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PÄPSTLICHER RAT FÜR DIE KULTUR
FÜR EINE KULTURPASTORAL
INHALTSVERZEICHNIS
Einleitung: Neue kulturelle Situationen, neue Felder für die
Evangelisierung I.
Glaube und Kultur: Orientierungslinien
Die Frohe Botschaft des Evangeliums für die Kulturen
Evangelisierung und Inkulturation Eine
Kulturpastoral II.
Herausforderungen und Ansatzpunkte
Eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte
Neue Areopage und herkömmliche Kulturbereiche
Kulturelle Verschiedenheit und religiöse Pluralität
III. Konkrete Vorschläge
Vorrangige Ziele der Pastoral Die Religionen
und das "Religiöse" Gewöhnliche Orte der
Glaubenserfahrung, Volksfrömmigkeit, Pfarrei
Bildungseinrichtungen Theologische
Bildungszentren Katholische Kulturzentren
Soziale Kommunikationsmittel und religiöse Information
Naturwissenschaften, Technik, Bioethik und Okologie
Kunst und Künstler Kulturerbe und religiöser
Tourismus Die Jugend
Schluß: Für eine in der Kraft des Heiligen Geistes erneuerte
Kulturpastoral
EINLEITUNG Neue kulturelle
Situationen, neue Felder für die Evangelisierung
1. "Der Prozeß der Begegnung und Auseinandersetzung
mit den Kulturen ist eine Erfahrung, welche die Kirche von den
Anfängen der Verkündigung des Evangeliums an erlebt hat" (Fides
et ratio, Nr. 70), denn "in der Person des Menschen selbst liegt
es begründet, daß sie nur durch die Kultur [...] zur wahren und
vollen Verwirklichung des menschlichen Wesens gelangt" (Gaudium
et spes, Nr. 53). In diesem Sinn erreicht die Frohe Botschaft,
das Evangelium Christi für jeden Menschen und für den ganzen
Menschen, der "zugleich Kind und Vater der Kultur ist, in der er
eingebunden ist" (Fides et ratio, Nr. 71), den Menschen in
seiner Kultur, die sein Glaubensleben durchdringt und ihrerseits
schrittweise vom Glauben umgestaltet wird. "In unserer heutigen
Zeit, in der das Evangelium nach und nach mit Kulturräumen in
Berührung kommt, die sich bisher außerhalb des Verbreitungsbereiches
des Christentums befunden hatten, eröffnen sich für die
Inkulturation neue Aufgaben" (ebd., Nr. 72). Zur gleichen
Zeit befinden sich traditionell christliche Kulturen oder Kulturen
mit jahrtausendealten religiösen Traditionen in einer Krise. Es geht
folglich nicht nur darum, Kulturen mit dem Glauben zu veredeln,
sondern auch darum, einer entchristlichten Welt, in der die einzigen
christlichen Bezüge kultureller Natur sind, neues Leben zu schenken.
Die neuen kulturellen Situationen in der Welt bieten der Kirche auf
der Schwelle zum dritten Jahrtausend viele neue Felder zur
Evangelisierung. Angesichts dieser Herausforderungen unserer Zeit, die "zugleich
etwas Dramatisches und Faszinierendes an sich hat" (Redemptoris
Missio, Nr. 38) möchte der Päpstliche Rat für die Kultur
verschiedene Überzeugungen und konkrete Vorschläge für eine neue
Kulturpastoral weitergeben, da die Kultur ein bevorzugter Ort für
die Begegnung mit der Botschaft Christi ist. "Jede Kultur ist
[nämlich] ein Bemühen, über das Geheimnis der Welt und insbesondere
des Menschen nachzudenken; sie ist eine Weise, die transzendente
Dimension des menschlichen Lebens zum Ausdruck zu bringen. Das Herz
jeder Kultur ist ihr Streben, dem größten aller Geheimnisse, dem
Geheimnis Gottes, näherzukommen".(1)
Der springende Punkt der Kulturpastoral ist daher: "Wenn der Glaube
nicht Kultur wird, ist er nicht vollends angenommen, nicht ganz
durchdacht und nicht treu gelebt".(2)
Die folgenden Überzeugungen und Vorschläge sind das Ergebnis
zahlreicher Gespräche und vor allem der konstruktiven Zusammenarbeit
mit den Bischöfen, den Hirten der Diözesen, und ihren Mitarbeitern
auf diesem Apostolatsfeld. Der Päpstliche Rat für die Kultur möchte so dem eindringlichen
Appell nachkommen, den Papst Johannes Paul II. an ihn gerichtet hat:
"Sie sollen der Kirche helfen, auf die für die zeitgenössischen
Kulturen grundlegenden Fragen zu antworten: Wie ist die Botschaft
der Kirche den neuen Kulturen, den heutigen Formen des
Verständnisses und der Empfindung zugänglich? Wie kann sich die
Kirche Christi beim modernen Geist Gehör verschaffen, der so stolz
auf seine Leistungen und zugleich so ängstlich besorgt um die
Zukunft der Menschheit ist? Wer ist Jesus Christus für die Männer
und Frauen von heute?".(3)
I. GLAUBE UND
KULTUR: ORIENTIERUNGSLINIEN 2. Als Verkünderin der Botschaft Christi, des Erlösers des
Menschen, ist sich die Kirche in unserer Zeit erneut der kulturellen
Dimension der Person und der menschlichen Gemeinschaften bewußt
geworden. Das II. Vatikanische Konzil, insbesondere die
Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute und das
Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche, die Bischofssynoden
über die Evangelisierung in der Welt von heute und über die
Katechese in unserer Zeit, die sich in den Apostolischen Schreiben
Evangelii nuntiandi Pauls VI. und Catechesi tradendae
Johannes Pauls II. niedergeschlagen haben, legen in dieser Hinsicht
eine ergiebige Lehre vor, welche die folgenden Sonderversammlungen
der Bischofssynode für die verschiedenen Kontinente und die
Nachsynodalen Apostolischen Schreiben des Heiligen Vaters näher
ausgeführt haben. Die Inkulturation des Glaubens war zudem
Gegenstand eingehender Überlegungen der Päpstlichen Bibelkommission
(4) und der Internationalen Theologenkommission.(5)
Johannes Paul II. zitiert in seiner Enzyklika Redemptoris Missio
das Schlußdokument der Außerordentlichen Bischofssynode 1985
anläßlich des zwanzigsten Jahrestags des Abschlusses des II.
Vatikanischen Konzils und erklärt: "Inkulturation "bedeutet die
innere Umwandlung der authentischen kulturellen Werte durch deren
Einfügung ins Christentum und die Verwurzelung des Christentums in
den verschiedenen Kulturen" (Außerordentliche Versammlung 1985,
Schlußbericht, II, C 6)" (Nr. 52). Der Papst hat in vielen
Ansprachen im Laufe seiner Apostolischen Reisen ebenso wie die
Lateinamerikanische Bischofskonferenz in Puebla und Santo Domingo
(6) die Pastoral der Kirche unserer Zeit im
Hinblick auf diese neue Dimension aktualisiert und konkretisiert, um
die Menschen in ihrer Kultur zu erreichen. Die aufmerksame Analyse der verschiedenen Kulturbereiche, die das
Dokument durchführt, zeigt den Umfang dessen, was Kultur ist,
nämlich jene besondere Weise, in der Menschen und Völker ihre
Beziehungen zur Natur und ihresgleichen, zu sich selbst und zu Gott
pflegen, um zur vollen Verwirklichung des menschlichen Lebens zu
gelangen (vgl. Gaudium et spes, Nr. 53). Es gibt nur eine
Kultur des Menschen, durch den Menschen und für den Menschen. Sie
ist die ganze Tätigkeit des Menschen, sein Denken und Fühlen, seine
Sinnsuche, seine Bräuche und ethischen Grundsätze. Die Kultur
entspricht so sehr der Natur des Menschen, daß sich die Natur nur in
der menschlichen Kultur vollendet und nach außen zeigt. Ziel der
Kulturpastoral ist es daher, den Menschen, der nach dem "Abbild
Gottes" (Gen 1,26) geschaffen ist, wieder zur Fülle seines
Wesens zurückzuführen. Die Kulturpastoral will ihn vor der
anthroprozentrischen Versuchung bewahren, sich von seinem Schöpfer
unabhängig zu erklären. Deshalb ist es nicht zu leugnen - und diese
Feststellung ist für die Kulturpastoral entscheidend -, "daß sich
der Mensch immer in einer bestimmten Kultur befindet, aber ebenso
wenig läßt sich bestreiten, daß sich der Mensch in dieser jeweiligen
Kultur auch nicht erschöpft. Im übrigen beweist die
Kulturentwicklung selbst, daß es im Menschen etwas gibt, das alle
Kulturen transzendiert. Dieses "Etwas" ist eben die Natur des
Menschen: Sie gerade ist das Maß der Kultur und die
Voraussetzung dafür, daß der Mensch nicht zum Gefangenen irgendeiner
seiner Kulturen wird, sondern seine Würde als Person dadurch
behauptet, daß er in Übereinstimmung mit der tiefen Wahrheit seines
Wesens lebt" (Veritatis splendor, Nr. 53). Die Kultur entspringt in ihrer wesentlichen Beziehung zur Wahrheit
und zum Guten nicht allein den Noterfahrungen,
Interessenschwerpunkten oder Grundbedürfnissen. "Die erste und
grundlegende Dimension der Kultur ist", wie Johannes Paul II. vor
der UNESCO betont, "ihre gesunde Moral: also die moralische Kultur".(7)
"Wenn die Kulturen tief im Humanen verwurzelt sind, tragen sie das
Zeugnis der typischen Öffnung des Menschen für das Universale und
für die Transzendenz in sich" (Fides et ratio, Nr. 70). Da
die Kulturen in der Spannung auf ihre Vollendung hin von den
dynamischen Kräften der Menschen und ihrer Geschichte geprägt sind
(vgl. ebd., Nr. 71), haben sie auch an der Sünde teil.
Deshalb müssen die Christen eine entsprechende Gabe der
Unterscheidung besitzen. Da das Wort Gottes in der Menschwerdung die
menschliche Natur in ihrer konkreten, geschichtlichen Dimension
angenommen, aber nicht gesündigt hat (vgl. Hebr 4,15), hat es
sie gereinigt und zu ihrer Fülle im Heiligen Geist geführt. Gott
offenbart sich dem Menschen "in Wort und Tat, die innerlich
miteinander verknüpft sind" (Dei Verbum, Nr. 2) und öffnet
ihm sein Herz. Er offenbart den Menschen in ihrer Sprache das
Geheimnis seiner Liebe, "um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und
aufzunehmen" (ebd.).
Die Frohe Botschaft des Evangeliums für die
Kulturen 3. Um
sich dem Menschen zu offenbaren, mit ihm ins Gespräch zu kommen und
ihn zum Heil zu berufen, hat Gott sich aus dem reichen Spektrum
jahrtausendealter Kulturen, die der menschliche Geist hervorgebracht
hat, ein Volk erwählt, dessen ursprüngliche Kultur er durchdrungen,
gereinigt und fruchtbar gemacht hat. Die Geschichte des Bundes
ist die Geschichte von der Entstehung einer Kultur, die Gott selbst
in seinem Volk erweckt hat. Die Heilige Schrift ist das von Gott
gewollte und gebrauchte Werkzeug, um sich zu offenbaren. Deshalb
transzendiert sie die Kultur. "Zur Abfassung der Heiligen Bücher hat
Gott Menschen erwählt, die ihm durch den Gebrauch ihrer eigenen
Fähigkeiten und Kräfte dazu dienen sollten" (Dei Verbum, Nr.
11). In der Heiligen Schrift, dem Wort Gottes, das die
ursprüngliche Inkulturation des Glaubens an den Gott Abrahms
darstellt, "sind Gottes Worte, durch Menschenzunge formuliert,
menschlicher Rede ähnlich geworden" (ebd. Nr. 13). Die in der
heiligen Geschichte enthaltene Botschaft der Offenbarung besitzt
immer eine kulturelle Hülle, von der sie sich nicht trennen läßt,
insofern diese Hülle ein unerläßlicher Bestandteil der Botschaft der
Offenbarung ist. Die Bibel, Gottes Wort im Menschenwort, stellt den
Archetyp der fruchtbaren Begegnung zwischen dem Wort Gottes und der
Kultur dar. In
dieser Hinsicht ist die Berufung Abrahams bezeichnend: "Zieh weg aus
deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus" (Gen
12,1). "Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen
in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; und er zog weg, ohne
zu wissen, wohin er kommen würde. Aufgrund des Glaubens hielt er
sich als Fremder im verheißenen Land wie in einem fremden Land auf
und wohnte [...] in Zelten; denn er erwartete die Stadt mit den
festen Grundmauern, die Gott selbst geplant und gebaut hat" (Hebr
11,8-10). Die Geschichte des Volkes Gottes beginnt mit einer
Glaubenszustimmung, die gleichzeitig ein Bruch mit der Kultur ist,
um im Kreuz Christi ihren Höhepunkt zu finden. Dieses Kreuz ist ein
wahrer Bruch, die Erhöhung von der Erde, aber auch der
Anziehungspunkt, der die Geschichte der Welt auf Christus ausrichtet
und die verstreuten Kinder Gottes in Einheit versammelt: "Wenn ich
über die Erde erhöht bin, werde ich alle zur mir ziehen" (Joh
12,32). Der Bruch
mit der Kultur, mit dem die Berufung Abrahams, "des Vaters im
Glauben", beginnt, bringt das zum Ausdruck, was sich in der Tiefe
des menschlichen Herzens ereignet, wenn Gott in seine Existenz
einbricht, um sich ihm zu offenbaren und von ihm die bindende Zusage
seines ganzen Seins verlangt. Gott hat Abraham aus seiner geistigen
und kulturellen Umwelt herausgerissen, um ihn im Glauben in das
verheißene Land einzupflanzen. Ja, dieser Bruch macht den
grundlegenden, wesenhaften Unterschied zwischen Glauben und Kultur
deutlich. Im Gegensatz zu den Götzen, die Frucht der Kultur sind,
ist der Gott Abrahams der ganz Andere. Durch die Offenbarung tritt
er in Abrahams Leben ein. Die zyklische Zeit der alten Religionen
ist überholt: Mit Abraham und dem jüdischen Volk beginnt eine neue
Zeit, die zur Geschichte der Menschen auf dem Weg zu Gott wird.
Nicht mehr das Volk schafft sich einen Gott, sondern Gott erwählt
sich ein Volk und macht es zu seinem Volk, zum Volk Gottes. In der biblischen Kultur spielt dieser Umstand eine große Rolle. Sie
ist eine Kultur des Volkes Gottes, in dessen Mitte er Mensch
geworden ist. Die an Abraham ergangene Verheißung erreicht in der
Verherrlichung des gekreuzigten Christus ihren Höhepunkt. Der Vater
im Glauben, der nach der Erfüllung der Verheißung strebt, verkündet
das Opfer des Gottessohnes am Holz des Kreuzes. In Christus wird die
ganze Schöpfung vereint, in ihm ruft Gott in seiner Liebe alle
Menschen auf, ihm ähnlich zu werden. Gott, der ganz Andere, hat sich
in Jesus Christus, der ganz einer von uns war, geoffenbart: "Des
ewigen Vaters Wort ist durch die Annahme menschlich-schwachen
Fleisches den Menschen ähnlich geworden" (Dei Verbum, Nr.
13). Auch der Glaube besitzt die Kraft, das Herz jeder Kultur zu
erreichen, sie zu reinigen, fruchtbar zu machen, zu bereichern und
zu einer Entwicklung zu befähigen, die der maßlosen Liebe Christi
entspricht. Die Annahme der Botschaft Christi erweckt so eine
Kultur, deren zwei wesentliche Bestandteile in völlig neuer Hinsicht
die Person und die Liebe sind. Die erlösende Liebe
Christi enthüllt - über die natürlichen Grenzen der Personen hinaus
- ihren hohen Wert, der im Stand der Gnade, der Gabe Gottes,
aufleuchtet. Christus ist die Quelle dieser Zivilisation der
Liebe, nach der sich die Menschen seit dem Sündenfall im Garten
Eden sehnen. Nach Paul VI. ruft uns Johannes Paul II. unermüdlich
auf, diese Zivilisation zusammen mit allen Menschen guten Willens
konkret zu verwirklichen. Denn die grundlegende Verbindung des
Evangeliums, das heißt Christi und der Kirche, mit dem Menschen in
seinem Menschsein, ist prinzipiell kulturbildend. Indem die Kirche
nach dem Evangelium lebt - und die zweitausendjährige Geschichte
bezeugt dies - erhellt sie den Sinn und Wert des Lebens; sie weitet
den Horizont der Vernunft und bekräftigt die Grundlagen der Moral.
Der richtig gelebte christliche Glaube offenbart die Würde der
menschlichen Person in ihrer ganzen Tiefe sowie die Erhabenheit
ihrer Berufung (vgl. Redemptoris hominis, Nr. 10). Das
Christentum zeichnet sich seit seinen Ursprüngen durch sein
Glaubensverständnis und sein kühnes Denken aus. Davon zeugen
Pioniere wie der heilige Justin und der heilige Klemens von
Alexandrien, Origenes und die Kappadokier. Auf diese fruchtbare
Begegnung des Evangeliums mit den Philosophien bis in unsere Zeit
hinein hat Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Fides et ratio
(vgl. Nr. 36-48) hingewiesen. "Die Begegnung des Glaubens mit den
verschiedenen Kulturen hat tatsächlich eine neue Wirklichkeit ins
Leben gerufen" (Fides et ratio, Nr. 70); sie hat so in
den verschiedensten Kontexten eine eigenständige Kultur
geschaffen.
Evangelisierung und Inkulturation 4. Die Evangelisierung im eigentlichen Sinn besteht in der
expliziten Verkündigung des Heilsgeheimnisses Christi und seiner
Botschaft, denn Gott "will, daß alle Menschen gerettet werden
und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen" (1 Tim 2,4). "So
ist es nötig, daß sich alle zu ihm, der durch die Verkündigung der
Kirche erkannt wird, bekehren sowie ihm und seinem Leib, der Kirche,
durch die Taufe eingegliedert werden" (Ad gentes, Nr. 7). Die
unaufhörlich sprudelnde Neuheit der Offenbarung Gottes "in Wort und
Tat, die innerlich miteinander verknüpft sind" (Dei Verbum,
Nr. 2), macht die Wahrheit über Gott und das Heil des Menschen kund
und wird durch den in der Kirche wirkenden Geist Christi mitgeteilt.
