß in Form von Ermutigung, Entscheidungsfindung, gegenseitigem Rat und gegebenenfalls einer dem Evangelium entsprechenden brüderlichen Zurechtweisung in schwierigen Augenblicken Ausdruck finden.

            Manche wünschen, daß kraft der brüderlichen Gemeinschaft im Bischofsamt und in der Einheit der Kirche zwischen großen und kleinen Diözesen gegenseitige Beziehungen entstehen sollen durch angemessene Hilfen, wie der Austausch von Pastoralassistenten, wirtschaftliche und materielle Unterstützung sowie die Errichtung von gemeinsamen Strukturen und Büros, wenn es sich um Nachbardiözesen handelt. Zu ermutigen sind auch die Partnerschaften zwischen den Diözesen als in der Welt verstreute Kirchen, besonders mit den bedürftigen und jungen Kirchen zum Zeichen der Hirtensorge für die Universalkirche.

            In den Antworten auf die Lineamenta wird darum gebeten, die Beziehungen zu klären, wenn aus verschiedenen Gründen und besonders auf Grund der unterschiedlichen Kirchen sui iuris oder der Existenz einer Personalprälatur oder eines Militärordinariats verschiedene Bischöfe innerhalb desselben territorialen Gebietes ihre jeweiligen Gläubigen leiten. Es ist notwendig, daß genaue Kriterien festgelegt werden, um das Zeugnis der Einheit zu begünstigen.

 

 II. Besondere Problemkreise

Das Bischofsamt in seinen verschiedenen Formen

75.       Aus den Antworten auf die Lineamenta gehen einige Fragen hervor, die besondere Aufmerksamkeit verdienen, um im Hinblick auf die Erfahrung der letzten Jahre besondere Aufgaben, Rechte und Pflichten unter Achtung der persönlichen Gaben der einzelnen Bischöfe zu klären.

            Die erste betrifft die Vielfalt des Bischofsamtes, wie es sich im Lauf der Geschichte und in den Traditionen der Kirche entwickelt hat.

            In der Kirche gibt es das Amt des Bischofs, der für den Dienst in einer der Teilkirchen gewählt und geweiht wird. Dabei hat der Bischof von Rom eine besondere Aufgabe. Die Kirche von Rom führt den Vorsitz in der Liebe, hat einen besonderen primatialen Vorrang, und ihr Bischof ist Haupt und Hirt der Universalkrirche auf Grund seines besonderen Bandes mit dem Apostel Petrus.[27] Beseelt vom Geist des guten Hirten, weidet der Bischof von Rom die universale Herde Christi und stärkt die Brüder in der Wahrheit zum Zeichen der Gemeinschaft und Einheit angesichts aller anderen christlichen Kirchen und Bekenntnisse und angesichts der anderen Religionen und der ganzen Gesellschaft.

            Ein besonderes Amt bekleiden nach ältester kirchlicher Überlieferung die Bischöfe, die unter dem Titel Patriarchen die katholischen orientalischen Kirchen leiten. Dem Patriarchen gebührt ein besonderer Ehrenvorzug als Vater und Haupt seiner Patriachalkirche.[28] In den orientalischen katholischen Kirchen sind Großerzbischöfe Metropoliten eines bestimmten von der höchsten kirchlichen Autorität anerkannten Sitzes und leiten sui iuris eine gesamte orientalische Kirche, die nicht den Patriarchaltitel hat.[29]

            Die diözesanen oder eparchialen Erzbischöfe und Bischöfe sind als Hirten ihrer Teilkirchen eingesetzt.

            Es gibt außer den Erzbischöfen und Bischöfen, die eine Teilkirche mit einem Bischofssitz leiten, andere Erzbischöfe und Bischöfe, die, mit der Gnade und Bischofswürde bekleidet, im Dienst der ganzen Kirche stehen und mit dem Petrusamt in der Leitung der Kirche verbunden sind, darunter auch zu Kardinälen erhobene Bischöfe ohne Sitz einer Teilkirche. Andere arbeiten mit dem Papst in der Hirtensorge der Universalkirche zusammen und stehen im Dienst des Heiligen Stuhls; sie sind mit Aufgaben in der Römischen Kurie, in den Nuntiaturen oder Apostolischen Delegationen betraut.

            Zu nennen sind auch die Metropoliten der orientalischen Kirchen, die eine Provinz innerhalb des Gebiets einer Patriarchalkirche leiten gemäß dem jeweiligen Partikularrecht. Auch in der lateinischen Kirche finden wir Metropoliten, die eine Kirchenprovinz mit eigenen Rechten und Pflichten der Rechtsnorm entsprechend leiten.

            Die diözesanen und eparchialen Bischof-Koadjutoren und Weihbischöfe stehen im Dienst der eigenen Diözesen oder Eparchien und unterstützen den Diözesanbischof oder Eparchen, wenn die Umstände es verlangen und entsprechend der eigenen Rechtsnorm.

            Alle diese verschiedenen Formen des Bischofsamtes in der Kirche erfordern seitens der Bischofssynode besondere Berücksichtigung hinsichtlich der wahren Natur des Bischofsamtes in der Universal- und Teilkirche.

            Diese einfache Aufzählung zeigt die reiche Vielfalt des Bischofsamtes in der universalen Kirche besonders unter theologischem und institutionellem Aspekt.

 

Die emeritierten Bischöfe

76.       Die Anzahl der Bischöfe, die aus rechtlich vorgesehenen Gründen ihres Hirtenamtes enthoben sind, hat heute beträchtlich zugenommen. Wiederholt wurde die Frage nach ihrer verstärkten Teilhabe am kirchlichen Leben gestellt.

            Die emeritierten Bischöfe sind weiterhin Mitglieder des Bischofskollegiums und behalten das Recht, am Handeln des Kollegiums in der vom Recht vorgeschriebenen Weise teilzuhaben.[30]

            Auf Grund ihrer pastoralen Erfahrung werden sie auch in Fragen allgemeiner Natur konsultiert. Damit sie weiterhin über die Hauptprobleme informiert sind, die Dokumente des Hl. Stuhls und vom Diözesanbischof die Diözesannachrichten und andere Verlautbarungen werden ihnen im voraus zugesandt. Auf Grund ihrer Kompetenz und Sachkunde in bestimmten Bereichen können sie als beigeordnete Mitglieder der Dikasterien der Römischen Kurie eingegliedert und zu deren Beratern ernannt werden. Sie können in den von den Statuten der einzelnen Bischofskonferenzen vorgesehenen Fällen von den Bischofskonferenzen gewählt werden, diese in der Bischofssynode zu vertreten. Sie können sich, auch wenn ihre stimmberechtigte Teilnahme in den Statuten der Bischofskonferenzen nicht festgelegt ist, an den Sitzungen oder Studienkommissionen beteiligen.[31]

            In den Anworten auf die Lineamenta wird der Wunsch ausgesprochen, daß alles, was vom Recht vorgeschrieben ist, getreue Anwendung findet.

