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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Der erstaunte Wirt

Dienstag, 10. Januar 2017
 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 3, 20. Januar 2017)

 

Warum lehrte Jesus mit einer Vollmacht, die bei den Menschen Staunen und Ergriffenheit hervorrief, während die Schriftgelehrten lediglich Gesetze auferlegen konnten, aber »nie bis zum Herz des Volkes vordrangen«? In der Frühmesse am 10. Januar war die Meditation von Papst Franziskus ganz der Erläuterung des Unterschieds zwischen »realer Autorität« Jesu und »formaler Autorität« der Schriftgelehrten gewidmet.

Eine vielsagende Gegenüberstellung, die zum Nachdenken über eine Gefahr für diejenigen anregt, die berufen sind, »die Wahrheit zu lehren«, nämlich der Versuchung des »Klerikalismus« nachzugeben, anstatt dem Weg der »Nähe zu den Menschen« zu folgen. Der Papst ging von einem Wort aus dem Tagesevangelium (Mk 1,21-28) aus, wo »gesagt wird, dass die Menschen betroffen waren von seiner Lehre«. Warum diese Betroffenheit, dieses Staunen?, fragte Franziskus und antwortete: »Wegen der Art und Weise, wie Jesus lehrte«, denn »er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten«. Diese hätten gelehrt, »aber sie kamen nie bis zum Herz des Volkes« und hätten daher auch keine »Autorität« und Vollmacht gehabt.

Autorität sei ein wiederkehrendes Thema des Evangeliums, so der Papst. Insbesondere gelte das für die Vollmacht Jesu, die »sehr oft in Frage gestellt wird«, gerade von den Schriftgelehrten, den Pharisäern und den Hohenpriestern: »Mit welcher Vollmacht tut er dies? Sagt es uns! Wir haben die Vollmacht!« Der Kern des Problems sei die »Frage der formalen und der realen Vollmacht «. Während Schriftgelehrte und Pharisäer »formale Autorität besaßen«, habe Jesus eine »reale Autorität« gehabt. Aber nicht, weil er ein »Verführer« gewesen sei. Es sei wahr, dass Jesus »eine neue Lehre« gebracht habe, aber genauso wahr sei es, dass »Jesus selbst gesagt hat, dass er das Gesetz bis zum letzten i-Tüpfelchen lehrte«. Das Neue gegenüber den Schriftgelehrten war, dass »Jesus die Wahrheit lehrte, aber mit Vollmacht«.

An diesem Punkt ist es wichtig zu verstehen, »worin sich diese Vollmacht unterscheidet«. Und der Papst versuchte, ihre Eigenschaften zu erläutern. »Die Vollmacht Jesu«, so sagte er, »war in erster Linie eine demütige Vollmacht: Jesus lehrte in Demut«. Seine Dimension sei eine Dimension des »Dienstes« gewesen, weshalb er »das auch seine Jünger lehrte: ›Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein.‹« Jesus habe also »den Menschen gedient und die Dinge so erklärt, dass die Menschen sie gut verstanden: er diente den Menschen.

Seine Haltung war die eines Dieners, und das verlieh ihm die Vollmacht«. Die Schriftgelehrten hingegen »hatten die psychische Einstellung von Fürsten«. Und sie hätten gedacht: »Wir sind die Meister, die Fürsten, und wir belehren euch. Kein Dienst: wir kommandieren, und ihr gehorcht «. Deshalb hätte das Volk, auch wenn es ihnen zuhörte und sie respektierte, »nicht gespürt, dass die Schriftgelehrten Vollmacht über sie besäßen«. Jesus hingegen »gab sich niemals als Fürst aus: er war immer der Diener aller, und das ist es, was ihm Vollmacht verlieh«.

Eine zweite »Haltung, die die Vollmacht Jesu« ausgemacht habe, so fügte der Papst hinzu, sei »die Nähe gewesen«. Das stehe im Evangelium: »Jesus war den Menschen nahe, er war mitten unter den Menschen«, und die Menschen selbst »wollten ihn nicht gehen lassen«. Der Herr »war nicht allergisch gegen die Menschen: er scheute sich nicht davor, die Aussätzigen oder die Kranken zu berühren«. Und diese Nähe zu den Menschen, so betonte Franziskus, »verleiht Vollmacht«.

Der Unterschied zu den Schriftgelehrten und Priestern steche ins Auge: diese »distanzierten sich von den Menschen, im Innersten ihres Herzens verachteten sie die Menschen, das arme, unwissende Volk«, sie hätten es genossen, sich von ihnen abzuheben, »gut gekleidet, in Luxusgewändern auf den Plätzen« umhergehen. Diese Leute, so erläuterte der Papst, »hatten eine klerikale Einstellung: sie lehrten mit klerikaler Autorität«. Jesus dagegen »war den Menschen ganz nah«, und das habe ihm Vollmacht verliehen.