Die Verkündigung Christi, "der zugleich der Mittler und die Fülle
der ganzen Offenbarung ist" (ebd.), bringt die semina
Verbi ans Licht, die in den Kulturen verborgen und manchmal
gleichsam begraben sind; sie entfaltet sie nach Maßgabe ihrer
Ausrichtung auf das Unendliche, die der Schöpfer in sie hineingelegt
hat und in der wunderbaren Herablassung der ewigen Weisheit (vgl.
Dei Verbum, Nr. 13) befriedigt, indem sie deren Sinnentwurf auf
die Transzendenz hin umgestaltet, und macht jene festen Erwartungen
zu Ansatzpunkten für die Aufnahme des Evangeliums. Durch das
ausdrückliche Zeugnis ihres Glaubens durchdrangen die Jünger Jesu
die vielfältigen Kulturen mit dem Evangelium. "Evangelisieren besagt für die Kirche, die
Frohbotschaft in alle Bereiche der Menschheit zu tragen und sie
durch deren Einfluß von innen her umzuwandeln und die Menschheit
selbst zu erneuern [...] Für die Kirche geht es [...] darum, [...]
zu erreichen, daß durch die Kraft des Evangeliums die
Urteilskriterien, die bestimmenden Werte, die Interessenpunkte, die
Denkgewohnheiten, die Quellen der Inspiration und die Lebensmodelle
der Menschheit, die zum Wort Gottes und zum Heilsplan im Gegensatz
stehen, umgewandelt werden. [...] Es gilt - und zwar nicht nur dekorativ wie durch einen
oberflächlichen Anstrich, sondern mit vitaler Kraft in der Tiefe bis
zu ihren Wurzeln - die Kultur und die Kulturen des Menschen im
vollen und umfassenden Sinn, den diese Begriffe in Gaudium et
spes haben, zu evangelisieren, wobei man immer von der Person
ausgeht und dann stets zu den Beziehungen der Personen untereinander
und mit Gott fortschreitet. Das Evangelium und somit die Evangelisierung identifizieren sich
natürlich nicht mit der Kultur und sind unabhängig gegenüber allen
Kulturen. Dennoch wird das Reich, welches das Evangelium verkündet,
von Menschen gelebt, die zutiefst an eine Kultur gebunden sind, und
kann die Errichtung des Gottesreiches nicht darauf verzichten, sich
gewisser Elemente der menschlichen Kultur und Kulturen zu bedienen.
Unabhängig gegenüber den Kulturen, sind Evangelium und
Evangelisierung jedoch nicht notwendig unvereinbar mit ihnen,
sondern fähig, sie alle zu durchdringen, ohne sich einer von ihnen
zu unterwerfen. Der
Bruch zwischen Evangelium und Kultur ist ohne Zweifel das Drama
unserer Zeitepoche [...]. Man muß somit alle Anstrengungen machen,
um die Kultur, genauer die Kulturen, auf mutige Weise zu
evangelisieren. Sie müssen durch die Begegnung mit der Frohbotschaft
von innen her erneuert werden" (Evangelii nuntiandi, Nr.
18-20). Dafür ist es notwendig, das Evangelium in der Sprache und in
der Kultur der Menschen zu verkündigen. Die Frohbotschaft richtet sich an die menschliche Person in ihrer
geistigen und moralischen, wirtschaftlichen und politischen,
kulturellen und sozialen Ganzheit und Komplexität. Die Kirche scheut
sich daher nicht, von einer Evangelisierung der Kulturen, das heißt
der Anschauungen, Sitten und Gebräuche, zu sprechen. "Die
Neuevangelisierung erfordert eine hellsichtige, ernsthafte und
geordnete Bemühung, um die Kultur zu evangelisieren" (Ecclesia in
America, Nr. 70). Während die Kulturen, die als ganze aus uneinheitlichen Elementen
bestehen, sich ständig wandeln und vergehen, sind der Vorrang
Christi und die Universalität seiner Botschaft eine unversiegbare
Quelle des Lebens (vgl. Kol 1,8-12; Eph 1,8) und der
Gemeinschaft. Die Missionare des Evangeliums bringen Christus als
absolute Neuheit in die Kulturen ein und gehen unaufhörlich über die
Grenzen jeder Kultur hinweg, ohne sich dabei für irdische
Vorstellungen von einer besseren Welt vereinnahmen zu lassen. "Da
aber das Reich Christi nicht von dieser Welt ist (vgl. Joh
18,36), so entzieht die Kirche oder das Gottesvolk mit der
Verwirklichung dieses Reiches nichts dem zeitlichen Wohl irgendeines
Volkes. Vielmehr fördert und übernimmt es Anlagen, Fähigkeiten und
Sitten der Völker, soweit sie gut sind. Bei dieser Übernahme
reinigt, kräftigt und erhebt es sie aber auch" (Lumen gentium,
Nr. 13). Wer das Evangelium verkündet, dessen Glaube ist selbst an
eine Kultur gebunden. Er muß den einzigartigen Platz Christi, die
Sakramentalität seiner Kirche, die Liebe seiner Jünger zu jedem
Menschen und zu allem, "was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter,
liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist" (Phil
4,8), immer klar bezeugen. Das impliziert, daß er alles zurückweist,
was in den Kulturen Ursache von Sünde und Folge von Sünde ist.
5. "Ein weiteres Problem ergibt sich aus der heute stark
vernehmbaren Forderung nach Evangelisierung der Kulturen und nach
der Inkulturation der Glaubensbotschaft" (Pastores dabo vobis,
Nr. 55). Beide gehen einher, vollziehen sich im gegenseitigen
Austausch, der ständig eine genaue Prüfung und Unterscheidung im
Licht des Evangeliums verlangt. Es gilt, die in den Kulturen
vorhandenen Werte und Anti-Werte zu erkennen, um auf den ersten
aufzubauen und die zweiten energisch zu bekämpfen. "Durch die
Inkulturation macht die Kirche das Evangelium in den verschiedenen
Kulturen lebendig und führt zugleich die Völker mit ihren Kulturen
in die Gemeinschaft mit ihr ein und überträgt ihnen die eigenen
Werte, indem sie aufnimmt, was in diesen Kulturen an Gutem ist, und
sie von innen her erneuert. Ihrerseits wird die Kirche durch die
Inkulturation ein immer verständlicheres Zeichen von dem, was
geeigneteres Mittel der Mission ist" (Redemptoris Missio, Nr.
52). "Für notwendig und wesentlich gehalten" (Pastores dabo vobis,
Nr. 55) und sowohl von nostalgischem Archäologismus als auch von
intramondäner Nachahmung weit entfernt, soll die Inkulturation "die
Kraft des Evangeliums mitten in die Kultur und die Kulturen
einbringen". "Bei dieser Begegnung wird den Kulturen nichts
aberkannt; sie werden sogar ermuntert, sich dem Neuen zu öffnen, das
die Wahrheit des Evangeliums enthält, um daraus Ansporn zu weiteren
Entwicklungen zu gewinnen" (Fides et ratio, Nr. 71).
Im Einklang mit den objektiven Forderungen des Glaubens und dem
Evangelisierungsauftrag trägt die Kirche folgender Grundgegebenheit
Rechnung: Die Begegnung des Glaubens mit den Kulturen ereignet
sich zwischen zwei Wirklichkeiten, die nicht zur gleichen Ordnung
gehören. Ebenso bilden die Inkulturation des Glaubens und
die Evangelisierung der Kulturen gleichsam eine Zweiheit, die
jede Form von Synkretismus ausschließt(8):
Das ist "der authentische Sinn der Inkulturation: Sie will
angesichts der verschiedensten und manchmal gegensätzlichen
Kulturen, die es in den verschiedenen Teilen der Welt gibt, gehorsam
gegenüber dem Gebot Christi sein, allen Völkern bis an die äußersten
Grenzen der Erde das Evangelium zu verkünden. Ein solcher Gehorsam
bedeutet weder Synkretismus noch einfache Anpassung der Verkündigung
des Evangeliums, sondern meint die Tatsache, daß das Evangelium
voller Lebenskraft in die Kulturen eindringt, in sie hineinwächst,
indem es deren kulturelle Elemente, die mit dem Glauben und mit dem
christlichen Leben nicht vereinbar sind, überwindet und ihre Werte
in das Heilsmysterium, das von Christus kommt, integriert" (Pastores
dabo vobis, Nr. 55). Die Bischofssynoden betonten unaufhörlich
die besondere Bedeutung dieser Inkulturation im Lichte der großen
Heilsgeheimnisse Christi für die Evangelisierung: seine
Menschwerdung, seine Geburt, seine Passion und seine glorreiche
Auferstehung sowie das Geschehen am Pfingsttag, durch das jeder
kraft des Geistes Gottes große Taten in seiner Muttersprache hört.(9)
Die am Pfingsttag versammelten Nationen haben in ihrer Muttersprache
nicht eine Rede über ihre eigenen menschlichen Kulturen gehört,
sondern waren darüber erstaunt, daß jeder die Apostel in der eigenen
Sprache die Großtaten Gottes verkünden hörte. "Einerseits kann man
die Botschaft des Evangeliums nicht einfach und schlechthin von der
Kultur trennen, in der sie sich zuerst eingeprägt hat; ebenso kann
man sie auch nicht ohne schwerwiegende Verkürzungen von jenen
Kulturen trennen, in denen sie sich schon im Verlauf der
Jahrhunderte ausgeprägt hat; andererseits wirkt die Kraft des
Evangeliums überall umgestaltend und erneuernd" (Catechesi
tradendae, Nr. 53). "Die Verkündigung des Evangeliums in den
verschiedenen Kulturen verlangt von den einzelnen Empfängern das
Festhalten am Glauben; sie hindert die Empfänger aber nicht daran,
ihre kulturelle Identität zu bewahren. [...] wodurch die
Weiterentwicklung des in ihr implizit Vorhandenen hin zu seiner
vollen Entfaltung in der Wahrheit begünstigt wird" (Fides et
ratio, Nr. 71). "In Anbetracht der engen, organischen Beziehung, die zwischen Jesus
Christus und dem von der Kirche verkündeten Wort besteht, kann die
Inkulturation der geoffenbarten Botschaft gar nicht umhin, der dem
Geheimnis der Erlösung eigenen "Logik" zu folgen. [...] Diese
Selbstentäußerung, diese Kenosis, derer es für die
Verherrlichung bedarf, der Weg Jesu und jedes seiner Jünger (vgl.
Phil 2, 6-9) ist Leuchtkraft für die Begegnung der Kulturen
mit Christus und seinem Evangelium. Jede Kultur muß von den
Werten des Evangeliums im Lichte des Ostergeheimnisses umgewandelt
werden" (Ecclesia in Africa, Nr. 61). Der Säkularismus, der
als vage Dominante die Kulturen durchzieht, idealisiert oft mit der
suggestiven Wirkung der Medien Lebensmodelle, die im Gegensatz zur
Kultur der Seligpreisungen und der Nachfolge des armen, keuschen,
gehorsamen und von Herzen demütigen Christus stehen. Es gibt in der
Tat große kulturelle Leistungen, die von der Sünde inspiriert sind
und zur Sünde verleiten können. "Wenn die Kirche die Frohbotschaft
verkündet, verurteilt sie auch gleichzeitig die in den Kulturen
anwesende Sünde und befreit sie davon. Sie prangert die Anti-Werte
an und bannt sie. Sie ist demnach kulturkritisch, götzenkritisch,
das heißt, sie kritisiert die zu Götzen erhobenen Werte oder Werte,
die eine angebliche Kultur für absolut erklärt".(10)
Eine Kulturpastoral 6. Im Dienst der Verkündigung der Frohen Botschaft und demzufolge
der Bestimmung des Menschen im Plan Gottes entfaltet die
Kulturpastoral - in erneuter Wahrnehmung der an sie gestellten
Anforderungen - die Sendung der Kirche in der Welt von heute, die
das II. Vatikanische Konzil und die Bischofssynoden zum Ausdruck
gebracht haben. Das erwachte Bewußtsein von der kulturellen
Dimension der menschlichen Existenz bringt eine besondere
Aufmerksamkeit für diesen neuen Bereich der Pastoral mit sich,
dessen Grundlagen die christliche Anthropologie und Ethik sind. Die
Kulturpastoral verfolgt ein christliches Kulturprojekt, nach dem
Christus, der Erlöser des Menschen und die Mitte des Kosmos und der
Geschichte (vgl. Redemptor hominis, Nr. 1), das ganze Leben
der Menschen erneuert, indem sie "die weiten Bereiche der Kultur
[...] seiner rettenden Macht öffnet".(11)
In diesem Bereich gibt es praktisch unendlich viele Wege, denn die
Kulturpastoral widmet sich konkreten Situationen, um sie für die
universelle Botschaft des Evangeliums zu öffnen. Im Dienst der Evangelisierung, welche
die wesentliche Sendung der Kirche, ihre Gnade, ihre eigentliche
Berufung und ihre tiefste Identität ist (vgl. Evangelii nuntiandi,
Nr. 14), greift die Pastoral - auf der Suche nach den
"geeignetsten und wirksamsten Weisen zur Mitteilung der Botschaft
des Evangeliums an die Menschen unserer Zeit" (ebd. 40) -
komplementäre Mittel zurück: "Die Evangelisierung ist [...] ein
vielschichtiges Geschehen mit verschiedenen Elementen: Erneuerung
der Menschheit, Zeugnis, ausführliche Verkündigung, Zustimmung des
Herzens, Eintritt in die Gemeinschaft, Empfang der Zeichen und
Einsatz im Apostolat. Diese Elemente können als gegensätzlich, ja
sogar einander ausschließend erscheinen. In Wirklichkeit ergänzen
und bereichern sie sich jedoch gegenseitig. Man muß jedes einzelne
von ihnen stets in einer integrierenden Funktion zu den anderen
sehen" (ebd., Nr. 24). Eine dank einer abgestimmten Pastoral inkulturierte Evangelisierung ermöglicht es der christlichen Gemeinschaft, ihren Glauben zu
empfangen, zu feiern, zu leben und in der eigenen Kultur zum
Ausdruck zu bringen, und zwar in "Vereinbarkeit mit dem Evangelium
und der Gemeinschaft mit der Gesamtkirche" (Redemptoris Missio,
Nr. 54). Sie bringt zugleich die absolute Neuheit der Offenbarung in
Jesus Christus zum Ausdruck sowie die Forderung zur Umkehr, die der
Begegnung mit dem einzigen Retter entspringt: "Seht, ich mache alles
neu" (Offb 21,5). Daraus ergibt sich, wie wichtig die Sorge der Theologen und Bischöfe
um das richtige Glaubensverständnis und die pastorale Prüfung und
Unterscheidung ist. Sie müssen auf die Kulturen wohlwollend zugehen,
um die Botschaft Christi "in der Vorstellungswelt und Sprache der
verschiedenen Völker" (Gaudium et spes, Nr. 44) auszusagen;
dies dispensiert sie aber nicht von der erforderlichen Prüfung
angesichts der großen und ernsthaften Probleme, die bei einer
objektiven Analyse der heutigen Kulturphänomene zutage treten. Die
Hirten sind sich deren Gewichtigkeit sehr wohl bewußt, stehen doch
die Bekehrung von Menschen - und durch sie die der Kulturen - sowie
die Christianisierung des Ethos der Völker (vgl. Evangelii
nuntiandi, Nr. 20) auf dem Spiel.
II. HERAUSFORDERUNGEN UND ANSATZPUNKTE
Eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte
(Gaudium et spes, Nr. 54) 7. Die Lebensbedingungen des modernen Menschen haben sich in den
letzen Jahrzehnten des zweiten Jahrtausends so tief gewandelt, daß
das II. Vatikanische Konzil ohne Zögern von "einer neuen Epoche der
Menschheitsgeschichte" (Gaudium et spes, Nr. 54) spricht. Für
die Kirche gibt es einen Kairos, eine günstige Zeit für eine
Neuevangelisierung, in der die neuen Züge der Kultur viele
Herausforderungen und Ansatzpunkte für eine Kulturpastoral
darstellen. Die
Kirche unserer Zeit ist sich dessen, nicht zuletzt durch die Anstöße
der Päpste, lebhaft bewußt. Letztere haben - von Rerum novarum
(1891) bis Centesimus annus (1991) - die Soziallehre der
Kirche entfaltet und aktualisiert. Die Bischofskonferenzen, ihre
Unionen und die Bischofssynode nehmen sie zur Grundlage für
praktische Initiativen, die auf die besonderen Situationen der
verschiedenen Länder abgestimmt sind. Mitten in dieser Vielfalt
zeichnen sich aber dennoch einige gemeinsame Züge ab. In der heute in verschiedenen Teilen der Welt herrschenden Kultur
überwiegt der Subjektivismus als Wahrheitsmaßstab und
Wahrheitskriterium (vgl. Fides et ratio, Nr. 47). Die
positivistischen Vorstellungen über den Fortschritt der
Wissenschaften und der Technik sind fraglich geworden. Nach dem
spektakulären Scheitern des atheistischen, kollektivistischen
Marxismus und Leninismus erweist sich auch der Liberalismus als
unfähig, das Glück des Menschengeschlechts in Verantwortung
gegenüber der Würde jeder Person zu schaffen. Anthroprozentrischer
praktischer Atheismus, zur Schau getragene religiöse
Gleichgültigkeit, überhandnehmender hedonistischer Materialismus
grenzen den Glauben aus: In einer "heute überwiegend
naturwissenschaftlichen und technischen Kultur" (Veritatis
splendor, Nr. 112) ist er am Verschwinden, ja ohne Beständigkeit
und kulturelle Relevanz, heißt es. "Die von denselben Gläubigen
übernommenen Beurteilungs- und Entscheidungskriterien stellen sich
im Rahmen einer entchristlichten Kultur tatsächlich oft so dar, als
hätten sie mit den Kriterien des Evangeliums nichts zu tun oder
stünden sogar im Widerspruch zu ihnen" (ebd., Nr. 88). Der
Papst macht fünfundzwanzig Jahre nach der Promulgation der
Konzilskonstitution über die Liturgie erneut darauf aufmerksam: "Die
Anpassung an die Kulturen verlangt auch eine Bekehrung des Herzens
und - falls notwendig - ebenso einen Bruch mit althergebrachten
Gewohnheiten, die mit dem katholischen Glauben unvereinbar sind. Es
erfordert eine ernsthafte theologische, geschichtliche und
kulturelle Ausbildung wie auch ein gesundes Urteilsvermögen, um
zwischen dem, was notwendig, nützlich oder auch unnütz und
gefährlich für den Glauben ist, zu unterscheiden" (Vicesimus
quintus annus, Nr. 16). Galoppierende Verstädterung und kulturelle
Entwurzelung 8.