            Es wird auch darum gebeten, daß die emeritierten Bischöfe mit einer angemessenen ökonomischen Grundlage versorgt werden und daß nach Möglichkeiten gesucht wird, sie aus ihrer Isolierung herauszuholen und ihre volle kirchliche Lebenskraft zu erhalten.

            Es ist notwendig, darüber nachzudenken, wie die alten oder kranken Bischöfe Zuwendung finden können, denn sie sind in der Kirche und inmitten der Gläubigen auch ein Bild der Liebe Christi und der Hingabe des Lebens in ihrem Dienst, im Gebet und im Leiden.

            Der Rat der bischöflichen Mitbrüder kann im Augenblick der Amtsniederlegung sehr hilfreich und tröstlich sein. Aus der Weisheit, dem Verständnis und der Ermutigung der anderen Bischöfe kann auch die nötige Hilfe erwachsen, damit in dieser menschlich und geistlich schwierigen Zeit die Entscheidung über die eigene Zukunft mit Gelassenheit und Vertrauen auf die göttliche Vorsehung getroffen wird.

 

Wahl und Ausbildung der Bischöfe

77.       Manche Antworten auf die Lineamenta werfen die Frage der Beratungen auf, die der Bischofsernennungen vorausgehen sollten; dadurch sollte es möglich sein, denjenigen Kandidaten zu wählen, der für die bevorstehende Aufgabe am besten geeignet schiene.

            Auf Grund der hohen Verantwortung des Bischofsamtes scheinen besondere Initiativen für die neuernannten Bischöfe angebracht. Deshalb wurden in den vergangenen Jahren Bildungsmöglichkeiten für sie bereitgestellt, damit sie Gelegenheit haben, sich vorzubereiten, um den Anforderungen ihres Dienstes in theologischer, pastoraler, kanonistischer, geistlicher und verwaltungstechnischer Hinsicht besser entsprechen zu können.

            Durch angemessene Fortbildungsprogramme wird auch das notwendige lehrmäßige, pastorale und geistliche Aggiornamento der Bischöfe gefördert. Das hat die Stärkung der kollegialen Gemeinschaft und pastoralen Wirksamkeit in ihren Diözesen zur Folge.

            Im Hinblick auf die zu treffenden alltäglichen, manchmal auch schwerwiegenden Entscheidungen ist es besonders notwendig, den Bischöfen nahezulegen, eine angemessene Zeitspanne der Meditation und Kontemplation im Terminkalender einzuplanen; das gilt besonders für den Fall, daß schwierige Probleme zu lösen sind und die Hirtensorge eine Gebetspause verlangt, um zu hören, was der Geist im Innern des Herzens sagen will.


4. Kapitel

Der Bischof im Dienst seiner Kirche

 

Die biblische Ikone der Fußwaschung: Joh 13,1-16

78.       Am Höhepunkt seines Lebens, als Jesus den letzten Abschnitt seines österlichen Weges beginnt, um sich dem Vater zu unserem Heil freiwillig darzubringen, stellt er sich seinen Jüngern als Diener aller vor.

            Jesus hat durch die Fußwaschung die Ikone des Liebesdienstes bis zur Hingabe des Lebens als Vorbild für die wahren Jünger des Evangeliums hinterlassen. Das Beispiel Christi verlangt eine Fortsetzung seiner Haltung: "Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe" (Joh 13,15). Diese Geste des demütigen Dienstes, die jeder Bischof gerufen ist, alljährlich am Gründonnerstag in der Feier des Herrenmahls als Ritus zu wiederholen, ist mit dem Dienst der Liebe, dem neuen Gebot der gegenseitigen Liebe (vgl. Joh 13,34-35), verbunden und offenbart sich als ein Zeichen, das in der Eucharistie und im Opfertod am Kreuz seine Vollendung findet. Dienst, Liebe zum Nächsten, Eucharistie, Kreuz und Auferstehung sind im Leben Jesu, in seiner Lehre und seinem Beispiel für die Kirche und im Gedächtnis an ihn eng miteinander verbunden.

            Im Licht dieser johanneischen Ikone erscheint der Dienst des Bischofs in seiner Teilkirche als ein Dienst der Liebe und seine Figur als die Christi, des Dieners der Brüder. Mit diesen Gefühlen hat Jesus diese Geste auch als Zeichen der Hoffnung vollbracht, wobei er wußte, daß der Vater alles in seine Hände gelegt hatte und daß er vom Vater ausgegangen war und zum Vater zurückkehren sollte, in der Gewißheit, seine Jünger nach dem Paschafest wiederzusehen (vgl. Joh 13,3). So soll auch der Bischof in der Einfachheit seines Dienstes die Hoffnung durch das Wort verkünden, sie durch die Sakramente feiern und sie inmitten seines Volkes und mit seinen Leuten verwirklichen als einfacher Mensch, der sich aller Nöte der Gläubigen, besonders der Anliegen der ärmsten, annimmt.

 

I. Der Bischof in seiner Teilkirche

Die Teilkirche

79.       Die besondere Aufgabe des bischöflichen Dienstes erhält ganz konkrete Bedeutung in der Teilkirche, für die der Diözesanbischof gewählt und geweiht ist. Der Dienst der Bischöfe ist als ein Dienst an den über die Welt verstreuten Teilkirchen zu verstehen, in den und von denen ausgehend (in quibus et ex quibus) nur die eine und einzige katholische Kirche existiert.[32]

            Die Wechselbeziehung von Identität und Repräsentation, die den Bischof in den Mittelpunkt der Teilkirche rückt, kommt in den von Cyprian überlieferten Worten zum Ausdruck: "Du mußt wissen, daß der Bischof in der Kirche ist, und daß die Kirche im Bischof ist; und wenn jemand nicht mit dem Bischof ist, dann ist er auch nicht in der Kirche".[33] So ist der Dienst des Bischofs ganz auf seine Kirche bezogen, die ihn selbst einschließt und eine Reihe von Elementen der Communio und der Einheit in der Universalkirche darstellt. Anderseits ist keine Teilkirche ohne den Bezug zu ihrem Hirten denkbar. Die Teilkirche ist erklärbar, ausgehend vom dreifachen bischöflichen Sendungsauftrag, zu heiligen, zu lehren und zu leiten, der in die prophetische, priesterliche und königliche Dimension des Volkes Gottes eingebunden ist.[34]

            Deshalb muß der Bischof, wie das Direktorium Ecclesiæ imago betont, "in sich selbst die Züge des Bruders und Vaters, des Jüngers Christi und des Glaubenslehrers, des Sohnes der Kirche und in gewissem Sinn ihres Vaters vereinen, denn er ist der Verwalter der übernatürlichen Wiedergeburt der Christen".[35]

 

Ein Geheimnis, das im Bischof mit seinem Volk konvergiert

80.       In der Person des Bischofs, vereint mit seinem Volk, verschmelzen die Züge der kirchlichen Communio ineinander. In ihm offenbart sich die dreifaltige Communio, denn er wird das Bild des "Vaters"; er setzt Christus als "Haupt, Bräutigam und Diener" gegenwärtig; er ist "Verwalter" der Gnade und Mann des Heiligen Geistes. Im Bischof vollzieht sich die apostolische Communio, die ihn zum Zeugen der lebendigen Überlieferung des Evangeliums macht, die an die apostolische Nachfolge anknüpft. In ihm handelt die hierarchische Communio, die ihn mit dem petrinischen Charisma verbindet, wie die Apostel mit Petrus in Jerusalem verbunden waren.