In diesem Zusammenhang erinnerte der Papst an die Nähe zu den Menschen »durch die sich der selige Papst Paul VI. auszeichnete«. Ein Beispiel dafür, so sagte er, lasse sich »in Abschnitt 48 von Evangelii nuntiandi finden«, wo das »Einfühlungsvermögen des Priesters, der den Menschen nahe ist«, gelobt werde: »Da finden wir die Vollmacht dieses Papstes, nämlich in der Nähe.« In Anlehnung an das eigentliche Thema fasste Franziskus die Eigenschaften der Vollmacht Jesu zusammen und erinnerte vor allem daran, dass »der Erste der ist, der dient«. In diesem Zusammenhang erläuterte er, dass Jesus »alles umkehrt, wie ein Eisberg. Vom Eisberg sieht man nur die Spitze; Jesus hingegen kehrt das ins Gegenteil und das Volk ist in diesem Fall oben und er, der herrscht, ist unten und herrscht von unten«.

Zweitens sei da die »Nähe«. Und schließlich gebe es noch einen »dritten Unterschied« im Vergleich zu den Schriftgelehrten: die »Kohärenz«. Jesus, so betonte der Papst, »war kohärent, er lebte das vor, was er lehrte«. In dem, was er dachte, fühlte und tat, herrschte etwas wie Einheit, wie Harmonie.« Etwas, was man bei den Schriftgelehrten und Pharisäern vergeblich suche: »Ihre Persönlichkeit war so gespalten, dass Jesus seinen Jüngern empfahl:  ›Tut, was sie sagen, aber nicht das, was sie tun.‹ Sie predigten das eine und taten selbst das andere.« Jesus definierte sie oft als Heuchler. Und »einer, der sich als Fürst fühlt, der eine klerikale Einstellung hat, der ein Heuchler ist, hat keine Vollmacht. Er mag die Wahrheit sagen, aber ohne Vollmacht.« Und das, so fügte der Papst auch im Hinblick auf unsere Zeit hinzu, »ist die Vollmacht, die das Volk Gottes spürt«. Eine Vollmacht, die erstaune und für sich einnehme.

Um diese Vorstellung verständlich zu machen, erinnerte der Papst am Ende seiner Predigt auch an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, der »für Jesus steht«, und fasste die bekannte Bibelstelle kurz zusammen. »Da liegt dieser zusammengeschlagene und verprügelte Mann, den die Räuber halb tot an der Straße haben liegenlassen«. Und als der Priester vorbeikomme, »macht er einen weiten Bogen um ihn, weil da Blut auf dem Boden ist, und er denke: ›Das Gesetz besagt, dass ich, wenn ich mit dem Blut in Berührung komme, unrein werde… nein, nein, ich gehe besser weg‹«. Als nach ihm der Levit vorbeikomme, denke er vielleicht: »Wenn ich mich hier einmische, dann muss ich morgen vor Gericht erscheinen, als Zeuge auftreten, und morgen habe ich schon viel zu tun, ich muss… nein, nein, nein…« Und er ging weg.

Schließlich komme der Samariter daher, »ein Sünder, aus einem fremden Volk«, der »Mitleid mit diesem Mann hat und all das tut, was wir gehört haben.« Aber in dem Gleichnis, so fügte Franziskus hinzu, »tritt noch ein vierter Charakter auf: der Wirt«, der – und da sei der Zusammenhang mit der gesamten Predigt des Papstes – »sehr erstaunt war; erstaunt nicht so sehr über die Wunden dieses armen Mannes, da er wusste, dass es auf dieser Strecke, auf dieser Straße Räuber gab«, und auch nicht über das Verhalten des Priesters und des Leviten, »denn er kannte sie und wusste, wie sie sich zu verhalten pflegten«. Der Wirt sei »erstaunt über diesen Samariter«, dessen Verhalten er nicht verstand. Vielleicht habe er gedacht: »Aber der muss ja verrückt sein! Aber er ist auch ein Fremder, er ist kein Jude, er ist ein Sünder… Aber das ist ja ein Verrückter, ich versteh das nicht!« »Das«, so schloss der Papst, »ist das Erstaunen «: dasselbe »Erstaunen der Menschen« überJesus, »denn seine Vollmacht war eine demütige Vollmacht, eine Vollmacht des Dienstes, eine Vollmacht, die volksnah und kohärent war«.



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