Unter verschiedenen Zwängen wie der Armut, ja der Unterentwicklung
der ländlichen Gebiete, wo es an unentbehrlichen Gütern und
Dienstleistungen fehlt, aber auch in bestimmten Ländern, wo
Millionen von Menschen wegen bewaffneter Konflikte zum Verlassen
ihrer Familie und ihres kulturellen Umfelds gezwungen sind, erleben
wir einen großen Exodus aus den ländlichen Gebieten, der die großen
städtischen Ballungszentren maßlos anwachsen läßt. Zu diesen
wirtschaftlichen und sozialen Zwängen kommen Faszination, Wohlstand
und Vergnügen, welche die Stadt bietet und mit denen die sozialen
Kommunikationsmittel locken. Wegen fehlender Planung bilden sich am
Stadtrand bzw. in den Vorstädten oft sogenannte Gettos, riesige
Ansammlungen von gesellschaftlich entwurzelten, politisch
ungebildeten, wirtschaftlich ausgegrenzten und kulturell einsamen
Menschen. Die
kulturelle Entwurzelung, die vielfältige Ursachen hat, macht im
Kontrast dazu die fundamentale Rolle der kulturellen Wurzeln
deutlich. Der haltlose Mensch, dessen kulturelle Identität
angeschlagen oder verlorengegangen ist, neigt leichter zu
unmenschlichem Handeln. Der Mensch hat im 20. Jahrhundert wie nie
zuvor so viele Fähigkeiten und Begabungen erkennen lassen.
Gleichzeitig wurde aber die menschliche Würde noch nie zuvor in der
Geschichte so oft verneint und verletzt, was die bittere Folge der
Leugnung oder Ablehnung Gottes ist. Wenn die Werte in die
Privatsphäre verbannt werden, steht die Moral auf dem Kopf, und das
geistliche Leben ist geschwächt. Der grauenhafte Begriff "Kultur des
Todes" prangert eine Anti-Kultur an, die den unheimlichen
Widerspruch zwischen erklärtem Lebenswillen und hartnäckiger
Ablehnung Gottes, der Quelle allen Lebens (vgl. Evangelium vitae,
Nr. 11-12 und 19-28) deutlich hervortreten läßt. "Die städtische Kultur zu evangelisieren, stellt für die Kirche eine
riesige Herausforderung dar. So wie sie es im Laufe der Jahrhunderte
verstanden hat, die ländliche Kultur zu evangelisieren, ist sie auch
heute aufgerufen, durch die Katechese, Liturgie und die
Gestaltungsweise ihrer pastoralen Strukturen eine methodische und
engmaschige Evangelisierung der Stadt durchzuführen" (Ecclesia in
America, Nr. 21).
Soziale Kommunikationsmittel und Informationstechnologie
9. "Ein solcher erster Areopag der neuen Zeit ist die Welt der
Kommunikation, die die Menschheit immer mehr eint und - wie man
zu sagen pflegt - zu einem "Weltdorf" macht. Die Mittel der sozialen
Kommunikation spielen eine derartig wichtige Rolle, daß sie für
viele zum Hauptinstrument der Information und Bildung, der Führung
und Beratung für individuelles, familiäres und soziales Verhalten
geworden sind. [...] Es handelt sich um eine weitaus tiefere
Angelegenheit, da die Evangelisierung der modernen Kultur selbst zum
großen Teil von ihrem Einfluß abhängt. [...] Die Botschaft selbst
muß in diese, von der modernen Kommunikation geschaffene "neue
Kultur" integriert werden. Es ist ein komplexes Problem, da diese
Kultur noch vor ihren Inhalten aus der Tatsache selbst entsteht, daß
es neue Arten der Mitteilung in Verbindung mit einer neuen Sprache,
mit neuen Techniken und mit neuen psychologischen Haltungen gibt" (Redemptoris
Missio, Nr. 37). Die Ausbreitung dieser richtigen
Kulturrevolution mit der Wandlung der Sprache, die vor allem das
Fernsehen hervorruft, und den Modellen, die es verkündet, treibt
"nämlich die grundlegende Umgestaltung der Elemente [voran], wodurch
der Mensch die ihn umgebende Welt erfaßt und seine Wahrnehmung
überprüft und ihr Ausdruck verleiht. [...] Die Medien können in der
Tat genauso dazu verwendet werden, das Evangelium zu verkünden, wie
es aus den Herzen der Menschen zu verdrängen".(12)
Die Medien, die den direkten Zugang zur Information bieten, heben
die räumliche und zeitliche Distanz auf und verwandeln vor allem die
Wahrnehmung der Dinge: Die Wirklichkeit tritt hinter das zurück, was
gezeigt wird. Infolgedessen wird die anhaltende Wiederholung von
ausgewählten Informationen zum entscheidenden Faktor für die
Meinungsbildung, die dann als Öffentlichkeit betrachtet wird.
Der Einfluß der Medien, die sich insbesondere in der Werbung(13)
spielend über die Grenzen hinwegsetzen, verlangt von den Christen
eine neue Kreativität, damit sie die Millionen von Menschen
erreichen können, die täglich eine bedeutende Zeit vor dem Fernseher
sitzen oder Radio hören. Die Medien sind Informationsmittel und
Mittel zur Förderung von Kultur sowie zur Evangelisierung derer, die
in den säkularisierten Gesellschaften keine andere Möglichkeit
haben, das Evangelium und die Kirche kennenzulernen. Die
Kulturpastoral muß auf die Frage Johannes Pauls II. eine positive
Antwort geben: "Gibt es in den herkömmlichen Massenmedien noch einen
Platz für Christus?".(14)
Die erstaunlichste Innovation auf dem Gebiet der
Kommunikationstechnik ist sicherlich das Internet. Wie jede
neue Technik, so löst auch diese Befürchtungen aus, die durch
schlechten Umgang traurigerweise gerechtfertigt sind, und macht
ständige Wachsamkeit und seriöse Information erforderlich. Es geht
nicht nur um den rechten Gebrauch des Internets, sondern auch um
radikal neue Folgen, die dieser nach sich zieht: Verlust des
"spezifischen Gewichts" der Informationen, Angleichung der
Botschaften, die auf reine Informationen verkürzt werden, fehlende
sachdienliche Reaktionen auf die Botschaften im Internet durch
verantwortungsbewußte Personen, Abschreckungseffekt, was die
zwischenmenschlichen Beziehungen angeht. Es besteht kein Zweifel,
daß die immensen Möglichkeiten des Internets eine beachtliche Hilfe
für die Verbreitung der Frohen Botschaft sein können, wie einige
vielversprechende kirchliche Initiativen zeigen; sie machen aber
eine kreative und verantwortungsbewußte Entwicklung auf diesem
"neuen Grenzgebiet der Sendung der Kirche" (Christifideles laici,
Nr. 44) erforderlich. Das Problem ist gewaltig. Wieso sollte man nicht in den
Informationsnetzen, dessen Schirme mittlerweile die Haushalte
bevölkern, präsent sein und sie nicht nutzen, um in sie die Werte
und Botschaft des Evangeliums einzubringen?
Nationale Identität und nationale Minderheiten 10. Alle Menschen sind aufgrund der Einheit der Natur Glieder ein
und derselben großen Gemeinschaft; aufgrund des geschichtlichen
Charakters des Menschseins sind sie jedoch zwangsläufig innerlich
enger mit besonderen Gruppen verbunden, die von der Familie bis zur
Nation reichen. Das Menschsein steht daher in der Spannung zwischen
dem Allgemeinen und dem Besonderen, und diese lebenswichtige
Spannung ist besonders fruchtbar, wenn sie in Ausgeglichenheit und
Harmonie gelebt wird. Das Fundament des Völkerrechts ist ausschließlich die menschliche
Person. In diesem Sinn ist das Völkerrecht nichts anderes als die
Übertragung der Menschenrechte auf das Gemeinschaftsleben. Das erste
dieser Rechte ist das Recht auf Leben. "Niemand also - weder ein
Staat, noch eine andere Nation, noch eine internationale
Organisation - ist je zu der Ansicht berechtigt, daß eine einzelne
Nation nicht wert sei, zu existieren".(15)
Das Recht auf Leben impliziert natürlich für jede Nation das Recht
auf eine eigene Sprache und Kultur, durch die ein Volk seine
Souveränität artikuliert und verteidigt. Während das Völkerrecht die Ansprüche der Besonderheit zum Ausdruck
bringt, gilt es andererseits auch, die Bedürfnisse der Allgemeinheit
zu betonen, das heißt die Pflichten, die jede Nation gegenüber jeder
anderen und der ganzen Menschheit hat. Die erste dieser Pflichten
ist sicherlich der Wille zum friedlichen, respektvollen und
solidarischen Zusammenleben mit den anderen Nationen. Die jungen
Generationen zu lehren, ihre eigene Identität in der Verschiedenheit
zu leben, ist eine vorrangige Aufgabe der Erziehung zur Kultur,
zumal Interessengruppen die Religion oft für politische Ziele
mißbrauchen, die dieser allerdings völlig fremd sind. Im Gegensatz zum Nationalismus, der Mißtrauen, ja sogar Abneigung
gegen andere Nationen und Kulturen auslöst, ist der Patriotismus die
legitime, bevorzugte, aber nicht ausschließliche Liebe zum eigenen
Land und seiner Kultur, in deren Dienst man sich stellt; echtem
Patriotismus liegt Kosmopolitismus ebenso fern wie
Kulturnationalismus. Jede Kultur ist durch ihre guten Seiten offen
für das Allgemeine. Auf der anderen Seite soll sie sich aber auch
von ihrem sündigen Erbe reinigen, das in bestimmten Vorurteilen, dem
Evangelium widersprechenden Sitten und Bräuchen besteht, den Beitrag
des Glaubens integrieren und "die Gesamtkirche selbst in ihren
verschiedenen Lebensbereichen an Ausdrucksformen und Werten" (Redemptoris
Missio, Nr. 52; vgl. Slavorum Apostoli, Nr. 21)
bereichern. Zur
gleichen Zeit stützt sich die Kulturpastoral auf die Gabe des
Geistes Jesu und auf seine Liebe, "die jedem Volk und allen Völkern
und Kulturen gilt, um sie nach dem Beispiel der vollkommenen Einheit
des einen und dreifaltigen Gottes untereinander zu vereinen" (Ecclesia
in America, Nr. 70).
Neue Areopage und herkömmliche Kulturbereiche
Umwelt, Naturwissenschaft, Philosophie und Bioethik 11. Mit der Entwicklung des Umweltschutzes zeichnet sich ein neues
Bewußtsein ab. Für die Kirche ist es aber keine Neuheit: Das Licht
des Glaubens erhellt den Sinn der Schöpfung und der Beziehungen des
Menschen zur Natur. Der heilige Franz von Assisi und der heilige
Philipp Neri sind Zeugen und Symbole für die Achtung vor der Natur,
die sich aus dem christlichen Verständnis der geschaffenen Welt
ergibt. Diese Achtung entspringt dem Umstand, daß die Natur nicht
Eigentum des Menschen ist; sie gehört Gott, ihrem Schöpfer, der sie
dem Menschen zur Verwaltung anvertraut hat (vgl. Gen 1,28),
damit er sie achtet und mit ihr seinen berechtigten Unterhalt
bestreitet (vgl. Centesimus annus, Nr. 38-39). Die allgemein verbreiteten wissenschaftlichen Erkenntnisse bewegen
den Menschen oft, seine Stellung im unermeßlichen Kosmos zu
behaupten und vor Entzücken über die eigenen Fähigkeiten und über
das Universum außer sich zu geraten, ohne auch nur im geringsten
daran zu denken, daß Gott ihr Urheber ist. Die Herausforderung für
die Kulturpastoral besteht darin, den Menschen zur Transzendenz zu
führen, ihn zu lehren, wieder den Weg, der von seiner geistigen und
menschlichen Erfahrung ausgeht und zur Erkenntnis des Schöpfers
führt, zu gehen und dabei in Weisheit die guten Errungenschaften der
modernen Wissenschaften im Licht der rechten Vernunft zu gebrauchen.
Auch wenn die Wissenschaft aufgrund ihres Prestiges die
zeitgenössische Kultur durchtränkt, kann sie weder die menschliche
Erfahrung in ihrer Substanz noch die eigentliche Wirklichkeit der
Dinge erfassen. Eine kohärente Kultur, die in der Transzendenz und
der Überlegenheit des Geistes über die Materie gründet, erfordert
Weisheit, damit sich die wissenschaftliche Erkenntnis in einem
Horizont metaphysischer Überlegungen entfaltet. Auf der
Erkenntnisebene sind Glaube und Wissenschaft nicht kongruent, und
deshalb empfiehlt es sich, die Methoden und Prinzipien nicht zu
vermischen, sondern sauber zu trennen, um jenseits der
Sinnzersplitterung durch die abgekapselten Wissensbereiche eine
harmonische Synthese und den einheitlichen Sinn des Gesamten
wiederzufinden, die eine vollkommen menschliche Kultur kennzeichnen.
In unserer zersplitterten Kultur, welche die große Ansammlung von
Wissen, die wunderbaren Entdeckungen der Wissenschaften und die
bemerkenswerten Beiträge der modernen Techniken nur mit Mühe
integrieren kann, setzt die Kulturpastoral zwangsläufig eine
philosophische Reflexion voraus, die sich mit der Organisation und
Strukturierung des gesamten Wissens befaßt und dabei die
Wahrheitsfähigkeit der Vernunft und ihre Regulierungsfunktion in der
Kultur bestätigt. "Da die Bruchstückhaftigkeit des Wissens eine fragmentarische
Annäherung an die Wahrheit mit der sich daraus ergebenden
Sinnzersplitterung mit sich bringt, verhindert sie die innere
Einheit des heutigen Menschen. Sollte sich die Kirche etwa nicht
darüber Sorgen machen? Diese der Weisheit geltende Aufgabe erwächst
den Bischöfen direkt aus dem Evangelium; sie können sich der
Verpflichtung nicht entziehen, dieser Aufgabe nachzukommen" (Fides
et ratio, Nr. 85). 12. Aufgabe qualifizierter Philosophen und Theologen
ist es auch, in der herrschenden Kultur der Technik und Wissenschaft
fachkundig die Herausforderungen und die Ansatzpunkte für die
Verkündigung des Evangeliums auszumachen. Dies macht eine Erneuerung
der philosophischen und theologischen Vorlesungen erforderlich,
insofern eine dem Geschenk des Glaubens vollkommen treue Theologie
Voraussetzung für jeden Dialog und jede Inkulturation ist. Die
Kulturpastoral bedarf ebenso katholischer Wissenschaftler,
die es als Pflicht empfinden, ihren Beitrag zum Leben der Kirche zu
leisten, indem sie ihre persönliche Erfahrung in der Begegnung
zwischen Wissenschaft und Glauben weitergeben. Der Mangel an
theologischer Bildung und wissenschaftlicher Fachkenntnis macht die
Präsenz der Kirche in der aus wissenschaftlichen Forschungen und
deren technischen Anwendungen entstandenen Kultur aleatorisch.
Und deshalb ist die Zeit für den Dialog zwischen Naturwissenschaften
und Glaube besonders günstig.(16)
13. Wissenschaft und Technik haben sich hervorragender Mittel
bedient, um das Wissen, die Fähigkeit und den Wohlstand der Menschen
zu vergrößern. Für einen verantwortungsbewußten Umgang mit
Wissenschaft und Technik ist die ethische Dimension der
wissenschaftlichen Fragen jedoch unumgänglich. Oft stellen die
Wissenschaftler bei der Suche nach der Wahrheit selbst diese Fragen;
sie zeigen die Notwendigkeit eines Dialogs zwischen Wissenschaft
und Ethik. Diese Suche nach der Wahrheit, welche die
Sinneserfahrung übersteigt, bietet neue Möglichkeiten für eine
Kulturpastoral, die auf die Verkündigung des Evangeliums im
wissenschaftlichen Umfeld zielt. Ganz offensichtlich ist die Bioethik - und dies zeigt ihr Umfang -
wegen ihrer kulturellen, sozialen, politischen und rechtlichen
Auswirkungen, denen die Kirche größte Bedeutung beimißt, mehr als
eine wissenschaftliche Disziplin. Die Entwicklung der Gesetzgebung
im Bereich der Bioethik hängt in der Tat von der Wahl der ethischen
Grundsätze ab, auf die sich der Gesetzgeber beruft. Die Grundfrage
ist und bleibt unerbittlich: Wie sollen die Beziehungen zwischen
moralischen Normen und dem bürgerlichen Gesetz in einer
pluralistischen Gesellschaft aussehen? (vgl. Evangelium vitae,
Nr. 18 und 68-74). Wenn man die ethischen Grundfragen einer späteren
Gesetzgebung überläßt, läuft man dann nicht Gefahr, das zum
Gesetz zu erheben, was moralisch inakzeptabel ist? Die Bioethik ist einer jener sensiblen Bereiche, die zur Suche der
Grundlagen der Anthropologie und der Sittlichkeit auffordern. Die
Rolle der Christen ist hierbei unersetzlich. In einem respektvollen
und anspruchsvollen Dialog tragen sie zur Bildung des Gewissens und
des Bürgersinns in der Gesellschaft bei. Diese kulturelle Situation
macht eine gründliche Ausbildung der Priester und Laien, die in
diesem entscheidenden Bereich, der Bioethik, wirken, erforderlich.