            In der Gnade seines Lehr-, Priester- und Hirtenamtes konkretisiert sich die Einheit der Teilkirche, die in ihm den Knotenpunkt der Communio findet zwischen dem Presbyterium und den einzelnen Pfarreien und örtlichen Vereinigungen, die in Gemeinschaft mit ihm "rechtsgültig" werden. Er ist auch Förderer der Communio der Charismen und Dienste der anderen Gläubigen, der Gott geweihten und der Laien, die in ihm das Prinzip der Einheit und des missionarischen Ansporns finden.

            In der Person des Bischofs kommt auch die Wechselseitigkeit zwischen Universalkirche und Teilkirchen zum Ausdruck. Indem dieTeilkirchen füreinander offen sind, finden sie sich als Anteile des Volkes Gottes und "portiones Ecclesiæ"[36] in der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche wieder, die ihnen vorausgeht und sich in ihnen als konkrete geschichtliche, territoriale und kulturelle Gemeinschaften inkarniert.

 

Wort, Eucharistie, Gemeinschaft

81.       Im Dekret über die Hirtenaufgabe der Bischöfe in der Kirche Christus Dominus finden wir in theologischer Fachsprache die Ikone der Teilkirche mit folgenden ausdrücklich auf die Diözese bezogenen Worten beschrieben: "Die Diözese ist der Teil des Gottesvolkes, der dem Bischof in Zusammenarbeit mit dem Presbyterium zu weiden anvertraut wird. Indem sie ihrem Hirten anhängt und von ihm durch das Evangelium und die Eucharistie im Heiligen Geist zusammengeführt wird, bildet sie eine Teilkirche, in der die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche wahrhaft wirkt und gegenwärtig ist".[37]

            Die Komponenten der Teilkirche um den Bischof können in diesen Grunderfordernissen der Ekklesiologie des Neuen Testamentes zusammengefaßt werden:[38]

a)         Die Verkündigung des Evangeliums, wodurch Christus und sein Wort gegenwärtig gesetzt wird. Dieses Wort baut die Kirche auf. Die Kirche erwächst vor allem aus dem Wort; sie ist "creatura Verbi" unter dem belebenden Hauch des Heiligen Geistes. Denn die Kirche beginnt als "ecclesia", als Gemeinschaft derer, die durch das Wort des Evangeliums zusammengerufen sind. Sie wird vom verkündeten Wort geformt und nimmt Gestalt an, das im Glauben angenommen und ständig gepredigt wird, wie uns die Apostelgeschichte lehrt (vgl. Apg 2,42 ff). Deshalb ist für die Kirche die liturgische Verkündigung des Wortes, die Evangelisierung und die Katechese in der lebendigmachenden Kraft des Heiligen Geistes wesentlich.

b)         Das Geheimnis des Herrenmahls oder der Eucharistie, das die Kirche aufbaut. Denn Christus ist das Haupt und der Bräutigam der Kirche, und die Eucharistie ist das sakramentale Gedächtnis des Todes und der Auferstehung des verherrlichten Christus, das die Kirche einzig, heilig, katholisch und apostolisch macht.

c)         Diese Synaxis, die auch in "kleinen, armen und verstreuten Gemeinschaften" Wirklichkeit wird, setzt das göttliche Leben voraus und erzeugt es: die Liebe, die Hoffnung und die Nächstenliebe, das heißt die christliche Existenz, die sich in der Gemeinschaft unter den Gläubigen und in ihrer Sendung ausdrückt. Die Eucharistie wird Quelle und Höhepunkt des Lebens der Kirche.[39]

            In diesen drei Zeichen werden die drei ursprünglichen Eigenschaften des Christseins deutlich. Denn die Kirche empfängt in ihrer sichtbaren Verbindung mit dem unsichtbaren Lehrer und seinem Geist das Wort des Evangeliums, feiert das Geheimnis des Herrenmahls und lebt in der Liebe durch denselben Glauben und dieselbe Hoffnung.

 

 Die eine heilige katholische und apostolische Kirche

82.       Die Teilkirche birgt in sich die ganze komplexe Wirklichkeit der Kirche als Volk Gottes, insofern sie alle Getauften in ihre vielfache und anspruchsvolle priesterliche, prophetische und königliche Wirklichkeit einbezieht mit der Vielfalt der geweihten Dienste und Charismen.

            Es handelt sich um ein Volk, von der Gnade der Sakramente gekennzeichnet, als Kirche in Christus und im Heiligen Geist zur Ehre des Vaters konstituiert. Aber es ist auch ein pilgerndes Volk, das hier und jetzt in einem Land, in einer Geschichte und in einer Kultur wurzelt.

            Die Teilkirche ist ständig gerufen, sich mit dem Reichtum der Universalkirche zu messen, die sie selbst verwirklicht, gegenwärtig setzt und wirksam macht. Sie ist Orts-, Teilkirche, aber in den eschatologischen Plan einbezogen, der umfaßt: die Einheit im göttlichen Leben, im Dienst, in den Sakramenten, im Leben, in der Sendung, in der Gemeinschaft mit Petrus; die Heiligkeit im Reichtum des gelebten Evangeliums und in der reifen und reichen Erfahrung der Gaben des Heiligen Geistes; die Katholizität als herrliche Gemeinschaft mit allen, offen für die Universalität der Kirche und ihre vielfältigen Reichtümer, die gegenseitig integriert werden können; die Apostolizität kraft der Weitergabe des Glaubens und des sakramentalen Lebens, das von den Aposteln kommt, mit der Kraft des missionarischen Sendungsauftrags bis an die Grenzen der Erde und zum Ende der Zeiten.

 

Eine Kirche mit menschlichem Antlitz

83.       Wenn in der Kirche Göttliches und Menschliches zusammenfließt und deren göttliche Wurzel die Dreifaltigkeit ist, so ist sie doch als Feld und Weinberg des Herrn in diese Erde eingepflanzt. Als Volk auf dem Weg lebt sie an einem Ort, hat eine Geschichte, eine Gegenwart und eine Zukunft. In der Tat, eine Teilkirche hat eigene, auch liturgische Traditionen, bewahrt die Spuren der vergangenen und gegenwärtigen Heilsgeschichte, aus der sie lebt und auf die Zukunft ausgerichtet ist.

            Es gilt, diese irdische Wirklichkeit der Teilkirche, die hier und heute lebt, zu erkennen, um bis auf den Grund ihr Sein und Handeln, ihren Reichtum und ihre Schwäche, ihre Bedürfnisse im Hinblick auf die Evangelisierung und das Zeugnis zu erfassen. Als Teilkirche ist sie sich dessen bewußt, in der Communio der heiligen Dinge und der Heiligen des Himmels und der Erde zu stehen, die die wahre und große "communio sanctorum" ist.