Familie und Erziehung 14. "Die Familie als Gemeinschaft von Personen ist daher die erste
menschliche "Gesellschaft". Sie entsteht, wenn der bei der Trauung
geschlossene eheliche Bund sich verwirklicht, der die Eheleute für
eine dauernde Liebes- und Lebensgemeinschaft öffnet und sich im
vollen und eigentlichen Sinn mit der Zeugung von Kindern
vervollständigt: Mit der "Gemeinsamkeit" der Eheleute beginnt diese
grundlegende "Gemeinschaft" der Familie" (Brief an die Familien,
Nr. 7). Als Wiege
des Lebens und der Liebe ist die Familie auch Quelle von Kultur. Sie
nimmt das Leben an, und in dieser Schule der Menschlichkeit lernen
die zukünftigen Eheleute am besten, verantwortliche Eltern zu
werden. Der Wachstumsprozeß, den sie in einer Lebensund
Liebesgemeinschaft gewährleisten, geht in einigen Zivilisationen
über den elterlichen Kern hinaus, um beispielsweise in Afrika in
eine Großfamilie zu münden. Auch wenn materielle, kulturelle und
moralische Armut die Ehe als Institution untergräbt und die
Lebensquellen zu versiegen drohen, ist die Familie dennoch der
bevorzugte Ort zur Personen- und Gesellschaftsbildung. Die Erfahrung
lehrt: Die gesamten Zivilisationen und der Zusammenhalt der Völker
hängt vor allem von der menschlichen Qualität der Familien ab, und
insbesondere von der komplementären Teilhabe beider Elternteile mit
ihren jeweiligen Rollen als Vater und Mutter an der Kinderziehung.
In einer Gesellschaft, in der die Zahl der Familienlosen wächst,
gestalten sich die Erziehung und die Vermittlung einer durch das
Evangelium gestalteten Volkskultur schwieriger. Die schmerzlichen persönlichen Situationen verdienen Verständnis,
Nächstenliebe und Solidarität. Was sich aber als tragisches
Scheitern der Familie erwiesen hat, darf keinesfalls zum neuen
Gesellschafts- und Lebensmodell erhoben werden. Die Meinungsmache
und die familienfeindlichen oder geburtenfeindlichen Politiken sind
ebenfalls Versuche, das Familienverständnis zu verändern und es
seinem Wesen nach zu entleeren. In diesem Kontext eine Lebens- und
Liebesgemeinschaft zu bilden, die die Eheleute untereinander und mit
ihrem Schöpfer verbindet, ist der beste kulturelle Beitrag, den
christliche Familien in der Gesellschaft leisten können. 15. Mehr als in jeder anderen Epoche hat die spezifische Rolle der
Frau in den zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Beziehungen
zu Überlegungen und Initiativen geführt. In vielen zeitgenössischen
Gesellschaften, die von Kinderfeindlichkeit geprägt sind, wird das
Kind als Last empfunden; es beeinträchtigt die Autonomie der Frau
und ihre Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung. Damit wird die
reiche Bedeutung der Mutterschaft sowie der weiblichen
Persönlichkeit verdunkelt. Die grundsätzliche Gleichheit von Mann
und Frau, die nach dem Abbild Gottes geschaffen sind (Gen
1,27), ist in der biblischen Botschaft begründet und wird ungeachtet
der unangenehmen Überraschungen in der Geschichte und der Kultur der
christlichen Nationen gefördert; sie wird durch das jahrhundertealte
Kunsterbe der Kirche veranschaulicht und verlangt von der
Kulturpastoral, daß sie der tiefen Umwandlung des Frauseins in
unserer Zeit Rechnung trägt: "In jüngerer Zeit versuchten einige
Strömungen der Frauenbewegung - in der Absicht, die Emanzipation der
Frau zu fördern -, sie in allem dem Mann anzugleichen. Aber die in
der Schöpfung bekundete göttliche Absicht will zwar die Frau in
Würde und Wert dem Mann gleichstellen, weist aber zugleich ganz klar
ihre Verschiedenheit und Besonderheit auf. Die Identität der Frau
kann nicht darin bestehen, eine Kopie des Mannes zu sein".(17)
Die Besonderheit und Eigentümlichkeit jedes Geschlechts erschließt
sich in der Zusammenarbeit zur gegenseitigen Bereicherung, wobei die
Frauen als erste zum Aufbau einer menschlicheren Gesellschaft
beitragen. 16. "Erste
und wesentliche Aufgabe jeder Kultur"(18)
ist die Erziehung; sie ist seit der christlichen Antike - auf
religiöser und kultureller sowie auf persönlicher und
gesellschaftlicher Ebene - einer der vorzüglichsten Bereiche der
Seelsorge der Kirche. Heute aber ist sie so entscheidend und komplex
wie nie zuvor. Sie unterliegt grundsätzlich der Verantwortung der
Familien, bedarf aber der Hilfe der ganzen Gesellschaft. Die Welt
von morgen hängt von der Erziehung von heute ab, und diese läßt sich
nicht auf eine einfache Wissensvermittlung beschränken. Sie bildet
Personen und bereitet sie auf die Integration in das
Gesellschaftsleben vor. Sie unterstützt ihre psychologische,
intellektuelle, kulturelle, moralische und spirituelle Reifung.
Die Herausforderung, Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in
der Schule und an der Universität das Evangelium zu verkünden,
erfordert ein angemessenes Bildungsprogramm. Die Erziehung in der
Familie, in der Schule oder an der Universität stellt "nicht nur
eine tiefgreifende Beziehung zwischen Erzieher und zu Erziehendem
her, sondern läßt diese beiden an der Wahrheit und an der Liebe
teilhaben, dem Endziel, zu dem jeder Mensch von Gott Vater, Sohn und
Heiligem Geist berufen ist" (Brief an die Familien, Nr. 16).
Sie macht zu Beziehungen fähig, die auf der Wahrung der Rechte und
Pflichten gegründet sind. Sie bereitet auf ein Leben in
Aufnahmebereitschaft und Solidarität vor sowie auf den maßvollen
Umgang mit dem Besitz und den Gütern, um für alle und überall
gerechte Lebensbedingungen zu garantieren. Die Zukunft der
Menschheit geht über die ganzheitliche und solidarische Entwicklung
jeder Person: jedes Menschen und des ganzen Menschen (vgl.
Populorum progressio, Nr. 42). Familie, Schule und Universität
sind - jeweils ihrer Natur entsprechend - aufgerufen, die Kulturen
des dritten Jahrtausends mit dem Sauerteig des Evangeliums zu
durchsäuern.
Kunst und Freizeit 17. In einer vom Primat des Habens, von krampfhaftem Streben nach
sofortiger Befriedigung, von Gewinnsucht und Profitgier geprägten
Kultur stellt man erstaunlicherweise nicht nur ein ständiges,
sondern auch steigendes Interesse für das Schöne fest. Die Formen,
die dieses Interesse annimmt, bringen offenbar das bleibende, ja
sogar stärker werdende Streben nach "etwas anderem" zum Ausdruck,
das die Existenz bezaubert und sie vielleicht sogar öffnet und
transzendiert. Die Kirche hat dies schon von Anfang an intuitiv
erkannt und in Jahrhunderten christlicher Kunst wunderbar
illustriert: Das echte Kunstwerk ist eine potentielle Eingangstür
zur religiösen Erfahrung. Erkennt man die Bedeutung der Kunst für
die Inkulturation des Evangeliums, dann erkennt man, daß der Geist
und das Empfinden des Menschen mit der Wahrheit und Schönheit des
göttlichen Geheimnisses wesensverwandt sind. Die Kirche hat eine
große Achtung vor den Künstlern unabhängig von ihren religiösen
Überzeugungen, weil das Kunstwerk gleichsam das Siegel des
Unsichtbaren trägt - wohl wissend, daß die Kunst wie jedes andere
menschliche Schaffen nicht absolutes Ziel in sich, sondern auf die
menschliche Person hingeordnet ist. Die christlichen Künstler stellen für die Kirche ein
außergewöhnliches Potential dar, um neue Formulierungen auszufeilen
und neue Symbole oder Metaphern zu schaffen, wenn sie jenem
liturgischen Geist entspringen, der mit einer starken kreativen, in
der Tiefe der katholischen Vorstellungswelt seit Jahrhunderten
verwurzelten Kraft ausgestattet ist und die Fähigkeit besitzt, die
Allgegenwart der Gnade zum Ausdruck zu bringen. Auf allen
Kontinenten gibt es Künstler, deren deutliche christliche
Inspiration Gläubige aller Religionen wie auch Ungläubige durch die
Ausstrahlung des Schönen und Wahren anziehen können. Durch
christliche Künstler erreicht das Evangelium als fruchtbare Quelle
der Inspiration zahlreiche Menschen, die mit der Botschaft Christi
noch nie in Berührung gekommen sind. Gleichzeitig zeugt das Kulturerbe der Kirche von einer fruchtbaren
Verschmelzung von Kultur und Glauben. Es stellt ein ständiges Mittel
für die kulturelle und katechetische Unterweisung dar, das die
Glaubenswahrheit mit echter Schönheit verbindet (vgl.
Sacrosanctum Concilium, Nr. 122-127). Diese Kult- und
Kulturgüter der Kirche sind Frucht einer christlichen Gemeinschaft,
die ihren Glauben in Hoffnung und Liebe intensiv gelebt hat und
lebt; sie sind imstande, der menschlichen und christlichen Existenz
auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend Impulse zu geben. 18. Die Welt der Freizeit und des Sports, des Reisens und des
Tourismus stellt neben der Berufswelt unbestritten eine wichtige
Dimension der Kultur dar, in der die Kirche schon lange Zeit präsent
ist. Sie ist daher im Vollsinn einer der Areopage der
Kulturpastoral. Die Arbeitskultur hat tiefgreifende Umwandlungen
erfahren, die nicht ohne Folgen für die Freizeit und die kulturelle
Tätigkeit bleiben. Für die meisten Menschen ist die Arbeit Mittel
zum Erwerb des täglichen Brots (vgl. Laborem exercens, Nr.
1); sie ist aber in gleicher Weise wie die kulturellen
Beschäftigungen auch ein Mittel, um das unaufhörliche und deutliche
Verlangen nach persönlicher Entfaltung zu befriedigen. In einem
Umfeld der Spezialisierung, des technischen und wirtschaftlichen
Fortschritts gehen die neuen Formen der Arbeitsorganisation
gleichwohl oft mit steigender Arbeitslosigkeit in allen
Gesellschaftsschichten einher. Letztere ist nicht nur Ursache von
materiellem Elend, sondern sät in den Kulturen auch Zweifel,
Unzufriedenheit, Erniedrigung, ja sogar Kriminalität. Die prekären
Lebensbedingungen und die unumgängliche Sorge um das
Lebensnotwendige führen oft dazu, daß man die Kultur der Kunst und
der Literatur als etwas Überflüssiges betrachtet, das einer
begünstigten Elite vorbehalten ist. Der Sport ist hingegen praktisch universell geworden und hat
zweifellos im christlichen Kulturverständnis seinen Platz. Er kann
zugleich die Gesundheit des Leibes und zwischenmenschliche
Beziehungen fördern, insofern er Beziehungen schafft und zur Bildung
von Idealen beiträgt. Er kann aber auch durch geschäftliche
Interessen entstellt und zu einem Grund für nationale oder
rassistische Rivalitäten werden, zu Gewaltausschreitungen Anlaß
geben, welche die Spannungen und Widersprüche in der Gesellschaft
aufdecken, und sich so in eine Anti-Kultur verwandeln. Der Sport ist
ebenfalls ein wichtiger Ort für eine moderne Kulturpastoral. Sport
und Freizeit sind eine vielfältige und komplexe Wirklichkeit voller
Symbole und Vermarktungen. Sport und Freizeit schaffen nicht nur
eine Atmosphäre, sondern eine Kultur, eine Verhaltensweise, ein
Bezugssystem. Eine angemessene Pastoral muß darin die wahren
pädagogischen Werte gleichsam als Sprungbrett erkennen, um den
vielfältigen Reichtum der Gottebenbildlichkeit des Menschen zu
feiern und nach dem Beispiel des Apostels Paulus das Heil in Jesus
Christus zu verkünden (vgl. 1 Kor 9,24-27).
Kulturelle Verschiedenheit und religiöse Pluralität 19. Heutzutage übt die Kirche ihre evangelisierende Sendung in einer
Welt aus, die von verschiedenen kulturellen Situationen und
religiösen Horizonten geprägt ist. Der Austausch zwischen den
Kulturen und den Religionen im Weltdorf läuft heute immer schneller
ab, und von diesem Phänomen sind alle Länder und Kontinente
betroffen. Die
Sonderversammlung für Afrika der Bischofssynode hat dies
hervorgehoben. Auf dem afrikanischen Kontinent sind die
herkömmlichen Religionen nach der Begegnung mit dem Christentum und
dem Islam auch weiterhin lebendig und prägen die Kultur und das
Leben der Menschen und Gemeinschaften. "Die Afrikaner haben einen
tiefen Sinn für das Religiöse, einen Sinn für das Heilige, für die
Existenz des Schöpfergottes und einer spirituellen Welt. Die
Realität der Sünde in ihren individuellen und sozialen Formen ist im
Bewußtsein jener Völker sehr gegenwärtig, und empfunden wird auch
das Bedürfnis nach Reinigungs- und Sühneriten" (Ecclesia in
Africa, Nr. 42; vgl. Nr. 30-37). Die von den traditionellen
Kulturen überlieferten Werte wie Familiensinn, Liebe und Achtung vor
dem Leben, Ehrfurcht vor älteren Menschen und Verehrung der
Vorfahren, Solidaritätssinn und Gemeinschaftsleben, Respekt vor dem
Vorgesetzten, feierliche Dimension des Lebens sind feste
Ansatzpunkte für die Inkulturation des Glaubens, durch die das
Evangelium alle Aspekte der Kultur durchdringt und zu ihrer vollen
Entfaltung bringt (vgl. ebd. Nr. 59-62). Die von der
Tradition vorgegebenen, dem Evangelium widersprechenden Haltungen
werden hingegen kraft der Frohbotschaft Christi des Erlösers und der
Seligpreisungen des Evangeliums (Mt 5,1-12) entschieden
bekämpft. 20.
Immense Regionen auf der Welt, vor allem die Länder in Asien mit
antiken Kulturen sind von nichtchristlichen Religionen und
Weisheiten geprägt, wie dem Hinduismus, dem Buddhismus, Taoismus,
Schintoismus, Konfuzianismus. Es lohnt sich, sie aufmerksam zu
betrachten, zumal die Botschaft Christi dort wenig Anklang findet.
Liegt es vielleicht daran, daß das Christentum nur allzu oft als
fremde, nicht hinreichend in den örtlichen Kulturen integrierte,
assimilierte und gelebte Religion wahrgenommen wird? Diese Frage
macht die ganze Bandbreite der Kulturpastoral in diesem speziellen
Kontext deutlich. Die in diesen Kulturen vorhandenen zahlreichen moralischen und
spirituellen, ja sogar mystischen Elemente wie Heiligkeit, Askese,
Keuschheit, Tugend, alles umfassende Liebe, Friedfertigkeit, Gebet,
Kontemplation, Seligkeit in Gott, Anteilnahme sind für den Glauben
an den Gott Jesu Christi offen. Der Papst weist darauf hin, wenn er
schreibt: "Den Christen von heute, vor allem jenen in Indien, fällt
die Aufgabe zu, aus diesem reichen Erbe die Elemente zu entnehmen,
die mit ihrem Glauben vereinbar sind, so daß es zu einer
Bereicherung des christlichen Denkens kommt" (Fides et ratio,
Nr. 72). Als Ausdrucksformen des Menschen auf der Suche nach Gott
offenbaren die fernöstlichen Kulturen in ihrer Vielfalt die
Universalität des menschlichen Geistes und seine spirituelle
Dimension (vgl. Nostra aetate, Nr. 2). In einer Welt, die der
Säkularisierung zum Opfer gefallen ist, bestätigen sie die gelebte
Erfahrung des Göttlichen und die Wichtigkeit der Spiritualität als
lebendiger Kern der Kulturen. Für die Kulturpastoral ist dies eine riesige Herausforderung. Es
geht darum, die Menschen guten Willens, die mit ihrem Verstand die
Wahrheit suchen, zu begleiten. Dabei gilt es, die reichen
kulturellen Traditionen, wie die jahrtausendealte chinesische
Weisheit, zum Ansatzpunkt zu nehmen und ihre Suche nach dem
Göttlichen auf die Offenbarung Gottes zu lenken, der durch die Gnade
des Heiligen Geistes die Menschen Jesus Christus, dem einzigen
Erlöser, einverleibt. 21. Wie die Sonderversammlung für Amerika der Bischofssynode erklärt
hat, leben andere große Regionen in einer von der Botschaft des
Evangeliums zutiefst geprägten Kultur. Gleichzeitig sind sie dem
penetranten Einfluß von Moden, materialistischen und
säkularistischen Denkund Lebensweisen zum Opfer gefallen. Ein
Zeichen hierfür ist, daß sich vor allem die Mittelschicht und
gebildete Menschen von der Religion abgewandt haben. Die Kirche, welche die Würde der menschlichen Person bekräftigt, ist
bemüht, die Wunden des Gesellschaftslebens zu heilen: Gewalt,
soziale Ungerechtigkeit, Mißbräuche, deren Opfer Straßenkinder sind,
Drogenhandel, usw. Vor diesem Hintergrund bekräftigt die Kirche ihre
Vorliebe für die Armen und Randgruppen und fördert auf allen Ebenen
des Gesellschaftslebens eine Kultur der Solidarität: in den
Regierungsstellen, in den öffentlichen Einrichtungen und
Privatorganisationen. Indem sie eine größere Einheit unter den
Menschen, den Gesellschaften und Nationen anstrebt, vereinigt sie
sich mit den Bemühungen der Menschen guten Willens, um eine immer
menschenwürdigere Welt zu errichten. Wenn sie dies tut, trägt sie
"zur Verringerung der negativen Folgen der Globalisierung, das heißt
der Herrschaft der Stärkeren über die Schwächeren, vor allem im
wirtschaftlichen Bereich, und des Wertverlusts der örtlichen
Kulturen zugunsten einer falsch verstandenen Vereinheitlichung" (Ecclesia
in America, Nr. 55) bei. Heutzutage fördert die fortwährende religiöse Unwissenheit
verschiedene Formen von Synkretismus zwischen alten und heute
erloschenen Kulten, neuen religiösen Bewegungen und dem katholischen
Glauben. Die sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und moralischen
Mißstände dienen neuen synkretistischen Ideologien, die in
verschiedenen Ländern verbreitet sind, als Rechtfertigung. Die
Kirche erkennt diese Herausforderungen - insbesondere im Hinblick
auf die Armen - fördert die soziale Gerechtigkeit und evangelisiert
die traditionellen Kulturen, aber auch die neuen, die in den
Metropolen aufkommen.(19)
22. Die islamischen Länder bilden gleichsam ein
Kulturuniversum eigener Gestalt, auch wenn diese in den arabischen
Ländern vielseitiger ist als in den anderen Ländern Afrikas und
Asiens. Der Islam erweist sich als Gesellschaft mit eigener
Gesetzgebung und Überlieferung, die als ganzes eine weite
Gemeinschaft (umma), mit eigener Kultur und eigenem
Zivilisationsprojekt darstellt. Der Islam breitet sich gegenwärtig stark aus, und diese Ausbreitung
hängt vor allem mit den neuen Migrationsbewegungen in Ländern mit
starkem Bevölkerungswachstum zusammen. Die traditionell christlichen
Länder, die, sieht man einmal von Afrika ab, einen nur leichten
Anstieg oder sogar einen Rückgang der Bevölkerung verzeichnen,
nehmen heute oft die vermehrte Präsenz von Moslems wahr und
betrachten dies als soziale, kulturelle, ja sogar religiöse
Herausforderung. Die muslimischen Ausländer begegnen, zumindest in
einigen Ländern, großen soziokulturellen
Integrationsschwierigkeiten. Außerdem führt die Entfernung von der
herkömmlichen Gemeinschaft oft zur Aufgabe bestimmter religiöser
Übungen und zu einer kulturellen Identitätskrise. Dies gilt
allerdings nicht nur für den Islam, sondern auch für die anderen
Religionen. Eine aufrichtige Zusammenarbeit mit Moslimen auf
kultureller Ebene kann zur Aufnahme konstruktiver - wahrhaft
wechselseitiger - Beziehungen in den islamischen Ländern sowie zu
den muslimischen Gemeinschaften in den traditionell christlichen
Ländern führen. Eine derartige Zusammenarbeit dispensiert die
Christen aber nicht davon, vor Gläubigen anderer monotheistischer
Religionen für ihren Glauben an Christus und an die Heilige
Dreifaltigkeit Rechenschaft zu geben. 23. Die säkularisierten Kulturen üben in verschiedenen Teilen
der Welt, die von den zunehmend schnelleren und komplexeren
kulturellen Umwandlungen geprägt sind, einen starken Einfluß aus. In
Ländern mit antiker christlicher Tradition entstanden, ist die
säkularisierte Kultur mit ihren Werten wie Solidarität, freigebige
Hingabe, Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit von Mann und Frau,
Aufgeschlossenheit und Gesprächsbereitschaft, Umweltbewußtsein, noch
immer von eigentlich christlichen Werten geprägt, die im Lauf der
Jahrhunderte die Kultur durchdrungen haben. Ihre Säkularisierung hat
sich positiv in der Zivilisation ausgewirkt und die philosophische
Reflexion gefördert. Auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend
offenbaren die Wahrheits-, die Wert-, die Seins- und die Sinnfrage,
die mit der menschlichen Natur verbunden sind, die Grenzen der
Säkularisierung. Denn trotz allem wird "die geistliche Dimension des
Lebens als Heilmittel gegen Entmenschlichung [noch immer] gesucht.
Dieses sogenannte Phänomen der "Rückkehr zur Religion" ist nicht
ohne Zweideutigkeit, enthält aber auch eine Einladung. [...] Auch
das ist ein Areopag, auf dem das Evangelium zu verkündigen ist" (Redemptoris
Missio, Nr. 38). Wenn die Säkularisierung zum Säkularismus wird (vgl. Evangelii
nuntiandi, Nr. 55), mündet sie in eine schwere kulturelle und
geistige Krise. Ein Zeichen dafür ist, daß die Achtung vor der
menschlichen Person verlorengegangen ist und sich eine Art
anthropologischer Nihilismus breit gemacht hat, der den Menschen auf
seine Triebe und Neigungen verkürzt. Dieser Nihilismus, der eine
ernste Krise um die Wahrheit (vgl. Veritatis splendor,
Nr. 32) heraufbeschwört, "findet eine Art Bestätigung in der
schrecklichen Erfahrung des Bösen, die unser Zeitalter gezeichnet
hat. Der Dramatik dieser Erfahrung gegenüber vermochte der
rationalistische Optimismus, der in der Geschichte den
fortschreitenden Sieg der Vernunft als Quelle von Glück und Freiheit
sah, nicht standzuhalten, so daß eine der ärgsten Bedrohungen am
Ende dieses Jahrhunderts die Versuchung der Verzweiflung ist" (Fides
et ratio, Nr. 91). Mißt man der vom Glauben erleuchteten
Vernunft wieder den ihr gebührenden Stellenwert bei und anerkennt
man Christus als Eckstein des menschlichen Lebens, dann wird die
evangelisierende Kulturpastoral die christliche Identität stärken
und den Menschen und Gemeinschaften helfen, auf allen Wegen dieses
Lebens hin zur Begegnung mit dem Herrn, der kommen wird, und zum
Leben der neuen Welt (Offb 21-22) ihre Lebensgründe
wiederzufinden. Die
Länder, die nach langer Zeit der Unterdrückung durch den
herrschenden atheistischen Marxismus bzw. Leninismus ihre Freiheit
wiedererlangt haben, leiden heute noch unter einer gewaltsamen
"De-Kulturation" des christlichen Glaubens: die menschlichen
Beziehungen wurden künstlich verändert, die Abhängigkeit der
Schöpfung von ihrem Schöpfer geleugnet, die dogmatischen Wahrheiten
der christlichen Offenbarung und ihre Ethik bekämpft. Auf diese
"Dekulturation" folgte eine radikale Infragestellung der
christlichen Grundwerte. Die durch den Säkularismus verursachten und
Ende der sechziger Jahre in Westeuropa verbreiteten
Verkürzungen trugen zur Zerstörung der Kultur in den mittel- und
osteuropäischen Ländern bei. Andere, traditionell demokratische und pluralistische, Länder
erfuhren auf der massiven Grundlage sozialer Zustimmung zur Religion
den Druck von Strömungen aus einer Mischung von Säkularismus und
Formen der Volksreligiosität, die durch die Migrationsströme
eingeführt worden waren. Aus diesem Grund hat die Sonderversammlung
für Amerika der Bischofssynode ein neues missionarisches Bewußtsein
geweckt. Sekten
und neue religiöse Bewegungen (20)
24. Die Gesellschaft, in der eine neue Suche nach Spiritualität -
mehr noch als vielleicht nach Religion - in vielfältigen Formen
zutage tritt, erinnert unweigerlich an einen der Schauplätze der
Verkündigung des Apostels Paulus, an den Areopag in Athen (vgl.
Apg 17,22-31). Die Sehnsucht nach einer spirituellen Dimension,
die außerdem einen Lebenssinn vermittelt, sowie das tiefe Verlangen
nach einem Netz von affektiven und gesellschaftlichen Beziehungen,
das zumindest in einigen Ländern oft wegen der zunehmenden
Instabilität der Familie als Institution zerrissen ist, äußert sich
in einem neuen "Rivival" im Christentum, aber auch in mehr
oder weniger synkretistischen Gebilden, die auf eine bestimmte
umfassende Einheit jenseits der einzelnen Religionen zielen.
Unter der mehrdeutigen Bezeichnung Sekten können zahlreiche, sehr
unterschiedliche Gruppen rangieren: gnostische oder esoterische,
augenscheinlich christliche oder christus- und kirchenfeindliche.
Sie entsprechen oft einer unbefriedigten Sehnsucht, und dies
begründet ihren Erfolg. Zahlreiche unserer Zeitgenossen finden in
ihnen einen Ort der Zugehörigkeit, der Kommunikation, der
Affektivität und Geschwisterlichkeit, ja dem Anschein nach sogar des
Schutzes und der Sicherheit. Dieses Gefühl vermitteln großenteils
auf den ersten Blick einleuchtende Lösungen - wie der "Gospel
of succes" -, de facto aber trügerische Lösungen, welche
die Sekten scheinbar für die komplexesten Fragen liefern,
sowie eine pragmatische Theologie, deren Grundlage oft die
Verherrlichung des von der Gesellschaft so schlecht behandelten
Ichs ist. Die Sekten verbreiten sich oft dank ihrer angeblichen
Antworten auf die Bedürfnisse von Menschen auf der Suche nach
Heilung, Kindern, wirtschaftlichem Erfolg. Das gleiche gilt für
esoterische Religionen, die dank der Unwissenheit und
Leichtgläubigkeit von wenig oder schlecht gebildeten Christen
leichtes Spiel haben. In vielen Ländern gibt es Menschen, die im
Leben Schiffbruch erlitten haben, links liegen gelassen werden und -
vor allem in der Anonymität der städtischen Kultur - die
schmerzliche Erfahrung einer Randexistenz machen. Für eine
Anschauung, die ihnen die verlorene Harmonie zurückgibt und ihnen
das Gefühl einer leiblichen und seelischen Heilung vermittelt, sind
sie bereit, alles zu akzeptieren. Darin zeigt sich die Komplexität
und der transversale Charakter des Sektenphänomens, das sich die
Unzufriedenheit mit dem Leben und die Ablehnung des institutionellen
Charakters der Religion zunutze macht und in verschiedenartigen
religiösen Formen und Äußerungen zutage tritt. Die Verbreitung der Sekten ist aber auch eine Reaktion auf die
Kultur des Säkularismus und eine Folge der gesellschaftlichen und
kulturellen Umwälzungen, bei denen die traditionellen religiösen
Wurzeln verlorengegangen sind. Die Menschen, die in das Netz der
Sekten geraten sind oder in Gefahr stehen, von ihnen angeworben zu
werden, zu erreichen, um ihnen Jesus Christus zu verkündigen, der
sie im Herzen anspricht, ist eine Herausforderung, der sich die
Kirche stellen muß. Von einem Kontinent zum anderen bestätigt sich, daß ein "neues
Zeitalter der Menschheitsgeschichte" angebrochen ist, wie das II.
Vatikanische Konzil bereits festgestellt hat. Diese Erkenntnis macht
eine Kulturpastoral erforderlich, die diese neuen Herausforderungen
bewältigt in der Überzeugung, die Johannes Paul II. zur Gründung des
Päpstlichen Rates für die Kultur bewogen hat: "Daraus ergibt sich
für die Kirche, die dafür die Verantwortung trägt, die Bedeutung
eines gewissenhaften und weitblickenden pastoralen Wirkens im
Hinblick auf die Kultur, insbesondere im Hinblick auf das, was man
als lebende Kultur bezeichnet, also die Gesamtheit der Grundsätze
und Werte, die das Ethos eines Volkes ausmachen" (Schreiben an
Kardinalstaatssekretär Agostino Casaroli zur Gründung des
Päpstlichen Rates für die Kultur, 20. Mai 1982).
III. KONKRETE
VORSCHLÄGE
Vorrangige Ziele der Pastoral 25. Eine inkulturierte Evangelisierung muß von den Kulturen
ausgehen, die das Christentum in zweitausend Jahren geprägt hat, und
von den Ansatzpunkten, die mitten in den neuen Kulturareopagen
erkannt worden sind. Die neuen Herausforderungen, denen sie sich
stellen muß, erfordern eine neue Form der Verkündigung der
christlichen Botschaft, die in der lebendigen Tradition der Kirche
verankert und vom echten Lebenszeugnis der christlichen
Gemeinschaften getragen ist. Es kommt hauptsächlich darauf an, alles
von der Neuheit des Evangeliums her, das in einer neuen und
überzeugenden Weise verkündet wird, zu überdenken. In Hinblick auf
eine dem Evangelium gemäße Vorbereitung besteht das vorrangige Ziel
der Kulturpastoral darin, den Sauerteig des Evangeliums unter die
Kulturen zu mischen, um das Menschen- und Gesellschaftsverständnis,
welche die Kultur prägen, das Verständnis von Mann und Frau, von der
Familie und der Erziehung, von der Schule und der Universität, von
Freiheit und Wahrheit, Arbeit und Freizeit, Wirtschaft und
Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst im Licht der Offenbarung von
innen heraus zu erneuern und zu verwandeln. Um gehört zu werden, genügt es aber nicht, nur zu reden. Solange der
Adressat noch wegen seiner traditionell vom Christentum geprägten
Kultur grundsätzlich mit der Botschaft einverstanden und durch den
ganzen sozio-kulturellen Kontext für sie grundsätzlich vorbereitet
war, konnte er aufnehmen und verstehen, was ihm verkündet wurde. In
der heutigen Kulturvielfalt muß man neben der Verkündigung auch die
Bedingungen ihrer Annahme bedenken. Das Gelingen dieses großen Unternehmens macht eine ständige Prüfung
und Unterscheidung im Licht des im Gebet erflehten Geistes
erforderlich. Um Männer und Frauen aller Kulturen zu erreichen, sind
neben einer angemessenen Vorbereitung und geeigneten Ausbildung auch
einfache pastorale Mittel - Predigt, Katechismus, Volksmission,
Schulen zur Evangelisierung - in Verbindung mit den modernen
Kommunikationsmitteln notwendig. Die Bischofssynoden machen
Priester, Ordensleute und Laien seit dem II. Vatikanischen Konzil
mit zunehmendem Nachdruck darauf aufmerksam. In dieser Hinsicht
besitzen die Bischofskonferenzen in den Bischöflichen
Kommissionen für die Kultur eine vorzügliche Schaltstation. Wo
es noch keine solche Kommission gibt, wäre es wichtig, eine
einzurichten, da sie geeignet ist, die Präsenz der Kirche in den
verschiedenen Bereichen, wo Kultur entsteht, zu fördern und dort
jene vielfältige Kreativität zu wecken, die aus dem Glauben
hervorgeht, ihn zum Ausdruck bringt und trägt. "Um das zu tun,
sollte jede Ortskirche ein Kulturprojekt haben, wie es schon in
diesem oder jenem Land der Fall ist".(21)
Das ist der ganze Gegenstand einer Kulturpastoral, die vielleicht
komplexer ist als eine erste Evangelisierung nichtchristlicher
Kulturen.
Die Religionen und das "Religiöse" 26. In ihrer Sendung, den Menschen aller Kulturen das Evangelium zu
verkünden, begegnet die Kirche, vor allem in Afrika und Asien den
traditionellen Religionen.(22)
Die Ortskirchen sind aufgerufen und ermutigt, die Kulturen und
traditionellen religiösen Übungen ihrer Region zu untersuchen: nicht
um sie abzusegnen, sondern um die Werte, Bräuche und Riten zu
prüfen, die geeignet sind, eine tiefere Verwurzelung des
Christentums in den örtlichen Kulturen zu fördern (vgl. Ad
gentes, Nr. 19 und 22). Die "Rückkehr" oder das "Wiedererwachen" des Religiösen im Westen
erfordert sicherlich eine gründliche Prüfung. Auch wenn es sich
dabei eher um die Rückkehr des religiösen Empfindens als um den
persönlichen Glauben an Gott in der Glaubensgemeinschaft der Kirche
handelt, läßt sich doch nicht bestreiten, daß Männer und Frauen in
steigender Zahl einer Dimension der menschlichen Existenz ihre
Aufmerksamkeit widmen, die sie je nachdem spirituell, religiös oder
sakral bezeichnen. Vor allem unter jungen Menschen und unter Armen
ist ein Phänomen zu beobachten, auf das es sorgfältig zu achten
gilt. Sie kehren bald zu einem Christentum zurück, das sie ein
bißchen enttäuscht hat, wenden sich bald anderen Religionen zu,
geben bald dem Drängen der Sekten oder sogar den Täuschungen des
Okkultismus nach. Überall auf der Welt bieten sich der Kulturpastoral neue
Möglichkeiten und Felder, damit das Evangelium Christi in den Herzen
aufleuchtet. Es gibt zahlreiche Punkte, in denen der christliche
Glaube den herrschenden Kulturen zugänglicher gemacht und
dementsprechend besser zum Ausdruck gebracht werden sollte, um der
steigenden Konkurrenz durch eine verbreitete und reiche Religiosität
gewachsen zu sein. Die Suche des Dialogs und die damit verbundene Notwendigkeit, das
spezifisch Christliche besser zu bestimmen, stellen ein immer
wichtigeres Überlegungs- und Handlungsfeld dar für die Verkündigung
des Glaubens in den Kulturen. Angesichts der Herausforderungen der
Sekten (vgl. Ecclesia in America, Nr. 73) paßt die
Kulturpastoral in dieses Bild, denn die kulturellen Wirkungen, die
sie hervorrufen, sind zuinnerst mit ihrem "spirituellen" Gerede
verbunden. Diese Situation macht eine gründliche Erörterung darüber
erforderlich, wie in unseren Gesellschaften Toleranz und
Religionsfreiheit zu leben sind (vgl. Dignitatis humanae, Nr.
4). Es ist sicherlich notwendig, Priester und Laien besser
auszubilden, um ihnen Sachkenntnis und Urteilsvermögen zu
vermitteln, was die Frage der Sekten und ihren Erfolg angeht. Dabei
darf man aber nicht aus dem Blick verlieren, daß die Qualität des
kirchlichen Lebens das eigentliche Mittel gegen die Sekten ist.
Daher ist eine entsprechende Vorbereitung der Priester notwendig,
damit sie die Herausforderungen der Sekten erkennen und den
Gläubigen beistehen, wenn diese in Gefahr stehen, aus der Kirche
auszutreten und vom Glauben abzufallen.