            Die Kirche ist außerdem Gemeinschaft von Personen mit einem Antlitz, wo jeder einzelne unwiederholbar ist und wo die Individualität nicht ausgelöscht wird. Die Gesichter zeigen das konkrete Leben der Personen, Männer und Frauen aller Altersstufen und jeder Befindlichkeit.

            In dieser "Kirche der Gesichter" kann man eine konkrete Botschaft lesen, ein Bedürfnis nach Präsenz, nach Evangelisierung, nach Zeugnis, eine Bereitschaft zum Dialog, einen Anspruch auf Authentizität. Wenn man an die Teilkirche denkt, darf man die konkreten Gesichter nicht vergessen, denn in ihnen spiegelt sich das lebendige Bild Christi wider. Paul VI. hat daran erinnert, daß die "universale Kirche in den Teilkirchen konkrete Gestalt annimmt, die ihrerseits aus einer bestimmten konkreten Menschengruppe bestehen, die eine bestimmte Sprache sprechen, einem kulturellen Erbe verbunden sind, einer Weltanschauung, einer geschichtlichen Vergangenheit und einer bestimmten Ausformung des Menschen".[40]

            In Wirklichkeit hat jede Teilkirche ihr eigenes menschliches und geographisches Gesicht, das auch eine eigene Pastoralplanung erfordert. Es gibt Diözesen, die vor allem moderne dichtbevölkerte Städte umfassen; andere dehnen sich über weite Gebiete aus, die der Bischof nur schwer erreichen kann.

 

Universalkirche und Teilkirche

84.       Das Dokument der Kongregation für die Glaubenslehre Communionis notio, das einige Schwerpunkte und Grenzen der Communio-Ekklesiologie und der eucharistischen Ekklesiologie klargestellt hat, wollte zu Recht einige Aspekte der Fülle und der Grenzen der Teilkirche beleuchten, die zu beachten sind, damit sie ihrem authentischen katholischen Bild entspricht.

            Es warnt zum Beispiel vor einem Begriff der Teilkirche, der die Communio der einzelnen Kirche so darstellt, daß auf sichtbarer und institutioneller Ebene der Begriff der Einheit der Kirche geschwächt wird. "Man bekräftigt damit - heißt es in dem Dokument -, daß jede Teilkirche ein in sich vollständiges Subjekt ist und daß die Universalkirche aus der gegenseitigen Anerkennung der Teilkirchen erwächst. Diese ekklesiologische Einseitigkeit, die nicht nur den Begriff der Universalkirche, sondern auch den der Teilkirche verkürzt, zeigt ein ungenügendes Verständnis des Begriffs der Communio an".[41]

            Um die Communio in ihrer universalen Dimension nicht zu gefährden, findet sich in diesem Dokument eine erhellende Bekräftigung: "In der Kirche ist niemand Fremdling: Besonders in der Eucharistiefeier befindet sich jeder Gläubige in seiner Kirche, in der Kirche Christi".[42] Denn jeder Gläubige, ob er zur Diözese, zur Pfarrgemeinde oder Teilkirche gehört oder nicht, muß sich in der Eucharistiefeier immer in seiner Kirche fühlen. Obwohl er einer Teilkirche angehört, in der er getauft wurde, lebt oder am Leben Christi teilhat, gehört er in gewisser Weise zu allen Teilkirchen.[43]

            Dieses Geheimnis der Einheit ist dem Dienst des Bischofs in der unauflöslichen Beziehung der Teilkirche zur Universalkirche anvertraut.

85.       In diesem Anteil des Volkes Gottes lebt eine Gemeinschaft, die zu der einen Familie Gottes gehört, in Fülle die Beziehung zum Reich Christi, in das alle in die Kirche von Pfingsten[44] eingebundenen Reichtümer der Katholizität integriert sind.[45]

            Die Bezugnahme auf die Kirche von Jerusalem bewirkt, daß jede Kirche eine notwendige Bindung an Petrus, das Haupt dieser Kirche der Anfänge, hat. Diese Bindung verleiht jeder Ortskirche durch die apostolische Nachfolge der Bischöfe einen apostolischen Charakter. Die Communio in der einen Kirche und in den einzelnen Kirchen setzt auch die Einheit im Charisma des Petrus und damit die Gemeinschaft mit allen anderen in der Welt verstreuten Kirchen voraus.

            In diesem Plan der universalen Einheit und der vereinzelten Besonderheit entfaltet sich gleichsam eine Art dreifaltiger Plan, der die eigene Existenz jeder Kirche in der katholischen Kirche und ihre gegenseitige Beziehung besiegelt und formt. Die soziale, kulturelle, geographische und geschichtliche Wirklichkeit jeder einzelnen Kirche ist also nicht ohne Sinn. In der Wirklichkeit der Ortskirchen in der Welt verwirklicht die Universalkirche das Geheimnis der Einheit und der Versöhnung aller in Christus. Und diese Communio aller Glieder der Teilkirche hat im Bischof ihr Kennzeichen und ihren Garanten.

 

II. Communio und Missio in der Teilkirche

In Gemeinschaft mit dem Presbyterium

86.       Eine notwendige gemeinschaftliche Handlung ist die sakramentale Versammlung des Presbyteriums um seinen Bischof. Sie ist gemäß den ältesten z.B. von Ignatius von Antiochien überlieferten Texten wesentlich für die Teilkirche. Der Bischof und das Presbyterkollegium sind durch die "communio sacramentalis" im hierarchischen oder Amtspriestertum verbunden, das heißt in der Teilhabe an demselben und einzigen Priestertum Christi, und damit - wenn auch im unterschiedlichem Maß - in dem einzigen kirchlichen Amtspriestertum und in der gleichen apostolischen Sendung.

            Durch dieses Band und folglich durch ihre Mitarbeit im bischöflichen Dienst "sammeln die Presbyter die Familie Gottes als die von einem Geist durchdrungene Gemeinde von Brüdern".[46]

            Auf der Linie des II. Vatikanums hat Johannes Paul II. die Zugehörigkeit der Presbyter zur Teilkirche als Gundlage einer reichhaltigen Theologie und Spiritualität hervorgehoben: "Der Priester muß sich dessen bewußt sein, daß seine Zugehörigkeit zu einer Teilkirche ihrem Wesen nach ein kennzeichnendes Element ist, um eine christliche Spiritualität zu leben. In diesem Sinn findet der Priester gerade in seiner Zugehörigkeit und Hingabe an die Teilkiche eine Quelle für Sinngehalte, für Unterscheidungs- und Aktionskriterien, die sowohl seiner pastoralen Sendung als auch seinem geistlichen Leben Gestalt geben".[47]