Gewöhnliche Orte der Glaubenserfahrung, Volksfrömmigkeit,
Pfarrei 27. In
den christlichen Ländern hat sich von Generation zu Generation
allmählich ein bestimmter Modus herausgebildet, den Glauben zu
verstehen und zu leben. Mit der Zeit hat der Glaube schließlich die
Existenz und das Zusammenleben der Menschen geprägt: Ortsfeste,
Familientraditionen, verschiedene Feiern, Wallfahrten, usw. So ist
eine Kultur entstanden, an der alle teilhaben und in die der Glaube
als wesentliches, ja integrierendes Element hineinpaßt. Diese Art
Kultur ist vom Säkularismus offenbar besonders bedroht. Es kommt
darauf an, die echten Bemühungen zur Wiederbelebung dieser
Traditionen zu unterstützen. Diese dürfen nämlich nicht zum
Alleingut von Folkloristen oder Politiken werden, deren Absichten
dem Glauben manchmal fremd sind, wenn sie ihm nicht sogar
widersprechen. Vielmehr sollten sich ihnen auch Verantwortliche der
Pastoral, christliche Gemeinschaften und qualifizierte Theologen
anschließen. Um das
Herz der Menschen zu erreichen, bedarf es für die Verkündigung des
Evangeliums vor jungen Menschen und Erwachsenen sowie für die Feier
des Heils in der Liturgie nicht nur eines eingehenden Wissens und
der Glaubenserfahrung, sondern auch einer gründlichen Kenntnis ihrer
Umwelt und Kultur. Wenn ein Volk seine Kultur, die vom Christentum
geprägt ist, liebt und als Wesenselement seines Lebens betrachtet,
bekennt und lebt es seinen Glauben in dieser Kultur. Bischöfe,
Priester, Ordensleute und Laien müssen ein Gespür für diese Kultur
entwickeln, um sie zu schützen, wenn es notwendig ist, und sie
im Licht der Werte des Evangeliums fördern, besonders wenn es sich
dabei um die Kultur einer Minderheit handelt. Diese Aufmerksamkeit
kann den am meisten Benachteiligten in ihrer großen Verschiedenheit
einen Zugang zum Glauben bieten und in der Kirche zur Verbesserung
der Qualität des christlichen Lebens führen. Tiefgründige Menschen
mit einer gut integrierten Erziehung und Bildung sind lebendige
Zeugen, dank derer viele die christlichen Wurzeln ihrer Kultur
entdecken können. 28. Die Religion ist auch Gedächtnis und Überlieferung, und die
Volksfrömmigkeit ist und bleibt eine der wichtigsten Ausdrucksformen
einer richtigen Inkulturation des Glaubens. In ihr harmonieren
Glaube und Liturgie, Empfinden und Kunst und äußert sich das
Bewußtsein der eigenen Identität in den örtlichen Traditionen. So
"hat Amerika, das im Laufe seiner Geschichte ein Schmelztiegel von
Völkern war und bleibt, im Mestizengesicht der Jungfrau von Tepeyac,
Unserer lieben Frau von Guadelupe, das große Beispiel von vollkommen
inkulturierter Evangelisation erkannt" (Ecclesia in America,
Nr. 11). Die Volksfrömmigkeit zeigt, daß die erneuernde Dynamik der
Botschaft des Evangeliums und die verschiedensten Bestandteile einer
Kultur sich gegenseitig vollkommen durchdrungen haben. Die
Volksfrömmigkeit ist ein vorzüglicher Ort für die Begegnung des
Menschen mit dem lebendigen Christus. Eine ständige pastorale
Prüfung wird darin die echten geistlichen Werte entdecken, um sie zu
ihrer Vollendung in Christus zu führen, "damit diese Religiosität zu
einer ehrlichen Verpflichtung zur Umkehr und zu einer konkreten
Erfahrung von Nächstenliebe führen kann" (ebd., Nr. 16). Die
Volksfrömmigkeit ermöglicht es einem Volk, seinen Glauben, seine
Beziehungen zu Gott und seiner Vorsehung, zu Maria und den Heiligen,
zum Nächsten, zu den Verstorbenen, zur Schöpfung zum Ausdruck zu
bringen und seine Zugehörigkeit zur Kirche zu festigen. Die
Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit zu reinigen und zu
katechisieren, kann in bestimmten Regionen zum entscheidenden
Element für eine tiefgreifende Evangelisierung werden, ein richtiges
Gemeinschaftsbewußtsein im gemeinsamen Glauben aufrechterhalten und
entwickeln, und dies insbesondere durch religiöse Veranstaltungen
des Volkes Gottes wie die großen Feiern an Festtagen (vgl. Lumen
gentium, Nr. 67). Mit diesen bescheidenen Mitteln, die für alle
greifbar sind, bringen die Gläubigen ihren Glauben zum Ausdruck,
stärken sie ihre Hoffnung und bezeigen sie ihre Liebe. In vielen
Ländern prägt ein tiefer Sinn für das Sakrale das gesamte Leben und
den Alltag. Eine angemessene Pastoral versteht es, die sakralen
Orte, Heiligtümer und Wallfahrten, Gebetswachen und Anbetungsstunden
sowie den Sakramentenempfang, die heiligen liturgischen Zeiten und
Gedenktage zu fördern und zur Geltung zu bringen. Bestimmte Diözesen
und Hochschulgemeinden veranstalten - nach dem Beispiel der Juden,
die sich freuten, wenn sie bei der Ankunft in Jerusalem die
Lobgesänge auf den Berg Zion anstimmen konnten - wenigstens einmal
pro Jahr eine Wallfahrt zu einem Heiligtum. Die Volksfrömmigkeit verlangt von Natur aus nach künstlerischen
Ausdrucksformen. Die Verantwortlichen der Pastoral verstehen es, die
Kunst in allen Bereichen zu fördern: Riten, Musik, Gesänge,
dekorative Kunst, usw. und wachen über ihre gute kulturelle und
religiöse Qualität. "Wenn die Pfarrei Kirche mitten unter den Häusern der
Menschen ist" (Christifideles laici, Nr. 27), ist sie eine
der wichtigsten Errungenschaften in der Geschichte des Christentums
und bleibt für die große Mehrheit der Gläubigen der bevorzugte Ort
der alltäglichen Glaubenserfahrung. Eine lebendige Pfarrei, die im
selben Glauben geeint ist und sich zur Feier der Eucharistie
versammelt, gibt Zeugnis vom gelebten Glauben und von der Liebe
Christi und ist Ort einer zutiefst menschlichen religiösen
Erziehung. In vielfältigen Formen, je nach Alter und Fähigkeit der
Gläubigen, bietet die Pfarrei eine konkrete, inkulturierte
Darstellung des bekannten und gefeierten Glaubens der
Glaubensgemeinschaft. Diese erste in der Pfarrei empfangene Bildung
ist entscheidend; sie führt in die Tradition ein und legt die
Grundlagen für einen lebendigen Glauben und ein tiefes sentire
cum ecclesiae. Im komplexen und manchmal gewalttätigen Umfeld der Stadt, erfüllt
die Pfarrei als Ort der christlichen Initiation und der
inkulturierten Evangelisierung eine unersetzliche pastorale
Funktion. Verschiedene Menschengruppen finden dort ihre Einheit in
der festlichen Feier desselben Glaubens und im Apostolat, dessen
Seele die Liturgie ist. Als vielgestaltige Gemeinschaft ist die
Pfarrei - dank religiös und kulturell gut ausgebildeter Priester und
Laien (vgl. Christifideles laici, Nr. 27) - ein bevorzugter
Ort für eine konkrete Kulturpastoral, die auf Zuhören, Dialog,
Unterstützung des Nächsten ausgerichtet ist.
Bildungseinrichtungen 29. "Die Erziehung ist ein bevorzugter Bereich, um die Inkulturation
des Evangeliums zu fördern" (Ecclesia in America, Nr. 71).
Die Erziehung, die das Kind und dann den Jugendlichen zur Reife
führt, beginnt in der Familie, die ihr entscheidender Ort bleibt.
Die gesamte Kulturpastoral und die ganze Evangelisierung stützen
sich letztlich auf die Erziehung und nehmen die Familie als "ersten
Ort der Erziehung der Person" (ebd.) zum Ausgangspunkt.
Die Familie muß sich aber oft mit den verschiedensten
Schwierigkeiten auseinandersetzen und kann deshalb keine
ausreichende Erziehung gewährleisten. Daraus ergibt sich die
zunehmende Bedeutung der Bildungseinrichtungen. In vielen Ländern
leitet die Kirche in Treue gegenüber ihrer zweitausendjährigen
Sendung im Bereich der Erziehung und Lehre viele Einrichtungen:
Kindergärten, Schulen, Internate, Gymnasien, Universitäten,
Forschungszentren. Aufgabe dieser katholischen Einrichtungen ist es,
die Werte des Evangeliums in die Kultur einzubringen. Um dies zu
tun, müssen die Leiter dieser Einrichtungen die Botschaft Christi
studieren und der Lehre der Kirche den Kern ihrer Lehrpläne
entnehmen. Um ihre Sendung richtig erfüllen zu können, bedürfen
diese Institutionen entsprechender Mittel, die oft nur schwerlich
zusammenzubringen sind. Dessen muß man sich bewußt werden, um diese
Herausforderung anzunehmen: Die Kirche ist es sich schuldig, einen
bedeutenden Teil ihrer Mittel für Personal und Lehrmittel
einzusetzen, um die von Christus empfangene Sendung zu erfüllen,
nämlich das Evangelium zu verkünden. Ein Erfordernis bleibt auf
jeden Fall: Es gilt, die Sorge um eine solide menschliche und
christliche Ausbildung mit der Sorge um eine gute Schulausbildung zu
verbinden.(23) Denn eine
Vielzahl von Jugendlichen, welche die Bildungseinrichtungen der
verschiedenen Länder besuchen, kann - oft trotz des guten Willens
und der Fachkenntnis der Lehrer - teilweise dekulturiert sein,
obwohl ihnen eine vollkommene Schulausbildung zuteil wird. Die Universitäten, Internate und katholischen Forschungszentren
haben den Auftrag, den Studenten eine entsprechende Ausbildung zu
vermitteln, die diese zu Recht erwarten. Im Lichte einer globalen
Kulturpastoral sorgen sie sich zudem um eine fruchtbare Begegnung
zwischen dem Evangelium und den verschiedenen Ausdrucksformen der
Kultur. Die genannten Einrichtungen sind so ein vorzüglicher Ort für
eine Verschmelzung von Glaubensleben und Geistesleben und tragen in
eigenständiger und unersetzlicher Weise zu einer echten Ausbildung
in den kulturellen Werten bei. In dieser Hinsicht ist es angemessen
und empfehlenswert, den Fächern Philosophie, Geschichte und
Literatur als wesentlicher Ort der Begegnung zwischen Glauben und
Kultur eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Die Präsenz der Kirche an der Universität und in der universitären
Kultur (24) bedarf konkreter
Initiativen, die geeignet sind, die Präsenz wirksam zu gestalten;
daher sind eine gründliche Prüfung und ständig erneuerte Bemühungen
erforderlich, um eine neue christliche Kultur zu fördern, die von
den hervorragenden Errungenschaften in allen Bereichen des
Universitätslebens zehrt. Für diese menschliche und christliche Formation braucht es gut
ausgebildete Priester, Ordensleute und Laien. Ihre gemeinsame Arbeit
erlaubt es den katholischen Bildungseinrichtungen, auf die
didaktischen Mittel sowie auf die Kulturexperten Einfluß auszuüben,
und fördert in einer richtigen Erziehungs- und Bildungsgemeinschaft
die Verbreitung eines christlichen Beziehungsmodells zwischen
Lehrern und Schülern bzw. zwischen Professoren und Studenten. Die
harmonische Ausbildung der Person ist eines der Hauptziele der
Kulturpastoral. 30.
Die Schule ist per definitionem einer der Orte der
kulturellen Initiation und in bestimmten Ländern und seit
Jahrhunderten einer der bevorzugten Orte für die Vermittlung einer
vom Christentum geprägten Kultur. Während "die religiöse
Unterweisung" in einigen Ländern in der Schule ihren Platz hat, so
gilt dies nicht in gleicher Weise für die Mehrzahl der
säkularisierten Länder. In der einen oder anderen Situation stellt
sich sogar grundsätzlich die Frage der Beziehung zwischen religiöser
Bildung und Katechese. Die Befürchtung, daß die allgemeine Pflicht
zur Teilnahme am Religionsunterricht das Lehrpersonal faktisch
zwingt, nur eine einfache religiöse Bildung zu vermitteln, ist nicht
unbegründet. Wenn nämlich die Zahl derer, die regelmäßig am
Religionsunterricht teilnehmen, abnimmt und die religiöse Bildung
nicht anderweitig gewährleistet ist, besteht kurzfristig die Gefahr,
daß sie bei den meisten jungen Menschen immer weiter zurückgeht.
Daraus ergibt sich die Dringlichkeit, die Beziehung zwischen
religiöser Bildung und Religionsunterricht neu zu erörtern und die
Verbindung zwischen der Notwendigkeit, den Schülern und Schülerinnen
eine genaue und objektive religiöse Information zu bieten, die
manchmal völlig fehlt, und der entscheidenden Bedeutung des
Glaubenszeugnisses in neuer Weise zum Ausdruck zu bringen. Daraus
ergeben sich auch die unentbehrliche Komplementarität von Pfarrei
und Schule und die Notwendigkeit, Lehrer und Lehrerinnen
einzustellen, die imstande sind, aus diesen Einrichtungen Schulen
zur geistigen und kulturellen Reifung zu machen. Dies sind die
Voraussetzungen für den Erfolg dieser vielversprechenden und
anspruchsvollen Pastoral.
Theologische Bildungszentren 31. Darüber hinaus muß man sich aber noch eines anderen Umstands
bewußt werden. Während früher in vielen Ländern allen Kindern aus
christlichen Familien eine angemessene religiöse Bildung zuteil
wurde, so fehlt diese heute einer steigenden Zahl von Jugendlichen
völlig. Einige von ihnen verspüren das Bedürfnis nach einer
wirklichen theologischen Bildung. Diese neue Suche ist aus
wenigstens drei Gründen ermutigend: Erstens, weil viele anderweitig
gebildete Christen im Glauben nur treu sein und Fortschritte
erzielen können, wenn ihre religiöse Bildung das gleiche Niveau
erreicht hat wie ihre profane Bildung. Dies gilt vor allem, was die
Bereiche ihres Berufslebens betrifft; zweitens, weil sie eher
imstande sind, sich in den Dienst der Kirche zu stellen, wenn sie
besser für die Verteidigung des Glaubens gerüstet sind. Und die
Kirche braucht sie in folgenden Bereichen: Liturgie,
Religionsunterricht, Krankendienst, Sakramentenvorbereitung, vor
allem bei der Tauf- und bei der Ehevorbereitung; drittens, weil die
Integration des christlichen Glaubens in den Beruf es ihnen nur
langfristig ermöglicht, ihre Sendung als Laien in der Welt
vollkommen zu erfüllen, wenn die beiden Dimensionen ihres Lebens
richtig verschmolzen sind. Eine gründliche theologische Bildung ist heute immer notwendiger,
denkt man an die neuen Herausforderungen, von religiöser
Gleichgültigkeit bis hin zu agnostizistischem Rationalismus, die es
zu bewältigen gilt. Die gründliche Kenntnis der Glaubensgrundlagen
ist vor allem für eine richtige Evangelisierung unumgänglich. Dieses
intellektuelle, im Gebet verinnerlichte und in der Liturgie
gefeierte Wissen müssen die Gläubigen sich persönlich aneignen und
begreifen, um von der Person Jesu Christi und von seiner
Heilsbotschaft Zeugnis geben zu können. Der zudem von
fundamentalistischen Strömungen geprägte Kontext bedroht die wahre
Volksfrömmigkeit und die Kultur unserer Zeit. Eine angemessene
theologische Bildung ist daher sicherlich das beste Mittel, diese
ernste Gefahr zu bewältigen. Die auf die Evangelisierung der Kultur und die Inkulturation des
Glaubens zielende Pastoral setzt eine zweifache Fachkenntnis voraus:
eine theologische und eine pastorale. Eine theologische Bildung -
anfänglich und fortwährend, allgemein oder so speziell, daß ein
kirchlicher Abschluß erworben werden kann - sollte nach dem Wunsch
des II. Vatikanischen Konzils (vgl. Gaudium et spes, Nr. 7)
dort, wo es noch nicht geschehen ist, in weitem Maße in der Kirche
angeboten werden. Sie ist zweifellos einer der besten Orte der
Verständigung zwischen der heutigen Kultur und dem christlichen
Glauben. Sie bietet dem Glauben daher gute Möglichkeiten, die
heutige Kultur zu durchdringen. Voraussetzung ist allerdings, daß
die empfangene Ausbildung und das Glaubensverständnis, das durch
Studium des Wortes Gottes und der Tradition der Kirche gefestigt
wird, den ganzen Alltag inspirieren.
Katholische Kulturzentren 32. Die katholischen Kulturzentren, die es überall dort gibt, wo
ihre Errichtung möglich war, sind eine entscheidende Hilfe für die
Evangelisierung und Kulturpastoral. In ihrem Umfeld gut integriert,
besteht ihre Aufgabe in der Erörterung der dringlichen und komplexen
Fragen der Evangelisierung der Kultur und der Inkulturation des
Glaubens. Dabei gehen sie nach dem Geist des Völkerapostels (1
Thess 5,21-22) von den Ansatzpunkten aus, die eine offene und
umfassende Diskussion mit allen bieten, die Kultur schaffen und
fördern sowie in diesem Bereich tätig sind. Die katholischen Kulturzentren sind äußerst vielfältig, was ihre
Bezeichnung (Kulturzentrum, Akademie, Universität, Bildungshäuser),
ihre Ausrichtung (theologisch, ökumenisch, naturwissenschaftlich,
pädagogisch, künstlerisch, usw.), die behandelten Themen (kulturelle
Strömungen, Werte, Dialog der Kulturen und Religionen,
Wissenschaften, Kunst, usw.), die entfalteten Tätigkeiten
(Konferenzen, Diskussionen, Kurse, Seminare, Veröffentlichungen,
Bibliotheken, Ausstellungen, usw.) angeht. Selbst der Begriff
"katholisches Kulturzentrum" beinhaltet die Vielfalt und den
Reichtum verschiedener Situationen eines Landes: Es handelt sich
entweder um an kirchliche Strukturen (Pfarrei, Diözese,
Bischofskonferenz, Orden, usw.) gebundene Einrichtungen oder um
private Initiativen von Katholiken in Gemeinschaft mit der Kirche.
Alle Zentren bieten kulturelle Veranstaltungen an in der ständigen
Sorge um die Beziehung zwischen Glauben und Kultur, um die Förderung
der von christlichen Werten inspirierten Kultur, und zwar durch
Dialog, wissenschaftliche Forschung und Ausbildung sowie durch die
Förderung einer vom Glauben an Christus befruchteten, inspirierten,
belebten und bewegten Kultur. "Die katholischen Kulturzentren bieten der Kirche
einzigartige Möglichkeiten für ihre Präsenz und Wirksamkeit auf dem
Gebiet der kulturellen Veränderungen. Sie stellen in der Tat
öffentliche Foren dar, die durch den kreativen Dialog die
weitreichende Verbreitung der christlichen Anschauungen über den
Menschen, die Familie, die Arbeit, die Wirtschaft, die Gesellschaft,
die Politik, über das internationale Leben und über die Umwelt
ermöglichen" (Ecclesia in Africa, Nr. 103). Der Päpstliche Rat für die Kultur hat hauptsächlich auf der
Grundlage der von den Bischofskonferenzen erhaltenen Informationen
eine Liste dieser Zentren veröffentlicht.(25)
Diese erste internationale Dokumentation über die katholischen
Kulturzentren soll die Beziehung und den Austausch fördern und der
Arbeit in der Kulturpastoral dienen, bei der auch von den neuen
Kommunikationsmitteln Gebrauch zu machen ist.
Soziale Kommunikationsmittel und religiöse Information 33. Ein Umstand weckt ganz besonders das Interesse der
Verantwortlichen der Pastoral: Die Kultur wird unter dem Einfluß der
Medien und der Informationstechnik immer globaler. Zwar
standen die Kulturen zu allen Zeiten irgendwie miteinander in
Beziehung. Doch heute sind nicht einmal mehr die nur ganz spärlich
verbreiteten Kulturen isoliert. Sie profitieren von dem steigenden
Austausch, leiden aber auch unter dem Druck einer starken
Uniformation - ein extremes Beispiel hierfür ist die Verbreitung
von Formen des Materialismus, des Individualismus und des
Immoralismus. Gewalt und Sex werden durch Videokassetten, Filme,
Fernsehen und Internet billig verbreitet und drohen auch die
Erzieher mitzureißen. Die sozialen Kommunikationsmittel verbreiten
zudem eine Vielfalt von extrem unterschiedlichen religiösen
Meinungen, alten oder modernen Ursprungs, die sich fortan in
derselben und Zeit und am selben Ort begegnen. Auf der Ebene der sozialen Kommunikation spielen die, wenn auch
kleinen, katholischen Fernseh- und Rundfunkanstalten bei der
Evangelisierung der Kultur und der Inkulturation des Glaubens eine
unbestreitbare Rolle. Sie erreichen Menschen in ihrem gewöhnlichen
Alltag und tragen so wirksam zur Entwicklung ihrer Lebensweisen bei.
Wo es möglich ist, sie einzurichten, ermöglichen die katholischen
Rundfunkanstalten es den Diözesen ohne große Mittel nicht nur, von
den technischen Mitteln der reicheren zu profitieren, sondern sie
regen auch den kulturellen Dialog unter den christlichen
Gemeinschaften an. Das Engagement der Christen, nicht nur in den
religiösen, sondern auch in den staatlichen oder privaten Medien ist
eine Priorität, weil die Kommunikationsmittel sich von Natur aus an
die ganze Gesellschaft wenden und es der Kirche ermöglichen,
Menschen außerhalb ihres Einzugsgebiets zu erreichen. In einigen
Ländern, wo die Medien für religiöse Botschaften offen sind,
veranstalten die Diözesen regelrechte Kampagnen und strahlen
Programme und sogar Werbespots aus, um die für eine wirklich
menschliche Kultur wesentlichen christlichen Werte zu verbreiten.
Außerdem verleihen verschiedene katholische Einrichtungen
Kulturpreise für hervorragende Leistungen im Bereich der Medien.
Gute und ernsthafte Beiträge in den Medien können zur Verbreitung
der Botschaft des Evangeliums beitragen und eine dementsprechend
inspirierte Kultur fördern. Die Tagespresse und regelmäßig erscheinenden Zeitschriften sowie das
Verlagswesen haben nicht nur im Leben der Ortskirche, sondern auch
im Gesellschaftsleben ihren Platz, weil sie oft schon seit
Jahrhunderten von der Vitalität des Glaubens und dem spezifischen
Beitrag von Christen zum kulturellen Leben zeugen. Um diese
beachtliche Chance, Einfluß auszuüben, zu nutzen, bedarf es
Journalisten, Autoren, Verleger mit christlichen Grundsätzen, die
sich im weiten Horizont der Kultur engagieren. In den Ländern, wo es
neben den offiziellen noch traditionelle Sprachen gibt, geben
bestimmte Diözesen eine Zeitschrift oder zumindest einige Artikel in
der traditionellen Sprache heraus, um eine unvergleichlich größere
Zahl von Familien zu erreichen. Die außerordentlichen Möglichkeiten der sozialen
Kommunikationsmittel, die Botschaft des Evangeliums in der ganzen
Welt zu verbreiten und der Kultur eine Seele zu geben, macht die
Ausbildung von katholischen Fachkräften erforderlich: "Für eine
wirksame Neuevangelisierung ist eine eingehende Kenntnis der
aktuellen Kultur notwendig. In ihr haben die sozialen
Kommunikationsmittel einen großen Einfluß" (Ecclesia in America,
Nr. 72). Die Präsenz von Katholiken in den Medien ist um so
wirksamer als die Bischöfe im Laufe ihrer Ausbildung für diese
Kommunikationsmittel sensibel gemacht wurden. Ihr wohlüberlegtes und
verantwortungsbewußtes Engagement ist allein imstande, die Klippen
der Medien zu meistern und die Herausforderungen zu bewältigen.
34. Die Kulturpastoral verlangt die besondere Aufmerksamkeit der
Journalisten von Presse, Fernsehen und Radio. Ihre Fragen sind
manchmal unangenehm und enttäuschend, wenn sie dem Wesen der
Botschaft, die wir vermitteln müssen, nur wenig entsprechen. Diese
verwirrenden Fragen sind aber oft die Fragen der meisten unserer
Zeitgenossen. Um die Kommunikation unter den verschiedenen Instanzen
der Kirche und den Journalisten zu verbessern, aber auch um die
Inhalte, die Begründer und die Methoden der kulturellen und
religiösen Sender besser kennenzulernen, ist es wichtig, einer
ausreichenden Zahl eine angemessene Ausbildung im Umgang mit den
Kommunikationstechniken zu gewähren, angefangen bei den jungen
Menschen in den Seminaren und Ordenshäusern. Viele junge Laien
wenden sich den Medien zu. Aufgabe der Kulturpastoral ist es daher,
sie auf eine aktive Präsenz in den Medien vorzubereiten: im Radio,
Fernsehen, Buch- und Zeitschriftenwesen, das heißt in jenen
Informationsträgern, die den täglichen Bezugspunkt der meisten
unserer Zeitgenossen bilden. Durch offene und achtbare Medien können
gut vorbereitete Christen eine missionarische Rolle auf erster Ebene
spielen. Deshalb ist es wichtig, sie gut auszubilden und zu
unterstützen. Um
Schöpfungen von hohem moralischem, geistigem und künstlerischem
Niveau anzuregen, veranstalten viele Ortskirchen Film- und
Fernsehfestivals und verleihen nach dem Beispiel des katholischen
Filmpreises entsprechende Auszeichnungen. Um die Qualität
der Information durch eine angemessene Ausbildung zu fördern, haben
einige Berufsgenossenschaften und Journalismusgewerkschaften eine
ethische Mediencharta, einen Verhaltenskodex für Journalisten
erstellt oder einen ethischen Medienrat eingerichtet. Andere
haben Arbeitsgemeinschaften von Medienfachleuten gegründet, um
Konferenzen zu ethischen, religiösen, kulturellen Fragen sowie
Einkehrtage zu veranstalten.
Naturwissenschaften, Technik, Bioethik und Ökologie 35. Trotz aller Mißverständnisse haben die Kirche und die ganze
Gesellschaft seit Jahrhunderten von den qualifizierten Arbeiten
versierter Christen in den exakten und in den experimentellen
Wissenschaften profitiert. Nach der Prüfung des Szientismus, dessen
Postulate heute in der Regel abgelehnt werden, muß die Kirche auf
die Beiträge bzw. neuen Fragen und Herausforderungen der
Naturwissenschaften, Technik und neuen Biotechniken achten. Es ist
daher nicht nur wichtig, die laufende Entwicklung der Paradigmen der
Ars Medica zu verfolgen, sondern es gilt auf einem für die
menschliche Person so grundlegenden Gebiet vor allem auch, sich auf
die Arbeiten von anerkannten Fachleuten und verläßliche
Moraltheologen zu stützen. Die Entwicklung einer interdisziplinären
und kohärenten Lehre hilft, ein für den in den letzten Jahrzehnten
begonnenen Dialog zwischen Naturwissenschaft und Glaube günstiges
Terrain zu schaffen. Der Erfolg der Kulturpastoral hängt in dieser
Hinsicht ab von: -
der Ausbildung qualifizierter Berater, die sich nicht nur in Physik,
Chemie und Biologie auskennen, sondern auch in Theologie und
Philosophie, damit sie zu Beiträgen im Internet, im Radio oder im
Fernsehen imstande sind und sich zu Streitfragen und
Auseinandersetzungen, die zwischen dem Glauben und den
Naturwissenschaften bestehen, äußern können: creatio ex nihilo
und creatio continua, Evolution, dynamische Natur der Welt,
Auslegung der Heiligen Schrift und wissenschaftliche Studien,
Stellung und Rolle des Menschen im Kosmos, Beziehung zwischen dem
Ewigkeitsbegriff und der raum-zeitlichen Struktur des physikalischen
Universums, unterschiedliche Erkenntnislehren, usw. - einer Einführung der Seminaristen und ständigen Fort- und
Weiterbildung der Priester, die ihnen hilft, fundiert auf die Fragen
der Gläubigen zu antworten, die ihre Kenntnis von der Lehre der
Kirche vertiefen wollen, um in einem oft fremden, wenn nicht sogar
feindlichen kulturellen Kontext bestehen zu können. - Kommunikationsnetzen unter katholischen Gelehrten, die in höheren
katholischen Bildungseinrichtungen, staatlichen Universitäten,
privaten Einrichtungen und privaten Forschungszentren lehren, sowie
unter wissenschaftlichen Akademien, Fachverbänden und
Bischofskonferenzen. -
der Gründung von Akademien für das Leben oder speziellen
Arbeitsgemeinschaften in diesem Bereich, zu denen anerkannte und
kirchentreue katholische Fachleute gehören. - einer weit verbreiteten katholischen Presse und von katholischen
Veröffentlichungen in Zusammenarbeit mit qualifizierten Fachleuten
auf diesen Gebieten. - katholischen Buchhandlungen, die fachkundig durch die vielen
Sammlungen, Zeitschriften und wissenschaftlichen Veröffentlichungen
führen können. -
Pfarrbibliotheken und Pfarrvideotheken, die in Fragen zur Beziehung
von Naturwissenschaft, Technik und Glauben konsultiert werden
können. - einer
Pastoral, welche die Wissenschaftler zu einem tiefen geistlichen
Leben führt oder sie darin bestärkt.
Kunst und Künstler 36. Die Verknüpfung der Ästhetik mit dem Streben nach dem Gutem und
der Suche nach dem Wahrem ist sicherlich ein vorzügliches Feld der
Kulturpastoral, um das Evangelium unter Berücksichtigung der Zeichen
der Zeit zu verkünden. Die Künstlerpastoral erfordert ein
ästhetisches Gespür sowie eine nicht minder große christliche
Sensibilität. In unserer Kultur, die von einer Flut von oft banalen
und brutalen Bildern, die Fernsehen, Film und Videos täglich zeigen,
geprägt ist, weckt das fruchtbare Bündnis zwischen Evangelium und
Kunst neue Epiphanien der Schönheit, die bei der Betrachtung
Christi, des menschgewordenen Gottessohnes, bei der Meditation
seiner Geheimnisse und ihrer Ausstrahlung im Leben Marias und der
Heiligen (vgl. Johannes Paul II., Brief an die Künstler, 4.
April 1999) entstehen. Auf institutioneller Ebene machen steigende Diversifizierung
und Zersplitterung einen neuen Dialog der Kirche mit den
verschiedenen Kunsteinrichtungen oder Kunstverbänden erforderlich.
Von der Pfarr- bis zur Kategorialseelsorge, von den Diözesen bis zu
den Bischofskonferenzen, von den Seminaren bis zu den
Ausbildungszentren und Universitäten fördert diese Pastoral
Verbände, die geeignet sind, einen konstruktiven Dialog mit
Künstlern und der Welt der Kunst einzufädeln. Für die Ortskirchen,
die manchmal ihnen gegenüber auf Distanz gegangen sind, kann dieser
dank geeigneter Orte der Begegnung neu hergestellte Kontakt nur von
Vorteil sein. Auf kreativer Ebene hat die Erfahrung
gelehrt: Unter politischen Bedingungen, die für die wahre Kultur,
welche die Freiheit voraussetzt, ungünstig waren, hat sich die
Kirche zur Verfechterin und Beschützerin von Kunst und Kultur
gemacht. Viele Künstler haben daher in ihrer Mitte einen
vorzüglichen Ort zur Entfaltung ihrer persönlichen Kreativität
gefunden. Diese Haltung und Rolle der Kirche gegenüber der Kultur
und den Künstlern sind höchst aktuell - vor allem im Bereich der
Architektur, Malerei und Kirchenmusik. Ruft man die Künstler zur
Beteiligung am Leben der Kirche auf, fordert man sie gleichzeitig
zur Erneuerung der christlichen Kunst auf. Eine vertrauensvolle
Beziehung zu den Künstlern, das heißt ihnen zuhören und mit ihnen
zusammenarbeiten, ermöglicht die Aufwertung all dessen, was den
Menschen bildet und seinem Menschsein ein höheres Niveau verleiht,
und zwar durch eine intensive Teilhabe am Geheimnis Gottes, dem
schönsten und höchsten Gut. Um konstruktiv zu sein, darf sich die
Beziehung von Glaube und Kunst nicht auf die Annahme der Kreativität
beschränken. Vorschläge, Konfrontationen und Unterscheidungen sind
notwendig, denn Glaube ist Treue zur Wahrheit. Die Liturgie stellt
in dieser Hinsicht dank ihrer inspirativen Kraft und vielfältigen
Möglichkeiten, die sie den Künstlern in ihrer Unterschiedlichkeit
bietet, um die Weisungen des II. Vatikanischen Konzils zu
verwirklichen, ein außergewöhnliches Umfeld dar. Es ist wichtig,
eine einheimische und zugleich katholische
Ausdrucksform des Glaubens unter Beachtung der liturgischen
Vorschriften anzuregen.(26)
Die Notwendigkeit, neue Kirchen zu bauen und auszustatten, macht
eine eingehende Reflexion über die Kirche als sakraler Ort und
über die Bedeutung der Liturgie erforderlich. Die Künstler sind
aufgerufen, diesen spirituellen Werten Ausdruck zu verleihen. Ihre
Kreativität soll die Entwicklung von Malereien und musikalischen
Kompositionen ermöglichen, die eine größtmögliche Zahl ansprechen,
um ihnen die Transzendenz der Liebe Gottes zu offenbaren und um sie
ins Gebet einzuführen. Das II. Vatikanische Konzil war sich in
diesem Punkt sofort klar, und seine Weisungen sind stets zu
verwirklichen: "Durch angestrengtes Bemühen soll erreicht werden,
daß die Künstler das Bewußtsein haben können, in ihrem Schaffen von
der Kirche anerkannt zu sein, und daß sie im Besitz der ihnen
zustehenden Freiheit leichter zum Kontakt mit der christlichen
Gemeinde kommen. Auch die neuen Formen der Kunst, die gemäß der
Eigenart der verschiedenen Völker und Länder den Menschen unserer
Zeit entsprechen, sollen von der Kirche anerkannt werden. In das
Heiligtum aber sollen sie aufgenommen werden, wenn sie in einer
dafür angepaßten Aussageweise den Erfordernissen der Liturgie
entsprechen und den Geist zu Gott erheben" (Gaudium et spes,
Nr. 62). Auf der
Ebene der Ausbildung: Eine auf die Kunst
und die Künstler zielende Pastoral setzt eine angemessene Ausbildung
voraus,(27) um die Schönheit der
Kunst und die Epiphanie des Geheimnisses zu erfassen. Die
Verantwortlichen einer solchen Einführung in die Kunst in Verbindung
mit der theologischen, liturgischen und spirituellen Ausbildung
sollen Priester und Laien aussuchen, denen sie die Künstlerpastoral
anvertrauen mit der Aufgabe, in der christlichen Gemeinschaft klare
Urteile zu fällen und begründete Beurteilungen über die Botschaft
der zeitgenössischen Kunst abzugeben. Die Handlungsmöglichkeiten in diesem Bereich sind zahlreich und
vielfältig. Verbände, Genossenschaften von Künstlern,
Schriftstellern und Akademikern zeigen, wie wichtig die Rolle von
Menschen mit katholischer Kultur ist, und können einen
konstruktiveren Dialog zwischen Kirche und Kunst fördern.
Verschiedene Formulierungen wie Kulturwoche oder Woche der
christlichen Kultur weisen auf regelmäßige Kulturveranstaltungen
mit spezifisch christlichen Angeboten hin, die für eine
größtmögliche Zahl offen ist. Ein internationales oder nationales
Festival der sakralen Kunst oder ein internationaler oder nationaler
Preis für sakrale Kunst erlaubt es, der Kirchenmusik, dem Film und
dem religiösen Buch eine besondere Bedeutung zu verleihen.
Kulturerbe und religiöser Tourismus 37. Im Kontext der Freizeitgestaltung und der Entwicklung des
religiösen Tourismus erlauben zahlreiche Initiativen es, das
bestehende kulturelle und religiöse Erbe zu erhalten, zu
restaurieren und zur Geltung zu bringen sowie den jüngeren
Generationen den Reichtum der christlichen Kultur zu vermitteln,(28)
die Frucht einer harmonischen Synthese von christlichem Glauben und
Geist der Völker ist. In diesem Sinn scheint es wünschenswert,
einige Zielsetzungen zu fördern und zu ermutigen: - Einführung einer Tourismus- und Freizeitpastoral sowie einer
Kunstkatechese in die gewöhnlichen konkreten Aktivitäten einer
Diözese. - Erstellung
von Wallfahrtswegen in einer Diözese oder Region mit den
Glaubensorten, die das geistliche und kulturelle Erbe bilden, als
Stationen. - Offenere
und einladendere Kirchen unter Betonung von manchmal bescheidenen,
aber bedeutenden Elementen. - Planung einer Pastoral in häufig aufgesuchten Kirchen und
Kapellen, um den Besuchern ihre Botschaft zu vermitteln. Dazu mögen
einfache und klare Broschüren dienen, die mit den zuständigen
Organen ausgearbeitet und veröffentlicht werden sollen. - Errichtung von Organisationen für katholische Touristenführer, die
imstande sind, Touristen einen guten, vom Glaubenszeugnis beseelten
kulturellen Dienst anzubieten. Solche Initiativen können auch zur
Schaffung neuer, wenn auch vielleicht befristeter Arbeitsplätze für
jugendliche oder auch ältere Arbeitslose beitragen. - Ermutigung von internationalen Verbänden wie der Bund der
Kathedralen in Europa (Association des Cathédrales d'Europe).