            Zum Presbyterium der Diözese gehören auch alle Priester der Institute des geweihten Lebens und der Gesellschaften des apostolischen Lebens. Sie leben die eigenen Charismen in der Einheit, Gemeinschaft und Sendung der Teilkirche. In dieser tragen sie dazu bei, daß jeder einzelne die eigenen reichen Gaben der Spiritualität und des Apostolats einbringen kann. So werden die Teilkirchen auf charismatischer Ebene "nach dem Bild" der Universalkirche bereichert, in der manche diözesanübergrei-fende Institutionen verankert sind.[48]

            Die Dimension der Universalität ist wirklich an die Communio mit allen Kirchen und an die Natur des Presbyteramtes gebunden, das eine universale Sendung hat.[49]

87.       Das II. Vatikanische Konzil hat die gegenseitigen Beziehungen zwischen dem Bischof und den Priestern in verschiedenen Gleichnissen und Ausdrücken beschrieben. Es hat den Bischof als "Vater" der Priester bezeichnet,[50] hat auf die geistliche Vaterschaft, aber auch auf die Brüderlichkeit, die Freundschaft, die notwendige Mitarbeit und die Beratung hingewiesen. Es ist aber so, daß die sakramentale Gnade durch den Bischof auf den Priester übertragen wird und daß sie ihm im Hinblick auf die untergeordnete Mitarbeit mit dem Bischof an der apostolischen Sendung verliehen wird. Dieselbe Gnade verbindet die Priester mit den verschiedenen Aufgaben des bischöflichen Dienstes, besonders mit der des Dieners des Evangeliums Jesu Christu für die Hoffnung der Welt. Kraft dieses sakramentalen und hierarchischen Bandes übernehmen die Priester als seine notwendigen Mitarbeiter und Ratgeber, Gehilfen und Werkzeuge zum Teil die Amtsaufgaben und die Hirtensorge des Bischofs und machen ihn in den einzelnen Gemeinden gegenwärtig.[51]

            Die sakramentale und hierarchische Beziehung setzt sich in eine ständig zu bildende und zu pflegende wirkliche Communio des Bischofs mit den Gliedern seines Presbyteriums um und verleiht der inneren und äußeren Haltung des Bischofs seinen Priestern gegenüber Festigkeit und Gewicht. Der Ort, an dem sich diese Communio verwirklicht, ist der Priesterrat, der das Presbyterium vertritt und der "Senat" des Bischofs ist und ihm in der Leitung der Diözese hilft, um das Wohl aller Gläubigen noch wirksamer zu fördern. Aufgabe des Bischofs ist es, ihn zu konsultieren und gern seine Meinung einzuholen.[52]

 

Besondere Sorge für die Priester

88.       Vorbild für die Herde (vgl. 1 Petr 5,3) muß der Bischof vor allem für seinen Klerus sein, dem er gutes Beispiel gibt durch das Gebet, den sensus Ecclesiæ, den apostolischen Eifer, die Hingabe in der Pastoral insgesamt und die Zusammenarbeit mit allen anderen Gäubigen.

            Der Bischof hat dann in erster Linie die Verantwortung der Heiligung seiner Priester und ihrer ständigen Weiterbildung. Angesichts dieser geistlichen Notwendigkeiten, der Begabungen der einzelnen und der Anforderungen, die durch die Pastoral insgesamt und das Wohl der Gläubigen gestellt werden, handelt der Bischof so, daß er den Dienst der Priester in möglichst angemessener Weise abruft. Der Bischof muß sich sogar täglich bemühen, daß alle Priester wissen und konkret spüren, daß sie nicht allein oder sich selbst überlassen, sondern Glieder und Teile des "einen und einzigen Presbyteriums" sind.

            Aus den Antworten auf die Lineamenta geht hervor, daß die Priester, weil sie einen geistlichen Bezugspunkt brauchen, vom Bischof gestützt werden müssen. Als Vater und Hirt pflegt und fördert der Bischof persönliche und gemeinsame Beziehungen mit seinen Priestern, indem er sie am Priesterrat oder an pastoralen und geistlichen Bildungstreffen verantwortlich beteiligt. Jede Entzweiung zwischen Bischof und Priester ist ein Skandal für die Gläubigen und macht die Verkündigung unglaubwürdig; wohingegen Autoritätausüben im Zeichen der Brüderlichkeit wirklich ein Dienst wird. Indem er mit seinen Priestern in gutem Einvernehmen steht, lernt der Bischof ihre Fähigkeiten kennen und kann jedem einzelnen die für ihn angemessenste Aufgabe übertragen.

 

Der Dienst und die Mitarbeit der Diakone

89.       In der amtlichen und hierarchischen Communio der Kirche gibt es neben den Priestern auch die Diakone, die nicht zum Priestertum, sondern zum Dienst geweiht sind. Indem sie den Geheimnissen Gottes und der Kirche in der Diakonie des Wortes, der Liturgie und der Caritas dienen,[53] sind die Diakone auf Grund ihres Ranges in der heiligen Weihe eng mit dem Bischof und seinem Presbyterium verbunden.[54] Deshalb ist es richtig, zu bekräftigen, daß der Bischof der Hauptverantwortliche in der Auswahl der Berufung der Kandidaten[55] und ihrer geistlichen, theologischen und pastoralen Ausbildung ist. Der Bischof ist immer derjenige, der ihnen unter Berücksichtigung der pastoralen Bedürfnisse und der familiären und beruflichen Lage die Dienste überträgt, und zwar so, daß sich ihre Präsenz harmonisch in das Leben der Teilkirche einfügt und ihre ständige Fortbildung und geistliche Förderung nicht vernachlässigt wird.[56]

 

Das Priesterseminar und die Berufspastoral

90.       Weil die Priester und Diakone für die Teilkirche außerordentlich wichtig sind, gilt die Hauptsorge des Bischofs der Berufspastoral im allgemeinen und der Pastoral für die Priester- und Diakonatsberufungen im besonderen. Dabei ist das Priesterseminar als gemeinschaflicher Ort und Umfeld, wo die zukünftigen Priester wachsen, reifen und sich formen, Zeichen der Hoffnung, aus der eine Teilkirche im Blick auf die Zukunft lebt.

            Angesichts des Mangels an Berufungen in einer Kirche, die nicht verzichten kann auf die Fülle des Priestertums, um das Wort und die Sakramente, vor allem die Eucharistie und die Sündenvergebung zu feiern, ist Mut nötig beim Angebot der priesterlichen Lebensform. Zu den wichtigsten Aufgaben des Bischofs zählt als besonderes Zeugnis der Hoffnung die Sorge um die Berufungen und das spezifische Interesse für die ganzheitliche Formung der zukünfigen Priester entsprechend den Richtlinien des kirchlichen Lehramts. Das erfordert vom Bischof, daß er die Kandidaten für die Priester- und Diakonatsweihe persönlich kennt.

            Heute wird die Hochschätzung der Berufung zum Priestertum unter der Mitarbeit der Familien, Pfarreien, Ordensfamilien und kirchlichen Bewegungen und Gemeinschaften mit großer Zuversicht gefördert. Eine Kirche, in der die notwendige Beziehung zum geweihten Priester fehlt, läuft Gefahr, ihre Identität zu verlieren. Eine christliche Gemeinschaft, die vom Priesteramt im Hinblick auf die Lehre, die Leitung und die Sakramente, vor allem der Buße, der Krankensalbung und der Eucharistie absieht, ist nicht denkbar.