- Einrichtung und Gestaltung von Museen für sakrale Kunst und
religiöse Anthropologie, die sich bevorzugt um die Qualität der
Ausstellungsstücke sowie die pädagogisch lebendige Präsentation
kümmern und dabei das Interesse für den Glauben und für die
Geschichte verbinden und vermeiden, daß die Museen zu Lagern von
toten Gegenständen werden. - Einrichtung und Vermehrung von Fonds, insbesondere für
Bibliotheken, die auf das profane und christliche Kulturerbe jeder
Region spezialisiert sind und einer größtmöglichen Zahl breite
Kontaktmöglichkeiten mit diesem Erbe bieten. - Einrichtung und Ermutigung von katholischen Buchhandlungen - vor
allem in Pfarreien und an Wallfahrtsorten - mit qualifiziertem
Personal, das imstande ist, nützliche Ratschläge zu erteilen - und
dies trotz aller Schwierigkeiten im Verlagswesen und auf dem
Büchermarkt in vielen Ländern.
Die Jugend 38.
Die Kulturpastoral erreicht die jungen Menschen mit einer Methode,
die die Person in ihrem Innersten berührt, in den verschiedenen
Bereichen der Lehre, Ausbildung, der Freizeit. Wenn die Familie der
wesentliche Ort für die traditio fidei bleibt, so verstehen
es die Pfarreien, Diözesen, katholischen Internate und Universitäten
sowie die verschiedenen kirchlichen Bewegungen, die in den
verschiedenen Lebens- und Lehrbereichen präsent sind, ihrerseits
konkrete Initiativen zu ergreifen. Sie dienen der Förderung von:
- Orten, wo sich junge Menschen gern treffen und Freundschaften
entstehen. Sie bilden ein Umfeld, das den Jugendlichen in seinem
Glauben trägt. - dem
jeweiligen Bildungsniveau angepaßten Vortrags- und Reflexionsreihen
zu aktuellen Themen des christlichen Lebens, die von gemeinsamem
Interesse sind. -
kulturellen oder soziokulturellen Verbänden, offenen Bildungs- und
Freizeitveranstaltungen, wie Gesang, Theater, Filmclub, usw. - Kultursammlungen wie Bücher und Videokassetten, die eine
christliche kulturelle Information und Bildung sowie einen Austausch
mit anderen Jugendlichen oder Gleichaltrigen ermöglichen. - der Vorstellung von nachahmenswerten Modellen, denn es geht
letztlich darum, junge Erwachsene heranzubilden, die ihren Glauben
in ihrem kulturellen Umfeld leben, sei es nun an der Universität
oder in der Forschung, am Arbeitsplatz oder in der Kunst. - Wallfahrtswegen, die einer kleinen Meditationsgruppe oder einer
großen Festversammlung in einer Atmosphäre ansteckender, strahlender
Inbrunst kulturelle Impulse für die gelebte Spiritualität geben.
Alle diese Initiativen fügen sich in eine globale Pastoral ein, mit
der die Kirche "eine neue Form des Dialogs" führt, "die es möglich
macht, die Eigenart der evangelischen Botschaft in die heutigen
Denk- und Anschauungsweisen hineinzutragen. Wir müssen also die
apostolische Kreativität und die prophetische Kraft der ersten
Jünger wiederfinden, um den neuen Kulturen begegnen zu können. Das
Wort Christi muß in seiner ganzen Frische den jungen Generationen
vermittelt werden, deren Haltung für traditionelle Geister manchmal
schwer zu verstehen ist, die aber den geistlichen Werten gegenüber
keineswegs verschlossen sind".(29)
Die Jugend ist die Zukunft der Kirche und der Welt. Die
Jugendseelsorge und die Studentenseelsorge sowie die
Betriebsseelsorge sind Zeichen der Hoffnung auf der Schwelle zum
dritten Jahrtausend.
SCHLUSS Für
eine in der Kraft des Heiligen Geistes
erneuerte Kulturpastoral 39. Die im Zuge des II. Vatikanischen Konzils (Gaudium et Spes,
Nr. 53-62) in einem weiteren Sinn zu verstehende Kultur erweist sich
für die Kirche an der Schwelle zum dritten Jahrtausend als
Grunddimension der Pastoral, und "eine wirkliche Kulturpastoral
[...] ist für die Neuevangelisierung von entscheidender Bedeutung".(30)
Bei ihrem energischen Einsatz für eine Neuevangelisierung, die Geist
und Herz erreicht und alle Kulturen befruchtet, prüfen und
beurteilen die Hirten im Licht des Heiligen Geistes die aufkommenden
Herausforderungen von dem Glauben gegenüber gleichgültigen, ja sogar
feindlichen Kulturen sowie die kulturellen Gegebenheiten, welche die
Ansatzpunkte für die Verkündigung des Evangeliums bilden. "Denn das
Evangelium führt die Kultur zu ihrer Vollkommenheit, und die
wirkliche Kultur ist für das Evangelium aufgeschlossen".(31)
Zahlreiche Begegnungen mit Bischöfen und Gelehrten aus verschiedenen
Bereichen - Wissenschaft, Technik, Pädagogik, Kunst - haben die
Themen einer solchen Pastoral, ihre Voraussetzungen und
Erfordernisse, Hindernisse und Ansatzpunkte, primären Ziele und
vorzüglichen Mittel deutlich gemacht. Die ungeheure Weite dieses
Apostolatsfelds in "dem überaus weitläufigen Areopag der Kultur" (Redemptoris
Missio, Nr. 37), in der Verschiedenheit und Komplexität der
Kulturbereiche macht eine Zusammenarbeit auf allen Ebenen, von der
Pfarrei bis zur Bischofskonferenz, von einer Region bis zu einem
Kontinent erforderlich. Der Päpstliche Rat für die Kultur bemüht
sich seinerseits im Rahmen seiner Sendung,(32)
eine solche Zusammenarbeit zu unterstützen und anregende Gespräche
und geeignete universitäre, geschichtliche, philosophische,
theologische, wissenschaftliche, künstlerische und intellektuelle
Initiativen vor allem auf der Ebene der römischen Dikasterien, der
Bischofskonferenzen, der Internationalen Katholischen Organisationen
sowie der Päpstlichen Akademien (33)
und Katholischen Bildungszentren (34)
zu fördern. "Geht zu
allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie
auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes,
und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe" (Mt
28, 19-20). Auf diesem Weg, den der Herr gewiesen hat, erfolgt die
Kulturpastoral in enger Verbindung mit dem persönlichen und
gemeinschaftlichen Glaubenszeugnis von Christen; sie fügt sich als
vorzügliches Mittel zur Evangelisierung der Kulturen und zur
Inkulturation des Glaubens in die Sendung ein, die Frohbotschaft des
Evangeliums den Menschen aller Zeiten zu verkünden. "Diese hat als
Erfordernis den gesamten geschichtlichen Weg der Kirche geprägt, ist
aber heute besonders wichtig und dringlich. Der Prozeß der Einfügung
der Kirche in die Kulturen der Völker verlangt viel Zeit. [...] Sie
ist also ein tiefgreifender, umfassender und schwieriger Prozeß" (Redemptoris
Missio, Nr. 52). Wer sieht auf der Schwelle zum dritten
Jahrtausend darin nicht das Thema für die Zukunft der Kirche und der
Welt? Die Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi drängt uns,
lebendige Glaubensgemeinschaften zu bilden, die in den verschiedenen
Kulturen integriert sind und Hoffnung bringen, um eine Kultur der
Wahrheit und der Liebe zu fördern, in der jeder seine Berufung als
Kind Gottes verwirklichen, das heißt "Christus in seiner vollendeten
Gestalt darstellen" (Eph 4,13) kann. Auf der Schwelle zum
dritten Jahrtausend nach Christus, dem Sohn Gottes und Sohn Marias,
dessen Botschaft der Liebe und der Wahrheit das wesentliche
Bedürfnis jeder menschlichen Kultur über alle Erwartungen hinaus
erfüllt, ist die Kulturpastoral äußerst dringlich; die Aufgabe ist
gigantisch, die Modalitäten sind vielfältig und die Möglichkeiten
immens. "Der Glaube an Christus schenkt den Kulturen eine neue
Dimension, nämlich die der Hoffnung auf das Reich Gottes. Die
Christen sind dazu berufen, diese Hoffnung auf eine neue Erde und
einen neuen Himmel in das Herz der Kulturen einzupflanzen. [...]
Weit davon entfernt, sie zu gefährden oder zu verarmen, bringt das
Evangelium ihnen ein Mehr an Freude und Schönheit, an Freiheit und
Sinn, an Wahrheit und Güte".(35)
Die Kulturpastoral verfolgt in ihren vielfältigen Ausdrucksformen
letztlich nur ein Ziel: Sie will der ganzen Kirche helfen, ihre
Sendung zu erfüllen, nämlich das Evangelium zu verkünden. Auf der
Schwelle zum dritten Jahrtausend hilft sie kraft des Wortes Gottes,
das "Inspiration des ganzen christlichen Daseins" (Tertio
millennio adveniente, Nr. 36) ist, dem Menschen, das Drama des
atheistischen Humanismus zu überwinden und einen "neuen Humanismus"
(Gaudium et spes, Nr. 55) zu schaffen, der imstande ist,
überall auf der Welt durch das Wunder der Neuheit Christi
verwandelte Kulturen zu schaffen: "Dazu ist das Wort Gottes Mensch
geworden und der Sohn Gottes zum Menschensohn, damit der Mensch das
Wort in sich aufnehme und, an Kindesstatt angenommen, zum Sohn
Gottes werde".(36) Er erneuert
den Menschen nach dem Bild seines Schöpfers (vgl. Kol 3,10)
und damit alle Kulturen durch die schöpferische Kraft seines
Geistes, der in alle Ewigkeit sprudelnden Quelle der Schönheit,
Liebe und Wahrheit, nach dem "neuen Menschen, der nach dem Bild
Gottes geschaffen ist" (Eph 4,24).
Vatikanstadt, Pfingsten, 23. Mai 1999 Paul Kardinal Poupard Präsident Bernard Ardura, O. Praem. Sekretär
(1)
Johannes Paul II., Ansprache vor den Vereinten Nationen zum
50-jährigen Bestehen der Weltorganisation, 5. Oktober 1995, Nr.
9.
(2) Johannes Paul II., Schreiben zur Errichtung
des Päpstlichen Rates für die Kultur, 20. Mai 1982, in: AAS
74 (1982) 683-688.
(3) Johannes Paul II., Ansprache vor dem
Päpstlichen Rat für die Kultur, 15. Januar 1985, Nr. 2.
(4) Päpstliche Bibelkommission, Glaube und
Kultur im Licht der Bibel, 1981.
(5) Internationale Theologenkommission, Glaube
und Inkulturation, 1989.
(6) Puebla: Die Evangelisierung Lateinamerikas
in Gegenwart und Zukunft, Schlußdokument der 3.
Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe 1979, Nr.
385-436 (Hrsg. Deutsche Bischofskonferenz, Stimmen der Weltkirche 8
[1979]); Santo Domingo: Neue Evangelisierung - Förderung des
Menschen - Christliche Kultur, Schlußdokument der 4.
Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe 1992, Nr.
228-286 (Hrsg. Deutsche Bischofskonferenz, Stimmen der Weltkirche 34
[1992]).
(7) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache vor der
UNESCO, 2. Juni 1980, Nr. 12.
(8) Vgl. Indiferentismo y sincretismo. Desafíos
y propuestas pastorales para la Nueva Evangelización de América
Latina, Symposium, San José de Costa Rica, 19.-23. Januar 1992,
Bogotà, Celam, 1992.
(9) Vgl. Santo Domingo: Neue Evangelisierung -
Förderung des Menschen - Christliche Kultur, a.a.O., Nr. 230.
(10) Puebla: Die Evangelisierung Lateinamerikas
in Gegenwart und Zukunft, a.a.O., Nr. 405.
(11) Johannes Paul II., Predigt bei der
heiligen Messe zur Amtsübernahme, 22. Oktober 1978, Nr. 5.
(12) Päpstlicher Rat für die sozialen
Kommunikationsmittel, Pastoralinstruktion Aetatis novae,
1992, Nr. 4.
(13) Päpstlicher Rat für die sozialen
Kommunikationsmittel, Ethik in der Werbung, 22. Februar 1994.
(14) Johannes Paul II., Botschaft zum 31.
Welttag der sozialen Kommunikationsmittel, 24. Januar 1997.
(15) Johannes Paul II., Ansprache vor den
Vereinten Nationen zum 50-jährigen Bestehen der Weltorganisation,
5. Oktober 1995, Nr. 8.
(16) Après Galilée. Science et foi. Nouveau
Dialogue, Paris 1994.
(17) Johannes Paul II., Ansprache bei der
Generalaudienz, 6. Dezember 1995, Nr. 1.
(18) Johannes Paul II., Ansprache vor der
UNESCO, Nr. 11.
(19) Vgl. 4. Lateinamerikanische
Bischofskonferenz, Santo Domingo, a.a.O., Nr. 228-286; Nachsynodales
Apostolisches Schreiben Ecclesia in America, 22. Januar 1999,
Nr. 64.
(20) Vgl. Außerordentliches Kardinalskonsistorium
in Rom (4.-6. April 1991): Die Sekten - Herausforderung an die
Pastoral der Kirche, Vatikan 1986; Sekten und neue religiöse
Bewegungen. Anthologie der Texte der katholischen Kirche
1986-1994, Paris 1996.
(21) Johannes Paul II., Ansprache vor dem
Päpstlichen Rat für die Kultur, 14. März 1997, Nr. 4.
(22) Vgl. zwei Schreiben des Päpstlichen Rates für
den interreligiösen Dialog, Pastoral Attention to African
Traditional Religion, in Bulletin 68 [1988] XXIII2, 102-106;
Pastoral Attention to Traditional Religions, in ebd. 84 [1993]
XXVIII3, 234-240.
(23) Vgl. Kongregation für das katholische
Bildungswesen, Der katholische Laie - Zeuge des Glaubens in der
Schule, 15. Oktober 1982; Johannes Paul II., Nachsynodales
Apostolisches Schreiben Christifideles laici über die
Berufung und Sendung des Laien in der Kirche und in der Welt, Nr.
44.
(24) Vgl. Kongregation für das katholische
Bildungswesen, Päpstlicher Rat für die Laien, Päpstlicher Rat für
die Kultur, Die Präsenz der Kirche an der Universität und in der
universitären Kultur (1994).
(25) Päpstlicher Rat für die Kultur, Centres
Culturels Catholiques, Vatikanstadt 21998; Päpstlicher Rat für
die Kultur - Kommission der Italienischen Bischofskonferenz für
katholische Bildung, Kultur, Schule und Universität, I Centri
Culturali Cattolici. Idea, esperienza, missione. Elenco e indirizzi,
Rom 21998.
(26) Kongregation für den Gottesdienst und die
Sakramentenordnung, Römische Liturgie und Inkulturation, 4.
Instruktion über die richtige Anwendung der Konzilskonstitution über
die Liturgie (1994), Nr. 37-40.
(27) In dieser Hinsicht sind die Vorlesungszyklen
an der Universität hervorzuheben, die der Ausbildung zukünftiger
Verantwortlicher für das kulturelle Erbe der Kirche gewidmet sind.
Solche Vorlesungszyklen gibt es beispielsweise an der Päpstlichen
Universität Gregoriana in Rom, am Institut Catholique in Paris und
an der Katholischen Universität in Lissabon; vgl. Päpstliche
Kommission für die Kulturgüter der Kirche, Rundschreiben über die
Ausbildung in den Kulturgütern in den Seminaren, 15. Oktober
1992.
(28) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache vor der
ersten Vollversammlung der Päpstlichen Kommission für die
Kulturgüter der Kirche (1995).
(29) Johannes Paul II., Ansprache vor dem
Päpstlichen Rat für die Kultur, 18. Januar 1983, Nr. 3.
(30) Johannes Paul II., Ansprache vor dem
Päpstlichen Rat für die Kultur, 14. März 1997, Nr. 4.
(31) Ebd., Nr. 5.
(32) Ebd.: "Ich habe den Päpstlichen Rat
für die Kultur gegründet, um der Kirche dabei zu helfen, den
heilbringenden Auftrag zu leben, wo die Inkulturation des
Evangeliums mit der Evangelisierung der Kulturen Hand in Hand geht".
(33) Papst Johannes Paul II. hat den
Koordinationsrat der Päpstlichen Akademien am 6. November 1995
eingerichtet mit dem Ziel, deren Beitrag zum christlichen Humanismus
an der Schwelle zum neuen Jahrtausend zu fördern. Bei der ersten
öffentlichen Sitzung des Rates am 28. Novembre 1996 unter seinem
Vorsitz hat der Heilige Vater die jährliche Verleihung des Preises
der Päpstlichen Akademien angekündigt. Dieser Preis soll die Talente
und Initiativen zur Förderung des christlichen Humanismus, seine
theologischen, philosophischen und künstlerischen Äußerungen tragen.
Papst Johannes Paul II. hat diesen Preis zum ersten Mal bei der
zweiten öffentlichen Sitzung der Päpstlichen Akademien am 3.
November 1997 verliehen.
(34) Vgl. die Sendung und Aufgaben des Päpstlichen
Rates für die Kultur: Johannes Paul II., Schreiben zur Gründung
des Päpstlichen Rates für die Kultur, 20. Mai 1982 und Motu
proprio Inde a Pontificatus, 25. März 1993.
(35) Johannes Paul II., Ansprache vor dem
Päpstlichen Rat für die Kultur, 14. März 1997, Nr. 5.
(36) Athanasius, De incarnatione, 54,3 (PG,
25,92). |