 

In Beziehung zu den anderen Ämtern

91.       Neben dem Presbyterat und dem Diakonat entfaltet die Kirche ihre Sendung auch durch institutierte Dienste und andere Aufgaben und Rollen. In Anbetracht dieser Vielfalt muß der Bischof die verschiedenen Ämter fördern, durch die die Kirche zu jedem guten Werk fähig wird. Diese Dienste und Aufgaben sind geweihten Personen und gläubigen Laien kraft der allgemeinen Berufung und Sendung zu übertragen, die aus der Taufe und Firmung und den besonderen Gaben erwachsen, die jeder mit Freude in den Dienst des Evangeliums stellt.

            Hieraus folgt das dreifache kirchliche Dienstamt, das mit der dreifachen Würde der Getauften im Volk Gottes verbunden ist: Aus der prophetischen Aufgabe erwachsen Evangelisierung und Katechese, die aus dem Hören des Wortes schöpfen. Aus der priesterlichen Aufgabe erwachsen die Dienste, die mit der Feier der Liturgie verbunden sind, und der geistliche Gottesdienst des Alltags und das Gebet, um das Dasein zu einem Geschenk, zur Anbetung im Geist und in der Wahrheit zu machen. Aus der königlichen Aufgabe entstehen alle Dienste zugunsten des Reiches Gottes in der Welt, in den gesellschaftlichen Strukturen, in der Familie, in den Betrieben, verbunden mit den konkreten Formen der Nächstenliebe, dem sozialen Einsatz und der gesunden und anspruchsvollen "politischen Nächstenliebe".

            Wenn in allem die Communio gedeiht, dann wirkt und offenbart sich die Kraft der Dreifaltigkeit, die die Liebe ist, und die Hoffnung erneuert sich in der gegenseitigen Gemeinschaft.

 

Sorge für das gottgeweihte Leben

92.       Das gottgeweihte Leben ist bevorzugte Ausdrucksform der Kirche als Braut des Wortes und sogar, wie es schon am Anfang des Apostolischen nachsynodalischen Schreibens Vita consecrata heißt, ihr "entscheidendes Element für die Sendung der Kirche in deren Herz und Mitte".[57] In ihm und in seinen vielfältigen Ausdrucksformen werden, indem sie eine typische und ständige Sichtbarkeit angenommen haben, die charakteristischen Züge des reinen, armen und gehorsamen Jesus in der Welt gegenwärtig gemacht und als absoluter und eschatologischer Wert ausgewiesen. Die ganze Kirche ist der Heiigsten Dreifaltigkeit dankbar für das Geschenk des geweihten Lebens. Es zeigt, daß sich das Leben der Kirche nicht in der hierarchischen Struktur erschöpft, als sei sie gleichsam nur von geweihten Dienern und Laien zusammengesetzt. Vielmehr ist der Bezug auf eine weitergefaßte, reichere und differenziertere Grundstruktur hergestellt, die instituionell-charismatisch ist und dem Willen Christi selbst entspricht. Dazu gehört das gottgeweihte Leben.[58]

            Die geweihte Lebensform ist also ein für das Leben und die Heiligkeit der Kirche unverzichtbares und grundlegendes Geschenk des Geistes. Sie steht notwendigerweise in einer hierarchischen Beziehung zum geweihten Amt, besonders dem des römischen Papstes und der Bischöfe. Im nachsynodalen Apostolischen Schreiben verwies Johannes Paul II. auf das besondere Band der Communio, das die verschiedenen Formen des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens mit dem Nachfolger des Petrus verbindet. Darin wurzeln auch ihre Eigenschaften, weltkirchlich angelegt zu sein und die Grenzen der Diözesen zu übergreifen.[59]

            Den Bischöfen in Einheit mit dem römischen Papst überträgt Christus, das Haupt, wie die richtungweisenden Mutuæ relationes hervorheben, die Aufgabe, "sich der Ordenscharismen anzunehmen, um so mehr als die Unteilbarkeit des Hirtenamtes selbst sie zu Vervollkommnern der ganzen Herde macht. Indem die Bischöfe das geweihte Leben fördern und schützen, erfüllen sie eine echte Hirtenaufgabe".[60]

            Im Apostolischen Schreiben Vita consecrata wird ständig die Forderung erhoben, die gegenseitigen Beziehungen zwischen den Bischofskonferenzen, den höheren Oberen und deren Konferenzen zu verstärken mit dem Ziel, den Reichtum der Charismen zu fördern und für das Wohl der Welt- und der Teilkirche zu wirken.

            Die geweihten Personen leben, wo immer sie sich befinden, ihre Berufung für die universale Kirche innerhalb einer bestimmten Teilkirche, in der sie ihre kirchliche Präsenz verwirklichen und besondere Aufgaben erfüllen. Sie sind auf Grund ihres dem geweihten Leben innewohnenden prophetischen Charakters in jeder Teilkirche vor allem gelebte Verkündigung des Evangeliums der Hoffnung und beredte Zeugen des Primates Gottes im christlichen Leben und der Macht seiner Liebe in der Hinfälligkeit der menschlichen Existenz.[61] Daraus ergibt sich die Wichtigkeit der Zusammenarbeit zwischen jedem Bischof und den geweihten Personen, um die Pastoral auf diözesaner Ebene harmonisch weiterzuentwickeln.[62]

            Die Kirche ist den vielen Bischöfen dankbar, die im Laufe ihrer Geschichte bis heute das geweihte Leben als besonderes Geschenk des Geistes für das Volk Gottes so hochgeschätzt haben, daß sie selbst Ordensfamilien gründeten, von denen heute noch viele aktiv im Dienst der Weltkirche und der Teilkirchen sind. Auch die Tatsache, daß der Bischof sich schützend dafür einsetzen soll, daß die Institute ihrem Charisma treu bleiben, ist ein Grund zur Hoffnung für die Institute, besonders für jene, die in Schwierigkeiten sind.[63]

 

Laien, die sich engagieren und Verantwortung übernehmen

93.       Das II. Vatikanische Konzil, die 7. Ordentliche Generalversamm-lung der Bischofssynode von 1987 und das nachfolgende Apostolische Schreiben Christifideles laici von Johannes Paul II. haben die Berufung und Sendung der Laien in der Kirche und in der Welt eingehend dargelegt.[64] Die Taufwürde, die sie des Priestertums Christi teilhaftig macht, und eine besondere Gabe des Geistes verleihen ihnen eine besondere Stellung im Leib der Kirche und berufen sie, ihrer Bestimmung entsprechend, zur Teilhabe an der Heilssendung, die die Kirche im Auftrag Christi bis zum Ende der Zeiten entfaltet.

            In all ihren vielfältigen Tätigkeiten sind die Laien gerufen, das eigene persönliche Talent und die erworbene Kompetenz mit dem klaren Zeugnis des eigenen Glaubens an Jesus Christus zu verbinden. In die zeitlichen Wirklichkeiten eingebunden, sind die Laien und ist jeder Christ gerufen, Rede und Antwort zu stehen über die göttliche Hoffnung, die ihn erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15), und auf dieser Erde eifrig zu arbeiten, gerade weil sie von der Erwartung der "neuen Erde" angespornt werden.[65] Wegen ihrer Stellung in der Welt können die Laien großen Einfluß auf die Kultur ausüben, indem sie deren Perspektiven und Horizonte auf Hoffnung hin erweitern. Dadurch leisten sie auch einen besonderen Beitrag zur Evangelisierung der Kultur, der um so notwendiger ist, als in unserer Zeit die Spaltung zwischen Evangelium und Kultur noch fortdauert. Im Bereich der Kommunikationsmittel, die die Mentalität der Personen stark beeinflussen, obliegt den Laien eine besondere Verantwortung vor allem im Hinblick auf eine korrekte Verbreitung der moralischen Werte.

            In den Antworten auf die Lineamenta wird den Bischöfen empfohlen, Gespächskreise zu bilden, in denen die Laien ihrem weltlichen Stand und ihren Kompetenzen entsprechend zu Wort kommen, so daß zwischen dem Evangelium und der heutigen Gesellschaft kein Gefälle entsteht; dabei sollen aktuelle Probleme vorgebracht werden, aber unnötige Wortmeldungen vermieden werden..

94.       Obwohl die Laien auf Grund der Berufung vorwiegend weltliche Tätigkeiten ausüben, sollte man nicht vergessen, daß sie zu einer kirchlichen Gemeinschaft gehören und darin die Mehrheit ausmachen. Nach dem II. Vatikanischen Konzil sind glücklicherweise neue Formen der verantwortlichen Teilhabe der Laien, Männer und Frauen, am Leben der einzelnen Diözesen und Pfarrgemeinden entstanden. Sie sind nunmehr in verschiedenen Pastoralräten vertreten, spielen eine immer größere Rolle in verschiedenen Diensten wie in der Gestaltung der Liturgie oder der Katechese; sie sind im katholischen Religionsunterricht in den Schulen eingesetzt usw.

            Eine bestimmte Anzahl von Laien ist auch bereit, sich in solchen Aufgaben ständig und manchmal für immer zu engagieren. Diese Mitarbeit der Laien ist für die Erfordernisse der "Neuevangelisierung" gewiß wertvoll, besonders dort, wo eine ungenügende Zahl von geweihten Amtsträgern zu verzeichnen ist.

            Das Nachdenken über die Laien muß auch ihre angemessene Ausbildung einschließen. Es ist anderseits klar, daß der Bischof besonders auf geistlicher Ebene darauf achten soll, die engsten Mitarbeiter in der kirchlichen Sendung zu stützen.

            Eine besondere Rolle in der Bildung der Laien muß der Soziallehre der Kirche zukommen. Sie soll die Laien in ihrer Tätigkeit erleuchten und anspornen, wie es den dringenden Erfordernissen der Gerechtigkeit und des Gemeinwohls entspricht, für die sie ihren entscheidenden Beitrag in den notwendigen Werken und Diensten leisten, die die Gesellschaft beansprucht. Deshalb ist es notwendig, diözesane sozialpolitische Bildungseinrichtungen als unerläßliches Pastoralinstru-ment zu schaffen.

            Aus den Antworten auf die Lineamenta geht auch hervor, daß theologisch und kirchlich gebildete erwachsene Laien für den Verkündigungsdienst wesentlich sind. Ohne solche Laien besteht die Gefahr, daß in manchen Gebieten der Evangelisierungsauftrag der Kirche nicht mehr weitergeführt werden kann, besonders dort, wo großer Priestermangel herrscht und Laien die Rolle übernehmen, die Amtsträger zu unterstützen. In vielen Gebieten hat sich der Schwerpunkt auf die Rolle der Katechisten verlagert, aber auch auf Pastoralassistenten, die fähig sind, in der Diözese und in den Pfarreien wahre kirchliche Arbeit auch in den verschiedenen Bereichen zu leisten, in denen das Evangelium Sauerteig der Gesellschaft von heute und Zeichen der Umwandlung und Hoffnung werden muß. Die Bischöfe und Priester müssen den Laien größeres Vertrauen entgegenbringen. Diese fühlen sich oft als Erwachsene im Glauben nicht genügend anerkannt und wollen stärker in das Leben und die Pläne der Diözese vor allem in der Evangelisierung einbezogen werden.

 

Im Dienst der Familie

95.       Ebenso wichtig ist die Formung der Jugendlichen zum Ehe- und Familienleben, indem ihre Hoffnungen und Erwartungen nach einer tiefen und wahren Liebe, wie sie dem Plan Gottes für die Ehe und Familie entspricht, gestärkt werden. Die Familienseelsorge und -spiritualität, die Offenheit für Ehepaare in Schwierigkeiten, die Erfahrung reifer Eheleute und die Heranführung zum Sakrament der Ehe auf dem Weg der sakramentalen Initiation sind wirksame Mittel, um der Krise der Unbeständigkeit und Untreue im Ehebund zu begegnen.

            Die Aufmerksamkeit des Bischofs für die Eheleute und ihre Kinder auch im Rahmen von diözesanen Familientagen mag für alle ein Zeichen der Ermutigung setzen.

 

Die Jugend pastoraler Schwerpunkt für die Zukunft

96.       Die besondere Sorge der Hirten gilt den Jugendlichen. Sie sind die Zukunft der Kirche und der Menschheit. Ein Dienst der Hoffnung auf die Zukunft muß diejenigen miteinbeziehen, die sie vor sich haben. Als "Wächter in der Nacht" erwarten die jungen Menschen die Morgenröte einer neuen Welt und sind bereit, sich im Leben und Wirken der Kirche zu engagieren, wenn ihnen echte Verantwortung und ausreichende christliche Bildung angeboten wird. Als Evangelisatoren ihrer der Kirche fernstehenden Altersgenossen sind die jungen Menschen ein Anreiz und Ansporn für die Hirten im Hinblick auf die Erneuerung innerhalb der Pfarreien.

            Das Beispiel Johannes Pauls II., der durch die Weltjugendtage gezeigt hat, daß er an die Zukunft glaubt und damit einen Weg der Hoffnung öffnet, kann die Hirten der Kirche unterstützen, so daß sie eine authentische auf Christus gründende Jugendpastoral anbieten. Die leidenschaftliche Sorge um das geistliche Wohl der Jugend des dritten Jahrtausends ist ein starker Beweggrund, um sie zur Weitergabe des Evangeliums an die kommenden Generationen anzuleiten.

 



[1] Cf. Conc. Œcum. Vat. II, Const. dogm. de Ecclesia Lumen gentium, 23; C.I.C. can. 381§1; C.C.E.O. can. 178.

[2] Cf. Conc. Œcum. Vat. II, Const. dogm. de Ecclesia Lumen gentium, 22; C.I.C. can 336; C.C.E.O. can. 49.

[3] Cf. S. Cyprianus, De catholicæ Ecclesiæ unitate, 5: PL 4, 516; cf. Conc. Œcum. Vat. I, Const. dogm. Pastor æternus de Ecclesia Christi, Prologus: DS 3051; cf. Conc. Œcum. Vat. II, Const. dogm. de Ecclesia Lumen gentium, 18.

[4] Congregatio Pro Doctrina Fidei, Litt. Communionis notio (28.05.1992), 13: AAS 85 (1993) 846.

[5] Cf. Conc. Œcum. Vat. II, Const. dogm. de Ecclesia Lumen gentium, 23.

[6] Cf. Congregatio Pro Doctrina Fidei, Litt. Communionis notio (28.05.1992), 9; 11-14: AAS 85 (1993) 844-847.

[7] Conc. Œcum. Vat. II, Decret. de past. Episc. mun. in Ecclesia Christus Dominus, 6; cf. Conc. Œcum. Vat. II, Const. dogm. de Ecclesia Lumen gentium, 23; Decret. de past. Episc. mun. in Ecclesia Christus Dominus, 3,5.

[8] Cf. Conc. Œcum. Vat. II, Const. de sacra Liturgia Sacrosanctum concilium, 26.

[9] Cf. Conc. Œcum. Vat. II, Decret. de past. Episc. mun. in Ecclesia Christus Dominus, 6.

[10] Cf. Conc. Œcum. Vat. II, Const. dogm. de Ecclesia, Lumen gentium, 22-23.

[11] Ibid., 8; cfr. Congregatio Pro Doctrina Fidei, Decl. Dominus Iesus (6.08.2000), 17.

[12] Ibid., 26.

[13] Ibid., 6.

[14] Congregatio Pro Doctrina Fidei, Litt. Communionis notio (28.05.1992), 14: AAS 85 (1993) 846.

[15] Cf. Conc. Œcum. Vat. II, Const. dogm de Ecclesia Lumen gentium, 25.

[16] Cf. Congregatio Pro Episcopis, Direct. pro visitatione ad limina Constitutioni apostolicæ Pastor Bonus adnexum (29.06.88).

[17] Cf. Conc. Œcum. Vat. II, Decr. de past. episcoporum munere in Ecclesia Christus Dominus, 37-38; C.I.C., c.447-449.

[18] Cf. Ioannes Paulus II, Litt. ap. motu proprio datæ Apostolos suos (21.05.1998): AAS 90 (1998) 641-658; cf. Congregatio Pro Episcopis, Epistula Præsidibus Conferentiarum Episcopalium missa, nomine quoque Congregationis pro Gentium Evangelizatione (21.06.1999): AAS (1999) 996-999.

[19] Sacra Congregatio pro Episcopis, Direct. Ecclesiæ imago (22.02.1973), 210; cf. Ioannes Paulus II, Litt. ap. Apostolos suos (21.05.1998), 5.

[20] Cf. Ioannes Paulus II, Litt. ap. Apostolos suos (21.05.1998), 20: AAS 90 (1998) 765.

[21] Ibid., 21: AAS 90 (1998) 655.

[22] Cf. idem.

[23] Cf. ibid., 22: AAS 90 (1998) 655.

[24] Cf. C.C.E.O., c. 110 et 152.

[25] Cf. C.C.E.O., c. 322.

[26] Cf. Ioannes Paulus II, Litt. ap. Apostolos suos (21.05.1998), 5, note 32: AAS 90 (1998) 645.

[27] Cf. Conc. Œcum. Vat. II, Const. dogm. de Ecclesia, Lumen gentium, 22-23, cum notis.

[28] Cf. Conc. Œcum. Vat. II, Decr. de Ecclesiis orientalibus catholicis Orientalium Ecclesiarum, 9; C.C.E.O., cc.55-56.

[29] Cf. C.C.E.O., cc. 151-152.

[30] Cf. C.I.C., c. 336; 337; 339.

[31] Cf. Congregatio Pro Episcopis, Normæ In vita Ecclesiæ über die Amtsenthebung der Bischöfe (31.10.1988); Pontificium Consilium Pro Interpretatione Legum, Responsio (3.12.1991): AAS 83 (1991) 1093.

[32] Cf. Conc. Œcum. Vat. II, Const. dogm. de Ecclesiæ Lumen gentium, 23.

[33] Cf. S. Cyprianus, Epistula 69,8: PL 4,418-419: «Unde scire debes Episcopum in Ecclesia esse et Ecclesiam in Episcopio, et si quis cum Episcopo non sit, in Ecclesiam non esse».

[34] Cf. Conc. Œcum. Vat. II, Const. dogm. de Ecclesia Lumen gentium, 9-13.

[35] Sacra Congregatio Pro Episcopis, Direct. Ecclesiæ imago (22.02.1973), 14.

[36] Cf. Conc. Œcum. Vat. II, Const. dogm. de Ecclesia Lumen gentium, 23.

[37] Conc. Œcum. Vat. II, Decr. de pastorali episcoporum munere in Ecclesia Christus Dominus, 11; cf. C.I.C. can. 368; C.C.E.O. can. 177.

[38] Cf. Conc. Œcum. Vat. II, Const. dogm. de Ecclesia Lumen gentium, 26.

[39] Cf. Conc. Œcum. Vat. II, Const. de sacra Liturgia Sacrosanctum concilium, 10.

[40] Paulus VI, Adhort. apost. Evangelii nuntiandi (8.12.1975), 62: AAS 68 (1976) 52.

[41] Congregatio Pro Doctrina Fidei, Litt. Communionis notio (28.05.1992), 8: AAS 85 (1993) 842.

[42] Ibid. 10: AAS 85 (1993) 844.

[43] Cf. idem.

[44] Cf. Congregatio pro doctrina fidei, Litt. Communionis notio (28.05.1992), 9: AAS 85 (1993) 843.

[45] Cf. Conc. Œcum. Vat. II, Const. Dogm. De Ecclesia Lumen gentium, 9, 13.

[46] Conc. Œcum. Vat. II, Const. dogm. de Ecclesia Lumen gentium, 28

[47] Ioannes Paulus II, Adhort. apost. postsyn. Pastores dabo vobis (25.03.1992), 31: AAS 84 (1992) 708.

[48] Cf. Congregatio Pro  Doctrina Fidei, Litt. Communionis notio (28.05.1992), 16: AAS 85 (1993) 847.

[49] Cf. Conc. Œcum. Vat. II, Decr. de Presbyt. ministerio et vita Presbyterorum ordinis, 10; Ioannes Paulus II, Adhort. apost. postsyn. Pastores dabo vobis (25.03.1992), 32 : AAS 84 (1991) 709-710; Litt. enc. Redemptoris missio (7.12.19990), 67: AAS 83 (1991) 329-330.

[50] Cf. Conc. Œcum. Vat. II, Const. dogm. de Ecclesia Lumen gentium, 28.

[51] Ibid.

[52] Cf. ibid., 7; cf. C.I.C. c.495.

[53] Cf.